Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Erster Theil - Achtes Kapitel - Der Freund der Frauen
 

Gesetz und Frau



Achtes Kapitel.

Der Freund der Frauen.

Es ist mir fast unmöglich, meine Gefühle zu beschreiben während ich nach der Wohnung des Majors Fitz-David fuhr. Von dem Augenblick an, wo ich mich den Händen des Stubenmädchens überlassen schien ich mein früheres Selbst verloren und einen anderen Charakter angenommen zu haben. Sonst hatte ich ein ängstliches und nervöses Temperament das jede Schwierigkeit übertrieb, welche sich mir entgegenstellte. Sonst wenn ich einem bedeutungsvollen Zusammentreffen mit einem Fremden entgegen gegangen wäre, würde ich sorgfältig überlegt haben, was ich zu sagen oder zu verschweigen hätte. Jetzt dachte ich mit keinem Gedanken an den Major; ich fühlte ein unbegrenztes Vertrauen zu mir selbst und setzte ein blindes Vertrauen in ihn. Ich kümmerte mich weder um Vergangenheit oder Zukunft; sondern lebte einzig und allein für die Gegenwart Ich interessirte mich für die Läden und für die vorüber fahrenden Equipagen. Ich bemerkte die bewundernden Blicke, welche mir die Fußgänger zuwarfen und freute mich sogar über dieselben. Ich sagte mir, daß diese Blicke ein günstiges Vorzeichen wären, wie ich von dem Major empfangen werden würde. Als wir vor das Haus Nr. 16 in Vivian Place fuhren, hegte meine Seele nur eine Befürchtung, nämlich die, daß der Major nicht zu Hause sein könne. Die Thür wurde mir von einem alten Diener geöffnet der aussah, als wenn er früher Soldat gewesen wäre. Er betrachtete mich mit ernster Aufmerksamkeit die allmälich in ein pfiffiges Wohlgefallen überging. Ich fragte nach dem Major Fitz-David. Die Antwort war nicht gerade ermuthigend. Der Mann wußte nicht bestimmt ob er zu Hause sei. Ich gab ihm meine Karte mit dem Namen Mrs. Eustace Woodville. Der Diener wies mich in ein Zimmer zu ebener Erde und verschwand mit meiner Karte.

Indem ich mich umblickte gewahrte ich eine Tapetenthür und, bei noch näherer Besichtigung, eine Spalte die groß genug war, um durch dieselbe Alles hören zu können, was im nächsten Zimmer gesprochen wurde.

»Was hast Du ihr gesagt, Oliver?« fragte eine männliche Stimme in leisen Tönen.

»Daß ich nicht gewiß wüßte, ob Sie zu Hause seien,« entgegnete der Diener, der mich eingelassen.

»Ich denke, es ist besser, sie nicht zu empfangen Oliver,« begann die Stimme des Majors wieder.

»Gut, Sir.«

»Sage, ich wäre ausgegangen und Du wüßtest nicht, wann ich zurückkäme,« fuhr der Major fort. »Die Lady möchte so gut sein und mir schreiben.«

»Gut, Sir.«

»Noch einen Augenblick, Oliver. — Ist sie jung?«

»Ja, Sir.«

»Hübsch?«

»Mehr als hübsch, Sir.«

»Fein?«

»Gewiß, Sir.«

»Groß?«

»Beinah’ so groß als ich, Sir.«

»Schlank?«

»Wie eine junge Birke, Sir.«

»Laß sie ein, laß sie ein, Oliver.«

Soviel war mir jetzt klar, ich hatte Recht gethan, das Stubenmädchen kommen zu lassen. Wie würde Olivers Bericht ausgefallen sein, wenn ich mit meinen bleichen Wangen gekommen wäre?«

Der Diener kam zurück und führte mich in das anstoßende Zimmer. Der Major Fitz-David trat mir zum Willkommen entgegen.

Er war ein wohl conservirter Sechziger, klein und schmächtig, und mit einer ganz außerordentlich langen Nase. Auf dem Haupt trug er eine sehr schöne braune Perrücke dann bemerkte ich noch lebhafte, kleine, graue Augen, gesunde Gesichtsfarbe kleinen, braun gefärbten militairischen Schnurrbart weiße Zähne und gewinnendes Lächeln. Er trug einen enganschließenden blauen Frack, mit einer Camelie im Knopfloch und einen prachtvollen Rubin am kleinen Finger seiner rechten Hand.

