Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe
 

Blinde Liebe

Erstes Kapitel

An einem trüben Morgen des Jahres 1881 störte bald nach Sonnenaufgang eine besondere Botschaft die Ruhe Dennis Howmores in seiner Wohnung, die in dem freundlichen irischen Städtchen Ardoon gelegen war.

Augenscheinlich wohlbekannt mit den Räumlichkeiten stieg der Überbringer die Treppe hinauf, klopfte an die Tür von Howmores Schlafzimmer und richtete, ohne zu öffnen, mit lauter Stimme seinen Auftrag aus:

»Der Herr will Sie sprechen; Sie sollen ihn nicht zu lange warten lassen!« Der, welcher diesen gemessenen Befehl schickte, war Sir Giles Mountjoy von Ardoon, Baronet und Bankier, und der Empfänger sein erster Kommis. Schleunigst kleidete sich Dennis Howmore an und eilte in die Privatwohnung seines Chefs, welche in der Vorstadt von Ardoon lag.

Er fand Sir Giles in einem aufgeregten und beunruhigten Gemütszustand. Ein Brief lag geöffnet auf des Bankiers Bett; die Nachtmütze saß verschoben und zerdrückt auf seinem Kopf; er war in so großer Erregung, dass er den Guten-Morgen-Gruß Howmores gar nicht beachtete.

»Dennis, ich habe einen Auftrag für Sie; die Sache muss aber ganz geheim gehalten werden und erlaubt keinen Aufschub.«

»Hängt sie in irgendeiner Weise mit dem Geschäft zusammen, Sir?« Der Bankier fuhr ungeduldig auf.

»Wie können Sie solch ein höllischer Narr sein, Dennis, und glauben, dass es sich in dieser frühen Morgenstunde um eine Geschäftsangelegenheit handelt? Wissen Sie den ersten Meilenstein auf dem Weg nach Garvan?«

»Ja, Sir.«

»Gut. Dann gehen Sie sogleich dorthin und tragen Sorge, dass Sie niemand dort erblickt. Sehen Sie hinter dem Stein nach, und wenn Sie da auf dem Boden einen Gegenstand entdecken, welcher hingelegt zu sein scheint, so bringen Sie ihn mir. Vergessen Sie aber dabei nicht, dass der ungeduldigste Mann in ganz Irland auf Sie wartet.«

Nicht ein einziges erklärendes Wort folgte diesem sonderbaren Auftrage.

Dennis Howmore machte sich sogleich auf den Weg, während ihm als echtem Irländer allerlei Verschwörungs- und Mordgeschichten im Kopf herumgingen. Sein Chef war keine beliebte Persönlichkeit. Sir Giles hatte stets seine Steuern gezahlt, wenn sie fällig waren, und war mit Freuden bereit, - und das war noch schlimmer - anzuerkennen, was England im Laufe der letzten fünfzig Jahre für Irland getan hatte. Wenn irgendetwas Verdächtiges an dem geheimnisvollen Gegenstand, den er zu suchen ausgesandt war, sein Misstrauen rechtfertigen sollte, so beschloss Dennis, vorsichtig Umschau zu halten nach einem etwaigen Flintenlauf, wenn er auf seinem Heimweg nach der Stadt an einer Hecke vorüber musste.

Bei dem Meilenstein angekommen, entdeckte er hinter demselben auf dem Boden nur einen einzigen Gegenstand - ein Stück von einer zerbrochenen Tasse.

Ganz natürlich zögerte Dennis, dies mitzunehmen, denn es schien ihm einfach ganz unmöglich, dass die ernsten und genauen Verhaltungsmaßregeln, die er erhalten hatte, mit solch einer Scherbe in Beziehung stehen könnten. Doch lautete sein Auftrag so bestimmt, wie ihn Ton, Ausdruck und Sprache nur irgend geben konnten. Die einfache Befolgung der empfangenen Befehle schien das richtigste zu sein, selbst auf die Gefahr hin, dass er von seinem Herrn, wenn er mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand zurückkam, in einer Weise empfangen würde, die seiner Selbstachtung zu nahe trat.

Der Erfolg jedoch rechtfertigte diese seine Bedenken durchaus nicht. Es konnte ihm gar kein Zweifel bleiben, dass Sir Giles auf dem anscheinend ganz wertlosen Fund hinter dem Meilenstein großes Gewicht legte. Nachdem er die Scherbe mehrere Male genau untersucht hatte, sprach er die Absicht aus, Dennis auf einen zweiten Botengang zu schicken, ohne sich auch jetzt zu einer näheren Erklärung seiner unverständlichen Aufträge herbeizulassen.

»Wenn ich mich nicht irre«, begann er, »sind die Lesezimmer unserer Staatsbibliothek von morgens neun Uhr an geöffnet. - Nicht wahr? - Gut! Dann gehen Sie mit dem Schlag neun dorthin.« Er hielt im Reden inne und zog den Brief zu Rate, der geöffnet auf seinem Bett lag. »Lassen Sie sich«, fuhr er nach einer Weile fort, »von dem Bibliothekar den dritten Band von Gibbons »Niedergang und Fall des römischen Kaiserreiches« geben. Darin schlagen Sie die Seiten achtundsiebenzig und neunundsiebenzig auf. Finden Sie zwischen diesen beiden Blättern ein Stück Papier, so nehmen Sie es an sich, aber ohne dass es jemand sieht, und bringen Sie es mir. Das ist alles, Dennis, und vergessen Sie dabei nicht, dass ich nicht eher meine Ruhe finden kann, bis ich Sie wiedersehe.«

Für gewöhnlich war Dennis durchaus nicht der Mann darnach, auf dem zu bestehen, was er seiner Würde schuldig sein zu müssen glaubte. Doch war er andererseits wieder ein sehr empfindliches menschliches Wesen, das sich wohlbewusst war der Bedeutung, welche ihm seine verantwortliche Stellung im Geschäft verlieh. Die sonderbare und geradezu beleidigende Zurückhaltung Sir Giles', für die er nicht einmal ein Wort der Entschuldigung hatte, erreichte jetzt die Grenze der Geduld Howmores.

»Ich sehe mit Bedauern«, sagte er, »dass ich meinen Platz in der Achtung meines Chefs verloren habe. Der Mann, dem Sie die Oberaufsicht über Ihre Angestellten und über Ihre Geschäfte anvertrauen, hat nach meiner unmaßgeblichen Meinung auch eine gewisse Berechtigung,- unter den gegenwärtigen Verhältnissen - ins Vertrauen gezogen zu werden.«

Jetzt war der Bankier seinerseits beleidigt.

»Ich gestehe Ihnen gern diese Berechtigung zu«, antwortete er, »so lange Sie an Ihrem Pult in meinem Geschäft sitzen. Aber gerade in diesen unruhigen Zeiten der Arbeitseinstellungen und anderer schlimmen Dinge ist dem Chef ein Vorrecht geblieben - er hat nicht aufgehört, ein Mensch zu sein, und hat daher auch nicht das Recht des Menschen verwirkt, Geheimnisse für sich zu haben. Ich kann in meinem Verhalten Ihnen gegenüber durchaus nichts finden, was Ihnen irgendeinen stichhaltigen Grund gewähren könnte, sich zu beklagen.«

Auf diese Abfertigung hin verbeugte sich Dennis stillschweigend und ging weg.

Bedeutete diese stumme Ergebung in sein Schicksal, dass er befriedigt war? Durchaus nicht, sie bedeutete gerade das Gegenteil. Dennis hatte sich überlegt, dass diese Geheimnisse des Sir Giles Mountjoy früher oder später aufhören würden, Geheimnisse für den ersten Kommis Sir Giles Mountjoys zu sein.

Zweites Kapitel

Den erhaltenen Befehlen getreulich nachkommend, ließ sich Dennis den dritten Band von Gibbons großem Geschichtswerk geben und fand zwischen der achtundsiebenzigsten und neunundsiebenzigsten Seite diesmal, was ihm der Beachtung mehr wert erschien.

Es war ein Blatt sehr feinen Papiers, von einer Anzahl kleiner Löcher durchbohrt, die ganz verschieden an Größe und mit der peinlichsten Sorgfalt ausgeführt waren. Nachdem er sich, sobald der Bibliothekar ihm den Rücken zugewendet, in den Besitz dieses merkwürdigen Gegenstandes gesetzt hatte, dachte Dennis Howmore über seinen Fund nach.

Ein Blatt Papier, zu irgendeinem bestimmten, unbekannten Zweck mit Löchern versehen, deren Bedeutung er nicht erraten konnte, war an sich schon ein höchst verdächtiges Ding. Und was flüsterte dieser Verdacht dem nachgrübelnden Geist des argwöhnischen Mannes in Südwest-Irland vor der Unterdrückung der Landliga zu? Ganz ohne Frage das Wort - Polizei.

Auf dem Rückweg zu seinem Herrn machte Dennis einen Besuch bei einem alten Freund, der als Zeitungsschreiber mancherlei Kenntnisse und große Erfahrung besaß. Aufgefordert, das merkwürdige Stück Papier zu betrachten und den Gegenstand zu bestimmen, womit diese Löcher gemacht worden seien, zeigte sich die zu Rate gezogene Autorität des in sie gesetzten Zutrauens würdig. Dennis verließ das Zeitungsbüro als ein erleuchteter Mann; er kannte jetzt die Geheimnisse Sir Giles', und das Gefühl der Erleichterung, das ihn bei diesen Gedanken überkam, machte sich höchst unehrerbietig in den Worten Luft: »Jetzt hab' ich ihn.«

Der Bankier blickte ratlos von dem Papier auf seinen ersten Kommis und von diesem wieder auf das Papier zurück und sagte endlich:

»Das verstehe ich nicht. Verstehen Sie es vielleicht?«

Dennis bewahrte immer noch den Schein der Unterwürfigkeit und bat um die Erlaubnis, eine Vermutung äußern zu dürfen. Dieser durchlöcherte Papierbogen sah nach seiner Meinung wie ein Rätsel aus.

»Wenn wir noch einen oder zwei Tage warten«, riet er seinem Herrn, »werden wir den Schlüssel dazu schon bekommen.«

Am nächsten Tag ereignete sich nichts. Am zweiten Tag aber stellte ein zweiter Brief eine kühne Anforderung an den nicht sehr geduldigen Sir Giles Mountjoy.

Schon das Kuvert war ein Rätsel in diesem Fall; das Postzeichen war »Ardoon«. Mit anderen Worten, der Schreiber hatte den Postmann als Boten benützt; während er oder sein Helfershelfer wirklich in der Stadt sich aufhielt, hatte er doch den Brief auf der Post aufgegeben, die nur ein paar Schritte von dem Bankhause entfernt lag. Der Inhalt bot ein undurchdringliches Rätsel; die Schrift machte den Eindruck, als ob sie von einem Verrückten herrührte; die Sätze befanden sich in einem unglaublichen Zustand der Verwirrung, und die Worte waren so verstümmelt, dass man sie gar nicht verstehen konnte. Diesmal lagen die Verhältnisse so, dass Sir Giles nicht anders konnte, als seinen ersten Kommis in das Geheimnis einzuweihen.

»Wir wollen mit dem Anfang beginnen«, sagte er. »Hier ist der Brief, den Sie auf meinem Bette liegen sahen, als ich Sie das erste Mal holen ließ. Ich fand ihn auf meinem Tisch, als ich an jenem Morgen erwachte. Wie er dorthin gekommen ist, das weiß ich nicht. Lesen Sie ihn.«

Dennis las wie folgt:

»Sir Giles Mountjoy! Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, welche ein Glied Ihrer Familie nahe berührt. Bevor ich wagen kann, mich zu erklären, muss ich versichert sein, dass ich Ihnen trauen darf, und als Beweis hiefür fordere ich von Ihnen, dass Sie die folgenden zwei Bedingungen erfüllen und zwar ohne den geringsten Zeitverlust. Ich darf Ihnen nicht meinen Namen und meine Adresse nennen. Die geringste Unvorsichtigkeit meinerseits könnte sehr verhängnisvoll werden für den wahren Freund, der diese Zeilen schreibt. Wenn Sie meine Warnung nicht beherzigen, werden Sie es bis an Ihr Lebensende bedauern.«

Die beiden in dem Briefe genannten Bedingungen brauchen wir nicht noch einmal mitzuteilen. Von ihnen ist schon berichtet worden bei Gelegenheit der Funde, die hinter dem Meilenstein und zwischen den Seiten von Gibbons Geschichte gemacht wurden. Sir Giles war schon zu dem Schluss gekommen, dass ein Anschlag auf sein Leben und vielleicht auf Beraubung des Bankhauses im Entstehen begriffen sei. Der vernünftigere Dennis wies auf das durchlöcherte Papier und das unverständliche Schreiben hin, welches der Bankier heute morgen erhalten hatte, und sagte:

»Wenn wir herausbekommen können, was dies bedeutet, dann werden Sie besser imstande sein, sich eine richtige Meinung zu bilden.«

»Und wer wird das können?« fragte der Bankier.

»Ich kann es nur versuchen, Sir«, lautete die bescheidene Entgegnung, »wenn Sie in einem Versuche meinerseits nicht etwa eine Anmaßung sehen.«

Sie Giles gab seine Zustimmung zu dem vorgeschlagenen Versuche durch stummes und spöttisches Nicken mit dem Kopfe zu erkennen.

Diesen zweiten Versuch ließ er zu einem glücklichen Ende kommenAber Dennis war ein vorsichtiger Mann und machte deshalb auch nicht gleich vollständigen Gebrauch von der ihm privatim gewordenen Belehrung; das hätte seinem Chef doch verdächtig vorkommen können. Er trug vielmehr Sorge, dass der erste Versuch ein erfolgloser war. Dann fragte er bescheiden, ob er noch einen zweiten Versuch machen dürfe, und diesen zweiten Versuch ließ er zu einem glücklichen Ende kommen. Er hob das durchlöcherte Papier in die Höhe und legte es sorgfältig auf den Brief, der das unverständliche Geschreibsel enthielt. Worte und Sätze erschienen jetzt durch die Löcher in der richtigen Anordnung und Folge. Der Inhalt war an Sir Giles gerichtet und lautete folgendermaßen:

»Ich spreche Ihnen meinen Dank aus für die pünktliche Erfüllung der gestellten Bedingungen. Sie haben zu Ihrem eigenen Besten mich zufriedengestellt. Gleichwohl ist es leicht möglich, dass Sie noch Bedenken tragen, einem Menschen zu trauen, der noch nicht imstande ist, Sie mit seiner Person bekannt zu machen. Aber die gefährliche Lage, in der ich mich befinde, zwingt mich, Sie noch um zwei oder drei Tage Frist zu bitten, bevor ich ohne Gefahr für mich eine Begegnung mit Ihnen herbeiführen und mich so Ihnen zu erkennen geben kann. Fassen Sie sich daher, bitte, in Geduld und wenden Sie sich um keinen Preis um Rat oder Schutz an die Polizei.«

»Diese letzten Worte«, erklärte Sir Giles, »sind entscheidend! Je eher ich unter dem Schutz des Gesetzes stehe, um so besser ist es für mich. Tragen Sie meine Karte auf das Polizeiamt.«

»Darf ich mir erst ein paar Worte erlauben, Sir?«

»Soll das heißen, dass Sie mit mir nicht übereinstimmen?«

»Ja, Sir.«

»Sie sind Ihr Lebtag eigensinnig gewesen, Dennis, und das nimmt zu, je älter Sie werden. Nun, das tut nichts; sprechen Sie sich nur deutlich aus. Wer ist denn nach Ihrer Ansicht die Person, auf welche es in diesen verwünschten Briefen abgesehen ist?«

Dennis Howmore nahm den ersten der beiden Briefe in die Hand und zeigte auf die Anfangsworte: »Sir Giles Mountjoy, ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, welche ein Glied Ihrer Familie nahe berührt.« Dennis wiederholte noch einmal nachdrücklich die Worte: »ein Glied Ihrer Familie.«

Sein Chef sah ihn erstaunt und fragend an.

»Ein Glied meiner Familie?« wiederholte nun Sir Giles seinerseits. »Nun, mein Freund, was denken Sie darüber? Ich bin ein alter Junggeselle und habe keine Familie.«

»Ihr Bruder ist auch noch da, Sir.«

»Mein Bruder lebt in Frankreich - ganz außer dem Bereiche jener Schurken, die mich bedrohen. Ich wollte, ich wäre bei ihm.«

»Ihr Bruder hat auch zwei Söhne, Sir Giles.«

»Gewiss; was ist da aber zu befürchten? Mein Neffe Hugh ist in London und hält sich von allen politischen Dingen fern. Ich hoffe über kurz oder lang von ihm zu hören, dass er sich verheiraten wird, wenn das beste und niedlichste Mädchen in England ihn haben will. Was ist jetzt dabei Schlimmes?«

Dennis erklärte:

»Ich will nur sagen, Sir, dass ich bei meinen Worten an Ihren andern Neffen gedacht habe.« Sir Giles lachte.

»Arthur in Gefahr?« rief er aus. »Der harmloseste junge Mann, der jemals gelebt hat? Das Schlimmste, was man von ihm sagen kann, ist, dass er sein Geld zum Fenster hinauswirft infolge seiner verrückten Idee, in Kerry ein Gut zu pachten.«

»Entschuldigen Sie, Sir Giles, dort, wo er sich jetzt befindet, ist aber nicht viel Gelegenheit, sein Geld wegzuwerfen. Niemand wird wagen, sein Geld zu nehmen. Ich traf gestern auf dem Markt einen von Herrn Arthurs Nachbarn. Ihr Neffe ist boykottiert.«

»Um so besser!« erklärte der hartnäckige Bankier. »Dann wird er wenigstens bald von der Verrücktheit, den Pächter zu spielen, geheilt werden und an den Platz zurückkehren, den ich für ihn in meinem Geschäft offen halte.«

»Gott gebe es!« sagte Dennis ernst und bewegt.

Einen Augenblick schwieg Sir Giles betroffen still. Dann frage er: »Haben Sie irgendetwas gehört, was Sie mir bis jetzt noch nicht gesagt haben?« »Nein, Sir. Ich habe nur an etwas gedacht, was Sie - verzeihen Sie den Ausdruck - vergessen zu haben scheinen. Der letzte Pächter dieses Gutes in Kerry weigerte sich, den Pachtzins zu entrichten. Herr Arthur hat also ein Gut gepachtet, das man ein weggenommenes Gut nennt. Es ist meine feste Überzeugung«, sagte der Buchhalter, indem er sich erhob und mit ernster Stimme sprach, »dass die Person, welche jene Briefe an Sie gerichtet hat, Herrn Arthur kennt und weiß, dass er sich in Gefahr befindet; sie versucht, durch Sie Ihren Neffen zu retten, und setzt dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel.« Sir Giles schüttelte den Kopf.

»Das nenne ich aber eine weit hergeholte Erklärung, Dennis. Wenn das, was Sie sagen, wahr ist, warum wandte sich denn der Schreiber dieser anonymen Briefe nicht geradenwegs an Arthur, anstatt an mich?«

»Ich habe soeben meine Ansicht darüber geäußert, Sir, dass nämlich der Schreiber des Briefes Herrn Arthur kennt.« »Ja, das haben Sie. Aber was besagt das?«

Dennis erklärte seine Worte.

»Jeder, der mit Herrn Arthur bekannt ist, weiß, dass der junge Mann neben allen möglichen guten Eigenschaften starrköpfig und tollkühn ist. Wenn ein Freund ihm sagen würde, er befände sich auf seinem Pachthof in Gefahr, das würde an sich genügen, ihn dort, wo er sich befindet, festzuhalten und der Gefahr Trotz zu bieten. Sie dagegen, Sir, sind bekannt als vorsichtig, bedachtsam und besonnen.« Er hätte hinzufügen können: feig und eigensinnig, engherzig und von maßlosem Eigendünkel besessen; aber der Respekt vor seinem Chef hatte seine Beobachtungsgabe schon seit einer langen Reihe von Jahren in dieser Hinsicht getrübt. Wenn manche mit einem Löwenherzen geboren sind, so hat die Natur anderen den Mut eines Esels verliehen. Dennis' Herz gehörte zu den anderen.

»Sehr hübsch gegeben«, entgegnete Sir Giles befriedigt. »Die Zeit wird lehren, ob man wegen einer so durchaus unbedeutenden Person, wie mein Neffe Arthur ist, sich einen Mord auf das Gewissen ladet. Die Anspielung auf ihn ist eine einfache Zweideutigkeit, welche nur bezwecken soll, dass ich weniger auf meiner Hut bin. Meine Stellung, mein Geld, mein Einfluss in der Gesellschaft machen mich zu einer öffentlichen Persönlichkeit. Gehen Sie jetzt gleich auf das Polizeiamt, und bringen Sie den ersten besten Beamten, den Sie dort im Dienst treffen, mit hieher.«

Der gute Dennis Howmore näherte sich nur sehr widerwillig der Türe. Bevor er jedoch das Ende des Zimmers, an dem sich der Ausgang befand, erreicht hatte, wurde die Tür von außen geöffnet. Einer der Markthelfer der Bank meldete einen Besuch.

»Miss Henley, Sir, wünscht zu wissen, ob Sie zu sprechen sind.« Sir Giles blickte angenehm überrascht auf. Lebhaft erhob er sich, um die Dame zu empfangen.

Drittes Kapitel

Wenn Iris Henley einmal stirbt, so wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach Freunde hinterlassen, welche ihrer gedenken und über sie sprechen, und bei diesem Gespräch mögen zufällig Fremde anwesend sein (in den meisten Fällen natürlich Frauen), deren Neugierde die Fragen stellen lässt, die sich auf die äußere Erscheinung und den Charakter der Verstorbenen beziehen. Keine Antworten werden jedoch den Fragenden eine wahrheitsgetreue Beschreibung geben. Miss Henleys hauptsächlichster Vorzug bestand in einer wunderbaren Beweglichkeit des Ausdrucks, welche jeden Wechsel in ihrem Denken und Fühlen widerspiegelte, besonders für zarte und empfindliche Frauennaturen. Wahrscheinlich aus diesem Grunde wird auch keine Schilderung ihrer Persönlichkeit mit der andern übereinstimmen. Keine Vergleiche werden eine richtige Anschauung von ihr geben. Das einzige Bild, welches von Iris gemalt worden ist, wird nur von parteiischen Freunden des Künstlers als getroffen bezeichnet. In und außerhalb Londons wurden photographische Aufnahmen von ihr gemacht. Sie haben die Ehre, in dieser einen Hinsicht den Porträts von Shakespeare zu gleiche - nebeneinander gesehen ist es nicht möglich, zu entdecken, dass sie ein und dieselbe Person darstellen. Was das Zeugnis anbetrifft, das das liebende Gedächtnis ihrer Freund gibt, so ist es sicherlich in letztem Grunde auch widersprechend. Sie hat ein angenehmes Gesicht, ein gewöhnliches Gesicht, ein kluges Gesicht - eine hässliche Gesichtsfarbe, eine zarte Gesichtsfarbe, überhaupt gar keine Farbe - Augen, die eine heftige Gemütsart, einen glänzenden Geist, einen festen Charakter, einen leidenschaftlichen Sinn, eine ehrliche Natur, hysterische Empfindlichkeit, unbezwingbaren Eigensinn verraten. Ihre Gestalt ist zu klein; nein, sie hat gerade die rechte Größe; nein, sie ist weder das eine noch das andere. Sie trägt sich elegant, oder ihr Anzug ist schäbig, ganz, wie man will; o gewiss nicht, ihr Anzug ist gediegen und einfach; nein, etwas mehr als das, herausfordernd, theatralisch einfach, getragen mit der deutlich ausgesprochenen Absicht, nicht so gekleidet zu sein wie die anderen. War denn diese Menge von Widersprüchen auch schon da, als Iris noch lebte? Ja und nein; ja - unter den Leuten; nein - nicht ohne Beschränkung. Der Mann, der sie von allen anderen am meisten hätte lieb haben sollen, war gerade derjenige, der sie am übelsten behandelte - ihr eigener Vater. Und als das arme Mädchen heiratete (wenn sie überhaupt geheiratet hat), wie viele von Ihnen haben denn der Hochzeit beigewohnt? - Keine von uns. Und als sie gestorben war, wer von Ihnen hat sie betrauert und beweint? Wir alle - was? Bei dieser besonderen traurigen Veranlassung gab es keine Meinungsverschiedenheit - wir stimmten damals, Gott sei Dank, alle überein.

Lassen wir die Jahre zurückrollen und Iris selbst sprechen in der denkwürdigen Zeit, da sie in der ersten Blüte der Jugend stand und ein bewegtes Leben noch vor ihr lag.

Viertes Kapitel

Als Miss Henleys Pate genoss Sir Giles gewisse Vorrechte. Er legte seine dicht behaarte Hand auf ihre Schulter und küsste sie auf beide Wangen. Nach dieser zärtlichen Begrüßung begann er sie auszufragen. Welches außerordentliche Zusammentreffen von Ereignissen hatte Iris bestimmt, London zu verlassen, und sie in sein Bankhaus nach Ardoon geführt?

»Ich wollte von Hause fort«, antwortete sei, »und da ich niemand habe als meinen Paten, zu dem ich gehen könnte, so bin ich hieher gekommen zu Ihnen.«

»Allein?« rief Sir Giles.

»Nein, ich habe mein Mädchen als Begleiterin mitgenommen.« »Nur Ihr Mädchen, Iris? Sie haben doch sicherlich unter den jungen Damen, die mit Ihnen gleichalterig sind, Bekannte!« »Bekannte - ja! Freundinnen - nein!«

»Hat denn Ihr Vater zu Ihrem Unternehmen seine Zustimmung gegeben?« »Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen?«

»Wenn ich kann - ja.«

»Verlangen Sie von mir keine Antwort auf Ihre letzte Frage.« Die bleiche Farbe, welche ihr Gesicht bedeckt hatte, als sie das Zimmer betrat, war verschwunden. Ebenso änderte sich der Ausdruck um ihren Mund. Die Lippen schlossen sich krampfhaft und verrieten einen unabänderlichen Entschluss, hervorgerufen durch das bestimmte Gefühl erlittenen Unrechts. Sie sah älter aus, als sie in Wirklichkeit war; wie sie einmal in zehn Jahren sein mochte, so war sie jetzt. Sir Giles verstand sie. Er stand auf und wanderte im Zimmer umher. Eine alte Gewohnheit, die er mit unendlicher Schwierigkeit, als er Baronet geworden war, unterdrückt hatte, kam von neuem zum Vorschein; er steckte seine Hände in die Taschen.

»Sie und Ihr Vater haben sich wieder einmal veruneinigt«, sagte er, vor Iris stehen bleibend.

»Ich leugne es nicht«, antwortete sie.

»Wer ist daran schuld?«

Sie lachte bitter.

»Die Frau ist immer der schuldige Teil.«

»Hat das Ihnen Ihr Vater gesagt?«

»Mein Vater erinnerte mich daran, dass ich an meinem letzten Geburtstag einundzwanzig Jahre alt geworden sei, und sagte mir, ich könnte tun, was mir beliebte. Ich verstand ihn und verließ das Haus.«

»Sie werden doch wohl zurückkehren?«

»Ich weiß nicht.«

Sir Giles begann wiederum das Zimmer zu durchschreiten. Seine markierten Züge, die von Unglück und Kampf im früheren Leben erzählten, zeigten Spuren von Missvergnügen und Trauer.

»Hugh versprach mir«, sagte er, »zu schreiben, hat es aber nicht getan. Ich weiß, was das bedeutet, und weiß auch, wodurch Sie Ihren Vater erzürnt haben. Mein Neffe hat Sie schon zum zweitenmale gebeten, seine Frau zu werden. Und zum zweiten Male haben Sie ihm eine abschlägige Antwort gegeben.«

Ihr Gesicht erhellte sich und erhielt seinen besseren und jüngeren Ausdruck wieder.

»Ja«, sagte sie traurig und niedergeschlagen, »ich habe ihn zum zweiten Male abgewiesen.« Sir Giles verlor seine Ruhe.

»Was in aller Welt haben Sie denn an Hugh auszusetzen?« brach er los.

»Mein Vater sagte dasselbe zu mir«, entgegnete sie, »fast mit den nämlichen Worten. Ich erzürnte ihn, als ich versuchte, ihm meine Gründe auseinanderzusetzen. Ich habe keine Lust, Sie auch noch böse zu machen.«

Er nahm keine Notiz von diesen letzten Worten.

»Ist Hugh nicht ein guter Junge?« fuhr er zu fragen fort. »Ist er nicht freundlich und gutherzig und ehrenhaft? Ist er nicht ein hübscher Mensch, wenn wir auch darauf kommen wollen?«

»Hugh ist alles das, was Sie sagen. Ich habe ihn gern, ich bewundere ihn, ich verdanke seiner Güte einige der glücklichsten Tage meines traurigen Lebens und bin ihm dankbar - o, von ganzem Herzen bin ich Hugh dankbar!«

»Wenn das wahr ist, Iris -«

»Jedes Wort davon ist wahr.«

»Wenn das wahr ist, sage ich - dann gibt es für Sie keine Entschuldigung, Iris. Ich hasse bei einem jungen Mädchen Eigensinn. Warum heiraten Sie ihn dann nicht?«

»Versuchen Sie es, wie ich zu fühlen«, antwortete sie sanft; »ich kann ihn nicht lieben.« Der Ton ihrer Stimme sagte dem Bankier mehr, als ihre Worte hätten ausdrücken können. Den geheimen Kummer ihres Lebens, der ihrem Vater bekannt war, kannte auch Sir Giles.

»Jetzt sind wir endlich auf das Richtige gekommen«, sagte er. »Sie können also meinen Neffen Hugh nicht lieben. Und Sie wollen mir den Grund dafür nicht sagen, weil Ihr empfindliches, zartes Gemüt davor zurückschreckt, mich zu erzürnen. Soll ich Ihnen den Grund nennen, mein Kind? Ich kann es mit zwei Worten - Lord Harry.«

Sie antwortete darauf nicht und gab überhaupt durch kein Zeichen zu erkennen, dass sie seine Worte verstanden hatte. Sie neigte den Kopf ein wenig und faltete die Hände auf ihrem Schoß; das hartnäckige Stillschweigen, das alles ertragen kann, machte ihr Gesicht hart und ihre Gestalt steif - das war aber auch alles.

Der Bankier war entschlossen, ihr nichts zu ersparen.

»Es ist leicht ersichtlich«, fuhr er fort, »dass Sie in Ihrer törichten Verblendung für diesen Lump noch immer befangen sind. Er mag gehen, wohin er will, an die verrufensten Orte und unter die gemeinsten, schlechtesten Menschen, er zieht Ihr Herz stets mit sich. Ich bin erstaunt, dass Sie sich nicht einer solchen Neigung schämen.«

Diese Worte trafen sie doch. Sie erhob sich lebhaft und antwortete ihm.

»Harry hat ein wildes Leben geführt«, sagte sie; »er hat sich schwere Vergehen zu schulden kommen lassen, und er mag es auch jetzt noch toller treiben, als er bisher getan hat. Zu welcher Erniedrigung, in welche schlechte Gesellschaft und Schulde dies ihn bringen mag, das sich auszumalen überlasse ich seinen Feinden. Ich sage Ihnen aber dies eine: er besitzt Eigenschaften, die das alles vergessen machen, die Sie und Leute Ihrer Art indessen niemals entdecken werden, weil Sie dazu viel zu wenig gute Christen sind. Er hat Freunde, die ihn noch würdigen können. - Ihr Neffe Arthur Mountjoy ist unter ihnen. O, ich weiß es durch Arthurs Briefe an mich! Verdammen Sie Lord Harry, so viel Sie wollen, er hat noch die Fähigkeit zu bereuen, sage ich Ihnen, und eines Tages - wenn auch wahrscheinlich zu spät, wie ich leider hinzusetzen muss - wird er es beweisen. Ich kann niemals seine Frau werden. Wir sind getrennt für immer; niemals wird es für uns wieder einen Anknüpfungspunkt geben. Aber er ist der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe, und er wird auch der einzige sein, den ich in Zukunft lieben werde. Wenn Sie glauben, dass diese Liebe den Beweis liefert, dass ich ebenso schlecht bin wie er, ich werde Ihnen nicht widersprechen. Weiß denn überhaupt einer von uns, wie schlecht er ist? Haben Sie neuerdings etwas von Harry gehört?«

Der plötzliche Übergang von der so ernsten und warmen Verteidigung des Mannes zu einer so gewöhnlichen, bedeutungslosen Frage nach ihm überraschte Sir Giles.

Er wusste im Augenblick nichts darauf zu erwidern; Iris hatte ihm zu denken gegeben. Sie hatte bewiesen, dass sie ihre heftigsten Gefühle zu beherrschen verstand gerade in dem Moment, wo sie sie zu überwältigen drohten, und das findet man selten bei jungen Mädchen. Wie man sie beeinflussen und leiten könnte, das war eine Aufgabe, deren Lösung ruhiger Überlegung bedurfte. Sein Eigensinn mehr noch als seine Überzeugung hatten den Bankier immer noch an der Hoffnung einer schließlichen Heirat seines Neffen mit Iris festhalten lassen, selbst dann noch, als Hughs Werbung zum zweiten Male einen abschlägigen Bescheid erhalten hatte. Sein ebenso starrköpfiges Patenkind war gekommen aus eigenem Antrieb, ihn zu besuchen. Sie hatte die Tage ihrer Kindheit nicht vergessen, in denen er einigen Einfluss auf sie gehabt und sich ihr liebevoller gezeigt hatte, als ihr Vater jemals gewesen war. Sir Giles erkannte, dass er gegen Iris einen falschen Ton angeschlagen. Sein Ärger hatte sie nicht beunruhigt, seine Meinung nicht beeinflusst. In Hughs Interesse beschloss er, zu versuche, was Überlegung und Nachsicht tun könnten, um sein Ansehen bei ihr zu vergrößern. Nachdem er gehört, dass ihr Mädchen und ihr Gepäck im Gasthof zurückgeblieben waren, bestand er darauf, dass sie in seinem Hause Wohnung nehme, und ließ das Mädchen samt den Sachen holen.

»So lange Sie in Ardoon bleiben, Iris, sind Sie mein Gast«, sagte er.

Sie machte ihm die Freude, seine Einladung bereitwillig anzunehmen, ärgerte ihn aber gleich nachher durch die nochmalige Frage, ob er nichts von Lord Harry gehört habe.

Er antwortete kurz und scharf:

»Ich habe nichts gehört. Was sind denn Ihre letzten Nachrichten über ihn?« »Nachrichten«, sagte sie, »die, wie ich zuversichtlich hoffe, sich als unwahr erweisen werden. Eine irische Zeitung wurde mir zugesandt, welche meldete, er sei der geheimen Gesellschaft beigetreten, die, wie ich fürchte, nichts Besseres ist als eine Mörderbande. Sie ist bekannt unter dem Namen der ,Unüberwindlichen'.« Gerade als sie diese furchtbare Verbindung erwähnte, kehrte Dennis Howmore von dem Polizeiamt zurück. Er brachte die Meldung, dass ein Sergeant da sei, um die Befehle Sir Giles' zu empfangen.

Fünftes Kapitel

Iris erhob sich, um zu gehen. Ihr Pate aber hielt sie höflich zurück.

»Warten Sie, bitte, hier so lange«, sagte er, »bis ich mit dem Sergeanten gesprochen habe. Ich werde Sie dann selbst in mein Haus bringen. Mein Kommis wird alles Nötige in mein Haus bringen. Sie sehen nicht sehr befriedigt aus. Gefällt Ihnen das von mir vorgeschlagene Arrangement nicht?«

Iris versicherte ihn, dass sie vollständig damit einverstanden sei. Zugleich aber gestand sie, dass sie die Entdeckung seines Verkehrs mit der Polizei etwas überrascht habe.

»Ich erinnere mich aber jetzt, dass wir in Irland sind«, fuhr sie fort, »und ich bin töricht genug, zu fürchten, Sie könnten in irgendwelcher Gefahr schweben. Ich hoffe jedoch, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handelt.«

Nur ein schlechter Scherz! Außer anderen, zarteren Gefühlen, die Iris' herber Natur fehlten, hatte Sir Giles auch noch bemerkt, dass das junge Mädchen nur sehr unvollkommen seine angesehene soziale Stellung zu würdigen verstand. Das war ein neuer Beweis dafür. Der Versuchung zu widerstehen, seinem einsichtslosen Patenkind Gefühle der Angst - untermischt mit Bewunderung - zu erwecken dadurch, dass er sich als eine durch eine Verschwörung öffentliche Persönlichkeit hinstellte, das war mehr, als der Eitelkeit des Bankiers möglich war. Bevor er das Zimmer verließ, trug er Dennis auf, Miss Henley zu erzählen, was vorgefallen war, und sie selbst entscheiden zu lassen, ob er sich unnötigerweise durch das, was sie einen »schlechten Scherz« zu nennen beliebte, beunruhigen lasse.

Dennis Howmore müsste kein Mensch gewesen sein, wenn er eine Erzählung von den Ereignissen hätte geben können, die ganz unbeeinflusst von seiner eigenen Ansicht über die Lage der Dinge geblieben wäre. Bei der ersten Erwähnung von Arthur Mountjoys Namen zeigte Iris ein plötzlich so reges Interesse für die eigentümliche Geschichte, dass Dennis überrascht seinen Bericht durch die Frage unterbrach:

»Kennen Sie Herrn Arthur?«

»Ihn kennen?« wiederholte sie. »Er war mein Spielkamerad, als wir beide noch Kinder waren. Er ist mir so lieb, als wenn er mein Bruder wäre. Sagen Sie mir's nur gleich ganz offen - schwebt er wirklich in Gefahr?«

Dennis wiederholte getreulich das, was er schon Sir Giles hierüber gesagt hatte. Miss Henley stimmte mit ihm in allen Punkten überein und fühlte das lebhafteste Verlangen, Arthur über seine Lage aufzuklären und zu warnen. Aber es gab keine telegraphische Verbindung mit der Ortschaft, in deren Nähe sein Gut lag. Sie konnte ihm nur schreiben, und das tat sie auch und schickte den Brief noch am gleichen Tag ab, ohne ihn Dennis zu zeigen, aus Gründen, die sie nur persönlich angingen. Wohl bekannt mit der innigen Freundschaft, welche Lord Harry und Arthur Mountjoy verband, und in Erinnerung an den Zeitungsbericht über den tollkühnen Anschluss des irischen Lords an die »Unüberwindlichen«, identifizierten ihre Befürchtungen den vornehmen Vagabunden mit dem Schreiber der anonymen Briefe, welche so ernstliche Bedenken für feine Sicherheit in ihrem Paten geweckt hatten.

Als Sir Giles zurückkam und sie mit sich in feine Wohnung nahm, sprach er über seine Unterredung mit dem Sergeanten in Ausdrücken, die ihre Furcht betreffs dessen, was sich in Zukunft ereignen wurde, nur vergrößerte. Sie war ein trauriger und stiller Gast während der Zeit, die vergehen musste, ehe sie eine Antwort Arthurs auf ihren Brief erhalten konnte. Der Tag kam; aber die Post brachte ihr keine Erlösung aus ihrer Angst. Auch der nächste ging vorbei, ohne dass der heiß ersehnte Brief gekommen war. Am Morgen des vierten Tages stand Sir Giles später als gewöhnlich auf. Die Korrespondenz wurde ihm vom Geschäft gerade, während er am Frühstückstische saß, zugesandt. Nachdem er einen der Briefe geöffnet und durchgelesen hatte, schickte er sofort in größter Eile einen Boten auf das Polizeiamt.

»Sehen Sie hier!« sagte er zu Iris und reichte ihr den Brief. »Hält mich denn der Mordgeselle für einen Narren?« Sie las folgende Zeilen:

»Unvorhergesehene Ereignisse zwingen mich, Sir Giles, ein gefährliches Wagnis auszuführen. Ich muss Sie sprechen. Das kann aber nicht am Tage sein; meine einzige Hoffnung auf Sicherheit beruht in der Dunkelheit. Wir wollen uns am ersten Meilenstein auf der Straße nach Garvan, wenn der Mond um zehn Uhr abends untergeht, treffen. Ihren Namen zu nennen ist nicht nötig. Die Parole lautet: ,Treue'«

»Und wollen Sie gehen?« fragte Iris.

»Ob ich ermordet werden will?« fuhr Sir Giles auf.   »Mein liebes Kind, versuchen Sie doch erst, es sich zu überlegen, bevor Sie sprechen. Der Sergeant wird natürlich an meiner Stelle hingehen.«

»Und den Mann arretieren?« fügte Iris hinzu.

»Gewiss!«

Mit dieser wenig tröstlichen Antwort eilte der Bankier hinaus, um den Polizeimann in dem andern Zimmer zu empfangen. Iris sank in den nächsten Stuhl. Die Wendung, welche die Sache jetzt genommen hatte, erfüllte sie mit unaussprechlicher Angst.

Sir Giles kam nach nicht sehr langer Zeit zurück, beruhigt lächelnd; die ganze Angelegenheit hatte einen ihn vollständig befriedigenden Verlauf genommen.

Der Sergeant sollte sich zu der verabredeten Zeit an den Meilenstein begeben und so in der Dunkelheit den Bankier vorstellen und die Parole nennen. Zwei seiner Leute sollten ihm folgen und in Ruhe warten, bis sein Pfiff ihnen sagte, dass ihre Hilfe erforderlich sei.

»Ich will den Schurken sehen, wenn er sicher gefesselt ist, und habe es daher so eingerichtet, dass ich um Mitternacht die Polizei in meinem Comptoir erwarte.«

Es blieb nur ein verzweifelter Weg offen, den Iris jetzt noch einschlagen konnte, um den Mann zu retten, der sein Vertrauen auf ihres Paten Ehre gesetzt hatte und dessen guter Glaube schon so schmählich betrogen worden war. Niemals hatte sie den geächteten irischen Lord - den Mann, den zu heiraten ihr versagt war, und zwar aus guten Gründen versagt - so geliebt wie in diesem Augenblick.  Mochte das Wagnis noch so gefährlich sein, dem entschlossenen jungen Mädchen war eines klar, der Sergeant durfte und sollte nicht der einzige sein, der an den Meilenstein ging und dort die Parole nannte. Dafür war ein dem Lord Harry mit Leib und Seele ergebener Freund da, auf den sie immer bauen konnte - und dieser Freund war sie selbst.

Sir Giles begab sich wieder in das Bankhaus, um nach den Geschäften zu sehen. Iris wartete, bis die Uhr die Stunde anzeigte, zu der die Dienerschaft zu essen pflegte. Dann stieg sie leise die Treppe hinunter, die zu dem Ankleidezimmer ihres Paten führte. Sie öffnete die Garderobenkammer und entdeckte in der einen Ecke einen großen und weiten spanischen Mantel und in der andern Ecke einen breitkrempigen Filzhut, den der Bankier bei Ausflügen aufs Land zu tragen pflegte. Damit konnte sie sich in Anbetracht der Dunkelheit für ihren Zweck genügend verkleiden.

Als sie das Ankleidezimmer wieder verließ, fiel ihr eine Vorsichtsmaßregel ein, die sie auch sofort befolgte. Sie sagte ihrem Mädchen, sie habe mehrere Besorgungen in der Stadt zu machen, und ging weg. Auf der Straße fragte sie den ersten anständig aussehenden Fremden, der ihr begegnete, nach der Straße von Garvan. Ihre Absicht war, noch bei Tage bis zu dem ersten Meilenstein zu gehen, damit sie sicher sein könnte, dass sie ihn auch bei Nacht finden würde. Sie merkte sich genau die verschiedenen Gegenstände am Wege, als sie zum Hause des Bankiers zurückkehrte.

Als die verabredete Zeit der Begegnung näher rückte, wurde Sir Giles zu ungeduldig, zu unruhig, um zu Hause warten zu können. Er begab sich auf das Polizeiamt, begierig zu hören, ob den Behörden wieder eine neue geheime Verschwörung bekannt geworden sei.

In dieser Jahreszeit wurde es schon bald nach acht Uhr dunkel. Um neun Uhr versammelten sich die Dienstboten zum Abendessen. Sie waren zu diesem Zweck alle im Untergeschoss und erwarteten unter lebhaften Gesprächen das Essen.

Als die Glocke neun Uhr schlug, hüllte sich Iris in ihre Verkleidung, um zur rechten Zeit an den verabredeten Ort zu kommen, ohne auf dem Wege dem Sergeanten zu begegnen. Sie verließ, von niemand bemerkt, das Haus. Wolken bedeckten den Himmel. Der abnehmende Mond war nur zuweilen sichtbar, als sie auf der Straße nach Garvan dem Meilenstein zueilte.

Sechstes Kapitel

Der Wind erhob sich ein wenig, und die Spalten in den Wolken begannen breiter zu werden, als Iris die Landstraße erreichte.

Eine Zeit lang erhellte der Schimmer des trüben Mondlichts den Weg vor ihr. Soviel sie erkennen konnte, bevor sich der Himmel wieder verfinsterte, hatte sie schon mehr als die Hälfte der Entfernung zwischen der Stadt und dem Meilenstein zurückgelegt. Die Gegenstände zu beiden Seiten des Weges lagen im Dunkeln und waren daher nur schwer zu unterscheiden. Ein leichter Sprühregen begann niederzufallen. Der Meilenstein befand sich, wie sie von dem Spaziergang, den sie am hellen Tag hieher gemacht hatte, noch wusste, auf der rechten Seite der Straße. Der Stein war aber wegen seiner stumpfen grauen Farbe in der herrschenden Finsternis nicht leicht zu entdecken.

Der Gedanke beunruhigte sie, sie könnte schon an dem Meilenstein vorübergegangen sein. Sie blieb stehen und betrachtete den Himmel.

Der Regen hatte wieder aufgehört, und es war begründete Aussicht vorhanden, dass die Wolken sich von neuem zerteilen und so das Mondlicht durchscheinen lassen würden. Sie wartete. Schwach und trübe fielen die letzten Strahlen des untergehenden Mondes auf die dunkle Erde. Vor ihr war nichts zu sehen als der Weg. Iris blickte zurück und entdeckte den Meilenstein.

Eine roh zusammengefügte Steinmauer schützte den Weg auf jeder Seite. Ungefähr hinter dem Meilenstein befand sich ein Loch in dieser Mauer, zum Teil von einem Gestrüpp verdeckt. Eine halb zerstörte Schleuse überwölbte einen ausgetrockneten Graben und bildete eine Brücke, die von der Straße auf das Feld führte. Hatte sich die Polizei nun das Feld ausgesucht, um sich zu verstecken? Nichts war zu erkennen als ein Fußpfad und darüber hinaus ein nur undeutlich wahrnehmbarer Strich angebauten Landes. Während sie diese Entdeckungen machte, begann der Regen wieder zu fallen. Die Wolken zogen sich von neuem zusammen; das Mondlicht verschwand.

In demselben Augenblick stieg vor ihrem Geist ein Hindernis auf, das Iris bis jetzt nicht im entferntesten in Betracht gezogen.

Lord Harry konnte sich nämlich von drei verschiedenen Seiten dem Meilenstein nähern, das heißt, entweder auf dem Weg, der von der Stadt herkam, oder auf dem Weg, der aus dem offenen Land zu dem Meilenstein führte, oder endlich drittens auf dem Fußpfad über das Feld und die halb verfallene Grabenüberbrückung. Wie konnte sie sich nun so aufstellen, dass sie imstande sein würde, ihn zu warnen, bevor er in die Hände der Polizei fiel? Alle drei Annäherungswege in der Dunkelheit der Nacht und zu ein und derselben Zeit zu überwachen, war einfach unmöglich.

Ein Mann in dieser Lage würde, geleitet von der Vernunft, aller Wahrscheinlichkeit nach die kostbare Zeit mit vergeblichen Versuchen, die richtige Entscheidung zu treffen, vergeudet haben. Ein Weib aber, von Liebe beherrscht, überwindet die Schwierigkeit in dem Augenblick, da sie sich ihr entgegenstellt.

Iris beschloss, zu dem Meilenstein zurückzukehren und dort zu warten, bis die Polizei sie bemerken und verhaften würde. Wenn dann Lord Harry pünktlich zur verabredeten Stunde kommen würde, so würde er als notwendige Folge der Verhaftung Stimmen und Geräusch vernehmen und noch zur rechten Zeit entfliehen können. Im Fall er aber zu spät käme, so würde die Polizei mit ihrem Fang schon wieder auf dem Rückweg nach der Stadt sein; er würde niemand mehr am Meilenstein finden und denselben ungefährdet wieder verlassen können.

Sie stand eben im Begriff, sich umzudrehen und auf die Straße zurückzugehen, als etwas auf der dunklen Fläche des Feldes undeutlich sichtbar wurde, was wie ein tieferer Schatten aussah. Im nächsten Moment hatte es den Anschein, als ob es ein Schatten wäre, der sich bewegte. Sie eilte darauf zu. Als sie näher kam, sah der Schatten aus wie ein Mann. Der Mann blieb stehen.

»Die Parole?« fragte er mit vorsichtig gedämpfter Stimme.

»Treue!« antwortete sie flüsternd.

Es war zu dunkel, um die Gesichtszüge des Mannes erkennen zu können; Iris jedoch erkannte ihn an seiner hohen Gestalt und an dem Tonfall der Stimme, in dem er nach dem Losungswort gefragt hatte. Da er sie seinerseits irrigerweise für einen Mann hielt, trat er einen Schritt wieder zurück. Sir Giles Mountjoy war ungefähr von mittlerer Größe; der Fremde dagegen in dem Überrock, der ihm die Worte zugeflüstert hatte, war untersetzter.

»Sie sind nicht die Person, welche ich hier anzutreffen erwartet hatte,« sagte er. »Wer sind Sie?« Ihr Aufrichtigkeit liebendes Herz verlangte darnach, ihm die Wahrheit zu gestehen. Die Versuchung, sich zu entdecken und ihrer Freude darüber Ausdruck zu geben, dass es ihr möglich gewesen sei, ihn zu retten, würde ihre Zurückhaltung überwunden haben, wenn nicht ein Geräusch auf dem Wege hinter ihnen an ihr Ohr gedrungen wäre. In der ringsum herrschenden Stille war aber ein Irrtum unmöglich. Es war das Geräusch von Fußtritten.

Sie fand gerade noch Zeit, ihm zuzuflüstern: »Sir Giles hat Sie verraten. Retten Sie sich!« »Ich danke Ihnen, wer Sie auch sein mögen.« Mit diesen Worten verschwand er plötzlich und schnell in der Finsternis. Iris erinnerte sich der Brücke über den Graben und ging nach ihr hin. Dort unter dem Bogen fand sie einen passenden Platz, sich zu verbergen, wenn sie noch zur rechten Zeit in den ausgetrockneten Graben gelangen konnte.  Sie stand eben im Begriff, sich mit den Füßen bis an den Rand desselben vorwärts zu tasten, als eine feste Hand ihren Arm ergriff und eine Stimme in gebietendem Ton sagte:

»Sie sind mein Gefangener.«

Sie wurde auf den Weg zurückgeführt. Der Mann, der sie fest gefasst hielt, ließ einen lauten Pfiff ertönen. Sofort tauchten noch zwei andere Männer aus dem Dunkel auf.

»Machen Sie Licht,« befahl der erstere, »damit wir sehen, wer der Kerl ist.« Der Schieber an der Blendlaterne wurde zur Seite geschoben; das Licht fiel voll auf das Gesicht des Gefangenen. Die beiden Begleiter des Polizeisergeanten waren vor Staunen ganz starr. Dieser selbst, ein frommer Katholik, brach in den Ruf aus: »Heilige Maria! Das ist ja eine Frau!«

Nahmen denn die geheimen Gesellschaften Irlands auch Frauen auf? War das eine moderne Judith, welche anonyme Briefe schrieb und sich verpflichtet hatte, einen Finanz-Holofernes, der eine Bank hielt, zu töten? Was hatte sie über sich selbst auszusagen? Wie kam sie dazu, auf einem öden Feld in regnerischer Nacht sich allein aufzuhalten? Anstatt aber auf diese Fragen zu antworten, zog die rätselhafte Fremde eine kühle und kurze Entgegnung vor.

»Bringen Sie mich zu Sir Giles!« Das war alles, was sie zu den Polizeibeamten sagte.

Der Sergeant hatte die Handfesseln bereit, ließ sie aber, nachdem er beim Schein der Laterne die feinen Handgelenke der Gefangenen gesehen hatte, gleich wieder in seiner Tasche verschwinden.

»Eine Lady, da gibt's gar keinen Zweifel,« sagte er zu dem einen seiner Begleiter.

Seine beiden Untergebenen warteten mit boshaftem Interesse, um zu sehen, was er wohl zunächst anfangen würde. Die Liste der rühmlichen Eigenschaften ihres frommen Vorgesetzten enthielt auch Parteilichkeit für die Frauen, welche immer die gnadenreiche Seite der Gerechtigkeit walten ließ, wenn der Übeltäter einen Unterrock trug.

»Wir werden Sie zu Sir Giles bringen, Miss,« sagte er und bot ihr anstatt der Handfesseln seinen Arm. Iris verstand ihn und nahm das Anerbieten an.

Sie verhielt sich schweigsam - ganz unverantwortlich schweigsam, wie die Männer dachten - auf dem Weg nach der Stadt. Einige Male hörten sie sie seufzen, und einmal klang der Seufzer mehr wie ein Schluchzen; sie ahnten nichts von dem, was in der Seele des jungen Mädchens während der Zeit vorging.

Der eine Gegenstand, welcher die Gedanken von Iris ganz in Anspruch genommen hatte, war die Rettung Lord Harrys. Nachdem diese gelungen, hatten ihre nun von der Sorge darum befreiten Gedanken sie jetzt an Arthur Mountjoy erinnert.

Es war schlechterdings unmöglich, daran zu zweifeln,  dass die vorgeschlagene Zusammenkunft an dem Meilenstein den Zweck haben sollte, Sicherheitsmaßregeln für das Leben des jungen Mannes zu ergreifen. Ein Feigling ist immer mehr oder minder grausam. Die Handlungsweise von Sir Giles, ebenso hinterlistig wie unmenschlich, durch die er für die Sicherheit seines eigenen Lebens sorgen zu müssen glaubte, hatte Lord Harrys edles Vorhaben aufgeschoben, vielleicht sogar gänzlich vereitelt. Die Möglichkeit lag nahe, furchtbar nahe, dass es nur durch eine geschickte und pünktliche Benützung der Zeit möglich gewesen wäre, Arthur vor dem Tode durch Mörderhand zu bewahren. In der Gemütserregung, welche sie ergriffen hatte, trieb sie die Polizeibeamten ordentlich zur Eile an bei der Rückkehr in die Stadt.

Siebentes Kapitel

Sir Giles hatte es so eingerichtet, dass er auf den Bericht über den Verlauf der Sache in seinem Privatzimmer in dem Bankhause harrte, und so befand er sich denn dort in Gesellschaft von Dennis Howmore in gespannter Erwartung der kommenden Dinge.

Der Polizeisergeant betrat zuerst allein das Zimmer des Bankiers, um seinen Bericht zu erstatten. Er ließ die Tür offen stehen, so dass Iris alles hören konnte, was in dem Zimmer gesprochen wurde.

»Haben Sie Ihren Gefangenen erwischt?« begann Sir Giles.

»Ja, Euer Gnaden.«

»Ist der Schurke auch genügend gefesselt?«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir, aber es ist gar kein Mann.« »Unsinn, Sergeant, es kann doch unmöglich ein Knabe sein.« Der Sergeant erklärte, es sei allerdings kein Knabe. »Es ist eine Frau!« sagte er.

»Was???«

»Eine Frau,« wiederholte der geduldige Beamte, »und zwar eine junge. Sie fragte nach Ihnen.« »Bringen Sie die Person herein.«

Iris gehörte nicht zu den Menschen, die warten, bis sie hineingeführt werden. Sie trat aus eigenem Antrieb in das Zimmer.

»Herr Gott im Himmel,« schrie Sir Giles, »Iris, Sie?! In meinem Überrock und mit meinem Hut in der Hand! - Sergeant, das ist ja ein furchtbarer Irrtum. Die Dame hier ist mein Patenkind, Miss Henley.«

»Wir fanden sie bei dem Meilenstein, Euer Gnaden. Diese junge Dame und sonst niemand.« Sir Giles wendete sich hilflos an sein Patenkind:

»Was soll das heißen?«

Anstatt zu antworten, warf Iris einen Seitenblick auf den Sergeanten. Der Beamte, der sich seiner Verantwortlichkeit bewusst war,  ließ sich nicht irre machen und blickte seinerseits Sir Giles an. Aber sein Gesicht zeigte deutlich, dass das jedem Irländer angeborene lebhafte Gefühl für Humor gekitzelt war; er verriet jedoch nicht die Absicht, das Zimmer zu verlassen. Sir Giles erkannte, dass sich das junge Mädchen in Gegenwart des Mannes auf keine Erklärung einlassen würde, und sagte daher:

»Sie brauchen nicht länger zu warten.«

»Bitte, was soll mit der Gefangenen geschehen?« erkundigte sich der Sergeant.

Sir Giles beantwortete diese höchst unnötige Frage durch eine abwinkende Bewegung seiner Hand. Er war dreifach verantwortlich - als Baronet, als Bankier und als Handelsrichter.

»Ich werde dafür sorgen,« entgegnete er, »dass Miss Henley erscheint, wenn das Gericht es verlangt. Gute Nacht!« Dem Pflichtgefühl des Sergeanten war Genüge getan. Er grüßte militärisch und bezeigte seine Ehrerbietung der jungen Dame gegenüber artig durch eine Verbeugung. Darauf schritt er würdevoll aus dem Zimmer.

»Jetzt darf ich,« begann Sir Giles, »wohl annehmen, dass ich eine Erklärung erhalte. Was hat dieses sonderbare, unpassende Benehmen zu bedeuten? Was hatten Sie an dem Meilenstein zu tun?«

»Ich habe die Person gerettet, welche die Zusammenkunft mit Ihnen verabredet hatte,« sagte Iris, »den armen Menschen, der nichts Schlimmes gegen Sie im Sinn hatte, der im Gegenteil alles aufs Spiel setzte, um Ihren Neffen zu erretten. O, Sir, Sie haben einen verhängnisvollen Fehler begangen, dass Sie diesem Mann nicht getraut haben!«

Sir Giles hatte sich auf Äußerungen von Furcht und demütige Entschuldigungen ihrerseits gefasst gemacht, und jetzt antwortete sie ihm entrüstet mit zornig erregter Stimme und mit Tränen in den Augen. Das Bewusstsein seiner eigenen Würde wurde dadurch auf das empfindlichste verletzt.

»Wer ist denn eigentlich der Mensch, von dem Sie sprechen?« fragte er in hochmütigem Ton. »Und was haben Sie für eine Entschuldigung, dass Sie nach dem Meilenstein gegangen sind, um ihn zu retten - verkleidet mit meinem Überrock und unter meinem Hut verborgen?«

»Verschwenden Sie doch nicht die kostbare Zeit mit Fragen!« lautete die verzweifelte Antwort. »Suchen Sie das Unglück ungeschehen zu machen, das Sie schon angerichtet haben! Ihr Dazutun - o, ich weiß genau, was ich sage! - kann vielleicht allein noch Ihren Neffen Arthur vor einem schweren Unglück bewahren. Gehen Sie auf sein Gut und retten Sie ihn!«

Sir Giles verlegte sich jetzt auf eine andere Tonart; er nahm plötzlich die mehr oder minder gut gemachte Miene der Bereitwilligkeit an, zog seine Uhr aus der Tasche und betrachtete sie spöttisch.

»Muss ich mich entschuldigen?« fragte er scheinbar Zerknirscht.

»Nein, Sie müssen nur so schnell als möglich gehen.«

»Gestatten Sie, Miss Henley, dass ich Sie darauf aufmerksam mache, dass der letzte Zug schon seit zwei Stunden abgefahren ist.«

»Was tut das? Sie sind reich genug, um einen Extrazug zu nehmen.« Jetzt konnte sich Sir Giles, der Schauspieler, nicht länger verstellen; er ließ die Maske fallen und wurde wieder Sir Giles, der Mann, der er in Wirklichkeit war. Durch ein energisches Läuten mit der Glocke rief er Dennis herbei.

»Begleiten Sie Miss Henley nach Hause,« sagte er und fuhr, sich an Iris wendend, in strengem Ton fort: »Sie haben Zeit, während der noch übrigen Nachtstunden wieder Ihre fünf Sinne zu sammeln. Morgen früh will ich dann Ihre Entschuldigungen hören.«

Am nächsten Morgen stand das Frühstück wie gewöhnlich um neun Uhr bereit. Sir Giles befand sich aber allein an dem Tisch.

Er ließ einer der Dienerinnen sagen, sie möge an Miss Henleys Zimmertür klopfen. Sir Giles musste ziemlich lange warten, bis die Wirtschafterin in sehr erregtem Zustand selbst vor ihm erschien. Sie war in höchst eigener Person die Treppen hinaufgestiegen,  um  den Befehl  des Herrn  auszuführen.

Aber Miss Henley befand sich nicht in ihrem Zimmer, und ebensowenig ihr Kammermädchen. Doch waren die Betten während der Nacht zum Schlafen benützt worden. An dem schweren Gepäck hingen Zettel mit der Aufschrift: »Wird vom Hotel abgeholt werden.« Das war alles, was die verschwundene Iris an sichtbaren Zeugen ihrer Anwesenheit in diesen Räumen zurückgelassen hatte.

Sir Giles ließ im Hotel nachfragen. Die junge Dame war dort mit ihrem Mädchen sehr früh am Morgen erschienen. Sie hatten ihre Reisetaschen bei sich, und Miss Henley hatte die Weisung gegeben, dass das schwerere Gepäck bis zu ihrer Rückkehr unter der Obhut des Wirtes bleiben sollte. Was sie selbst zu tun vorgehabt hatte, das wusste niemand.

Sir Giles war zu aufgebracht, als dass er sich hätte erinnern können, was Iris in der vergangenen Nacht zu ihm gesagt, oder dass er hätte erraten können, welcher Grund sie zur Abreise bewogen hätte.

»Ihr Vater hat schon Ärger und Streit mit ihr gehabt,« sagte er, »und jetzt geht mir's ebenso.« Seine Dienstboten empfingen den bestimmten Befehl, Miss Henley nicht wieder ins Haus hereinzulassen, wenn sie etwa gar die Kühnheit haben sollte, zu ihrem Paten zurückzukehren.

Achtes Kapitel

Am Nachmittag desselben Tages langte Iris in der Ortschaft an, welche in der nächsten Nachbarschaft von Arthur Mountjoys Pachtgut gelegen war.

Die allgemeine Erregung, mit anderen Worten der Hass gegen England, der wie eine ansteckende Krankheit die Gemüter der Irländer ergriffen hatte, war sogar bis zu diesem weltentlegenen Orte gedrungen. Auf den Stufen, die in seine kleine Kapelle führten, stand der Priester, der, selbst ein Bauer, zu seinen Brüdern in lautem, lebhaftem Ton sprach. Ein Irländer, der seinem Gutsherrn den Zins zahlte, war ein Verräter an seinem Vaterland; derjenige aber, der sein freies, angeborenes Recht auf das Land behauptete, war ein erleuchteter Patriot. Das war das neue Gesetz, welches der ehrwürdige Herr seiner aufmerksamen Zuhörerschaft vorpredigte. Wenn seine Brüder gern von ihm wissen möchten, wie sie dieses Gesetz in Anwendung bringen sollten, so wolle er auf den treulosen Irländer Arthur Mountjoy hinweisen und ihnen sagen: »Kauft nichts von ihm und verkauft nichts an ihn; geht ihm aus dem Weg, wenn er sich euch nähert; hungert ihn auf seinem Gut aus. Ich könnte noch mehr sagen, Freunde - ihr wisst schon, was ich meine!«

Den letzten Teil dieser rednerischen Leistung mit anhören zu müssen, ohne ein Wort des Widerspruchs dagegen äußern zu dürfen, war eine harte Prüfung ihrer Selbstüberwindung und Geduld, die Iris erzittern ließ. Erst in zweiter Linie machte sich bei ihr als eine durch die Ansprache des Priesters hervorgerufene Wirkung geltend, dass sich in ihrem Geist die Überzeugung von der Arthur drohenden Gefahr mit zehnfach verstärkter Zähigkeit festwurzelte. Nach dem, was sie soeben gehört hatte, konnte die geringste Verzögerung der Bewahrung seiner Sicherheit das beklagenswerteste Ergebnis zur Folge haben. Sie setzte einen barfüßigen Knaben, der außerhalb der den Priester umdrängenden Menge stand, durch das Geschenk eines Sechspencestückes in nicht geringes Erstaunen und erkundigte sich nach dem zur Besitzung Arthurs führenden Weg. Der kleine Irländer lief rasch vor ihr her, ernstlich bemüht, der freigebigen jungen Dame zu beweisen, wie brauchbar er schon sein konnte. In weniger denn einer halben Stunde stand Iris mit ihrem Kammermädchen vor der Tür des Gutshauses. Nichts von derartigen nützlichen Erfindungen der Zivilisation wie eine Glocke oder ein Klopfer war zu entdecken. Der Junge nahm statt dessen seine Fäuste und lief eilends davon, als er an der innern Seite den Schlüssel im Türschloss sich drehen hörte. Er fürchtete, gesehen zu werden, wenn er mit einem Bewohner der »verfemten Farm« spräche.

Eine einfach gekleidete alte Frau erschien und fragte argwöhnisch, was die Damen wünschten. Der Akzent, mit dem sie sprach, war der unverfälscht englische. Als Iris nach Mr. Arthur Mountjoy fragte, lautete die Antwort: »Nicht zu Hause.« Darauf versuchte die Haushälterin, die Tür wieder zu schließen.

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte Iris; »die Jahre haben Sie zwar verändert, aber in Ihrem Gesicht liegt etwas, was mir nicht ganz fremd ist. Sind Sie Mrs. Lewson?«

Die Alte erwiderte, dies sei ihr Name.

»Aber wie kommt es, dass Sie mir ganz unbekannt sind?« fragte sie misstrauisch.

»Wenn Sie lange in Mr. Mountjoys Diensten gewesen sind,« antwortete Iris, »so werden Sie ihn vielleicht von Miss Henley haben sprechen hören?«

Das Gesicht der alten Frau erstrahlte sofort in freudigem Glanz; sie riss mit einem frohen Ausruf des Wiedererkennens die Türe weit auf.

»Treten Sie ein, Miss, treten Sie ein! Wer hätte gedacht, Sie an diesem schrecklichen Ort zu sehen! Ja, ich war die Kinderfrau, unter deren Obhut Sie alle drei - Sie, Miss, Mr. Arthur und Mr. Hugh - zusammen gespielt haben!«

Ihre Augen ruhten mit Wohlgefallen auf ihrem Liebling vergangener Tage. Ihre feinfühlige Sympathie deutete Iris diesen Blick. Liebevoll bot sie der alten Wärterin die Wange zum Kuss. Nachdem sie dieser herzlichen Aufforderung Folge geleistet hatte, brach die Fassung der armen alten Frau zusammen; sie entschuldigte ihre Tränen mit den Worten:

»Wie oft ich jener, ach, so glücklichen Zeit denken musste, Miss, werden Ihnen diese Tränen erzählen, - wenn Sie sie selbst nicht vergessen haben!«

Als sie das Empfangszimmer betraten, war der erste Gegenstand, den Iris erblickte, der Brief, den sie an Arthur geschrieben hatte; er lag noch uneröffnet auf dem Tisch.

»Er ist also wirklich nicht zu Hause?« fragte sie mit dem frohen Gefühl der Erleichterung.

Er war schon länger als eine Woche von dem Gut abwesend gewesen. Hatte er von einer andern Seite eine Warnung erhalten und in weiser Vorsicht sein Heil in der Flucht gesucht? Das Erstaunen, welches sich in dem Gesicht der Haushälterin ausdrückte, verlangte eine nähere Erklärung. Iris bekannte ohne Zurückhaltung die Gründe, die sie zu der Reise veranlasst hatten, und erkundigte sich angelegentlich darnach, ob ihre Annahme unrichtig gewesen sei, dass sich Arthur in der ernstlichen Gefahr, ermordet zu werden, befunden hätte.

Mrs. Lewson schüttelte den Kopf. Es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, dass Arthur in Gefahr schwebte; aber Iris hätte seine Natur besser kennen sollen, als dass sie glauben konnte, er habe sich dem drohenden Unheil durch die Flucht entzogen. Er hätte es selbst dann nicht getan, wenn alle Mitglieder der Landliga zusammen ihn bedroht hätten. Nein, gewiss nicht! Lachend hätte er der Gefahr Trotz geboten. Er hatte sein Gut mit der Absicht verlassen, einen Freund in der nächsten Grafschaft zu besuchen, und die alte Frau hatte sich scharfsinnig zusammengereimt, dass ein junges Mädchen, welches sich dort befand, die Anziehungskraft wäre, die ihn so lange entfernt hielt.

»Auf jeden Fall wird er, wie es auch seine Absicht war, morgen zurückkommen,« sagte Mrs. Lewson. »Hoffentlich besinnt er sich aber eines Bessern und benützt die sich ihm bietende günstige Gelegenheit, nach England zu entweichen. Wenn die Barbaren hier in dieser Gegend durchaus jemand töten müssen, ich bin da - eine alte Frau, die doch nicht mehr lange zu leben hat. Mich können sie ruhig ermorden.«

Iris fragte, ob Arthurs Sicherheit auch in der nächsten Grafschaft gefährdet sei und in dem Hause seines Freundes.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Miss, denn ich bin niemals dort gewesen. Er ist in Gefahr, wenn er darauf besteht, nach seinem Gute zurückzukehren. Da gibt es auf dem ganzen Weg bis hieher Gelegenheiten genug, ihn aus dem Hinterhalt niederzuschießen. O, er weiß es, der arme, liebe Junge, ebenso gut, wie ich es weiß. Aber Menschen seiner Art sind so wunderliche, eigensinnige Geschöpfe. Er geht seine eigenen Wege und hört nicht auf eine alte Frau, wie ich bin. Und was seine Freunde anbetrifft, die ihm raten könnten - der einzige von ihnen, der unsere Schwelle betreten hat, ist ein Taugenichts, der besser weggeblieben wäre. Sie mögen vielleicht auch schon von ihm gehört haben. Der alte Earl, ein schlechter Mensch, wurde gewöhnlich mit einem schlimmen Namen bezeichnet, und der wilde junge Lord ist seines Vaters echter Sohn.«

»Doch nicht Lord Harry?« rief Iris aus.

Ihr Kammermädchen bemerkte die heftige Erregung in ihrer Stimme und in ihrem ganzen Wesen, sagte aber nichts. Die Haushälterin Arthurs dagegen machte gar nicht den Versuch, ihre Gedanken darüber zu verbergen.

»Hoffentlich kennen Sie diesen Vagabunden nicht,« sagte sie sehr ernst. »Vielleicht denken Sie an seinen älteren Bruder, den ältesten Sohn des alten Earl, der ein durchaus ehrenhafter Mann ist, wie man mir gesagt hat.«

Miss Henley ließ diese Fragen vollständig unbeachtet. Einzig und allein getrieben von dem Interesse für ihren Geliebten, welches sich jetzt mehr denn je ihrer Beherrschung entzogen hatte, fragte sie:

»Ist Lord Harry seines Freundes wegen in Gefahr?«

»Er hat nichts von dem Gesindel zu fürchten, das unsere Gegend unsicher macht,« entgegnete Mrs. Lewson. »Berichte erzählen, er gehöre selbst dazu. Die Polizei, die ist's, vor der seine junge Lordschaft auf der Hut sein muss, wenn nämlich alles wahr ist, was über ihn gesprochen wird. Jedenfalls kam er damals, als er meinem Herrn seinen Besuch abstattete, heimlich wie ein Dieb in der Nacht, und ich hörte Mr. Arthur, als sie beide zusammen hier im Empfangszimmer waren, ihn laut und heftig tadeln wegen etwas, was er getan hatte. Und jetzt nichts mehr über Lord Harry, Miss! Ich habe mit Ihnen etwas Wichtiges zu besprechen. Wollen Sie, wenn ich Ihnen das Versprechen gebe, es Ihnen so behaglich wie möglich zu machen, wollen Sie dann bis morgen hier bleiben, damit Sie mit Mr. Arthur reden können? Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der imstande ist, ihn zu einiger Vorsicht zu bewegen, so sind Sie es nach meiner Meinung ganz allein.«

Iris erklärte sich sofort bereit, auf Arthur Mountjoys Rückkunft zu warten. Als Mrs. Lewson, um ihren häuslichen Obliegenheiten nachzugehen, sie mit ihrer Kammerzofe allein gelassen hatte, bemerkte sie in dem Gesichte des Mädchens etwas von Missstimmung.

»Es scheint mir, Rhoda, als ob Du jetzt schon anfingest, zu wünschen,« sagte Iris, »ich hätte Dich nicht an diesen fremden Ort unter diese rohen und wilden Gesellen gebracht?«

Rhoda war ein stilles, freundliches Mädchen, augenscheinlich von sehr zarter Gesundheit. Sie lächelte matt und antwortete:

»Ich dachte gerade an einen andern Edelmann, Miss, als den, von dem Mrs. Lewson soeben sprach; er scheint ein sehr freies, leichtsinniges Leben geführt zu haben. Es stand in einer Zeitung gedruckt, die ich gelesen habe, bevor wir London verließen.«

»War sein Name erwähnt?« fragte Iris.

»Nein, Miss; ich glaube, sie fürchteten, sich dadurch Unannehmlichkeiten zu bereiten. Er hatte so viele sonderbare Wege eingeschlagen, um sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben, dass es sich fast wie ein Roman las.«

»Erinnerst du dich noch der Erlebnisse des Helden?« fragte Iris.

»Ich will es versuchen, Miss, wenn Sie es zu hören wünschen.« Die Erzählung in der Zeitung schien einen lebhaften Eindruck auf Rhodas Geist gemacht zu haben. Wenn man die selbstverständlichen Stockungen und Irrtümer und die Schwierigkeiten, sich richtig auszudrücken, in Abrechnung brachte, so wiederholte sie mit überraschend klarer Erinnerung den Inhalt dessen, was sie gelesen hatte.

Neuntes Kapitel

Die Hauptpersonen in der Geschichte waren ein alter irischer Edelmann, der einfach der Earl genannt wurde, und der jüngere seiner beiden Söhne, von seinem Bruder durch den mysteriösen Beinamen »der wilde Lord« unterschieden.

Von dem Earl wurde erzählt, dass er kein guter Vater gewesen sei; er habe auf die unverantwortlichste Weise die Erziehung seiner beiden Söhne vernachlässigt. Der jüngere, der in der Schule viel zu leiden hatte und in den Ferien sich selbst überlassen blieb, begann seine abenteuerliche Laufbahn damit, dass er davonlief. Unter angenommenem Namen fand er Anstellung als Schiffsjunge. Gleich von Anfang an hielt er sich brav, lernte seine Sache und war bei Kapitän und Mannschaft beliebt. Aber der erste Steuermann war ein roher Mensch, und das lebhafte Temperament des jungen Durchgängers empfand doppelt die schimpfliche Strafe von Schlägen. Er kam daher auf den Gedanken, sein Glück auf dem Lande zu versuchen, und schloss sich einer herumziehenden Schauspielergesellschaft an. Da er ein hübscher Junge war, eine gute Figur und eine klare, schöne Stimme hatte, so ging es ihm wenigstens eine Zeit lang ganz gut. Dann kamen schlimme Zeiten, die Gagen wurden verkürzt; der Abenteurer wurde der Gesellschaft der Schauspieler und Schauspielerinnen überdrüssig. Der nächste Abschnitt seines wechselvollen Lebens zeigt ihn in Nordbritannien als Mitarbeiter an einer schottischen Zeitung. Eine unglückliche Liebesgeschichte war der Grund, dass er auch dieser neuen Anstellung bald verlustig ging. Kurz darauf tauchte er wieder auf als Gehilfe des Stewart auf einem der großen Passagierdampfer, die zwischen Liverpool und New York fahren. In dieser letzteren Stadt angekommen, wurde er schnell durch die nicht gerade sehr anständige und ehrenvolle Beschäftigung als »Medium«, welches sich der übernatürlichen Kraft rühmte, mit der Welt der Geister in Verbindung zu stehen, bekannt. Als der Betrug schließlich endgültig aufgedeckt wurde, zehrte der junge Edelmann von dem Gelde, das er in dem unwürdigen Dienste des gemeinen, prosaischen Aberglaubens der modernen Tage verdient. Ein langer Zeitraum verfloss, wo man nichts von ihm hörte, bis er als verirrter und fast verhungerter Mann von einem Reisenden in einer der westlichen Prärien aufgefunden wurde. Der unglückliche irische Lord hatte sich einem Indianerstamme angeschlossen, sich aber einige Verstöße gegen dessen Gesetze zu Schulden kommen lassen und war deshalb in die Einöde hinausgejagt worden, um dem Hungertode preisgegeben zu sein. Nach seiner Auffindung schrieb er an seinen älteren Bruder, der die Titel und Besitzungen des inzwischen verstorbenen alten Earls geerbt hatte. Er sagte in seinem Briefe, dass er sich über das Leben, welches er bis jetzt geführt habe, schäme und dass er das ernstliche Verlangen trage, sich zu bessern. Deshalb wolle er irgend eine ehrliche Beschäftigung ergreifen, die sich ihm darbiete. Der Reisende, der ihm das Leben gerettet hatte, und dessen Aussage vollständig zu trauen war, erklärte, dass der Brief eine aufrichtig bereuende Gemütsverfassung offenbart habe. Es lagen gute Eigenschaften in dem Vagabunden verborgen, welche nur ein klein wenig mitleidsvoller Ermutigung bedurften, um sich zu betätigen. Die Antwort, die er aus England empfing, kam von den Anwälten, deren sich der neue Lord zur Vermittlung seiner Angelegenheiten bediente. Sie hatten mit ihren Agenten in New York das Abkommen getroffen, dem jüngeren Bruder ein Legat von tausend Pfund auszuzahlen, welche die ganze Summe ausmachten, die ihm nach seines Vaters letztem Willen zu übergeben seien. Wenn er wieder schreiben würde, würden seine Briefe unbeantwortet bleiben, denn sein Bruder wolle nichts mit ihm zu tun haben. In so unmenschlicher Weise behandelt, wurde der wilde Lord von der Zeit an erst recht dieses seines Namens würdig. Er begann jetzt ein neues Leben als Buchmacher bei allen Wettrennen. Das Glück begünstigte ihn gleich von Anfang an und er vermehrte sein Erbteil um ein Beträchtliches. Mit der gewöhnlichen Verblendung derjenigen Leute, welche Geld gewinnen, indem sie sich dem Verluste desselben aussetzen, verließ er sich auf sein gutes Glück; ein pekuniärer Verlust folgte dem andern und beraubte ihn buchstäblich des letzten Pfennigs. Darauf tauchte er wieder in England auf und ließ ein offenes Boot für Geld sehen, in dem er mit einem Genossen eine jener tollkühnen Fahrten über den atlantischen Ozean ausgeführt hatte, welche jetzt glücklicherweise aufgehört haben, das Interesse des Publikums zu erregen. Einem Bekannten, der ihm über dieses unsinnige Wagstück Vorwürfe machte, antwortete er, er habe darauf gerechnet, dass er auf der See umkommen würde, und dass er auf diese Weise einen Selbstmord begehen könnte, der würdig sei des elenden Lebens, das er geführt habe. Die letzten Berichte, die nach dieser Tat über ihn gemacht wurden, waren zu unbestimmt und widersprechend, als dass man daraus irgend etwas Sicheres hätte entnehmen können. Einmal wurde gemeldet, dass er nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt sei. Kurz darauf brachten die Zeitungen die sonderbarsten Geschichten über ihn, denen zufolge er zu ein und derselben Zeit in der schlechtesten Gesellschaft in Paris gelebt haben und in einem ganz verrufenen Viertel der Stadt Dublin, genannt »die Freiheit«, sich verborgen halten sollte. Jedenfalls war hinreichender Grund zu der betrübenden Annahme vorhanden, dass irisch-amerikanische Desperados den wilden Lord in das Netzwerk politischer Verschwörung verwickelt hatten.

Das Kammermädchen bemerkte eine auffällige Veränderung an ihrer Herrin, nachdem sie am Ende ihrer Erzählung aus der Zeitung angekommen war.Von Miss Henleys gewöhnlichem heiterem und glücklichem Wesen war keine Spur mehr zu entdecken.

»Wenige Menschen, Rhoda, erinnern sich so gut dessen, was sie gelesen haben, wie Du,« sagte sie freundlich und traurig. Sonst kam kein Wort weiter über ihre Lippen.

Sie hatte guten Grund, in sich gekehrt zu sein.

Von zwei Seiten hatte Iris in kurzer Zeit von den Fehlern und Verirrungen Lord Harrys hören müssen. Die vollständige Erzählung von seinem regellosen Leben, wie es sich in der ununterbrochenen Reihe von Ereignissen darstellte, hatte jetzt zum erstenmale ihre ganze Aufmerksamkeit auf dasselbe gelenkt. Sie schauderte natürlich entsetzt davor zurück, sie fühlte, wie es nie zuvor geschehen war, dass ihr Vater vollkommen recht gehabt hatte mit seinem Widerstande gegen eine Verbindung, die ihrer unwürdig gewesen wäre. So weit, jedoch auch nicht einen Schritt weiter, gab ihr Verstand ihrer eigenen Überzeugung nach. Aber die einzige unüberwindliche Kraft in der Welt ist die Kraft der Liebe. Sie mag den härtesten Prüfungen des Lebens unterworfen sein; sie mag die gebieterischen Forderungen der Pflicht anerkennen, sie mag mit Stillschweigen Tadel über sich ergehen lassen, sie mag demütig duldend sich berauben lassen; es mag mit ihr geschehen, was da will, sie ist und bleibt doch die stärkste, die gewaltigste Leidenschaft, die keinen künstlichen Einflüssen unterworfen, niemand die Herrschaft über sich zugesteht als ihrem eigenen Gesetz. Iris war schon längst über den Bereich der Selbstvorwürfe hinaus, als sie sich ihrer kühnen Handlungsweise erinnerte, durch welche Lord Harry an dem Meilensteine gerettet wurde. Ihr Verstand gab zu, dass Hugh Mountjoy in jeder Beziehung dem andern vorzuziehen sei, aber ihr Herz, ihr törichtes Herz blieb trotz allem seiner ersten Wahl treu. Sie verließ ihr Kammermädchen und Mrs. Lewson nach einigen flüchtigen Entschuldigungsworten, um im Garten ihr Gleichgewicht wieder zu gewinnen.

Die Abendstunden schlichen langsam dahin.

Ein Spiel Karten war im Hause; die Frauen versuchten sich damit die Zeit zu vertreiben, aber der Versuch misslang. Die Angst um Arthur lag drückend auf den Gemütern von Miss Henley und Mrs. Lewson. Selbst das Kammermädchen, welches ihn nur bei seinem letzten Besuch in London gesehen hatte, wünschte, der morgige Tag wäre erst gekommen und vergangen. Sein liebenswürdiges Wesen, sein hübsches Gesicht und seine anregende Unterhaltung hatten Arthur bei allen beliebt gemacht. Mrs. Lewson hatte ihr wohnliches englisches Heim verlassen, um ihm die Haushaltung zu führen, als er seinen tollkühnen Plan, sich in Irland niederzulassen, zur Ausführung brachte, und  was  noch viel wunderbarer war, selbst der langweilige Sir Giles wurde in seiner Gesellschaft ein ganz erträglicher Mensch.

Iris zog sich beizeiten auf ihr Zimmer zurück.

Es lag etwas Beängstigendes in der ringsum herrschenden feierlichen Stille und vereinigte sich geheimnisvoll mit der Angst um Arthur; es flüsterte leise von Verrat, der bewaffnet auf den Zehen umher schleicht, von durch die Luft pfeifenden Flintenkugeln, von dem durchdringenden Schrei eines tödlich verwundeten Mannes, und dieser Mann war vielleicht... Iris schrak zurück vor ihren eigenen Gedanken. Eine plötzliche Schwäche übermannte sie; sie öffnete das Fenster. Als sie ihren Kopf hinausstreckte, um die kühle, erfrischende Nachtluft einzuatmen, kam ein Mann auf das Haus zugeritten. War es Arthur? Nein, die hellfarbige Bedientenlivree, die der Mann trug, wurde gerade sichtbar.

Bevor er noch absteigen konnte, um an der Thür zu klopfen, trat ein großer Mann aus der Dunkelheit an ihn heran.

»Ist das Miles?« fragte der große Mann.

Der Reitknecht kannte die Stimme. Sogar Iris wusste genau, wessen Stimme da sprach. Es war Lord Harry.

Zehntes Kapitel

Ja, der irische Lord war da, und gerade in dem Augenblicke kam er, da Iris bereits darauf verzichtet hatte, ihn jemals wiederzusehen, da sie nie wieder an ihn als ihren künftigen Gatten denken wollte und sich dabei doch zugleich an die ersten Tage ihrer Liebe erinnerte und an deren gegenseitiges Geständnis. Die Furcht hielt sie hinter dem Vorhang zurück, aber das Interesse für Lord Harry ließ sie nicht aus ihrer gedeckten Stellung am Fenster fort.

»Alles wohl in Rathco?« fragte er - Rathco war der Name des Gutes, auf dem Arthur zu Gaste war.

»Ja, Mylord, Mr. Mountjoy will uns morgen wieder verlassen.« »Hat er die Absicht, hieher zurückzukehren?«

»Leider will er das tun.«

»Hat er schon eine Zeit festgesetzt, Miles, wann er sich auf den Weg machen will?« Miles begann alle seine Taschen zu durchsuchen und begleitete diese Beschäftigung mit einer Erklärung. Ja, Mr. Arthur hatte in der Tat eine Zeit be­stimmt; er hatte einen Zettel geschrieben, auf dem er seiner Haushälterin, Mrs. Lewson, die Zeit seiner Ankunft meldete. Zu dem Reitknechte hatte er gesagt: »Geben Sie diesen Zettel bei mir zu Hause ab, wenn Sie nach der Stadt reiten!« Und was mochte Miles wohl jetzt in der Dunkelheit in der Stadt wollen? Er sollte eiligst Medizin holen, denn eines von den Pferden seines Herrn war trank. Und während er das erzählte, da fand sich, Gott sei Dank, auch der Zettel.

Iris, die abwechselnd horchte und beobachtete, sah zu ihrem größten Erstaunen, wie der Reitknecht den für Mrs. Lewson bestimmten Zettel Lord Harry einhändigte.

»Glauben Sie denn,« sagte dieser scherzend, »dass ich Geschriebenes ohne Licht lesen kann?« Der Reitknecht brachte eine kleine Laterne hervor, welche an seinem Gürtel befestigt war, und sagte, während er die Blende zurückschob, die das Licht abhielt: »Der Weg hat Stellen, die in der Dunkelheit nicht ungefährlich sind.« Der wilde Lord öffnete ruhig den Brief und las die wenigen harmlosen Worte, die er enthielt: »An Mrs. Lewson! Liebes altes Kind! Erwarten Sie mich morgen zum Mittagessen um drei Uhr.

Ihr Arthur.«

Eine kurze Pause entstand.

»Sind irgend welche Fremde in Rathco?« fragte Lord Harry.

»Zwei neugekommene Männer,« antwortete Miles, »die auf den Feldern arbeiten.« Wieder trat eine Pause ein.

»Wie kann ich ihn schützen?« sagte der junge Lord halb zu sich und halb zu Miles. Er hegte Verdacht gegen die beiden Feldarbeiter - vermutlich Spione, welche um Arthurs beabsichtigte Rückkehr nach Hause wussten, und die gewiss auch schon ihren Auftraggebern die Stunde hinterbracht hatten, zu welcher er aufzubrechen gedachte.

Miles wagte ein Wort zu sagen:

»Sie werden hoffentlich über mich nicht böse sein, Mylord - » »Ach, dummes Zeug! Bin ich jemals unzufrieden mit Dir gewesen, als ich noch reich genug war, mir einen Diener halten zu können, und Du dieser warst?« Der irische Reitknecht antwortete mit einer Stimme, die vor innerer Erregung zitterte: »Sie waren der beste und freundlichste Herr, der jemals auf Erden gelebt hat. Ich kann es nicht ruhig mit ansehen, daß Sie Ihr kostbares Leben einer Gefahr aussetzen -« »Mein kostbares Leben?« wiederholte Lord Harry spöttisch. »Du dachtest wohl an Mr. Mountjoy, als Du das sagtest. Sein Leben ist wert, erhalten zu werden. Was aber mein Leben anbetrifft -« Er endete seinen Satz in einem unverständlichen Gemurmel, der besten Art Und Weise, wie er es umgehen konnte, laut werden zu lassen, daß er selbst sein eigenes Leben verachtete.

»Mylord, Mylord!« fuhr Miles fort, »die Unüberwindlichen  fangen  an,  an Ihnen zu zweifeln.

Wenn einer von ihnen Sie hier in der Nähe von Mr. Mountjoys Gut antreffen würde, so würden sie zuerst auf Sie schießen, und dann erst darnach fragen, ob es auch recht gewesen sei, Sie zu töten oder nicht.«

Diese Worte hören zu müssen, - und sie waren in vollem Ernste gesprochen - nachdem sie ihn am Meilensteine gerettet hatte, waren für Iris eine Prüfung ihrer Stärke, welcher sie unmöglich standhalten konnte. Die Liebe überwand die Klugheit. Sie schob den Fenstervorhang beiseite. Im nächsten Augenblick würde sie ihre Überredung der Warnung des Reitknechts zugefügt haben, wenn nicht Lord Harry selbst sie durch eine Handlung seinerseits, auf die sie nicht vorbereitet war, davon abgehalten hätte.

»Leuchte mir,« sagte er, »ich will eine Zeile an Mr. Mountjoy schreiben.« Er riss das unbeschriebene Stück von dem Zettel an die Haushälterin ab und schrieb an Arthur einige Worte, in denen er ihn beschwor, die Zeit seines Aufbruchs von Rathco zu verändern und keinem Menschen weder in dem Hause noch außer dem Hause zu sagen, zu welcher andern Stunde er wegzugehen gedächte.

»Satteln Sie Ihr Pferd selbst,« schloss der Brief, der mit verstellter Hand geschrieben und nicht unterzeichnet war.

»Gib dies Mr. Mountjoy,« sagte darauf Lord Harry zu dem Reitknecht. »Wenn er fragt, wer es geschrieben hat, setze ihn nicht meinetwegen in Furcht dadurch, dass Du ihm die Wahrheit sagst. Lüge, Miles!    Sage, Du wüsstest es nicht.«

Dann gab er ihm den Zettel an Mrs. Lewson zurück, indem er hinzusetzte: »Wenn sie bemerkt, dass er geöffnet worden ist, und fragt, wer es getan hat, so lüge noch einmal. Gute Nacht, Miles - und pass auf bei jenen gefährlichen Stellen auf Deinem Heimwege.«

Der Reitknecht verdunkelte seine Laterne, und der wilde Lord war in der rings um das Haus herrschenden Finsternis verschwunden.

Als Miles sich allein sah, klopfte er mit dem Griffe seiner Reitpeitsche an die Haustür.

»Ein Brief von Mr. Arthur!« rief er.

Mrs. Lewson öffnete, nahm ihm gleich den Zettel aus der Hand und betrachtete ihn bei dem Lichte der Lampe, die auf dem Tische in der Vorhalle stand.

»Den hat schon jemand geöffnet!« rief sie aus, indem sie auf den Reitknecht zutrat und ihm das zerrissene Couvert zeigte.

Miles befolgte pünktlich den Befehl Lord Harrys; er sagte, er wisse nichts davon, und ritt weg.

Iris kam die Treppe herunter und traf mit der Haushälterin noch in der Vorhalle zusammen, bevor diese die Türe geschlossen hatte. Mrs. Lewson zeigte ihr sogleich Arthurs Brief.

»Ich habe im Sinn, Miss,« sagte sie, »Mr. Arthur zu antworten und ihm einige Worte zu schreiben, die ihn veranlassen sollen, auf seinem Rückweg hieher hübsch vorsichtig zu sein. Die Schwierigkeit liegt nur darin, auf welche Weise ich ihm das recht eindringlich ans Herz legen soll. Sie würden ein gutes Werk tun, wenn Sie mir einen Rat geben könnten.«

Iris kam dem Verlangen willig nach. Eine zweite Mahnung von der besorgten Haushälterin konnte möglicherweise die Wirkung der wenigen Zeilen, welche Lord Harry geschrieben hatte, noch verstärken.

Aus Arthurs Brief hatte Iris erfahren, dass es seine Absicht gewesen war, um drei Uhr zurückzukehren. Die Frage, die Lord Harry an den Reitknecht gerichtet hatte, und die darauf erfolgte Antwort waren nicht aus ihrem Gedächtnis gewichen: »Sind irgend welche Fremde in Rathco?« und: »Zwei neuangekommene Männer, die auf den Feldern arbeiten.« Da sie in Betreff dieser beiden Arbeiter ungefähr zu dem gleichen Schlusse gekommen war, den vorhin schon Lord Harry aus ihrer Anwesenheit in Rathco gezogen hatte, so riet Iris der Haushälterin, an Arthur zu schreiben und ihn inständigst zu bitten, die Stunde, zu welcher er am nächsten Tage das Haus seines Freundes verlassen wollte, im geheimen zu ändern. Dieser Rat fand den wärmsten Beifall von Seiten der Mrs. Lewson, die sofort in das Empfangszimmer eilte, um den Brief zu schreiben.

»Gehen Sie noch nicht zu Bett, Miss!« sagte sie; »ich möchte Ihnen erst noch den Brief vorlesen, bevor ich ihn morgen mit dem frühesten abschicke.«

So blieb Iris allein in der Vorhalle, deren Türe weit offen stand, und blickte, in tiefes Nachsinnen versunken, hinaus in die Nacht.

Das Leben der beiden Männer, für die sie sich interessierte - allerdings in sehr verschiedener Weise - war jetzt bedroht, und derjenige, welcher zunächst am meisten in Gefahr schwebte, war Lord Harry. Er war ein Geächteter, dem jede Nachforschung unangenehm sein musste; und doch gab es kein Wagnis, dem er sich nicht, um einer Arthur drohenden Gefahr zu begegnen, bereitwillig ausgesetzt hätte; das musste ihm die Gerechtigkeit lassen. Wenn er jetzt noch furchtlos in der gefährlichen Nähe des Gutes verweilte auf der Lauer nach Meuchelmördern, wer außer ihr besäße den Einfluss, ihn zu bestimmen, den unheimlichen Platz zu verlassen? Sie war mit Mrs. Lewson an der Tür zusammengetroffen in der festen Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Gedanken. Im nächsten Augenblicke schon befand sie sich außerhalb des Hauses und begann, in der Dunkelheit nachzusuchen.

Iris machte die Runde um das Gebäude herum; bald tastete sie sich an ganz finsteren Stellen behutsam vorwärts, bald blieb sie, leise aufatmend, stehen und rief vorsichtig den Namen Lord Harrys. Kein lebendes Wesen begegnete ihr; kein Laut, keine Bewegung störte die tiefe Stille der Nacht. Die Entdeckung, dass er nicht da sei, was sie gar nicht gewagt hatte zu hoffen, war die einzige tröstliche Entdeckung, die sie auf ihrer Suche machte.

Auf dem Rückweg in das Haus wurde sie sich erst ordentlich der Kühnheit ihrer Handlungsweise bewusst, zu welcher sie eine edelmütige Regung verleitet hatte.

Wenn sie mit Lord Harry zusammengetroffen wäre, würde sie dann noch das zarte Interesse für ihn haben leugnen können, welches schon ihr eigenes Benehmen allein verraten hätte? Würde er nicht vollständig in seinem Rechte gewesen sein, daraus zu schließen, dass sie ihm die Irrtümer und Vergehen seines Lebens vergeben hätte, und dass er sie ohne Anmaßung an ihre Liebe hätte erinnern und ihre Hand zum Bunde fürs Leben begehren können? Sie zitterte bei dem Gedanken an die Zugeständnisse, die er dann von ihr hätte erzwingen können.

»Niemals wieder,« beschloss sie, »wenn wir beide zusammentreffen, soll meine eigene Torheit für das, was geschieht, verantwortlich gemacht werben können.«

Sie kehrte zu Mrs. Lewson zurück und hatte den Brief durchgelesen, als die Schläge der Gutsuhr sie daran mahnten, dass es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben.   Sie schliefen in dieser Nacht beide schlecht.

Um sechs Uhr am nächsten Morgen wurde einer der zwei Arbeiter, welche ihrem Herrn treu geblieben waren, zu Pferde an Arthur abgeschickt mit dem Briefchen der Haushälterin und mit dem Befehle, auf Antwort zu warten. Wenn er seinem Pferde eine kurze Rast gönnte, konnte er immerhin noch vor Mittag wieder zurück sein.

Elftes Kapitel

Es war ein schöner, sonniger Tag; Mrs. Lewsons Mut begann zu wachsen.

«Ich habe immer an dem Glauben festgehalten,« gestand die würdige alte Frau, »dass schönes Wetter Glück bringt - natürlich vorausgesetzt, dass der betreffende Tag kein Freitag ist. Heute ist aber Mittwoch.   Fassen Sie also Mut, Miss.«

Der Bote kehrte mit guten Nachrichten zurück. Mr. Arthur war wie immer fröhlich und guter Dinge gewesen. Er hatte seine Späße über einen zweiten Brief voll guter Ratschläge gemacht, der ihm ohne Unterschrift zugekommen war.

»Mrs. Lewson aber soll ihren Willen haben,« hatte er gesagt. »Aus Liebe zu der guten Alten will ich zwei Stunden später aufbrechen und werde daher erst um fünf Uhr zum Mittagessen zurück sein.«

»Wo gab Ihnen Mr. Arthur diesen Auftrag?« fragte Iris.

»In dem Stalle, Miss, während ich mein Pferd wieder   aufzäumte.    Die   Leute,   die   umherstanden, grinsten alle, als sie Mr. Arthurs Worte hörten.«

Iris, noch immer in der krankhaften Aufregung, bedauerte stillschweigend, dass dieser Auftrag nicht schriftlich, sondern mündlich gegeben worden war. Auch hiebei kam sie wieder auf ähnliche Gedanken wie der wilde Lord: sie fürchtete die Horcher.

Die Stunden schlichen träge dahin, bis es endlich vier Uhr nachmittags geworden war. Iris konnte das Stillsitzen nicht länger ertragen.

»Es ist so schönes Wetter,« sagte sie zu Mrs. Lewson, »wir wollen einen Spaziergang machen und Arthur ein Stück Wegs entgegen gehen.«

Ihr Vorschlag fand bei der alten Haushälterin die freudigste Zustimmung.

Es war beinahe fünf Uhr, als sie eine Stelle erreichten, an der ein Nebenweg durch den Wald sich von der Landstraße abzweigte, der sie bis hieher gefolgt waren. Mrs. Lewson fand einen Sitz auf einem gefällten Baume.

»Wir tun besser, nicht weiter zu gehen,« sagte sie.

Iris fragte nach dem Grunde.

Es gab einen sehr guten Grund für die soeben ausgesprochene Ansicht Mrs. Lewsons. Eine Strecke weiter bog die Landstraße ab von der geraden Linie - im Interesse einer großen Ackerbau treibenden Ortschaft - und schlug dann wieder ihre frühere Richtung ein.   Der Nebenweg durch den Wald diente für Reiter und Fußgänger als Richtweg von dem einen abweichenden Punkte der Landstraße bis zu dem andern. Es war daher sehr wohl möglich, dass Arthur diesen Nebenweg bei seiner Rückkehr benützen würde. Da aber Zufall oder Laune ihn auch die Landstraße vorziehen lassen konnte, lag die Notwendigkeit auf der Hand, ihn an einem Punkte zu erwarten, von dem aus man beide Straßen übersehen konnte.

Zu aufgeregt, um in ruhiger Erwartung an einer Stelle sitzen zu bleiben, machte Iris den Vorschlag, sie wolle ein Stück weit auf dem Nebenwege in den Wald hineingehen und umkehren, wenn sie nichts von Arthur sähe.

»Sie sind ermüdet,« sagte sie zu ihrer Begleiterin, »bitte, bleiben Sie hier und ruhen Sie sich einstweilen aus!« Mrs. Lewson machte zu diesem Vorschlage ein ziemlich verdrießliches Gesicht, aber ohne Erfolg: »Sie können sich verirren, Miss. Geben Sie nur ordentlich auf den Weg acht!« Iris verfolgte die hübschen Windungen des Waldweges und dehnte ihren einsamen Spaziergang in der bestimmten Hoffnung, Arthur zu begegnen, um ein Beträchtliches aus. Die helle Linie der Landstraße, die weiter durch den Wald führte, schimmerte schon wieder durch die Bäume, als sich Iris entschloss, zu Mrs. Lewson zurückzukehren.

Auf ihrem Rückwege machte sie eine Entdeckung.

