Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Erster Theil - Viertes Kapitel - Auf dem Heimwege
 

Gesetz und Frau



Viertes Kapitel.

Auf dem Heimwege.

Als wir miteinander allein waren, herrschte einen Augenblick Schweigen zwischen uns. Eustace brach es zuerst.

»Bist Du im Stande, zurück zu gehen?« sagte er zu mir, »oder wollen wir nach Broadstairs und von dort mit der Eisenbahn nach Ramsgate?«

Er that diese Fragen mit so ruhiger Fassung, als wenn nichts Bemerkenswerthes vorgefallen wäre. Aber seine Augen und Lippen verriethen ihn. Sie erzählten mir von seinem tiefen inneren Leiden. Die außergewöhnliche Scene, welche soeben ihr Ende erreicht hatte, weit entfernt, den letzten Rest meines Muthes zu erschüttern, hatte vielmehr meine Nerven angespannt und mein Selbstgefühl befestigt.

Ich hätte mehr oder weniger als ein Weib sein müssen, wenn meine Selbstachtung nicht hätte verwundet werden, wenn meine Neugier durch das seltsame Benehmen meines Mannes, während er mich seiner Mutter vorstellte, nicht hatte auf den höchsten Gipfel getrieben werden sollen. Aus welchem Grunde verachtete sie ihn und bemitleidete sie mich? Worin fand ich die Erklärung ihrer unbegreiflichen Gleichgültigkeit, als mein Name zweimal in ihrer Gegenwart genannt wurde? Weshalb hatte sie uns so plötzlich verlassen, als ob der bloße Gedanke, in unserer Gesellschaft zu verharren, ihr Abscheu einflößte? Das Hauptinteresse meines Lebens bestand nun darin, das Geheimniß zu durchdringen. Gehen? Ich befand mich in einer so fieberhaft erwartungsvollen Aufregung, daß mir war, als wenn ich an meines Gatten Seite bis ans Ende der Welt hätte gehen können.

»Mir ist wieder ganz wohl,« sagte ich, »laß uns zu Fuß zurückkehren, wie wir gekommen.«

Eustace warf einen Blick auf die Wirthin. Die Wirthin verstand ihn.

»Ich will Ihnen meine Gesellschaft nicht aufdrängen, Sir,« sagte sie scharf. »Ich habe Geschäfte in Broadstairs, und nun ich so nahe daran bin, will ich die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Guten Morgen, Mrs. Woodville.«

Sie legte einen starken Druck auf meinen Namen und fügte einen bedeutungsvollen Blick hinzu, den ich in meiner Verwirrung nicht verstand. Es war auch weder Zeit noch Gelegenheit, sie darüber zu befragen. Mit einer leichten steifen Verbeugung gegen Eustace verließ sie uns, wie seine Mutter uns verlassen hatte, und ging mit schnellen Schritten in der Richtung nach Broadstairs zu.

Endlich waren wir allein Ich verlor keine Zeit mit einleitenden Worten, sondern richtete sofort eine klare, deutliche Frage an meinen Gatten:

»Was hat das Betragen Deiner Mutter zu bedeuten?«

Anstatt zu antworten, brach er in ein lautes, heiseres, hartes Gelächter aus, das so gänzlich verschieden von seinen sonstigen Aeußerungen der Heiterkeit war, daß ich erschreckt still stand.

»Eustace, Du bist nicht mehr Du selbst,« sagte ich. »Du flößest mir Entsetzen ein.«

Er achtete nicht aus meine Worte, sondern schien den heiteren Gedanken zu verfolgen, der in seiner Seele aufgetaucht war.

»Das sieht meiner Mutter ganz ähnlich!« rief er, noch immer unter dem Einfluß seines humoristischen Ideenganges. »Erzähle mir, wie das zuging, Valeria.«

»Ich soll Dir erzählen?« wiederholte ich. Nach dem, was vorgefallen wäre es doch wohl Deine Sache, mir Aufklärung zu geben.«

»Du durchschnitt also die Dinge nicht?« sagte er.

