Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Amors Pfeil - Amors Pfeil - Kapitel V
 

Amors Pfeil



V

Das wenige, was ich über diesen jungen Polizeioffizier gehört hatte, stellte ihn als einen »aufstrebenden Mann« dar, entschlossen und raffiniert, und nicht sehr pingelig dabei, seinen eigenen Vorteil zu nutzen. »Durchaus nützlich, aber braucht Betreuung«. So beschrieb der Superintendent in kurzer Form Mr. Butler.

Ich warnte ihn zu Beginn vor, dass ich nur wenig Zeit entbehren konnte. »Sagen Sie, was notwendig ist, aber in wenigen Worten. Was wollen Sie von mir?«

»Was ich von Ihnen will, Sir, steht in Verbindung mit etwas, das im Haus von Benjamin Parley geschehen ist. Er hat sich selbst in ernste Schwierigkeiten gebracht.«

Ich hätte einen schlechten Geheimpolizisten abgegeben. Wenn ich irgendetwas höre, was mich interessiert oder mich erregt, hat mein Gesicht die Angewohnheit, das zuzugestehen. Butler hatte mich kaum ansehen müssen, um zu sehen, dass er gewisse Erklärungen übergehen konnte, die er hätte zuvor anführen wollen.

»Mrs. Parley sagte mir, Sir, dass Sie ihrem Ehemann erlaubt hatten, mit Ihnen zu sprechen. Kann ich es als gegeben ansehen, dass Sie von der Gouvernante wissen? Parley traf die Frau auf der Straße. Er war von ihrer persönlichen Erscheinung beeindruckt; er kam ins Gespräch mit ihr; er nahm sie in ein Restaurant mit und zahlte ihr ein Abendessen; er hörte ihre interessante Geschichte; er verliebte sich in sie, wie ein höllischer, alter Narr – oh, ich bitte Sie um Entschuldigung!«

»Es ist völlig unnötig, sich zu entschuldigen, Butler. Als er der Frau erlaubte, Gouvernante seiner Kinder zu sein, verhielt er sich sowohl wie ein Halunke als auch wie ein Narr. Fahren Sie fort. Sie haben natürlich entdeckt, welches Ziel sie damit verfolgte, sich in Parleys Haus einzunisten?«

»Ich werde Sie zuerst um Erlaubnis bitten, zu erzählen, wie ich die Entdeckung gemacht habe.«

»Warum?«

»Weil Sie nicht glauben werden, wer die Frau wirklich ist, wenn ich sie nicht vorderhand überzeuge, dass ich keinen Fehler begangen habe.«

»Ist sie eine Berühmtheit?«

»Sie ist überall dort bekannt, wo eine Zeitung herausgegeben wird.«

»Und verbirgt sich natürlich«, sagte ich, »unter einem angenommenen Namen?«

»Und außerdem, Sir, wäre man ihr nie auf die Schliche gekommen – wäre nicht die Eifersucht der Ehefrau gewesen. Jeden außer dieser alten Frau hatte man bequatscht, Miss Beaumont zu mögen. Mrs. Parley glaubte, dass die charmante Gouvernante eine Betrügerin sei und, entschieden, sie bloßzustellen, bat mich um Rat. Das einzige Indiz, das mich verleitete, mir die Angelegenheit anzusehen, kam von dem Dienstmädchen. Miss Beaumonts Schlafzimmer war an der Hinterseite des Hauses. Eines Nachts hörte die Dienerin sie leise das Fenster öffnen und sah sie ihr Handwaschbecken in den Garten entleeren. Die herkömmlichen Mittel, ihr Waschbecken zu leeren, waren natürlich in ihrem Zimmer bereitet. Haben Sie schon mal in das Ankleidezimmer eines Schauspielers gesehen, wenn er fertig mit seiner Arbeit auf der Bühne war, Sir?«

