Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Dritter Theil - Sechstes Kapitel - Mr. Playmore's Prophezeiung
 

Gesetz und Frau



Sechstes Kapitel.

Mr. Playmore's Prophezeiung.

Wir erreichten London zwischen 8 und 9 Uhr Abends, und da Benjamin vorsorglich telegraphirt, fanden wir ein Cab auf dem Bahnhof und das Essen auf dem Tisch.

Als wir eben im Begriff waren, bei Benjamins Villa vorzufahren, mußten wir einen Augenblick warten, um eine Ponny-Chaise vorbeizulassen. Die Chaise, welche von einem rauh aussehenden Mann, mit einer Pfeife im linken Mundwinkel, gefahren wurde, rollte langsam an uns vorüber. Der Kutscher kam mir entschieden bekannt vor. Ich dachte aber nachher nicht weiter an ihn.

Benjamins alte Haushalterin öffnete das Gartenthor und brach in laute Danksagungen gegen den Allmächtigen aus, daß er uns gesund und wohlbehalten wieder zurückgeführt habe.

»Doch nichts vorgefallen?« fragte Benjamin.

Die Haushälterin zitterte bei der Frage und beantwortete dieselbe in folgenden räthselhaften Worten:

»Ich bin furchtbar aufgeregt, Sir. Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes giebt oder etwas Schlechtes. — Vor einigen Stunden kam ein seltsamer Mensch herein und fragte, wann Mrs. Valeria zurückkehren würde. — Ich sagte, was mein Herr telegraphirt hätte, und darauf sagte der Mann: warten Sie ein bischen, ich komme gleich wieder! — Es dauerte auch kaum eine Minute, so war er wieder da und trug ein Ding auf seinen Armen, welches mir alles Blut zu Eis gerinnen ließ. Ich weiß wohl, daß ich ihn eigentlich nicht hätte hereinlassen sollen, aber ich konnte nicht auf meinen Beinen stehen, geschweige denn den starken Mann zurückdrängen. So ging er denn mit dem Dinge auf seinem Arm ganz ungenirt in Ihr Studirzimmer. Dort hat er das Ding hingesetzt und dort ist es noch. Ich bin schon auf der Polizei gewesen, aber die sagen, da könnten sie sich nicht einmischen. Was nun weiter geschehen soll, das weiß ich nicht. Gehen Sie nur jetzt selbst hinein, Madame Sie werden auch einen Schreck bekommen, daß Ihnen die Beine zittern.«

Nun fiel mir wieder die Ponny-Equipage ein, und ich verstand die mir sonst unverständlich gewesene Erzählung der Haushälterin. Ich ging durch das Eßzimmer und blickte durch die halb offen gelassene Thür von Benjamins Bibliothek.

Richtig! Da saß Mr. Dexter, fest eingeschlafen in Benjamins Lieblingsstuhl. Keine Decke verhüllte seine entsetzliche Verkrüppelung und konnte ich mich allerdings nicht darüber wundern, daß der alten Haushalterin die Beine gezittert hatten.

»Was ist das, Valeria?« fragte Benjamin.

Ich habe bereits erwähnt, ein wie außerordentlich feines Gehör Mr. Dexter hatte. So leise Benjamin auch gesprochen, so wurde Dexter durch die wenigen Worte sofort erweckt. Er rieb sich die Augen und lächelte unschuldig wie ein erwachendes Kind.

»Wie geht es Ihnen, Mrs. Valeria?« fragte er. »Ich war ein bischen eingenickt. Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich mich fühle, Sie wieder zu sehen. Wer ist der Herr?«

Er rieb abermals seine Augen und blickte auf Benjamin.

Ich stellte ihm diesen als den Hausherrn vor.

