Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Zweiter Theil - Drittes Kapitel - Zweite Frage — Wer vergiftete sie?
 

Gesetz und Frau



Drittes Kapitel.

Zweite Frage — Wer vergiftete sie?

Die Vernehmung der Aerzte und der Chemiker schloß die Verhandlungen am ersten Tage s des Prozeßverfahrens.

Am zweiten Tage hatte das von der Anklage beizubringende Beweismaterial im voraus ein allgemeines Gefühl der Neugier und des Interesses wachgerufen Der Gerichtshof sollte jetzt vernehmen was von denjenigen Personen , gesehen und geschehen war, welche amtlich bestellt sind, solche Fälle eines muthmaßlichen Verbrechens, wie den in Gleninch geschehenen zu verificiren Der fiscalische Procurator als die offiziell dazu bestellte Person die Voruntersuchung nach den gesetzlichen Vorschriften zu leiten, war der erste Zeuge, der am zweiten Tage der Verhandlungen vernommen wurde.

Von dem Lord-Anwalt verhört machte der Fiscal folgende Aussage: »Am 26.

October erhielt ich eine Mittheilung von Dr. Jerôme in Edinburgh und von Mr. Alexander Gale, practischem Arzt wohnhaft in dem Dorf oder Flecken Dingdovie bei Edinburgh. Die Mittheilung bezog sich auf den unter verdächtigen Umständen im Hause ihres Gatten, dicht bei Dingdovie in Gleninch, er folgten Tod der Mrs. Eustace Macallan. Gleich zeitig wurden mir mit dem eben erwähnten Document zwei Berichte eingesandt. Einer verzeichnete die Ergebnisse einer Section der verstorbenen Lady, und der andere constatirte die bei einer chemischen Analyse gewisser innerer Organe ihres Körpers gemachten Befunde. Das Resultat führte in beiden Fällen zu dem Schluß, daß Mrs. Eustace Macallan an Arsenikvergiftung gestorben war.

»Unter diesen Umständen beantragte ich eine Haussuchung in Gleninch und etwa anderswo sonst, einfach zu dem Zweck, Licht in die Verhältnisse zu bringen, unter denen der Tod der Lady erfolgt war.

»In meinem Büreau wurde in Veranlassung des Todesfalls keine Criminal-Anklage gegen irgend Jemanden erhoben, weder in der Mittheilung, welche ich von dem Arzt erhielt noch in irgend einer andern Weise.

Die Nachforschungen in Gleninch und anderswo, die am 26. October begannen, wurden erst am 28. beendet. Unter diesem letzteren Datum erhob ich — auf Grund gewisser Entdeckungen welche mir gemeldet wurden und meiner eigenen Prüfung von Briefen und anderen Documenten welche meinem Büreau zugegangen waren, — eine Criminal-Anklage gegen den Gefangenen und erhielt den Befehl, ihn festzunehmen. Er wurde vor dem Sheriff vernommen am 29. October und diesem Gerichtshofe behufs Verhandlung der Sache überwiesen.«

Nachdem der Fiscal seine Angaben gemacht und (lediglich in Bezug auf technische Fragen) ins Kreuzverhör genommen war, wurden zunächst die in seinem Büreau beschäftigten Beamten vernommen. Diese Leute hatten eine Mittheilung vom höchsten Interesse zu machen. Ihrer Kunst gelangen die fatalen Entdeckungen welche den Fiscal berechtigt hatten, meinem Gatten den Mord seiner Frau zur Last zu legen. Der erste der Zeugen war aus der Amtsstube des Sheriffs. Er gab als seinen Namen Isaiah Shoolcraft an.

Befragt von Mr. Drew — Anwalts-Substituten und Syndicus der Krone neben dem Lord-Anwalt — erklärte Isaiah Shoolcraft.

»Am 26. October erhielt ich den Befehl, nach dem mit dem Namen Gleninch bezeichneten Landhause bei Edinburgh zu gehen. Ich nahm Robert Lorrie, Assistenten des Fiscals, mit mir. Wir untersuchten zuerst den Raum, in welchem Mrs. Eustace Macallan gestorben war. Auf dem Bett und auf einem Rolltisch, welcher vor demselben stand, fanden wir Bücher und Schreibmaterialien und ein Blatt mit einigen unvollendeten Versen als Manuscript von dem später constatirt wurde, daß es die Handschrift der Verstorbenen war. Wir schlugen diese Sachen in einen Bogen Papier ein und versiegelten denselben.

