Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung der Nonne: Gabriels Hochzeit - Erstes Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung der Nonne: Gabriels Hochzeit



Erstes Kapitel.

Zur Zeit der ersten französischen Revolution, durchwachten die Bewohner einer Hütte, auf der Halbinsel Quiberon in der Bretagne die Nacht. Der Name der Familie war Sarzeau. Francois Sarzeau war ein Fischer. Wie gewöhnlich, war er auch diesen Abend mit seinem Boote auf den Fischfang ausgefahren. Aber bald, nachdem er seine Familie verlassen hatte, sammelten sich dunkle Wolken an dem Horizonte und der Wind erhob sich so gewaltig, dass er sich bereits um neun Uhr zu einem völligen Sturm entwickelt hatte.

Es war nun bereits elf Uhr geworden und der Sturm trieb die Wellen so gewaltig gegen das Ufer, dass die Bewohner der Hütte, jeden Augenblick vor die Tür liefen um zu sehen, ob der Vater und sein jüngster Sohn, den er heute auch mitgenommen hatte, noch nicht zurückkehren würden.

Das Innere der Hütte machte einen seltsamen Eindruck. Neben einem großen schwarzen Kamin kauerten zwei kleine Mädchen. Das jüngere war halb eingeschlafen auf dem Schoße der älteren Schwester. Sie waren die Töchter des Fischers. Neben ihnen nur durch den Kamin getrennt saß ihr ältester Bruder, Namens Gabriel. Sein rechter Arm war bei einem Nationalspiele, Soule genannt, welches dem englischen Fußballspiel ähnlich ist, schwer verwundet worden. Die jungen Männer gingen bei diesem Spiele stets so ernst vor, dass die Spielenden jedes Mal den Platz blutend, oder verstümmelt verließen, oder gar tot fortgeschafft werden mussten.

Auf derselben Bank saß Gabriels verlobte Braut, ein Mädchen von achtzehn Jahren; sie war gekleidet wie alle junge Mädchen ihres Distriktes in ein schwarz und weißes, klösterlich aussehendes Kostüm. Sie war die Tochter eines geringen Pächters, der in einer kleinen Entfernung von der Küste wohnte.

Zwischen Gabriel und seinen Schwestern stand ein Bett und in demselben lag ein sehr alter Greis, der Vater von dem Fischer Franeois Sarzeau.

Sein Gesicht war von Runzeln ganz zusammen geschrumpft und sein langes weißes Haar floss über das grobe Kopfkissen, auf welchem er lag. Seine großen, grauen Augen blickten verdächtig von einer Person auf die andere und gingen von einem Gegenstande in dem Zimmer auf den andern. Wenn der Sturm recht tobte und brauste, murmelte er Etwas vor sich hin und ließ seine Hand auf seine Bettdecke niederfallen und seine Augen richteten sich fest auf das Bild der heiligen Jungfrau Maria, welches in einer Nische über dem Kamin befestigt war. Jedes mal bekreuzigten sich Gabriel und die Mädchen, wenn der alte Mann seinen Blick auf das Gnadenbild gerichtet hielt. Hier an diesem Bilde trafen sich Alter und Jugend mit gleichen Gefühlen.

Der Glaube an die wundertätige Hilfe der Gebenedeiten tröstete den Greis wie die jungen Menschen in der Fischerhütte in jener stürmischen Nacht. Das einzige Möbelstück der kleinen Hütte war ein hölzerner Tisch. Es lag ein Brot darauf, ein Messer und eine Flasche Apfelwein stand daneben.

Alte Netze, Segelwerkzeug und anderes Fischergerät hing an den Wänden und über einer Bretterwand, welche den Raum in zwei Teile trennte. Durch die Decke hing Stroh an einzelnen Stellen herab, und man sah daran, dass sich der Kornboden über dem Zimmer befand.

Diese wenigen Personen bildeten die ganze Familie des Fischers, welche seltsam von den Kienbränden auf dem Herd beleuchtet wurden.

Sie saßen lange schweigend nebeneinander; endlich wisperte die Verlobte Gabriel Etwas ins Ohr.

»Was sagst Du, Perrine?« fragte das Kind an der andern Seite.

»Ich sagte ihm, es sei Zeit einen frischen Verband anzulegen, und ich bat ihn, das gefährliche Spiel nie wieder zu unternehmen,« antwortete die Braut.