»Manchmal.«

»Haben Sie zufällig das Waschbecken angesehen, wenn er sein Gesicht wusch, bevor er nach Hause ging?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»In solchen Fällen hinterlässt der Schauspieler, was Sie die Schattierung seiner Hautfarbe nennen können, im Wasser, und die Farbe könnte einer aufmerksamen Person auffallen. Wenn ich nicht mein Leben auf der Bühne begonnen hätte, wäre es nie geschehen, dass ich Miss Beaumonts Grund, ihr Waschbecken im geheimen zu leeren, mit einer falschen Hautfarbe verbunden habe – gelegentlich nachts entfernt, verstehen Sie, und am nächsten Morgen wieder aufgetragen. Eine bloße Vermutung, werden Sie sagen, und eher falsch als richtig. Ich bestreite das nicht; ich sage nur, dass meine Vermutung mich ermutigte, ein oder zwei Nachforschungen anzustellen. Es ist unnötig, Sir, Sie mit den Schwierigkeiten, auf die ich dabei stieß, zu behelligen. Lassen Sie mich nur sagen, dass ich es verstand, sie zu überwinden. In der letzten Nacht, als der alte Parley wohlbehalten im Bett war, drangen seine Frau, sein Dienstmädchen und ich in das Heiligtum von Miss Beaumonts Zimmer ein. Wir hatten keineswegs Angst, die Dame zu wecken, da wir (beim Abendessen) die Vorkehrung getroffen hatten, ihr – sagen wir den Segen einer guten Nachtruhe – zu verschaffen. Sie war scheinbar ein wenig nervös und ruhelos gewesen, bevor sie zu Bett ging. Jedenfalls war ihre Perücke auf den Fußboden geworfen worden. Wir gingen daran vorbei und gingen zum Bett. Sie lag auf ihrem Rücken; ihr Mund war offen und ihre Arme hingen auf jeder Seite herunter. Ihr eigenes hübsches, blondes Haar war nicht sehr lang; und ihre falsche Farbe (sie war, Sir, als eine dunkle Dame in der Öffentlichkeit verkleidet) war in dieser Nacht auf ihrem Gesicht, ihrem Nacken und ihren Händen verblieben. So weit hatten wir nur entdeckt, dass sie war, was Mrs. Parley in ihr vermutete – eine unbekannte Betrügerin. Es blieb mir übrig, herauszufinden, wer die Frau wirklich war. Die Befestigung ihres Nachtkleides um die Kehle herum hatte sich gelöst. Ihr Busen war entblößt. Bei meiner Seele! Mir graute es, als die Wahrheit über mich hereinbrach! Da war es, Sir, ohne Zweifel – dort, auf der rechten Seite, unter der rechten Brust -«

Ich sprang von meinem Stuhl auf. Auf meinem Schreibtisch lag ein Flugblatt, welches ich gelesen und wieder gelesen hatte, bis ich es auswendig konnte. Es war von den Londoner Behörden im ganzen Vereinigten Königreich verteilt worden; und es enthielt die Beschreibung einer Frau, die eines schrecklichen Verbrechens verdächtig war, und die sich der Verfolgung durch die Polizei entzogen hatte. Ich schaute auf das Flugblatt; ich schaute auf den Mann, der mit mir sprach.

»Großer Gott!« schrie ich. »Haben Sie die Narbe gesehen?«

»Ich sah sie, Landvogt, so deutlich wie ich Sie sehe.«

»Und den falschen Eckzahn auf der linken Seite ihres Mundes?«

»Ja, Sir – und das Gold daran, das für sich spricht.«

Jahre sind vergangen, seit dieses Gespräch, auf das ich mich gerade bezog, geführt wurde. Aber einige Personen werden sich an einen berühmten Kriminalfall in London erinnern – und würden, wenn ich mich unbenommen fühlen würde, ihn zu erwähnen, den Namen der grausamsten Mörderin der Moderne wiedererkennen.


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