»Demnächst öffneten wir eine Chiffonnière in dem Schlafzimmer. Hier fanden wir viel mehr Verse auf viel mehr Blättern Papier in derselben Handschrift. Auch entdeckten wir zu nächst einige Briefe und dann ein zusammengeballtes Papier, das in einen Winkel von einem der Regale bei Seite geworfen war. Bei genauerer Untersuchung fand sich auf diesem Stück Papier der Firma-Stempel eines Chemikers. Auch fanden wir darin einige zerstreute Körnchen eines weißen Pulvers. Das Papier und die Briefe wurden sorgfältig eingewickelt und wie die andern Gegenstände versiegelt.

»Eine fernere Untersuchung des Zimmers ergab nichts, was irgend ein Licht auf die in Frage stehende Sache werfen konnte. Wir unter suchten die Kleider, das Silberspind und die Bücher der Verstorbenen, welche wir sofort verschlossen und versiegelten. Ferner versiegelten wir ihr Toilettenkästchen welches wir dem Büreau des Fiscals übergaben, ebenso wie die an deren in dem Zimmer gefundenen Gegenstände.

»Am nächsten Tage wurde die Untersuchung des Hauses fortgesetzt, nachdem in der Zwischenzeit neue Instructionen vom Fiscal eingetroffen waren. Wir begannen unsere Arbeit in dem Schlafzimmer, welches mit dem Nebenzimmer der Mrs. Macallan in Verbindung stand. Da wir hier durchaus nichts von Wichtigkeit vorfanden begaben wir uns in ein Gemach auf demselben Flur, in welchem Mr. Macallan bettlägerig krank lag.

»Sein Unwohlsein sollte in einer nervösen Aufregung bestehen, verursacht durch den Tod seiner Gattin und die damit verbundenen Umstände. Der Diener berichtete uns, daß er ganz unfähig sei, sich zu erheben und fremde Personen zu empfangen. Wir bestanden dennoch darauf, in das Zimmer eingelassen zu werden. Als wir ihn fragten, ob er irgend etwas aus dem Schlaf- und Sterbezimmer seiner Frau in das seinige gebracht habe, gab er keine Antwort. Er blieb mit geschlossenen Augen liegen und schien uns gar nicht einmal zu bemerken. Ohne ihm ferner beschwerlich zu fallen, begannen wir die Durchsuchung des Zimmers und die in dem selben enthaltenen Gegenstände.

»Während wir noch damit beschäftigt waren wurden wir durch ein seltsames Geräusch unterbrochen. Es schien uns das Rollen von Rädern auf dem Corridor zu sein.

»Die Thür öffnete sich, und es erschien ein verkrüppelter Gentleman der sich selbst in einem Rollstuhl fuhr. Er bewegte sich, ohne auf uns Rücksicht zu nehmen zu einem kleinen Tisch, welcher neben des Gefangenen Bett stand, und flüsterte ihm etwas zu, was wir nicht verstehen konnten. Der Gefangene öffnete die Augen und beantwortete die Anrede durch ein schnelles Zeichen. Wir gaben dem verkrüppelten Gentleman sehr respectvoll zu verstehen, daß er sich in diesem Zimmer nicht aufhalten dürfe. Er schien anderer Ansicht zu sein. Seine einzige Antwort war: »Mein Name ist Dexter. Ich bin einer von Mr. Macallans alten Freunden. Sie sind hier die Eindringlinge, nicht ich bin es. Wir sagten ihm noch einmal, daß er das Zimmer verlassen müsse, und berührten mißbilligend den Umstand, daß er seinen Stuhl gerade in einer Weise an’s Bett gerollt hatte, welche uns verhinderte, dasselbe zu untersuchen. Er lachte dazu. »Können Sie denn nicht sehen, daß es ein einfacher Tisch ist?« Als Antwort hierauf theilten wir ihm mit, daß er sich unserm legalen Auftrage widersetze, und daß er in Unannehmlichkeiten gerathen dürfte, wenn er uns fernerhin an der Ausübung unserer Pflicht verhinderte. Da wir sahen, daß durch Güte nichts mit ihm anzufangen war, rollte ich seinen Stuhl fort, während Robert Lorrie den Tisch in die andere Ecke des Zimmers trug. Der verkrüppelte Gentleman wurde furchtbar wüthend auf mich, weil ich es gewagt hatte, seinen Stuhl zu berühren. »Mein Stuhl ist ich,« sagte er, »wie können Sie Sich unterstehen mich anzufassen?« Als Antwort darauf öffnete ich die Thür, gab seinem Stuhl von hinten einen kräftigen Stoß und beförderte ihn auf diese Weise sicher und sanft aus dem Zimmer.

