Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung des Professors von der gelben Maske - Dritter Teil - Achtes Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung des Professors von der gelben Maske



Achtes Kapitel.

Ungefähr sechs Monate nach den letzten Ereignissen lebten d’Arbino und sein Freund Finello in einer Villa bei Neapel, in der Nähe der Küste von Castellamare.

Die Freunde verbrachten ihre Zeit teils mit Fischerei, teils mit kleinen Segelpartien. Da sie ein Boot zu ihrer eigenen Verfügung hatten, so schweiften sie oft tagelang auf dem Wasser.

Eines Abends segelten sie in die Nähe von Sorrento. Die Schönheit des Abends fesselte sie wieder wunderbar lange auf dem Wasser. Sie schifften um eine kleine Insel und erblickten eine reizend kleine Villa, umgeben von Orangen- und Olivenbäumen.

Vor der Villa saßen auf dem Sande in der Nähe der Küste mehrere Personen, welche die frische Abendluft einzuatmen schienen. Ein Herr und eine Dame saßen dicht nebeneinander, die Dame hatte eine Gitarre in ihrem Schoß und spielte einen lieblichen Tanz; neben ihr spielte ein kleines Kind in dem Sande und vor ihr tanzte ein junges Mädchen mit einem Hunde nach den Tönen des Instruments.

Das Mädchen lachte hell und laut über die sonderbaren Sprünge des Tieres, dessen Vorderpfoten sie in ihren Händen hielt.

»Fahren wir noch ein wenig näher zur Küste mit dem Boot,« sagte d’Arbino, »dann können wir die Personen erkennen, ohne dass sie uns sehen.«

Finello gehorchte, aber das junge Mädchen, welches mit dem Hunde tanzte, hatte die Schiffer doch erblickt und rief lustig:

»Glückliche Reise, meine Herren!«

Sie lüfteten artig ihre Hüte zum Gegengruß und hörten, dass dieselbe Stimme sprach:

»Spiele, Nanina, ich habe den Tanz noch nicht halb beendet.«

»Ich hörte, dass er wieder gesund sei und sie geheiratet habe und dass er mit ihr, ihrer Schwester und seinem Kind erster Ehe fort sei,« sagte d’Arbino, »aber ich wusste nicht, dass er uns so nahe geblieben ist.

»Es ist noch zu früh, sie in ihrem Glück zu stören, sonst würde ich mein Boot an ihrer Küste landen lassen.«

»Ich erfuhr nie das Ende von der Geschichte mit der gelben Maske,« sagte Finello, »war nicht auch ein Priester darin verwickelt?«

»Ja, aber es weiß Niemand, was aus ihm geworden ist. Er ist nach Rom berufen worden, weiter erfuhr man nichts. Man sagt, er sei als Missionar zu den Wilden geschickt worden und zwar nach einer sehr ungesunden Gegend; doch das ist ein bloßes Gerücht.

»Ich fragte neulich seinen Bruder, den Bildhauer nach ihm, doch dieser schüttelte nur den Kopf und wusste weiter nichts.«

»Und die Frau, welche die gelbe Maske trug, was ist aus ihr geworden?« fragte Finello.

»Sie musste jedes Stück ihrer Habe verkaufen, bevor sie sich aus Pisa entfernen konnte, soviel Schulden hatte sie gemacht.

»Einige ihrer Bekannten, welche bei einer Modehändlerin in Pisa beschäftigt sind, wollten nichts mit ihr zu tun haben, und so verließ sie die Stadt allein und ohne Mittel.«

Das Boot hatte das andere Ufer unter diesen Gesprächen erreicht. Die Freunde blickten zurück zu den Glücklichen und die Töne der Gitarre schwammen sanft zu ihnen herüber, vermischt mit dem Gesang der Spielenden. Das junge Kind und der Hund lagen der Dame jetzt zu Füßen, aber der Herr saß noch immer an ihrer Seite.

Das Boot segelte nun ruhig seine Bahn weiter, die Villa verschwand den Herren aus dem Gesicht und die sanften Töne der Musik erstarben leise und immer leiser.


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