Der alte Mann sah sehr aufmerksam auf die Sprechenden. Seine schneidende Stimme mischte sich mit den letzten Tönen des Kindes und er rief: »Ertrunken! Ertrunken! Beide ertrunken, Sohn und Enkel!«

»Still, Großvater!« sagte Gabriel. »Wir dürfen nicht alle Hoffnung verlieren. Gott und die heilige Jungfrau werden sie ja beschützen!« Er bekreuzigte sich samt den andern, nur der alte Mann tat es nicht. Er bewegte nur seine Hand und wiederholte: »Ertrunken! Ertrunken!«

»Hätte ich diese abscheuliche Wunde nicht, so wäre ich mit dem Vater gegangen.

Des armen Knaben Leben wäre gerettet worden, weil er hier geblieben wäre,« sagte Gabriel.

»Still!« rief die heisere Stimme von dem Bette. »Die Wehklage eines sterbenden Mannes tönt lauter denn die See, des Teufels Psalmen-Gesang ist tönender als der Wind. Schweige und horche! Francois ist ertrunken! Pierre ist ertrunken! Höre! Höre!«

Ein schrecklicher Windstoß ließ sich wieder so laut vernehmen, als wollte er das Haus zerschmettern. Das schlummernde Kind war davon erwacht und schüttelte sich vor Furcht. Perrine kniete vor ihrem Geliebten und legte ihm einen frischen Verband an, aber auch sie hielt erschrocken damit an und blickte ängstlich um sich. Gabriel ging an das Fenster, er musste wohl die ganze Furchtbarkeit des ausgebrochenen Sturmes erkennen, denn er sprach still vor sich hin: »Gott sei den Beiden gnädig!«

»Gabriel!« rief der alte Mann.

Doch Gabriel hörte nicht, denn er tröstete das junge Mädchen zu seinen Füßen.

»Sei nicht ängstlich, Geliebte,« sprach er zu ihr und küsste ihre Stirn, »Du bist hier so sicher als wie zu Hause. Hatte ich nicht recht, Dich vor dem Heimgange zu warnen? Du kannst hier in diesem Zimmer — mit den zwei Mädchen schlafen, Perrine, wenn Du müde bist,« sagte er zu seiner Braut.

»Gabriel! Bruder Gabriel, sieh den Großvater an,« rief eines der kleinen Mädchen.

Gabriel lief zu dem Bett.

Der alte Mann saß und seine Augen drückten großen Schreck aus; er hielt seine Hände dem Enkel entgegen. »Die weiße Frau, die weiße Frau!« rief er aus. »Die Totengräber der Ertrunkenen sind an der See!«

Die Kinder stürzten sich entsetzt in Perrines Arme; selbst Gabriel blickte ängstlich um sich.

Der alte Mann wiederholte: »Die weiße Frau! die weiße Frau! Gabriel öffne die Türe und blicke westwärts, dahin, wo der Sand zur Zeit der Ebbe bloß liegt. Du wirst sie sehen, trotz der Finsternis, mächtig wie einen Engel, schwebend wie der Wind über dem Wasser in ihrem langen weißen Gewand! Öffne die Tür, Gabriel! Du wirst sie an der Stelle sehen, wo Dein Vater und Dein Bruder ertranken. Du wirst sie den Sand anhäufen sehen, Du wirst sie graben sehen mit ihren nackten Füßen, die See zwingend, sie auszuwerfen. Öffne die Tür! Oder — sollte ich auch darüber sterben, ich will die Tür selbst öffnen! —«

Gabriel machte ein Zeichen, dass er gehorchen wolle.

Er strengte seine ganze Kraft an, die Tür zu öffnen und sie zu halten, so sehr arbeitete der Wind gegen ihn.

»Siehst Du sie, Enkel? Erzähle mir, was Du siehst!« rief der alte Mann.

»Ich sehe nichts als tiefe rabenschwarze Finsternis,« antwortete Gabriel und ließ die Tür wieder zufallen.

»Ach! Ach!« stöhnte der alte Großvater und fiel in sein Kissen zurück. »Dir Finsternis! Aber heller Glanz den Augen, denen das »Sehen« erlaubt ist. Ertrunken! Ertrunken! Bete für ihre Seelen, Gabriel! Ich sehe die weiße Frau, wo ich mich immer befinde und darf nicht für sie beten. Acht Ach! Sohn und Enkel ertrunken!«

Der junge Mann trat zu Perrine und den Kindern.

