Deutsche Wilkie Collins Fanpage - In der Dämmerstunde - Die Erzählung des Professors von der gelben Maske - Zweiter Teil - Drittes Kapitel
 

In der Dämmerstunde

Die Erzählung des Professors von der gelben Maske



Drittes Kapitel

Bevor noch der Diener die Wohnung des Priesters erreicht hatte, ließ sich ein anderer Besuch anmelden, der auch sogleich von Pater Rocco empfangen wurde. Der Angekommene war ein außerordentlich sauber gekleideter Mann mit einer etwas kriechenden Höflichkeit. Er verbeugte sich, als er sich niedersetzte, verbeugte sich als Pater Rocco fragte, wie es ihm gehe und verbeugte sich zum dritten Male, als der Priester fragte, was ihn von Florenz nach Pisa führe.

»Sehr unangenehme Dinge,« antwortete der kleine Mann und räusperte sich erst noch ein Weilchen, »die Kleidermacherin Nanina, welche Sie vor einem Jahre unter die Aufsicht meiner Frau stellten —«

»Was ist mit ihr?« fragte der Priester.

»Sie hat uns leider mit ihrer kleinen Schwester und dem abscheulichen Hund, der Jedermann anbellt, verlassen.«

»Wann gingen sie von Ihnen?«

»Erst gestern und heute bin ich gekommen, dies anzuzeigen, weil Sie uns die Mädchen so angelegentlich empfohlen haben. Meine Frau war sehr gut zu ihnen und ich habe sie wie Fürstinnen behandelt. Ich kaufte die Decken, welche die Kleinere flocht und ertrug geduldig den unangenehmen Hund.«

»Wissen Sie nicht, wo sie sind?«

»Ich erfuhr auf dem Paß-Büreau, dass sie Florenz noch nicht verlassen haben, aber wo sie sich aufhalten, weiß ich nicht.«

»Sie können Sie nicht ohne Ursache verlassen haben! Nanina ist viel zu verständig dazu. Ist kein Grund dafür zu finden?«

Der kleine Mann besann sich und rückte hin und her auf seinem Sitze. Endlich sagte er:

»Sie empfahlen uns das Leben und die Handlungen des jungen Mädchens streng zu bewachen. Wir meldeten Ihnen nun vor einiger Zeit, dass sie heimlich Schreibunterricht nähme.«

»Ja, und ich schrieb Ihnen, dass Sie keine Notiz davon nehmen möchten, sondern Sie sollten sich nur darum bekümmern, was sie mit der erlernten Kunst machen würde, ob sie vielleicht an Jemand schreiben würde; allein in ihren monatlichen Berichten las ich nichts weiter darüber.« —

»Es geschah auch bis vor drei Tagen nichts Verdächtiges. Aber sie verließ an diesem Tage ihr Zimmer, begab sich auf die Post und steckte einen Brief in den Postkasten.« —

»Sie wissen doch genau die Adresse, an die der Brief ging?« fragte der Priester.

»Unglücklicher Weise nicht!« antwortete der Kleine.

Pater Rocco antwortete nicht. Er dachte vielmehr darüber nach, an wen das Mädchen geschrieben haben könnte. An Fabio hätte sie sicher früher geschrieben, — da es nun wahrscheinlich nicht an Fabio war, so besann sich der Priester auf eine andere Person.

»Ich bedauere recht sehr, dass ich die Adresse nicht angeben kann,« sagte der Mann noch ein Mal.

»Es ist zu spät zum Bedauern,« entgegnete Pater Rocco kühl. »Teilen Sie mir gefälligst schnell die Beweggründe und die Umstände mit, unter denen sie Ihr Haus verließ; aber fassen Sie sich recht kurz, denn ich kann in jedem Augenblick zu einer teuren, mir verwandten Kranken gerufen werden.«

»Ich werde die Kürze selbst sein,« begann der Mann.

»Zuerst müssen Sie erfahren, dass ich einen faulen, gewissenlosen Schurken als Lehrling in meinem Geschäft hatte.«

Der Priester blickte erschrocken in die Höhe. —

»Zweitens mögen Sie erfahren, dass dieser niederträchtige Bursche sich in Nanina verliebte.«

Pater Rocco lauschte aufmerksam.

»Allein ich muss dem Mädchen nachsagen, dass sie den Burschen nicht dazu ermutigt hat. Im Gegenteil, Jedes mal, wenn er mit ihr sprach, antwortete sie ihm sehr kurz.«

»Sie war stets ein sehr gutes Mädchen!« entgegnete Pater Rocco. »Doch weiter!«

»Das Schlimmste ist, dass dieser schurkische Bursche meine Papiere durchstöbert hat.« —

»Sie haben doch keine Privatbriefe offen liegen lassen?« fragte der Priester sehr ernst.

»Das soll in Zukunft nicht mehr geschehen, aber bis jetzt waren Briefe darunter.« —

»Hoffentlich keine von mir über Nanina?« fragte Rocco hastig.