»Nachdem wir die Thür verschlossen um fernere Invasionen zu verhindern, machten Robert Lorrie und ich uns daran, den Tisch zu untersuchen. Er hatte eine Schieblade, und diese Schieblade war verschlossen.

»Wir verlangten vom Gefangenen den Schlüssel dazu. Er weigerte sich, ihn uns zu geben, und sagte, wir hätten kein Recht, seine Schiebfächer aufzuschließen. Er war so aufgebracht, daß er erklärte, wir könnten von Glück sagen, daß er zu schwach sei, um aufzustehen. Wir erwiderten ihm, daß es unsere Pflicht sei, das Fach zu untersuchen, und daß, wenn er sich noch länger weigere, den Schlüssel herauszugeben wir uns genöthigt sehen würden, den ganzen Tisch mitzunehmen, um ihn vom Schmied aufbrechen zu lassen.

»Als wir noch im vollen Disputiren mit ihm waren, klopfte es an die Thür.

»Ich öffnete dieselbe vorsichtig Anstatt des verkrüppelten Gentlemans, den zu sehen wir erwartet hatten, stand ein anderer Fremder auf dem Flur. Mr. Macallan redete ihn als Freund und Nachbar an und bat dringend, daß er ihn gegen uns in Schutz nehmen möge. Der andere Gentleman theilte uns mit, daß Mr. Dexter nach ihm geschickt habe, und daß er selbst Jurist sei. In dieser Eigenschaft verlangte er, unsern schriftlichen Befehl zu lesen. Nachdem er einen flüchtigen Blick darauf geworfen, theilte er dem Gefangenen zu dessen großem Erstaunen mit, daß er sich der Untersuchung der Schieblade, jedoch unter Protest, fügen müsse. Dann nahm er ohne weiteres den Schlüssel und öffnete uns selbst die Schieblade.

»Wir fanden darin verschiedene Briefe und ein großes Buch mit einer Kramme, das in goldenen Buchstaben die Worte trug: »Mein Tagebuch.« Selbstverständlich ergriffen wir Besitz von den Briefen und dem Tagebuch und versiegelten sie behufs Uebergabe an den Fiscal. Gleichzeitig schrieb der Gentleman für den Gefangenen einen Protest nieder und übergab uns seine Karte. Die Karte belehrte uns, daß er Mr. Playmore war — gegenwärtig einer der Agenten für den Gefangenen. Die Karte und der Protest wurden zusammen mit den anderen Documenten zum Depositum des Fiscals genommen. Andere Entdeckungen von Wichtigkeit wurden in Gleninch nicht gemacht.

»Unsere nächsten Untersuchungen führten uns nach Edinburgh — zu dem Droguisten, dessen Firma wir auf dem zusammengeballten Stück Papier gefunden hatten, und zu anderen Droguisten, die wir gleichfalls auszufragen Befehl hatten. Am 28. October war der Fiscal im Besitz aller Informationsstücke die wir hatten beibringen können, und wir hatten unsere zeitweilige Amtspflicht erfüllt.«

Hiermit war die Zeugen-Aussage von Shoolcraft und Lorrie geschlossen. Sie wurde nicht in Kreuzverhör genommen und bewies sich als durchaus ungünstig für den Gefangenen.

Als die nächsten Zeugen vernommen wurden, gestaltete sich die Sache noch schlimmer. Zuerst erschien der Drogist, dessen Firma-Stempel auf dem zusammengeballten Stückchen Papier gefunden worden war, um die Stellung meines unglücklichen Gatten noch kritischer zu machen, als sie es bisher gewesen.

Andrew Kinlay, Droguist in Edinburgh, legt folgende Aussage nieder: Ich führe ein Special-Registerbuch über alle Gifte, die bei mir verkauft werden und lege dasselbe hiermit den Richtern vor. An dem darin angezeichneten Datum erschien der Angeklagte, Mr. Eustace Macallan in meinem Laden und sagte, daß er Arsenik zu kaufen wünsche. Ich fragte ihn, zu welchem Zweck er sich desselben bedienen wolle. Er entgegnete mir, sein Gärtner wolle eine Auflösung davon machen, um schädliches Insect im Treibhause zu vertilgen. Gleichzeitig nannte er auch seinen Namen: Mr. Macallan zu Gleninch. Ich bat meinen Assistenten, die geforderten zwei Unzen abzuwiegen und notirte dieselben in meinem Buch. Mr. Macallan unterzeichnete die Eintragung und ich gegenzeichnete als Zeuge. Er bezahlte das Arsenik und nahm es, in zwei Stücken Papier gewickelt, mit sich. Auf dem äußeren Papier standen mein Firma-Stempel , nebst Adresse und das Wort Gift in großen Buchstaben, auf ein Haar ähnlich dem Papier, welches in Gleninch gefunden und hier vorgezeigt wurde.