Eine Ruine, die sie vorher gar nicht bemerkt hatte, kam zwischen den Bäumen auf der linken Seite des Weges zum Vorschein. Ihre Neugierde wurde rege; sie bog von dem Wege ab, um die Trümmer genauer zu untersuchen. Die halb verfallenen Mauern sahen, als sie ihnen näher kam, wie die Überreste eines gewöhnlichen Wohnhauses aus. Alter ist ein wesentliches Erfordernis für die malerische Wirkung des Verfalls; eine moderne Ruine ist unnatürlich und hat etwas Niederdrückendes; hier zeigte sich der traurige Anblick.

Als sie ihre Schritte wieder nach dem Wege zurück-lenkte, trat ein Mann aus dem Raume, der von den Trümmern des zerstörten Hauses umschlossen war. Ein Schrei des Schreckens entfuhr ihr. War sie ein Opfer des Schicksals oder ein Spielball des Zufalls? Da stand der wilde Lord vor ihr, welchen sie gelobt hatte, nicht wieder zu sehen, der Herr ihres Herzens - vielleicht der Herr ihres Geschickes!

Jeder andere Mann würde erstaunt gewesen sein, sie zu sehen und gefragt haben, wie es komme, dass eine englische Dame plötzlich hier vor ihm mitten in einem irischen Walde erscheine. Dieser Mann aber war entzückt, sie zu sehen, und nahm ihr Hiersein als einen Glücksfall auf, nach dessen Ursache nicht gefragt zu werden brauchte.

»Mein Engel ist vom Himmel herabgestiegen,« sagte er.   »Dem Himmel sei Dank dafür!« Er trat an sie heran und umschloss ihre Gestalt mit seinen Armen. Sie versuchte, sich seiner Umarmung zu entziehen. In demselben Augenblick aber vernahmen sie beide in dem Gebüsch unter den Bäumen rings umher ein Zerknicken und Zerbrechen von Holz. Lord Harry blickte auf.

Das ist ein gefährlicher Platz,« flüsterte er. »Ich wartete hier, um Arthur ungefährdet vorbeireiten zu sehen. Lassen Sie sich von mir küssen, oder ich bin ein toter Mann!«

Seine Augen sagten ihr, dass er sich wirklich in einer besorgniserregenden Lage befand. Ihr Kopf sank an seine Brust. Als er sich zu ihr niederbeugte und sie küsste, traten drei Männer aus ihren Verstecken unter den Bäumen hervor. Sie hatten ohne Zweifel auf Befehl der mordgierigen, furchtbaren Brüderschaft, welcher sie angehörten, auf ihn gelauert. Ihre Pistolen blitzten schussfertig in ihren Händen - und welche Entdeckung machten sie nun? Da stand der Bruder, der als Verräter denunziert war, keines schlimmeren Verrates schuldig, als dass er in einem Walde mit seiner Geliebten zusammengetroffen war!

»Mir bitten um Verzeihung, Mylord!« riefen sie mit echt irischer Freude über ihren eigenen Irrtum, brachen dann in ein lautes Gelächter aus und ließen die Liebenden allein.

So hatte Iris zum zweitenmale Lord Harry in einer bedenklichen Lebenslage gerettet.

»Lass mich jetzt gehen!« flüsterte sie leise, vor heimlicher Furcht zitternd, als sie sich nun erst ihrer Lage recht bewusst wurde.

Er aber hielt sie so fest in seinen Armen, als ob er sie nie wieder von sich lassen wollte.

»O, Du mein süßes Kind, gib mir nur noch einmal, zum letztenmale Gelegenheit und hilf mir, ein besserer Mensch zu werden! Du brauchst nur zu wollen, Iris, und Du kannst mich Deiner würdig machen!«

Plötzlich fingen seine Arme, die sie an seine Brust drückten, an zu beben und sanken herab. Die ringsum herrschende Stille wurde durch ein entferntes Geräusch gestört, welches wie das Echo eines Schusses klang. Er blickte nach dem vor ihnen liegenden Ende des Waldes hin. Eine Minute später wurde der dumpfe Hufschlag eines im Galopp dahinjagenden Pferdes hörbar aus der Richtung her, wo sich der Reitweg zwischen den Bäumen verlor. Es kam näher und näher und erschien endlich in ihrem Gesichtskreis, vor Furcht rasend und mit reiterlosem Sattel auf seinem Rücken. Lord Harry sprang auf den Weg und hielt das scheu gewordene Tier auf, welches bei seinem Anblick sich hoch aufbäumte. Vorn an dem leeren Sattel war eine Ledertasche befestigt.

»Durchsuche sie!« rief er Iris zu, während er das erschreckte Tier zum Stillstehen zwang. Sie zog eine silberne Feldflasche heraus.   Ein Blick auf den eingravierten   Namen   verkündete   ihm  die  entsetzliche Wahrheit.    Seine zitternden   Hände   verloren   ihre Kraft.    Das wütende Pferd riss sich los und jagte davon.   Von seinen Lippen ertönten die Worte: »O, mein Gott, sie haben ihn getötet!«

Zwölftes Kapitel.

Während über den Weg, welchen die Eisenbahn zwischen Culm und Everill nehmen sollte, noch Erörterungen gepflogen wurden, rief der Ingenieur einige Meinungsverschiedenheiten zwischen den Geldmännern hervor, die an der Spitze des Unternehmens standen, indem er die Frage aufwarf, ob sie unter den Stationen ihrer Bahn auch die kleine alte Stadt Honeybuzzard vorgesehen hätten.

Schon seit Jahren war der Handel dieses kleinen und merkwürdigen Ortes niedergegangen, und seine Bevölkerung hatte sich vermindert. Maler kannten ihn gut und priesen seine mittelalterlichen Baulichkeiten als eine reichhaltige Fundgrube des wertvollsten Materials für ihre Kunst. Auf dem alten Marktplatze war noch eine lange Reihe von Marktgesetzen zu lesen, welche einst in längst vergangenen Tagen der Bürgermeister und der Gemeinderat hatten ergehen lassen, aber von Woche zu Woche verminderte sich die Zahl der Marktbesucher, die diesen Bestimmungen gehorchen konnten. In dem letzten Geschäfte, welches sich noch in einem sehr dürftigen Zustande erhielt, war gewöhnlich kein Käufer zu erblicken; die Schaufenster waren meistens geschlossen, ein einsamer Mann machte das ganze schläfrige Personal aus und langweilte sich entsetzlich, in der halb geöffneten Ladentüre lehnend. Ein Advokat war in der Stadt, der aber keine Gelegenheit fand, sich einen Schreiber zu halten; es gab auch einen Doktor, der immer hoffte, er könne seine Praxis für einen annehmbaren Preis verkaufen.

Die Direktoren der neuen Eisenbahn beschlossen in einer stürmischen Sitzung, der sterbenden Stadt noch eine letzte Möglichkeit zu bieten, sich wieder zu erholen, dadurch, dass sie eine Haltestelle hinlegten. Der Stadt war jedoch nicht mehr die nötige Lebenskraft geblieben, um sich dafür dankbar zu erweisen. Unter allen Stationsvorständen in Großbritannien und Irland war der von Honeybuzzard der untätigste Mensch - und dies, wie er zu dem unbeschäftigten Portier sagte, nicht etwa aus Mangel an eigener Energie.

An einem regnerischen Augustnachmittage ließ der Zug einen Fremden auf der Station zurück. Er war einem Wagen erster Klasse entstiegen und trug einen Sonnenschirm und eine Reisetasche. Er erkundigte sich nach dem Wege zum besten Gasthofe. Der Stationsvorsteher und der Portier tauschten gegenseitig ihre Meinungen über ihn aus. Der eine von ihnen sagte: »Offenbar ein Gentleman,« und der andere fügte hinzu: »Was mag der wohl hier zu tun haben?«

Der Fremde verirrte sich zweimal in den engen und winkeligen Gassen der alten Stadt, bevor er den Gasthof erreichte. Als er seine Wünsche aussprach, fand es sich, dass er drei Dinge haben wollte: ein Zimmer, etwas zu essen und, während das Essen zubereitet wurde, Feder, Tinte und Papier, um einen Brief zu schreiben.

Auf die Fragen ihrer Tochter antwortend, beschrieb die Wirtin, als sie aus dem Fremdenzimmer wieder heruntergekommen war, ihren Gast als einen hübschen Mann in tiefer Trauerkleidung.

»Jung, mein Kind, mit schönem dunkelbraunem Haar, einem großen Barte und milden, traurigen Augen. Ja, diese Augen erzählen, dass die schwarzen Kleider nicht bloßer Schein sind. Ob er verheiratet ist oder ledig, kann ich natürlich nicht sagen; aber ich entdeckte seinen Namen auf seiner Reisetasche; - ein vornehmer Name; wenn ich recht gelesen habe: Hugh Mountjoy. Ich bin begierig, was er zu seinem Essen für ein Getränk bestellen wird. Wie gut wäre es, wenn wir bei dieser Gelegenheit wieder eine Flasche von dem sauren französischen Weine los würden!«

Die Glocke in dem Zimmer des Fremden erschallte ln diesem Augenblicke, und die Tochter der Wirtin - es ist eigentlich unnötig, es noch besonders zu erwähnen - benützte die günstige Gelegenheit, sich eine eigene Meinung über Mr. Hugh Mountjoy zu bilden.

Sie kam, mit einem Briefe in der Hand, zurück, von dem eitlen Verlangen nach den Vorteilen vornehmer Geburt verzehrt.

»O Mutter, wenn ich eine junge Dame der höheren Gesellschaft wäre, dann wüsste ich genau, wessen Frau ich sein möchte!«

Die Wirtin zeigte jedoch kein besonderes Verständnis und keine Teilnahme für dergleichen gefühlvolle Herzensergießungen ihrer Tochter, sondern verlangte nur den Brief Mr. Mountjoys zu sehen. Der Bote, der mit der Besorgung beauftragt wurde, sollte auf Antwort warten. Die Aufschrift des Briefes lautete: »Miss Henley, per Adresse Clarence Vimpany, Esquire, Honeybuzzard.« Von ihrer erregten Phantasie getrieben, verlangte die Tochter darnach, Miss Henley zu sehen. Die Mutter konnte gar nicht begreifen, warum sich Mr. Mountjoy überhaupt die Mühe gegeben hatte, den Brief zu schreiben.

»Wenn er weiß, dass die junge Dame in des Doktors Hause wohnt,« sagte sie, »warum geht er denn nicht einfach hin und sucht Miss Henley auf?« Sie gab den Brief der Tochter zurück. »Der Hausknecht soll ihn besorgen, er hat sowieso nichts zu tun.«

»Nein, Mutter. Die schmutzigen Hände des Hausknechts dürfen den Brief nicht berühren.   Ich werde ihn selbst hintragen.   Vielleicht bekomme ich bei der Gelegenheit Miss Henley zu sehen.«

Einen solchen Eindruck hatte Mr. Hugh Mount-joy auf ein junges, gefühlvolles Mädchen ganz ohne sein Zutun gemacht, welches das Schicksal in die enge Sphäre von Tätigkeit, die ein Landwirtshaus gewähren konnte, gebannt hatte.

Die Wirtin trug das Essen hinauf - zuerst natürlich Hammelrippchen mit Kartoffeln, so unvollkommen gekocht, wie es nur in einer englischen Küche möglich ist. Ihren sauren französischen Wein hatte die gute Frau nicht vergessen und fragte daher ihren Gast:

»Was wünschen Sie zu trinken, Sir?«

Mr.  Mountjoy  schien  wenig  daran  zu liegen, was man ihm als Getränk vorsetzen würde.

»Wir haben französischen Wein, Sir.«

»Es ist recht, gute Frau; bringen Sie von dem.«

Als die Glocke wieder ertönte, damit der zweite Teil der Mahlzeit, Käse und Sellerie, hinaufgebracht werde, überließ die Wirtin dies Geschäft dem Kellner. Die Erfahrung, die sie mit den Landleuten gemacht hatte, die ihr Gasthaus besuchten  und  die sich in einigen wenigen Fällen hatten dazu verleiten lassen, diesen Wein zu trinken, riet ihr, dem Ausbruche des gerechten Zornes bei Mr. Mountjoy aus dem Wege zu gehen.   Er würde sie jedenfalls ebenso wie die anderen auch fragen, was ihr denn eigentlich einfiele, ihn mit einem derartigen Stoff wie dieser vergiften zn wollen.

Als der Kellner wieder herunterkam, fragte sie ihn daher:

»Hat sich der Herr über den französischen Wein beklagt?«

»Er wünscht Sie wegen dem Weine zu sprechen.«

Die Wirtin wurde blass. Seiner Entrüstung in Worten Ausdruck zu geben, das hatte sich Mr. Mount-joy augenscheinlich für die Herrin des Hauses aufgespart.

»Fluchte er,« fragte sie, »als er den Wein gekostet hatte?«

»Gott bewahre, Madame. Er trank ihn aus einem Wasserglase und - wenn Sie es mir glauben wollen - der Wein schien ihm zu schmecken.«

Die Wirtin bekam ihre Farbe wieder. Dank der Vorsehung dafür, dass sie endlich einmal einen Gast in das Wirtshaus geführt hatte, der sauren Wein, ohne es zu bemerken, trinken konnte, war ihr Hauptgedanke, als sie das Fremdenzimmer betrat. Mr. Mountjoy rechtfertigte diese ihre Vermutungen. Er war wirklich gutmütig genug, mit dem Glase vor sich auf dem Tische und diesem Weine gewissermaßen unter seiner Nase, eine Entschuldigung anzufangen.

»Es tut mir leib, Sie zu belästigen, Frau Wirtin. Ich möchte Sie nur fragen, woher Sie diesen Wein haben.« »Der Wein, Sir, stammt noch von meinem verstorbenen Gatten her. Ein Franzose schuldete ihm Geld, aber es war von ihm nichts anderes zu bekommen als dieser Wein.« »Er ist auch Geld wert, Frau Wirtin.«

»Wirklich, Sir?«

»Ja, ganz gewiss. Das ist der beste und reinste französische Rotwein, den ich seit langer Zeit getrunken habe.« Ein beunruhigender Verdacht trübte die heitere Seelenruhe der Wirtin. War diese vortreffliche Beurteilung des Weines eine aufrichtige? Oder war es nur ein teuflischer Plan Mr. Mountjoys, sie in eine Falle zu locken, indem er sie durch seine Anerkennung verleiten wollte, auch ihrerseits den Wein zu loben, damit er dann sie als Betrügerin entlarven könnte, wenn er erklärte, was er wirklich über den Wein dächte? Sie nahm ihre Zuflucht zu einer vorsichtigen Antwort.

»Sie sind der erste meiner Gäste, Sir, der nichts an dem Weine auszusetzen findet.« »In dem Falle würden Sie vielleicht froh sein, ihn los zu werden!« bemerkte Mr. Mountjoy.

Die Wirtin blieb immer noch vorsichtig.

»Wer würde mir den Wein wohl abkaufen, Sir?«

»Ich.   Wieviel fordern Sie für die Flasche?«

Jetzt war es klar, dass er nicht hinterlistig und falsch war, sondern nur ein bisschen verrückt. Die welterfahrene Wirtin zog aus diesem Umstande Vorteil und verdoppelte den Preis.   Ohne Zögern sagte sie: »Fünf Schilling die Flasche, Sir.«

Oft, nur allzu oft führt die Ironie des Schicksals auf dieser irdischen Schaubühne die entgegengesetzten Charaktere des Schlechten und des Guten zusammen. Eine lügnerische Wirtin und ein zum Lügen unfähiger Gast standen sich hier an einem kleinen Tische gegenüber, beide ohne Ahnung des unermesslichen moralischen Abgrundes, der zwischen ihnen lag. Unter dem Einflusse seines durch und durch ehrenhaften Fühlens und Denkens machte der harmlose Hugh Mountjoy das Verlangen der Wirtin nach Geld zur verderblichsten menschlichen Begierde.

»Ich glaube, Sie kennen den Wert Ihres Weines nicht genau,« sagte er. »Ich habe französischen Rotwein in meinem Keller, der lange nicht so gut ist wie dieser hier, und der mich doch mehr gekostet hat, als Sie verlangen. Es ist nur gerecht, wenn ich Ihnen für die Flasche sieben Schillinge anbiete.«

Wenn ein überspannter Reisender, von dem für irgend etwas ein bestimmter Preis als Bezahlung verlangt wird, diesen Preis zu seinem eigenen Schaden mit Überlegung erhöht, wo ist die kluge Frau - besonders wenn es zufällig eine Witwe ist, die ein wenig einträgliches Geschäft hat - die zögern würde, diese selten günstige Gelegenheit auszunützen?

»Sie sollen den Wein um den von Ihnen genannten Preis haben, Sir,« sagte die Wirtin. Nachdem so der Handel abgeschlossen, klopfte ihre Tochter an der Türe.

»Ich habe Ihren Brief selbst besorgt, Sir,« sagte sie bescheiden, »und hier ist die Antwort.« Sie hatte Miss Henley gesehen, aber nichts Besonderes an ihr finden können.

Mountjoy sprach ihr seinen Dank aus in Worten, die das empfängliche junge Mädchen niemals vergaß. Dann öffnete er den Brief, der kurz genug war, um in einem Augenblicke gelesen werden zu können, aber jedenfalls einen günstigen Bescheid enthielt; denn Mr. Mountjoy ergriff eiligst seinen Hut und ließ sich den Weg nach Mr. Vimpanys Hause zeige«.

Dreizehntes Kapitel.

Mountjoy hatte sich entschlossen, nach Honeybuz-zard zu reisen, sobald als er erfahren hatte, dass Miss Henley sich in dieser Stadt bei fremden Leuten aufhielt. Da er aber früher keine Gelegenheit gefunden hatte, sie auf seinen Besuch vorzubereiten, schrieb er ihr vom Gasthause aus. Er hatte es nach reiflicher Überlegung besser gefunden, sich vorher anzumelden, als unerwartet im Hause des Doktors zu erscheinen. Wie würde sie den treu ergebenen Freund empfangen, dessen Heiratsantrag sie zum zweiten Male abgelehnt, als sie zuletzt in London mit ihm zusammengetroffen war?

Das Wohnhaus des Doktors war in einer stillen Nebenstraße gelegen und gewährte eine Aussicht, die nicht gerade ermutigend auf einen Mann wirken musste, der sich dem ärztlichen Beruf gewidmet hatte. Die Aussicht ging nämlich auf den Kirchhof. Die Tür wurde von einem Dienstmädchen geöffnet, welches den Fremden argwöhnisch betrachtete. Ohne auf eine Frage zu warten, sagte sie, der Herr Doktor sei nicht zu Hause.

Mountjoy nannte seinen Namen und fragte nach Miss Henley.

Das Benehmen des Mädchens änderte sich sofort zum Besseren; sie bat ihn, in ein kleines Empfangszimmer einzutreten, welches unschön und dürftig ausgestattet war. Einige Bilder in armseligen Rahmen zierten die Wände; es waren - vielleicht nicht ganz am Platz in dem Hause eines Arztes - Porträts von berühmten Bühnenkünstlerinnen, die einst in früheren Jahrzehnten unseres Jahrhunderts die weltbedeutenden Bretter als Königinnen beherrscht hatten. Auch die wenigen Bücher, die auf einem kleinen Büchergestell über dem Kamin ihren Platz hatten, gehörten der dramatischen Literatur an.

»Wer liest diese Sachen?« fragte sich Mountjoy im stillen. »Und wie fand Iris ihren Weg in dieses Haus?« Während er so an sie dachte, trat Miss Henley selbst in das Zimmer.

Einer plötzlichen Eingebung folgend zog sie seinen Kopf zu sich herabIhr Aussehen war bleich und sorgenvoll; Tränen schimmerten in ihren Augen, als Hugh Mountjoy auf sie zutrat. In seiner Gegenwart empfand Iris das Entsetzliche, welches der durch feigen Meuchelmord herbeigeführte Tod seines Bruders Arthur hatte, tiefer, als sie bis jetzt davon berührt worden war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, bog sie seinen Kopf zu sich herab mit der zärtlichen Vertraulichkeit einer Schwester und küsste ihn auf die Stirn.

»O Hugh,« sagte sie schmerzlich bewegt, »ich weiß, wie Sie und Arthur einander liebten! Meine Worte können nicht ausdrücken, was ich für Sie fühle!«

»Es bedarf keiner Worte, liebe Iris,« erwiderte er zärtlich.   »Ihre Teilnahme spricht für sich selbst.« Er führte sie zum Sofa und ließ sich neben ihr nieder.

»Ihr Vater hat mir gezeigt, was Sie ihm geschrieben haben,« begann er, »Ihren Brief aus Dublin und Ihren zweiten Brief von hier. Ich weiß, was Sie Hochherziges in Arthurs Interesse gewagt und erduldet haben. Es würde mir eine gewisse Genug-tuung gewähren, wenn ich Ihnen einen Gegendienst - und wenn es auch nur ein sehr bescheidener Gegendienst wäre, Iris - für alles das erweisen könnte, was Arthurs Bruder der besten Freundin, die jemals ein Mensch gehabt hat, schuldig ist.   Ach, lassen Sie doch,« fuhr er fort, in herzlicher Weise den Ausdruck ihrer Dankbarkeit unterbrechend. »Ihr Vater hat mich nicht hieher geschickt, aber er weiß, dass ich London mit der bestimmten Absicht verlassen habe, Sie aufzusuchen, und er weiß auch, warum. Sie haben ehrerbietig und liebevoll an ihn geschrieben; Sie haben um Verzeihung und Versöhnung gebeten, wo er doch der schuldige Teil ist. Darf ich Ihnen sagen, was er mir zur Antwort gab, als ich ihn fragte, ob ihm denn gar kein Glaube mehr an sein eigenes Kind geblieben wäre? ,Hugh' sagte er, ,Sie verschwenden Ihre Worte an einen Mann, der mit dieser Sache abgeschlossen hat. Ich will meiner Tochter wieder Vertrauen schenken, wenn jener irische Lord im Grabe liegt - eher nicht.' Das ist ein Unrecht gegen Sie, Iris, das ich nicht zugeben kann, selbst wenn es Ihr Vater tut. Er ist hart, er ist unversöhnlich, aber er muss und wird sich ändern. Ich hoffe, dass ich ihn noch dazu bringen werde, Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dies vorzubereiten, bin ich hieher gekommen. Darf ich mit Ihnen über Lord Harry sprechen?«

»Wie können Sie daran zweifeln?«

»Liebe Iris, es ist für mich sehr peinlich, davon mit Ihnen zu sprechen.« »Und für mich sehr beschämend,« stieß Iris bitter hervor. »Hugh, Sie sind ein Engel im Vergleich zu diesem Mann! Wie heruntergekommen muss ich sein, dass ich ihn liebe, wie unwürdig Ihrer guten Meinung! Fragen Sie, was Sie wollen, schonen Sie mich nicht!« schrie sie in unverhohlener Selbstanklage. »Warum misshandeln Sie mich nicht, wie ich es verdiene?« Mountjoy kannte die Frauennatur gut genug, um stillschweigend über diesen leidenschaftlichen Ausbruch hinwegzugehen, anstatt die Aufregung in ihr noch dadurch zu steigern, dass er ihr widersprach.

»Ihr Vater wird auf Gefühlsäußerungen nichts geben,« fuhr er fort, »aber es ist möglich, ihn durch Taten dahin zu bringen, dass er Ihnen gerecht wird. Geben Sie mir die Gelegenheit, mit ihm ausführlicher über Lord Harry sprechen zu können, als Sie es in Ihren Briefen imstande sind. Ich muss wissen, was sich von der Zeit an ereignet hat, wo gewisse Vor-fälle Sie nach Ardoon brachten und dort wieder mit dem irischen Lord zusammenführten, bis zu der Zeit, wo Sie ihn in Irland nach dem Tode meines Bruders wieder verließen. Wenn es den Anschein hat, dass ich Ihnen zu viel zumute, Iris, so denken Sie, bitte, dass es nur in Ihrem Interesse geschieht.«

In diesen Worten lag ganz die edle Denkungsweise Hugh Mountjoys.   Iris zeigte sich ihrer würdig.

Ihr Bericht begann, um es kurz zu sagen, mit dem geheimnisvollen anonymen Briefe, welcher an Sir Giles gerichtet war.

Lord Harry hatte Iris in dankbarer Bereitwilligkeit darüber die erforderlichen Erklärungen gegeben, aber doch mit einer gewissen Zurückhaltung, nachdem sie ihm vorher gesagt hatte, wer der Fremde an dem Meilenstein in Wirklichkeit gewesen war.

»Hätte Sir Giles nur den zehnten Teil Ihres Mutes besessen,« hatte er gesagt, »so könnte Arthur jetzt noch am Leben und in England in Sicherheit sein. Ich kann nichts weiter sagen, ich darf nichts weiter sagen; es macht mich verrückt, wenn ich daran denke!«

Seine Verbindung mit den Unüberwindlichen - wie er selbst zugab, eine nicht zu entschuldigende, leichtsinnige und unbesonnene Tat - hatte es ihm, wie er weiter ausführte, möglich gemacht, in die mörderischen Pläne der Bruderschaft einzudringen und sie wenigstens für einige Zeit im geheimen zu vereiteln. Sein Erscheinen zuerst auf Arthurs Besitzung und dann später bei der Ruine im Wald stand im Zusammenhang mit den Plänen der Mordgesellen, die zu seiner Kenntnis gekommen waren. Als Iris mit ihm zusammengetroffen war, befand er sich auf der Lauer, in dem Glauben, sein Freund würde den kurzen Weg durch den Wald nehmen. Er war sich vollkommen bewusst, dass, wenn es ihm gelingen würde, Arthur zu warnen, er wahrscheinlich mit seinem eigenen Leben dafür büßen müsste. Nach der schrecklichen Entdeckung des Mordes, der auf der Landstraße begangen worden war, und nach der Flucht des Bösewichts, der der Untat schuldig war, hatten sich Lord Harry und Miss Henley getrennt. Sie hatte ihn verlassen, um nach England zurückzukehren, und sich entschieden geweigert, die Einwilligung zu späteren Zusammenkünften zu geben, um die er sie bat.

An dieser Stelle ihrer Erzählung fühlte Mountjoy sich veranlasst zu einigen direkteren Fragen, als er sie bisher an Iris gestellt hatte. Vielleicht war es möglich, dass er mit Hilfe der Eindrücke, die Lord Harry auf sie gemacht hatte, Iris von dem übel angebrachten Vertrauen der in Selbsttäuschung befangenen Frau heilen konnte.

»Fügte er sich willig Ihrer Abreise?«   fragte er.

»Anfangs nicht,« antwortete sie.

»Hat er Sie von dem Versprechen, das Sie ihm in unüberlegter Weise vor einigen Jahren gegeben haben und durch das Sie sich verpflichteten, ihn zu heiraten, entbunden?«

»Nein.«

»Hat er denn überhaupt bei dieser Gelegenheit jenes Versprechen erwähnt?« »Er sagte, er würde daran festhalten als an der einzigen Hoffnung seines Lebens.« »Und was haben Sie darauf erwidert?«

»Ich bat ihn flehentlich, mich nicht elend zu machen.«

»Sagten Sie nichts Bestimmteres als das?«

»Ich konnte es nicht über mich gewinnen, Hugh; ich musste an alles das denken, was er unternommen hatte, um Arthur zu retten. Aber ich bestand fest auf meiner Abreise und habe sie auch durchgesetzt und ihn verlassen.«

»Erinnern Sie sich, was er beim Abschied zu Ihnen sagte?«

»Er sagte: ,So lange ich lebe, werde ich Dich lieben'«

Als sie diese Worte aussprach, nahm ihre Stimme unwillkürlich einen warmen, zärtlichen Klang an, der Mountjoy nicht entging.

»Ich muss ganz sicher sein,« sagte er ernst zu ihr, »über das, was ich Ihrem Vater zu berichten habe, wenn ich zu ihm zurückkomme. Kann ich ihm mit reinem Gewissen die bestimmte Versicherung geben, dass Sie niemals wieder Lord Harry sehen wollen?«

»Ich habe mir vorgenommen, ihn nicht wiederzusehen.« So weit hatte sie mit fester Stimme geantwortet. Ihre nächsten Worte aber wurden zögernd und in stockendem Ton gesprochen. »Ich fürchte jedoch bisweilen,« sagte sie, »dass die Entscheidung darüber nicht immer in meiner Macht bleiben wird.«

»Was soll das heißen?«

»Ich möchte es Ihnen lieber nicht sagen.«

»Das ist eine sonderbare Antwort, Iris.«

»Ich lege großen Wert auf Ihre gute Meinung, Hugh, und ich fürchte, sie dadurch zu verlieren.« »Nichts hat meine Ansicht von Ihnen jemals geändert,« entgegnete er einfach und ruhig, »und nichts wird sie jemals ändern.« Sie sah ängstlich mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu ihm hin. Nach und nach verschwand der Ausdruck des Zweifels in ihrem Gesicht; sie wusste, wie sehr er sie liebte - sie beschloss, sich ihm anzuvertrauen.

»Seitdem ich Irland verlassen habe,« begann sie, »bin ich - ich weiß nicht, warum - in einen Zu-stand von abergläubischer Furcht verfallen. Ja, ich glaube an ein Verhängnis, welches mich auch gegen meinen Willen zu Lord Harry zurückführen wird. Zweimal schon, seitdem ich aus meines Vaters Haus geschieden, bin ich mit ihm zusammengetroffen, und jedesmal bin ich die Ursache gewesen, dass er einer großen Gefahr entging und gerettet wurde: das erstemal an dem Meilenstein und das zweitemal bei der Ruine im Walde. Wenn mich mein Vater jetzt noch beschuldigt, dass ich einen Abenteurer liebe, können Sie ihm mit ruhigem Gewissen und vollständig der Wahrheit gemäß sagen, dass ich mich vor diesem Abenteurer fürchte. Ich zittere vor der dritten Begegnung. Ich habe mein Möglichstes getan, um diesem Mann zu entrinnen; aber Schritt für Schritt, wenn ich denke, ich bin fertig mit ihm, schleppt mich ein unseliges Geschick wieder zu ihm hin. Vielleicht bin ich jetzt wieder, da ich mich in dieser elenden kleinen Stadt sicher geborgen glaubte, auf dem Weg zu ihm. O, verachten Sie mich nicht, Hughl Schämen Sie sich meiner nicht!«

»Meine liebe Iris, ich nehme Anteil, ich nehme den lebhaftesten Anteil an Ihrem Geschick. Dass es eine derartige, Einfluss ausübende Macht wie das Verhängnis in unserem armseligen irdischen Dasein gibt, wage ich nicht zu leugnen. Aber mit Ihrem Schluss kann ich mich nicht einverstanden erklären. Was das dunkle Verhängnis mit Ihnen und mit mir zu tun vorhat, das vorher zu wissen, können weder Sie noch ich behaupten. In Gegenwart dieses großen Geheimnisses muss die Menschheit sich bescheiden und ihre Unwissenheit zugestehen! Warten Sie, Iris, warten Sie!«

Sie antwortete ihm mit der Einfachheit eines gelehrigen Kindes: »Ich will alles tun, was Sie mir raten!«

Mountjoy liebte sie zu sehr, um an diesem Tage noch mehr über Lord Harry zu sagen. Er war bemüht, das Gespräch auf ein Thema zu bringen, von dem er mit Sicherheit annehmen konnte, dass es keine aufregenden Gedanken wachrufen würde. Da er Iris allem Anschein nach vollständig eingewöhnt in dem Hause des Doktors vorfand, so war er natürlicherweise sehr begierig, etwas über die Person zu erfahren, welche sie dorthin eingeladen haben musste - die Frau des Doktors.

Vierzehntes Kapitel.

Mountjoy begann von dem zweiten Brief, den Miss Henley an ihren Vater geschrieben hatte, zu sprechen, und kam dabei auch auf die Stelle, in welcher der Mrs. Vimpany in den Ausdrücken der aufrichtigsten Dankbarkeit gedacht wurde.

»Ich würde gern,« sagte er, »mehr von einer Dame erfahren, deren Gastfreundschaft zu Hause ihrer Liebenswürdigkeit als Reisegefährtin gleichzukommen scheint. Trafen Sie zuerst auf der Eisenbahn mit ihr zusammen?«

»Sie fuhr mit demselben Zug nach Dublin, den ich und mein Kammermädchen benützten, aber nicht in dem gleichen Wagen,« antwortete Iris. »Ich hatte dann später auf der Reise von Dublin nach Holyhead das Glück, mit ihr bekannt zu werden. Die Überfahrt war sehr stürmisch, und Rhoda litt so entsetzlich unter der Seekrankheit, dass ich ordentlich Angst um sie bekam. Die Aufwärterin war ganz und gar von Damen in Anspruch genommen, die von allen Seiten nach ihr riefen, und ich weiß wirklich nicht, was aus uns geworden wäre, wenn nicht Mrs. Vimpany gekommen wäre und in der liebenswürdigsten Weise ihre Hilfe angeboten hätte. Sie wusste so vortrefflich Bescheid, was zu tun war, dass sie mich ganz in Verwunderung versetzte.

»,Ich bin die Frau eines Arztes' sagte sie, ,und ich mache das nur nach, was ich meinen Mann habe tun sehen, wenn seine Hilfe auf der See bei so schlimmem Wetter wie heute in Anspruch genommen wurde.'

»Bei ihrem überhaupt sehr schwachen Gesundheitszustand war Rhoba viel zu arg angegriffen, als dass sie hätte mit der Eisenbahn weiterfahren können, als wir in Holyhead ankamen. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, und ich habe sie, wie Sie wissen, sehr gern. Wenn ich auf mich allein angewiesen gewesen wäre, dann hätte ich jedenfalls zu einem Arzt geschickt. Was glauben Sie aber, was mir die gute Mrs. Vimpany anriet, zu tun? ,Ihr Kammermädchen ist nur schwach,' sagte sie. ,Gönnen Sie ihr Ruhe und geben Sie ihr Wein zu trinken, dann wird sie sich bald wieder erholen und im stande sein, mit dem nächsten gewöhnlichen Zug weiter zu fahren. Sie brauchen keine Angst um sie zu haben; ich werde bei Ihnen bleiben.' Und sie blieb auch wirklich. Gibt es denn noch viele solche Menschen, Hugh, die so uneigennützig anderen, ihnen ganz Fremden so viel Gutes erweisen, wie meine zufällige Reisebekanntschaft vom Dampfboot?«

»Ich fürchte, deren sind nur verschwindend wenige.«

Mountjoy gab diese Antwort nicht ohne eine kleine Verlegenheit, denn er fühlte, dass in ihm ein gelinder Zweifel an der uneigennützigen Liebenswürdigkeit der Mrs. Vimpany aufstieg, und das war eines echten Mannes unwürdig.

Iris fuhr in ihrer Erzählung fort:

»Rhoda hatte sich hinreichend erholt, um mit dem nächsten Zuge weiterreisen zu können, und es schien kein Grund vorhanden, noch irgendwie ängstlich zu sein. Aber nach einiger Zeit zeigte sich doch, dass die Anstrengung der Reise für sie zu groß gewesen war. Das arme Mädchen wurde immer blasser und bekam schließlich eine Ohnmacht. Mrs. Vimpany brachte sie wieder zum Leben zurück, aber, wie sich bald herausstellte, nur für kurze Zeit. Sie bekam einen neuen Ohnmachtsanfall, und meine Reisegefährtin fing jetzt auch an, ängstlich zu werden. Es kostete einige Schwierigkeit, Rhoda wieder zum Bewusstsein zu bringen. Aus Furcht vor einem neuen Anfall beschloss ich, an der nächsten Station den Zug zu verlassen und dort zu bleiben. Der Ort sah aber so ärmlich aus, als wir ihn erreichten, dass ich Bedenken trug, mein Vorhaben auszuführen. Mrs. Vimpany überredete mich, mit ihr weiter zu fahren. Die nächste Station, sagte sie, wäre ihr Ziel. ,Bleiben Sie dort.' bemerkte sie, ,und lassen Sie meinen Gatten nach dem Mädchen sehen. Ich sollte vielleicht nicht davon sprechen, aber Sie werden schwerlich außerhalb Londons einen besseren Arzt finden.' Ich nahm den Vorschlag der liebenswürdigen Dame dankbar an. Was hätte ich auch sonst anderes machen sollen?«

»Was würden Sie denn getan haben,« fragte Mountjoy, »wenn Rhoda kräftig genug gewesen wäre, die Reise noch weiter fortsetzen zu können?«

»Ich würde dann nach London gegangen sein und einstweilen meine Wohnung in einem Hotel genommen haben - Sie waren ja in London, wie ich annehmen konnte, und mein Vater würde sich wohl mit der Zeit haben erweichen lassen. Wenn es so gewesen wäre, dann würde ich erst einen deutlichen Begriff von meiner verlassenen Lage bekommen haben. Dass ich aber das Glück hatte, mit so liebenswürdigen Leuten wie Doktor Vimpany und seine Gattin zusammenzutreffen, war es für ein so verlassenes, freundloses Wesen, wie ich bin, eine wahre Wohltat - gar nicht zu reden von dem großen Vorteil, den diese Liebenswürdigkeit Rhoda bot, welche von Tag zu Tag sich zusehends erholte. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Mrs. Vimpany sehen könnten; vielleicht ist sie zuhause. Sie ist ein wenig förmlich und altmodisch in ihren Manieren - aber ich glaube bestimmt, dass sie Ihnen gefallen würde.

O, sehen Sie sich nur einmal hier im Zimmer um! Sie sind arm, fürchterlich arm für Leute in ihrer Stellung, meine würdigen, braven Freunde. Ich habe die größte Schwierigkeit gehabt, bis sie mir nur gestatteten, meinen Teil zu den Haushaltungskosten beizusteuern. Sie willigten erst dann ein, als ich drohte, ich würde in den Gasthof gehen. Sie sehen aber so ernst aus, Hugh. Ist es denn möglich, dass Sie irgend etwas Unrechtes darin finden, dass ich mich hier in diesem Hause aufhalten?«

Die Türe des Empfangszimmers wurde leise geöffnet, gerade in dem Moment als Iris diese Frage stellte. Eine Dame erschien auf der Schwelle. Als sie den Fremden erblickte, wendete sie sich an Iris.

»Ich wusste nicht, meine liebe Miss Henley, dass Sie Besuch hatten. Entschuldigen Sie daher mein Eintreten.«

Die Stimme war tief; die Aussprache war deutlich; ihr Lächeln zeigte eine bescheidene Würde, welche ihr ein gewisses Selbstbewusstsein verlieh. Iris hielt sie zurück, als sie eben im Begriff war, das Zimmer wieder zu verlassen.

»Ich habe soeben den Wunsch ausgesprochen, dass Sie zuhause sein möchten,« sagte Miss Henley. »Erlauben Sie, dass ich Ihnen meinen alten Freund, Mr. Mountjoy, vorstelle. Hugh, das ist die Dame, welche so außerordentlich liebenswürdig gegen mich gewesen ist - Mrs. Vimpany.«

Hugh beabsichtigte, unter diesen Umständen eine Verbeugung zu machen und der Dame des Hauses die Hand zu geben. Mrs. Vimpany begegnete diesem freundlichen Entgegenkommen mit einer außerordentlichen Zierlichkeit in ihren Bewegungen, wie sie nicht oft in unseren Tagen, die so wenig auf Zeremonien geben, gesehen wird. Mrs. Vimpany war eine große, schmächtige Dame. Durch künstliche Mittel hatte sie ihrer Erscheinung auf so geschickte Weise nachzuhelfen gewusst, dass es fast den Anschein hatte, als ob es natürlich wäre. Ihre Wangen hatten die Fülle der Jugend verloren, aber ihr Haar zeigte, vielleicht auch wieder infolge der angewendeten künstlichen Mittel, noch keine Spuren des nahenden Alters. Der Ausdruck ihrer großen schwarzen Augen, die vielleicht etwas zu nahe an ihrer stark ausgebildeten Adlernase standen, heischte Bewunderung von jeder Person, welche so glücklich war, in ihren Gesichtskreis zu kommen. Ihre Hände, die lang, gelb und bejammernswürdig mager waren, bewegte sie mit viel Grazie. Ihr Anzug hatte bessere Tage gesehen, aber sie wusste ihn in einer Art zu tragen, welche es eigentlich unmöglich machte, seinen wirklichen Zustand zu erkennen. Ein dünner Spitzenkragen umschloss ihren Hals und fiel in dürftigen Falten über ihre Schulter herab.

Sie ließ sich in einen Stuhl an Iris' Seite nieder.

»Es gereichte mir zum großen Vergnügen, Mr. Mountjoy, meine geringfügigen Dienste Miss Henley anbieten zu können,« sagte sie; »ich vermag gar nicht auszudrücken, wie glücklich mich ihre Gegenwart in unserem kleinen Hause macht.«

Das Kompliment war an Iris gerichtet in einem äußerst liebenswürdigen Ton und mit einem Lächeln in dem Gesicht, so freundlich sie es hervorzubringen vermochte. So wunderlich und gekünstelt, wie es unzweifelhaft war, machte das Benehmen der Mrs. Vimpany nichtsdestoweniger einen angenehmen Eindruck. Mountjoy war zuerst geneigt gewesen, ihr mit Misstrauen zu begegnen, fand aber während des Gespräches, dass sie es verstanden hatte, eine günstige Änderung in seiner Meinung betreffs ihrer Person herbeizuführen. Sie interessierte ihn jetzt so, dass er begann, neugierig zu werden, wie ihr Leben wohl gewesen sei, als sie noch jung und hübsch war. Er betrachtete wieder die Bilder der Schauspielerinnen an den Wänden und die Bücher auf den Bücherbrett, und dann warf er, während sie mit Iris sprach, verstohlen einen listigen Blick auf die Dame des Hauses. War es denn möglich, dass diese merkwürdige Frau einstmals eine Schauspielerin gewesen war? Er versuchte, sich hierüber Gewissheit zu verschaffen, indem er eine liebenswürdige Bemerkung über die Bilder machte.

»Meine Erinnerungen als Theaterbesucher reichen nicht weit zurück,« begann er, »aber Ihre schönen Bilder erregen in mir ein historisches Interesse.«

Mrs. Vimpany machte eine graziöse Verbeugung, sagte aber nichts. Hugh Mountjoy versuchte daher zum zweiten Male sein Glück.

»Man sieht nicht oft die berühmten Schauspielerinnen vergangener Tage,« fuhr er fort, »in so guten Darstellungen und Bildern an den Wänden eines englischen Hauses.«

Diesmal hatte er mit seinen Worten einen besseren Erfolg, denn Mrs. Vimpany antwortete ihm: »Ich stehe in vielerlei angenehmen Verbindungen mit dem Theater, die schon aus meinen Mädchen Jahren herrühren.«

Mountjoy erwartete, nun noch mehr zu hören, aber es wurde nichts weiter gesagt. Vielleicht blickte die verschwiegene Dame nicht gern auf jene Zeit zurück nach einer so langen Reihe von dazwischenliegenden Jahren, oder sie hatte vielleicht auch ihre Gründe, Mr. Mountjoys Verlangen nach der Wahrheit nicht zu befriedigen. Auf jeden Fall ließ sie mit Absicht dieses Gesprächsthema fallen; Iris nahm es jedoch wieder auf. Sie saß an dem einzigen Tisch in dem Zimmer und befand sich so gerade gegenüber einem der Bilder - dem ausgezeichneten Portrait der Mrs. Siddons als tragische Muse.

»Ich möchte wohl wissen, ob Mrs. Siddons wirklich so schön gewesen ist wie auf diesem Bild,« sagte sie, indem sie auf das Gemälde zeigte. »Sir Josua Reynolds soll, wie man sich erzählt, seinen Originalen sehr geschmeichelt haben.«

Mrs. Vimpanys große, selbstbewusste Augen erstrahlten plötzlich in höherem Glanz; der Name dieser großen Schauspielerin schien ihr Interesse zu wecken, aber im Begriff, wie es schien, zu sprechen, ließ sie den Gegenstand ebenso fallen wie vorher bei dem allgemeineren Gespräch über das Theater. Mountjoy konnte nicht umhin, selbst Iris zu antworten.

»Keines von uns ist alt genug,« erinnerte er sie, »um zu entscheiden, ob Sir Josua Reynolds' Pinsel sich der Schmeichelei schuldig gemacht hat oder nicht.«

Darauf wendete er sich wieder an Mrs. Vimpany und versuchte es nun auf einem andern Weg, einen Einblick in ihr früheres Leben zu gewinnen.

»Als Miss Henley so glücklich war, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte er, »waren Sie auf einer Reise in Irland begriffen. War dies Ihr erster Besuch in diesem unglücklichen Lande?«

»Ich bin mehr als einmal in Irland gewesen.« Nachdem sie so wiederum mit voller Überlegung die Erwartungen Hugh Mountjoys getäuscht hatte, wurde sie jetzt durch eine rechtzeitige Unterbrechung von der Weiterfortsetzung des Gespräches befreit. Es war die Stunde, wo die Nachmittagspost abgeliefert zu werden pflegte. Das Dienstmädchen trat in das Zimmer mit einem kleinen versiegelten Paket und hatte außerdem noch ein bedrucktes Papier in der Hand.

»Es ist eingeschrieben, Frau Doktor,« sagte das Mädchen. »Der Postbote bittet Sie, den Zettel zu unterschreiben. Er scheint Eile zu haben.«

Sie legte das Paket und das Blatt Papier auf den Tisch in die Nähe des Tintenfasses. Nachdem Mrs. Vimpany den Schein unterzeichnet hatte, nahm sie das Paket in die Hand und sah nach der Adresse. Sofort blickte sie zu Iris hin und wendete dann ebenso schnell ihre Augen wieder weg.

»Bitte, entschuldigen Sie mich einen Augenblick,« sagte sie und verließ rasch das Zimmer, ohne das Paket zu öffnen.

In dem Moment, als sich die Tür hinter ihr schloss, sprang Iris auf und eilte zu Mountjoy hin.

»O Hugh,« sagte sie, »ich sah die Adresse auf dem Paket, als das Dienstmädchen es auf den Tisch legte.«

»Was kann Sie denn an dieser Adresse so erregen, liebe Iris?« »Bitte, sprechen Sie nicht so laut! Sie horcht vielleicht vor der Tür.« Nicht nur die Worte, sondern auch der Ton, in welchem sie gesprochen waren, überraschten Mountjoy.

»Meinen Sie Ihre Freundin, Mrs. Vimpany?« rief er aus.

»Mrs. Vimpany scheute sich, das Paket in unserer Gegenwart zu öffnen,« fuhr Iris fort. »Sie müssen es ja selbst bemerkt haben. Die Handschrift war mir bekannt; ich weiß genau, wer die Adresse geschrieben hat.«

»Nun, wer denn?«

Sie flüsterte ihm leise ins Ohr:

»Lord Harry!«

Fünfzehntes Kapitel.

Verwunderung ließ Hugh einen Augenblick verstummen. Iris verstand den Blick, welchen er auf sie warf und erwiderte ihn.

»Ich bin vollständig von dem überzeugt,« sagte sie zu ihm, »was ich soeben ausgesprochen habe.«

Mountjoys bedächtiger, nicht leicht aus dem Gleichgewicht zu bringender Sinn trug Bedenken, ein allzu schnelles Urteil zu fällen.

»Ich bin sicher, dass Sie von dem, was Sie mir gesagt haben, vollständig überzeugt sind,« entgegnete er. »Aber Irrtümer kommen doch bisweilen bei der Beurteilung von Handschriften vor.«

Infolge des lebhaft erregten Zustandes, in dem sich Iris jetzt befand, war sie sehr leicht beleidigt. Er hatte ja selbst, wie sie ihm ins Gedächtnis zurückrief, in früherer Zeit die Handschrift Lord Harrys gesehen. War denn überhaupt bei diesem dick geschriebenen Buchstaben ein Irrtum möglich?

»O Hugh!« rief sie aus; »ich bin elend genug, versuchen Sie es nicht, mir noch abstreiten zu wollen, was ich genau weiß! Nur denken zu müssen, dass eine so liebenswürdige, so freundliche, so uneigennützig erscheinende Frau - nur denken zu müssen, dass Mrs. Vimpany mich getäuscht hat!«

Es lag nicht der geringste Grund vor, dem, was sich ereignet hatte, diese Auslegung zu geben. Mountjoy machte daher auch besänftigende Einwendungen.

»Meine liebe Iris, wir wissen wirklich noch nicht, ob Mrs. Vimpany in der Tat nach Vorschriften von Lord Harry gehandelt hat. Warten Sie daher noch eine kurze Zeit, bevor Sie Ihre Reisegefährtin beschuldigen, dass sie Ihnen nur in der Absicht ihre Dienste angeboten habe, um Sie zu täuschen.«

Iris war von neuem ärgerlich über ihren Freund.

»Warum aber hat mir Mrs. Vimpany nie gesagt, dass sie Lord Harry kennt? Ist das nicht verdächtig?«

Mountjoy lächelte.

»Erlauben Sie, dass ich auch meinerseits eine Frage stelle,« sagte er. »Haben Sie denn Mrs. Vimpany erzählt, dass Sie Lord Harry kennen?«

Iris gab keine Antwort, aber ihr Gesicht sprach stattdessen. »Nun also,« fuhr er fort, »ist vielleicht ihr Schweigen verdächtig? Merken Sie wohl, ich bin weit davon entfernt, zu sagen, dass dieses, wenn es der Fall wäre, nicht eine sehr unangenehme Entdeckung sein würde. Aber lassen Sie uns nur erst vollkommen sicher sein, dass wir recht haben.«

Neben den meisten weiblichen Vorzügen besaß Miss Henley auch viele Fehler der Frauen. Sie hielt an ihrer eigenen Meinung fest und fragte nur Hugh, wie sie denn hoffen könnten, zu einer Gewissheit darüber zu kommen, da sie doch ihre Fragen an eine Person richten müssten, welche sie schon getäuscht hätte.

Mountjoys unerschöpfliche Geduld suchte Mrs. Vimpany immer noch zu verteidigen.

»Wenn sie zurückkommt,« sagte er, »so werde ich schon eine passende Gelegenheit zu finden wissen und Lord Harrys Namen erwähnen. Wenn sie dann sagt, dass sie ihn kennt, so können wir mit gutem Gewissen ihr auch weiterhin trauen.«

»Angenommen nun, sie heuchelt Unkenntnis,« fuhr Iris hartnäckig fort, »und gibt sich den Anschein, als ob sie niemals zuvor seinen Namen gehört hätte.«

»In diesem Falle werde ich gern zugeben, dass ich im Unrecht war, und werde Sie bitten, mir zu verzeihen.«

Da fühlte sich Iris denn doch beschämt.

»Ich bin es,« erwiderte sie, »die um Verzeihung bitten muss. O, wie oft ist es schon mein Wunsch gewesen, dass ich mir alles genau vorher überlegen könnte, bevor ich es ausspreche; wie anmaßend und ungezogen bin ich jetzt wieder gewesen, aber angenommen, Hugh, es stellte sich heraus, dass ich doch recht hätte, was werden Sie dann tun?«

»Dann, meine liebe Iris, würde es meine Pflicht sein, Sie und Ihr Kammermädchen so schnell wie möglich aus diesem Hause wegzubringen und Ihrem Vater zu sagen, welch gewichtige Gründe dafür vorhanden sind.«

Er hielt in seiner Rede plötzlich inne. Mrs. Vimpany betrat soeben das Zimmer; sie war wieder in dem vollständigen Besitz ihrer vornehmen Höflichkeit, welche durch ein verbindliches Lächeln gemildert wurde.

»Ich habe Sie, Miss Henley, in solch guter Gesellschaft gelassen,« sagte sie mit einem graziösen Neigen ihres Kopfes gegen Mountjoy, »dass ich wohl kaum nötig habe, meine Entschuldigung zu wiederholen. Es müsste denn sein, dass ich eine vertrauliche Unterredung durch mein Kommen gestört hätte.«

Die günstige Gelegenheit, dem vorgenommenen Versuch mit Lord Harrys Namen zu machen, schien sich jetzt schon von selbst dargeboten zu haben. Mountjoy ergriff sie rasch.

»Sie haben durchaus nichts gestört, was irgendwie vertraulich gewesen wäre,« beeilte er sich, Mrs. Vimpany zu versichern. »Wir haben nur von einem leichtsinnigen jungen Edelmann gesprochen, den wir beide sehr gut kennen. Wenn das, was ich von ihm höre, wahr ist, so ist er schon eine öffentliche, allgemein bekannte Persönlichkeit geworden; seine Abenteuer und tollen Streiche haben bereits ihren Weg in verschiedene Zeitungen gefunden.«

Hier hätte nun Mrs. Vimpany, wenn sie den Erwartungen Hughs entsprochen haben würde, fragen sollen, wer denn der junge Edelmann wäre; sie hörte aber nur mit höflichem Stillschweigen zu.

Mit der schnellen Auffassungsgabe der Frau hatte Iris sofort erkannt, dass Mountjoy die Gelegenheit, zu fragen, nicht allein zu früh ergriffen, sondern dass er auch mit einer allzu handgreiflichen Deutlichkeit gesprochen hatte, welche eine so kluge und schlaue Person wie Mrs. Vimpany war, vorsichtig machen musste. In dem Bestreben jedoch, ihn von der Verfolgung seines unglücklichen Versuches abzuhalten, verfiel Iris in denselben Fehler wie Hugh Mountjoy. Sie ergriff ebenfalls zu früh die ihr passend erscheinende Gelegenheit, das heißt, sie war allzu voreilig, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

»Sie sprachen soeben, Hugh, von den Abenteuern unseres Freundes,« sagte sie; »ich fürchte, Sie werden sich selbst in ein Abenteuer von nicht sehr angenehmer Art verwickelt haben, wenn Sie in dem Gasthofe ein Nachtquartier zu finden hoffen. Ich habe noch niemals zuvor ein so erbärmliches Wirtshaus wie das hiesige gesehen.«

»Nicht doch, meine liebe Miss Henley,« beeilte sich Mrs. Vimpany einzuwenden, »das Gasthaus ist viel reinlicher und wohnlicher als Sie annehmen. Ein hartes Bett und eine dürftige Ausstattung sind die schlimmsten Unannehmlichkeiten, welche Ihr Freund zu fürchten hat. - Wissen Sie,« fuhr sie dann, zu Mountjoy gewendet, fort, »dass ich lebhaft an einen meiner Bekannten erinnert wurde, als Sie vorhin von dem jungen Edelmann sprachen, von dessen Abenteuern schon in den Zeitungen berichtet wurde? Sollte es denn möglich sein, dass Sie damit den Bruder des gegenwärtigen Earl of Norland gemeint haben? Ein hübscher junger Irländer, mit dem ich seit vielen Jahren bekannt bin! Habe ich recht in meiner Annahme, dass Sie und Miss Henley Lord Harry kennen?« fragte sie.

Was konnte ein unbefangenes Gemüt mehr verlangen? Nachdem Mountjoy bestätigt hatte, dass Lord Harry der junge Edelmann sei, von dem er und Miss Henley gesprochen hatten, stand er auf, um sich zu verabschieden.

Iris fühlte das dringende Bedürfnis, noch einige Worte mit Hugh allein zu sprechen. Der Vorwand dafür bot sich von selbst dar durch die entfernte Lage des Gasthauses.

»Sie werden niemals allein den Rückweg finden,« sagte sie, »durch das Labyrinth von krummen und winkeligen Gassen in dieser alten Stadt. Warten Sie einen Augenblick auf mich, ich werde Sie führen.«

Mrs. Vimpany machte dagegen Einwendungen und sagte: »Meine Liebe, das Dienstmädchen kann ja Ihrem Freund den Weg zeigen.« Iris hielt jedoch lachend an ihrem Entschlusse fest und eilte hinweg in ihr Zimmer. Mrs. Vimpany fügte sich in der liebenswürdigsten Weise diesen Beschluss. Die Beweggründe Miss Henleys konnten für sie kaum klarer sein, wenn Iris sie offen bekannt hätte.

»Welch ein reizendes Mädchen!« sagte sie zu Mountjoy, als sie allein war. »Wenn ich ein Mann wäre, so würde Miss Iris gerade die junge Dame sein, in die ich mich verlieben könnte.« Sie blickte bedeutungsvoll zu Mountjoy hin, da er aber nichts darauf erwiderte, fuhr sie fort: »Miss Henley muss schon viele Gelegenheiten gehabt haben, sich zu verheiraten, aber ich fürchte, der Rechte ist noch nicht erschienen.« Noch einmal blickte sie mit ihren sprechenden Augen herausfordernd auf Mountjoy, aber wiederum schwieg er still. Manche Frauen lassen sich leicht entmutigen; aber die unergründliche Mrs. Vimpany war eine von den anderen Frauen; sie war noch nicht fertig mit Mountjoy und lud ihn daher für den nächsten Tag zu Tische ein.

»Wir speisen schon sehr früh, um drei Uhr,« sagte sie bescheiden. »Bitte, geben Sie uns die Ehre. Ich hoffe dann bestimmt, das Vergnügen zu haben, Ihnen meinen Gatten vorstellen zu können.«

Mountjoy hatte gute Gründe, die Bekanntschaft mit Mr. Vimpany zu wünschen. Als er die Einladung annahm, kehrte Miss Henley zurück, um ihn nach dem Gasthof zu begleiten.

Iris richtete an Hugh, sobald sie das Haus des Doktors verlassen hatten, die unvermeidliche Frage:

»Nun, was sagen Sie jetzt zu Mrs. Vimpany?« »Meiner Ansicht nach muss sie eine Schauspielerin gewesen sein,« antwortete Mountjoy, »und benützt jetzt ihre auf der Bühne gemachten Erfahrungen im gewöhnlichen Leben.« »Was beabsichtigen Sie nun zunächst zu tun?« »Ich beabsichtige zu warten und mir morgen den Gatten von Mrs. Vimpany anzusehen.« »Warum?«

»Mrs. Vimpany, liebe Iris, ist mir zu gescheit. Wenn sie - ganz abgesehen davon, ob es sich in Wirklichkeit so verhält oder nicht - wenn sie in der Tat Lord Harrys Kreatur ist, von ihm beauftragt, Sie zu überwachen und ihm mitzuteilen, wo Sie für die nächste Zeit in England Ihren Aufenthalt nehmen, dann will ich gern zugestehen, dass sie mich vollständig getäuscht hat. Wenn dies der Fall ist, so kann es gerade leicht möglich sein, dass ihr Gatte kein so vollendeter und ausgezeichneter Betrüger ist wie sein Weib. Und dann bin auch ich im Stande, ihn zu durchschauen. Ich kann natürlich nur den Versuch machen.«

Iris seufzte.

»Ich möchte fast hoffen,« sagte sie, »dass Sie keinen Erfolg hätten.« Mountjoy war betroffen über diese Worte und suchte das auch nicht zu verbergen.

»Ich dachte, Sie wollten nur die Wahrheit erfahren,« antwortete er.

»Mein Herz würde wahrscheinlich leichter sein, wenn ich im Zweifel geblieben wäre,« erwiderte sie. »Unrichtige Schlussfolgerungen haben meine armselige Meinung in Gegensatz zu der Ihrigen gebracht, aber ich komme jetzt wieder zu einer besseren Einsicht. Ich glaube, Sie waren vollständig im Rechte, als Sie versuchten, mich von voreiligen Schlüssen abzuhalten; es ist mehr denn wahrscheinlich, dass ich Mrs. Vimpany Unrecht getan habe. O Hugh, wenn ich es doch nur verstünde, mir einen Freund zu erhalten! Ich bin auch, wenn ich an den Edelmut denke, den Lord Harry in seiner aufopfernden Besorgnis für Arthurs Rettung bewiesen, nicht im Stande, an solchen verächtlichen Betrug zu glauben. Er hat doch erst in unsere Trennung eingewilligt und sollte mich nun in heimlicher Weise durch einen Spion überwachen lassen? Was wäre das für ein ungeheurer Widerspruch! Kann jemand daran glauben? Kann jemand das erklären?«

»Ich glaube, ich kann es erklären, Iris, wenn Sie mir erlauben, den Versuch zu machen. Sie sind, um damit zu beginnen, in einem großen Irrtum befangen.«

»In welchem Irrtum?«

»Sie werden es gleich erfahren. Es gibt auf der ganzen Erde kein Geschöpf, das ein vollständig konsequentes Wesen wäre. Lord Harry hat sich, wie Sie ganz richtig bemerkten, sehr edel benommen bei seinen Versuchen, meinem geliebten armen Bruder das Leben zu retten. Es sollte nun nach Ihrer Meinung in allen seinen Gedanken und Handlungen bis an das Ende seines Lebens immer edel sein. Nehmen Sie an, dass die Versuchung an ihn herantrete - eine solche schwere Versuchung, wie Sie selbst, Iris, ohne Ihren Willen für ihn sind - warum setzt er ihr nicht einen übermenschlichen Widerstand entgegen? Sie könnten ebenso gut fragen, warum ist er ein sterblicher Mensch! Glauben Sie nicht, dass auch in ihm Neigungen zum Bösen vorhanden sind, ebenso wie Neigungen zum Guten? Ah, ich sehe, dass Sie das nicht hören wollen! Es würde allerdings unendlich viel angenehmer sein, wenn Lord Harry einer von den vollkommen edlen Charakteren wäre, wie sie uns zuweilen in Romanen und Novellen entgegentreten. Die Wirklichkeit ist leider anders. Ich habe nicht etwa die Absicht, Sie verzagt zu machen, Iris; ich möchte Sie im Gegenteil dazu ermutigen, die Menschheit von einem weiteren und wahreren Standpunkt aus zu betrachten. Sie sollen nicht gleich zu sehr niedergeschlagen sein, wenn Sie Ihren Glauben an einen Menschen erschüttert finden, den Sie bisher für gut hielten. Der Betreffende ist in Versuchung geführt worden. Die Menschen sind im allgemeinen weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Nehmen Sie sie, wie Sie sie finden.«

Sie trennten sich an der Tür des Gasthauses.

Sechzehntes Kapitel

Der Wundarzt Mr. Vimpany war ein dicker Mann, kräftig gebaut vom Kopf bis zu den Füßen; seinen lebhaften, runden Augen blickten die Mitmenschen mit dem Ausdruck einer gewissen unverschämten Vertraulichkeit an; seine Lippen waren voll, sein Backenbart dicht, seine Hände fleischig und seine Beine stark. Dazu kamen ein sonnenverbranntes, breites Gesicht, ein grauer, sehr weiter Rock, eine schwarz und weiß karierte Weste und lederne Reithosen, um den Glauben nahe zu legen, man habe einen Landwirt der alten Schule vor sich. Er war stolz auf diesen falschen Eindruck, den er machte. »Die Natur hat mich zum Landwirt geschaffen,« pflegte er zu sagen, »aber meine arme, törichte alte Mutter, die eine Dame aus vornehmen Hause war, bestand darauf, dass ihr Sohn ein Gelehrter werden sollte. Ich hatte jedoch weder Lust zur Rechtswissenschaft, noch Geld zur Armee, noch die zur Theologie erforderlichen moralischen Lebensanschauungen. Nun, so bin ich denn jetzt hier ein Landarzt - ein Repräsentant der Sklaverei, wie sie sich noch bis in das neunzehnte Jahrhundert erhalten hat. Sie werden es mir nicht glauben, aber ich kann niemals einen Arbeiter auf dem Feld sehen, ohne ihn zu beneiden.«

Dies war der Gatte der vornehmen Dame mit den sorgfältig beobachteten feinen Manieren. Dies war der Mann, welcher Mountjoy mit einem lauten: »Sehr erfreut, Sie zu sehen, Sir!« und einem so kräftigen Händedruck begrüßte, dass es Hugh weh tat.

»Ein sehr bescheidenes Mittagessen,« sagte Mr. Vimpany, während er ein großes Stück Fleisch zerschnitt, »aber ich kann es nicht besser geben. Es kommt dann nur noch eine Mehlspeise und ein Glas vorzüglichen alten Sherrys. Miss Henley wird liebenswürdig genug sein, es zu entschuldigen - meine Frau ist daran gewöhnt, und Sie werden auch damit vorlieb nehmen, Mr. Mountjoy, wenn Sie nur halb so liebenswürdig sind, wie Sie aussehen. Ich bin ein Mann von altem Schrot und Korn. Ich freue mich, Sir, ein Glas Wein mit Ihnen trinken zu können!«

Hughs erste Bekanntschaft mit diesem vorzüglichen alten Sherry ließ ihn eine Entdeckung machen, welche sich in der Folge noch viel wichtiger erwies, als er im ersten Augenblick geneigt war, anzunehmen. Er bemerkte vorderhand nur, mit welch inniger Befriedigung Mr. Vimpany den schlechtesten Sherry trank, den sein Gast jemals über seine Lippen gebracht hatte. Hier war wirklich einmal ein Arzt, der sich in vollständiger Selbsttäuschung befand und auf diese Weise eine seltene Ausnahme von der gewöhnlichen Regel bei den Vertretern dieses Berufes machte - hier war wirklich einmal ein Arzt, der keinen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wein zu machen verstand. Beide Damen aber waren sehr begierig, zu hören, wie Mountjoy die Nacht in den Gasthof verbracht hatte. Er konnte nur sagen, dass er über nichts zu klagen hätte. Da brach Mr. Vimpany in ein schallendes Gelächter aus.

»O, mit etwas müssen Sie aber unzufrieden gewesen sein!« rief der dicke Doktor. »Ich möchte hundert gegen eins wetten, wenn ich es könnte, dass die Wirtin den Versuch gemacht hat, Sie mit ihrem sauren französischen Wein zu vergiften.«

»Sprechen Sie von dem französischen Rotwein des Wirtshauses, nachdem Sie ihn gekostet haben?« fragte Mountjoy.

»Für was halten Sie mich denn eigentlich?« rief Mr. Vimpany. »Nach allem, was ich von diesem Rotwein gehört habe, bin ich wirklich nicht so dumm, ihn selbst noch zu versuchen, das können Sie mir glauben.«

Mountjoy nahm diese Antwort stillschweigend hin. Die Unkenntnis des Doktors und sein Vorurteil in Sachen des Weines hatte ihn auf eine Reihe ganz neuer Gedanken gebracht, welche für Mr. Vimpany selbst sehr bedenkliche Folgen haben sollten. Es war eine Pause am Tisch entstanden; niemand sprach ein Wort. Der Doktor las im Gesicht seiner Frau Missbilligung über sein unfeines Benehmen, er versuchte daher in sehr ungeschickter Weise, sich bei Mountjoy, der immer noch mit seinen Gedanken beschäftigt dasaß zu entschuldigen.

»Ich hoffe, Sie haben mir meine Worte nicht übel genommen. Es liegt in meiner Natur, meine Meinung offen auszusprechen. Wenn ich es verstünde, zu schmeicheln und schön zu tun, so würde es mir entschieden in meinem Beruf besser gehen. Ich bin, wie man sagt, ein ungeschliffener Diamant. Bitte, nicht beleidigt sein!«

»O, gewiss nicht, Mr. Vimpany!« beruhigte ihn Mountjoy.

»Das ist recht! Jetzt trinken Sie aber noch ein Glas Sherry!« Mountjoy trank schweigend sein Glas aus.

Iris blickte ihn verwundert an. Es sah Hugh so vollständig unähnlich, dass er die übliche Artigkeit so ganz außer acht ließ, um unbekümmert seinen Gedanken nachzuhängen, während andere Leute neben ihm am Tische saßen. War er krank? Sein Aussehen bezeugte vollkommenes Wohlbefinden. Was hatte denn sein seltsames Benehmen zu bedeuten?

Da Mr. Vimpany bemerkte, dass Mountjoy nicht auf seine Reden hörte, wendete er sich an Iris.

»Ich habe einen scharfen Ritt gemacht, Miss Henley,« sagte er, »um zur rechten Zeit zum Mittagessen nach Hause zu kommen. Ich muss Ihnen gestehen, es gibt Patienten, welche nach dem Doktor schicken, und dann in der Meinung sind, sie wüssten mehr von ihrem Leiden als derjenige, den sie haben holen lassen, damit er sie kuriere. Er ist es nicht, der ihnen sagt, welche Krankheit sie haben, sondern sie sind es, die es ihm sagen. Ein Gespräch über die ärztliche Behandlung, das ist das Beste für sie, und das einzige, was sie nie müde werden zu tun, ist, dass sie über die Erscheinungen ihres Leidens sprechen. Heute hat mich ein alter Mann so lange aufgehalten; indessen der gnädige Herr, wie sie ihn in seiner Gegend zu nennen pflegen, hat einen großen Geldbeutel, und da muss ich geduldig sein.«

»Es ist ein Edelmann aus der alten Schule, Miss Henley,« erklärte Mrs. Vimpany - »ungeheuer reich! Geht es ihm jetzt wieder besser?« fragte sie dann, sich an ihren Gatten wendend.

»Besser?« rief der Doktor, der noch ganz außer Atem war. »Ach was, der hat kein anderes Leiden, als dass er zu gut und zu viel isst und trinkt. Er ist vor kurzem in London gewesen und hat einen berühmten Arzt um Rat gefragt, natürlich einen Schwindler mit großem Namen. Dieser vortreffliche Heilkünstler wusste aber nichts mit ihm anzufangen und schickte ihn in auswärtige Bäder, damit er sich dort gehörig auskochen lassen sollte. Er kam wieder nach Hause zurück, schlechter als jemals, und wandte sich nun an mich Armen. Als ich zu ihm kam, fand ich ihn bei Tische sitzen, - ein wahres Festmahl, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort - und der alte Narr stopfte sich voll, bis er ganz blau im Gesicht wurde. Ich hätte eigentlich besser sagen sollen, sein Wein war von sehr schlechter Sorte, es fehlte ihm der Gehalt und die Blume, Sie verstehen mich schon, Mr. Mountjoy. Ah, das scheint Sie zu interessieren! Nicht wahr, Sie denken an den Wein der Wirtin? Ist es nicht so? Nun, Sir, wie glauben Sie wohl, dass ich den gnädigen Herrn behandelt habe? - Durch ein ordentliches, kräftiges Brechmittel reinigte ich sein altes, abgenütztes Inneres und brachte ihn so auf die Beine. Sobald er wieder einmal zu viel gegessen hat, schickt er sofort nach mir, und er bezahlt sehr anständig. Ich muss ihm dankbar sein, und ich bin es auch. Bei meiner Seele, ich hätte schon längst Bankrott gemacht, wenn der Magen des alten Esels nicht wäre. Haha, sehen Sie sich einmal meine Frau an, sie stößt mich immer unter dem Tisch. Nicht wahr, mein Herz, wir sollten den Schein aufrecht erhalten? Aber ich tue es nicht! Wenn ich arm bin, so gestehe ich auch ein, dass ich arm bin. Wenn ich einen Patienten kuriere, so mache ich kein Geheimnis daraus. Jeder Mann ist mir willkommen, der hören will, wie ich es gemacht habe. Sei nur nicht gleich so böse, Arabella; die Natur hat mich nun einmal nicht zum Arzt bestimmt, und so mag es eben gehen, wie es gehen will. Noch ein Glas Sherry gefällig, Mr. Mountjoy?«

Alle gesellschaftlichen Formen - mit Einschluss der eigentümlichen englischen Gewohnheit, dass die Damen nach dem Essen vom Tisch weg gehen und die Herren sich selbst überlassen - fanden an Mrs. Vimpany eine begeisterte und ergebene Anhängerin. Sie stand auf, als wenn sie bei einem großen und feierlichen Gastmahl den Vorsitz geführt hätte, und geleitete Miss Henley in der liebenswürdigsten Weise in das Empfangszimmer. Iris blickte nach Hugh, aber sein Geist war noch mit anderen Dingen beschäftigt, denn sein Gesicht hatte noch nicht den nachdenklichen Ausdruck verloren.

In der aufgeräumtesten Laune schob Mr. Vimpany jetzt die Flasche seinem Gast über den Tisch zu und hielt ihm eine Hand voll dicker schwarzer Zigarren hin.

»Hier ist etwas, was zu dem Traubensaft passt!« rief er. »Das ist die beste Zigarre in ganz England!«

Er hatte gerade sein Glas von neuem gefüllt und wollte sich eben seine Zigarre anzünden, als das Dienstmädchen hereintrat mit einem Zettel in der Hand. Manche Leute machen ihrem Unwillen in dieser, andere in jener Weise Luft. Bei dem Doktor geschah es durch Schelten.

»Nun soll mir einmal einer nicht von Sklaverei reden! Suchen Sie einmal einen Sklaven in ganz Afrika, wie ein Mann meines Berufes einer ist! Für uns gibt es keine Stunde, weder bei Tag noch bei Nacht, die wir zu unserer freien Verfügung haben. Da, hier ist eine so dumme, alte Frau, die an Asthma leidet; sie hat wieder einmal einen Krampfanfall gehabt, und deshalb muss ich jetzt meinen Mittagstisch verlassen und meinen Freund, gerade wo wir erst jetzt recht vergnügt sein wollen. Ich hätte beinahe Lust, nicht hinzugehen.«

Der unaufmerksame Gast rehabilitierte sich plötzlich in den Augen seines Wirtes. Hugh machte lebhafte Einwendungen gegen die zuletzt laut gewordene Absicht Mr. Vimpanys, so dass es den Anschein hatte, als ob ihn der Fall interessiere. Der Doktor fasste es als ein Kompliment auf, als Mountjoy fragte:

»Aber Mr. Vimpany, wo bleibt dann die Menschenfreundlichkeit?« »Sie meinen wohl das Geld, Mr. Mountjoy,« antwortete der witzige Doktor. »Die alte Dame ist die Mutter unseres Bürgermeisters, Sir. Sie scheinen mir keinen Spaß zu verstehen; ich werde natürlich hingehen, um das Honorar in meine Tasche stecken zu können.« Sobald er die Tür geschlossen hatte, atmete Hugh Mountjoy wie erlöst auf und brach in den aufrichtigen Freudenruf aus: »Gott sei Dank, dass er fort ist!« Dann wanderte er in dem Zimmer auf und ab und ließ ungestört seinen Gedanken freien Lauf.

Der Gegenstand seines Nachdenkens war der Einfluss der geistigen Getränke, welcher die verborgenen Schwächen und Fehler in dem Charakter eines Mannes verrät, indem er sie genau so zu Tage treten lässt, wie sie in Wirklichkeit sind, vollkommen aller Bande ledig, welche der nüchterne Mensch sich auferlegt. Dass hier die schwache Seite Mr. Vimpanys lag, war außer Zweifel. Wenn man so schlau war, ihn trinken zu lassen, so viel er wollte, so konnte man ihn ohne viel Mühe der Fähigkeit, seine Gedanken zu verbergen, berauben und die Natur der Verbindung, welche zwischen Lord Harry und Mrs. Vimpany bestand, musste auf diese Art und Weise früher oder später klar werden - vielleicht in einem Gespräch nach dem Essen bei geschicktem Verhalten. Die Unfähigkeit des Doktors, einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wein zu machen, kam dabei ebenso gelegen wie Mountjoys Kenntnis von der vortrefflichen Qualität des französischen Rotweins der Gastwirtin. Er hatte sofort, als er ihn gekostet, erkannt, dass er aus einem der besten Weinberge von Bordeaux stammte und seine wahre Güte und Stärke dem gewöhnlichen und unerfahrenen Geschmack unter jener Blume verbarg, die dem echten Bordeaux eigen ist. Man brauchte ja nur Mr. Vimpany aufzufordern, - etwa durch eine Einladung zum Mittagessen in den Gasthof - seine Meinung als ein Mann, dessen Urteile in Weinsachen vollständiges Vertrauen geschenkt werden dürfte, über diese Sorte abzugeben; man brauchte ihn nur auf diese Art und Weise entdecken zu lassen, dass Hugh reich genug war, um sich einen solchen Wein kaufen zu können, und die Erreichung des gesteckten Zieles war einfach nur eine Frage der Zeit. Es war sicherlich die beste Gelegenheit dazu vorhanden. Mountjoy beschloss, den Versuch zu wagen, und tat es auch.

Mr. Vimpany kehrte von seinem Krankenbesuche zurück, vollständig mit sich selbst zufrieden.

»Die Mutter des Bürgermeisters hat guten Grund, Ihnen dankbar zu sein,« sagte er; »wenn Sie mich nicht zur Eile angetrieben hätten, so würde die elende alte Frau daraufgegangen sein. Ein regelrechter Kampf war es zwischen dem Tod und dem Arzt - beim Jupiter! - und der Doktor hat gewonnen. Nun lassen Sie mich aber auch meine Belohnung haben, und reichen Sie mir die Flasche.

Er nahm sie in die Hand und betrachtete sie.

»Ja, was ist denn mit Ihnen?« fragte er. »Ich hatte sicher darauf gerechnet, dass ich den Kellerschlüssel brauchen würde, wenn ich nach Hause käme, denn ich konnte doch nicht voraussetzen, dass Sie keinen Tropfen trinken würden. Was soll denn das heißen?«

»Das soll heißen, dass ich nicht wert bin, Ihren Sherry zu trinken,« antwortete Mountjoy. »Die spanischen Weine sind viel zu schwer für meine schlechte Verdauung.«

Mr. Vimpany brach wiederum in ein schallendes Gelächter aus.

»Aha, ich verstehe, Sie vermissen gewiss den Weinessig der Wirtin.« »Ja, das tue ich wirklich. Der von Ihnen bespöttelte Weinessig der Wirtin ist nämlich der beste Château Margaux, der mir jemals vorgekommen ist, und wird hier an eine Gesellschaft verschwendet, die gar nicht wert ist, solchen Wein zu trinken.

Die angeborene Unverschämtheit des Doktors zeigte sich gleich wieder.

»Sie haben natürlich diesen wunderbaren Wein gekauft,« sagte er ironisch.

»Ja,« antwortete Mountjoy, »das habe ich getan.«

Zum ersten Mal in seinem Leben verließ Mr. Vimpany seine gewöhnliche Redegewandtheit. Er sah seinen Gast mit stummem Erstaunen an. Diese Gelegenheit nützte Mountjoy aus. Mr. Vimpany nahm eine Einladung zum Mittagessen für den nächsten Tag im Gasthaus mit der freudigsten Bereitwilligkeit an, aber er stellte eine Bedingung.

»Im Fall, dass ich mit dem, was Sie über Ihren wunderbaren Château - ich weiß nicht, wie Sie ihn nennen - behaupten, nicht übereinstimme,« sagte er, »werden Sie es nicht übel nehmen, wenn ich nach Hause schicke und eine Flasche von meinem alten Sherry holen lasse.«

Das nächste Ereignis dieses Tages war ein Besuch des interessantesten Bauwerks, welches sich in der Stadt aus früheren Zeiten erhalten hatte. In Abwesenheit des Doktors, der seinen Beruf nachgegangen war, forderte Miss Henley Mountjoy zu Besichtigung der alten Kirche auf, und Mrs. Vimpany begleitete die beiden, wodurch sie ihre Hochachtung für den Freund Miss Henleys Ausdruck gab.

Als sich die Gelegenheit bot, unbelauscht ein vertrauliches Wort zu Hugh zu sagen, war Iris bestrebt, die Frau des Doktors zu loben.

»Sie können sich nicht vorstellen, Hugh, wie liebenswürdig sie seit gestern gegen mich ist, und wie sie mich vollkommen überzeugt hat, dass ich ihr Unrecht getan habe, bitteres Unrecht, indem ich Schlimmes von ihr dachte. Sie weiß, dass Sie sie nicht leiden mögen, und doch spricht sie nur in der liebenswürdigsten Weise von Ihnen. ,Ihr kluger Freund,'sagte sie, ,befindet sich so wohl in Ihrer Gesellschaft, dass ich Sie bitte, mich zu begleiten, wenn ich ihm später unsere alte Kirche zeige.' Ist das nicht uneigennützig gehandelt?«

Mountjoy behielt seine Ansicht für sich. Die edelmütigen Regungen, welche zuweilen Iris irre führten, gestatteten keinen Widerspruch. Seine eigene Ansicht über Mrs. Vimpany stand der ihrigen immer noch unverändert entgegen. In der Hoffnung, am nächsten Tag Entdeckungen zu machen, welche viel zu ernst sein konnten, um jetzt nichtssagende allgemeine Redensarten auszutauschen, tat er sein Möglichstes, um auf etwaige zukünftige Vorfälle hinreichend vorbereitet zu sein.

Nachdem er sich noch überzeugt hatte, dass der gegenwärtige Gesundheitszustand von Iris' Kammermädchen keine Veranlassung bot, ihre Herrin länger in Honeybuzzard festzuhalten, kehrte er in das Gasthaus zurück und schrieb an Mr. Henley. Vollständig wahrheitsgetreu stellte sein Brief die Zugeständnisse dar, welche die Tochter von ihrem Vater verlangte, aber von einem neuen Gesichtspunkt aus. Wie auch immer sein Entschluss ausfallen würde, bat er Mr. Henley durch den Telegrafen, ihm seine Antwort zu übermitteln. Die vorgelegte Frage lautete: »Wollen Sie Iris wieder aufnehmen?«, die erwartete Antwort: Ja oder Nein.

Siebzehntes Kapitel

Mr. Henleys Telegramm traf am nächsten Morgen im Gasthof ein.

Er war bereit, seine Tochter wieder aufzunehmen, aber nicht bedingungslos. Die Antwort war charakteristisch für den Mann: »Ja - versuchsweise.« Mountjoy wurde davon nicht weiter berührt; er wunderte sich nicht einmal darüber. Er wusste, dass die erfolgreichen Spekulationen, durch welche Mr. Henley sein Vermögen bedeutend vergrößert hatte, ihm eine Menge von Feinden erweckt hatten, die es sich angelegen sein ließen, allerlei ehrenrührige Geschichten über ihn zu verbreiten, die niemals vollständig widerlegt wurden. Das allmähliche stille Zurückziehen der Freunde, auf deren Treue er gebaut, hatte das Herz des Mannes verhärtet und ihn verbittert. Leute, die sich im Unglück befanden und die den reichen, in Zurückgezogenheit lebenden Kaufmann um Hilfe angingen, fanden in den ausgezeichnetsten Empfehlungen ihres Charakters und ihrer Fähigkeiten, die sie etwa aufzuweisen hatten, die denkbar schlechtesten Fürsprecher, die sie wählen konnten. Gegen solche aber, die kaum so viel besaßen, um sich notdürftig kleiden zu können, war Mr. Henley die Mildtätigkeit selbst. Wenn er gefragt wurde, wie er denn dieses sein Verhalten rechtfertigen könnte, sagte er: »Ich habe Sympathie mit diesen armen Verlassenen, denn ich bin selbst ein solcher.«

Zur Zeit des Mittagessens erschien der Doktor im Gasthause; er befand sich jedoch in keiner liebenswürdigen Laune.

»Wieder einen Tag voll schwerer Arbeit hinter mir; ich würde unterlegen sein, wenn ich nicht die Aussicht auf die Belohnung, die mich hier erwartet, gehabt hätte. London oder die Nachbarschaft von London, das wäre der rechte Platz für einen Mann, wie ich bin. Merken Sie sich aber, ich bin ein Mann, der stets die Wahrheit sagt; wenn mir daher Ihr französisches Getränk nicht schmeckt, werde ich dieses unumwunden bekennen.«

Das Gasthaus besaß keine richtigen Weingläser; man musste daher diesen feinen Wein aus Wassergläsern trinken, als ob es eine ganz gewöhnliche Sorte gewesen wäre.

Mr. Vimpany bewies, dass er vollständig vertraut mit der Art und Weise war, wie man Weine zu versuchen hat. Er füllte das Wasserglas, welches das fehlende Weinglas vertreten musste, hielt es gegen das Licht und betrachtete den Wein aufmerksam; dann bewegte er das Glas unter seiner Nase hin und her und roch mehreremal daran; dann hielt er inne und überlegte. Er kostete den Wein so vorsichtig, als ob er fürchtete, dass er vergiftet wäre; dann schnalzte er mit den Lippen und leerte endlich das Glas auf einen Zug. Schließlich bewies er noch einige Rücksicht für seinen Gastgeber, indem er seine Ansicht über den Wein mit folgenden Worten kundgab:

»Nicht so gut, wie Sie denken, Sir, aber ein angenehmer, leichter Rotwein, rein und gesund. Hoffentlich haben Sie nicht allzu viel dafür bezahlt.«

Bis hieher hatte Hugh ein unsicheres Spiel gespielt. Aber jetzt kam endlich seine Belohnung. Nach dem, was der Doktor soeben zu ihm gesagt hatte, wusste er, dass er die gewinnende Karte sicher in seiner Hand hielt.

Das schlechte Essen war bald vorüber, natürlich ohne Suppe; der Fisch in dem bekannten Zustand der Erkaltung, wie er gewöhnlich in einem heruntergekommenen Gasthof einer Landstadt aufgetragen zu werden pflegt. Das Beefsteak wetteiferte in der Zähigkeit mit Gummi, der Anblick der Kartoffeln schien zu sagen: »Fremder, iss uns nicht!« Die Mehlspeise würde selbst ein Kind abgeschreckt haben, und der berühmte englische Käse, welcher, schmählich genug, aus den Vereinigten Staaten nach England kommt, beleidigte die Zunge, wenn man ihn in den Mund steckte. Aber der Wein, der ausgezeichnete Wein, würde jeden andern, nur Mr. Vimpany nicht, für die Menge des Essens entschädigt haben. Ein Wasserglas nach dem andern, gefüllt mit diesem edlen Stoff, goss er durch seine durstige Kehle ganz ohne jedes Verständnis hinab, behauptete dabei doch immer noch, dass es ein ganz angenehmer, leichter Wein sei, und konnte immer noch nicht das schlechte Essen vergessen.

»Die Kost ist hier,« sagte dieser weise Mann, »womöglich noch schlechter als die Kost, die ich auf der See bekam, damals, als ich an Bord eines Passagierdampfers als Arzt angestellt war. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich meine Stellung verlor? O, sagen Sie es nur offen, wenn Sie glauben, dass meine kleine Geschichte nicht wert ist, angehört zu werden.«

»Aber, mein bester Doktor, ich bin ja, wie Sie sehen, ganz gespannt darauf, sie zu vernehmen.«

»Sehr wohl - Sie sind doch nicht beleidigt? - nun, das ist recht! Also der Kapitän des Schiffes beklagte sich über mich bei den Eigentümern; ich wollte nicht jeden Morgen herumgehen und an den Türen der Frauenkabinen klopfen und mich erkundigen, wie sich die Damen nach einer Nacht, während der sie seekrank gewesen waren, befänden. Wer in aller Welt weiß denn nicht, wie ihnen zu Mute ist, auch ohne dass er vorher an ihren Türen angeklopft hat? Sie sollen den Doktor einfach holen lassen, wenn sie ihn brauchen. So fasste ich damals mein Amt auf, und das kostete mich meine Stelle. Geben Sie mir den Wein her. Da wir einmal von Damen sprechen, wie denken Sie über meine Frau? Haben Sie jemals so ausgezeichnete Manieren gesehen? Mein lieber Freund, ich habe eine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen gefasst; reichen Sie mir Ihre Hand. Ich werde Ihnen noch eine andere kleine Geschichte erzählen. Woher glauben Sie wohl, dass meine Frau diese noblen Manieren und ihre graziösen Bewegungen hat? - Ha, ha, von der Bühne! Das nobelste Fach in diesem Beruf, Sir, eine tragische Schauspielerin. Wenn Sie Mrs. Vimpany als Lady Macbeth gesehen hätten, es würde Sie kalt überlaufen haben. Sehen Sie mich an, heften Sie Ihre Augen fest auf einen Mann, der erhaben ist über alle die heuchlerischen Vorurteile gegen das Theater. Habe ich es nicht deutlich bewiesen dadurch, dass ich eine Schauspielerin heiratete? Aber wir sprechen hier nicht davon! Die rohe Gesellschaft in diesem elenden Nest würde gar nicht mehr zu mir kommen, wenn sie wüssten, dass ich eine Schauspielerin geheiratet hätte. Holla, die Flasche ist schon wieder leer! Ha, da steht ja eine andere, volle! Ich lobe mir den Mann, der immer eine volle Flasche bereit hat, um sie seinem Freund anbieten zu können. Geben Sie mir Ihre Hand, Mountjoy, versichern Sie mir auf Ihr heiliges Ehrenwort, dass Sie ein Geheimnis für sich behalten können: das Geheimnis meiner Frau, Sir! Halt, lassen Sie mich Sie zuerst noch einmal ansehen. Mir war es, als sähe ich Sie lachen; wenn ein Mann über mich lacht, gerade wo ich eben im Begriff stehe, ihm mein ganzes Herz auszuschütten, so könnte ich ihn wahrhaftig gleich an seinem eigenen Tisch niederschlagen! - Wie, Sie haben nicht gelacht? Dann entschuldigen Sie und reichen Sie mir noch einmal Ihre Hand; ich trinke auf Ihr Wohl in Ihrem eigenen Wein. Wo war ich denn stehen geblieben, von was wollte ich eigentlich sprechen?«

Mountjoy war eifrigst bemüht, seinen für ihn so außerordentlich interessanten Gast bei guter Laune zu erhalten.

»Sie wollten mir die Ehre erweisen,« sagte er, »mich in Ihr Vertrauen zu ziehen.« Mr. Vimpany starrte in seinem Rausch ganz verwirrt vor sich hin. Mountjoy versuchte noch einmal mit deutlicheren Worten, ihn an das zu erinnern, was er hatte sagen wollen: »Sie standen im Begriff, mir ein Geheimnis anzuvertrauen.« Diesmal verstand ihn der Doktor und fand seine Gedanken wieder. Er sah sich listig nach der Tür um und fragte seinen Wirt: »Hier gibt es doch keine Horcher und keine geheimen Türen? Wir wollen lieber leise flüstern, leise, denn was ich Ihnen zu sagen habe, ist wichtig und ernst. Ja, was war es denn nun gleich wieder, was ich erzählen wollte? Was für ein Geheimnis war es denn, alter Junge?« Mountjoy antwortete hierauf etwas zu rasch: »Ich glaube, es stand in Beziehung zu Mrs. Vimpany.« Der Gatte von Mrs. Vimpany warf sich in seinen Stuhl zurück, dann zog er ein sehr unsauberes Taschentuch aus seiner Tasche und fing an zu weinen. Nach einer Weile sagte der betrunkene Mann in kläglich wimmerndem Ton: »Da sitzt ein falscher Freund! Er ladet mich ein, mit ihm zu speisen, und benützt meine hilflose Lage, wo ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin, um meine Frau zu beleidigen - die liebenswerteste der Frauen! Die süßeste der Frauen! Die unschuldigste der Frauen! O mein Weib, mein liebes Weib!« Dann war er plötzlich sein Taschentuch in die entgegengesetzte Ecke des Zimmers und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Oho, Mountjoy, was für ein furchtbarer Narr müssen Sie sein, dass Sie glauben, ich hätte das alles im Ernst gesagt! Ich bin noch vollständig bei Sinnen; denken Sie denn, ich kümmere mich viel um meine Frau? Sie war einstmals schön, aber jetzt ist sie nur ein Bündel von alten Lumpen. Aber sie hat auch jetzt noch ihre Vorzüge; ja, ja, ich möchte wohl etwas wissen. Haben Sie vielleicht einen Lord in dem Kreise Ihrer Bekannten?«

Die Erfahrung machte Mountjoy vorsichtiger, vielleicht etwas zu vorsichtig; er sagte nur:

»Ja.«

Der Doktor fühlte sich in seiner Würde gekränkt.

»Das ist eine sehr kurze Antwort für einen Mann in meiner Stellung, Sir!« bemerkte er scharf. »Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen glauben soll, so müssen Sie mir schon den Namen Ihres Freundes nennen.«

So war denn endlich der langersehnte Augenblick gekommen.

»Sein Name ist,« begann Mountjoy, »Lord Harry.« Mr. Vimpany verlor für einen Augenblick seine Fassung; er schlug mit seiner derben Faust so kräftig auf den Tisch, dass die Gläser wackelten.

»Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen!« rief er aus. »Merkwürdig - nein, das nicht das richtige Wort - von der Vorsehung bestimmt, das ist das richtige. Ja, ja, wie ist doch meistens so ein Zusammentreffen von der Vorsehung bestimmt! Ich meine natürlich für einen Mann von Verstand. Niemand darf mir widersprechen! Wenn ich sage: ein Mann von Verstand, so sag' ich das im Ernst; und ein junger Mann, wie Sie sind, der ist zum Widerspruch gern geneigt. Mountjoy - guter Mountjoy - lieber Mountjoy - der Lord meiner Frau ist Ihr Lord - ist Lord Harry. Nein, nein, nichts von ,ihr'! Unsinn - ich will keinen Wein mehr haben - doch! - ich will noch welchen haben. Es könnte Ihr Gefühl beleidigen, wenn ich nicht mehr mit Ihnen tränke. Geben Sie mir die Flasche her. O, was ist das für ein schöner Ring, den Sie da an Ihrem Finger tragen! Sie glauben wahrscheinlich, dass er wertvoll ist; das ist nicht wahr, das ist ganz wertloses Zeug, das ist Schund im Vergleich zu der Diamantnadel meiner Frau! Dies ist ein kostbares Juwel, wenn Sie nichts dagegen haben. Wenn wir sie verkaufen wollten, würden wir ein ganzes Vermögen dafür bekommen. Ein Geschenk mein lieber Herr! - Ich fürchte, ich bin viel zu offenherzig gegen Sie. Da ich aber als geborener Ehrenmann zu Ihnen spreche, so bitte ich Sie, meiner vollständigen Hochachtung versichert zu sein. Habe ich nicht vorher gesagt, die Diamantnadel wäre ein Geschenk? - Das ist nicht wahr - sie ist nichts Derartiges, wir haben gegen keinen Menschen Verpflichtungen. Mein Weib, mein bewunderungswürdiges Weib hat sie verdient. Mit der Post kam sie in einem eingeschriebenen Paket und dabei ein Brief von Lord Harry, ich sage Ihnen ein Brief, der eines echten Mannes würdig war. Er ist meiner Frau sehr verpflichtet - ich teile Ihnen ungefähr den Sinn des Briefes mit - für alles das, was meine Frau für ihn getan hat; bares Geld ist bei dem guten Lord immer rar; er sendet daher ein Familienschmuckstück mit seiner Verehrung. O, ich bin nicht eifersüchtig; er kann getrost Mrs. Vimpany in ihren alten Tagen verehren, wenn er Lust dazu hat. Sagten Sie das, Herr? Sagten Sie, dass Lord Harry oder irgend ein anderer Mann Mrs. Vimpany verehren dürfe? - Ich habe große Lust, Ihnen diese Flasche an den Kopf zu werfen. Nein, ich werde es nicht tun; es ist ein gefährlicher, guter Wein. Wie liebenswürdig von Ihnen, mir einen solch guten Wein vorzusetzen!  Wer sind Sie denn eigentlich? - Ich liebe es nicht, mit einem Fremden zu speisen. Kennen Sie irgend einen meiner Freunde? Kennen Sie einen Mann Namens Mountjoy? Kennen Sie zwei Männer mit dem Namen Mountjoy? - Nein, das ist nicht möglich, denn einer von ihnen ist tot - von jenen schurkischen Mordgesellen umgebracht. Wie nennen Sie diese Leute? Nun, wie?«

Der Doktor fing an zu lallen; sein Kopf sank schwer auf den Tisch; er war plötzlich eingeschlafen. Er wachte aber bald wieder auf und fing ebenso plötzlich an, weiter zu reden.

»Würden Sie gern die Bekanntschaft Lord Harrys machen? - Ich werde Ihnen zuerst eine Beschreibung seines Charakters geben, bevor ich Sie ihm vorstelle. Unter uns gesagt, der gute Lord ist ein ausgemachter Schurke. Wissen Sie wohl, zu was er meine Frau, meine anbetungswürdige Frau, benützt? - Sie werden mit mir übereinstimmen, er sollte selbst nach seinem jungen Weibe sehen. Wir haben sie glücklich und heil in unser Haus gebracht. Ein hübsches Kind, aber nicht mein Geschmack! Mein Urteil als Arzt lautet: Sie hat kein Herz. Lord Harry soll nur kommen; er wird sie hier finden. Warum, zum Teufel, kommt er denn nun nicht? Was hält ihn denn in Irland fest? Ich scheine es vergessen zu haben. Wissen Sie es vielleicht? - Ich glaube, ich habe mein Gedächtnis verloren. Was ist ein gutes Heilmittel dagegen? - Es gibt nur einen Doktor auf der Welt, der Ihnen das allein richtige nennen wird - den Wein. Wenn dieser Rotwein überhaupt etwas wert ist, so ist eine volle Flasche eine Guinee wert. Ich frage Sie im Vertrauen: Haben Sie jemals von einem solchen Esel gehört, wie der Lord meiner Frau ist? Sein Name ist mir vorher entschlüpft. Na, das schadet nichts. Er hält sich in Irland auf, um zu jagen. Zu jagen - was denn? - Füchse? O nein, nichts so Nobles; er ist auf der Jagd nach Mördern. Er hat sich mit einem von ihnen überworfen. Er will einen von ihnen umbringen. Ein Wort ganz leise in Ihr Ohr: Sie werden ihn totschlagen. Wetten Sie vielleicht? - Fünf gegen eins, er ist ein toter Mann noch vor dem Ende dieser Woche. Wann ist denn das Ende der Woche? - Dienstag, Mittwoch - nein, Sonnabend - nein, das ist der Anfang der Woche - nein, das ist nicht der Anfang - die Woche fängt nicht am Sonnabend an - am Sonntag natürlich - wir sind keine Christen, wir sind Juden - nein, wir sind Juden, keine Christen, das heißt -«

Hier wurde der Wein endlich vollständig Herr über seine Zunge. Der Doktor murmelte und lallte nur noch einige unverständliche Worte vor sich hin, dann sank er in seinen Stuhl zurück und fiel endlich, nachdem noch einige Male aufgestöhnt hatte, in einen süßen Schlummer.

Alles und mehr als alles, was Mountjoy gefürchtet, hatte sich jetzt als wahr erwiesen. In nüchternem Zustand war der Doktor jedenfalls einer von den Menschen, die stets zum Lügen bereit sind. Aber in berauschtem Zustand plauderte er unbewusst die Wahrheit aus. Der Grund, welchen er für Lord Harrys fortgesetzte Abwesenheit in Irland angegeben hatte, konnte nicht so ohne weiteres zurückgewiesen werden. Es lag in der sorglosen Natur des wilden Lords, sein Leben der Gefahr preiszugeben in der Hoffnung, er werde im Stande sein, Arthur Mountjoy an den Schurken zu rächen, die ihn ermordet hatten.

Da Hugh diese schlimmen Nachrichten für wahr hielt, lag wohl in diesem Fall ein zwingender Grund vor, Iris zu betrüben, indem er ihr die Gründe mitteilte, welche Lord Harry in seinem Vaterland zurückhielten? - Gewiss nicht!

Und andererseits: brachte es irgend welchen unmittelbaren Vorteil, wenn er ihr den wahren Charakter der Mrs. Vimpany als einer bezahlten Spionin enthüllte? In ihrem gegenwärtigen Gemütszustand würde Iris aller Wahrscheinlichkeit nach sich geweigert haben, das zu glauben.

Als wir zu diesem Entschluss gekommen war, sah Hugh noch einmal nach dem Doktor, der in seinem Lehnstuhl lag und fürchterlich schnarchte und stöhnte. Er hatte seine Zeit und Geduld nicht unnütz verschwendet, sondern einem Plan gewidmet, der sich jetzt zu einem erfolgreichen Ende nahte. Nach dem, was er soeben, dank dem Rotwein, gehört hatte, durfte er nicht länger Bedenken tragen, die schleunige Entfernung von Iris aus dem Hause des Mr. Vimpany ins Werk zu setzen, und dazu wollte er noch als Überredungsmittel das Telegramm ihres Vaters benützen, auf dessen Wirksamkeit er möglicherweise vertrauen konnte. Mountjoy verließ das Gasthaus ohne weiteren Aufenthalt und eilte zu Iris in der Hoffnung, er werde sie dazu vermögen, noch in dieser Nacht mit ihm nach London zurückzukehren.

Achtzehntes Kapitel

Als Hugh an der Tür des Hauses von Mr. Vimpany nach Miss Henley fragte, erfuhr er, dass sie in Begleitung ihres immer noch nicht recht hergestellten Mädchens ausgegangen sei. Sie hatte den Auftrag hinterlassen, wenn Mr. Mountjoy während ihrer Abwesenheit vorsprechen sollte, ihn zu bitten, er möchte so freundlich sein, auf ihre Rückkehr zu warten.

Auf dem Wege nach dem Empfangszimmer hörte Mountjoy die tiefe Stimme von Mrs. Vimpany, die, wie es den Anschein hatte, mit lautem Lesen beschäftigt war. Da die Tür für seinen Eintritt geöffnet wurde, überraschte er sie, wie sie mit majestätischen Schritten im Zimmer auf und ab wandelte, ein Buch in der Hand haltend. Sie deklamierte in pathetischem Tone, ohne dass jemand da war, ihrer Leistung Beifall zu spenden. Nach dem, was Hugh schon gehört hatte, konnte er nur zu dem Schluss kommen, dass Erinnerungen an ihre frühere Theaterlaufbahn die gewesene Schauspielerin verleitet hatten, eine Privatvorstellung zu geben zu ihrem eigenen Vergnügen in einer jener tragischen Rollen, von denen ihr Gatte gesprochen hatte. Bei Mountjoys Erscheinen gewann sie sofort ihre Selbstbeherrschung wieder mit der Leichtigkeit einer Meisterin in ihrer Kunst.

