Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde
 

In der Dämmerstunde



Die Erzählung der französischen Gouvernante von Schwester Rose

Einleitung

Es war ein trüber Tag für mich als ich erfuhr, das Mister Lanfray von Rockleigh, der Gesundheit seiner jüngsten Tochter wegen, von England nach dem Süden Frankreichs reisen wollte. Wer, wie ich, von Ort zu Ort zu reisen genötigt ist, macht wohl viel Bekanntschaften, erwirbt aber dabei wenig Freunde.

Mister Lanfray machte eine Ausnahme von der Regel, dass man Menschen steht und vergisst Ich habe in seinen Briefen an mich Beweise seiner freundlichen Erinnerung. Der letzte derselben erhielt eine Einladung für mich nach dem Süden Frankreichs zu kommen. Es wäre wohl eine angenehme Abwechselung für mich, wenn ich dort hin könnte, allein ich begnüge mich damit, seine Briefe zu lesen und versetze mich dadurch in die glücklicheren kommenden Tage meines Lebens, wo es mir doch vielleicht noch vergönnt sein möchte, dieser Einladung zu folgen.

Meine Einführung in das Haus des Edelmanns versprach keine besonders große Einnahme; ich war gebeten, das Bild der französischen Gouvernante, in Wasserfarben zu malen. Ich dachte, die Gouvernante verlässt gewiss die Familie, und ihre Zöglinge wollen ihr Bild zum Andenken behalten. Allein ich erfuhr, dass die älteste verheiratete Tochter mit ihrem Gemahl nach Indien gehen wollte, und dorthin beabsichtigte sie das Bildnis ihrer besten und teuersten Freundin mitzunehmen.

Die Gouvernante war eine alte Dame, welche Mister Lanfray, nach dem Tode seiner Gattin, aus Frankreich mit in sein Haus gebracht hatte. Die Kinder betrachteten die Dame wie ihre zweite Mutter, seit langen Jahren.

Ich begab mich also nach Rockleigh, oder an den »Platz«, wie die Bewohner rings umher Rockleigh nannten, und fand einen so freundlichen Empfang, als wäre ich ein Familienmitglied gewesen. Meine Ankunft fand Abends statt, aber trotzdem wurde ich doch noch den Töchtern des Hauses vorgestellt. Diese waren nicht nur drei elegante anziehende Frauen, sondern sie waren auch die schönsten Sujets zum Malen, besonders die junge Frau.

Ihr Gemahl fesselte mich nicht gleich, er erschien mir still und schweigsam.

Ich blickte mich nach der Gouvernante »Mademoiselle Clairfait« um, aber sie war nicht anwesend und ich erfuhr, dass sie die Abende gewöhnlich in ihrem eigenen Zimmer zuzubringen pflege.

Bei dem Kaffee suchte ich wieder vergeblich nach dem Original meines Zukunft-Bildes, aber die jungen Damen versicherten: »Mama wird schon erscheinen, denn sie macht besondere Toilette zu der Sitzung für Sie.« Dann kam auch bald die Nachricht, dass Mademoiselle bereit sei.

Niemals sah ich soviel Übereinstimmung des Alters mit der Toilette Mademoiselle war klein und mager. Der Teint weiß, die Haut voller Falten, ihre großen dunklen Augen glänzten jedoch noch mit jugendlichem Feuer. Die Augen überflogen alle Gegenstände mit einer solchen Schnelligkeit, dass man kaum anzunehmen geneigt war, das völlig ergraute Haar sei Eigentum des Kopfes; man hielt die ganze Erscheinung vielmehr für eine junge Dame die sich absichtlich für einen Maskenball kostümiert hatte. Sie trug ein silbergraues, glänzendes Seidenkleid, welches bei jeder Bewegung rauschte. Ihr Kopf, Hals und Brust waren mit einer zarten Spitze geschmückt, die hier und dort höchst malerisch befestigt war. An ihrem rechten Arm trug sie drei kleine Armbänder aus den Haaren ihrer Zöglinge, und an dem linken ein breites goldenes mit einem Miniaturgemälde darauf, in einer Kapsel. Ein dunkelrotes, mit Gold durchwirktes Flortuch war kokett über ihre Schultern geworfen; in der Hand hielt sie einen allerliebsten Fächer aus Federn.

Sie stellte sich mit einem freundlichen Lächeln selbst vor, dabei öffnete sie graziös den Fächer und füllte den Raum mit Wohlgerüchen an. Ich verlor vollständig den Mut, dass ich sie würde getreu malen können. Die schönsten Farben in meiner Schachtel waren nicht warm für das Gemälde, und ich fühlte mich selbst ihr gegenüber, ein ungewaschener, ungebürsteter Repräsentant meiner Kunst.

»Sagt mir, meine Engel,« hob sie in ihrem hübschen gebrochenen Englisch an, »bin ich nicht sehr hübsch eingerahmt? Verstehe ich es nicht, meine sechzig Jahre würdig zu repräsentieren? Was werden die Wilden in Indien zu meinem Bilde sagen, wenn mein Liebhaber das Gemälde präsentiert?«

»Und die Herren? Und die Künstler?«

»Ach! Das wird Sensation erregen!« .

»Finden Sie mich nicht hübsch von der Sohle bis zum Scheitel?«

Dann setzte sie sich in den Sessel und glich vollkommen einer jener Schönen aus Geßner’schen Idyllen.

Die jungen Damen lachten laut auf, und Mademoiselle stimmte lustig mit ein in die allgemeine Fröhlichkeit. Selten hat mich Jemand zum Malen so befriedigt durch Kleidung und Haltung, als jene alte prächtige Dame.

Als ich kaum begonnen hatte, sprang sie wieder von dem Stuhle auf und sagte: »O Himmel, was habe ich vergessen! Ich habe heute noch nicht daran gedacht, meine Engel zu umarmen;« damit ging sie zu den jungen Damen, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste sie schnell auf beide Wangen, viel schneller, als wenn eine englische Gouvernante bloß gesagt hätte: »Guten Morgen, meine Lieben, ich hoffe, Sie haben die Nacht gut geruht?« —

Dann ging sie zurück; aber als ich eben anfangen wollte, sprang sie noch ein Mal aus, ging zum Spiegel und sah, ob auch an ihrer hübschen Toilette nichts in Unordnung geraten sei.

Noch zweimal erhob sie sich, nachdem ich kaum angefangen hatte, zuletzt summte sie eine französische Melodie und spazierte dabei das Zimmer auf und ab.

Ich war mit meiner Weisheit zu Ende, wenn das so fortging, so war ans Malen nicht zu denken. Die jungen Damen schienen zu denken wie ich. — Sie umgaben die alte Dame und baten sie, sich nun ruhig zu verhalten. Sie schien überrascht, dass man sie für unruhig hielt, denn sie streckte ihre Hände aus und sagte: »Aber warum reden Sie mich denn an? Ich bin hier, ich bin bereit, ich bin ganz und gar zu Diensten des geschickten Künstlers? Warum reden Sie mich an?«

Um sie auf andere Gedanken zu bringen« fragte ich sie, ob sie ganz gemalt sein wollte, oder nur als Brustbild?

»Wenn ich Sie für den geübten Maler halten soll, für den man Sie hier empfahl,« sagte sie, »so können Sie doch nicht einen Zoll von meiner ganzen Gestalt fortlassen wollen?« Die Toilette war ihre Leidenschaft! Wenn ich also wollte, dass sie mit meinem Gemälde zufrieden sei, so durfte ich weder ihr Kleid, noch ihre Spitzen, nicht Fächer, Ringe, Juwelen, besonders aber nicht ihre Armbänder fortlassen. Ich war böse auf die Fülle der Arbeit, aber in der besten Absicht, denn ich hatte nur den Wunsch, das Original getreu zu copiren. Dann machte sie mich besonders auf das Miniaturbild aus dem Armbande aufmerksam, und sagte mir, dass dies das Gesicht ihres einzigen und besten Freundes darstelle, ich möge doch dieses schöne, ihr so teure Gesicht, getreu auf ihr eigenes Bild aufnehmen, wenn das möglich wäre.

Ich war etwas unwillig, dass sich meine Arbeit noch vergrößern sollte und dachte, das ist gewiss einer ihrer Liebhaber, der sie in ihrer Jugend täuschte und dann sitzen ließ. — Ich näherte mich ihr, um das Miniaturbild genau zu betrachten, war aber nicht wenig erstaunt, als ich ein sehr sorgfältig ausgeführtes Gemälde erblickte, welches das milde Gesicht einer schönen jungen blonden Frau zeigte, das an Lieblichkeit den Rafael’schen Madonnen glich.

Die alte Dame beobachtete den Eindruck, welchen das Bild aus mich machte und ich sagte: Welch ein schönes unschuldiges Gesicht!« Mademoiselle fuhr mit dem Taschentuch über das Bild und sprach: »Ich habe noch drei Engel, das tröstet mich über den Verlust des vierten, der nicht mehr ist.« Dann befühlte sie das Bildchen sanft und sagte wie zu sich selbst: »Schwester Rosa! Ich möchte das Bild deshalb mit auf meinem Gemälde haben, weil ich es stets trug, seit meiner Jugend, der Schwester Rosa wegen.«

Bei der alten Dame hatte ein so plötzlicher Übergang von Lustigkeit zur Traurigkeit stattgefunden, dass man es bei einer Dame einer andern Nation für theatralisch hätte halten können, aber bei ihr war dies ein ganz natürlicher Übergang Ich kehrte zu meiner Staffelei zurück und fragte mich: »Wer mag Schwester Rosa sein?« Eine Schwester der jungen Damen hier ist sie nicht, das sieht man an jedem Zuge des Gesichts.

Mademoiselle Clairfait saß eine halbe Stunde vollkommen ruhig, mit in einander geschlagenen Händen da, ihre Augen fest auf das Miniaturbild gerichtet. Diesen glücklichen Umstand benutzte ich nun, um die Umrisse des Kopfes zu zeichnen und die der ganzen Figur. Während ich nun recht fleißig im besten Zeichnen war, klopfte eine Dienerin an die Tür und meldete, dass das Frühstück aufgetragen sei.

Mademoiselle sprang auf und sagte: »Wie materiell sind wir doch, der Geist ist dem Magen dienstpflichtig. Meine Seele weilte bei zärtlichen Erinnerungen. Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Frühstück. Kommt, meine Kinder, gehen wir in den Garten!«

Die alte Dame verließ das Zimmer und ihre ehemaligen Zöglinge folgten ihr. Die älteste Schwester blieb etwas zurück und erinnerte mich, dass das Frühstück bereit stehe.

»Sie werden gewiss entsetzt sein,« sagte die junge Dame, »dass Mademoiselle so unruhig ist,« indem sie auf meinen Entwurf blickte; »aber in der letzten halben Stunde verhielt sie sich doch schon etwas ruhiger?«

»Ich glaube, dass das Miniaturbild mit seinen Erinnerungen das Wunder hervorgebracht hat,« antwortete ich lächelnd.

»Ja, so wie man sie an das Bild erinnert, ist sie gleich verändert: sie lässt dann die vergangene Zeit an sich vorübergehen, spricht von Schwester Rosa und von den Ereignissen der französischen Revolution, die sie mit erlebte. Es ist das Alles sehr interessant,« setzte die junge Dame hinzu.

»Schwester Rosa war sicher eine Freundin von Mademoiselle?« fragte ich.

»Ja, eine sehr heißgeliebte Freundin,« erhielt ich zur Antwort. »Mademoiselle Clairfait ist die Tochter eines Seidenhändlers, der einst zu Chalons-sur-Marne etabliert war. Ihr Vater gab einem alten Manne eine Wohnung, der der Schwester Rosa und ihrem Bruder während der Revolutionszeit viel Gutes erzeigt hatte, und dieser Umstand führte die Bekanntschaft zwischen Schwester Rosa und Mademoiselle herbei. Nachdem der Vater unserer guten alten Gouvernante Bankrott gemacht hatte und lange zuvor, ehe wir ihre Zöglinge wurden, lebten Rose, deren Bruder und Mademoiselle zusammen. Damals muss sie alle die interessanten Dinge gehört haben, welche sie mir und meinen Schwestern so oft erzählt hat.«

»Würden Sie vielleicht Mademoiselle dazu bewegen können, mir, während ich male, etwas über das Gemälde oder was mit ihm im Zusammenhang ist, zu erzählen?« fragte ich; »Denn nur so habe ich, wie ich bemerkte, Gelegenheit, das Fräulein zu fesseln.«

»O, das ist das Leichteste, wozu sie sich durch uns bewegen lässt,« sagte die junge Dame, »sie weilt so gern bei ihren Jugenderinnerungen. Ich freue mich, dass Sie auf die Idee gekommen sind. Doch jetzt gestatten Sie mir wohl auch, dass ich Ihnen den Weg zum Frühstückszimmer zeige?«

Die Aufforderung hatte den besten Erfolg. Ich teile auf den nächsten Seiten mit, was ich von Mademoiselle Clairfait vernahm.

Die beiden früheren Erzählungen gab ich mit den Worten des Erzählers wieder; allein bei den Eigentümlichkeiten des Fräuleins und mit Rücksicht auf die verschiedene Zeit, wo mir die Geschichte von Schwester Rosa mitgeteilt wurde, ziehe ich es vor, die Dame nicht selbstredend vorzuführen; ich werde die Geschichte in meiner Weise erzählen, ohne Etwas hinzuzufügen noch abzukürzen, nur will ich das Ganze verständlicher aneinander reihen, um den Leser noch mehr zu interessieren



Kapiteltrenner

Erster Teil

Erstes Kapitel

»Guten Abend, Wilhelm, was gibt es Neues?«

»Ich weiß weiter nichts, als dass Fräulein Rosa sich morgen verheiraten wird!«

»Ich bin in der Lage, diese Neuigkeit gerade so genau zu wissen, wie Sie, mein alter Freund, da ich der Diener des Bräutigams bin, der Morgen eine der beiden Hauptrollen in der Heiratscomödie übernehmen wird. Das war also nichts Neues! Da, schnupfen Sie einmal! Ich fragte nach öffentlichen Neuigkeiten, nicht aber nach denen der beiden Familien, deren Wohl wir zu fördern haben.«

»Ich verstehe Sie nicht, Justin, was Sie mit der Phrase »Wohl zu fördern« meinen? Ich bin nicht der Diener Ihrer Herrschaft, sondern diene allein Herrn Trudaine, der hier mit seiner Schwester, der Braut, lebt. Ihre alte Dame hat zwar die Heirat zwischen ihrem Sohne und meiner jungen Herrin zusammengebracht, aber deshalb interessiere ich mich doch nicht für sie. — Mit den öffentlichen Neuigkeiten befasse ich mich gar nicht, denn ich bin noch ein Bedienter aus der alten Schule, der sich an der Haushaltungs-Politik genügen lässt! Sagt Ihnen das nicht zu, Justin, so bedauere ich es, und wünsche »gute Nacht!«

»Verzeihen Sie, aber ich habe nicht den geringsten Respekt vor der alten Schule, in diesem Sinne, ich interessiere mich für das jetzt so bewegte öffentliche Leben. Sie, mein lieber Wilhelm, werden sich sicher auch bald ändern und zu unserer Fahne schwören! Doch, gute Nacht!«

Dieses Gespräch fand an einem warmen Sommerabende des Jahres 1789 statt. Die beiden Diener die es führten, standen vor der Hintertür eines kleinen Hauses, welches drei Meilen westlich von Rouen, an den Ufern der Seine, stand.

Der eine war ein alter, magerer, mürrisch aussehender Mann; der andere, ein wohlgenährter junger Mann, der in einer reichen Livree steckte. Die Tage der alten Epoche nahten sich schnell ihrem Ende, wie aus der Jahreszahl ersichtlich ist, aber Frau Danville liebte es, ihren Diener noch so gekleidet zu sehen, wie zur Zeit Louis XV.

Nachdem der alte Mann fortgegangen war, betrachtete Justin das kleine Häuschen, vor dem er stand, genauer. Nach den Fenstern zu urteilen, mochte es höchstens sechs bis acht Zimmer enthalten. Anstatt Stellungen und Nebengebäude zu finden, erblickte Justin nur ein Gewächshaus und an diesem war ein langer Raum von Holz gebaut. Eines der Fenster dieses saalartigen Raumes war offen, und Justin sah neugierig hinein und betrachtete mit etwas verächtlichen Blicken die verschiedenen Flaschen, Büchsen, farbige Flüssigkeiten und alle die Gerätschaften, welche in ein Laboratorium gehören; denn ein solches war es.

»Ich kann nicht begreifen, wie sich der Bruder »unser er Braut« hier unter diesen Tiegeln, Töpfen, Flaschen und Säften gefallen kann!« sagte Justin kopfschüttelnd. »Pfui!« setzte er hinzu, »ich rieche den Inhalt dieses Zimmers bis hier draußen heraus. Ich wünschte, »wir« wären nicht mit einem Apotheker verwandt geworden!«

Mit diesen Worten kehrte Justin dem Laboratorium verächtlich den Rücken und schlenderte zu dem Garten hinaus und einen Weg, der zu einer Anhöhe führte, weiter.

Oben angelangt, breitete sich die Seine mit ihren lieblichen grünen Inseln, die Ufer mit Bäumen und Häuschen besetzt, und kleine Boote, die auf der Seine schaukelten, vor seinen Blicken aus. Westlich von ihm waren alle Gegenstände mit dem Lichte der untergehenden Sonne bemalt, östlich lagerten sich lange Schatten, und er konnte die Türme und Häuser der Stadt Rouen von weitem sehen. Allein der schöne Sommerabend mit aller seiner Pracht, übte keinen Eindruck auf Justin aus; denn er stand da und hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt und gähnte fort und fort. Endlich gewahrte er, dicht an dem Ufer der Seine, eine Bank, auf welcher eine ältere, eine jüngere Dame und ein Herr saßen, die den Sonnenuntergang zu betrachten schienen; nahe der Bank standen noch zwei andere Herren. Alle blickten dem scheidenden Tagesgestirn nach. Sie konnten Justin nicht bemerken, denn dieser stand weit hinter ihnen.

»Da sind sie wirklich noch Alle zusammen!« sagte der Diener unzufrieden. »Madame Danville sitzt noch an derselben Stelle, mein Herr, der Bräutigam, pflichtschuldig an ihrer Seite. Fräulein Rosa, die Braut, verschämt neben ihm, Herr Trudaine, der Apotheker, und Herr Lomaque, der wunderliche Verwalter, stehen daneben. Da sitzen sie nun und verbringen ihre Zeit mit Nichtstun!« Dann blickte er nach rechts und links, als wollte er Etwas erspähen, was die Aufmerksamkeit der Herrschaften wohl fesseln mochte, und setzte dann hinzu: »Hier gibt es doch wirklich rein Nichts zu sehen!«

Justin gähnte noch wiederholt und ging dann unbefriedigt nach dem Garten zurück, wo er auch bald seine Schlafstätte aufsuchte.

Hätte sich der Diener den fünf Personen genähert, oder hätte er sich die Mühe gegeben, sie mehr zu beobachten, so würde er bald bemerkt haben, dass sie nicht so unbefangen da saßen und standen, wie er anzunehmen geneigt war. Es schien sich ein drückendes Etwas über sie gelagert zu haben, welches sich in ihren Worten und Mienen ausdrückte.

Madame Danville, eine hübsche, reich gekleidete, alte Dame mit glänzenden Augen, sah nur so lange zufrieden aus, wie ihre Augen auf ihrem Sohne ruhten, wenn sie sich jedoch zur Braut wandte, so sah ihr Gesicht weniger freundlich aus, sprach sie aber zu dem Bruder der Braut, so wurde sie entschieden düster. Ihr Sohn schien ganz in Glück aufzugehen wenn er mit seiner Braut sprach; allein deren Bruder schien auf ihn denselben Eindruck zu machen, den seine Mutter empfand. Herr Lomaque, der Gutsverwalter, schien in seiner Ergebenheit für die Familie Danville, den Bruder der Braut fast gar nicht zu beachten, und sprach er ja einmal zu ihm, so sah er ihn nicht etwa an, sondern stach dabei mit seinem Stock in das Gras und blickte auf die Wirkungen der scharfen Spitze desselben.

Die Braut war ein hübsches, unschuldiges Wesen mit kindlichen Manieren. Sie sah fast traurig aus und zitterte ein Wenig, wenn ihr Bräutigam ihre Hand ergriff; ängstlich und oft streiften ihre Augen über das Gesicht ihres Bruders. Trotz des Zwanges der Alle ergriffen zu haben schien, bemerkte man doch nicht, wodurch derselbe eigentlich hervorgerufen war.

Louis Trudaine war ein sehr hübscher junger Mann, sein Gesichtsausdruck war ein sehr freundlicher, sein Wesen anziehend aber auch entschlossen. Gewöhnlich sprach er nur wenn er dazu aufgefordert wurde oder wenn er zu antworten hatte. Seine Stimme zeugte von großer Schwermut, und wenn er seine Schwester betrachtete, so lagerte sich tiefe Traurigkeit über sein hübsches Gesicht.

Die Sonne sank tiefer und tiefer, und die Unterhaltung dieser fünf Personen schien mit der Sonne aufhören zu wollen. — Nach längerem Schweigen war es der Bräutigam, der wieder zu sprechen begann:

»Meine liebe Rosa,« sagte er, »sieh’, ich halte diesen prächtig schönen Sonnenuntergang für ein gutes Omen zu unserer Hochzeit; wir werden morgen gutes Wetter haben!«

Die Braut lächelte und errötete

»Glaubst Du in der Tat an Vorbedeutungen, Charles?« fragte sie.

»Meine Liebe,« sagte die alte Dame, bevor noch ihr Sohn Zeit zum Antworten fand, »es ist dabei nichts zu lachen, wenn Charles an Vorbedeutungen glaubt. Du wirst das von ihm selbst hören, wenn Du erst seine Frau sein wirst, und wenn ihr mit einander vertraulicher plaudern werdet. Alles was er ausspricht, ist so wohl begründet, dass ich auch sofort sogar an Vorbedeutungen glauben würde, wenn er den Ausspruch tun würde, dass man daran glauben darf.«

»Ich bitte um Verzeihung, Madame,« sagte Rose, »ich meinte nur —«

»Mein liebes Kind, kennst Du mich so wenig, dass Du annimmst, ich sei beleidigt?«

»Lass Rosa sprechen!« sagte der junge Mann und wandte sich mit diesen Worten zu seiner Mutter, wie ein schmollendes Kind. Die Mutter hatte ihren Sohn bis dahin sehr zärtlich betrachtet, aber jetzt kehrte sie sich unzufrieden ab, zögerte einen Augenblick und flüsterte ihm dann zu: »Tadelst Du mich, dass ich möchte, Du sollst ihr noch werter werden?«

Der Sohn schien aber wenig Notiz von ihren Worten zu nehmen und wiederholte nur: »Lass Rosa sprechen!«

»Ich habe wirklich nichts zu sagen!« entgegnete das junge Mädchen verwirrt.