»Nein,« entgegnete ich, »ich sehe in Deiner Mutter Sprache und Deiner Mutter Benehmen nur etwas, das mich berechtigt, eine ernstliche Erklärung von Dir zu verlangen.«

»Meine liebe Valeria! Wenn Du meine Mutter kenntest, wie ich sie kenne, würdest Du eine ernstliche Erklärung ihres Benehmens geradezu für eine Unmöglichkeit halten. Meine Mutter ernsthaft nehmen! Das ist ganz köstlich!«

Er brach wiederum in jenes unnatürliche Gelächter aus. »Mein Kind, Du weißt gar nicht, wie Du mich amüsirst.«

Es klang Alles erzwungen und gewaltsam. Er, der feinste, rücksichtsvollste Mann ein Gentleman in des Wortes edelster Bedeutung, benahm sich jetzt roh, laut und gemein. Trotz aller meiner Liebe zu ihm sank mein Herz unter der Last dieses Gedankens. In unaussprechlicher Verzweiflung und Aufregung fragte ich mich selbst: »Beginnt dein Mann bereits, dich zu betrügen, nachdem wir kaum eine Woche verheirathet?«

Ich beschloß, sein Vertrauen ans neue Weise zu gewinnen. Er wollte mir augenscheinlich seine eigene Ansicht von der Sache aufdrängen. Ich meinerseits war geneigt, scheinbar diese Ansicht zu adoptiren.

»Du sagst mir, daß ich Deine Mutter nicht verstände,« begann ich in sanftem Ton »Willst Du mir behilflich sein, sie verstehen zu lernen

»Es ist nicht leicht, Dich eine Frau verstehen zu lehren, die sich selbst nicht versteht,« antwortete er. »Aber ich will dennoch den Versuch machen. Der Schlüssel zu meiner armen Mutter Character ist, mit einem Wort Exzentrizität.«

Wenn ich aus dem ganzen Wörterbuche das allerungeeignetste Wort herausgesucht hätte, um den Character seiner Mutter zu bezeichnen, so würde es das Wort exzentrisch gewesen sein. Wenn ein Kind gesehen hätte, was ich sah, gehört, was ich hörte, so würde es in diesem Augenblicke nicht im Mindesten daran gezweifelt haben, daß er die Unwahrheit sprach.

»Merke Dir, was ich Dir vorhin gesagt, und wenn ich Dir das Benehmen meiner Mutter erklären soll, so theile mir erst mit, was vorgefallen. Wie kamt Ihr mit einander ins Gespräch?«

»Deine Mutter sagte es Dir ja bereits, Eustace. Ich ging hinter ihr, als sie zufällig einen Brief fallen ließ —«

»Das war kein Zufall,« unterbrach er mich. »Das geschah aus Absicht!«

»Ganz unmöglich!« rief ich aus. »Weshalb sollte Dritte Mutter absichtlich einen Brief fallen lassen?«

»Brauche immer den Schlüssel zu ihrem Character, mein Kind. Exzentrizität! Meiner Mutter eigenthümliche Art, Bekanntschaft mit Dir zu machen.«

»Bekanntschaft mit mir zu machen? Ich habe Dir ja eben erzählt, daß ich hinter ihr ging. Sie hatte ja keine Ahnung von mir, ehe ich zu sprechen begann.«

»So glaubst Du, Valeria.«

»Ich bin dessen gewiß.«

»Du kennst meine Mutter nicht, wie ich sie kenne.«

Ich begann, alle Geduld mit ihm zu verlieren.

»Willst Du mir vielleicht weiß machen,« sagte ich, »daß Deine Mutter heute mit der direkten Absicht an den Strand kam, um meine Bekanntschaft zu machen?«

»Ich zweifle nicht im Mindesten daran,« entgegnete er kühl.

