Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Der Wahnsinnige - Der Wahnsinnige - Kapitel 5
 

Der Wahnsinnige

V

Ich eilte nach dem Dorfe zurück, wo die Maultiere meiner warteten, ließ sie satteln, und erreichte Fondi noch vor Sonnenuntergang.

Als ich die Treppe unseres Gasthofe hinaufstieg, befand ich mich in nicht geringer Verlegenheit, auf welche Weise die gemachte Entdeckung meinem Freunde am zweckmäßigsten mitzuteilen sei. Wenn es mir nicht gelang, ihn gehörig vorzubereiten, so konnte die Wirkung bei seiner Gemütsverfassung höchst nachteilig sein. Ich öffnete die Tür seines Zimmers, ohne zu wissen, was ich tun sollte; und als ich ihm endlich gegenüber stand, überraschte mich die Art seines Empfanges dergestalt, dass ich die Fassung ganz verlor.

Jede Spur von Anspannung war aus seinen Zügen ganz verschwunden. Die Augen leuchteten, und auf den Wangen brannte hohe Röte. Er sprang auf und stieß meine dargebotene Hand zurück.

»Sie haben mich nicht wie einen Freund behandelt«, sagte er mit Heftigkeit. »Sie hatten kein Recht, die Nachforschung ohne meine Begleitung fortzusetzen — kein Recht, mich hier allein zurückzulassen. Ich tat Unrecht, Ihnen zu vertrauen; Sie sind nicht besser als die anderen.«

Inzwischen hatte ich mich von meinem Erstaunen etwas erholt, und war im Stande ihm zu antworten, ehe er weiter reden konnte. Aus Gründen mit ihm zu streiten, oder mich überhaupt zu verteidigen, wäre in seinem jetzigen Zustande ganz nutzlos gewesen, und ich beschloss deshalb alles zu wagen, und ihm die Neuigkeit ohne weiteres mitzuteilen.

»Sie werden gerechter gegen mich sein«, sagte ich, »wenn Sie hören, welche Dienste ich Ihnen während meiner Abwesenheit geleistet habe. Wenn mich nicht alles trügt, so ist der Gegenstand, zu dessen Auffindung wir Neapel verlassen haben, uns näher, als —«

Während ich sprach, verließ die Röte seine Wangen. Irgendetwas in meinem Gesicht oder im Tone meiner Stimme hatte seinem durch die Reizbarkeit der Nerven erhöhten Scharfblicke mehr verraten, als ich wünschte. Die Augen starr auf mich richtend und meinen Arm ergreifend, flüsterte er mir mit ängstlicher Spannung zu:

»Sagen Sie mir die reine Wahrheit. Haben Sie ihn gefunden?«

Es war zu spät, um jetzt noch zu zögern, und ich antwortete deshalb bejahend.

»Beerdigt oder unbeerdigt?« rief er mit erhöhter Stimme, meinen Arm noch fester drückend.

»Unbeerdigt.«

Kaum war das Wort über meine Lippen, als das Blut wieder in sein Gesicht stieg, seine Augen zu funkeln begannen, und er in ein lautes, triumphierendes Gelächter ausbrach, das mich unbeschreiblich erschreckte.

»Was habe ich Ihnen gesagt? Was denken Sie jetzt von der alten Prophezeiung?« rief er, meinen Arm loslassend und heftig bewegt im Zimmer auf und abgehend. »Gestehen Sie, dass Sie Unrecht hatten! Gestehen Sie es nur, so wie ganz Neapel es gestehen soll, sobald ich ihn erst sicher im Sarge habe!«

Sein Lachen wurde immer wilder. Vergebens suchte ich ihn zu beruhigen Endlich brach er in Tränen aus. Dieser Bewegung überließ ich ihn und eilte aus dem Zimmer.

Als ich nach einiger Zeit zurückkehrte, saß er ruhig in seinem Lehnstuhle und las einen der vor ihm auf dem Schoße liegenden Briefe. Mit einer fast weiblichen Sanftmut in Blick und Bewegungen stand er auf, ging mir entgegen und reichte mir mit um Vergebung bittender Miene die Hand.