»O ja, Du wolltest sprechen!«

Während ihr Bräutigam die letzten Worte aussprach, klang feine Stimme so schneidend, dass seine Mutter leise seinen Arm berührte und flüsterte: »Still!«

Die beiden andern Herren sahen unwillkürlich die Braut an, als ihr Bräutigam in diesem Tone sprach. Sie schien erschrocken, aber nicht erzürnt zu sein. Über die Lippen des Verwalters glitt ein seltsames Lächeln, und er bohrte abermals ein großes Loch mit seinem spitzen Stock in die Erde.

Trudaine, der Bruder der Braut seufzte und ging dabei einige Schritte auf und ab, dann schien er sprechen zu wollen; aber Danville unterbrach ihn.

»Verzeihe, meine liebe Rosa,« sagte er, »ich bin so eifersüchtig auf jede Aufmerksamkeit, die auf Dich gerichtet ist, dass ich oft um Kleinigkeiten erzürnt erscheine.«

Dabei küsste er ihre Hand mit großer Zärtlichkeit, aber in seinen Augen lag doch Etwas, was mit seinen Worten in direktem Widerspruch stand. Diese Gegensätze bemerkte jedoch nur Lomaque, der mit einem besonderen Lächeln den Stock noch tiefer in die Erde grub.

»Ich glaube, Herr Trudaine wollte sprechen,« sagte Frau Danville, »vielleicht teilt er uns jetzt mit, was er vorhin sagen wollte.«

»Nein, Madame,« entgegnete Trudaine höflich. »Ich wollte weiter nichts sagen, als dass ich es war, der Rosa gelehrt hat, über Leute zu lachen, die an Vorbedeutungen glauben.«

»Sie verlachen den Aberglauben?« fragte Danville und kehrte sich nach Trudaine um, »Sie, welcher den Kultus der Chemie ausübt? Sie, der Sie sich ein Laboratorium erbaut, um nach dem Wasser des Lebens zu suchen? Auf mein Ehrenwort, Sie setzen mich durch Ihre Ungläubigkeit in Erstaunen!«

Es lag eine höfliche Ironie in Danville’s Worten.

Der Verwalter wie seine Mutter schienen ihn unterbrechen zu wollen. Die Mutter bat leise: »Sei vorsichtig!« Und der Verwalter ließ plötzlich die Grube im Stich, die er mit seinem Stocke gemacht hatte.

Rosa hatte nichts von dem Allen bemerkt, sie blickte nach ihrem Bruder und schien auf seine Antwort gespannt zu sein. Er nickte ihr freundlich zu, bevor er sich zu Herrn Danville wandte.

»Sie haben gewiss keine richtigen Ideen von der Chemie?« fragte er, »haben wenig Gelegenheit gehabt, die geheimen Künste, wie Sie sie bezeichnen, näher kennen zu lernen. Es gibt kein anderes Lebens-Elexir, als ein gesundes Herz und ein zufriedener Geist. Beides habe ich bereits seit Jahren gefunden, und zwar seitdem ich mit meiner Schwester Rosa in jenes kleine Häuschen dort unten einzog.«

Er sprach mit einer so traurigen Stimme, die seine Schwester sehr wohl verstand. — Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie ging zu ihrem Bruder, ergriff seine Hand und sagte: »Louis, Du sprichst ja, als solltest Du Deine Schwester verlieren?« dann hielt sie plötzlich ein, denn ihre Lippen fingen an zu zittern. —

»Er ist eifersüchtiger denn je, dass Du ihm die Schwester nimmst,« sagte Frau Danville leise zu ihrem Sohne.

»Sei still und tue, als ob Du es nicht bemerkst,« setzte sie hinzu, als sie sah, dass er aufstand und Trudaine mit unverhehltem Ärger ins Gesicht blickte. Bevor er zu Trudaine ein Wort sagen konnte, kam der alte Wilhelm und meldete, dass der Kaffee bereitet sei. — Madame Danville nahm den Arm ihres Sohnes, der Rosa den andern freundlich bot, diese sagte: »Ich bin erstaunt darüber, Charles, wie Dein Arm zittert und Dein Gesicht glüht?« — Er lächelte und antwortete: »Rosa, kannst Du nicht erraten warum? — Ich denke an morgen!«

Gerade als er diese Worte aussprach, ging er bei dem Verwalter vorüber, der seinen Stock noch immer als Erdbohrer gebrauchte und der wieder eigentümlich lachte, als er Danville’s Worte vernahm.

»Wollen Sie nicht auch mit uns gehen und Kaffee trinken?« fragte Trudaine den Verwalter, indem er dessen Arm berührte.

Herr Lomaque blickte empor, ließ seinen Stock in der Erde und sagte: »Tausend Dank, mein Herr! Ist es erlaubt, mit zu gehen?«

»Sie denken wohl wie ich? Die Schönheit des Abends ladet Vielmehr ein, hier draußen zu bleiben.«

»Ja, die Schönheiten der Natur entzücken mich auch,« sagte Lomaque und legte dabei die linke Hand auf die Brust, während die rechte wieder den Stock zu drehen begann und ihn aus dem Grase zog. — Aber Lomaque hatte sich, trotz seiner Beteuerung, gerade so wenig um die schöne Abendlandschaft bekümmert, wie Justin. —

Sie setzten sich beide auf die leer gewordene Bank und dann folgte eine Pause in der Unterhaltung. Der stets den Untergebenen spielende Verwalter war viel zu artig und demütig, um ein Gespräch zu beginnen. Trudaine dagegen war mit seinen eigenen Gedanken vollkommen beschäftigt. Allein für lange Zeit konnte man doch nicht so stumm neben einander sitzen, und so sagte denn Trudaine endlich: »Ich bedauere recht, dass wir nicht mehr Gelegenheit haben werden, die hier begonnene Bekanntschaft fortzusetzen.«

»Ja,« erwiderte Lomaque, »und ich bin Madame Danville sehr verbunden, dass sie mich von ihres Sohnes Landsitz, bei Lyon, hier her mitnahm und mir dadurch die Ehre bereitete, mich hier eingeführt zu sehen.«

Lomaque’s Augen zwinkerten freundlich bei dieser höflichen Phrase. Seine Feinde behaupteten zwar, dass er stets mit den Augen zwinkere, wenn er am unaufrichtigsten sei.

»Ich war erfreut, als ich heute hörte, wie Sie bei dem Mittagsessen den Namen meines Vaters nannten, kannten Sie ihn vielleicht?« fragte Trudaine.

»Ich bin Ihrem Herrn Vater, indirekt, sehr verpflichtet,« antwortete der Gutsverwalter, »für meine gegenwärtige Stellung. Ich war einst in der Lage, Fürsprache zu gebrauchen, als ich am Rande zu Armut und Untergang stand, diese Fürsprache hat Ihr Vater für mich getan — Dann bin ich meinen eigenen Weg gegangen, bis ich endlich das Glück hatte, bei Herrn Danville als Verwalter angestellt zu werden.«

»Entschuldigen Sie,« fragte Trudaine, »mich wundert, dass Sie Ihre gegenwärtige Lage so ehrenvoll finden; mich dünkt, Ihr Herr Vater war ein Kaufmann, wie der des Herrn Danville, nur mit dem Unterschiede, dass der Ihrige zu Grunde ging, während der andere sich Reichtümer erwarb?«

»So ist es! Aber haben Sie denn nie gehört, dass Madame Danville von einer sehr hohen Familie abstammt?« fragte Lamaque ängstlich. »Hat Sie es Ihnen denn niemals erzählt, dass sie den Titel ihm Familie, der in der männlichen Linie erloschen ist, auf ihren Sohn übertragen möchte?«

»Ja,« antwortete Trudaine, »aber ich lege auf solche Dinge keinen Wert, darum vergaß ich es auch fast. Sie leben schon seit vielen Jahren in den Diensten Danville’s; bitte, sagen Sie mir doch, haben Sie einen gütigen Herrn an ihm?«

Lomaque’s Lippen schlossen sich mit einem Male so fest, als wenn er die Absicht habe, sie nie mehr zu öffnen. Er bückte sich tief nach vorn über, — «

Trudaine wartete, aber Lomaque bückte sich noch tiefer mit dem Gesicht, als suche er Etwas, dann sah er seinen Gastfreund an und zwinkerte wieder heftig mit den Augen, danach sagte er: »Es scheint, Sie haben ein ganz besonderes Interesse dabei, diese Frage aufrichtig beantwortet zu haben?«

»Gewiss,« entgegnete Trudaine, »das heiligste Interesse, denn es betrifft ja auch das zukünftige Glück meiner Schwester, ob Herr Danville ein guter freundlicher Mensch ist. Ich muss gestehen, als ich hörte, dass die Bewerbungen Danville’s von meiner Schwester gern entgegengenommen wurden, wagte ich es nicht, viel dagegen zu sprechen, obgleich mein Herz nicht ganz für Danville war; ja, ich war sogar recht ängstlich besorgt für ihre Zukunft.«

Lomaque hatte bisher sehr aufmerksam zugehört, dann aber schlug er seine Hände zusammen und sagte: »Sie waren ängstlich? Ängstlich, dass ein außerordentlich hübscher und gebildeter junger Mann von Ihrem Fräulein Schwester geliebt wird? Ängstlich, dass ein solcher Tänzer, Sänger, kurz, ein so mit allen Vorzügen des gesellschaftlichen Lebens ausgestatteter feiner Salonheld das Herz Ihres Schwesterchens eroberte? O Herr Trudaine, verehrter Herr Trudaine, wie können Sie dabei nur einen Augenblick ängstlich sein?«

Mit diesen Worten figurierte Lomaque so stark mit seinen Händen, als erwarte er, das ganze Universum sollte ihm für sein Lob Beifall spenden.

»Nun,« entgegnete Trudaine, »so wünsche ich nur, dass meine arme Rosa sich nicht getäuscht haben mag! Ich will mich gern geirrt haben und will die Bemerkungen, welche ich machte, zu vergessen suchen.«

»Ach,« sagte Lomaque, »ein junger Mann, der, wie Danville, reich und verwöhnt ist von Jugend auf, der hat wohl zuweilen Launen, das ist ganz richtig!«

»Ich bin es mir selbst nicht recht bewusst,« sagte Trudaine, »aber ich habe seit dem Anfange der Bekanntschaft Ihres Herren mit meiner Schwester stets einen seltsamen Eindruck empfunden, wenn ich mit ihm zusammen war. Es war mir, als seien seine Gefühle für meine Schwester nicht aufrichtig, und heute, am Vorabende der Hochzeit, ergreift mich dieses Gefühl mehr denn je. Lange geheime Zweifel, Leiden und Verdacht entringen mir fest unwillkürlich dies Geständnis Sie, Herr Lomaque, haben lange Zeit mit dem zukünftigen Gemahl meiner Schwester unter einem Dach gelebt, Sie haben Gelegenheit gehabt, ihn in bewachten und unbewachten Stunden zu beobachten, ich bitte Sie flehentlich, sagen Sie mir, dass ich mich in Ihrem Herren getäuscht habe, sagen Sie mir, wenn Sie es können, dass meine Schwester durch ihre Heirat mit diesem Manne, soweit voraussichtlich, glücklich werden wird! Hier haben Sie meine Hand, betrachten Sie mich als Ihren Freund!«

Merkwürdiger Weise war Herr Lomaque so in seine Naturbetrachtung versunken, dass er die dargebotene Hand nicht einmal bemerkte, aber er sagte: »Wirklich, Herr Trudaine, wirklich, Ihre Frage setzt mich derartig in Erstaunen, dass —« er stockte und schwieg.

»Als wir uns hier niedersetzten,« sagte Trudaine, »hatte ich auch durchaus nicht die Absicht, Sie so zu fragen, wies ich dies jetzt tat, meine Fragen sind mir fast unwillkürlich entschlüpft und ich sprach fast gedankenlos. Entschuldigen Sie! Ich bin daran gewöhnt, offen zu sprechen, seitdem ich hier mit meiner Schwester lebe. Vater, Mutter und Geschwister sind uns genommen, meine Schwester und ich lebten hier ziemlich ruhig und glücklich zusammen; ich betrachtete mich eher als den Vater wie als Bruder meiner Schwester, da ich so viel älter bin als sie. Mein ganzes Leben, meine teuersten Hoffnungen, meine höchsten Erwartungen waren mit den ihrigen eng verbunden. Kaum war ich den Knabenjahren entwachsen, als meine Mutter die Hand meiner kleinen Schwester in die meinige legte und sagte: »Louis, sei Deiner kleinen Schwester Alles, was ich ihr war, sie hat nur noch Dich auf Erden!« Dann starb die Gute.

»Seitdem habe ich nur meiner Schwester gelebt. Schwester Rosa, wie ich sie stets nannte und nennen werde, war das einzige Glück meines Lebens, sie war mein Trost in Leid; kurz, mein einziger kostbarer Schatz. Ich lebte in diesem kleinen stillen Hause, wie in einem Paradiese, weil meine unschuldige, liebe und gute Schwester Rosa in meiner Nähe war. Nun kommt der Gemahl ihrer Wahl und entzieht sie mir. Ah, man muss fühlen, wie ich fühle, fürchten, wie ich fürchte, nur dann kann man beurteilen, was ich am Vorabende ihrer Verheiratung empfinde. Nachdem ich Ihnen dies nun Alles mitgeteilt, mein Herr, werden Sie sich vielleicht nicht mehr über meine Frage wundern. Sprechen Sie nun, wenn Sie wollen, ich habe nichts mehr hinzuzufügen.« Er seufzte bitterlich, ließ seinen Kopf auf die Brust sinken und die Hand, welche er Lomaque hingereicht hatte, fiel schlaff an seine Seite nieder.

Der Gutsverwalter war kein Mann des Zögerns, aber hier zögerte er doch; dann sagte er: »Nehmen wir an, dass Sie ihm Unrecht tun, würde das Zeugnis, welches ich abgeben könnte, wirklich stark genug sein. Ihre Annahme zu erschüttern, da sich der Verdacht gegen meinen Herren bei Ihnen nach und nach noch mehr befestigt hat? Nehmen wir an, mein Herr hätte wirklich — Lomaque zögerte — hätte wirklich seine kleinen Schwächen, das heißt, vergessen Sie nicht, ich stelle nur Hypothesen auf, und nehmen wir an, ich beobachtete dieselben und wäre geneigt, sie Ihnen mitzuteilen, welchen Zweck könnte das jetzt in den letzten Stunden vor der Hochzeit haben? Nun —«

Trudaine blickte plötzlich auf und sagte, »Sie haben Recht, Herr Lomaque, es ist zu spät, sich auf Andere zu verlassen, zu spät, um die Angelegenheit zu ändern. Meine Schwester hat gewählt und über den Gegenstand ihrer Wahl werden meine Lippen fortan schweigen. Die Zukunft mag Gott schützen. Was auch immer kommen mag, ich werde es männlich zu tragen wissen. Ich bitte Sie nun um Verzeihung! Herr Lomaque, denn ich fühle, ich hatte kein Recht zu fragen. Kommen Sie mit mir zu dem Hause zurück; ich werde Ihnen den Weg dahin zeigen.«

Lomaque’s Lippen öffneten sich zum Sprechen, allein er besann sich, verneigte sich und stand auf, um der Einladung zu folgen.

Trudaine legte den Weg schweigend zurück und der Verwalter folgte ihm in der Entfernung von einigen Schritten und flüsterte zu sich selbst: »Sein Vater war mein Erretter! — Hier bin ich nun? — Doch es ist zu spät zum Sprechen, zu spät zum Handeln, zu spät für jede Unternehmung in dieser Angelegenheit!« —

Nahe bei dem Hause begegneten sie dem alten Bedienten, welcher sagte, dass seine junge Herrin ihn eben nach den beiden Herren ausgeschickt habe, sie zum Kaffee zu holen, »und,« setzte er hinzu: »Fräulein Rosa hat den beiden Herren ihren Kaffee warm gestellt.« —

»Was?« sagte der Gutsverwalten »Fräulein Rosa hat sich die Mühe genommen, auch an mich zu denken?« Der alte Bediente blickte ihn verwundert an und selbst Trudaine blieb stehen, sah sich um und sagte: »Was ist denn da zu verwundern, meine Schwester ist stets aufmerksam auf die Bequemlichkeit und Genüsse Anderer.«

»Entschuldigen Sie mich, Herr Trudaine,« erwiderte Lomaque, »Sie haben ein ganz anderes Leben geführt als ich, sind nicht ein überall übersehener und vergessenen alter Mann, man hat Sie in der Welt aufmerksam behandelt, so ging es mir nicht! Es ist das erste Mal, dass eine junge feine Dame an mich denkt, dies erklärt wohl meine Überraschung!«

Trudaine machte keine weiteren Bemerkungen zu dieser Erklärung. Er wunderte sich nur ein Wenig, wunderte sich aber nach mehr, als er sah, wie Lomaque, als sie in das Zimmer traten, auf seine Schwester zu ging und sich für den aufgehobenen Kaffee bedankte, während Danville bei der Harfe beschäftigt war, ein Lied zu intonieren Rosa schien überrascht und hätte ihm beinahe ins Gesicht gelacht für feinen Dank, so natürlich fand sie das, was sie getan hatte. Madame Danville saß an ihrer Seite und berührte den Arm des Verwalters mit ihrem Fächer.

»Schweigen Sie doch, mein Sohn wird singen!« sagte sie.

Lomaque machte eine tiefe Verbeugung, zog sich in eine Ecke zurück und fing an, die Zeitung zu lesen. Wenn Madame Danville das Gesicht Lomaque’s beobachtet hätte, als er sie verließ, mochte sie wohl in ihrem aristokratischen Stolze stark gekränkt gewesen sein.—

Danville hatte den Gesang beendet und stand nun neben seiner Braut und flüsterte mit ihr; Madame Danville warf dann und wann ein Wort dazwischen; Trudaine saß und las in einem Briefe, welchen er aus seiner Tasche gezogen hatte, als Lomaque, der noch immer über den Zeitungen saß, einen Ausruf der Verwunderung hören ließ.

Aller Augen richteten sich auf ihn. »Was gibt es?« fragte Danville ungeduldig.

»Werde ich Sie vielleicht stören, wenn ich erkläre?« fragte Lomaque, zu der alten Dame gewendet.

»Sie haben uns schon gestört,« antwortete diese, »Was haben Sie also?«

»Es ist eine Stelle über eine Wissenschaft, die mir stets ein reges Interesse verursachte,« sagte Lomaque »und die noch besonders dazu geeignet ist, Jeden der hier Anwesenden zu interessieren « Und er las:

»Akademie der Wissenschaften zu Paris.

»Die unbesetzt gewesene Stelle eines Professors der Chemie ist zu unserer Freude einem Manne zu Teil geworden, dessen bescheidene Zurückgezogenheit daran Schuld ist, dass die Welt seine Verdienste noch nicht allgemeiner kennt. Den Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften ist er indes schon lange als der Verbesserer der merkwürdigsten Erzeugnisse der Chemie vorteilhaft bekannt. Kein Mann ist mehr geeignet, alles Dasjenige zu erfüllen, was eine so hervorragende und bedeutende Stellung wie diese, erfordert als der ernannte Herr — Louis Trudaine.«

Bevor Lomaque beobachten konnte, welchen Eindruck die Zeitungsnachricht auf die Anwesenden hervorgebracht hatte, war Rosa ausgestanden und küsste ihren Bruder herzlich ab.

»Teurer Louis,« rief sie aus, »lass mich die Erste sein, die Dir zu diesem Posten gratuliert! Wie stolz und erfreut bin ich über diese Nachricht! Du nimmst doch die Professur an?«

Trudaine hatte den Brief, den er gerade las, schnell in seine Tasche gesteckt und indem er die Hand seiner Schwester in die seinige nahm sagte er: »Ich habe es mir noch nicht überlegt, Schwester Rosa, frage mich jetzt noch nicht danach.« Und eine plötzliche Traurigkeit zog über sein Gesicht, als er seine Schwester wieder zu ihrem Stuhl zurück geführt hatte.

»Bitte, ist eine Professor-stelle geeignet, gut davon zu leben, z.B. wie ein Edelmann?« fragte Madame Danville, ohne ein besonderes Interesse für diese Nachricht an den Tag zu legen.

»Gut nicht,« erwiderte ihr Sohn, sarkastisch lachend. »Ein solcher Professor muss arbeiten und sich nützlich zu machen suchen, welcher Edelmann gibt sich dazu her?«

»Charles,« rief die alte Dame verweisend aus.

»Bah!« antwortete ihr Sohn und drehte ihr den Rücken. »Doch genug von der Chemie! Da Sie einmal angefangen haben zu lesen, Lomaque, was gibt es denn Neues von Paris? Sind keine Nachrichten über die Revolution darin?«

Lomaque wendete das Zeitungsblatt um. »Schlechte, sehr schlechte Nachrichten sind darin! Man kann die Ruhe nicht wieder herstellen,« sagte er. »Necker, der Volksminister ist abgesetzt. An allen Ecken von Paris sind Plakate, welche die Volksversammlungen verbieten. Die Schweizergarde ist mit vier Stück Geschütz nach den Champs Elysées beordert. Mehr ist noch nicht bekannt, aber man fürchtet das Schlimmste. Der Bruch zwischen Aristokratie und Volk wird von Stunde zu Stunde größer.«

Nun hielt er an und legte die Zeitung nieder. Trudaine nahm das Blatt und überflog die eben gelesenen Sätze noch ein Mal.

»Bah,« rief Madame Danville aus, »wenn die Schweizergarde ihre Geschütze auf das Volk feuert, so ist es tot und man hört nie wieder ein Wort darüber!«

»Ich glaube, Du irrst Dich Mutter,« sagte der Sohn.