»Verzeihen Sie mir,« sagte sie, indem sie ihm das Buch mit der einen Hand entgegen hielt und mit der andern Hand darauf hinzeigte. »Shakespeare versetzt mich immer in eine heftige Aufregung. Eine kleine Flamme von dem Feuer des Dichters brennt auch in der Brust seiner armen Verehrerin. Darf ich hoffen, darin von Ihnen verstanden zu werden? Sie sehen aus, als ob Sie ein Gesinnungsgenosse von mir wären.«

Mountjoy tat sein möglichstes, um die mitfühlende Rolle, welche Mrs. Vimpany ihm durch ihre letzten Worte zuerteilt hatte, richtig durchzuführen, aber er hatte nur den fraglichen Erfolg, dass er bewies, welch ein schlechter Schauspieler er geworden sein würde, wenn er auf die Bühne gegangen wäre. Mrs. Vimpany legte ihr Buch weg und stieg aus den erhabensten Höhen der Dichtkunst herab in die tiefsten Tiefen der Prosa.

»Lassen Sie uns jetzt von häuslichen Angelegenheiten sprechen,« sagte sie milde. »Haben die Leute in dem Gasthaus Ihnen ein gutes Mittagessen zubereitet?«

»Die Leute haben ihr Bestes getan,« antwortete Mountjoy vorsichtig.

»Ist mein Gatte mit Ihnen zurückgekommen?« fuhr Miss Vimpany fort.

Mountjoy fing an zu bedauern, dass er nicht auf der Straße auf Iris gewartet hatte. Er war jetzt gezwungen, zu bekennen, dass der Doktor nicht mit Ihm zurückgekommen sei.

»Nun, wo ist Mr. Vimpany?«

»Im Gasthof.«

»Was macht der denn dort?«

Mountjoy zögerte. Mrs. Vimpany erhob sich wieder in die Regionen der tragischen Dichtkunst. Sie Schritt auf ihn zu, als ob er Macbeth gewesen wäre und sie ihren Dolch benützen wollte.

»Ich verstehe Sie nur zu gut,« erklärte sie in schrecklichen Tönen, »die Fehler und Schwächen meines unglücklichen Gatten sind mir wohl bekannt. Mr. Vimpany ist berauscht.«

Hugh versuchte die Sache so unschuldig wie nur möglich darzustellen.

»Er ist nur eingeschlafen,« sagte er. Mrs. Vimpany warf ihm von neuem einen Blick zu. Diesmal war sie die Königin Katharina, welche den Kardinal Wolsey ansieht. Sie verbeugte sich mit stolzer Höflichkeit und öffnete die Tür.

»Ich muss einen Ausgang machen,« sagte sie und entfernte sich mit langsam abgemessenen Schritten.

Fünf Minuten später sah Mountjoy, der in ungeduldiger Erwartung von Miss Henleys Rückkehr ans Fenster getreten war, Mrs. Vimpany auf der Straße. Sie trat in den Laden eines Apothekers und kam bald darauf wieder heraus mit einer kleinen, eingewickelten Flasche in der Hand. Majestätisch schritt sie die Straße hinab und war bald seinen Augen entschwunden. Wenn Hugh ihr gefolgt wäre, würde er die Frau des Doktors an der Tür des Gasthofes eingeholt haben.

Der unbeschäftigte Kellner stand in dem Hausflur und schaute sich um, obgleich eigentlich gar nichts da war, wonach er sehen konnte. Er machte vor Mrs. Vimpany eine Verbeugung und teilte ihr mit, dass die Wirtin ausgegangen sei.

»Sie können mir ebenso gut sagen, was ich wissen will,« lautete die Antwort. »Ist Mr. Vimpany noch hier?«

Der Kellner lächelte und führte die Frau des Doktors durch den Hausflur an den Fuß der Treppe.

»Sie können ihn von hier aus schön hören.« Es war vollkommen richtig. Mr. Vimpanys Schnarchen sprach für Mr. Vimpanys Anwesenheit. Seine Frau stieg die ersten zwei oder drei Stufen hinauf und blieb dann stehen, um noch etwas mit dem Kellner zu reden. Sie fragte ihn, was die beiden Herren beim Essen getrunken hätten.

»Sie haben den sauren französischen Wein getrunken.« »Und sonst nichts?«

Der Kellner erlaubte sich jetzt einen kleinen Scherz.

»Sonst nichts,« antwortete er, »aber mehr als genug von diesem.« »Ich hoffe, nicht mehr als genug für den Vorteil des Hauses,« bemerkte Mrs. Vimpany verweisend.

»Ich bitte um Entschuldigung, Frau Doktor; der Rotwein, den die beiden Herren bei Tische getrunken haben, ist nicht mit auf die Rechnung geschrieben worden.«

»Was soll das heißen?«

Der Kellner erklärte ihr, dass Mr. Mountjoy den ganzen Vorrat dieses Weines gekauft hätte. Argwohn sowohl wie Erstaunen zeigte sich auf dem Gesichte der Mrs. Vimpany. Sie hatte es bisher für wahrscheinlich gehalten, der elegante und vornehme Freund der Miss Henley könnte heimlich in die junge Dame verliebt sein. Ihr Argwohn wurde jetzt noch vermehrt. Sie stieg allein die Treppe hinauf und schlug laut die Türe des Privatzimmers zu, um dadurch ihren schlafenden Mann aufzuwecken. Aber selbst der gewaltige Lärm, den sie auf diese Weise verursachte, war nicht im Stande, den berauschten Doktor dem süßen Schlummer zu entreißen. Er schien für äußere Eindrücke vollständig unempfindlich zu sein. Eine Weile blieb sie ruhig stehen und betrachtete ihn über den Tisch weg mit unaussprechlicher Verachtung.

Da lag nun der Mann, an welchen die Religion und die Gesetze des Landes sie für das Leben gefesselt hatten.

Als sie mit sorgloser Neugier die Unordnung auf dem Tische betrachtete, bemerkte sie noch einen Rest Wein in dem Glas, aus dem ihr Gatte getrunken. Hatte man künstliche Mittel angewendet, um ihn in seinen gegenwärtigen Zustand zu versetzen? Sie kostete den Rotwein. Nein, in seinem Geschmacke fand sie nichts, was etwa hätte andeuten können, dass irgend etwas Fremdes beigemischt worden wäre. Wenn sie dem Kellner Glauben schenken konnte, so hatte ihr Gatte nichts weiter als Rotwein getrunken - und trotzdem lag er jetzt hier in einem Zustande von vollkommen hilfloser Betäubung.

Sie blickte noch einmal über den Tisch hin und entdeckte unter den vielen leeren Flaschen eine, in der sich noch etwas Wein befand. Nach einem kurzen Moment der Überlegung nahm sie ein reines Glas von dem Seitentische.

Das war also der Wein, welcher für Mr. Vimpany und seine Freunde ein Gegenstand des Spottes gewesen war. Sie waren alle starke Esser und Trinker, und es verlohnte gewiss der Mühe, ihre Ansicht zu prüfen. Jetzt suchte sie nicht mehr darnach, ob in dem Weine ein fremder Stoff vorhanden sei. Ihr jetziger Versuch hatte nur den Zweck, ihn auf seinen eigenen Wert hin zu prüfen.

Zur Zeit ihrer Triumphe auf den ländlichen Bühnen - vor dem Tage ihrer unglücklichen Heirat - hatten reiche Verehrer und Bewunderer die hübsche Schauspielerin oftmals zu Diners und Soupers eingeladen, welche jeden Luxus darboten, den die vollkommenste Tafel gewähren konnte. Die eigene Erfahrung hatte sie daher bekannt gemacht mit dem Geschmacke des allerbesten Rotweins, und diese Erfahrung war wieder aufgefrischt worden durch den Rotwein, den sie soeben gekostet hatte. Es war nicht schwer einzusehen, warum Mr. Mountjoy diesen Wein gekauft, und nachdem sie ein wenig nachgedacht, wurde ihr gleichfalls der Grund klar, weswegen er Mr. Vimpany zum Essen eingeladen hatte. Von diesem ersten Erfolg ihrer Entdeckung, den sie ihrem eigenen Scharfsinn zu verdanken hatte, war sie zunächst vollständig überwältigt, aber bald hatte sie ihre Fassung wieder erlangt. Ihr dicker Mann war zum Trinken verleitet worden und auch zum Ausplaudern, natürlich zum Vorteil von Mr. Mountjoy.

Welche Geheimnisse konnte der Unglückliche nicht verraten haben, bevor ihn der Wein vollständig seiner Besinnung beraubt hatte?

Von Ärger und Wut getrieben, schüttelte sie ihn heftig. Er erwachte und blickte sie mit blutunterlaufenen Augen an; dann drohte er ihr mit der geballten Faust. Hier gab es nur einen Weg, um ihn aus seiner stumpfsinnigen Betäubung aufzurütteln. Sie kannte ihn aus Erfahrung, sie sie bei so mancher früheren Gelegenheit gemacht hatte.

»Du Narr, Du hast wieder einmal zu viel getrunken, und jetzt wartet ein Kranker auf Dich!«

An diese Verlegenheit war er gewöhnt, aber die Worte seiner Frau brachten ihn doch wieder etwas zur Besinnung. Mrs. Vimpany riss den Papierumschlag von der Medizinflasche, die sie mitgebracht hatte, ab und öffnete sie. Er starrte auf die Flasche hin und murmelte für sich: »Sie will mich vergiften.« Mrs. Vimpany ergriff nun mit der einen Hand seinen Kopf, und mit der andern hielt sie ihm die geöffnete Flasche unter die Nase:

»Dein eigenes Mittel,« schrie sie ihm ins Ohr, »für Dich und Deine sauberen Freunde!« Seine Nase sagte ihm, was Worte vergebens versucht haben würden. Er schluckte die Medizin hinunter.

»Wenn ich den Patienten verliere,« lallte er orakelhaft, »so verliere ich auch das Geld.« Seine resolute Frau zog ihn vom Stuhle empor. Eine zweite Tür führte aus dem Speisezimmer in ein leeres Schlafgemach. Mit ihrer Hilfe gelangte er dorthin und warf sich auf das Bett.

Mrs. Vimpany sah nach der Uhr.

Bei gar so mancher früheren Gelegenheit hatte sie gelernt, wie viel Zeit erforderlich war, bevor der ernüchternde Einfluss der Medizin sich erfolgreich erweisen konnte. Für jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als in das Speisezimmer zurückzukehren. Der Kellner erschien und fragte sie, ob er etwas für sie tun könne. Vertraut mit den Charakterfehler des Doktors, verstand er sofort, was es bedeutete, als sie nach der Tür des Schlafzimmers wies.

»Die alte Geschichte, Frau Doktor!« sagte er mit der Miene respektvoller Teilnahme. »Darf ich Ihnen eine Tasse Tee holen?«

Mrs. Vimpany bejahte und trank den Tee, in Gedanken versunken.

Sie hatte jetzt zwei Pläne in Aussicht. Erstens wollte sie sich an Mountjoy rächen, und zweitens suchte sie einen Weg, um ihn zu zwingen, die Stadt zu verlassen, bevor er Iris seine Entdeckungen mitteilen konnte. Wie es möglich war, diese beiden so verschiedenen Ziele auf einem und demselben Wege zu erreichen, dass war ihr vorderhand noch ein Rätsel, welches sie gerade lösen wollte, als die raue Stimme ihres Mannes aus dem Schlafzimmer ertönte und nach jemand verlangte.

Wenn sein Kopf während dieser Zeit klar genug geworden war, um die Fragen zu verstehen, welche sie ihm vorzulegen beabsichtigte, so konnte es leicht möglich sein, dass seine Antworten ihr zur Lösung dieses Rätsels verhalfen. Mrs. Vimpany erhob sich daher schnell und ging in das Schlafzimmer.

»Du elender Mensch,« begann sie, »bist Du jetzt wieder nüchtern?« »Ich bin so nüchtern wie Du.«

»Weißt Du,« fuhr sie fort, warum Mr. Mountjoy Dich eingeladen hat, mit ihm zu Mittag zu essen?«

»Weil er mein Freund ist.«

»Er ist Dein schlimmster Feind; schweig still und pass auf, ich werde Dir gleich erklären, was ich meine. Nimm Dein Gedächtnis zusammen, wenn Dir überhaupt noch etwas davon geblieben ist! Ich will wissen, was ihr, Du und Mr. Mountjoy, nach dem Essen zusammen geredet hat.«

Er starrte sie ganz verständnislos an. Sie versuchte jetzt, sein Gedächtnis zu erwecken, indem sie durch Fragen nachhalf. Es war nutzlos. Er klagte nur in einem fort, dass er Durst habe. Seine Frau ließ Sodawasser und Brandy kommen. Die einzige Möglichkeit, etwas aus ihm herauszubringen, war, seiner schlimmen Leidenschaft zu willfahren. Sie reichte ihm daher selbst das begehrte Getränk.

Und wirklich machte dieses sein benebeltes Gehirn in einem gewissen Grade wieder klar. Mrs. Vimpany versuchte es nun noch einmal, seine Erinnerung zu wecken. Hatte er dies gesagt? Hatte er jenes gesagt? Ja, er glaube es gewiss. Hatte er oder Mr. Mountjoy Lord Harrys Namen erwähnt? Ein Strahl der Erleuchtung glänzte in seinen blöden Augen. Ja, und sie waren darüber in Streit geraten; so viel er sich erinnere, habe er sogar Mr. Mountjoy eine Flasche an den Kopf geworfen. Hatten sie auch von Miss Henley gesprochen? O, natürlich! Was denn? Er war nicht im Stande, sich darauf zu besinnen. Weswegen hatte ihn seine Frau jetzt so zu plagen?

»Das tu' ich gar nicht,« antwortete sie. »Gib Dir nur Mühe, das zu verstehen, was ich Dir sagen will. Wenn Lord Harry zu uns kommt, so lange Miss Henley in unserem Hause ist -«

Er unterbrach sie.

»Das ist Deine Sache, das geht mich nichts an.« »Warte einen Augenblick. Das ist allerdings mein Geschäft,« sagte sie, »und ich werde es auch allein besorgen, wenn ich vorher erfahre, dass der Lord kommt. Er ist jedoch rücksichtslos genug, uns zu überraschen. In diesem Falle möchte ich, dass Du Dich nützlich machtest. Wenn Du zufällig zu Hause bist, so suche es zu verhindern, dass er Miss Henley früher zu sehen bekommt, als bis ich mit ihr gesprochen habe.« »Warum?«

»Ich möchte die Gelegenheit benützen, ihr meinen Betrug einzugestehen, bevor sie selbst dahinter kommt. Ich hoffe, dass Sie mir verzeihen wird, wenn ich ihr alles beichte.«

Der Doktor lachte.

»Was zum Teufel kommt denn darauf an, ob sie Dir verzeiht oder nicht?« »Es kommt sehr viel darauf an.«

»Du sprichst ja wahrhaftig, als ob Du in sie verliebt wärest!« »Das bin ich auch.«

Das getrübte Begriffsvermögen des Doktors fing jetzt endlich an, sich aufzuhellen. Er antwortete ihr boshaft:

»In sie verliebt sein und sie dabei betrügen - ha, ha, das ist wirklich sehr gut!« »Ja,« versetzte sie ruhig, »es ist genau so, wie Du sagst. Es ist nach und nach immer mehr bei mir gewachsen, dieses Gefühl. Ich kann es nicht ändern, dass ich Miss Henley gern habe.« »Ach,« entgegnete Mister Vimpany, »Du bist eine Närrin!« Er blickte sie verschmitzt an. »Nun angenommen, ich machte mich nützlich in der Weise, wie Du es verlangst, was kann ich dabei gewinnen?« »Wir wollen jetzt wieder,« entgegnete sie, ohne seine Frage zu beantworten, »von dem Manne sprechen, der Dich zum Mittagessen eingeladen und Dich für seine Zwecke betrunken gemacht hat.« »Ich werde ihm alle Knochen im Leibe zerbrechen!« »Sprich doch keinen Unsinn. Überlass Mr. Mountjoy nur mir ganz allein.« »Nimmst Du für ihn Partei? Ich kann Dir nur das sagen, wenn ich zu viel von diesem verdammten, vergifteten, französischen Weine getrunken habe, so ging mir Mr. Mountjoy mit gutem Beispiel voran. Er war betrunken, schmählich betrunken. Ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf.« Seine Frau, die bis dahin vollständig ruhig und kalt geblieben war, wurde plötzlich sehr aufgeregt. An dem, was der Doktor soeben von Hugh gesagt hatte, war sicher nicht ein Fünkchen Wahrheit, und Mrs. Vimpany ließ sich auch keinen Augenblick dadurch täuschen. Aber diese Lüge hatte diesmal zufälligerweise ein Verdienst - sie brachte sie nämlich auf den Weg, den sie vorhin vergeblich gesucht hatte, während sie ihren Tee trank.

»Wenn ich nun Dir die Möglichkeit verschaffen würde, Dich an Mr. Mountjoy zu rächen?« fragte sie.

»Wie?«

»Willst Du Dich an das erinnern, was ich Dich vorher bat, für mich zu tun, im Falle Lord Harry uns überrascht?«

Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und sagte ihr, sie möge ihm einige Worte hineinschreiben, damit er die Sache nicht vergesse. Sie schrieb so kurz, als ob sie ein Telegramm abgefasst hätte:

»Halte Lord Harry zurück, damit er nicht früher Miss Henley sieht, bevor ich mit ihr gesprochen habe.«

»Jetzt,« sagte sie, indem sie einen Stuhl an die Seite seines Bettes rückte, »sollst Du erkennen lernen, was für eine kluge Frau Du hast. Höre genau zu.«

Neunzehntes Kapitel

Nachdem Mountjoy wohl schon zehnmal aus dem Fenster des Empfangszimmers geschaut hatte, erblickte er endlich Iris auf der Straße, als sie nach Hause zurückkehrte.

Sie brachte ihr Kammermädchen mit in das Empfangszimmer und stellte Rhoda in heiterster Laune ihrem Freunde vor.

»Welch ein Vergnügen ist doch ein so weiterer Spaziergang, man muss es nur erst kennen lernen!« rief sie aus. »Sehen Sie nur die frisch geröteten Wangen meiner kleinen Rhoda! Wer würde da glauben, dass sie mit trüben Augen und bleicher Gesichtsfarbe hieher gekommen wäre? Ausgenommen, dass sie sich jedes Mal in der Stadt verirrt, so oft sie allein ausgeht, haben wir allen Grund, uns zu unserem Aufenthalte in Honeybuzzard Glück zu wünschen. Der Doktor ist Rhodas guter Genius und seine Frau ihre Patin, wie die Fee im Märchen.«

Mountjoy sprach mit seiner gewohnten Höflichkeit dem Mädchen seine Glückwünsche aus. Darauf durfte Rhoda auf ihr Zimmer gehen.

Iris kam sofort auf sein gemeinsames Mittagessen mit dem Doktor zu sprechen.

»Ich hätte dabei sein mögen,« sagte sie, »um zu sehen, wie sich Ihr Gast an den Herrlichkeiten aus der Speisekammer des Hotels gütlich tat. Im Ernst gesprochen, Hugh, Ihre gesellschaftlichen Sympathien haben eine Richtung angenommen, auf die ich nicht vorbereitet war. Nach dem Beispiel, das Sie mir gegeben haben, fühle ich mich wirklich wegen meiner Zweifel, ob Mister Vimpany einer so liebenswürdigen Frau würdig sei, sehr beschämt. Glauben Sie nicht etwa, dass ich gegen den Doktor undankbar bin; er hat durch das, was er an Rhoda getan, sich meine Achtung zu erringen verstanden. Ich bin mir nur darüber nicht klar, wie er sich Ihre Sympathien erworben hat.«

In der Weise fuhr sie noch weiter zu reden fort und freute sich ihrer eigenen guten Laune in unschuldiger Unkenntnis der ernsten Dinge, über die sie lachte.

Mountjoy versuchte, sie etwas zu mäßigen, aber es war umsonst.

»Nein, nein,« beharrte sie so mutwillig wie zuvor, »der Gegenstand ist zu interessant, als dass ich ihn so schnell fallen ließe. Ich bin furchtbar neugierig, zu hören, wie Sie und Ihr Gast das Mittagessen gefunden haben. Hatte er mehr Wein getrunken, als gut für ihn wahr? Wenn er sich manchmal selbst vergisst, so bringt er alles doch immer gleich wieder in Ordnung, indem er sagt: ,Bitte, nicht beleidigt sein!' und sich die Flasche von neuem reichen lässt.«

Jetzt konnte Hugh nicht länger ruhig zuhören.

»Bitte, mäßigen Sie für einen Augenblick Ihre Lebhaftigkeit!« sagte er; »ich bringe für Sie Nachrichten von zu Hause.«

Diese Worte machten dem Ausbruch ihrer Fröhlichkeit sofort ein Ende.

»Nachrichten von meinem Vater?« fragte sie.

»Ja.«

»Ist er hieher gekommen?«

»Nein, ich habe nur Mitteilungen von ihm erhalten.« »Einen Brief?«

»Ein Telegramm,« erklärte Mountjoy, »als Beantwortung auf einen Brief von mir. Ich tat mein Möglichstes, um ihm Ihre Wünsche verständlich zu machen, und freue mich, Ihnen sagen zu können, dass meine Mühe nicht umsonst gewesen ist.«

»Hugh. Lieber Hugh, Sie haben es also wirklich fertig gebracht, uns zu versöhnen?« Mountjoy zog das Telegramm aus der Tasche.

»Ich bat Mr. Henley,« sagte er, »mich sofort wissen zu lassen, ob er Sie wieder aufnehmen wollte, er solle einfach mit Ja oder Nein antworten. Die Antwort hätte nun zwar liebenswürdiger ausgedrückt werden können, es ist indessen doch wenigstens eine günstige Antwort.«

Iris las das Telegramm.

»Gibt es wohl noch auf der Welt einen zweiten Vater,« sagte sie traurig, »der seiner Tochter sagen würde, wenn sie ihn bittet, wieder nach Haus zurückkehren zu dürfen, er wolle sie versuchsweise wieder bei sich aufnehmen?«

»Sie sind ihm doch nicht gram, Iris?«

Sie schüttelte ihren Kopf.

»Nein,« sagte sie, »mir geht es wie Ihnen. Ich kenne ihn zu gut um durch seine Art und Weise beleidigt zu sein. Er soll mich pflichtgetreu, er soll mich geduldig finden. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht so lange zumuten, hier in Honeybuzzard zu warten, bis ich wegkommen kann. Wollen Sie meinem Vater sagen, dass er mich in ungefähr einer Woche zurückerwarten soll?«

»Entschuldigen Sie, Iris, ich sehe keinen Grund, weswegen Sie noch eine ganze Woche hier in dieser Stadt bleiben wollen. Im Gegenteil, je angelegentlicher Sie es sich sein lassen, zu Ihrem Vater zurückzukehren, umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie Ihrem Platz in seiner Liebe und Achtung wiedergewinnen. Ich beabsichtigte, Sie mit dem nächsten Zuge nach Hause zu bringen.«

Iris sah ihn erstaunt an.

»Ist es möglich,« sagte sie, »dass das Ihre wirkliche Meinung ist?« »Meine aufrichtigste, liebe Iris. Warum sollten Sie zögern? Welcher stichhaltige Grund könnte Sie denn veranlassen, hier noch länger bleiben?« »O Hugh, wie Sie mich enttäuschen! Wohin ist denn Ihre Liebenswürdigkeit, wohin ist denn Ihr Gerechtigkeitssinn und Ihre Rücksicht auf andere gekommen? Arme Miss Vimpany!« »Was hat denn Mrs. Vimpany damit zu tun?« Iris war empört.

»Was Mrs. Vimpany damit zu tun hat!« wiederholte sie. »Nach allem, was ich der Liebenswürdigkeit dieser guten Frau verdanke, nachdem ich versprochen habe, sie zu begleiten - sie hat so wenig glückliche Tage, die arme Seele! - auf Ausflügen nach den interessantesten Punkten der Nachbarschaft, da erwarten Sie von mir, dass ich sie sofort verlassen soll - nein, noch viel Schlimmeres als das - Sie erwarten von mir, die Arme wie ein altes, abgetragenes Kleid beiseite zu werfen? Und dies, nachdem ich sie in so ungerechter, in so undankbarer Weise in meinen Gedanken verdächtigt habe? Schändlich!«

Mit Mühe bewahrte Mountjoy seine Selbstbeherrschung. Nach dem, was er soeben gehört hatte, waren seine Lippen verschlossen betreffs des wahren Charakters der Mrs. Vimpany. Er konnte jetzt nur noch sich an die Pflicht gegen ihren Vater halten.

»Sie lassen sich von Ihrem lebhaften Charakter immer gleich zu den sonderbarsten Äußerungen fortreißen,« antwortete er.« Wenn ich es für wichtiger halte, eine Versöhnung mit Ihrem Vater so schnell wie möglich herbeizuführen, als Sie zu ermutigen, Ausflüge mit einer Dame zu machen, die Sie doch nur erst eine oder zwei Wochen kennen, was habe ich dann so Entsetzliches getan, dass ich einen solchen Ausdruck des Zornes und Ärgers verdiene? Still, nicht ein Wort mehr hievon, denn da ist Mrs. Vimpany selbst!«

Während er sprach, war Mrs. Vimpany in das Zimmer getreten; sie war von der Unterredung mit ihrem Gatten aus dem Gasthaus zurückgekommen. Sie warf zuerst einen Blick auf Iris und bemerkte sofort Zeichen von Verwirrung und Missstimmung in dem Gesichte des jungen Mädchens.

Indem sie ihre Befürchtungen geschickt unter einem wunderbaren Bühnenlächeln verbarg, welches für so viele geheime Gedanken einen praktischen Schleier abgibt, sagte Mrs. Vimpany einige entschuldigende Worte wegen ihrer Abwesenheit. Miss Henley antwortete, ohne die geringste Veränderungen in ihrem freundschaftlichen Verhalten gegen die Frau des Doktors. Die Zeichen der Verwirrung und Missstimmung waren also nach Mrs. Vimpanys Ansicht augenscheinlich einer ganz unwichtigen Ursache zuzuschreiben. Mr. Mountjoy hatte ihr noch nicht seine Entdeckungen mitgeteilt.

Auf Hughs Gemütszustand übte die Anwesenheit der Herrin des Hauses einen störenden Einfluss aus und zwang ihn, seinen Verstand anzustrengen. Unglücklicherweise kam er auf den Gedanken, ihr eine Frage vorzulegen, welche sich auf den Streit zwischen ihm und Iris bezog.

»Es handelt sich um etwas ganz Einfaches,« sagte er zu Mrs. Vimpany. Miss Henleys Vater wünscht, dass sie zu ihm zurückkehren soll, nachdem eine kleine Differenz, die zwischen ihnen geherrscht hatte, glücklicherweise beigelegt ist. Glauben Sie nun, dass einige zufällige Bekanntschaften, die sie gemacht hat, sie von der sofortigen Heimkehr abhalten dürfen? Wenn sie um Ihre gütige Nachsicht unter diesen Umständen bittet, hat sie dann ein Recht, eine Abweisung vorauszusetzen?«

Mrs. Vimpanys ausdrucksvolle Augen blickten mit scheinheiliger Ergebenheit zu der schmutzigen Zimmerdecke empor und schienen durch einen stummen Blick zu fragen, was sie denn für ein Unrecht getan hätte, das einen solchen Zweifel in sie zu setzen erlaubte!

»Mr. Mountjoy,« sagte sie ernst, »Sie beleidigen mich durch diese Frage! - Liebe Miss Henley,« fuhr sie fort, sich an Iris wendend, »Sie tun mir gewiss unrecht! Halten Sie mich denn für fähig, dass ich meinen persönlichen Gefühlen gestatten würde, hindernd in den Weg zu treten, wenn Ihre Kindespflicht in Frage kommt? Verlassen Sie mich nur ohne Bedenken, meine liebe Freundin, gehen Sie, ich beschwöre Sie, gehen Sie sofort nach Hause zu Ihrem Vater!«

Sie zog sich von der Bühne zurück - das heißt, sie ging nur an das andere Ende des Zimmers und brach dort in Tränen aus, natürlich Theatertränen. Die leicht gerührte Iris beeilte sich, ihr Trost zuzusprechen.

»Schämen Sie sich!« flüsterte sie Mr. Mountjoy zu, als sie an ihm vorüberging.

So war er denn zum zweitenmale von Mrs. Vimpany geschlagen worden - und diesmal, ohne dass es ihm möglich war, seinen Widerstand gegen Miss Henleys Entschluss zu rechtfertigen; mit den beiden Frauen gegen sich, welche hinter den Vorrechten ihres Geschlechtes verschanzt waren, war die einzige noch mögliche Gelegenheit, im Interesse von Iris Henley zu handeln, dass er unter Aufopferung seiner eigenen Gefühle seinen Wunsch unterdrückte, das Haus sofort zu verlassen. In der ratlosen Lage, in der er sich jetzt befand, konnte er nur warten, um zu beobachten, welchen Weg Mrs. Vimpany jetzt für vorteilhaft hielt, einzuschlagen. Würde sie wohl in ihrer gewohnten, sehr höflichen Weise ihn bitten, seinen Besuch zu beendigen? Nein, sie blickte zu ihm hin - zögerte - warf verstohlen einen Blick durch das Fenster auf die Straße - lächelte geheimnisvoll - und setzte der Aufopferung ihrer eigenen Gefühle die Krone auf durch die Worte:

»Liebste Miss Henley, lassen Sie mich Ihnen beim Einpacken Ihrer Sachen behilflich sein!«

Iris schlug dies rundweg ab.

»Nein,« sagte sie, »ich stimme hierin nicht mit Mr. Mountjoy überein. Mein Vater überlässt es mir vollkommen, den Tag zu bestimmen, an welchem ich zurückkehren will. Ich halte fest, meine liebe Mrs. Vimpany, an unserer Abmachung - ich verlasse eine angenehme, liebenswürdige Freundin nicht so, wie ich von einer Fremden weg gehen würde.«

Mrs. Vimpany schlang ihre kräftigen Arme um die edelmütige Iris und dankte ihr mit der unnachahmlichsten Grazie durch einen Kuss.

» Ihre Güte wird es mir schwerer denn jemals machen, mein einsames Leben zu ertragen,« flüsterte sie, »wenn Sie von mir weggegangen sind.«

»Aber wir dürfen doch hoffen, uns in London wieder zu sehen,« erinnerte Iris sie, »wenn Mr. Vimpany nicht seinen Plan ändert, diese Stadt zu verlassen.«

»Das wird mein Gatte sicherlich nicht tun, meine Teure; er ist fest entschlossen, sein Glück, wie er sagt, in London zu versuchen. Inzwischen werden Sie wohl so liebenswürdig sein und mir Ihre Adresse geben; wollen Sie? Vielleicht versprechen Sie mir sogar, einmal an mich zu schreiben.«

Iris gab das Versprechen sofort und schrieb ihre Adresse in London auf ein Blattpapier.

Mountjoy machte keinen Versuch, es zu verhindern, es war nutzlos.

Mrs. Vimpany kehrte wieder an das Fenster zurück. Bei dieser Gelegenheit blickte sie durch dasselbe auf die Straße hinab und nahm ihr Taschentuch in die Hand sollte das vielleicht ein Zeichen sein?

Iris ihrerseits näherte sich Mountjoy. So leicht sie sich auch zum Zorn hinreißen ließ, so wenig war ihre Natur fähig, lange darin zu verharren. So war es ihr jetzt Bedürfnis, einige begütigende Worte an Hugh zu richten.

Sie bot ihm herzlich ihre Hand. Er hatte sie gerade an seine Lippen gezogen, als die Türe des Besuchszimmers heftig aufgerissen wurde. Sie sahen sich beide erschreckt um.

Der Mann, welchen Hugh von allen am wenigsten zu sehen wünschte, war es, der jetzt das Zimmer betrat. Das Opfer des leichten französischen Rotweins hatte ruhig auf der Straße gewartet, bis er das Taschentuch aus dem Fenster flattern sah. Dann war er in das Haus getreten nach den Instruktionen seiner Frau. Er war bereit und auch begierig darauf, mit Mountjoy wegen des Mittagessens in dem Gasthofe zu sprechen.

Zwanzigstes Kapitel

Man merkte an dem Gang des Doktors keine Unsicherheit mehr und in seinem Gesichte keine erhöhte Farbe. Er hatte einen sicheren Schritt, als er das Zimmer betrat und trug seinen Kopf mit vollem Selbstbewusstsein aufrecht, da er Mountjoy entdeckte; aber er schien doch sehr zurückhaltend zu sein. War der Mann schon wieder nüchtern?

Seine Frau näherte sich ihm mit verbindlichem Lächeln, die Erscheinung ihres Herrn und Gebieters mit gut gespielter Überraschung begrüßend.

»Das ist ja ein ganz unerwartetes Vergnügen,« sagte sie, »Du lässt uns selten Deine angenehme Gesellschaft schon so früh am Abend zu teil werden, mein Lieber. Gibt es denn jetzt so wenig Kranke, die Deiner Hilfe bedürftig sind?«

»Du irrst Dich, Arabella; ich bin hier, um eine mir sehr peinliche Pflicht zu erfüllen.« Die Sprache des Doktors und sein Benehmen ließen ihn Iris in einem ganz neuen Licht erscheinen. So hatte sie ihn noch niemals gesehen. Welche Wirkung hatte er auf Mrs. Vimpany ausgeübt? Diese unübertreffliche und hilfsbereite Freundin von Reisenden, die sich in einer unangenehmen Lage befinden, schlug die Augen nieder und verharrte in bescheidenem Schweigen. Mr. Vimpany schritt jetzt zur Ausführung seiner Pflicht. Seine peinliche Verantwortlichkeit ließ ihn zu erst an seine Eigenschaft als Arzt denken.

»Wenn es ein Gift gibt, welches die Quellen unseres Lebens verdirbt,« bemerkte er, »so ist es der Alkohol. Wenn es einen Fehler gibt, welche die Menschen erniedrigt, so ist es die Trunkenheit. Mr. Mountjoy, haben Sie bemerkt, dass ich Sie ansehe?«

»Es war nicht gut möglich, dies nicht zu bemerken,« antwortete Hugh. »Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?«

Es war nicht leicht, ernst zu bleiben bei des Doktors Worten über die Unmäßigkeit, nach dem, was bei dem Essen an diesem Tage vorgefallen war. Hugh lächelte, die moralische Würde des Doktors lehnte sich dagegen auf.

»Das ist wirklich schamlos!« sagte er; »das wenigste, was Sie tun können, ist, die Sache ernst zu nehmen.«

»Welche Sache ist es denn,« fragte Mountjoy, »die ich ernst nehmen soll?« »Sagt Ihnen das nicht Ihr Gewissen?« fragte Mr. Vimpany; »hat dieser heimliche Mahner in Ihnen geschlafen? Nachdem Sie mir ein schlechtes Essen vorgesetzt haben, fordern Sie auch noch eine Erklärung? Ha, ha, Sie sollen sie haben!« Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, ließ er ihnen die Tat folgen. Er schritt gravitätisch an die Tür, öffnete sie und machte gegen Mountjoy eine kaum misszuverstehende Bewegung. Iris sah dieses unverschämte Benehmen. Ihr Gesicht wurde rot von Zorn, und ihre Augen funkelten.

»Haben Sie gesehen, was er soeben getan hat?« sagte sie zu Mrs. Vimpany.

Die Frau des Doktors antwortete sanft: »Ich verstehe es nicht.« Nach einem Blick auf ihren Gatten nahm sie Iris bei der Hand und sagte: »Wollen wir uns nicht lieber auf mein Zimmer begeben?« Iris zog ihre Hand zurück und entgegnete: »Nur wenn es Mr. Mountjoy wünscht.«

»Durchaus nicht,« erklärte Hugh, »bitte, bleiben Sie hier! Ihre Gegenwart wird mir helfen, mein Ruhe und Fassung zu bewahren.«

Dann trat er auf Mr. Vimpany zu und fragte ihn: »Haben Sie irgend einen besondern Grund, die Türe zu öffnen?«

Der Doktor war ein Schurke, aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er war kein Feigling.

»Ja,« sagte er, »ich habe einen Grund.«

»Und welchen, wenn ich bitten darf?«

»Christliche Nachsicht,« antwortete Mr. Vimpany.

»Nachsicht gegen mich?« fuhr Mountjoy fort.

Den Doktor verließ seine würdige Haltung plötzlich.

»Aha, Verehrtester,« rief er, »endlich sind Sie so weit! Es ist doch gut, wenn man sich gegenseitig versteht! Bei meiner Seele, ich kann meine Bekanntschaft mit einem Menschen nicht fortsetzen, der - o sehen Sie mich nicht so groß an, als ob Sie mich nicht verständen! Die Umstände zeugen gegen Sie, mein verehrter Herr; Sie haben mich gröblich beleidigt!«

»Wodurch denn?« fragte Hugh.

»Unter dem Vorwande, mir ein Essen zu geben,« schrie Mr. Vimpany, »das schlechteste Essen, zu dem ich mich je in meinem Leben niedergesetzt, haben Sie versucht - -«

Seine Frau bedeutete ihm, zu schweigen. Er aber schrie nur um so wütender.

»Dann lass ihn nicht mehr mich so ansehen, als ob er glaube, ich sei betrunken gewesen! Dort steht der Mann, Miss, welche versucht hat, mich betrunken zu machen!« fuhr er fort, indem er sich nun direkt an Iris wandte. »Dank meiner gewohnten Nüchternheit hat er sich in seiner eigenen Falle gefangen. Er ist betrunken gewesen. Ja, ja, Freund Mountjoy! Haben Sie nun endlich die richtige Erklärung? Dort ist die Tür, Herr!«

Mrs. Vimpany fühlte, dass diese Beleidigung für Iris unerträglich war. Wenn nicht etwas getan würde, um sie wieder zu versöhnen, so war Miss Henley fähig - ihr Gesicht sprach in diesem Augenblick dafür - gleichzeitig mit Mr. Mountjoy das Haus zu verlassen. Mrs. Vimpany ergriff empört den Arm ihres Gatten.

»Du roher Mensch, Du hast alles verdorben!« sagte sie zu ihm; »sogleich bittest Du Mr. Mountjoy um Entschuldigung! - Du willst nicht?«

»Nein, ich will nicht.«

Erfahrung hatte seine Frau gelehrt, wie er ihrem Willen gefügig zu machen sei.

»Hast Du meine Diamantnadel vergessen?« flüsterte sie ihm zu.

Er blickte sie unangenehm überrascht an. Vielleicht glaubte er, sie hätte die Nadel verloren.

»Wo ist sie?« fragte er erregt.

»Ich habe sie nach London geschickt um sie taxieren und verkaufen zu lassen. Sofort bittest Du Mr. Mountjoy um Entschuldigung, oder ich lege das Geld auf die Bank, und Du bekommst nicht einen Pfennig davon!«

Inzwischen hatte Iris Mr. Vimpanys Befürchtungen wahr gemacht. Ihre Entrüstung ließ sie jetzt an nichts anderes denken als an die Hugh zugefügte Beleidigung. Sie war zu aufgebracht, um ein Wort hervorzubringen. Mountjoy dagegen verhielt sich bewunderungswürdig ruhig, und seine einzige Sorge war nur, sie zu beschwichtigen.

»Haben Sie keine Angst,« sagte er, »es ist für mich ganz unmöglich, mich mit Mr. Vimpany zu streiten; ich bin nur hier geblieben, um zu erfahren, was Sie zu tun beabsichtigen. Sie haben an Mrs. Vimpany zu denken.«

»Ich habe an niemand anders zu denken als an Sie,« entgegnete Iris; »um meinetwillen sollen Sie keine Minute länger in diesem Hause verweilen, nach der Beleidigung, die Ihnen hier zugefügt worden ist. - O Hugh, ich fühle sie doppelt - lassen Sie uns sofort zusammen nach London zurückkehren. Ich habe nur noch Rhoda mitzuteilen, dass wir abreisen, und meine Vorbereitungen dazu zu treffen. Holen Sie mich ab, ich werde zur rechten Zeit für den nächsten Zug fertig sein.«

Mrs. Vimpany näherte sich Mountjoy, ihren Gatten an der Hand führend.

»Ich bedaure, Sie beleidigt zu haben,« sagte der Doktor, »und bitte Sie deshalb um Verzeihung! Es war nur ein Scherz. Bitte, nicht böse sein!«

Sein kriechendes Wesen war noch unerträglicher als seine Unverschämtheit. Nach dem Mountjoy erklärt hatte, dass es keines Wortes weiter bedürfe, verbeugte er sich vor Mrs. Vimpany und verließ das Zimmer. Sie erwiderte die Verbeugung mechanisch und stillschweigend. Mr. Vimpany folgte Hugh in Gedanken an die Diamantnadel und war sehr beflissen, die Haustüre zu öffnen als ein weiteres Zeichen seiner Unterwerfung, welches seine Frau zufrieden stellen sollte.

Selbst eine kluge Frau macht zuweilen Fehler, besonders dann, wenn sie sich zufällig in Aufregung befindet. Mrs. Vimpany sah sich in einer peinlichen Lage, die sie ihrer eigenen Unklugheit zu verdanken hatte.

Sie hatte sich dreier schweren Fehler schuldig gemacht. Erstens hatte sie als sicher vorausgesetzt, dass sein eigenes Heilmittel ihren Gatten vollständig wieder nüchtern machen würde; zweitens hatte sie ihn mit der Aufgabe betraut, für die sie an jemand Rache zu nehmen, der durch seine Unmäßigkeit hinter ihre Geheimnisse gekommen war, und drittens endlich hatte sie zu voreilig angenommen, dass der Doktor bei der Ausführung ihrer Instruktionen, wie er Mountjoy beleidigen sollte, sich in den Grenzen halten würde, die sie ihm vorgeschrieben hatte.

Als eine Folge dieser drei unklugen Handlungen sah sie sich einem Unglück ausgesetzt, welches sie sehr fürchtete - nämlich dem Verluste der Stellung, die sie in der Achtung von Miss Henley einnahm. In der widersprechenden Unklarheit ihrer Gefühle, wie sie sich so oft bei Frauen zeigt, war diese gefährliche und ränkevolle Person nach und nach, wie sie es selbst beschrieb, durch den Reiz der Einfachheit und Jungfräulichkeit in Iris gefangen genommen worden. Sie redete jetzt zögernd, fast furchtsam das junge Mädchen an, welches sie seit der Zeit, wo sie zum erstenmal mit ihr zusammengetroffen war, auf so außerordentlich geschickte Weise betrogen hatte.

»Muss ich ganz und gar auf alles Verzicht leisten, Miss Henley, was für mich von so ungeheuer großem Werte ist?« fragte sie.

»Ich verstehe Sie nicht, Mrs. Vimpany.« »Ich will versuchen, mich Ihnen verständlicher zu machen. Beabsichtigen Sie wirklich, mich heute Abend noch zu verlassen?« »Ja.«

»Darf ich Ihnen gestehen, dass ich unglücklich bin, dieses hören zu müssen? Ihre Abreise wird mich der glücklichen Stunden berauben, welche ich noch in Ihrer Gesellschaft genießen wollte.«

»Das Benehmen Ihres Gatten lässt mir keine Wahl,« antwortete Iris.

»Bitte, beschämen Sie mich nicht damit, dass Sie von meinem Gatten sprechen! Ich möchte nur wissen, ob es einen größeren Beweis meiner Ergebenheit für Sie gibt, als wenn ich noch einmal zu fragen wage. Muss ich auch auf das Glück Verzicht leisten, Ihre Freundin zu sein?«

»Ich hoffe, dass ich einer solchen Ungerechtigkeit, wie das wäre, nicht fähig bin,« erklärte Iris. »Es würde allerdings hart sein, wenn man die Schande von Mr. Vimpanys schimpflichem BetragenSie fühlen lassen wollte. Ich werde es nicht vergessen, dass Sie ihn dazu gebracht haben, sich zu entschuldigen. Viele Frauen, welche das Unglück haben, mit einem solchen Mann, wie der Ihrige ist, verheiratet zu sein, mögen Furcht vor ihren Männern haben. Nein, nein, Sie sind freundlich gegen mich gewesen - ich werde das nicht vergessen!«

Die Dankbarkeit Mrs. Vimpanys war eine zu aufrichtige, als dass sie sie mit der ihr gewöhnlichen Redegewandtheit in diesem Augenblick hätte ausdrücken können. Sie sagte nur, was die einfachste Frau in diesem Falle hätte sagen können:

»Ich danke Ihnen!«

In dem Stillschweigen, welches diesen Worten folgte, ließ sich die rasche und laute Bewegung von Wagenrädern von der Straße herauf vernehmen. Vor der Haustür des Doktors hörte das Gerassel auf.

Einundzwanzigstes Kapitel

War Mountjoy zurückgekommen, um Iris abzuholen, bevor sie noch ihre Vorbereitungen zur Reise beendet hatte? Beide Damen eilten an das Fenster, aber sie kamen zu spät. Der eilige Besucher war vor ihren Blicken schon unter der Vorhalle verschwunden und klopfte lebhaft an die Tür. Einen Augenblick später fragte die Stimme eines Mannes in dem Hausflur nach Miss Henley. Diese Stimme - klar, hell und sanft und hie und da angenehm mit einem irischen Accent vermischt - war nicht zu verkennen für einen, der sie schon einmal früher gehört hatte. Der Mann in dem Hausflur war Lord Harry.

Dieses unerwartete Zusammentreffen gab Mrs. Vimpany ihre Geistesgegenwart wieder.

Sie näherte sich der Türe in der Absicht, mit Lord Harry zu sprechen, bevor er in das Zimmer kam; aber Iris hatte ihn nach ihr fragen hören, und diese eine Umstand zerriss sofort alle die Hüllen, hinter welchen der wahre Charakter dieser Frau verborgen gewesen war, an deren Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sie bis jetzt geglaubt hatte. Der erste Eindruck, den sie von Mrs. Vimpany empfangen, war nach allem also doch der richtige gewesen. Jünger, leichter und schneller als die Frau des Doktors, erreichte Iris zuerst die Tür und legte die Hand auf die Klinke.

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte sie.

Mrs. Vimpany blieb stehen. Zum erstenmale in ihrem Leben vermochte sie kein Wort über ihre Lippen zu bringen, sie konnte nur durch Zeichen Iris bitten, zurückzutreten. Aber Iris weigerte sich, das zu tun. In einfachen und klaren Worten sprach sie die schreckliche Frage aus: »Woher weiß Lord Harry, dass ich in diesem Hause bin?«

Das schlechte Weib horchte gespannt auf das Geräusch von Schritten auf der Treppe und wollte selbst jetzt nicht einer beschämenden Bloßstellung sich preisgeben. Ihrem verdorbenen moralischen Gefühle war jede Lüge recht als ein Mittel, sich vor einer Entdeckung durch Iris zu schützen.

»Meine Liebe,« sagte sie, »was kommt denn über Sie? Warum wollen Sie mich denn nicht nach meinem Zimmer gehen lassen?«

Iris maß sie mit einem verächtlichen Blick.

»Sind Sie unverschämt genug,« sagte sie, »noch anzunehmen, dass ich Sie nicht durchschaut habe?«

Helle Verzweiflung hielt noch den Mut Mrs. Vimpanys aufrecht. Sie spielte die angenommene Rolle gegen die verachtungsvolle Ungläubigkeit von Iris, wie sie einstens auf dem Theater ihre Rollen gespielt hatte gegen das wüste Zischen und Schreien einer rohen Zuhörerschaft.

»Miss Henley,« sagte sie, »Sie vergessen sich!« »Glauben Sie denn, ich könnte nicht in Ihrem Gesicht lesen,« versetzte Iris, »dass auch Sie ihn gehört haben? Beantworten Sie mir meine Frage!« »Welche Frage?«

»Sie haben sie soeben vernommen.«

»Nein.«

»O, Sie Heuchlerin!«

»Vergessen Sie nicht, Miss Henley, dass Sie zu einer Dame sprechen!« »Ich spreche zur Spionin Lord Harry ist!« Ihre Stimmen waren sehr laut geworden; die Erregung auf beiden Seiten hatte ihren Höhepunkt erreicht. Weder die eine noch die andere war in der Verfassung, um zu vernehmen, dass der Klang der Wagenräder sich wieder von dem Hause entfernte. Während dem war aber niemand an die Türe des Empfangszimmers gekommen. Mrs. Vimpany war mit dem hitzköpfigen irischen Lord zu gut bekannt, um nicht zu wissen, dass er sich selbst hörbar gemacht hätte und dass er seinen Weg zu Iris gefunden haben würde, wenn ich irgend etwas, auf das er nicht vorbereitet war, unten an der Treppe sich ihm hindernd entgegen gestellt hätte. Des Doktors Frau ließ dem Doktor endlich Gerechtigkeit widerfahren. Eine andere Person hatte aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls die Stimme Lord Harrys gehört, und diese Person konnte nur ihr Gatte sein.

War es aber möglich, dass es sich des Dienstes erinnert hatte, um den sie ihn gebeten? Und selbst wenn er daran gedacht, konnte sie seiner Verschwiegenheit trauen? Als sie sich diese Fragen vorlegte, war der Wunsch, die richtige Beantwortung dafür zu finden, zu stark, als dass sie ihm hätte widerstehen können. Mrs. Vimpany versuchte daher zum zweitenmal, das Zimmer zu verlassen.

Aber derselbe Grund hatte auch Iris zum Handeln veranlasst. Wiederum kam die jüngere der älteren Frau zuvor. Iris eilte die Treppe hinab, um die Ursache der plötzlichen Veränderung in dem unteren Teile des Hauses zu entdecken.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Frau des Doktors folgte der voraneilenden Miss Henley bis an den Treppenabsatz und wartete dort.

Sie hatte Gründe, sich diese Zurückhaltung aufzuerlegen. Die Lage des Treppenabsatzes verbarg sie vor den Augen desjenigen, der in dem Hausflur stand. Wenn sie nur den Klang der Stimmen vernahm, konnte sie mit Sicherheit erfahren, ob Lord Harry noch im Hause sei oder nicht. In dem ersten Fall würde es ein Leichtes sein, eine Unterredung mit Iris zu unterbrechen, bevor das Gespräch sie zu Enthüllungen geführt hatte, die Mrs. Vimpany aus guten Gründen fürchten musste. In dem zweiten Fall würde es gar nicht nötig sein, sich zu zeigen.

Inzwischen öffnete Iris die Tür des Esszimmers und blickte hinein.

Es war niemand darin. Das einzige andere Zimmer, welches außerdem im Parterre gelegen war an der Rückseite des Hauses, diente dem Doktor als Sprechzimmer. Sie klopfte an die Tür. Mr. Vimpanys Stimme antwortete: »Herein!« Er war allein, trank Cognac und Wasser und rauchte eine dicke, dunkle Zigarre.

»Wo ist Lord Harry?« fragte sie.

»Wahrscheinlich in Irland!« antwortete Mr. Vimpany ruhig.

Iris vergeudete keine Zeit, indem sie unnötige Fragen stellte. Sie schloss die Tür wieder und ließ den Doktor allein. Er gehörte jedenfalls auch zu der Verschwörung, welche die Bestimmung hatte, sie in der Täuschung zu erhalten. Was war nun geschehen? Wo befand sich der wilde Lord in diesem Augenblick?

Während sie in dem Hausflur diesen Gedanken nachhing, kam Rhoda von dem Teetisch der Dienerschaft in der Küche. Ihre Herrin gab ihr die nötige Anweisung zum Einpacken und versprach ihr, binnen kurzem nachzufolgen, um ihr zu helfen. Mrs. Vimpanys kühner Entschluss, ihr die Richtigkeit ihrer Wahrnehmung abzustreiten, beschäftigte noch Miss Henleys Geist. Viel zu ärgerlich, um daran zu denken, welche Verlegenheit ihr ein Zusammentreffen mit Lord Harry verursachen würde, war sie fest entschlossen, zu verhindern, dass die Frau des Doktors zuerst mit ihm spräche und ihn zum Teilnehmer an der unverschämten Verleugnung der Wahrheit mache. Wenn er durch irgend einen Zufall veranlasst worden wäre, das Haus zu verlassen, so würde er früher oder später doch den Streich entdecken den sie ihm gespielt hatten, und sicherlich zurückkommen. Iris nahm einen Stuhl und ließ sich in der Vorhalle nieder.

*

Um dem Doktor Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss erzählt werden, dass er in der Tat das von seiner Frau in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte.

Die Diamantnadel, welche sich in London zur Abschätzung ihres Wertes und zum Verkaufe befand, schwebte immer noch erschreckend vor seinem Geist. Das Geld, das Geld - er war der aufmerksamste Gatte von ganz England, wenn er an das Geld dachte! Zu der Zeit, als Lord Harrys Wagen vor seiner Haustür anhielt, befand sich der Doktor in dem Esszimmer, um eine Flasche Cognac von dem Buffet zu holen. Er blickte gerade aus dem Fenster und entdeckte daher gleich, wer der Ankommende war. Er entschloss sich dann, die in seinem Notizbuch aufgeschriebene Instruktion seiner Frau zu Rate zu ziehen. Diese Absicht wurde aber, sobald er das Buch aufgeschlagen hatte, vereitelt durch die unglückliche Eile, mit welcher das Dienstmädchen die Haustüre öffnete. Ihr Herr hielt sie in der Vorhalle zurück. Er fühlte mit Wohlgefallen, dass er seine Geschicklichkeit wiedergewann; aber sein Gedächtnis, weit davon entfernt, selbst unter den günstigsten Umständen rege zu sein, war träger denn je, ihm zu Hilfe zu kommen. In der Hast des Augenblicks konnte er sich nur erinnern, dass ihm aufgetragen worden war, ein Zusammentreffen von Iris und Lord Harry zu verhindern.

»Lassen Sie den Herrn in mein Sprechzimmer eintreten!« befahl er dem Dienstmädchen.

Lord Harry fand den Doktor auf seinem Arbeitsstuhl sitzen; er gebärdete sich überrascht und entzückt zugleich, seinen vornehmen Freund zu sehen. Der ungestüme Irländer fragte sofort nach Miss Henley.

»Abgereist!« antwortete Mr. Vimpany.

»Abgereist - wohin?« wollte der wilde Lord zunächst wissen.

»Nach London«

»Allein?«

»Nein, mit Mr. Hugh Mountjoy.«

Lord Harry fasste den Doktor an seinen beiden Schultern und schüttelte ihn hin und her.

»Sie wollen doch damit nicht etwas sagen, das Mountjoy im Begriff steht, sich mit ihr zu verheiraten?«

Mr. Vimpany fürchtete nichts anderes als den Verlust von Geld; obgleich er der schwächere und der ältere der beiden Männer war, ahmte er nichtsdestoweniger das Beispiel des jungen Lords nach und schüttelte ihn, so gut es ging.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen das gefällt!« sagte er. »Was Mountjoy anbetrifft, so weiß ich nicht, ob er verheiratet oder ledig ist - es ist mir auch ganz gleichgültig.«

»Der Teufel hole Ihren Eigensinn! Wann sind Sie abgereist?« »Der Teufel hole Ihre Fragen! Sie sind noch nicht lange fort.« »Kann ich Sie vielleicht noch an der Station einholen?« »Ja, wenn Sie augenblicklich gehen.«

So führte der Doktor in seiner Verzweiflung die Befehle seiner Frau aus, ohne sich der beigefügten Bestimmungen zu erinnern.

Der Weg zu der Station führte Lord Harry an dem Gasthof vorüber. Er sah durch die offene Haustüre, wie Hugh Mountjoy seine Rechnung an dem Buffet bezahlte. Im nächsten Augenblick hatte er den Wagen angehalten, und die beiden Männer, die niemals auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden hatten begrüßten sich durch eine kühle gegenseitige Verbeugung.

»Mir wurde gesagt,« begann Lord Harry, »dass ich Sie mit Miss Henley an der Station treffen könnte.«

»Wer gab Ihnen diesen Bescheid?«

»Vimpany, der Doktor.«

»Er hätte doch wissen können, dass der Zug erst in einer Stunde hier ankommt.« »Hat der Lump mich belogen? - Ein Wort noch, Mr. Mountjoy: Ist Miss Henley hier im Gasthofe?« »Nein.«

»Wollten Sie mit ihr nach London reisen?« »Ich muss es Miss Henley überlassen, diese Frage zu beantworten.« »Wo befindet sie sich denn, Sir?«

»Jedes Ding hat ein Ende in der Welt, in der wir leben, Mylord. Sie haben das Ende meiner Bereitwilligkeit, Ihre Fragen zu beantworten, erreicht.«

Der Engländer und der Irländer sahen sich gegenseitig an: der Anglo-Saxone war undurchdringlich ruhig und kühl, der Kelte dagegen aufgelegt und ärgerlich. Es sah aus, als ob sie beide im Beginn eines Streites stünden, wenn man in diesem Augenblick Lord Harrys Erregung in Betracht zog. Als er an Mr. Vimpanys Haus gekommen war und nach Iris gefragt hatte, hatte sich der Doktor ihm durch eine Lüge vom Halse geschafft. Zu welchem Schluss nun konnte er nach dieser Entdeckung kommen? Der Doktor hielt sicherlich Iris von einer Begegnung mit ihm ab. Während er sich dies in seiner raschen Weise überlegte, ließ Lord Harry die eine Beleidigung unbeachtet, um die andere in seiner unbesonnenen Heftigkeit zu bestrafen. Er verließ Mountjoy augenblicklich.

Wiederum rasselte der Wagen die Straße entlang, aber er wurde angehalten, bevor er noch an dem Hause Mr. Vimpanys angekommen war.

Lord Harry kannte die Leute, mit denen er es zu tun hatte, und ergriff daher Maßregeln, um sich dem Hause ohne Geräusch zu Fuße zu nähern. Der Kutscher erhielt den Befehl, genau auf das Zeichen achtzugeben, sobald er wieder gebraucht würde.

Mr. Vimpanys Ohren, die wachsam auf verdächtige Geräusche, vernahmen keinen Lärm der Wagenräder und keinen Ton des Klopfers an der Haustür. Während er noch so auf der Lauer stand, störte ihn in seinem Sprechzimmer das Läuten der Hausglocke. Als sie in den Hausflur hinausschaute, sah er, wie Iris dem Lord Harry die Tür öffnete, und zog sich dann leise wieder in sein Zimmer zurück.

»Der Teufel soll sie holen!« sagte er, indem er Miss Henley meinte, dabei aber zugleich an die beneidenswerte zukünftige Besitzerin der Diamantnadel dachte.

Bei der unerwarteten Erscheinung von Iris vergaß Lord Harry jede Überlegung, welche er in diesem kritischen Moment so nötig gehabt hätte.

Er näherte sich ihr und streckte ihr beide Hände zur herzlichen Begrüßung entgegen. In unverhohlener Verachtung gab sie ihm jedoch mit der Hand ein Zeichen, ihr fern zu bleiben, und sprach mit vorsichtig gedämpfter Stimme, nachdem sie zuvor noch einen Blick nach der Tür geworfen hatte.

»Der einzige Grund, welcher mich bestimmt hat, Ihnen entgegenzutreten, ist, mich in der Zukunft vor weiterer Täuschung zu schützen. Ihr schimpfliches Betragen ist mir jetzt nur zu gut bekannt. Gehen Sie,« fuhr sie fort und zeigt die Treppe hinauf, »gehen Sie und beraten Sie sich mit Ihrer Spionin.«

Der irische Lord hörte zu, ohne nur den Versuch zu machen, ein Wort der Entschuldigung und Verteidigung zu äußern, denn er war sich seiner Schuld wohl bewusst und gestand so stillschweigend zu, dass er die harten Worte, die Iris soeben zu ihm gesagt hatte, verdient habe.

Oben an der Treppe stand noch immer die Frau des Doktors auf ihrem Lauscherposten und hörte jetzt Iris sprechen; aber die Stimme war nicht laut genug, als dass die einzelnen Worte auf diese Entfernung hin verständlich gewesen wären; ebensowenig vernahm sie, dass eine andere Stimme antwortete. Mit dem unbestimmten Verdacht, dass irgend etwas im Hause nicht in Richtigkeit sei, begann Mrs. Vimpany jetzt die Treppe hinunterzusteigen. An der Wendung angekommen, die einen freien Blick in den Hausflur gewährte, blieb sie plötzlich stehen, wie vom Blitz getroffen, als sie Lord Harry und Miss Henley bei einander sah.

Die Gegenwart einer dritten Person schien einigermaßen Lord Harry wieder zu beleben. Er sprang eiligst die Stufen hinauf, um Mrs. Vimpany zu begrüßen; aber auch hier wurde ihm wieder ein kalter Empfang und ein feindlicher Blick zu teil.

Einen seltsamen und sonderbaren Gegensatz bildeten die beiden Menschen, welche sich jetzt auf der Treppe gegenüberstanden. Die verwelkte Frau, angegriffen und bleich von dem schweren Druck geistigen Leidens, stand Gesicht gegen Gesicht mit einem vornehmen großen und gewandten Mann, in der vollen Blüte seiner Gesundheit und Kraft. Hier waren die stolzen blauen Augen, das gewinnende Lächeln und die natürliche Anmut der Bewegungen, welche immer ihren Weg zu der günstigen Beurteilung bei dem schöneren Geschlecht fanden. Dieser unverbesserliche Wanderer auf den gefährlichen Nebenwegen im Dasein der Menschen, der von ehrenwerten Mitgliedern der Gesellschaft der irische Lump genannt wurde, wenn sie hinter seinem Rücken von ihm sprachen, musste selbst unter Männern die Beachtung auf sich ziehen. Wer in sein kühnes, schöngeformtes Gesicht sah, der würde als eine Ausnahme von der gewöhnlichen Regel in der Jetztzeit bemerkt haben, dass jede Spur von Bart durch das Rasiermesser aus diesem Gesicht sorgfältig entfernt war. Fremde, die ihn nicht kannten, würden jedenfalls Lord Harry entweder für einen Schauspieler oder für einen katholischen Geistlichen gehalten haben. Unter seinen näheren Bekannten jedoch würden die wenigen von der Natur mit einer lebhaften Auffassungsgabe Begünstigten wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen sein, dass sein abenteuerliches Leben jedenfalls eine solche Veränderung für seine Sicherheit nötig gemacht habe. Bisweilen stellten sie auch hierüber kühn an ihn eine Frage. Das in Augenblicken der Erregung leicht auf brausende Temperament eines Irländers verwandelt sich nicht selten in Momenten der Ruhe in Sanftmut. Was viele für eine neue tolle Idee Lord Harrys ansahen, bedeutete nichts anderes, als dass er so verschuldet war, dass bei gewissen Gelegenheiten ein falscher Bart und ein gefärbtes Haar und Gesicht für ihn außerordentlich vorteilhaft waren. Den gleichen Eindruck empfing jetzt auch Mrs. Vimpany, welche mit feindlichen Blicken den Lord betrachtete.

»Wenn ich irgend etwas getan habe, was Sie beleidigt hat,« sagte er mit verlegener, bescheidener Miene, »so seien Sie versichert, dass es mir aufrichtig leid tut. Zürnen Sie deshalb Ihrem alten Freund nicht, Arabella. Warum wollen Sie mir nicht die Hand reichen?«

»Ich habe Ihr Geheimnis wohl bewahrt und habe in Ihrem Interesse mich selbst bloßgestellt,« antwortete Mrs. Vimpany, »und was ist nun meine Belohnung dafür? - Miss Henley kann Ihnen sagen, wie Ihre irische Falschheit mich in der Achtung dieser Dame herabgesetzt hat, und jetzt soll ich Ihnen auch noch die Hand reichen? Sie werden mir niemals wieder die Hand drücken, solange Sie leben!«

Sie sagte diese Worte, ohne ihn dabei anzusehen. Ihr Blick ruhte jetzt auf Iris. Von dem Augenblick an, wo sie die beiden beisammen gefunden hatte, wusste sie, dass alles aus war; ferneres Leugnen würde jetzt in der Tat ganz nutzlos gewesen sein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich ruhig in ihr Schicksal zu ergeben.

»Miss Henley,« sagte sie, »wenn Sie mit dem Kummer und der Scham einer schwachen Frau Mitleid fühlen können, so lassen Sie mich zu Ihnen noch ein letztes Wort sprechen - aber ohne dass es dieser Mensch wird.«

In ihrer Stimme sowohl als in ihren Blicken lag nichts Unnatürliches, Künstliches mehr; keine Schauspielerin würde die traurige Einfachheit haben nachahmen können, in der sie sprach. Betroffen von dieser Veränderungen begleitet die Iris die Frau des Doktors, als diese die Treppe hinauf stieg. Nach einem kurzen Moment der Zögerung folgte Lord Harry. Mrs. Vimpany drehte sich nach ihm um, als sie oben angekommen war, und fragte ihn:

»Muss ich vor Ihnen die Tür schließen?« Er war diesmal geduldiger denn je.

»Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, meine Liebe,« entgegnete er; »ich bitte Sie nur um die Erlaubnis, mich niedersetzen und auf der Treppe warten zu dürfen. Wenn Sie Ihr Gespräch mit Miss Henley beendet haben, so rufen Sie mich herein. Und, nebenbei gesagt, erschrecken Sie nicht, wenn Sie ein kleines Geräusch hören, das heißt, den schweren Fall eines Mannes die Treppe hinunter. Wenn sich nämlich der Lump, der unglücklicherweise Ihr Mann ist, vor mir sehen lässt, dann würde ich in die traurige Notwendigkeit versetzt sein, ihn die Treppe hinunter zu werfen. Das ist alles.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Mrs. Vimpany schloss die Tür. Sie sprach zu Iris in sehr respektvollem Ton, wie sie irgend eine Fremde angeredet haben würde, die im Leben eine höhere Stellung einnahm als sie.

»So ist also das Ende unserer kurzen Bekanntschaft da, Fräulein, und zwar, wie wir beide wissen, ein Ende für alle Ewigkeit. Als wir uns zuerst trafen - lassen Sie mich Ihnen zum letztenmal die volle Wahrheit gestehen - fand ich ein boshaftes Vergnügen darin, Sie zu täuschen. Nach dieser Zeit bemerkte ich zu meinem lebhaften Erstaunen, dass Sie mir von Tag zu Tag lieber wurden. Können Sie die Schlechtigkeit verstehen, die mich immer wieder dazu antrieb, diesem Gefühl Widerstand zu leisten? - es war nutzlos; Ihr guter Einfluss auf mich war schon stärker geworden als alles andere. Ist das nicht sonderbar? Ich habe ein Leben voll Lug und Trug hinter mir, das ich unter schlechter Gesellschaft verbringen musste. Kann man nach einer solchen Vergangenheit etwas Besseres erwarten? Ich häufte Lüge auf Lüge - ich würde sogar geleugnet haben, dass die Sonne am Himmel stünde - ich hätte alles mögliche Schlimme eher getan, als dass ich mich in Ihrer Achtung gesunken sehen sollte. Nun, das ist jetzt alles vorüber - nutzlos, vollkommen nutzlos! Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich versuche nicht, mich zu entschuldigen, aber ein offenes Bekenntnis war ich Ihnen schuldig, und dieses Bekenntnis habe ich abgelegt. Es ist zu spät, als dass ich hoffen dürfte, Sie könnten mir verzeihen. Wenn Sie es mir aber erlauben, so möchte ich Sie noch um eine letzte Gunst bitten: vergessen Sie mich!«

Sie wendete sich ab nach einem letzten hoffnungslosen Blick, welcher deutlicher als alle Worte sagte:

»Ich bin eine Antwort nicht wert.«

Iris bestand jedoch in ihrem Edelmut darauf, noch einige Worte zu ihr zu sprechen.

»Ich glaube Ihnen,« sagte sie, »dass Sie aufrichtig bereuen, was Sie an mir gesündigt haben. Ich werde dies nie vergessen können - ich werde Sie niemals vergessen können.«

Sie hielt ihr verzeihend und mitleidig die Hand hin; aber Mrs. Vimpany gedachte mit zu bitterer Reue der Vergangenheit, als dass sie es gewagt hätte, diese reine Hand zu berühren. Tränen erfüllten die Augen der unglücklichen Frau, als sie die Iris den letzten Blick zuwarf. Nach einer kurzen Pause wurde die Tür des Empfangszimmers wieder geöffnet. Der irische Lord, der auf der Treppe wartend stand, fragte, ob er eintreten dürfe.

Iris antwortete kühl:

»Das Haus gehört nicht mir. Ich muss es Ihnen überlassen, darüber zu entscheiden.« Lord Harry betrat darauf das Zimmer, um mit ihr zu sprechen, blieb jedoch gleich am Eingang stehen, denn er bemerkte kein Zeichen der Nachgiebigkeit in diesem so zärtlich geliebten Gesicht.

»Ich glaube, es wird Ihnen eine große Erleichterung gewähren,« sagte er mit sanfter Ergebenheit in der Stimme, »wenn ich von hier fortgehe.«

Um aufrichtig zu sein, hätte sie antworten müssen: »Ja!« Aber ist denn auf der ganzen Welt eine Frau zu finden, welche, wenn sie sich in der gleichen Lage wie Iris befindet, hartherzig genug sein kann, dieses Wort auszusprechen? Sie wies auf einen Stuhl. Er war ihr für diese Nachsicht unendlich dankbar und versuchte nun, sein Benehmen zu entschuldigen.

»Es gibt nur eins, was ich für mich anführen kann,« bekannte er, »ich habe nicht damit angefangen, Sie zu betrügen. So lange Sie mir Ihre Zuneigung schenkten, Iris, war ich ein ehrenhafter Mensch.«

Diese außergewöhnliche Verteidigung ließ sie verstummen. Welcher andere Mann auf der Welt hätte wohl auf diese Weise um Verzeihung gebeten?!

»Ich fürchte, ich habe mich Ihnen nicht verständlich gemacht. Darf ich es noch einmal versuchen?«

»Bitte!«

Der elegante Vagabund strengte sich diesmal wirklich an, sich verständlich zu machen.

»Hören Sie! Wir haben damals auf der unglücklichen Insel Abschied von einander genommen. Ich glaubte zu jener Zeit, dass es wirklich ein Abschied für immer wäre, denn ich musste mir selbst eingestehen, dass ich Ihrer nicht würdig war. Ich habe Ihnen nicht widersprochen, als Sie mir sagten, dass Sie niemals mein Weib werden könnten nach einem derartigen Leben, wie ich es geführt hatte. Erinnern Sie sich auch daran, dass ich mich willig und wortlos Ihrer Rückkehr nach England unterwarf, ohne eine Klage laut werden zu lassen. O mein süßes Mädchen, es war leicht, sich zu unterwerfen, so lange ich Sie noch sehen konnte, so lange ich noch den süßen Laut Ihrer Stimme hören konnte und um den letzten Kuss bitten durfte - und ihn auch erhielt. Hochwürdige Herren sprechen über den Fall von Adam. Was hat er aber zu bedeuten gegenüber dem Fall von Lord Harry, als er in sein eigenes kleines Haus zurückgekehrt war ohne die Hoffnung, Sie jemals wieder zusehen! Ich fand die Schlange, welche mich versuchte wie einstens Eva; sie saß wartend auf meinen Armstuhl und hatte keine schlimmere Absicht, als sich von mir eine kleine Summe Geldes zu borgen. Brauche ich es Ihnen zu sagen, wer es war? - Ich hege nicht den mindesten Zweifel, dass Sie sie für ein schlechtes Weib halten.«

Iris, die niemals gern von eigenen menschenfreundlichen, wohltätigen Handlungen und Gesinnungen ihrerseits sprach, antwortete mit einer gewissen Zurückhaltung: »Ich habe über Mrs. Vimpany besser zu denken gelernt, als Sie voraussetzen.«

Lord Harrys Gesicht nahm den Ausdruck eines glücklichen Mannes an, zum erstenmal, seit er das Zimmer betreten hatte.

»Ich hätte es wissen sollen,« rief er aus, »Sie besitzen einen Geist, der niemals aus dem Gleichgewicht kommt, liebe Iris, und der die Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit mildert. Mutter Vimpany hat ein hartes Leben gehabt. Versetzen Sie sich einmal in ihre Lage für einen Augenblick, und Sie werden verstehen, was sie schon alles hat durchmachen müssen. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie befänden sich in Irland und besäßen nicht die geringsten Mittel, um nach England zurückkehren zu können. Rechnen Sie dazu einen Gatten, der Sie ausschickt, um für ihn als Schauspielerin Geld zu verdienen, und einen Theaterdirektor - Gott sei Dank, keinen Irländer! - welcher sich weigert, Sie zu engagieren, nachdem Ihr Spiel einstens in vergangenen, besseren Tagen seine leeren, schmutzigen Taschen gefüllt hat, nur weil Ihre Schönheit während der Zwischenzeit dahingewelkt ist. Kann sich Ihre lebhafte Phantasie jetzt alles dies vorstellen? - Meine alte Freundin Arabella, gern bereit und eifrig bemüht, mir einen Dienst zu erweisen, und auf der andern Seite der Schmerz, den das Herz dieses guten Kameraden empfand, als ich ihr erzählte, dass ich, wenn ich Ihre Spur jetzt verlöre, sie für immer verlieren würde, - das ist die Verwicklung, wie man es auf der Bühne nennt. Ich wollte, ich könnte dies für mich sagen, was ich für Mrs. Vimpany sagen kann. Es gewährt einer klugen Frau kein geringes Vergnügen, wenn man sie an einer kleinen Intrigue teilnehmen lässt. Können wir sie deshalb tadeln?«

Iris machte in ruhiger, freundlicher Weise Einwendungen gegen die Annahme, dass es ihrem Geschlecht gestattet sein sollte, solche Sachen ungestraft zu tun. Aber Lord Harry verstand es vortrefflich, mit der bewunderungswürdigen irischen Geschmeidigkeit sich aus der Verlegenheit herauszuwinden; er stimmte mit Miss Henley vollständig überein und gab zu, dass er sich vollkommen im Unrecht befunden habe.

»Schonen Sie mich nicht, wenn Sie gegen mich aufgebracht sind,« fuhr er fort, »werfen Sie alle Schuld und alle Schande über dieses schimpfliche Vergehen auf meine Schultern. Es war wirklich verächtlich, so etwas zu tun. Wenn ich Sie überwachen ließ, so handelte ich in einer Weise, die - ich will nicht sagen, eines Ehrenmannes unwürdig war; denn bin ich ein Ehrenmann gewesen, seit ich zum erstenmal von zu Hause weglief? Man hat sogar gesagt, dass meine Art zu sprechen nicht mehr die eines solchen sei; nun das ist auch eigentlich kein Wunder, wenn man die Gesellschaft in Betracht zieht, in der ich mich damals bewegte. Das mag aber sein, wie es will, jetzt, mein süßer Liebling, bin ich wieder im Begriff, mich auf die See zu begeben. Willst Du mir daher jetzt verzeihen oder willst Du warten, bis ich zurückkomme, wenn ich überhaupt je zurückkomme? Gott allein weiß es!« Er fiel auf die Kniee vor ihr, ergriff ihre Hand und küsste sie innig. »Einerlei,« sagte er, »ob ich lebe oder sterbe; es wird eine gewisse Beruhigung und ein Trost sein, dass ich Dich um Verzeihung gebeten habe und dass ich vielleicht auch Verzeihung erhielt.«

»Ich verzeihe Ihnen, Harry, ich kann nicht anders, ich muss Ihnen verzeihen!« Sie hatte zuerst ihr Bestes getan, um ihm zu widerstehen; jetzt antwortete sie ihm mit diesen trostreichen Worten.

Aber die Wirkung davon wurde erst sichtbar, erschreckend sichtbar, als er sich von seinen Knieen erhob. Die einzige Möglichkeit, die es für sie gab, die Entfernung zwischen ihnen beiden aufrecht zu erhalten, auf welche zu bestehen sie zu schwach gewesen war, lag darin, dass sie ihn nicht durch Stillschweigen ermutigte. In ihrer Verzweiflung stellte sie ganz unvermittelt eine recht nichtssagende Frage über die Reise, die er zu unternehmen beabsichtigte.

»Wohin wollen Sie denn gehen, wenn Sie England verlassen?« »Ich will Geld verdienen, wenn es möglich ist,« antwortete er. »Ich will Diamanten suchen oder Gold graben oder sonst irgend etwas anstellen.« Vermöge ihrer feinen Beobachtungsgabe bemerkte Iris sofort, dass in der Art und Weise, in der er die Antwort gab, etwas nicht ganz richtig war. Er versuchte das Gespräch auf ein an den Gegenstand zu bringen; sie kann aber immer wieder mit voller Absicht darauf zurück.

»Was Sie mir da von Ihren Reisepläne gesagt haben, klingt aber wirklich sehr unbestimmt. Wann gedenken Sie denn wieder zurückzukommen?«

Er ergriff ihre Hand. Einer der Ringe an ihren Fingern hatte sich zufälligerweise verdreht. Er schob ihn wieder zurecht und entdeckte daran einen Opal.

»O, diese unglückselige Stein!« rief er aus und drehte ihn wieder nach der Innenseite der Hand.

Sie entzog ihm darauf ihre Hand und wiederholte noch einmal: »Ich habe Sie gefragt, wann Sie wieder zurückzukommen gedenken?« Er lachte, aber nicht so heiter und ungezwungen wie gewöhnlich.

»Wie kann ich wissen, ob ich überhaupt jemals wieder zurückkomme!« antwortete er. »Das Meer ist heimtückisch und gefährlich. Ich bin schon in so mancher schlimmen Lage gewesen und bin doch heil davon gekommen, aber ich kann nicht erwarten, dass mein Glück in dieser Beziehung von ewiger Dauer ist.« Er machte einen zweiten Versuch, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Ich möchte wohl wissen,« sagte er, »ob Sie noch einmal Irland besuchen werden. Mein Haus steht vollständig zu Ihrer Verfügung, liebe Iris, natürlich, wenn ich weit entfernt bin. Der Platz schien Ihnen damals zu gefallen, als Sie ihn sahen. Ich bürge Ihnen dafür, dass Sie mein Haus in bestem Zustand finden werden.«

Iris fragte ihn, wer denn während seiner Abwesenheit sein Haus verwalten würde.

Das Gesicht des wilden Lords nahm plötzlich einen traurigen Ausdruck an. Er zögerte einen Augenblick, dann stand er unruhig von seinem Stuhl auf und trat an das Fenster. Nach einer Weile kehrte er zurück und antwortete:

»Liebe Iris, Sie kennen sie. Es ist die alte Haushälterin von -« die Stimme versagte ihm. Er war unfähig oder wollte nicht den Namen Arthur Mountjoys aussprechen. Iris wusste natürlich sofort, - es ist eigentlich unnötig, es noch ausdrücklich zu sagen - das er Mrs. Lewson meinte. Sie ergriff die Gelegenheit, ihm warm zu empfehlen, für ihre alte Wärterin gut zu sorgen. Zugleich aber erinnerte sie sich, in welch unfreundlicher Weise die alte Haushälterin Lord Harrys gedacht hatte, als sie von ihm sprachen.

»Hat es denn keine Schwierigkeiten gemacht,« fragte sie, »Mrs. Lewson zu überreden, in Ihre Dienste einzutreten?«

»O ja, sehr viel Mühe hat es gekostet - mein schlechter Ruf stand hinderlich im Weg wie immer.«

Es gewährte ihm eine gewisse Erleichterung, jetzt von Mrs. Lewson zu reden. Der Humor der Irländer und ihre eigentümliche Aussprache zeigten sich deutlich in seiner Antwort.

»Die merkwürdige alte Frau sagte mir offen ins Gesicht, dass ich ein Lump wäre. Ich nahm Veranlassung, sie daran zu erinnern, dass es die Pflicht einer ehrbaren Person sei, schlechte Menschen zu bessern. Ich erwähnte auch, dass ich im Begriff stünde, fortzugehen, und dass sie daher als Herr und Herrin zugleich auf meinem kleinen Besitztum schalten und walten könne, wie sie wolle. Endlich ließ sie sich doch erweichen. Sie werden meistens finden, dass alte Frauen willfährig sind, wenn man sie bei ihrer Ehre fasst. Außerdem gab es aber noch einen anderen günstigen Umstand, der mir zu Hilfe kam. Die Nachbarschaft meiner Besitzung hat für Mrs. Lewson eine gewisse Anziehung. Sie sagte nicht ausdrücklich, was es sei, und ich habe sie auch nie darum gebeten, es mir zu sagen.«

»Sie werden es wahrscheinlich, auch ohne dass Sie es aussprachen, erraten haben,« entgegnete Iris; »das treue Herz der alten Lewson hält das Andenken des armen Arthur in hohen Ehren - und Arthurs Grab liegt nicht weit von Ihrer Besitzung entfernt.«

»Sprechen Sie nicht von ihm!«

Es sagte diese Worte laut, bestimmt und erregt. Er sah sie an mit angstvollem Erstaunen in seinem Gesicht.

»Sie hatten ihn doch auch gern,« sagte er, »und können trotzdem so ruhig von ihm sprechen? Dieser edelste, aufrichtigste und beste Mensch, der jemals von der Erde zum Himmel aufgeschaut hat, ist auf schändliche Weise ermordet worden, und der Schurke, der ihn tötete, der lebt noch, geht noch frei herum! O, wo bleibt da Gottes Vorsehung und Gerechtigkeit - gibt es denn keine Vergeltung mehr, gibt es keine Hand mehr, welche Arthurs Tod rächen wird?!«

Als diese heftig ausgestoßenen Worte ihm entschlüpften, war er nicht mehr der leichtsinnige, liebenswürdige und heitere Mann, als welchen ihn Iris kannte und liebte. Die wilden Leidenschaften der keltischen Rasse funkelten unstet in seinen Augen, und die gesunde Farbe, welche sein Gesicht gewöhnlich hatte, verwandelte sich in tiefe, erschreckende Blässe.

»O mein unglückseliges Temperament!« schrie er laut, als Iris schaudernd vor ihm zurückwich. »Jetzt hasst sie mich, und das ist auch gar nicht zu verwundern!«

Wankend entfernte er sich von ihr und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Mitleid, himmlisches Mitleid gewann die Oberhand über das irdische Gefühl des Schreckens in dem großen Herzen des jungen Mädchens, das ihn liebte. Sie ging ihm nach und legte zärtlich ihre Hand auf seine Schulter.

»Ich hasse Sie nicht, Harry,« sagte sie; »ich bin betrübt Arthurs wegen - und ich bin auch betrübt Ihretwegen.«

Er umschlang sie mit seinen Armen. Seine Dankbarkeit, seine Reue und sein wortloser Abschied, alles dies kam zum innigen Ausdruck in einem letzten heißen Kuss. Es war ein Augenblick, den sie niemals vergaßen bis an das Ende ihres Lebens. Bevor sie wieder sprechen, bevor sie überhaupt wieder denken konnte, hatte er sie verlassen.

Sie rief ihn zurück durch die offenstehende Tür. Aber er kam nicht wieder; er antwortete nicht einmal. Sie eilte an das Fenster und riss es auf; sie kam gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie er dem Kutscher ein Zeichen gab und in den Wagen sprang.

Ihr Erschrecken über das verhängnisvolle Vorhaben, welches sie nur zu deutlich aus seinen Worten herausgehört hatte - ihre Überzeugung, das er sich auf die Suche nach dem Mörder begeben würde, um selbst die schreckliche Strafe, Blut für Blut, auszuführen - gaben ihr den Mut, laut aus dem Fenster zu rufen.

»Komm zurück,« schrie sie, »ich muss, ich will mit Dir sprechen!« Er winkte ihr nur mit der Hand noch einen letzten Abschiedsgruss zu.

»Halten Sie Ihre Pferde an!« wandte sie sich nun an den Kutscher. Beunruhigt durch den verzweifelten Klang ihrer Stimme und durch seinen traurigen Blick, fragte der Mann unschlüssig, wohin er denn fahren sollte. Lord Harry zeigte nur wütend auf den vor ihnen liegenden Weg.

»Fahren Sie zum Teufel!« antwortete er heftig.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Ungefähr vier Monate waren seit Iris' Rückkehr in das Haus ihres Vaters vergangen.

Von alledem, was sich in der ersten Hälfte dieser Zwischenzeit geeignet hatte, erfordert das die meiste Beachtung, was Hugh Mountjoy tat, als ihm Miss Henley ihre Vermutungen über den irischen Lord zuerst mitgeteilt hatte.

Es war für ihn, den treu ergebenen Freund des jungen Mädchens, unmöglich, sie zu erblicken und nicht sofort die Zeichen tiefer Erregung an ihr wahrzunehmen, als sie auf dem Weg nach der Station wieder zusammentrafen. Iris wartete nur, bis sie allein in dem Eisenbahnwagen saßen; dann öffnete sie ohne Rückhalt dem  Mann ihr Herz, in dessen klaren Verstand und aufrichtige Teilnahme sie unbegrenztes Vertrauen setzen durfte. Er hörte aufmerksam zu, was ihm Iris von den Worten Lord Harrys wiederholen konnte, und schien nur wenig überrascht darüber zu sein. Iris hatte ihn nur an die eine der Enthüllungen erinnert, welche dem Doktor während des Mittagessens in dem Gasthof entschlüpft waren. Unter dem unwiderstehlichen Einfluss des guten Weins hatte Mr. Vimpany auch die Ursache verraten, welche den irischen Lord in seinem Vaterland nach der Ermordung Arthur Mountjoys noch zurückhielt. Hugh trat der einzigen Schwierigkeit, welche ihm bei der Beurteilung der Angelegenheit hinderlich sein konnte, mutig entgegen, ohne davor zurückzuschrecken. Er beschloss, sich vollständig von dem natürlichen Vorurteil gegen den Nebenbuhler freizumachen, der ihm vorgezogen worden war, ehe er die Verantwortlichkeit übernahm, dem jungen Mädchen durch seinen Rat beizustehen.

Nachdem er wenigstens einigermaßen das Vertrauen zu der Unparteilichkeit seines eigenen Urteils wiedergewonnen hatte, ging er auf die Frage, weswegen Lord Harry England verlassen haben konnte, näher ein.

Ohne den Versuch zu machen, die Richtigkeit des Schlusses zu bestreiten, zu welchem Iris gekommen war, tat er zunächst sein Möglichstes, ihren Kummer zu lindern. Nach seiner Meinung ließ sich eine Gewissheit über die Absichten, welche Lord Harry hatte, sehr leicht erzielen. Die Anspielung des irischen Lords auf ein neues Abenteuer, welches ihm auf seiner Jagd nach Gold und Edelsteinen begegnen könnte, schien darauf hinzudeuten, dass er sich vorher genau überlegt, wie er bei der Verfolgung des Mörders vorzugehen habe, und ebenso gewährte sie einen wahrscheinlichen Vorwand, um Iris zu beruhigen. Es war wenigstens möglich, dass der Mörder vor der ihm drohenden Gefahr, wenn er in England bliebe, gewarnt worden sein konnte, und dass er infolgedessen sich in ein weit entferntes Land begeben hatte, welches ihm nicht nur einen vollständig sicheren Zufluchtsort, sondern anch durch seine im Schoß der Erde verborgenen Schätze die Aussicht auf Gewinn bot. Angenommen, dass diese Umstände sich wirklich so verhielten, so lag es in Lord Harrys Charakter, um der Rache auch sicher zu sein, dass er sich mit demselben Dampfer einschiffte, den der Mörder benützte.

So unbewiesen diese Annahme auch zweifellos war, so bot sie doch einen Vorteil: ihre Richtigkeit konnte leicht festgestellt werden.

Hugh hatte sich auf der Station einige der Tageszeitungen gekauft. Er wollte die Passagierlisten der Schiffe durchsehen, zuerst derjenigen, welche die Verbindung mit den Diamantminen und Goldfeldern von Südafrika unterhielten.

Dieses Vorgehen belehrte ihn sofort, dass der erste Dampfer dieser Linie in zwei Tagen von London abgehen würde. Die nächste Vorsichtsmaßregel war nun, den Hafen überwachen zu lassen, und Mountjoys alter treuer Diener, welcher Lord Harry vom Sehen her kannte, war der geeignete Mann dazu.

Iris fragte natürlich, welchen Vorteil es haben könnte, wenn sich seine Annahme wirklich als richtig herausstellen würde.

Hierauf entgegnete Mountjoy, dass die einzige Hoffnung - allerdings nur eine sehr schwache Hoffnung, wie er selbst eingestehen musste - Lord Harry zu veranlassen, seinen abenteuerlichen Plan noch einmal genau zu überlegen, in dem Einfluss lag, den Iris auf den jungen Irländer ausübte. Sie musste einen Brief an ihn schreiben, welcher ihm sagte, dass sein Geheimnis durch seine eigenen Worte und durch sein eigenes Verhalten verraten worden wäre. Dann sollte sie ihm darin erklären, dass sie ihn niemals wiedersehen oder irgend eine Verbindung mit ihm aufrecht erhalten wollte, wenn er auf seinem wilden Entschluss, Rache zu nehmen, beharren würde.

Das war der verzweifelte Versuch, welchen Mountjoys edelmütige und selbstlose Liebe zu Iris ihr zu machen riet.

Der Diener, der mit dem Brief der Miss Henley betraut wurde, musste sich auf seinen Wachposten begeben - und der Erfolg, welcher für wenig besser als für eine vollständig verlorene Hoffnung anzusehen war, erwies sich als günstig. Lord Harry befand sich unter den Passagieren des Dampfers.

Der wilde Lord las den BriefMountjoys Diener überreichte dem wilden Lord den ihm anvertrauten Brief und fragte höflich, ob er auf Antwort warten sollte. Der wilde Lord las den Brief - machte ein Gesicht (um des Boten eigene Worte zu gebrauchen) wie ein Mann, der plötzlich einen Schlag erhalten hatte - schien für den ersten Augenblick gar nicht zu wissen, was er sagen oder tun sollte, und gab endlich folgende Antwort:

»Sagen Sie Miss Henley meinen verbindlichsten und aufrichtigsten Dank; ich würde an sie schreiben, wenn das Schiff in Madeira angekommen wäre.«

Der Diener fuhr fort, ihn zu beobachten, als er an Bord ging. Er sah, wie der Lord noch einen Blick rückwärts warf, als wenn er argwöhnte, es könne ihm jemand folgen; dann verlor er ihn jedoch ans dem Gesicht, da Lord Harry seine Kabine aufsuchte. Nach einer ziemlich langen Verspätung ging das Schiff endlich ab, aber Lord Harry ließ sich nicht wieder auf dem Deck sehen.

Als diese zweifelhafte Botschaft Iris überbracht wurde, erregte sie ihren Unwillen, sie hielt sie für grausam.

Es würden nun vielleicht mehrere Wochen vergehen, während dieser Zeit war sie zu einem Leben in banger Ungewissheit verurteilt. Außerdem musste sie diese Ge-duldprüfung auch noch allein über sich ergehen lassen, ohne Mountjoy zur Seite zu haben, der ihr hätte Mut zusprechen und sie hätte trösten können. Er war nach dem südlichen Frankreich gerufen worden, wo sein Vater krank lag.

Aber das Leben von Miss Henley hatte während dieser Periode auch eine angenehmere Seite. Sie fand Grund, sich Glück zu wünschen wegen der Versöhnung, welche zwischen ihr und ihrem Vater stattgefunden und welche sie wieder nach Hause zurückgeführt hatte. Mr. Henley war ihr bei ihrer Ankunft zwar nicht zärtlich, aber gewiss freundlich entgegengetreten.

»Wenn wir uns nicht gegenseitig hinderlich in den Weg kommen, so werden wir schon ganz gut miteinander fertig werden. Ich freue mich, dich wieder hier zu sehen.«

Das war alles, was er zu ihr gesagt hatte, aber es bedeutete viel bei einem solchen verbitterten und selbstsüchtigen Mann.

Das einzige, was ihr in ihrem Vaterhause Sorge bereitete, war der Gesundheitszustand ihres Mädchens.

Der Doktor erklärte, dass ärztliche Hilfe in diesem Fall nichts nützen könnte, so lange Rhoda Bennet in London bleiben würde. Auf dem Land sei sie geboren und erzogen worden, und auf das Land müsse sie zurückkehren. Zu Mr. Henleys großem Besitztum im Norden von London gehörte zufälligerweise auch ein kleines Landgut in der Nachbarschaft von Muswellhill. Iris wartete schlauerweise eine günstige Gelegenheit ab, bei der sie dann auf die guten Eigenschaften von Rhoda zu sprechen kam, welche das Mädchen eigentlich mehr zu ihrer Freundin als zu ihrer Dienerin gemacht hätten, und bat ihren Vater um Erlaubnis, die Kranke dorthin in die gesunde Landluft schicken zu dürfen.

Nachdem die Erlaubnis gegeben war, wurden die nötigen Vorbereitungen zur Übersiedlung schnell und ohne Mühe getroffen. Der Pächter des Gutes und seine Frau erklärten sich auf Iris' Bitte hin gerne bereit, das Mädchen aufzunehmen. Rhoda konnte, da sie eine geschickte Schneiderin war, in einer Familie, welche eine ziemlich große Anzahl kleiner Kinder hatte, auch ihrer selbst wegen eines herzlichen Willkommens sicher sein. Miss Henley brauchte nur ihren Wagen anspannen zu lassen, und da war sie schon draußen auf dem Gut. Es verging selten eine Woche, in der sich Herrin und Dienerin nicht sahen.

Während der Zeit seiner Abwesenheit in Frankreich hatte auch Mountjoy nicht vergessen, an Iris zu schreiben.

Seine Briefe boten aber wenig Aussicht auf eine baldige Zurückkunft. Die Ärzte hatten ihm nicht verschwiegen, dass die Krankheit seines Vaters einen tödlichen Verlauf nehmen könnte, einstweilen aber fühlte sich der alte Herr noch so kräftig, dass der Kampf mit dem Tod ein ziemlich langwieriger werden konnte. Unter diesen traurigen Umständen bat Hugh Iris, ihm recht oft zu schreiben. Je öfter sie ihm von den kleinen Ereignissen ihres Lebens im Vaterhause berichten würde, um so freundlicher würde sie ihm seine traurigen Tage erhellen.

Iris war natürlich sogleich dazu bereit, um ihm zu zeigen, wie dankbar sie noch seiner Güte, die er ihr in den kurz vergangenen Tagen bewiesen hatte, gedachte. Sie berichtete ihm genau über all die verschiedenen Vorkommnisse in ihrem häuslichen Leben. Jede Woche ging ein Brief an ihren treu ergebenen Freund ab. Nachdem sie Hugh unter anderem auch von der Übersiedlung Rhodas auf das Gut ihres Vaters erzählt hatte, berichtete sie von einigen unerwarteten Erfahrungen, welche sie bei dem Versuch gemacht hatte, sich ein neues Kammermädchen anzuschaffen.

Zwei junge Mädchen waren nach einander in ihren Dienst getreten, jede gut empfohlen von der Dame, bei der sie zuletzt im Dienst gewesen waren. Die Empfehlungen zeigten jedoch wieder die bekannte sträfliche Missachtung der moralischen Verpflichtung, welche traurigerweise in dem heutigen Geschlecht erschreckend um sich zu greifen scheint.

Das erste dieser beiden Mädchen, welches als leicht erregbar geschildert worden war, ließ solche Extravaganzen ihres Geistes entdecken, dass ein Narrenhaus eigentlich der richtige Platz für sie gewesen wäre. Das zweite Mädchen wurde ertappt, wie sie gerade eine Flasche Eau de Cologne beiseite brachte, um dieses Parfüm, vermischt mit Wasser, als berauschendes Getränk zu genießen. Sie bat um milde Beurteilung dieses ihres Vergehens und gab als Grund an, sie sei durch das Beispiel ihrer früheren Herrin zu diesem Laster verführt worden.

Nach dem dritten Versuch, ein passendes Kammermädchen zu finden, konnte Iris ihrem Freunde mitteilen, dass sie diesmal bei ihrer Nachfrage nach dem Leumund der Betreffenden zu einer Dame gekommen sei, welche die Wahrheit sagte - ein unverheiratetes Fräulein in den mittleren Jahren.

Das Mädchen wurde ihr geschildert als eine in der Ausübung ihrer Pflichten vollkommen erfahrene Dienerin, ehrlich, nüchtern, fleißig, charaktervoll und ohne sogenannten Anhang in Gestalt eines Liebhabers. Selbst ihr Name klang angenehm ins Ohr - er lautete Fanny Mere. Iris fragte, wie es denn möglich sei, dass ein Dienstbote, der scheinbar gar keinen Fehler besitze, in die Lage komme, sich eine andere Stellung suchen zu müssen.

Auf diese Frage hin seufzte das ältliche Fräulein und sagte, sie hätte eine Entdeckung, eine schreckliche Entdeckung über das Vorleben dieses Mädchens gemacht. Die Entdeckung erwies sich als die alte traurige Geschichte von einem gebrochenen Eheversprechen und von der Strafe, die, wie immer in diesem Fall, das unglückliche Mädchen zahlen muss.

»Ich will nichts über meine eigenen Gefühle sagen,« erklärte die Dame. »Aber um den anderen weiblichen Dienstboten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, konnte ich eine solche Person unmöglich länger in meinem Hause behalten, und auch Ihretwegen muss ich, wenn gleich ungern, irgendwelchen günstigen Aussichten Fannys hindernd in den Weg treten, indem ich offen den Grund angebe, welcher mich veranlasst hat, sie zu entlassen.«

»Wenn ich das junge Mädchen sehen und mit ihr sprechen könnte,« sagte Iris, »so würde ich die Frage, ob ich sie engagiere oder nicht, gern selbst entscheiden.«

Die Dame wusste die Adresse der entlassenen Dienerin und teilte sie nicht ohne ein gewisses Erstaunen Iris mit.

Miss Henley schrieb sogleich an Fanny Mere und forderte sie auf, am folgenden Tag zu ihr zu kommen.

Als sie am nächsten Tag erwachte, später als gewöhnlich, ereignete sich etwas, was Iris in den vergangenen Wochen ungeduldig erwartet hatte. Sie fand auf ihrem Nachttischchen einen Brief neben der Teetasse liegen.  Lord Harry hatte also endlich doch geschrieben.

Ob er nun seine Feder gebrauchte oder seine Zunge, das Benehmen des irischen Lords machte immer mehr oder weniger eine Entschuldigung nötig. Diesmal lautete dieselbe in dem gewöhnlichen Gemisch von offenen, klaren Worten und blumenreichen Redensarten folgendermaßen:

»Ich fürchte, mein Engel, dass ich Sie beleidigt habe. Sie werden sicherlich zu sich gesagt haben, dieser unselige Harry hätte mich durch zwei Zeilen, von seiner Hand geschrieben, glücklich machen können. Warum tut er es nicht? Er sendet eine Botschaft in Worten, welche mir gar nichts sagt.

Mein süßes Mädchen, der Grund hiefür liegt darin, dass ich damals, als Ihr Diener mich auf dem Weg nach dem Schiff anhielt, zwischen zwei Entschlüssen hin und her schwankte.«

Ob es für Sie besser war, - denn an mich selbst habe ich dabei nicht gedacht - wenn ich die volle Wahrheit gestehen oder wenn ich meine Zuflucht zu zärtlichen Beteuerungen nehmen würde, das war mehr, als ich damals entscheiden konnte. Wenn Minuten für Ihre Klugheit genügen, so braucht meine Dummheit Tage. Nun, schließlich habe ich doch das Richtige erkannt. Ein Mann ist einer ehrlichen Frau die Wahrheit schuldig. Zu dieser Erkenntnis zu kommen, habe ich fünf Tage gebraucht.

Aber sagen Sie mir zuerst eines. Brutus tötete einen Mann, Charlotte Corday tötete einen Mann. Eines dieser beiden Opfer war ein gewaltiger, das andere ein gemeiner Tyrann. Niemand tadelt diese beiden historischen Mörder. Warum tadelt man mich? Weil ich die Absicht habe, der dritte zu werden.

Steht denn ein einfacher moderner Mörder zu tief für meine Rache im Vergleich mit den beiden klassischen Tyrannen, welche ihre Mordtaten durch andere ausführen ließen? - Der Mann, welcher Arthur Mountjoy tötete, ist nächst Kain der abscheulichste Mörder, der jemals die traurigen Wege dieser Erde gegangen ist.   Das ist meine Antwort!

So, jetzt habe ich mein Gemüt erleichtert! Tun Sie es Ihrerseits auch nächstens in einem Brief an mich, geliebtes Mädchen!

Als ich Sie damals an dem Fenster von Vimpanys Hause verließ, fuhr ich mit dem nächsten Zug weg, um den Mörder in seinem Versteck an der Küste aufzusuchen.   Er hatte es jedoch verlassen; ich fand aber seine Spur und ging nach London - nach dem Hafen. Ein Schuft in Irland, der meine Pläne kannte, ist zum Verräter geworden. Jedenfalls ist mir der Schurke entwischt.

»Ich durchsuchte das Schiff bis in den entferntesten Winkel. Er befand sich nicht an Bord. War er nun schon vor mir abgefahren mit einem früheren Dampfer oder war er in irgend einen andern Teil der Welt geflohen? Ich werde es schon noch herausbekommen, der Tag der Abrechnung wird erscheinen, und er soll ein schreckliches Ende sehen. Amen. So soll es sein, Amen.