»Unglücklicher Weise waren die auch dabei. Entschuldigen Sie mir dies eine Mal meine Unvorsichtigkeit,« sagte der kleine Mann. »In Zukunft, —«

»Solche Unvorsichtigkeit finden gar keine Entschuldigung,« antwortete der Priester ärgerlich.

»Wenn der abscheuliche Bursche nun dem Mädchen die Briefe gezeigt hat? Wie dann?«

»Warum sollte er das?« fragte der kleine Mann harmlos.

»Dummkopf! Sie sagten ja, dass er sich in sie verliebt habe und dass das Mädchen ihn nicht erhört habe.«

»Ja, das sagte ich, weil es so war!«

»Nun, sehen Sie denn nicht ein, dass er das Mädchen vielleicht durch ein solches Mittel für sich gewinnen wolltet Er hat ihr sicher gesagt, dass ich sie durch Sie überwachen lasse. Doch, kommen wir jetzt schnell zur Hauptsache! «

»Woher vermuten Sie, dass das Mädchen den Inhalt meiner Briefe an Sie kennt?«

»Am Abend, als die Drei mein Haus verlassen hatten,« begann der Mann wieder, »fand ich auf dem Tische ihres Zimmers einen Zettel. — Hier ist er!«

Pater Rocco griff hastig danach und las:

»Ich weiß nun, dass ich seit dem Eintritt in Ihr Haus stets überwacht werde. — Ich habe nicht Lust, noch eine Nacht in dem Hause eines Spions zu verbringen. Ich gehe mit meiner Schwester fort. Wir sind Ihnen nichts schuldig und können leben, wo es uns beliebt. Wenn Sie Pater Rocco sehen, so sagen Sie ihm, dass ich ihm sein Misstrauen wohl vergeben, aber nie vergessen werde; da ich ihm volles Vertrauen schenkte, durfte ich dasselbe auch von ihm erwarten! Ich dachte ihn mir stets als meinen väterlichen Freund. Das Vertrauen zu ihm habe ich jetzt für immer verloren.

Nanina.«

Der Priester stand auf und sagte: »Wir müssen diesen Vorfall schnell wieder gut zu machen suchen. Sind Sie bereit, morgen nach Florenz zurück zu reisen?«

Der Mann verneigte sich zustimmend.

»Machen Sie sie ausfindig und sehen Sie nach, ob sie gut untergebracht ist. Sprechen Sie nicht von mir und machen Sie keine Anstrengung, sie in Ihr Haus zurückzubringen.

»Mir zeigen sie dann schnell an, wo und wie das Mädchen lebt. Sie muss sehr gut behandelt werden. Machen Sie ja keine neuen Dummheiten; tun Sie gerade das, was ich Ihnen sage und nichts darüber. Haben Sie mir nun noch Etwas zu sagen?«

»Nein!« entgegnete der Kleine.

»Dann, gute Nacht!« sagte Rocco, und der Mann aus Florenz ging, sich fort und fort verneigend, zur Tür hinaus.

»Das ist ärgerlich!« sagte der Priester zu sich selbst und spazierte in seinem Zimmer auf und ab. »Ich liebe das Kind, ich habe der Kleinen Unrecht getan, ich weiß es! Hätten wir sie nur erst wieder aufgefunden!

»Nanina ist ein sehr gutes, verständiges Mädchen! Wie hübsch ist der Brief geschrieben.« Mit diesem Selbstgespräch näherte sich der Priester dem Fenster und sog die frische Luft hastig ein.

Als er sich wieder seinem Arbeitstische zuwandte, dachte er nur noch an seine Nichte.

»Es ist sonderbar, dass man nicht hört, wie es Magdalenen geht. — Vielleicht hat Luca Nachricht bekommen. Ich werde nach dem Atelier gehen.«

Er näherte sich der Tür Eben trat Fabio’s Diener ein.

»Ich bin gesendet, Sie in den Palast zu holen. Die Doktoren geben jede Hoffnung auf,« sagte der Mann sehr kurz und ernst. —

Pater Rocco wurde geisterhaft bleich und fragte: »Weiß mein Bruder es schon?«

»Nein, ich gehe jetzt ins Atelier,« antwortete der Diener.

»Geht nur nach Hause! Ich werde meinen Bruder selbst benachrichtigen,« sagte Rocco und ging neben dem Diener die Treppen herunter.

»Wie geht es dem Kind?« fragte er.

»Dem Kind geht es gut!« lautete die Antwort.

»Das ist wenigstens ein Trost,« sprach Rocco halb zu sich, halb zu dem Diener gewendet, der sich nun entfernte.

»Die Mutter muss ich jetzt aufgeben,« sagte Rocco zu sich, jetzt muss ich das Kind für meine Pläne erziehen. Des Vaters unrechtmäßig erworbener Reichtum soll nun durch die Hände dieses Kindes der Kirche wieder zugeführt werden.«

Er eilte in das Atelier; unterwegs musste ihm eine neue Idee gekommen sein, denn er stand plötzlich still, lehnte sich auf das Geländer der Brücke, über welche er gekommen war und blickte ein Weilchen in das hell-scheinende Mondlicht. Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er nicht einmal das Nahen von zwei Damen bemerkte.