»Es gibt mehr Volk in Paris, als wie die 158 Schweizergarde zusammenzuschießen vermag. Die Aristokraten mögen nur ihre stolzen Köpfe steif halten, denn man weiß eigentlich noch nicht, woher der Wind weht. Wer weiß, ob ich mich nicht in diesen Tagen vor dem König »Volk« so verbeuge, wie einst vor Louis XV.«

Er lachte als er geendet hatte und öffnete seine Schnupftabacksdose, um eine Priese zu nehmen; aber seine Mutter sprang ganz entrüstet von ihrem Sitze auf und sagte: »Ich kann Dich nicht hören! Du bringst mich in Verzweiflung mit Deinem Hohn! Wie kann mein Sohn, den ich erzogen habe und den ich liebe, eine solche Sprache führen? Ist das der Lohn dafür, dass ich gegen alle Regeln der Etiquette einen Tag vor der Hochzeit hier her gekommen bin? Doch jetzt breche ich auf, ich bleibe nicht hier! Die Hochzeit muss bei uns stattfinden, so gehört es sich, bei der Familie des Bräutigams! Du stehst mich nicht wieder, bis Du zur Kirche gehst. Justin, den Wagen! Lomaque, meine Kopfbedeckung! Dank für Ihre Gastfreundschaft! Fräulein, kleiden Sie sich morgen hübsch; Bedenken Sie, dass Sie die Braut meines Sohnes sind! Justin, Du Vagabund, wo ist mein Wagen? Du abscheulicher Dummkopf, wo ist die Kutsche? Ich will nach Ruoen zurück!« So tobte die Alte.

»Meine Mutter sieht gut aus, wenn sie in Wut kommt, Rosa, nicht wahr?« fragte Danville, und schnupfte ruhig weiter, während die alte Dame aus dem Zimmer segelte.

»Warum bist Du so erschrocken, meine Liebe?« fragte er und nahm ihre Hand. »Meine Mutter hat die schwache Seite, stolz zu sein; so lange man diese nicht verletzt, ist sie sanft wie eine Taube. Mache mir doch ein freundliches Gesicht, Rosa! Sende mich nicht diese Nacht so von Dir!« Dann bückte er sich und flüsterte seiner Braut Etwas zu, was ihr das Blut in die Wangen trieb.

»Ah, wie sie ihn liebt! Wie heiß sie ihn liebt,« sagte ihr Bruder, der sie von einer Ecke des Zimmers aus beobachtete, als er sah, wie ihre Augen glänzten, als Danville ihre Hand küsste

Lomaque hatte die Zornausbrüche der alten Frau ruhig mit angehört und die Szene zwischen Mutter und Sohn mit sarkastischem Lächeln begleitet.

Nachdem er sich erhoben, grüßte er Rosa mit einer Art Grazie, die seltsam zu seinem faltigen sarkastischen Gesicht passte, und reichte ihrem Bruder die Hand mit den Worten: »Als wir heute zusammen auf der Bank saßen, nahm ich Ihre Hand nicht an, jetzt biete ich Ihnen aber die meinige!« — Trudaine nahm sie schweigend, aber der alte Lomaque setzte hinzu: »In einigen Tagen werden Sie Ihre Ansicht über mich ändern!« Dann verneigte er sich noch einmal vor der Braut und ging hinaus. Nachdem Alle fort, und Bruder und Schwester allein waren, mochten beide wohl denken: »Dies ist die letzte Nacht, die wir unter einem Dach allein verleben!«

Rosa brach das Schweigen zuerst und sagte: »Ich bin recht besorgt, wie es dem armen Charles gehen wird, glaubst Du, dass seine Mutter ihm sehr böse sein wird?«

»Ich finde, dass seine Mutter Recht hat, mit seiner Unart und Rücksichtslosigkeit für sie, unzufrieden zu sein!« erwiderte der Bruder.

»Ach Louis,« sagte die Braut, »könnte ich Dich doch lehren, meinen Charles mit meinen Augen zu betrachten. Ich fühle, Du liebst ihn nicht.«

»Du wirst es mich lehren, Rosa, Du wirst es!« antwortete Louis Trudaine, dabei legte er seinen Arm um die Schwester und führte sie zu einem Stuhl, denn er sah, dass ihre Augen mit Tränen gefüllt waren.

»Meine nicht, süße Rosa,« setzte er hinzu. »Morgen ist Dein Hochzeitstag und Du sollst nicht mit vermeinten Augen Deinen Ehrentag feiern.« — Es wurde an die Tür geklopft und die Dienerin erschien, um sich noch Befehle für den bedeutungsvollen Tag zu holen. Es war eine sehr geeignete Unterbrechung, denn jetzt war das junge Mädchen reichlich beschäftigt mit dem Anordnen, und ihr Bruder zog sich nun auch in sein Studierzimmer zurück.

Er setzte sich recht gedrückten Herzens an sein Schreibpult und breitete den Brief der Akademie der Wissenschaften vor sich aus.

Nachdem er Alles noch einmal überlesen hatte, blieben seine Augen an einer Stelle haften, die lautete: »Während der ersten drei Jahre Ihrer Anstellung sind Sie jedoch verpflichtet, neun Monate in oder nahe bei Paris zu leben, um die Arbeiten des Laboratoriums nicht aus den Augen zu verlieren.«

Immer hatte er es sich gewünscht, seine Forschungen mit größeren Mitteln unterstützen zu können, jetzt war ihm durch dieses Anerbieten das ganze große pariser Laboratorium mit allen seinen Apparaten erschlossen und — er zögerte doch die Stelle anzunehmen, weil er gezwungen war, seiner Schwester, während neun Monate des Jahres, fern zu sein. — Und doch war er ihres Glückes und ihrer Ruhe so sehr unsicher, nach dem was er für ihren Verlobten fühlte.

Er zögerte noch fünf Minuten unentschlossen, ob er die Stellung annehmen oder ablehnen sollte. — Immer aber trat das leidenschaftliche Weib, die nun die Schwiegermutter seiner Schwester werden sollte, und der junge Mann, der ihr natürlicher Beschützer fortan sein würde, vor seine Augen. — Er nahm ein leeres Blatt Papier aus dem Tischkasten, tauchte die Feder ein und sagte: »Nein, ich nehme die Professur nicht an! Eingedenk der letzten Worte meiner Mutter will ich lieber meinen Lieblingsstudien diese schöne Aussicht versagen und nur meiner Schwester leben.« Er schrieb, siegelte den Brief und steckte ihn dann gleich in den Postbeutel, der in der Nähe des Tisches lag. Bei der letzten Handlung zögerte er indes doch ein wenig und er zog den Brief wieder heraus mit den Worten: »Guter Rat kommt über Nacht! Ich will mit der Absendung des Briefes doch bis morgen warten,« dann steckte er ihn in seine Tasche und verließ schnell das Laboratorium. «



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Der Morgen kam und mit ihm der wichtige Tag, an welchem Rosa Trudaine und Charles Danville das Ehegelübde aussprechen sollten. Und es wurde ausgesprochen! — Rosa war nun das Weib Danville’s.

Der Tag war köstlich und Madame Danville, die Mutter, war zufrieden mit Allem, selbst die Braut hatte ihr gefallen; denn sie führte sie nach der Zeremonie in eine Ecke des Zimmers und sagte ihr: »Du bist ein gutes Mädchen, und hast meinem Sohn Ehre gemacht, ja, Du hast mir gefallen! Jetzt gehe aber und kleide Dich für die Reise um, und rechne so lange auf meine Zuneigung für Dich, wie Du Dich bemühst, meinen Sohn glücklich zu machen.«

Es war nämlich beschlossen, dass das junge Paar zunächst nach der Bretagne reisen, dort einige Wochen bleiben und dann auf dem Landsitz Danville’s, bei Lyon, Wohnung nehmen sollte. Das Abschiednehmen ging auch vorüber und nachdem der Wagen fort war und Trudaine ihm noch lange nachgeblickt hatte, ging er schnell seinem kleinen Hause zu.

Der Staub des Reisewagens war lange fortgewirbelt, als Herr Lomaque noch immer an dem Gitter vor dem Hause stand und dem Paar nachzusehen schien; Dann nickte er mit dem Kopfe, rieb eine Handfläche mit der andern und sagte traurig: »Armes Mädchen, armes Mädchen!« Aber er kehrte sich bei diesen Worten um, denn es kam Jemand aus dem Hause. Es war der Postbote mit einem Briefe in der Hand und dem Postbeutel unter dem Arm.

»Keine Neuigkeiten von Paris, Freund?« fragte Lomaque.

»Seht schlechte, Herr,« lautete die Antwort. »Desmoulins hat in dem Palais Royal zu dem Volke gesprochen. Man fürchtet einen Aufstand.«

»Nur einen Aufstand,« wiederholte Lomaque sarkastisch »Wie gutmütig die Regierung ist, dass sie nichts Schlimmeres fürchtet! Haben Sie Briefe?«

»Nein,« antwortete der Postbote, »keine für das Haus nur einen, den ich abzugeben habe, erhielt ich eben hier.«

Lomaque sah nach dem Briefe, den der Bote in der Hand hielt und las die Adresse, die an die Akademie der Wissenschaften zu Paris gerichtet war. —

»Ich bin neugierig ob er die Stelle annimmt, oder ablehnt?« sagte der Gutsverwalter, nickte dem Postboten zu und ging ins Haus.

An der Tür begegnete ihm Trudaine, welcher ihn fragte, ob er mit Madame Danville nach Lyon zurückzukehren gedachte

»Ja,« entgegnete Lomaque, »noch heute.«

»Würden Sie mir vielleicht in oder bei Lyon eine sogenannte Junggesellen-Wohnung mieten, Herr Lomaque?« fragte Trudaine.

Bevor der alte Mann Etwas entgegnen konnte, war Trudaine schnell in das Haus zurückgegangen.

»Ah, Herr Trudaine, jetzt weiß ich, woran ich bin, die Professur ist nicht angenommen! Er will in der Nähe seiner Schwester bleiben,« sagte Lomaque zu sich selbst, dann machte er eine Pause, biss sich in die Lippen und fuhr fort: »Der Himmel ist zwar heute am Hochzeitstage klar und heiter gewesen, aber die Wolken an dem Ehestandshimmel werden nicht ausbleiben; kann ich, so werde ich sorgfältig das Wetter beobachten.«



Kapiteltrenner

Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Fünf Jahre sind seitdem vorüber gegangen, dass Herr Lomaque vor dem Hochzeitshaus seine Betrachtungen anstellte. Große Veränderungen waren in der Welt vorgegangen, die größten an dem politischen Himmel Frankreichs.

Was vor fünf Jahren nur ein Ausstand war, war nun zur Revolution herangewachsen, die mächtig Throne, Ansehen und Reichtümer erschüttert hatte. Der Resident jener Zeit hieß Schrecken; sein blutigstes Kleid trug er im Jahre 1794.

Herr Lomaque war auch nicht mehr Gutsverwalter, sondern er war öffentlicher Beamter geworden und saß eben in seinem Dienstzimmer. Es war gerade wieder so ein prächtiger Sommerabend als damals an den Ufern der Seine. Die Fenster des Zimmers standen offen und der Abendwind wehte sanft in das Zimmer. Jedoch Lomaque atmete so schwer, als drücke die Mittags-schwüle auf ihn, sein Gesicht blickte zuweilen ängstlich durch das Fenster auf die Straße.

Die Zeit war zwar ernst genug, eines Mannes Gesicht traurig zu machen. Denn wer konnte in jener Schreckenszeit wohl sicher sein, dass ihm nicht jeder neue Morgen Verrat, Gefangenschaft, Tod bringen würde? Doch Lomaque hatte andere Sorgen. Vor ihm auf dem alten Schreibtische lagen große Stöße Papier; eben hatte er einige Bogen aufgenommen und gelesen, was er las führte seine Gedanken nach dem Landhaus an dem Ufer der Seine zurück.

Schneller als Jedermann es erwartet, hatten sich die politischen Verhältnisse umgestaltet, aber noch schneller waren die Veränderungen für die Privatverhältnisse unserer Bekannten aus dem ersten Teile dieser Erzählung umgestaltet worden. Der Gemahl Rosa’s bemühte sich nicht lange, seiner jungen Frau seinen wahren Charakter zu verbergen. Erst wurde er rücksichtslosen dann vernachlässigte er sie, dann folgten kleine Beleidigungen, die schließlich in Grobheiten übergingen. Die Arme wäre ohne ihres Bruders selbstverleugnende Liebe sicher elend und hilflos geworden.

Als die öffentliche Sicherheit gefährdet war, fand Danville noch andere Beschäftigungen, als sein junges Weib zu quälen, denn er fürchtete, dass er durch die Ansichten seiner Mutter den Revolutionsmännern in die Hände fallen würde. Die alte Dame war ihren Ansichten treu geblieben und durch alle Schrecken der Tage war sie überzeugt, dass die Zeit des alten Regiments wiederkehren würde.

Jahre gingen so vorüber und Danville sah besorgt in die Zukunft. Es war dies eine Zeit, wo der Bruder den Bruder fürchtete. Da man Danville als ränkevoll kannte, so war er als verdächtig bezeichnet; er hätte dies zwar nur den unbedachten und hochmütigen Äußerungen seiner Mutter zuschreiben sollen, allein er glaubte, dass Lomaque es sei, der ihn verdächtigte, und der Gutsverwalter wurde entlassen.

In früheren Zeiten würde ein solches Opfer des Zornes ruiniert gewesen sein, jetzt aber nahm die Commune freudig die entlassenen Diener der großen Herren in ihren Dienst. Lomaque war arm, verschwiegen, nicht zu gewissenhaft, ein sehr guter Patriot, besaß Ehrgeiz und den Heldenmut der Katze; mit diesen Eigenschaften ausgerüstet, ging er nach Paris und hatte auch das Glück, bald einen Posten bei der geheimen Polizei zu finden. Inzwischen mäßigte sich der Ärger und der Zorn Danville’s und er beschloss, seinen alten Verwalter zurückzurufen; allein es war zu spät. Lomaque war nun schon in der Lage, dass er seines Herrn Misstrauen damit vergelten konnte, dessen Haupt unter die Guillotine zu bringen. Danville erhielt anonyme Briefe, welche ihn warnten, keine Zeit zu verlieren, um seinen Patriotismus an den Tag zu legen; ferner möge er seiner unvorsichtigen Mutter Schweigen gebieten, wenn sie nicht ihr Leben verlieren wollte.

Danville wusste sehr gut, dass es zu seiner eigenen Rettung, wie für die seiner Mutter, nur den einzigen Weg gebe, sie aus Frankreich zu schicken.

Wahrscheinlich hätte die Alte ihr Leben eher zehn Mal hingegeben, als auszuwandern, aber ihren Sohn liebte sie doch viel zu sehr, als dass sie den Mut gehabt hätte, ihn auch in Gefahr zu bringen und sie beschloss auf seinen Vorschlag, zu emigrieren, einzugehen; allein sie wollte wissen, was ihr Sohn nun über sich beschlossen habe.

Er zeigte ihr einen Brief, aus welchem sie ersah, dass er Robespierre seine Dienste anbot, um sich als Patriot zu dokumentieren Dies genügte der alten Frau und sie reiste nun getröstet, über Marseille in Begleitung einer Dienerin ins Ausland.

Die Absendung dieses Briefes nach Paris war eigentlich nur ein Art der Großprahlerei Danville’s und es traf ihn wie ein Donnerschlag als die Antwort eintraf, er werde in Folge seines Anerbietens nach Paris gerufen, um seinen Dienst unter der gegenwärtigen Regierung anzutreten. Da galt es nun zu gehorchen, denn es war kein anderer Ausweg mehr möglich. Er ging also nach der Hauptstadt und nahm seine Frau mit sich an den Hauptherd der Gefahren.

Mit Louis Trudaine war er in offener Feindschaft und je mehr jener sich um seine Schwester beunruhigte, je mehr belustigte Danville sich. Treu seiner Liebe und Freundschaft, folgte ihr aber auch ihr Bruder nach Paris. Die Tage der Schreckenszeit halfen denn aber auch den Geschwistern wieder zur Vereinigung. Danville trat seinen neuen Posten sehr ängstlich an, umso mehr da er bald erfuhr, dass es eine Beamtenstelle der geheimen Polizei sei, wo auch Lomaque als Chef-Agent angestellt war. Robespierre kannte seine Leute, er wusste, Danville hatte Geld und Platzkenntnisse, und so musste er sich sehr nützlich machen können, wenn er wirklich ein so guter Patriot war, wie er zu sein vorgab. Außerdem wurden gewöhnlich entlassene Privatbeamte im Dienste der Regierung über ihre ehemaligen Prinzipale gesetzt, denn wer konnte sie wohl besser kontrollieren, als die, welche Gelegenheit gehabt hatten, die Schwächen ihrer Brotherren zu studieren? —

Immer dunkler und trüber wurde das Gesicht Lomaque’s, den wir vor seinem Schreibpulte in der Amtsstube verließen, als er über die fünf vergangenen Jahre nachdachte.—

Der benachbarte Kirchturm zeigte die siebente Abendstunde an und entriss ihn seinem Nachdenken. Er ordnete die Papiere vor sich, blickte dann nach der Tür, als erwarte er, dass Jemand eintrete; da aber alles still bliebe nahm er dasselbe Papier noch einmal in die Hand, welches er vorhin schon so lange geblickt hatte. Die wenigen Zeilen waren in Ziffern geschrieben und lauteten:

»Sie sind benachrichtigt, dass Ihr Oberaufseher Danville die Erlaubnis erhielt, in Lyon einige Geschäfte zu ordnen und dass er erst in ein oder zwei Tagen zurückerwartet wird. Während seiner Abwesenheit beschleunigen Sie die Angelegenheit Trudaine’s und halten Sie sich in Bereitschaft, zu handeln. Jetzt lassen Sie Alles, bis Sie wieder Etwas von mir gehört hoben. Sollten Sie etwas Besonderes über Danville wissen, so senden Sie es mir in meine Wohnung. Ihren Original-Brief habe ich verbrannt.« —

Hier endigte die Schrift. Lomaque steckte das Papier in seine Tasche und seufzte. Das war ein seltenes Zeichen bei ihm.

Plötzlich hörte er Jemand an der Tür und es erschienen acht bis zehn Mann von der »Neuen französischen Inquisition«, die sich längs der Mauer aufstellten.

Lomaque winkte Zweien von ihnen und sagte: »Picard, und Magloire setzen Sie sich an das Schreibpult. Ich bedarf Ihrer, wenn die Anderen abgefertigt sein werden.« Dann händigte er den anderen Männern Pakete, Briefe und verschiedene Papiere ein, die diese schweigend nahmen und sich dann empfahlen. Uneingeweihte hätten vielleicht angenommen, dass es Rechnungen seien, die zum Einkassieren übergeben wurden. Wer konnte auch glauben, dass diese Stückchen Papier Arrest-Befehle, Denunziationen, Todeswarnungen und ähnliche schreckliche Dinge enthielten?

»Nun,« sagte Lomaque, indem er sich zu den zwei Männern wandte, »haben Sie die bewussten Notizen erhalten?« die Männer bejahten »Sie, Picard, sind mit Trudaine’s Privatangelegenheiten betraut. Lesen Sie zuerst.«

Picard zog ein Blatt aus seiner Tasche und las: »Einzelnes über Louis Trudaine, verdächtigt durch den öffentlichen Beamten Danville der Feindschaft der heiligen Sache der Freiheit und der Verachtung der Volkssouveränität. 1. Die verdächtigte Person ist nun überwacht und ihre Handlungen werden aufgezeichnet Louis Trudaine ist zwei Mal in der Nacht gesehen worden, wie er von seinem eigenen Hause nach einem Hause in der Rue der Cléry ging. In der ersten Nacht hatte er Geld bei sich, in der zweiten Papiere. — Er kehrte stets ohne das Mitgebrachte nach Hause zurück. Diese Handlungen sind von einem Manne beobachtet worden, der im Haushalte Trudaine’s angestellt ist, ein Diener aus der Zeit der Tyrannen. Wir können uns dieses Menschen bedienen, die Handlungen Trudaine’s zu überwachen, denn er ist ein guter Patriot. 2. Das Haus in der Rue de Cléry ist zahlreich bewohnt, die Bewohner sind jedoch nicht genug kontrolliert Man kann die Personen, welche Trudaine besucht, nicht so leicht ermitteln, wenn man nicht einer Arrest-Befehl zur Seite hat. 3. Ein solcher Befehl schüchtert die Bewohner jenes Hauses ein und macht sie aufmerksam auf ihre Nachbarn. 4. Der Bürger Danville verlässt Paris für einige Zeit und der Dienst, Trudaine zu überwachen, ist nun von dem Unterzeichneten in die Hände Magloire’s, seines Kameraden gelegt.«

Die Unterschrift lautete: »Picard. Unterschrieben und beglaubigt. Lomaque.«

Nachdem er dieses gelesen, legte der Polizei-Agent das Papier auf den Tisch vor sich. Da er keine weiteren Befehle erhielt, stand er auf und ging hinaus. Lomaque wechselte dabei nicht einen Zug in seinem Gesicht; ja, er klopfte noch immer gleichmäßig mit seinen Fingern leise auf den Schreibtisch vor sich, als er fast mechanisch dem andern Agenten zu lesen befahl. Dieser trug mit trockenem Geschäftston das Folgende vor:

»Einzelnes in der Angelegenheit Trudaine’s. Der Bürger Agent ist beauftragt, Trudaine zu überwachen und meldet 1., dass Trudaine noch einen dritten geheimnisvollen Besuch in der Rue de Cléry machte. Die Maßregeln, welche getroffen wurden, setzten uns in den Stand, noch eine zweite Person zu verdächtigem es ist dies die Schwester Trudaine’s, die Gattin des Bürger-Beamten Danville’s.«

»Armes verlorenes Geschöpf!« seufzte Lomaque und lehnte sich in seinen Armsessel zurück. Magloire war nicht daran gewöhnt, dass seine Berichte von Seufzern begleitet wurden, und er blickte höchst erstaunt in die Höhe. »Gehen Sie weiter, Magloire!« rief Lomaque plötzlich erzürnt. »Wer, zum Teufel! hieß Sie inne halten?« »Ich lese, Bürger!« entgegnete der Polizei-Agent und fuhr fort: .