»Habe ich Ihnen weh getan? Verzeihen Sie mir, gute Iris! Ich habe noch etwas weiter mit Ihnen zu besprechen. Sie werden sich vielleicht wundern, dass ich mit dem Schiff doch noch nach Südafrika gefahren bin, obgleich ich den Mann, den ich suchte, nicht an Bord gefunden habe. Was war mein Grund dafür? - Sie allein sind immer mein Grund. Glückliche Männer haben Gold gefunden, glückliche Männer haben Edelsteine gefunden. Warum sollte ich nicht einer von ihnen sein? Meine süße Iris, wir wollen einmal zwei mögliche Dinge annehmen, meine eigene elastische Überzeugung würde sie zwei wahrscheinliche Dinge nennen; aber Sie glauben das nicht! Angenommen, ich kehrte zurück als ein neuer, gebesserter Mensch. Dann wird der Vorwurf, den Sie mir machen, gleich hinfällig. Nehmen Sie es ferner für ausgemacht, dass ich mit Vermögen zurückkehre, welches ich mir durch meine eigenen Funde erworben habe. Was wird dann aus Mr. Henleys Vorwurf gegen mich? - Er verfliegt, wie Shakespeare irgendwo sagt, in dünne Luft. Nun, hören Sie meinen Rat gleich. Zeigen Sie diesen Teil meines Briefes Ihrem vortrefflichen Vater und erzählen Sie ihm zugleich von meiner Liebe! Ich bürge im voraus für die Folgen. Seien Sie glücklich, meine Lady Harry - so glücklich, wie ich bin! - und erwarten Sie meine Rückkehr an einem früheren Tag, als Sie denken. Bis in den Tod der Ihrige.                                 Harry.«

Wie der irische Lord, so schwankte auch Iris zwischen zwei Entschlüssen, während sie aufstand und sich ankleidete. In dem Briefe befanden sich Stellen, um deretwillen sie den Schreiber liebte, und dann andere Stellen, um deretwillen sie ihn hasste.

Welcher gefahrvolle Weg lag vor dem unbesonnenen Mann, welches Elend, welches Unglück konnte nicht diese ungewisse Zukunft bringen! Wenn sein Vorhaben missglückte, so konnte das schreckliche Ende, von dem er geschrieben hatte, ihm von einer andern Hand bereitet werden. Wenn er aber in seinem Unternehmen Glück hatte, so konnte das Gesetz sein Verbrechen entdecken und der schimpfliche Tod auf dem Schafott das schreckliche Ende sein. Sie wendete sich schaudernd ab von der Ausmalung solch entsetzlicher Möglichkeiten und nahm ihre Zuflucht zu der Hoffnung auf eine glückliche, auf eine schuldlose Rückkehr des Geliebten. Selbst wenn seine Träume von Erfolg, selbst wenn sich seine Vorsätze zur Besserung - wie wenig versprechend waren sie doch in seinem Alter! - verwirklichen sollten, konnte sie den Mann heiraten, welcher solch ein Leben geführt und welcher diesen Brief geschrieben und sich seines wilden, erbarmungslosen Rachedurstes gerühmt hatte? Keine Frau ihrer Gesinnung konnte dem bloßen Gedanken, sein Weib zu werden, Gehör geben.

Iris öffnete ihren Schreibtisch und verbarg den Brief sorgfältig. Ihr Herz erbebte von neuem. Wieder einmal überkam sie die abergläubische Furcht an eine Bestimmung, welche Lord Harry und sie immer näher und näher zu einander hindrängte, gerade wenn sie am sichersten und weitesten von einander getrennt schienen.

Hilflos sank sie in einen Stuhl. O, wenn sie doch einen Freund hätte, der für sie denken, ihr Mut zusprechen wollte, dessen verständige Worte sie wieder zu ihrem besseren und ruhigeren Selbst bringen könnten! Hugh war weit entfernt und Iris allein zurückgeblieben, um zu dulden, um zu kämpfen.

Tief empfundenes Verlangen nach Hilfe und Teilnahme wurde in ihr rege. O Ironie des Schicksals, wie wurde diesem Verlangen entsprochen? - Das Dienstmädchen trat in das Zimmer und meldete die Ankunft eines entlassenen Dienstboten mit einer dunklen Vergangenheit.

»Lassen Sie das junge Mädchen hereinkommen,« sagte Iris. War Fanny Mere die Freundin, nach der sie sich so lange gesehnt hatte? - Sie betrachtete ihr verstörtes Gesicht im Spiegel und lachte bitter.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Es war nicht leicht, sich eine bestimmte Meinung über das junge Mädchen zu bilden, welches jetzt in Miss Henleys Zimmer erschien. Wenn es richtig ist, was von dem Geschmack der Türken erzählt wird, dass sie nämlich die Schönheit der weiblichen Gestalt höher schätzen als die des weiblichen Gesichtes, so würde die persönliche Erscheinung von Fanny Mere in Konstantinopel die Anerkennung gefunden haben, die ihr in London nicht zuteil wurde. Von schlanker, aber kräftiger und wohlgebauter Gestalt, zog sie die Augen der Männer und zuweilen auch der Frauen, mit denen sie zusammentraf, auf sich, so lange diese hinter ihr hergingen. Wenn sie aber ihre Schritte beschleunigten und im Vorbeigehen einen Blick in ihr Gesicht warfen, war bei ihnen sofort alles Interesse für Fanny verloren. Maler würden den Mangel in ihrem Gesicht als »Fehlen jeder Farbe« bezeichnet haben. Sie war eine der blondesten hübschen Frauen. Hellblonde Haare, mattblaue Augen ohne jeden Ausdruck und eine Hautfarbe, welche aussah, als ob sie vollständig blutlos wäre, riefen einen Eindruck hervor, welcher ihre Mitmenschen meistens unempfindlich für die Schönheit ihrer Figur machte. Trotzdem war diese eigentümliche Blässe kein Zeichen von schlechter Gesundheit, sie ließ im Gegenteil seltene physische Kraft vermuten. Durch ihre ruhige, höfliche Art und Weise schimmerte, wenn man so sagen darf, ein zu Grund liegendes Selbstbewusstsein durch, welches fähig zu sein schien, in bedenklichen Augenblicken des menschlichen Lebens rasch und furchtlos zu handeln. Im übrigen war jedoch der Ausdruck, den ihr Charakter in ihrem Gesicht fand, ein wesentlich passiver. Da war also ein ruhiges, energisches, junges Weib im Besitz von Eigenschaften, welche sich nicht an der Außenseite zeigten - ob von guten Eigenschaften oder schlechten, das konnte allein die Erfahrung lehren.

Da Iris es unmöglich fand, nach dem ersten Eindruck ein Urteil zu fällen und dadurch zu einem unmittelbaren Entschlusse zu kommen, mochte er nun günstig oder ungünstig für die Fremde ausfallen, begann sie das Gespräch mit der ihr eigenen Freimütigkeit ohne jeden Rückhalt.

»Nehmen Sie sich einen Stuhl, Fanny,« sagte sie, »und lassen Sie uns den Versuch machen, ob wir uns verstehen können. Ich denke, Sie werden mit mir darüber übereinstimmen, dass zwischen uns keine Unklarheit  herrschen  darf. Sie  müssen  daher auch wissen, dass Ihre frühere Herrin mir erzählte, warum sie Sie entlassen hat. Es war ihre Pflicht, mir die Wahrheit zu sagen, und es ist meine Pflicht, nicht gegen Sie in ungerechter Weise voreingenommen zu sein nach dem, was ich gehört habe. Bitte, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht weiß und auch nicht zu wissen wünsche, von welcher Art die Versuchung gewesen ist, der Sie -«

»Ich bitte sehr um Entschuldigung, Miss, dass ich Sie unterbreche! Mein Unglück war meine Eitelkeit!« Ob ihr dieses Bekenntnis schwer wurde oder nicht, war nicht möglich, zu erkennen. Ihre Stimme klang ruhig, ihr Verhalten war bescheiden und höflich wie immer, die Blässe ihres Gesichtes zeigte nicht den geringsten Farbenwechsel. Hatte das Mädchen überhaupt kein Gefühl? Iris fing schon wieder an, zu fürchten, daß sie einen Missgriff getan hätte.

»Ich erwarte nicht, dass Sie jetzt näher auf die Sache eingehen,« sagte sie, »und ich frage Sie auch nicht, um Sie irgendwie zu kränken und zu beschämen.«

»Als ich Ihren Brief empfing, Miss, da versuchte ich zuerst, mir klar zu werden, wie ich mich Ihrer Güte würdig zeigen könnte,« antwortete Fanny. »Der eine Weg dazu, der sich mir darbot, war: ich durfte es nicht geschehen lassen, dass Sie besser von mir dächten, als ich verdiente. Wenn einem Mädchen, wie ich bin, zum erstenmale gesagt wird, dass ihre Figur sie für ihr Gesicht entschädige, so fühlt sie sich natürlich durch dieses erste Kompliment, was ihr überhaupt in ihrem ganzen Leben gemacht wurde, sehr geschmeichelt. Meine Entschuldigung, Miss, - und ich habe eine Entschuldigung - ist eine sehr gewöhnliche - ich konnte der Schmeichelei nicht widerstehen. Das ist alles, was ich zu sagen habe.«

Iris fing an, ihre Meinung über Fanny zu ändern. Dieses junge Mädchen war jedenfalls keine gewöhnliche Erscheinung.    Es  gewann in ihren Augen  den Anschein, und mehr noch als bloß den Anschein,  dass Fanny eine helfende Hand verdiene, denn sie schien wahrheitsliebend und aufrichtig zu sein. »Ich verstehe Sie und fühle mit Ihnen.« Nachdem Iris diese Worte als Entgegnung gesagt hatte, änderte sie zartfühlend den Gegenstand des Gespräches.

»Lassen Sie mich jetzt hören, in welcher Lage Sie sich gegenwärtig befinden,« fuhr sie fort. »Sind Ihre Eltern noch am Leben?«

»Mein Vater und meine Mutter sind tot. Miss.« »Haben Sie noch sonstige Verwandte?« »Sie sind alle so arm, dass sie vollkommen außer stande sind, für mich etwas zu tun.   Ich habe meine Ehre verloren - und ich muss mir jetzt selbst helfen.« »Angenommen nun, es gelänge Ihnen nicht, eine andere Stelle zu finden,« entgegnete Iris. »Es könnte leicht möglich sein, Miss.«

»Wie wollen Sie sich dann helfen?«

»Ich kann das Gleiche tun, was so viele andere Mädchen schon getan haben.« »Was soll das heißen?«

»Einige von uns verhungern als Näherinnen, einige treiben sich auf den Straßen herum, einige enden ihr elendes Leben im Wasser. Wenn es für mich keine andere Aussicht mehr gibt, dann werde ich wohl auch diesen Weg gehen,« sagte das arme Mädchen so ruhig, als ob sie von einer Aussicht, die sich ihr eröffnet hätte, spräche. »Es wird niemand geben, der mich betrauert - und der Tod durch Ertränken soll, wie ich gelesen habe, kein sehr schmerzvoller sein.«

»Sie tun mir weh, Fanny,« sagte sie, »ich zum Beispiel würde darüber traurig sein!« »Ich danke Ihnen, Miss!«

»Und dann überlegen Sie sich doch,« fuhr Iris fort, »es könnten sich ja auch noch in der Zukunft günstige Gelegenheiten darbieten, welche Sie jetzt nur noch nicht sehen. Sie sprechen von dem, was Sie gelesen haben, und ich habe schon bemerkt, wie klar und richtig Sie sich ausdrücken. Sie müssen eine gute Erziehung genossen haben; war es in der Schule oder zu Hause?«

»Ich habe einstens eine Schule besucht,« antwortete Fanny nicht ganz bereitwillig.

»Eine Privatschule?«

»Ja.«

Diese kurze Antwort warnte Iris, vorsichtig zu sein.

»Schulerinnerungen,« sagte sie, gut gelaunt, »sind nicht immer die angenehmsten in unserem Leben. Ich habe damit vielleicht einen Gegenstand berührt, der Ihnen unangenehm ist?«

»Ja, Miss. Sie sind damit auf eines meiner vielen Missgeschicke gekommen; so lange meine Mutter lebte, war sie meine Lehrerin. Nach ihrem Tode schickte mich mein Vater in eine Schule. Als er Bankerott machte, war ich gezwungen, dieselbe wieder zu verlassen, gerade als ich eigentlich erst anfing, zu lernen und am Lernen Geschmack zu finden. Außerdem hatten die anderen Mädchen auch in Erfahrung gebracht, dass ich wegging, weil keine Mittel zu Hause mehr vorhanden waren, um das Schulgeld zu bezahlen - und das kränkte mich sehr. Es gibt noch vieles, was ich Ihnen von der Zeit erzählen könnte, aber ich habe allen Grund, meine Schulerinnerungen zu hassen. Ich darf auch jetzt die Erinnerung an die hinter mir liegenden traurigen Tage meines Lebens nicht von neuem auffrischen, da Sie mir durch Ihre Güte Gelegenheit geben wollen, sie ganz zu vergessen.«

Alles dieses wurde so einfach und bescheiden gesagt und verfehlte nicht, auf Iris Eindruck zu machen. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte sie:

»Können Sie erraten,Fanny, woran ich jetzt denke?«

»Nein, Miss.«

»Ich habe mir soeben eine Frage vorgelegt. Wenn ich Sie nun in meinen Dienst nehmen wollte, würde ich es wohl jemals zu bereuen haben?«

Für den ersten Augenblick bemächtigte sich Fannys eine heftige Erregung. Die Stimme versagte ihr bei dem Versuche zu sprechen.

Iris fuhr fort:

»Sie sollen den Platz eines Mädchens einnehmen, welches jahrelang bei mir gewesen ist - ein gutes, liebes Wesen, das mich nur verlassen hat, weil sie krank war. Ich darf nicht zu viel von Ihnen erwarten: ich kann nicht hoffen, dass Sie mir das sein werden, was mir Rhoda Bennet gewesen ist.«

Fanny hatte sich jetzt wieder gefasst.

»Ist es vielleicht möglich,« fragte sie, »dass ich Rhoda Bennet einmal sehen und sprechen kann?« »Warum wollen Sie das?«

»Sie haben sie gern, Miss, das ist der eine Grund.«

»Und der andere?«

»Rhoda Bennet soll mir dabei helfen, dass ich Sie so bediene, wie ich Sie bedienen möchte; sie kann mir vielleicht Mut machen zu dem Versuche, ihrem Beispiele zu folgen.«

Fanny hielt inne und presste die Hände heftig gegen einander; der Gedanke, welcher in ihr lebendig geworden war, zwang sie, zu sprechen.

»Es ist so leicht,« sagte sie, »Dankbarkeit zu fühlen, und so schwer, sie zu beweisen!« »Kommen Sie zu mir,« antwortete ihre neue Herrin, »und beweisen Sie es morgen.« Von einem mitleidigen Gefühle bewegt, sprach Iris diese Worte, welche einem unglücklichen Mädchen die verlorene Ehre und die dadurch verscherzte Stellung wieder gaben.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Von der Natur mit einer eisernen Konstitution beschenkt, welche jedem Kranksein erfolgreichen Widerstand leistete, wurde Mr. Henley dennoch hie und da von grundlosem Zweifel an seinem Gesundheitszustand gequält. Wieder einmal in einer derartigen Täuschung befangen, bildete er sich ein, Anzeichen einer Krankheit in sich zu spüren, welche einen Wohnungswechsel nötig machten, und beschloss daher, aus der Stadt aufs Land zu ziehen. Es war dies nur wenige Tage, nachdem seine Tochter ihr neues Kammermädchen in Dienst genommen hatte. Iris zeigte sich über diese Veränderung, welche ihren eigenen Wünschen so sehr entsprach, hocherfreut und war daher eifrigst bemüht, den Plan ihres Vaters zu unterstützen. Angst und Sorge hatten sie angegriffen, so dass auch für sie die Ruhe und Stille des Landlebens nur wohltuend sein konnte.   Schon die erste Woche brachte eine wesentliche Verbesserung ihrer Gesundheit. Sie erfreute sich an der heiteren Schönheit der Wälder und der Felder, sie atmete mit Entzücken die herrliche, reine Luft ein - zuweilen arbeitete sie in dem Garten, wo sie sich eine Ecke für ihre eigenen Gärtnerkünste vorbehalten hatte, zuweilen half sie den Frauen bei den leichteren Arbeiten in der Ökonomie - und so wurden ihre Nerven wieder gekräftigt, und ihr Gemütszustand fand wieder seine frühere Heiterkeit.

In der Ausübung ihrer Pflichten rechtfertigte das neue Kammermädchen während des Landaufenthaltes vollkommen das Vertrauen, welches Miss Henley in sie gesetzt hatte.

Sie bewies in ihrer ruhigen, gelassenen Art und Weise die aufrichtigste Dankbarkeit gegen ihre Herrin. Ihren verschiedenartigen Beschäftigungen lag sie verständig und aufmerksam ob, ihr gleichmäßiger Charakter schien sich nie zu verändern; sie gab den übrigen Dienstboten keinen Grund, zu klagen. Eine Eigentümlichkeit in ihrem Wesen rief jedoch feindselige Bemerkungen in den unteren Regionen hervor. So oft sie einen freien Tag zu ihrer eigenen Verwendung hatte, fand sie jedesmal eine Entschuldigung, dass sie nicht irgend einem andern der weiblichen Dienstboten sich anzuschließen brauchte, welche an demselben Tag die gleiche Vergünstigung genossen. Der einzige Gebrauch, den sie von ihrem Ausgehtage machte, war, dass sie mit der Eisenbahn nach einem unbekannten Orte fuhr. Am Abeud kehrte sie jedesmal zur rechten Zeit wieder zurück. Iris wusste genug von Fannys traurigen Lebensumständen, um die Gründe ihres Verhaltens achten zu können, und sah daher auch die Notwendigkeit ein, den Zweck dieser jedesmaligen Reise der andern Dienerschaft gegenüber geheim zu halten.

Das angenehme Leben auf dem Landgut hatte schon ungefähr einen Monat gedauert, als Iris die Nachricht erhielt, dass Hugh in der nächsten Zeit nach England zurückkehren würde. Sein Vater war nach einer langen Krankheit gestorben, und das Begräbnis hatte auch schon stattgefunden. Geschäfte, welche in Verbindung mit der Übernahme der Hinterlassenschaft seines Vaters standen, würden ihn noch wenige Tage in London aufhalten. Dann aber, wenn diese notwendigen Formalitäten erledigt seien, hoffe er, an dem ersten freien Tage Iris besuchen zu dürfen.

Als Mr. Henley diese Nachrichten erhielt, kam er eigensinnig auf seinen alten Plan wieder zurück, obgleich er schon zweimal durchkreuzt worden war, auf eine Heirat zwischen Hugh Mountjoy und Iris.

Er schrieb an den jungen Mann und lud ihn in so herzlicher Weise ein, dass Iris ganz erstaunt darüber war. Und als nun der Gast wirklich ankam, da hatte der liebenswürdige Empfang des alten Henley nur einen Fehler - Iris überbot ihn noch. Iris' Vater gab den beiden jungen Leuten immerfort Gelegenheit, sich allein zu sprechen, und übersah dabei boch, dem bekannten Grundsatze gemäß, dass niemand so blind war wie der, der nicht sehen wollte, dass die Beziehungen zwischen den beiden doch immer nur freundschaftliche Beziehungen blieben, er mochte nun anstellen, was er wollte. Die lange Pflege, welche Hugh seinem sterbenden Vater hatte angedeihen lassen, hatte ihn selbst sehr niedergedrückt und angegriffen. Iris verstand ihn und hatte Mitgefühl mit ihm. Seine bestimmte Ansicht über ihr neues Kammermädchen wollte er zunächst nicht äußern, nachdem er Fanny Mere zum erstenmale gesehen hatte.

»Ich bin geneigt,« sagte er, »dem Mädchen Vertrauen zu schenken, und doch habe ich auf der andern Seite Bedenken, dieser Stimmung zu folgen - ich weiß nicht warum.«

Als das Ende seines Besuches herangekommen war, setzte Hugh seine Reise in nördlicher Richtung fort. Zu der Hinterlassenschaft seines Vaters, die er jetzt angetreten hatte, gehörte auch ein Landhaus an der schottischen Küste des Solwaymeerbusen. Das Besitztum war während der längeren Abwesenheit des ältern Mountjoy auf dem Kontinent sehr vernachlässigt worden. Hugh wollte sich nun mit eigenen Augen überzeugen, ob irgend welche Verbesserungen und Reparaturen notwendig wären.

Nach der Abreise seines Gastes nahm Mr. Henley, der immer noch eigensinnig die Hoffnung auf eine Verbindung zwischen Hugh und Iris nicht aufgegeben hatte, eine scherzhafte Art und Weise im Verkehr mit Iris an und fragte, ob das schottische Landhaus für die Flitterwochen instand gesetzt werden sollte. Ihre Antwort jedoch, so freundlich sie auch ausgedrückt war, versetzte ihn in heftigen Zorn. Sein rachsüchtiger Charakter riss ihn nicht nur zu harten Worten, sondern sogar zu boshaften Handlungen hin. Er verkaufte einen von seinen Hunden, der sich besonders an Iris angeschlossen hatte, und als er sah, dass sie noch an dem Landaufenthalte Freude hatte, beschloss er, sofort nach London zurückzukehren.

Sie unterwarf sich stillschweigend seinen Anordnungen. Aber die Vorfälle vergangener Tage, als das harte Benehmen ihres Vaters sie aus seinem Hause vertrieben hatte, tauchten wieder unheilverkündend in ihrer Erinnerung auf. Sie legte sich selbst die Frage vor:

»Soll wieder ein Tag kommen, an dem ich meinen Vater von neuem verlassen muss?« Und der Tag kam - sie hatte keine Ahnung, durch welche Umstände veranlasst.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Die Haushaltung Mr. Henleys war in London wieder vollständig eingerichtet, als eines Morgens eines der Dienstmädchen in Iris' Zimmer erschien mit einer Karte in der Hand und einen Herrn meldete, der Miss Henley zu sprechen wünsche. Iris sah auf die Karte. Der Herr war Mr. Vimpany.

Sie stand schon im Begriff, ihm sagen zu lassen, dass sie verhindert sei, ihn zu empfangen, als sie sich eines bessern besann. Die Worte, welche Mrs. Vim-pany beim Abschiede zu ihr gesagt, hatten lebhaften Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte die Empfindung, als sei es hartherzig von ihr gewesen, dass sie noch nicht an diese arme, aber reuige Sünderin geschrieben. Führte sie immer noch das einsame, traurige Leben in jener alten, verfallenen Stadt? Oder hatte sie einen neuen Versuch gemacht, auf die Bühne zurückzukehren? Ihr dicker Gatte, der sich jetzt in so unverfrorener Weise bei ihr melden ließ, konnte wenigstens diese Fragen beantworten. Nur aus diesem Grunde entschloss sich Iris, ihn zu empfangen.

Als sie das Empfangszimmer betrat, bot sich ihr ein unerwarteter, sie in doppelter Hinsicht überraschender Anblick dar.

Die äußere Erscheinung des Doktors zeigte eine vollkommene, sofort in die Augen fallende Veränderung; er war in schönster Übereinstimmung mit seinem Beruf ganz in Schwarz gekleidet. Was aber noch viel merkwürdiger war, der unwissende, ungebildete Mr. Vimpany hatte eine französische Novelle zur Hand genommen, die zufällig unter anderen Büchern auf dem Tische lag, und schien sehr eifrig darein vertieft. Iris blickte ihn überrascht an.

»Ist das der Grund Ihres Staunens?« fragte der Doktor, indem er ihr das französische Buch entgegen hielt.

»Ich muss gestehen, dass ich allerdings nicht auf solche Veränderungen und Fortschritte vorbereitet war,« antwortete Iris.

»O, sprechen Sie nicht von Fortschritten! Ich habe in Paris studiert. Beinahe drei Jahre lebte ich unter französischen Studenten der Medizin. Als ich dieses Buch auf dem Tische bemerkte, dachte ich bei mir: ,Du solltest doch einmal versuchen, ob du die Sprache ganz vergessen hast in der langen Zeit, die - wie Sie wissen - seit jenen Tagen vergangen ist.' Nun, mein Gedächtnis ist in den meisten Dingen nicht besonders gut, aber sonderbarerweise sind doch einige von den französischen Brocken hängen geblieben. Hoffentlich befinden Sie sich wohl, Miss Henley. Darf ich fragen, ob Sie meine neue Adresse bemerkt haben, als ich meine Karte hereinschickte.«

»Ich habe nur Ihren Namen gelesen.«

Der Doktor zog sein Taschenbuch heraus und entnahm ihm eine zweite Karte. Mit stolzer Miene zeigte er auf die Adresse: »5, Redburn Road, Hampstead Heath,« dann betrachtete er mit dem gleichen Stolze seine schwarzen Kleider.

»Ganz meinem Berufe entsprechend gekleidet! Nicht wahr?« fragte er. »Ich habe mir eine neue Praxis gekauft und bin ein neuer Mensch geworden. Im Anfang ist es mir nicht leicht gefallen, aber, zum Teufel - ich bitte sehr um Entschuldigung - ich wollte sagen, die Achtung vor mir selbst forderte es und ließ mir keine Ruhe. Wenn Sie nichts dagegen haben, werd' ich mir eine Freiheit erlauben. Aber nicht böse sein!«

Er brachte eine Anzahl Visitenkarten aus der Tasche und legte sie in einem zierlichen Halbkreis auf den Tisch.

»Ein empfehlendes Wort würde, wenn sich gerade die Gelegenheit bietet, eine große Freundlichkeit Ihrerseits sein,« erklärte er. »Vortreffliche Luft in Red-burn Road, eine brillante Aussicht - leider nur zu abgelegen von dem großen Verkehr. Nicht, dass ich mich darüber beklagte. Arme Leute können sich nicht alles aussuchen, wie sie es wünschen. Ich würde es selbstverständlich auch vorgezogen haben, in einem vornehmen Stadtteile Londons meinen Beruf auszuüben. Aber unser kleiner Glücksfall -«

Er machte mit diesen Worten gleich einen Sprung mitten hinein in das, was er sagen wollte. Nun war aber gerade der Verkauf der wunderbaren Diamantnadel, durch welche Lord Harry Mrs. Vimpanys traurige Dienste bezahlt hatte, von allen gewiss das letzte, was der Doktor in der Gegenwart von Miss Henley hätte erzählen sollen. Er war auch noch so ungeschickt, eine Pause darnach eintreten zu lassen.

Iris benützte diesen Umstand und leitete das Gespräch auf ein Thema über, welches sie interessierte.

»Wie geht es Mrs. Vimpany?« fragte sie.

»O, sie befindet sich wohl.«

»Ist sie gern in ihrem neuen Hause?«

Der Doktor gab eine seltsame Antwort.

»Ich kann es wirklich nicht sagen,« entgegnete er.

»Soll das heißen, dass Mrs. Vimpany ihre Ansicht darüber für sich behält?« Der Doktor lachte.

»Bei aller meiner Erfahrung,« sagte er, »bin ich noch niemals in meinem ganzen Leben einer Frau begegnet, die das getan hätte. Nein, nein, die Sache ist einfach die, meine Frau und ich, wir haben uns getrennt. Aber dabei ist doch gar keine Ursache, so finster und ernst auszusehen! Mangel an Übereinstimmung der Charaktere, wie man zu sagen pflegt, hat uns zu einer Trennung, in aller Freundschaft selbstverständlich, veranlasst. Es war für beide Teile eine Wohltat; sie geht ihren Weg, und ich gehe den meinigen.«

Seine Worte verursachten Iris Ekel, und sie ließ es ihn fühlen.

»Wird es irgend welchen Erfolg haben, nach Mrs. Vimpanys Adresse zu fragen?« sagte sie.

Die unverwüstliche gute Laune des Doktors hielt auch diesmal wie immer stand.

»Bedaure, Ihnen nicht dienen zu können! Mrs. Vimpany hat mir ihre Adresse nicht mitgeteilt. Das ist merkwürdig, nicht wahr? Die Sache ist die: Nachdem Sie uns verlassen hatten, war sie sehr traurig; sie sprach von ihrer Pflicht und von der Sorge um ihr Seelenheil, und was dergleichen dummes Zeug mehr ist. Sobald ich aber erfahre, wo sie sich aufhält, werde ich mir das Vergnügen machen, es Ihnen mitzuteilen. So viel ich weiß, ist sie irgendwo Krankenpflegerin geworden.«

»Krankenpflegerin? In einem Spital?« »Hm, sie gehört zu einer sogenannten Schwesterschaft; sie läuft herum in einem schäbigen, schwarzen Kleide und in einer weißen Haube, die aussieht, als ob sie Hörner hätte. Wenigstens hat es mir Lord Harry gestern so erzählt.«

Iris vermochte die heftige Erregung, die sich sofort bei diesen Worten ihrer bemächtigte, nicht zu verbergen. »Lord Harry?« rief sie aus.   »Wo ist er?   In London?«

»Ja, in Parkers Hotel.« »Wann ist er denn zurückgekommen?« »Vor einigen Tagen, und - was glauben Sie wohl - er ist von den Goldfeldern als ein glücklicher, als ein reicher Mann zurückgekehrt.   Ja, ja, ich habe die Katze aus dem Sacke gelockt!   Ich soll es aber vor jedermann geheim halten, namentlich vor Ihnen; er hat noch  einige  ganz besondere Überraschungen für Sie in Aussicht. Sagen Sie ihm deshalb nicht, dass ich geplaudert habe. Wir hatten in den letzten Tagen in Honeybuzzard einen kleinen Zwist, jetzt sind wir aber wieder versöhnt, und ich möcht' um alles in der Welt nicht die Freundschaft des Lord verlieren.«

Iris versprach, darüber zu schweigen, aber zu wissen, dass der wilde Lord wieder in England war und in Ungewissheit darüber zu bleiben, ob er zurückgekehrt sei mit der Blutschuld auf dem Gewissen oder nicht, das war mehr, als sie ertragen konnte.

»Ich muss noch eine Frage an Sie stellen,« sagte sie. »Ich habe nämlich Grund, zu fürchten, dass Lord Harry dieses Land verließ mit der Absicht, Rache an -«

Mr. Vimpany brauchte keine weitere Erklärung.

»Ja, ja, ich weiß,« sagte er. »Sie können aber ruhig darüber sein, es ist nichts Unrechtes geschehen, weder auf diese noch auf jene Weise. Der Mann, den er verfolgte, war ihm, als er in Südafrika landete, schon wieder entschlüpft. So hat er mir wenigstens selbst erzählt.«

Nach dieser Antwort suchte der Doktor so schnell als möglich, das Gespräch zu beenden. Er wolle, wie er scherzend bemerkte, nur rasch die Flucht ergreifen, bevor Miss Henley ihn zu weiteren Geständnissen verleite.

Nachdem er jedoch die Türe schon geöffnet hatte, kehrte er plötzlich um und kam zu Iris zurück, der er noch einige Worte in tiefster Heimlichkeit zuflüsterte.

»Wenn Sie es nicht vergessen wollen, mich Ihren Freunden zu empfehlen,« sagte er, »dann werde ich Ihnen noch ein anderes Geheimnis anvertrauen. Sie werden in einem oder zwei Tagen den Lord sehen, sobald er von den Rennen zurückkehrt. Leben Sie wohl!«

»Von den Rennen?   Was hat denn Lord Harry bei den Rennen zu tun?«

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Iris brauchte sich nur daran zu erinnern, in welcher Weise sie und Hugh die Erwartungen ihres Vaters getäuscht hatten, um die Notwendigkeit zu begreifen, Hugh Mountjoys Nebenbuhler von einem Besuche in Mr. Henleys Hause auf jeden Fall abzuhalten.

Sie schrieb daher sofort an Lord Harry in das Hotel, welches Mr. Vimpany genannt hatte, und beschwor ihn, ja nicht an einen Besuch in ihres Vaters Hause zu denken. Da sie aber ganz genau wusste, dass er auf einer persönlichen Verständigung bestehen würde, so versprach sie, ihm wiederholt zu schreiben, und schlug sogar eine Zusammenkunft außerhalb des Hauses vor.

Am nächsten Tage hatte sich Iris vorgenommen, nach Musswell Hill zu fahren, um Rhoda zu besuchen, wie sie es fast jede Woche tat. Starker Regen jedoch zwang sie, auf eine günstigere Gelegenheit zu warten. Erst am dritten Tage klärte sich der Himmel auf, und das Wetter wurde wieder angenehm. An einem sonnigen Herbstmorgen ließ sie, da eine herrliche, erfrischende Luft wehte, den offenen Wagen anspannen. Da sie bemerkte, dass Fanny Mere, während sie ihr beim Anziehen behilflich war, blässer als gewöhnlich aussah, sagte sie in dem freundlichen Ton, den sie ihren Untergebenen gegenüber anzuschlagen pflegte:

»Sie sehen aus, als ob Ihnen eine Fahrt in die frische Luft auch gut tun würde; Sie sollen daher mit mir auf das Gut fahren und können bei dieser Gelegenheit Rhoda Bennet sehen.«

Als sie vor dem Hause anhielten, erschien die Frau des Pächters in Begleitung eines Herrn vor der Türe. Iris erkannte sofort den Arzt des Ortes.

»Sie sind doch nicht etwa wegen Rhoda Bennet hier?« fragte sie.

Der Doktor berichtete, dass wieder eine der nervösen Störungen eingetreten sei, an denen das junge Mädchen litt. Wie er sagte, hinge das hauptsächlich mit dem Wetter zusammen. Er habe ihr vor allem anbefohlen, sich vor jeder Aufregung zu hüten. Rhoda war so weit auf dem Wege der Besserung vorgeschritten, dass sie auf seine Anordnung hin im Garten spazieren gehen sollte. Er fürchtete auch nicht, dass der Empfang von Besuchen sie allzu sehr angreifen würde in ihrem gegenwärtigen Zustande, nur sollte man sie nicht zu viel sprechen lassen. Da sich ihm einmal die Gelegenheit dargeboten, wolle er noch eine Bitte auszusprechen wagen. Rhoda wäre nach seiner Ansicht für diese Jahreszeit nicht warm genug gekleidet, und eine schwere Erkältung könne sich eine Person von ihrer Konstitution sehr leicht holen.

Iris trat in das Pächterhaus ein; Fanny Mere sollte unter den obwaltenden Umständen im Wagen auf sie warten.

Nach einer Abwesenheit von kaum zehn Minuten kam Miss Henley aus dem Hause zurück. Als sie in das Pächterhaus eingetreten war, hatte sie einen schönen Mantel von Sealskin getragen; als sie wieder heraus kam, war an seine Stelle ein ganz gewöhnlicher Umhang aus schwarzem Tuch getreten. Iris bemerkte sofort den Ausdruck lebhaften Erstaunens in Fannys Gesicht und brach in ein fröhliches Lachen aus.

»Nun, wie gefalle ich Ihnen in meinem neuen Mantel?« fragte sie.

Fanny sah nichts Lächerliches in dem Opfer des Sealskinmantels.

»Ich darf nicht wagen,« entgegnete sie ernst, »meine Meinung darüber zu äußern!« »Jedenfalls,« fuhr Iris fort, »können Sie nicht menschlich fühlen, wenn der Wechsel in meiner Kleidung Ihr Erstaunen und Ihre Missbilligung erregt. Ich fand Rhoda Bennet im Garten, vor der kalten Luft durch dieses hässliche, dünne Ding nur notdürftig geschützt. Nach dem, was der Doktor mir gesagt hatte, war es höchste Zeit, dass ich meine Autorität geltend machte. Ich bestand darauf, mit Rhoda den Mantel zu tauschen. Sie machte zuerst den Versuch, sich zu sträuben, die arme Kleine, sie kennt mich aber von früher her, und so hatte ich meinen Willen. Es tut mir sehr leid, dass Sie Rhoda nicht sehen konnten, aber Sie sollen, sobald sie wieber gesund ist, die Gelegenheit haben. Sehen Sie gern eine schöne Aussicht? Nun gut, dann wollen wir einen andern Weg auf unserer Rückfahrt benützen. Nach Hause!« rief sie dem Kutscher zu, »über Highgate Hampstead!«

Fannys Augen ruhten auf dem unscheinbaren Mantel mit einem wohlbegründeten Misstrauen gegen dieses Kleidungsstück, welches doch keinesfalls einen genügenden Schutz gegen die Witterung bieten konnte. Sie erlaubte sich daher zu bemerken, dass ihre Herrin das Fehlen des warmen Mantels, welchen sie auf Rhodas Schultern zurückgelassen hatte, in dem offenen Wagen bald genug empfindlich spüren würde.

Iris suchte sie darüber zu beruhigen.

Währenddessen hatten sie schon Highgate passiert und näherten sich jenem Wege, welcher in gerader Linie über den hohen Bergrücken von Hampstead Heath führt. Iris musste jetzt doch selbst zugeben, dass sie die Kälte empfinde.

»Sie müssen eine gute Fußgängerin sein,« sagte sie, indem sie die feste Gestalt ihres Mädchens mit einem Blick überflog. »Bewegung ist das einzige, was mich wieder warm machen wird. Was meinen Sie, wollen wir zu Fuß den Heimweg beendigen?«

Fanny war sofort bereit, ihre Herrin zu begleiten. Der Wagen wurde vorausgeschickt, und die beiden Mädchen traten ihre Fußwanderung an.

Als sie an dem Gasthof des Ortes, welcher den Namen »die Spanier« führte, vorbei kamen, standen zwei Frauen an der Gartentüre, welche Iris neugierig betrachteten und lachten. Ein paar Schritte weiter, trafen sie mit einem jungen Burschen zusammen; auch er sah sich die jungen Damen aufmerksam an und legte seine Hand spöttisch an seine Mütze, während er einen lauten Freudenpfiff ertönen ließ.

»Ich scheine diese Leute zu amüsieren!« sagte Iris. »Was sehen sie denn eigentlich an mir?« Fanny strengte sich an, ihren Ernst zu bewahren, was ihr aber doch nicht vollkommen gelang, und antwortete: »Verzeihen Sie, Miss, ich glaube, die Leute bemerken alle den Unterschied zwischen Ihrem schönen Hut und Ihrem abgetragenen Mantel.« Leute von erregbarem Temperament fürchten nicht leicht etwas mehr als die Lächerlichkeit.

Iris brauste auf.

»Warum haben Sie mir das nicht gesagt,« fragte sie scharf, »bevor ich den Wagen verließ? Wie kann ich denn so weiter gehen, wenn jedermann über mich lacht?«

Sie hielt inne, überlegte einen Augenblick und bog dann von der Landstraße nach rechts ab auf eine schöne Gruppe von Tannenbäumen zu, welche den berühmten Aussichtspunkt jener Gegend überragen.

»Da lässt sich fürs erste nur das eine tun,« sagte sie, nachdem sie ihre gute Laune wieder gewonnen hatte, »wir müssen meinen schönen Hut mit dem alten Mantel in Einklang zu bringen suchen. Sie werden die Feder und die Spitzen abreißen - wenn Sie wollen, können Sie sie für sich behalten - und dann werde ich wohl vom Kopf bis zum Fuß schäbig genug aussehen. Nein, nein, nicht hier, man kann uns ja von der Straße aus bemerken, und was könnte dann das dumme Volk denken, wenn es sähe, wie Sie die Verzierung von meinem Hute entfernen! Wir wollen dort zwischen das dichte Buschwerk treten, da kann uns niemand sehen.«

Sie waren beinahe den schmalen Pfad hinabgestiegen, der zu dem Platze unter der Tannengruppe führte, als sie durch einen entsetzlichen Anblick aufgehalten wurden.

Nahe bei dem Gesträuch in einer Höhlung lag der regungslose Körper eines Mannes ausgestreckt. Er lag auf der Seite, mit dem Gesicht von ihnen abgekehrt, ein offenes Rasiermesser neben ihm auf dem Boden. Iris bückte sich über den Körper, um das Gesicht zu sehen. Das erste, was sie bemerkte, war Blut, das aus einer klaffenden Wunde an seinem Halse rann. Ihre Augen schlossen sich unwillkürlich, während sie vor diesem furchtbaren Anblick zurückwich. Im nächsten Augenblick öffnete sie sie aber wieder und sah nun in das Gesicht.

Sterbend oder tot, es war das Gesicht Lord Harrys.

Der Schrei, den sie ausstieß, als sie diese grässliche Entdeckung machte, wurde von zwei Männern vernommen, welche in einiger Entfernung über das Feld gingen. Sie sahen die Frauen und kamen herzugelaufen. Der eine der Männer war ein Arbeiter, der andere, besser gekleidete, sah aus wie ein Aufseher in einer Fabrik. Er war der erste, der den Platz erreichte.

»Grund genug, um entsetzt zu sein, meine Damen,« sagte er höflich, »da scheint, so viel ich sehe, ein Selbstmord vorzuliegen!«

»Um Gottes willen, lassen Sie uns etwas tun, um ihm zu helfen!« rief Iris ganz außer sich. »Ich kenne ihn, ich kenne ihn!«

Fanny allein zeigte sich der Situation gewachsen; sie bat Miss Henley um ihr Taschentuch, nahm ihr eigenes noch dazu und legte einen Verband um die Wunde.

»Fühlen Sie, ob sein Puls noch schlägt!« sagte sie mit ruhiger Fassung zu ihrer Herrin.

Iris glaubte noch einen schwachen Pulsschlag bemerken zu können.

»Wohnt denn kein Doktor hier in der Nähe?« rief sie. »Ist denn kein Wagen aufzutreiben an diesem schrecklichen Orte?«

Der Aufseher hatte in den Taschen des Hingestreckten zwei Briefe gefunden. Iris las auf einem derselben ihren eigenen Namen, der andere trug die Aufschrift: »An die Person, welche meinen Körper findet!« Sie riss das Couvert auf. Der Brief enthielt eine Adresskarte von Mr. Vimpany, auf welcher mit Bleistift die verzweifelten Worte geschrieben standen: »Bringen Sie meinen Körper in das Haus des Doktors, er soll mich verbrennen oder zerschneiden, wie es ihm beliebt.« Iris zeigte die Karte dem Aufseher.

»Ist das in der Nähe?« fragte sie.

»Ja, Miss,« antwortete der Aufseher, »wir können ihn in kurzer Zeit dorthin bringen, wenn wir nur irgend ein Transportmittel finden!«

Fanny, die noch immer ihre Geistesgegenwart bewahrt hatte, zeigte mit der Hand in die Richtung nach dem Wirtshaus.

»Dort werden wir bekommen, was wir brauchen,« sagte sie.

Iris gab ihr Zeichen, bei dem verwundeten Mann zu bleiben, und stieg selbst die schlüpferige Anhöhe hinauf; dann lief sie, so rasch sie konnte, nach der Straße zu. Die Männer hatten inzwischen auf Fannys Anweisung den Körper emporgehoben und folgten der Vorangegangenen langsam, indem sie sich einen bequemeren Aufstieg aussuchten. Als Iris die Straße erreicht hatte, fuhr gerade ein vierrädriger Wagen vorbei. Ohne einen Augenblick zu zögern, rief sie den Kutscher an, er möge halten. Er zügelte rasch seine Pferde. Sie sah sich einem einzelnen Herrn gegenüber, welcher aus dem Wagenfenster schaute und aussah, als ob er glaube, eine Dame habe sich mit ihm einen Spaß gemacht. Iris ließ aber dem erzürnten Herrn keine Gelegenheit, seine Gedanken zu äußern. Atemlos, wie sie war, ergriff sie eilig das Wort: »Bitte, verzeihen Sie mir - Sie sitzen allein in dem Wagen - da ist noch Platz für einen Herrn, der tödlich verwundet ist. Er wird sich verbluten, wenn wir nicht bald Hilfe finden. Ein Doktor wohnt hier in der Nähe; bitte, schlagen Sie mir Ihre Hilfe nicht ab!«

Sie blickte zurück, während sie sich fest an der Türe des Wagens anklammerte, und sah Fanny und die Männer, die langsam herankamen.

»Bringen Sie ihn hieherl« schrie sie laut.

»Daraus wird nichts!« entgegnete der Herr, der im Wagen saß.

Fanny gehorchte jedoch ihrer Herrin, und die Männer gehorchten Fanny.

Iris drehte sich entrüstet nach dem erbarmungslosen Fremden um.

»Ich ersuche Sie um einen Akt christlicher Menschenliebe!« sagte sie. »Wie können Sie, wie dürfen Sie da noch zögern?«

»Fahren Sie weiter!« schrie der Fremde dem Kutscher zu.

»Sie tun es auf Ihre Gefahr!« rief Iris ihrerseits.

Der Kutscher saß schweigend und stumpfsinnig auf seinem Bocke und wartete ruhig ab, was sich ereignen würde.

Langsam näherten sich die Männer, welche den noch immer bewusstlosen Lord Harry trugen. Die Taschentücher um seinen Hals waren mit Blut getränkt. Bei diesem Anblicke überwältigte seine feige, erbärmliche Denkungsweise den Fremden vollständig.

»Lassen Sie mich heraus,« jammerte er, »lassen Sie mich heraus!« Nachdem so der Wagen zu ihrer Verfügung stand, dankte Iris dem Fremden. Er sah sie mit einem bösen Blicke an und brummte: »Ich muss Ihnen gestehen, die Sache kommt mir höchst verdächtig vor! Wenn es etwa zur Untersuchung vor Gericht kommt, so will ich nicht in diese Angelegenheit hineingezogen werden. Es sind schon ganz unschuldige Leute aufgehängt worden, wenn der Schein gegen sie war.« Mit diesen Worten ging er weg und setzte seiner niedrigen Denkungsweise dadurch die Krone auf, dass er das Fahrgeld zu bezahlen vergaß. Der Kutscher stand gerade im Begriff, ihn zu verfolgen, als er in wirksamer Weise davon zurückgehalten wurde. Iris zeigte ihm einen Sovereign. Auf diesen Wink hin sagte er: »'s ist alles schon gut, Miss. Ich sehe, der arme Herr blutet. Geben Sie nur acht, bitte, dass er meine Wagenkissen nicht verdirbt!« Der Kutscher war kein gefühlloser Mensch; nachsichtig stellte er sein Eigentum zur Verfügung mit einem schlauen Lächeln.

Iris wendete sich nun an die beiden braven Männer, die in so bereitwilliger Weise ihr geholfen hatten, und sagte ihnen in herzlichen Worten Lebewohl und ihren Dank, dem sie einen klingenden Ausdruck beifügte. Die beiden Männer vergessen es ihr Lebtag nicht.

Fanny war schon in den Wagen gestiegen und hielt den Körper Lord Harrys in ihren Armen. Iris folgte ihr. Der Kutscher fuhr vorsichtig nach der Wohnung Mr. Vimpanys.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Das Haus Nummer fünf lag ungefähr in der Mitte einer kleinen Straße der Vorstadt, welche den Namen Redburn Road führte. Als der Wagen anfuhr, blickte Mr. Vimpany gerade gähnend aus einem der Parterrefenster. Iris winkte ihn heran.

»Ist Ihnen etwas zugestoßen?« fragte er, an die Tür des Wagens herantretend. Sie zog sich vom Fenster zurück und ließ ihn so schweigend sehen, was geschehen war. Der Doktor bewahrte bei dem grässlichen Anblick seine volle Haltung und ließ den bewusstlosen Mann in das nächste Zimmer im Erdgeschoss tragen. Bleich und zitternd berichtete Iris, wie sie Lord Harry gefunden, und fragte den Doktor, ob irgend eine Hoffnung vorhanden sei, dass derselbe gerettet werden könnte.

»Das will ich Ihnen sofort sagen,« antwortete Mr. Vimpany. Er entfernte den Verband und unter-suchte die Wunde. »Eine gehörige Menge Blut hat er verloren,« sagte er, »aber ich werd' es versuchen, ihn durchzubringen. Während ich mich jedoch mit unserem gemeinsamen Freunde beschäftige, bitte ich Sie, Miss Henley, hinauf in das Empfangszimmer zu gehen!« Darauf öffnete er einen schönen Kasten aus Mahagoniholz. »Das sind die Werkzeuge meines Berufes,« fuhr er fort, »ich werde jetzt die Kehle Seiner Lordschaft wieder zunähen.«

Iris schauderte, als sie diese Worte vernahm, und verließ eiligst das Zimmer. Fanny folgte ihrer Herrin die Treppe hinauf. Als sie oben angekommen waren, sagte Fanny: »In der Tasche des Herrn wurde noch ein zweiter Brief gefunden. Entschuldigen Sie, Miss, wenn ich Sie daran erinnere, dass Sie ihn noch nicht gelesen haben!«

Iris las folgende Zeilen:

»Verzeihe mir zum letztenmal, Geliebte! Mein Brief soll Dir sagen, dass ich Dich niemals wieder in dieser Welt belästigen werde - ob in der andern Welt, wer weiß das? Ich brachte einiges Geld zurück von den Goldfeldern. Es war nicht genug, um ein Vermögen genannt zu werden, wenigstens nicht ein solches Vermögen, das Deinen Vater bestimmen konnte, seine Einwilligung zu Deiner Heirat mit mir zu geben. Nun, hier in England bot sich eine günstige Gelegenheit, dasselbe mehr als zu verzehnfachen - nämlich auf dem Rennplatze, und lass mich hinzufügen, nach im geheimen eingezogenen Erkundigungen über die Rennpferde, auf deren Sieg ich gewiss rechnen konnte. Ich will mich hier nicht damit aufhalten, zu untersuchen, welches grausame Missgeschick mich ins Unglück stürzte. Mein Geld ist dahin und mit ihm meine letzte Hoffnung auf ein glückliches und sorgenloses Leben an Deiner Seite, meine Iris. Ich sterbe mit dem Hinschwinden dieser Hoffnung. Ein gewisses Gefühl hält mich ab, in dem grausigen Gewühl des großen, übervölkerten Londons Hand an mich zu legen. Ich ziehe es vor, mich aus diesem elenden Leben hinwegzustehlen mitten in der freien Natur, deren Grün mich an mein geliebtes altes Irland erinnern soll. Wenn Du zuweilen später an mich denken wirst, so sage Dir, der Arme hat mich geliebt - vielleicht wird mir dann die Erde leichter sein wegen dieser lieben Worte, und die Blumen werden vielleicht auf meinem Grabe schöner blühen, wenn Du mir überhaupt die Gunst erweisen willst, einige darauf zu pflanzen.«

Hier endete der Brief.

Iris verlor all ihre Fassung, als sie die melancholischen Abschiedsworte gelesen. Wenn er diesen verzweifelten Selbstmordversuch überlebte, zu welchem Ende sollte das führen? Schweigend schob das junge Mädchen, das ihn liebte, den Brief vorn in ihr Kleid. Fanny hatte sie aufmerksam beobachtet. Nach einer Weile machte sie den Vorschlag, hinunter gehen und wieder einmal fragen zu wollen, wie es um den verwundeten Lord stünde. Iris kannte jedoch den Doktor zu genau, um ihr Mädchen diesen nutzlosen Gang machen zu lassen.

»Manche Männer würden in der liebenswürdigsten Weise bemüht sein, mich in meinem Kummer und meiner Sorge zu beruhigen und zu trösten,« sagte sie. »Der Mann da unten gehört aber nicht zu ihnen. Ich muss warten, bis er selbst kommt oder mich holen lässt. Ich möchte jetzt vielmehr, solange wir allein sind, über etwas anderes mit Ihnen sprechen, Fanny. Sie stehen erst sehr kurze Zeit in meinen Diensten. Ist es daher zu früh, wenn ich Sie jetzt schon frage, ob Sie irgend welches Interesse für mich fühlen?«

»Wenn ich Ihnen etwas zu Gefallen tun oder Ihnen irgendwie helfen kann, Miss, so bitte ich Sie, mir nur zu sagen, wie.«

Sie sprach diese Antwort in ihrer gewöhnlichen ruhigen und höflichen Art und Weise; ihre bleichen Wangen zeigten keinen Farbenwechsel, und ihre blassblauen Augen ruhten unverwandt auf Miss Henleys Gesicht.

Iris fuhr fort:

»Wenn ich Sie nun bitte, das, was sich an diesem schrecklichen Tage ereignet hat, geheim zu halten vor jedermann, darf ich, obgleich Sie mich erst so wenig kennen gelernt haben. Ihnen trauen, wie ich Rhoda Bennet getraut habe?«

»Ich verspreche es, Miss!«

Das Mädchen schien der Meinung zu sein, mit diesen wenigen Worten genug gesagt zu haben.

Iris blieb keine Wahl, als eine neue Bitte an sie zu stellen.

»Wie Sie auch immer die Neugierde plagen mag, wollen Sie sich damit zufrieden geben, dass Sie mir einen Gefallen erweisen, ohne eine nähere Erklärung zu fordern?«

»Es ist meine Pflicht, die Geheimnisse meiner Herrin zu achten; ich werde diese Pflicht erfüllen.« Keine Gefühlsäußerung, kein Zeichen von Teilnahme konnte Iris an Fanny bemerken; eine einfache Erklärung ihrer treuen Ergebenheit und Pflichterfüllung war alles, was das bleiche Mädchen zu sagen für nötig hielt. Hatte sich ihr Herz verhärtet durch das Unglück, welches ihr Leben verdüstert hatte? Oder war sie nur ein lebendiges Beispiel der ihrem Volke angeborenen Zurückhaltung, welche vor jeder freien Gefühlsäußerung zurückschreckt und gewissermaßen lebt und stirbt in einer selbstgewählten Gefangenschaft und Einsamkeit?

Nachdem ungefähr eine halbe Stunde vergangen war, erschien Mr. Vimpany. Er blieb an der Tür stehen, zog seine Uhr aus der Tasche, sah nach der Zeit und stellte dann eine Berechnung an, die für seine Tüchtigkeit als Arzt zeugen sollte.

»Wenn Sie die Zeit in Rechnung ziehen, welche ich brauchte, um Mylord wieder zum Bewusstsein zu bringen, als er in Ohnmacht gefallen war, und um ihn mit einem Tropfen Branntwein zu stärken und um mir dann meine Hände zu waschen - sehen Sie, wie rein sie sind! - dann habe ich nicht mehr als zwanzig Minuten gebraucht, um seinen Hals wieder in Ordnung zu bringen. Keine schlechte Leistung für einen Wundarzt, Miss Henley.«

»Ist sein Leben jetzt gerettet, Mr. Vimpany?«

»Er hat es seinem Glück zu danken - ja!«

»Seinem Glück?«

»Sicherlich! In erster Linie verdankt er sein Leben Ihnen, dadurch, dass Sie ihn aufgefunden haben und zwar noch zur rechten Zeit; wenn Sie nur ein wenig später gekommen wären, so würde es mit Lord Harry vorbei gewesen sein. Der zweite Glücksumstand war, dass Sie den Arzt zu Hause trafen, gerade, da er am nötigsten gebraucht wurde, und der dritte Glücksumstand endlich: unser Freund wusste nicht, wie man sich mit einem Messer die Kehle ordentlich abschneidet. Sie brauchen mich nicht so finster anzusehen, Miss Henley, ich scherze nicht! Für einen Selbstmörder, mit einem Rasiermesser in der Hand, ist meistenteils etwas sehr günstig - er hat keine Ahnung von der Anatomie, und das ist auch bei Lord Harry der Fall gewesen. Er hat sich nur die äußeren fleischigen Teile an seinem Halse durchschnitten, bis an die größeren und wichtigeren Blut-gefässe ist er nicht gekommen. Nehmen Sie mein Wort, er wird sich jetzt schon ziemlich wohl fühlen und schuldet dafür Ihnen, mir und seiner Unwissenheit Dank. Nun, was sagen Sie zu meiner Geschicklichkeit? Ja, heute bin ich noch im vollständigen Besitz meiner Arbeits- und Geisteskraft; heute habe ich noch keinen französischen Rotwein von Mr. Mountjoy getrunken. Verstehen Sie, was das sagen will, Miss Henley?«

Als er sich in der Erinnerung an seine eigene Betrunkenheit vor Lachen fast ausschütten wollte, bemerkte er Fanny Mere.

»Oho, da ist ja noch eine andere Person, welche mich wahrscheinlich auch nötig hat! Sie sind ja so weiß wie Leinwand, Miss! Wenn Sie vielleicht in Ohnmacht fallen wollen, dann tun Sie mir nur den einzigen Gefallen und warten Sie, bis ich die Cognacflasche geholt habe. O, die Farbe ist von Natur so bei Ihnen, nicht wahr? Ich sehe es jetzt; eine dicke Haut und langsamer Blutumlauf. Eine Freundin von Ihnen, Miss Henley?«

Fanny antwortete ruhig für sich selbst: »Ich bin Miss Henleys Kammermädchen, Sir.« »Was ist denn aus der andern geworden?« fragte Mr. Vimpany. »Weilt sie noch immer in dem Pächterhause zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit? Wenn es meine Zeit erlaubt hätte, würde ich sie wieder wie damals in meine Behandlung genommen haben, die kleine Rhoda Bennet. Es gibt keinen Arzt in England, Miss, der mehr von den Nervenkrankheiten der Frauen weiß als ich, und was ist mein Lohn? Ist mein Wartezimmer mit reichen Leuten gefüllt, die kommen, um mich um Rat zu fragen? Wohne ich in einem eleganten Viertel von London? Hat man mich etwa zum Baronet gemacht? Zum Donnerwetter - ich bitte um Entschuldigung, Miss Henley - aber es ist für einen Mann von meinen Fähigkeiten kränkend, dass er sich so vollständig vernachlässigt sieht. Während der letzten drei Tage hat nicht ein Mensch meine Schwelle überschritten. Kann ich Ihnen noch mit sonst etwas dienen, Miss?«

Er führte Iris geheimnisvoll in eine Ecke des Zimmers. »Vielleicht in Betreff unseres Freundes da unten?« fragte er.

»Wann dürfen wir hoffen, ihn wieder ganz hergestellt zu sehen, Mr. Vimpany?« »Etwa in drei Wochen, spätestens in einem Monate. Leider habe ich niemand im Hause außer einer dummen Dienstmagd. Wir müssen jedoch eine erfahrene Pflegerin haben. Ich kann eine durchaus zuverlässige Person vom Hospitale bekommen, aber da ist eine kleine Schwierigkeit. Ich bin, wie Sie wissen, ein Mann, der frei von der Leber weg redet; wenn ich arm bin, so geb' ich es auch zu, dass ich arm bin; unser Lord braucht aber gute und kräftige Nahrung, und auch die Pflegerin will gutes Essen haben. Würden Sie sich nun, Miss, dazu verstehen, mir ein kleines Darlehen zu geben, damit ich vorderhand alle Kosten der Verpflegung bestreiten könnte?« Iris händigte dem Doktor eine Geldbörse ein, welche Mr. Vimpany sehr mager vorkam.

»Haben Sie vorläufig weiter nichts nötig?« fragte sie und ging nach der Türe.

»Nein, ich danke, ich bin Ihnen sehr verbunden!«

Als sie sich dem im Erdgeschoss gelegenen Zimmer näherten, blieb Iris stehen. Ihre Augen ruhten fragend auf dem Doktor. Selbst für diesen gefühllosen Menschen war der sprechende Blick ihrer Augen verständlich genug. Fanny bemerkte es und wendete plötzlich ihren Kopf nach der Seite. über das weiße Gesicht des Mädchens huschte finster ein Ausdruck von unaussprechlicher Verachtung. Die Schwäche ihrer Herrin hatte sich verraten - Schwäche für einen der Verräter an dem weiblichen Geschlechte, Schwäche für einen Mann!

Inzwischen war Mr. Vimpany, da er nun das Geld in der Tasche hatte, die Bereitwilligkeit selbst, jedem Wunsche der wegen ihres stets gefüllten Geldbeutels beneideten jungen Dame zu entsprechen.

»Wollen Sie Lord Harry sehen, bevor Sie weggehen?« fragte er und freute sich im stillen auf das, was es da zu beobachten geben würde. »Aber eines leg' ich Ihnen ans Herz: Sie dürfen ihn nicht stören, nicht sprechen und nicht weinen. Sind Sie bereit? So, jetzt treten Sie ein!«

Da lag er auf einem elenden, kleinen Sofa in einem erbärmlichen, engen Zimmer. Seine Augen waren geschlossen. Eine Hand hing hilflos zum Boden herunter. über sein geisterbleiches Antlitz breitete sich eine Ruhe, welche erschreckende ähnlichkeit mit der Ruhe des Todes hatte. - Da lag er, das unbesonnene Opfer seiner Liebe für das Mädchen, das wieder und immer wieder verzweiflungsvoll Verzicht auf ihn geleistet und das ihn jetzt zum drittenmale gerettet hatte. O, wie ihr verräterisches Herz für ihn sprach!

»Kannst du ihn, nachdem dieses geschehen ist, von dir zurückstoßen, du, die du ihn liebst?« Plötzlich fühlte sie sich gewaltsam in den Hausgang zurückgezogen. Die Tür wurde geschlossen. Der Doktor flüsterte ihr zu: »Halten Sie sich aufrecht, Miß! Ich habe mehr Fassung von Ihnen erwartet. Kommen Sie, kommen Sie! Nur keine Ohnmacht, wenn ich bitten darf. Sie werden ihn morgen schon ganz anders finden. Besuchen Sie uns nur, dann können Sie selbst urteilen.« Nach dem, was Iris erduldet hatte, verlangte sie heftig nach einer innigen, aufrichtigen Teilnahme.

»Ist es nicht bejammernswürdig?« sagte sie zu ihrem Kammermädchen, als sie das Haus verlassen hatten.

»Ich weiß es nicht,« entgegnete Fanny.

»Sie wissen es nicht? Gott im Himmel, sind Sie denn von Stein? Haben Sie denn nicht so etwas wie ein Herz in sich?«

»Nicht für die Männer,« antwortete Fanny. »Ich spare mir mein Mitleid für die Frauen auf.« Iris wusste, welch bittere Erinnerungen sie dieses Geständnis machen ließen. Wie vermisste sie in diesem Augenblicke Rhoda Bennet!

Dreißigstes Kapitel.

Einen Monat lang blieb Mountjoy in seinem Landhause an der Küste des Solway Firth und über--wachte die Wiederherstellungsarbeiten daselbst.

Seine Korrespondenz mit Iris hatte ihren regelmäßigen Fortgang genommen. Zum erstenmal jedoch, so lange er sie kannte, bot sie ihm Ursache zur Unzufriedenheit. Sie, die sonst so frei und offen alle ihre Freuden und Leiden ihm anvertraut hatte, sie schrieb jetzt mit einer ganz auffallenden Zurückhaltung. Witterungswechsel und politische Tagesneuigkeiten, die Abwesenheit ihres Vaters, durch beunruhigende Nachrichten über die Zahlungsunfähigkeit auswärtiger Häuser veranlasst, leere, inhaltslose Fragen über Hughs neue Bauten an seinem jetzigen Aufenthaltsort, - das waren die nichtssagenden Dinge, über die sich Iris in ihren Briefen an den alten, treuen Freund verbreitete. Er konnte kaum zweifeln, dass sich irgend etwas ereignet hatte, was sie vor ihm zu verheimlichen suchte. Sie musste dafür ihre Gründe, ihre gewichtigen Gründe haben. Indem er zu erraten bemüht war, erkannte er von neuem, wie sehr er Iris liebte; er erkannte es an der Angst, die er um sie litt, und an der unberechtigten, eifersüchtigen Regung, welche seiner Selbstbeherrschung Trotz bot. Die unmittelbare überwachung der Arbeitsleute auf seiner Besitzung war nicht länger notwendig. Er ließ dort einen Stellvertreter zurück, dem er vollständig vertrauen konnte, und beschloss, den letzten Brief, den er von Iris erhalten hatte, mündlich zu beantworten. Am nächsten Tag befand er sich in London.

Als er in Mr. Henleys Hause vorsprach, wurde ihm mitgeteilt, dass Miss Henley nicht zugegen sei und dass man nicht mit Bestimmtheit sagen könne, wann sie zurückkehren würde. Da öffnete Mr. Henley die Tür des Bibliothekzimmers.

»Sind Sie es, Mountjoy?« fragte er. »Kommen Sie herein, ich habe mit Ihnen zu sprechen.« Mr. Henley kratzte sich, auf und ab gehend, einmal über das andere in seinen grauen Haaren, bevor er mit der Sprache herausrückte.

»Sehen Sie, junger Mann,« begann er endlich, »als Sie damals mit mir auf meinem Landgut weilten, da hoffte ich immer, dass das Ende eine Heirat zwischen Ihnen und Iris sein würde. Sie haben aber beide, Sie sowohl, wie Iris, meine Erwartungen getäuscht und zwar nicht zum erstenmale. Frauen ändern jedoch ihre Ansichten. Angenommen nun, Iris hätte ihre Ansicht geändert, nachdem Sie von ihr zweimal zurückgewiesen worden sind, - angenommen, sie hätte Ihnen Gelegenheit gegeben -«

Hugh unterbrach ihn.

»Es ist nutzlos, Sir, etwas Derartiges anzunehmen; Iris würde mir nun und nimmer in der von Ihnen vermuteten Weise entgegenkommen.«

»Seien Sie doch nicht so heftig, Mountjoy. Ich sehe schon, ich muss bei Ihnen zartere Saiten aufziehen. Fühlen Sie noch für mein eigensinniges Mädchen irgend welches Interesse?«

Hugh antwortete bereitwillig und mit inniger Empfindung:

»Das wärmste Interesse.«

Mr. Henley schmunzelte befriedigt.

»Gut. So hören Sie! Ich bin in Geschäftsangelegenheiten verreist gewesen und erst vor einigen Tagen wieder zurückgekommen. Gleich im ersten Augenblick, als ich Iris sah, bemerkte ich, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Wenn ich ein Fremder gewesen wäre, würde ich gesagt haben: ,Dieses junge Mädchen ist nicht glücklich.' Mit ihr darüber zu sprechen oder aus ihr etwas herausbekommen zu wollen, wäre natürlich vollständig nutzlos gewesen. ,Ich bin ganz glücklich und befinde mich ganz wohl,' das war das einzige, was sie von sich sagte. Ich versuchte es nun bei ihrem Kammermädchen, einem feigen, mürrischen Wesen, einer der hartnäckigsten Lügnerinnen, denen ich jemals begegnet bin. ,Ich weiß von nichts, was meiner Herrin fehlen sollte, Sir,' damit fertigte mich das Mädchen ab. Ich wendete mich nun an meine alte Haushälterin. Die wusste schon mehr zu sagen: ,Die Dienstboten reden über Miss Iris, Sir,' zischelte sie. - ,Heraus damit! Was reden sie über meine Tochter?' - ,Sie haben bemerkt, dass ihre junge Herrin regelmäßig jeden Tag in den Vormittagsstunden ausgeht, immer allein und immer nach derselben Richtung. Ich habe die Dienstboten nicht zu weiteren Mitteilungen ermutigt, Mr. Henley. Es lag etwas Unverschämtes in dem Ton, in welchem sie sprachen, als ob sie irgend etwas Verdächtiges vermuteten. Ich sagte ihnen, daß Miss Henley nur ihren gewohnten Spaziergang mache; sie meinten, das müsse ein furchtbar langer Spaziergang sein, denn es dauerte immer vier bis fünf Stunden, ehe Miss Iris wieder nach Haus zurückkäme. Darauf hielt ich es für das Beste,' sagte die Haushälterin zu mir, ,das Gespräch fallen zu lassen.' Was denken Sie nun darüber, Mountjoy? Finden Sie nicht etwas Verdächtiges in dem Benehmen meiner Tochter?«

»Nicht im mindesten, Mr. Henley. Wenn Iris ausgeht, so besucht sie gewiss eine Freundin.« »Vermutlich. Aber sie hat für keine ihrer Freundinnen ein so lebhaftes Interesse, dass sie um ihretwillen Tag für Tag dieselbe Richtung einschlagen wird, wenn nicht noch etwas Besonderes dahinter steckte. - Als Sie bei mir auf dem Lande waren, erinnern Sie sich des Mannes, der Sie damals bediente?« Mountjoy antwortete so kurz wie möglich:

»Ihr Kammerdiener!«

»Derselbe. Ihn zog ich ins Vertrauen - ich kann Ihnen sagen, es geschah nicht zum erstenmal! Ein unbezahlbarer Mensch! - Als Iris gestern ausging, folgte er ihr in eine kleine Vorstadt in der Nähe von Hampstead Heath mit Namen Redburn Road. Sie läutete an der Glocke des Hauses Nr. 5 und wurde sofort eingelassen; sie war augenscheinlich gut bekannt bort. Mein geschickter Kammerdiener zog nun in der Nachbarschaft Erkundigungen ein. Das Haus gehört einem Doktor, der es erst vor kurzem gekauft hat, sein Name ist Vimpany.«

Mountjoy erschrak so heftig, dass er alle Haltung verlor. Zum Glück kehrte ihm Mr. Henley, der noch im Zimmer auf und ab ging, in diesem Augenblick den Rücken zu.

»Nun frage ich Sie als einen Mann von Welt,« fuhr Mr. Henley fort, »was hat das zu bedeuten? Wenn Sie Bedenken tragen, es auszusprechen, - und es macht mir ganz den Eindruck - soll ich Ihnen mit gutem Beispiel vorangehen?«

»Ganz wie Sie wollen, Sir!«

»Nun gut. Wenn an Iris irgend etwas Außergewöhnliches zu beobachten ist, so kann ich sicher sein, dass der verdammte Lord Harry dahinter steckt. Ich stand nun, da ich mit den eingehenderen Nachforschungen doch unmöglich meinen Kammerdiener betrauen kann, eben im Begriff, meinen Wagen anspannen zu lassen und zu dem Doktor zu fahren, um herauszubekommen, worin denn die Anziehungskraft besteht, die sein Haus auf meine Tochter ausübt. Da hörte ich Ihre Stimme in dem Hausflur. Sie sagten mir vorhin, dass Sie noch für Iris Interesse empfänden. Nun gut, Sie sind der Mann, der mir helfen kann.«

»Darf ich fragen wie, Mr. Henley?«

»Natürlich dürfen Sie fragen. Sie können den Schlüssel zu diesem Rätsel finden, wenn Sie es nur versuchen wollen; Ihnen wird Iris trauen, wenn sie ihrem Vater nicht traut. Ich möchte nur das eine wissen, ob sie sich immer noch mit dem Gedanken trägt, den irischen Lump zu heiraten oder nicht. Geben Sie mir Aufschluss hierüber, und Sie können alles weitere für sich behalten. Darf ich auf Ihre Unterstützung rechnen?«

Mountjoy traute seinen Ohren kaum; ihm sollte zugemutet werden, sich in das Vertrauen von Iris einzuschleichen und sie dann an ihren Vater zu verraten! Er stand auf, nahm seinen Hut, und ohne eine Verbeugung zu machen, öffnete er die Tür.

»Soll das heißen ,Nein!« rief Mr. Henley ihm nach.

»Gewiss!« antwortete Mountjoy und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Einunddreißigstes Kapitel.

Mountjoy, dem Doktor Vimpanys Trennung von seiner Frau noch unbekannt war, glaubte, indem er sich die Vorgänge in dem alten Landstädtchen ins Gedächtnis rief, den Grund für Miss Henleys erneuten Verkehr im Hause des Arztes in ihrem Mitgefühl für des Doktors unglückliche Gattin entdeckt zu haben. Entschlossen, sich alsbald Gewissheit darüber zu verschaffen, hielt er die erste Droschke an, die ihm begegnete, und fuhr nach Hampstead. Um nicht unnötigerweise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ließ er den Wagen, bevor er noch in Redburn Road eingebogen, halten und ging zu Fuß nach dem Hause No. 5. Ein Dienstmädchen öffnete die Tür. Mountjoy fragte nach Mrs. Vimpany.

Das Mädchen gab nicht sofort Antwort, sondern schien vielmehr über Mountjoys einfache Frage höchlich verwundert. Die kecke Art, mit der sie den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen musterte, kennzeichnete sofort den echten Londoner Dienstboten von heutzutage, der sich für gleichberechtigt mit jedermann hält.

»Fragten Sie nicht nach Mrs. Vimpany?« sagte sie laut.

»Ja.«

»Es gibt keine Mrs. Vimpany hier.«

Jetzt war die Reihe an Mountjoy, verwundert zu sein.

»Ist das nicht Mr. Vimpanys Haus?« fragte er.

»Ja, gewiss.«

»Und doch ist keine Mrs. Vimpany hier?«

»Eine Mrs. Vimpany hat niemals diese Schwelle überschritten,« erklärte das Mädchen bestimmt.

»Sind Sie auch wirklich sicher, sich nicht zu irren?«

»Ganz sicher. Ich bin in dem Dienst des Doktors, seit er das Haus gekauft hat.« Mountjoy war fest entschlossen, das Rätsel zu lösen, wenn es irgendwie möglich wäre, und fragte daher, ob er den Doltor sprechen könnte.

»Nein,« antwortete das Mädchen. »Mr. Vim-pany ist ausgegangen.« Dann fuhr sie redselig fort: »Es kommt aber immer eine junge Dame zu uns; es sollte mich nicht wundern, wenn Sie die gemeint hätten, als Sie nach Mrs. Vimpany fragten. Sie heißt Iris Henley.«

»Ist Miss Henley jetzt hier im Hause?« »Sie können sie nicht sprechen, sie ist beschäftigt.« Mit Mrs. Vimpany konnte Iris nicht beschäftigt sein, denn es gab ja überhaupt keine Mrs. Vimpany hier im Hause. Mit dem Doktor konnte sie aber auch nicht beschäftigt sein, denn der Doktor war ausgegangen. Mountjoy sah nach dem Kleiderständer, der im Vorplatz stand, und entdeckte den Hut und den Überzieher eines Mannes. Wem gehörten diese beiden Kleidungsstücke? Sicherlich nicht Mr. Vimpany, denn der war ja ausgegangen. So niederschlagend diese Entdeckung auf Hugh auch wirkte, so erschien ihm jetzt doch Mr. Henleys Gedanke, dass die Erklärung für das Benehmen seiner Tochter in einem erneuerten Einfluss, den der irische Lord über sie gewonnen, zu suchen sei, in einem wahrscheinlicheren Licht.

Ein Gefühl des Unwillens stieg in Mountjoy auf, das er weder zu unterdrücken noch vor sich selbst zu rechtfertigen im stande war.   Mochte nun kommen, was wollte, er war entschlossen, die Zweifel, deren er sich schämte, zu lösen, indem er sich unmittelbar an Iris wandte. Er zog seine Visitenkartentasche heraus, fand sie aber beim Öffnen leer. Er hatte jedoch noch einige Briefe bei sich, die unter seiner Adresse in sein Londoner Hotel geschickt worden waren. Er riss von einem das Couvert ab und händigte es dem Dienstmädchen mit den Worten ein:

»Bringen Sie dies Miss Henley und fragen Sie, ob ich sie sprechen kann.« Das Mädchen ließ ihn in dem Hausflur stehen und ging die Treppe hinauf in das Empfangszimmer.

In dem schlecht gebauten kleinen Hause konnte Hugh den schweren Tritt eines Mannes hören, welcher in dem Zimmer über seinem Kopf hin und her ging. Dann vernahm er auch deutlich eine ärgerlich klingende Männerstimme. Hatte sie ihm schon das Recht gegeben, mit ihr zu zanken? - Er dachte an die Zeit, als sie das Bekanntwerden von Lord Harrys rachsüchtigen Plänen, zu deren Ausführung er England verlassen hatte, in heftigen Schrecken setzte, - er dachte der Zeit, als er seine eigenen Gefühle und alles, was er sich selbst schuldig war, um ihretwillen ganz beiseite setzte und ihr behilflich war, brieflich mit dem Mann zu verkehren, dessen verhängnisvolle Gewalt über Iris sein eigenes Leben verbittert hatte. War das, was er jetzt hörte, der Lohn, den er verdiente?

Nach kurzer Abwesenheit kam das Dienstmädchen zurück und überbrachte ihm eine Botschaft von Iris.

»Miss Henley bittet um Entschuldigung, dass sie Sie jetzt nicht empfangen kann; sie wird an Sie schreiben.« Würde der versprochene Brief den anderen Briefen ähnlich sein, welche sie ihm nach Schottland geschickt hatte? Mountjoys vornehme Natur mahnte ihn, dass er es seiner Erinnerung an glücklichere Tage und seiner treuen, aufrichtigen Freundschaft schuldig sei, das Weitere abzuwarten.

Als er eben wieder in seinen Wagen stieg, um nach London zurückzukehren, fuhr ein anderer geschlossener Wagen in der Richtung nach Redburn Road an ihm vorüber, in welchem ein einzelner Mann saß. Hugh erkannte in ihm Mr. Henley. Als der Kutscher auf seinen Sitz hinaufstieg, sah Mountjoy noch, dass der Wagen vor dem Hause No. 5 anhielt.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Der Abend war herangekommen, und die Kerzen wurden eben in dem Zimmer angezündet, das Mountjoy im Hotel bewohnte.

Seine Angst um Iris hatte sich verdoppelt und verdreifacht, seitdem er die Entdeckung gemacht, dass ihr Vater das Haus des Doktors gerade in dem Augenblick aufgesucht, in welchem gar kein Zweifel möglich war, dass sie sich in Lord Harrys Gesellschaft befand. Das hässliche Gefühl der Eifersucht war jetzt ganz durch die edleren Regungen in Hugh unterdrückt, welche ihn mit Besorgnis und Mitleid erfüllten, wenn er an Iris dachte, wie sie zwischen zwei feindlichen Männern stand, die so geartet waren wie der herzlose Mr. Henley und der leichtsinnige Lord Harry. Er war den ganzen Vormittag in seinem Hotel geblieben, in der Hoffnung, sie würde ihm einen Brief durch einen Boten zusenden; es war aber kein Brief gekommen.

Während er immer noch auf Nachrichten von ihr wartete, welche ihm möglicherweise noch die Abendpost bringen konnte, klopfte der Kellner an seine Tür.

»Ein Brief?« fragte Mountjoy.

»Nein, Sir,« antwortete der Kellner, »eine Dame.«

Bevor sie ihren Schleier zurückschlagen konnte, hatte Hugh Iris erkannt. Ihre Miene war niedergeschlagen, ihr Gesicht verstört, ihre Hand lag kalt und unempfindlich in der seinigen, als er auf sie zugetreten war, sie zu begrüßen. Er rückte einen Stuhl für sie an den Kamin. Sie dankte ihm, lehnte es aber ab, sich zu setzen.

»Ich habe versucht, an Sie zu schreiben, aber ich war nicht im stande dazu.« Sie sagte dies in einem herben Ton und mit düsterer Miene.  »Mein Freund,« fuhr sie fort, »Ihr Mitleid ist alles, was ich für mich hoffen kann; ich bin nicht länger der Teilnahme wert, die Sie einst für mich gehegt haben.«

Hugh sah ein, dass es nutzlos sein würde, ihr zu widersprechen; er fragte nur, ob er das Unglück gehabt habe, sie zu beleidigen.

»Nein,« sagte sie, »Sie haben mich nicht beleidigt.«

»Was soll dann um Gottes willen diese Veränderung in Ihrem Wesen bedeuten?« »Sie bedeutet,« sagte sie kalt, »dass ich die Achtung vor mir selbst verloren habe. Sie bedeutet, dass mein Vater sich von mir losgesagt hat und dass Sie gut tun werden, seinem Beispiel zu folgen. Habe ich Sie nicht glauben machen wollen, dass ich niemals die Frau Lord Harrys werden könne? - Nun, ich habe Sie betrogen - ich stehe im Begriff, ihn zu heiraten.« »Ich kann es nicht glauben, Iris, ich will es nicht glauben!«

Sie händigte ihm den Brief ein, in welchem der irische Lord ihr seine Selbstmordabsicht mitgeteilt hatte. Hugh sah voller Verachtung drein.

»Dem edlen Lord scheint der Mut dazu gefehlt zu haben?« sagte er dann höhnisch.

»Er würde durch seine eigene Hand gestorben sein, Mr. Mountjoy -« »O Iris - diese Anrede?«

»Wenn Sie es wollen, so will ich Hugh sagen, aber die Tage unserer Freundschaft sind nichtsdestoweniger vorüber. Ich fand Lord Harry, aus einer tödlichen Wunde am Halse blutend. Es war an einem einsamen Ort in der Nähe von Hampstead Heath. Ich war die einzige Person, die vorüber ging. So hatte es das Schicksal also zum drittenmale gewollt, dass ich ihn rettete. Wie kann ich das vergessen? Meine Gedanken werden immer dabei verweilen. Ich werde versuchen, Glück zu finden - o, nur das Glück, das für mich genug ist, indem ich meinem armen Irländer sein elendes Dasein versüße und ihn so wieder dem Leben zuführe, das ich ihm erhalten habe. Das ist mein Grund, wenn ich einen Grund habe. Tag für Tag habe ich in der letzten Zeit ihn gepflegt, Tag für Tag habe ich ihn Dinge zu mir sagen hören - doch was hat es für einen Nutzen, sie zu wiederholen. Nach Jahren des Widerstandes habe ich den jetzt aufgegeben. Meine ganze Klugheit bestand darin, dass ich einen Streit zwischen meinem Vater und Harry verhindert habe. Ich bitte um Entschuldigung, ich hätte sagen sollen Lord Harry. Als mein Vater in das Haus Mr. Vimpanys kam, bestand ich darauf, mit ihm allein zu sprechen. Ich sagte ihm, was ich jetzt zu Ihnen gesagt habe. Er antwortete nur: »Überlege es Dir noch einmal, ehe Du eine Wahl zwischen jenem Mann und mir triffst. Wenn Du Dich dafür entscheidest, ihn zu heiraten, so wirst Du leben und sterben, ohne auch nur einen Pfennig zum Unterhalt von mir zu bekommen.' Er legte seine Uhr auf den Tisch zwischen uns und gab mir fünf Minuten Bedenkzeit. Es waren lange fünf Minuten, aber sie gingen schließlich doch vorüber. Er fragte mich darauf, was er tun solle, ob er sein Testament so lassen solle, wie es sei, oder ob er zu einem Rechtsanwalt gehen und ein neues machen müsse. Ich antwortete ihm: ,Sie können tun, was Ihnen beliebt, Sir.' Nein, es war keine übereilte Antwort; Sie können diese Entschuldigung nicht für mich anführen, ich wusste genau, was ich sagte, und ich sah die Zukunft, die ich mir dadurch schuf, ebenso deutlich, wie Sie sie sehen.«

Hugh konnte jetzt nicht länger zu diesen unbesonnenen, verzweifelten Worten schweigen.

»Nein,« rief er, »Sie sehen Ihre Zukunft nicht so, wie ich sie sehe. Wollen Sie hören, was ich Ihnen zu sagen habe, bevor es zu spät ist?«

»Es ist schon zu spät, aber ich will Ihre Worte anhören, wenn Sie es wünschen.« »Und während Sie mich anhören,« fügte Mount-joy hinzu, »werden Sie mich beschuldigen, dass ich durch ein selbstsüchtiges Gefühl beeinflusst fei. Ich habe Sie innig geliebt; ja, ich liebe Sie vielleicht im stillen noch, obgleich ich weiß: auch wenn Sie frei geblieben wären, würde für mich keine Hoffnung sein. Glauben Sie, dass ich die Wahrheit spreche?« »Sie sagen immer die Wahrheit.«

»Ich spreche wenigstens in Ihrem Interesse. Sie denken, Sie sähen Ihr zukünftiges Leben deutlich vor sich; ich sage Ihnen aber, Sie sind blind für Ihr zukünftiges Leben. Sie reden, als ob Sie sich widerstandslos darein ergeben hätten, alles über sich ergehen zu lassen. Wollen Sie denn wirklich all Ihr Gefühl für Recht und Unrecht verlieren? Sind Sie entschlossen, das Leben einer Geächteten zu führen und, härter noch als das, sich über alle Schmach desselben hinwegzusetzen?«

»Fahren Sie fort, Hugh.«

»Wollen Sie mir nicht antworten?«

»Ich will Sie nicht unterbrechen.«

»Sie rauben mir nicht den Mut, liebe Iris, ich halte immer noch eigensinnig an der Hoffnung fest. Sie Ihrem besonneneren und wahreren Selbst wiederzugeben. Ich will Lord Harry alle Gerechtigkeit an-gedeihen lassen, die er verdient. Ich glaube, ja, ich bin vollkommen überzeugt, dass das elende Leben, das er bis jetzt geführt hat, nicht ganz und gar in ihm die Vorzüge zerstörte, welche einen Ehrenmann auszeichnen. Aber er hat einen schrecklichen Fehler. In seiner Natur liegt die verhängnisvolle Nachgiebigkeit gegen schlechte Gesellschaft. Wenn man seinen Charakter von dieser Seite beurteilt, dann ist er ein gefährlicher Mensch und kann vielleicht, verzeihen Sie mir, ein schlechter Gatte werden. Es ist eine undankbare Aufgabe für mich, Sie zu warnen. Eine Frau - und eine liebende Frau mehr noch als eine andere - fühlt nicht den verschlechternden Einfluss ihres Gatten, der ihrer nicht würdig ist. Unvermerkt überträgt er auf sie seine eigene Denkungsart; sie sucht für ihn Entschuldigungen, die er nicht verdient. Ihr Gefühl für Recht und Unrecht verwirrt sich, und bevor sie es selbst noch gewahr wird, ist sie auf seinen Standpunkt herabgesunken.   Zürnen Sie mir?«

»Wie kann ich Ihnen zürnen? Vielleicht haben Sie recht.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Ja.«

»Dann, um Gottes willen, überlegen Sie sich doch noch einmal Ihren Entschluss. Lassen Sie mich zu Ihrem Vater gehen.«

»Reiner Zeitverlust,« antwortete Iris. »Nichts, was Sie sagen könnten, würde auch nur die geringste Wirkung auf ihn ausüben.«

»Jedenfalls will ich aber doch den Versuch machen,« beharrte Mountjoy auf seinem Vorschlag.

Hatte er sie wirklich überzeugt? Sie lächelte - wie bitter dieses Lächeln war, bemerkte Hugh nicht.

»Soll ich Ihnen erzählen, was mir begegnet ist, als ich heute nach Hause kam? - Ich fand mein Kammermädchen in der Vorhalle auf mich warten mit allen mir gehörigen Sachen, die zu meiner Abreise gepackt dastanden. Das Mädchen erklärte, sie gehorche gezwungen  dem ausdrücklichen Befehl meines Vaters.

Ich wusste, was das zu bedeuten hatte; ich sollte das Haus verlassen und mir einen andern Platz suchen, wo ich wohnen könnte.«

»Aber doch nicht allein, Iris?«

»Nein, mit meinem Kammermädchen; sie ist ein eigentümliches Wesen; wenn sie Teilnahme fühlt, so spricht sie es doch niemals aus. ,Ich bin Ihre dankbare Dienerin, Miss,' sagte sie; ,wohin Sie gehen, dahin gehe auch ich.' Das war alles, was sie sprach. Ich war darüber nicht enttäuscht, denn ich bin das schon von Fanny Mere gewöhnt. Mein Los ist jetzt ein einsames, nicht wahr? - Ich habe Bekannte unter den wenigen Damen, welche zuweilen meines Vaters Haus besuchten, aber keine Freundin. Die Familie meiner Mutter hat sich von ihr losgesagt, wie mir erzählt wurde, als sie einen Kaufmann von zweifelhaftem Ruf heiratete. Ich weiß nicht einmal, wo meine Verwandten leben. Ist nun Lord Harry nicht gut genug für mich, so wie ich jetzt bin? - Wenn ich diese meine günstigen Aussichten betrachte, ist es da nicht wunderbar, wenn ich wie eine verzweifelte Frau spreche? - Aber ein ermutigender Umstand ist, so viel ich sehen kann, doch vorhanden. Diese meine übel angebrachte Liebe, die jedermann verdammt, besitzt merkwürdigerweise einen Vorzug, welchen jedermann anerkennen, bewundern muss. Sie bietet einer Frau, die ganz allein in der Welt steht, einen Zufluchtsort.«

Mountjoy machte heftige Einwendungen dagegen, dass sie allein in der Welt stehe.

»Gibt es irgend einen Schutz, welchen ein Mann einer Frau bieten kann,« fragte er, »den ich Ihnen nicht sofort auf die bereitwilligste Weise gewähren wollte? O, Iris, womit habe ich es denn verdient, dass Sie in meiner Gegenwart von sich als von einem verlassenen, freundlosen Wesen sprechen?«

Endlich hatte er sie doch getroffen. In ihren Augen und in ihrem Lächeln zeigte sich jetzt wieder der süße Zauber von früher. Sie stand auf und trat zu ihm hin.

»Welche übermenschliche Güte muss es sein,« sagte sie, »die einen so klugen Mann wie Sie blind macht für die Hindernisse, die jeder andere sonst sehen kann. Bedenken Sie doch, lieber Hugh, was die Welt zu dem Schutze sagen würde, den Ihr treues Herz mir jetzt bietet! Sind Sie ein naher Verwandter von mir? Sind Sie mein rechtmäßiger Beschützer? Sind Sie ein alter Mann? - Nein, Sie sind nur ein Engel von Güte, den ich nun verlieren muss; ich werde noch diese Ihre Güte für mich in Anspruch nehmen, wenn wir uns nicht mehr sehen. Sie werden Mitleid mit mir fühlen, wenn Sie hören, dass ich immer tiefer und tiefer gesunken bin; Sie werden um mich trauern, wenn ich im Elend ende.«

»Selbst dann, Iris, werden wir nicht ganz geschieden sein.   Der liebende Freund,  der Ihnen jetzt nahe ist, wird auch dann noch Ihr liebender Freund bleiben.«

Zum erstenmal in ihrem Leben schlang sie ihre Arme um seinen Hals. In dem unendlichen Weh des letzten Abschiedes drückte sie den treuen Freund an ihre Brust.

»Lebe wohl, Du Guter!« sagte sie leise und küsste ihn.

Im nächsten Moment überzog ihr Gesicht eine tödliche Blässe; sie schwankte, als sie sich von ihm entfernte, und sank in einen Stuhl. In der Furcht, sie könnte ohnmächtig werden, eilte Mountjoy aus dem Zimmer, um ein Wiederbelebungsmittel zu holen. Sein Schlafzimmer lag am Ende des Korridors, dort hatte er Riechsalz in seinem Toilettekasten. Als er den Deckel aufhob, hörte er die einzige Tür des Zimmers von der Außenseite verschließen.

Er eilte schnell zur Tür hin und rief nach Iris. Von dem äußersten Ende des Korridors erreichte ihn ihre Stimme zum letztenmal - sie wiederholte ihre melancholischen Abschiedsworte: »Lebe wohl!« - Es kam zu keiner Erneuerung der traurigen Abschiedsszene, nicht noch einmal zu all dem Trennungsschmerz; Iris hatte ihm ein rasches Ende bereitet.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Als Mountjoy dem Kellner geklingelt und dieser die Tür des Schlafzimmers wieder aufgeschlossen hatte, war es zu spät, der Enteilenden zu folgen. Ihr Wagen wartete auf sie vor dem Hause, und die Aufmerksamkeit des Portiers war gerade zu derselben Zeit durch neu ankommende Reisende abgelenkt.

Es liegt mehr oder minder in der Natur von allen Männern, welche wirklich dieses Namens würdig sind, in der Arbeit Trost zu suchen für ihren Kummer. Hugh beschloss, noch an demselben Abend an Iris zu schreiben und ihren Vater aufzusuchen. Er verzichtete darauf, in seinem Brief noch einmal auf die Art und Weise, in welcher sie ihn verlassen hatte, zurückzukommen; es war ihr Recht und sogar ihre Pflicht, sich zu schonen. Alles, was er sich erbat, war nur die Bezeichnung ihres jetzigen Aufenthaltsortes, damit er ihr den Erfolg seiner beabsichtigten Unterredung mit ihrem Vater mitteilen könnte, natürlich, wenn sie wollte, nur schriftlich. Er schickte diesen Brief an die Adresse von Mr. Vimpany, damit der Doktor ihn weiter besorge, und trug ihn selbst auf die Post.

Nachdem er dies getan hatte, begab er sich sofort in das Haus Mr. Henleys.

Der Diener, welcher die Tür öffnete, hatte offenbar bestimmte Befehle erhalten. Mr. Henley war nicht zu Hause; Mountjoy befand sich jedoch durchaus nicht in der Laune, mit sich spielen zu lassen. Er schob den Diener einfach beiseite und ging geradenwegs auf das Speisezimmer zu. Dort musste, wie er aus seiner früheren Bekanntschaft mit den Gewohnheiten des Haushaltes wusste, der Mann sich aufhalten, den er entschlossen war, zu sprechen; der Tisch war gedeckt für das Abendessen Mr. Henleys.

Hughs wohlgemeinter Versuch, im Interesse der Tochter mit ihrem Vater zu sprechen, endete so, wie es ihm Iris vorausgesagt hatte.

Nachdem sich Mr. Henley in sehr heftiger Weise über Hughs erzwungenes Eindringen beklagt hatte, erklärte er, dass er seinem letzten Willen heute ein Kodizill auf gesetzlichem Weg angehängt habe, welches seine Tochter aller Ansprüche auf sein Vermögen beraubte. Eine Zeit lang verhielt sich Mountjoy dieser grausamen Handlungsweise gegenüber ruhig. Alles, was durch Bitten und höfliches Zureden möglicherweise erreicht werden konnte, das hatte er wieder und immer wieder versucht, aber seine Bemühungen waren vollständig vergeblich gewesen. Endlich triumphierte doch Mr. Henley mit seiner herzlosen Hartnäckigkeit. Hugh verlor seine Selbstbeherrschung und gebrauchte, als er diesen hartherzigen alten Mann verließ, Worte, an welche er später nur mit Bedauern zurückdachte.

Das Gefühl, als er mit seinen Bemühungen, die Interessen von Iris zu verteidigen, keinen Erfolg gehabt hatte, war für Hughs erregten Gemütszustand nur ein unwiderstehliches Mittel, ihn zu weiterem Handeln anzustacheln. Es war vielleicht noch nicht zu spät, einen andern Versuch zu machen, die Heirat aufzuschieben, wenn nicht gar zu verhindern.

In heller Verzweiflung entschloss sich Mountjoy, Lord Harry mitzuteilen, dass seine Verbindung mit Miss Henley den vollständigen Verlust der von ihrem Vater zu erwartenden Erbschaft nach sich ziehen würde. Ob nun der wilde Lord nur an seine eigenen Interessen oder ob er auch an die der Frau, die er liebte, dachte, in jedem Fall war die Strafe, die diese Heirat nach sich ziehen sollte, schwer genug, um in ihm Bedenken zu erregen.

Die Lichter in den niederen Fenstern und in dem Hauseingang sagten Hugh, dass er zu einer günstigen Zeit nach Redburn Road gekommen sei.

Er fand den irischen Lord und den Doktor in heiterem Gespräch unter dem besänftigenden Einfluss des Tabaks beisammen sitzen. Gemütlich angeregt, wie er selbst gesagt haben würbe, von dem dritten Glas Grog, zeigte sich der Doktor sofort von der gastfreundschaftlichen Seite; er nahm an, dass Mountjoys Besuch nur eine Wiederaufnahme der freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen zu bedeuten habe.

»Vergeben und vergessen,« sagte er, »das ist der richtige Weg, um das kleine Missverständnis beizulegen, welches wir nach unserem Mittagessen in Honeybuzzard gehabt haben. Sie kennen Mr. Mountjoy, Mylord? - Das ist recht. Ziehen Sie sich einen Stuhl heran, Mountjoy. Meine Aussichten als Arzt drohen mir allerdings mit dem Verderben, aber so lange ich ein Dach über meinem Kopf habe, kann ich auch immer noch einen Freund bei mir willkommen heißen. Ich habe allen Grund, anzunehmen, mein Lieber, dass der Doktor, welcher mir seine Praxis verkauft hat, ein Schwindler war. Das Geld ist hin, aber die Patienten wollen nicht kommen. Nun, ich bin noch nicht ganz bankerott, ich kann Ihnen noch ein Glas Grog anbieten. Machen Sie sich selbst die Mischung zurecht, wie sie Ihnen beliebt. Wir wollen dann einen vergnügten Abend zusammen verleben.«

Hugh erklärte mit den nötigen Entschuldigungen, dass er gekommen sei, um einige Worte mit Lord Harry allein zu sprechen. Die Veränderung, welche in des Doktors Wesen vorging, trat in nicht sehr liebenswürdiger Weise zu Tage, nachdem er mit diesem Zweck des Besuches bekannt gemacht worden war. Er hatte das Aussehen eines Mannes, welcher argwöhnte, dass es sich um etwas für ihn nicht sehr Angenehmes handle. Auch Lord Harry schien seinerseits einige Bedenken zu hegen, ob er auf diese Privatunterredung mit Mr. Mountjoy eingehen solle.

»Betrifft es Miss Henley?« fragte er.

Hugh gab zu, dass dies der Fall sei. Lord Harry bemerkte darauf, dass sie seiner Meinung nach gut tun würden, wenn sie diesen Gegenstand vermieden. Mountjoy antwortete, es lägen im Gegenteil Gründe vor, diesem Thema näher zu treten, welche so wichtig seien, dass sie ihn veranlasst hätten, London zu verlassen und den Lord noch zu so später Nachtstunde in Hampstead aufzusuchen.

Als er dies hörte, erhob sich Lord Harry, um Mr. Mountjoy in ein anderes Zimmer zu führen.

In dieser Weise aus dem Vertrauen seines Gastes ausgeschlossen, konnte Mr. Vimpany nicht umhin, Mountjoy wenigstens daran zu erinnern, dass er der Herr im Hause sei.

»O, bitte, führen Sie ihn hinauf, Mylord,« sagte der Doktor, »Sie sind zu Haus unter meinem niedrigen Dache.« Die beiden jungen Männer standen sich einander gegenüber in dem dürftig ausgestatteten Empfangszimmer. Da beide Grund genug hatten, an dem freundschaftlichen Ausgang dieser Unterredung zu zweifeln, so verzichteten sie darauf, sich zu setzen. Hugh ging geradenwegs auf den Gegenstand los, ohne die Zeit mit nutzlosen einleitenden Redensarten zu vergeuden. Er gestand ein, dass er von der Verlobung Miss Henleys gehört habe. Er fragte, ob Lord Harry sich wohl der unglücklichen Folgen bewusst sei, welche für die junge Dame aus ihrer Heirat erwüchsen. Die Antwort hierauf wurde freimütig erteilt. Der irische Lord wusste nichts von den Folgen, von denen Mr. Mountjoy sprach. Hugh erklärte sie ihm sogleich, und es hatte den Anschein, als ob Lord Harry dadurch vollständig überrascht wäre.

»Darf ich fragen, Sir,« sagte er, »ob Sie aus eigener, persönlicher Erfahrung sprechen?« »Ich komme soeben von Mr. Henleys Hause, My-lord,« antwortete Mountjoy, »und was ich Ihnen gesagt habe, das hörte ich aus Mr. Henleys eigenem Munde.« Es entstand eine Pause. Hugh war schon geneigt, anzunehmen, dass er durch seine Worte ein Hindernis für die sofortige Feier der Hochzeit geschaffen habe. Er sollte jedoch sehr bald einsehen, dass er sich geirrt hatte. Lord Harry war zu sehr verliebt in Iris, als dass er sich in seinen Beziehungen zu ihr durch Geldfragen beeinflussen ließ.

»Sie fassen das sehr ernst auf,« bemerkte er, »aber lassen Sie mich Ihnen sagen, dass Miss Henley weit davon entfernt ist, von ihrem Vater abhängig zu sein. Er sollte sich überhaupt seiner Handlungsweise schämen; doch das gehört nicht hieher. Ich sage Ihnen also, Miss Henley ist weit davon entfernt, von ihrem Vater abhängig zu sein, wie Sie zu glauben scheinen.   Ich selbst bin - um Ihnen auch dies zu sagen - nicht ohne Mittel, welche ich ihr gern zu Füßen legen werde. Vielleicht wünschen Sie, dass ich auf Einzelheiten eingehe. Das kann gleich geschehen. Ich habe meine Besitzung in Irland verkauft.«

»Für eine große Summe in diesen Zeiten?« fragte Hugh.