»Meine theure Mrs. Woodville,« sagte er, nachdem wir Beide Platz genommen »wir gütig von Ihnen, daß Sie mich besuchen. Ich habe mich schon lange darnach gesehnt Sie kennen zu lernen. Eustace und ich sind alte Freunde. Ich beglückwünschte ihn, als er mir seine Verheirathung anzeigte. Jetzt, nachdem ich sein Weib gesehen, beneide ich ihn.«

Meine Zukunft lag vielleicht in dieses Mannes Händen. Ich studierte ihn aufmerksam, um seinen Character aus seinen Zügen lesen zu können.

Die stechenden grauen Augen des Majors wurden sanfter als sie mich anschauten; seine starke rauhe Stimme sank zu leisen zärtlichen Tönen herab, wenn er mit mir sprach; sein Benehmen gegen mich war ein Gemisch von Bewunderung und Achtung. Er zog seinen Stuhl dicht an den meinen. Dann nahm er meine Hand und führte sie mit einem Seufzer an seine Lippen. »Theure Mrs. Woodville,« sagte er dann, meine Hand sanft wieder in den Schooß zurücklegend, »haben Sie Nachsicht mit einem alten Knaben, welcher Ihr bezauberndes Geschlecht verehrt. Wenn Sie wüßten welches Vergnügen ich dabei empfinde wenn ich Sie ansehe!«

Der alte Gentleman hatte gar nicht nöthig, dies kleine Geständniß zu machen. Man sah auf den ersten Blick, daß der Major Fitz-David ein Freund der Frauen war.

»Danke Ihnen Herr Major, für Ihren freundlichen Empfang und Ihr artiges Compliment,« sagte ich, einen so unbefangenen Ton annehmend, wie es mir möglich war. »Darf ich nun auch sprechen?«

Major Fitz-David ergriff noch einmal meine Hand, und rückte seinen Stuhl so dicht wie möglich an den meinen. Ich warf ihm einen ernstem Blick zu und machte einen Versuch, meine Hand zu befreien.

»Ich habe Sie heute zum ersten mal sprechen hören,« sagte der Major. »Ich befinde mich unter dem Einfluß Ihrer bezaubernden Stimme. Haben Sie Nachsicht mit einem alten Knaben Mrs. Woodville. Zürnen Sie mir nicht meiner unschuldigen Vergnügungen wegen. Lassen Sie mir diese allerliebste kleine Hand. Ich kamt weit besser zuhören, wenn ich Ihre Hand zwischen der meinen fühle. Die Damen haben alle Nachsicht mit meiner Schwäche. Sie werden hoffentlich keine Ausnahme machen. Was wollten Sie also die Güte haben, mir zu sagen?«

»Ich wollte sagen, Major, daß ich mich außerordentlich glücklich über Ihre freundliche Bewillkommnung fühle, und daß ich deshalb den Muth gewinne, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.«

Ich war mir klar bewußt, daß ich zu schnell auf mein Ziel losging; aber des Majors Bewunderung für mich war mir mit noch größerer Schnelle vorangegangen, so daß ich die Nothwendigkeit fühlte, derselben Einhalt zu thun.

»Die Gefälligkeit ist so gut wie bewilligt,« sagte der Major, meine Hand loslassend, »und nun sagen Sie mir, wie befindet sich Eustace?«

»In sehr übler Laune,« antwortete ich.

»Ist sehr übler Laune!« wiederholte der Major. »Der beneidenswerthe Mann, der sich Ihr Gatte nennt, ist übler Laune? ist ja abscheulich! Ich werde ihn aus der Liste meiner Freunde streichen.«

»In diesem Falle müssen Sie mich gleich mit ausstreichen, denn ich bin noch weit mißgestimmter als er. Sie sind der Freund meines Gatten. Ihnen kann ich es also sagen, daß unser junges Eheleben kein glückliches ist.«

»Jetzt schon — nicht glücklich?« sagte der Major, mich erstaunt anblickend. »Ist denn Eustace der gefühlloseste aller Männer?«

»Er ist Deren Bester!« entgegnete ich. »Aber es ruht ein Geheimniß auf seiner Vergangenheit. —« Der Major unterbrach mich mit einer höflichen Geberde, die mir aber sehr verständlich sagte, daß, wenn ich mich auf indiscreten Grund begebe, er mich nicht dorthin begleiten würde.

