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John Jagos Geist



Viertes Kapitel - Der büchene Knüttel

Nervöse Personen, welche zum ersten Mal in einem fremden Hause und in einem neuen Bette schlafen, müssen sich darein ergeben, keine besonders geruhsame Nacht zu verbringen. Meine erste Nacht auf Morwick Farm machte keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Der wenige Schlaf, der in meine Augen kam, war unruhig und voll beängstigender Träume. Gegen sechs Uhr morgens ward mir mein Bett zum wahren Dornenlager und obgleich ich an allen Gliedern wie zerschlagen war, beschloss ich doch, durch den glänzenden Sonnenschein draußen Verlockt, aufzustehen und den belebenden Einfluss eines Spazierganges in der frischen Morgenluft zu versuchen.

Als ich eben das Bett verlassen hatte hörte ich Tritte und Stimmen unter meinem Fenster. Die Tritte machten Halt und die Stimmen wurden unterscheidbar; und da ich während der Nacht mein Fenster offen gelassen hatte, konnte ich, ohne Aufmerksamkeit von unten zu erregen; hinaussehen.

Die Personen, welche unten standen, waren Silas Meadowcroft, John Jago und drei mir unbekannte Männer, deren Kleidung und ganze äußere Erscheinung sie jedoch deutlich genug als Arbeiter der Farm kennzeichneten. Silas hielt einen massiven Stock aus Buchenholz in der Hand, mit welchem er heftig in der Luft herum.schlug, und stellte John Jago wegen seines gestrigen Zusammenseins mit Naomi grob und unverschämt genug zur Rede.

»Wenn Sie das nächste Mal einer jungen Dame heimlich den Hof machen wollen.« schrie er, »so warten Sie erst, daß der Mond untergeht, oder wählen Sie einen bewölkten Abend. Man hat Sie im Garten gesehen, Master Jago, und Sie können uns nur gleich das Resultat mitteilen. Hat sie Ihr Flehen erhört? Hat sie ja gesagt?«

John Jago bewahrte seine Selbstbeherrschung.

»Wenn Sie Scherz treiben wollen, Mr. Silas,« erwiderte er ruhig und bestimmt, »so bitte, wählen Sie sich einen andern Gegenstand dazu aus. Sie irren sich gänzlich in dem, was Sie über mein Zusammensein mit der jungen Dame vermuten.«

Silas drehte sich um und sagte ironisch zu den drei Arbeitern:

»Hört Ihr, Jungen? Er hat gestern nichts von Liebe zu Naomi gesprochen. O natürlich nicht. Er hat schon eine Frau gehabt und ist klug genug, das Joch nicht ein zweites Mal auf sich zu nehmen.«

Zu meiner größten Überraschung beantwortete John Jago diesen plumpen Witz in ernster gehaltener Weise.

»Sie haben ganz Recht, Sir« sagte er. »Ich beabsichtige nicht, mich wieder zu verheiraten. Was ich mit Miß Naomi gesprochen, geht Sie nichts an. Es war keineswegs das, was Ihnen anzunehmen beliebt. Es war etwas durchaus anderes, was gar keinen Bezug auf Sie hat. Ich erkläre Ihnen hiermit ein für alle Mal, Mr. Silas, daß mir niemals der Gedanke gekommen ist, der jungen Dame den Hof zumachen. Ich achte sie und bewundere ihre vortrefflichen Eigenschaften; aber selbst wenn sie die einzige Frau auf der Welt wäre und ich noch viel jünger als ich bin, so würde es mir niemals einfallen, um ihre Hand zu werben.« Hier brach er plötzlich in ein raues, nervöses Gelächter aus. »Nein« nein! Es ist nicht mein Genre, Mr. Silas — nicht mein Genre.«

Etwas in diesen Worten oder indem Ton, in welchem sie gesprochen wurden, schien Silas noch mehr zu erbittern. Er gab seine plumpe Ironie auf und wiederholte mit äußerster Verachtung:

»Nicht Ihr Genre? Auf mein Wort« Sie drücken sich ziemlich kühn für einen Mann in Ihrer Stellung aus. Was meinen Sie damit, daß sie nicht Ihr Genre sei? Sie unverschämter Lump! Naomi Colebrook ist nicht für Knechte gewachsen.«

John Jago fing endlich an, seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Er trat mit herausfordernder Miene Silas Meadowcroft einige Schritte näher.