»Großvater ist in dieser Nacht sehr krank.« sagte er leise zu ihnen. »Ihr solltet Alle schlafen gehen und mich allein bei ihm wachen lassen.«

Sie standen auf, als er sprach, küssten ihn nacheinander und gingen still nach dem kleinen Schlafzimmer hinter der Bretterwand. Gabriel sah, dass der Großvater still lag, als ob er eben eingeschlafen wäre. Der junge Mann legte ein Stückchen Holz an das Feuer und setzte sich nieder, den Morgen zu erwarten.

Das Heulen des Sturmwindes war schrecklich, aber noch schrecklichere Gedanken beschäftigten ihn nun in seiner Einsamkeit. Er war abergläubisch wie alle seine Landsleute, aber seit dem Tode seiner Mutter glaubte er nun sogar, dass über seine Familie ein besonderer Unstern walte.

Zuerst war die Familie wohlhabender gewesen, aber nach und nach hatte sie ihre kleine Habe durch unvorhergesehene Zufälle eingebüßt.

Es waren Verluste über Verluste gekommen, und die ältesten Freunde von Francois Sarzeau sagten, dass er dadurch im Charakter sehr verändert worden sei. Allem Elende war nun durch den Tod der Beiden die Krone ausgesetzt. Gabriel wusste, dass sie ertrunken sein müssten, wenn er auf den Sturm und des Großvaters Worte hörte. Gerade jetzt musste den jungen Mann ein solches Unglück treffen, jetzt, wo er sich eben mit Perrine verheiraten wollte.

So saß er nun betend und trauernd an seinem Herd, bald galt sein Gebet den Verstorbenen, bald den Schwestern und der Braut.

So hatte er lange schweigend und sinnend dagesessen, als des Großvaters Stimme wieder ertönte.

»Gabriel, hörst Du das Wasser tropfen? Jetzt ist es an dem Fußende meines Bettes.«

»Großvater, ich höre nichts weiter als das Knistern des Feuers und den Sturm draußen.«

»Tropf, tropf, tropf, näher und immer näher kommt es. Nimm das Licht, Gabriel, und blicke auf den Fußboden! Sieh ordentlich hin. Ist es der Regen, der durch das Dach tropft?«

Gabriel ergriff den Kienspahn mit zitternden Händen und kniete zu dem Boden nieder. Es war alles ganz trocken und das Harz aus dem Kien tropfte nieder.

Gabriel kniete vor der heiligen Jungfrau nieder und betete.

»Ist der Boden nass? Ich will es wissen, sage mir, ist er nass?« fragte der Großvater.

Gabriel ging an das Bett und flüsterte ihm zu, dass auch nicht ein Tropfen in die Hütte geregnet sei. Bei diesen Worten sah er, wie merkwürdig sich des Großvaters Gesichtszüge veränderten. Er sah aus, als wollte er sterben, doch es ging schnell vorüber und der alte Mann sprach mit sanfter Stimme:

»Ich höre es noch, bald fällt es schwerer, bald leichter. Das Fallen der geisterhaften Tropfen ist das letzte und sicherste Zeichen von dem Tode Deines Vaters und Bruders. Ich werde jetzt auch abberufen, — dahin, wo mein Sohn und Enkel schon verweilen. Meine Wartezeit des Erdenlebens ist nun vorüber! Lass Perrine und die Kinder nicht hierher kommen, wenn sie erwachen sollten, denn sie sind noch zu jung, um den Tod zu sehen.«

Das Blut Gabriels erstarrte fast, als er seinen Großvater so sprechen hörte. Er hielt des sterbenden Mannes Hand in der seinigen und lauschte auf den heulenden Sturm. Er musste an die Hilflosen denken, die dieser Sturm ins Verderben stürzte. Er gedachte auch der Pflicht, dem Todkranken einen Priester zu rufen und flüsterte ihm leise zu:

»Ich schicke Perrine, hier bei Dir zu wachen, während ich fort bin.«

»Bleibe Gabriel! Bleibe! und sage mir, wohin Du willst?« fragte der Greis.