Der nächste Zeuge Mr. Stockdale, eben falls Droguist in Edinburgh, ließ sich folgender maßen aus:

Der Gefangene erschien, zwei Tage nachdem er bei Mr. Kinlay gewesen war, auch in meinem Laden. Er forderte für sechs Penny Arsenik. Mein Gehilfe, an den er sich gewandt, rief mich herbei, weil es bei mir Regel ist, daß Gifte nur von mir selbst verkauft werden dürfen. Ich fragte den Gefangenen, wozu er das Arsenik bedürfe. Er antwortete, er wolle damit Ratten in seinem Hause zu Gleninch vertilgen. Ich sagte: Habe ich die Ehre, mit Mr. Macallan zu sprechen? — Er entgegnete, daß dies sein Name sei. Ich verkaufte ihm die verlangten 1½ Unzen Arsenik, wickelte die Flasche in ein Stück Papier mit meinem Firma-Stempel und schrieb eigenhändig »Gift« daraus. Er unterzeichnete das Register, bezahlte, und nahm das Arsenik mit sich.

Nachdem das Kreuzverhör beendet, blieb das entsetzliche Factum unberührt, daß mein Gatte in beiden Fällen das Gift selbst gekauft.

Die nächsten Zeugen, der Gärtner und der Koch zu Gleninch, machten den Verdacht gegen meinen Gatten noch erbarmungsloser.

Auf Befragen versicherte der Gärtner auf seinen Eid:

»Ich habe niemals, weder von dem Gefangenen noch von irgend einer anderen Person Arsenik empfangen, und weder ich noch meine Leute bedienten sich jemals einer Auflösung dieses Giftes im Treibhanse oder im Garten. Ich mißbillige überhaupt die Anwendung von Arsenik zur Vertreibung schädlicher Insekten auf Blumen oder Gesträuchen.«

Der nun vorgerufene Koch gab eine ebenso positive Aussage wie der Gärtner.

»Weder mein Herr noch andere Personen gaben mir Arsenik zur Vertilgung von Ratten. Ich versichere auf meinen Eid, daß ich im Hause von Gleninch weder jemals Ratten gesehen, noch von deren Anwesenheit gehört.«

Andere Diener und Dienerinnen aus dem Haushalt von Gleninch legten ähnliche Zeugnisse ab. Die Kreuzverhöre führten auch zu keinen besseren Resultaten. Die Erwerbung des Giftes blieb ganz allein auf meinem Gatten haften.

Die nächsten Zeugen thaten ihr Bestes, um die Lage meines Gatten noch zu verschlimmern. Die Schlußfolgerung was er mit dem Gift gemacht habe, lag auf der Hand.

Der Diener des Gefangenen sagte aus, daß sein Herr, am Sterbetage seiner Herrin, zwanzig Minuten vor zehn nach ihm geklingelt und eine Tasse Thee für die Kranke verlangt habe. Der Mann empfing den Befehl an der offenen Thüre von Mrs. Macallan’s Zimmer und konnte beschwören, daß zur Zeit kein Anderer als Mr. Macallan und seine Gemahlin in demselben anwesend waren.

Das nun aufgerufene Unter-Hausmädchen sagte, daß sie den Thee bereitet und denselben noch vor zehn Uhr nach Mrs. Macallans Zimmer getragen habe. Der Herr habe ihr die Tasse in der offenen Thür aus der Hand genommen. Sie konnte deutlich bemerken, daß kein Dritter in dem Zimmer gewesen.

Die Wärterin, Christan Ormsay, nochmals vorgerufen, wiederholt, was Mrs. Macallan an dem ersten Tage ihres ernstlichen Krankseins gesagt. Sie hatte, und zwar um 6 Uhr Morgens, geäußert: »Mr. Macallan kam vor ungefähr einer Stunde herein. Er fand mich noch nicht eingeschlafen und reichte mir den beruhigenden Trank. — Dies war um 5 Uhr Morgens geschehen, als die Wärterin noch eingeschlafen auf dem Sopha lag. Ferner beschwor die Wärterin, daß, seit sie der Kranken den letzten Trank gereicht, eine Portion in der Flasche gefehlt habe.