»Es ist bei Trudaine, wo die Gattin Danville’s geheime Unterredungen mit ihrem Bruder hat. Dieselben geschehen in flüsterndem Tone, man kann also Einiges überhören. Die Schwester muss indes gewarnt sein, denn die Zusammenkünfte finden erst in neuerer Zeit in der Rue de Cléry statt, sie geht stets erst nach ihrem Bruder in ihre eigene Wohnung zurück. 3. Während die sorgfältigsten Maßregeln genommen sind, das Haus in der Rue de Cléry zu überwachen, haben wir in Erfahrung gebracht, dass sein Besuch zu einem Gastwirte Namens Dubois, der in jener Straße in dem bezeichneten Hause im vierten Stocke wohnt, geht. Als Trudaine dort anwesend war, konnte man nicht durch irgend einen Vorwand in das Zimmer der Eheleute eindringen. Ein Polizei-Agent ist beordert, den Platz zu bewachen. 4. Der Gastwirt ist arretiert Er behauptet, nichts über seine Mieter zu wissen. Jedoch ist es verdächtig, dass Bürger und Bürgerin Dubois falsche Reisepässe haben. Wahrscheinlich wollten sie aus Frankreich entfliehen. 5. Trudaine und seine Schwester stehen unter fortwährender Polizeiaufsicht. Der Unterzeichnete erwartet weitere Befehle.

Magloire.

Unterzeichnet: Lomaque.«

Nachdem der Beamte gelesen, legte er das Schriftstück auf den Tisch nieder; da er aber auch vergeblich auf weitere Befehle gewartet hatte, wie sein Vorgänger, stand er ebenfalls schweigend von dem Stuhle auf. »Wenn Bürger Danville nach Paris zurückkommt, wird er sehr überrascht sein, dass er durch die Denunziation seines Schwagers auch gleichzeitig seine eigene Frau in Gefahr brachte?« bemerkte Magloire, noch an der Tür

»Freund Magloire, Ihre Bemerkung klingt wie eine Frage,« sagte Lomaque; »aber merken Sie sich, ich beantworte niemals solche Fragen. Wenn Sie genau wissen wollen, warum Bürger Danville seinen Schwager und somit auch sein Weib anzeigte, so gibt dies eine vortreffliche Beschäftigung für Sie, Bürger, nach Ihren Dienststunden.«

»Ist sonst noch Etwas zu befehlen?« fragte der Beamte.

»Nein, dienstlich nichts mehr, aber ich habe doch Etwas für Sie in Bereitschaft. Setzen Sie sich an das andere Schreibpult Ich habe Sie recht gern, nur fragen Sie nicht!«

Während der Bürger Beamte dieser Aufforderung Folge leistete, zog Lomaque sein Notizbuch hervor und las darin mit Aufmerksamkeit.

Es trug die Überschrift: »Privat-Instruktionen bezüglich Danville’s«, und lautete:

»Der Unterzeichnete lebte lange in dem Hause Danville’s und gibt die Beweggründe an, welche Danville zu der Denunziation seines Schwagers und seiner eigenen Frau geleitet haben mögen. Tatsachen sind: Louis Trudaine widersetzte sich erst, dass Danville seine Schwester heirate; die Hochzeit fand indes doch statt. Danach machte es sich der Bruder zur Aufgabe, das Glück seiner Schwester zu bewachen; er blieb stets in ihrer Nähe. Er ist ein Mann von seltener Entschlossenheit, Geduld und Langmut Er gab seinem Schwager nie Gelegenheit zur Unzufriedenheit oder zum Streite. Er legte ihm im Allgemeinen nie Etwas in den Weg, noch war er ihm bei Unternehmungen hinderlich: deshalb ist also uns begreiflich, weshalb Danville seinen Schwager anklagte. Die Angelegenheit ist also sehr geheimnisvoll«

Lomaque las diese Zeilen bis zu seiner eigenen Unterschrift. Sie waren der Inhalt jenes Papiers, welches er fortlegte, als die Beamten eingetreten waren. Er hatte das Ganze auf ein neues Stück Papier übertragen und wollte es eben siegeln, als an die Tür geklopft wurde. »Herein!« rief er erzürnt, und es nahte sich ihm ein Mann im Arbeiterkleide, welcher ganz und gar mit Staub bedeckt war. Er sagte Lomaque einige Worte leise ins Ohr und ging wieder. Lomaque öffnete noch einmal das Geschriebene und schrieb unter die Unterschrift: »Ich erfahre soeben, dass Danville schon in dieser Nacht hierher zurückkehrt.«

Dann siegelte er den Brief und übergab ihn Magloire. Der Polizei-Agent sah auf die Adresse und verließ das Zimmer. Sie war an »Robespierre, Rue Saint-Honore.«

Als Lomaque allein war, ging er auf und ab und biss sich an den Fingernägeln, dann sagte er: »Danville kommt diese Nacht zurück und die Krisis mit ihm! Trudaine und seine Schwester sind als Verschwörer bezeichnet. Alles was man sieht und hört, soll als schädlich verdächtigt sein.« — Wieder ging er ein paar Mal das Zimmer auf und ab, endlich blieb er an dem offenen Fenster stehen und hielt folgendes Selbstgespräch: »Jetzt sind es gerade fünf Jahre, dass ich mit Trudaine auf jener Bank an den Ufern der Seine saß und dass Schwester Rose dem alten Lomaque Kaffee warm stellte. — Nein, die Beiden kann ich nicht verdächtigen, vielleicht muss ich sie gerade festnehmen lassen? Ach, ich wünschte, diese Geschichte wäre in eine andere Hand als in die meinige gekommen, ich möchte Einiges darum geben.«

Dann kehrte er wieder zu seinem Schreibtisch zurück und begrub sich unter seine Schriften, bald lesend, bald denkend, wie Jemand, der seine eigenen Gedanken los sein möchte, so trieb er es eine Stunde und biss dabei von Zeit zu Zeit in ein Stück trockenes Brot: endlich wurde es dunkler in dem Zimmer.

»Vielleicht haben wir diese Nacht wieder keine Ruhe,« sagte der alte Mann und klingelte nach Licht. Es wurde gebracht. Magloire kehrte auch zurück und hielt ein dreieckiges Briefchen, welches eher einem Liebesbrief glich, als einem Verhaftsbefehl, und ein kleines versiegeltes Päckchen in seiner Hand. Lomaque öffnete; es war mit Robespierres Unterschrift versehen und enthielt in Ziffernschrift die Worte:

»Verhaften Sie Trudaine und seine Schwester diesen Abend und bewachen Sie Danville, wenn er zurück kommt. Ich fürchte, er ist ein lasterhafter Mensch und von allen Übeln hasse ich das Laster am meisten,« »Noch Etwas zu tun für diese Nacht?« fragte Magloire.

»Nur eine Arretierung! Versammeln Sie Ihre Leute, und wenn Sie bereit sind, so lassen Sie einen Wagen vorfahren,« antwortete Lomaque.

»Kaum sind wir nun eben einen Augenblick ruhig bei dem Abendessen, da kommt schon wieder Etwas! Der Teufel hole die Aristokraten! Sie sind so sehr auf die Guillotine bedacht, dass sie nicht einmal einen ehrlichen Menschen seine Mahlzeit einnehmen lassen,« murmelte der Polizei-Agent.

Lomaque machte für sich die Bemerkung: »Jetzt bleibt keine Wahl übrig: Sein Vater rettete den meinigen; er selbst behandelte mich stets als seinesgleichen, und seine Schwester erzeigte mir die Aufmerksamkeit, als wäre ich ein Edelmann gewesen.« —

Er ging zu dem Schreibpulte, zog eine Flasche Ligueur hervor und stärkte sich.

»Ich werde mit dem Alter weichherziger, das merke ich,« sagte er, »Mut! Was sein muss, muss sein! Und wenn ich meinen Kopf wagen sollte, ich kann sie nicht arretieren!«

»Die Kutsche ist bereit!« hieß es.

»Nun, ich gehe!« so tröstete sich der Chef der heimlichen Polizei-Agenten von Paris selbst; blies sein Licht aus und verließ das Zimmer.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Da Rosa nicht wusste, dass ihr Gatte früher nach Paris zurückkommen würde, als er bestimmt hatte, war sie von ihrer einsamen Wohnung zu ihrem Bruder gegangen, um den Abend mit ihm zuzubringen. Sie saßen noch lange eng bei einander, über Familienangelegenheiten plaudernd, als die Sonne schon lange untergegangen war und in dem Augenblick, als Lomaque sein Licht in dem Dienstzimmer auslöschte, zündete Rosa erst die Lampe in dem Zimmer ihres Bruders an. —

Die fünf traurigen Jahre, die an Rosa vorübergegangen waren, hatten ihr Äußeres stark verändert.« Ihr Gesicht hatte nicht mehr jene rundliche Form, die den Kinderwangen eigen ist, es war dünner und länger geworden und selbst die zarte Röte war geschwunden. Ihr Gang hatte die ehemalige Elastizität verloren und wenn sie ging, machte sich eine gewisse Schwäche sichtbar, die sie nötigte, oft stehen zu bleiben, um auszuruhen. Ihre mädchenhafte Schüchternheit war in unnatürliche Ängstlichkeit übergegangen. Von alle dem entschwundenen Zauber ihrer Persönlichkeit war nur ihre süße, zu Herzen dringende Stimme übrig geblieben, nur schien auch diese von einer gewissen Traurigkeit behaftet zu sein.

Ihren Bruder hatte die Zeit viel weniger verändert, wenngleich sein Gesicht auch Spuren des Grams trug.

Wir wissen es ja aus Erfahrung, die Schönheit, das Ideal der Welt, verweilt nicht lange in ein und demselben Tempel. — Als Rosa die Lampe nieder stellte und sie mit dem Schirme bedeckt hatte, fragte sie ihren Bruder: »Du glaubst also, mein guter Louis, dass unsere gefährliche Unternehmung einen guten Ausgang haben wird? Welche Erleichterung ist es für mich, wenn Du sagst, wir werden zu unserem Ziele gelangen!«

»Ich sagte nur, ich hoffe!« erwiderte ihr Bruder.

»Eben, Hoffnung ist ein großes Wort, von Dir ausgesprochen, in dieser entsetzlichen Zeit und dieser schrecklichen Stadt,« erwiderte Rosa. Sie hielt plötzlich inne, denn ihr Bruder hatte seine Hand warnend erhoben. Sie lauschten Beide mit verhaltenem Atem. Die Töne der Fußtritte, welche sie durch das geöffnete Fenster gehört hatten, waren nun schon vorüber; Alles war still und ruhig, ähnlich der Stille des Todes, der seine Fackel nun schon seit Monaten über das unglückliche Paris schwang. Es war ein Zeichen der Zeit, dass sogar das Hören von Fußtritten dazu geeignet schien, die Menschen in ihren friedlichen Familienunterhaltungen zu stören.

»Wann glaubst Du, Louis, dass ich meinem Mann unser Vorhaben mitteilen kann?« fragte Rosa mit flüsternder Stimme.

»Nicht jetzt, jetzt keine Silbe!« warnte Trudaine ernstlich, »sage ihm nichts früher davon, bis ich es Dir erlauben werde.«

»Ich werde unser Geheimnis heilig halten, mein Bruder,« antwortete die junge Frau.

»Wenn Du es mir sagst, so glaube ich Dir,« sagte Trudaine, »aber ich bitte Dich, sprechen wir jetzt von etwas Anderem. Diese Mauern könnten Ohren haben und die verschlossene Tür dort unten schützt uns vielleicht auch nicht vor Verrat« Bei diesen Worten blickte er scheu um sich. »Nach und nach komme ich aus Deine Idee, Rosa; ich glaube, dass mein neuer Diener ein sehr falsches Gesicht hat. Ich wünschte, ich wäre so vorsichtig gewesen, wie Du es mir geraten hast.«

»Hast Du bemerkt, dass er Deine Handlungen belauscht? Hat er überhaupt etwas Verdächtiges getan? « Ich bitte Dich, sage es mir, Louis!« bat Rosa.

»Still, still, meine Liebe, sprich nicht so laut, rege Dich nicht so auf! Nein, er hat nichts Verdächtiges sehen lassen.«

»Entferne ihn! Ich bitte Dich, entferne ihn, bevor es zu spät ist!« bat die Schwester.

»Um von ihm sofort denunziert zu sein!« ergänzte Louis Trudaine. »Du vergisst, dass Diener und Herren jetzt gleich sind. Ich darf nicht einmal sagen, dass er mein Diener ist; ich habe nur einen Bürger, den ich für seine Mühen und Arbeiten bezahle. — Alles was ich tun kann, ist, dass ich ihn abfasse, wenn er mir Warnungen überbringt. Doch, da haben wir wieder einen recht unangenehmen Gesprächsstoff, wechseln wir ihn wieder! Bitte, öffne dort einmal den Schubkasten! es liegt ein Buch darin, über welches ich Deine Ansicht hören möchte.«

Rosa nahm es heraus, es war eine Kopie von Corneille’s Cid, in blaues Leder gebunden. Rosa war entzückt, als sie hörte, ihr Bruder habe das Buch für sie gekauft, weil Corneille einer der Schriftsteller sei, der Niemand, selbst in dieser schrecklichen Zeit, kompromittieren könnte. »Du äußertest neulich, Rosa, dass Du nur wenig von unserem größten Dramatiker weißt,« sagte ihr Bruder. Ein frohes Lächeln, wie in früheren Tagen, zog Über das Gesicht der Schwester.

»Sieh nur,« fuhr Trudaine fort, »am Anfange eines jeden Actes sind hübsche Kupferstiche!« Als er seine Schwester so beschäftigt hatte, stand er auf, ging zum Fenster und hab den Vorhang in die Höhe. Er blickte auf die Straße. »Es ist nichts zu sehen, ich muss mich doch geirrt haben,« sagte er zu sich selbst und ging dann wieder zu dem Tische.

»Ich bin neugierig, ob mein Mann mich wird ins Theater gehen lassen, wenn der Cid gegeben wird?« sagte Rosa, noch immer in das Buch blickend.

»Nein!« schrie eine raue Stimme an der Tür, »nicht einmal, wenn Du mich auf den Knien darum bätest?«

Rosa blickte sich erschrocken um und sah ihren Mann auf der Türschwelle, welcher sie mit finsteren Blicken ansah. Er hatte seinen Hut aufbehalten und hielt seine Hände in den Taschen.

Der Diener Trudaine’s meldete ihn mit einem tückischen Lächeln und den Worten: »Bürger Danville besucht seine Frau, die Bürgerin Danville.«

Rosa sah ihren Bruder an, der einige Schritte zur Türe getan hatte. »Das ist wirklich eine Überraschung!« sagte sie. »Ist denn Etwas geschehen? Wir erwarteten Dich später.«

»Wie darfst Du es wagen, hierher zu gehen, nach dem was ich Dir gesagt habe?« fragte Danville in strengem Tone. Die arme Frau war so erschrocken, als wenn ihr Mann sie geschlagen hätte. — Trudaine war bleich geworden bei der Szene und ergriff fast unwillkürlich den Arm feiner zitternden Schwester, um sie zu einem Stuhl zu führen.

»Ich verbiete es Dir, Dich hier in diesem Hause aufzuhalten! Ich befehle, dass Du mit mir gehst! Hörst Du? Ich befehle es!«

Er näherte sich ihr, als er aber sah, mit welchen Blicken Trudaine ihn ansah, blieb er stehen. Rosa stellte sich schnell zwischen beide Männer.

»O Charles, Charles, ich bitte Dich, sei freundlich mit meinem Bruder, sei freundlich gegen mich! Ich habe Dir so Vieles mitzuteilen,« bat Rosa. Er wandte sich höhnisch lachend ab. — Als Rosa noch einmal zu sprechen versuchte, gab ihr der Bruder ein Zeichen, dass sie schweigen möge.

Danville hatte es gesehen und rief wütend: »Was, Ihr verständigt Euch in meiner Gegenwart durch Signale?« Mit diesen Worten blickte er sein unglückliches Weib wütend an, und als er das Buch in ihrer Hand erblickte, fragte er in demselben Tone: »Was ist das für ein Buch?«

» Eines der Corneille’schen Dramen,« antwortete Rosa, »Louis hat es mir geschenkt.«

»Gib es ihm zurück!« schrie er wütend, »Du darfst kein Geschenk von ihm annehmen. Das Gift des Spions dieses Hauses haftet daran! Gib es ihm zurück!« Da sie zögerte, riss er ihr das Buch aus der Hand, warf es an den Boden und trat mit den Füßen darauf.

»O Louis, Louis! bedenke doch!« bat Rosa. Trudaine war auf Danville zugeschritten, als dieser das Buch auf die Erde geworfen hatte, aber die junge Frau hielt ihn mit ihren Armen zurück. Sie hatte die brennende Röte auf dem Gesicht ihres Bruders richtig gedeutet.

»Nein, nein,« sagte sie und umfasste ihn enger,»tue jetzt nichts, nach den fünf Jahren ruhigen Ausharrens!«

Er machte sich sanft von ihr los.

»Du hast Recht, Liebe, ich habe mich wieder gefunden,« antwortete Trudaine und hob das Buch von dem Boden auf.

»Du hast einen sonderbaren Charakter,« sagte Danville mit nichtswürdigem Lächeln; »jeder andere Mann würde mich nach einer solchen Behandlung gefordert haben.«

Trudaine reinigte das Buch mit seinem Taschentuche und antwortete mit furchtbarem Ernst: »Wenn ich Dein Blut so leicht von meinem Gewissen tilgen könnte, wie die Flecke von diesem Buche, so solltest Du die nächste Stunde nicht mehr erleben! Rosa, Dir werde ich das Buch aufheben bis zu einer anderen Zeit,« setzte er hinzu.

»Ha! hat« lachte Danville, »sehr nicht so mutig Hoffnung auf die Zukunft, — und hüte Deine Zunge in meiner Gegenwart. Es wird eine Zeit kommen, wo Du mich um Hilfe bitten wirst. Verstehst Du mich?«

»Der Mann, welcher mir in diesen Tagen auf Tritt und Schritt folgte, war gewiss Danville’s Spion,« sagte sich Trudaine traurig, dann lauschte er, es ließen sich schnelle Schritte hören, die unter dem Fenster anhielten.

Danville blickte ängstlich um sich und dachte: »ich habe meine Rückkehr absichtlich beschleunigt, denn diese Verhaftung hätte ich um keinen Preis versäumen mögen,« und er blickte auf die Straße hinunter.

Die Sterne waren am Firmament, aber das Mondlicht fehlte, und so konnte er die Personen, die untere standen, nicht unterscheiden, und er zog den Kopf in das Zimmer zurück. Seine Frau saß auf einem Stuhle, noch von dem Schreck gefesselt; Trudaine trug eben das Buch in ein anderes Zimmer. Tiefstes Schweigen herrschte, als man Personen auf der Treppe hörte. Die Tür wurde leise geöffnet.

Lomaque erschien mit seinen Agenten in der Tür

»Gesundheit und Brüderlichkeit, Bürger Danville,« sagte Lomaque. »Wo ist Bürger Louis Trudaine?«

Rosa wollte sprechen, aber Trudaine’s Hand schloss ihr den Mund.

»Mein Name ist Trudaine,« antwortete er.

»Charles,« rief Rosa, »wer ist der Mann? Was will er?«

Er gab ihr keine Antwort.

»Louis Trudaine,« sagte Lomaque und zog dabei ein Papier aus seiner Tasche, »im Namen der Republik verhafte ich Sie!«

»Rette meinen Bruder, Charles,« rief Rosa, »rette ihn! Du bist der Vorgesetzte dieses Mannes hier, befehle ihm, das Zimmer zu verlassen.«

Danville machte ihre Hand lieblos von seinem Arme los.

»Lomaque tut nur seine Pflicht,« sagte er mit boshaftem Lächeln zu Trudaine gewendet. »Ja, er erfüllt nur seine Pflicht, nichts weiter! Sieh mich nur an, Trudaine, Du denkst, ich denunzierte Dich, ja, ich tat es, und ich bin stolz darauf, ich habe mich selbst von einem Feinde, den Staat aber von einem schlechten Bürger befreit. Du erinnerst Dich doch der geheimen Besuche in der Straße von Clery?«

Sein Weib war vor Entsetzen fast erstarrt, aber sie sagte doch: »komm, ich muss Dich sprechen,« und mit fast männlicher Kraft zog sie ihren Mann in die Ecke des Zimmers und mit totenbleichen Wangen hob sie sich auf die Fußspitzen und wollte ihm eben Etwas zuflüstern, als Trudaine rief: »Rosa, wenn Du ein Wort sprichst, bin ich verloren!« Sie verließ ihren Mann und blickte ihren Bruder entsetzt an.

»Rosa,« fuhr Trudaine fort, »wenn Du mich liebst, so schweige.«

Sie warf sich an den Hals ihres Bruders und weinte laut.

Danville wandte sich kalt zu dem Polizei-Agenten und sagte: »Führen Sie den Gefangenen ab! Sie haben Ihre Schuldigkeit getan«

»Nur erst halb,« entgegnete Lomaque, ihn aufmerksam ansehend. »Rosa Danville ——«

»Mein Weib? Was wollen Sie mit ihr?« rief Danville.

»Rosa Danville,« fuhr Lomaque höchst kaltblütig fort, »Sie sind mit Louis Trudaine gleichzeitig verhaftet!«

Rosa hob ihren Kopf von der Brust ihres Bruders empor und dieser flüsterte ihr zu:

»Auch Du, Rosa, o mein Gott, darauf war ich nicht vorbereitet.«

»Sie hörte diese Worte, trocknete ihre Tränen, küsste ihn und sagte:

»Ich bin erfreut darüber, Louis, wir bleiben zusammen. Ich bin erfreut!«

Danville sah Lomaque ungläubig an und sagte: »Unmöglich! Hier muss ein Missverständnis obwalten, denn ich habe ja mein Weib nicht denunziert?«

»Still,« antwortete Lomaque, »still, Bürger, achtet die Gesetze der Republik!« —

»Sie gemeiner Kerl! zeigen Sie mir doch erst den Verhaftbefehl,« sagte Danville. »Wer hat es gewagt, mein eigenes Weib zu denunzieren?«

»Sie selbst,« entgegnete Lomaque, »Sie, dem ich den gemeinen Kerl zurückgebe. Sie verdächtigten Ihren Schwager, aber auch mit ihm gleichzeitig Ihre eigene Frau. Ist Trudaine schuldig, so ist Ihre Frau es ebenfalls. Wir wissen das, darum wird sie verhaftet.«

»Ich widersetze mich diesem Befehl,« sagte Danville, »denn ich bin hier der Vorgesetzte! Wer wagt es, mir zu widersprechen?«

Der Chef der Agenten antwortete nicht, sondern ging an das Fenster, wo sich neues Geräusch Vernehmen ließ.