»Auf die Summe kommt es nicht an, Mr. Mountjoy. Lassen Sie sich an der Tatsache genügen. Und da wir doch einmal bei Geldfragen sind - ein mir Peinliches und verhasstes Thema, das ich keineswegs in Verbindung mit der liebenswürdigsten Frau der Welt bringen möchte - so vergessen Sie nicht, dass Miss Henley ein Einkommen aus ihrem eigenen Vermögen hat, welches, so viel ich weiß, von ihrer Mutter herrührt. Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, Sir, mir zu glauben, dass ich nicht einen Pfennig davon anrühren werde.«

»Gewiss. Aber das Vermögen ihrer Mutter ist in Aktien einer Gesellschaft angelegt,« fuhr Mountjoy fort, hartnäckig bestrebt, den Gegenstand in den dunkelsten Farben darzustellen. »Aktien steigen und fallen, und Gesellschaften fallen zuweilen auch.«

»Und eines Freundes Besorgnis um die Angelegenheiten Miss Henleys nimmt zuweilen eine sehr unangenehme Form an,« fügte der Irländer hinzu, dessen leicht erregbares Temperament jetzt deutlich zu Tage trat. »Lassen Sie uns das Schlimmste annehmen, was geschehen kann; wir kommen dann auch rascher zu dem Ende der Unterredung, die weit davon entfernt ist, mir angenehm zu sein. Wir wollen also sagen, dass die Aktien Miss Henleys wertlose Papiere sind und dass infolge dessen ihre Taschen so leer sind, wie es Taschen überhaupt nur sein können. Läuft sie dann eine andere Gefahr als die, welche Ihnen darin zu liegen scheint, dass sie meine Frau wird?«

»Ja, gewiss,« antwortete Hugh, der jetzt auch gereizt wurde. »In dem Fall, welchen Sie soeben annahmen, läuft sie die Gefahr, als hilflose Witwe zurückgelassen zu werden, wenn Sie sterben.«

Er war auf eine heftige Antwort gefasst, auf einen neuen Streit, der in dieser unglückseligen Nacht zu dem schon mit Mr. Henley ausgefochtenen noch hinzukommen würde. Zu seinem großen Erstaunen ruhten Lord Harrys ausdrucksvolle, glänzende Augen auf seinem Gesicht mit einer Mischung von Trauer und Bestürzung.

»Gott verzeihe mir,« sagte er zu sich selbst; »daran habe ich niemals gedacht. Was soll ich tun? Was soll ich tun?« Mountjoy bemerkte diese tiefe Entmutigung, verstand sie aber nicht.

Hier war ein verzweifelter Abenteurer, dessen Streifzüge sein Leben immer und immer wieder in Gefahr gebracht hatten und der jetzt augenscheinlich durch die bloße Erinnerung an den Tod ganz überwältigt wurde. Wie sollte man das begreifen?

Hätte Hugh in der Seele Lord Harrys lesen können, er würde um die Erklärung nicht verlegen gewesen sein. Der irische Lord hatte wirklich Gründe, vor dem Gedanken an die Zukunft zurückzuschrecken. Nach der Ermordung von Arthur Mountjoy hatte er die Verbindung mit der mordlustigen Brüderschaft der Unüberwindlichen aufgegeben. Er war damals aufmerksam gemacht worden, dass er durch diesen Schritt sein Leben in Gefahr bringe, wenn er in Großbritannien bliebe, nachdem er sich so seinen Kollegen verdächtig gemacht hatte. Wenn das geheime Tribunal entdecken würde, dass er aus Südafrika zurückgekehrt sei, so würde dieser Entdeckung ganz unvermeidlich das Todesurteil folgen. Das war die schreckliche Lage, an welche zu denken ihn Mountjoy durch seine Antwort unwissentlich gezwungen hatte. Sein Schicksal hing ab von der zweifelhaften Sicherheit des Zufluchtsortes in dem Hause des Doktors.

Während Hugh ihn noch mit ernstem Bedenken ansah, schien eine neue Idee in Lord Harrys Geist Leben zu gewinnen. Er schüttelte den Druck, der auf ihm lastete, plötzlich ab. Sein Benehmen gegen Mountjoy änderte sich und ging mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls von dem Extrem der Kälte in das der Herzlichkeit über.

»Jetzt hab' ich es endlich,« rief er aus. »Lassen Sie mich Ihnen die Hand schütteln; Sie sind der beste Freund, den ich jemals gehabt habe.«

Der kühle Engländer fragte: »Inwiefern?«

»Insofern, als Sie mich darauf gebracht haben, dass ich ja für Miss Henley sorgen kann und zwar je eher, desto besser. Unser Freund unten, der Doktor, wird sofort bereit sein, mir als Zeuge beizustehen. Verstehen Sie mich nicht?«

Hindernisse, welche der Heirat in den Weg traten, würde Mountjoy sofort erkannt haben; aber bei Dingen, welche die Heirat beschleunigten, war sein Geist nur schwer neuen Eindrücken zugänglich.

»Sprechen Sie im Ernst?« fragte er.

Des Irländers reizbares Temperament begann sich wieder zu zeigen.

»Warum zweifeln Sie daran?« fragte er.

»Weil ich Sie nicht verstehe!« entgegnete Mountjoy.

»Machen Sie sich frei von aller Eifersucht,« erwiderte Lord Harry stolz, »und Sie werden mich verstehen. Ich stimme mit Ihnen vollkommen darüber überein, dass ich verpflichtet bin, für meine Witwe zu sorgen, und ich werde das auch tun dadurch, dass ich mein Leben versichere.«

Vierunddreißigstes Kapitel.

Nach seiner Unterredung mit dem irischen Lord wartete Mountjoy zwei Tage in der Hoffnung, etwas von Iris zu hören, aber es kam kein Brief. Hatte es Mr. Vimpany unterlassen, das Schreiben weiter zu besorgen, das er ihm anvertraut hatte?

Am dritten Tag schrieb Hugh selbst, um sich darnach zu erkundigen.

Der Doktor sendete den Brief zurück, den Hugh unter seiner Adresse an Miss Henley geschrieben hatte, und beklagte sich in seiner Antwort bitter über die undankbare Weise, mit der er behandelt worden sei. Miss Henley hatte ihm ihre neue Adresse in London nicht angegeben, und Lord Harry hatte ganz plötzlich Redburn Road verlassen und nur mit wenigen nichtssagenden Worten sich von ihm verabschiedet; das war alles. Mr. Vimpany stellte nicht in Abrede, dass er für seine ärztlichen Bemühungen bezahlt worden sei; aber er möchte doch fragen, ob er nichts für seine Freundlichkeit verdient hätte. War es recht, dass jemand eines andern Gastfreundschaft annahm und ihn dann wie einen Fremden behandelte? - »Ich bin fertig mit den beiden, und ich empfehle Ihnen, mein lieber Herr, meinem Beispiel zu folgen.« In diesen Worten äußerte der ärgerliche und nüchterne Doktor seine Gefühle und gab Hugh seine guten Ratschläge.

Mountjoy legte den Brief in großer Mutlosigkeit beiseite.

Seine letzte schwache Hoffnung, die Hochzeit zu verhindern, hing davon ab, ob es ihm wohl noch möglich sein würde, mit Iris in Verbindung zu treten. Und nun war sie für ihn vollständig verloren, als ob sie an das andere Ende der Welt geflohen wäre. Es hätte vielleicht möglich sein können, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen, wenn man Lord Harry genau beobachtet hätte; aber auch er war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die kostbaren Stunden und Tage gingen vorüber, und Hugh war vollständig ratlos.

Von der Angst und der Ungewissheit gepeinigt, blieb er immer noch in seinem Hotel in London. Mehr als einmal entschloss er sich, den Kampf auf-zugeben und nach seiner schönen Besitzung in Schottland zurückzukehren; mehr als einmal verschob er diese Reise wieder. Manchmal fürchtete er, von Iris zu hören, wenn sie ihm schrieb, dass sie schon verheiratet wäre; dann fühlte er sich wieder beleidigt und gekränkt durch die Vernachlässigung, welche sie ihm durch ihr Stillschweigen zu teil werden ließ. Befand sie sich in seiner Nähe, oder war sie weit von ihm entfernt? Verweilte sie noch in England, oder hatte sie ihrem Vaterlande schon den Rücken gewendet? Wer konnte es wissen?

So waren mehrere traurige Tage in Hangen und Bangen verflossen, als ein Brief eintraf, der in einer ihm unbekannten Handschrift an Mountjoy adressiert war und den Pariser Poststempel trug. Die Schrift ließ ihn vermuten, dass der Brief von Lord Harry herrührte.

Sein erster Gedanke war, den Brief ungelesen ins Feuer zu werfen. Es konnte kaum noch ein Zweifel obwalten, welches die Nachrichten waren, die er enthielt, nachdem eine so lange Zeit vergangen war. Konnte er es ruhig hinnehmen, dass ihm Iris' Verheiratung gerade von dem Mann, der nun ihr Gatte war, mitgeteilt wurde? - Niemals; es lag etwas Erniedrigendes in dem bloßen Gedanken. Er war zu diesem Schluß gekommen; und was tat er trotz alledem? - Er las den Brief.

Lord Harry schrieb in den Ausdrücken der größten Höflichkeit und bedauerte, dass ihn Umstände verhindert hätten, Mr. Mountjoy einen Besuch zu machen, bevor er London verließ. Nach der Unterredung, welche in Mr. Vimpanys Hause stattgefunden hätte, halte er es jedoch für seine Pflicht, Mr. Mountjoy mitzuteilen, daß er sein Leben versichert habe, und er wolle auch noch hinzufügen, für eine bedeutende Summe, für eine Summe, die vollständig genügend sei, seiner Gattin ein sorgenfreies Leben zu sichern, im Fall sie ihn überleben sollte. Lady Harry sende ihm ihre besten Grüße; sie würde in der nächsten Zeit selbst an ihren alten und ergebenen Freund schreiben. Inzwischen wolle er schließen, indem er nochmals den Ausdruck seiner tiefsten Verpflichtung Mr. Mountjoy gegenüber wiederhole.

Hugh sah noch einmal auf die erste Seite des Briefes zurück, um nach der Adresse des Schreibers zu suchen; sie lautete einfach: Paris. Die Absicht, eine fernere Korrespondenz oder eine persönliche Begegnung zu verhindern, konnte nicht leicht deutlicher ausgedrückt werden. Im nächsten Moment flog der Brief ins Feuer.

Zwei Tage später bekam Hugh nun direkte Nachricht von Iris. Sie drückte ihm ebenfalls ihr Bedauern über ihre so plötzliche Abreise aus England aus, fügte jedoch hinzu, dass es auf ihr Betreiben geschehen sei. Eine Bemerkung, welche Lord Harry im Laufe eines Gespräches entschlüpft sei, habe in ihr die Furcht wachgerufen, dass er noch immer von den politischen Verschwörern bedroht sei, mit denen er sich in so unvernünftiger Weise eingelassen habe. Infolge dessen habe sie ihn dazu gebracht, ihr die volle Wahrheit zu bekennen, und darauf hin auf einer sofortigen Abreise bestanden. Sie und ihr Gatte hätten ihren Aufenthalt in Paris genommen; Lord Harry habe in dieser Stadt Freunde, deren Einfluss von großer Wichtigkeit für seine Vermögensverhältnisse sein könne. Dann folgten einige Sätze, in denen die Schreiberin ihrer dankbaren Erinnerung an alles das Ausdruck gab, was Hugh in der letzten Zeit für sie getan. Sie sprach auch den sehnlichsten Wunsch aus, dass sie von Zeit zu Zeit durch Briefe von einander hören möchten. Sie könne nicht wagen, unter den gegenwärtigen Umständen auf das Vergnügen zu rechnen, einen Besuch von ihm zu empfangen; sie hoffe jedoch, dass er es über sich gewinnen würde, ihr zu schreiben; er solle seine Briefe nach Paris poste restante schicken.

In einem Nachtrag waren noch wenige Worte hinzugefügt, welche sich auf Mr. Vimpany bezogen. Hugh wurde gebeten, auf keinerlei Erkundigungen Antwort zu geben, welche dieser schlechte Mensch über sie oder ihren Gatten etwa einzuziehen wagen würde. Früher sei sie dem Doktor dankbar gewesen für seine Bemühungen als Arzt um Rhoda Bennet. Aber seitdem habe sein Benehmen gegen seine Frau und die Ansichten, die er in Gesprächen mit Lord Harry geäußert habe, sie davon überzeugt, dass er ein Mensch ohne alle Grundsätze sei. Jeder weitere Verkehr mit ihm müsse, so viel an ihr liege, ein für allemal aufhören.

Als Mountjoy diesen Brief gelesen, hatte er die Empfindung: den beantwortest du nie! Er glaubte, obgleich er sich darin vollständig irrte, dass Iris ihn unter der Aufsicht ihres Mannes geschrieben habe.

Wieder dachte er daran, nach Schottland zurückzukehren, und schob es doch immer wieder hinaus.

Er fand plötzlich allerhand an seinem Besitztum auszusetzen. Die Lage war zu einsam, seine nächsten Nachbarn waren nur einfache Fischersleute. In geringer Entfernung lagen allerdings hie und da zerstreut einige wenige Häuser, die von früheren Kaufleuten, die sich zur Ruhe gesetzt hatten, bewohnt wurden; nur in weiterer Entfernung befand sich der Landsitz eines vornehmen Mannes, der aber immer abwesend war, da sein Gesundheitszustand das Klima von Schottland nicht vertrug. Die Aussichten auf ein so einsames Leben an der Küste des Solway Firth schreckten Mountjoy jetzt zurück.

Er beschloss daher, den Versuch zu machen, ob das gesellschaftliche Leben in London im stande sein würde, die trüben Gedanken zu zerstreuen, die ihn bedrückten. Bekannte, die er bisher vollständig vernachlässigt hatte, waren angenehm überrascht, als ihnen ihr junger und reicher Freund wieder einen Besuch machte. Er nahm teil an Diners und Soupers; in allen Müttern und Töchtern erregte er Hoffnungen dadurch, dass er den Einladungen zn Bällen folgte. Er erschien auch wieder in seinem Klub. Bot ihm dieses Leben nun wirklich die erwartete Zerstreuung? War dabei irgend welches Vergnügen? - Nein! Er spielte nur eine Rolle und fand es eine schwere und undankbare Aufgabe, den Schein aufrecht zu erhalten. Nach einer kurzen Zeit des Glanzes sah ihn die Gesellschaft nicht wieder.

Nachdem er so von neuem sich selbst überlassen war, genoss er endlich einmal einen angenehmen Abend in London; es war der Abend, an dem er sich trotz aller Einwendungen, die er selbst dagegen erhob, an Iris zu schreiben entschloss.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Am nächsten Tage empfing Hugh den Besuch der Person, die er am allerwenigsten von seinen Bekannten zu sehen erwartet hatte. Die verschollene Mrs. Vim-pany erschien in eigener Person in seinem Hotel.

Sie sah unnatürlich älter als damals aus, wo Mountjoy sie zum letztenmal gesehen hatte. Ihr künstliches Äußere war verschwunden. Das jetzt nicht mehr vorhandene Rot, welches einstmals ihre Wangen überzogen, hatte während der langen Reihe von Jahren, in der sie es auflegte, das Gewebe ihrer Haut rauh gemacht und ihrer Farbe einen ungesunden gelben Ton verliehen. Ihr Haar, das einstens so geschickt schwarz gefärbt war, gestand jetzt offen die Wahrheit ein und zeigte die nüchterne Farbe des Alters; es war grau. Selbst der durchdringende Glanz ihrer großen schwarzen Augen war verschwunden; alle die Verschönerungskünste, welche sie ihrer Bühnenlaufbahn verdankte, waren nicht mehr zu sehen, nur die liebenswürdige Anmut ihrer Bewegungen und der tiefe melodische Klang ihrer Stimme verrieten noch Mrs. Vimpany, welche jetzt in ein einfaches dunkelbraunes Gewand gehüllt war, das aller der kleinen, versteckten Mittel entbehrte, durch welche die Schneiderinnen so geschickt der Figur nachzuhelfen verstehen.

»Wollen Sie mir Ihre Hand reichen, Mr. Mountjoy?« Das waren die ersten Worte, welche sie sprach, als sie in bescheidener, niedergedrückter Haltung das Zimmer betrat.

»Warum nicht?« fragte Hugh und gab ihr die Hand.

»Sie können keine sehr günstige Erinnerung an mich haben,« antwortete sie, »aber ich hoffe, dass ich jetzt einen besseren Eindruck auf Sie mache, wenn Sie mir ein klein wenig von Ihrer kostbaren Zeit schenken wollen. Sie werden vielleicht von meiner Trennung von Mr. Vimpany gehört haben. Es ist ganz unnötig, dass ich Sie mit diesem Gegenstand belästige. Sie kennen meinen Gatten uud sind daher wohl im stande, zu erraten, was ich bei ihm zu erdulden hatte, und warum ich ihn verlassen habe. Wenn er zu Ihnen kommt, so werden Sie ihm hoffentlich nicht sagen, wo sich Lady Harry befindet.«

Hugh unterbrach sie:

»Bitte, sprechen Sie nicht von ihr unter diesem Namen; nennen Sie sie Iris, wie ich es tuel« Eine schwache Erinnerung an ihr altes Bühnenlächeln zitterte über Mrs. Vimpanys müdes, trauriges Gesicht.

»O, Mr. Mountjoy, ich weiß, wen sie hätte heiraten sollen, aber der schlimmste Feind der Frauen ist ihre Unkenntnis der Männer; sie lernen dieselben erst dann besser kennen, wenn es zu spät ist!   Ich versuche immer noch, für Iris zu hoffen in der Zukunft, aber meine Befürchtungen sind stärker als meine Hoffnungen.«

Sie machte eine Pause, seufzte und drückte ihre Hand auf die Brust, durch diese Bewegung wieder einmal die unvertilgbaren Spuren ihrer früheren Bühnenlaufbahn verratend.

»Ich scheue mich fast, zu sagen, dass ich Iris lieb habe,« fuhr sie fort, »aber das eine weiß ich: wenn ich nicht mehr so schlecht bin, wie ich einstens war, so verdanke ich das einzig und allein der herzigsten und liebenswürdigsten aller Frauen. Ich möchte wohl wissen, ob andere Leute, wenn sie den Weg zur Besserung einschlagen, es auch so schwer finden, ihm zu folgen, wie es mir zuerst ging!«

»Daran ist nicht zu zweifeln, Mrs. Vimpany, wenn die Betreffenden es nämlich ernst nehmen. Man muss sich hüten vor solchen, die von einer plötzlichen Bekehrung und einer vollkommenen Befriedigung sprechen. Darf ich fragen, wie Sie Ihr neues Leben begannen?«

»Recht unglücklich, Mr. Mountjoy. Ich schloss mich einer Schwesterschaft an, welche der Krankenpflege oblag; nach kurzer Zeit brach unter ihnen ein Streit aus. Stellen Sie sich nun Frauen vor, welche sich selbst Christen nennen und die streiten über Kirchen und Kirchendienst, über Kleidung der Geistlichen und ihre Bewegungen, über Kerzen und Weihrauch.   Ich verließ sie wieder und ging in ein Hospital und fand dort, dass die Ärzte bessere Christen sind als jene Schwestern. Ich würde nicht über mein eigenes armes Selbst sprechen, wenn nicht ein Grund dazu vorläge, wie Sie gar bald sehen werden. In dem Hospitale pflegte ich eine Dame während einer langwierigen Krankheit und wurde dann damit betraut, sie zu Verwandten nach Südfrankreich zu bringen. Auf meiner Rückreise gedachte ich, einige Tage in Paris zu verweilen; es war eine günstige Gelegenheit für mich, die Tätigkeit der Krankenpflegerinnen in den französischen Hospitälern kennen zu lernen. Und doch tat ich etwas ganz anderes als das, was ich mir vorgenommen hatte. Ich traf nämlich mit Iris in Paris zusammen.«

»Zufällig?« fragte Hugh.

»Ich bin mir darüber nicht klar,« antwortete Mrs. Vimpany, »ob so etwas wie eine Begegnung etwas Zufälliges genannt werden kann. Sie und ihr Gatte befanden sich auf einem der Boulevards unter den vielen Menschen, welche dort sitzen und ihren Kaffee trinken und dabei die anderen betrachten, die vorübergehen. Ich ging vorbei, ohne sie zu bemerken; sie aber hatte mich gesehen und schickte Lord Harry hinter mir her, um mich zurückzubringen. Ich bin dann mit ihnen jeden Tag zusammengewesen, da Iris mich dazu aufforderte, so lange ich in Paris blieb, und ich kenne jetzt genau das Leben, welches sie führen.«

Sie hielt inne, da sie bemerkte, dass Hugh durch ihre Worte heftig erregt wurde. »Ich bin im Zweifel,« sagte sie, »ob Sie es wünschen, mehr von ihrem Leben in Paris zu erfahren.«

Hugh fasste sich sofort wieder.

»Erzählen Sie weiter,« sagte er ruhig.

»Auch dann, wenn ich Ihnen sage, dass Iris vollkommen glücklich ist?« »Erzählen Sie nur weiter,« wiederholte Hugh.

»Darf ich Ihnen gestehen,« sagte sie, »dass Iris' Gatte unwiderstehlich ist, nicht allein für seine Frau, sondern sogar für ein so altes Weib, wie ich bin! Nachdem ich ihn nun schon so viele Jahre kenne von seinen schlimmsten und seinen besten Seiten, bin ich doch noch töricht genug, dem Zauber zu erliegen, den er auf alle Frauen durch seinen sprühenden Geist und seinen Humor ausübt; die nüchternen Engländer würden ihn wahrscheinlich, wenn sie ihn sähen, für einen Menschen halten, welcher verdiente, unter Kuratel gestellt zu werden. Eine der absonderlichen Ideen des wilden irischen Lords, durch die er seiner Ergebenheit und Liebe für seine Frau Ausdruck geben will, ist unter anderen, dass sie sich nicht als verheiratet betrachten, sondern ein Leben wie Liebende führen sollen. Wenn sie in einem Restaurant speisen, so besteht er darauf, ein chambre separée zu nehmen; er führt sie auf öffentliche Bälle und engagiert sie auf alle Tänze für den ganzen Abend; wenn sie zu Hause bleiben, weil Iris einmal der Gesellschaften müde ist, dann

Schickt er mich ans Klavier und walzt mit seiner Frau durchs Zimmer. ,Nichts belebt eine Frau so,' sagt er, ,als wenn sie mit dem Mann, den sie liebt, tanzt.' Wenn sie dann ganz außer Atem ist und ich das Klavier schließe, was glauben Sie wohl, was er dann tut? Er küsst mich und sagt, er drücke damit nur die Gefühle seiner Frau aus, wenn sie nicht im stande sei, es selbst zu tun. Er speist zuweilen mit Herren außer dem Hause und kommt zurück mit all dem Feuer und der Lebhaftigkeit, welche der gute Wein verursacht, und ist dann liebenswürdiger als je; bei solchen Gelegenheiten sind seine Taschen gefüllt mit Süßigkeiten, die er für ,seinen Engel' von dem Dessert beiseite geschafft hat. ,Bin ich etwas angeheitert?' fragt er. ,Bitte, sei nicht bös, es geschah nur aus Liebe zu Dir; ich war in sehr vornehmer Gesellschaft, mein Liebling, und brachte immer und immer wieder Deine Gesundheit aus und trank im Gedanken an Dich und auf Dein Wohl mehr als die ganze übrige Gesellschaft; Du tadelst mich deswegen nicht? Aber ich tadle mich dafür um so mehr. Es war unrecht von mir, dass ich Dich allein ließ und mit anderen speiste. Was brauche ich bie Gesellschaft von Herren, wenn ich Deine Gesellschaft habe! Dass ich dabei auf Deine Gesundheit trank, das ist nur eine elende Entschuldigung. Ich werde in Zukunft alle Einladungen ablehnen, bei denen Du nicht mit inbegriffen bist.' Nun, merken Sie wohl, damals war es ihm ernst damit, aber schon zwei oder drei Tage später vergaß er seine guten Vorsätze und speiste wieder in Herrengesellschaft auswärts und kam dann mit noch mehr liebenswürdigen Entschuldigungen, gestohlenen Süßigkeiten und guten Vorsätzen nach Hause. - Ich fürchte, ich langweile Sie, Mr. Mountjoy?«

»Sie setzen mich allerdings in Erstaunen,« erwiderte Hugh. »Warum muss ich denn alles dies von Lord Harry hören?« Mrs. Vimpany verließ ihren Platz. Infolge einer der Regeln, die auf der Bühne galten, hatte sie die Gewohnheit angenommen, sich zu erheben, wenn sie in der Rolle, die sie spielte, etwas Ernstes und Wichtiges zu sagen hatte; und sie stand noch immer unter dem nachhaltigen Einfluss der theatralischen Gewohnheiten. Deshalb erhob sie sich auch jetzt und legte ausdrucksvoll ihre Hand auf Mr. Mountjoys Schulter.

»Ich habe nicht gedankenlos Ihre Geduld auf die Probe gestellt,« sagte sie. »Jetzt, wo ich nicht mehr dem direkten Einflusse Lord Harrys unterworfen bin, vermag ich es wieder, mir meine frühere Erfahrung über ihn ins Gedächtnis zurückzurufen; und ich fürchte, wir werden erleben, dass es ein übles Ende nimmt. Er wird wieder in schlechte Gesellschaft geraten, er wird auf den Rat schlechter Freunde hören und dann in der Zukunft Dinge tun, vor denen er jetzt zurückschreckt.Wenn diese Zeit kommt, dann fürchte ich ihn! Ja, dann fürchte ich ihn!«

»Wenn diese Zeit kommt,« wiederholte Mountjoy, »dann soll er, wenn ich noch irgend einen Einfluss auf seine Frau habe, sie fähig finden, sich selbst zu schützen. Wollen Sie mir Iris' Adresse in Paris geben?«

»Gern, wenn Sie mir versprechen wollen, sie nicht eher aufzusuchen, als bis sie Sie wirklich braucht.« » Wer soll es denn entscheiden, wann sie mich braucht?«

»Ich werde es entscheiden,« antwortete Mrs. Vimpany. »Iris schreibt mir alles aufrichtig und vertrauensvoll; wenn sich aber irgend etwas ereignen sollte, was sie einem Briefe nicht anvertrauen will, dann hoffe ich, es von ihrem Kammermädchen zu erfahren.«

»Sind Sie denn auch sicher, ob diesem Kammermädchen zu trauen ist?« fragte Mountjoy.

»Fanny Mere ist ein sehr stilles Wesen, soweit ich sie kenne, und ihre Art und Weise fordert gerade nicht zum Vertrauen auf,« gab Mrs. Vimpany zu. »Ich habe jedoch mit ihr gesprochen und aus ihren Reden zu meiner großen Befriedigung ersehen, dass sie ihrer Herrin treu ergeben und dankbar ist in ihrer eigenen sonderbaren Weise. Sollte sich Iris jemals in irgend einer Gefahr befinden, so werde ich darüber nicht in Unkenntnis bleiben. Kann dies Sie vermögen, mich erst um Rat zu fragen, bevor Sie den Entschluss fassen, nach Paris zu gehen? Machen Sie keine Umstände, sondern sagen Sie mir aufrichtig Ja oder Nein.«

Hugh sagte aufrichtig: »Ja.«

Mrs. Vimpany gab ihm nun sofort die Adresse von Iris und versprach zu gleicher Zeit, ihm alle Nachrichten zu übermitteln, welche sie aus Paris erhielt, sobald sie sie selbst gelesen.

Nach dieser Verabredung trennten sie sich für jetzt.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Langsam gingen die Wochen dahin. Getreulich hielt Mrs. Vimpany ihr Versprechen.

Sobald sie Nachrichten von Iris empfing, schickte sie den Brief immer an Hugh, der ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, wieder zurückgab. Die Ereignisse in dem Leben des neu vermählten Paares, von denen viele auf das Ende hinwiesen, welches Mrs. Vimpany sah und fürchtete, wurden in heiterer, zuweilen scherzhafter Weise von der jungen Frau berichtet. Ihr blinder Glaube an ihren Mann, der in den ersten Briefen noch deutlich zum Ausdruck kam, begann in den späteren schon Zeichen von Selbsttäuschung zu verraten. Es war in der Tat traurig, mit ansehen zu müssen, dass ein so glänzender Geist nicht im stande war, die verdächtigen Momente zu begreifen, die sogar ein Kind hätte wahrnehmen können.

Als die letzten Nachrichten, die aus Paris eingetroffen waren,  pünktlich in die Hände von Hugh kamen, befand sich dabei zugleich ein Brief von Mrs. Vimpany mit folgendem Inhalt:

»Mein letzter Brief von Iris ist eigentlich gar kein Brief. Er enthält außer einem gedruckten Zirkular nur einige Versicherungen ihrer Freundschaft und die Bitte, das Zirkular an Sie zu schicken. Wenn es in Ihrer Macht liegt, an unterrichteter Stelle Erkundigungen einzuziehen, so werden Sie, wie ich sicher weiß, die Mühe nicht scheuen. Es kann, wie ich glaube, kaum einem Zweifel unterliegen, dass Lord Harry sich in eine kühne Spekulation eingelassen hat und zwar tiefer noch, als seine Frau geneigt ist, einzugestehen.«

Das Zirkular zeigte die beabsichtigte Veröffentlichung einer wöchentlich erscheinenden Zeitung an, die teils in englischer, teils in französischer Sprache gedruckt werden sollte. Die Hauptbureaux befanden sich in Paris, und man beabsichtigte, mit der neuen Zeitung dem unter dem Namen »Galignanis Messenger« bekannten Journal Konkurrenz zu machen. Eine erste. Liste von Mitarbeitern enthielt Namen von einiger Bedeutung in der literarischen Welt Englands und Frankreichs. Spekulanten, welche in erster Linie zu wissen wünschten, auf welche Sicherheit sie rechnen könnten, wurden auf einen geschäftsführenden Ausschuss verwiesen, welcher aus Männern zusammengesetzt war, die in der finanziellen Welt von London und Paris von Einfluss waren.

Hugh Mountjoy war in der Lage, die von Mrs. Vimpany gewünschten Erkundigungen einzuziehen, und was er erfuhr, bestätigte die in dem Zirkular gemachten Angaben vollständig. Das Ansehen derjenigen Personen, die an der Spitze dieses Unternehmens standen,  leistete Gewähr für die Solidität desselben.

Als man aber dann auf die Frage, ob das neue Unternehmen Erfolg haben würde, zu sprechen kam, da schüttelten die als anerkannte Autoritäten um Rat gefragten Männer zweifelnd ihre klugen Köpfe. Es war ganz unmöglich, anzugeben, welche Summen Geldes erforderlich sein mochten, bevor die Verbreitung der neuen Zeitung die darauf gesetzten Hoffnungen erfüllen würde. Diese Nachrichten teilte Hugh Mrs. Vimpany mit, und von ihr erfuhr sie Iris noch mit der Post desselben Tages.

Ein längerer Zwischenraum wie gewöhnlich schwand diesmal dahin, ehe Mountjoy wieder eine Nachricht über Lord Harry und seine Frau empfing. Als er dann endlich etwas von Mrs. Vimpany hörte, übersendete sie ihm einen Brief von Iris, welcher eine neue Adresse in der Vorstadt von Paris Namens Passy angab.

Aus Gründen der Sparsamkeit, schrieb Iris, habe sich ihr Gatte zu einem Wechsel der Wohnung entschlossen. Sie wären jetzt in ihrem neuen Hause eingerichtet, welches mit dem Vorteile der Billigkeit auch den Vorzug eines kleinen Gartens verbände, den sie bebauen könnte; außerdem sei die Luft auch reiner und gesünder als in Paris. Damit endete der Brief, ohne die leiseste Erwähnung der neuen Zeitung und ohne eine Beantwortung der ihr von Mrs. Vimpany mitgeteilten Ansichten darüber.

Auf die unbeschriebene Seite des Briefes hatte Mrs. Vimpany selbst noch folgende Worte hinzugefügt: »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass einige beunruhigende Gerüchte über meinen Gatten zu meinen Ohren gedrungen sind. Es ist jedoch immerhin noch möglich, dass sie keinen Glauben verdienen.«

Einige Tage später erhielten diese Vermutungen eine Bestätigung unter Umständen, auf die Hugh nicht im entferntesten vorbereitet war. Mr. Vimpany selbst erschien in dem Hotel, um Mountjoy einen Besuch zu machen.

Obgleich der Doktor immer mehr oder weniger erhaben über die liebenswürdige Schwäche der Bescheidenheit war, so schien er doch jetzt in seiner Selbstschätzung höher gestiegen zu sein denn je, seitdem ihn Hugh zum letztenmale gesehen hatte. Er stolzierte gravitätisch einher und blickte sehr gnädig auf alle Menschen und Dinge herab. Seine Stimme klang erhaben, wenn er sprach, und vornehmes Wohlwollen zeichnete sein Benehmen aus, wenn er zuhörte.

»Wie befinden Sie sich?« rief er in dem fröhlichsten Tone, als er in das Zimmer trat. »Schönes Wetter für diese Jahreszeit, nicht wahr? Sie sehen aber nicht gut aus. Ich bin doch neugierig, ob Sie irgend eine Veränderung an mir wahrnehmen!«

»Sie scheinen ja in sehr guter Laune zu sein,« entgegnete Hugh in nicht sehr liebenswürdigem Tone.

»Trag ich meinen Kopf hoch?« fuhr Mr. Vimpany fort. »Wenn einen Mann ein Unglück betrifft, dann soll er nicht jammern und heulen um Mitleid, dann soll er es mutig ertragen. Das sind meine Grundsätze. Sehen Sie mich an, ja, sehen Sie mich jetzt nur an! Hier stehe ich, ein gebildeter Mann, ein Mitglied einer ehrenwerten Berufsgenossenschaft, ein Mann von Talenten und Kenntnissen, jedes beglückenden Besitzes beraubt, der mir gehörte, außer meinen Kleidern, die ich gerade anhabe. Reichen Sie mir Ihre Hand, Mountjoy, hier ist die Hand eines Bankerotten, Sir!«

»Sie scheinen sich aber nicht viel daraus zu machen,« bemerkte Mountjoy.

»Warum sollte ich mir denn viel daraus machen?« fragte der Doktor. »Es gibt keinen Arzt in England, der weniger Grund zu Selbstvorwürfen hat als ich. Habe ich mein Geld verschwendet in tollkühnen Spekulationen? Nicht einen Pfennig. Bin ich dumm genug gewesen, um auf den Rennplätzen zu wetten? Mein schlimmster Feind dürfte mir das nicht nachsagen. Was habe ich sonst getan? Ich habe mich abgearbeitet und abgemüht, ein angesehener und geachteter Mann zu werden; das habe ich getan. O, da gibt es nichts zu lachen! Wenn ein Doktor versucht, der ärztliche Freund der Menschheit zu sein; wenn er weiter nichts will, als Kranke heilen, Not lindern und das Leben den Menschen erhalten - was ist das anderes als etwas Vortreffliches, etwas Ehrenwertes? Und was ist mein Lohn? Ich sitze zu Hause und warte auf meine leidenden Mitmenschen, und die einzigen, die kommen, sind so arm, dass sie nichts zahlen können. Ich habe meine Besuche gemacht und bin bei all den reichen Patienten gewesen, die ich mitgekauft hatte, als ich mir diese Praxis kaufte. Aber keiner von ihnen brauchte mich; Männer, Frauen und Kinder, sie alle sind so unverantwortlich gesund - hol sie der Teufel! Es ist doch herrlich, wenn ein Mann in einer Stellung, wie die meinige ist, bankerott wird. Beim Jupiter, ich gehe noch weiter als das! Ich sage sogar, ein Mann ist es unter solchen Umständen sich selbst schuldig, als Protest gegen die unverdiente Vernachlässigung Bankerott zu machen. Wenn Sie erlauben, nehme ich mir einen Stuhl.«

Darf ich mir als Hausfreund eine kleine Freiheit erlaubenEr setzte sich nieder und sah sich in seiner bekannten unverschämten Weise rings im Zimmer um. Ein kleiner Kasten, der Liqueurflaschen enthielt, stand offen auf einem Seitentische. Mr. Vimpany erhob sich wieder, trat an den Tisch heran und sagte: »Darf ich mir als Hausfreund eine kleine Freiheit erlauben?« Ohne aber lange auf die Erlaubnis zu warten, griff er gleich zu.

Hugh ertrug dieses aufdringliche Benehmen geduldig, da er nun einmal den Fehler begangen hatte, den Doktor zu empfangen. Zugleich aber war er über des Doktors Unverschämtheit so empört, dass er sich seinerseits auch eine kleine freundschaftliche Freiheit gestattete.   Er ging durch das Zimmer auf den Tisch zu, sah nach den Liqueurflaschen und verschloss den Kasten. Mr. Vimpanys freches Gesicht erglänzte in tiefem Rot, aber nicht etwa aus Scham. Er öffnete seinen Mund, um etwas seiner Würdiges zu sagen, besann sich aber vorher noch eines Besseren und brach in ein schallendes Gelächter aus. Er hatte augenscheinlich noch ein wichtigeres Anliegen.

»Teufelmäßig gut!« rief er fröhlich aus. »Erinnern Sie sich noch an den französischen Rotwein der Landwirtin? Ha, ha, diesmal sollen Sie mich nicht verführen. Schon gut, schon gut, um aber auf meinen Bankerott zurückzukommen -«

Hugh hatte genug gehört von dem Bankerott seines Besuches.

»Ich gehöre nicht zu Ihren Gläubigern,« sagte er.

Mr. Vimpany gab eine schlaue Antwort.

»Seien Sie nur nicht zu sehr davon überzeugt, warten Sie noch ein wenig.« »Soll das vielleicht heißen,« fragte Mountjoy, »dass Sie hieher gekommen sind, um Geld von mir zu borgen?« »Abwarten - Zeit lassen!« antwortete der Doktor; »das ist keine Sache, die man so in der Eile abmachen kann, das ist eine geschäftliche Angelegenheit. Sie werden es mir kaum glauben,« fuhr er fort, »dass ich mich früher schon einmal in der gleichen Lage befunden habe wie jetzt.« Darauf sah er wieder nach dem Liqueurkasten hin und sagte: »Ich würde gern noch einen Schluck von Ihrem ausgezeichneten Curacao nehmen, wenn ich den Schlüssel hätte. Sehen Sie ihn nicht?« »Ich bin gespannt, zu hören, was das für ein Geschäft ist, von dem Sie zu sprechen begonnen haben,« wendete Hugh ein.

Mr. Vimpanys geschmeidiges Wesen folgte dieser Andeutung sofort mit der vollendetsten Liebenswürdigkeit.

»Ganz recht,« sagte er, »wir wollen wieder zu den Geschäften zurückkehren; ich bin ein Mann, welcher sich immer noch zu helfen weiß und nie um einen Ausweg verlegen ist. Glauben Sie wohl, ich wäre das letztemal, als meine Gläubiger meine Sachen zusammenpackten, entmutigt gewesen? Keine Idee! Meine regelmäßige medizinische Praxis war unter mir zusammengebrochen. Nun gut, so versuchte ich eben mein Glück als Quacksalber, das heißt auf gut englisch, ich erfand eine Medizin, auf die ich mir ein Patent geben ließ. Das einzige, was mir fehlte, war Geld, um die nötige Reklame zu machen; falsche Freunde hielten ihre Taschen zugeknöpft.   Verstehen Sie mich?«

»O ja, ich verstehe Sie sehr gut.«

»In diesem Falle,« fuhr Mr. Vimpany fort, »werden Sie nicht erstaunt sein, zu hören, dass ich auch diesmal wieder zu einer meiner Hilfsquellen meine Zuflucht nahm. Sie haben ohne Zweifel bemerkt, dass wir in einem Zeitalter aller möglichen Liebhabereien leben; Dilettanten, die schriftstellern, malen und komponieren, spielen darin eine große Rolle. Ich bin auch eine von denjenigen Personen, welche auf dem Felde der Kunst arbeiten. Haben Sie wohl die Photographien an den Wänden meines Esszimmers bemerkt? Sie sind von mir, Sir, ob Sie sie nun bemerkt haben oder nicht. Ich bin einer von den geschickten Ärzten, welche auch Photographieren können. Das erzähle ich aber nicht etwa jedem Beliebigen; die Menschen haben einmal meistens so beschränkte Ansichten, dass sie glauben, ein Doktor dürfe nichts anderes sein als eben nur ein Doktor. Mein Name wird daher auch bei dem neuen Unternehmen, welches ich jetzt plane, nicht genannt werden. Sie wollen nun natürlich wissen, welches mein neues Unternehmen ist; ich werde es Ihnen im tiefsten Vertrauen mitteilen. Stellen Sie sich vor, wenn Sie es können, eine Reihe ausgezeichneter Photographien der hervorragendsten Ärzte in England mit Erinnerungen aus ihrem Leben, von ihnen selbst geschrieben; erscheint einmal im Monat, Preis: eine halbe Krone. Wenn mit dieser Idee nicht Geld zu verdienen ist, dann ist überhaupt mit nichts mehr Geld zu verdienen. Nun sprechen Sie sich einmal aus, mein lieber Freund! Sagen Sie, was Sie davon denken!«

»Ich verstehe nichts von der Sache,« antwortete Mountjoy. »Darf ich aber wohl fragen, warum Sie mich in Ihr Vertrauen ziehen?«

»Weil ich Sie für meinen besten Freund ansehe.«

»Sie sind ungeheuer liebenswürdig. Sie haben aber doch jedenfalls ältere Freunde in Ihrem Bekanntenkreise als mich!«

»Nicht einen einzigen,« beeilte sich der Doktor, zu versichern, »nicht einen einzigen, dem ich so großes Vertrauen schenke wie Ihnen. Ich werde Ihnen auch sofort einen Beweis dafür liefern.«

»Hängt dieser Beweis vielleicht in irgend einer Weise mit Geld zusammen?« fragte Monntjoy.

»Das nenn' ich aber lieblos und unhöflich gegen mich verfahren,« protestierte Mr. Vimpany. »Keine unfreundlichen Unterbrechungen, Mountjoy. Ich stehe im Begriff, Ihnen einen Beweis meiner freundschaftlichen Gesinnungen zu geben, und da wollen Sie mich wohl gar beleidigen?«

»Gewiss nicht.   Fahren Sie ruhig fort.«

»Ich danke Ihnen; eine kleine Ermutigung hilft bei mir viel. Ich habe also einen Buchhändler gefunden, welcher sich bereit erklärt hat, mein beabsichtigtes Werk in Kommission zu übernehmen. Keine Seele hat bis jetzt den Kostenüberschlag gesehen. Ich möchte Ihnen denselben zeigen.«

»Ganz nutzlos, Mr. Vimpany.«

»Warum ganz nutzlos?«

»Weil ich durchaus nicht gesonnen bin, Ihnen Geld zu leihen.« »Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Mountjoyl«

»Das ist mein vollständiger Ernst.«

»Nein.«

»Ja.«

Des Doktors Gesicht zeigte jetzt einen plötzlichen Wechsel im Ausdruck. Er nahm eine bösartige und drohende Miene an.

»Treiben Sie mich nicht in die Enge! Überlegen Sie es sich vorher noch einmal!« Hughs Fähigkeit, sich zu beherrschen, war jetzt zu Ende.

»Wagen Sie es vielleicht, mir zu drohen?« fragte er. »Ich sage Ihnen noch einmal - bitte, hören Sie genau zu - ich habe meinen festen Entschluss gefasst und nichts, was Sie auch tun oder sagen, kann ihn ändern.«

Nach dieser Erklärung erhob er sich von seinem Stuhle und erwartete, dass Mr. Vimpany sich nun entfernen würde.

Der Doktor setzte seinen Hut auf. Seine Augen hefteten sich mit einem Blick voll teuflischer Bosheit auf Hugh, indem er sagte: »Die Zeit ist nicht mehr allzu fern, Mr. Mountjoy, wo Sie lebhaft bedauern werden, mich zurückgewiesen zu haben.«

Er sprach diese Worte mit wohl überlegtem Nachdruck und ging weg.

Von der Gegenwart dieses Menschen erlöst, kam Mountjoy auf den sonderbaren Gedanken, die Worte, die Mr. Vimpany bei seinem Weggange ausgesprochen hatte und die er unter anderen Umständen gar nicht beachtet haben würde, in Verbindung mit den Interessen von Iris zu bringen.

Welchen Versuch würde wohl in seiner verzweifelten Geldklemme der kühne Bankerotteur zunächst machen, um seine leere Tasche zu füllen? Wenn er zufällig seine Verbindung mit dem irischen Lord wieder angeknüpft hätte - und so ein Zufall lag mindestens nicht außerhalb aller Möglichkeit - so würde jedenfalls sein nächster Versuch, Geld aufzutreiben, ihn nach Paris führen. Lord Harry hatte sich schon in eine Spekulation eingelassen, welche jetzt jedenfalls große Geldmittel erforderte und die erst in einer noch ziemlich fernen Zeit einen Gewinn abzuwerfen versprach. In der Zwischenzeit waren seine Mittel infolge dessen nur sehr beschränkte, und seine laufenden Ausgaben würden an seine knapp bemessene Kasse gebieterische Anforderungen stellen. Die Versuchung, seinem Entschlusse, das Vermögen seiner Frau nicht zu berühren, untreu zu werden, hatte jedenfalls seine Sündhaftigkeit schon auf harte Proben gestellt. Wenn nun der Doktor mit seinem Anliegen kam, welche bessere Entschuldigung konnte sich Lord Harry darbieten, der Versuchung nachzugeben, als die Verpflichtung, einem alten Freund in seiner Geldverlegenheit helfend unter die Arme zu greifen?

Da Hugh die Lage von Iris und die Verwicklung, die ihr drohte, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete, verließ er das Hotel, um sich mit Mrs. Vimpany zu beraten. Es stand ja bei ihr, zu entscheiden, ob die Umstände seine Abreise nach Paris rechtfertigten.

Siebenunddreißigstes Kapitel.

Als Hugh Mrs. Vimpany alles das mitgeteilt hatte, was er in Bezug auf die Unterredung mit ihrem Gatten erzählen konnte, verstand und würdigte sie seine Befürchtungen für die Zukunft. Nur darin stimmte sie nicht mit ihm überein, dass er schon unter den gegenwärtigen Umständen seine Reise nach Paris unternehmen wollte.

»Warten Sie nur noch ein wenig länger hier in London,« sagte sie. »Wenn Iris in den nächsten Tagen nicht an mich schreibt, so hat sie einen Grund für ihr Schweigen, und in dem Falle werde ich, wie ich Ihnen schon gesagt, von Fanny Mere hören. Sobald ich einen Brief aus Paris bekomme, werde ich Sie aufsuchen.«

Am letzten Morgen in jener Woche wurde Mrs. Vimpany bei Hugh Mountjoy gemeldet. Der Brief, den sie brachte, kam von Fanny Mere. Auch in ihrem Schreiben zeigte sich der merkwürdige Charakter des Mädchens so sonderbar wie immer:

»Madame, ich habe Ihnen versprochen, Ihnen mitzuteilen, was hier vorgeht, wenn ich es für notwendig halten würde. Jetzt scheint es mir notwendig zu sein. Mr. Vimpany kam gestern zu uns. Er bewohnt das leere Schlafzimmer. Meine Herrin sagt nichts und schreibt nichts. Aus diesem Grunde schicke ich Ihnen den Brief.   Ihre ergebene Dienerin F.«

Mountjoy war ganz bestürzt und wusste nicht, was er über dieses Schreiben denken sollte, so klar es auch war.

»Es kommt mir sonderbar vor, dass Iris nicht selbst an Sie geschrieben hat. Sie hat doch seither kein Geheimnis aus ihrer Meinung über Mr. Vimpany gemacht.«

»Sie verheimlicht sie aber jetzt,« antwortete Mr. Vimpanys Frau ernst.

»Wissen Sie, warum?«

»Ich fürchte, ich weiß es. Iris wird vor keinem Opfer zurückschrecken, um Lord Harry gefällig zu sein. Sie wird ihm ihr Geld geben, wenn er es verlangt. Wenn er ihr sagt, sie solle ihre Meinung über meinen Gatten ändern, so wird sie ihm gehorchen. Er wird auch ihr Vertrauen zu mir erschüttern können, sobald es ihm nur gefällt. Und er hat es wahrscheinlich schon getan.«

»Dann ist es jetzt doch sicherlich Zeit, zu ihr zu gehen,« sagte Hugh.

»Gewiss, hohe Zeit,« gab Mrs. Vimpany zu, »wenn Sie nur Ihrer selbst sicher sind. Können Sie es im Interesse der armen jungen Frau fertig bringen, kühl und vorsichtig zu sein?«

»Im Interesse von Iris kann ich alles.«

»Noch ein Wort,« fuhr Mrs. Vimpany fort, »ehe Sie Ihre Reise antreten. Ob nun der Schein gegen oder für ihn ist, seien Sie immer auf der Hut vor meinem Gatten. Lassen Sie mich von sich hören, solange Sie weg sind, nnd vergessen Sie nicht,  dass zwischen Ihnen und Iris ein Hindernis steht, welches selbst Ihre Geduld und Ihre Ergebenheit auf eine harte Probe stellen wird.«

»Sie meinen Ihren Gatten?«

»Ja.«

Sie hatten jetzt nichts weiter miteinander zu besprechen. Hugh ging weg, um die Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Paris zu treffen.

Am Morgen nach seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt hatte Mountjoy zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen. Er konnte entweder an Iris schreiben und sie fragen, ob sie ihn empfangen wolle, oder er konnte gleich unerwartet in dem Hause in Passy erscheinen. Nachdenken überzeugte ihn, dass die beste Gelegenheit, ein Hindernis auf listige Weise zu beseitigen, die zweite Möglichkeit bieten würde; er musste Lord Harry und den Doktor überraschen.

Er fuhr daher nach Passy. Der lebhafte französische Geschmack hatte das Haus, in dem das junge Ehepaar wohnte, mit glänzenden Farben geschmückt; die schönen weißen Fenstervorhänge waren mit rosafarbigen Bändern zurückgebunden, die Jalousien strahlten in heiteren Farben, die Essen zeigten künstlerische Verzierungen, und der kleine Garten war ein Paradies von Blumen. Als Mountjoy an der Glocke geschellt hatte, wurde die Tür von Fanny Mere geöffnet. Sie blickte ihn mit ernstem Erstaunen an.

»Erwartet man Sie?« fragte sie.

»Kein Gedanke daran,« entgegnete Hugh. »Sind sie zu Hause?« »Sie haben soeben das Frühstück beendet, Sir.«

»Erinnern Sie sich noch meines Namens?«

»Ja, Sir.«

»Dann melden Sie mich an.«

Fanny öffnete die Türe eines Zimmers, welches im Parterre lag, und meldete Mr. Mountjoy.

Die beiden Herren saßen da und rauchten. Iris begoss einige Blumen am Fenster. Sie verlor sofort alle ihre Farbe, als sie Hugh eintreten sah. Angstvoll und von bangen Zweifeln erfüllt, schienen ihre Augen Lord Harry zu fragen, was er dazu sage. Der befand sich aber in der liebenswürdigsten Laune. Dem Drange des Augenblickes nachgebend, gab er ein mustergültiges Beispiel eines herzlichen Empfanges.

»Das nenn' ich wirklich eine angenehme Über-raschung!« sagte er, indem er Mountjoy die Hand schüttelte in seiner ungezwungenen, liebenswürdigen Weise. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie uns aufsuchen!«

Von ihrer Angst befreit - sie hatte augenscheinlich etwas ganz anderes erwartet - folgte Iris eifrig dem Beispiele ihres Gatten; ihr Gesicht gewann die Farbe wieder, und ihre Lippen umspielte ein reizendes Lächeln. Mr. Vimpany stand in einer Ecke; seine Zigarre war ausgegangen.  Seine eigene Frau würde ihn kaum wiedererkannt haben - er bot in der Tat ein Bild der Verwirrung dar. Lord Harry brach in ein fröhliches Lachen aus und rief:

»Sieh ihn Dir an, Iris! Der Doktor ist zum erstenmal in seinem Leben schüchtern.« Die gute Laune des Irländers war wirklich unwiderstehlich. Die junge Frau stimmte heiter in das Lachen ihres Gatten ein. Als Mr. Vimpany den freundlichen Empfang bemerkte, der Hugh zuteil wurde, sah er die Notwendigkeit ein, sich den Umständen anzupassen. Er kam daher aus seiner Ecke hervor und wandte sich an Hugh mit der Entschuldigung : »Ich bitte Sie, Mr. Mountjoy, mein sonderbares Benehmen von neulich zu entschuldigen, als ich Ihnen in London meinen Besuch machte. Geben Sie mir Ihre Hand!    Nicht wahr. Sie sind mir nicht böse?« Iris ahmte in unnatürlich gesteigertem Übermut die rauhe Sprache des Doktors, mit der er seine Lieblingsentschuldigung wiederholte, so täuschend nach, dass Lord Harry entzückt in die Hände klatschte.

»Nun, Mr. Mountjoy,« fragte der Lord, »Sie finden gewiss nicht, dass die Heirat Iris ihrer Heiterkeit beraubt hat. Darf ich die Hoffnung aussprechen, dass Sie an unserem Frühstück teilnehmen? Sie sehen, der Tisch ist schon gedeckt.«

»Und ich habe Unterricht genommen,« fügte Iris hinzu,  »wie man hier in Frankreich Eier kocht; Sie müssen mir schon das Vergnügen machen, zu bleiben, damit ich Ihnen zeigen kann, was ich bereits gelernt habe.«

»Ich bin Lady Harrys ärztlicher Ratgeber,« fiel der Doktor scherzend ein, »Sie werden ihre französischen Leckerbissen schon halb verdaut finden, ehe Sie nur den Mund öffnen, und das ist mein Verdienst, das Verdienst - Clarence Vimpanys, Mitglied des Kollegiums der Wundärzte.«

Hugh gedachte der Warnung Mrs. Vimpanys und verbarg sein Misstrauen gegen diesen übertriebenen Ausdruck gastfreundlicher Heiterkeit; er sagte einige entschuldigende Worte. Lord Harry erwiderte darauf in gleicher Weise. Er bedauerte es sehr, aber er sei gezwungen, einen Ausgang zu machen.

»Haben Sie schon die neue Zeitung gesehen, Mr. Mountjoy,« fragte er, »die Galignanis Messenger aus dem Felde schlagen soll? Sie heißt: ,The Continental Herald'. Vierzigtausend Exemplare der ersten Nummer sind gerade jetzt über ganz Europa verbreitet worden; wir haben unsere Agenten in jeder bedeutenden Stadt, in jedem Teile der Welt.«

Seine glänzenden Augen funkelten vor knabenhaftem Vergnügen, als er von seiner eigenen Wichtigkeit sprach. Mr. Mountjoy möge so liebenswürdig sein, ihn zu entschuldigen, er habe aber heute vormittag notwendig auf dem Bureau zu tun.

»Nehmen Sie Ihren Hut!« rief er dann dem Doktor zu. »Sie müssen nämlich wissen, unser Freund hier trägt in seiner Tasche etwas, was unsern Geldbeutel erleichtern soll. Sie werden mich schon verstehen, ich bin eben im Begriff, ihn in die Liste der Mitarbeiter unserer Zeitung einzuschreiben. Er hat, unter uns gesagt, eine Reihe von Artikeln verfasst, welche einerseits den Schwindel der Ärzte bloßstellen, andererseits in fein satirischer Weise den so sehr überfüllten ärztlichen Beruf in Schutz nehmen und verteidigen. Sie werden sich jetzt gewiss freuen, mit Iris über die Vergangenheit sprechen zu können, ist es nicht so? Mein Engel, zeige unserem guten Freund den Continental Herald und suche ihn zurückzuhalten, bis wir wieder kommen. Vorwärts, Doktor! Auf Wiedersehen, Mr. Mountjoy!«

Sie schüttelten sich wieder die Hände in herzlicher Weise; dem irischen Lord konnte man wirklich nicht widerstehen, wie bereits Mrs. Vimpany versichert hatte.

Die sonderbaren Erfahrungen, die dieser Morgen für Hugh mit sich brachte, sollten aber noch nicht zu Ende sein.

Achtunddreißigstes Kapitel.

Nachdem Mountjoy sich mit der Frau allein sah, deren Reize ihn immer noch fesselten, so grausam sie auch seine Liebe durch ihre Heirat getäuscht hatte, fand er, dass die gesprächige Liebenswürdigkeit des Gatten von der Gattin nachgeahmt wurde. Auch sie war eifrig bemüht, nachdem sich kaum die Tür hinter Lord Harry geschlossen, Hugh zu überzeugen, dass ihre Heirat das glücklichste Ereignis ihres Lebens gewesen sei.

»Werden Sie schlimm von mir denken,« begann sie, »wenn ich eingestehe, dass ich kaum erwartet habe, Sie wiederzusehen?«

»Gewiss nicht, Iris.«

»Bedenken Sie meine Lage,« fuhr sie fort. »Wenn ich daran dachte, wie Sie versucht haben, und zwar in guter Absicht versucht haben, meine Heirat zu verhindern - wie Sie mir die traurigsten Folgen voraussagten, die es haben müsste, wenn ich mein Leben mit dem Harrys verbände, - konnte ich dann noch zu hoffen wagen, dass Sie Hieher kommen würden, um sich selbst zu überzeugen? Lieber und guter Freund, ich habe nichts von den Folgen zu befürchten; Ihre Gegenwart konnte mir niemals willkommener sein, als sie es jetzt ist.«

War es nun dem Vorurteile auf Mountjoys Seite zuzuschreiben oder seiner scharfen und richtigen Beobachtung, - er entdeckte etwas Erkünsteltes und Unnatürliches in dem Ausdrucke ihrer Fröhlichkeit. Aus ihren Augen sprach nicht die ruhige, lichte Wahrheit, welche er in den vergangenen besseren Tagen darin gesehen hatte. Er war auch etwas, aber nur sehr wenig, beleidigt. Die Versuchung, sie daran zu erinnern, dass sein Misstrauen gegen Lord Harry einstens auch von ihr geteilt worden war, erwies sich stärker, als dass seine menschliche Schwachheit Widerstand hätte leisten können.

»Ihr Gedächtnis ist zwar im allgemeinen ausgezeichnet,« sagte er, »aber es scheint jetzt doch nicht mehr so gut zu sein wie früher.«

»Was habe ich denn vergessen?«

»Sie haben die Zeit vergessen, liebe Iris, wo Sie ebenso wie ich vor einer Heirat mit Lord Harry Furcht hegten.« Sie hatte die Antwort darauf sofort bereit.

»O, damals habe ich ihn noch nicht so gut gekannt, wie ich ihn jetzt keime.« Manche Männer würden, wenn sie sich in Mount-joys Lage befunden hätten, durch diese Worte veranlasst worden sein, ihr zu verstehen zu geben, dass ihres Gatten Charakter auch andere Seiten habe, die sie vermutlich noch nicht entdeckt. Aber Hughs liebenswürdige und vornehme Seele war nur einen Augenblick aus der Fassung gebracht, dann gewann er seine schöne Ruhe wieder. Ihr Freund war immer noch ihr wahrer Freund; er sagte nichts mehr über ihre Heirat.

»Alte Gewohnheiten sind nicht abzuschütteln und beiseite zu legen,« fuhr er fort, »ich bin so lange gewohnt gewesen, Ihnen zu raten und zu helfen, dass ich hoffte, Sie würden meine Dienste auch jetzt noch entgegen  nehmen.   Gibt  es denn gar kein Mittel, wodurch ich Sie von der verhassten Gegenwart Mr. Vimpanys befreien könnte?«

»Mein lieber Hugh, ich wollte, Sie hätten Mr. Vimpany nicht erwähnt!« Mountjoy erkannte aus diesen Worten, wie wenig angenehm ihr das angeschlagene Thema sei.

»Nach der Ansicht, welche Sie mir in Ihrem Brief über den Doktor mitgeteilt haben,« sagte er, »hätte ich eigentlich nicht von ihm sprechen sollen.«

Iris sah betrübt zu ihm empor.

»O, Sie sind vollständig im Irrtum, man hat den armen Doktor ganz falsch beurteilt und ich,« - sie schüttelte ihren Kopf und seufzte reumütig - »ich gehöre auch zn denjenigen, die ihm unwissentlich unrecht getan haben. Bitte, fragen Sie meinen Gatten, hören Sie, was er Ihnen sagen kann, und dann werden Sie gewiss auch Mitleid mit Mr. Vimpany haben. Die Zeitung stellt so große Anforderungen an unsere Kasse, dass wir nur wenig zu seiner Unterstützung tun können. Auf Ihre Empfehlung hin würde er sicherlich eine Anstellung oder Beschäftigung finden.«

»Er hat mich schon gebeten, ihm zu helfen, Iris, ich habe es ihm aber rundweg abgeschlagen. Ich kann überhaupt nicht mit Ihrer Meinungsänderung über Mr. Vimpany übereinstimmen.«

»Warum? Vielleicht etwa deswegen, weil er sich von seiner Frau getrennt hat?« »Das ist ein Grund neben verschiedenen anderen,« entgegnete Hugh.

»Sie haben unrecht, wirklich, Sie haben unrecht. Lord Harry kennt Mrs. Vimpany schon seit Jahren, und er sagt - es hat mir, offen gestanden, sehr leid getan, dies hören zu müssen - sie wäre der schuldige Teil.«

Hugh änderte wieder das Gesprächsthema. Die Ursache, die ihn hauptsächlich dazu gebracht hatte, England zu verlassen, war noch nicht berührt worden.

Er kam jetzt auf die Zeitung zu sprechen und auf die schweren pekuniären Opfer, welche das neue Journal schon im voraus gefordert. Er erinnerte Iris daran, dass ihre lange und vertraute Freundschaft ihm das Recht gebe, sich ihrer Sache anzunehmen.

»Ich würde es nicht gewagt haben, meine Meinung darüber auszusprechen,« fügte er hinzu, »wenn ich Sie nicht fragen wollte, ob Lord Harry wegen der Summe, die er zu der Spekulation beisteuern musste, Ihr kleines Vermögen anzugreifen hat.«

»Mein Gatte weigerte sich entschieden, mein Vermögen anzurühren,« antwortete Iris, »aber - wissen Sie, wie edel und ehrenhaft er sich benommen hat?« fuhr sie unvermittelt fort. »Er hat sein Leben versichert, er hat sich die Last aufgeladen, jedes Jahr eine bedeutende Summe Geldes zu zahlen. Und das alles für mich, wenn ich so unglücklich sein sollte - Gott möge mich davor bewahren! - ihn zu überleben.   Glauben Sie da, dass ich hätte so undankbar sein können, als ein großer Anteil an der neuen Gründung zu kaufen war, ihm die günstige Gelegenheit zu rauben, uns ein Vermögen zu erwerben, sobald erst später einmal die Zinsen bezahlt werden? Ich bestand darauf, ihm das Geld zu geben; wir haben uns fast deswegen gestritten, aber Sie wissen ja, wie lieb er ist. Ich sagte zu ihm: Mache mich nicht traurig und böse, und der liebste und beste der Männer ließ mich meinen Willen haben.«

Mountjoy hörte schweigend zu. Wenn er das, was er dachte, ausgesprochen hätte, so würde er Iris nur tödlich beleidigt haben. Alte Gewohnheit aber, wie er gesagt, hatte den Gedanken, sich einzig und allein ihren Interessen zu widmen, zu der alles beherrschenden Idee in seinem Innern gemacht. Er fragte sie, ob sie ihr ganzes Vermögen hingegeben. Als er hörte, dass noch ein Teil vorhanden war, beschloss er, den Versuch zu machen, den Rest ihres Vermögens ihr sicher zu stellen.

»Sagen Sie mir,« fragte er, »haben Sie schon einmal etwas von einer jährlichen Leibrente gehört?« Sie wusste nichts davon. Er setzte ihr genau und vollständig die Art und Weise auseinander, durch die eine geringe Geldsumme im stande sei, ein genügendes Einkommen fürs Leben zu gewähren. Sie machte keine Einwendungen, als er ihr vorschlug, an seinen Anwalt in London schreiben zu wollen, damit dieser die nötigen Schritte tue, ihr eine solche Leibrente zu besorgen. Als er sie jedoch bat, ihm die Summe zu nennen, über welche sie noch verfügen könne, da zögerte Iris und gab keine Antwort.

Jetzt kam Hugh endlich zu dem richtigen Schlüsse.

Es war nur zu ersichtlich, dass die Summe, welche ihr von dem Geld übrig geblieben war, einen so unbedeutenden Betrag ausmachte, dass sie sich schämte, sie zu nennen. Jetzt war auch kein Zweifel mehr vorhanden, dass es nötig sei, ihr zu helfen, und was den Weg anbetraf, auf dem das geschehen sollte, so boten sich Mountjoy weiter keine Schwierigkeiten dar, ausgenommen das einzige Hindernis, welches ihm die junge Frau selbst entgegensetzen konnte. Die Erfahrung hatte ihn jedoch gelehrt, dass er nur sehr vorsichtig und indirekt zu einem Ziel, wie das beabsichtigte, gelangen konnte.

»Sie kennen mich gut genug,« sagte er, »um überzeugt zu sein, dass ich vollständig unfähig bin, irgend etwas zu sagen, was Sie in Verlegenheit setzen oder was nur einen Augenblick ein Missverständnis zwischen uns, die wir so zwei alte Freunde sind, hervorrufen könnte. Wollen Sie mich nicht ansehen, Iris, wenn ich mit Ihnen sprechen möchte?«

Sie blickte immer noch von ihm weg.

»Ich fürchte mich vor dem, was Sie mir sagen wollen,« antwortete sie kühl.

»Dann lassen  Sie   es  mich  sofort  sagen.   In einem Ihrer Briefe, den Sie mir vor langer Zeit geschrieben haben - ich setze nicht voraus, dass Sie sich darauf noch besinnen - haben Sie mir gesagt, dass ich ein eigensinniger Mensch sei, wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hätte. Sie hatten vollkommen recht. Ich habe mir nun jetzt in den Kopf gesetzt, liebe Iris, dass Sie auch diesmal, so wie es immer bisher gewesen ist, bereit sein werden, meinen Rat anzunehmen, und dass Sie mir als einem Geschäftsmann die Erlaubnis geben werden, eine jährliche Leibrente für Sie zu kaufen.«

Sie unterbrach ihn heftig.

»Nein,« schrie sie in leidenschaftlicher Erregung, »ich will kein Wort mehr hören! Glauben Sie denn, dass ich unempfindlich bin für Ihre langjährige uneigennützige Liebe und Güte, die ich niemals verdient habe? Glauben Sie denn, ich könnte vergessen, wie edelmütig Sie mir all das grausame Unrecht verziehen haben, wodurch ich Ihr Leben verbittert habe? Ist es möglich, dass Sie noch erwarten, ich könnte mir von Ihnen Geld borgen?« Sie blickte voll wilder Verzweiflung auf ihre Füße nieder. »Ich erkläre, und Gott sei mein Zeuge, dass ich lieber sterben würde, als dass ich dieses mich erniedrigende und für mich schmähliche Anerbieten Ihrer Güte annehme. Es hat noch keine Frau gelebt, die so viel einem Manne schuldig gewesen wäre wie ich Ihnen - nur kein Geld.   Lieber Hugh, kein Geld, kein Geld!«

Er war zu tief erschüttert, als dass er im stande gewesen wäre, zu ihr zu sprechen, und sie bemerkte es. »Wie schlecht bin ich!« sagte sie vor sich hin; »ich habe ihm weh getan.«

Er hörte diese Worte. Aus reinem Mitgefühl mit ihr - an sich dachte er gar nicht - suchte er sie zu beruhigen. Aber in dem aufgeregten Zustande, in dem sie sich die Selbstvorwürfe machte, war sie nicht geneigt, ihn anzuhören. Sie schritt im Zimmer auf und nieder von dem einen Ende bis zu dem andern und steigerte noch mehr die heftige Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte. Bald tadelte sie sich mit Worten, welche die Schranken durchbrachen, die die gute Lebensart einer Dame setzt, bald aber vergaß sie sich noch in viel traurigerer Weise und brach mit echt weiblicher Sorglosigkeit in unnatürliche Heiterkeit aus.

»Wenn Sie glücklich verheiratet sein wollen,« rief sie, »so seien Sie niemals gegen eine andere Frau so gut, wie Sie es gegen mich gewesen sind! Keine von uns ist es wert. Lachen Sie über uns, Hugh, tun Sie alles, aber glauben Sie uns nur nicht. Wir lügen alle, mein Freund, und ich - ich habe auch gelogen - schamlos gelogen.«

Er versuchte immer wieder, sie zu einer ruhigen Erörterung ihrer Lage zu bewegen.

»Scherzen Sie doch nicht in dieser Weise!« sagte er traurig.

Sie lachte über ihn.

»Scherzen?« wiederholte sie; »was ich sage, ist keine Redensart, es ist ein Bekenntnis.« »Ich wünsche aber ein solches Bekenntnis nicht zu hören.«

»Sie müssen es hören. Sie haben es selbst aus mir herausgelockt. Kommen Sie, wir wollen uns verständigen! Nehmen Sie das Gegenteil von jedem Worte an, das ich soeben über diesen elenden und schlechten Menschen, den Doktor, gesagt habe, und Sie werden das Richtige treffen. Nicht wahr, was ist das für eine furchtbare Inkonsequenz? Ich kann mir aber nicht helfen, ich bin ein unglückliches, unvernünftiges Geschöpf. Ich weiß nicht mehr, was ich will, und das alles meines Gatten wegen. Ich liebe ihn zu sehr. Harry ist so vollständig unschuldig, er ist wie ein guter Junge, er schien gar nicht mehr an Mr. Vimpany zu denken, bis es zwischen ihnen ausgemacht wurde, dass der Doktor hieher kommen und hier bleiben solle, und dann überredete er mich, ich weiß nicht wie, dass ich seinen Freund in einem ganz andern Lichte sah; ich glaubte ihm, und ich glaube ihm noch jetzt, das heißt, ich würde ihm noch jetzt glauben, wenn Sie nicht wären. Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, o, dann sehen Sie mich nicht so mit diesen Augen an, welche nicht lügen können, dann sprechen Sie nicht zu mir mit dieser Stimme, welche mich so bewegt!  O, Gott im Himmel, glauben Sie denn wirklich, ich würde es dahin kommen lassen, dass Sie meinen Mann für einen schlechten Menschen hielten? Niemals! Wenn es auch mein Blut kochen macht, dass ich mit Mr. Vimpany an demselben Tische sitzen und essen muss, so bin ich doch nicht grausam genug, um den lieben Doktor zu tadeln. Meine Leichtfertigkeit, die ist zu tadeln. Wir werden noch in Streit geraten, wenn Sie mir sagen, dass Harry einen Schuft zum Freunde hat. Ich bin glücklich, ich bin glücklich, ich bin glücklich! Verstehen Sie das? O Hugh, ich wünschte, Sie wären niemals hieher gekommen!«

Sie brach in ein leidenschaftliches Weinen aus, ihre Standhaftigkeit sank endlich zusammen unter der Last, die auf ihr ruhte. »Lassen Sie mich gehen, damit ich mich verberge!«

Das war alles, was Iris zu ihrem alten Freunde sagen konnte, bevor sie aus dem Zimmer eilte und ihn allein ließ.

Neununddreißigstes Kapitel

Mountjoy blieb zurück in peinigendem Grübeln darüber, wie er wohl den unheilvollen Einflüssen entgegenwirken könnte, unter denen Iris' von Natur so ehrliche Seele in so tief betrübender Weise litt. Hielt doch die Anwesenheit des Doktors die arme Frau in einem fortwährenden Kampfe zwischen ihrem eigenen natürlichen Gefühl, das sie ihm misstrauen hieß, und zwischen den gebieterischen Versicherungen ihres Gatten, der ihn ihrem Vertrauen empfahl. Kein größerer Dienst hätte darnach Iris erwiesen werden können, als wenn es gelang, diesen Menschen zu entfernen, aber wie konnte das geschehen, ohne dass ihr Gatte beleidigt werde? Mountjoys Geist war noch beschäftigt, auf Mittel und Wege zur Überwindung dieses Hindernisses zu sinnen, als er hörte, dass die Türe geöffnet wurde. Hatte Iris sich wieder gefasst? Oder waren Lord Harry und sein Freund zurückgekommen?

Die Person, welche das Zimmer betrat, war das wunderliche Kammermädchen der Frau Iris, Fanny Mere.

»Kann ich Sie auf ein paar Worte sprechen, Sir?«

»Gewiss, was gibt es?«

»Bitte, sagen Sie mir Ihre Adresse!«

»Für Ihre Herrin?«

»Ja.«

»Will sie mir schreiben?«

»Ja.«

Hugh gab dem sonderbaren Mädchen die Adresse seines Hotels in London. Für einen Augenblick ruhten ihre Augen mit einem prüfenden Ausdruck auf ihm. Dann öffnete sie die Tür, um hinauszugehen, zögerte, überlegte einen Augenblick und kam wieder zurück.

»Ich möchte meinerseits noch einige Worte mit Ihnen sprechen. Wollen Sie hören, was ein Dienstbote zu sagen hat?«

Mountjoy erwiderte, dass er bereit sei, sie anzuhören. Sie trat dicht vor ihn hin und sagte:

»Ich glaube, Sie lieben meine Herrin.«

Ein gewöhnlicher Mann würde die familiäre Art und Weise, in der sie sich ausdrückte, übel aufgenommen haben. Mountjoy jedoch wartete ruhig ab, was noch kommen werde. Fanny Mere nahm auch wirklich rasch von neuem das Wort und zeigte in ihrem ganzen Benehmen eine Erregnng, die bisher nie an ihr wahrzunehmen gewesen.

Meine Herrin nahm mich in ihre Dienste; sie vertraute mir, als andere Damen mir die Tür gewiesen hatten. Als sie mich zu sich kommen ließ, war ich ein unglückliches, verlorenes Mädchen. Ich hatte niemand, der Teilnahme für mich fühlte, niemand, der mir helfen wollte. Sie ist die einzige Freundin, die mir mitleidig die Hand bot. Ich hasse die Männer und frage nichts nach den Frauen, ausgenommen nach einer. Da ich eine Dienerin bin, so darf ich nicht sagen, dass ich die eine liebe; wenn ich eine Dame wäre, so würde ich es wahrscheinlich nicht sagen. Liebe ist so gemein, ist so lächerlich! Sagen Sie mir das eine, ist der Doktor Ihr Freund?«

»Der Doktor ist nicht mein Freund.«

»Ist er vielleicht Ihr Feind?«

»Ich kann das kaum sagen.«

Sie sah Hugh missvergnügt an.

»Ich wünschte, es wäre so«, sagte sie. »Warum verstehen wir uns nicht? Werden Sie über mich lachen, wenn ich Sie das erste beste, das mir in den. Kopf kommt, frage? Sind Sie ein guter Schwimmer?«

Eine seltsame Frage selbst im Munde einer Fanny Mere, aber sie war in ernstem Tone ausgesprochen und Mountjoy beantwortete sie ernst. Er sagte, dass er immer für einen guten Schwimmer gegolten habe.

»Vielleicht«, fuhr sie fort, »haben Sie schon einmal einem Menschen das Leben gerettet?«

»Ich bin zweimal so glücklich gewesen, jemand das Leben zu retten«, antwortete er.

»Wenn Sie nun sehen würden, dass der Doktor nahe am Ertrinken wäre, würden Sie ihn dann retten? Ich würde es gewiss nicht tun!«

»Hassen Sie ihn denn so bitter?« fragte Hugh.

Sie ließ diese Frage vollständig unbeachtet.

»Ich wünschte, Sie würden mir helfen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Angenommen, Sie könnten meine Herrin von diesem Menschen befreien, dadurch, dass Sie ihm einen Fußtritt geben, würden Sie es tun?«

»Ja, mit Vergnügen.«

»Ich danke Ihnen, Sir! Jetzt habe ich meine Absicht erreicht. Mr. Mountjoy, der Doktor ist der Fluch in dem Leben meiner Herrin; ich kann es nicht ertragen, das länger ruhig mit anzusehen. Wenn wir nicht auf irgendeine Weise von ihm befreit werden, so werde ich noch etwas Schlimmes anstellen. Wenn ich bei Tische bediene und sehe, wie er sein Messer gebraucht, dann möchte ich es ihm gleich aus der Hand reißen und ins Herz bohren. Ich hoffte, mein Herr würde ihn aus dem Hause werfen, als sie sich stritten, aber mein Herr ist selbst zu schlecht dazu, um das zu tun. Um Gottes willen, helfen Sie meiner Herrin, Sir, oder zeigen Sie mir wenigstens den Weg, wie ich es tun kann!«

Mountjoy begann jetzt aufmerksamer zu werden.

»Woher wissen Sie denn«, fragte er, »dass Lord Harry und Mr. Vimpany sich gestritten haben?«

Ohne das geringste Zeichen von Verlegenheit zu verraten, erzählte ihm Fanny Mere, dass sie an der Türe gehorcht habe, während ihr Herr und sein Freund über ihre Geheimnisse verhandelten. Sie hatte auch die Gelegenheit wahrgenommen, durch das Schlüsselloch zu sehen.

»Ich glaube, Sir«, sagte das merkwürdige Mädchen, »Sie würden so etwas nie getan haben.«

»Gewiss nicht.«

»Würden Sie es auch nicht tun, wenn es meiner Herrin nützen könnte?«

»Nein.«

»Und doch lieben Sie sie? Sie sind ein bemitleidenswerter, ja, soweit ich es verstehe, der einzige bemitleidenswerte unter allen Männern. Vielleicht, wenn Sie in Angst um Mylady geraten, dann werden Sie geneigter sein, zu helfen; ich bin neugierig, ob ich Ihnen Angst machen kann. Erlauben Sie, dass ich es versuche?«

Die aufrichtige Anhänglichkeit des Mädchens an Iris sprach bei Hugh für sie.

»Wenn Sie wollen, so versuchen Sie es«, sagte er freundlich.

Indem sie so ernst wie immer sprach, berichtete Fanny, was sie durch das Schlüsselloch gesehen und gehört hatte. Was sie gesehen hatte, ist nicht der Erzählung wert; was sie gehört hatte, erwies sich als wichtiger.

Das Gespräch zwischen dem Lord und dem Doktor drehte sich ums Geld; sie tauschten gegenseitig Bemerkungen aus, wie sie solches auftreiben könnten. Lord Harrys Plan war, das Nötige auf seine Lebensversicherung aufzunehmen. Der Doktor sagte, das sei unmöglich, die Lebensversicherung müsse erst drei oder vier Jahre gelaufen sein, ehe sich so etwas tun lasse.

»Ich will Ihnen etwas Besseres und Sichereres vorschlagen«, sagte Mr. Vimpany. Es musste auch wieder etwas Schlechtes gewesen sein, denn er flüsterte es dem Lord ins Ohr.

Lord Harry war jedoch damit nicht einverstanden.

»Wie könnte ich meiner Frau je wieder unter die Augen treten«, sagte er, »wenn sie es entdeckte.«

Der Doktor entgegnete:

»Ach, haben Sie doch keine Angst vor Ihrer Frau! Lady Harry wird sich noch an viele Dinge gewöhnen müssen, an die sie wenig dachte, bevor sie Sie heiratete.«

Lord Harry erwiderte:

»Ich habe mein möglichstes getan, Mr. Vimpany, um meiner Frau eine bessere Meinung von Ihnen beizubringen; wenn Sie aber noch mehr Derartiges sprechen, dann werde ich mich zur Ansicht meiner Frau bekehren. Lassen Sie das jetzt.«

»Mir ist es recht«, antwortete der Doktor darauf »ich will es lassen und warten bis an den Tag, an welchem Sie Ihre letzte Banknote angreifen.«

Damit hatte das Gespräch an diesem Tage seinen Abschluss gefunden, und Fanny wollte nun wissen, was Mr. Mountjoy davon denke.

»Ich denke, dass Sie mir einen Dienst erwiesen haben, Fanny!« antwortete Hugh.

»Sagen Sie mir, wie, Sir.«

»Ich kann Ihnen nur das eine sagen, Fanny: Sie haben mir den Weg gezeigt, auf welchem es mir gelingen wird, Ihre Herrin von dem Doktor zu befreien.«

Zum ersten Male verlor Fanny ihre unerschütterliche Ruhe vollständig. Das unterdrückte Feuer in ihr flammte auf. Dem augenblicklichen Drang ihrer Gefühle nachgebend, küsste sie Mountjoys Hand, aber in demselben Augenblicke, da ihre Lippen die Hand berührten, fuhr sie, heftig erschrocken, zurück. Die natürliche Blässe ihres Gesichtes trat noch schärfer hervor als sonst. Bestürzt über diese plötzliche Veränderung fragte Hugh sie, ob sie unwohl sei.

Sie schüttelte den Kopf.

»Das ist es nicht, Ihre Hand ist die erste Hand eines Mannes, die ich geküsst habe, seitdem« - sie stockte. »Bitte, fragen Sie mich nicht darnach! Ich wollte Ihnen nur danken, Sir, und ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Ich darf aber jetzt nicht länger hier bleiben.«

Als sie das sagte, ließ sich das Geräusch eines Schlüssels vernehmen, der das Schloss der Haustür öffnete.

Lord Harry war zurückgekehrt.

Vierzigstes Kapitel

Von seinem ärztlichen Freunde begleitet, trat der irische Lord, verdrießlich gestimmt, in das Zimmer. Er sah nach Fanny hin und fragte nach ihrer Herrin.

»Mylady ist auf ihrem Zimmer.«

Als Lord Harry dies hörte, drehte er sich rasch nach Mountjoy um. Im Begriff zu sprechen, besann er sich jedoch eines Bessern und begab sich in das Zimmer seiner Frau. Fanny folgte ihm.

»Jetzt schaffen Sie den Doktor fort«, flüsterte sie Hugh zu, indem sie einen Blick auf Mr. Vimpany warf. Derselbe befand sich in keineswegs zugänglicher Stimmung; er stand am Fenster, seine Hände in den leeren Taschen, und blickte missmutig hinaus; Hugh war aber nicht geneigt, die günstige Gelegenheit vorübergehen zu lassen; er fragte daher:

»Sie scheinen heute nicht in der gleichen guten Laune zu sein wie gewöhnlich?«

Der Doktor entgegnete mürrisch, Mr. Mountjoy würde wahrscheinlich auch nicht besonders vergnügt und fröhlich sein, wenn er sich in seiner Lage befände. Lord Harry habe ihn mit in das Zeitungsbureau genommen, nachdem er ihm vorher deutlich zu verstehen gegeben, dass ein kleines Taschengeld zu verdienen wäre, wenn er Mitarbeiter an der Zeitung würde. Und wie hatte die Sache geendet? Der Herausgeber hatte erklärt, dass die Liste der Mitarbeiter vollständig sei, und achselzuckend hinzugefügt, Mr. Vimpany müsse warten, bis eine Stelle wieder frei würde. Ein höchst unverschämtes Ansinnen! Hatte darauf Lord Harry - er solle nur bedenken, einer der Besitzer der Zeitung - seine Autorität geltend gemacht? Nicht im mindesten. Seine Lordschaft hatte den Doktor fallen lassen, wie man eine heiße Kartoffel fallen lässt; er hatte sich in erbärmlicher Weise dem Ausspruche seines Untergebenen gefügt. Was dächte nun Mr. Mountjoy von einem solchen Benehmen?

Hugh antwortete ausweichend, indem er dem Doktor in höflichster und liebenswürdigster Weise seine Dienste anbot.

»Kann ich Ihnen nicht aus Ihrer Verlegenheit helfen?« fragte er.

»Sie?« rief der Doktor. »Haben Sie denn ganz vergessen, wie Sie mich empfingen, Sir, damals, als ich Sie in Ihrem Hotel in London um ein kleines Darlehen bat?«

Hugh gab zu, dass er damals vielleicht allzu heftig gesprochen habe.

»Sie überraschten mich«, sagte er, »und - vielleicht irre ich mich auch - es kam mir so vor, als wären Sie - um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen - auch nicht gerade besonders höflich gewesen. Als Sie mich verließen, glaubte ich etwas wie drohende Worte zu vernehmen, und kein Mensch hat es gern, in solcher Weise behandelt zu werden.«

»Wenn Sie darauf kommen«, erklärte der Doktor kühn, »so muss ich Ihnen gestehen, dass ich ganz ähnlich empfand. Es ist mir jetzt völlig klar, dass damals zwischen uns ein kleines Missverständnis obgewaltet hat. Ich war auch aufrichtig betrübt über das, was ich gesagt, sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Während ich langsam die Treppe hinunter ging, dachte ich daran, wieder umzukehren und Sie freundlichst um Entschuldigung zu bitten. Wenn ich das nun getan hätte?« fragte Mr. Vimpany, im stillen sehr neugierig, ob Mountjoy wohl so dumm sein würde, ihm zu glauben.

Hugh aber benützte die Gelegenheit, um der Verfolgung seines Planes näher zu rücken.

»Wenn Sie zurückgekommen wären, so würden Sie mich freundlicher gegen Sie gefunden haben«, antwortete er, »als Sie erwarten konnten.«

Diese ermutigende Antwort hatte ihn einige Anstrengung gekostet. Obgleich er sich bewusst war, nur im freundschaftlichen Interesse für Iris zu handeln, sank er doch durch eben diese Handlungsweise um eine Stufe in seiner Selbstachtung herab.

Unter anderen Umständen würde das Zögern, mit dem seine Antwort erfolgte, so unmerklich es auch war, vielleicht Verdacht erregt haben. Wie die Dinge aber hier lagen, konnte Mr. Vimpany nur goldene Aussichten entdecken, die seine Augen blendeten.

»Ich bin doch begierig«, sagte er, »ob Sie wirklich beabsichtigen, sich gegen mich jetzt freundlich zu erweisen?«

Es war unnötig, irgendwelche schonende Rücksicht auf die Gefühle eines Mannes wie Mr. Vimpany zu nehmen.

»Angenommen nun, Sie hätten das Geld, welches Sie brauchen, in Ihrer Tasche«, fragte Hugh, »was würden Sie dann damit beginnen?«

»Ich würde, ohne mich nur einen Augenblick zu besinnen, spornstreichs nach London zurückkehren und die erste Nummer meines Werkes, von dem ich Ihnen erzählt habe, herausgeben.«

»Und Ihren Freund, Lord Harry, hier im Stiche lassen?«

»Was nützt mich ein Freund, der beinahe ebenso arm ist wie ich; er lässt mich erst kommen, damit ich ihm einen guten Rat geben soll, und da ich ihm einen Weg zeige, auf welchem er die leeren Taschen von uns beiden füllen kann, will er nichts davon wissen. Zu welcher Sorte rechnen Sie einen solchen Freund?«

Gib ihm Gold und schaffe ihn fort! Das war der Rat, den der geheime Berater in seiner Brust Mountjoy zuflüsterte.

»Haben Sie den Kostenüberschlag des Verlegers bei sich?« fragte er.

Der Doktor zog sogleich das Dokument aus der Tasche.

Für einen reichen Mann war die erforderliche Summe allerdings sehr unbedeutend. Mountjoy setzte sich an den Schreibtisch. Als er die Feder ergriff, schienen die hervorstehenden Augen Mr. Vimpanys aus seinem Kopfe springen zu wollen.

»Wenn ich Ihnen das Geld leihe -« begann Hugh.

»Wirklich, Sie wollen das?« rief der Doktor.

»Ich will es tun unter der Bedingung, dass niemand außer uns beiden von dem Darlehen erfährt.«

»O Sir, auf mein heiliges Ehrenwort!«

Eine Anweisung an Mountjoys Bankier auf die nötige Summe und dazu noch ein kleiner Beitrag zu den Reisekosten stimmten Mr. Vimpany zu den feierlichsten Beteurungen. »Mein Freund, mein Wohltäter«, begann er, wurde aber sofort von Hugh unterbrochen. Mr. Vimpanys Freund und Wohltäter zeigte auf die Uhr und sagte:

»Wenn Sie das Geld noch heute haben wollen, dann ist es gerade noch Zeit, nach Paris zu kommen, bevor die Bank geschlossen wird.«

Mr. Vimpany brauchte das Geld sehr nötig, er brauchte immer Geld. Seine Dankbarkeit brach zum drittenmal in laute Worte aus:

»Gott segne Sie!« sagte er salbungsvoll.

Derjenige, dem dieser überschwengliche Dank galt, wies durch das Fenster in der Richtung der Bahnstation. Mr. Vimpany hielt sich nun nicht länger damit auf, seine Gefühle auszudrücken, sondern eilte fort, um noch glücklich den Zug zu erreichen.

Er hatte die Zimmertür offen stehen lassen. Eine Stimme fragte von außen:

»Ist er fort?«

»Kommen Sie herein, Fanny«, antwortete Mountjoy, »er wird entweder heute abend noch oder spätestens morgen früh nach London zurückkehren.«

Das eigentümliche Mädchen steckte ihren Kopf durch die Türe herein.

»Ich werde auf der Bahnstation sein«, sagte sie, »um mich mit eigenen Augen von seiner Abreise zu überzeugen.«

Ihr Kopf verschwand plötzlich, bevor es Mountjoy möglich war, ihr etwas zu erwidern. Befand sich noch eine andere Person draußen? Die andere Person trat in das Zimmer, es war Lord Harry. Er sagte ohne sein gewöhnliches Lächeln:

»Ich möchte mit Ihnen einige Worte sprechen, Mr. Mountjoy!«

»Worüber, Mylord?«

Diese direkte Frage schien den Irländer in Verlegenheit zu setzen, er zögerte.

»Über Sie«, sagte er. Dann hielt er inne und schien wieder zu überlegen. »Und über eine andere Person«, setzte er geheimnisvoll hinzu.

Hugh waren alle Unklarheiten grundsätzlich verhasst. Er fühlte daher auch jetzt den Drang, eine bestimmtere Antwort zu fordern.

»Steht diese andere Person mit mir in irgendeiner Verbindung, Mylord?« fragte er.

»Ja, das tut sie.«

»Wer ist diese Person?«

»Meine Frau.«

Einundvierzigstes Kapitel

Der höfliche Irländer verbeugte sich und wies mit der Hand auf einen Stuhl. Der wohlerzogene Engländer erwiderte die höfliche Verbeugung und setzte sich nieder. Lord Harry hob an:

»Sie werden mich hoffentlich entschuldigen, wenn ich im Zimmer auf und ab gehe; die Bewegung kommt mir zu statten, wenn ich in Verlegenheit bin, etwas in entsprechender Weise auszudrücken. Zuweilen irre ich um die Sache rund herum, bevor es mir möglich ist, sie zu erreichen, und ich fürchte, eben jetzt geht es mir so. - Beabsichtigen Sie, sich länger in Paris aufzuhalten?«

»Das hängt ganz von den Umständen ab«, antwortete Mountjoy.

»Sie sind zweifellos schon früher mehrere Male in Paris gewesen«, fuhr Lord Harry fort. »Finden Sie es jetzt im ganzen nicht still und langweilig?«

Hugh, der gar nicht wusste, was das eigentlich heißen sollte, entgegnete, dass er Paris niemals langweilig finde, und wartete immer ungeduldiger auf eine nähere Erklärung.

»Die meisten Leute sind der Ansicht«, entgegnete Lord Harry, »dass Paris nicht mehr so heiter ist, wie es früher war; es gibt jetzt keine so guten Theater, keine so guten Schauspieler mehr wie früher. Die Restaurants sind schlechter, und die Gesellschaft ist sehr gemischt. Die Fremden halten sich hier nicht mehr so lange auf, wie es früher der Fall war. Man hat mir sogar erzählt, dass Amerikaner sehr enttäuscht gewesen und zur Abwechslung nach London gegangen seien.«

Konnte er irgendeinen ernsthaften Zweck mit diesen unnötigen Redereien verfolgen - oder ging er jetzt, wie er selbst vorhin erzählt hatte, nur um den Hauptgegenstand, um seine Frau und seinen Gast herum, um erst später wirklich darauf zu sprechen zu kommen? Von Anfang an hatte Hugh vermutet, dass Eifersucht im Spiel sei; aber er verstand doch nicht - was vielleicht nur natürlich in seiner Lage war - die Rücksicht auf Iris und die Furcht, sie zu beleidigen, durch welche ihr eifersüchtiger Gatte jetzt noch zurückgehalten wurde. Lord Harry machte in der Tat den Versuch, - allerdings in sehr ungeschickter Weise - die Beziehungen zwischen seiner Frau und ihrem Freund abzubrechen, und wählte dazu Mittel, welche seine wahre Gemütsstimmung vor den beiden verbergen sollten. Da Hugh den Grund der Zurückhaltung des Lords nicht verstand, so hatte er den Eindruck, als ob man mit ihm spiele; er bezwang sich aber und verhielt sich daher ruhig.

»Sie scheinen meine Unterhaltung nicht besonders interessant zu finden«, bemerkte Lord Harry.

»Ich kann den Zusammenhang nicht herausfinden«, entgegnete Mountjoy, »der zwischen dem von Ihnen bis jetzt Gesagten und dem Gegenstand besteht, über welchen Sie mit mir zu sprechen beabsichtigten. Bitte, entschuldigen Sie, wenn es den Anschein hat, als ob ich Sie zur Eile antreiben wollte, falls Sie irgendeinen Grund haben, zu zögern.«

»Sie lesen in mir wie in einem Buch!« rief Lord Harry aus. »Es ist wirklich Verlegenheit, die mich jetzt zögern lässt. Ich bin ein sehr veränderlicher Mensch. Wenn ich irgendetwas ungern ausspreche, so kann ich es zuweilen nicht schnell genug tun, und zuweilen schiebe ich es immer und immer wieder hinaus. - Darf ich Ihnen nicht irgendeine Erfrischung anbieten?« fragte er, wieder ganz unvermittelt von dem Gegenstand des Gesprächs abspringend.

Hugh lehnte dankend ab.

»Nicht einmal ein Glas Wein? Solchen feinen Burgunder werden Sie selten zu trinken bekommen.«

Jetzt wurde endlich doch Hughs britische Hartköpfigkeit rege; er wiederholte seine Ablehnung kurz und bündig. Lord Harry sah ihn ernst an und kam nun endlich dem offenen Bekenntnis seiner Gefühle näher, als es bis jetzt geschehen war.

»Lassen Sie uns von meiner Frau sprechen. Als ich heute morgen mit Vimpany wegging, - er ist diesmal kein so guter Gesellschafter, wie er es sonst zu sein pflegt; der Arme ist durch Unglück verbittert, ich wünschte, er kehrte nach London zurück. Also, was ich gesagt habe - das heißt, was ich sagen wollte: Ich ließ Sie heute morgen in Lady Harrys Gesellschaft zurück. Zwei alte Freunde, dachte ich mir, werden froh darüber sein, dass sie sich über vergangene Zeiten unterhalten können. Als ich wieder nach Hause zurückkomme, finde ich Sie allein, und mir wird gesagt, Lady Harry sei in ihrem Zimmer. Und was sehe ich, als ich dorthin komme? - Ich sehe die schönsten zwei Augen von der Welt, und die Geschichte, die sie mir erzählen, lautet: ,Wir haben geweint.' Als ich dann frage, was denn geschehen sei - ,nichts, mein Liebling!' ist die ganze Antwort, die ich bekomme. Welcher Gedanke musste mir da sofort aufsteigen? - Es hat ein Streit stattgefunden zwischen Ihnen und meiner Frau?«

»Ich kann es durchaus nicht in diesem Licht sehen, Lord Harry.«

»Weil Sie kein Irländer sind. Sie als Engländer werden uns begreifen. Aber lassen wir das. Eines nur, Mr. Mountjoy, möchte ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen sogleich zu sagen: ich würde es Ihnen Dank wissen, wenn Sie nächstens einmal einen Streit mit mir anfangen wollten.«

»Sie zwingen mich, Ihnen zu sagen, Mylord, dass Sie in einer vollständigen Täuschung befangen sind, wenn Sie annehmen, dass irgendein Streit oder auch nur der Gedanke eines Streites zwischen Lady Harry und mir entstanden ist.«

»Versichern Sie mir das auf Ihr Ehrenwort als Gentleman?«

»Ganz gewiss.«

»Sir, ich bedaure tief, dieses zu hören.«

»Was bedauern Sie tief, Mylord? Dass ich Ihnen mein Ehrenwort gegeben habe, oder dass ich mich nicht mit Lady Harry gestritten habe?«

»Beides, Sir. Bei dem Flötenspieler, der einst vor Moses spielte, beides!«

Hugh stand auf und ergriff seinen Hut.

»Wir werden bessere Gelegenheit haben, uns zu verstehen«, bemerkte er, »wenn Sie die Güte haben wollen, mir zu schreiben.«

»Legen Sie Ihren Hut noch einmal hin, Mr. Mountjoy, und haben Sie, bitte, noch einen Augenblick Geduld. Ich habe versucht, mich mit Ihnen zu befreunden, aber ich muss Ihnen offen gestehen, dass es mir nicht gelungen ist, irgendeinen Berührungspunkt zwischen uns ausfindig zu machen. Vielleicht beleidigt Sie dieses freie Geständnis?«

»Weit davon entfernt; Sie gehen nun doch schließlich geradenwegs auf den Gegenstand los, wenn ich es wagen darf, das auszusprechen.«

Die gute Haltung des irischen Lords war jetzt vollständig verschwunden. Sein hübsches Gesicht hatte sich verhärtet, und seine Stimme war rauh geworden. Seine Eifersucht, die bis dahin ehrenwerte Gefühle zurückgehalten hatten, brach jetzt ungehindert hervor. Seine Sprache verriet, wie schon bei früheren Gelegenheiten, den Umgang mit schlechter Gesellschaft, der eine der traurigen Folgen seines abenteuerlichen Lebens gewesen war.

»Es mag sein, dass ich gerader vorgehe, als es Ihnen angenehm ist«, erwiderte er. »Ich befinde mich Ihnen gegenüber in einer geteilten Stimmung. Mein gesunder Verstand sagt mir, dass Sie der Freund meiner Frau sind, und die besten Freunde streiten sich bisweilen. Gut, Sir. Sie leugnen dies Ihrerseits; ich sehe mich jedoch in die Notwendigkeit versetzt, meinem andern Gefühl zu folgen - und dieses, kann ich Ihnen sagen, ist durchaus kein angenehmes. Sie dürfen der Freund meiner Frau sein, mein Verehrtester, aber Sie sind mehr als das. Sie haben sie immer geliebt und lieben sie auch jetzt noch. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, aber wiederholen Sie ihn nicht. Nun, verstehen wir uns endlich?«

»Ich empfinde eine viel zu aufrichtige Hochachtung für Lady Harry, um Ihnen zu antworten«, entgegnete Mountjoy. »Zu gleicher Zeit lassen Sie mich auch bekennen, Mylord, dass ich Ihnen sehr verpflichtet bin. Sie haben mich daran erinnert, dass ich eine große Dummheit beging, als ich ohne Einladung Sie besuchte. Ich stimme mit Ihnen darin vollständig überein, je eher ich meinen Fehler wieder gut mache, um so besser ist es.«

Nach diesen Worten verließ Mountjoy das Zimmer und das Haus.

Auf dem Rückweg in sein Hotel erwog er in düsterem Sinnen den Stand der Dinge.

Seine eigene Handlungsweise, die freilich nach den Worten, die er hören musste, unerlässlich war, hatte ihm die Türen der Villa verschlossen und allen ferneren Zusammenkünften zwischen Iris und ihm ein Ende gemacht. Wenn sie versuchen wollten, brieflich miteinander zu verkehren, so würde Lord Harry Gelegenheiten genug haben, diese Korrespondenz zu entdecken und daraus natürlich neuen Stoff für seine Eifersucht zu schöpfen. Während der schlaflosen Nacht musste Hugh immer an seine ratlose Lage denken; es schien ihm keine andere Wahl übrig zu bleiben, als sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben und nach England zurückzukehren.

Zweiundvierzigstes Kapitel

Schon am nächsten Tag empfing Hugh wieder Nachrichten von Iris, die aber durchaus nicht darnach angetan waren, seine Befürchtungen zu zerstreuen. Fanny Mere suchte ihn in seinem Hotel auf.

Der Abschied Mr. Vimpanys am vorhergehenden Abend war das erste Ereignis, von dem das Mädchen zu berichten hatte. Sie war dabei gewesen, als der Doktor ihrem Herrn und ihrer Herrin Lebewohl gesagt. Er gab als Grund seiner plötzlichen Abreise dringende Geschäfte in London an. Lord Harry hätte die Entschuldigung so aufgenommen, als ob er sie wirklich glaubte, und schien sehr erfreut zu sein, seinen Freund so schnell los zu werden; Lady Harry dagegen sprach ihre Meinung dahin aus, dass Mr. Vimpanys Rückkehr nach London wahrscheinlich durch einen Akt von Frei¬gebigkeit von seiten des edelsten der jetzt lebenden Menschen veranlasst worden sei. Sie sagte zu ihrem Gatten: »Dein Freund hat, wie ich glaube, von meinem Freund Geld bekommen.« Mylord sah sie sehr befremdet an, als sie in diesem Tone von Mr. Mountjoy sprach, und ging dann schweigend aus dem Zimmer. Sobald er seinen Rücken gewendet hatte, erhielt Fanny die Erlaubnis zum Ausgehen; sie führte ihre Absicht aus, auf der Station zu warten, und sah auch, wie Mr. Vimpany in dem Postzug unter den Reisenden nach London Platz nahm.

In die Villa zurückgekehrt, hatte Fanny ihrer Pflicht gemäß in dem Zimmer ihrer Herrin nach¬fragen wollen, ob ihre Dienste noch gebraucht würden. Als sie jedoch an die Tür kam, hörte sie die Stimmen des Lords und der Lady, und sie war, wie Mr. Mountjoy wahrscheinlich mit Genugtuung ver¬nehmen werde, in diesem Fall zu ehrlich gewesen, um an der Tür zu horchen. Sie ging gleich weg auf ihr Zimmer und wartete dort, bis man sie holen ließ. Nach einer langen Zwischenzeit ertönte die Glocke, welche sie rief; sie fand ihre Herrin in sehr aufgeregtem Zustand vor, teils ärgerlich, teils betrübt, und erlaubte sich daher, zu fragen, ob irgendetwas Unangenehmes vorgefallen sei; auf diese Frage er¬folgte jedoch keine Antwort. Fanny war daher schweigend ihrer Pflicht nachgekommen und hatte ihrer Herrin bei der Nachttoilette geholfen. Dann hatten sie sich »Gute Nacht« gesagt, sonst aber kein Wort gewechselt. Am nächsten Morgen hatte das Mädchen, als sie wie gewöhnlich ihren Dienst in dem Zimmer ihrer Herrin versah, diese in etwas ruhigerer und mitteilsamerer Stimmung gefunden. Sie war immer noch von Furcht gepeinigt, jedoch bereit gewesen, über ihren Kummer zu sprechen.