»Entschuldigen Sie, daß ich mich nicht erhebe, Sir,« sagte Dexter. »Ich kann nicht aufstehen, weil mir die Natur keine Beine mitgegeben hat. Sie scheinen sich zu wundern, daß ich von Ihrem Stuhl Besitz genommen. Wenn Ihnen das unangenehm ist, werfen Sie mich hinunter, so daß ich auf meine Hände falle. Ich werde Ihnen das durchaus nicht übel nehmen, nur brechen Sie mir nicht das Herz, indem Sie mich fortschicken. Die schöne Dame dort kann auch sehr grausam sein, wenn ihr der Kopf nicht recht steht. Sie hat mich neulich verlassen, wo ich noch so gern ein wenig mit ihr gesprochen hätte. Ich hin ein armer elender Krüppel, mit einem warmen Herzen und unersättlicher Neugier ausgestattet. Unersättliche Neugier ist aber ein Fluch. Ich habe ihn ertragen, bis mir das Gehirn zu sieden begann; dann schickte ich zu meinem Gärtner und ließ mich hierherfahren. Ich bin gern hier. Der Anblick der Mrs. Valeria ist Balsam für mein wundes Herz. Sie hat mir etwas zu erzählen, das zu hören ich vor Begierde brenne. Wenn sie nicht zu ermüdet von der Reise ist, möchte ich die Neuigkeiten gleich in Empfang nehmen. Lieber Mr. Benjamin, Sie sehen aus wie ein Tröster der Betrübten. Reichen Sie mir die Hand, wie ein guter Christ, und lassen Sie mich hier bleiben.«

Er hielt ihm seine Hand entgegen. Seine sanften blauen Augen nahmen den Ausdruck frommen Flehens an. Benjamin schlug ein, wie ein Mann, den ein banger Traum gefangen hält, dann blickte er mich wie um Rath fragend an.

»Lassen Sie mich mit Mr. Dexter allein,« flüsterte ich ihm zu.

Benjamin warf noch einen halb entsetzten Blick auf die seltsame Erscheinung in seinem Stuhl, machte ihr dann ein Compliment und verließ das Zimmer.

Mit einander allein gelassen, blickten wir uns erst eine Weile schweigend an.

Trotz des entsetzlichen Verdachtes, den mir Mr. Playmore wie einen Gifttrunk eingegeben konnte ich in diesem Augenblicke nicht umhin Miserrimus Dexter zu bemitleiden.

Er ergriff zuerst das Wort.

»Lady Clarinda hat Ihr Vertrauen zu mir zerstört!« rief er wild.

»Das hat Lady Clarinda nicht gethan,« entgegnete ich.

»Sie hat durchaus keinen Versuch gemacht, meine Meinung zu beeinflussen. Ich hatte eine wirkliche Veranlassung, auf einige Tage zu verreisen.«

Er seufzte und schloß die Augen, als wenn ich eine schwere Last von ihm genommen.

»Seien Sie barmherzig und erzählen Sie mir noch mehr,« sagte er. »Ich bin während Ihrer Abwesenheit so elend gewesen. Sind Sie sehr müde von der Reise? Ich dürste nach Mittheilungen von des Majors Diner. Nur eine Frage heute, auf das Andere will ich gern bis morgen warten. Was sagte Lady Clarinda über Mrs. Beanly? Alles, was Sie zu hören wünschten?«

»Und noch mehr,« antwortete ich.

»Was? was? was?« rief er mit wilder Ungeduld.

Mr. Playmores letzte prophetische Worte klangen mir wieder in den Ohren. Er hatte in der positivsten Art erklärt, daß Dexter mich zu mißleiten fortfahren und nicht erstaunen würde, wenn ich ihm mittheilte, wie sich Lady Clarinda über Mrs Beanly geäußert. Ich war entschlossen, die Prophezeiung des Advocaten, so weit sie das Erstaunen betraf, aus die härteste Probe zu stellen.

Ich ging ohne irgend welche Einleitung sogleich zum Angriff über.

»Die Person, welche Sie in dem Corridor sahen, war nicht Mrs. Beanly,« sagte ich. »Es war das Mädchen in ihrer Herrin Hut und Mantel. Mrs. Beanly war gar nicht im Hause anwesend. Sie tanzte aus einem Maskenball in Edinburgh. So erfuhr es Lady Clarinda von dem Mädchen, und so erfuhr ich es von Lady Clarinda.«

Ich hatte diese Worte so schnell gesprochen, wie es mir möglich war; aber Miserrimus Dexter machte die Prophezeiung des Advocaten vollständig zu Schanden. Er schaudert unter dem Angriff zusammen. Seine Augen öffneten sich weit. »Sagen Sie es noch einmal!« rief er. »Ich muß es noch einmal hören!«

Ich war mit diesem Resultat mehr als zufrieden und triumphirte über meinen Sieg. Diesmal hatte ich wirklich Veranlassung mit mir zufrieden zu sein. Ich hatte, Mr. Playmore gegenüber, die Angelegenheit von der christlichen Seite aufgefaßt und sofort meine Belohnung erhalten.