»Hören Sie?« rief Lomaque aus und zeigte auf die Straße.

Viele menschliche Tritte ließen sich hören und man vernahm den Gesang der Marseillaise, dann nahten sich Fackeln.

»Hören und sehen Sie dies Alles?« fragte Lomaque, »nun, so Respektieren Sie auch die Befehle des Mannes, der das Schicksal von ganz Frankreich in seinen mächtigen Händen hält. Hut ab, Bürger Danville! Robespierre ist auf der Straße, man leuchtet ihm bis zu dem Jakobiner-Club voran! Sie fragen, wer sich Ihnen zu widersetzen wagt? Ihr Vorgesetzter und der meinige, der Mann, von dem ein Federzug genügt, um unsere beiden Köpfe unter die Guillotine zu bringen. Soll ich ihn rufen, wenn er hier vorüber kommt? Soll ich ihm sagen, der Oberaufseher Danville widersetze sich seinen Befehlen? Soll ich? Soll ich?« Mit diesen Worten breitete Lomaque den Verhaftbefehl vor den Augen Danville’s aus und zeigte ihm die Unterschrift mit dem Knopf seines Stockes. Die Erinnerung an die Guillotine hatte Danville bescheidener gemacht. — Er sah die Unterschrift an, während Trudaine mit verschränkten Armen zugehört hatte und seiner Schwester fortwährend Mut einflößte. Dann sagte er zu Lomaque: »Bürger, wir sind bereit, tut Eure Pflicht!«

Die Musik auf der Straße wurde immer lauter, das Fackellicht immer heller, die Menschenmenge war gerade unter den Fenstern des Hauses. Diesen Lärm benutzte Lomaque und flüsterte Trudaine zu: »Ich habe den Hochzeitabend und die Bank am Seine-Ufer nicht vergessen!« Noch ehe Trudaine antworten konnte, hatte der alte Mann Rosa’s Hut und Mantel genommen, um es ihr zu geben.

Danville stand stumm und zitternd da, als er die Zurüstungen zu dem Abführen sah; er hatte nur ein oder zwei Worte leise, sehr leise zu seiner Frau gesprochen.

»Die Möbel und Bettstücke sind alle fest versiegelt,« meldete Magloire an Lomaque, welcher ihm zuwinkte und befahl, dass die Agenten sich in Bereitschaft halten möchten.

»Alles in Ordnung!« meldete der Agent zum zweiten Male; diesmal musste er fast schreien, sonst wäre er nicht verstanden worden, so tobte die Menge, welche Robespierre begleitete, und die nun gerade an dem Hause vorüberzog. Das Fackellicht erleuchtete hell das Zimmer, als Lomaque eben den Befehl aussprach:

»In das Gefängnis von Sankt Lazarus!«



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel

Zwei Tage nachdem Trudaine und seine Schwester verhaftet worden waren, stand der Hauptkerkermeister von Sankt Lazarus vor seiner Tür und rauchte sein Morgenpfeifchen, als er sah, dass Lomaque, der Chef der zweiten Sektion der geheimen Polizei, durch das Gitter in den Hof trat.

»Guten Morgen, Herr Lomaque,« rief der Hauptkerkermeister, »was führt Sie denn schon so früh zu mir? Vergnügen oder Geschäfte?«

»Heute fand ich gerade eine unbeschäftigte Stunde,« entgegnete Lomaque, »da ging ich denn ein Wenig aus, und da mich der Zufall bis vor das Gefängnis von Sankt Lazarus führte, so wollte ich gleich mal hören, wie Sie sich befinden, mein Freund?«

»Ach, wie glücklich sind Sie, doch noch einige müßige Stunden zu finden,« entgegnete der Hauptkerkermeister, »ich bin leider überladen mit Arbeit, denn die Guillotine arbeitet für uns noch zu langsam.«

»Müsst Ihr Euch auch schon mit den Gefangenen bei dem Frühstück beschäftigen?« fragte Lomaque sehr unbefangen.

»Ja doch, ja! Von früh bis spät! Kommen Sie, Freund Lomaque, besehen Sie sich doch einmal die Gesellschaft,« sagte der Kerkermeister, der von seinen Gefangenen wie von einer Gemälde-Sammlung sprach.

Lomaque nickte zustimmend und sah dabei ungemein gleichgültig aus. Der Kerkermeister führte ihn in das Innere einer Halle und zeigte mit seiner Pfeifenspitze auf die Gefangen. »Seht, das ist unser Morgenimbiss, Bürger, gerade bereit zum Einnehmen!«

In einer Ecke der Halle standen und saßen mehr denn dreißig Personen von verschiedenem Geschlecht und Alter. Die einen starrten stumm vor sich hin, andere lachten und plauderten. Nahe bei ihnen befanden sich die beaufsichtigenden Bürger-Wachen; zwischen der Wache und den Gefangenen saß der zweite Kerkermeister eben mit seinem Frühstück beschäftigt. — Lomaque’s scharfes Auge fand bald das, was er heimlich suchte; Trudaine und seine Schwester. — Beide standen außerhalb der eigentlichen Gruppe und sprachen mit einander.

»Nun, Apollo,« redete der Hauptkerkermeister den zweiten Kerkermeister mit seinem Spitznamen an, »ermüdet Dich dieses furchtbare Geschwätz hier nicht?«

»Ich bitte Dich, tue mir den Gefallen und lies heute Nachmittag während meiner Abwesenheit die Liste der Guillotine und bezeichne die Türen der Gefangenen, die morgen sterben werden, mit Kreide, bevor der Karren kommt, der sie abholen wird.«

»Doch trinke heute nicht so viel, Apollo, hörst Du, dass keine Verwechselung mit der Totenliste geschieht.«

»Na, nu,« sagte Lomaque, wir haben jetzt den heißen Juli, da ist man durstig,« mit diesen Worten klopfte er seinem Freunde auf die Schultern und setzte hinzu: »Warum haben Sie sich denn so mit dem Frühstück beeilt? Ich habe heute Zeit, kann ich Ihnen vielleicht helfen, jene Leute dort in den Gang zu setzen?«

»Ja, helfen Sie nur, Freund Lomaque,« sagte der Hauptkerkermeister, und der Chef der geheimen Polizei fing nun auch an, die Gefangenen in Reihe und Glied zu bringen.

Er suchte sich Trudaine zu nahen und machte ihm ein Zeichen des Einverständnisses, dann nahm er ihn ziemlich unsanft bei den Schultern und sagte: »so, Sie werden hier mit Ihrer jungen Frau den Schluss decken!«

Trudaine fühlte ein Stück Papier zwischen Nacken und Halstuch. — »Mut!« flüsterte er seiner Schwester zu, die bei Lomaque’s Scherzen heftig zitterte.

So setzte sich nun der Zug zu dem Verhör nach dem Tribunal-Gericht in Bewegung. Die Wache und der bucklige zweite Kerkermeister begleiteten die Gefangenen. Lomaque wollte sie auch begleiten, aber der gastfreundliche Hauptkerkermeister sagte: »Ach, lassen Sie nur den Kollegen allein bei den Gefangenen und kommen Sie zu einem Glas Wein herein!«

»Ich danke,« entgegnete Lomaque, »ich ziehe es vor dieses Geschwätz noch weiter mit anzuhören. Vielleicht komme ich am Nachmittag. Wann gehen Sie denn zu Ihrer Sitzung? Um zwei Uhr? Gut, ich werde gleich nach ein Uhr hier sein.« Mit diesen Worten nickte er seinem Freunde zu und entfernte sich.

Als Lomaque zu dem Tribunal kam, sollte eben das Verhör beginnen. Das vorzüglichste Meublement des Gerichtssaales war ein großer, mit grünem Stoffe bedeckter Tisch. An diesem saßen der Präsident und andere Herren des Tribunals mit bedeckten Häuptern. Dem Tische gegenüber befanden sich Bänke für das Publikum, die meist von Frauen besetzt waren, die sich hier mit ihren verschiedenen Beschäftigungen niedergelassen hatten. Einige strickten, andere nähten, kurz, sie schienen ganz heimisch zu sein an der Gerichtsstätte. Zwischen Tisch und Publikum war ein von einem Gitter eingefasster Raum für die Angeklagten und ihre Wächter.

Die Sonne schien hell und freundlich durch ein hohes Fenster und ein heiteres Sprechen hallte durch den Raum, als Lomaque eintrat.

Er war hier als Polizist eine begünstigte Persönlichkeit, darum trat er auch durch eine besondere Tür in den Saal, umschritt erst den Raum, wo die Gefangenen standen, und dann erst begab er sich auf einen Sitz hinter dem Stuhle des Präsidenten. Trudaine stand mit seiner Schwester wieder außerhalb der Andern, und er machte Lomaque ein Zeichen; denn er hatte schon Gelegenheit gefunden, den zugesteckten Zettel zu lesen. Sein Inhalt hieß: .

»Ich habe eben entdeckt, wo Bürger und Bürgerin Dubois sich aufhalten. Gestehen Sie nichts. So nur werden Sie Ihr eigenes Leben und das Ihrer Schwester retten können!«

Danville. Magloire und Picard waren auch in dem Saale anwesend.

Danville konnte man die Angst von dem Gesicht ablesen.

Von Zeit zu Zeit nahm er sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ruhe!« rief jetzt der Thürsicherer mit heiserer Stimme. »Ruhe!« Mit diesen Worten schlug er mit einem dicken Knüttel auf den Tisch. »Ruhe! der Präsident wird sprechen!«

Der Präsident erklärte nur, dass die Sitzung nun eröffnet sei. Aber man hörte in diesem Augenblick einen dumpfen Fall unter den Gefangenen und man bemerkte eine lebhafte Bewegung. Zwei ihrer Wächter geboten Ruhe; dann folgte tiefes Schweigen, welches aber durch das Hinzutreten eines Mannes abermals unterbrochen wurde. Er hielt ein mit Blut gefärbtes Messer in der Hand, das er auf den Tisch niederlegte und sagte: »Bürger, ich habe zu berichten, dass sich soeben der eine der Gefangenen selbst gemordet hat!t« — Ein Murmeln lief durch den weiten Saal. — »Ist das Alles? Wie ist sein Name?« fragte der Präsident.

»Martigné,« antwortete der bucklige Kerkermeister und ging zu dem Tisch, um weitere Notizen aufschreiben zu lassen.

»Nähere Beschreibung?«

»Hoflieferant und Wagenfabrikant des Tyrannen Capet.«

»Angeklagt?«

»Der Verschwörung im Gefängnis«

Der Präsident schrieb das Alles auf und schloss seine Notizen mit den Worten: »Griff dem Gesetze vor und tötete sich selbst; eine Handlung, die dazu berechtigt, seine Güter und sein Vermögen einzuziehen. 1. Termidor, zweites Jahr der Republik.«

»Ruhe!« gebot der Mann mit dem Knüttel von Neuem, als der Präsident seine Notizen mit Sand bestreute. »Bringen Sie den Toten fort,« sagte er und schlug sein Buch mit den Notizen zu.

»Ist noch etwas Besonderes für heute?« fragte der Präsident und blickte nach den Leuten hinter sich.

»Ja, Etwas,« sagte Lomaque und ging zu dem Stuhle des Präsidenten. »Wollen Sie, so verhören Sie Louis Trudaine und Rosa Danville zuerst. Zwei von meinen Leuten sind hier in diesem Falle als Zeugen vorgeladen, und da die Republik ihrer Dienste bedarf, so möchte ich, dass sie bald verhört werden.«

Der Präsident überflog die vor ihm liegende Liste und beauftragte den Aufrufer die Namen zu verlesen und die Angeklagten vor die Schranken zu bringen.

Wie Lomaque zurückging, näherte sich ihm Danville und flüsterte ihm zu: »Es geht ein Gerücht, dass Sie wissen sollen, wo sich Bürger und Bürgerin Dubois aufhalten, ist es so?«

»Ja,« antwortete Lomaque, »aber ich habe den Befehl, das Geheimnis für mich zu behalten.«

Danville ärgerte sich über den Ton, in welchem sein Unterbeamter ihm diese Frage beantwortet hatte.

»Louis Trudaine! Rosa Danville« rief die Stimme des Beamten.

Beide Gerufenen erschienen vor dem Tisch. Der erste Blick auf ihre Richter, der andere aus die hier versammelte Menge schienen Rosa niederschmettern zu wollen. Sie wurde bleich und rot Dann lehnte sie sich an die Schulter ihres Bruders, dessen Herz sie schlagen fühlte, und weinte leise.

»Nun!« sagte der Präsident und schrieb ihre Namen auf. »Angeklagt durch wen?«

Magloire und Picard traten zu dem Tisch, und der erstere antwortete: »Durch den Bürger Danville.«

Diese Antwort erregte großes Aufsehen unter Gefangenen und Publikum.

»Wessen angeklagt?« fragte der Präsident weiter.

»Der männliche Gefangene der Verrätherei gegen die Republik; der weibliche der Mitwissenschaft dieser Verrätherei.«

»Die Beweise?« fuhr der Präsident ordnungsmäßig fort.

Picard und Magloire legten ihre Entwürfe vor, die sie an jenem Abende in dem Dienstzimmer vorgelesen hatten.

»Gut!« sagte der Präsident, nachdem dieselben laut verlesen waren. »Haben Sie Ihre Anklage vernommen?« fragte er zu den beiden Gefangenen gewendet. »Haben Sie noch Etwas hinzuzufügen? Ist dies der Fall, so fassen Sie sich sehr kurz, denn unsere Zeit ist kostbar!«

»Ich wünsche für meine Schwester und für mich zu sprechen,« antwortete Trudaine, »so werde ich die Zeit des Tribunals am wenigsten beanspruchen; denn ich werde sogleich ein Geständnis ablegen.

Eine außerordentliche Stille herrschte im Saale als Trudaine das Folgende aussagte:

»Ich gestehe, dass ich mich heimlich nach dem Hause in der Rue Cléry begab. Ich gebe zu, dass die Person, welche ich dort sprach, die in der Anklage erwähnte ist. Und ich bekenne, dass wir die Wege besprachen, auf welchen wir Frankreich verlassen könnten. Aber wir haben nie daran gedacht, die gegenwärtige politische Regierung mit in unser Gespräch zu ziehen; folglich bin ich auch nicht eines Vergehens gegen die Republik schuldig. Die Person, mit welcher ich dort sprach, hat keinen Einfluss auf die Politik, noch hat sie Bekanntschaft mit Personen, die in der Politik eine Rolle spielen, deshalb bin ich nun auch kein Verräter des Vaterlandes.«

»Sind Sie bereit, dem Gerichtshofe hier mitzuteilen, wo sich das Ehepaar Dubois jetzt aufhält?« fragte der Präsident.

»Ja, ich bin dazu bereit,« antwortete Trudaine, »doch zunächst erlauben Sie mir ein Wort über meine Schwester zu sagen, die mit mir hier vor Ihnen steht.« Seine Stimme zitterte, als er bemerkte, wie Rosa ihre Augen zu ihm erhob. »Ich bitte das Tribunal meine Schwester von Allem frei zu sprechen, woraus mir ein Verbrechen gemacht wird. Sie konnte mir in nichts beistehen, noch stand sie mir bei. Ist Jemand zu tadeln, so kann ich es nur allein sein.«

Er wurde plötzlich verwirrt und hielt ein, denn Rosa wisperte ihm zu: »Nein, mein Louis, kein Opfer!« Dann machte sie sich von ihm los und richtete sich auf, kräftig, kühn, das Auge auf die Richter geheftet.

»Still! stillt« tönte es durch den Saal, »sie will sprechen!«

Und sie sprach mit ihrer schönen silberhellen Stimme: »Mein Herr Präsident.« Ein verwirrtes Murmeln lief durch die Versammlung:

»Sie ist eine Aristokratin! Eine Aristokratin!« hörte man die Weiber murren.

»Bürger-Präsident,« rief ihr Bruder. »Meine Schwester ist verwirrt, sie kann nicht sprechen. Ich flehe das Tribunal an, kein Gewicht auf das zu legen, was meine Schwester aussagen wird. Die Angst dieser Tage hat ihren Geist verwirrt gemacht. Sie ist nicht verantwortlich für ihre Worte. Ich erkläre dies feierlich vor den Anwesenden.«

»Sie soll sprechen! Sie muss sprechen!« riefen die Weiber auf der Tribüne.

»Ruhig, Ihr Weiber hier!« rief der Mann mit dem Knüttel. »Der Herr Präsident hat das Wort.«

»Der Angeklagte hat das Wort,« erklärte der Präsident; »wünscht die weibliche Angeklagte zu sprechen, so wird ihr später das Wort erteilt werden. Nun fahren Sie fort mit Ihrem Bekenntnis, Gefangener Trudaine,« sagte der Präsident, »aber sprechen Sie nur von sich, nicht mehr von Ihrer Schwester. Sprechen Sie zunächst über Dubois, doch fassen Sie sich kurz!«

»Ich bin bereit,« entgegnete Trudaine.

»Der Bürger Dubois ist ein Diener. Die Bürgerin Dubois ist die Mutter von dem Manne, der mich hier anklagte, die Mutter des Oberaufsehers der Geheimen Polizei, die Mutter Danville’s!«

Ein lautes Murmeln von mehr als hundert Stimmen ließ sich hören. Dass Trudaine die Wahrheit gesagt, ließ sich nicht einen Augenblick bezweifeln, denn der Mann, der so teilnahmslos und sorglos hinter dem Sessel des Präsidenten gesessen hatte, war plötzlich ohnmächtig geworden und man rief: »Macht Platz! Der Ober-Aufseher Danville ist krank geworden!«

Die unbeschreibliche Szene, welche sich vor dem Tribunale abspielte, veranlasste den Präsidenten, die Aussagen Trudaine’s so lange aufzuheben, bis Bürger Danville durch die frische Luft gestärkt, in die man ihn hinaus begleitet hatte, zurückgekehrt sei. Dann befahl er, dass Rosa jetzt sprechen möge.

»Der Hof wünscht Ihre Aussagen zu hören, Rosa Danville,« hob der Präsident wieder an.

Obgleich bleich wie der Tod und mit zitternder Stimme begann die junge Frau:

»Ich werde dem Beispiele meines Bruders folgen und mein Geständnis so offen ablegen, wie er das seinige ablegte. Ich wünsche keine Rettung, wenn für ihn keine zu erwarten ist. Wohin er geht, wenn er diese Stelle hinterlässt, dahin werde ich ihm folgen; was er leidet, will ich erleiden; stirbt er, so wird Gott mir verzeihen, wenn ich mutig mit ihm sterbe.« Sie hielt einen Augenblick im Sprechen ein und wandte sich halb zu ihrem Bruder, dann fuhr sie fort: »Er teilte mir eines Tages mit, dass er die Mutter meines Mannes als arme Frau verkleidet, in Paris gesehen habe. Wir glaubten, sie habe Paris lange verlassen und zwar schon früher, bevor wir hierher kamen. Sie erzählte jedoch meinem Gatten, dass sie mit der, Hilfe eines treuen Dieners nur bis Marseille gekommen sei; als sich ihr dann Hindernisse in den Weg gestellt hätten, sei sie hierher zurückgekehrt, dieses Hindernis als eine Warnung des Himmels betrachtend, dass sie ihren Sohn nicht verlassen möge und so nahm sie den Namen ihres Dieners an, und lebte hier in strengster Zurückgezogenheit, ohne dass ihr Sohn von ihrem Aufenthalte Kenntnis hatte. Mein Bruder warnte sie, aber sie hörte nicht auf ihn. Ich bat, dass mein Bruder sie noch einmal auf das Gefährliche ihrer Lage aufmerksam machen möchte. Ich hoffte mir dadurch meines Mannes Liebe wieder zu erobern, und gleichzeitig meinen Mann und meinen Bruder zu versöhnen, wenn letzterer die Mutter aus Paris zu gehen bereden könnte.

»Mein Bruder hat Alles für mich und mein Interesse gewagt, gönnen Sie mir nun auch, dass ich wenigstens seine Strafe teilen darf,« schloss die junge Frau mit tränenden Augen.

Das Publikum hatte Rosa schweigend zugehört und schwieg auch noch still als sie geendigt hatte.

Der Präsident sah seine Kollegen an und schüttelte dann sein Haupt nachdenklich.

Die Aussage der weiblichen Gefangenen vervollständigt die Angelegenheit sehr ernst, sagte der Präsident.

»Ist Jemand hier anwesend, der zusagen weiß, wo die Mutter des Ober-Aufsehers Danville und ihr Diener jetzt verweilen?« fragte er.

Lomaque trat zu dem Präsidententisch und sagte: »Ich habe einen Bericht erhalten, wo die Mutter des Ober-Aufsehers Danville und ihr Diener jetzt verweilen.«

»Wo sind sie?« fragte der Präsident.

»Sie und ihr Diener sind bei Köln gesehen worden, aber seitdem sie in Deutschland sind, ist es unmöglich ihnen weiter nachzuforschen.«

»Wissen Sie etwas Näheres über die Ausführung des alten Dieners während seiner Anwesenheit hier?« fragte der Präsident.

»Ja, er war kein Mensch, der verdächtig erschien. Er scheint seine Anhänglichkeit und Arbeit nur der einen Person, der er diente, zu widmen.«

»Haben Sie Grund anzunehmen, dass Bürger Danville Mitwisser der Abreise seiner Mutter von Paris ist?«

»Das weiß ich nicht! Aber es kann ermittelt werden, wenn ich Zeit erhalte, mich mit Persönlichkeiten in Lyon und Marseille darüber zu verständigen.«

In diesem Augenblick kam Danville ins Zimmer zurück und schritt auf den Tisch zu. Chef und Ober-Aufseher blickten sich einen Moment fest einander an.

»Er hat seine Geistesgegenwart wieder gefunden, die bei der Aussage Trudaine’s von ihm gewichen war,« sagte Lomaque zu sich selbst.

»Bürger-Präsident,« fragte Danville, »ich erlaube mir die Frage, ob Jemand während meiner Abwesenheit meine Ehre anzugreifen wagte?«

Er sprach vollkommen ruhig, wagte aber Niemand anzusehen, sondern blickte auf die grüne Tischdecke vor sich hin.

