Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Dritter Theil - Elftes Kapitel - Endlich die Nemesis!
 

Gesetz und Frau



Elftes Kapitel.

Endlich die Nemesis!

Der Gärtner öffnete uns die Thüre.

»Mrs. Valeria?« fragte er.

»Ja.«

»Und Freund?«

»Und Freund.«

»Bitte, gehen Sie hinauf. Sie wissen ja Bescheid.«

Durch die Halle schreitend, blickte ich zufällig auf einen Stock, den Benjamin in der Hand trug.

»Wollen Sie den Stock nicht hier unten lassen?« fragte ich.

»Mein Stock wird mir oben vielleicht sehr nützlich sein,« entgegnete er.

Es war keine Zeit mit ihm zu rechten, deshalb ging ich ihm voraus und stieg die Stufen empor.

Als wir noch unterwegs waren, erschreckte mich ein Schrei, der aus dem oberen Zimmer drang. Der Schrei wiederholte sich, ehe wir in’s Vorgemach traten. Als ich in das innere Zimmer schritt, erblickte ich den vielseitigen Miserrimus in einer neuen Charaktermaske.

Die unglückliche Ariel stand vor einem Tisch, auf dem ein Gericht von kleinen Kuchen befindlich. Um jedes ihrer Handgelenke war eine Schnur gebunden, deren lang herabhängende Enden von Dexters Händen ergriffen worden waren. »Versuche noch einmal, meine Schöne!« hörte ich ihn sagen. »Nimm Dir einen Kuchen.« Nach diesem Kommandowort streckte Ariel gehorsam einen Arm nach dem Gericht aus. Gerade in dem Moment, als sie mit den Fingerspitzen einen der Kuchen ergreifen wollte, wurde ihre Hand vermittelst der Schnur mit einer so teuflischen Kraft und Heftigkeit hinweggerissen, daß ich mich versucht fühlte, Benjamins Stock auf Dexters Rücken zu zerschlagen. Diesmal erduldete Ariel den Schmerz mit spartanischem Schweigen. Sie hatte nämlich meine Anwesenheit bemerkt. Ihre Zähne waren fest zusammengebissen, nicht einmal ein Seufzer entfloh der geängstigten Brust.

»Nehmen Sie ihr die Schnur ab!« rief ich, »oder ich verlasse augenblicklich das Haus.«

Bei dem Klange meiner Stimme brach Dexter in ein schrilles Bewillkommnngsgeschrei aus. Seine Augen hefteten sich auf mein Antlitz, als wenn er mir in der Seele lesen wollte.

»Treten Sie nähert« rief er. »Treten Sie näher und sehen Sie, wie ich die Zeit tödte, wenn die Zeit uns trennt. Ich bin heute in meiner malitiösen Laune, weil ich mich nach Ihnen ängstigte, Mrs. Valeria. Sehen Sie einmal Ariel an. Sie hat den ganzen Tag noch nichts gegessen, und verschmähet es noch jetzt, ein Stückchen Kuchen zu nehmen. Sie brauchen sie nicht zu bemitleiden. Ich verursache ihr keinen Schmerz.«

»Ariel hat keine Nerven,« stimmte das arme Geschöpf ein. »Ariel fühlt keinen Schmerz.«

Ich hörte, wie Benjamin hinter mir seinen Stock schwang.

»Machen Sie die Schnur los!« rief ich, heftiger als vorhin.

»Welch’ herrliche Stimme!« sagte Dexter, indem er die Schnur löste.

»Nimm die Kuchen!« rief er Ariel dann befehlend zu.

Das blödsinnige Wesen ging mit seinen geschwollenen Handgelenken an mir vorüber.

»Ariel hat keine Nerven,« wiederholte sie stolz. »Ariel fühlt keinen Schmerz.«

»Sie sehen,« sagte Miserrimus Dexter, »ich habe ihr nicht wehe gethan. Seien Sie aber nach Ihrer langen Abwesenheit nicht gleich wieder hart gegen mich, Mrs. Valeria.«

Er machte eine Pause. Benjamin, der noch schweigend in der Thür stand, erregte seine Aufmerksamkeit.

»Wer ist das?« fragte er mißtrauisch. »Ah, ich weiß!« rief er, bevor ich antworten konnte. »Das ist der wohlwollende Herr, der das letzte Mal, als ich ihn sah, einem Tröster der Betrübten glich. Sie haben Sich sehr zu Ihrem Nachtheile verändert, Sir. Sie sehen jetzt aus, wie die rächende Justiz. Wohl Ihr neuer Beschützer, Mrs Valeria?«

Er machte Benjamin eine wild ironische Verbeugung.