Indem ich auf Mr. Dexters Wunsch die Nachricht wiederholte, fügte ich alle Details hinzu, durch welche Lady Clarinda die Sache noch glaubwürdiger erscheinen ließ.

Miserrimus Dexter hörte mit athemloser Aufmerksamkeit zu.

»Was soll man davon denken,« sagte er mit 's einem Blick der Verzweiflung »So seltsam es auch scheint, klingt es von Anfang bis zu Ende wahr.«

Was wurde Mr. Playmore gesagt haben, wenn er diese Worte gehört. Ich nahm zu seiner Ehre an, daß er ihn ebenfalls für unschuldig gehalten hätte.

»Was soll man anders davon denken,« entgegnete ich, »als daß Mrs. Beanly unschuldig ist und Sie ihr bitteres Unrecht gethan haben.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung,« antwortete er, ohne einen Augenblick zu zögern. »Mrs. Beanly ist unschuldig Ihre Vertheidigung im Prozeß war eine ganz richtige.«

Damit lehnte er sich behaglich in seinen Stuhl zurück und schien mit dem neuen Resultat vollständig zufrieden.

Ich konnte von mir nicht dasselbe behaupten. Zu meinem eigenen Erstaunen war ich die weniger vernünftige Person von uns Beiden.

Mr. Dexter hatte mir eigentlich mehr gegeben, als ich verlangte. Er hatte nicht allein Mr. Playmore’s Prophezeiung zu Schanden gemacht, sondern er war noch weit über diese Grenze hinausgegangen. Wenn die Vertheidigung vor dem Gerichtshof nicht anzugreifen war, konnte ich sofort aller Hoffnung entsagen, meinen Mann von jeder Schuld freigesprochen zu sehen. Ich hielt aber dennoch an dieser Hoffnung fest.

»Ihre Ansicht in Ehren,« sagte ich, »ich halte aber an der meinen fest.

Er runzelte die Stirn, als wenn ich ihn enttäuscht hätte.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie Ihren Plan verfolgen wollen?«

»Gewiß.«

Mr. Dexter schlug sofort seine gewohnheitsmäßige Höflichkeit in den Wind.

»Abgeschmackt! — Unmöglich!« rief er voller Verachtung »Sie haben selbst erklärt, daß wir Unrecht thaten, Mrs Beanly zu beargwöhnen. Ist es denn möglich, noch Verdacht auf einen Andern zu werfen? Vollständig lächerliche Frage! Wir müssen die Sache lassen, wie sie ist, und nicht ferner darin herumrühren. Ich rathe Ihnen, sich dem schottischen Verdict zu fügen.«

»Das wird nimmermehr geschehen, Mr. Dexter.«

Er machte eine gewaltsame Anstrengung, seinen Unmuth niederzukämpfen und wurde wieder ruhig und freundlich.

»Schön! Gestatten Sie, daß ich mich einen Augenblick in meine eigenen Gedanken versenke; ich will etwas thun, das ich bisher noch nicht gethan habe. Ich will in Mrs. Beanly’s Körper fahren und versuchen, ihre Gedanken zu denken.«

Welche neue Umwandlung sollte ich bei diesem seltsamen Wesen erleben? Nachdem er eine Weile mit gesenktem Haupt geträumt, sah er mich wieder mit scharf beobachtendem Blick an.

»Ich komme eben aus Mrs. Beanly's Haut,« sagte er, »und ich bin zu folgendem Resultat gekommen: Wir sind Beide zu hastig gewesen, unsere endgültigen Schlüsse zu ziehen.«

Er hielt inne. Ich erwiderte nichts. Begann der Zweifel an ihm, sich in mir zu regen?