»Weshalb erkannte sie denn aber nicht meinen Namen?« rief ich aus. »Zweimal nannte mich die Wirthin Mrs. Woodville, und zweimal machte es nicht den geringsten Eindruck auf Deine Mutter. Sie sah aus, als wenn sie den Namen nie zuvor in ihrem Leben gehört hätte.«

»Komödie!« antwortete er, eben so ruhig und gefaßt als vorhin. »Die Frauen ans der Bühne sind nicht die Einzigen, welche Komödie spielen können. Meiner Mutter Absicht war, Dich rückhaltlos kennen zu lernen, deshalb führte sie sich als Fremde bei Dir ein. Dieser Umweg, eine Schwiegertochter kennen zu lernen deren Wahl sie nicht billigte, sieht ihr durchaus ähnlich; wenn ich nicht zufällig dazu gekommen wäre, würde sie Dich in ein peinliches Verhör genommen haben, und Du hättest ihr in Deiner Unschuld geantwortet, als wenn Du einer Fremden gegenüber ständest. Bedenke, daß meine Mutter nicht Deine Freundin, sondern Deine Feindin ist, daß sie nicht Deine Vorzüge, sondern Deine Fehler entdecken will. Und da wunderst Du Dich, daß Dein Name keinen Eindruck auf sie machte? Zu ihrem größten Mißbehagen störte ich durch mein Hinzukommen Eure Unterhaltung und machte derselben ein Ende, indem ich Euch einander vorstellte. Aus diesem Umstande kannst Du Dir den Grund ihres Zornes erklären.«

Ich hatte ihn sprechen lassen, ohne ihn zu unterbrechen. Ich folgte seinen Worten mit schwerem Herzen und niederdrückender Enttäuschung und Verzweiflung. Das Idol meines Vertrauens, der Gefährte, Führer, Beschützer meines Lebens, wie tief war er gesunken. Konnte es eine schamlosere Entstellung der Thatsachen geben, als diese es war? War ein einziges wahres Wort in seiner ganzen Rede? Ja, wenn ich nicht zufällig das Portrait seiner Mutter entdeckt hätte, war es allerdings richtig, daß mir das Original unbekannt geblieben wäre. Alles Uebrige war Lüge, aus der nur ein Entschuldigungsgrund für ihn sprach, daß er noch nicht an Falschheit und Betrug gewöhnt war. Großer Gott! Wenn meinem Gatten Glauben zu schenken war, hätte uns seine Mutter nachspüren müssen bis London, bis in die Kirche, bis auf den Bahnhof, bis nach Ramsgate. Daß sie aber expreß an den Strand gekommen sein sollte, und den Brief hätte fallen lassen, um meine Bekanntschaft zu machen, gehörte zu den größten Unglaublichkeiten, die man hervorbringen konnte.

Ich vermochte nicht weiter zu sprechen. Ich wandelte schweigend an seiner Seite mit der überzeugenden Gewißheit im Herzen, daß ein Abgrund, in Gestalt eines Familiengeheimnisses, zwischen mir und meinem Gatten gähnte. Geistig, wenn nicht auch körperlich, waren wir bereits von einander getrennt, nachdem wir erst vier Tage verheirathet gewesen.

»Valeria,« fragte er, »hast Du mir nichts zu sagen?«

»Nichts.«

»Bist Du nicht zufrieden mit meiner Erklärung?«

Ich bemerkte ein leises Zittern seiner Stimme, als er diese Frage that. Der Ton bekam wieder eine gewisse Weiche, einen wehmüthigen Schmelz, den ich schon öfter an ihm bemerkt. Unter den hunderttausend geheinmißvollen Einwirkungen, welche dem Manne über das Weib, das er liebt, zu Gebote stehen, ist ohne Zweifel eine der unwiderstehlichsten der Klang seiner Stimme. Ich gehöre nicht zu den Frauen, welche bei geringfügigen Veranlassungen Thränen vergießen; als ich aber jenen Uebergang in seiner Stimme hörte, wanderten meine Gedanken zurück zu dem glücklichen Tage, wo ich mir zum ersten mal gestand, daß ich ihn liebte. Ich brach in Thränen aus.

Plötzlich stand er still, nahm mich bei der Hand und versuchte, mir ins Antlitz zu blicken.

Ich behielt den Kopf gesenkt und die Augen zu Boden gerichtet. Ich schämte mich meiner Schwäche und meines Mangels an Geistesgegenwart.