»Zu dem Priester, Großvater, — Deine Beichte! —«

»Ich werde Dir beichten. In dieser Finsternis und diesem Sturme findet kein Mensch den rechten Weg. Ich sterbe ja schon, Gabriel! und ich würde tot sein, bevor Du zurückkommst. Bleibe bei mir, Gabriel! Um der heiligen Jungfrau willen; denn meine Zeit ist gleich abgelaufen. Ich habe ein furchtbares Geheimnis auf dem Gewissen, und ich muss es noch von mir wälzen, ehe ich sterbe! Lege Dein Ohr an meinen Mund und höre still zu!«

Seine letzten Worte waren bis in das andere Zimmer gedrungen. Perrine kam und blickte sich erschrocken um. Die wachsamen misstrauischen Augen des alten Mannes hatten sie sogleich entdeckt.

»Geh schnell zurück, Perrine! Gabriel, schicke sie zurück und verrammele die Tür, damit sie nicht wieder herein kann.«

»Geh wieder, gute Perrine,« bat Gabriel. »Geh und halte die Kinder von hier zurück. Du wirst ihn böse machen und Du kannst auch nichts helfen.«

Sie folgte und schloss die Tür

Der alte Mann ergriff den Arm Gabriels und sagte: »Schnell lege Dein Ohr an meinen Mund!«

Gabriel hörte, dass Perrine zu den Kindern sagte; »Lasst uns für den Großvater beten!« Und es vereinigten sich nun das Gebet, der Sturm und die beichtende Stimme des Sterbenden.

»Ich gelobte, das Geheimnis nicht zu verraten,« begann der Greis, »aber der Tod verlangt ungestüm das Brechen eines solchen Eides.

»Höre jetzt und verliere kein Wort von dem, was ich Dir sage. Sieh fort über das Zimmer hinweg, denn die Blutflecke haben es für immer gezeichnet! Sieh nicht auf die blutigen Steine! — Still, still, lass mich sprechen. Da Dein Vater jetzt tot ist, kann ich das entsetzliche Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen. Erinnerst Du Dich noch zehn Jahre zurück, Gabriel? Ungefähr sechs Wochen vor dem Tode Deiner Mutter? Ihr Alle wart dort in dem Zimmer eingeschlafen, es war kaum neun Uhr. Dein Vater und ich standen vor der Hütte, und wir blickten in das glänzende Mondlicht. Dein Vater war zu jener Zeit so arm, dass er sein Fischerboot verkaufen musste, und keiner der Nachbarn nahm ihn mit zum Fischen, denn er war nicht beliebt in der Gegend.

»Als wir noch so standen, kam ein junger Mann mit einem Reisesack aus dem Rücken auf uns zu. Er sah aus, wie ein Aristokrat, trotzdem er ärmlich gekleidet war. Er sagte, dass er todmüde sei und nicht mehr die Stadt erreichen könnte, dann bat er uns um Obdach bis zu dem nächsten Morgen. Dein Vater sagte es ihm unter der Bedingung zu, wenn er kein Geräusch machen würde, denn sein Weib sei krank und seine Kinder schliefen.

»Er erhielt eine Schlafstätte vor dem Kamin. —Wir setzten ihm schwarzes Brot vor. Er hatte jedoch besseres in seinem Reisesack — und — und — Gabriel, ich habe Durst! Gabriel, gib mir zu trinken!«

Gabriel reichte dem alten Mann Etwas aus der Flasche von dem Tische. Er trank gierig, seine Augen leuchteten auf, dann fuhr er im Flüsterton zu erzählen fort:

»Während der Reisende die Speisen aus dem Reisesack nahm, fielen ihm einige Kleinigkeiten dabei an die Erde, darunter auch ein Notizbuch. Dein Vater hob es auf und gab es ihm. Der Reisende steckte es in seine Rocktasche. Es war ein Riss in dem Buche und ich sah einige Banknoten durchschimmern. — Dein Vater hatte sie auch gesehen.

— »Er teilte das Essen redlich mit uns, griff dann in das Notizbuch und bezahlte seine Wohnung, dann legte er sich auf die bereitete Lagerstätte vor dem Kamin und schlief ein. Als er eingeschlafen war, sah Dein Vater mich an, ich hatte schon lange nach ihm hingesehen. — Wir waren zu jener Zeit sehr, sehr arm! Die Mutter todkrank, die Kinder schrien nach Brot. Jetzt hatten wir Geld und der Vater bat, ich möchte doch nach Brot gehen. Ich fühlte nicht recht Lust, ihn mit dem Fremden allein zu lassen, und erwiderte, es sei zu spät, um noch aus der Stadt Brot zu holen. Er bat jedoch so flehentlich, ich möchte nur an die verschlossenen Bäckerläden klopfen und von unserem Hunger reden, man würde mir dann wohl Brot geben. Ich ging ungern, — aber ich ging. Ich blieb vor der Hütte stehen und lauschte, dann blickte ich durchs Fenster und sah — o Gott vergib ihm! Vergib mir! Gabriel, schnell gib mir zu trinken! Ich verdurste!«

Die Beterinnen in dem Nebenzimmer waren still geworden. Die Schwestern küssten Perrine und sagten ihr noch einmal gute Nacht.