Die Größere der Beiden sah ihm ins Gesicht und rief:

»Guten Abend, Pater Rocco!«

»Donna Brigitta! rief der Priester aus, dann verneigte er sich vor ihr mit gewohnter Höflichkeit.

»Verzeihen Sie, wenn ich mich jetzt nicht länger dem Vergnügen der Unterhaltung hingebe; uns hat schweres Unheil getroffen und ich gehe jetzt zu meinem Bruder, ihn darauf vorzubereiten,« fügte Rocco hinzu.

»Sie meinen die Krankheit Ihrer Nichte? Ich hörte diesen Abend davon,« entgegnete Brigitte.

»Ich hoffe, es soll sich zum Besten wenden. Ich war so lange nicht in Pisa, ich danke Ihnen, Pater Rocco, für die Freundlichkeit, welche Sie mir früher stets erzeigten!«

Mit diesen Worten hatte Brigitte sich entfernt und ihre Freundin wieder eingeholt. Der Priester hatte bemerkt, dass Virginie horchen wollte, was zwischen ihm und Brigitte gesprochen wurde. Er lauschte deshalb darauf, was die beiden Frauen zu einander sagen würden.

»Virginie,« fing Brigitte an, »wetten wir um ein neues Kleid, dass Fabio d’Ascoli wieder heiraten wird.«

Pater Rocco war wie von Feuer durchglüht, als er diese Worte hörte.

»Was sollte die Fremde, die mir keinen Einfluss auf sich und die Erziehung der Kinder einräumen würde, wohl für die Kirche tun?« fragte sich der fromme Sohn der Kirche.

Er stand still und blickte feierlich zu dem Nachthimmel auf. Die Brücke war leer. Er sah in seinem schwarzen Priesterkleid wie ein fürchterliches Gespenst aus. Dann drehte er sich nach der Richtung, welche eben die beiden Frauen genommen hatten und sagte:

»Donna Brigitta, ich wette um fünfzig neue Kleider, dass Fabio d’Ascoli nie wieder heiraten wird!«

Er hatte das Atelier erreicht, läutete an und sagte dann noch zu sich: »Donna Brigitta, war Ihr erster Fall noch nicht tief genug? Der zweite dürfte unangenehmer für Sie ausfallen!«

Lomi öffnete selbst die Tür und die Brüder gingen in das Atelier.

»Hast Du Nachrichten?« fragte Luca Lomi hastig.

»Mein armer Luca, nimm Deinen Mut zusammen. Die Doktoren haben jede Hoffnung aufgegeben,« entgegnete Rocco.

Luca stieß einen Schrei der Verzweiflung aus! »Magdalena, mein armes, armes Kindl« rief er weinend.

Die Liebe des Mannes concentrirte sich nur auf seine Tochter und seine Bildwerke.

Nachdem sein heftiger Schmerz vorüber war, sah er, dass die Beleuchtung um ihn her eine andere geworden war und er sah den Priester mit der Lampe in der Hand an dem äußersten Ende des Ateliers, als ob er Etwas suche.

»Rocco! Rocco! Warum nahmst Du hier die Lampe fort? Was tust Du dort?«

Es kam keine Antwort. Luca ging ihm nach und fragte: »Was tust Du hier?«

Der Priester hatte jetzt gehört und kam mit der Lampe zurück.

»Rocco! Wie blass Du bist! Was ist denn geschehen?«

»Sprich kein Wert rief der Priester aus und setzte seine Lampe auf den nächsten Tisch.

Luca sah, wie des Priesters Hände zitterten, er hatte seinen Bruder nie so aufgeregt gesehen.

Als Rocco vor wenigen Sekunden den Tod Magdalenens als sicher bevorstehend angezeigt hatte, war seine Stimme ruhig geblieben, was konnte jetzt geschehen sein?

Der Priester sah die ängstlichen Blicke seines Bruders und flüsterte ihm zu:

»Nimm schnell Deinen Hut, lass uns eilen, wir haben keine Sekunde zu verlieren, wenn wir sie noch lebend treffen wollen! Komm, komm, ich werde die Lampe hier auslöschen!«

Mit diesen Worten löschte er das Licht. Sie verließen das Atelier, dicht neben einander gehend. Das Mondlicht schien hell durch das Fenster und erhellte die Stelle, wo der Priester mit der Lampe gestanden hatte. Als sie dort hinkamen, fühlte Luca, dass Rocco heftig zitterte und sah, wie er seinen Kopf fort-wendete.

Zwei Stunden danach waren Fabio d’Ascoli und seine Gattin für dieses Erdenleben getrennt. Die Diener des prächtigen Palastes sprachen leise von den Vorbereitungen zu dem Begräbnisse ihrer Herrin, die nun bald auf dem Friedhof von Campo Santo schlummern sollte.


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