»Wer ist hier Knecht?« fragte er.

»Ambrosius wird es Ihnen zeigen, wenn Sie zu ihm gehen wollen,« erwiderte der andere. »Naomi ist seine, nicht meine Geliebte. Gehen Sie ihm aus dem Wege, wenn Sie Ihre Haut unversehrt behalten wollen.«

John Jago warf einen einer teuflischen Seitenblicke nach der verletzten Hand des jungen Farmers und sagte: »Vergessen Sie Ihre eigene Haut nicht, wenn Sie die meinige bedrohen. Ich habe Ihnen bereits einmal meinen Stempel aufgedrückt. Lassen Sie mich an mein Geschäft gehen, oder ich könnte Sie ein zweites Mal kennzeichnen.«

Silas erhob seinen büchenen Knüttel. Die Arbeiter, welche zu dem ungefähren Bewusstsein erwacht waren, daß der Streit eine ernste Wendung nähme, traten zwischen die beiden Männer und trennten sie. Ich hatte mich während des Wortwechsels hastig angekleidet und stürzte nun die Treppe hinab, um zu versuchen, was mein Einfluss zur Aufrechterhaltung des Friedens auf Morwick Farm vermochte.

Das zornige Wortgefecht war noch auf seiner Höhe, als ich draußen zu der Gruppe trat.

»Fort mit Ihnen an Ihr Geschäft, Sie feiger Hund!« hörte ich Silas schreien. »Fort mit Ihnen nach der Stadt und hüten Sie sich Ambrosius auf Ihrem Wege zu begegnen.«

»Hüten Sie sich« daß Sie nicht wieder mein Messer fühlen, bevor ich gehe,« rief der Andere dagegen.

Silas machte eine verzweifelte Anstrengung, um sich der Arbeiter zu erwehren, welche ihn fest hielten.

»Neulich haben Sie nur meine Faust gefühlt.« brüllte er; »das nächste Mal sollen Sie dies hier fühlen!«

Dabei hob er seinen Stock. Ich trat hinzu und nahm ihn ihm aus der Hand.

»Mr. Silas,« sagte ich, »ich bin krank, wie Sie wissen, und da ich im Begriff bin, einen Spaziergang zu machen, so wird mir Ihr Stock sehr gute Dienste leisten. Ich bitte Sie, ihn mir zu borgen.«

Die Arbeiter brachen in ein Gelächter aus. Silas sah mich mit ärgerlicher Überraschung starr an. John Jago, welcher augenblicklich seine Selbstbeherrschung wieder gewann nahm seinen Hut ab und machte mir eine ehrfurchtsvolle Verbeugung.

»Ich hatte keine Ahnung, Mr. Lefrank, daß wir Sie störten,« sagte er. »Ich bin ganz beschämt über mich selbst. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Mr. Jago,« erwiderte ich, »unter der Bedingung, daß Sie als der Ältere künftig hin mit gutem Beispiel vorangehen und Nachsicht üben, wenn Ihre Geduld wieder so auf die Probe gestellt werden sollte, wie es heute geschehen ist. Und Sie bitte ich,« wandte ich mich an Silas, »daß Sie mir, als dem Gast Ihres Vaters eine Gunst erweisen. Wenn Sie künftig in einer übermütigen Laune auf Kosten Mr. Jagos Witze machen, so gehen Sie darin nicht gar zu weit. Ich bin überzeugt, daß Sie es nicht böse meinten, Mr. Silas. Wollen Sie mir die Freude machen, dieses selbst zu sagen? Ich möchte Sie und Mr. Jago sich die Hände reichen sehen.«

John Jago hielt sofort seine Hand hin mit der Miene der aufrichtigsten Gesinnung, die nach meinem Gefühl etwas übertrieben war. Silas Meadowcroft tat seinerseits keinen Schritt, um die Sache freundlich beizulegen.

»Mag er an sein Geschäft gehen,« sagte er. »Ich will keine Worte weiter an ihn verschwenden, Ihnen zu Gefallen, Mr. Lefrank. Aber ich will verdammt sein, wenn ich seine Hand annehme.«

Einen solchen Mann weiter überreden zu wollen, wäre offenbar nutzlos gewesen; auch schnitt mir Silas die Gelegenheit dazu ab, selbst wenn ich mein Vermittleramt hätte fortsetzen wollen. Er ging in trotzigem Schweigen davon und verschwand hinter der nächsten Ecke des Hauses. Darauf entfernten sich auch die Arbeiter nach verschiedenen Richtungen, um an ihr Tagewerk zu gehen, so daß John Jago und ich allein blieben.