»Ihr gehorsamer Diener, Herr Justiz-Minister. Ich habe Sie verdient, und ich unterwerfe mich Ihnen. Bitte, treten Sie doch näher. Diese Dame ist das Licht meines Lebens.«

Er rollte seinen Stuhl von Benjamin, welcher ihm mit verachtendem Schweigen zugehört, zurück, bis er sich in meiner Nähe befand.

»Ihr Hand, Licht meines Lebens!« murmelte er in seinen sanftesten Tönen. »Ihre Hand, nur zum Zeichen, daß Sie mir vergeben.« Ich reichte sie ihm. Er küßte sie respektvoll und ließ sie dann mit einem schweren Seufzer wieder fahren.

»Armer Dexter!« sagte er, sich selbst bemitleidend. »Ein warmes Herz in Einsamkeit verwelkt, verhöhnt durch meine Mißgestalt. Armen unglücklicher Dexter!«

Er blickte wiederum mit jener wilden Ironie auf Benjamin.

»Ein schöner Tag, Sir,« sagte er mit höhnischer Höflichkeit. »Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen? Wenn ein Justiz-Minister nicht bedeutender ist als Sie, sieht er am besten auf einem Stuhl aus.«

»Und ein Affe sieht am besten in einem Käfig aus,« entgegnete Benjamin.

Die Beleidigung machte keinen Eindruck auf Dexter. Er that als wenn er sie überhört. Er hatte sich abermals verändert. Er war gedankenvoll, und seine Augen hefteten sich mit trauriger Aufmerksamkeit an meine Züge. Ich warf Benjamin einen bezeichnenden Blick zu und setzte mich in den nächsten Armstuhl. Benjamin nahm hinter Dexter Platz. Ariel, ihre Kuchen verschlingend, kauerte sich zu des Meisters Füßen und blickte zu ihm auf wie ein Hund. Es entstand eine Pause, während welcher ich Dexter genauer beobachten konnte.

Mr. Playmores Brief hatte Recht gehabt. Es war eine Veränderung zum Schlimmen mit ihm vorgegangen. Seine Züge waren matt und traurig; das ganze Gesicht schien mir kleiner geworden. Die Milde in seinem Blick war verschwunden. Die Augen waren mit rothen Adern durchzogen. Seine sonst so kräftigen Hände erschienen mir welk und zitternd. Die Blässe seines Antlitzes hatte etwas geisterhaftes bekommen; die Falten waren tiefer gegraben; es schienen Jahre über ihn hinweg gegangen zu sein, während ich nur Monate von ihm entfernt gewesen. Ich bereute jetzt nicht, Spanien so eilig verlassen zu haben. Der von dem Arzt vorhergesehene Moment schien vielleicht näher gerückt als Jener geglaubt. Als sich unsere Blicke zufällig begegneten, fühlte ich deutlich, daß ich es mit einem Verurtheilten zu thun hatte.

Er that mir leid.

Ich wußte, daß er grausam, ich war überzeugt, daß er falsch, und dennoch that er mir leid.

Er errieth meine Gedanken.

»Ich danke Ihnen,« sagte er plötzlich. »Ich thue Ihnen leid, weil ich krank bin. Sie haben mir durch Ihr Erscheinen großes Vergnügen gemacht. Erhöhen Sie dasselbe, indem Sie mich auch Ihre Stimme hören lassen. Erzählen Sie mir, was Sie gethan, seit Sie von England abwesend waren.«

Ich erfüllte seinen Wunsch.

»Lieben Sie Eustace noch immer?« fragte er bitter.

»Ich liebe ihn mehr denn je.«

Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Dann sprach er in derselben Situation:

»Und Sie ließen ihn in Spanien? Sie kehrten allein nach England zurück? Weshalb thaten Sie das?

»Weshalb bat ich Sie um Ihren Beistand, Mr. Dexter?«

Er ließ seine Hände sinken und blickte mich an. Er schien erregt.

»Ist es denn möglich,« rief er aus, »daß Sie jene unglückliche Geschichte noch nicht ruhen lassen können? Sind Sie noch immer entschlossen, das Geheimniß von Gleninch zu ergründen?«

»Ich bin noch immer dazu entschlossen, Mr. Dexter, und ich hoffe noch immer auf Ihre Hilfe.«

Der alte Kummer, dessen ich mich so wohl entsann, verdunkelte aufs Neue seine Züge.