Bei dieser Gelegenheit erregte das Kreuzverhör besonderes Interesse. Die an die Wärterin und das Unter-Hausmädchen gerichteten Schlußfragen verriethen zum ersten mal, welchen Character die Vertheidigung annehmen werde.

Das Kreuzverhör, welches der Dekan der Facultät mit dem Unter-Hausmädchen vornahm, gestaltete sich folgendermaßen:

»Bemerkten Sie jemals, wenn Sie der verstorbenen Lady Zimmer reinigten, daß das in der Karaffe oder im Waschbecken zurückgebliebene Wasser eine schwärzliche oder bläuliche Farbe hatte?« Die Zeugen entgegneten, daß sie nie etwas Derartiges gesehen.

Der Dekan der Facultät fuhr fort:

»Fanden Sie jemals unter dem Kopfkissen oder in irgend einem Winkel in Mrs. Macallans Zimmer, Bücher oder Recepte, welche Mittel gegen den schlechten Teint angaben?«

Die Zeugin antwortete mit »nein«?

Der Dekan der Facultät fragte weiter:

»Hörten Sie jemals Mrs. Macallan sagen, daß Arsenik im Waschwasser oder als innerliches Mittel heilsam gegen schlechten Teint sei?«

Die Zeugin verneinte abermals.

Aehnliche Fragen wurden nun auch an die Wärterin gerichtet und alle in derselben Weise beantwortet.

Hier machte sich, trotz der verneinenden Antworten, den Richtern und dem Auditorium zum ersten Male der Plan zur Vertheidigung in schwachen Umrissen bemerkbar. Um auch nur der entfernten Möglichkeit eines Irrthums in einer so wichtigen Angelegenheit zuvorzukommen, legte, nach Abgang der Zeugen, der oberste Richter dem Vertheidiger des Gefangenen folgende einfache Frage vor:

Die Richter und die Geschworenen, sagte seine Lordschaft, wünschen zu wissen, ob es in der Theorie der Vertheidigung liegt, daß Mrs. Macallan das von ihrem Gatten gekaufte Arsenik als Mittel zur Verbesserung ihres schlechten Teints gebraucht habe?«

Der Dekan der Facultät antwortete:

»Gewiß, Mylord! Das ist es, was wir als Grundlage der Vertheidigung annehmen wollen. Wir sehen uns außer Stande, die Zeugenaussage der Mediciner, daß Mrs. Macallan vergiftet worden sei, zu bestreiten; aber wir behaupten, daß sie an einer zu großen, unbewußt genommenen Dosis Arsenik, welche sie als Mittel gegen die festgestellte schlechte Beschaffenheit ihres Teints brauchte, starb. Die Erklärung des Gefangenen vor dem Sheriff betont expreß, daß das Arsenik auf Verlangen seiner Gattin von ihm gekauft worden sei.«

Hierauf fragt der oberste Richter, ob Jemand etwas dagegen habe, daß die eben erwähnte Erklärung vorgelesen würde, ehe der Prozeß seinen Fortgang nehme.

Der Dekan der Facultät spricht sich sofort für die Lesung aus. Wenn er sich des Ausdrucks bedienen dürfe, würde es dem Urtheil der Geschworenen zum leichteren Verständniß seiner Vertheidigung den Weg bahnen.

Der Lord-Anwalt als Haupt der Anklage, stimmt seinem gelehrten Bruder bei, indem er äußert, daß, so lange die in der Erklärung enthaltenen Behauptungen nicht bewiesen wären, sie nur der Gegenpartei von Nutzen sein könnten.

Darauf wird die eigene Erklärung des Gefangenem seine Unschuld betreffend, öffentlich vor gelesen, wie folgt:

»Bei beiden namhaft gemachten Gelegenheiten kaufte ich zwei Päckchen Arsenik auf den ausdrücklichen Wunsch meiner Frau.

Bei der ersten Gelegenheit sagte sie mir, der Gärtner habe das Gift für sein Treibhaus verlangt; bei der zweiten Gelegenheit sollte sie der Koch zur Vertreibung von Ratten darum angegangen haben.