»Ich bin völlig von der Wahrheit dessen überzeugt, was Lady Clarinda Ihnen mitgetheilt,« fuhr er fort. »Wir haben aber etwas außer Acht gelassen. Die Geschichte unterliegt zwei Auslegungen, einer zu Tage tretenden und einer verborgenen. In Ihrem eigenen Interesse hefte ich mein Auge auf die verborgene und halte es für leicht möglich, daß Mrs. Beanly schlau genug war, dem Verdachte zuvorzukommen und ein Alibi beizubringen. Bitte folgen Sie mir aufmerksam. War denn das Mädchen etwas Anderes, als ihrer Herrin passive Mitschuldige? war sie nicht blos die Hand, deren ihre Herrin sich bediente? konnte die erste Dosis des Giftes nicht bereits gegeben sein, als ich sie im Korridor entdeckte? war Mrs. Beanly nicht absichtlich nach Edinburgh gegangen, damit kein Verdacht auf sie fallen solle?«

Als ich Dexter diese Worte sprechen hörte, verstärkten sich die Schatten meines Zweifels an ihm. Sollte ich ihn zu schnell freigesprochen haben? machte er in der That den Versuch, abermals den Verdacht auf Mrs. Beanly zu lenken, wie Mr. Playmore es voraussichtlich gesagt? Dies Mal war ich genöthigt, ihm eine Antwort zu geben.

»Das scheint allerdings weit hergeholt, Mr. Dexter,« sagte ich.

»Es ist auch weit hergeholt,« gab er zu. »Ich stellte ja auch nur die Möglichkeit hin. Wenn Sie aber meine Ansicht verwerfen, was gedenken Sie nun zu thun? Wenn weder Mrs. Beanly noch ihr Mädchen die That begangen haben, wer beging sie denn? Sie ist unschuldig, und ihr Gatte ist unschuldig Auf welche neue Person wollen Sie denn nun Ihren Verdacht lenken? Soll ich sie vielleicht vergiftet haben?« rief er mit flammenden Augen und gellender Stimme. »Haben Sie, oder hat irgend ein Anderer mich im Verdacht? Ich liebte sie; ich betete sie an; ich habe seit ihrem Tode sie betrauert. Ich will Ihnen ein Geheimniß mittheilen — sagen Sie es aber nicht Ihrem Mann, es möchte unsere Freundschaft zerstören — ich wollte sie heirathen, ehe Eustace sie kennen lernte; aber sie schlug mich aus. Fragen Sie Dr. Jerôme, wie ich gelitten, als ich ihren Tod erfuhr. Als ich mich unbemerkt glaubte, kroch ich in ihr Zimmer und nahm den letzten Abschied von den kalten Ueberresten des Engels, den ich geliebt. Ich weinte an ihrem Sterbebett, ich küßte sie zum ersten und letzten Mal. Ich stahl eine Locke von ihrem Haar und habe sie seitdem geküßt jeden Tag, jede Nacht. O Gott! Ich sehe das Sterbezimmer wieder! Das todte Antlitz steht mir vor Augen! Da ist es! Da ist es!t«

Nach diesen Worten zerrte er ein kleines Medaillon hervor, das er an einem Bande um den Hals trug, warf es mir zu und brach in einen Strom von Thränen aus.

Ich muß gestehen, daß Mr. Dexter abermals mein Mitleid erregte. Ich stand auf, gab ihm das Medaillon zurück und legte, kaum wissend, was ich that, meine Hand auf des Unglücklichen Schulter.

»Ich bin unfähig, Sie zu beargwöhnen,« sagte ich freundlich. »Sie thun mir leid im Innersten der Seele.«

Er ergriff meine Hand und bedeckte sie mit Küssen. Seine Lippen brannten wie Feuer. Mit einer blitzschnellen Bewegung schlang er seinen Arm um meine Taille. Von Schrecken ergriffen und vergebens mit ihm kämpfend, rief ich nach Hilfe.

Die Thür ging auf, und Benjamin erschien aus der Schwelle.

Dexter ließ mich los.

Ich lief Benjamin entgegen und verhinderte ihn, einzutreten. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben sah ich meinen väterlichen Freund in Zorn. Mit aller meiner Kraft hielt ich ihn in der Thüre zurück.

»Vergreifen Sie Sich nicht an einem Krüppel,« sagte ich. »Lassen Sie seinen Kutscher hereinkommen, damit er ihn hinwegnimmt.«

Mit diesen Worten zog ich Benjamin aus dem Zimmer und verschloß die Thür. Die Haushälterin ging, den Mann von draußen hereinzurufen. Der Mann kam und wir sahen ihn in die Bibliothek treten. Er nahm Dexter auf den Arm, als wenn er ein kleines Kind gewesen wäre.

»Verbirg’ mein Gesicht,« hörte ich Dexter sagen.

Der Mann öffnete seine rauhe Jacke steckte den Kopf seines Herrn unter den linken Aufschlag und trug ihn hinaus.


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