»Wie sollte ich Ihnen denn helfen können?« fragte er. »Kann ich die Begebenheiten ändern?« Er hielt inne.

Sein Antlitz wurde abermals heiter, als wenn eine plötzliche Freude über ihn gekommen. »Ich versuchte Ihnen zu helfen,« fuhr er fort. »Ich erzählte Ihnen, daß Mrs. Beanlys Abreise eine Finte war, um dem Verdachte zu entgehen; ich sprach die Vermuthung aus, daß das Gift von Mrs. Beanlys Mädchen beigebracht sein könnte. Hat fernere-s Nachdenken Sie überzeugt?«

Diese Rückkehr zu Mrs. Beanly veranlaßte mich, direkt auf mein Ziel loszugehen.

»Mein Nachdenken hat mich keine Ueberzeugung gewinnen lassen,« antwortete ich. »Ich kann keine Gründe finden. Hatte das Mädchen irgend welche Veranlassung, die Feindin der Verstorbenen zu sein?«

»Kein Mensch auf der Welt hatte Veranlassung, die Feindin der Verstorbenen zu sein!« rief er laut und leidenschaftlich. »Ihr ganzes Wesen athmete Güte, und sie hat weder in Gedanken noch in Worten jemals einen Menschen beleidigt. Sie war eine Heilige auf Erden. Achtung ihrem Angedenken! Lassen Sie die Märtyrerin ruhen in ihrem Grabe.«

Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen und schauderte unter dem Einfluß der Erregung, die er selbst heraufbeschworen. Ariel verließ plötzlich und leise ihren Stuhl und näherte sich mir.

»Sehen Sie meine zehn Krallen?« flüsterte sie, beide Hände emporhebend. »Wenn Sie den Herrn wieder ärgern, werden Sie meine zehn Krallen an Ihrer Kehle fühlen!«

Benjamin erhob sich von seinem Stuhl. Er hatte die Bewegung gesehen, ohne die Worte zu hören. Ich bedeutete ihn, seinen Platz zubehalten. Ariel kroch zu ihrem Stuhl zurück und blickte wieder zu Dexter auf.

»Weinen Sie nicht,« sagte sie. »Hier sind die Schnüre. Schnüren Sie mir noch einmal die Handgelenke zu.«

Er antwortete weder, noch bewegte er sich.

Ariel gab sich Mühe, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich sah es an ihren zusammengezogenen Brauen, an ihren starr auf mich gerichteten Blicken. Plötzlich schlug sie beide Hände zusammen und stieß einen Freudenschrei aus. Sie hatte eine Idee gefunden.

»Herr!« rief sie. Herr!Sie haben mir lange keine Geschichte erzählt. Bringen Sie Grauen in meinen dicken Kopf. Bringen Sie Schauer über meinen ganzen Körper. Bitte, eine recht lange, hübsche Geschichte. Lauter Blut und Verbrechen.«

»Armer Teufel!« sagte er, ihren Kopf streichelnd. »Du verstehst kein Wort von meinen Geschichten, und dennoch liegt es in meiner Macht, dies Haar auf Deinem Haupte sich sträuben zu lassen.«

Er lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück und blickte nach mir. Erinnerte er sich wieder der Worte, welche vor wenigen Minuten zwischen uns gefallen? Nein, seine Gedanken beschäftigten sich mit der Bitte Ariels.

»Ich bin ein außerordentlicher dramatischer Erzähler, Mrs. Valeria,« sagte er. »Dies Geschöpf hier zu meinen Füßen liefert einen sprechenden Beweis dafür. Sie ist eine personifizirte psychologische Studie, wenn ich ihr eine Geschichte erzähle. Ich werde Ihnen eine Probe davon geben. Glauben Sie nicht daß es mich sehr anstrengen wird. Meine Einbildungskraft ist unerschöpflich. Die Herrschaften werden sich sehr gut unterhalten. Ich bin auch gewöhnlich ernster Stimmung, wie Sie, und dennoch muß ich stets über sie lachen.«

Ariel klopfte in ihre großen formlosen Hände. »Er lacht immer über mich!« sagte sie, mich anblickend, mit überlegenem Stolz.

»Hören Sie also, Mrs. Valeria,« begann er mit lauter Stimme. »Ariel, höre Du auch. Wir wollen mit der Formel für alle guten Feengeschichten beginnen. Es war einmal —«

Hier unterbrach er sich schon, legte seine Hand an die Stirn und ließ sie rückwärts und vorwärts darüber hingleiten. Ich hörte ihn leise lachen.