Jetzt war er ruhig genug, um alles hören zu können. Ich verschwieg ihm daher nichts, mit alleiniger Ausnahme des Zustandes, in welchem ich den Leichnam gefunden hatte. Über seine Teilnahme an den ferner zu tuenden Schritten erlaubte ich mir keine Bestimmung, und bat ihn nur, mir die Fortschaffung des Leichnams allein zu überlassen und sich mit der Einsicht der Foulonschen Schrift zu begnügen, nachdem er vorher die Versicherung von mir erhalten hatte, dass die in den Sarg gelegten menschlichen Überreste wirklich diejenigen seien, zu deren Auffinden wir ausgegangen waren.

»Ihre Nerven sind nicht so stark wie die meinigen«, sagte ich zur Entschuldigung dieses Verlangens; »deshalb muss ich Sie bitten, mir die Leitung alles dessen, was noch zu tun ist, so lange zu überlassen, bis der Sarg mit seinem Inhalte sich in Ihrer eigenen Verwahrung befindet. Sobald dies der Fall ist, werde ich mich allen Ihren ferneren Anordnungen unterwerfen.«

»Mir fehlen die Worte, um Ihnen für Ihre Güte zu danken«, erwiderte er; »kein Bruder hätte so viel Geduld mit mir gehabt und mir so großen Beistand geleistet. Wir werden voneinander scheiden«, sagte er leise und langsam, »wenn der leere Platz in Wincots Gruft ausgefüllt sein wird. Dann werde ich mit Ada vor den Altar in der Kapelle treten, und wenn meine Augen den ihrigen begegnen, werden sie das verzerrte Gesicht nicht mehr sehen.«

Nach diesen Worten legte er den Kopf in die Hand, seufzte, und begann mit tonloser Stimme die Strophen der alten Prophezeiung zu wiederholen. Ich versuchte ihn von diesem Gegenstande abzubringen, allein er beachtete nicht, was ich sagte, und fuhr fort zu sprechen.

»Monktons Geschlecht wird erlöschen!« wiederholte er, »aber nicht mit mir. Das Verhängnis droht nicht mehr meinem Haupte. Ich werde dem unbeerdigten Toten sein Grab geben, und den leeren Platz in Wincots Gruft ausfüllen — und dann, dann beginnt ein nettes Leben mit Ada!«

Dieser Name schien ihn zur Besinnung zurückzuführen. Er schob sein Schreibpult näher an sich, legte die Briefe hinein, und nahm einen Bogen Papier heraus.

»Ich will an Ada schreiben«, sagte er, an mich gewendet, »und ihr die frohe Nachricht mitteilen. Ihre Freude darüber wird fast noch größer sein als die meinige.«

Nur diejenigen, welche selbst mit den italienischen Behörden zu tun gehabt haben, können sich eine Vorstellung davon machen, wie sehr unsere Geduld von jedem Beamten, mit dem wir in Berührung kamen, auf die Probe gestellt wurde. Man schickte uns von einem Bureau in das andere, starrte uns an, fragte uns aus, und machte sehr bedenkliche Mienen — nicht etwa deshalb, weil wirkliche Schwierigkeiten vorhanden waren, sondern lediglich, weil jeder Beamte, mit dem wir zu tun hatten, es für notwendig erachtete, seine eigene Wichtigkeit dadurch zu dokumentieren, dass er die Erreichung unseres Zweckes so viel als möglich erschwerte.

Nach reiflicher Überlegung hielt ich es für das Beste, mich nach Rom zu wenden, wo, wie mir bekannt war, die Leichname hoher kirchlicher Würdenträger einbalsamiert zu werden pflegten, und wo deshalb solche chemische Hülfe zu erlangen sein musste, wie wir in unserer Lage nötig hatten. Ich schrieb an einen Freund in Rom, schilderte ihm den Zustand des Körpers, die unbedingte Notwendigkeit, dass er fortgeschafft werde, und gab die Versicherung, dass unsererseits keine Kosten gespart werden sollten, sofern wir nur die gewünschte Hülfe erlangen könnten. Auch hier zeigten sich viele absichtlich in den Weg gelegte Schwierigkeiten, die jedoch durch Geduld und Geld besiegt wurden, so dass endlich zwei Männer von Rom anlangten, um das Geschäft zu unternehmen.