»Meine theure Freundin!« rief er aus. »Sie besitzen unter tausend anderen entzückenden Eigenschaften eine lebhafte Einbildungskraft. Lassen Sie diese nicht die Oberhand gewinnen. — Womit kann ich Ihnen dienen? Eine Tasse Thee, Mrs. Woodville?«

»Bitte-, nennen Sie mich bei meinem richtigen Namen, Sir,« entgegnete ich. »Ich weiß so gut wie Sie, daß mein Name Macallan ist.«

Der Major stutzte und blickte mich aufmerksam an.

»Darf ich mir erlauben, zu fragen,« sagte er mit ganz verändertem Ton und Wesen, »oh Sie Ihrem Herrn Gemahl bereits die Entdeckung mitgetheilt haben, die Sie eben gegen mich geäußert?«

»Gewiß!« antwortete ich. »Ich habe meinen Gatten um eine Erklärung seines seltsamen Benehmens wegen gebeten, und er hat sie mir in einer Sprache verweigert, die mich erschreckte. Ich habe mich an seine Mutter gewandt, und diese hat mich in einem Ton zurückgewiesen, der mich demüthigte. Herr Major, ich habe keinen Freund als Sie, thun Sie mir den größesten aller Gefallen, sagen Sie mir, weshalb Eustace mich unter falschem Namen geheirathet.«

»Thun Sie mir auch den größesten aller Gefallen,« antwortete der Major, »und verlangen Sie das nicht von mir.«

Trotz seiner abschlägigen Antwort fühlte ich, daß der Major Sympathien für mich hatte, und beschloß daher, mich nicht so schnell aus dem Felde schlagen zu lassen.

»Ich muß es von Ihnen verlangen, Herr Major,« sagte ich. »Bedenken Sie doch meine Lage! Ich möchte lieber das Entsetzlichste hören, als zu fortwährender Ungewißheit verdammt zu sein. Ich liebe meinen Gatten von ganzem Herzen, aber in diesem Dunkel kann ich nicht mit ihm weiter leben. Ich vertraue mich Ihrer Gnade an, Herr Major, bitte, helfen Sie mir.«

Mehr konnte ich nicht sagen. In der furchtbaren Erregung des Augenblicks faßte ich die Hand des Majors und zog sie an meine Lippen. Der alte Gentleman zuckte zusammen, als wenn er einen electrischen Schlag bekommen hätte.

»Meine theure Lady,« rief er aus, »ich kann Ihnen nicht sagen, was ich für Sie empfinde! Sie entzücken mich, Sie überwältigen mich, Sie rühren mir das Herz. Ich kann aber wirklich nichts thun, als Ihre bewunderungswürdige Offenheit erwidern. Sie haben mich von Ihrer Lage unterrichtet. Lassen Sie mich Ihnen die meinige enthüllen. Aber fassen Sie Sich erst wieder! Ich habe hier ein Riechfläschchen für die Damen. Erlauben Sie mir, daß ich es Ihnen anbiete.«

Er brachte mir das Riechfläschchen und stellte eine kleine Bank unter meine Fuße.

»Unseliger Thor!« hörte ich ihn leise vor sich hinmurmeln, als er mich in Agonie befangen glaubte. »Wenn ich in Deiner Stelle ihr Gatte gewesen, ich hätte ihr die Wahrheit gesagt, was auch daraus entstanden wäre.«

Ich zitterte. War er im Begriff, mir das Geheimniß zu enthüllen?

Der aufregende Gedanke beschäftigte noch meinen Geist, als ich durch ein lautes, anmaßendes Klopfen an der Straßenthür erschreckt wurde. Der Major horchte aufmerksam. Einen Augenblick daraus ward die Thür geöffnet, und ich hörte deutlich das Rauschen eines seidenen Kleides auf dem Flur. Der Major eilte, mit der Schnelligkeit eines jungen Mannes nach der Stubenthür. Es war zu spät. Gerade als er die Thür erreicht hatte, wurde sie von der andern Seite heftig aufgerissen. Die Dame mit dem rauschenden Seidenkleid stürzte in’s Zimmer.


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