»Die weibliche Gefangene hat Geständnisse gemacht, die sich hauptsächlich auf ihren Bruder und sie selbst beziehen,« antwortete der Präsident, »hat aber auch zufällig erwähnt, dass Ihre Mutter, gegen das Gesetz der Republik, aus Frankreich ausgewandert ist. Dieser Teil der Aussage dürfte Sie nun auch wohl ernst verdächtigen.«

»Sie sollen mich nicht länger verdächtigem und auf meine eigene Gefahr bekenne ich, dass ich es gewusst habe, als meine Mutter Paris zum ersten Male verließ.« Diese Worte begleitete Danville mit theatralischen Gebärden seiner Arme.

Zischen und Geschrei aus der Menge folgte diesem Geständnis Erst blickte er verwirrt um sich, dann aber sagte er: »Bürger, Ihr habt das Geständnis meines Fehlers vernommen, jetzt hört aber auch von dem Opfer, welches ich dafür auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt habe.«

Er wartete mit der weiteren Aussage bis der Secretair des Tribunals seine Worte niedergeschrieben hatte.

»Schreiben Sie sorgfältig jedes meiner Worte auf, Bürger,« fuhr er fort; »denn Leben und Tod hängt an meiner Aussage.«

Der Secretair nickte, dass er zum Schreiben bereit sei, tauchte seine Feder ein und wartete.

»In dieser Zeit des Ruhmes und der Prüfungen für Frankreich,« hob Danville feierlich an, »hat fast jeder gute Bürger sein Privatwohl und seine Familieninteressen, denen des Vaterlandes untergeordnet.

»Bei dem ersten Versuche den meine Mutter, Frankreich zu verlassen, machte, brachte ich dem Vaterland das herrische Opfer, welches der wahre Patriotismus erfordert. Meine Lage war noch fürchterlichen als die des Brutus, der seinen eigenen Sohn aus Vaterlandsliebe verurteilte — Ich hatte nicht die Kraft und den Mut des alten Römers, um ein Gleiches zu tun Ich fehlte, Bürger, fehlte wie Coriolan, als dessen erhabene Mutter ihn um die Errettung Rom’s anflehte. Dafür hätte ich verdient, dass die Commune mich von sich ausgestoßen hätte, aber ich entschlüpfte dieser Strafe, und, um zu sühnen, worin ich gefehlt, bot ich dem Vaterland meine Dienste an. So verging einige Zeit, und meine Mutter machte zum zweiten Male einen Versuch, sich aus Frankreich zu entfernen, und zum zweiten Male kam meine Bürgertugend in Versuchung. Aber wie befreite ich mich von meiner Schwäche? — Bürger, seht, dort steht der Verräter! Der Vaterlandsfeind, den ich selbst dem Tribunal anzeigte, weil er es war, der meiner Mutter zur Flucht verhelfen wollte!« Mit diesen Worten zeigte er auf Trudaine, »so wusch ich mich rein von, allen Sünden gegen Frankreich! Hier stehe ich nun, der patriotische Sohn, der die Mutter aufgab um des Vaterlandes willen.« Mit diesen Worten schlug sich Danville vor die Brust und blickte sich nach Beifall um. —

Der Präsident warf die Frage auf: »Wussten Sie zu der Zeit als Sie Trudaine anzeigten, dass er sich mit der Flucht Ihrer Mutter beschäftige?«

»Ja!« entgegnete Danville.

Die Feder des Präsidenten fiel aus seiner Hand; die andern Beamten blickten düster schweigend vor sich nieder.

Man hörte die Worte: »Ungeheuer! Ungeheuer!« sich von Mund zu Mund verbreiten. Die Mütter, welche sich im Auditorium befanden, schienen am meisten durch den kecken Sprecher vor den Schranken verletzt. —

Lomaque’s Antlitz war bei Danville’s Aussagen totenbleich geworden und der alte Mann murmelte still vor sich hin: »Jetzt sind sie verloren!«

Rosa’s Gesicht lehnte sich wieder gegen die Schulter ihres Bruders und an den Arm, den er, um sie zu stützen, um sie gelegt hatte. Eine der weiblichen Gefangenen versuchte Rosa ebenfalls zu ermutigen; die Aussagen ihres Mannes schienen ihr Herz brechen zu wollen. Endlich flüsterte sie ihrem Bruder zu: »Louis, ich bin zum Sterben bereit, denn ich kann nicht länger mit dem Gefühle leben, dass ich jenen Mann einst heiß geliebt habe!«

Dann schloss sie ihre Augen, als wollte sie sich der Gegenwart entziehen; sie sprach nicht weiter.

»Noch eine andere Frage,« sagte der Präsident, »wussten Sie, dass Ihre Frau von der Verrätherei ihres Bruders Kenntnis hatte?«

Danville überlegte einige Augenblicke, dann sagte er: »Ich wusste nichts davon; denn ich war nicht in Paris anwesend, als meine Frau denunziert wurde.«

Selbstsüchtig und klug sprach er nun so leise, dass das gespannt lauschende Publikum, welches seine früheren Aussagen so unfreundlich aufgenommen hatte, nichts verstehen konnte. Er beugte sich über den grünen Tisch und drehte dem Publikum den Rücken. Der Präsident richtete sich mit der Frage an die Gefangenen: »Haben Sie Etwas zu den Aussagen des Bürger Danville zu sagen?«

»Er hat sich durch seine Falschheit selbst schon gerichtet,« sagte Trudaine, »wenn seine Mutter hier erscheinen könnte, so würde sie dies sogleich beweisen können.«

»Können Sie keine andern Beweise bringen?« fragte der Präsident.

»Ich kann es nicht!« antwortete Trudaine.

»Bürger und Oberaufseher Danville,« ließ sich der Präsident vernehmen, »Sie können sich zurückziehen, Sie haben hier nichts mehr zu tun! Ihrer Römertugend gebührt die Bürgerkrone. — Gehen Sie jetzt, wenn Sie wollen!«

Danville verließ das Haus durch die öffentliche Tür Die Weiber murrten ihm laut nach; schwiegen aber, als der Präsident zu seinen Kollegen gewendet sprach: »Das Urteil!«

»Das Urteil!« rannte sich die Menge zu, »still, das Urteil!«

Nach einer Beratung von wenigen Minuten erhob sich der Präsident und sprach die verhängnisvollen Worte:

»Louis Trudaine und Rosa Danville! Nachdem das Tribunal die Anklage wider Euch gehört und Eure eigenen Aussagen erwogen hat, findet es Euch des Verrats gegen das Vaterland und somit des Todes schuldig!«

Nachdem er dieses Urteil gesprochen, setzte er sich wieder nieder, bezeichnete die Namen der Verurteilten in der Liste, und ließ einen andern Gefangenen aufrufen, dem das Publikum auch sogleich seine Aufmerksamkeit schenkte.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel

Das Wartezimmer des Tribunal-Gerichts war ein großer Raum, mit gepflastertem Fußboden und Bänke zogen sich längs der Wände hin. Das Fenster war sehr hoch und vergittert. An der Ausgangstür, welche unmittelbar auf die Straße führte, standen zwei Schildwachen. Als Lomaque aus dem Gerichtssaale kam, fand er den Raum ganz leer von Menschen. Da ihm Einsamkeit jetzt lieb war, blieb er in dem Wartezimmer und ging darin langsam auf und ab.

Nach einer Weile öffnete sich die Tür des Gerichtssaales wieder, und der bucklige Unterkerkermeister kam heraus mit Trudaine und Rosa.

»Ihr habt hier zu warten,« sagte der kleine Mann, »bis die Andern verhört sind, dann führe ich Euch Alle mit einem Male ins Gefängnis zurück!«

Dann erblickte er Lomaque an dem andern Ende des großen Zimmers und rief: »Ach Bürger, sind Sie noch hier? Wenn Sie noch etwas Zeit übrig haben, möchte ich Sie um eine Gefälligkeit ersuchen?«

»Ich habe Zeit,« erwiderte Lomaque gleichgültig.

»Gut,« entgegnete der Kleine, »ich habe Verteufelten Durst und möchte einen Schluck Wein trinken gehen. Möchten Sie wohl die Zwei dort etwas bewachen? »Fort können sie nicht, denn das Fenster ist vergittert, draußen an der Tür ist die Schildwache und drinnen der Gerichtshof. Es ist also Nichts zu wagen, wenn Sie mir helfen wollen.«

»Ja, ja, ich werde hier bleiben,« entgegnete Lomaque.

»Ich denke,« sagte der bucklige Kleine. »Sollte ich gerufen werden, so sagen Sie nur, dass ich auf einige Minuten hinausgehen musste« Mit diesen Worten humpelte er fort.

Kaum war der Kerkermeister hinaus, so ergriff Trudaine den Arm Lomaque’s und flüsterte: »Um Gotteswillen, rettet sie! Hier ist Gelegenheit dazu, rettet sie!« Sein Gesicht glühte, seine Brust wogte und der Chef-Agent fühlte seinen heißen Atem an seinem eigenen Halse. »Erinnern Sie sich an meinen Vater und retten Sie mir die Schwester! Denken Sie an die Worte, die Sie mir bei dem Verhaften zuflüsterten. Kann ich allein sterben, so will ich meinen männlichen Mut bis zum letzten Augenblick bewahren, ist sie aber an meiner Seite auf dem Wege zum Schaffen so werde ich den Tod eines Feiglings sterben. Ich habe bisher nur für sie gelebt, lasst mich nun für sie sterben und ich werde glücklich sterben.« Er konnte nicht weiter sprechen, seine Kraft schien gebrochen; er zeigte nur noch auf die Bank, wo Rosa gesenkten Hauptes saß.

»Draußen sind zwei Wachtposten, das Fenster ist Vergittert, Sie sind ohne Waffen, es ist unmöglich von hier zu entkommen,« antwortete Lomaque.

»Unmöglich!« wiederholte Trudaine wütend »Sie Feigling! Sie Verräter! Können Sie sich ansehen in ihrer unschuldigen Trübsal und mir dann noch so kühl sagen, Flucht sei hier unmöglich?« Mit diesen Worten erhob er in seiner Wut und Angst die Hand gegen Lomaque. —

»Sie sind von Sinnen,« sagte der Chef der geheimen Polizei, »stören Sie nicht die kostbaren Minuten durch sinnlose Pläne, ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen«

Trudaine ließ seine ausgestreckte Hand sinken und seine Züge veränderten sich vollständig. »Ich höre,« sagte er und legte seinen heißen Kopf an die Wand.

Lomaque sprach im Flüsterton: »Ich will Ihnen jetzt eine Mitteilung machen, die Sie aber Ihre Schwester nicht früher wissen lassen dürfen, bis ich Ihnen die Erlaubnis dazu gebe. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort darauf! Wenn Ihre Schwester in dieser Nacht von dem nahen Tode spricht, geben Sie ihr keine Hoffnung, hören Sie; denn es ist möglich, dass ich Sie nicht werde retten können. — Ich schmiede Rettungspläne.« — Mit diesen Worten zog er sein Notizbuch hervor und sagte: »Beantworten Sie jetzt, was ich frage: Sie sind Chemiker, wissen Sie irgend einen Saft, der Geschriebenes von dem Papier zu verlöschen im Stande ist, so schreiben Sie ihn hier auf?«

»Gewiss!« entgegnete Trudaine, »ist das Alles?«

»Nein,« sagte Lomaque. »Schreiben Sie jetzt hier den Namen und die Anwendung der Flüssigkeit genau auf.«

Trudaine gehorchte.

»Das ist der erste Schritt,« sagte Lomaque und steckte das Buch wieder ein.

»Vergessen Sie nicht,« fügte er hinzu, »dass ich meinen eigenen Kopf in Gefahr bringe, indem ich Sie und Ihre Schwester zu retten suche. Ich werde die Totenliste verlesen, und da wird es mir möglich sein, den Einen oder den Andern zu retten. Sagen Sie mir noch keinen Dankt Hören Sie nur, denn unsere Zeit ist streng gemessen.

»Der Präsident hat ein Zeichen bei Ihren Namen gemacht, welches Ihr Todesurteil bedeutet. — Ist dies Sitzung vorüber, so wird diese Liste Robespierre zugeschickt, der Abschriften davon machen lässt und diese dann seinen Kollegen zur Durchsicht vorlegt. Ich bin derjenige Beamte, der zuerst die Kopien dieser Listen zu bearbeiten hat, dann wird das Original mit den Kopien entweder durch Robespierre oder einen seiner Vertrauten geprüft und danach erst nimmt die Original-Liste durch meine Hand ihren Weg ins Gefängnis zurück. — Dann wird sie öffentlich im Gefängnis vorgelesen und dann erst erhält sie der Kerkermeister, der jedes mal des Abends die Türen außerhalb mit Kreide bezeichnet, hinter denen die Gefangenen sitzen, die am nächsten Morgen sterben müssen. Diese Pflicht hat heute der Unterkerkermeister übernommen, der ein Säufer ist; ich gedenke ihn nun heute so betrunken zu machen, dass ich ihm die Liste mit den Namen derer, die morgen sterben sollen, aus der Tasche nehmen kann, d.h. nachdem sie bereits öffentlich verlesen worden ist, doch — bevor er die Türen mit Kreide bezeichnet. Ich werde dann Ihren Namen mit der chemischen Flüssigkeit auslöschen und — ist mir dies gelungen, so wird Ihre Kerkertür unbezeichnet bleiben und Ihre Namen werden nicht verlesen werden, wenn morgen früh der Henkerskarren kommen wird. Da jeden Tag neue Gefangene vor dem Tribunal erscheinen, so wird sich schon eine Gelegenheit finden, für weitere Rettung in acht oder zehn Tagen.«

»Nun!« rief Trudaine schnell aus. —

Lomaque blickte zur Tür des Saales und fuhr in leisestem Tone fort: »In nächster Zeit wird vielleicht Robespierres eigener Kopf gefallen sein! — Frankreich ist der Schreckenszeit müde! Es finden schon geheime Zusammenkünfte in der Nachtzeit statt. Es gibt einen schnellen Wechsel in der Regierung Robespierre hat es seit Wochen nicht gewagt, vor dem Comité der Konvention zu erscheinen. Er hält seine Reden nur vor seinen Freunden im Jakobinerklub. Man spricht von entsetzlichen Entdeckungen durch Carnot und von riesigen Entschlüssen, die Tallien gefasst haben soll. Die wachsamen Männer unserer Tage sehen, dass die Tage des Schreckens zu Ende gehen.

»Geht Robespierre unter, so sind Sie und Ihre Schwester gerettet. Bleibt er am Ruder, so können Sie nach der Entdeckung, dass Sie noch leben, auch nur das tun, wozu Sie heute bestimmt sind. — Ich lege meinen Kopf dann auch unter das Beil! — So, das ist Alles, was ich für Sie tun kann!«

Trudaine wollte danken, aber Lomaque gestattete es nicht, denn er sagte, »ich tue es im Andenken an Ihren Vater, im Andenken an die Ereignisse vor fünf Jahren, im Andenken an die Tasse Kaffee, die mir Ihre Schwester warm stellte. Danken Sie mir nicht; ich habe nach einem wechselvollen Leben das Bedürfnis nach einer guten Tat, außerdem bin ich lebensmüde, habe wenig Freuden erfahren, war ein steter Ball der Launen Anderer. Ich habe nichts von diesen elenden Lebensstunden als Plage und Not —

»Ihre Schwester reichte mir freundlich eine Tasse Kaffee, ich bin so artig, ihr ein elendes Leben dafür zu Füßen zu legen, das ist Alles! Es wäre also töricht, mir dafür zu danken!« —

Dabei schnippte der alte Mann mit den Fingern und stand auf, den buckligen Kerkermeister zu empfangen, der eben mit den Worten eintrat:

»Hat Jemand nach mir gefragt?«

»Nein, keine Seele!« antwortete Lomaque. »Welche Sorte tranken Sie denn?«

»Na, eine so ziemlich erträgliche, Freund,« lautete die Antwort.«

»Ah, ich werde Ihnen heute noch ein besonderes Weinchen vorsetzen,« sagte Lomaque, »denn ich komme noch nach Sankt Lazarus. Ich werde dann nach Ihnen fragen,« mit diesen Worten ging er fort.

Rosa saß still auf der Bank, sie sah weder ihren Bruder an, noch kümmerte sie sich um die Dinge um sie her. Sie war vollkommen gleichgültig gegen Alles.

Als ihr Bruder sich zu ihr setzte, nahm sie seine Hand und sagte freundlich: »Louis, lass uns recht beisammen bleiben, bis die Stunde kommt. Ich bin nicht furchtsam, denn ich habe nur Dich, der mir das Leben lieb macht und Du sollst ja auch sterben! — Erinnerst Du Dich, dass ich einst bedauerte, kein Kind zu besitzen? Ich dachte eben daran, wie schrecklich es jetzt wäre, wenn mir dieser Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Es ist jetzt ein Segen für mich, dass ich kinderlos bin. Lass uns von alten vergangenen Tagen sprechen, Bruder, nicht von meinem Mann, sondern von der Zeit wo wir noch eng bei einander lebten.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel

Der Tag schritt vor. Nach und nach kamen die Gefangenen aus dem Saale in das Wartezimmer; um zwei Uhr Mittags war Alles beendet, selbst die Totenliste gelesen und dem Beamten zur weiteren Besorgung übergeben. Der Gefängniswärter führte seine Truppe nach Sankt-Lazarus zurück.

Der Abend kam. Das Abendessen wurde von den Gefangenen eingenommen und die Totenliste noch einmal innerhalb des Hofraumes vorgelesen. Die Türen erhielten wie gewöhnlich die Kreidezeichnung. Louis Trudaine und seine Schwester bewohnten zusammen eine Zelle, es war dies auch eine Vermittlung durch Lomaque’s Schlauheit; beide erwarteten zusammen den grauenvollen Morgen. Rosa’s Gedanken waren nur mit dem wahren Tode beschäftigt, ihr Herz schlug so leise, als wenn der Todesengel schon seine Hand nach ihr ausgestreckt hielt. — Still und in sich versunken saß sie mit dem Kopfe an des Bruders Schulter gelehnt, ein Bild des Mitleids und der Ergebung.

Der Morgen kam und die strahlende Sonne tauchte im Osten glühend auf. — Es nahte schon die Stunde, die den Unglücklichen als eine ihrer letzten bezeichnet war. Trudaine lauschte, es nahten sich Schritte seiner Zelle. Der Schlüssel wurde umgedreht und die Tür geöffnet und er stand dem buckligen Kerkermeister und einem andern Beamten gegenüber.

»Siehst Du, da sind sie frisch und gesund in ihrer Zelle, wie ich es sagte und ich wiederhole Dir noch einmal, dass sie nicht mit auf der Totenliste gestanden haben. Du wirst mich doch nicht meine Pflichten kennen lehren, sieh Du nur danach; die Deinigen zu erfüllen, und betrinke Dich nicht! Ich weiß selbst, was ich zu tun habe,« sagte er zu dem Buckligen.

»Sei ruhig! Und lass mich lieber noch einmal auf die Liste sehen,« sagte der Andere. Zog dann seinen Kollegen von der Zelle fort und sah die Liste noch einmal durch.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich das begreife,« sagte der Mann, »nur kommt vor, als hätte ich die Namen gestern unten vorgelesen. Gib mir eine Priese! Wache ich denn oder schlafe ich noch, oder bin ich schon am Morgen besoffen!«

»Nüchtern!« sagte eine Stimme und stieß den Sprecher an, »denn ich sah Sie gestern Abend in ganz anderer Verfassung!«

»Ah, Sie sind es, Bürger Lomaque! Denken Sie nur, mir kommt vor, als hätte ich gestern hier die Namen der beiden Gefangenen auf der Totenliste selbst gelesen und jetzt finde ich sie nicht mehr darauf. Was sagen Sie dazu?«

»Ja,« sagte der andere Beamte. »denken Sie nur, Bürger, da er selbst betrunken war, ließ er mich die Türen bezeichnen, die heute unter die Guillotine kommen und da er seine rechte Hand nicht mehr von seiner linken unterscheiden konnte, ließ er mich eine falsche Tür bezeichnen. — Wäre er nicht ein so guter Kerl, so zeigte ich ihn an.«

»Sie haben ganz Recht,« sagte Lomaque, »er ist zwar gut, aber er hätte Sie auch nicht in solche Verlegenheit bringen sollen. — Sie können die Namen nicht in der Liste gelesen haben, weil sie eben nicht darauf gestanden haben! Doch machen Sie nicht so viel Lärm um solche Dinge. Heute zu Tage dürfen keine Zweifel im Dienste laut werden. Vernichten Sie lieber die Liste.«

»Lassen Sie mich doch sehen,« sagte Lomaque, »sind denn das wirklich die Gefangenen, bei denen ich im Wartezimmer blieb?« Der Kerkermeister schloss die Zelle noch einmal auf und Lomaque sah die Geschwister vor sich. Er wisperte schnell: »Die Vorsicht hat gewirkt! Sie sind für einige Tage gerettet.« Der Kerkermeister war nämlich nach einigen andern Türen gegangen. Danville ist gestern Abend auf ausdrücklichen Befehl Robespierres verhaftet. Er sitzt im Temple. Still! Der Kerkermeister kommt. Hoffen Sie! Doch nur von dem Wechsel der Politik. Teilen Sie Ihrer Schwester nur das Alles mit; trösten Sie sich jedoch nur mit dem Gedanken, dass die Rettung für einige Tage gesichert ist.«

»Und morgen?« fragte Trudaine.

»Denken Sie nur an heute, und lassen Sie den Morgen für den Morgen sorgen!«



Kapiteltrenner

Dritter Teil

Erstes Kapitel

An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1798 hielt die Postkutsche, welche stets die Tour zwischen Chalons-sur-Marne und Paris machte, vor der Tür der ersten Poststation jenseits Meaux still. Ein alter Mann stieg aus und begab sich in das kleine Wirtshaus in der Nähe der Post, welches einer Witwe Duval gehörte, die in dem Rufe stand, die beste Köchin und die redseligste Frau in der Umgegend zu sein. Der Reisende wurde nicht mit neugierigen Blicken von den ländlichen Müßiggängern betrachtet und ohne besondere Komplimente von der Gastwirtin empfangen, denn er hatte eben kein besonderes Aussehen. Hätten die guten Leute auf der Dorfstraße und besonders Madame Duval gewusst, dass der Reisende eine merkwürdige Persönlichkeit aus der Schreckenszeit, der Chef der geheimen Polizei von Paris unter Robespierre gewesen, er würde ihnen nicht so uninteressant erschienen sein,

Drei bis vier Jahre waren vorübergegangen, seitdem Lomaque aufgehört hatte, sein Polizei-Amt zu verwalten. Seine Gestalt war seit dieser Zeit gebeugter, sein Haar dünner geworden, aber sein Aussehen war doch im Allgemeinen ein gesünderes; auch seine Kleidung, wenngleich nicht elegant, war netter und reinlicher geworden, als die, die er früher zu tragen pflegte.