Ich übergab beide Päckchen Arsenik sofort nach meiner Rückkehr den Händen meiner Frau. Nachdem ich es gekauft, hatte ich mit dem Gift nichts mehr zu thun. Ich war von meiner Frau gewohnt, daß sie stets persönlich mit dem Gärtner und dem Koch verkehrte. Ich selbst that dies niemals. Ich legte meiner Frau keine l weiteren Fragen über den Verbrauch des Arsenik vor, weil mich die Sache durchaus nicht interessirte. Ich kam manchmal monatelang nicht ins Treibhaus, und um die Ratten kümmerte ich mich noch weniger. Ich hielt einfach die Sache für abgethan.

Meine Frau äußerte niemals zu mir, daß sie das Arsenik als Remedium für ihren schlechten Teint anwenden wolle. Außerdem wäre ich gewiß der Letzte gewesen, der dies Toilettengeheimniß erfahren hätte.

Ich bekräftige in bestimmtester Form, daß ich mit meiner Frau auf gutem Fuße lebte.

Kleine ehrliche Unannehmlichkeiten und Zerwürfnisse kommen ja überall vor. Den Kummer, den ich über gewisse Enttäuschungen empfand, verschloß ich als Gatte und Gentleman in mein Inneres, eher ihn meine Frau blicken zu lassen. Ich fühlte nicht allein aufrichtiger Schmerz bei ihrem unerwarteten und frühzeitigen Tode, sondern es beschlichen mich auch der Selbstvorwurf und die Reue darüber, daß ich bei ihren Lebzeiten nicht aufmerksam und liebevoll genug gegen sie gewesen.

Schließlich erkläre ich hiermit feierlich, daß ich nicht weiß, auf welche Weise das Arsenik in ihren Körper gekommen. Ich bin unschuldig daran, selbst nur im Gedanken das arme Weib gekränkt zu haben. Ich goß den Beruhigungstrank direct aus der Flasche in den Löffel. Später reichte ich ihr die Tasse Thee, wie ich sie aus den Händen des Unter-Hausmädchens empfangen. Nachdem ich meiner Frau das Gift überreicht, habe ich es nie wieder zu Gesicht bekommen. Ich bin gänzlich unschuldig daran, was nachher mit dem Arsenik geschah. Ich er kläre vor Gott: ich bin unschuldig an dem entsetzlichen Verbrechen, dessen man mich beschuldigt hat.

Mit der Vorlesung dieser glaubhaften rührenden Worte ward der zweite Tag des Processes beschlossen. Ich muß gestehen daß bis hierher die Lectüre des Processes mein Gemüth bedrückt, meine Hoffnungen herabgestimmt hatte. Das ganze Gewicht der Zeugenaussagen sank nach Beendigung des zweiten Tages, zu Ungunsten meines Gatten in die Wagschale.

Der erbarmungslose Lord-Anwalt hatte bewiesen daß Eustace das Gift gekauft, daß der Grund, den er dem Droguisten angegeben, ein falscher gewesen sei, und daß er zwei Gelegenheiten benutzt habe, um seiner Frau insgeheim das Arsenik beizubringen. Was hatte dagegen der Decan der Facultät als Vertheidiger bewiesen? — Bis jetzt eigentlich gar nichts. Die in der Erklärung des Gefangenen niedergelegten Behauptungen seiner Unschuld entbehrten des gesetzmäßigen Beweises. Es war auch nicht ein Atom von Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß Mrs. Macallan insgeheim das Gift gegen ihren unreinen Teint gebraucht habe.

Mein einziger Trost bestand darin, daß die bisherige Lectüre des Processes mir wenigstens zwei Personen gezeigt hatte, aus deren Hilfe und Sympathie ich wohl unter allen Umständen rechnen durfte.

Der verkrüppelte Mr. Dexter hatte sich bereits als treuer Freund meines Gatten bewiesen. Mein Herz schlug dem Manne warm entgegen der seinen Stuhl an das Bett meines armen Eustace gerollt hatte, um dessen Papiere so lange wie möglich den Dienern des Gesetzes vorzuenthalten. Es war fest in meinem Inneren beschlossen, daß Mr. Dexter der Erste sein sollte, dem ich mein Vertrauen schenken würde. Den zweiten Freund glaubte ich in dem Advocaten Mr. Playmore zu besitzen, der gegen die Beschlagnahme der Papiere meines Gatten Protest eingelegt.

Durch diese Entschlüsse gestärkt, wandte ich das Blatt um und las die Verhandlungen des dritten Proceßtages.


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