»Es scheint, als wenn ich der Aufregung bedürfte,« sagte er.

Sollten seine Gedanken schon im Wandern begriffen sein? Würde er bald wieder zu sich selbst kommen, wenn wir geduldig warteten und ihm Zeit dazu ließen? Selbst Ariel war erstaunt und schien sich unbehaglich zu fühlen.

So saßen wir in erwartungsvollem Schweigen

»Meine Harfe!« rief er. Die Musik wird mir Anregung geben.«

Ariel brachte ihm die Harfe.

»Herr!« sagte sie verwundert »was ist Ihnen?«

Er gebot ihr mit der Hand Schweigen.

»Ode an die Erfindung,« kündigte er, sich an mich wendend an. »Text und Musik improvisirt von Dexter. Ruhe! Aufgepaßt!«

Seine Finger irrten schwach über die Saiten, aber ohne eine Melodie zu erwecken, ohne ihm Worte zuzuflüstern. Nach einer Weile sank sein Haupt vornüber, und die Stirn ruhte an dem Holz der Harfe. Ich stand auf und näherte mich ihm. War er eingeschlafen oder in Ohnmacht gesunken?

Ich berührte seinen Arm und nannte seinen Namen.

Ariel stellte sich sofort mit drohendem Blick zwischen uns. In demselben Moment hob Miserrimus Dexter den Kopf. Er hatte meine Stimme gehört und sah mich nun mit so ruhiger Beobachtung an, wie ich sie noch nie an ihm wahrgenommen.

»Nimm die Harfe fort,« sagte er mit mildem Ton zu Ariel.

Das nur halb menschliche Geschöpf reizte ihn abermals.

»Nun, Herr?« fragte sie, »wo bleibt denn die Geschichte?«

»Wir brauchen keine Geschichte,« warf ich ein.

»Ich habe noch viel mit Mr. Dexter zu sprechen.«

Ariel sah mich drohend an.

»Ah! Sie wollen es also?« sagte sie, auf mich zuschreitend. In demselben Moment hielt sie des Herrn Stimme von mir zurück.

»Setze die Harfe fort, Du Thier, und warte auf die Geschichte, bis ich sie Dir erzählen werde.«

Sie trug die Harfe gehorsam in einen Winkel des Zimmers. Mr. Dexter rollte mir seinen Stuhl näher. »Ich weiß, was mich aufregen wird,« raunte er mir vertraulich zu. »Ich habe heute noch keine Bewegung gehabt.« Er legte die Hände auf die Maschinerie seines Stuhles und rollte auf die gewöhnliche Art das Zimmer entlang. Doch bald trat eine neue Veränderung ein. Nicht mit pfeifenden und rasenden Rädern wie sonst fuhr er das Zimmer auf und ab, sondern langsamer und schwerer, als wenn es ihm große Mühe verursachte. Dann hielt er inne, wie aus Mangel an Athem.

Wir folgten ihm. Ariel zuerst dann Benjamin und ich. Er winkte die beiden Anderen zurück und gab mir ein Zeichen, näher zu kommen.

»Ich bin außer Uebung« sagte er schwach. »Während Ihrer Abwesenheit habe ich meine Kraft verloren.«

Wer würde ihn jetzt nicht bemitleidet haben? Wer hätte in diesem Moment an seine Verirrungen gedacht? Wiederum war es Ariel, welcher die müden Lebensgeister ihres Herrn weckte.

»Was ist Ihnen, Herr? Wo bleibt die Geschichte?« fragte sie in winselnd weinerlichen Tönen.

»Sie bedürfen der frischen Luft,« sagte ich, »lassen Sie uns eine kleine Spazierfahrt machen.«

Es war nutzlos. Ariels Bitte hatte bereits Dexters schlafende Lebensgeister wieder erweckt.

»Du Elende!« rief er, den Stuhl gegen sie umwendend. »Nun kommt die Geschichte Ich kann sie erzählen! Ich will sie erzählen! Wein her, Du winselndes Kalb! Weshalb dachte ich denn daran nicht früher? Königlichen Burgunders bedarf ich, um meine Phantasie zu entflammen Gläser her für die ganze Gesellschaft!«

Ariel öffnete eine Schieblade im Alkoven und holte eine Flasche und hohe venezianische Gläser hervor. Dexter leerte seinen Humpen aus einen Zug und nöthigte uns ebenfalls zum Trinken. Der feurige Wein übte fast augenblicklich seine Wirkung. Ariel, welche ebenfalls ihr Glas hinunter gestürzt begann mit heiserer Stimme ihre Bitte um die Geschichte abzusingen. Dexter füllte noch einmal sein Glas, und Benjamin beschwor mich mit leiser Stimme, aufzubrechen.