»Gabriel, bete für uns und lehre Deine Kinder einst beten für unsere armen Seelen,« sagte der Alte. »Ich sah Deinen Vater mit seinem Messer über dem Schlafenden knien. Er nahm das Notizbuch aus seiner Tasche und besah es ein Weilchen, dann blieb er in Gedanken versunken stehen. Ich glaubte, er wollte das Buch zurückgeben; der Fremde bewegte sich im Schlafe. Der Teufel unterstützte Deines Vaters Absicht, denn ich sah nun, dass er sein Messer — nein, nein, ich sah weiter nichts! Ich hatte genug gesehen und ging von dem Fenster fort und schüttelte mich in der lauen Sommernacht vor Frost. Dein Vater stand mit einem Male wieder vor mir in dem gelben hellen Mondschein, ich hatte ihn nicht kommen hören. In seinen Armen hielt er den toten Körper des Mannes, der an seinem Herd eine Ruhestätte gesucht hatte.«

— Gabriel schrie auf.

»Gabriel! Gabriel! was ist geschehen?« fragte eine Stimme aus dem andern Zimmer. »Soll ich kommen und Dir beistehen?«

»Nein, nein!« rief der Greis und übertönte mit seiner heiseren Stimme das Heulen des Windes, das jetzt am lautesten wurde.

»Bleibt drin!« wiederholte der Greis. Dann bat er seinen Enkel, ihn im Bett aufzurichten und fuhr fort:

»Wo blieb ich stehen? — Dein Vater zwang mich, ihm zu schwören, nicht zu verraten, was ich gesehen hatte, er würde mich sonst auch töten, und ich schwor es ihm.

»Wir trugen nun Beide den toten Körper durch die helle Mondnacht und begruben ihn unter dem großen Stein, den das Volk hier herum den Kaufmannstisch nennt. Darunter ist ein Loch und es war kaum groß genug, um den Toten zu verstecken. Dann liefen wir schnell in die Hütte zurück. Wir wagten später nie, uns dem Steine zu nähern. — Wir verbrannten den Reisesack und das Notizbuch. Ich erfuhr nie den Namen des Getöteten. — Dein Vater sagte damals zu Dir und Deiner Mutter, dass er eine Erbschaft gemacht habe. Du erinnerst Dich daran? Der Fluch der bösen Tat kam über uns, er hat Deinen Vater und Deinen Bruder ertränkt und lässt mich hier ohne Absolution sterben. Nimm die Gebeine des Toten unter dem Steine fort, Gabriel, und der Fluch wird von diesem Hause weichen; begrabe die Überreste des Toten, beichte Alles dem Priester und bete für unsere Seelen!«

Perrine hatte in dem Kämmerlein nur die zitternde Stimme des Greises gehört, nicht aber seine Worte. Aber ein unbestimmtes Drängen trieb sie nun hinaus und sie stand jetzt in der Tür zitternd und zögernd.

Der Greis war zugedeckt und Gabriel kniete an seinem Bette und hatte sein Gesicht mit den Händen bedeckt.

Als sie sprach, hörte er sie nicht, noch blickte er nach ihr hin.

Sie ging zu ihm hin und sprach ihm weinend Trost zu; allein sein großer Schmerz war stärker als seine Liebe.

— Gegen Morgen legte sich der Sturm, aber in dem Herzen Gabriels tobte der Schmerz heftig weiter. Sprachlos kniete er noch immer mit seiner Geliebten an dem Bette des Alten, dessen laute Atemzüge man vernahm.

Perrine war zum Ersten male an einem Sterbebett, deshalb fühlte sie sich nun auch so hilflos und verlassen, wie die zwei Kinder an ihrer Seite.

Endlich, als das Tageslicht heller wurde, entschloss sie sich, Hilfe herbei zu holen, sie ging zur Tür und hörte in demselben Augenblick Fußtritte von außen.

Die Tür öffnete sich: es trat ein Mann herein. — Dieser Mann war Francois Sarzeau.—


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