»Es ist unnötig, hier eine umständliche Beschreibung desselben zu geben; genug, die Verwesung wurde durch Anwendung chemischer Mittel soweit aufgehalten, dass der Leichnam in den Sarg gelegt und mit erster Gelegenheit nach England geführt werden konnte. Nachdem zehn Tage diesem Zwecke geopfert worden waren, hatte ich endlich die Freude den Schuppen leer zu sehen, beschenkte den alten Kapuziner zum Abschiede reichlich mit Schnupftabak, und konnte nunmehr mit meinem Freunde den Rückweg nach Neapel antreten. Kaum ein Monat war seit unserer Abreise verflossen, und jetzt kehrten wir dahin zurück, nachdem ein Unternehmen glücklich ausgeführt worden war, das alle unsere Bekannten als wahnsinnig und unmöglich verlacht hatten.

Das Nächste, was jetzt geschehen musste, war, ein Schiff zu finden, das den Sarg nach England transportieren konnte. Leider war jedoch in diesem Augenblicke durchaus kein Fahrzeug zu ermitteln, das nach einem britischen Hafen segelte, und es blieb also, um die schnelle Beförderung dahin zu erreichen, nichts übrig, als ein besonderes Schiff zu diesem Zwecke zu mieten. Mit Ungeduld der Abreise entgegensehend und fest entschlossen, den Sarg nicht eher aus den Augen zu lassen, als bis er mit seinem Inhalte an dem in der Gruft zu Wincot für ihn offenen Platze deponiert worden sei, zauderte Monkton keine Minute, zu diesem Mittel zu greifen. Nach langem Suchen fanden wir eine sizilianische Brigg, die in wenigen Tagen zur Reise ausgerüstet werden konnte, und mein Freund mietete sie augenblicklich. Keine Kosten wurden gespart, um sie schnell in Stand zu sehen, und der geschickteste Kapitän und die beste Mannschaft, die sich schnell in Neapel finden ließen, wurden gegen hohen Lohn gedungen.

Es war ein schöner Nachmittag, an dem wir absegelten. Zum ersten Male seit meiner Bekanntschaft mit Monkton sah ich ihn heiter. Er sprach und scherzte über allerhand Gegenstände, und lachte mich aus wegen meiner angeblichen Furcht vor der Seekrankheit. In Wahrheit empfand ich keine solche Furcht, sondern gab mir nur den Schein, um meinem Freunde die mir unerklärliche Unruhe und Beängstigung zu verbergen, die mich bereits in Fondi gequält hatte und die jetzt wiederkehrte. Alles schien unsere Fahrt zu begünstigen, und ein jeder auf dem Schiffe war in der heitersten Laune. Besonders jubelten die Matrosen, meistens Sizilianer und Malteser, über eine so kurze und einträgliche Reise auf einem so gut ausgerüsteten Schiffe. Nur ich fühlte mich von einer Niedergeschlagenheit bedrückt, gegen die ich vergebens ankämpfte, und für die ich keinen vernünftigen Grund auffinden konnte.

Spät am Abend des ersten Tages machte ich eine Entdeckung, welche keineswegs geeignet war, mir die fehlende Gemütsruhe wiederzugeben. Monkton befand sich in der Kajüte, wo die Kiste mit dem Sarge stand, und ich auf dem Verdecke. Es herrschte fast völlige Windstille, und träumerisch betrachtete ich die schlaff herabhängenden Segel, die, von Zeit zu Zeit durch ein Lüftchen bewegt, gegen die Masten schlugen, als der Kapiteln sich mir näherte, mich bei Seite zog, und mir zuflüsterte:

»Es geht unter der Mannschaft etwas vor. Haben Sie nicht bemerkt, dass die Leute kurz vor Sonnenuntergang plötzlich still und schweigsam wurden?«

Ich erwiderte bejahend, denn es war mir nicht entgangen.

»Unter ihnen befindet sich ein maltesischer Schiffsjunge«, fuhr der Kapitän fort, »ein gewandter aber verschmitzter Bursche, der, wie ich in Erfahrung gebracht, den Leuten gesagt hat, dass in der Kiste Ihres Freundes, unten in der Kajüte, ein Leichnam liege.«

Bei diesen Worten sank mir aller Mut. Ich kannte den unvernünftigen Aberglauben der Seeleute, besonders der italienischen Matrosen, und hatte deshalb aus Vorsicht das Gerücht verbreitet, dass die Kiste eine sehr kostbare Marmorstatue enthalte, auf die Mr. Monkton großen Wert lege, und dass er sie aus diesem Grunde so sorgsam hüte.