»Nur noch einen letzten Versuch,« flüsterte ich zurück.

Ariel setzte ihren lakonischen Sang fort.

Dexter blickte von seinem Glase auf. Der Wein begann auch in ihm zu wirken. Augen und Wangen bekamen ihren alten Glanz wieder. Der feurige Burgunder war mein Bundesgenosse geworden.

»Keine Geschichte,« sagte ich, »ich bin jetzt nicht in der Laune, eine Geschichte zu hören.«

»Nicht in der Laune?« wiederholte er ironisch »Das ist eine Entschuldigung. Sie glauben, daß meine Phantasie erloschen. Ich will Ihnen zeigen, daß Dexter noch immer der Alte ist. Ruhig, Ariel, oder Du mußt das Zimmer verlassen! Ich habe meine Geschichte fertig, Mrs. Valeria! Es ist gerade etwas, das Sie sehr interessiren wird,« fügte er mit listigem Lächeln hinzu. »Die Geschichte von einer Herrin und einer Magd. Setzen Sie Sich wieder ans Feuer und hören Sie zu.«

Die Geschichte von einer Herrin und einer Magd? Also die Geschichte von Mrs. Beanly. Die Art und Weise, wie er die Erzählung einführte, belebte von Neuem meine Hoffnung. Seine List war wieder erwacht. Unter dem Vorwande, Ariel eine Geschichte zu erzählen, wollte er zweifelsohne einen erneuten Versuch machen, mich auf Irrwege zu führen. Um seine eigenen Worte zu brauchen, Dexter war wieder er selber geworden. Wir setzten uns auf unsere alten Plätze. Ariel sah mich mißtrauisch an, als ob sie glaubte, daß ich ihren Herrn abermals unterbrechen könnte. Das hatte sie aber nicht zu befürchten, ich war jetzt eben so begierig wie sie, die Geschichte zu hören. Das Thema war voller Schlingen für den Erzähler. Er konnte sich in jedem Augenblick verrathen.

Er blickte um sich und begann:

»Ist mein Publikum bereit zu hören?« fragte er heiter. »Blicken Sie mir ein wenig voller in’s Gesicht,« fuhr er mit sanfter Stimme zu mir gewandt fort. »Lassen Sie mich Begeisterung in Ihren Blicken finden. Lassen Sie meine hungrige Bewunderung sich an Ihrer Gestalt sättigen. Begnadigen Sie den Mann, dessen Glück Sie zerstört mit einem Lächeln des Mitleids. Ich danke Ihnen, Licht meines Lebens!l« Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück.

»Nun endlich die Geschichte! Ich werde sie in die dramatische Form gießen, die kürzeste und treueste, um meine Geschichte zu erzählen. Der Titel also: »Herrin und Magd« Scene: Italien Zeit: 15. Jahrhundert. Blicken Sie auf Ariel. Sie weiß so viel vom 15. Jahrhundert als die Katze in der Küche und dennoch amüsirt sie sich schon. Glücklicher Ariel!«

Ariel blickte mich triumphirend an.

»Ich weiß nicht mehr als die Katze in der Küche,« wiederholte sie eitel. »Ich bin glücklich! Und was sind Sie?«

Miserrimus Dexter lachte, dann fuhr er fort: »Personen des Dramas nur drei Frauen. Angelika, eine vornehme Dame, von Geist und Geburt. Kunigunde ein schöner Teufel in weiblicher Gestalt. Damoride, ihr unglückliches Mädchen. 1. Scene. Dunkel gewölbtes Zimmer in einem Kastell. Es ist Abend. Die Eulen klagen im Walde; die Frösche quaken im Sumpf. Sehen Sie Ariel an. Sie bekommt schon die Gänsehaut. Glückliche Ariel.«

Meine Nebenbuhlerin in des Herrn Gunst sah mich mißtrauisch an. Miserrimus Dexter that wieder einen mächtigen Trunk.

Ich beobachtete ihn aufmerksam; sein Antlitz belebte sich mehr und mehr. Er setzte sein Glas nieder und fuhr fort:

»Personen in dem gewölbten Zimmer: Kunigunde und Damoride. Kunigunde spricht: »Damoride!« — »Madame?« — »Wer liegt denn im Zimmer über uns krank?« —»Die vornehme Dame Angelika, Madame!« — Pause. — Kunigunde spricht wieder: »Damoride!« — »Madame?« — »Mag Angelika Sie leiden?« — »Madame, die vornehme Dame ist gut gegen mich und alle Welt!« — »Haben Sie ihr aufgewartet Damoride?« — »Zuweilen, Madame, wenn die Wärterin müde war.« — »Hat sie die Medizin aus Ihrer Hand genommen?« — »Ein oder zwei Mal, Madame!« — »Damoride, nehmen Sie diesen Schlüssel, und öffnen Sie das Schmuckkästchen auf dem Tisch! (Damoride gehorcht.) »Bemerken Sie ein grünes Fläschchen mit einer Flüssigkeit darin?« — »Ich sehe es, Madame!« — »Nehmen Sie es heraus!« (Damoride ge horcht) — »Wissen Sie, was die Flüssigkeit ist?« — »Nein, Madame!« — »Es ist Gift!« — (Damoride erschrickt und scheint geneigt das Fläschchen aus der Hand zu setzen. Kunigunde deutet ihr an, es zu behalten, und spricht weiter.) — »Ich hasse Lady Angelika. Ihr Leben steht zwischen mir und der Freude meines Herzens. Sie halten ihr Leben in Ihrer Hand.« (Damoride fällt auf ihre Knie und spricht): »Sie erschrecken mich, Madame! Kunigunde tritt nahe an sie heran und sagt mit schrecklichem Blick: »Damoride! Lady Angelika muß von Ihrer Hand sterben, damit kein Verdacht auf mich fällt!«

Dexter hielt inne und nahm wieder einen tiefen Zug.

Ich betrachtete ihn aufmerksam.

Die Röthe seiner Wangen war dieselbe geblieben, aber der Glanz der Augen begann schon zu erlöschen. Zuletzt war auch seine Sprache schon langsamer geworden. War die Wirkung des Weines bereits im Abnehmen? Hatte der Wein bereits Alles für ihn gethan?

Wir warteten, Ariel mit offenem Munde, Benjamin mit aufgeschlagenem Notizbuche in der Hand.

Mr. Dexter fuhr fort.

»Damoride hört die entsetzlichen Worte und faltet flehend ihre Hände. — »O Madame, aus welchem Grunde sollte ich die vornehme Dame tödten?« — Kunigunde antwortet: »Aus dem Grunde, weil Sie mir gehorchen müssen.« — »Ich kann es nicht, Madame, ich wage es nicht!« — »Was ist da zu wagen? Ich habe meinen Plan, uns vor Entdeckung zu sichern!« — (Damoride fleht um Erbarmen Kunigundes Augen flammen vor Wuth. Sie nimmt aus dem Versteck ihres Busens) —« Dexter hielt wiederum inne, weil er den Faden verloren.

War es gerathen, ihn wieder anknüpfen zu helfen oder zu schweigen?

Die Geschichte war mir ja klar genug. Er wollte abermals meinen Verdacht auf Mrs. Beanly lenken, es kam nur darauf an, wie er die Erzählung zu Ende führen, und ob es ihm gelingen würde, meine Ueberzeugung von der Unschuld der Mrs. Beanly und ihres Mädchens wieder zu vernichten.

Ich zog es vor, ihm Zeit zu lassen. Kein Wort kam über meine Lippen. Wir warteten im tiefsten Schweigen kurz vor dem kritischen Moment.

Die starren Züge belebten sich wieder. Er hatte ohne Zweifel ein Motiv zur Anklage der Mrs. Beanly und ihres Mädchens gefunden.

Er begann von Neuem:

»Kunigunde also zieht aus dem Versteck ihres Busens ein beschriebenes Stück Papier, das sie entfaltet. »Blicken Sie hierher,« sagt sie. Damoride sinkt abermals erschreckt zu ihren,Füßen. Kunigunde ist im Besitz eines schmachvollen Geheimnisses ihres Mädchens. Kunigunde kann ihr eine entsetzliche Alternative stellen. Entweder gehorchst Du mir, oder ich entehre Dich!« — Damoride nimmt ihre letzte Zuflucht zum Erheben einiger Schwierigkeiten weil sie sieht, daß sie das Herz der Herrin nicht erweichen kann. — »Wie kann ich es denn aber thun, Madame, wenn die Wärterin dabei ist und es sieht?« — Kunigunde antwortet: »Manchmal schläft die Wärterin und manchmal ist sie auch fort.« — »Die Thür ist ja aber verschlossen Madame, und die Wärterin hat den Schlüssel.«

Mir fiel sofort der fehlende Schlüssel in Gleninch ein. Hatte er ebenfalls daran gedacht? Er bereute gewiß das Wort, als es ihm entflohen. Ich gab Benjamin das verabredete Signal. Benjamin senkte den Bleistift auf sein Notizbuch, ohne daß es Jemand bemerken konnte.

Es dauerte lange, ehe Dexter wieder begann. Sein Auge wurde trüber und trüber.

»Wo war ich stehen geblieben?« fragte er endlich.

»Damoride sagte zu Kunigunde, die Thür ist verschlossen, und die Wärterin hat den Schlüssel,« half ich ihm ein.

»Nein!« antwortete er heftig, »Sie haben falsch gehört. Unsinn! Wer hat denn von einem Schlüssel gesprochen?«

»Ich dächte, Sie thaten es, Mr. Dexter.«

»Ich that es niemals! Ich sagte etwas ganz Anderes!«

Ich vermied es, mit ihm zu streiten, und wartete, was nun folgen würde.

Miserrimus saß schweigend, die Hand an seine Stirn gedrückt, augenscheinlich bemüht, seine wandernden Gedanken zu bemeistern und Licht in das Dunkel zu bringen, das ihn umgab.

»Herr!« rief Ariel.

»Wie wird die Geschichte nun weiter?«

Er fuhr wie aus einem Schlaf empor und schüttelte den Kopf, als wenn er einen bösen Druck ans demselben entfernen wollte.

»Nur Geduld!« rief er.

»Die Geschichte geht gleich weiter.«

Halb verzweiflungsvoll nahm er einen Faden wieder auf, unbesorgt darüber, ob es der richtige oder der falsche war.

»Damoride fiel auf ihre Kniee, brach in Thränen aus und sagte —«

Er hielt inne und blickte sich mit starren Augen um.

»Wie nannte ich doch die andere Dame?« fragte er, ohne sich direkt an Jemand zu wenden.

»Sie nannten sie Kunigunde,« sagte ich.

Beim Klange meiner Stimme wandten sich seine Augen nach mir hin, ohne mich anzublicken. Sie schienen vielmehr suchend in die weite Ferne zu starren. Seine Stimme hatte einen ruhigen, ausdruckslosen Ton bekommen. Sollten wir dem Resultate nahe sein?

»Ich nannte sie Kunigunde,« wiederholte er.

»Und wie nannte ich die andere?«

»Damoride,« sagte ich.

Ariel blickte ihn erstaunt an und suchte seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Ist das die Geschichte?« fragte sie.

»Das ist die Geschichte,« entgegnete er, noch immer in’s Leere blickend.

»Doch weshalb Kunigunde und Damoride? Herrin und Mädchen ist ja weit leichter zu behalten —«

»Was sagte das Mädchen zu ihrer Herrin?« sagte er, sich mit leisem Schauer in seinem Stuhl wieder aufrichtend. »Was? — Was? Was?«

Plötzlich schienen neue Gedanken über ihn gekommen, und er sprach in schnellen, seltsamen Worten weiter.

»Der Brief,« sagte das Mädchen. »O mein Herz. Jedes Wort ein Dolchstich. Der Brief, der entsetzliche Brief! — —«

Was sollten diese Worte bedeuten? Verwechselte er in seiner Erinnerung die Scenen in Gleninch mit dem Fortgange seiner Geschichte? Begann die entsetzliche Wahrheit siegend durch die Schatten der Heuchelei und sträflichen Verschwiegenheit zu dringen? Ich konnte nicht mehr sprechen. Ein kalter Schrecken zog durch meine Glieder.

Benjamin warf mir einen warnenden Blick zu.

»Sehr hübsche Geschichte,« sagte Ariel. »Fahre fort, Herr.«

Mr. Dexter fuhr fort, als wenn er schliefe mit offenen Augen.

»Die Herrin sagte zu der Magd: »Zeige ihm den Brief. Du mußt es thun.« — »Nein, ich muß es nicht thun.« Ich zeige ihn ihm nicht. Unsinn! Laß ihn leiden. Möge das Schlimmste zum Schlimmsten kommen.« — Die Herrin sagte,« fuhr er fort, indem er mit der Hand eine Bewegung machte, als wenn er eine unklare Vision verscheuchen wollte. »Wer sprach zuletzt? Natürlich das Mädchen: ,Ihr Schurken Fort von dem Tisch. Da liegt das Tagebuch Nummer neun, Calderhaws. Frage nach Dandie. Ihr sollt das Tagebuch nicht haben. Das Tagebuch wird ihn an den Galgen bringen. Ich will ihn aber nicht hängen sehen. Wie könnt Ihr es wagen, meinen Stuhl anzurühren? Mein Stuhl ist ich. Daß Niemand mich anrührt!«

Die letzten Worte übergossen mich wie mit hellem Licht. Ich hatte sie im Prozeß gelesen Mr. Dexter hatte sie gesprochen als er die Beamten verhindern wollte, sich der Papiere meines Mannes zu bemächtigen. Seine Gedanken waren jetzt beim Geheimniß von Gleninch. Ariel fühlte kein Mitleid mit ihrem Herrn. Ariel wollte die Geschichte zu Ende hören.

»Fahre fort, Herr. Was sagte dann die Herrin nun zu der Magd?«

Dexter fuhr immer schneller, immer irrer und wirrer fort.

»Die Herrin sagte zu der Magd:,was soll's mit dem Brief? Kein Feuer im Kamin? Keine Streichhölzer da? Das ganze Haus in Unordnung? Die Diener alle fort? Zerreiße ihn! Unnützes Papier! Wirf es weg. So, nun ist es fort. O, Sarah! Sarah! Sarah! Fort für immer.«

»O, Sarahs Sarah! Sarah! Fort für immer!« wiederholte Ariel. »Erzähle uns, Herr, wer Sarah war!«

Mr. Dexter begann wieder mit dem alten melancholischen Refrain:

»Die Herrin sagte zu der Magd —«

Hier unterbrach er sich schon wieder, richtete sich in seinem Stuhl empor, erhob beide Hände über den Kopf und brach in ein krampfhaftes Gelächter aus. Dann sank er in den Stuhl zurück und das schrille entsetzliche Lachen erstarb in leisen tiefen Seufzern. Das Antlitz hob sich zur Decke empor. Die Augen schienen fast erblindet, die Lippen verzerrten sich zu einem häßlichen Grinsen. Endlich die Nemesis! Die Nacht war gekommen!

Als der erste Schreck vorüber war, belebte mich wiederum nur das Gefühl des Mitleids für den gerichteten Elenden. Ich stand unwillkürlich auf. Augenblicklich an nichts Anderes denkend, als an den hilflosen Unglücklichen, eilte ich zu ihm, um ihm Beistand zu leisten, als ich mich heftig zurückgezogen fühlte.

,Sind Sie denn blind? Sehen Sie dort hin!«

Ariel war mir zuvor gekommen und hatte hilfreich einen Arm um ihren Herrn geschlungen. Mit der freien Hand schwang sie eine Ofengabel, die sie schnell ergriffen. Ihre Augen funkelten wie die eines wilden Thieres.

»Das ist Ihr Werk!« schrie sie mich wüthend an. »Keinen Schritt näher, oder ich schlage Ihnen das Gehirn aus!«

Benjamin ergriff mich bei der Hand und führte mich zur Thür. Ich sah Ariels Wuth abnehmen, als wir uns entfernten. Sie warf die Ofengabel hin, lehnte den Kopf an Dexters Brust und schluchzte bitterlich. »O Herr, Herr! Nun sollen sie Dir nichts mehr thun. Blicke doch auf! Lache mich doch an, wie Du es früher gethan.«

Ich befand mich jetzt schon im anderen Zimmer, dann hörte ich noch einen wilden Entsetzensschrei des unglücklichen Geschöpfes, und die schwere Thüre sank hinter uns zu. Hilflos und weinend wie ein Kind schmiegte ich mich an meinen alten Freund.

Benjamin verschloß die Thür.

»Weinen Sie nicht,« sagte er ruhig, »sondern danken Sie Gott, daß Sie glücklich aus jenem Zimmer sind.«

Er zog den Schlüssel ab und führte mich durch das Haus in den Garten.«

Der Gärtner, den wir unten trafen eilte zum Doctor. Wir warteten denselben ab und er versprach, mir möglichst bald Nachricht über den Kranken zu senden.

Auf dem Heimwege zeigte mir Mr. Benjamin sein Notizbuch.

»Was soll denn nun mit dem Geschreibsel werden? « fragte er erstaunt.

»Haben Sie denn Alles niedergeschrieben?«

»Gewiß. Sie haben mir ja nicht das Signal zum Aufhören gegeben. Ich habe jedes Wort aufgeschrieben. Soll ich es aus dem Wagenfenster werfen?«

»Geben Sie es mir.«

»Was wollen Sie damit thun?«

»Ich weiß es noch nicht. Ich will Mr. Playmore fragen.«


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