Ich überließ es dem Manne mit den wilden, braunen Augen zuerst zu sprechen.

»In einer halben Stunde gehe ich in Geschäften nach Narrabee, unserm nächsten Marktflecken, Sir. Haben Sie vielleicht einen Brief zu besorgen, oder sonst einen Auftrag, den ich in der Stadt ausführen könnte?

Ich dankte ihm und lehnte sein Anerbieten ab, worauf er sich abermals achtungsvoll gegen mich verbeugte und ins Haus zurück ging. Ich verfolgte mechanisch den Pfad in derselben Richtung, die Silas kurz vorher genommen hatte. Nachdem ich um das Haus gebogen und eine kurze Strecke fort gegangen war, befand ich mich vor dem Eingang zu den Ställen und von Neuem Silas Meadowcroft gegenüber. Er hatte sich mit den Ellbogen auf das Hofthor gestützt und schwenkte es langsam hin und her, während er an einem Strohhalm kaute. Als er mich daherkommen sah, trat er mir einen Schritt vor der Tür entgegen und machte einen keineswegs glücklichen Versuch, sich wegen des Vorgefallenen zu entschuldigen.

»Verlangen Sie, dieses ausgenommen, was Sie wollen, und ich bin bereit, es um Ihretwillen zu tun. Aber verlangen Sie nicht, daß ich John Jago die Hand reiche. Ich hasse ihn dazu zu sehr. Wenn ich ihm die eine Hand reichte — ich sage es Ihnen grad heraus, ich würde ihn mit der andern erdrosseln.«

»Das sind also Ihre Gefühle gegen den Mann, Mr. Silas?«

»Das sind sie, Mr. Lefrank. Und ich schäme mich ihrer keineswegs.«

»Gibt es in Ihrer Gegend so etwas wie eine Kirche, Mr. Silas.«

»Gewiss gibt es das.«

»Und gehen Sie jemals hinein?«

»Natürlich. «

»Aber wohl selten!«

»Regelmäßig jeden Sonntag, Sir.«

Eine dritte Person hinter uns, die unser Gespräch mit angehört hatte, brach in ein Gelächter aus. Ich wandte mich um und erblickte Ambrosius Meadowcroft

««Ich verstehe, Sir, wo Sie mit Ihrem Katechisiren hinaus wollen, wenn mein Bruder es auch nicht versteht,« sagte er. »Seien Sie nicht zu streng mit Silas. Er ist nicht der einzige Christ, der sein Christentum auf seinem Platz in der Kirche zurück lässt. Sie werden uns niemals mit John Jago gut Freund machen, was Sie auch versuchen mögen! Wie, was haben Sie denn da in der Hand, Mr. Lefrank? Ich will auf der Stelle sterben, wenn das nicht mein Stock ist, den ich überall wie eine Stecknadel gesucht habe.«

Der dicke büchene Stock war meiner Hand schon seit einiger Zeit recht unbequem schwer geworden und ich hatte keinen Grund, ihn länger zu behalten. John Jago war auf dem Wege nach Narrabee und Silas lodernder Zorn war zu einer mürrischen Ruhe beschwichtigt. Ich gab daher den Stock an Ambrosius zurück, welcher ihn lachend in Empfang nahm.

»Sie können sich nicht denken, Mr. Lefrank, wie seltsam Einem ohne seinen Stock zu Mute ist,« sagte er. »Man gewöhnt sich sogar an seinen Stock. Sind Sie bereit, Ihr Frühstück einzunehmen ?«

»Noch nicht. Ich wollte erst einen kleinen Spaziergang machen.«.

»Wie es Ihnen beliebt, Sir. Ich wollte, ich könnte mit Ihnen gehen. Aber ich habe meine Arbeit und Silas hat auch die seinige. Wenn Sie den Weg zurückgehen, den Sie kamen, so gelangen Sie in den Garten, und wenn Sie weiter gehen wollen, so führt die Stacketentür am Ende desselben Sie auf einen Feldweg.«

Aus reiner Gedankenlosigkeit beging ich eine große Torheit. Ich drehte um, wie mir geheißen ward, und ließ die Brüder an dem Hofthor zusammen allein.


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