Er setzte sich nieder im Zimmer des Gasthauses und während die Wirtin Speise und Trank für ihn besorgte, zog er unter verschiedenen Papieren eine Karte hervor, auf welcher stand:

»Wenn die Verwirrungen vorüber sind, vergessen Sie die Personen nicht, die Ihnen ewig dankbar sein werden. Kommen Sie zur ersten Poststation hinter Meaux und fragen Sie dort in dem Wirtshaus nach dem Bürger Maurice, wenn Sie uns wiederzusehen wünschen.«

Frau Duval brachte den Wein und Lomaque fragte sie: »Können Sie mir vielleicht sagen, ob hier in der Nachbarschaft Jemand wohnt, der Maurice heißt?«

»Ob ich das weiß!« rief die Wirtin aus, »Bürger Maurice und seine liebenswürdige Schwester, Bürgerin Maurice, wohnen kaum zehn Minuten von hier entfernt. In einem reizenden Häuschen, in einer reizenden Gegend können Sie das reizende Geschwisterpaar finden,« erklärte die geschwätzige Frau. »Sie sind meine beste Kundschaft,« fuhr sie fort, »ich versehe sie mit Geflügel, Eiern, Brot, Butter, Gemüse, kurz mit Allem, was sie in ihrer kleinen Einsiedelei benötigen Die armen Leute haben ihre liebe Not gehabt! Sie sprachen zwar in der ersten Zeit wenig davon —«

»Ich bitte Sie, liebe Bürgerin, würden Sie wohl so gütig sein, mich gleich dorthin —«

»Warten Sie nur, ich muss doch erst aussprechen,« sagte die Wirtin und fuhr fort: »Vor drei bis vier Jahren, gerade zu der Zeit, als man dem Satan Robespierre den Kopf abgeschlagen hatte, sagte ich zu meinem Mann: sie wird sterben! Ich meinte die Bürgerin Rosa, denn sie waren elend und arm und wir gaben ihnen dann Kredit und borgten ihnen Nahrungsmittel, Brot, Butter, Geflügel, ich meine, den Leuten dort unten in dem kleinen Häuschen.«

»Liebe Frau, wo, wohnen sie denn?«

Das Geschwätz der Wirtin ging so weiter bis Lomaque noch einmal fragte: »Bürgerin, ich bitte, zeigen Sie mir den Weg, wo ich zu der Hütte gelange.«

»Sie schnurriger kleiner Mann, warum fragten Sie mich denn nicht früher?« sagte die dicke Wirtin »Trinken Sie nur den Wein aus und kommen Sie vor die Tür So, da haben Sie Ihr Geld gewechselt, nun kommen Sie und unterbrechen Sie mich nicht! Sie sind ein alter Mann, können Sie 40 Ellen vor sich sehen? So! Nun sehen Sie, wohin ich zeige! Dort liegt ein Haufen Steine, dann kommt ein kleiner Fußsteig dann kommen Sie zu einer Brücke, aber werden Sie das auch Alles behalten können? Dann kommt eine alte Wassermühle; — ich sage Ihnen, das ist eine prächtige alte Mühle! — Ach, Sie werden schon ungeduldig! Nun, Ihre Frau möchte ich wirklich nicht sein! Also wir sind an der Brücke —« doch Lomaque war schon weit von ihr, er hatte schon den Fußpfad erreicht, die Brücke überschritten und da sah er auch ein altes Häuschen mit weißen Vorhängen an den Fenstern; der Garten vor dem Hause enthielt sorgfältig gepflegte Blumenbeete. »Hier muss es sein,« sagte er sich, »denn ich sehe ihr Walten, bevor ich sie selbst erblicke,« und er klopfte mit seinem Stock an die Tür

Die Tür wurde geöffnet. »Bitte, wohnt hier Bürger Maurice?« — Lomaque sah aus einen dunklen Gang; — bevor er noch ausgesprochen, wurde seine Hand ergriffen, sein Reisegepäck ihm abgenommen und eine frohe Stimme rief: »Willkommen! Willkommen und tausend Mal willkommen!« tönte es noch ein Mal.

»Bürger Maurice ist nicht zu Hause, aber Louis Trudaine ist entzückt, seinen besten und einzigen Freund zu empfangen!«

»Ich erkenne Sie kaum wieder.« sagte Lomaque, »ich finde Sie sehr günstig verändert,« setzte er hinzu, als sie in das Wohnzimmer traten.

»Ja,« antwortete Trudaine, »hier lebe ich friedlich und glücklich und fürchte nicht jeden Abend den kommenden Morgen.« Dann lief er auf den Gang zurück und rief: »Rosa! Rosa! komm herunter, der Freund, nach dem Du Dich so oft gesehnt, ist erschienen!«

Rosa erschien mit schnellen Schritten und sie empfing den alten Mann mit großer Liebe und Freundlichkeit, dass es ihm noch einmal recht warm um das alte Herz wurde. Er dankte ihr herzlich für ihre Freundlichkeit und als er sie näher betrachtete, fand er zwar, dass sie nicht mehr den Zauber ihrer ersten Jugend an sich trüge, aber sie war frisch und fröhlich und hatte jene Traurigkeit gänzlich abgestreift, die sich unausgesetzt in der Zeit ihrer Ehe mit Danville auf ihrem Gesicht und in ihrem Wesen anzeigte.

Dann setzten sich alle Drei nahe an einander und als Trudaine fragte, »bringen Sie Neuigkeiten von Paris mit?« verneinte es Lomaque, »aber von Rouen,« setzte er hinzu, »denn Ihr altes Haus am Seine-Ufer ist zu vermieten.«

Rosa sprang von ihrem Stuhle auf und rief: »O Louis, wenn wir dort wieder leben könnten! Wie mag es denn in meinem Blumengarten aussehen, Bürger Lomaque?«

»Er ist von dem letzten Bewohner gut kultiviert,« antwortete der Gefragte.

»Und mein Laboratorium?«

»Auch zu vermieten! Doch hier ist ein Schema über die Einzelheiten, der Schreiber desselben ist beauftragt, das Haus zu vermieten,« antwortete Lomaque.

Trudaine überflog das Papier.

»Der Preis steht nicht dabei, wir können uns jetzt schon Einiges auszugeben erlauben, nachdem wir hier drei Jahre ökonomisch lebten,« sagte er.

»O welch ein Tag des Glücks wird das für uns sein, wenn wir wieder dorthin könnten!« rief Rosa aus.« »Ach, schreiben Sie doch ja Ihrem Freunde, dass wir das Haus nehmen, bevor uns Jemand zuvorkommt,« setzte sie hinzu.

Er nickte bejahend, faltete das Papier zusammen und machte eine Notiz in seiner Beamten-Weise.

Trudaine fragte, »ist das wirklich Alles, mithin nur Gutes, was Sie uns mitteilen?«

»Nein,« sagte der alte Mann und wiegte sich auf seinem Stuhle hin und her. »Ich muss Sie jedoch fragen, erinnern Sie sich noch der Zeit, als wir uns zuletzt sahen?«

Rosa wandte sich bei der Erinnerung an die entsetzliche Vergangenheit ab und ihr Bruder sagte zu Lomaque, »wir sprechen so wenig als möglich von jener furchtbaren Zeit. Wir fanden Sie nicht mehr, nachdem Sie uns gerettet, und wir konnten Ihnen bis heute unsern Dank nicht aussprechen,« setzte er hinzu.

»Das ist leicht erklärlich,« entgegnete Lomaque.

»Der plötzliche Übergang der Regierung, die Sie Beide rettete, war mein Verderben. Jeder, der Robespierre gedient hatte, wurde eingezogen, natürlich auch ich. Ich wurde zum Tode verurteilt. Ich hätte zu sterben gewünscht, doch nur für Sie; als ich Sie gerettet wusste, kam auch meine Lust zum Leben wieder. Zehn Tage verbarg ich mich in Paris, dann entfloh ich in die Schweiz. Der Rest meiner Geschichte ist sehr kurz. Mein einziger Verwandter war ein Seidenhändler in Bern, ich bot ihm meine Dienste an und wurde Schreiber bei ihm, und gewann auch bald sein Vertrauen. Nun bin ich auf den Wunsch meines früheren Herrn seit einigen Monaten bei dessen Bruder zu Chalons-sur-Marne; dort habe ich eine Anstellung als Korrespondent Jetzt bin ich nur zu dem Zweck hierhergekommen, Sie Beide einmal wiederzusehen. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit, denn sie ist ein ehrlicheres Gewerbe als meine frühere, wo ich täglich Verrat, Arrest, Tod und alle möglichen Unannehmlichkeiten vor mir sah. Kurz, ich fühle mich jetzt viel zufriedener und glücklicher als früher. Jetzt ist meine Geschichte erzählt.«

»Alles?« fragte Trudaine. »O mein guter Freund, ich glaube, Sie haben doch Etwas vergessen!«

Lomaque zögerte.

»Ah, er will erst sprechen, wenn wir allein sein werden,« dachte Trudaine.

»Sie werden jetzt unsere Geschichte hören wollen? Doch, Rosa, was werden wir zu essen haben?« fragte Trudaine.

»Ich verstehe Dich, Bruder, Du willst mich entfernen, bevor Du unsere Schicksale mitteilst — Fürchte Nichts, ich bin stark genug, die Vergangenheit noch ein — mal an mir vorüberziehen zu lassen. Ich bleibe und höre zu,« schloss Rosa.

»Sie wissen,« fing Trudaine an, »wir viel wir in den ersten Tagen, nachdem wir durch Sie vom Tode errettet waren, litten. An dem Abende, als wir Sie zum letzten Male sahen, drang schon das Gerücht bis hinter unsere Kerkerwände, dass ein Wechsel in der Regierung stattfinden werde. Die nächsten Tage machten das Gerücht zur Gewissheit Noch ehe wir uns der Hoffnung auf gänzliche Befreiung überlassen konnten, erfuhren wir, dass Robespierre verurteilt und geköpft sei. Die Verwirrung, die dadurch im Gefängnisse entstand, war über jede Beschreibung. Die bereits Verhörten und die noch Unverhörten wurden zusammen gesteckt; es kamen keine Totenlisten, keine neuen Angeklagten hinzu. Die Gefängniswärter wussten nicht, wonach sie sich richten sollten. Sie vernachlässigten ihre Pflichten. Es war überall eine grenzenlose Unordnung. Einige der Gefangenen litten sogar Hunger. Dann stellte sich wieder heraus, dass Papiere über die Anzahl der Gefangenen verloren gegangen seien, kurz, es war ein vollständig ungeordnetes Treiben. Wir Alle, die wir im Gefängnisse saßen, waren durch den Tyrannen Robespierre festgenommen, wir Alle begrüßten auch die neue Regierung als das Institut unserer Errettung. Wir hatten aus Tallien und die Männer vom neunten Thermidor nicht vergeblich gehofft. Das Verhör meiner Schwester samt dem meinigen dauerte kaum fünf Minuten. Es war so oberflächlich, dass ich es selbst wagte, unsere Namen vor dem Verhörsrichter zu wechseln, ich nannte uns Maurice, es ist dies der Familienname unserer Mutter, und unter diesem Namen haben wir uns auch hier angesiedelt, denn ich fürchtete, dass das über uns bereits ausgesprochene Todesurteil nicht ohne Nachtheil für uns sein könnte. Louis Trudaine und Rosa Danville werden zu den Opfern Robespierre’s gezählt, die während seines schrecklichen Regiments den Tod erlitten.«

Trudaine lächelte bei s einen letzten Worten und blickte aus seine Schwester, die ihre Hände gefaltet auf ihren Knien hielt, ihr Gesicht drückte wieder die Traurigkeit früherer Tage aus.

Louis Trudaine stand auf und gab Rosa ihre Kopfbedeckung, die auf dem Fensterbrett lag, und sagte: »Komm, Rosa, hinaus ins Freie! Es ist eine Sünde, bei dem schönen Frühlingswetter im Zimmer zu bleiben. Wir werden an das Ufer gehen und dort einen Spaziergang machen. Wir werden unserm Freunde nun auch die Außenseite unseres kleinen Landhauses und die Gegend hier ringsum zeigen. Kommt, kommt, meine Freunde! Es ist ein Verrat an Königin Natur, wenn wir noch länger im Zimmer bleiben an diesem köstlichen Morgen!.«

Alle drei begaben sich hinaus. Lomaque sagte zu sich selbst: »Ich gab ihr nur die Lichtseite meiner Neuigkeiten, die Schattenseite will ich ihren Bruder allein sehen lassen. Die Arme könnte darunter leiden.—«

Sie promenierten eine Zeit lang an dem Ufer, da es aber wärmer zu werden anfing, kehrten sie zu dem Häuschen zurück. Rosa war wieder lustig geworden und hörte mit Vergnügen die komischen Bemerkungen an, die Lomaque über seine gegenwärtige Schreiber-Stellung machte.

Nachdem sie Alle noch einige Zeit vor der Tür des Häuschens gesessen hatten, ging Rosa hinauf nach ihrem Stübchen, und die beiden Männer setzten ihren Spaziergang allein weiter fort.

Nach einem Weilchen begann Trudaine: »Ich danke Ihnen, dass Sie nicht in der Gegenwart meiner Schwester Alles sagten, was Sie mir vielleicht allein mitteilen wollen!«

»Sie vermuten also, dass ich auch der Überbringer unangenehmer Nachrichten bin?« sagte Lomaque.

»Ja, ich vermute es, denn ich sah Ihre prüfenden Blicke auf Rosa fallen. Ich vermute sogar, dass diese Nachrichten Danville betreffen,« sagte Trudaine.

»Sie haben Recht,« rief Lomaque überrascht aus, »meine schlechten Nachrichten betreffen Danville.«

»Hat er etwa entdeckt, dass wir der Guillotine entkamen?«

»Nein, im Gegenteil, er und seine Mutter glauben, dass Sie starben.«

»Lomaque, Sie sprechen so bestimmt, woher wissen Sie das so genau?«

»Sie wollen es also wissen? Nun, ich weiß es aus den Handlungen Danville’s genau! — Sie sollen Alles mit wenig Worten hören: Danville ist auf dem Punkte sich wieder zu verheiraten«

Es entstand eine lange Pause. Die beiden Männer sahen sich einander wie ratlos an.

»Ah,« sagte Louis Trudaine, »ich war wohl auf schlechte Nachrichten gefasst, doch nicht auf diese. Sagen Sie mir, woher wissen Sie das? Ist es denn auch sicher?«

»So sicher und wahr, wie dieses Flüsschen hier an unserer Seite fließt!« entgegnete Lomaque. »Ich wusste über Danville bis in letzt vergangener Woche gar nichts! Ich wusste nur, dass der Regierungswechsel in Paris ihn, sowie Sie und so viele Andere aus dem Gefängnisse befreit hat, dann hörte ich nichts mehr von ihm. Nun hören Sie aber: In voriger Woche stehe ich im Verkaufsgewölbe meines gegenwärtigen Prinzipals, des Bürgers Clairfait und warte auf Papier für die Schreibstube; da kommt ein alter Mann herein und übergibt dem Kommiss ein versiegeltes Päckchen mit den Worten: »Geben Sie dies dem Bürger Clairfait!«

»Auf welchen Namen?« fragt der Kommiss

»Der Name ist Nebensache.« sagt der alte Mann, »ich werde Ihnen den meinigen nennen: Dubois!«

Ich fragte nun den Kommiss: »Lebt denn dieser Alte auch hier in Chalons?«

»Nein,« entgegnet dieser, »er ist in den Diensten einer alten aristokratischen Kundin von uns, bei der alten Danville, die sich jetzt hier zum Besuche aufhält. « —

Ich sagte weiter nichts, denn ich war sehr überrascht. Nach einigen Tagen war ich nun bei meinem Prinzipal zum Mittagessen eingeladen; als ich ins Zimmer trat, war die Tochter des Hauses gerade damit beschäftigt, ein farbiges seidenes Tuch mit einem Wappen zu sticken.

Sie lächelte und sagte, »nun Bürger, Sie dürfen meine Arbeit wohl sehen, denn Sie besitzen ja das Vertrauen meines Vaters. Ich sticke das Wappen hier ein für eine alte adelige Kundin unseres Geschäfts.«

»Das ist freilich eine gewagte Arbeit in dieser demokratischen Zeit,« sagte ich lachend.

»Die alte Dame ist sehr stolz,« sagte das junge Mädchen, »aber sie wagt es doch nicht, ihr Wappen von gewöhnlichen Handarbeiterinnen sticken zu lassen, ohne die Furcht vor großen Unannehmlichkeiten; darum bat sie meinen Vater um die Besorgung im Geheimen.«

»Bitte, wie heißt denn die alte Dame?« fragte ich.

»Danville,« entgegnete das junge Mädchen; »Das prächtige Tuch, welches ich sticke, ist zu der Hochzeit ihres Sohnes bestellt,« setzte sie hinzu.

»Zur Hochzeit!« rief ich, wie vom Donner gerührt, aus.

»Ja,« antwortete sie, »was ist denn so Wunderbares daran? Der arme junge Mann verdient es, wieder glücklich zu werden, denn seine erste Frau fiel unter der Guillotine.«

»Wen heiratet er denn jetzt?« fragte ich.

»Die Tochter des Generals Berthelie, eine Aristokratin,« lautete die Antwort. »Der alte General hat zwar sehr republikanische Manieren, er ist ein lustiger Trinker, lauter Sprecher, kurz ein derber Soldat, der nicht viel aus seine Vorfahren hält, sondern behauptet, wir sind alle gleich, da wir einen gemeinschaftlichen Stammvater haben, nämlich Adam, den ersten Sansculotte der Welt.«

In dieser Weise plauderte die Bürgerin Clairfait weiter, machte aber sonst keine wichtige Bemerkung mehr über die Familie. Ich beschloss in den nächsten Tagen selbst Nachforschungen anzustellen. Das Resultat dieser Forschungen teile ich Ihnen nun mit: »Die Mutter Danvilles, die Braut und deren Vater, halten sich jetzt in Chalons auf und erwarten Danville jeden Tag, der dann alle drei nach Paris begleiten soll, wo selbst der Heiraths-Contract in dem Hause des Generals unterzeichnet werden soll.«

Nach diesen Entdeckungen nahm ich Urlaub und begab mich hierher, um Ihnen dies schleunigst mitzuteilen Auf meinem Wege hierher begegnete mir ein Reisewagen, worauf der Diener Dubois saß; wer im Innern des Wagens war, konnte ich bei den ungeheuren Staubwolken, die der Wagen aufwirbelte, nicht erkennen. Nur so viel empfinde ich jetzt, dass keine Zeit zu verlieren ist, wenn gehandelt werden soll.

Als ich meine Schwester vor drei Jahren aus dem Gefängnisse führte, sagte ich mir: Wir wollen uns nicht rächen an dem Verräter Gott sei seine Bestrafung überlassen, oder der Zeit, die Gott für die Bestrafung jenes bösen Mannes bestimmen wird. — »Mir scheint, diese Zeit ist jetzt erschienen,« sagte Trudaine, nur wünschte ich, dass ich allein handeln könnte, und meine Schwester möchte nichts von dem Allen erfahren.«

»Ich glaube, es wird auch gehen!« antwortete Lomaque. »Wir gehen zunächst nach Paris und nehmen Ihre Schwester mit. Wir reisen morgen früh. Erst Abends pflegt man die Ehe-Contracte zu unterschreiben, wir kommen noch vor der Zeit in Paris an. Überlassen Sie mir die Sorge für Ihre Schwester in Paris. Dann begeben Sie sich in das Haus des Generals und sprechen mit Danville, bevor die Zeugen erscheinen. Die Dienerschaft wird uns von seiner Anwesenheit in Kenntnis setzen. Sie zeigen sich ihm dann als der von den Toten Auferstandene, warnen ihn, und lassen ihn dann mit seinen Gewissensbissen und seiner Angst zu der wichtigen Handlung schreiten. Sagen Sie ihm nur wenig Worte und dann kehren Sie zu Ihrer Schwester zurück und machen die Reise hierher nach Belieben.«

»Aber bedenken Sie doch diese plötzliche Abreise nach Paris! Meine Schwester wird sicher Verdacht schöpfen!« warf Trudaine ein.

»Überlassen Sie mir das,« sagte Lomque. »Aber Ihr Gesicht sieht jetzt so verzweifelt aus, dass ich Sie bitte, nicht gleich mit mir zurückzukehren; machen Sie noch einen Spaziergang. Ich werde allein zu Ihrer Schwester gehen.«

Trudaine folgte seinem Rate und es verging wohl eine Stunde, ehe er zurückkehrte.

Seine Schwester erwartete ihn schon vor der Tür und sie rief ihm entgegen: »Komm nur Louis, ich habe Dir Etwas mitzuteilen! Denke nur, unser alter Freund Lomaque hat, trotz seiner Müdigkeit, schon den Brief an seinen Bekannten geschrieben und darin gesagt, dass wir unser Häuschen am Seine-Ufer wieder kaufen wollen. Als er mit dem Schreiben fertig war, sagte er zu mir: ich möchte wohl dabei sein, wenn Sie Ihr altes Besitztum wiedersehen! Und ich bat ihn, er möge mit uns kommen. Ja, antwortete er, aber ich bin nicht unabhängig, doch bald werde ich es sein, dann zögerte er. Louis, es fiel mir da erst ein, wie unendlich viel wir dem guten Manne schulden! Und ich bat ihn, er möge doch fortan mit uns in unserm Häuschen dort leben. Ich weiß ja, Du nimmst ihn eben so gern dort auf, wie ich! »Ich kann nicht sogleich meine Stellung aufgeben,« sagte er, »und Sie können ja hier auch nicht so schnell fort und doch sprechen Sie schon, als wären wir bereit, abzureisen.« »O,« entgegnete ich ihm, »das ist bald besorgt, wir geben der Wirtin des Gasthauses drüben die gemieteten Möbelstücke zurück, lassen den Schlüssel und einen Brief für den Eigentümer des Hauses hier und — reisen. Louis, tadelst Du mich?«

Bevor Trudaine antworten konnte, fragte Lomaque von dem offenen Fenster aus:

»Nun, die Antwort?«

»Unser Leben ist Ihr Werk, unsere Zeit gehört Ihnen, bester Freund,« antwortete Trudaine, »folgen Sie uns?«

»Es ist also Alles abgemacht?« fragte Lomaque Trudaine mit einem Blicke des Einverständnisses.