»Der Schlingel will nicht sagen, auf welche Weise er die Nachricht erlangt hat«, bemerkte der Kapitän weiter. »Meine Sache ist es nicht, in Geheimnisse dringen zu wollen; allein ich möchte Ihnen raten, die Leute zusammentreten zu lassen, und den Burschen in ihrer Gegenwart Lügen zu strafen, gleichviel, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Diese Menschen sind abergläubische Narren, die sich vor Geistern, Leichnamen und dergleichen Dingen fürchten. Manche sagen, dass sie, wäre ihnen das Vorhandensein eines Toten an Bord bekannt gewesen, keinen Fuß auf das Schiff gesetzt haben würden, andere murren nur; aber wenn Sie oder Ihr Freund nicht den Buben der Unwahrheit zeihen, so fürchte ich, dass wir mit den Leuten viele Umstände haben werden, sobald schlechtes Wetter eintreten sollte. Sie haben sich bereit erklärt, ihn selbst mit dem Tauende zu peitschen, wenn Sie oder Ihr Freund auf Ehrenwort versichern, dass er gelogen habe; im anderen Falle aber wollten sie ihm glauben.«

Der Kapitän schwieg und schien eine Antwort von mir zu erwarten; allein ich konnte ihm keine geben. Dem Kapitän für seine Aufmerksamkeit dankend, sagte ich nur, dass ich mir die Sache überlegen wollte, und bat ihn, meinem Freunde von der Entdeckung nichts mitzuteilen. Mürrisch gelobte er Schweigen, und verließ mich.

Wir hatten erwartet, dass sich mit dem anbrechenden Morgen der Wind erheben würde, aber es geschah nicht. Gegen Mittag wurde die Luft unerträglich schwül und das Meer spiegelglatt. Ich sah den Kapitän oft und ängstlich den Horizont betrachten, und entdeckte in weiter Ferne ein einzelnes schwarzes Wölkchen. Auf meine Frage an ihn, ob uns dieses Wölkchen Wind bringen werde, erwiderte er nur ganz kurz: »Mehr als wir brauchen!« und befahl dann zu meinem Erstaunen den Matrosen, die Segel einzuziehen. Die Art und Weise, in der dieses Manöver ausgeführt wurde, zeigte recht deutlich die Stimmung der Leute. Langsam, mürrisch und brummend verrichteten sie die Arbeit, während der Eifer des Kapitäns, seine Flüche und Drohungen, mit denen er sie antrieb, mir keinen Zweifel ließen, dass uns Gefahr bevorstehe. Ich blickte wieder nach dem Horizont, und bemerkte jetzt, dass sich das kleine, schwarze Wölkchen in eine große, dunkle Nebelmasse verwandelt, und dass sich auch die Farbe der See verändert hatte.

»Der Sturm wird über uns hereinbrechen, ehe wir wissen, wo wir sind«, sagte der Kapitän zu mir. ,,Gehen Sie hinunter in die Kajüte, hier sind Sie nur im Wege.«

Ich stieg hinunter zu Monkton und bereitete ihn auf das Kommende vor. Noch sprachen wir darüber, als der Sturm losbrach. Das kleine Fahrzeug erdröhnte einen Augenblick, als wollte es auseinanderbrechen, drehte sich mit uns wie im Kreise herum, und lag dann wieder still. Gleich darauf kam aber ein neuer Windstoß, der uns von den Sitzen schleuderte; ein betäubendes Krachen ertönte, und eine Flut von Wasser drang in die Kajüte ein. Durchnässt stiegen wir auf das Verdeck. Das Schiff lag auf der Seite.

Ehe ich in der dort herrschenden Verwirrung unsere Lage deutlich übersehen konnte, ließ sich aus dem Vorderteil des Schiffes eine Stimme vernehmen, die alles Geschrei der übrigen Matrosen augenblicklich zum Schweigen brachte. Ich verstand nur zu wohl den unheilvollen Sinn der Worte, obgleich sie in italienischer Sprache gerufen wurden. Das Schiff hatte einen Leck bekommen, und das Wasser drang ein wie ein Mühlstrom. Auch unter diesen gefährlichen Umständen verlor der Kapitän seine Geistesgegenwart nicht. Er ergriff eine Axt, um den Vordermast abzuhauen, und befahl einigen Matrosen, ihm dabei zu helfen, während er den übrigen gebot, die Pumpen in Bewegung zu setzen.

Kaum waren diese Worte über seine Lippen, als der offene Aufruhr ausbrach. Mit einem wilden Blicke auf mich erklärte der Rädelsführer, dass die Passagiere tun könnten, was ihnen beliebte, aber dass er und seine Kameraden entschlossen seien, in die Boote zu gehen und das Schiff zu verlassen, das mit seinem Leichnam auf den Grund fahren möchte. Während er sprach, erhob sich ein Gebrüll unter den Matrosen, von denen einige höhnisch auf einen Gegenstand hinter mir deuteten. Ich wandte mich um und gewahrte Monkton, der bisher an meiner Seite gestanden hatte, nach der Kajüte zurückkehren. Augenblicklich folgte ich ihm; allein das Wasser und die Verwirrung, sowie die auf der schiefen Lage des Schiffes entspringende Unmöglichkeit, ohne Hülfe der Hände zu gehen, verhinderte mich ihn einzuholen. Als ich endlich unten anlangte, lag er über die Kiste gestreckt, ohne das einströmende Wasser und die drohenden Bewegungen des Fahrzeuges zu beachten. Mich ihm nähernd, erkannte ich in seinem Auge wieder jenes warnende Funkeln, und auf seiner Wange die verräterische Röte.

»Es bleibt nichts übrig, Alfred«, sagte ich, »als uns dem Schicksale zu unterwerfen und alles zu tun, um mindestens unser Leben zu retten.«

»Retten Sie das Ihrige«, rief er, mich mit der Hand abwehrend, »denn Sie haben noch eine Zukunft vor sich. Die meinige ist dahin, wenn dieser Sarg auf dem Grunde des Meeres liegt. Sinkt das Schiff, so weiß ich wenigstens, dass das Verhängnis sich erfüllt hat, und will mit ihm zu Grunde gehen!«

Ich sah, dass in seinem jetzigen Gemütszustande keine ruhige Vorstellung Eindruck auf ihn machen würde, und kroch deshalb auf das Verdeck zurück. Hier waren die Matrosen beschäftigt, alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, und das Boot in das Wasser hinabzulassen, während der Kapitän, nachdem er noch einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, seine Autorität wieder herzustellen, schweigend zusah. Die Heftigkeit des Sturmes schien inzwischen nachgelassen zu haben. Ich fragte ihn deshalb, ob keine Rettung möglich sei, wenn wir auf dem Schiffe blieben. Er erwiderte mir, dass Rettung wohl möglich gewesen wäre, wenn die Leute seinen Befehlen Folge geleistet hätten, aber dass jetzt alles verloren sei. In den kürzesten Worten schilderte ich ihm hierauf den Zustand meines unglücklichen Freundes, und fragte, ob ich auf seinen Beistand rechnen dürfe. Er nickte bejahend, und wir stiegen in die Kajüte hinab.

Noch jetzt ist mir die Erinnerung an jene Maßregeln peinlich, zu deren Anwendung wir durch Alfreds Hartnäckigkeit und Körperkraft genötigt wurden. Wir mussten seine Hände binden und ihn mit Gewalt auf das Verdeck ziehen. Hier waren die Matrosen gerade im Begriffe, das Boot in die See hinabzulassen, und weigerten sich, uns darin aufzunehmen.

»Ihr elenden Feiglinge«, rief der Kapitän, »haben wir denn jetzt den Leichnam bei uns? Geht er nicht mit der Brigg auf den Grund? Vor wem fürchtet ihr euch denn, wenn wir in das Boot steigen?«

Diese Ansprache hatte die gewünschte Wirkung. Die Leute begannen sich zu schämen und ließen von ihrer Weigerung ab. Im Augenblicke, als wir von dem sinkenden Schiffe abstießen, machte Alfred noch einen Versuch, sich von mir loszureißen, allein ich verhinderte es, und er wiederholte es nicht. Von nun an saß er an meiner Seite still und schweigend, mit gesenktem Kopfe, während die Matrosen kräftig ruderten und wir aus einiger Entfernung das allmälige Versinken des Fahrzeuges beobachteten.

Es war verschwunden mit seiner toten Last, und der Leichnam, den wir auf so wunderbare Weise entdeckt hatten, und an den sich die Hoffnungen zweier liebenden Wesen knüpften, war uns für immer entzogen. Als die letzten Trümmer unter den Wellen versanken, sah ich Alfred an meiner Seite heftig erbeben und hörte ihn mehrmals den Namen »Ada« leise murmeln.

Meine Versuche, seine Gedanken auf andere Gegenstände zu leiten, blieben fruchtlos. Er deutete auf die Gegend des Meeres, wo noch kurz vorher die Brigg sichtbar gewesen war, und wo das Auge jetzt nur rollende Wogen zu erkennen vermochte.

»Der leere Platz in Wincots Gruft wird nun immer leer bleiben!« flüsterte er mir zu, blickte mich eine Sekunde lang ernst und traurig an, und wandte sich dann ab und sprach nicht mehr.

Noch vor Abend wurden wir von einem Kauffahrer bemerkt, an Bord genommen und in Carthagena an das Land gesetzt. So lange wir uns auf dem Meere befanden, hatte Alfred unaufgefordert kein Wort mit mir gesprochen; aber nicht ohne Unruhe machte ich die Bemerkung, dass er desto häufiger mit sich selbst sprach — fast fortwährend die Worte jener alten Prophezeiung für sich murmelte, oder auf den leeren Platz in der Gruft anspielte, oder, was mir am meisten zu Herzen ging, den Namen jenes unglücklichen Mädchens flüsternd wiederholte, das sehnsüchtig seiner Ankunft in England wartete. Leider waren dies nicht die einzigen Erscheinungen an ihm, welche mich mit Besorgnis erfüllten. Gegen das Ende unserer Seereise stellten sich bei ihm abwechselnd fieberhafte Anfälle von Kälte und Hitze ein, die ich irrigerweise für ein Wechselfieber hielt. Ich wurde jedoch bald über meinen Irrtum aufgeklärt. Kaum befanden wir uns einen Tag am Lande, als sein Zustand so bedenklich wurde, dass ich die besten Ärzte von Carthagena zu Rate zog, welche sein Leiden für Gehirnentzündung und sein Leben in großer Gefahr erklärten.

Tief bekümmert, wusste ich anfangs wirklich nicht, was ich in dieser neuen Verlegenheit tun sollte. Nach längerem Bedenken entschloss ich mich endlich, an den alten Priester zu schreiben, welcher Alfreds Lehrer gewesen war und noch in der Abtei Wincot wohnte. Ich teilte ihm alles mit, was sich zugetragen hatte, bat ihn, die Nachricht der armen Miss Elmsly so schonend als möglich zu hinterbringen, und fügte die Versicherung hinzu, dass ich Monkton keinen Augenblick verlassen würde.

Nachdem ich meinen Brief abgeschickt, und auch noch die besten Ärzte von Gibraltar hatte kommen lassen, war ich mir bewusst, alles getan zu haben, was in meinen Kräften stand, und konnte von nun an ruhiger hoffen und warten.

Manche trübe Stunde brachte ich am Bett meines armen Freundes zu, während deren oft der Gedanke in mir aufstieg, dass ich unrecht gehandelt habe, ihn in seinen Illusionen zu bestärken. Nach reiflicherer Überlegung gelangte ich jedoch zu der Überzeugung, dass die Gründe, welche mich damals, nach meiner ersten Zusammenkunft mit Alfred, bestimmt hatten dies zu tun, triftig gewesen waren. Der Weg, den ich betreten hatte, war der einzige, der seine Rückkehr nach England und zu Miss Elmsly beschleunigen konnte. Dass ein unglückliches Ereignis alle unsere Pläne vernichtete, war nicht meine Schuld; aber jetzt, nachdem das Unglück einmal geschehen und nicht wieder gut zu machen war, entstand die Frage, welche Mittel im Falle seiner körperlichen Wiederherstellung gegen sein geistiges Leiden anzuwenden seien?

Je mehr ich an die Aufgabe dachte, welche mir für den Fall seiner körperlichen Wiederherstellung bevorstand, desto mehr sank mir der Mut. Wenn der englische, aus Gibraltar gerufene Arzt, der ihn behandeln, zu mir sagte: »Er kann das Fieber verlieren, aber hat eine fixe Idee, die ihn weder Tag noch Nacht verlässt, und der er erliegen wird, wenn nicht ein Freund sie zu beseitigen vermag« — wenn ich dies hörte, und je öfter ich es hörte, desto mehr fühlte ich meine Machtlosigkeit, und desto ängstlicher dachte ich an die Zukunft.

Ich hatte erwartet, von Wincot nur eine briefliche Antwort zu erhalten, und war deshalb um so froher überrascht, als mir eines Tages gemeldet wurde, dass zwei fremde Herren mich zu sprechen wünschten, von denen der eine, wie sich ergab, der alte Priester-, und der andere ein naher Anverwandter der Miss Elmsly war.

Kurz vor ihrer Ankunft hatte sich das Fieber gelegt, und Alfred war nach der Aussprache der Ärzte außer Gefahr. Beide wünschten zu wissen, wann der Kranke soweit hergestellt sein werde, dass sie mit ihm die Rückreise antreten könnten; sie waren lediglich zu diesem Zwecke nach Carthagena gekommen, und hegten die Hoffnung, die ich leider nicht teilen konnte, dass die heimatliche Luft seine Genesung befördern werde. Nachdem alle auf diesen Punkt bezüglichen Fragen erörtert worden waren, wagte ich mich nach Miss Elmslys Befinden zu erkundigen, und erfuhr aus dem Munde ihres Anverwandten, dass sie in Folge der übermäßigen Angst und Besorgnis um Alfred seit längerer Zeit leidend sei. Man hatte sie über die Gefahr seiner Krankheit täuschen müssen, um zu verhindern, dass sie beide auf der Reise nach Spanien begleitete.

Langsam und erst nach mehreren Wochen gewann Alfred einen Teil seiner früheren Kräfte wieder; aber keine Besserung war in seinem geistigen Leiden zu erkennen. Dagegen zeigte sich vom ersten Augenblicke der Genesung eine seltsame Wirkung der überstandenen Krankheit auf sein Gedächtnisvermögen. Jede Erinnerung an Begebenheiten der jüngsten Vergangenheit war bei ihm völlig erloschen. Alles, was sich auf Neapel, auf mich und seine Reise nach Italien bezog, war spurlos aus seinem Gedächtnisse verschwunden. Er erkannte zwar den alten Priester und seinen bisherigen Bedienten, aber nicht mich. Wenn ich an sein Bett trat, so betrachtete er mich mit misstrauischen Blicken, was mir ungemein schmerzlich war. Alle seine Fragen bezogen sich auf Miss Elmsly und die Abtei Wincot und wenn er von der Vergangenheit sprach, so war es nur die Zeit, als sein Vater noch lebte.

Die Ärzte zogen aus diesem Vergessen der neueren Begebenheiten einen günstigen Schluss und meinten, dass es nur vorübergehend sein werde, und die Genesung insofern begünstige, als der Geist des Kranken dadurch in Ruhe erhalten werde. Ich bemühte mich ihnen zu glauben, und gab mir sogar bei der Abreise den Schein, als hegte ich eben so frohe Hoffnungen wie seine Freunde, die ihn heimwärts geleiteten. Allein die Anstrengung war für mich zu groß. Ein Vorgefühl sagte mir, dass ich ihn nicht wieder sehen würde, und unwillkürlich drangen mir die Tränen in die Augen, als ich die abgezehrte Gestalt meines armen Freundes mit Hülfe seiner Gefährten in den Wagen steigen und langsam die Reise nach der Heimat antreten sah.

Ich nahm meinen Weg über Paris, weil ich den alten Priester ersucht hatte, mir die erste briefliche Nachricht von Wincot aus an meinen dortigen Bankier zu schicken. Sobald ich in Paris ankam, war mein erster Weg zu Letzterem.

Ein Brief lag schon für mich in Bereitschaft, und sein schwarzer Rand verriet mir sogleich, dass mein trübes Vorgefühl mich nicht getäuscht hatte. Alfred war tot. Ein Trost lag darin, dass er ruhig, fast glücklich gestorben war, ohne sich der traurigen Begebenheiten wieder zu erinnern, die zur Erfüllung der alten Prophezeiung so sehr beigetragen hatten.

»Mein geliebter Zögling«, schrieb der alte Priester, »schien sich hier in den ersten Tagen nach seiner Rückkehr etwas zu erholen; allein es war nur scheinbar, denn sehr bald bekam er wieder Fieberanfälle. Dann sanken seine Kräfte mehr und mehr, bis er endlich ganz von uns schied. Miss Elmsly hat mir aufgetragen, Ihnen ihre innige Dankbarkeit für alles das auszudrücken, was Sie an Alfred getan haben. Sie hat seiner gewartet wie das treueste Weib, ohne je von seinem Lager zu weichen! Sein Gesicht war ihr zugewendet, seine Hand in der ihrigen, als er starb. Es wird Ihnen Beruhigung gewähren, zu hören, dass er der Begebenheiten in Neapel und des späteren Schiffbruchs nie mehr gedacht hat.«

Drei Tage später war ich in Wincot, und hörte aus dem Munde des alten Priesters eine Schilderung seiner letzten Momente. Ohne eigentlich zu wissen weshalb, machte es einen unangenehmen Eindruck auf mich, als mir mitgeteilt wurde, dass er auf seinen ausdrücklichen Wunsch in der Gruft unter der Abtei beigesetzt worden sei.

Der Priester führte mich hinab. Es war ein finsteres, niedriges Gewölbe, getragen von sächsischen Bogenpfeilern. Auf beiden Seiten befanden sich Reihen schmaler Nischen, in denen Särge standen. Während mein Begleiter mit der Lampe an ihnen vorüberging, blitzten hier und dort die Nägel und silbernen Beschläge derselben. Am unteren Ende blieb er stehen, deutete auf eine Nische und sagte:

»Hier liegt er, zwischen seinem Vater und seiner Mutter!«

Ich blickte noch weiter, und bemerkte eine Öffnung in der Wand, die mir anfangs wie ein leerer, dunkler Tunnel erschien.

»Das ist nur eine leere Nische«, bemerkte der Priester, der Richtung meiner Augen folgend. »Wenn Stephan Monktons Leichnam nach Wincot gebracht worden wäre, so würde er dort beigesetzt worden sein.«

Ein Schauer überlief mich, und eine Furcht bemächtigte sich meiner, deren ich mich jetzt schäme, aber in jenem Augenblicke nicht erwehren konnte. Am oberen Ende der Gruft drang das freundliche Tageslicht in die offene Pforte ein, und ich wandte der leeren Nische den Rücken, und eilte in die freie Luft hinaus.

Während ich über den Rasenplatz des Hofes ging, hörte ich das Rauschen einer Frauenkleidung hinter mir, sah mich um, und erblickte eine junge Dame in tiefer Trauer, welche sich mir näherte. Ihre sanften Züge und die Art und Weise, mit der sie mir die Hand reichte, ließen mich sie augenblicklich erkennen.

»Ich hörte, dass Sie hier seien, und wünschte —« sagte sie stockend.

Das Herz tat mir weh, als ich sah, wie ihre Lippen bebten; allein ehe ich antworten konnte, fuhr sie fort:

»Ich wollte Ihnen nur die Hand drücken und für die brüderliche Liebe danken, die Sie meinem Alfred bewiesen haben. Bei allem, was Sie taten, ließen Sie sich gewiss nur von aufrichtiger Zuneigung und dem Wunsche für sein Wohl leiten. Wahrscheinlich verlassen Sie diese Gegend bald wieder und wir begegnen uns nie mehr. Nehmen Sie deshalb die Versicherung mit sich, dass ich niemals vergessen werde, wie treu Sie ihm zur Seite gestanden haben, als er eines Freundes bedurfte, und dass mein Dankgefühl dafür ewig dauern wird.«

»Die unbeschreibliche Sanftmut in ihrer zitternden Stimme, das bleiche, schöne Gesicht und die tiefe Schwermut ihrer Züge machten einen solchen Eindruck auf mich, dass ich keinen Laut hervorbringen und nur durch Bewegungen antworten konnte. Ehe ich wieder Herr meiner Stimme wurde, hatte sie mir noch einmal die Hand gedrückt und mich verlassen.

Ich sah sie nie wieder. Als ich viele Jahre später zum letzten Male von ihr hörte, war sie dem Toten noch immer treu, und führte keinen andern Namen als »Ada Elsmly«.


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