In dem Schweigen das nun folgte, stürzte er mir plötzlich mit einem Schrei der Verzweiflung zu Füßen, der mir wie ein Messer durch die Seele schnitt.

»Valeria! ich habe Dich betrogen — ich bin Deiner unwürdig! Glaube nicht ein Wort von dem, was ich gesagt; es sind alles elende, verächtliche Lügen! Du weißt nicht, was ich gelitten habe, wie ich gefoltert worden bin. Verachte mich nicht! Ich war von Sinnen als ich vorhin zu Dir sprach. Ich wollte Dir einen Augenblick des Kummers und des Schmerzes ersparen. Ich wollte der Sache einen Mantel umhängen und sie vergessen machen; Ich beschwöre Dich, dringe nicht weiter in mich, Dir noch mehr zu erzählen. Es besteht etwas zwischen meiner Mutter und mir, aber Du brauchst Dich deshalb nicht zu beunruhigen; es ist nur noch eine Erinnerung. Ich liebe Dich, ich bete Dich an; mein ganzes Herz, meine ganze Seele sind Dein! Laß Dir daran genügen. Vergiß das Vorgefallene. Du sollst meine Mutter nie wiedersehen. Wir wollen morgen diesen Ort verlassen. Wir wollen mit unserer Yacht in das weite Meer. Ist es nicht gleichgültig, wo wir leben, wenn wir nur für einander leben? O, Valeria vergieb und vergiß!«

Seine Züge drückten unaussprechliches Elend aus; unaussprechliches Elend lag im Ton seiner Stimme.

»Es ist leicht zu vergeben,« sagte ich traurig. »In Deinem Interesse, Eustace, will ich auch suchen, zu vergessen

Ich zog ihn sanft empor. Er küßte demüthig meine Hände. Unsere gegenseitige Verlegenheit war dermaßen peinlich, als wir langsam neben einander hergingen, daß ich ängstlich nach einem Gegenstande der Unterhaltung suchte, als hätte ich mich in Gesellschaft eines Fremden befunden. Aus Mitleid für ihn bat ich ihn, mir etwas von der Yacht zu erzählen.

Er ergriff das Thema, wie die Hand des Ertrinkenden nach dem Strohhalm greift, um sich zu retten.

Und er erzählte und erzählte von der Yacht mit einer Umständlichkeit und Weitschweifigkeit als wenn sein Seelenheil davon abhinge, mit der Behandlung des Themas den Weg bis Ramsgate auszufüllen. Mir war es schrecklich, ihn anzuhören. Am der Heftigkeit, mit welcher er, ein Gegensatz zu seiner sonstigen Ruhe, die unbedeutendsten Sachen besprach, könne ich ermessen, was er innerlich leiden mußte. Nur mit der größten Mühe bewahrte ich meine Selbstbeherrschung, bis wir die Thür unserer Wohnung erreichten. Hier war ich genöthigt, Unwohlsein vorzuschützen, um ihn zu bitten, mich in mein Zimmer zurückziehen zu dürfen.

»Wollen wir morgen reisen?« rief er mir nach, als ich die Treppe emporstieg.

Schon am nächsten Tage mit ihm in das weite Meer hinaussegeln Wochen und Monate mit ihm allein sein, in den engen Grenzen eines kleinen Fahrzeuges, mit dem entsetzlichen Geheimnis, das uns täglich mehr von einander drängen mußte? Es überlief mich kalt bei dem Gedanken. »Morgen ist es wohl noch etwas früh,« warf ich ein. »Willst Du mir noch einige Tage zur Vorbereitung gönnen?«

»Gewiß, so viel Du willst,« antwortete er mit sichtbarem Widerstreben. »Während Du ruhst, will ich noch einmal nach der Yacht hinunter gehen. Aus Wiedersehen, Valeria!«

»Auf Wiedersehen Eustace.«

Er ging mit eiligen Schritten zum Hafen hinab.

Fürchtete er sich vor seinen eigenen Gedanken, wenn er allein in seinem Zimmer war?«

Nutzlose Frage! Was wußte ich von ihm und seinen Gedanken. Ich verschloß mich in mein Zimmer.


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