»Alles!« erwiderte dieser entschlossen.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Zwei Tage, nachdem Lomaque die Reisekutsche an sich vorüberfahren sah, saß Madame Danville reich gekleidet, in ihrem Zimmer, in der Straße Grenelle zu Paris. Sie blickte auf die Uhr an ihrer Seite und klingelte. Die Magd, welche erschien, erhielt den Auftrag, sie möge Dubois mit Schokolade herein schicken. —

Nachdem der alte Diener die befohlene Speise gebracht, wagte er es, seiner Dame ein Kompliment über ihr blühendes Aussehen, und ihre gewählte Toilette zu machen.

Die alte Aristokratin nickte gnädig mit dem Kopfe und sagte, »ich habe gute Ursache dazu an dem Hochzeitstage meines Sohnes. Ha, Dubois, Sie werden sehen, mein Sohn wird doch endlich das Adelsdiplom erhalten; denn er ist schon adelig von der Seite seiner Mutter, und wird jetzt adeliger durch diese Heirat: Le Vicomte d’Anville! Wie hübsch das klingt, Dubois? Nicht?«

»Wunderschön! ausgezeichnet!« sagte der alte Mann. »Meines jungen Herrn zweite Hochzeit beginnt auch gleich unter ganz andern Verhältnissen als die erste.«

Das war ein unglücklicher Übergang, denn Madame Danville sprang sehr ärgerlich von dem Stuhle auf und rief: »Warum erwähnen Sie das auch nur? Sie spielen so oft auf die zwei guillotinierten Personen an, als wenn ich ihnen hätte ihr Leben retten können. — Sie waren ja dabei, als mein Sohn mich zum ersten mal nach jener Schreckenszeit wieder sah, haben ja gehört, als ich zu ihm sprach: »Charles, ich liebe Dich zwar, aber wenn ich wüsste, dass Du nicht mit aller Deiner Macht, Dein eigenes Leben einsetztest, um sie zu retten, die für mich starben, weil sie mir zur Flucht verhalfen, so würde ich Dich nimmer mehr wiedersehen wollen! Sagte ich das nicht? Und Sie waren auch dabei, als er mir antwortete: »Mutter, ich wagte mein Leben für sie, ich ließ mich für sie verhaften, mehr vermochte ich nicht!« Wissen Sie nicht, dass er im Tempel saß? Sie wissen das Alles, Dubois, und doch,« —

»Bitte, bitte, Madame, ich alter Mann war wieder einmal recht gedankenlos!«

»Still, mein Wagen fährt vor! Machen Sie sich bereit, mich zu begleiten! Mein Sohn und ich begegnen uns erst bei dem General, er hat nicht Zeit, mich hinabzuholen. Ist viel Volk auf der Straße?«

»Die Straße ist fast leer, Madame.« erwiderte Dubois, mit einem Blicke durch das Fenster, »nur ein Herr und eine Dame stehen unten, und scheinen Ihren Wagen zu bewundern. Doch sie gehören wohl den bessern Ständen an, soviel ich durch meine Brille erkennen kann.«

»Gut, kommen Sie mit, nehmen Sie etwas kleines Geld mit zum Verteilen, und befehlen Sie dem Kutscher, nach dem Hause des Generals zu fahren.«

Die Gesellschaft, welche in dem Hause des Generals als Zeugen figurieren sollten, bestand aus einigen jungen Freundinnen der Braut und aus mehreren Offizieren, die ehemaligen Kameraden des alten Generals.

Die Gäste hatten sich in zwei Zimmer verteilt, das eine war das Wohnzimmer, das andere die Bibliothek. In dem Wohnzimmer befand sich der Notar, mit dem bereit gelegten Contract, die Braut, ihre Freundinnen und mehrere Offiziere. Im Bibliothekszimmer spielten einige Herrn Billard, und Danville und sein Schwiegervater schritten auf und ab darin; der alte General sprach noch von den Klauseln des Contractes, als es eben zwei Uhr schlug.

Danville langweilte die umständliche Besprechung des Contractes und er sagte: »es ist schon zwei Uhr, ich begreife nicht, dass meine Mutter nicht schon hier ist!«

»Sie wundern sich darüber? Haben Sie schon gehört, dass Weiber pünktlich sind? Doch Ihre Mutter ist eine so eingefleischte Aristokratin, dass sie es uns nie verzeihen würde, wenn wir den Contract ohne sie unterzeichneten; warten wir also noch eine halbe Stunde! Teufel! wo war ich denn stehen geblieben, als die verdammte Uhr da zwei zu schlagen anfing?« tobte der alte Soldat. »Was gibt es denn, Schwarzauge?« rief er der Braut zu, die eben hastig in die Bibliothek trat.

Die Braut war eine etwas männlich aussehende Dame mit prächtigen schwarzen Augen und dunklem Haar, welches ihr tief in die Stirn gewachsen war. In ihrem Wesen hatte sie etwas von der Art ihres Vaters.

»Es ist ein fremder Herr in dem andern Zimmer, sagte sie, »der Dich, Papa, zu sprechen wünscht. Die Diener glaubten gewiss, er gehöre zu den Gästen. Soll ich ihn wieder fortschicken?«

»Eine schöne Frage! Kenne ich ihn denn? Warte, bis ich ihn gesehen habe und dann frage!« Mit diesen Worten ging der General ins andere Zimmer.

Seine Tochter wäre ihm gefolgt, aber Danville ergriff ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Können Sie so hartherzig sein und mich hier allein lassen?«

»Was soll aus meinen Freundinnen in dem andern Zimmer werden, wenn ich hier bei Ihnen bleibe? Sie Egoist!« sagte die Dame lächelnd und machte sich los, aber Danville bemächtigte sich der andern Hand, und erwiderte: »Rufen Sie die Freundinnen nur hier herein.«

Lachend und scherzend zog sie ihren Verlobten mit sich in das andere Zimmer und rief: »Alle die Damen und Herren sollen sehen, was für einen Tyrannen ich heute heiraten soll!«

Ihre Stimme brach plötzlich ab, denn Danville’s Hand war in einem Moment zu Eis erstarrt. —

Sie blickte zu ihrem Verlobten auf und sah in das Antlitz eines totenbleich gewordenen Mannes; ehe sie noch eine Frage aussprechen konnte, hatte ihr Vater sie in die Bibliothek geschoben und dann nahm er Danville bei dem Arm. »Meine Damen,« sagte der alte General »ich bitte, treten Sie gefälligst dort in sie Bibliothek ein! und Sie, Herr Notar, begleiten die Damen vielleicht?«

Als Alle dieser Aufforderung Folge geleistet hatten, schloss der Vater der Braut die Tür, welche beide Zimmer trennte.

»Jetzt sagen Sie, wer Sie sind und was Sie eigentlich wollen!« rief der alte Mann. »Jacques Berthelie hat niemals Etwas getan, was seine Freunde und Kriegskameraden nicht auch wissen dürfen. Sprechen Sie vor diesen Männern!«

Der General hielt noch immer den Arm Danvilles und ging so mit ihm das Zimmer auf und ab und sagte zu diesem:

»Sie kamen in mein Haus, mein Herr, und verlangten die Hand meiner Tochter, Sie sagten, dass Ihre Frau in der Schreckenszeit gestorben sei, ich glaubte Ihnen; Nun? Betrachten Sie diesen Mann hier, er behauptet, der Bruder Ihres Weibes zu sein und teilt mit, dass seine Schwester bis diesen Augenblick noch lebe. Was ist das?« schloss der General.

Danville versuchte zu sprechen, aber es kam kein Wort über seine Lippen, auch versuchte er vergeblich seinen Arm von dem des alten Soldaten los zu machen.

»Sie sind erschrocken? Sind Sie ein Feigling! Können Sie denn dem Manne nicht ins Gesicht sagen, dass er lügt?«

»Gebt ihm doch Zeit,« sagte einer der alten Offiziere »Ein solcher Zwischenfall kann einen Jeden fassungslos machen,« und zu Trudaine gewendet sprach er: »Sie sind ein Fremder, Herr, geben Sie uns Beweise, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben!«

»Da ist ja der Beweis!« rief Trudaine aus, und zeigte auf Danvilles entstelltes Gesicht.

»Ja, das ist wohl wahr! Aber ich bin doch dafür, dass wir ihm noch Zeit gönnen sollen; die Anklage ist zu sonderbar und schrecklich.«

Danville machte mit seinem Arme Bewegungen, als wollte er sprechen, aber die Zunge versagte ihm noch immer den Dienst.

»Schon Sie,« sagte der Sprecher, »er verleugnet den Mann!«

»Hören Sie,« rief der General, »Sie werden nicht anerkannt! Haben Sie noch andere Beweise, sich zu legitimieren?«

Noch ehe die Antwort gegeben war, öffnete sich die Tür und Madame Danville kam mit zerrauften Haaren und gestörten Blicken ins Zimmer gestürzt, gefolgt von Dubois und der neugierigen Dienerschar

»Um Gotteswillen, um Gotteswillen, komm fort von hier! Ich habe Deine Frau gesehen! Im Fleische oder im Geiste, ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass sie es war! Charles, Charles! So wahr ein Gott im Himmel ist, ich sah sie!

»Sie sahen sie lebendig, so lebendig und wirklich, wie Sie jetzt Ihren Bruder vor sich sehen!« sagte ein Mann, der hinter den Dienern stand.

»Lasst den Mann hier eintreten!« rief der General. Lomaque ging an Madame Danville vorüber.

Als der alte Mann im Zimmer stand, wurde es totenstill, und man hörte nur das Rauschen der seidenen Kleider im Nebenzimmer.

»Warum täuschten Sie meinen Sohn, Herr?« fing Madame Danville zu Trudaine gewendet an, »warum ließen Sie ihn nicht wissen, dass Sie es vielleicht waren, der sein Weib von der Guillotine befreien half, Sie, dem wir so Vieles schuldig sind, denn ohne Ihre Hilfe hätte ich niemals aus Paris entfliehen können? Mit welchem Recht haben Sie uns nun aber in eine so unangenehme Lage zu dem Herrn dieses Hauses gebracht?«

Über Trudaine’s Antlitz lagerte sich Schwermut und er trat einige Schritte zurück.

»Madame, das würde ich Ihnen am besten erklären können,« sagte Lomaque, »aber Sie sollten nicht auf eine öffentliche Beantwortung aller dieser Fragen bestehen, das wollte ich Ihnen raten«

»Wer sind Sie? Ich verlange weiter nichts als die Beantwortung meiner Fragen.«

»Wer ist dieser Mann?« fragte der General zu Trudaine gewendet.

»Ein Mann,« schrie Danville plötzlich, »dem man auch nicht ein Wort glauben darf! Er war Polizei-Agent unter Robespierre!«

»Und in dieser Eigenschaft gewiss fähig, die hier gestellten Fragen richtig zu beantworten!« entgegnete Lomaque mit seiner gewöhnlichen Selbstbeherrschung.

»Ja,« sagte der General, »der Mann hat Recht, er soll gehört werden!«

Er begann: »Ich war bei dem Verhör des Bürgers Trudaine und seiner Schwester gegenwärtig. Sie wurden auf die Denunziation des Bürgers Danville dort verhaftet, weil sie seiner eigenen Mutter, die ja auch hier anwesend ist, zur Flucht aus Paris verholfen hatten.«

»Meinen Sie etwa,« unterbrach ihn der General, dass Danville, dieser Danville hier, wusste, dass es seine Mutter war, der die Geschwister Trudaine zur Flucht verhalfen?«

»So meine ich es,« entgegnete Lomaque trocken. Ein Murmeln des Abscheus ging durch die Versammlung.

»Die Arten der Polizei können heute noch meine Aussage bestätigen. Wie nun die Geschwister dem Tode der Guillotine entgingen, gehört hier nicht her; eben so wenig wie sie sich durch sehr vorsichtige Maßregeln bis heute verborgen hielten. Welcher Mann von Gefühl würde seine Schwester wohl einem solchen Ehemanne länger ausgesetzt sehen? Louis Trudaine lebte darum bis jetzt in stiller Zurückgezogenheit mit Danville’s Gattin, seiner Schwester.«

Plötzlich rief der alte Diener: »Meine Dame, meine gute Dame!«

Aller Augen richteten sich auf Madame Danville, denn sie hatte bis jetzt ruhig zugehört; plötzlich aber raffte sie sich auf und sprach:

»Meine Herren! Ich bin die Tochter eines Edelmannes und die Witwe eines Ehrenmannes. Ich sage hier vor Ihnen Allen, dass ich fortan keinen Sohn mehr habe, denn er ist ein Verräter der schlechtesten Art, von dem sich jeder bessere Mensch entfernt halten mag!«

Dann drehte sie ihrem Sohn den Rücken, verbeugte sich vor den Übrigen und schritt der Tür zu, geführt von dem Arm ihres alten treuen Dieners.

Aber der eben vorübergegangene Moment hatte die Kräfte der alten Frau doch so erschüttert, dass sie ohnmächtig wurde.

»Stehen Sie ihr bei,« rief der General, »bringen Sie sie in das andere Zimmer!«

»Nein.« sagte der alte Dubois, »nach Hause! Ich werde meine teure Herrin pflegen, denn jetzt hat sie nur noch mich!« und man half ihm, seine Herrin in den Wagen tragen.

Trudaine stand noch an derselben Stelle, wo er sich zuerst hingestellt hatte. Der General ging auf ihn zu und bat ihn um Verzeihung, doch bedauerte er, dass er ihm nicht früher als in dem letzten Moment diese Nachrichten habe zukommen lassen.

Während er noch zu Trudaine sprach, klopfte ihm einer seiner Freunde auf die Schulter und fragte: »Ist dem Schurken erlaubt, sich jetzt von hier zu entfernen?«

Der General drehte sich bei dieser Frage um und zeigte Danville den Weg zur Tür, aber er folgte ihm dahin und sagte ganz leise:

»Ihr Schwager hat Sie hier als einen abscheulichen Verräter bezeichnet, Ihre Mutter hat Sie verstoßen, jetzt werde ich noch meine Pflicht erfüllen. Wenn sich sein Mann unter Lügen und falschen Vorspiegelungen in das Haus eines Ehrenmannes einführt, so pflegen wir Männer von der Armee ihn dafür zu bestrafen! Jetzt ist es drei Uhr, um fünf Uhr werden Sie mich und meine Freunde finden.«

Er nannte Danville den Ort des Rendezvous sehr leise; dann zeigte er mit dem Finger auf die Treppe.

»Unsere Arbeit ist hier verrichtet,« sagte Lomaque und legte seine Hand auf Trudaine’s Arm. »Wir wollen Danville erst hinaus lassen und dann wollen wir auch gehen.«

»Wo ist meine Schwester?« fragte Trudaine bestürzt.

»Seien Sie unbesorgt, sie ist in Sicherheit,« antwortete Lomaque, »ich werde es Ihnen draußen sagen, wo sie ist.«

»Sie werden mich entschuldigen,« sagte der General zu allen Anwesenden, »ich habe meiner Tochter einige unangenehme Nachrichten mitzuteilen, und dann habe ich noch ein Privatgeschäft mit einem Freunde abzumachen.«

Dann begab er sich in das Bibliothek-Zimmer. Trudaine und Lomaque verließen das Haus.

»Ihre Schwester wartet im Hotel,« sagte Lomaque, »sie weiß nichts, absolut nichts von dem, was vorgegangen ist!«

»Aber sie hat doch die Mutter Danville’s gesehen?«

»Nein,« entgegnete Lomaque, »ich hatte sie so gestellt, dass sie gesehen wurde, ohne dass sie die einsteigende Dame genau sehen konnte. Doch genug davon! Gehen Sie jetzt nur zu Ihrer Schwester.

Am Abend werden Sie nach Rouen fahren, ich habe schon zwei Plätze im Postwagen für Sie bestellt. Gehen Sie nur ohne mich, ich habe hier noch Geschäfte und möchte auch erst wissen, wie die Angelegenheit zwischen Danville und seiner Mutter ablaufen wird. Bald werde ich zum Besuche in Rouen eintreffen. Geben Sie mir nun Ihre Hand! Leben Sie wohl! Keinen Dankt Lassen Sie mich ruhig meine Geschäfte beenden, hier ist mein Weg, dort der Ihrige! Leben Sie wohl! Ich komme bald nach Rouen!«



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel.

Seit den letzten Ereignissen waren mehrere Tage verflossen. Es ist Abend. Rosa, Trudaine und Lomaque sitzen zusammen auf der bekannten Bank in der Nähe ihres Häuschens an dem Ufer der Seine. Die Umgebung war dieselbe geblieben, trotz allen Wechsels in der Politik und in den Familienverhältnissen, die Natur war unveränderlich!

Da saßen sie nun zusammen und plauderten so vertraulich! Bald führte der Eine, bald der Andere die Unterhaltung; der allgemeine Inhalt war aber die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft! Es wurde dunkler und Rosa erhob sich zuerst von der Bank. Sie wechselte mit ihrem Bruder einen Blick des Einverständnisses, dann sagte sie zu Lomaque:

»Wollen Sie mir erst ein wenig später in das Haus folgen? Dann werde ich Ihnen auch Etwas zeigen!« —

Nachdem Rosa fort war, fragte Louis Trudaine schnell: »Was ist in Paris vorgefallen?«

»Ihre Schwester ist jetzt frei!« antwortete Lomaque.

»Das Duell fand also richtig statt?«

»An demselben Tage! Beide feuerten zu gleicher Zeit. Die Sekundanten seines Gegners sagten aus, dass er wie gelähmt gewesen sei. Sein eigener Sekundant erklärte, dass er nicht zu sterben gewünscht habe, bis er den Mann getötet haben würde, der ihn so öffentlich beschimpft hatte. Ob das nun wahr ist, weiß ich natürlich nicht. Er fiel, ohne die Fähigkeit zu besitzen, ein Wort hervorbringen zu können.«

»Und seine Mutter?«

»Von ihr weiß man wenig. Ihre Tür ist verschlossen und der alte Diener pflegt sie wohl mit Liebe und Sorgfalt. Der Arzt hat den Ausspruch getan, dass ihr Geist leidender ist, als ihr Körper.«

Danach erhoben sich die beiden Männer auch von der Bank und schritten schweigend dem Hause zu.

»Haben Sie Ihre Schwester auf alles Dasjenige vorbereitet, was vorgefallen ist?« fragte Lomaque, als er das Lampenlicht in dem Wohnzimmer angezündet sah.

»Ich werde damit warten, bis wir wieder hier zusammen sein werden.«sagte Trudaine. —

Sie traten jetzt in das Häuschen.

Rosa bat Lomaque, dass er sich zu ihr setzen möge, und legte dann Feder und Papier auf den Tisch. Das Tintenfass stand schon geöffnet da.

»Ich habe Sie um Etwas zu bitten,« sagte sie freundlich zu Lomaque.

»Ich hoffe, es wird noch heute zu bewilligen sein, denn morgen früh, bevor Sie aufstehen, muss ich schon auf dem Wege sein.«

»Sie sollen nur diesen Brief unterzeichnen,« fuhr die junge Dame lächelnd fort. »Er ist von mir geschrieben, und Louis hat ihn diktiert«

»Ich darf ihn doch zuvor lesen?« fragte er.

Sie nickte und Lomaque las: —

»Bürger! Ich begrüße Sie respektvoll in diesem Briefe und bitte um die Erlaubnis, mich von meiner Stellung in Ihrem Hause zu entbinden. Die Freundlichkeit, welche Sie, wie auch Ihr Bruder mir stets erzeigten, lässt mich glauben, dass Sie es mir gönnen, dass ich fortan meine Tage in ruhiger Zurückgezogenheit bei meinen Freunden verbringen werde, die mir so zugetan sind, als gehörte ich mit zu ihrer Familie. Ich bedarf der Ruhe mehr, als mancher andere Mann meines Alters, nach dem bewegten Leben, welches ich geführt habe. Meine Freunde wünschen es durchaus, dass ich bei ihnen bleibe, und ich kann ihnen ihr Anerbieten nicht gut ablehnen. Genehmigen Sie, dass ich mich stets als Ihren ergebenen Diener betrachte. An den Seidenhändler Clairfait, Chalons sur Marne.«

Nach dem Lesen dieser Zeilen kehrte sich Lomaque nach Trudaine um und versuchte zu sprechen, aber die Lippen versagten ihm den Dienst. Er blickte Rosa an und lächelte, aber seine Lippen zitterten. Er tauchte die Feder ein und neigte sich über das Papier. Man konnte sein Gesicht nicht sehen, aber man sah, dass er noch nicht schrieb. — Rosa legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Schreiben Sie doch!« Er zögerte noch einen Augenblick, dann schrieb er.

Rosa nahm das Papier; es lagen zwei feuchte Tropfen darauf. Sie trocknete sie mit ihrem Taschentuche fort und sagte leise zu ihrem Bruder:

»Es sollen die letzten Tränen sein, Louis, die aus diesen Augen fließen, Du und ich werden dafür sorgen!«



Kapiteltrenner

Schluss

Die drei Freunde lebten ferner glücklich in dem bekannten Häuschen an dem Ufer der Seine, und ich habe weiter nichts hinzuzufügen, als dass die französische Gouvernante sie noch kennen lernte, bevor der Tod die Freunde trennte, Lomaque war der erste von ihnen, der sich für immer zur Ruhe bettete. — Mademoiselle Clairfait schildert ihn, in ihrem gebrochenen Englisch, als einen gutmütigen, liebenswürdigen alten Mann, der sonst frei von den Launen seiner Altersgenossen, nur die eine besaß, dass er sich von keiner andern Hand, als der der Schwester Rosa seinen Kaffee reichen ließ.—

Vielleicht hatten die Personen und die Ereignisse in dieser Geschichte nur für mich ein so lebhaftes Interesse, weil ich mich so lange Zeit mit ihnen beschäftigt habe; aber ich kehre nun auch nach englischen Fluren zurück, wenn ich Ihnen die nächste Erzählung bringen werde.

Es fiel mir mir die Wahl schwer, welche ich aus der Sammlung meiner Erzählungen treffen sollte. Meine Frau ist nun der Ansicht, dass ich Ihnen die Geschichte von der

Lady von Glenwith Grange

zunächst mitteilen soll, und ich folge auch gern diesem Vorschlage.



Kapiteltrenner


Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte