Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Dritter Theil - Neunzehntes Kapitel - Was konnte ich sonst noch thun?
 

Gesetz und Frau



Neunzehntes Kapitel.

Was konnte ich sonst noch thun?

Sobald ich meine Thränen getrocknet und mich nach Lesung des jammervollen Lebewohls wieder ein wenig gesammelt hatte, flogen meine Gedanken zu Eustace. Er durfte nimmer lesen, was ich gelesen.

Zu diesem Ende war es also gekommen! Ich hatte mein Leben daran gesetzt, ein Ziel zu erreichen, und nun war es erreicht. Dort auf dem Tische vor mir lag der Unschuldsbeweis meines Mannes, und aus Barmherzigkeit mit ihm, aus Barmherzigkeit mit dem Andenken seiner verstorbenen Frau bestand meine ganze Hoffnung darin, daß er diese Zeilen nimmer lesen möge.

Ich blickte auf die seltsamen Umstände zurück, unter denen der Brief entdeckt worden war. Wie schrumpfte nun mein eigenes Verdienst zusammen. Der geringfügigste Umstand hätte den ganzen Lauf der Begebenheiten ändern können. Ich hatte mich fortwährend bemüht, Ariel zu verhindern, ihren Herrn um die Geschichte zu bitten. Wenn sie trotz meiner Einmischung nicht zum Ziel gelangt wäre, würden Miserrimus Dexters letzte klare Gedanken vielleicht nimmer auf die Tragödie von Gleninch gekommen sein. Und wiederum, wenn ich meinen Stuhl bewegt, und Benjamin dadurch das Signal zum Einstellen seines Schreibens gegeben, würde er nicht die anscheinend sinnlosen Worte aufgezeichnet haben, welche zur Entdeckung der Wahrheit führten. Wenn ich auf jene Begebenheiten zurückblickte, mußte mir der Brief Schrecken einflößen. Ich verfluchte den Tag, an welchem seine Fragmente gefunden worden. Gerade zu der Zeit, wo Eustace seine Gesundheit wieder erlangt, gerade zu der Zeit, die uns in Glück und Freude vereinigt und uns in ein oder zwei Monaten Vater- und Mutterfreuden verhieß, gerade in dieser Zeit tauchte das dunkle Gespenst von Gleninch wieder auf. Aus jenem Briefe blickte es mich an und bedrohte meines Gatten Ruhe, wenn nicht sein Leben. Die Stunde schlug von der Uhr unter dem Spiegel. Es war die Zeit, in welcher Eustace mir seinen Morgenbesuch zu machen pflegte. Er konnte jeden Augenblick eintreten und mir den Brief ans der Hand reißen. In, einem Anfall des Schreckens ergriff ich das elende Papier und warf es ins Feuer. Es war ein Glück, daß ich nur die Copie besaß. Hätte ich das Original gehabt, würde es dasselbe Schicksal ereilt haben. Der letzte Rest des Briefes war eben verglimmt, als Eustace eintrat.

Er blickte nach dem Feuer. Der graue Rauch des verbrannten Papieres stahl sich eben in den Schornstein Eustace wußte, daß ich den Brief erhalten. Beargwöhnte er, was ich gethan? Er sagte nichts, sondern blickte ernst in das Feuer. Dann trat er näher und heftete seine Augen auf mich. Ich glaube, daß ich sehr bleich war. Seine ersten Worte fragten mich, ob ich krank sei.

Ich war entschlossen, ihn nicht zu täuschen.

»Ich fühle mich allerdings etwas nervös erregt,« antwortete ich.

Er sah mich wieder an, als wenn er noch mehr erwartete.

Ich blieb stumm. Er zog einen Brief aus der Brusttasche seines Rockes und legte ihn auf den Tisch, auf denselben Platz, den soeben der andere eingenommen.

»Ich habe auch diesen Morgen einen Brief gehabt,« sagte er.

»Und ich, Valeria, habe keine Geheimnisse vor Dir.«

Ich verstand den Vorwurf, der in meines Mannes letzten Worten war, aber ich ließ denselben unbeantwortet.

»Wünschest Du, daß ich ihn lesen soll?« war Alles, was ich darauf erwiderte.

»Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Geheimnisse vor Dir habe,« wiederholte er. »Das Couvert ist offen. Ueberzeuge Dich, was darinnen ist.«

Ich nahm aus dem Couvert nicht etwa einen Brief, sondern einen Ausschnitt ans einer schottischen Zeitung.

»Lies es,« sagte Eustace.

Ich las Folgendes:

»Seltsame Vorgänge in Gleninch.

In Mrs. Macallans Landhause scheint sich ein Roman des wirklichen Lebens abspielen zu wollen. Auf einem vereinsamten Müllhaufen haben geheime Nachgrabungen stattgefunden. Jedenfalls ist etwas entdeckt worden, man weiß aber noch nicht was. So viel steht fest, daß vor einigen Wochen zwei Fremde nach Gleninch kamen, welche unter Beaufsichtigung unseres Landsmannes Mr. Playmore Tag und Nacht in der Bibliothek bei verschlossenen Thüren arbeiteten. Sollte dennoch ein neues Licht auf die geheimnißvollen Vorgänge geworfen werden, welche unsere Leser aus der Vergangenheit von Gleninch kennen gelernt haben? Vielleicht kann Mr. Macallan bei seiner Rückkehr Aufschluß darüber geben. Bis dahin müssen wir unsere, Neugier bezähmen.«

Ich legte den Zeitungsausschnitt mit keiner sehr dankbaren Gesinnung gegen den Schreiber auf den Tisch. Wahrscheinlich die Hinterbringung eines Reporters und die Uebersendung eines Unbefugten. Da ich durchaus nicht wußte, was ich sagen sollte, wartete ich, bis Eustace sprechen würde.

»Verstehst Du, was das bedeuten soll, Valeria?«

Ich antwortete bejahend.

Er wartete wiederum, als wenn er noch mehr von mir hören wollte. Ich schwieg.

»Soll ich denn nicht mehr erfahren, als ich bis jetzt weiß?« sagte er nach einer Pause. »Willst Du mir nicht mittheilen, was in meinem Hause geschieht?«

»Du hast versprochen, mir zu vertrauen,« begann ich.

Er gab das zu.

»Um Deiner selbst willen muß ich Dich bitten, Eustace, mir dies Vertrauen noch etwas länger zu schenken. Du sollst Alles wissen, wenn Du mir noch etwas mehr Zeit läßt.«

»Wie lange soll ich denn noch warten?« fragte er mit gerunzelter Stirn.

Ich sah ein, daß die Zeit gekommen, wo das Hinhalten nichts mehr nützen konnte.

»Küsse mich,« sagte ich, »bevor ich Dir erzähle.

Er zögerte, aber ich bestand darauf. Er gab nach. Nachdem er mir einen, gerade nicht sehr zärtlichen Kuß gegeben, bestand er von Neuem darauf, zu wissen, wie lange er noch zu warten habe.

»Bis unser Kind geboren ist,« sagte ich.

Die Bedingung setzte ihn in Erstaunen. Ich preßte zärtlich seine Hand und blickte ihn freundlich an.

»Sage Du mir, daß Du damit zufrieden bist,« entgegnete ich.

Er bestätigte es mir.

So hatte ich wiederum Zeit gewonnen mit Benjamin und Mr. Playmore zu berathschlagen. Während Eustace mit mir im Zimmer war, hatte ich der Tröstung genug gewonnen, um mit ihm sprechen zu können. Als er mich aber bald nachher verließ, überkam mich tiefe Trauer, wenn ich daran dachte, wodurch ich so viele Güte und Nachsicht wohl verdient. Endlich erleichterte ein Thränenstrom die Bedrückung meiner Seele.


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