Sie hatte von Mr. Mountjoy zu reden angefangen.

»Ich glaube, Sie haben ihn auch gern, Fanny; jedermann hat ihn ja gern; Sie werden daher traurig sein, zu hören, dass wir niemals die Aussicht haben, ihn wieder in unserer Villa zu sehen.« Dann hielt sie inne. Etwas, was sie nicht ausgesprochen hatte, schien ihre Gedanken zu beschäftigen und zu quälen. Die arme Seele war nahe daran, zu weinen, hatte es aber standhaft unterdrückt. »Ich habe keine Schwester«, fuhr sie dann fort, »und keine Freundin, die mir eine Schwester ersetzen könnte. Es ist vielleicht nicht ganz richtig, wenn ich von meinem Kummer zu meinem Kammermädchen spreche, aber es ist fast unerträglich, kein teilnehmendes Herz in der Nähe zu wissen, das heißt, keine andere Frau, welche versteht, wie Frauen fühlen. Es ist so einsam hier, o, gar zu einsam! Ich möchte wissen, ob Sie mich verstehen und Mitleid mit mir fühlen können.«

Fanny ließ nichts außer acht, was sie ihrer Herrin schuldig war, - wenn sie so sprechen dürfe, ohne dass es den Schein hätte, sie wolle sich selbst loben - sie war aber in Wahrheit betrübt. Es hätte ihr eine große Erleichterung gewährt, wenn sie offen ihre Meinung hätte aussprechen dürfen, dass nur Lord Harry allein schuld daran trage, wenn seine Gattin betrübt sei; als Mann sei er eben von Natur grausam gegen seine Frau. Das Klügste, was Mylady tun könnte, wäre, nichts von ihm zu erwarten. Das Mädchen schien sehr in Versuchung geführt zu sein, ihrer Herrin in dieser Hinsicht einen kleinen Rat zu geben; aber sie war durch ihre eigenen Erfahrungen vorsichtig gemacht. Fanny hielt es daher für besser, zu warten, was ihre Herrin zunächst sagen würde.

Lord Harrys Benehmen war der erste Gegenstand, als das Gespräch wieder aufgenommen wurde.

Mylady erwähnte, dass sie wohl bemerkt habe, wie er missvergnügt aussah und wie er sich eilig entfernte, als sie so lobend von Mr. Mountjoy sprach.

Sie hatte ihn gedrängt, sich offen auszusprechen, und dabei eine Entdeckung gemacht, welche ihr die bitterste Enttäuschung ihres ganzen Lebens bereitete. Ihr Gatte beargwöhnte sie! Ihr Gatte war eifersüchtig! Es war zu schrecklich! Das war eine Beleidigung, die nicht zu ertragen war, eine Beleidigung sowohl gegen Mr. Mountjoy wie gegen sie selbst. Wenn diesem besten und liebsten der Freunde das Haus verboten werden, wenn er fortgehen und sie ihn nie wieder sehen und sprechen sollte, dann war sie fest entschlossen, eines zu tun: er durfte nicht fortgehen, ohne dass sie ihm vorher ein freundliches Wort zum Abschied gesagt hatte; er sollte hören, wie wert sie ihn hielt, ja, und wie sie ihn verehrte und mit ihm fühlte! Würde Fanny nicht an ihrer Stelle dasselbe tun? Und Fanny hatte sich der Zeit erinnert, wo sie dasselbe für einen Mann wie Mr. Mountjoy getan haben würde.

»Sorgen Sie dafür, dass Sie heute abend zu Hause sind«, fuhr das Mädchen fort. Sie sprach so erregt, dass Hugh sie kaum wiedererkannte. »Meine Herrin will hieher kommen, um Sie noch einmal zu sehen und zu sprechen, und ich werde sie begleiten.«

Solch ein unkluges Benehmen war ganz undenkbar! - »Sie müssen von Sinnen sein!« rief Mountjoy aus.

»Ich bin gar nicht von Sinnen, Sir«, antwortete Fanny. »Ich freue mich nur, wenn ein Mann in dieser Weise handelt. Der Lord speist heute außer dem Hause und wird davon nichts erfahren, und«, rief das sonst so kühle und gemessene Mädchen erregt aus, »er verdient es nicht besser!«

Hugh machte alle möglichen Einwendungen, hatte aber nicht den geringsten Erfolg.

Das nächste, was er tat, war, dass er einige Zeilen an Lady Harry schrieb, in denen er sie beschwor, daran zu denken, dass ein eifersüchtiger Mann sich nicht selten zu Handlungen der entsetzlichsten Art hinreißen lasse, und dass sie daher auf ihrer Hut sein möge.

Als er den Brief Fanny übergab, damit sie ihn besorgen sollte, bemerkte sie höflich, dass es besser sei, wenn er ihr den Brief nicht anvertraue. »Eine Person will zuweilen das Richtige tun«, sagte sie zu ihm, »und tut schließlich doch das Falsche.« Ehe sie ihrer Herrin Schmerz verursache, wäre sie imstande, den Brief auf ihrem Heimweg zu zerreißen und gar nichts davon zu sagen. Hugh versuchte es zunächst mit einer Drohung:

»Ihre Herrin wird mich nicht zu Hause finden, wenn sie hieher kommt - ich werde heut abend ausgehen.«

Das sonderbare Mädchen sah ihn mit mitleidigem Lächeln an und antwortete nur:

»Sie werden das gewiss nicht tun!«

Es war ein beschämendes Selbstbekenntnis, aber Fanny kannte ihn besser als er sich selbst.

Alles, was Mountjoy gesagt und getan hatte, um dem Besuch vorzubeugen, war wirklich nur aus Rücksicht auf die junge Frau geschehen. Wenn er sein eigenes Herz gefragt hätte, so würde er entdeckt haben, dass er bei der glücklichen Aussicht, Iris wiederzusehen, hätte aufjubeln mögen.

Als der Abend herankam, brauchte Hugh die Vorsicht, seinen ergebenen und verschwiegenen Diener zu beauftragen, Lady Harry an der Tür des Hotels zu empfangen, bevor der Ton der Glocke den Portier aus seiner Loge herbeirufen konnte. Bei ruhiger Betrachtung schien alles dafür zu sprechen, dass sie eine Entdeckung durch Lord Harry nicht zu fürchten brauchte. Der eifersüchtige Gatte auf der Bühne, welcher früher oder später das schuldige oder bisweilen auch unschuldige Paar entdeckt, ist nicht immer der Gatte in der Welt außerhalb des Theaters.

Während er noch darüber nachdachte, sah Hugh, dass die Tür seines Wohnzimmers vorsichtig geöffnet wurde, zu einer früheren Stunde, als er angenommen hatte. Sein alter Diener führte eine dicht verschleierte Dame herein, - es war Iris.

Dreiundvierzigstes Kapitel

Lady Harry lüftete ihren Schleier und sah Mountjoy mit traurigen, bittenden Augen an.

»Sind Sie mir böse?« fragte sie.

»Ich sollte es sein«, antwortete er. »Das ist sehr unklug gehandelt, Iris!«

»Es ist schlimmer noch«, bekannte sie, »es ist unbesonnen, es ist verzweifelt; sagen Sie nicht, ich hätte mich beherrschen sollen; ich kann das Schamgefühl nicht verwinden, welches ich empfinde, wenn ich an das, was sich ereignet hat, denke. Kann ich Sie gehen lassen - o, was für ein Lohn für Ihre Güte! - ohne Ihre Hand zum Abschied noch einmal zu drücken? Kommen Sie und setzen Sie sich hieher neben mich. Nach dem Benehmen meines armen Mannes werden wir uns wohl kaum jemals wiedersehen. Ich erwarte nicht, dass Sie es beklagen, wie ich es tue. Selbst Ihre Güte und Ihre Geduld, die so oft auf die Probe gestellt worden sind, müssen jetzt meiner überdrüssig sein.«

»Wenn Sie dies wirklich für möglich hielten, liebe Iris, dann würden Sie heute abend nicht hier sitzen«, erwiderte ihr Hugh. »So lange wir leben, haben wir noch die Hoffnung, uns wieder zu treffen. Nichts in der Welt ist von ewiger Dauer, Iris, selbst die Eifersucht nicht. Lord Harry sagte mir ja selbst, dass er ein sehr veränderlicher Mensch sei. Früher oder später wird er wieder zur Vernunft kommen.«

Diese Worte schienen Iris zu erschrecken.

»Sie werden hoffentlich nicht denken, dass mein Gatte gegen mich unfreundlich ist!« rief sie aus. Sie nahm immer noch selbst den Schein einer schlimmen Beurteilung ihrer Ehe übel auf und vergaß immer noch, was sie selbst gesagt hatte und was einen Zweifel an ihrem Glück rechtfertigte. »Haben Sie sich selbst eine falsche Meinung gebildet«, fuhr sie fort, »oder hat Fanny Mere unschuldigerweise...«

Mountjoy bemerkte jetzt erst die Abwesenheit des Mädchens. Das war ein Umstand, der ihn berechtigte, Iris zu unterbrechen, denn es konnte sehr ernste Folgen für sie haben, wenn ihr Besuch in dem Hotel zufälligerweise doch entdeckt würde.

»Wenn ich recht verstanden habe«, sagte er, ,»so sollte doch Fanny mit Ihnen hieher kommen.«

»Ja, ja, sie wartet unten in dem Wagen; wir hielten es so für besser, um nicht die Aufmerksamkeit an der Tür des Hotels zu erregen. Der Kutscher wird einstweilen auf und ab fahren, bis ich ihn wieder nötig habe. Lassen Sie sich das nicht kümmern. Ich habe etwas mit Ihnen über mein Mädchen zu sprechen. Die arme Fanny denkt immer an ihre eigenen schlimmen Erfahrungen, wenn sie von mir spricht, und übertreibt ein wenig, ohne dass sie es will. Ich hoffe, sie hat Sie nicht zu einer irrigen Meinung geführt, als sie mit Ihnen über meinen Gatten sprach. Es ist niedrig und schlecht von ihm und eines Gentlemans unwürdig, eifersüchtig zu sein, und er hat mich tief verwundet, aber, lieber Hugh, seine Eifersucht ist eine liebenswürdige Eifersucht. Ich habe von anderen Männern gehört, die ihre Frauen bewachen, alles Vertrauen in sie verloren haben, welche mir selbst eine solche Kleinigkeit wie das hier«, sie zeigte Mountjoy lächelnd ihren Schlüssel zur Tür der Villa, »genommen haben würden. O, Harry ist über einen solchen herabwürdigenden Verdacht erhaben! Es gibt Zeiten, wo er so von Herzen beschämt über seine eigene Schwachheit ist, wie ich es nur wünschen kann; ich habe ihn vor mir auf den Knieen liegen sehen, ganz zerknirscht über sein Benehmen. Er ist kein Heuchler; seine Reue ist wirklich aufrichtig, so lange sie dauert, nur dauert sie eben nicht lange. Seine Eifersucht steigt und fällt wie der Wind. Er sagte gestern abend, als der Wind sehr heftig wehte: ,Wenn Du mich zum glücklichsten Menschen auf der Erde machen willst, so ermutige Mr. Mountjoy nicht, in Paris zu bleiben.'«

»Sie wünschen auch, dass ich Paris verlasse?«

Sie saß sehr nahe bei ihm, näher vielleicht, als ihr Gatte gern gesehen hätte, und rückte jetzt ein wenig zur Seite.

»Wollten Sie grausam sein, als Sie dies sagten?« fragte sie. »Ich verdiene es nicht.«

»Es war nur freundlich von mir gemeint«, versicherte Hugh. »Wenn ich Ihre Lage erträglicher machen kann dadurch, dass ich weggehe, so werde ich morgen Paris verlassen.«

Iris rückte wieder unbefangen an den Platz zurück, den sie vorher eingenommen. Sie war bestrebt, ihm in einer Weise zu danken - aus einem noch ungenannten Grund - wie sie ihm bisher niemals gedankt hatte. Schweigend bot sie ihm die Wange zum Kuss. Er hielt seine Lippen lange und innig auf diese zarte Wange gedrückt. Sie war es, die sich zuerst wiederfand. Sie kam auf das abenteuerliche Leben zu sprechen, das Lord Harry früher geführt. Die Ruhelosigkeit in seiner Natur, welche dieses Leben mit sich brachte, war kürzlich wieder zum Vorschein gekommen; seine Frau suchte die Veranlassung dafür in einem Brief aus Irland, der die Nachricht enthielt, dass der Mörder Arthur Mountjoys in London gesehen worden sei, und dass er sich dort vermutlich unter dem Namen Carrigeen aufhalte. Hugh würde verstehen, dass der verzweifelte Entschluss, den Mord seines Freundes zu rächen, mit dem einst Lord Harry England verlassen hatte, von neuem rege geworden sei. Er hatte es Iris nicht verheimlicht, dass sie sich darein schicken müsse, wenn er sie eine Zeit lang allein ließe, sobald sich die Nachricht aus Irland als wahr erwiese. Es würde nutzlos sein und schlimmer noch als nutzlos, den unbesonnenen Mann an die Gefahr zu erinnern, welche ihm von den Unüberwindlichen drohe, sobald er nach England zurückkehre. Nur allein dadurch konnte sie hoffen, Einfluss auf ihren Gatten, der sie noch immer liebte, zu gewinnen, dass sie sich allen den Forderungen unterwarf, auf welchen seine eigensinnige Eifersucht bestand. Würde diese traurige Notwendigkeit sie entschuldigen, wenn sie das Anerbieten Mountjoys, Paris zu verlassen, annähme, einzig und allein aus dem Grund, weil ihr Gatte es von ihr als eine Gunst erbeten hätte?

Hugh verstand sie sofort und versicherte sie seiner Zustimmung.

»Sie können fest darauf rechnen, dass ich morgen nach London zurückkehren werde«, sagte er. »Gibt es denn aber außerdem nicht noch ein anderes, besseres Mittel, durch das ich Ihnen vielleicht von Nutzen sein könnte? Wenn Ihr Einfluss es nicht vermag, wissen Sie dann nicht noch einen andern Weg, Lord Harry von seinem verzweifelten Vorhaben abzuhalten?«

Es war Iris an diesem Tag schon eingefallen, dass eine Aussicht dazu vorhanden sei, wenn es ihr gelänge, die Unterstützung Mrs. Vimpanys zu gewinnen.

Die Frau des Doktors war wohl bekannt mit Harrys vergangenem Leben, während er in Irland weilte, und sie hatte auch viele von ihren Landsleuten getroffen, mit denen er in Verbindung stand. Wenn nun einer von diesen Freunden die diensteifrige Person gewesen wäre, die an ihn geschrieben hatte, so war es mindestens möglich, dass durch Mrs. Vimpanys geheime Vermittlung sein Unheil anstiftender Korrespondent von ferneren Mitteilungen abgehalten werden konnte. Lord Harry würde, wenn er auf fernere Nachrichten wartete, in diesem Fall umsonst warten. Er würde nicht wissen, wohin er zu gehen oder was er zunächst zu tun habe, und bei einer Natur wie der seinigen fiele dann wahrscheinlich das Ende seiner Geduld mit dem Ende seines Entschlusses zusammen.

Hugh händigte Iris sein Notizbuch ein. Von den traurigen Möglichkeiten, welche ihr günstig sein konnten, war die letzte nach seiner Meinung am wenigsten hoffnungslos.

»Wenn Sie den Namen des Mannes, der an Ihren Gatten geschrieben hat, wissen«, sagte er, »so schreiben Sie ihn mir, bitte, auf; ich will dann Mrs. Vimpany fragen, ob sie ihn kennt, und Sie dann auch entschuldigen, dass Sie ihr in jüngster Zeit nicht geschrieben haben. Jedenfalls verbürge ich mich für ihre Bereitwilligkeit, Ihnen zu helfen.«

Als Iris ihm dankte und den Namen aufschrieb, schlug die Uhr auf dem Kaminsims.

Sie stand auf, um ihm Lebewohl zu sagen. Mit zitternder Hand zog sie den Schleier halb über ihr Gesicht und schob ihn dann wieder zurück.

»Sie werden mein Weinen nicht beachten«, sagte sie mit schwacher Stimme und versuchte durch ihre Tränen zu lächeln. »Das ist der traurigste Abschied, den ich jemals genommen habe. Lieber, lieber Hugh, lebe wohl!«

Schwerwiegend ist das Gesetz der Pflicht, aber das ältere Gesetz der Liebe fordert sein höheres Recht. Niemals in den Jahren ihrer Freundschaft hatten sie sich so weit vergessen, wie sie sich jetzt vergaßen - denn zum erstenmal begegneten ihre Lippen den seinigen in ihrem Abschiedskuss. Aber schon im nächsten Augenblick erinnerten sie sich an die Schranken, die ihnen die Ehre setzte; sie waren wieder nur Freunde. Schweigend zog sie den Schleier über ihr Gesicht; schweigend nahm er ihren Arm und führte sie hinunter an den Wagen. Dieser war gerade eine kleine Strecke von ihnen entfernt gegen das andere Ende der Straße hingefahren. Anstatt auf seine Rückkehr zu warten, folgten sie ihm und holten ihn bald ein.

»Wir werden uns wiedersehen«, flüsterte er. Sie antwortete traurig:

»Vergessen Sie mich nicht!«

Mountjoy kehrte zurück. Als er sich wieder dem Hotel näherte, bemerkte er einen großen Mann, der von dem entgegengesetzten Ende der Straße auf ihn zukam. Keine zwei Minuten später, nachdem Iris sich wieder auf den Heimweg begeben hatte, begegneten sich ihr eifersüchtiger Gatte und ihr alter Freund vor der Tür des Hotels.

Lord Harry sprach zuerst.

»Ich habe außer dem Hause gespeist«, sagte er, »und komme nun auf meinem Heimweg hieher, um mit Ihnen, Mr. Mountjoy, noch einige Worte zu reden.«

Hugh antwortete mit förmlicher Höflichkeit:

»Erlauben Sie, Mylord, dass ich Ihnen den Weg zu meinen Zimmern zeige.«

»O, ich will Sie nicht unnötig bemühen«, erklärte Lord Harry. »Ich habe Ihnen nur wenig zu sagen; wenn es Ihnen recht ist, gehen Sie eine kleine Strecke mit mir.«

Mountjoy gab seine Einwilligung durch ein stummes Kopfnicken zu erkennen. Er dachte daran, was wohl geschehen wäre, wenn Iris ihren Weggang nur einige Minuten verzögert hätte, oder wenn der Wagen in der Richtung nach dem Hotel gefahren wäre anstatt umgekehrt. In jedem Fall wäre es für die junge Frau ziemlich schwierig gewesen, wegzukommen, ohne von ihrem Gatten bemerkt zu werden.

»Wir Irländer«, begann Lord Harry, »stehen in dem Ruf, nicht immer den Gesetzen gehorsam zu sein; aber es liegt in unserer Natur, jederzeit das Gesetz der Gastfreundschaft hochzuhalten. Als Sie gestern in meinem Hause waren, bin ich nicht gastfreundlich gegen meinen Gast gewesen. Mein taktloses Benehmen hat mir seitdem schwer auf der Seele gelegen, und aus diesem Grund bin ich hieher gekommen, um mit Ihnen zu sprechen. Es war ungezogen von mir, Ihnen Ihren Besuch vorzuwerfen und Ihnen zu verbieten, - o, ganz grundlos, ich bezweifle es nicht - mich wieder zu besuchen. Wenn ich gestehe, dass ich nicht den Wunsch habe, eine Erneuerung des freundschaftlichen Verkehrs zwischen uns anzubahnen, so werden Sie mich, wie ich sicher annehme, verstehen; je weniger wir uns in Zukunft sehen, um so besser wird es sein bei den Ansichten, die ich nun einmal habe. Für das jedoch, was ich sagte, als meine Selbstbeherrschung und Vernunft mit mir durchgingen, bitte ich Sie hiermit um Entschuldigung; empfangen Sie den aufrichtigsten Ausdruck meines Bedauerns.«

»Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Mylord, so aufrichtig, wie Sie sie mir geboten haben«, antwortete Mountjoy. »Soweit es mich betrifft, ist der Zwischenfall von jetzt an vergessen.«

Lord Harry drückte seine höfliche Zustimmung aus.

»Gesprochen wie es einem Gentleman zukommt«, sagte er. »Ich danke Ihnen.«

Damit endete die Unterredung. Sie grüßten sich und wünschten sich gegenseitig gute Nacht. »Eine bloße Förmlichkeit«, dachte Hugh bei sich, als sie sich getrennt hatten.

Er tat mit dieser Annahme dem irischen Lord unrecht. Bevor jedoch die Ereignisse ihn seinen Irrtum erkennen ließen, sollte noch geraume Zeit ins Land gehen.

Vierundvierzigstes Kapitel

Als Mountjoy in London angekommen war, begab er sich sofort in das Institut der Krankenpflegerinnen und fragte nach Mrs. Vimpany.

Sie war wieder außer dem Hause mit der Pflege eines Kranken beschäftigt. Die Adresse des Hauses war nur der Vorsteherin bekannt und sollte auch in diesem Fall keinem der Freunde der Mrs. Vimpany, der sich etwa darnach erkundigen würde, mitgeteilt werden. Ein schwerer Fall von Scharlachfieber befand sich unter ihrer Pflege, und die Gefahr der Ansteckung lag zu nahe, als dass man hätte leichtsinnig verfahren können.

Die Ereignisse, welche Mrs. Vimpany zu ihrer gegenwärtigen Beschäftigung geführt, hatten nicht den gewöhnlichen Verlauf gehabt.

Eine Pflegerin, die erst kürzlich in das Institut eingetreten war, sollte in diesem Fall zum ersten Male in Tätigkeit treten und zwar auf den ausdrücklichen Wunsch des Kranken, welcher, wie man sagte, mit dem jungen Mädchen entfernt verwandt war. An demselben Morgen jedoch, an welchem sie sich auf den Schauplatz ihrer zukünftigen Tätigkeit begeben sollte, erhielt sie die Nachricht, dass ihre Mutter schwer erkrankt sei.

Mrs. Vimpany, welche gerade zu der Zeit nicht beschäftigt war und freundschaftliche Teilnahme für ihre junge Kollegin fühlte, erbot sich freiwillig, an ihre Stelle zu treten. Daraufhin wurde von seiten des Kranken eine neue Bitte an die Vorsteherin gerichtet; er wünschte zu wissen, ob die neue Krankenpflegerin eine Irländerin sei. Als er hörte, dass sie eine Engländerin war, nahm er sofort ihre Dienste an. Das Merkwürdige und Geheimnisvolle an der Sache lag darin, dass er selbst ein Irländer war.

Vermöge ihrer englischen Vorurteile nahm die Vorsteherin sofort an, dass in dem Leben des Mannes irgend ein dunkler Punkt vorhanden sei, der der Gegenstand einer ärgerlichen Bloßstellung werden könnte, wenn er von einer Landsmännin gepflegt würde. Sie gab daher auch Mrs. Vimpany den Rat, nicht zu dem Kranken zu gehen; die Krankenpflegerin sagte jedoch, dass sie versprochen habe, ihn zu pflegen, und ihr Versprechen halten wolle.

Mountjoy verließ das Institut, nachdem er vergeblich versucht hatte, die Adresse von Mrs. Vimpany zu erlangen. Das einzige Zugeständnis, welches ihm die Vorsteherin machte, bestand darin, dass sie sich bereit erklärte, einen Brief von ihm durch die Post an die richtige Adresse zu schicken, wenn er mit diesem Auskunftsmittel einverstanden wäre.

Nach kurzer Überlegung beschloss Hugh, den Brief zu schreiben.

Rasche Benützung der Zeit konnte von Wichtigkeit sein. Hugh gab daher in seinem Brief den Namen an, welchen ihm Iris aufgeschrieben hatte, und fragte Mrs. Vimpany, ob er ihr bekannt wäre als der Name einer Person, mit der sie verkehrt hätte. Er versicherte sie, dass eine schleunige Unterredung in Betreff dieser Sache zwischen ihnen durchaus notwendig sei im Interesse von Iris. In einer Nachschrift fügte er noch hinzu, dass er vollkommen gesund sei und nicht die geringste Furcht vor Ansteckung habe. Dann schickte er seinen Brief an die Vorsteherin, damit diese ihn weiter befördere.

Noch an demselben Tag empfing er spät abends die Antwort. Sie war von einer ihm unbekannten Hand geschrieben und lautete folgendermaßen:

»Lieber Mr. Mountjoy! Ich kann es unmöglich zugeben, dass Sie sich einer so großen Gefahr aussetzen, indem Sie mich besuchen, so lange ich mich in meiner gegenwärtigen Stellung befinde. Die Gefahr der Ansteckung ist beim Scharlachfieber so naheliegend, dass ich nicht einmal eigenhändig an Sie schreiben und kein Briefpapier benützt werden darf, das im Krankenzimmer gelegen hat. Das ist nicht etwa eine leere Einbildung von mir; der den Kranken behandelnde Doktor kennt einen Fall, in welchem ein kleines Stückchen infizierter Leinwand nach Verlauf von nicht weniger als einem Jahre die Krankheit weiter verbreitete. Ich muss Ihrem gesunden Menschenverstand vertrauen, dass Sie die Notwendigkeit eines Aufschubs unserer Besprechung einsehen, bis ich Sie empfangen kann ohne irgendwelche Furcht vor etwaigen, für Sie verhängnisvollen Folgen. Indessen kann ich Ihre Anfrage beantworten in Betreff des Namens, den Sie mir in Ihrem Brief mitgeteilt haben. Ich kannte den Mann früher, den Sie erwähnen; wir wurden durch Lord Harry miteinander bekannt, und ich traf auch später noch bei mehr als einer Gelegenheit mit ihm zusammen.«

Hugh las diese kluge und wohlüberlegte Antwort mit heftiger Erregung. Wenn Mrs. Vimpany überredet werden konnte, an ihren Freund zu schreiben, so war dies die denkbar günstigste Gelegenheit, den heißblütigen jungen Ehemann zur Ruhe und Untätigkeit zu verdammen dadurch, dass er ohne weitere Nachrichten über den Mörder Arthur Mountjoys blieb. Und unter diesen ermutigenden Umständen sollte die vorgeschlagene Unterredung, welche vielleicht zu einem solch ausgezeichneten Ergebnis hätte führen können, aufgeschoben werden dank der verächtlichen Furcht vor Ansteckung, hervorgerufen durch die Geschichte von einem lumpigen Stück Leinwand!

Hugh hob den unglücklichen Brief, der auf den Boden gefallen war, auf, um ihn in Stücke zu zerreißen und ihn in den Papierkorb zu werfen, aber er hielt plötzlich inne. Seine zitternde Hand hatte nämlich das Papier so aufgehoben, dass die unbeschriebene Seite nach oben zu liegen kam. Auf dieser Seite entdeckte er zwei kleine Druckzeilen, welche in der gewöhnlichen Form die Adresse des Hauses enthielten, in welchem der Brief geschrieben war! Der Schreiber hatte jedenfalls, als er den Briefbogen aus der Briefmappe nahm, ihn mit der falschen Seite auf den Schreibtisch gelegt und hatte dann entweder es nicht für nötig gehalten, ihn noch einmal abzuschreiben, als er seinen Irrtum bemerkte, oder er hatte den Irrtum überhaupt nicht bemerkt.

Diese Entdeckung gab Hugh seine ruhige Fassung wieder und er beschloss, Mrs. Vimpany am nächsten Tag mit seinem Besuch zu überraschen. Dieser Besuch sollte die Ansteckungstheorie entkräften und zugleich Iris einen wertvollen Dienst in ihrer gegenwärtigen kritischen Lage erweisen.

Da er im Lauf des Tages genug Zeit hatte, um sich alles genau zu überlegen, so konnte es nicht ausbleiben, dass er ein großes Hindernis für die Ausführung seines Planes entdeckte. Ob er nun seinen Namen nannte oder ihn verschwieg, wenn er am nächsten Morgen an der Haustür nach Mrs. Vimpany fragte, sie würde auf jeden Fall seinen Besuch ablehnen. Die einzige zuverlässige Person, die er in diesem schwierigen Fall um Rat fragen konnte, war sein alter, treuer Diener.

Dieser erfahrene Mann, der früher zu verschiedenen Zeiten in der Armee, bei der Polizei und an einer öffentlichen Schule angestellt war, wurde von ihm beauftragt, am folgenden Morgen zunächst einige vorbereitende Erkundigungen einzuziehen.

Der Diener machte dabei zwei wichtige Entdeckungen. Erstens befand sich Mrs. Vimpany in dem Hause, in dem der Brief an seinen Herrn geschrieben worden war. Zweitens war dort ein junger Bursche angestellt, welcher sich der Bestechung durch ein Geschenk zugänglich zeigte. Dieser Bursche wollte um zwei Uhr an demselben Tag auf Mr. Mountjoy warten und ihm zeigen, wo er Mrs. Vimpany finden könnte, nämlich in dem Zimmer neben dem Kranken, in welchem sie ihre Mahlzeiten einzunehmen pflegte.

Hugh handelte nach diesen Angaben; er fand den Burschen auf ihn wartend und wurde von ihm heimlich in das Haus eingelassen. Der Bursche führte ihn dann noch die Treppen hinauf und zeigte im zweiten Stock mit der einen Hand auf eine Tür, während er die andere Hand ausstreckte, um seine Belohnung in Empfang zu nehmen. Dann steckte er das Geld rasch in die Tasche und verschwand. Mountjoy aber öffnete die Tür.

Mrs. Vimpany saß an dem Tisch und wartete auf ihr Essen. Als Mountjoy in dem Zimmer erschien, sprang sie mit einem Schreckensruf auf.

»Sind Sie denn toll?« rief sie aus. »Wie kommen Sie hieher? Was wollen Sie hier? - Kommen Sie mir nicht zu nahe!«

Sie versuchte, an Hugh vorbeizuschlüpfen, um aus dem Zimmer zu eilen; er ergriff sie jedoch am Arm, führte sie auf ihren Stuhl zurück und zwang sie, sich wieder darauf niederzulassen.

»Iris ist in Gefahr!« sagte er eindringlich. »Sie können ihr helfen.«

»Das Fieber!« schrie sie, ohne auf das zu achten, was er gesagt hatte. »Bleiben Sie fern von mir - das Fieber!«

Zum zweitenmal versuchte sie aus dem Zimmer zu entfliehen. Zum zweitenmal hinderte sie Hugh daran.

»Fieber oder kein Fieber!« antwortete er bestimmt. »Ich muss mit Ihnen sprechen; in zwei Minuten werde ich das Nötige gesagt haben, und dann will ich wieder gehen.«

Mit so wenigen Worten wie möglich beschrieb er Iris' Lage gegenüber ihrem eifersüchtigen Ehemann. Mrs. Vimpany unterbrach ihn heftig.

»Sie laufen einer so schrecklichen Gefahr in die Arme«, rief sie, »obgleich Sie mir nichts anderes zu sagen haben als das, was ich schon lange weiß! - Ihr Gatte eifersüchtig auf Sie? - Natürlich ist er eifersüchtig auf Sie! Verlassen Sie mich sofort, oder ich klingle nach dem Diener!«

»Klingeln Sie, wenn es Ihnen Vergnügen macht«, antwortete Hugh, »aber hören Sie dies erst. Mein Brief an Sie sprach von einer Beratung zwischen uns, welche im Interesse von Iris notwendig sein könnte. Stellen Sie sich doch nur ihre Lage einmal vor, wenn es Ihnen möglich ist! Der Mörder von Arthur Mountjoy soll sich in London aufhalten, und Lord Harry hat davon gehört.«

Mrs. Vimpany blickte ihn mit erschreckten Augen an.

»Barmherziger Gott«, rief sie, »der Mann befindet sich hier in meiner Pflege. Ich gehöre nicht mit zu der Verschwörung und brauche den Schurken nicht zu verbergen. Ich wusste damals, als ich mich erbot, ihn zu pflegen, nichts weiter von ihm, als was Sie von ihm wissen. Die Namen, die ihm in seinen Fieberphantasten entschlüpft sind, haben mir erst die Wahrheit verraten.«

Während sie sprach, wurde eine zweite Tür des Zimmers geöffnet. Eine alte Frau erschien für einen Augenblick, vor Schreck zitternd.

»Er hat wieder einen Anfall, Schwester, helfen Sie mir, ihn zu halten.«

Mrs. Vimpany folgte der alten Frau sofort in das Schlafzimmer.

»Warten Sie und hören Sie zu!« sagte sie zu Mountjoy und ließ die Türe offen stehen.

Die raschen, heftigen und dumpfen Laute eines in Fieberphantasien liegenden Mannes ließen sich jetzt erschreckend vernehmen. Sein krankes Gehirn erinnerte sich der früheren Ereignisse seines traurigen Lebens. Er stellte Fragen an sich selbst und antwortete selbst.

»Wer zog das Los, den Verräter zu töten? - Ich zog es! Ich zog es! Wer schoss ihn nieder auf der Straße, bevor er den Wald erreichen konnte? - Ich habe es getan! Ich habe es getan! ,Arthur Mountjoy, Verräter an Irland!' Schreibt das auf seinen Grabstein zur ewigen Schande für ihn! Hört, ihr Jungens, hört! Ein Patriot ist unter euch! Ich bin der Patriot, beschützt von der dankbaren Vor-sehung! Ha, mein Lord Harry, durchsuche nur die Erde, durchsuche nur das Meer, der Patriot ist außer Deinem Bereich! Wärterin, was hat der Doktor von mir gesagt? Das Fieber wird ihn töten? - Gut, was tut's, so lange nur Lord Harry mich nicht tötet! Öffnen Sie die Türen, und lassen Sie es jedermann hören: Ich sterbe den Tod eines Heiligen - ich, der größte von allen Heiligen - ich, der Heilige, welcher Arthur Mountjoy erschoss. O mein Kopf, mein armer Kopf, o mein Kopf, wie das brennt und hämmert!«

Der schrecklich gequälte Kranke brach in ein furchtbares Wut- und Schmerzensgeschrei aus. Das war mehr, als Hugh ertragen konnte; er eilte aus dem Hause.

Zehn Tage vergingen. Iris erhielt in Passy einen Brief, von einer ihr unbekannten Hand geschrieben.

Der erste Teil des Briefes handelte von dem irischen Desperado, welchen Mrs. Vimpany während seiner Krankheit gepflegt hatte.

So lange sie ihn nur als einen leidenden Mitmenschen kannte, hatte sie versprochen, seine Pflegerin zu sein. Rechtfertigte nun die Entdeckung, dass er ein Mörder war, ihren Weggang, oder würde sie sogar eine Vernachlässigung entschuldigen? - Nein! Das Amt eines Pflegers ist wie das Amt eines Arztes ein Akt des Wohltuns, in sich selbst wesentlich zu edel, als dass es darnach fragte, ob der Kranke die Hilfe verdiene oder nicht. All die Erfahrung, all die Einsicht, all die Sorge, die sie bieten konnte, widmete die Pflegerin dem Mann, dessen Hand sie niemals berühren würde, sobald sie ihm das Leben gerettet hatte.

Eine Zeit war gekommen, wo das Fieber drohte, die Rache, welche Lord Harry üben wollte, seinen Händen zu entwinden. Dann nahte die Krisis der Krankheit. Schon unter dem Schatten des Todes, überstand sie der Leidende doch, dank seiner kräftigen Natur und dank der Geschicklichkeit und Furchtlosigkeit der Frau, welche ihn pflegte. Als er sich wieder auf dem Weg der Genesung befand, erschienen einige Freunde aus Irland in dem Hause in Begleitung eines Arztes ihrer eigenen Wahl und fragten nach ihm unter dem Namen, unter dem er hier bekannt war, Carrigeen. Unter Anwendung aller möglichen Sorgfalt wurde er fortgeschafft; wohin, ist niemals entdeckt worden; seit der Zeit war alle Spur von ihm verloren.

Schreckliche Nachrichten folgten auf der nächsten Seite des Briefes.

Die geheimnisvolle Gewalt der Ansteckung der Krankheit hatte sich an dem armen Sterblichen gerächt, der ihr Trotz geboten. Hugh Mountjoy lag, von demselben Mann, der seinen Bruder getötet, angesteckt, an einem heftigen Scharlachfieber darnieder.

Aber die Krankenpflegerin wachte bei ihm Tag und Nacht.

Fünfundvierzigstes Kapitel

»Hier, Sie alter Vagabund, hier ist ein interessanter Fall für Sie, Vimpany, der Schmerzensschrei eines Leidenden mit einem kranken Geist. Ich komme mir vor wie ein Mann, der seines Verstandes beraubt ist. Zuerst wurde mir gemeldet, dass der Mörder Arthur Mountjoys in London gesehen worden; ich machte mich daran, seine Spur zu verfolgen; da wurde ich durch die Nachricht ereilt, zuerst, dass er krank sei, dann, dass er sich wieder erholt und endlich, dass er verschwunden; das sind die Schläge, welche mich ganz meines Verstandes beraubt haben. Zum zweitenmal ist der Frevler meiner Rache entschlüpft; er wird jetzt ruhig in seinem Bett sterben und dann mitten unter schuldlosen Toten auf einem stillen Friedhof begraben werden. Ich kann nicht darüber hinauskommen!

»Fügen Sie hinzu die Besorgnisse um meine Frau und die Briefe von Gläubigern, die mich ganz wahnsinnig machen, und Sie werden nicht erwarten, dass ich vernünftig schreibe.

»Was ich zu wissen wünsche, ist, ob Ihre Kunst, oder wie Sie es sonst nennen wollen, zu meinem kranken Geist durch meinen gesunden Körper gelangen kann. Sie haben mir mehr als einmal gesagt, dass Ärzte das vermögen. Die Zeit ist gekommen, es zu beweisen. Mein einziger Freund und Doktor, erretten Sie mich vor mir selber!

»Auf jeden Fall bitte ich Sie, das Folgende mit aller Ruhe zu lesen.

»Ich muss Ihnen gestehen, dass der Teufel, dessen Name Eifersucht ist, über mich Gewalt bekommen hat und nun die Ruhe meines ehelichen Lebens bedroht. Sie lieben Iris nicht, ich weiß es, und sie erwidert Ihre feindlichen Gefühle. Versuchen Sie trotzdem, meiner Frau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wie ich es tue. Ich glaube nicht, dass mein Misstrauen gegen Iris irgendwelche Entschuldigung hat, und dennoch bin ich eifersüchtig. Und was noch viel unvernünftiger ist, ich bin noch ebenso verliebt in sie, wie ich es in den ersten Tagen der Flitterwochen war. Liebt sie mich nun auch noch so wie früher?

»Als Iris die erste Nachricht von Hughs ernstlicher Erkrankung erhielt, saßen wir gerade beim Früh-stück. Sie traf sie schwer; sie übergab mir den Brief stillschweigend und verließ den Tisch.

»Ich hasse einen Mann, der nicht weiß, was es heißt, Geld nötig zu haben; ich hasse einen Mann, der immer seinen Gleichmut bewahrt; ich hasse einen Mann, der behauptet, der Freund meiner Frau zu sein, und der sie von jeher heimlich liebt. Was würde es für mich für ein Unterschied sein, ob Hugh Mountjoy stirbt oder am Leben bleibt? - Wenn ich irgendein Interesse an der Sache hätte, so müsste ich notwendigerweise, da ich sehe, dass ich eifersüchtig bin, seinen Tod wünschen. Nun gut! Ich erkläre mit aller Bestimmtheit, dass die beunruhigenden Nachrichten aus London mein Frühstück gestört haben; es ist so eine Sache mit dem Freunde meiner Frau, mit diesem schmucken, glücklichen, wohlgesitteten Engländer; es scheint etwas für ihn zu sprechen, Gott weiß wie - wenn ich noch wenig zu seinen Gunsten gestimmt bin. Während ich den Bericht von seiner Krankheit las, lebte in mir - meinem Hasse zum Trotz - die Hoffnung, dass er wieder genesen werde.

»Lassen Sie uns zu meiner Frau zurückkehren. Nach langer Abwesenheit erschien sie wieder und konnte endlich etwas mit ihrem Mann sprechen.

»,Ich bin die unschuldige Ursache', begann sie, ,dass Hugh Mountjoy dies furchtbare Unglück befallen hat. Wenn ich ihm nicht einen Auftrag an Mrs. Vimpany gegeben hätte, so würde er niemals darauf bestanden haben, sie zu sprechen, und würde niemals sich das Fieber geholt haben. Es wird mir helfen, meine Selbstvorwürfe und meine Angst zu tragen, wenn ich immer Nachrichten über sein Befinden erhalte; es liegt auch keine Gefahr der Ansteckung vor, wenn ich Briefe bekomme. Ich werde an eine Freundin von Mrs. Vimpany schreiben, die in einem andern Hause wohnt und die mir dann antworten wird. Lieber Harry, verbietest Du mir's, dass ich mir jeden Tag über das Befinden Hugh Mountjoys berichten lasse, so lange er in Gefahr ist?'

»Ich war vollständig mit diesem Briefwechsel einverstanden; sie hätte es selbst wissen sollen.

»Es schien mir auch verdächtig zu sein, dass sie ihre Bitte mit tränenlosen Augen stellte. Sie musste geweint haben, als sie gehört hatte, dass er wahrscheinlich dem Fieberanfall erliegen würde. Warum verbarg sie vor mir ihre Tränen und weinte nur, wenn sie sich allein auf ihrem Zimmer befand? Als sie zu mir zurückkam, war ihr Gesicht bleich, hart und tränenlos. Glauben Sie, dass sie meine Eifersucht ganz vergessen haben könnte, da ich mich ernstlich bemühte, sie nicht zu zeigen? Nach meiner festen Überzeugung war ihr sehnlichster Wunsch, nach London zu eilen und Ihre Frau in der Pflege des armen Mannes zu unterstützen, sich das Fieber zu holen und mit ihm zu sterben, wenn er sterben sollte.

»Ist das bitter? - Vielleicht ist es so. Zerreißen Sie den Brief, und zünden Sie Ihre Pfeife damit an.

»Also die Briefe, welche von dem Kranken handelten, kamen und gingen nun jeden Tag, und jeden Tag händigte Iris mir sie ein, damit ich sie lesen sollte. Ich lehnte es unter allen möglichen Ausflüchten ab, die ärztlichen Berichte zu lesen. Eines Morgens, als sie den Brief dieses Tages öffnete, ging mit ihr eine wunderbare Veränderung vor, die mir, so lange ich lebe, im Gedächtnis bleiben wird. Niemals vorher habe ich in den Augen einer Frau eine solche Verklärung gesehen, wie ich sie damals sah, als sie die wenigen Zeilen las, welche ihr meldeten, dass man des Fiebers Herr geworden. Iris ist süß, Iris ist lieb, Iris ist schön, mit einem Wort, Iris ist bezaubernd. Aber so schön war sie nie wie in dem Augenblick, da sie erfuhr, dass Mountjoys Leben gerettet war, und sie wird niemals wieder eine so schöne Frau sein, bis die Zeit kommt, wo mein Tod es ihr freistellt, ihn zu heiraten. An ihrem Hochzeitstag wird er die Veränderung sehen, welche ich jetzt wahrgenommen habe, und er wird davon ebenso geblendet sein, wie ich es war.

»Sie sah mich an, als ob sie erwartete, ich sollte etwas sagen.

»,Ich freue mich in der Tat', sagte ich, ,dass er sich außer Gefahr befindet.'

»Sie eilte auf mich zu und küsste mich; ich hatte nie geglaubt, dass sie so stürmisch küssen könnte. ,Jetzt, da Du an meiner Freude teilnimmst', rief sie aus, ,ist mein Glück vollkommen!' Glauben Sie, dass ich wegen dieser Küsse mir selber ober jenem andern Mann verpflichtet bin? - Nein, nein, das ist ein unwürdiger Verdacht. Ich verwerfe ihn. Niedriger Argwohn soll diesmal Iris nicht unrecht tun.

»Und doch... die Entfremdung zwischen Iris und mir nimmt von Tag zu Tage zu. Lassen Sie mich auf etwas anderes übergehen. Das neue Journal wird, wie ich mit Vergnügen Ihnen mitteile, allgemein bewundert. Als ich mich aber nach meinem Gewinnanteil erkundigte, sagte man mir, die Ausgaben seien sehr große, und ich müsse daher warten, bis die Verbreitung sich noch steigere. Wie lange? - Niemand weiß es.

»Wie soll ich nun meinen Verpflichtungen nachkommen, wenn der Wechsel fällig ist? - Zum Glück ist ja der schlimme Tag noch fern genug; einstweilen kann ich Ihnen, wenn Ihre literarische Spekulation keine besseren Ergebnisse erzielt als meine Zeitung, einige Pfund leihen, damit Sie leben können. Was sagen Sie zu dem Gedanken, in Ihr altes Quartier nach Passy zurückzukehren und mir mündlich anstatt schriftlich Ihren wertvollen Rat zu erteilen?

»Kommen Sie, fühlen Sie meinen Puls, sehen Sie sich meine Zunge an, und dann sagen Sie mir, wie ich den verschiedenen Verlegenheiten, in denen ich mich jetzt befinde, ein Ende machen kann, bevor einer von uns ein Jahr älter geworden. Werde ich wie Sie von meiner Frau getrennt werden? - Natürlich nur auf ihren Wunsch, gewiss nicht auf den meinigen.

Oder werde ich in ein Gefängnis gesperrt werden? Und was wird aus Ihnen, Doktor?«

Sechsundvierzigstes Kapitel

In früher Morgenstunde empfing Lord Harry ein Telegramm des Doktors. Da Iris noch nicht aufgestanden war, ließ er Fanny Mere rufen und befahl ihr, das Fremdenzimmer zur Aufnahme eines Gastes bereit zu halten.

Iris selbst traf mit ihrem Gatten am Frühstückstisch zusammen. In ihrem Gesicht war eine gewisse Unruhe zu lesen.

»Wie ich höre, kommt jemand zu Besuch«, sagte sie. »Ich hoffe mit Bestimmtheit, dass es nicht wieder Mr. Vimpany ist.«

Lord Harry gab ihr den gewohnten Morgenkuss und sagte dann mit gewinnendem Lächeln:

»Warum sollte denn mein treuer alter Freund nicht wieder hieher kommen und mich besuchen?«

»Bitte«, antwortete sie, »sprich von diesem verhassten Menschen nicht in einer Weise, als ob er wirklich Dein Freund wäre. Mr. Vimpany ist ein schlechter Mensch. Er ist der schlimmste Freund, den Du um Dich haben konntest - und nun besonders noch zu einer Zeit, in der Du Deine ganze Kraft und Aufmerksamkeit nötigeren Dingen zuwenden solltest.«

»Ein Wort, Iris! Je beredter Du bist, um so mehr bewundere ich Dich. Nur erwähne nie wieder die, wie Du zu sagen beliebst, für mich nötigen Dinge!«

Sie ließ die Unterbrechung unbeachtet.

»Lieber Harry«, fuhr sie freundlich fort, »Du bist immer so gut mit mir. Bin ich daher im Unrecht, wenn ich glaube, dass mir die Liebe immer noch einigen Einfluss auf Dich gewährt? Frauen sind eitel, und ich bin nicht besser als alle übrigen. Schmeichle der Eitelkeit Deiner Frau, Harry, indem Du ihrer Meinung wenigstens einige Berechtigung zugestehst. Lass Mr. Vimpany, wenn er nun doch einmal unabänderlich hieherkommen soll, wenigstens nicht in unserem Hause wohnen! Ich werde schon irgendeine passende Entschuldigung finden und für ihn in der Nachbarschaft ein Unterkommen suchen, solange er hier zu bleiben hat. Es überläuft mich kalt, wenn ich daran denke, dass er mit uns unter ein und demselben Dache schlafen soll. Nur nicht zu uns, Harry, nur nicht zu uns!«

Ihre Augen suchten eifrig in dem Gesicht ihres Gatten zu lesen; sie wollte darin Nachgiebigkeit, sie wollte darin Überzeugtsein finden. Aber nichts dieser Art stand darin.

»Auf mein Ehrenwort!« rief er laut aus. »Du bereitest mir eine ungeahnte Überraschung. Welch reiche Phantasie besitzest Du! Eines Tages werde ich noch viel stolzer auf Dich sein dürfen als bisher; ich werde Dich als eine berühmte Schriftstellerin begrüßen können.«

»Ist das alles, was Du mir zu erwidern hast?« fragte sie.

»Was soll ich denn anders sagen? Du wirst doch nicht etwa verlangen, dass ich das für ernst nehmen soll, was Du soeben über Vimpany gesagt hast?«

»Und warum nicht?«

»Ach, geh doch, geh doch, mein Liebling! Überlege Dir's, bitte, nur einmal! Wir haben oben noch Zimmer leer stehen und auch hinreichend Dienerschaft, und da soll ich meinen alten Freund für die paar Nachtstunden zu fremden Leuten schicken? Ich möchte um alles in der Welt nicht unfreundlich gegen Dich sein, Iris, und ich leugne ja auch nicht, dass der lustige Doktor zuweilen etwas zu sehr sein Gläschen Grog liebt. Du wirst mir vielleicht sagen, dass er sich nicht gut gegen seine Frau benommen hat; ich gebe das auch zu. Aber es gibt eben nicht viel Menschen, die ein so schönes Beispiel einer musterhaften Ehe geben wie wir beide. Wenn Du mir aber entgegenhältst, dass Vimpany ein schlechter Mensch ist und der schlimmste Freund, den ich möglicherweise haben könnte und so weiter, was kann ich da anderes tun, als solche Reden für Erzeugnisse Deiner blühenden, regen Einbildungskraft ansehen! Nun, was ist denn? Du hast doch gewiss noch nicht gefrühstückt?«

»Doch.«

»Willst Du mich denn allein lassen?«

»Ich will auf mein Zimmer gehen.«

»Du hast ja gewaltige Eile, hinweg zu kommen. Ich wollte Dich ganz gewiss nicht kränken, Iris. Ich möchte wirklich wissen, was Du eigentlich auf Deinem Zimmer zu tun hast!«

»Meine Einbildungskraft zu pflegen und weiter auszubilden«, antwortete sie, zum erstenmale ihrer Bitterkeit Luft machend.

Sein Gesicht nahm einen finsteren und harten Ausdruck an.

»Das klingt ja gerade so, als ob darin etwas wie Groll läge? Das wäre ja das erstemal, dass Du mich ungnädig, feindselig behandelst! Wodurch habe ich das verdient?«

»Nenne es einfach eine Verstimmung meinerseits«, versetzte sie ruhig und verließ das Zimmer.

Lord Harry wandte sich seinem Frühstück wieder zu. Seine Eifersucht war von neuem wachgerufen.

»Sie vergleicht mich mit ihrem abwesenden Freunde«, sagte er zu sich selbst, »und wünscht jedenfalls, sie hätte den liebenswürdigen Mountjoy anstatt mich geheiratet.«

So endete der erste Zwist in dieser Ehe, und Mr. Vimpany war die Ursache desselben gewesen.

Siebenundvierzigstes Kapitel

Der Doktor kam gerade zur rechten Zeit zum Diner und begrüßte den irischen Lord mit kräftigem Händeschütteln in der vortrefflichsten Laune. Er hatte die Taschen voll schlau eingefädelter Projekte, die er aber vorerst wohlweislich für sich behielt.

Er sah sich im Zimmer um und fragte nach Mylady. Lord Harry erwiderte, er sei von einem weiten Ausritt erst vor wenigen Minuten zurückgekommen; Iris werde wohl sogleich erscheinen.

Das Mädchen setzte die Suppe auf den Tisch und überbrachte zugleich die Meldung, dass ihre Herrin heftige Kopfschmerzen habe und deshalb nicht mit den Herren speisen könne.

Aus seinen eigenen ehelichen Erfahrungen wusste Mr. Vimpany natürlich ganz genau, was das zu bedeuten hatte. Er bat um die Erlaubnis, der leidenden Dame des Hauses eine angenehme und tröstliche Nachricht übersenden zu dürfen. Fanny möchte so freundlich sein und ihrer Herrin sagen, er habe, bevor er London verlassen, Erkundigungen über das Befinden Mr. Mountjoys eingezogen. Der Bericht habe durchaus günstig gelautet; es sei nichts von der Krankheit zurückgeblieben als die in solchen Fällen immer ziemlich lang anhaltende Schwäche. Nur aus diesem Grunde sei eine sorgfältige Pflege vorderhand noch notwendig.

»Vergessen Sie nicht, auch meine besten Empfehlungen an Lady Harry auszurichten!« rief er Fanny nach, als diese in mürrischem Stillschweigen das Zimmer verließ.

»Ich habe mich bei Ihrer Frau Gemahlin angenehm eingeführt«, bemerkte der Doktor mit einem Grinsen, das deutlich die eigene Befriedigung über sein Verfahren zu erkennen gab. »Vielleicht wird sie nun morgen mit uns essen. Reichen Sie mir den Sherry herüber!«

Die Erinnerung an das, was sich heute morgen am Frühstückstische zugetragen hatte, schien immer noch außerordentlich verstimmend auf Lord Harrys Geist zu lasten. Er sprach nur sehr wenig, und dieses wenige bezog sich ausschließlich auf das, worüber er seinem ärztlichen Freund schon in aller Ausführlichkeit geschrieben hatte.

Während einer Zwischenpause, in welcher die Bedienung der Tafel die Anwesenheit Fannys in der Küche nötig machte, nahm Mr. Vimpany die Gelegenheit wahr, einige ermunternde Worte zu sagen. Er habe das richtige Heilmittel für eine geistige Verstimmung mitgebracht. Er werde sich jedoch erst zu einer passenderen Zeit erklären. Lord Harry fragte ungeduldig, warum er denn seinen Bericht nicht jetzt gleich erstatten wolle. Wenn die Gegenwart des Mädchens störe, so würde es ja nur eines Wortes bedürfen, um sie aus dem Zimmer zu entfernen.

Der schlaue Doktor wollte jedoch davon durchaus nichts wissen.

Er hatte während seines ersten Besuches Fanny genau beobachtet und hatte die Entdeckung gemacht, dass sie ihm misstraue. Das Mädchen war schlau und argwöhnisch. Seitdem sie sich zu Tische gesetzt hatten, war es leicht ersichtlich, dass sie sich in der Absicht im Zimmer zu schaffen machte, um etwas von dem Gespräch der beiden Herren zu erlauschen unter einem oder dem andern Vorwande. Schickte man sie hinaus, so würde sie ohne Zweifel an der Tür horchen.

»Glauben Sie meinem Wort, Fanny Mere besitzt alle Eigenschaften zu einer Spionin«, schloss der Doktor.

Lord Harry war hartnäckig. Bedrückt von seiner verzweifelten pekuniären Lage, war er entschlossen, sofort zu hören, welche Hilfe Mr. Vimpany für seine Verlegenheiten entdeckt hätte.

»Sie haben doch, wenn ich mich nicht irre«, sagte er, »während Ihrer Studienjahre einige Zeit in Paris zugebracht? Nicht wahr?«

»Gewiss!«

»Nun also! Haben Sie denn Ihr Französisch ganz wieder verlernt?«

Der Doktor wusste sogleich, worauf Lord Harry abzielte, und antwortete, es sei um sein Französisch immerhin noch ganz leidlich bestellt. Eines indessen wünschte er vor allem zu wissen. Waren sie auch vollständig sicher, dass das Kammermädchen der Lady nicht schon so viel Französisch gelernt habe, um ihre Ohren zu gewissen Zwecken zu verwenden? Lord Harry konnte ohne Mühe die Bedenken des Doktors zerstreuen. Das Mädchen verstand so wenig von der Sprache des Landes, in dem sie jetzt lebte, dass sie nicht einmal imstande war, in den Kaufläden die einfachsten und gebräuchlichsten Waren zu verlangen; man musste es ihr jedes Mal französisch auf einen Zettel schreiben, wenn sie eine Besorgung machen sollte.

Das war entscheidend. Als Fanny wieder in das Speisezimmer zurückkam, erwartete sie eine Überraschung. Die beiden Herren hatten sich ihrer Nationalität entäußert und unterhielten sich in der fremden Sprache.

Als eine Stunde später häusliche Angelegenheiten das Mädchen in das Zimmer der Lady Harry führten, bemerkte sie einen traurigen, sorgenvollen Ausdruck in den Gesichtszügen ihrer Herrin.

»Ich glaubte, es wäre nur ein Vorwand«, sagte sie, »als Sie mir vor dem Essen den Auftrag an die beiden Herren erteilten. Sind Sie wirklich krank, Mylady?«

»Ich bin etwas angegriffen und verstimmt«, erwiderte Iris.

Fanny machte den Tee zurecht.

»Das kann ich begreifen«, sagte sie vor sich hin, als sie sich anschickte, das Zimmer wieder zu verlassen. »Bin ich doch selber verstimmt.«

Iris rief sie zurück und sagte:

»Ich habe die Worte gehört, die Sie soeben ausgesprochen haben, Fanny, dass Sie selbst verstimmt wären. Wenn Sie einfach nur von Ihren Sorgen gesprochen hätten, so würde ich Sie bedauert, aber sonst nichts weiter hinzugefügt haben. Wenn Sie aber wissen, welches meine Sorgen sind und wenn Sie sie teilen -«

»Was davon auf mich kommt, das ist der schlimmere, härtere Teil«, brach Fanny plötzlich los. »Es geht mir gegen das Gefühl, Mylady, Sie zu betrüben. Aber da der Anfang bereits gemacht ist, sollen Sie auch alles erfahren. Der Doktor hat mich schon beleidigt.«

»Schon beleidigt?« wiederholte Iris. »Erklären Sie mir deutlicher, wie ich das verstehen soll!«

»Sie sollen es mit einer Deutlichkeit erfahren, die nichts zu wünschen übrig lässt. Mr. Vimpany hat etwas - natürlich etwas Unrechtes und Schlechtes - meinem Herrn mitzuteilen, aber er wollte es nicht hier im Hause aussprechen.«

»Warum nicht?«

»Weil er argwöhnt, dass ich an der Tür horche und durch das Schlüsselloch sehe. Ich weiß nicht, ob er Sie auch im Verdacht hat, Mylady. ,Wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe', sagte er zum gnädigen Herrn, ,so ist es die Weisheitsregel, sehr vorsichtig bei allem zu sein, was man innerhalb von vier Wänden laut werden lässt, sobald Frauen im Hause sind. Was beabsichtigen Sie morgen zu tun?' fragte er dann. Mylord sagte, er habe einer Versammlung im Zeitungsbureau anzuwohnen. ,Ich werde mit Ihnen nach Paris fahren', sagte der Doktor. ,Das Zeitungsbureau ist nicht weit von dem Luxembourg-Garten entfernt. Dort werden Sie mich, sobald Sie mit Ihrem Geschäfte fertig sind, am Eingang finden. Was ich Ihnen zu sagen habe, sollen Sie dort hören.' Der gnädige Herr schien ärgerlich über diese Verzögerung zu sein. ,Was haben Sie mir denn eigentlich mitzuteilen?' fragte er. ,Ist es vielleicht wieder etwas Derartiges wie der Vorschlag, den Sie mir bei Ihrem letzten Besuche machten?' Der Doktor lachte. ,Bis morgen ist es nicht mehr lange hin.' sagte er. ,Geduld, Mylord, Geduld!' Es war nicht möglich, ihn zu einer weiteren Mitteilung zu bringen.«

»Aber woher«, fragte Iris im höchsten Erstaunen, »wollen Sie denn das alles so genau Wort für Wort wissen? Die beiden Herren können doch unmöglich ihre Privatangelegenheiten besprochen haben, während Sie bei Tische bedienten?«

Es trat eine Pause ein. Furcht und Scham stiegen verstohlen auf dem farblosen Gesicht des Mädchens auf.

»Es ist hart«, sagte Fanny endlich, »etwas zu bekennen, was mich in Ihrer guten Meinung herabsetzen wird, aber ich muss es tun. Ich habe Sie getäuscht, Mylady, und schäme mich dessen. Ich habe den Doktor getäuscht und rühme mich dessen. Mein Herr und Mr. Vimpany glaubten sicher zu sein, wenn sie französisch sprächen, während ich sie bediente. Ich verstehe französisch ebenso gut wie die beiden Herren.«

Iris wollte kaum ihren Ohren trauen.

»Warum aber in aller Welt haben Sie dann die Rolle einer Unwissenden, Ungebildeten gespielt?«

»Ich dachte«, erwiderte das Mädchen mit gesenktem Blick, »an einen Rat, der mir einst erteilt wurde.«

»Von einem Freunde?«

»Von einem Mann, Mylady, der der schlimmste Feind war, den ich jemals gehabt habe.«

Ihre einsichtsvolle Herrin wusste, wen sie meinte, und wünschte sie zu schonen. Fanny fühlte jedoch, dass sie ihrer Wohltäterin eine Erklärung schuldig sei. So berichtete sie denn eingehender über den, von dem sie soeben gesprochen. Er war ein Franzose, ihr Musiklehrer während der kurzen Zeit ihres Schulbesuches. Er hatte ihr die Heirat versprochen, und sie hatte sich überreden lassen, mit ihm zu entfliehen. Das wenige Geld, von dem sie lebten, verdiente sie mit der Nadel und er als Klavierspieler in einer Singspielhalle. So lange sie noch fähig war, ihn zu fesseln, und so lange sie noch auf die Einlösung seines Versprechens hoffte, machte er sich ein Vergnügen daraus, sie in seiner Muttersprache zu unterrichten. Als er sie verließ, enthielt der Abschiedsbrief unter anderem auch den besprochenen Rat.

»In Deiner Lebenslage«, hatte der Mann geschrieben, »ist die Kenntnis des Französischen noch ein seltener Vorzug. Mache aber daraus ein Geheimnis gegen jedermann. Vornehme Engländer haben die Gewohnheit, französisch miteinander zu sprechen, wenn sie nicht von ihren Untergebenen verstanden sein wollen. In Deinem zukünftigen Leben kannst Du auf die Weise hinter Geheimnisse kommen, die Dir bei geschickter Mischung der Karten ein Vermögen verschaffen können. Jedenfalls ist dies der einzige Besitz, den ich Dir zurücklassen kann.«

Das war das Abschiedsgeschenk des Schurken an die Frau gewesen, die er betrogen hatte.

Sie hatte ihn zu bitter gehasst, um seinen Rat zu befolgen. Sie erachtete es im Gegenteil für besser und für ihren Zweck dienlicher, gleich zu erwähnen, dass sie französisch lesen, schreiben und sprechen könne, als ihr eine mildherzige, gütige Freundin, die jetzt nicht mehr in England lebte, die erste Stelle als Kammermädchen verschaffte. Der Erfolg erwies sich nicht nur als eine herbe Enttäuschung, sondern er diente ihr auch als Warnung für spätere Zeiten. Etwas so Außergewöhnliches wie die Kenntnis einer fremden Sprache bei einer Engländerin in so untergeordneter Lebensstellung schien ihrer Herrin äußerst verdächtig. Namentlich aber gestaltete sich ihr Zusammenleben mit den anderen Dienstboten, die ihr die überlegenen Sprachkenntnisse nicht verzeihen konnten, unerträglich, und sie verließ ihre Stellung.

Von dieser Zeit an hatte sie die Verheimlichung ihrer Kenntnis der französischen Sprache als eine Notwendigkeit betrachtet. Sie würde unzweifelhaft dies alles schon früher ihrer jetzigen Gebieterin anvertraut haben, wenn sich gerade die Gelegenheit dazu geboten hätte. Aber Iris hatte sie niemals zu Mitteilungen über den dunkelsten Punkt in ihrem Leben ermutigt. Als ihre Herrin dann heiratete, misstraute Fanny dem Lord und seinem intimen Freunde, - waren sie nicht beide Männer? - dachte an den Rat, den ihr der abgefeimte Franzose gegeben, und beschloss, eine Probe damit zu machen, nicht aus dem niedrigen Motiv, das er angeführt hatte, sondern in dem Vorgefühl, dass ihr dies einmal dazu dienlich sein werde, Vimpany zu entlarven und dadurch ihrer Wohltäterin einen Dienst zu erweisen.

»Vielleicht, Mylady«, wagte Fanny hinzuzusetzen, »kann es noch zu Ihrem eigenen Besten dienen, wenn Sie zu niemand etwas davon sagen, dass Sie ein Kammermädchen haben, das französisch gelernt hat.«

Iris maß sie mit einem ernsten und kalten Blick.

»Muss ich Sie daran erinnern«, sagte sie, »dass Sie mir zu dienen vorgeben, indem Sie meinen Gatten hinters Licht führen?«

»Der gnädige Herr wird mich auf der Stelle fortschicken«, entgegnete Fanny, »wenn Sie ihm sagen, was ich Ihnen anvertraut habe.«

Das war unwiderleglich richtig. Iris zögerte. In ihrer gegenwärtigen Lage war das Mädchen die einzige Freundin, auf die sie sich verlassen konnte. Vor ihrer Verheiratung würde sie unter allen Umständen davor zurückgeschreckt sein, derartige Dienste sich zunutze zu machen, wie sie die rückhaltlose Dankbarkeit Fannys ihr jetzt anbot. Aber die moralisch verdorbene Umgebung, in der sie jetzt lebte, konnte auf ihr eigenes Tun unmöglich ohne Einfluss bleiben. Die Herrin ließ sich herab, mit ihrer Dienerin ein Bündnis zu schließen.

»Sei es denn!« sagte sie; »täuschen Sie den Doktor, und ich will mir immer ins Gedächtnis zurückrufen, dass es zu meinem Heile geschieht. Respektieren Sie jedoch Ihren Herrn, wenn Sie wollen, dass ich Ihr Geheimnis bewahren soll. Ich verbiete Ihnen, auf das zu horchen, was Mylord sagt, wenn er morgen mit Mr. Vimpany sprechen wird.«

»Ich werde ohnehin keine Gelegenheit haben, Mylady«, erwiderte Fanny, »das zu erlauschen, was außerhalb des Hauses verhandelt wird. Ich kann aber jedenfalls den Doktor beobachten. Wir können nicht wissen, was er zu tun vorhat, während der gnädige Herr sich in der Sitzung befindet. Ich werde den Versuch machen, ob es mir gelingt, dem Schurken durch die Straßen nachzufolgen, ohne dass er mich bemerkt. Bitte, schicken Sie mich daher morgen mit irgendeinem Auftrage nach Paris!«

»Sie setzen sich aber da einer schweren Gefahr aus«, erinnerte Iris sie, »wenn Mr. Vimpany Sie entdeckt!«

»Ich werde schon meine Vorkehrungen dagegen treffen«, lautete die vertrauensvolle Antwort.

Iris willigte ein.

Achtundvierzigstes Kapitel

Am nächsten Morgen verließ Lord Harry das Haus in Begleitung des Doktors.

Nach langer Abwesenheit kam er allein zurück. Die schlimmsten Vermutungen seiner Gattin, die durch das, was Fanny ihr mitgeteilt hatte, wach geworden waren, wurden mehr als bestätigt durch die auffallende Veränderung, die sie jetzt an ihm wahrnahm. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Gesicht entstellt und seine Bewegungen langsam und matt. Er sah aus wie ein Mann, der durch einen inneren Konflikt heftig mitgenommen und fortwährend in Angst und Furcht erhalten war.

»Ich bin zum Tode müde«, sagte er; »gib mir ein Glas Wein!«

Rasch kam sie seinem Wunsche nach und wartete ängstlich auf die belebende Wirkung des Reizmittels.

Ohne ihn anzusehen sagte Iris:

»Du scheinst schlechte Nachrichten bekommen zu haben?«

Ebenfalls ohne aufzublicken, antwortete Lord Harry:

»Ja, auf dem Zeitungsbureau.«

Sie wusste, dass er sie belog, und sie fühlte, dass er es wusste. Eine Zeit lang sprachen beide kein Wort.

Die trägsten aller langsamen Minuten, die Minuten, die der Zweifel zählt, schlichen zögernd und immer zögernder dahin, bevor die ersten Anzeichen einer Veränderung sichtbar wurden. Er hob sein niedergesunkenes Haupt. Traurig und verlangend blickte er nach ihr hin. Der untrügliche Instinkt bewog sie, ihn anzureden.

»Ich wünschte, ich könnte Dir Deine Sorgen erleichtern«, sagte sie einfach. »Gibt es denn wirklich nichts, wodurch ich Dir helfen kann?«

»Komm her zu mir, Iris!«

Sie stand auf und ging zu ihm. In den vergangenen Tagen der Flitterwochen und ihrer süßen Tändeleien hatte sie oft auf seinen Knien gesessen. Er zog sie auch jetzt wieder auf seine Knie und schlang seinen Arm um sie.

»Gib mir einen Kuss!« sagte er.

Aus vollem Herzen küsste sie ihn. Er seufzte schwer; seine Augen ruhten auf ihr mit einem vertrauensvollen, bittenden Blicke, den sie noch niemals in ihnen bemerkt hatte.

»Warum trägst Du Bedenken, mir Dein Vertrauen zu schenken?« fragte sie. »Liebster Harry, glaubst Du denn, ich könnte nicht sehen, dass Dich etwas bedrückt?«

»Ja«, sagte er, »ich bedaure wirklich etwas!«

»Was denn?«

»Iris«, antwortete er, »ich bin betrübt darüber, dass ich Vimpany aufgefordert habe, zu uns zu kommen.«

Bei diesem unerwarteten Bekenntnis überflog ein leuchtender Strahl der Freude und des Stolzes das Gesicht seiner jungen Frau. Wiederum war es der untrügliche Instinkt der wahren Liebe, welcher sie zur Entdeckung der Wahrheit führte. Ihre Ansicht über seinen schlechten Freund musste sich im Laufe der geheimen Unterredung am heutigen Tage als zutreffend erwiesen haben. In der Absicht, ihren Gatten zu etwas Schlimmem zu verleiten, hatte Vimpany Worte ausgesprochen, die diesen verletzten und beleidigten. Das Ergebnis war, wie sie kaum zweifeln konnte, die Wiederherstellung ihres Einflusses im Hause - ob nur für eine Zeit lang oder für immer, darnach in diesem Augenblicke des Glückes zu forschen, lag nicht in ihrer Natur.

»Ich bin auch«, sagte sie, »von Herzen froh darüber, Dich allein nach Hause kommen zu sehen.«

Sie lebte der Hoffnung, dass der freundschaftliche Verkehr zwischen den beiden Männern nun zu Ende sei. Harrys Antwort enttäuschte sie bitter.

»Vimpany«, sagte er, »ist nur in Paris geblieben, um einen Empfehlungsbrief abzugeben. Er wird später nachkommen.«

»Bald?« fragte sie traurig.

»Ich denke, zum Diner.« Sie saß immer noch auf seinen Knien. Zärtlich drückte sie sein Arm an sich, als er sagte: »Hoffentlich wirst Du heute mit uns speisen, Iris?«

»Ja - wenn Du es wünschest.«

»Ich wünsche es sogar sehr. Es schreckt mich etwas davon ab, mit Vimpany allein zu speisen. Außerdem ist ein Mittagessen zu Hause ohne Dich gar kein Mittagessen.«

Sie dankte ihm für dieses kleine Kompliment durch einen freundlichen Blick. Doch wurde ihre Freude über die Liebenswürdigkeit ihres Gatten durch die Aussicht auf die Rückkehr des Doktors verbittert.

»Er wird wohl noch oft bei uns essen?« fragte sie gerade heraus.

»Ich hoffe nicht.«

Vielleicht war er sich bewusst, dass er eine etwas zu bestimmte und bejahende Antwort gegeben hatte, denn er suchte wenigstens das Gespräch auf einen ihm angenehmeren Gegenstand zu bringen.

»Liebe Iris, Du hast den Wunsch ausgesprochen, mir meine Sorgen zu erleichtern«, sagte er; »Du kannst mir in der Tat beistehen. Ich habe einen Brief zu schreiben, Iris, der sowohl für Dein als auch für mein Interesse von großer Wichtigkeit ist. Er muss noch mit der heutigen Post nach Irland abgehen. Du sollst ihn jedoch vorher lesen und mir dann sagen, ob Du mein Vorgehen billigst. Sorge dafür, dass ich nicht gestört werde, denn dieser Brief, kann ich Dir sagen, wird schwere Anforderungen an mein armes Gehirn stellen. Ich muss mein Zimmer aufsuchen, um ihn dort zu schreiben.«

Als Iris mit ihren Gedanken, die in der verschiedenartigsten Weise ihren Geist beschäftigten, allein gelassen war, wurde ihre Aufmerksamkeit bald von neuen Eindrücken in Anspruch genommen. Fanny Mere kam zurück, um ihr über ihre Erlebnisse in Paris Bericht zu erstatten.

Fanny hatte ihre Abfahrt von Passy so eingerichtet, dass sie vor Lord Harry und Mr. Vimpany in Paris ankam und dort auf deren Ankunft mit einem späteren Zuge wartete. Vom Bahnhof waren sie nach dem Zeitungsbureau gefahren, und das Mädchen war ihnen in einem andern Wagen gefolgt. Nachdem sich die beiden Herren getrennt hatten, begab sich der Doktor zu Fuß nach dem Luxembourg-Garten. Fanny, die ein einfaches schwarzes Kleid trug und durch einen dichten Schleier sich vor Erkennung geschützt hatte, ging ihm nach, hielt aber vorsichtigerweise immer einen genügenden Abstand inne, bald auf der einen Seite der Straße, bald auf der andern. Als Mylord wieder mit ihm zusammengetroffen war, behielt sie beide im Auge. Das war aber auch alles, was sie erreichen konnte, denn sie gingen in dem einsamsten und freiesten Teile des Gartens, den sie ausfindig machen konnten, in eifrigem Gespräche auf und ab. Nachdem sie sich ausgesprochen hatten, trennten sie sich wieder. Ihr Herr war der erste gewesen, der den Garten verließ und auf die Straße trat; er ging schnell davon und schien sich in aufgeregter und verzweifelter Stimmung zu befinden. Später erschien Mr. Vimpany; beide Hände in den Hosentaschen, schlenderte er ganz gemächlich einher und machte ein äußerst vergnügtes Gesicht, als ob ihn seine eigenen heimtückischen Gedanken höchlich amüsierten. Fanny war jetzt noch mehr als vorher darauf bedacht, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Der Weg, den er einschlug, führte sie nach dem berühmten Hospital, welches den Namen »Hotel Dieu« führt.

Sie sah, wie er am Eingange einen Brief aus der Tasche zog und denselben dem Portier übergab. Bald darauf erschien ein Mann, der ihn höflich begrüßte und in das Haus führte. Länger als eine Stunde wartete Fanny, um den Doktor wieder heraustreten zu sehen; aber sie wartete vergeblich. Was konnte er wohl in einem französischen Hospital zu tun haben? Und warum blieb er so lange in dieser Anstalt? Da Fanny dieses Geheimnis zu ihrem großen Verdrusse nicht enträtseln konnte und außerdem von dem vielen Umherwandern sehr ermüdet war, hielt sie es für das Beste, wieder nach Hause zurückzukehren, um ihrer Herrin Bericht zu erstatten und mit ihr das weitere zu überlegen.

Aber selbst, wenn Iris imstande gewesen wäre, ihr eine Aufklärung zu geben, hätte jetzt dazu die Zeit und die Gelegenheit gefehlt, denn Lord Harry betrat das Zimmer und hielt den Brief, den er soeben geschrieben, in der Hand. Selbstverständlich musste Fanny das Zimmer verlassen.

Neunundvierzigstes Kapitel

Der irische Lord hatte einige erklärende Worte vorauszuschicken, bevor er seiner Frau den Brief zu lesen gab.

Auf dem Zeitungsbureau hatte eine Versammlung der Besitzer des neuen Blattes stattgefunden, um die Bedingungen für eine neue Subskription festzustellen, welche sich infolge unvorhergesehener, aber im Interesse des Unternehmens nicht zu umgehender Ausgaben durchaus notwendig machte. Der Beschluss, der nach sorgfältiger Beratung gefasst wurde, stellte eine Forderung an die Geldbeutel der Eigentümer, welche in einschneidendster Weise die Summe verminderte, welche Lord Harry noch besaß. Gänzlicher Ruin starrte ihm ins Gesicht, wenn er nicht die nötigen Mittel beschaffen konnte, um den pekuniären Erfolg des Unternehmens ruhig abzuwarten; darüber konnten aber nach den verschiedenen Schätzungen noch sechs, vielleicht sogar noch zwölf Monate ins Land gehen.

»Unsere Lage ist verzweifelt genug«, sagte er, »um nach einem verzweifelten Hilfsmittel zu greifen. Erschrick nicht, Iris - ich habe an meinen Bruder geschrieben.«

Iris blickte ihn mit unverhohlenem Missmut an.

»Du hast mir doch erzählt«, sagte sie, »dass Du früher einmal an Deinen Bruder geschrieben hättest und dass er Dir in der schonungslosesten Weise durch seinen Advokaten hätte antworten lassen.«

»Ganz recht, liebe Iris. Aber diesmal spricht ein Umstand zu unseren Gunsten - mein Bruder steht im Begriff, sich zu verheiraten. Die junge Dame soll eine reiche Erbin sein und einen außerordentlich liebenswürdigen Charakter besitzen; wer mit ihr verkehrt, bewundert und verehrt sie. So eine glückliche Aussicht muss doch gewiss selbst das härteste Gemüt erweichen. Lies, was ich geschrieben habe, und sage mir dann, was Du davon denkst.«

Die Meinung der geliebten Frau ermutigte den verzweifelten Ehemann: der Brief wurde noch an demselben Tag mit der Post abgeschickt.

Wenn geräuschvolle Heiterkeit einen Mann bei Tisch angenehm machen kann, dann spielte in der Tat Mr. Vimpany nach seiner Rückkehr in die Villa die Rolle eines gern gesehenen Gastes. Er war unerschöpflich in galanten Aufmerksamkeiten gegen die Frau seines Freundes; er erzählte in der unterhaltendsten Weise die lustigsten Geschichten; er trank vergnügt den ausgezeichneten weißen Burgunder seines Wirtes und pries mit großer Sachkenntnis die wohlschmeckenden französischen Gerichte; er sprach mit Lord Harry über Politik, Sport und - was besonders merkwürdig in unseren Tagen - über Literatur. Der mit anderen Gedanken beschäftigte irische Edelmann war für alle drei Gegenstände in gleicher Weise unzugänglich. Als das Dessert auf den Tisch getragen wurde, brachte Mr. Vimpany, immer noch eifrig bemüht, sich Lady Harry so angenehm wie möglich zu machen, das Gespräch auf die Pflanzenzucht. Im Interesse des hübschen kleinen Gartens der Lady befürwortete er einen vollständigen Wechsel in dem System der Pflege und stützte sich dabei auf ein unlängst erschienenes und Iris wohlbekanntes Buch über Gartenbau und Blumenpflege in so widersinniger Weise, dass Iris in dem Eifer, ihn zu widerlegen, vom Tisch wegeilte, um das Buch zu holen. In demselben Augenblick, wo es ihm endlich gelungen war, sie aus dem Zimmer zu entfernen, wendete sich der Doktor an Lord Harry. Sein Wesen und seine Miene veränderten sich plötzlich und nahmen einen gebieterischen Ausdruck an.

»Nun, was haben Sie getan«, fragte er, »seitdem wir unser Gespräch in dem Luxembourg-Garten beendigt haben? Haben Sie sich Ihren leeren Geldbeutel betrachtet und sind Sie nun vernünftig genug geworden, meinen Vorschlag, wie er wieder gefüllt werden kann, anzunehmen?«

»So lange mir noch die leiseste Hoffnung bleibt«, antwortete Lord Harry, »werde ich zu jedem andern Mittel greifen, meine Kasse zu füllen, nur nicht zu dem Ihrigen.«

»Soll das heißen, dass Sie ein solches anderes Mittel gefunden haben?«

»Tun Sie mir den Gefallen, Vimpany, alle Fragen bis ans Ende der Woche aufzusparen.«

»Und dann soll ich die Antwort bekommen?«

»Ganz gewiss, ich verspreche es! - Still!«

Iris kam mit dem Buch in das Speisezimmer zurück, und der höfliche Mr. Vimpany gestand in der bereitwilligsten Weise zu, dass er sich geirrt habe.

Die noch übrigen Tage der Woche schlichen langsam dahin. Während dieser Zeit bewahrte Lord Harrys Freund sorgfältig die Haltung eines musterhaften Gastes - er verursachte so wenig Störung wie nur möglich. Jeden Morgen nach dem Frühstück fuhr der Doktor mit der Bahn nach Paris; jeden Morgen mit der gleichen Regelmäßigkeit folgte ihm die entschlossene Fanny Mere. Auf seinen Gängen durch die verschiedensten Stadtteile der französischen Hauptstadt blieb er jedes Mal vor einem öffentlichen Gebäude stehen, zog jedes Mal einen Brief aus der Tasche und wurde infolge dessen jedes Mal gebeten, einzutreten. Die Erkundigungen, welche Fanny mit bewunderungswürdiger Geduld immer wieder einzog, führten jedes Mal zu dem gleichen Ergebnis. Die verschiedenen öffentlichen Gebäude, die Mr. Vimpany betrat, waren alle demselben wohltätigen Zweck gewidmet. Wie das Hotel Dieu waren sie alle Hospitäler. Der Grund aber, weswegen sie der Doktor besuchte, blieb nach wie vor ein tiefes Geheimnis.

Am letzten Tag der Woche traf morgens in aller Frühe die Antwort von Lord Harrys Bruder ein. Als Iris es erfuhr, eilte sie sofort in das Zimmer ihres Gatten. Sie fand den Brief, schon in Stücke zerrissen, auf dem Boden liegend. Wie der Ton in dem Brief des herzlosen Earls das erstemal gewesen war, so war er auch jetzt wieder.

Iris schlang ihre Arme um den Hals ihres Gatten.

»O mein armer Liebling, was soll nun geschehen?«

Er antwortete mit dem einen trostlosen Wort:

»Nichts!«

»Gibt es denn niemand, der uns helfen kann?« fragte sie.

»O ja, es ist vielleicht noch eine Person da, die es könnte.«

»Wer ist es?«

»Wer sollte es anders sein als Du selbst, liebes Herz?«

Sie sah ihn mit unverhohlenem Erstaunen an.

»Sage mir nur, Harry, was ich tun kann.«

»Schreibe an Mountjoy und bitte ihn, mir das Geld zu leihen.«

Er sprach es aus. Mit diesen schamlosen Worten sprach er es aus. Sie, die Mountjoy dem Mann geopfert, den sie geheiratet hatte, sie wurde jetzt von diesem Mann aufgefordert, Mountjoys Liebe zu ihr zur Zahlung der Schulden ihres Gatten zu missbrauchen! Mit einem Schrei der Entrüstung wendete sich Iris von ihm weg.

»Schlägst Du mir es ab?« fragte er.

»Willst Du mich beleidigen, indem Du daran zweifelst?« antwortete sie.

Wütend riss er an der Glocke und stürzte aus dem Zimmer. Iris hörte, wie er auf der Treppe fragte, wo Mr. Vimpany sei. Der Diener erwiderte:

»In dem Garten, Mylord!«

Seine Zigarre gemächlich rauchend, sah der Doktor seinen aufgeregten irischen Freund aus dem Hause hervorstürzen.

»Laufen Sie doch nicht so«, rief er ihm in seiner unverschämten guten Laune entgegen, »und verlieren Sie nicht gleich den Kopf. - Nun, wie steht's? Wollen Sie endlich meinen Vorschlag annehmen, um aus Ihren Verlegenheiten herauszukommen? - Ja oder nein?«

»Sie teuflischer Schurke - ja!«

»Mein bester Lord, ich gratuliere Ihnen.«

»Wozu?«

»Dass Sie ein ebenso großer Schurke sind wie ich!«

Fünfzigstes Kapitel

Lord Harrys unwürdiger Vorschlag hatte einen Zustand bewusster Entfremdung zwischen Mann und Frau geschaffen.

Iris schloss sich in ihrem Zimmer ab. Ihr Gatte verbrachte die Stunden jedes Tages außerhalb des Hauses, zuweilen in der Gesellschaft des Doktors, zuweilen mit seinen Freunden in Paris. Seine Frau litt schwer unter der selbst auferlegten Trennung, zu welcher sie verwundeter Stolz und lebhafte Entrüstung veranlasst hatten. Kein Freund war in ihrer Nähe, zu dessen teilnahmsvollem Rat sie hätte Zuflucht nehmen können. Selbst ihr Mädchen brachte der einsamen Frau kein Mitgefühl entgegen.

Fanny Mere, die einzig und allein die Wohlfahrt ihrer Herrin im Auge hatte, lebte der festen Überzeugung, dass es für Lady Harry besser und heilsamer sei, wenn sie und ihr Gatte in Zukunft getrennt leben würden. Je länger Mylord darauf bestand, den Doktor als Gast in seinem Hause zu behalten, um so gefahrbringender wurde für ihn die Gesellschaft dieses gewissenlosen Schurken, der fähig war, jeden zu verderben, der ihm etwa hinderlich im Wege stand, mochte es nun Mann oder Frau, eine hochgestellte oder eine gewöhnliche Person sein. Soweit ein Mädchen in ihrer Lage sich die Freiheit nehmen durfte, tat Fanny ihr Möglichstes, um die Kluft zwischen ihrer Herrin und ihrem Gatten zu erweitern.

Kräftigere Truppen als sie führte mittlerweile der Doktor ins Gefecht.

»Ihre reizende Frau«, erklärte er, »hat einen ganz unversöhnlichen Charakter. Ziehen Sie daraus auf kluge Weise Nutzen; sagen Sie, Sie würden keine lästigen Einwendungen dagegen erheben, wenn Ihre Frau eine Trennung auf gegenseitiges stillschweigendes Übereinkommen wünsche. Verstehen Sie mich aber jetzt nicht falsch. Ich empfehle Ihnen nur die Art der Trennung, welche unserem Übereinkommen günstig ist. Sie wissen so gut wie ich, dass Sie mit einem einzigen Pfiff Ihre Frau zurückrufen können -« Lord Harry unterbrach den Doktor rauh: »Das ist eine gemeine Ausdrucksweise!« »Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt«, entgegnete der Doktor ruhig. »Wenn wir Lady Harry zu unserem großen Plan nötig haben, dann müssen Sie sie zurückrufen können. Inzwischen - ich bin ein sehr vorsichtiger und aufmerksamer Mann, wo es sich um Frauen dreht - handeln wir Mylady gegenüber doch nur sehr zartfühlend, wenn wir ihr die Entdeckung des - der - nun, wie soll ich nur unser zukünftiges Unternehmen nennen? - sagen wir einfach unseres kühnen Schelmenstückchens, ersparen, das Sie in der Achtung Ihrer Frau ganz und gar ruinieren könnte. Sehen Sie jetzt unsere Lage, wie sie wirklich ist? - Schön! Nun geben Sie mir aber die Flasche; lassen wir das Thema für heute ruhen.«

Der nächste Morgen brachte ein Ereignis, das den genialen Plan des Doktors, Iris von dem Schauplatz der Handlung zu entfernen, zunichte machte. Lord und Lady Harry begegneten sich zufällig auf der Treppe.

Da sie sich selbst misstraute, wenn sie etwa wagen sollte, ihren Gatten anzusehen, wendete Iris die Augen von ihm weg. Lord Harry sah darin fälschlicherweise einen Ausdruck ihrer Verachtung. Zorn übermannte ihn und er beschloss, Mr. Vimpanys Rat sofort zu befolgen.

Er öffnete die Tür des Speisezimmers, das in diesem Augenblick gerade leer war, und sagte zu Iris, er wünsche mit ihr zu sprechen. Was ihm sein schurkischer Freund in Betreff der Trennung zu sagen geraten hatte, das wiederholte er jetzt mit einer abstoßenden Kälte, die weit davon entfernt war, der Ausdruck seiner wirklichen Gefühle zu sein. Das Vorgehen war schlecht, aber es erreichte seine Wirkung. Zum ersten Male richtete seine Frau wieder das Wort an ihn.

»Ist das Deine wirkliche Meinung?« fragte sie.

Der Ton, in welchem sie diese Worte sprach, verriet in ergreifender Weise ihr schmerzliches Erstaunen; die süße Erinnerung an vergangene glückliche Tage in ihren Augen, die zitternde Angst, die sich in ihren halbgeöffneten, nach Atem ringenden Lippen kennzeichnete, rührte sein Herz, obgleich falscher und hässlicher Stolz dieses schöne Gefühl unterdrücken wollte. Er blieb still.

»Wenn Du unseres ehelichen Lebens müde bist«, fuhr sie fort, »so sage es, und lass uns voneinander gehen. Ich werde von Dir scheiden ohne Bitten und ohne Vorwürfe. Welchen Schmerz ich auch empfinde, Du sollst es nicht bemerken.«

Ein flüchtiges Rot färbte vorübergehend ihre Wangen, dann wurden sie wieder so blass wie vorher. Sie zitterte unter dem Bewusstsein der wiederkehrenden Liebe - der blinden Liebe, die sie auf so grausame Weise irregeführt hatte. In dem Augenblick, wo sie gerade Festigkeit so nötig hatte, sank ihr der Mut. Aber sie kämpfte tapfer gegen ihre Schwäche und fand sich auch wieder. Ruhig und sogar fest forderte sie von ihrem Gatten Erklärung.

»Soll Dein Schweigen bedeuten, dass es wirklich Dein Wunsch ist, ich soll Dich verlassen?« fragte Iris.

Kein Mann, der sie so zärtlich geliebt hatte wie ihr Gatte, konnte dieser rührenden Selbstbeherrschung widerstehen. Er antwortete seiner Frau, ohne ein Wort laut werden zu lassen - er streckte ihr beide Arme entgegen. Die verhängnisvolle Versöhnung wurde stillschweigend geschlossen.

Beim Mittagessen erwartete Mr. Vimpany ein überraschender Anblick; seine Lippen verzogen sich zu einem unverschämten, höhnischen Lächeln. Mylady erschien wieder auf ihrem Platz an der Mittagstafel. Zur gewöhnlichen Zeit ließ später Iris die beiden Herren beim Wein allein. Der leichtsinnige, sorglose irische Lord, erfreut über die Wiederversöhnung mit seiner Gattin, leerte in der heitersten Stimmung sein Glas. Des Doktors mephistophelische Heiterkeit, der seinen Freund verstand, zugleich aber auch verachtete, erging sich darauf in allerlei witzigen Erinnerungen an sein eigenes eheliches Leben.

»Wenn ich für jeden Streit zwischen Mrs. Vimpany und mir«, sagte er, »einen Sovereign hätte fordern können, so würde ich mich jetzt entschieden zu niedrig taxieren, wenn ich meinen Wert auf tausend Pfund angeben würde. Wie steht es denn mit Eurer Lordschaft in dieser Beziehung? Könnten wir ein Dutzend Streite in Ihrer Ehe bis jetzt annehmen?«

»Sagen Sie zwei Zwiste; es werden keine weiteren folgen!« antwortete sein Freund heiter.

»Keine weiteren folgen?« wiederholte der Doktor. »Meine Erfahrung sagt, dass noch genug kommen werden. Ich habe noch niemals in meinem ganzen Leben zwei Menschen gesehen, welche weniger darnach angetan sind, ein friedliches Eheleben zusammen zu führen, wie Sie und Mylady. Ha, ha, Sie lachen darüber? Es ist meine Gewohnheit, meine einmal geäußerte Meinung aufrecht zu erhalten. Ich wette ein Dutzend Flaschen Champagner, dass zwischen Ihnen und Ihrer Frau, bevor noch dieses Jahr vergangen ist, ein Streit ausbrechen wird, welcher Sie beide für immer trennt. Nehmen Sie die Wette an?«

»Angenommen!« rief Lord Harry. »Leeren wir ein volles Glas auf das Wohl meiner Frau, Vimpany! Sie soll das erste Glas von Ihrem Champagner auf das Verderben aller falschen Propheten trinken!«

Die Post brachte am nächsten Morgen zwei Briefe, von denen einer den Poststempel London trug und an Lady Harry Norland adressiert war. Er kam von Mrs. Vimpany und enthielt auch einige Zeilen, welche Hugh beigefügt hatte.

»Meine Kräfte kehren jetzt langsam zurück«, schrieb er. »Meine liebenswürdige und treue Pflegerin sagt, dass alle Gefahr der Ansteckung vorüber sei. Sie können nun wieder an Ihren alten Freund schreiben, wenn Lord Harry nichts dagegen hat, so harmlos wie in der glücklichen Vergangenheit. Meine schwache Hand fängt schon wieder an zu zittern. Wie glücklich ich sein werde, von Ihnen zu hören, brauche ich gar nicht ausdrücklich zu bemerken.«

In ihrer Freude über den Empfang dieser guten Nachrichten nahm Iris ohne weiteres an, ihr Gatte würde sie seinerseits ebenso freudig begrüßen. Sie bestand daher darauf, ihm den Brief vorzulesen. Kalt antwortete Lord Harry: » Es freut mich sehr, dass es Mr. Mountjoy wieder gut geht«, und vertiefte sich von neuem in seine Zeitung. War die unwürdige Eifersucht noch mächtig genug, ihn selbst in diesem Augenblick zu beherrschen? Seine Frau hatte sie vergessen, warum hatte er sie nicht auch vergessen?

Am nämlichen Tag beantwortete Iris Hughs Schreiben mit demselben Vertrauen und derselben Aufrichtigkeit wie in den vergangenen Tagen vor ihrer Heirat. Nachdem sie das Couvert geschlossen und adressiert hatte, fand sie, dass ihr kleiner Vorrat von Briefmarken erschöpft sei, und rief nach ihrem Mädchen. Mr. Vimpany ging gerade an der geöffneten Tür des Zimmers vorüber, als sie eine Briefmarke verlangte; er hörte, wie Fanny sagte, dass sie ihrer Herrin nicht aushelfen könnte.

»Erlauben Sie, mich nützlich zu machen«, sagte der höfliche Doktor, entnahm seinem Notizbuch eine Briefmarke und klebte sie selbst auf das Couvert Nachdem er darauf die Treppe hinuntergegangen war, konnte es Fanny nicht unterlassen, ihrem Misstrauen gegen den Doktor wieder Ausdruck zu geben.

»Er wollte nur wissen, an wen Sie geschrieben haben«, sagte sie. »Ich werde Ihren Brief selbst auf die Post tragen, damit er auch sicher fortkommt«, und fünf Minuten später lag er im Briefkasten.

Inzwischen war Mr. Vimpany in den Garten gegangen und hatte den zweiten der Briefe gelesen, welche heute morgen gekommen waren. Der Brief war an ihn adressiert.

Als Fanny von dem Postamt zurückgekommen war, hatte sie Gelegenheit, ihn zu beobachten, während sie sich in dem Gewächshaus zu schaffen machte. Sie wollte die vertrockneten Blumen begießen, welche während der letzten unruhigen Tage in der Villa sehr vernachlässigt worden waren.

Nachdem der Doktor seinen Brief zum zweiten Male durchgelesen hatte, bemerkte er Fanny, schickte sie in das Haus und ließ Lord Harry um eine Unterredung bitten. Lord Harry kam in den Garten herunter, sah sich den Brief an, gab ihn wieder zurück und wendete sich ab. Der Doktor folgte ihm und sagte etwas, worauf Lord Harry zu widersprechen schien. Nichtsdestoweniger fuhr Mr. Vimpany zu sprechen fort und erreichte auch augenscheinlich seinen Zweck. Die beiden Herren studierten darauf eifrig den Eisenbahnfahrplan und eilten dann zusammen weg, um noch zur rechten Zeit den Zug nach Paris zu erreichen.

Fanny Mere kehrte in das Gewächshaus zurück und nahm ihre Beschäftigung bei den Pflanzen zerstreut wieder auf. Zu welchem gefährlichen Zweck hatte der Doktor das Haus verlassen, und warum hatte er diesmal den Lord mitgenommen?

Die Zeit war vorüber, wo Fanny es versuchen konnte, diese Frage dadurch zu beantworten, dass sie kühn den beiden Herren nach Paris folgte und dank ihrem dichten Schleier und ihrem Glück und dadurch, dass sie einen andern Wagen des Zuges wählte, einer Entdeckung entging. Obgleich ihre falsch beurteilte Einmischung in die häuslichen Angelegenheiten der Lady Harry ihr verziehen worden, hatte sie ihre Herrin doch nicht wieder rückhaltlos in ihr Vertrauen aufgenommen. Lady Harry hatte ihr zur Bedingung gemacht, dass sie sich jeder weiteren Meinungsäußerung über ihren Gatten enthalte und die Beschützung ihrer Herrin, wenn eine solche überhaupt notwendig war, demjenigen überlasse, dem sie allein zustand: Lord Harry.

»Ich erkenne dankbar Ihre freundlichen Absichten an«, hatte Iris mit ihrer gewohnten zarten Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer gesagt, »aber ich wünsche von Ihnen niemals wieder über Mr. Vimpany zu hören und ebensowenig über den eigentümlichen Argwohn, der Sie zu beunruhigen scheint.«

Fanny blieb nichtsdestoweniger ihrer Herrin in der dankbarsten Weise ergeben; sie sah diesen Wechsel in dem Verhalten Myladys als eine der bedauernswürdigen Folgen ihrer Wiederversöhnung mit Lord Harry an und wartete ergeben auf die Zeit, die ihr kluges Misstrauen gegen die beiden in der Wahl ihrer Mittel nicht sehr bedenklichen Herren rechtfertigen würde.

Auf diese Weise für jetzt zur Untätigleit verdammt, ging Lady Harrys Kammermädchen in dem Gewächshaus gereizt auf und ab und vergaß auch ihrerseits die Blumen. Durch die offene Tür an der Rückseite der Villa ließ die billige Uhr ihre rauhe, dünne Stimme ertönen, indem sie die Stunde anzeigte. »Ich möchte doch wissen«, sagte Fanny zu sich selbst, »ob diese beiden Elenden wieder den Weg in irgendein Hospital eingeschlagen haben.«

Zufälligerweise traf ihre Vermutung das Richtige. Die Beiden traten um dieselbe Zeit wirklich in ein Hospital, das dem Doktor durch mehr als einen früheren Besuch wohlbekannt war. An der Türe trafen sie mit einem französischen Arzt zusammen, der an der Anstalt angestellt war. Es war derselbe, welcher den Brief geschrieben hatte, den Mr. Vimpany heute morgen empfing.

Der Herr ging voraus und zeigte ihnen den Weg. Er führte die beiden Fremden in den Kreis der französischen Berühmtheiten, welche gerade bei einem interessanten Fall versammelt waren.

Mr. Vimpany hatte sich in der befriedigendsten Weise eingeführt. Er war ein Mitglied der Ge-nossenschaft der englischen Ärzte; er war zugleich der Freund und Kollege des berühmten Vorsitzenden dieser Genossenschaft, welcher ihn an den leitenden Oberarzt des Hotel Dieu empfohlen hatte. Andere Empfehlungen an hervorragende Pariser Ärzte waren aus der einen hervorgegangen. Auf diese Vorteile gestützt, erklärte Mr. Vimpany, dass er die Entdeckung einer neuen Vehandlungsweise von Lungenkranken gemacht habe. Da er in Paris seine ärztliche Bildung genossen, so fühle er sich auch in dankbarster Anerkennung veranlasst, sich unter die Protektion der Fürsten der Wissenschaft zu stellen, welche in der glänzenden Hauptstadt Frankreichs wohnten. In diesem Hospitale habe er endlich nach vielen fruchtlosen Nachforschungen in ähnlichen Anstalten einen Patienten gefunden, der an der Form von Lungenschwindsucht darniederliege, die ihm den Fall gewähre, den er brauche. Es wäre unmöglich, dass er seinem neuen System gerecht werden könnte, wenn nicht die Umstände ganz ausnahmsweise günstig wären. Reine Luft, die besser sei als gewöhnlich die Luft einer großen Stadt, und die Annehmlichkeit eines Zimmers, das nicht von anderen Kranken geteilt würde, seien zwei für den Erfolg des Versuches ganz unerlässliche Bedingungen. Diese und andere Vorteile seien ihm nun durch seinen edlen Freund in hochherziger Weise zur Verfügung gestellt worden. Lord Harry Norland sei bereit, jede nähere Erklärung abzugeben, welche die gerade anwesenden Berühmtheiten zu fordern für nötig hielten. - Nach diesen einleitenden Erörterungen, die volle Billigung fanden, traten alle zusammen an das Bett des Kranken, der der Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses des englischen Arztes war.

Der Patient hieß Oxbye. Von Geburt ein Däne, begleitete er in seiner Heimat die Stellung eines Lehrers. Seine Kenntnis der englischen und französischen Sprache hatte ihm die Möglichkeit gewährt, nach Paris zu gehen, wo er Beschäftigung als Übersetzer und Abschreiber fand. Während er sich auf diese Weise seinen kärglichen Lebensunterhalt verdiente, hatte ihn ein Lungenleiden auf das Krankenlager geworfen, welches ihn zwang, seine Zuflucht zu dem Hospital zu nehmen. Nachdem der französische Arzt, unter dessen Behandlung der Kranke sich befand, erklärt hatte, er habe seine bisherigen Beobachtungen in einem Schreiben an den englischen Kollegen niedergelegt, und nachdem er noch offen eingestanden, dass seine Behandlungsweise nicht die erwarteten Erfolge gehabt habe, wurde dem Dänen mitgeteilt, was Mr. Vimpany mit ihm beabsichtige, und die Frage an ihn gerichtet, ob er hier bleiben oder das Anerbieten von Mr. Vimpanys wohltätigem Freund annehmen wolle.

Die glückliche Aussicht auf eine Veränderung und auf ein eigenes Zimmer, welche ihm die Aufnahme in das Haus des vornehmen Mannes gewährte, das überdies auch einen Garten hatte, in dem er spazieren gehen und sein Auge an dem Anblick der Blumen erfreuen konnte, sobald es ihm wieder besser ging, bestimmten Oxbye, das hochherzige Anerbieten sofort anzunehmen.

»Bitte, lassen Sie mich dorthin«, sagte der arme Mensch, »es wird dann sicherlich besser mit mir werden.« Ohne sich seinem Entschluss zu widersetzen, erinnerten ihn die verantwortlichen Direktoren des Hospitals doch daran, dass er im Drang des Augenblicks seine Entscheidung getroffen habe; sie hielten es daher für ihre Pflicht, ihm noch einige Zeit zur genaueren Überlegung zu geben.

In der Zwischenzeit hatten einige der Herren, welche an dem Bett standen, indem sie bald den Kranken, bald den philanthropischen Lord ansahen, eine gewisse zufällige Ähnlichkeit zwischen dem Kranken und Lord Harry entdeckt. Die Forderung der Höflichkeit hatte ihnen jedoch nur gestattet, diese merkwürdige Ähnlichkeit unter sich selbst zu besprechen. Später indessen, als die Herren sich verabschiedet hatten und Mr. Vimpany mit Lord Harry sich allein auf der Straße befand, trug der Doktor kein Bedenken, auf den Gegenstand einzugehen, den die Franzosen aus angeborener Höflichkeit nicht berührt hatten.

»Haben Sie sich den Dänen angesehen?« fragte er ganz unvermittelt.

»Natürlich.«

»Und haben Sie die Ähnlichkeit bemerkt?«

»Nein.«

Das laute Gelächter des Doktors machte die Leute, welche auf der Straße neben ihnen gingen, stutzig.

»Das ist wieder ein neuer Beweis für die Richtigkeit des Ausspruches: Kein Mensch kennt sich selbst. Sie können unmöglicherweise diese Ähnlichkeit leugnen.«

»Haben Sie sie denn bemerkt?« fragte Lord Harry.

Mr. Vimpany antwortete auf diese Frage in höhnischem Ton:

»Ist es denn wahrscheinlich, dass ich mich all dieser Mühe unterzogen hätte, um in den Besitz dieses Mannes zu kommen, wenn ich nicht die auffallende Ähnlichkeit zwischen Ihrem und seinem Gesicht gesehen hätte?«

Der irische Lord sagte nichts weiter.

Als ihn sein Freund fragte, warum er denn so schweigsam sei, lautete die kurze und schroffe Antwort:

»Mir behagt das Thema nicht.«

Einundfünfzigstes Kapitel

Am Abend desselben Tages fand Fanny Mere, als sie mit dem Kaffee das Speisezimmer betrat, Lord Harry und Mr. Vimpany allein und entdeckte sofort, als sie die Tür öffnete, dass sie die Sprache, in der sie sich bis jetzt unterhalten hatten, plötzlich wechselten; sie redeten auf einmal französisch miteinander. Fanny verlängerte daher ihren Aufenthalt in dem Zimmer, anscheinend, um die verschiedenen Gegenstände auf dem Büffet in Ordnung zu bringen. Ihr Herr sprach gerade während dieser Zeit; er fragte, ob der Doktor so glücklich gewesen sei, ein Schlafzimmer in der Nachbarschaft für sich zu finden. Mr. Vimpany antwortete darauf, dass es ihm gelungen sei; er habe ferner auch sich mit noch etwas anderem versehen, was er notwendig in Bereitschaft halten müsse, »das heißt«, fuhr er in seinem schlechten Französisch fort, »ich habe einen photographischen Apparat gemietet. Wir sind jetzt genügend vorbereitet, um unseren interessanten dänischen Gast empfangen zu können.«

»Und wenn nun der Mann kommt, was soll ich dann meiner Frau sagen? Woher soll ich eine Entschuldigung nehmen, wenn sie hört, dass ein Kranker aus dem Hospital ihr Schlafzimmer mit meiner Einwilligung in Besitz genommen hat und dass Sie ihn behandeln wollen?«

Der Doktor schlürfte ruhig seinen Kaffee.

»Wir haben den Berühmtheiten eine Geschichte erzählt, und sie haben sich damit zufrieden gegeben«, antwortete er kalt. »Wiederholen Sie dieselbe Geschichte Ihrer Frau.«

»Sie wird sie nicht glauben«, entgegnete Lord Harry.

Mr. Vimpany wartete, bis er sich eine neue Zigarre angebrannt und sich zu seiner Befriedigung überzeugt hatte, dass sie es wert war, geraucht zu werden.

»Sie haben sich selbst dieses Hindernis zu verdanken«, sagte er dann. »Wenn Sie meinem Rat gefolgt wären, würde Ihre Frau jetzt nicht im Wege stehen. Ich sehe schon, ich muss die Sache auf mich nehmen. Wenn es Ihnen misslingt, dann überlassen Sie Mylady nur mir. Wir brauchen aber eine Pflegerin für unsern armen, lieben Kranken; wo sollen wir eine finden?«

Dieser Schwierigkeit Ausdruck gebend, trank er seinen Kaffee aus und sah sich nach der Cognacflasche um, die sonst immer auf dem Tische stand. Dabei bemerkte er zufällig Fanny. Überzeugt, dass ihrer Herrin Gefahr drohte nach dem, was sie soeben gehört hatte, war sie von Furcht und Verwirrung so eingenommen, dass sie vergaß, ihre Rolle zu spielen. Anstatt sich wie bisher an dem Büffet zu schaffen zu machen, kehrte sie demselben den Rücken und hörte offenbar zu. Der schlaue Mr. Vimpany gab, nachdem er sich in den Besitz des Cognacs gesetzt hatte, einen einfachen Wunsch zu erkennen, um sie für einen Augen¬blick zu entfernen.

»Etwas frisches Wasser, wenn ich bitten darf!« war alles, was er sagte. Sobald Fanny das Zimmer verlassen, wandte er sich in englischer Sprache an seinen Freund, während er die Tür im Auge behielt:

»Eine recht angenehme Neuigkeit für Sie, mein Freund - wir sind in eine hübsche Falle geraten - Lady Harrys Kammermädchen versteht französisch.«

»Ganz unmöglich!« erklärte Lord Harry.

»Wir wollen sie auf die Probe stellen«, antwortete Mr. Vimpany. »Geben Sie genau acht, wenn sie wieder hereinkommt.«

»Was haben Sie vor?«

»Ich werde sie mit einigen französischen Worten überrumpeln; achten Sie auf den Erfolg.«

Kurz darauf kehrte Fanny mit dem frischen Wasser in das Zimmer zurück. Als sie die Glaskaraffe vor Mr. Vimpany hinstellte, legte er plötzlich seine Hand auf ihren Arm, sah ihr gerade ins Gesicht und sagte:

»Vous nous avez mis dedans, drôlesse, vous entendez le francais.«

Ein Blick, gemischt aus Zorn und Angst, den sie vergeblich zurückzuhalten suchte, schrieb das offene Geständnis auf Fannys Gesicht. Sie war entlarvt und hatte hören müssen, dass man sie »drôlesse« nannte; so stand sie vor den beiden Herren, ihr eigenes Benehmen hatte sie schuldig gesprochen. Lord Harry drohte ihr erzürnt mit sofortiger Entlassung aus seinem Dienst. Der Doktor aber trat dazwischen.

»Nein, nein«, sagte er, »Sie dürfen Mylady nicht so ohne weiteres ihres Kammermädchens berauben - so eines klugen und geschickten Mädchens«, fügte er mit boshaftem Lächeln hinzu. »Fanny ist eine gebildete Person, die französisch versteht und zu bescheiden ist, es einzugestehen.«

Der Doktor hatte Fanny manch ermüdenden und manch erfolglosen Weg geführt, als sie ihm auf seinen geheimnisvollen Wegen nachgeschlichen war; er hatte ihr jetzt mit voller Überlegung eine Beleidigung zugefügt, als er sie »drôlesse« nannte, und er setzte nun seiner Beleidigung die Krone auf, indem er verächtlich von ihrer Bescheidenheit und ihrer Kenntnis der französischen Sprache redete. In die Enge getrieben, versuchte jetzt Fanny den geheimen Plan, dessen Seele Mr. Vimpany war, zu entdecken durch ein Vorgehen, verwegen genug, um des Doktors würdig zu sein.

»Meine Kenntnis der französischen Sprache hat mir allerdings etwas verraten«, begann sie. »Ich habe gehört, Mr. Vimpany, dass Sie eine Pflegerin für Ihren Kranken brauchen. Wollen Sie, wenn es Mylord erlaubt, einen Versuch mit mir machen?«

Diese Kühnheit Fannys war doch mehr, als ihres Herrn Geduld ertragen konnte. Er befahl ihr, sofort das Zimmer zu verlassen.

Der friedfertige Doktor trat wieder dazwischen.

»Mein lieber Lord«, sagte er, »ich bitte Sie, nicht zu hart gegen das junge Mädchen zu sein.« Dann wandte er sich wieder an Fanny und machte den Versuch, wohlwollend auszusehen, was aber nur das boshafte Lächeln auf seinem Gesicht wieder erscheinen ließ. »Ich danke Ihnen, meine Liebe, für Ihr Anerbieten«, sagte er freundlich. »Ich werde Sie morgen wissen lassen, ob wir es annehmen.«

Fannys erzürnter Herr, der nicht vergessen konnte, dass sie ihn getäuscht, zeigte nach der Tür. Sie dankte Mr. Vimpany und ging hinaus.

Lord Harry sah seinen Freund mit ärgerlichem Erstaunen an.

»Sind Sie denn toll?« fragte er.

»Sagen Sie mir erst das eine«, entgegnete der Doktor, »fließt in den Adern Ihrer Familie auch englisches Blut?«

Lord Harry antwortete mit einem Ausdruck seines patriotischen Gefühls:

»Leider muss ich sagen, dass meine Familie auf diese Weise verdorben worden ist, denn meine Großmutter war eine Engländerin.«

Mr. Vimpany nahm diesen Auszug aus dem Familienregister des Lords mit der ihm eigenen Ruhe auf.

»Es gewährt mir eine wahrhafte Erleichterung, dies zu hören«, sagte er, »Sie werden dann vielleicht doch etwas von dem gesunden englischen Verstand durch Ihre Großmutter geerbt haben. Ich will wenigstens versuchen, ob es der Fall ist. Dieses Mädchen ist viel zu verwegen und viel zu klug, um wie ein gewöhnlicher Dienstbote behandelt zu werden. Ich bin sehr geneigt, anzunehmen, dass sie Ihrer Frau als Spionin dient. Ob ich nun recht habe, oder ob ich mich darin irre, das können wir, so viel ich sehe, nur auf eine Weise herausbringen: wir müssen sie zur Pflegerin des Dänen machen. Halten Sie mich jetzt immer noch für verrückt?«

»Für verrückter denn je.«

»Nun, dann haben Sie eben nichts von dem gesunden englischen Verstand Ihrer Großmutter geerbt. Jetzt hören Sie mir einmal zu. Laufen wir denn die geringste Gefahr, wenn Fanny in ihrem Interesse es für nötig hält, uns zu verraten? Wir wollen uns doch einmal fragen, was sie denn eigentlich herausbekommen haben kann. Sie weiß, wir wollen einen kranken Mann aus dem Hospital hieher bringen. Weiß sie aber, wozu wir ihn brauchen? - Nein, das weiß sie nicht. Weder Sie noch ich haben darüber ein Wort verlauten lassen. Sie hat dann ferner gehört, wie wir beide darin übereinstimmten, dass Ihre Frau uns im Wege ist. Was tut das? Hat sie uns denn sagen hören, warum wir nicht wünschen, dass Ihre Frau unsern Plan entdeckt? - Nein, das hat sie auch nicht. Nun also! Wenn Fanny dann Oxbyes Pflegerin ist, so wird sie auch nicht seinen Tod verhindern und somit auch nicht das, was wir durch den Tod des Dänen gewinnen wollen. O, Sie brauchen nicht so entsetzt auszusehen; ich meine selbstverständlich seinen natürlichen Tod, den die Schwindsucht herbeiführen wird. Kein Verbrechen, mein lieber Freund, kein Verbrechen!«

Der irische Lord, welcher neben dem Doktor saß, rückte seinen Stuhl eilig weg.

»Wenn in meinen Adern englisches Blut fließt«, sagte er, »so will ich Ihnen etwas sagen, Vimpany: dann fließt in Ihren Adern teuflisches.«

»Alles, was Sie wünschen, nur kein irisches Blut«, entgegnete der kaltblütige Schurke.

Als Mr. Vimpany diese freche Antwort gab, kam Fanny wieder herein mit einer genügenden Entschuldigung für ihr Wiedererscheinen. Sie meldete, dass ein Bote aus dem Hospital draußen sei, welcher den englischen Doktor zu sprechen wünsche.

Es war ein junger Mann, der in dem Sekretariat des Hospitals angestellt war. Oxbye beharrte auf seinem Entschluss und wünschte sehnlichst, in die Behandlung Mr. Vimpanys zu kommen. Die Ärzte wollten sich nur noch über eines vergewissern, und damit war der junge Mann beauftragt. Der ärztlichen Behandlung durch Mr. Vimpany konnten sie vollständiges Vertrauen schenken, aber sie wollten auch ihrer Verantwortlichkeit gegenüber sichergestellt sein, dass der Däne von einer zuverlässigen Wärterin gepflegt werde. Wenn Mr. Vimpany die Person, die er dazu bestimmt hätte, in dem Hospital vorstellen könnte, so würde er ihnen einen großen Gefallen erweisen. Sobald dann auch diese Angelegenheit zur vollständigen Zufriedenheit erledigt sei, könne Oxbye unverweilt in sein neues Quartier überführt werden.

Am nächsten Morgen begab sich in der Villa von Passy der erste in einer langen Reihe von Vorfällen, die kein prophetischer Geist hätte vorhersehen können. Mr. Vimpany und Fanny Mere verließen gemeinsam Passy und fuhren miteinander nach Paris.

Zweiundfünfzigstes Kapitel

Der Tag, an welchem der Doktor die neue Krankenpflegerin mit sich in das Hospital nahm, sollte Iris in traurigem Andenken bleiben.

Am Morgen hatte Fanny Mere sie um die Erlaubnis gebeten, ausgehen zu dürfen. Vor kurzem noch hatte Lady Harry ihr so oft dazu die Erlaubnis erteilt. Diesmal jedoch entschloss sie sich, da die früheren Ausgänge Fannys das gewünschte Ergebnis nicht gehabt hatten und weil sie auch nicht mehr mit ihrer Untergebenen gemeinsame Geheimnisse haben wollte, die Erlaubnis zu verweigern. Fanny versuchte keine Einwendungen und verließ schweigend das Zimmer.

Eine halbe Stunde später klingelte Iris nach ihrem Kammermädchen. Daraufhin erschien die Köchin und meldete als Entschuldigung für ihr Kommen, dass Fanny Mere ausgegangen sei. Iris war über diese unbekümmerte Missachtung ihres Befehls von seiten einer Person, welche ihr noch vor kurzem ihre dankbare Ergebenheit ausgedrückt hatte, mehr betrübt als erzürnt. Zur Köchin sagte sie nur:

»Schicken Sie Fanny sofort zu mir, wenn sie zurückkommt.«

Zwei Stunden vergingen, ehe dies der Fall war.

»Ich habe Ihnen die Erlaubnis nicht gegeben, heute morgen auszugehen, und Sie haben sich trotzdem die Freiheit genommen, zwei Stunden lang das Haus zu verlassen. Sie hätten mir wohl auf eine etwas passendere Weise zu verstehen geben können, dass Sie die Absicht haben, meinen Dienst zu verlassen.«

Höflich wie immer antwortete Fanny:

»Ich will Ihren Dienst gar nicht verlassen, Mylady.«

»Was soll dann Ihr Benehmen bedeuten?«

»Es bedeutet, wenn Sie nichts dagegen haben, dass ich eine Pflicht zu erfüllen hatte, und dass ich sie erfüllt habe.«

»Eine Pflicht gegen sich selbst?« fragte Iris.

»Nein, Mylady, eine Pflicht gegen Sie.«

Gerade als sie diese Antwort gab, wurde die Tür geöffnet, und Lord Harry betrat das Zimmer. Als er Fanny Mere erblickte, kehrte er sogleich um und wollte hinausgehen.

»Ich wusste nicht, dass Dein Kammermädchen bei Dir ist«, sagte er. »Ich werde später wiederkommen.«

Dass ihr Gemahl einen Dienstboten als ein Hindernis ansah, wenn er mit ihr zu sprechen wünschte, war ein durchaus unpassendes Zugeständnis für den Herrn des Hauses und ganz und gar entgegengesetzt seiner gewöhnlichen Ansicht von dem, was ihm zustand. Iris rief ihn erstaunt zurück. Sie sah ihr Mädchen an, das sogleich ihre Herrin verstand und sich zurückzog.

»Was hat denn das zu bedeuten?« fragte sie ihren Gemahl, als sie allein waren. Alsbald bemerkte sie eine gewisse Verlegenheit und Verwirrung in seinem Wesen, die sie beunruhigte. »Ist irgendetwas geschehen«, fragte sie, »das so ernst ist, dass Du Bedenken trägst, es mir mitzuteilen?«

Er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Der zärtliche Blick aber, den sie so gut kannte, sprach jetzt nicht aus seinen Augen; sie drückten im Gegenteil Zweifel aus.

»Ich fürchte, ich werde Dich unangenehm überraschen.«

»Lass mich nicht lange im unklaren, was es ist«, entgegnete sie. »Sag' es mir rund heraus.«

Er lächelte gezwungen.

»Es handelt sich um Vimpany.«

Nachdem er so weit gekommen war, schwieg er wieder still. Sie entzog ihm ihre Hand.

»Ich verstehe jetzt«, sagte sie; »ich muss mir Mühe geben, mich zu beherrschen. Du hast mir jedenfalls etwas zu sagen, was mich erregen wird.«

Er hob seine Hände auf in komischem Protest.

»O mein Liebling, da hast Du wieder einmal Deine allzu lebhafte Einbildung, die aus der Mücke einen Elefanten macht, wie es im Sprichwort heißt; es ist nicht halb so ernst, wie Du Dir zu denken scheinst. Ich will Dir nur sagen, dass eine kleine Veränderung stattfinden wird.«

»Eine kleine Veränderung?« wiederholte sie. »Was für eine denn?«

»Nun, mein Liebling, Du siehst -« Er stockte, nahm sich aber dann wieder zusammen und fuhr fort: »Du musst nämlich wissen, dass Vimpanys Pläne sich geändert haben. Er wird nicht länger das Zimmer hier in unserer Villa bewohnen.«

Iris sah unaussprechlich erleichtert aus.

»Er will endlich weggehen?« rief sie. »O Harry, warum hast Du mich so geängstigt? - Das solltest Du niemals wieder tun. Es sieht Dir gar nicht ähnlich. Es ist grausam, mich wegen nichts zu beunruhigen. Mr. Vimpanys Zimmer wird für mich von jetzt an der interessanteste Raum im ganzen Hause sein, wenn ich abends hineinsehen werde.«

Lord Harry stand auf und trat ans Fenster. Iris kannte den Grund dieser Bewegung nur zu gut, sie folgte ihm und trat an seine Seite. Es war für sie jetzt gar kein Zweifel mehr vorhanden, dass ihr Mann ihr noch mehr zu sagen hatte, und dass er nur noch nicht wusste, wie er es seiner Frau mitteilen sollte.

»Fahre fort!« sagte sie still ergeben.

Er hatte erwartet, dass sie seinen Arm nehmen würde oder dass sie ihm schmeicheln oder ihn wenigstens durch ihre freundlichen Worte oder ihr süßes Lächeln ermutigen würde. Aber die andauernde Selbstbeherrschung, welche sie jetzt bewies, legte er als ein Zeichen zurückgehaltenen Grolls aus.

»Gut«, sagte er, »es ist nur das: Du darfst abends in dieses Zimmer nicht gehen.«

»Warum denn nicht?«

»O, aus dem einfachsten Grunde auf der Welt: Du könntest nämlich jemand darin finden.«

Diese Antwort erregte ihre Neugier; fragend ruhten ihre Augen auf ihm.

»Einen Deiner Freunde?« fragte sie.

Er fuhr fort, gute Laune zu heucheln, die sich aber durch die Art und Weise, wie sie zum Ausdruck kam, nur zu sehr als erkünstelt erwies. »Ich muss gestehen, es kommt mir vor, als ob ich vor einem Gerichtshof stände und von einem Richter verhört würde; nun, mein Liebling, nein, nicht ganz ein Freund von mir.«

Sie dachte einen Augenblick nach.

»Du meinst doch hoffentlich nicht etwa einen Freund von Mr. Vimpany?« fragte sie.

Er tat, als ob er diese Frage nicht gehört hätte, und zeigte durch das Fenster hinaus in den Garten.

»Haben wir heute nicht einen prächtigen Tag? Komm, wir wollen ein wenig hinausgehen und uns die Blumen ansehen«, schlug er vor.

Hast Du nicht gehört, was ich soeben gesagt habe?« entgegnete sie.

»Entschuldige, Liebling, ich dachte gerade an etwas anderes. Wollen wir nicht in den Garten gehen?«

Iris blieb ruhig am Fenster stehen, fest entschlossen, eine Antwort zu erzwingen.

»Ich fragte Dich, Harry, ob die Person, welche an Stelle Mr. Vimpanys das Zimmer beziehen wird, einer von dessen Freunden ist.«

»Sagen wir ein Patient von Mr. Vimpany, und Du wirst der Wahrheit schon näher gekommen sein«, antwortete er ungeduldig.

Sie konnte ihm unmöglich glauben.

»Ist es wirklich eine kranke Person?« fragte sie.

»Natürlich!« antwortete er.

»Ein Mann oder eine Frau?«

»Ein Mann.«

»Darf ich fragen, ob er aus England kommt?«

»Er kommt aus einem der französischen Hospitäler. Wünschest Du sonst noch etwas zu wissen?«

Iris ließ jetzt ihrem Gatten Zeit, seine gute Laune wiederzugewinnen, und ging zu ihrem Stuhl zurück. Das sonderbare Geständnis, welches sie ihm entlockt, hatte einen geradezu betäubenden Eindruck auf sie gemacht. Ihre Liebe zu ihm, ihre feine weibliche Beobachtung seines Charakters, ihre genaue Bekanntschaft mit all seinen Vorzügen und Fehlern konnten diesmal keinen vernünftigen Anhaltspunkt finden für die Erklärung dessen, was sie vernommen. Sie sah sich nach ihm um mit dem gemischten Gefühl des Erstaunens und der Bekümmernis.

Er stand immer noch am Fenster, aber er hatte demselben den Rücken zugekehrt. Seine Augen hingen voll heimlicher Erwartung an seiner Frau. In der Tat nahm sie noch einmal das Wort.

»Ich muss offen bekennen«, sagte sie, »dass ich nicht ganz das Opfer verstehe, welches Du Mr. Vimpany bringen zu wollen scheinst. Willst Du mir sagen, Harry, was das zu bedeuten hat?«

Hier bot sich die günstige Gelegenheit, dem Rate des Doktors zu folgen und die Leichtgläubigkeit seiner Frau auf die Probe zu stellen. Würde sie, da sie Vimpany genau kannte, wirklich die Geschichte glauben, welche sein nobler Freund und er den fremden Ärzten im Hospital vorgelogen hatten? - Lord Harry war entschlossen, wenigstens den Versuch zu machen; welches auch das Ergebnis sein mochte, jedenfalls war er der Verantwortlichkeit ledig, die ihn jetzt so schwer bedrückte. Er brauchte nichts mehr zu sagen, wenn die Täuschung gelang. Er konnte nichts mehr tun, wenn dies nicht der Fall war. Unter dem Einfluss dieser beruhigenden Überlegung gewann er seinen Mut wieder; sein hübsches Gesicht erstrahlte von neuem in seinem liebenswürdigen, jugendlichen Lachen.

»Was für eine wunderbare Frau Du bist!« rief er aus. »Stehe ich denn nicht gerade deshalb hier, um Dir zu sagen, was ich meine, und meine kluge Frau durchschaut mich ganz und gar und erinnert mich daran, was ich tun muss. Zahle mir aber erst meinen Lohn, Iris, gib mir einen Kuss. Die Erklärung wird mir sehr erleichtert werden, wenn Du an eines denkst: Vimpany und ich sind alte Freunde, und es gibt nichts, was wir uns nicht gegenseitig gern zu Gefallen täten.«

Die dumme Erdichtung, welche der Doktor erfunden hatte, übte auf Iris eine Wirkung aus, auf welche Lord Harry gar nicht vorbereitet war. Je länger Iris zuhörte, um so befremdeter sah sie ihren Gatten an. Nicht ein Wort fiel von ihren Lippen, als er geendet hatte; er bemerkte, dass sie blass wurde - es schien ihm fast, als ob er sie erschreckt hätte.

Wenn sein kleiner Verstand Ursache und Wirkung hätte vereinigen können, das wäre gerade das Resultat gewesen, welches er hatte erreichen wollen.

Man verlangte von ihr, zu glauben, dass eine neue Methode in der ärztlichen Behandlung von einem Menschen wie Mr. Vimpany erfunden worden sei. Man verlangte von ihr, zu glauben, dass ein Kranker aus einem fremden Hospital, der außerdem Lord Harry vollständig unbekannt war, aus reiner Menschenfreundlichkeit in die Villa aufgenommen werden sollte. Man verlangte von ihr, zu glauben, dass dies erstaunliche Zugeständnis dem Doktor als ein Tribut der Freundschaft gezollt würde, nachdem ihr Gatte ihr doch selbst gesagt hatte, dass er bedaure, Vimpany zum zweiten Mal zu sich eingeladen zu haben. Hier war ein unwahrscheinlicher Umstand auf den andern gehäuft, und man stellte nun an eine kluge Frau die lächerliche Zumutung, die ungeheuerlichen Beweggründe, die man ihr auftischte, als glaubwürdige Tatsachen anzunehmen. Unwiderstehlich warf die Furcht vor irgendetwas Schlechtem einen tiefen Schatten über ihr Gemüt. Es war kein Irrtum von Lord Harry, als er Iris blass werden sah, und als er fürchtete, er habe sie erschreckt.

»Wenn meine Erklärung Dich zufriedenstellt«, begann er jetzt wieder, »so brauchen wir nicht mehr darüber zu reden.«

»Ich stimme mit Dir vollständig überein, wir wollen nicht weiter darüber sprechen.«

Es wurde ihr zu eng in demselben Zimmer mit dem Mann, der sie absichtlich belog und der doch ihr Gatte war. Sie erinnerte Lord Harry daran, dass er einen Spaziergang in den Garten vorgeschlagen. In der freien Luft, unter freiem Himmel hoffte sie leichter atmen zu können.

»Wir wollen nach den Blumen sehen«, sagte sie.

So gingen sie beide zusammen in den Garten - die Frau, die ihren lügnerischen Gatten fürchtete, und der Mann, der seine kluge Frau fürchtete.

Während sie wie zwei Fremde schweigend neben einander hergingen, sahen sie sich hie und da die Blumen und sonstigen Gewächse an. Iris bemerkte ein zartes Farnkraut, welches sich von der Stütze losgemacht hatte, an der es sich bisher festgehalten hatte. Sie blieb stehen und beschäftigte sich damit, es wieder aufzurichten; als sie damit fertig war und wieder aufblickte, war ihr Gatte verschwunden, und an seiner Stelle stand Mr. Vimpany.

Dreiundfünfzigstes Kapitel

»Wo ist Lord Harry?« fragte Iris.

Die Antwort, die sie auf diese Frage erhielt, erschreckte sie. »Lord Harry überlässt es mir, Ihnen zu sagen, Mylady, wozu er selbst nicht den Mut besitzt.«

»Ich verstehe Sie nicht, Mr. Vimpany.«

Der Doktor zeigte auf das Farnkraut, das soeben der Gegenstand der sorglichen Bemühungen Lady Harrys gewesen war.

»Sie haben dieser kranken Pflanze geholfen, damit sie weiter leben und weiter gedeihen könne. Neugierde trieb mich, Sie dabei zu beobachten, denn ich habe dasselbe mit einer andern kranken Pflanze vor. Mein Garten ist die leidende Menschheit, meine Kunst die des Arztes. Was es sonst noch ist, das - ich sage es Ihnen offen - wird sich wahrscheinlich nicht sehr angenehm für eine Dame anhören, besonders wenn es ein Mann ausspricht, der alles, wie Sie wissen, frei von der Leber weg redet. Aber nicht böse sein! Ihr ergebener Diener versucht nur, den richtigen Eindruck auf Sie hervorzubringen, und erlaubt sich, in einem gewissen Punkte Lord Harry nicht viel zuzutrauen.«

»In welchem Punkt, Sir?«

»Ich werde es in die Form einer Frage kleiden, Mylady. Hat mein Freund Sie dazu gebracht, Vorbereitungen für Ihren Weggang aus der Villa zu treffen?«

Iris maß Lord Harrys Freund mit den Blicken, ohne sich die Mühe zu geben, ihre wahre Ansicht über ihn zu verbergen.

»Das ist eine unverschämte Frage«, sagte sie. »Wer gibt Ihnen das Recht, sich darnach zu erkundigen, was mein Gatte und ich mit einander gesprochen haben?«

»Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, Mylady? Oder, wenn das zu viel verlangt ist, wollen Sie sich wenigstens selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen? Bitte, versuchen Sie es einmal, die Tugend der Selbstbeherrschung zu üben.«

»Ganz nutzlos, Mr. Vimpany. Bemerken Sie gefälligst, dass Sie nicht im stande sind, mich in Zorn zu bringen.«

»Ich danke Ihnen sehr, Lady Harry; Sie ermutigen mich, fortzufahren. Wenn ich kühn genug war, von Ihrem Weggang aus der Villa zu sprechen, so hatte ich dabei nur den guten Zweck im Auge, Sie vor nutzloser Beunruhigung zu bewahren.«

»Und was sollte mich denn beunruhigen?« fragte Iris scharf.

»In dieser unserer kleinen, merkwürdigen Welt«, erwiderte der Doktor gelassen, »genießen wir unser Leben nur unter höllisch harten Bedingungen. Wir leben unter der Bedingung, dass wir sterben. Der Mann, welchen ich heilen will, kann sterben trotz allem, was ich zu tun für ihn im stande bin - er kann langsam dahinsiechen, was wir Ärzte einen harten Tod nennen. Zum Beispiel würde es mich gar nicht verwundern, wenn es mir große Schwierigkeiten verursachen würde, ihn in seinem Bett zu halten. Es kann leicht sein, dass er im ganzen Hause herum tobt und lärmt, wenn ich den Rücken gewendet habe. Es kann aber auch sein, dass er laut schreit und flucht. Wenn Sie so etwas von ihm hörten, würden Sie, wie ich fürchte, sehr entsetzt sein, und trotz meines besten Bestrebens, dies zu verhindern, kann ich, wenn das Schlimmste sich ereignet, doch nicht dafür bürgen, ihn ruhig zu halten; an Ihrer Stelle würde ich - wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen einen freundschaftlichen Rat zu geben -«

Iris unterbrach ihn. Anstatt ihr die Wahrheit zu bekennen, war er so unverschämt, sie einschüchtern zu wollen.

»Ich erlaube einer Person, zu der ich kein Vertrauen habe, nicht, mir zu raten«, sagte sie. »Ich wünsche nichts weiter zu hören.«

»Gestatten Sie mir noch ein letztes Wort«, sagte Vimpany mit seiner unerschütterlichen Zudringlichkeit. »Ich wollte mir durchaus nicht herausnehmen, Ihnen, Mylady, meinen Rat aufzudrängen; ich wollte Ihnen nur in ganz bescheidener Weise einen Wink geben. Wie mir Lord Harry erzählte, befindet sich Hugh Mountjoy wieder auf dem Weg der Besserung. Sie stehen mit ihm in brieflicher Verbindung, wie ich zufällig bemerkte, als ich das Glück hatte. Ihnen den unbedeutenden Dienst mit der Briefmarke erweisen zu dürfen. Warum gehen Sie nicht nach London und überraschen und erfreuen durch einen unerwarteten Besuch Ihren alten Freund? - Harry wird nichts dagegen haben - ich bitte sehr um Entschuldigung, ich hätte sagen sollen Lord Harry. Sehen Sie, meine teure Lady, ich bin ein rauher Knabe, aber ich meine es gut. Geben Sie sich selbst Ferien, und kommen Sie wieder zu uns zurück, wenn Mylord Ihnen schreibt, dass er das Vergnügen haben kann, Sie wieder zu empfangen.« Er wartete einen Augenblick, dann fragte er: »Soll mir nicht das Glück einer Antwort zuteilwerden?«

»Mein Gatte wird Ihnen antworten.«

Nach diesen unzweideutig verabschiedenden Worten kehrte Iris dem Doktor den Rücken zu.

Sie trat in das Haus und suchte Lord Harry bald in diesem, bald in jenem Zimmer, aber er war nirgends zu finden. Sollte er absichtlich fortgegangen sein, um nicht mit ihr zusammenzutreffen? - Ihre Erinnerung an Mr. Vimpanys Worte und Benehmen sagte ihr, dass es so sein müsse. Die beiden Männer waren im Bunde miteinander. Von allen Gefahren ist die unbekannte Gefahr die schrecklichste. Die letzten Stützen von Lady Harrys Entschlossenheit brachen zusammen; sie sank ratlos in einen Stuhl.

Nach einem Zeitraum - ob er kurz oder lang gewesen war, das konnte sie mit dem besten Willen nicht entscheiden - hörte sie jemand draußen an der Tür. Hatte sich Lord Harry anders besonnen und kam nun zurück zu ihr?

»Herein«, rief sie hastig, »herein!«

Vierundfünfzigstes Kapitel

Die Person, welche das Zimmer betrat, war Fanny Mere.

Ein einziger Gedanke beschäftigte jetzt Iris.

»Wissen Sie, wo Ihr Herr ist?« fragte sie.

»Ich sah ihn ausgehen«, antwortete das Mädchen; »welchen Weg er aber eingeschlagen hat, darauf habe ich nicht acht gegeben.«

Fanny nahm die Gelegenheit wahr, vor ihrer Gebieterin ihr Herz auszuschütten. Sie beichtete, wie Mr. Vimpany entdeckt hatte, dass sie französisch verstehe, wie dann der Doktor selbst es gewesen, der sie vor dem Zorn ihres Herrn geschützt, und wie er sie höchst merkwürdigerweise dazu ausersehen habe, die Pflegerin des Kranken zu werden, dessen Ankunft bevorstand.

»Mylady werden mich hoffentlich entschuldigen«, sagte sie, »ich habe das Anerbieten angenommen.«

Diese wunderbare Wendung verblüffte Iris vollständig.

»Was soll man nun daraus machen?« fragte sie ratlos. »Ist Mr. Vimpany noch ein verwegenerer Schurke, als ich bisher geglaubt habe?«

»Das ist er ganz gewiss!« antwortete Fanny mit vollster Überzeugung. »Was er in Wahrheit dabei beabsichtigt in seinen verworfenen Gedanken, das werde ich schon mit der Zeit herausbekommen; jedenfalls bin ich einstweilen die Wärterin, welche ihn in der Pflege des Kranken unterstützen soll. Als ich heute morgen Ihnen zuwiderhandelte, Mylady, geschah es nur, weil ich Mr. Vimpany in das Hospital begleiten sollte. Ich habe dort auch gleich den Mann gesehen, den ich in Zukunft pflegen werde. Ein armer, schwacher, höflicher Mensch, der aussah, als ob er keiner Fliege an der Wand etwas zu leide tun könnte, und dennoch erschreckte mich sein Anblick, denn ich entdeckte sofort eine auffallende Ähnlichkeit mit jemand.«

»Mit jemand, den ich kenne?« fragte Iris.

»Mit dem, Mylady, der Ihnen von allen Menschen auf der Welt am nächsten steht - eine Ähnlichkeit mit dem gnädigen Herrn.«

»Wie?«

»O, es ist keine Einbildung; ich weiß ganz genau, was ich sage. Für mich hat die Ähnlichkeit des Dänen mit Mylord etwas entschieden Unheimliches; ich weiß nicht, warum. Ich kann nur sagen, dass es mir nicht gefällt, und ich werde nicht eher ruhen, als bis ich herausgebracht habe, was es zu bedeuten hat. Außerdem, Mylady, muss ich noch den Grund ermitteln, warum diese beiden Herren Sie von hier entfernen wollen. Bitte, nehmen Sie Ihren ganzen Mut, Ihre ganze Kraft zusammen. Ich werde Sie noch rechtzeitig warnen, wenn ich von einer Ihnen drohenden Gefahr überzeugt bin.«

Iris wollte nicht zugeben, dass für sie irgendwelche Gefahr aus diesen Dingen erwachsen könne.

»Sie sind es, die sich in Gefahr begeben will!« rief sie aus.

Fanny antwortete ruhig:

»Das geschieht in Ihrem Dienst und zählt daher nicht.«

Obgleich Iris dankbar diesen einfachen Ausdruck der Anhänglichkeit empfand, beharrte sie doch auf ihrer Meinung.

»Sie stehen in meinem Dienst«, sagte sie; »ich lasse Sie einfach nicht fort zu Mr. Vimpany. Geben Sie Ihren Plan auf, Fanny, geben Sie ihn auf!«

»Ich werde ihn aufgeben, Mylady, wenn ich weiß, was der Doktor zu tun beabsichtigt; eher nicht.«

Da ihre Autorität nicht durchdrang, versuchte es Iris mit Überrednng.

»Als Ihre Herrin habe ich die Pflicht, Ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen«, sagte sie. »Eine von uns muss in diesem Wirrwarr die Vernünftige bleiben. Lassen Sie mich versuchen, das zu sein. Es kann nichts Schlimmes, aber wohl viel Gutes bringen, wenn wir in dieser Sache eine Frau um Rat fragen, auf deren Treue und Verschwiegenheit ich bauen kann.«

»Kenne ich die Dame, an welche Mylady dabei denkt?« fragte Fanny. »In diesem Fall wird diese Freundin schon morgen früh wissen, um was es sich handelt; ich habe an Mrs. Vimpany geschrieben.«

»Sie ist es, die ich im Sinn hatte, Fanny. Wann können wir von ihr eine Antwort erwarten?«

»Wenn Mrs. Vimpany kurz besonnen ist«, antwortete Fanny, »werden wir morgen ein Telegramm von ihr haben.«

Ein heftiges Klopfen an die Zimmertüre schreckte die beiden aus ihrem Gespräch.

»Wer ist da?« rief Iris argwöhnisch.

Des Doktors rauhe Stimme antwortete:

»Kann ich einige Worte mit Fanny Mere sprechen?«

Das Mädchen öffnete die Tür. Mr. Vimpanys schwere Hand fasste sie am Arm, führte sie durch den Hausflur und schloss die Tür hinter ihr. Nach kurzer Abwesenheit kehrte Fanny zurück mit Nachrichten von Mylord.

Ein Dienstmann hatte eine Botschaft an den Doktor gebracht, und Fanny war beauftragt, sie ihrer Herrin mitzuteilen.

Lord Harry ließ aus Paris sagen, er sei von einigen Freunden eingeladen worden, mit ihnen in das Theater zu gehen und dann mit ihnen zu soupieren. Wenn er daher erst spät nach Hause käme, so solle sich Mylady deswegen nicht ängstigen. Ihr Gatte hatte also die bestimmte Absicht gehabt, nachdem er Mr. Vimpanys Dazwischentreten in dem Garten gutgeheißen, eine nochmalige Unterredung mit seiner Frau zu vermeiden. Iris blieb allein und konnte nun über diese Entdeckung nachdenken, denn Fanny hatte Befehl erhalten, das Schlafzimmer für die Aufnahme des Kranken zurecht zu machen.

Fünfundfünfzigstes Kapitel

Gegen Abend wurde der Däne in die Villa gebracht.

Ein Gefühl von Stolz, welches ihr verbot, irgendwelche Neugier zu zeigen und welches vielleicht noch durch die unüberwindliche Scheu vor Mr. Vimpany verstärkt wurde, hielt Iris in ihrem Zimmer zurück. Nichts als der Schall von Fußtritten auf der Treppe sagte ihr, dass der kranke Mann in das für ihn zurecht gemachte Zimmer gebracht wurde, das in demselben Stockwerke lag. Fanny erzählte ihr später, dass der Doktor die Lampe auf dem Korridor klein geschraubt habe, bevor der Kranke die Treppen heraufgetragen wurde, um zu verhindern, dass die Herrin des Hauses das Gesicht genau sehen und so die auffallende Ähnlichkeit mit ihrem Gatten erkennen könnte.

Die Stunden schlichen dahin, das Geräusch des häuslichen Lebens versank in Stillschweigen, alle, nur Iris allein nicht, ruhten friedlich in ihren Betten.

Während der schlaflosen Nacht lastete das Gefühl ihrer traurigen Lage schwer auf ihr. Die Heimlichkeiten und die durch sie drohende unbekannte Gefahr beunruhigten sie im höchsten Grade. Das Haus, in welchem sie die ersten glücklichen Tage ihres ehelichen Lebens verbracht hatte, konnte über kurz oder lang der Schauplatz irgendeiner schändlichen Tat werden, welche die lebenslängliche Trennung von ihrem Gatten erforderte. Welch entsetzlicher Gedanke!

Die frühen Morgenstunden kamen heran; immer noch lauschte sie vergebens auf den Klang der Fußtritte auf der Treppe, die ihr Lord Harrys Rückkehr ankündigen sollten; immer noch hatte sie nicht das vorsichtige Öffnen seines Vorzimmers gehört. Iris verließ jetzt den Stuhl und legte sich auf das Bett. Nach einiger Zeit übermannte sie die Müdigkeit doch, und sie schlief ein.

Als sie spät am Morgen wieder erwacht war, klingelte sie nach Fanny Mere. Lord Harry war soeben nach Hause gekommen. Er hatte den letzten Nachtzug nach Passy versäumt, und anstatt das viele Geld, das ein Wagen um diese Zeit kosten würde, zu verschwenden, hatte er das freundliche Anerbieten eines Freundes angenommen, der ihm ein Bett in seinem Hause zur Verfügung stellte. Er wartete jetzt unten in der Hoffnung, Lady Harry beim Frühstück zu sehen.

Iris begab sich hinunter in das Speisezimmer.

Selbst nicht während der Zeit ihrer Flitterwochen war der irische Lord ein so unwiderstehlich liebenswürdiger Mann gewesen als an diesem denkwürdigen Morgen. Seine Entschuldigung, dass er die Rückkehr zur rechten Zeit versäumt, war ein kleines Meisterstück von gewinnender Liebenswürdigkeit. Dann berichtete er mit köstlicher Laune über die Theatervorstellung, die er am vergangenen Abend gesehen. Seine beißenden Bemerkungen über das Stück standen in ergötzlichem Gegensatz zu der fein begründeten Anerkennung des Spiels der Mitwirkenden. Die Zeit war vorüber, wo Iris eine solche unbarmherzige Spielerei mit ihren Gefühlen übel vermerkt haben würde. In früheren, glücklicheren Tagen hätte sie ihn in freundlicher Weise an ihr Anrecht auf sein Vertrauen erinnert; sie hätte alles versucht, was Liebenswürdigkeit und Geduld tun konnten, um ihn zu einem Bekenntnis des Einflusses zu bringen, welchen sein schlimmer Freund auf ihn ausübte, und sie hätte dagegen den ganzen Einfluss ihrer Liebe und ihrer Entschlossenheit aufgewendet, um diese verhängnisvolle Verbindung zu lösen, welche schließlich doch zu dem Verderben ihres Gatten führen musste.

Aber aus Iris Henley war jetzt ganz eine Lady Harry geworden. Sie gab sich den Anschein, als ob sie für das, was ihr Gatte sprach, lebhaftes Interesse fühle, und wartete nur auf eine passende Gelegenheit, um ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ohne es zu wissen, bot er ihr selbst diese Gelegenheit dar, indem er die gleiche Falle aufstellte, um seine Frau zu fangen, welche Iris anzuwenden beabsichtigte, um ihren Gatten zum Bekenntnis der Wahrheit zu zwingen.

»Jetzt habe ich aber mehr als genug von meinen Vergnügungen am vergangenen Abend erzählt«, sagte er. »Die Reihe ist nun an Dir, Liebling. Hast Du den armen Menschen, den der Doktor kurieren will, schon gesehen?« fragte er ganz unvermittelt. Es lag ihm sehr viel daran, herauszubekommen, ob sie die Ähnlichkeit zwischen Oxbye und ihm selbst bemerkt habe.

Ihre Augen ruhten gespannt auf ihm.

»Ich habe den Mann noch nicht gesehen«, antwortete sie. »Hegt Mr. Vimpany Hoffnung, ihn wiederherzustellen?«

Lord Harry zog seine Zigarrentasche heraus.

»Es liegt kein Grund vor, Schlimmes zu befürchten«, sagte er mit übertriebener Aufmerksamkeit für die Auswahl seiner Zigarre. »Mr. Oxbye befindet sich in guten Händen.«

»Viele Leute sterben an dieser Krankheit«, bemerkte sie ruhig.

Ohne darauf etwas zu erwidern, zog er sein Feuerzeug aus der Tasche. Seine Hand zitterte ein wenig. Der erste Versuch, ein Zündholz anzubrennen, misslang.

»Die Ärzte machen zuweilen auch Fehler«, fuhr Iris fort.

Er blieb immer noch schweigsam. Der zweite Versuch mit dem Zündholz gelang, und er setzte seine Zigarre in Brand.

»Angenommen nun, Mr. Vimpany machte einen Fehler«, sagte Iris wieder. »Das würde in diesem Fall zu sehr bedauernswerten Folgen führen.«

Jetzt verlor Lord Harry seine Ruhe und mit ihr seine Farbe.

»Was zum Teufel soll das heißen?« fragte er zornig.

»Ich möchte meinerseits fragen«, antwortete sie, »was ich denn gesagt habe, das Dich so zornig werden lässt? Ich machte doch nur eine ganz einfache Bemerkung.«

In diesem kritischen Moment trat Fanny Mere ins Zimmer; sie hatte ein Telegramm in der Hand.

»Für Sie, Mylady.«

Iris öffnete das Telegramm; es war von Mrs. Vimpany unterzeichnet und enthielt folgende Worte:

»Sie sollten schleunigst zu Ihrem Vater kommen, er ist gefährlich erkrankt.«

Lord Harry sah seine Frau plötzlich die Farbe wechseln, und alsbald war in seiner schuldbewussten Seele der Argwohn rege.

»Betrifft das Telegramm mich?« fragte er.

Iris händigte ihm schweigend das Papier ein. Nachdem er es gelesen hatte, fragte er, was sie zu tun gedenke.

»Das Telegramm spricht deutlich genug«, entgegnete sie. »Hast Du etwas dagegen, wenn ich Dich verlasse und zu meinem Vater gehe?«

»Nicht das mindeste«, antwortete er schnell. »Du musst auf alle Fälle gehen.«

Iris erhob sich, um auf ihr Zimmer zu gehen; er begleitete sie bis zur Türe.

Nachdem die nötigsten Reisevorkehrungen getroffen, wollte Iris noch einen letzten Versuch machen, das Vertrauen ihres Gatten zu gewinnen. Aber er war weder in seinem Zimmer, noch in einem andern Teil des Hauses, noch im Garten zu finden. Die Stunde drängte; Iris musste allein zu Mittag essen. Zum zweiten Male vermied er sie; zum zweiten Mal hatte er Furcht vor dem Einfluss, den seine Frau auf seine Handlungen ausüben könnte! Mit schwerem Herzen traf sie ihre Vorbereitungen zur Abreise mit dem Kurierzug.

Fanny war durch ihre Pflichten als Krankenpflegerin in der Villa festgehalten. Von Sorge um das treue Mädchen erfüllt, das sie zurückließ, - welchem Schicksal, wer konnte es wissen? - küsste sie Iris beim Abschied.

Fannys blassblaue Augen füllten sich mit Tränen; sie trocknete sie rasch und hielt die Hand ihrer Herrin einen Augenblick fest.

»Ich weiß, an wen Sie jetzt denken«, flüsterte sie. »Der gnädige Herr ist nicht hier, um Ihnen Lebewohl zu sagen. Lassen Sie mich sehen, ob ich in seinem Zimmer etwas für Sie finde.«

Iris hatte sich zwar schon überall im Zimmer Lord Harrys umgesehen in der Hoffnung, einen Brief zu finden, ohne etwas derart entdecken zu können, aber sie ließ Fanny hinaufeilen, um noch einmal nachzusuchen. Bald kam das Mädchen zurück mit einem kleinen Stück zusammengefalteten Schreibpapiers in der Hand.

»Meine hässlichen Augen sind besser als die Ihrigen«, sagte sie. »Der Wind muss zum Fenster hereingeweht und es vom Tisch heruntergeblasen haben.«

Iris las hastig den Brief:

»Ich darf Dir nicht verschweigen, daß es für Dich besser ist, wenn Du für die nächste Zeit nicht bei uns bleibst, aber nur für eine kurze Zeit. Verzeihe mir, Liebste, ich kann den Mut nicht finden, Dir Lebewohl zu sagen.«

Diese wenigen Worte waren alles, was er ihr zu sagen hatte!

Seine Frau antwortete ihm ihrerseits kurz, aber nicht unfreundlich:

»Du hast mir einen schmerzlichen Augenblick erspart. Darf ich hoffen, bei meiner Rückkehr den Mann zu finden, dem ich vertraut, den ich geachtet habe? - Lebe wohl!«

Wann sollten sie sich wiedersehen? - Und wie?

Sechsundfünfzigstes Kapitel

Es galt jetzt nur noch eine Person aus dem Hause Lord Harrys zu entfernen: das war die Köchin. Unter der Bedingung, dass sie sofort weggehe - als Grund wurde größere Einschränkung angegeben - empfing sie von ihrem Herrn noch einen Monatslohn mehr, als ihr eigentlich zukam, und ein Zeugnis, das ihren vielen guten Eigenschaften mehr als gerecht wurde. Die Arme verließ ihre Stelle mit den innigsten Segenswünschen aus dankbarem Herzen.

Der kranke Däne stellte Fanny Meres Standhaftigkeit auf eine harte Probe. Dieser Landsmann Hamlets, wie er sich selbst mit Vorliebe nannte, war ein lebender Protest gegen die eingewurzelten Gefühle der Verachtung und des Hasses, mit denen seine Pflegerin gewohnt war, jeden Mann zu betrachten. Wenn die Schmerzen ihn zeitweise verließen, dann zeigte Mr. Oxbye ganz die glänzenden blauen Augen und das gewinnende Lächeln, welches so sehr an Lord Harry erinnerte. Sein bartloses Gesicht, das in den unteren Partien sehr schmal war, vervollständigte die Ähnlichkeit nur bis zu einem gewissen Grade, denn der kühne Ausdruck, den Lord Harrys Züge nicht selten anzunehmen pflegten, erschien bei Mr. Oxbye niemals.

Fanny pflegte ihn sorgfältig und kam auf das gewissenhafteste ihren Pflichten nach; sie befand sich in dem Bannkreis eines Mannes, der in den schmerzlosen Zwischenpausen seiner Krankheit kleine Gedichte zu ihrem Preise verfasste, der sie bat, ihm einige Blumen aus dem Garten zu holen, und dann aus ihnen zierlich zusammengestellte Bouquets band, die er ihr dann schenkte; der weinte, wenn sie ihm sagte, er sei ein Narr, und der ihr dann doch kaum fünf Minuten später die Hände küsste, wenn sie ihm die Medizin reichte, obgleich sie ihm nichts Süßes dazu gab, das imstande gewesen wäre, den bittern Geschmack in seinem Munde zu vertreiben. Dieser liebenswürdige Patient liebte Lord Harry, liebte Mr. Vimpany und liebte Fanny, so wenig dieselbe davon wissen wollte. Nachdem sie es hartnäckig verweigert hatte, ihm die Geschichte ihres Lebens zu erzählen, obgleich er ihr selbst mit gutem Beispiel vorangegangen war, verlegte er sich darauf, sich selbst eine Geschichte ihres Lebens zu bilden, und kam zu dem Schluss, dass dieses interessante Mädchen das Opfer eines schweren Herzenskummers sein müsste.

»Sie sehen entsetzlich bleich aus«, sagte er. »Sie werden bald sterben; bei mir wird dann ein Blutgefäß springen, und ich werde Ihnen bald nachfolgen. Dann werden wir nebeneinander über den Wolken weilen und immerfort zusammen singen unter der Begleitung himmlischer Harfen. O, was für ein Hochgenuss wird das sein!«

Wie ein Kind schrie er laut, wenn er Schmerzen hatte, und wie ein Kind lachte er, sobald sie wieder vorüber waren. Sagte sie ärgerlich zu ihm: »Wenn ich gewusst hätte, was für ein Mensch Sie sind, so würde ich es niemals übernommen haben, Sie zu pflegen«, dann antwortete er ihr nur: »Meine Liebe, lassen Sie uns gemeinsam Gott danken, dass Sie es nicht gewusst.« Er konnte niemals in Zorn gebracht werden, und was noch schlimmer war, an besseren Tagen, wenn er sich wohler befand, war es nicht möglich, ihn zu überzeugen, dass er nicht lange genug leben würde, um seine Pflegerin zu heiraten. Oft genug hatte er ihr diesen Antrag gestellt. Was war mit einem solchen Mann anzufangen? - Fanny suchte sich einzureden, ihr schwacher Patient sei ihr höchst gleichgültig. Dabei aber bereitete sie die Mahlzeiten für ihn eigenhändig zu, während die anderen Bewohner der Villa, da die Köchin ja nicht mehr da war, sich mit der wenig verlockenden Kost eines benachbarten Gasthofes zufrieden geben mussten.

Dabei lag Fanny immer sorgsam auf der Lauer, ob es ihr nicht einmal gelinge, Vimpanys Absichten zu durchschauen. Vorderhand aber bemerkte sie nur mit immer wachsendem Interesse die Aufmerksamkeit, mit welcher der harmlose Däne von Mylord und dem Doktor beobachtet wurde. Auch bemerkte sie sehr wohl, dass Lord Harry sich in beständiger Aufregung befand. Bald wanderte er aus einem Zimmer in das andere oder durchstreifte, beharrlich rauchend, den Garten nach allen Richtungen hin; bald ritt er aus oder fuhr mit der Bahn nach Paris und blieb dann den ganzen Tag weg. Verhielt er sich einmal ausnahmsweise ruhig, so hatte er gewiss seine Zuflucht in das Zimmer seiner Gattin genommen. Fanny beobachtete ihn dann desöfteren durch das Schlüsselloch und sah ihn auf dem Stuhl seiner Frau sitzen. Es schien einleuchtend, dass er sich lebhaft nach Lady Harry sehnte; aber was hatte seine Besorgnis um Mr. Oxbye zu bedeuten? Aus welchem Grunde ging er so viel als möglich - ohne den Versuch zu machen, es zu verbergen - Mr. Vimpany aus dem Wege, und wie kam es, dass dieser sein elender Freund, obgleich er so unliebenswürdig behandelt wurde, niemals darüber gekränkt, sondern eher belustigt erschien.

Was das Benehmen des Doktors gegenüber seinem Patienten anbetraf, so war es nach der Ansicht Fannys keineswegs eines Arztes würdig.

Er schien kein Interesse für den Mann zu fühlen, der auf seinen eigenen Wunsch zu ihm aus dem Hospital geschickt worden war und den zu heilen, wie er vorgegeben, sein höchster Ehrgeiz war. Wenn Mr. Oxbye von seinen Schmerzen sprach, so gab sich Mr. Vimpany kaum den Anschein, als ob er zuhörte; mit finsterem Gesicht wendete er das Stethoskop an, fühlte den Puls und besah sich die Zunge und zog seine Schlüsse in ärgerlichem Stillschweigen; wenn die Pflegerin einen günstigen Bericht abzustatten hatte, kehrte er ihr brutal den Rücken, wenn aber entmutigende Folgen der Behandlung während der Nacht sich zeigten und Fanny es für ihre Pflicht hielt, dieselben zu melden, dann lächelte er höhnisch, als ob er zweifelte, dass sie die Wahrheit spreche. Mr. Oxbyes unerschöpfliche Geduld und Liebenswürdigkeit fand endlose Entschuldigungen für seinen ärztlichen Berater.

»Es ist mein Unglück, dass ich meinen hochverehrten Doktor in einem Zustand von immerwährendem Ärger halte«, pflegte er zu sagen, »und wir alle wissen, was es für eine Geduldsprobe ist, in unaufhörlicher Ungewissheit zu schweben. Ich habe zu Mr. Vimpany das beste Vertrauen.«

Fanny hütete sich wohlweislich, ihre eigene Meinung zu verraten. Die Bedenken, die sie gegen den Doktor hegte, beunruhigten sie mehr und mehr. Sobald sich nur irgendwelche Gelegenheit bot, beobachtete sie ihn auf das sorgfältigste. Eine Lieblingsbeschäftigung seiner Mußestunden bestand in Versuchen mit dem photographischen Apparat. Er machte zuerst kleine Aufnahmen von den Zimmern der Villa; dann folgten Bilder aus dem Garten. Nachdem er damit fertig geworden, setzte er die Pflegerin erst recht in Verwunderung dadurch, dass er ein Bild von dem Dänen verfertigte, während dieser eines Tages schlafend dalag, nachdem sich in der letzten Zeit eine kleine Besserung in seinem Befinden gezeigt hatte. Fanny bat um die Erlaubnis, das Bild sehen zu dürfen. Der Doktor aber betrachtete es zuerst selbst, zerriss es dann und ließ die Stücke in alle Winde fliegen.

»Ich bin nicht damit zufrieden«, erklärte er kurz. Neben ihm stand zufällig ein Gartenstuhl; er setzte sich darauf nieder und sah aus wie ein Mann, der von seinen eigenen Gedanken gequält wird.

Hätte sich die Wirkung der Medikamente, die Vimpany dem Kranken verabreichte, als eine bedenkliche erwiesen, dann würde Fannys Argwohn ein ernster geworden sein; aber die Veränderung, die mit Oxbye vorging, seitdem er in reinerer Luft schlief und bessere Nahrung erhielt, als sie ihm im Spital gegeben werden konnte, zeigte eine entschiedene Zunahme seiner Kräfte. Seine hohlen Wangen füllten sich wieder. Auf der Blässe der Haut begann sich etwas Farbe zu zeigen. So sonderbar nun auch das Benehmen Lord Harrys und Mr. Vimpanys sein mochte, es bot sich insoweit keine Möglichkeit dar, dasselbe in Verbindung zu bringen mit der Lage, in der sich der dänische Gast befand. Niemand, der sein Gesicht gesehen hatte damals, als er in die Villa gebracht worden war, konnte es nach dem Verlauf von vierzehn Tagen wieder betrachten, ohne Hoffnung auf seine Wiedergenesung zu schöpfen.

Siebenundfünfzigstes Kapitel

Nach einiger Zeit empfing Fanny einen Brief von Lady Harry, die ihr über ihre ersten Londoner Erlebnisse berichtete. Bei ihrer Ankunft war sie auf dem Bahnhof von Mrs. Vimpany empfangen worden, an welche sie telegraphisch die Bitte gerichtet hatte, sie dort zu erwarten. Lady Harrys erste Frage betraf natürlich ihren Vater. Mrs. Vimpany antwortete augenscheinlich etwas verwirrt und halb beschämt, es sei durchaus kein Grund zu ernsteren Befürchtungen vorhanden.

Iris atmete erleichtert auf, fragte aber sofort weiter, seit wann die glückliche Wendung zum Bessern eingetreten. Da erfuhr sie denn zu ihrem nicht geringen Befremden, dass es um ihren Vater gar nie so schlimm gestanden habe, wie sie aus dem an sie gelangten Telegramm schließen musste. Mrs. Vimpany hatte nur zufällig erfahren, er sei von einem Podagraanfall heimgesucht worden. Das war alles. Zugleich aber hatte Fannys Brief sie mit einer so lebhaften Sorge um Lady Harry erfüllt, dass sie den nächsten besten Vorwand benützte, um die Lady von Passy zu entfernen.

»Wenn ich daran dachte«, sagte sie, »dass Sie sich in der Gewalt meines elenden Mannes befänden, der, wie es mir nur zu klar ist, an Ihrem Gatten einen würdigen Genossen gefunden hat, vermochte ich nicht anders zu handeln, als ich getan. Ich schäme mich vor mir selber; aber, Lady Harry, ich hatte zu große Angst um Sie. Bitte, verzeihen Sie mir! Ich liebe Sie ja so sehr und bin so glücklich, Sie jetzt hier in Sicherheit zu wissen. Gehen Sie nicht wieder zurück! Um Gottes willen, gehen Sie nicht wieder zurück!«

Iris hatte auch gar nicht die Absicht, zurückzukehren, so lange der Doktor und sein Patient sich in Passy aufhielten, und sie fand in Mrs. Vimpanys herzlicher Teilnahme guten Grund, ihr eine Voreiligkeit zu vergeben, die sie nur aus aufrichtiger Liebe zu ihr begangen und durch ehrliches Bekenntnis wieder gut gemacht hatte.

Fanny las aufmerksam die nächste Seite des Briefes, auf welcher Lady Harry ihr erstes Zusammentreffen mit Mr. Mountjoy nach seiner Krankheit schilderte. Die Ausdrücke des Glücks, in denen ihre Herrin über die Wiedererneuerung ihrer freundschaftlichen Beziehungen zu ihrem alten und lieben Freund sprach, bestärkten Fanny in ihrer ersten Empfindung, dass vorderhand keine Furcht vorhanden sei, Iris würde zu vorzeitig nach Passy zurückkehren mit der Entschuldigung, dass sie sehnsüchtiges Verlangen, Lord Harry wiederzusehen, empfunden habe.

Auch nach dem, was auf der letzten Seite des Briefes stand, schien Mr. Mountjoys Einfluss sich in heilsamster Weise geltend zu machen. Daneben fanden sich auch einige Stellen, in welchen Iris Befürchtungen wegen Fannys Sicherheit aussprach und ihre Begierde, zu erfahren, welche Entdeckungen ihr Mädchen wohl schon gemacht habe. Die einzige Erwähnung Mylords bestand in oberflächlicher Nachfrage nach seinem Befinden. War das nun ein Beweis dafür, dass ihre Gefühle für ihren Gatten abgestumpft waren, oder legte sie sich nur der Dienerin gegenüber Zurückhaltung auf?

Achtundfünfzigstes Kapitel

»Haben Sie bereut und Ihren Sinn geändert?« fragte Lord Harry den Doktor.

»Ich -bereut?« antwortete dieser lachend. »Halten Sie mich einer solchen Dummheit für fähig?«

»Der Mann wird jeden Tag kräftiger und gesünder. Sie gehen also doch damit um, ihn wiederherzustellen. Ich fürchtete« - er verbesserte sich - »ich dachte«, - das war der richtigere Ausdruck - »Sie wollten ihn vergiften.«

»Sie dachten, ich wollte - das heißt, wir wollten, Mylord - ein solch törichtes und nutzloses Verbrechen begehen, und dieses auch noch, während unsere kluge Pflegerin anwesend ist und die ganze Zeit aufpasst mit dem Argwohn einer Katze und jede Veränderung in dem Befinden des Kranken wahrnimmt? - Nein; ich gestehe zudem, sein Fall hat mich anfangs beunruhigt, weil ich nicht diese günstige Wendung in seinem Befinden voraussetzte. Nun, es ist das Beste, Fanny Mere sieht ihn jeden Tag kräftiger werden. Was dann auch geschehen mag, sie kann bezeugen, mit welcher Sorgfalt der Mann behandelt worden ist. Sie dachte, sie hätte uns in der Tasche, und wir haben sie.«

»Sie sind furchtbar klug, Vimpany, aber manchmal sind Sie doch zu klug für mich, vielleicht zu klug für sich selbst.«

»Ich werde mich Ihnen deutlicher erklären«, sagte der Doktor, und wohlbekannt mit dem Argwohn der Pflegerin, lehnte er sich vorwärts und flüsterte Lord Harry ins Ohr: »Fanny muss fort, jetzt ist es höchste Zeit; der Mann befindet sich auf dem Weg der Besserung, der Mann muss verschwinden, und der nächste Patient werden Sie selbst sein, Mylord. Verstehen Sie mich jetzt?«

»Zum Teil.«

»Das genügt vollständig. Wenn ich handeln soll, so ist es hinreichend, wenn Sie nur nach und nach mich verstehen. Unsere argwöhnische Pflegerin aber muss fort. Das ist zunächst notwendig. Überlassen Sie es ruhig mir, sie zu entfernen.«

Lord Harry ging weg; er überließ die Sache dem Doktor. Sie schien ihn überhaupt gar nicht weiter zu berühren, wenn ihm auch sein Schuldbewusstsein etwas Unbehagen verursachte. Er trug das Abschiedsbillet seiner Frau bei sich: »Darf ich hoffen, bei meiner Rückkehr den Mann zu finden, dem ich vertraut, den ich geachtet habe?« Sein Gewissen quälte ihn mit Vorwürfen, so oft er - und das geschah wohl fünfzigmal am Tage! - das kleine Stück Papier aus seinem Notizbuch nahm und es wieder durchlas. Ja, sie würde immer den Mann bei ihrer Rückkehr finden, den Mann, dem sie vertraut, den sie geachtet hatte - den letzten Zusatz überging er jedoch - es würde natürlich derselbe Mann sein; ob sie aber noch imstande sein würde, ihm zu trauen, ihn zu achten, diese Frage stellte er sich gar nicht. Übrigens führte ja der Doktor die Sache aus und nicht er.

Dann dachte er an Hugh Monntjoy, und seine alte Eifersucht wurde sofort wieder lebendig. Iris würde jetzt bei ihm sein, bei dem Mann, dessen Liebe zu ihr nur deutlicher durch seine Achtung, seine Ergebenheit und sein Zartgefühl zu Tage trat; sie würde in seiner Gesellschaft verweilen; sie würde die wahre Bedeutung dieser Achtung und dieses Zartgefühls verstehen lernen; sie würde die Tiefe seiner Ergebenheit würdigen; sie würde Hugh, den Mann, den sie hätte heiraten können, mit ihm, dem Mann, den sie geheiratet hatte, vergleichen.

Und sein Haus war ohne sie so traurig, so öde. Er verabscheute in seiner Verzweiflung und in seinem Leichtsinn den Anblick des Doktors.

Er beschloss, an Iris zu schreiben, setzte sich hin und schüttete ihr sein ganzes Herz aus, aber zu einem Geständnis der Wahrheit kam es nicht.

»An unserer Trennung bin ich, nur ich ganz allein, schuld; es ist mein eigenes abscheuliches Benehmen gewesen, das sie herbeigeführt hat. Verzeihe mir, liebste Iris. Wenn ich es Dir unmöglich gemacht habe, mit mir weiter zu leben, so ist es unmöglich für mich, ohne Dich zu leben. Das ist meine Strafe. Das Haus ist öde und leer; die Stunden schleichen langsam dahin, ich weiß nicht, wie ich sie herumbringen soll; mein Leben ist für mich eine Qual und eine Last geworden, da Du nicht mehr bei mir bist. Und doch habe ich kein Recht zu klagen; ich sollte mich freuen, wenn ich daran denke, dass Du glücklich bist, von meiner Gesellschaft befreit zu sein. Liebling, ich bitte Dich nicht, jetzt zurückzukommen«, - er erinnerte sich wirklich daran, dass ihre Zurückkunft in diesem kritischen Zeitpunkt von sehr ernsten Folgen sein konnte - »ich kann Dich noch nicht bitten, zurückzukommen, aber lass mir nur ein wenig Hoffnung; lass mich empfinden, dass Du in Deiner unaussprechlichen Güte an meine Reue glaubst, und lass mich mit Vertrauen vorwärts blicken auf eine Wiedervereinigung in naher Zukunft.«

Er adressierte diesen Brief an Lady Harry Norland unter der Adresse von Hugh Mountjoy in dessen Hotel in London. Mountjoy würde den Schreiber nicht erraten und sicherlich den Brief an Iris abgeben. Da er genau wusste, wie sehr ihn seine Frau liebte, so rechnete er darauf, dass Iris ihm auf halbem Weg entgegenkommen und zurückkehren würde, sobald er in der Lage war, sie zurückzurufen. Er hatte, wie wir sehen werden, die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Nachdem er den Brief abgeschickt, kehrte er glücklicher und heiterer in die Villa zurück; er hoffte ja nun bald seine Frau wieder bei sich zu haben. Er blickte in das Krankenzimmer. Der Kranke saß im Bett aufrecht und plauderte munter. Es war der beste Tag, den er bis jetzt während seiner Krankheit gehabt hatte. Der Doktor saß neben seinem Bett auf einem Stuhl, und die Pflegerin stand ruhig und in sich versunken dabei, aber nichtsdestoweniger wachsam und argwöhnisch.

»Sie machen so rasche Fortschritte, mein Lieber«, sagte Doktor Vimpany, »dass wir Sie in einem oder zwei Tagen außer dem Bett sehen werden. Sie sind zwar noch nicht ganz wieder hergestellt, noch nicht ganz.« Er zog sein Stethoskop heraus und untersuchte nochmals die Lunge, wobei er ein außerordentliches wissenschaftliches Interesse heuchelte. »Meine Behandlungsweise hat, wie Sie sehen, Erfolg gehabt«, - er machte sich einige Notizen in sein Taschenbuch- »sie hat Erfolg gehabt«, wiederholte er, »Sie werden das selbst zugeben müssen.«

»Gütiger Herr, ich bin Ihnen unaussprechlich dankbar - ich habe Ihnen so sehr viele Mühe gemacht!«

»Ein solch interessanter Krankheitsfall kann niemals zu viele Mühe machen«, entgegnete der Doktor, »das ist unmöglich. Denken Sie nur daran, Oxbye, dass es sich hier um die Wissenschaft handelt. Sie sind nicht Oxbye, Sie sind ein Fall, - nicht ein Mann, sondern ein Teil der Maschine ist in Unordnung geraten. Die Wissenschaft wacht an der Seite Ihres Krankenlagers, sie schaut Sie durch und durch. Obgleich Sie aus festem Fleisch und Knochen bestehen und auch Kleider anhaben, sind Sie für die Wissenschaft doch ganz durchsichtig. Doch handelt es sich für sie nicht nur darum, Ihre Krankheitserscheinungen zu beobachten, sondern sie will auch die Maschine wieder vollständig in Ordnung bringen.«

Der Däne war ganz überwältigt von diesen hochtrabenden Worten und konnte nur seinen Dank immer von neuem aussprechen.

»Ob er wohl stehen kann? - Was glauben Sie, Wärterin?« fuhr der Doktor, an Fanny gewendet, fort; »wir wollen es einmal versuchen. Er soll heute nicht gleich allzu viel herumgehen, sondern nur einmal aus dem Bett heraus, und wenn der Versuch nur dazu dient, ihm selbst zu beweisen, dass es mit ihm schon viel besser geht. Wir müssen ihn überzeugen, dass er schon fast ganz gesund ist. Kommen Sie, Wärterin, wir wollen ihn an der Hand halten.«

Der Däne fühlte sich natürlich noch sehr schwach, nachdem er so lange an das Bett gefesselt gewesen war. Liebevoll unterstützte ihn Mr. Vimpany, als er an das Fenster ging und in den Garten hinaussah.

»So«, sagte er, »jetzt ist es für heute genug. Nur nicht gleich zu viel fürs erstemal. Morgen wird er schon allein aufstehen und herumgehen können. Nun, Fanny, Sie sind jetzt mit mir doch der gleichen Meinung, wie ich hoffe, dass ich den Kranken wieder gesund gemacht habe? Nicht wahr, endlich glauben Sie es doch auch?«

Sein Blick zeigte deutlich, was er meinte. »Sie dachten«, sagte dieser Blick, »dass irgendein Schurkenstreich beabsichtigt sei? Sie haben sich als Pflegerin für diesen Mann nur aus dem Grund angeboten, weil Sie uns überwachen und diesen Schurkenstreich entdecken wollten! - Nun, was haben Sie jetzt zu sagen?« fügte der Doktor laut hinzu.

Alles, was Fanny zu sagen hatte, war das in bescheidener Weise gegebene Zugeständnis, dass der Mann sich auffallend erholt und sein Befinden sich stetig gebessert habe, seit er in die Villa gebracht worden.

Solches besagten ihre Worte; im Herzen aber war sie immer noch voller Zweifel und Argwohn.

Wir wollen nicht darüber rechten, wie weit des Doktors Scharfblick ging, wo es sich darum handelte, den Zustand der Lungen und des ganzen inneren Organismus zu erkennen; sicher aber ist, dass er die Fähigkeit besaß, in der Seele einer Frau zu lesen. Er erkannte so deutlich, als ob es vor ihm auf ein Stück Papier gezeichnet wäre, welche Verwirrung in Fannys Gedanken herrschte. Sie wusste, es war etwas beabsichtigt, was sie nicht wissen sollte. Dass der Mann nur darum in die Villa gebracht worden war, um einem wissenschaftlichen Experiment zu dienen, glaubte sie nun und nimmermehr; sie hatte gedacht, sie würde ihn sterben sehen; aber er starb nicht, sondern es ging ihm von Tag zu Tag besser, so dass er in kurzer Zeit wieder so gesund sein würde, wie er es jemals in seinem Leben gewesen war. Zu welchem Zweck hatte das nun der Doktor getan? Hier stand sie vor einem Rätsel, über dessen Lösung sie vorerst vergeblich grübelte; nur etwas Gutes traute sie dem Doktor auch jetzt nicht zu.

»Die Zeit ist endlich gekommen«, sagte, sie durchschauend, der schlaue Vimpany an diesem Abend, als er mit Lord Harry allein war, »wo dieses Mädchen fort muss. Der Mann wird sich jetzt sehr rasch wieder erholen und bedarf dann keiner Pflegerin mehr; deshalb ist auch kein Grund vorhanden, sie länger zu behalten. Wenn sie immer noch Verdacht hegt, so hat sie dazu nicht den geringsten Grund; sie hat bei der Behandlung eines fast hoffnungslosen Kranken durch einen geschickten Arzt geholfen. Was will sie mehr? Nichts, gar nichts!«

»Kann sie meiner Frau so viel, aber sonst nichts weiter erzählen?« fragte Lord Harry. »Weiß sie wirklich nichts mehr?«

»Sie kann Lady Harry nicht mehr erzählen als das, weil sie nicht mehr weiß und wir nicht mehr sagen«, antwortete der Doktor ruhig. »Sie würde gewiss gern tiefer in unsere Geheimnisse eindringen; sie ist furchtbar enttäuscht, dass sie nichts weiter zu erzählen hat, aber sie soll ganz gewiss nichts mehr ergründen. Sie hasst mich, aber sie hasst Sie, lieber Freund, noch viel mehr.«

»Warum?«

»Weil sie ihre Herrin noch liebt. Solch eine Frau wie sie pflegt die ganze Liebe, deren sie fähig ist, auf eine Person zu konzentrieren. - Sie lachen? - Sie ist ein Dienstbote und ein gewöhnliches, ungebildetes Mädchen. Es ist allgemein bekannt, und es sind schon sehr viele Fälle dagewesen, dass eine solche Frau - sagen wir ein Dienstmädchen, welches noch tiefer steht und das eine ganz übertriebene Verehrung für ihre Herrin hegt - dabei zugleich von der heftigsten Eifersucht beseelt war. Fanny Mere ist auch eifersüchtig und zwar auf Sie, lieber Freund. Sie hasst Sie und möchte gar zu gern, dass Ihre Frau Sie auch hassen soll. Ihr würde nichts angenehmer und erwünschter sein, als wenn sie jetzt zu ihrer Herrin zurückkehren könnte und in den Händen die Beweise solcher Handlungen Ihrerseits hätte - ich sage solcher Handlungen« - er wählte seine nächsten Worte sorgfältig aus - »welche Ihre Frau für immer von Ihnen trennen würden.«

»Dann ist sie ja ein wahrer Teufel«, rief Lord Harry; »aber was geht das schließlich mich an? Was tut es mir, wenn das Kammermädchen einer Lady mich mehr oder weniger hasst oder liebt?«

»Das sprach der Aristokrat, Mylord. Erinnern Sie sich gefälligst daran, dass das Kammermädchen einer Dame auch ein Weib ist. Sie sind wahrscheinlich in der Ansicht aufgewachsen und auferzogen worden, dass Dienstboten überhaupt keine Menschen sind. Das ist ein Irrtum - ein großer Irrtum. Kein Mensch in der Welt ist so niedrig gestellt, dass er nicht imstande wäre, Unheil anzustiften. Die Fähigkeit dazu ist einem jeden von uns gegeben. Dies ist die wahre, die einzige Gleichheit unter den Menschen; wir haben alle die Kraft, zu zerstören. Und auf mein Wort, es ist viel gefährlicher, von einer Frau gehasst zu werden als von einem Mann. Aber seien Sie unbesorgt! Morgen werden wir Fanny Mere zum letzten Male sehen.«

Am nächsten Vormittag besuchte der Doktor seinen Patienten viel früher als gewöhnlich. Er fand den Dänen in dem besten Wohlsein vor, lebhaft und heiter mit seiner Pflegerin plaudernd. »So«, sagte Mr. Vimpany nach der gewöhnlichen Untersuchung und den üblichen Fragen, »das geht ja besser, als ich erwartete. Jetzt sind Sie wieder imstande, allein aufzustehen. Sie können es nach dem Frühstück langsam versuchen; Sie können sich selbst anziehen; Sie brauchen keine Hilfe mehr. Pflegerin«, wendete er sich an Fanny, »wir haben Sie, wie ich glaube, nicht mehr nötig. Ich bin sehr zufrieden mit der aufmerksamen Pflege, die Sie meinem Patienten haben angedeihen lassen. Wenn Sie jemals daran denken sollten, den Beruf einer Krankenpflegerin zu wählen, dann beziehen Sie sich nur auf meine Empfehlung. Mein Versuch«, setzte er nachdenklich hinzu, »ist vollkommen geglückt; ich kann nicht leugnen, dass ich dies zum Teil der Klugheit und Geduld zu danken habe, mit der Sie meine Befehle ausführten, aber ich glaube, dass Ihre Dienste jetzt überflüssig geworden sind.«

»Wann soll ich gehen?« fragte Fanny ruhig.

»In jedem andern Fall würde ich gesagt haben: Bleiben Sie noch etwas länger, so lange es Ihnen beliebt; richten Sie es ganz nach Ihrer eigenen Bequemlichkeit ein. In Ihrem Fall muss ich jedoch sagen: Gehen Sie sofort zu Ihrer Herrin. Lady Harry war sehr betrübt, dass sie Sie hier lassen musste; sie wird sich daher freuen, wenn Sie wieder zu ihr zurückkommen. Wie lange werden Sie Zelt brauchen, um sich zur Abreise fertig zu machen?«

»Ich könnte, wenn es nötig wäre, in zehn Minuten fertig sein.«

»Das ist nicht nötig. Sie können den Nachtzug nach Dieppe benützen. Er verlässt Paris um neun Uhr fünfzig abends. Sie brauchen eine Stunde, um von einer Station zur andern zu gelangen. Wenn Sie daher nur vor sieben Uhr von hier wegfahren, so haben Sie vollkommen Zeit. Sie werden Lord Harry fragen, ob er Ihnen Briefe oder sonst einen Auftrag mitzugeben hat.«

»Gut, Sir«, antwortete Fanny. »Mit Ihrer Erlaubnis werde ich sogleich weggehen, damit ich den Tag für mich in Paris habe.«

»Ganz, wie Sie wollen, ganz, wie Sie wollen«, sagte der Doktor, der sich nicht denken konnte, warum sie einen vollen Tag in Paris bleiben wollte; aber es konnte ja in gar keinem Zusammenhang mit dem kranken Dänen stehen. Er verließ das Zimmer, nachdem er vorher noch versprochen hatte, in einer oder zwei Stunden wieder nach Mr. Oxbye zu sehen. Dann stellte er sich an dem Gartentor auf, durch welches Fanny Mere das Haus verlassen musste. Ungefähr nach einer halben Stunde kam sie den Weg entlang mit ihrer Reisetasche. Der Doktor öffnete ihr die Tür.

»Leben Sie wohl, Fanny«, sagte er; »nochmals meinen besten Dank für Ihre Sorgfalt. Ich bin sehr froh«, fügte er mit seinem, wie er glaubte, süßesten Lächeln hinzu, was aber doch nur wie ein Grinsen aussah, »dass Ihre Bemühungen in einer solchen Weise gekrönt worden sind, wie Sie wohl selbst kaum erwartet haben.«

»Ich danke Ihnen, Sir«, antwortete das Mädchen. »Mr. Oxbye ist jetzt in der Tat wieder fast ganz gesund und kann sich daher wirklich ohne mich behelfen.«

»Die Tasche ist aber viel zu schwer für Sie, Fanny. - Nein, nein, geben Sie sie nur her, ich werde sie Ihnen bis zum Omnibus tragen.«

Es war nicht weit bis zum Omnibus, und die Tasche war auch nicht zu schwer, aber Fanny fügte sich. »Er will sehen, ob ich auch wirklich abreise«, dachte sie.

»Ich will meiner Sache gewiss sein!« dachte er.

Der Doktor kehrte gedankenvoll in das Haus zurück. Jetzt war der Zeitpunkt für die Ausführung seines Planes gekommen. Jedes Hindernis war aus dem Wege geräumt.

»Sie ist fort«, sagte er, als Lord Harry gegen elf Uhr zum Frühstück zurückkehrte. »Ich sah sie mit dem Omnibus nach dem Westbahnhof fahren.«

»Sie ist fort«, wiederholte sein Verbündeter, »und ich bin nun allein in diesem Hause mit Ihnen und mit -«

»Mit dem Kranken - in Zukunft Sie selbst, Mylord.«

Neunundfünfzigstes Kapitel

Vimpany täuschte sich, denn ganz unbemerkt kehrte Fanny zurück. Es ließ ihr keine Ruhe; sie musste dem Doktor auf die Schliche kommen.

In Paris am Bahnhof aus dem Omnibus gestiegen, hatte sie zunächst ein nahegelegenes Hotel aufgesucht, in welchem sie ihre Reisetasche abstellte. Dann hatte sie die Zeit mit Spazierengehen verbracht, um sich die Läden und die Straßen anzusehen, wie sie auf Befragen erklärt haben würde; - um sich einen bestimmten Plan auszudenken, wie sie eigentlich hätte erklären müssen. Sie kaufte sich ein neues Kleid, einen neuen Hut und einen sehr dichten Schleier, der sie auf eine gewisse Entfernung hin unkenntlich machte. Einer Entdeckung durch den Doktor zu entgehen, wenn sie mit ihm in der Nähe zusammentraf, das war unmöglich. Aber sie war fest entschlossen, alles zu wagen; sie wollte sich jeder Gefahr aussetzen, um sich nur über Vimpanys Absichten Klarheit zu verschaffen.

Am nächsten Morgen kehrte sie mit dem Omnibus zurück, so dass sie die Villa ungefähr um ein Viertel auf zwölf Uhr wieder erreichen konnte. Sie wählte diese Zeit aus zwei Gründen: erstens, weil das Frühstück um elf Uhr aus dem Restaurant geschickt wurde und die Herren daher sicherlich um diese Zeit in dem Speisezimmer bei dem Frühstückstisch saßen, und zweitens, weil der Doktor jedesmal nach dem Frühstück seinen Kranken besuchte. Sie konnte daher hoffen, ungesehen ins Haus zu kommen, und das war zunächst notwendig. Das Schlafzimmer, welches dem Kranken, seitdem er sich wohler befand, angewiesen war, lag im Erdgeschoß neben dem Speisezimmer; es stand mit dem Garten durch große Flügeltüren und eine Freitreppe in Verbindung.

Fanny ging vorsichtig den Weg vor der Gartentür entlang; ein rascher Blick überzeugte sie, dass niemand zu sehen war; sie öffnete hastig die Tür und schlüpfte hinein. Sie wusste, dass die Fenster des Krankenzimmers von innen geschlossen und die Rouleaux noch herabgelassen waren, da man den Patienten um diese Zeit noch nicht durch einen Besuch zu stören pflegte. Die Fenster des Speisezimmers gingen nach der andern Seite des Hauses heraus. Fanny eilte geräuschlos und vorsichtig auf die Rückseite der Villa und fand, wie sie erwartet hatte, die dort befindliche Tür weit offen stehen. In der Vorhalle hörte sie die Stimmen des Doktors und Lord Harrys und das Geräusch von Messern und Gabeln. Die beiden Herren saßen also wirklich beim Frühstück.

Aber noch eins: was sollte sie Oxbye sagen? Welchen Grund sollte sie für ihre Rückkehr angeben? Wie sollte sie ihn dazu bringen, Stillschweigen über ihre Wiederkehr zu beobachten? Sie wusste, er hielt große Stücke auf sie, und das gab ihr einen Plan an die Hand. Sie wollte ihm sagen, sie sei zurückgekommen aus Anhänglichkeit an ihn, um, ungesehen von dem Doktor, über ihm zu wachen und ihn geleiten zu können, sobald er zur Reise kräftig genug wäre. Er war eine so einfache, reine Seele und würde sicherlich diese kleine, unschuldige Täuschung für wahr halten. Es würde dann ganz leicht für sie sein, in dem Hause zu bleiben, vollständig ungestört und unbemerkt von den beiden anderen Herren.

Sie öffnete die Tür und sah in das Krankenzimmer.

Der Kranke schlief ganz ruhig, aber nicht in seinem Bett. Er lag vielmehr halb angekleidet und mit einer Decke zugedeckt auf dem Sofa. Mit der Sorglosigkeit eines Wiedergenesenden hatte er sein Lager nach einer schlaflosen Nacht gewechselt und schlief bis tief in den Morgen hinein.

Das Bett stand, wie es meistens in französischen Häusern der Fall zu sein pflegt, in einem Alkoven. Ein schwerer Vorhang fiel davor in Falten über eine Stange herunter, wie das ebenfalls französische Art ist. Ein Teil des Vorhanges lag über dem Kopfende des Bettes.

Fanny erkannte sofort die Möglichkeit, diesen Vorhang als Versteck zu benützen. Es befand sich zwischen dem Bett und der Mauer ein Zwischenraum von ungefähr einem Fuß. Dorthin, an das Kopfende des Bettes, stellte sich Fanny, wo der Vorhang sie vollständig verbarg. Nichts war unwahrscheinlicher, als dass der Doktor hinter das Bett in diesen Winkel sehen würde. Dann bohrte sie mit ihrer Schere ein Loch in den Vorhang, groß genug, um einen vollständigen Durchblick zu gestatten, ohne dass der dahinter Stehende die geringste Gefahr lief, selbst gesehen zu werden, und nun wartete sie der Dinge, die da kommen sollten.

So stand sie wohl eine halbe Stunde lang, während welcher der Schlafende ruhig dalag und die Stimmen der beiden Herren aus dem Speisezimmer herüber bald leiser, bald lauter schallten. Jetzt war gerade ein kurzes Stillschweigen eingetreten. »Sie zünden sich ihre Zigarren an,« sagte Fanny zu sich, »dann werden sie ihren Kaffee trinken und in wenigen Minuten hier sein.«

Als Lord Harry und Mr. Vimpany ein paar Minuten später wirklich in das Krankenzimmer traten, rauchten sie noch ihre Zigarren. Lord Harrys Gesicht war leicht gerötet, vielleicht von dem Wein, den er beim Frühstück getrunken hatte - vielleicht auch infolge des Glases Cognac nach dem Kaffee.

Der Doktor warf sich in einen Stuhl, schlug die Beine übereinander und betrachtete gedankenvoll seinen Patienten. Lord Harry stand ihm gegenüber.

»Jeden Tag geht es mit dem Dänen besser,« sagte er.

»Ja,« antwortete der Doktor, »bis jetzt ist er allerdings jeden Tag wohler geworden.«

»Jeden Tag wird sein Gesicht dicker, und er wird mir dadurch immer unähnlicher.«

»Das ist wahr,« entgegnete der Doktor.

»Ja, was zum Teufel sollen wir nun tun?«

»Noch etwas warten,« antwortete der Doktor gelassen.

Das Mädchen wagte in seinem Versteck kaum zu atmen.

»Was?« fragte Lord Harry. »Sie glauben trotz allem, dass der Mann -«

»Warten wir nur noch ein wenig,« wiederholte der Doktor ruhig.

Lord Harry schüttelte bedenklich den Kopf.

»Hören Sie mich!« sagte der Doktor. »Wer von uns beiden hat Medizin studiert, Sie oder ich?«

»Sie natürlich.«

»Nun gut. Dann sage ich Ihnen als Arzt, dass der Schein trügt. Dieser Mann hier sieht weit besser aus als vor etlichen Wochen; er denkt, dass er wieder gesund werden wird; er fühlt sich kräftiger. Sie selbst haben bemerkt, dass er in seinem Gesicht dicker geworden ist. Seine Pflegerin, Fanny Mere, ging weg mit der Überzeugung, dass es ihm viel besser gehe und dass er binnen kurzem das Haus werde verlassen können.«

»Nun?«

»Nun, Mylord, erlauben Sie mir, Ihnen etwas anzuvertrauen. Ärzte pflegen meistens ihre Kenntnisse in solchen Fällen für sich zu behalten. Wir kennen und entdecken allerlei Symptome, die für Sie unsichtbar sind, und durch diese Symptome - durch diese Symptome gerade,« wiederholte er langsam und sah dabei Lord Harry scharf an, »weiß ich, dass dieser Mann - nicht mehr Oxbye, mein Patient, sondern ein anderer - sich in einem höchst gefährlichen Zustand befindet.«

»Und wann - wann -«

Lord Harry war furchtbar bleich. Seine Lippen bewegten sich zwar, aber er konnte den Satz nicht vollenden. Das, wozu er seine Einwilligung gegeben hatte, war schrecklich nahe, und es sah hässlicher aus, als er erwartet hatte.

»O - wann?« wiederholte der Doktor unbekümmert. »Vielleicht heute, vielleicht in einer Woche. So genau lässt sich das nicht vorausbestimmen.«

Lord Harry atmete tief auf.

»Wenn der Mann sich in einem solch besorgniserregenden Zustand befindet,« sagte er, »ist es dann sicher oder klug von uns, wenn wir in dem Hause allein, ohne einen Dienstboten und eine Wärterin, sind?«

»Ich bin nicht von gestern, das kann ich Sie versichern, Mylord,« sagte der Doktor in seiner scherzhaften Weise. »Die Wärterin ist schon gefunden. Sie wird heute kommen, und das Leben meines Patienten ist nach menschlicher Voraussicht,« - Lord Harry schauderte zusammen - »bis zu ihrer Ankunft vollständig sicher.«

»Gut, aber sie ist eine Fremde. Sie muss doch wissen, wen sie pflegt.«

»Gewiss. Es wird ihr gesagt - das heißt, ich habe es ihr schon gesagt - dass sie Lord Harry Norland, einen jungen irischen Edelmann, pflegen soll. Sie ist eine Fremde. Das ist die wertvollste Eigenschaft, die sie besitzt. Sie ist eine vollkommen Fremde. Und was Sie betrifft, Mylord, wer Sie sind? - Alles, was Sie wollen. Ein englischer Edelmann, der mir Gesellschaft leistet bei Lord Harrys trauriger Krankheit. Was kann es Natürlicheres geben? Der englische Doktor ist bei seinem Patienten, und der englische Freund ist bei dem Doktor. Wenn der Versicherungsbeamte Nachforschungen anstellt, - und er wird es höchstwahrscheinlich tun - dann wird die Pflegerin unschätzbar sein, des Zeugnisses wegen, das sie geben wird.«

Er stand auf, zog geräuschlos die Rouleaux in die Höhe und öffnete die Fenster. Weder die frische Luft noch das Licht weckten den Kranken auf.

Vimpany sah nach seiner Uhr.

»Es ist Zeit, dass er die Medizin nimmt,« sagte er; »wecken Sie ihn auf, während ich sie zubereite.«

»Wollen Sie ihn nicht lieber ausschlafen lassen?« fragte Lord Harry, wieder bleich werdend.

»Wecken Sie ihn nur auf, schütteln Sie ihn tüchtig an der Schulter. Tun Sie, was ich Ihnen sage,« entgegnete der Doktor grob. »Er wird schon wieder einschlafen. Eine von den feineren Eigenschaften meiner Medizin ist, dass sie den Kranken Schlaf verschafft; es ist eine höchst beruhigende Medizin. Sie verursacht Schlaf, tiefen Schlaf. Wecken Sie ihn also nur auf.«

Er trat an den Wandschrank, in welchem die Arzneiflaschen aufbewahrt waren. Lord Harry machte mit einiger Mühe den Kranken munter, der sich schwer und matt erhob und fragte, warum man ihn störe.

»Es ist Zeit zum Einnehmen, lieber Freund,« sagte der Doktor. »Sie sollen dann nicht weiter gestört werden, das verspreche ich Ihnen.«

Die geöffnete Tür des Wandschrankes verhinderte die Lauscherin, zu sehen, was der Doktor tat. Aber er brauchte diesmal mehr Zeit zum Füllen des Glases als gewöhnlich. Lord Harry schien das zu bemerken, denn er verließ den Dänen und schaute dem Doktor über die Schulter.

»Was machen Sie?« fragte er in flüsterndem Ton.

»Sie tun besser, nicht zu fragen, Mylord,« antwortete der Doktor. »Was verstehen Sie denn von den Geheimnissen der Arzneikunde!«

»Warum soll ich nicht fragen?«

Vimpany drehte sich um und lehnte die Tür des Wandschrankes an. In seiner Hand hielt er ein bis zum Rande gefülltes Glas.

»Wenn Sie das Glas genau betrachten,« sagte er, »dann werden Sie verstehen, warum.«

Lord Harry warf einen prüfenden Blick auf das Glas und seinen Inhalt. Dann taumelte er zurück, fiel in einen Stuhl und sagte nichts mehr.

»Nun, mein lieber Freund,« sagte der Doktor, »trinken Sie, und es wird Ihnen besser werden, immer besser, immer besser. So, das war brav.« Er sah ihn sonderbar an. »Nun, wie schmeckt die Medizin heute?«

Oxbye schüttelte seinen Kopf wie ein Mann, der etwas Widerliches genossen hat.

»Das schmeckt mir ganz und gar nicht,« sagte er. »Das schmeckt nicht wie die andere Medizin, die ich bisher genommen habe.«

»Natürlich nicht,« entgegnete der Doktor, »denn ich habe sie anders zubereitet; ich habe sie stärker gemacht.«

Der Däne schüttelte wieder seinen Kopf.

»Sie verursacht mir Schmerz in der Kehle,« sagte er, »sie sticht, sie brennt.«

»Geduld, nur Geduld! Es wird sofort vorübergehen, und Sie werden sich dann wieder niederlegen und leicht einschlafen.«

Oxbye sank auf das Sofa zurück; seine Augen schlossen sich. Dann öffnete er sie wieder und sah sich in sonderbarer Weise um wie ein Mann, der eine neue Erfahrung gemacht hat. Dann schüttelte er seinen Kopf, schloss seine Augen wieder und öffnete sie nicht mehr. Er war eingeschlafen.

Der Doktor stand ihm zu Häupten und beobachtete ihn genau. Lord Harry saß in seinem Stuhl; er neigte sich nach vorn und beobachtete auch den Kranken; aber sein Gesicht war schrecklich bleich, und seine Hände zitterten.

Als sie den Schlafenden so anstarrten, fiel sein Kopf ein wenig zur Seite; sein Gesicht wurde dadurch dem Zimmer mehr zugekehrt. Dann trat etwas Sonderbares, etwas Erschreckendes ein. Sein Mund begann sich langsam zu öffnen.

»Hat er - hat er - hat er eine Ohnmacht bekommen?« flüsterte Lord Harry.

»Nein, er ist eingeschlafen. Haben Sie noch niemals einen Menschen mit weitgeöffnetem Mund schlafen sehen?«

Dann waren sie einen Augenblick still. Der Doktor unterbrach zuerst das Schweigen.

»Wir haben heute morgen ausgezeichnetes Licht,« sagte er ruhig. »Ich will einmal den Versuch mit einer Photographie machen. Halt, lassen Sie mich ihm zuerst noch das Tuch so umbinden, dass der Mund geschlossen ist; so - so.«

Der Kranke wurde durch diese Hantierung nicht im mindesten gestört, obgleich der Doktor durchaus nicht zart zu Werke ging. Ein gesunder Schläfer wäre gewiss davon aufgewacht.

»Nun wollen wir einmal sehen, ob er aussieht wie ein nach dem Tode Photographierter.«

Vimpany ging in das nächste Zimmer und kehrte mit dem photographischen Apparat zurück. In wenigen Minuten hatte er ein Bild aufgenommen und hielt das Negativ gegen seinen Ärmel, um es sichtbar zu machen.

»Wir wollen abwarten, wie es aussieht,« sagte er, »wenn es kopiert ist. Vorerst glaube ich kaum, dass es gut genug sein wird, um als ein Bild von Ihnen gelten zu können, das an die Versicherungsgesellschaft geschickt werden muss. Niemand, der Sie kennt, würde, fürchte ich, dies für ein nach dem Tode aufgenommenes Bild Lord Harrys halten. Nun, wir wollen sehen; vielleicht sind wir morgen in der Lage, eine bessere Photographie zu bekommen - nicht wahr?«

Lord Harry folgte seinen Bewegungen und beobachtete ihn genau, sagte aber nichts. Sein Gesicht blieb bleich, und seine Finger zitterten immer noch. Es konnte jetzt weder an Vimpanys verbrecherischer Absicht noch an dem Verbrechen selbst länger gezweifelt werden. Er wagte es nicht, sich zu bewegen oder zu sprechen.

Da tönte der Schall der Haustürglocke. Lord Harry fuhr mit einem Schreckensrufe von seinem Stuhl auf.

»Das ist die Pflegerin,« sagte der Doktor ruhig, »die neue Pflegerin, die Fremde.«

Er löste das Tuch, mit dem er Oxbyes Kinnlade hinaufgebunden, sah sich im Zimmer um, als ob er sich überzeugen wollte, ob alles an seiner richtigen Stelle stehe, und ging dann hinaus, um die Frau hereinzulassen.

Lord Harry sprang auf und fuhr mit der Hand über das Gesicht des Kranken.

»Ist es möglich?« flüsterte er. »Kann der Mann vergiftet sein? Ist er schon tot - schon, und vor meinen Augen umgebracht?«

Er legte seine Finger auf den Puls des Kranken, aber der Klang der Schritte und der Stimme des Doktors schreckten ihn zurück. Vimpany trat mit der neuen Pflegerin in das Zimmer. Sie war eine ältliche, bescheiden aussehende Frau. Lord Harry blieb an der Seite des Sofas stehen in der Hoffnung, der Däne würde wieder aufwachen.

»So,« sagte Vimpany freundlich, »hier ist Ihr Patient, Pflegerin; er ist jetzt eingeschlafen. Lassen Sie ihn nur ruhig ausschlafen, er hat seine Medizin schon genommen und wird für eine Zeit lang nichts weiter bedürfen. Wenn Sie etwas wünschen, so lassen Sie es mich wissen; wir werden in dem nächsten Zimmer sein oder im Garten, irgendwo in der Nähe des Hauses. Kommen Sie, lieber Freund!«

Er zog Lord Harry sanft bei dem Arm weg, und beide verließen das Zimmer.

Fanny Mere begann hinter dem Vorhang darüber nachzusinnen, wie sie wohl ungesehen entkommen könnte.

Die Pflegerin, allein gelassen, sah sich jetzt ihren Patienten an, welcher mit dem Gesicht ihr zugekehrt lag; seine Augen waren geschlossen, und sein Mund stand weit offen. »Ein sonderbarer Schlaf,« murmelte sie; »aber der Doktor muss es, wie ich denke, ja wissen; er soll ausschlafen!«

»In der Tat ein sonderbarer Schlaf!« dachte die Lauscherin. Sie fühlte sich in diesem Momente versucht, hervorzutreten und zu bekennen, was sie gesehen hatte; aber der Gedanke an Lord Harrys Mittäterschaft hielt sie zurück. Mit welchem Gesicht konnte sie zu ihrer Herrin zurückkehren und ihr sagen, dass sie es in der Hand habe, ihren Gatten des Mordes zu beschuldigen! Sie entschloss sich daher, zu warten.

Die Wärterin legte ihren Hut und ihren Mantel ab und sah sich im Zimmer um. Sie trat an das Bett und prüfte das Bettzeug und das Kissen, wie es eine gute französische Hausfrau tut. Ob sie wohl den Vorhang zurückschlagen würde? Wenn sie das täte, was sollte dann geschehen? Dann würde es notwendig sein, die neue Pflegerin in das Vertrauen zu ziehen, denn sonst... Fanny dachte das Ende dieses Satzes nicht aus; es hieß: Wenn Vimpany herausbekommen würde, wo sie gewesen war, was sie gesehen und gehört hatte, dann würden statt eines Menschen zwei in einen tiefen Schlummer fallen.

Die Pflegerin ging aber wieder von dem Bett weg und trat, durch die halb geöffnete Tür angezogen, an den Wandschrank. Da standen die Medizinflaschen; sie nahm eine nach der andern heraus und betrachtete sie mit berufsmäßiger Neugierde; sie entkorkte jede und roch daran; dann stellte sie die Flaschen wieder an ihren früheren Platz zurück. Darauf ging sie an die offen stehende Glastür und trat hinaus auf die in den Garten führende Steintreppe. Sie sah sich rings um und atmete mit vollen Zügen die weiche, von dem Duft der zahlreichen Blumen erfüllte Luft ein. Nach einer Weile kehrte sie in das Zimmer zurück, und es hatte den Anschein, als ob sie noch einmal das Bett untersuchen wollte. Sie wurde indes durch ein kleines Bücherbrett davon abgelenkt und begann ein Buch nach dem andern herunterzunehmen und durchzublättern wie eine halbgebildete Person, in der Hoffnung, etwas recht Unterhaltendes zu finden.

Und sie fand auch ein Buch mit Bildern. Sie setzte sich in den Armstuhl nieder neben dem Sofa und sah sich langsam ein Blatt nach dem andern an. Wie lange sollte das dauern?

Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Die Pflegerin legte das Buch gähnend weg, lehnte sich in den Sessel zurück, gähnte noch einmal, faltete die Hände und schloss die Augen. Sie stand im Begriff, einzuschlafen. Wenn sie nur wirklich auch einschlafen wollte, damit das Mädchen hinter dem Vorhang ungesehen entschlüpfen könnte!

Aber zuweilen wird der Schlaf, gerade wenn man am meisten dazu geneigt ist, durch ein Ungefähr verscheucht. In diesem Fall geschah es dadurch, dass sich die Pflegerin, bevor sie einschlief, daran erinnerte, dass sie einen kranken Mann zu pflegen hatte. Sie richtete sich daher noch einmal auf, ehe sie sich ganz der süßen Ruhe hingab, und sah den Schlafenden genau an.

Wie von einer plötzlichen Eingebung geleitet, sprang sie auf und beugte sich über den Mann. »Atmet er noch?« fragte sie. Sie beugte sich tiefer. »Schlägt sein Puls noch?«

Sie ergriff sein Handgelenk.

»Doktor,« schrie sie laut auf und rannte in den Garten, »Doktor, kommen Sie, kommen Sie schnell, er ist tot!«

Fanny Mere trat rasch aus ihrem Versteck hervor und eilte durch die an der Rückseite des Hauses gelegene Tür, durch den Garten und auf die Straße hinaus.

Sie war entkommen, sie hatte das Verbrechen begehen sehen. Jetzt wusste sie endlich, was man beabsichtigt hatte, und warum sie fortgeschickt worden war. Nur den Zweck des Verbrechens konnte sie nicht erraten.

Sechzigstes Kapitel

Was sollte sie mit diesem schrecklichen Geheimnis tun?

Der Polizei davon Mitteilung machen! Aber dem stand zweierlei entgegen. Erstens konnte sich die Pflegerin sehr leicht geirrt haben, als sie annahm, ihr Patient sei tot, und zweitens kam ihr der fürchterliche Gedanke, dass sie bis zu dem vorhergegangenen Tage die Pflegerin des Kranken gewesen sei, seine einzige Pflegerin bei Tag und Nacht. Was konnte den Doktor verhindern, die Schuld, ihn vergiftet zu haben, auf sie zu wälzen? Nein! Der Mann war den ganzen Morgen allein gelassen worden; am Tag vorher war jedes Anzeichen vorhanden gewesen, dass er wieder gesund werden würde. Sie hätte also bekennen müssen, dass sie sich versteckt hatte. Wie lange war sie in dem Versteck gewesen, und warum hatte sie sich versteckt? War es nicht geschehen, nachdem sie den Mann vergiftet hatte und die nahenden Schritte des Doktors hörte? Da sie selbstverständlicherweise mit den Giften und ihren Wirkungen wenig vertraut war, so schien es ihr, als ob die Tatsachen in dieser Zusammenstellung gegen sie sprächen. Deshalb beschloss sie, den Tag über ruhig in Paris zu bleiben und am Abend mit dem Dampfschiff von Dieppe aus nach England überzufahren. Die ersten, denen sie alles, was sie gehört und gesehen hatte, entdecken wollte, sollten Mrs. Vimpany und Mr. Mountjoy sein, und was sie dann ihrer Herrin sagen sollte, das sollten ihr die anderen raten.

Sie kam sicher in London an und fuhr geradenwegs in das Hotel, in welchem Hugh Mountjoy wohnte, da sie vorhatte, zuerst ihm die ganze Geschichte mitzuteilen.

Sie fand aber in seinem Wohnzimmer nur Mrs. Vimpany.

»Wir dürfen ihn nicht aufwecken, was Sie auch für Nachrichten bringen mögen. Seine volle Wiederherstellung hängt einzig und allein von vollständiger Ruhe ab. Hier,« - sie zeigte auf den Kaminsims - »hier liegt ein Brief von Mylady. Ich fürchte, ich weiß nur zu gut, was er enthält.«

»Was soll er enthalten?«

»Heute morgen war ich in ihrer Wohnung,« fuhr Mrs. Vimpany fort, »aber sie war nicht mehr da.«

»Nicht mehr da? Mylady war fort? Ja, wohin kann sie denn gegangen sein?«

»Nun, wohin glauben Sie wohl, dass sie gegangen sein wird?«

»Doch nicht etwa zu ihrem Gatten? Nur nicht zu ihm, es wäre schrecklich! Es wäre noch viel schrecklicher, als Sie sich denken können.«

»Sie werden mir nachher erzählen, warum das jetzt um so viel schrecklicher ist als früher. Inzwischen habe ich herausbekommen, dass dem Kutscher befohlen war, nach dem Bahnhof zu fahren. Das ist alles, was ich weiß. Ich hege indessen nicht den geringsten Zweifel, dass sie zu ihrem Gatten zurückgegangen ist. Sie befand sich immer in einer tief niedergeschlagenen Stimmung, seitdem sie nach England gekommen war. Mr. Mountjoy ist auch diesmal so liebenswürdig wie immer gegen sie gewesen, aber er war doch nicht imstande, ihren Kummer zu verscheuchen. Ob sie sich nun wirklich nach ihrem Gatten gesehnt hat, oder ob sie - ich kann das zwar kaum glauben - den Mann, welchen sie verloren, mit dem Mann, den sie geheiratet hat, verglich, das weiß ich nicht. Ich weiß nur das eine, dass sie, seitdem sie aus Frankreich kam, unglücklich gewesen ist, und glaube, sie hat sich immer darüber Vorwürfe gemacht, dass sie ihren Gatten ohne hinreichende Gründe verlassen hat.«

»Hinreichende Gründe?« wiederholte Fanny. »O, gnädiger Gott, wenn sie nur wüsste! Es sind Gründe genug vorhanden, um hundert Gatten zu verlassen.«

»Nichts schien sie aufzuheitern,« fuhr Mrs. Vimpany fort, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Ich fuhr mit ihr hinaus auf das Gut, um ihr früheres Kammermädchen, Rhoda Bennet, zu besuchen. Die Gesundheit des Mädchens ist wieder zurückgekehrt; sie steht im Begriff, sich mit dem Bruder des Pächters zu verheiraten. Lady Harry war sehr freundlich mit ihr und sagte ihr die liebenswürdigsten Dinge; sie zog sogar einen der hübschesten Ringe von ihrem Finger und gab ihn dem Mädchen. Aber ich konnte sehen, dass es sie große Anstrengung kostete, Teilnahme zu heucheln. Ihre Gedanken weilten während der ganzen Zeit bei ihrem Gatten. Ich war schon seit langem fest davon überzeugt, dass es in dieser Weise endigen würde, und ich bin daher auch nicht im mindesten überrascht; aber was wird Mr. Mountjoy sagen, wenn er den Brief öffnet?«

»Zurück zu ihrem Gatten?« wiederholte Fanny. »O mein Gott, was sollen wir dann tun?«

»Ich verstehe nicht recht den Zusammenhang Ihrer gesteigerten Befürchtungen. Was hat sich denn neuerdings ereignet?«

»Ich muss es Ihnen erzählen; ich dachte, ich würde es zuerst Mr. Mountjoy mitteilen können, aber ich muss es Ihnen jetzt sagen, obgleich - obgleich -« Sie hielt inne.

»Obgleich es meinen Gatten betrifft. Kehren Sie sich nicht daran und erzählen Sie mir ruhig alles, was Sie wissen.«

Fanny berichtete nun die ganze Geschichte von Anfang an.

Als sie geendet hatte, sah Mrs. Vimpany ängstlich nach der Tür des Schlafzimmers.

»Gott sei Dank,« sagte sie, »dass Sie diese Geschichte mir anstatt Mr. Mountjoy erzählt haben. Jedenfalls bitte ich Sie inständigst, ihn ja nichts von alledem wissen zu lassen. Wir können jetzt gar nichts tun. Nur Sie müssen sogleich wieder fort. Mr. Mountjoy darf Sie nicht hier finden, er darf Ihre Geschichte nicht hören. Wenn er erfährt, was sich ereignet hat, und wenn er dann noch den Brief von Lady Harry liest, dann wird ihn niemand und nichts davon abhalten können, ihr nach Passy zu folgen. Er wird sofort begreifen, dass sie jedenfalls in diese verbrecherische Gemeinschaft verstrickt wird, und er wird sich der größten Gefahr aussetzen bei dem erfolglosen Versuch, sie zu retten. Er ist zu schwach, um die Reise ertragen zu können, er ist viel zu schwach für die heftigen Erregungen, welche dann noch folgen werden, und vor allem viel zu schwach, um es mit meinem Gatten aufnehmen zu können.«

»Was sollen wir aber dann um Gottes willen anfangen?«

»Alles, alles lieber, als dulden, dass Mr. Mountjoy sich zwischen Lord Harry und seine Frau stellt.«

»Ja, ja, aber solch ein Mann! Mrs. Vimpany, Lord Harry war zugegen, als der Däne vergiftet wurde; er wusste, dass der Mann vergiftet wurde; er saß in seinem Stuhl, sein Gesicht war leichenblass, aber er sagte nichts. Ich habe es kaum über mich gewinnen können, nicht hervorzuspringen und dem Doktor das Glas aus der Hand zu schlagen. Lord Harry aber sagte nichts.«

»Liebe Fanny, begreifen Sie nicht, was Sie tun sollen?«

Fanny gab keine Antwort.

»Bedenken Sie - mein Gatte - Lord Harry - keiner von ihnen weiß, dass Sie zugegen waren. Sie können daher ohne jedes Bedenken nach Passy zurückkehren, und dann werden Sie, was sich immer auch ereignen mag, zur Hand sein, um Mylady zu schützen. Bedenken Sie nur, Sie können als ihr Kammermädchen immer bei ihr sein, in ihrem Zimmer, bei Nacht, überall und zu jeder Zeit, während Mr. Mountjoy nur hie und da das könnte, und außerdem noch der Gefahr ausgesetzt wäre, mit ihrem Gatten Streit zu bekommen.«

»Das wäre er!« sagte Fanny.

»Und Sie sind kräftig und gesund, während Mr. Mountjoy schwach und krank ist.«

»Sie meinen also, dass ich nach Passy zurückkehren soll?«

»Sofort, ohne jeden Aufschub. Lady Harry reiste vergangene Nacht ab; fahren Sie heute abend, sie wird Sie dann vierundzwanzig Stunden nach Ihrer Ankunft bei sich haben.«

Fanny stand auf.

»Ich werde gehen,« sagte sie. »Wenn mich auch schon der bloße Gedanke an eine Rückkehr in dieses schreckliche Haus zu dem furchtbaren Mann schreckt, so werde ich dennoch gehen. Mrs. Vimpany, ich weiß, dass es von keinem Nutzen sein wird. Was sich in Zukunft ereignet, das wird sich ereignen, ohne dass es in meiner Gewalt steht, es zu befördern oder es zu verhindern. Ich bin fest überzeugt, dass meine Reise ganz nutzlos sein wird. Aber ich werde abreisen, ja, ich werde heute abend noch nach Passy abreisen.«

Dann gab sie das Versprechen, so bald wie möglich zu schreiben, wenn sie etwas Wichtiges mitzuteilen hätte, und ging fort.

Mrs. Vimpany horchte, allein gelassen, nach dem Schlafzimmer, aber es ließ sich darin kein Laut vernehmen. Mr. Mountjoy schlief noch. Wenn er kräftig genug wäre, dann würde es hinreichend Zeit sein, um ihm mitzuteilen, was geschehen war. Sie saß nachdenklich da. Selbst wenn man den schlechtesten Gatten von der Welt hat und seinen Charakter ganz und gar kennt, so ist es doch höchst peinlich, eine solche Geschichte von ihm zu hören, wie sie Fanny ihr soeben erzählt hatte.

Einundsechzigstes Kapitel

»Er ist ganz tot,« sagte der Doktor, indem er mit der einen Hand den Puls des Toten fühlte und mit der andern Hand sein Augenlid aufhob, »er ist tot. Ich dachte nicht, dass es so schnell gehen würde. Noch vor einer halben Stunde ließ ich ihn ganz ruhig atmend zurück. Hat er noch einige Zeichen von Bewusstsein gegeben?«

»Nein, Sir.«

»Heute morgen war er so heiter. Ein so plötzlich eintretender Umschlag ist nicht ungewöhnlich bei solchen Kranken. Ich habe ähnliches schon bei vielen Fällen meiner Praxis bemerkt. Gerade an dem letzten Morgen vor dem Sterben, in demselben Moment, in welchem der Tod mit aufgehobener Sense an der Schwelle steht, ist der Kranke munter und sogar heiter; er schaut hoffnungsvoller in die Zukunft als seit vielen Monaten. Er denkt - ja, er ist vollkommen überzeugt davon, dass er wieder gesund werden wird; er sagt, dass er über kurz oder lang aufstehen und seiner Wege gehen werde; seit dem Beginn seiner Krankheit hat er sich nie so kräftig gefühlt. Dann schlägt ihn der Tod nieder, und er sinkt dahin.«

Der Doktor brachte diese Darlegung in sehr einleuchtender Weise vor.

»Jetzt bleibt nichts anderes zu tun übrig, als die Ursache des Todes zu bestätigen, die üblichen Formalitäten zu erfüllen und so die Behörden zu befriedigen. Ich werde diese Verpflichtung auf mich nehmen. Der unglückliche junge Mann gehörte zu einer hoch angesehenen Familie. Ich werde an seine Verwandten und an seine Freunde schreiben und ihnen seine Papiere übersenden, und noch eine letzte Pflicht kann ich für ihn tun: ich werde im Interesse seiner Familie und Freunde eine letzte Photographie von ihm aufnehmen, wie er auf seinem Totenbette ruht.«

Lord Harry stand in dem Hausflur und hörte stöhnend und furchtsam zu. Er wagte es nicht, in das Zimmer einzutreten; es war das Sterbezimmer. Welchen Teil hatte er daran, den vernichtenden Engel gerufen zu haben, der den Befehlen und Wünschen eines jeden zu Gebot steht, selbst des Geringsten? Rufe ihn, und er kommt! Befiehl ihm, jemand niederzustrecken, und er gehorcht!

Schwer seufzend wendete sich Lord Harry von dem ihn schier erdrückenden Bilde des Todes ab und ging aus dem Hause. Eine Stunde lang wandelte er auf der Straße weiter, dann blieb er stehen und ging wieder zurück. Wie mit Stricken zog es ihn heim, er konnte nicht länger widerstehen. Es war ihm, als ob sich etwas ereignet haben müsste. Möglicherweise fand er den Doktor arretiert und die Polizei auf ihn selbst wartend, um ihn als Mitschuldigen oder als Anstifter eines Verbrechens zu verhaften.

Er fand jedoch bei seiner Rückkehr nichts Derartiges vor. Der Doktor saß in dem Salon, und vor ihm lagen verschiedene Briefe und amtliche Formulare. Vimpany blickte vergnügt zu ihm auf.

»Mein lieber Freund,« sagte er, »das unerwartet schnelle Ende des jungen irischen Lords ist ein sehr trauriges Ereignis. Ich habe den Namen des Rechtsanwalts der Familie ausfindig gemacht und an ihn geschrieben. Ich habe ferner an seinen Bruder geschrieben als das Haupt der Familie. Ich fand auch, als ich seine Papiere durchsuchte, dass er sein Leben versichert hatte; ich habe daher der Versicherungsgesellschaft seinen Tod mitgeteilt. Ferner haben die Behörden, die in solchen Dingen ganz besonders aufmerksam und peinlich sind, die notwendigen Berichte erhalten. Morgen, wenn alle gesetzlichen Formalitäten erfüllt sind, werden wir den Verstorbenen begraben.«

»So bald?«

»So bald?! Je schneller ein Toter in solchen Fällen von vorgeschrittener Lungenkrankheit begraben wird, um so besser ist es. Der französische Gebrauch einer schnellen Beerdigung kann als gesünder als der unsrige sehr wohl verteidigt werden; andererseits gebe ich aber auch zu, dass er viele bedenkliche Seiten hat. Verbrennung ist vielleicht die beste und einzige Methode, um den Toten fortzubringen, gegen die man nichts einzuwenden hat als nur das eine: ich meine nämlich die Möglichkeit, dass der Tote durch Gift aus dem Wege geräumt worden ist. Aber solche Fälle sind selten, und sie würden auch meistens von dem Arzt, der mit der Behandlung betraut worden ist, vor oder während des Todes entdeckt werden. Ich glaube, wir brauchen nicht - aber, mein lieber Freund, Sie sehen ja so schlecht aus, hat Sie denn so etwas Einfaches, wie der Tod eines Menschen, angegriffen? Erlauben Sie, dass ich Ihnen sogleich etwas verschreibe. Ein Glas unvermischten Cognac. So,« - er ging in das Esszimmer und kehrte mit seiner Medizin zurück - »jetzt trinken Sie das erst, dann wollen wir weiter mit einander reden.«

Der Doktor setzte die Unterhaltung in der liebenswürdigsten Weise fort, ohne dass er dabei jemals seine Tat und deren Folgen, die sie möglicherweise haben konnte, erwähnte. Er erzählte Geschichten aus den Hospitälern, welche von plötzlichen und unerwarteten Todesfällen handelten. Einige von ihnen behandelte er in scherzhafter Weise. Der Tote in dem nächsten Zimmer war ein Fall; er kannte noch viele ähnliche und gleich interessante Fälle. Sobald man einmal so weit gekommen ist, einen Toten für einen Fall anzusehen, dann ist nicht viel Furcht vor der gewöhnlichen menschlichen Schwachheit vorhanden, welche uns erzittern lässt in der erhabenen Gegenwart des Todes.

Draußen auf dem Korridor wurden jetzt Schritte hörbar. Der Doktor stand auf und verließ das Zimmer, kam aber schon nach wenigen Minuten zurück.

»Die Leichenträger sind da; sie sind jetzt mit der Pflegerin bei ihrer Arbeit beschäftigt. Für die anderen Menschen hat ihr Geschäft etwas Aufregendes; für sie ist es aber nichts weiter als ihre tägliche Arbeit. Ich habe auch, nebenbei gesagt, eine Photographie von dem Toten in Gegenwart der Pflegerin genommen; unglücklicherweise aber - nun. Sie werden ja selbst sehen.«

Lord Harry wendete sich ab. - »Ich will's nicht sehen, ich kann den Anblick nicht ertragen. Sie vergessen, ich war ja gerade dabei, als -«

»Sie waren nicht dabei, als er starb; seien Sie doch kein Narr. Was ich sagen wollte, war das: das Gesicht ist nicht im mindesten Ihnen ähnlich. Niemand, der Sie jemals auch nur einmal sah, würde glauben, dass es Ihr Gesicht ist. Der Mann - er hat uns umsonst viel Mühe verursacht - war Ihnen, als er kam, ein wenig ähnlich. Ich hatte unrecht, als ich annahm, dass diese Ähnlichkeit dauern würde. Nun er tot ist, ist keine Spur mehr davon vorhanden. Ich hätte daran denken sollen, dass die Ähnlichkeit mit dem Tod aufzuhören und zu verschwinden pflegt. - Kommen Sie, sehen Sie sich ihn an.«

»Nein, nein!«

»Verdammte Schwachheit! Der Tod gibt jedem Menschen seine Individualität wieder. Nicht zwei Menschen sehen sich im Tode gleich, wenn sie es auch im Leben gewesen sind. Gut; wir kommen also zu folgendem: Wir wollen Lord Harry Norland morgen begraben, und wir müssen eine Photographie von ihm haben, wie er auf seinem Totenbett liegt.«

»Nun?«

»Nun, mein Freund, gehen Sie hinauf in Ihr Zimmer, und ich werde Ihnen mit meinem photographischen Apparat nachkommen.«

Nach einer Viertelstunde hielt er das Glas gegen seinen Rockärmel.

»Ausgezeichnet!« sagte er. »Die Backen sind etwas eingefallen; das ist die Wirkung der Kreide und die richtige Anwendung des Schattens. Die Augen sind geschlossen, das Gesicht ist weih, und die Hände sind ruhig ausgestreckt. Es ist wunderbar! Wer behauptet nun noch, dass es uns nicht möglich ist, die Sonne zur Lügnerin zu machen?«

Er verwendete eine oder zwei Stunden darauf, von dem Negativ eine zweite Kopie zu nehmen. Diese gab er Lord Harry.

»Wir werden morgen noch einen bessern Abzug machen; hier ist der erste.«

Er hatte ihn auf einen Karton aufgezogen und darunter den Namen geschrieben, den der Tote einst getragen hatte, mit dem Datum seines Todes. Das Bild schien in der Tat das Bild eines Toten zu sein. Lord Harry schauderte.

»Alles andere,« sagte er, »ist für uns von keinem Nutzen gewesen; die Gegenwart des kranken Mannes, die Verdachtsgründe der Pflegerin, sein Tod, sogar sein Tod hat uns nichts genützt. Wir hätten uns das Andenken, das schreckliche Andenken an seinen Tod sparen können.«

»Sie vergessen, mein lieber Freund,« entgegnete Vimpany gelassen, »dass wir einen Leichnam brauchten. Wir müssen jemand begraben, warum also nicht den Dänen Oxbye?«

Zweiundsechzigstes Kapitel

Mrs. Vimpany hatte natürlich vollständig recht gehabt. Iris war zu ihrem Gatten zurückgereist. Sie kam am Abend bei der Villa an, gerade bevor es dunkel wurde - zu der Zeit also, wo manche Menschen mehr als sonst empfänglich für Erscheinungen und Laute sind und die Augen leichter als zu anderen Zeiten durch sonderbare Truggebilde getäuscht werden. Iris trat in den Garten, fand aber niemand darin. Sie öffnete die Tür des Hauses mit ihrem eigenen Schlüssel und ging hinein. Das Haus kam ihr so sonderbar still und leer vor. Sie öffnete die Tür des Speisezimmers; auch dort war niemand. Wie alle französischen Esszimmer wurde es zu nichts anderem benutzt als zum Abhalten der Mahlzeiten und war daher auch nur mit den nötigsten Gegenständen ausgestattet. Sie schloss die Tür wieder und öffnete die des Empfangszimmers; auch das fand sie leer. Sie rief ihren Gatten; es kam keine Antwort. Sie rief den Namen der Köchin; auch hierauf ließ sich kein Laut vernehmen. Es war ein großes Glück, dass sie nicht auch noch die Tür des nächsten Zimmers aufmachte, denn dort lag der Leichnam des Verstorbenen. Sie stieg die Treppen hinauf in ihres Mannes Zimmer; das war auch leer, aber auf dem Tisch lag etwas, - eine Photographie. Sie nahm sie in die Hand; ihr Gesicht wurde plötzlich kreideweiß; sie schrie laut auf, dann ließ sie das Bild fallen und sank selbst ohnmächtig auf den Boden nieder, denn das Bild war kein anderes als das ihres Gatten, der tot dalag - in weißen Sterbekleidern, mit geschlossenen Augen und wachsbleichen Wangen.

Ihr Schrei drang zu den Ohren Lord Harrys, der sich unten im Garten befand. Er eilte in das Haus, hob seine Gattin auf und trug sie auf das Bett. Die Photographie sagte ihm deutlich, was geschehen war.

Iris kam bald wieder zu sich. Als sie aber ihren Gatten lebend vor sich sah und sich erinnerte, was sie gesehen hatte, da schrie sie wieder laut auf und bekam eine zweite Ohnmacht.

»Was ist jetzt zu tun?« fragte sich Lord Harry. »Was soll ich ihr sagen? Wie soll ich ihr das Ungeheuerliche verständlich machen?«

Es war niemand da, der helfen konnte. Die Pflegerin war ausgegangen, um einige Besorgungen zu machen; der Doktor traf die Vorbereitung zur Beerdigung Oxbyes unter dem Namen Lord Harry Norlands. Das Haus war leer.

Solch ein Ohnmachtsanfall dauert nicht ewig; auch Iris kam wieder zu sich, setzte sich in dem Bett aufrecht und blickte wild um sich.

»Was ist das,« schrie sie, »was soll das heißen?«

»Es heißt, Liebling, dass Du wieder zu Deinem Gatten zurückgekehrt bist.«

Er schlang seinen Arm um sie und küsste sie immer und immer wieder.

»Bist Du mein Harry? Lebend, mein Harry?«

»Dein Harry, mein Liebling! Wer sollte ich sonst sein?«

»Dann sage mir, was bedeutet das, jenes Bild, jenes schreckliche Bild?«

»Das Bild? - O, das bedeutet nichts! Eine Laune, ein Scherz des Doktors. Was könnte es auch anderes bedeuten?« Er hob es auf. »Ich lebe, wie Du siehst, mein Liebling, und befinde mich außerordentlich wohl. Was sollte es anderes bedeuten als einen Scherz?«

Er legte das Bild wieder auf den Tisch mit dem Gesicht nach unten, aber ihre Augen sagten ihm, dass sie nicht befriedigt war.

»Man pflegt nicht mit dem Tode zu scherzen; es ist ein wirklich trauriger Spaß, einem Menschen Sterbekleider anzuziehen und ihn zu Photographieren, als ob er gestorben wäre.«

»Aber Du, meine Iris, Du bist hier! Sage mir, wie, warum, wann kamst Du? Erzähle mir alles! Denke nicht mehr an jenes einfältige Bild, erzähle mir!«

»Ich erhielt Deinen Brief, Harry,« antwortete sie.

»Meinen Brief?« wiederholte er. »Du hast meinen Brief erhalten und ersahst daraus, dass Dein Gatte Dich noch liebt?«

»Ich konnte es nicht mehr ohne Dich aushalten, was auch vorgefallen war. Ich blieb weg, so lange ich konnte. Tag und Nacht dachte ich an Dich, und endlich - endlich kehrte ich - kehrte ich zurück. Bist Du mir deswegen böse, Harry?«

»Böse, guter Gott, meiner Iris böse?« Er küsste sie leidenschaftlich - nicht weniger leidenschaftlich, als wenn sie nicht zu einer so schrecklichen Zeit zurückgekehrt wäre. Was sollte er ihr sagen, und wie sollte er es ihr sagen? Während er sie mit seinen Küssen fast erstickte, stellte er sich selbst diese Fragen. Wenn sie es herausbekam, wenn er ihr die volle Wahrheit bekennen würde, dann würde sie ihn sicherlich wieder verlassen. Doch er verstand nicht die Natur der Frau, welche liebt. Er hielt sie in seinen Armen; seine Küsse sprachen für ihn, sie beherrschten sie ganz; sie war bereit, zu glauben und selbst ihre Wahrheitsliebe und Ehrliebe aufzugeben, und sie war bereit, obgleich sie es nicht wusste, die Teilnehmerin an einem Verbrechen zu werden. Lieber, als dass sie ihren Gatten wieder verließ, würde sie alles tun.

Lord Harry fühlte jedoch, dass er etwas verheimlichen müsste: er konnte ihr alles gestehen, nur nicht die Ermordung des Dänen. Kein einziges Wort des Bekenntnisses war über die Lippen des Doktors gekommen, aber Lord Harry wusste nur zu gut, dass der Mann vergiftet worden war, und das war vollständig nutzlos gewesen, so weit wenigstens die Ähnlichkeit Mr. Oxbyes mit ihm in Betracht kam.

»Ich habe Dir sehr viel zu erzählen, Liebling,« sagte Lord Harry, während er ihre beiden Hände zärtlich in den seinigen hielt. »Du wirst sehr viel Geduld mit mir haben müssen. Du musst Dich darauf gefasst machen, dass Du anfangs sehr erschrecken wirst, obgleich ich imstande sein werde, Dich zu überzeugen, dass wirklich nichts anderes getan werden konnte, wirklich nichts anderes.«

»O, fang an, Harry. Erzähle mir alles. Verschweige nichts.«

»Ich will Dir alles erzählen, Liebling,« antwortete er.

»Zuerst, wo ist der arme Mann, den der Doktor herbrachte, und den Fanny pflegte, und wo ist Fanny selbst?«

»Der arme Mann,« antwortete er leichthin, »machte so rasche Fortschritte in seiner Wiedergenesung, dass er bald vollständig wieder auf seinen Beinen war und abreisen konnte. Soviel ich weiß, wollte er zunächst in das Spital zurückgehen, aus dem er kam. Es ist ein sehr großer Triumph für den Doktor, dessen neue Behandlung von Lungenkranken sich jetzt als erfolgreich bewiesen hat. Er wird sehr viel Geschrei damit machen. Ich darf sagen, wenn alles das, was er erzählt, wahr ist, dann hat er in der Tat einen großen Schritt in der Heilung dieser Krankheit getan.«

Iris war nicht lungenkrank und interessierte sich daher auch sehr wenig für diese wissenschaftlichen Sachen.

»Wo ist dann mein Kammermädchen?«

»Fanny? Sie ist fortgegangen; lass mich einmal nachrechnen: heute ist Freitag - am Mittwochmorgen. Es hatte keinen Zweck mehr, sie länger hier zu behalten. Der Mann war wieder gesund, und sie wünschte sehr, zu Dir zurückzukehren. Daher reiste sie am Mittwochmorgen ab mit der Absicht, von Dieppe aus das am Abend abgehende Dampfschiff zu benützen.«

»Sie muss sich dann irgendwo auf ihrer Reise aufgehalten haben. Sie wird aber jedenfalls Mrs. Vimpany in London aufsuchen; ich werde daher an die Frau des Doktors einige Zeilen schreiben.«

»Gewiss, da wird sie sicher zu finden sein.«

»Gut, Harry. Hast Du mir sonst noch etwas zu erzählen?«

»Noch sehr viel,« antwortete er, »noch die Hauptsache. Jene Photographie, Iris, welche Dich so sehr erschreckt hat, ist mit der größten Sorgfalt von Vimpany für einen bestimmten Zweck hergestellt worden.«

»Für welchen Zweck?«

»Es gibt Fälle,« entgegnete er, »in denen das Beste, was einem Mann geschehen kann, ist, dass man ihn gestorben wähnt. In einer solchen Lage befinde ich mich jetzt. Für mich und nicht minder für Dich ist es nützlich, ja sogar notwendig, dass die Welt glaubt, ich sei tot; ich muss daher hinfort als Toter gelten. Nicht etwa, dass ich irgendetwas getan hätte, das diese falsche Annahme erforderlich machte, oder dass ich. mich vor irgendetwas zu fürchten hätte; das brauchst Du nicht zu denken. Nein, es geschieht nur aus dem einfachen Grund, weil ich nicht einen einzigen Pfennig Geld mehr besitze und auch keine Quellen mehr habe, wo ich welches erhalten könnte. Aus diesem Grund allein muss ich gestorben sein. Wenn Du nicht so unerwartet zurückgekehrt wärest, so würdest Du durch den Doktor von meinem Tod gehört haben, und er würde es dem Zufall überlassen haben, eine passende Gelegenheit ausfindig zu machen, wie er Dir die Wahrheit hätte mitteilen können; ich bin indessen tief betrübt, dass ich so sorglos war und diese Photographie auf dem Tisch habe liegen lassen.«

»Ich verstehe Dich nicht,« sagte sie. »Du gibst vor, gestorben zu sein?«

»Ja, ich muss Geld haben, ich muss notwendigerweise Geld haben, und um es zu bekommen, muss ich gestorben sein.«

»Was soll das nützen?«

»Ich habe mein Leben versichert, und die Versicherungssumme wird nach meinem Tod ausbezahlt werden, aber nicht früher.«

»Aber musst Du denn Geld zu bekommen suchen, sogar durch einen -«

Sie zauderte.

»Nenne es eine kleine Intrige, Liebling, wenn Du willst. Da es gar keinen andern Weg gibt, Geld zu bekommen, so muss ich auf diese Weise in den Besitz desselben zu gelangen suchen.«

»O, das ist schrecklich - eine Intrige, Harry? - Ein - ein - ein Betrug!«

»Ja, wenn Du so willst; die Advokaten würden es wenigstens so nennen.«

»O Harry, das ist ja ein Verbrechen! Für solche Handlungen wird man in Untersuchung gezogen, schuldig befunden und verurteilt.«

»Gewiss, wenn es herauskommt. Indessen ist es nur das arme, unwissende, ungeschickte Volk, welches entdeckt wird. In der City geschehen solche Dinge jeden Tag als etwas ganz Selbstverständliches,« fügte er leichtsinnig hinzu. »Es ist nicht gebräuchlich, dass die Männer ihre Frauen bei so etwas ins Vertrauen ziehen; in diesem Fall muss es aber doch geschehen, ich habe keine Wahl, wie Du ohne weiteres einsehen wirst.«

»Sage mir, Harry, wer hat zuerst an diesen Ausweg gedacht?«

»Natürlich Vimpany. O, in solchen Fällen musst Du ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo es sich um wirkliche Klugheit und Schlauheit handelt. Vimpany hat den Plan ausgedacht. Als er mich genau in denselben verzweifelten Vermögensverhältnissen fand, unter denen er jetzt selbst schmachtet, da kam er auf den Ausweg, uns Geld zu verschaffen. Ich wollte, wie ich offen gestehen muss, zuerst nichts davon wissen. Aber wenn man sich so Angesicht gegen Angesicht mit dem vollständigen Ruin findet, dann ist man gern bereit, alles zu tun, und außerdem ist dies auch, wie ich Dir sogleich beweisen werde, kein eigentlicher Betrug; ich nehme einfach nur schon jetzt, was ich oder vielmehr meine Hinterbliebenen nach einigen Jahren doch bekommen werden. Es ist indessen noch ein anderer Grund vorhanden.«

»War denn das Geld wirklich nicht auf eine andere Weise, auf ehrlichem Wege zu bekommen?«

Lord Harry beachtete diese Frage nicht, sondern fuhr fort: »Mein Liebling, Du kannst es vergessen und Du wirst es mir gewiss niemals vorwerfen, aber meine Liebe zu Dir wird es niemals dulden, dass ich vergesse, dass Dein kleines Vermögen bei einer zweifelhaften Spekulation durch mich verlorengegangen ist. Es ist alles fort und keine Aussicht vorhanden, es jemals wiederzugewinnen, und das, nachdem ich geschworen hatte, niemals einen Pfennig davon anzurühren.«

Er sprang auf und ging heftig erregt im Zimmer auf und ab.

»Iris, ich könnte ins Schuldgefängnis wandern, ich könnte meinen vollständigen Ruin ruhig mit ansehen; der Verlust meines ganzen Vermögens würde mir keinen Kummer verursachen, aber dass ich Dich um Dein Vermögen gebracht habe, das kann ich nicht ertragen.«

»Aber, Harry, als ob ich darnach etwas fragte! Alles, was ich besitze, gehört Dir; als ich mich Dir gab, gab ich Dir alles, was mein Eigentum ist. Nimm alles, verwende alles, verliere alles, ich werde niemals deswegen traurig sein, noch irgendein Wort des Vorwurfs und Tadels darüber aussprechen, teuerster Harry, wenn das alles ist.«

»Nein, dass ich weiß, dass Du mir niemals einen Vorwurf machen wirst, das wird gerade mein immerwährender Ankläger sein. Nach meinem Tod wirst Du alles wieder bekommen. Aber ich bin noch nicht alt, ich kann noch viele, viele Jahre leben. Wie kann ich auf meinen eigenen Tod warten, wenn ich imstande bin, dieses Unrecht mit einem Schlage wieder gut zu machen?«

»Aber nur durch ein anderes Unrecht oder durch noch etwas viel Schlimmeres.«

»Nein, kein neues Verbrechen mehr. Du musst bedenken, dass dieses Geld mir gehört. Es wird eines Tages meinen Erben zufallen, so sicher, wie morgen die Sonne scheinen wird. Früher oder später wird es mein sein; ich will es eben nur früher anstatt später haben, das ist alles. Die Versicherungsgesellschaft wird nichts weiter verlieren als die paar elenden Zinsen für den Rest meines Lebens. Mein Liebling, wenn das ein Unrecht ist, so will ich das Unrecht gern auf mich nehmen. Es ist leichter zu tragen als die immerwährenden Selbstvorwürfe, die ich mir machen müsste, so oft ich an Dich dächte und an den Verlust, den Du durch mich erlitten hast.«

Wiederum schloss er sie in seine Arme; er kniete vor ihr nieder und weinte. Dieser Anblick brachte Iris ganz außer sich, und sie versuchte keinen weiteren Widerstand.

»Ist es,« fragte sie furchtsam, »zu spät, umzukehren?«

»Es ist zu spät,« antwortete er, an den Toten unten denkend. »Es ist zu spät, alles ist schon fertig.«

»Mein armer Harry, was sollen wir tun? Wie sollen wir in Zukunft leben? Wie sollen wir es anstellen, nicht entdeckt zu werden?«

Sie wollte ihn nicht verlassen, sie fügte sich in die Verhältnisse. Er war ganz verwirrt über diese Bereitwilligkeit, welche sie zeigte, aber er verstand nicht, wie sie willens war, sich an ihn anzuklammern, selbst wenn er Schlimmeres getan hätte, als er gestanden.

Sie warf sich wieder in seine Arme und vergaß alles, willigte in alles. Von nun an sollte sie, obgleich sie es nicht wusste, das gefügige Werkzeug in der Hand zweier Schurken sein.

Dreiundsechzigstes Kapitel

»Ich habe dieses schreckliche Ding schon einmal ungeschickterweise liegen lassen,« sagte Lord Harry und nahm das Bild vom Tische. »Ich will es jetzt lieber an einen sichereren Platz bringen.« Er schloss eine Schublade auf. »Ich will es hier hineinlegen. Aber da liegt ja mein Testament!« rief er aus, als ob er plötzlich an etwas anderes dächte. »Das werde ich wahrscheinlich nächstens auch einmal auf dem Tisch liegen lassen. Meine süße Iris, ich habe Dir alles hinterlassen, alles wird einst Dein gehören. Bewahre das Testament daher jetzt für mich.« Er nahm das Dokument heraus. »Es ist Dein, Du kannst es ebenso gut schon jetzt haben, und ich weiß, dass es in Deinen treuen, sorgsamen Händen gut aufgehoben sein wird. Ich habe Dir nicht nur alles hinterlassen, sondern Du bist auch die einzige Vollstreckerin meines Willens.«

Iris nahm das Testament, ohne ein Wort zu sagen. Sie verstand jetzt, was es bedeutete. Wenn sie die einzige Vollstreckerin war, so würde sie zu handeln haben. Wenn ihr alles gehören sollte, was er hinterließ, so würde sie auch das Geld bekommen. Auf diese Weise wurde sie durch einen einzigen Schritt nicht nur Mitwisserin des Verbrechens, sondern auch das Hauptwerkzeug, um es auszuführen.

Nachdem dies geschehen war, hatte Lord Harry ihr nur noch zu sagen, was sie jetzt infolge ihrer verfrühten Ankunft tun musste. Er hatte, wie er ihr sagte, geplant, sie nicht eher kommen, sie nicht eher etwas von der Wahrheit wissen oder vermuten zu lassen, als bis das Geld von der Versicherungsgesellschaft an seine Witwe ausbezahlt worden wäre. Wie nun aber einmal die Dinge lägen, so würde es das Beste für sie beide sein, Passy sofort zu verlassen, noch an diesem Abend, bevor irgendjemand etwas von ihrer Ankunft erführe. Vimpany sollte das noch Erforderliche allein besorgen. Sie könnten ihm vollständig trauen; er würde alles, was nötig sei, ausführen.

»Die Behörde wird von dem Doktor schon die Nachricht von meinem Tod erlitten haben. Gestern abend schrieb er an verschiedene, auch an meinen Bruder - der Teufel soll ihn holen! - und an den Rechtsanwalt unserer Familie. In jedem Augenblick, den ich noch hier verweile, wächst die Gefahr für mich, gesehen oder erkannt zu werden, nachdem die Behörde schon davon benachrichtigt ist, dass ich gestorben bin.«

»Wohin wollen wir denn gehen?«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Es gibt eine kleine, ruhige Stadt in Belgien, wohin überhaupt niemals ein Engländer kommt. Dahin wollen wir uns wenden. Dann wollen wir einen andern Namen annehmen. Wir werden für die Außenwelt begraben sein und für die übrige Zeit unseres Lebens für uns allein leben. Bist Du damit einverstanden?«

»Ich will alles tun, Harry, was Du für das Beste hältst.«

»Es wird nur für eine gewisse Zeit sein. Wenn alles so weit in Ordnung ist, dann wirst Du vor die Front zu treten haben, das Testament in Deiner Hand wird eröffnet werden, und Du wirst alles erhalten, was Dir als der Witwe des Lord Harry Norland zukommt. Dann wirst Du - aber erst nach einiger Zeit, um allen Argwohn zu vermeiden, nach Belgien zurückkehren und dort wieder die Frau von William Linville werden.«

Iris seufzte schwer. Als sie aber sah, dass die Augen ihres Gatten zweifelnd auf ihr ruhten, zwang sie sich, zu lächeln.

»In allem, Harry,« sagte sie, »bin ich Deine Dienerin. Wann wollen wir abreisen?«

»Sofort. Ich habe nur noch einen Brief an den Doktor zu schreiben. Wo ist Dein Gepäck? Ist das alles? Ich will erst hinausgehen, um zu sehen, ob niemand in der Nähe ist. Hast Du das Testament? - Ah so, hier ist es, in Deiner Reisetasche.«

Er eilte dann schnell die Treppen hinunter, kam aber rasch wieder herauf.

»Die Pflegerin ist zurückgekehrt,« sagte er; »sie ist in dem Zimmer, welches der Kranke bewohnte.«

»Welche Pflegerin?«

»Die Pflegerin, die der Doktor kommen ließ, nachdem uns Fanny verlassen hatte. Der Däne befand sich besser, aber Vimpany hielt es doch für geraten, noch eine neue Wärterin zu engagieren,« setzte er eilig auseinander. Iris fand damals nichts Verdächtiges darin; erst später sollte es dazu kommen. »Geh jetzt ruhig hinunter und verlass das Haus durch die Türe an der Rückseite, dann wird Dich die Wärterin nicht sehen.«

Iris gehorchte und tat, wie Lord Harry ihr gesagt hatte. Sie schlich sich aus ihrem eigenen Hause wie ein Dieb, ebenso wie es ihr Kammermädchen Fanny Mere vor kurzem gemacht hatte. Sie ging durch den Garten und trat dann auf die Straße hinaus; dort wartete sie auf ihren Gatten.

Lord Harry aber setzte sich nieder und schrieb an den Doktor.

Der Brief lautete:

»Lieber Doktor!

»Während Sie die auswärtigen Angelegenheiten besorgen, ist im Innern ein unerwartetes Ereignis eingetreten. Nichts passiert öfter als das Unerwartete. Meine Frau ist zurückgekommen, und das ist doch das unerwartetste Ereignis, welches vorkommen konnte. Alles andere hätte hingehen können. Glücklicherweise hat sie das Krankenzimmer nicht gesehen und weiß infolge dessen auch nicht, was darin ist.

»Über diesen Punkt können Sie sich selbst die Gewissheit holen.

»Meine Frau ist nämlich schon wieder fort. Sie fand auf dem Tisch Ihren ersten photographischen Versuch. Beim Anblick desselben - sie hatte mich nämlich noch nicht gesehen - bekam sie eine kleine Ohnmacht, von der sie sich indessen sehr bald wieder erholte.

»Ich habe ihr die Dinge bis zu einem gewissen Punkt erklärt. Sie sieht die Notwendigkeit ein, dass Lord Harry gestorben sein muss. Sie versteht aber nicht, warum wir ein Begräbnis haben wollen; es liegt auch gar kein zwingender Grund vor, sie darüber aufzuklären. Sie sieht, wie ich glaube, vollständig ein, dass sie nicht hier gewesen sein darf, deshalb geht sie auch sofort wieder weg.

»Die Wärterin hat sie nicht gesehen, sie ist überhaupt von keinem Menschen gesehen worden.

»Sie versteht ferner, dass sie als die Witwe, Erbin und Testamentsvollstreckerin von Lord Harry sein Testament eröffnen lassen und das Geld, welches die Versicherungsgesellschaft ihrem Gatten schuldig ist, in Empfang nehmen muss. Sie will dies tun aus Liebe zu ihrem Gatten. Ich glaube, die Überredungskünste eines gewissen Mannes sind bis jetzt noch nicht nach ihrem vollen Wert gewürdigt worden.

»In Anbetracht der außerordentlichen Dringlichkeit, Iris von hier zu entfernen, bevor sie irgendetwas von dem Inhalt des Krankenzimmers wahrgenommen, und in Anbetracht der außerordentlichen Dringlichkeit, dass ich von hier fortkomme, ehe irgendwelche obrigkeitlichen Nachforschungen stattfinden, werden Sie, wie ich glaube, mit mir übereinstimmen, dass ich recht daran tue, Passy und Paris noch heute nachmittag mit Lady Harry zu verlassen.

»Sie können an William Linville in Louvain in Belgien postlagernd schreiben. Sie werden, wie ich sicher hoffe, diesen Brief sofort vernichten.

»Louvain ist ein ruhiger, weltentlegener Ort, wo man ganz getrennt von den alten Freunden leben kann und noch dazu sehr billig.

»In Anbetracht der kleinen Summe Geldes, die sich noch in meinem Besitz befindet, rechne ich auf Ihr außerordentliches Geschick, mit der größten Sparsamkeit vorzugehen. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis unsere gerechten Forderungen befriedigt werden - vielleicht zwei Monate, vielleicht aber auch ein halbes Jahr. Jedenfalls ist, bis die Angelegenheit in Ordnung kommt, große Sparsamkeit vonnöten.

»Zu gleicher Zeit wird es Lady Harry keine Schwierigkeit verursachen, wenn sie nach London kommt, noch sonst einige Vergünstigungen in pekuniärer Hinsicht mit Hilfe des Rechtsanwalts von der Familie ihres verstorbenen Gatten zu erhalten.

»Ich bedaure sehr, mein lieber Doktor, dass ich Sie allein lassen muss während der Beerdigung dieses unglücklichen jungen Edelmanns. Sie werden auch, wie ich höre, sehr viel Schreibereien mit seiner Familie haben. Sie werden möglicherweise sogar deswegen nach England reisen müssen; aber Sie werden dies alles allein besorgen können, und werden es sehr gut besorgen. Die Rechnung für Ihren ärztlichen Beistand werden Sie gut tun, an die Witwe einzusenden.

»Noch einige Worte: Das Kammermädchen Fanny Mere hat sich nach London begeben, jedoch Lady Harry nicht gesehen. Sobald sie hören wird, dass ihre Herrin London verlassen hat, wird sie natürlich sofort nach Passy zurückkehren. Sie kann daher jeden Moment kommen. Wenn ich Sie wäre, dann würde ich diese Person an der Gartentür empfangen und wieder fortschicken. Das ist wenigstens nach meiner Meinung das Beste; jedenfalls wäre es sehr unangenehm, wenn sie vor dem Begräbnis käme.

»Mein lieber Doktor, ich rechne auf Ihren Verstand, Ihre Klugheit und Ihre Findigkeit.

Ihr ganz ergebener

englischer Freund.«

Lord Harry las den Brief, nachdem er ihn geschrieben hatte, noch einmal sehr sorgfältig durch. Nach seiner Meinung stand nichts irgendwie Gefahrbringendes darin, und doch deutete etwas auf Gefahr. Er ließ den Brief indessen so. Es wäre nahegelegt gewesen, den Doktor noch einmal zur größten Vorsicht zu ermahnen; er musste aber seine Frau so schnell wie möglich und unauffällig wegbringen.

Nachdem er den Brief in ein Couvert geschlossen und denselben an den Doktor adressiert hatte, packte er seine Sachen rasch zusammen und eilte nach dem Bahnhof. Passy sah ihn niemals wieder.

Am nächsten Tage wurden die sterblichen Überreste Lord Harry Norlands bestattet.

Vierundsechzigstes Kapitel

Es war am Samstag nachmittag gegen fünf Uhr. Die Beerdigung war vorüber. Der unglückliche junge irische Edelmann schlief nun in einem Grab auf dem Friedhof von Auteuil den ewigen Schlaf. Sein Name, sein Alter und sein Stand waren vorschriftsmäßig in die Totenliste eingetragen worden, und der englische Arzt, der auf Wunsch der Familie des Verstorbenen dessen Behandlung übernommen, hatte durch seine Unterschrift die Ursache des Todes beglaubigt. Er wurde bei der Erledigung dieser Formalitäten von jener ehrenwerten Frau begleitet, die während der letzten Zeit den Kranken gepflegt hatte. Alles war in der besten Ordnung. Der Arzt war der einzige Leidtragende bei der Beerdigung gewesen. Niemand hatte den kleinen, unscheinbaren Leichenzug beachtet. Eine Beerdigung erregt ja überhaupt stets nur wenig Aufmerksamkeit.

Nachdem die einfache Feierlichkeit vorüber war, gab der Doktor den Auftrag, dass zur Erinnerung an Lord Harry Norland ein einfaches Monument auf dem Grab errichtet werde. Dann kehrte er in die Villa zurück, bezahlte und entließ die Pflegerin, nachdem er vorher ihre Adresse aufgeschrieben hatte für den Fall, dass er eine Gelegenheit finden würde, wie er bestimmt hoffe, sie unter seiner zahlreichen und vornehmen Kundschaft zu empfehlen. Dann machte er sich daran, alles in der Villa in beste Ordnung zu bringen, bevor er die Schlüssel dem Hauseigentümer übergab. Zuerst entfernte er alle Medizinflaschen, die in dem Wandschrank standen, mit der größten Sorgfalt und ließ keine stehen. Die meisten derselben warf er in die Aschengrube; eine oder zwei stellte er in ein Feuer, welches er zu diesem Zweck in der Küche angezündet hatte; in kurzer Zeit waren nur noch zwei kleine Haufen geschmolzenen Glases von ihnen übrig. Diese Flaschen enthielten ohne Zweifel die verborgensten Geheimnisse der Wissenschaft. Dann ging er in jedes Zimmer und suchte an jedem nur möglichen Platz nach etwaigen Briefen oder Papieren, die vielleicht noch liegen geblieben sein konnten. Derartige Dinge sind immer indiskret, und die Folgen einer ihrer Indiskretionen können möglicherweise sehr weit reichen und unberechenbar sein. Nachdem er sich vollständig überzeugt hatte, dass nichts Derartiges liegen geblieben war, setzte er sich in das Empfangszimmer und vollendete seine geschäftliche Korrespondenz mit der Familie des Verstorbenen und den Rechtsanwälten.

Während er noch damit beschäftigt war, hörte er draußen Fußtritte, Fußtritte auf dem Gartenkies und dann Fußtritte im Hausflur. Ohne das leiseste Zeichen von nervöser Erregtheit stand er auf und öffnete die Thür. Lord Harry hatte recht gehabt. Da stand die Frau, welche die erste Pflegerin des Verstorbenen gewesen war - die Frau, welche ihn genau beobachtet und bewacht hatte - die Frau, die noch immer Argwohn gegen ihn hegte. Das sah er sofort, als er sie erblickte, denn der Argwohn und die Absicht, ihn zu beobachten, waren in ihren fest auf ihn gerichteten Augen zu lesen. Sie war zurückgekommen, um ihren Beobachtungsposten wieder anzutreten.

In ihrer Hand hielt sie ihre Reisetasche, welche sie von dem Platz, wo sie aus dem Omnibus ausgestiegen war, bis in die Villa selbst getragen hatte. Sie wollte in die Tür eintreten, aber die dicke Gestalt des Doktors versperrte ihr den Weg.

»Ah, Sie sind es!« rief er, ohne im geringsten überrascht zu sein. »Wer hat Sie denn zurückkommen heißen?«

»Ist meine Herrin zu Hause?« - »Nein, sie ist nicht zu Hause.«

Er machte nicht die geringste Bewegung, um sie hereinzulassen.

»Dann will ich hineingehen und auf sie warten.«

Er stand ihr immer noch im Wege.

»Wann wird sie zurückkehren?«

»Haben Sie von ihr gehört?«

»Nein.«

»Hat sie Ihnen aufgetragen, dass Sie ihr nachkommen sollen?«

»Nein. Ich habe überhaupt keine Nachricht von ihr erhalten. Ich dachte nur -«

»Dienstboten sollen niemals denken. Sie sollen nur gehorchen.«

»Ich kenne meine Pflicht ganz gut, Doktor Vimpany, ohne dass Sie mich erst daran zu erinnern brauchen. Wollen Sie mich vorüber lassen?«

Er trat zurück, und sie schritt in das Haus hinein.

»Kommen Sie, bitte, nur ruhig herein«, sagte er, »wenn Sie mir für einige Zeit Gesellschaft leisten wollen. Ihre Herrin werden Sie aber nicht hier finden.«

»Nicht hier? Wo ist sie denn sonst?«

»Wenn Sie in London einen oder zwei Tage gewartet hätten, so würden Sie jedenfalls, wie ich wenigstens glaube, davon unterrichtet worden sein. Wie die Sache jetzt liegt, haben Sie Ihre Reise umsonst gemacht.«

»Ist sie denn nicht hier gewesen?«

»Sie ist nicht hier gewesen!«

»Doktor Vimpany«, sagte das Mädchen, zum äußersten getrieben, »ich glaube Ihnen nicht. Sie ist ganz bestimmt hier gewesen. Was haben Sie mit ihr gemacht?«

»Sie glauben mir nicht? Das ist traurig, aber ich kann es nicht ändern. - Sie glauben mir nicht? Das ist in der Tat sehr traurig!«

»Sie können sich meinetwegen, so viel Sie wollen, über mich lustig machen. Sagen Sie mir nur das eine: Wo ist Lady Harry?«

»Ja, wo ist sie?«

»Sie verließ London, um sich zu Lord Harry zu begeben. Wo ist er?«

»Das weiß ich nicht. Derjenige, der auf diese Frage eine bestimmte Antwort geben könnte, würde sicherlich ein weiser Mann sein.«

»Kann ich ihn sprechen?«

»Gewiss nicht; er ist fortgegangen auf eine lange, lange Reise.«

»Dann werde ich auf ihn warten - hier«, setzte sie mit Bestimmtheit hinzu, »hier in diesem Hause.«

»Ganz, wie Sie wünschen.«

Sie zögerte. In den Augen des Doktors lag ein zufriedener, beruhigter Ausdruck, den sie nicht gern sah.

»Ich glaube«, sagte sie, »dass meine Herrin im Hause ist. Sie muss im Hause sein. Was haben Sie mit ihr vor? Ich glaube, Sie haben sie irgendwo eingesperrt.«

»Jedenfalls.«

»Sie wären zu allem fähig. Ich werde auf die Polizei gehen.«

»Ganz, wie Sie wünschen.«

»O Doktor, sagen Sie mir, wo sie ist!«

»Sie sind eine treue Dienerin. Es ist schön, dass man in unseren Zeiten noch hie und da ein Mädchen findet, das im Dienst ihrer Herrin so eifrig und ihr so ganz ergeben ist. Treten Sie ein, Sie braves und treues Mädchen, durchsuchen Sie das Haus von oben bis unten, treten Sie ein! Wovor fürchten Sie sich? Setzen Sie Ihre Reisetasche nieder, und suchen Sie nach Ihrer Herrin.«

Fanny tat, wie er sagte. Sie eilte in das Haus, öffnete die Türen zu dem Speise- und Empfangszimmer eine nach der andern; niemand war darin. Sie sprang die Treppen hinauf und sah in das Zimmer ihrer Herrin; auch darin war nichts zu sehen, nicht einmal ein Band oder eine Haarnadel, welche verraten hätte, dass eine Frau kürzlich hier gewesen. Dann blickte sie in Lord Harrys Zimmer, aber auch das war leer. Wenn Frauen Haarnadeln in ihren Zimmern liegen lassen, so lässt ein Mann seine Zahnbürste liegen; aber nichts von alledem war in den Räumen zu entdecken. Dann schloss sie die Schränke in jedem Zimmer auf, nichts Außergewöhnliches war darin enthalten. Sie stieg die Treppen langsam wieder hinunter, gespannt, wie sich das Rätselhafte aufklären werde.

»Darf ich in das Krankenzimmer sehen?« fragte sie, in der Erwartung, eine grobe, abschlägige Antwort zu erhalten.

»Selbstverständlich, selbstverständlich!« erwiderte der Doktor freundlich. »Sie kennen ja den Weg. Wenn darinnen etwas liegen geblieben ist, was Ihnen oder Ihrer Herrin gehört, dann, bitte, nehmen Sie es an sich.«

Sie versuchte noch eine weitere Frage.

»Wo ist mein Kranker, wo ist Mr. Oxbye?«

»Er ist fort.«

»Auch fort? Wohin ist er denn gegangen?«

»Er ging gestern, am Freitag, fort. Er war ein außerordentlich dankbarer Mensch. Ich wünschte, wir hätten noch mehr solche dankbare Kranke, ebenso wie noch mehr solche treue Dienstboten. Er sprach davon, dass er nach London gehen wolle, um Ihnen noch besonders seinen Dank auszudrücken. Wirklich eine gute Seele.«

»Fort?« wiederholte sie. »Aber am Donnerstagmorgen sah ich doch, dass er -«

Sie hielt noch zur rechten Zeit inne.

»Es war am Mittwochmorgen, als Sie ihn zum letztenmal sahen; damals befand er sich auf dem Weg einer raschen Besserung.«

»Aber er war damals doch noch viel zu schwach, um reisen zu können.«

»Sie dürfen ganz versichert sein, dass ich ihm diese Reise nicht gestattet haben würde, wenn er dazu nicht kräftig genug gewesen wäre.«

Fanny gab keine Antwort. Sie hatte mit eigenen Augen den Mann blass und ganz bleich daliegen sehen, als wenn er tot wäre; sie hatte gesehen, wie die neue Pflegerin aufsprang, und hatte gehört, wie sie laut schrie: »Er ist tot!« Und jetzt wurde ihr gesagt, dass er ganz gesund und dass er fortgereist sei! In diesem Augenblick war jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken.

Sie stand im Begriff, zu fragen, wo sich die neue Wärterin befinde; aber sie dachte noch zur rechten Zeit daran, dass es für sie das Beste sei, nichts zu wissen und keinerlei Verdacht zu erregen. Sie öffnete die Tür des Krankenzimmers und sah hinein. Ja, der Mann war fort, tot oder lebendig, und keine Spuren seiner Anwesenheit waren zurückgeblieben. Das Zimmer war aufgeräumt; die Türen des Wandschranks standen offen; es war nichts mehr darin; das Bett war gemacht; der Vorhang war zurückgeschlagen und das Sofa wieder an seinen alten Platz an die Wand gerückt; das Fenster stand offen. Nichts in dem Zimmer zeigte an, dass dasselbe noch vor zwei Tagen bewohnt worden war. Der tote Mann war also fort. Sie starrte ratlos vor sich hin. Hatten denn alle ihre Sinne sie getäuscht? War er nicht tot gewesen, sondern hatte er nur geschlafen? Hinter ihr in dem Korridor stand der Doktor vergnügt lächelnd.

Sie erinnerte sich jetzt plötzlich daran, dass ihre Hauptaufgabe war, ihre Herrin zu finden. Sie stand in keinerlei näherer Verbindung mit dem Dänen; sie schloss daher die Tür wieder und trat in die Vorhalle zurück.

»Nun«, fragte der Doktor, »haben Sie irgendwelche Entdeckungen gemacht? Sie sehen, dass das Haus verlassen ist, und werden wohl auch gemerkt haben, dass es für lange Zeit verlassen ist. Was wollen Sie jetzt tun? Werden Sie nach London zurückkehren?«

»Ich muss Mylady finden.«

Der Doktor lächelte.

»Wenn Sie mit anderen Gesinnungen und anderen Absichten hieher gekommen wären«, sagte er, »so würde ich Ihnen alle diese Mühe erspart haben. Sie kamen indessen mit einem Gesicht, das deutlich Ihren Argwohn zeigte. Sie waren überhaupt immer argwöhnisch und haben immer auf der Lauer gestanden. Es mag sein, dass es aus treuer Ergebenheit und Anhänglichkeit an Ihre Herrin geschah, aber solch eine Absicht ist für andere Leute nicht angenehm. Deswegen habe ich Sie das leere Haus ganz durchsuchen und so Ihren Argwohn befriedigen lassen. Lady Harry ist nicht hier verborgen, und was Lord Harry betrifft, - aber darüber werden Sie ohne Zweifel zur rechten Zeit hören. Und jetzt nehme ich auch keinen Anstand mehr, zu sagen, dass ich Myladys gegenwärtige Adresse kenne.«

»Bitte, sagen Sie mir, wo sich meine Herrin befindet.«

»Es hat den Anschein, als ob Lady Harry vor zwei Tagen über Paris nach der Schweiz gereist ist; sie hat ihre Adresse für die nächsten vierzehn Tage hieher geschickt. Sie wird jetzt, wie ich vermute, dort angekommen sein. Der Ort ist Bern, das Hotel - aber woher weiß ich denn, dass sie Sie haben will?«

»Natürlich will sie mich haben.«

»Oder vielmehr: natürlich wollen Sie sie haben. Das bleibt sich aber ganz gleich, ich trage dafür keine Verantwortlichkeit, sondern nur Sie. Ihre Adresse ist Hotel d'Angleterre in Bern. Soll ich es Ihnen aufschreiben? Hier haben Sie die genaue Adresse: Hotel d'Angleterre in Bern. Jetzt werden Sie es nicht vergessen. Aber sie will nur vierzehn Tage dort bleiben. Wohin sie sich dann begeben wird, kann ich Ihnen nicht sagen, und da alle ihre Sachen fortgeschickt sind und ich auch im Begriff stehe, Passy zu verlassen, so werde ich es wahrscheinlich auch nicht erfahren.«

»Ich muss zu ihr gehen, ich muss sie finden«, rief das Mädchen eifrig aus, »und wenn es nur ist, um mich zu überzeugen, dass mit ihr nichts Schlimmes beabsichtigt ist.«

»Das ist Ihre Sache. Ich für meinen Teil kenne niemand, der Mylady etwas Schlimmes wünscht.«

»Ist Mylord bei ihr?«

»Ich weiß nicht, ob Sie das etwas angeht. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass er fortgegangen ist, weit, sehr weit fort. Wenn Sie mit Ihrer Herrin in Bern zusammentreffen, werden Sie ja bald herausbekommen, ob er sich auch dort befindet.«

Etwas in dem Ton seiner Stimme ließ Fanny rasch aufblicken. Aber sein Gesicht verriet nichts.

»Was wollen Sie also tun?« fragte der Doktor. »Sie müssen sich jetzt schnell entschließen, ob Sie nach England zurückkehren oder nach der Schweiz reisen wollen. Hier können Sie nicht bleiben, weil ich die letzten Sachen zusammenpacke und noch heute abend dem Besitzer der Villa die Schlüssel des Hauses übergeben will. Alle Rechnungen sind bezahlt, und ich beabsichtige, sobald als möglich Passy zu verlassen.«

»Ich verstehe nichts von alledem!« flüsterte sie ratlos vor sich hin.

»Mein liebes Kind«, entgegnete der Doktor rauh, »was zum Teufel geht es mich an, ob Sie es verstehen oder ob Sie es nicht verstehen! Lady Harry befindet sich, wie ich Ihnen schon gesagt habe, in Bern; wenn Sie ihr nachreisen wollen, so tun Sie es; das ist Ihre Sache, nicht die meinige. Wenn Sie aber vorziehen, nach London zurückzukehren, dann gehen Sie eben wieder dahin, woher Sie gekommen sind, das ist ebenfalls Ihre Sache. Wünschen Sie sonst noch etwas zu wissen?«

Fanny wollte nichts weiter wissen. Sie nahm ihre Reisetasche wieder in die Hand - diesmal erbot sich der Doktor nicht, diese Tasche für sie zu tragen.

»Wohin gedenken Sie zu reisen?« fragte er. »Wozu haben Sie sich entschlossen?«

»Ich kann mit der Ringbahn bis auf den Lyoner Bahnhof fahren. Von dort aus will ich dann den ersten gewöhnlichen Zug benützen und nach Bern reisen.«

»Dann wünsche ich Ihnen eine glückliche Reise!« rief der Doktor vergnügt und schlug die Türe zu.

Es ist eine lange Reise von Paris nach Bern, selbst für diejenigen, welche erster Klasse und mit einem Schnellzug fahren können - soweit sechzehn Stunden eine lange Reise genannt werden dürfen. Für diejenigen aber, welche in der dritten Klasse eines Personenzugs sich zusammenschütteln lassen müssen, der an jeder kleinen Station anhält, ist es eine überaus lange und ermüdende Reise. Doch selbst die längste Reise nimmt einmal ein Ende. Der Zug fuhr langsam in den Bahnhof von Bern ein, und Fanny stieg mit ihrer Reisetasche in der Hand aus. Ihre Wanderungen waren damit für jetzt vorüber. Sie würde ihre Herrin in dieser Stadt finden und damit am Ziel angelangt sein.

Sie fragte nach dem Weg zu dem Hotel d'Angleterre. Der Sicherheitswachmann mit dem aufgekrämpten Hut sah sie erstaunt an. Sie wiederholte daher ihre Frage.

»Hotel d'Angleterre?« fragte er endlich. »Es gibt kein Hotel d'Angleterre in Bern.«

»O doch, es muss ein Hotel dieses Namens hier geben. Ich bin das Kammermädchen einer englischen Dame, welche in diesem Hotel wohnt.«

»Nein, hier gibt es gewiss kein Hotel d'Angleterre«, wiederholte er. »In Bern gibt es das Hotel Bernerhof.«

»Nein!« Sie zog das Papier heraus, auf welches ihr der Doktor die Adresse geschrieben hatte, und zeigte es dem Schutzmann: »Lady Harry Norland, Hotel d'Angleterre, Bern.«

»Hier gibt es ein Hotel Bellevue, ein Hotel Viktoria, ein Hotel Schweizerhof, ein Hotel zum Falken, ferner das Hotel Schroedel, das Hotel Schneider, die Pension Simkin.«

Fanny hatte jetzt noch keinen andern Argwohn, als dass der Doktor zufällig einen falschen Namen aufgeschrieben hätte. Ihre Herrin befand sich in Bern; sie würde also sicher in einem der Hotels sein. Bern ist keine große Stadt. Das war gut; sie konnte daher in kurzer Zeit alle Hotels aufsuchen und sich nach Lady Harry Norland erkundigen. Das tat sie auch. Es gibt in der Tat in Bern nicht mehr als ungefähr ein halbes Dutzend Hotels, in denen eine vornehme Dame wohnen kann. Fanny ging in jedes hinein und fragte nach Lady Harry. Niemand aber hatte von einer Dame dieses Namens gehört; man zeigte ihr überall die Listen der in dem betreffenden Hotel wohnenden Fremden. Dann ging sie auf das Postbureau, aber auch dort hatte keine Dame dieses Namens nach Briefen gefragt. Dann erkundigte sie sich, ob es noch irgendwelche Pensionen gäbe, und suchte auch diese auf, aber ebenso vergeblich.

Jetzt blieb kein anderer Schluss übrig: der Doktor musste sie absichtlich getäuscht haben. Um sie aus dem Wege zu schaffen, schickte er sie nach Bern; er würde sie selbst nach Jericho geschickt haben, wenn ihr Geld für diese Reise gereicht hätte. Sie war also einfach betrogen worden.

Sie zählte ihr Geld. Es waren genan achtundzwanzig Schillinge und zehn Pence in ihrem Geldbeutel.

Darauf ging sie wieder in die billigste und unansehnlichste der Pensionen, die sie besucht hatte, zurück. Sie setzte der Besitzerin ihre Lage auseinander. Sie hätte ihre Herrin verfehlt und müsste daher warten, bis sie Nachricht, wohin sie nachkommen sollte, und das Geld zur Reise erhielte. Würde man sie, bis das eine oder andere einträfe, hier aufnehmen? Natürlich wollte die Wirtin sie aufnehmen für fünf Franken täglich, an jedem folgenden Morgen zu zahlen.

Sie machte sich einen kleinen Überschlag über ihre Mittel - sie hatte achtundzwanzig Schillinge und zehn Pence, das sind genau fünfunddreißig Franken - hinreichend für sieben Tage. Wenn sie sofort an Mrs. Vimpany schrieb, so konnte sie in fünf Tagen eine Antwort erhalten.

Sie nahm daher das Anerbieten der Wirtin an, bezahlte ihre fünf Franken und wurde in ein Zimmer geführt. Zugleich sagte man ihr, dass das Diner um sechs Uhr aufgetragen werde.

So weit war alles gut. Hier hatte sie wenigstens Ruhe und konnte darüber nachdenken, was zu tun sei. Zuerst schrieb sie zwei Briefe, einen an Mrs. Vimpany und einen an Mr. Mountjoy.

In diesen beiden Briefen erzählte sie genau, was ihr seit ihrer Ankunft in Passy begegnet war.

In dem Brief an Mr. Mountjoy fügte sie die Bitte hinzu, er möge ihr gütigst das Geld zur Rückreise schicken; ihre Herrin würde es ihm sicherlich wieder zurückerstatten.

Sie trug beide Briefe selbst auf die Post - es war am Dienstag - und wartete gespannt auf die Antworten.

Mrs. Vimpany schrieb sofort zurück:

»Meine liebe Fanny, ich habe Ihren Brief mit dem größten Interesse gelesen. Ich fürchte nicht nur, dass irgendeine neue Schurkerei im Gang ist, sondern ich bin vollkommen davon überzeugt; wir wollen nur hoffen und Gott bitten, dass Mylady nicht darunter zu leiden hat. Sie werden erfreut sein, zu hören, dass Mr. Mountjoy sich wieder wohler befindet. Als er soweit wieder hergestellt war, dass er den Anprall einer heftigen Erregung aushalten konnte, übergab ich ihm Lady Harrys Brief. Es war gut, dass ich es nicht eher getan hatte, denn er war so außer sich über den Inhalt des Schreibens, dass ich fürchtete, er würde einen Rückfall bekommen. ,Kann eine Frau rief er aus, ,entschuldigt werden, dass sie wieder zurückkehrt zu ihrem unwürdigen Gatten, bevor er eine ernste Besserung bewiesen hat?! Was nützt es, wenn sie auch tausend Briefe mit reuevollen Versicherungen empfangen hat? Die Aufrichtigkeit seiner Reue soll sich in Handlungen, nicht in Worten zeigen; sie hätte noch warten sollen.' Er schrieb einen Brief an sie, den er mir zeigte. ,Steht in dem Brief irgend etwas', fragte er mich, ,wodurch sie sich beleidigt fühlen könnte?' Ich konnte nichts finden. Er schrieb ihr, aber ich fürchte, es ist leider zu spät, dass sie sich der Gefahr der Erniedrigung aussetze, ja, vielleicht noch etwas Schlimmerem, wenn es noch etwas Schlimmeres gäbe, wenn sie darauf bestünde, zu ihrem unwürdigen Gatten zurückzukehren. Im Fall, dass sie seinen Rat nicht mehr wünsche, so bitte er, sie möge ihm bei dieser letzten Gelegenheit, wo er sich erlaube, ihr seinen Rat anzubieten, dann nicht antworten; ihr Schweigen würde ihm Antwort genug sein. Das war in kurzem der Inhalt des Briefes. Bis heute hat er noch keine Antwort von Lady Harry erhalten und ebensowenig irgend eine Mitteilung, ob der Brief sie überhaupt erreicht hat. Wie soll man das Schweigen deuten? Doch offenbar nur so, dass sie in Zukunft auf seine Ratschläge verzichtet.

»Sie müssen über Paris zurückkehren, obgleich die Reise weiter ist als über Basel und Lyon. Mr. Mountjoy wird Ihnen, wie ich weiß, das Geld schicken. So viel hat er mir gesagt. ,Ich bin jetzt mit Lady Harry fertig,' fügte er dann noch hinzu. ,Was sie tut, und wohin sie geht, das kümmert mich jetzt nicht weiter, aber ihrem Kammermädchen werde ich das Geld schicken, nicht als ein Darlehen, welches zurückbezahlt wird, sondern als ein Geschenk von mir.'

»Deshalb, meine liebe Fanny, bleiben Sie wenigstens für eine Nacht in Paris und suchen Sie, wenn möglich, zu erfahren, was in Passy eigentlich geschehen ist. Vielleicht können Sie die Pflegerin ausfindig machen und sie darnach fragen. Mit dem, was Sie schon wissen, ist es fast unmöglich, dass wir nicht die Wahrheit herausbekommen sollten. Die Leute müssen doch aufzufinden sein, die die Nahrungsmittel und all die sonstigen zum Leben notwendigen Gegenstände in die Villa geliefert haben - der Restaurateur, der Apotheker, die Wäscherin - Sie kennen sie ja gewiss alle schon; suchen Sie sie auf; und sprechen Sie mit ihnen; wir werden dann die Ergebnisse zusammenstellen. Was die Suche nach Ihrer Herrin betrifft, so hängt der Erfolg ganz und gar von Ihnen allein ab. Ich erwarte Sie in ungefähr einer Woche hier in London. Sollte sich inzwischen hier etwas von Wichtigkeit ereignen, so werde ich es Ihnen erzählen, wenn Sie mich aufsuchen.

Ihre ganz ergebene

A. Vimpany.«

Der Inhalt dieses Briefes stimmte ganz mit dem überein, was sich Fanny schon selbst vorgenommen hatte. Der Doktor hatte jetzt Passy verlassen. Sie war fest überzeugt, dass er nicht allein in der Villa zu bleiben beabsichtigte, denn die Vorstadt Passy, so reizend sie auch in verschiedenen Beziehungen ist, ist nicht gerade der Ort, der einen Mann von Mr. Vimpanys Charakter fesseln könnte. Sie wollte einen oder zwei, oder wenn es notwendig wäre, auch drei Tage in Passy bleiben und dort alle die Erkundigungen einziehen, von denen Mrs. Vimpany in ihrem Brief gesprochen hatte.

Am gleichen Tag brachte ihr die Post den bereits von Mrs. Vimpany angekündigten Brief Mountjoys nebst einem Postmandat, welches auf hundertundfünfundzwanzig Franken lautete; er hoffe, schrieb Mountjoy, dass diese Summe für ihre augenblicklichen Auslagen genügen würde.

Fanny trat ihre Rückreise noch an demselben Tag, einem Sonnabend, an. Am Sonntagabend traf sie in Passy ein mit der Absicht, dort Erkundigungen einzuziehen.

Die erste Person, die sie aufsuchte, war der Besitzer der Villa, ein kleiner Rentner, der, nachdem er sich ein hübsches Vermögen durch einen Fleischhandel erworben, dasselbe in diesem Besitztum angelegt hatte. Fanny sagte ihm, dass sie das Kammermädchen von Lady Harry Norland sei, welche noch vor kurzem diese Villa bewohnt habe. Sie möchte gern die gegenwärtige Adresse der Dame wissen.

»Mon dieu, woher soll ich die denn kennen?« antwortete er. »Die Frau des englischen Lords hatte so viel Liebe zu ihrem Gatten, dass sie ihn während seiner langen Krankheit allein ließ.«

»Während seiner langen Krankheit?«

»Gewiss, während seiner langen Krankheit. Mademoiselle ist vielleicht nicht bekannt mit dem, was sich hier ereignet hat. Mylady ist nicht einmal gekommen, um ihren verstorbenen Gatten noch einmal zu sehen, bevor er begraben wurde; sie ist eben eine Frau nach englischer Art.«

Fanny atmete schwer.

»Ihren verstorbenen Gatten? Ist Lord Harry gestorben? Wann starb er denn?«

»Aber haben Sie denn das nicht gehört, Mademoiselle? Der englische Lord starb am Donnerstagmorgen - es ist jetzt zehn Tage her - an der Lungenschwindsucht, und er wurde auf dem Friedhof von Auteuil gestern vor acht Tagen begraben. Mademoiselle scheinen erstaunt!«

»In der Tat, Monsieur, ich bin sehr erstaunt.«

»Es ist auch schon ein Grabstein zur Erinnerung an den unglücklichen jungen Mann errichtet, welcher, wie man sagt, einer sehr vornehmen irischen Familie angehören soll. Mademoiselle können sich davon mit eigenen Augen auf dem Friedhof überzeugen.«

»Bitte, noch einen Augenblick, Monsieur. Würden Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, wer die Pflegerin von Mylord während der letzten Zeit war?«

»Aber gewiss. Jedermann kennt die Witwe La Chaise. Es war die Witwe La Chaise, welche der Doktor holen ließ. Ja, das war ein Mann, dieser Doktor! Was für eine Leuchte der Wissenschaft! Welche Aufopferung für seinen Freund! Welche bewunderungswürdige Gefühlstiefe er besaß! Es ist wahr, die Engländer können tief und wahr fühlen, so weit es ihre zur Schau getragene Kälte gestattet. Die Witwe La Chaise ist sehr leicht zu finden.«

Er gab Fanny in der Tat die Adresse der Pflegerin. Damit versehen, machte sie sich, nachdem ihr der Wirt noch die Hauptsachen über Lord Harrys vorgeblichen Tod erzählt hatte, auf die Suche nach der ehrbaren Witwe.

Sie fand sie in ihrer Wohnung, wirklich eine ehrbare Frau, welche sogleich bereit war, alles zu erzählen, was sie wusste. Sie hatte augenscheinlich nicht den geringsten Verdacht, dass irgendetwas Unrechtes geschehen war. Sie war am Donnerstagmorgen aufgefordert worden, die Pflege eines kranken Mannes zu übernehmen; man hatte ihr gesagt, der Kranke sei ein junger irischer Lord, der gefährlich an einem Lungenleiden darniederliege. Der Doktor teilte ihr in der Tat mit, dass das Leben des Kranken nur an einem Faden hinge und dass es jeden Augenblick mit ihm zu Ende gehen könne, obgleich er andererseits auch Fälle gekannt hätte, bei denen der Tod erst nach Monaten eingetreten sei.

»Als ich kam«, erzählte die Pflegerin, »lag der Kranke in tiefem Schlaf.«

»Sind Sie sicher, dass er schlief und nicht etwa schon tot war?« fragte Fanny scharf.

»Mademoiselle, ich bin viele Jahre lang Krankenpflegerin gewesen; ich kenne mein Geschäft, ich kenne meine Pflichten. In dem Augenblick, als mich der Doktor mit dem Patienten allein gelassen hatte, überzeugte ich mich von der Richtigkeit der Angaben, die er mir gemacht. Ich untersuchte, indem ich den Puls des Kranken fühlte und seinen Atem beobachtete, dass er wirklich schlief.«

Fanny gab keine Antwort; sie konnte unmöglich dieser ehrbaren Frau ins Gedächtnis rufen, dass sie, sobald der Doktor sie verlassen hatte, sich zuerst damit beschäftigte, den Wandschrank, die Schubladen und andere Dinge zu untersuchen; dass sie dann ein Buch mit Bildern fand, in dem sie ungefähr eine Viertelstunde las, und dass sie darauf das Buch sinken ließ und einschlafen wollte.

»Dann traf ich Vorbereitungen«, fuhr die Witwe fort, »welche sein Aufwachen verhindern sollten; auch zog ich die Vorhänge auf und kehrte die Bettstücke um, um das Bett zu lüften - o Madame, Madame, das war alles unnötig! - schüttelte die Federn auf und tat alles das, was die Pflicht einer gewissenhaften Pflegerin ist, bis die Zeit herankam, wo ich meinem Patienten zum erstenmal Medizin geben sollte. Stellen Sie sich nun vor, der, den ich ruhig atmend gefunden hatte - mit der Regelmäßigkeit eines Wiedergenesenden atmend, nicht etwa so schwer, wie ein Sterbender zu atmen pflegt - den fand ich tot! Er war tot.«

»Sind Sie auch sicher, dass er tot war?«

»Als ob ich niemals zuvor einen Toten gesehen hätte! Ich rief den Doktor; es geschah nur der Pflicht wegen, denn ich wusste ja ganz genau, dass er tot war.«

»Und dann?«

»Dann fühlte der Doktor, der doch auch gewusst haben musste, dass er tot war, seinen Puls und sein Herz und sah ihm in die Augen und erklärte hierauf, dass er wirklich tot sei.«

»Und dann?«

»Was dann? Wenn ein Mann tot ist, dann ist er tot. Sie können ihn nicht mehr zum Leben zurückrufen. Der Doktor tat aber noch etwas. Er brachte einen photographischen Apparat herbei und photographierte den Toten für seine Freunde.«

»So, so, er photographierte also Lord Harry Norland. Zu welchem Zweck tat er das?«

»Ich sagte es Ihnen ja schon: für seine Freunde.«

Fanny war verwirrter denn je. Was in aller Welt wollte der Doktor mit einer Photographie des Dänen Oxbye? Beabsichtigte er wirklich, sie den Freunden Lord Harrys zu zeigen? Konnte er wirklich einen so groben Fehler gemacht haben, ohne dass ihn jemand dazu gezwungen hätte? Es war einfach unmöglich, dass jemand das Gesicht des armen Dänen für das Gesicht Lord Harrys halten konnte.

Sie hatte alles erfahren, was sie wollte, in der Tat alles, was für sie von Nutzen sein konnte. Eins blieb noch übrig: sie wollte das Grab sehen.

Der Friedhof von Auteuil ist nicht so groß wie der Pèrelachaise; auf ihm ruhen auch nicht so viele berühmte Personen wie auf dem letztern, der vielleicht, wenn man die berühmten Toten in Betracht zieht, der berühmteste Friedhof in der ganzen Welt ist. Der Friedhof von Auteuil ist die letzte Ruhestätte der besseren Klassen. Seine Gräber sind nicht die Gräber von Unsterblichen, aber doch die Gräber von angesehenen Leuten.

Unter ihnen fand Fanny leicht, indem sie den ihr gegebenen Weisungen folgte, das Grab, welches sie suchte.

Der Grabstein trug in englischer Sprache die Aufschrift: »Gewidmet dem Andenken Lord Harry Norlands, des zweiten Sohnes des Marquis of Malven«, dann folgte das Datum und das Alter; sonst nichts.

Fanny ließ sich auf eine Bank nieder und betrachtete den lügnerischen Stein.

»Der Däne Oxbye befand sich«, sagte sie zu sich, »auf dem Weg rascher Besserung. Das war der Grund, weswegen man mich fortschickte. Am nächsten Tag vergiftete ihn der Doktor, der mich schon weit entfernt glaubte. Ich sah, wie er es tat. Der Pflegerin wurde gesagt, dass er eingeschlafen sei, und erst später entdeckte sie, dass er tot war. Ihr gegenüber wurde der Kranke für einen jungen irischen Lord ausgegeben, und er wurde dann auch unter dem Namen Lord Harrys begraben. Deshalb fand ich auch den Doktor allein. Und Mylady? Wo ist sie?«

Fünfundsechzigstes Kapitel

Fanny kehrte nach London zurück. Teils ließen ihr ihre knappen Mittel keine andere Wahl, teils aber hatte es für sie auch keinen Zweck mehr, länger in Passy zu bleiben, nachdem sie alles erfahren hatte, was sie dort erfahren konnte.

Als sie in London ankam, hatte sie noch dreißig Schillinge in der Tasche, welche ihr von Mr. Mountjoys Geschenk übrig geblieben waren. Sie suchte sich eine billige Unterkunft und fand auch ein Zimmer bei Leuten, die anständig zu sein schienen. Sie musste dafür vier Schilling und sechs Pence wöchentlich zahlen und außerdem täglich einen Schilling für die Kost. Nachdem sie dort eingezogen, eilte sie in das Hotel Mr. Mountjoys, um Mrs. Vimpany alle die Neuigkeiten mitzuteilen, die sie brachte.

Jeder kennt die Enttäuschung, wenn die einzige Person in der Welt, die man gerade in dem Augenblick zu sehen und zu sprechen wünscht, nicht anwesend ist. Dann müssen die Neuigkeiten unterdrückt, die Schlüsse, die Zweifel, die Vermutungen hinausgeschoben werden. Diese Enttäuschung, fast ebenso groß als die in Bern, musste Fanny an der Tür des Londoner Hotels machen.

Mr. Mountjoy war nicht mehr dort.

Die Besitzerin des Hotels, welche Fanny kannte, kam selbst heraus und erzählte ihr, was geschehen.

»Mr. Mountjoy befand sich wohler«, sagte sie, »aber er war noch sehr schwach. Man schickte ihn daher nach Schottland unter der Pflege von Mrs. Vimpany. Er sollte langsam oder schnell hinreisen, ganz, wie er sich imstand fühlte. Ich habe für Sie die Adresse bekommen; hier ist sie. Ja, Mrs. Vimpany hat mir auch sonst noch etwas an Sie aufgetragen. Sie möchten, sagte sie, wenn Sie schrieben, den Brief an sie und nicht an ihn schicken. Sie meinte, Sie wüssten schon, warum.«

Fanny kehrte tief entmutigt in ihre Wohnung zurück. Sie war ganz erfüllt von dem schrecklichen Geheimnis, welches sie entdeckt hatte. Der einzige Mensch, welcher in dieser kritischen Lage einen Rat geben konnte, war Mr. Mountjoy, und er war fort. Sie wusste nicht, was aus ihrer Herrin geworden war. Was konnte sie tun? Der Verantwortlichkeit war mehr, als sie ertragen konnte.

Sie konnte nicht zweifeln, dass sich ihre Herrin in der Gewalt jener beiden Schurken befand, welche zu ihren anderen Verbrechen einen Mord hinzugefügt hatten. Was sie selbst betraf, so war sie allein, fast freundlos. In einer oder zwei Wochen würde sie auch mittellos sein. Wenn sie ihre Geschichte erzählte, welches Unheil konnte sie dadurch anstiften, und wenn sie schwieg, welches Unheil konnte dann folgen?

Sie setzte sich nieder, um an die einzige Freundin, die sie hatte, einen Brief zu schreiben. Aber ihr Verstand war infolge der Sorge und des Kummers wie eingefroren. Sie war nicht imstande, die Sache klar und deutlich zu berichten; die Worte fehlten ihr.

Sie war nicht zu jeder Zeit fähig, die Feder leicht zu führen, und fand sich daher auch jetzt nicht imstande, eine irgendwie vernünftige Erzählung von dem, was sich ereignet hatte, niederzuschreiben. Es wäre zu jeder Zeit schwierig gewesen, das, was sie wusste, so darzustellen, dass der sich daraus für sie ergebende Schluss auch dem Leser klar und deutlich entgegengetreten wäre, und jetzt war es für sie einfach ganz unmöglich; sie beschränkte sich daher auf einen einfachen, ziemlich nichtssagenden Bericht.

»Ich kann nur das eine sagen«, schrieb sie, »dass ich nach dem, was ich sah und hörte, gewichtige Gründe habe, zu glauben, dass Lord Harry überhaupt nicht tot ist.« Sie fühlte, dass dies ein sehr ungenügender Bericht war, aber sie konnte für den Augenblick nicht mehr geben. »Wenn ich wieder schreibe«, fuhr sie in ihrem Bericht fort, »nachdem ich von Ihnen gehört habe, werde ich Ihnen noch viel mehr sagen können; heute bin ich nicht dazu fähig. Ich bin zu sehr niedergedrückt und ich fürchte mich, zu viel zu sagen; außerdem habe ich kein Geld mehr, und ich muss mich nach Arbeit umsehen. Ich habe indessen keine Sorge um meine Zukunft, weil meine Herrin mich gewiss nicht vergessen wird. Ich bin fest davon überzeugt. Meine Angst um sie und die furchtbaren Geheimnisse, welche ich entdeckt habe, die sind es, welche mir keine Ruhe lassen.«

Mehrere Tage vergingen, bevor eine Antwort kam, und dann war es eine Antwort, welche ihr wenig half. »Ich habe keine guten Nachrichten für Sie«, schrieb Mrs. Vimpany; »Mr. Mountjoy ist immer noch sehr schwach. Was daher auch Ihr Geheimnis sein mag, so bitte ich Sie, ihm in seiner gegenwärtigen Lage nichts davon mitzuteilen. Er ist über alle Maßen betrübt und zugleich empört über Lady Harrys Entschluss, wieder zu ihrem Gatten zurückzukehren. Es wäre kaum zu verstehen, wenn ein Mann wie Mr. Mountjoy auch jetzt noch der treue Freund und beharrliche Liebhaber sein sollte, und er hat es auch wirklich über sich gebracht, zu erklären, daß er alle freundschaftlichen Beziehungen zu Iris abgebrochen habe. Dennoch konnte er es nicht länger in London aushalten. Alles dort erinnerte ihn an sie. Trotz seines schwachen Gesundheitszustandes bestand er darauf, seine Besitzung in Schottland aufzusuchen. Krank, wie er war, würde er keinen Widerspruch und Aufschub geduldet haben. Wir reisten in sehr kleinen Abschnitten, hielten uns in Peterborough, York, Durham, Newcastle und Berwick auf; an einigen Orten nur eine Nacht, an anderen aber mehrere. Trotz aller meiner Vorsichtsmaßregeln war er in besorgniserregender Weise erschöpft, als wir seine Besitzung am Solway Firth endlich erreichten. Ich ließ den Doktor des Ortes holen, der etwas zu verstehen scheint. Jedenfalls ist er klug genug, um einzusehen, dass in diesem Fall mit Medizin und Apotheken nichts zu machen ist. Vollständige Ruhe und vollständiges Fernhalten von allen aufregenden Gedanken ist unerlässlich notwendig; deswegen darf Mr. Mountjoy auch keine Zeitung lesen. Das trifft sich sehr gut, weil, wie ich vermute, Lord Harrys Tod in den Blättern angezeigt worden ist, und weil der Gedanke, dass die Frau, welche er liebt, Witwe geworden, ihn jedenfalls furchtbar aufregen würde. Sie werden jetzt verstehen, warum ich die Botschaft an Sie in dem Hotel zurückließ, und warum ich ihm Ihren Brief nicht gezeigt habe. Ich sagte ihm nur, dass Sie, ohne Ihre Herrin zu finden, zurückgekehrt wären. »Sprechen Sie mir niemals mehr von Lady Harry«, sagte er gereizt; deshalb habe ich auch nichts weiter gesagt. Was den Geldpunkt anbetrifft, so bin ich im Besitz von einigen Pfunden, die zu Ihrer Verfügung stehen. Sie können sie mir einmal später wieder zahlen, wenn Sie imstande dazu sind. Ich habe an etwas gedacht, an das neue Weltblatt, zu dessen Besitzern ja Lord Harry gehört. Wo Lady Harry sich auch befinden mag, so viel ist sicher, sie wird das Blatt in die Hände bekommen. Lassen Sie eine Annonce unter ihrer Adresse dort einrücken, in der Sie ihr mitteilen, dass Sie ihren Aufenthaltsort nicht wüssten, dass Sie aber selbst jeden Brief erhalten würden, der unter Ihrer Adresse an ein von Ihnen angegebenes Postamt geschickt würde. Ich glaube, dass Sie auf eine solche Annonce hin eine Antwort von ihr erhalten werden, wenn sie nicht wünscht, allein und unentdeckt zu bleiben.«

Fanny hielt diesen Vorschlag für annehmbar. Nach sorgfältiger Überlegung schrieb sie folgende Annonce:

»Fanny M. an L. H.

»Ich bin nicht imstande gewesen, Ihre Adresse ausfindig zu machen. Bitte, schreiben Sie mir an das Postamt Hunterstreet, London W. C.«

Sie bestellte, dass diese Annonce an drei Sonnabenden eingerückt werde; man sagte ihr, es sei besser, wenn sie nicht drei auf einander folgende Sonnabende wähle, sondern immer einen dazwischen frei lasse. Ermutigt durch das Gefühl, dass etwas, wenn auch nur wenig, geschehen sei, setzte sie sich nieder, entschlossen, einen Bericht aufzuschreiben, in welchem sie alles genau so, wie es geschehen war, erzählte. Ihr Hass und ihr Argwohn gegen Mr. Vimpany unterstützten sie dabei, dass sie sich, so merkwürdig es auch klingt, genau an die nackten Tatsachen hielt, denn es war durchaus nicht ihr Wunsch, irgendwelche Beschuldigungen und Anklagen zu erheben. Sie wollte nur die einfachen Geschehnisse niederschreiben und zwar so, dass jeder, welcher ihren Bericht las, zu dem gleichen Schluss wie sie selbst kommen musste.

Nachdem sie mit ihrem Bericht fertig geworden, was sehr viel Zeit in Anspruch nahm, kaufte sie ein Buch mit leeren Blättern und schrieb ihn noch einmal ab. Dabei kam sie darauf, noch zwei oder drei Tatsachen hinzuzufügen, die ihr bei der ersten Niederschrift entgangen waren. Dann fertigte sie noch eine zweite Abschrift an, diesmal ohne Namen von Leuten und Orten. Diese zweite Abschrift schickte sie als eingeschriebenen Brief an Mrs. Vimpany.

Inzwischen war die Meldung von dem Tode Lord Harrys erfolgt. Diejenigen, welche die Familiengeschichte kannten, sprachen ihre unverhohlene Freude über dieses Ereignis aus. »Das Beste, was er jemals getan hat. - Das wird seinen Angehörigen angenehm sein. - Ein schlechter Mensch weniger auf der Welt. - Ein wahres Glück, dass er gestorben ist. Ich glaube, er war aber auch verheiratet. - Er war einer von den Menschen, die alles mögliche getan haben. - Schade, dass man nicht sein Leben beschreiben kann.« Das waren ungefähr die Bemerkungen, welche man über den Tod des jungen Edelmanns machte. Am nächsten Tag war er so vergessen, als ob er gar nicht gelebt hätte. So pflegt es im Leben zu gehen.

Sechsundsechzigstes Kapitel

Nicht viele englische Reisende biegen von ihrer Tour ab, um Louvain zu besuchen, obgleich es ein Rathaus hat, welches selbst das von Brüssel übertrifft, und obgleich man schon nach einer einstündigen Eisenbahnfahrt von dieser Stadt der Augenlust und des Vergnügens dort sein kann. Es wohnten dort überhaupt keine Engländer, wenigstens bekam man keine zu sehen, wenn es vielleicht auch einige gab, die aus denselben Gründen dorthin gegangen waren, welche Mr. William Linville und seine Frau veranlasst hatten, dieses Nest zum ständigen Aufenthaltsort zu wählen, nämlich, um ganz allein und unbemerkt zu leben. Es gibt viel mehr Menschen, als wir wissen, welche vor allem Einsamkeit und Zurückgezogenheit lieben und nichts mehr fürchten als ein zufälliges Zusammentreffen mit einem alten Freund.

Mr. William Linville mietete ein kleines, möbliertes Haus wie die Villa in Passy, ebenso wie diese in einem Garten gelegen. Hier richtete Iris mit einer Köchin und einem Stubenmädchen ihren bescheidenen Haushalt ein.

Zu fragen, ob sie glücklich war, wäre töricht. Zu keiner Zeit seit ihrer Heirat war sie vollkommen glücklich gewesen, und nun unter dem Druck der fortwährenden Verborgenheit leben zu müssen, war durchaus nicht darnach angetan, eine Frau glücklich zu machen. Das Beste war noch, dass sie keine Zeit hatte, die Bitterkeit des Planes, nach dem ihr Gatte sein jetziges Leben eingerichtet hatte, recht zu empfinden.

Wenn dieser Plan auch bis jetzt ganz erfolgreich ausgefallen war, so war dieses noch so junge Paar dadurch doch lebenslänglich zur Verbannung verurteilt; das war die erste Schattenseite. Dann durften sie niemals den Versuch machen, in irgendwelche freundschaftliche Beziehungen zu Landsleuten zu treten, da sie immer fürchten mussten, entdeckt zu werden. Iris konnte niemals wieder mit einer englischen Dame sprechen. Wenn sie Kinder haben würden, so würde die Gefahr noch zehnmal schrecklicher, würden die Folgen noch zehnmal furchtbarer sein. Die Kinder selbst müssten aufwachsen ohne Familie und ohne Freunde. Ihr Gatte, von jedem Verkehr mit anderen Männern abgeschnitten, würde ganz auf sich selbst angewiesen sein. Mann und Frau würden mit dieser schrecklichen Last auf dem Gewissen den gegenseitigen Anblick hassen und verabscheuen. Der Mann würde, wie fast mit Sicherheit vorauszusehen war, sich schließlich dem Trunk ergeben, und die Frau - wir wollen indes die Sache jetzt nicht weiter verfolgen.

Sie bezogen das Haus und richteten sich darin ein. Sie waren beide sehr schweigsam. Lord Harry saß still und mit finsterem Gesicht da, nachdem sein großer Coup erfolgreich geendet hatte. Er blieb den ganzen Tag über zu Hause und wagte es nur, während der Dunkelheit auszugehen. Für einen Mann, dessen ganzes Leben Tätigkeit und Geselligkeit gewesen war, musste dieses schlecht enden.

Die Einförmigkeit wurde zuerst unterbrochen durch die Ankunft des Briefes von Hugh, welcher zugleich mit anderen Dokumenten aus Passy geschickt wurde. Iris las ihn und las ihn immer und immer wieder und machte den Versuch, zu verstehen, was er meinte. Dann zerriss sie ihn. »Wenn er nur alles wüsste«, sagte sie zu sich, »dann würde er sich nicht die Mühe genommen haben, diesen Brief zu schreiben. Hier gibt es keine Antwort, Hugh. Es kann keine geben, wenigstens jetzt nicht. Ich soll nach Deinem Rat handeln? Das ist nicht möglich; von jetzt an muss ich auf Befehl handeln, denn ich bin ja die Teilnehmerin an einem Verbrechen.«

Zwei Tage darnach kam ein Brief vom Doktor. Er hielt es nicht für notwendig, etwas von dem Erscheinen Fannys in Passy zu erwähnen oder von ihrer Reise nach Bern. »Alles«, schrieb er, »ist so weit gut gegangen. Die Welt weiß durch die Zeitung, dass Lord Harry gestorben ist. Es wird sich jetzt einfach noch darum handeln, das Geld zu bekommen. Zu diesem Zweck wird es notwendig sein, dass Lady Harry als seine Witwe und einzige Erbin sein Testament und die Lebensversicherungspolice dem Advokaten ihres Gatten übergibt, damit das Testament eröffnet und die Geldforderung anerkannt werden kann. Verschiedene Papiere werden dabei zu unterschreiben sein. Die ärztliche Bestätigung des Todes und die Bestätigung des Begräbnisses sind schon in den Händen des Advokaten. Je eher die Witwe nach London gehen wird, um so besser wird es sein. Sie sollte ihre Ankunft schriftlich anmelden und zwar von Paris aus, als ob sie seit dem Tod ihres Gatten dort gelebt hätte.

»Ich habe Sie nun noch daran zu erinnern, mein lieber Linville, dass Sie mir zweitausend Pfund schuldig sind. Ich werde natürlich sehr erfreut sein, eine Anweisung auf die Summe zu erhalten, sobald Sie selbst das Ihnen gehörende Geld in den Händen haben. Ich werde in Paris sein in dem Hotel Continental, wohin Sie mir die Summe schicken können. Es ist natürlich kein Grund vorhanden, dies zu verschweigen, und wenn die Versicherungsgesellschaft irgendwelche Auskunft von mir wünscht, so bin ich jederzeit bereit, ihr dieselbe zu geben.«

Lord Harry gab den Brief seiner Frau.

Sie las ihn und legte ihn offen auf ihren Schoß.

»Muss es sein, Harry«, fragte sie, »muss es wirklich sein?«

»Es bleibt uns keine andere Wahl, mein Herz, und es ist ja auch gar nichts weiter dabei. Du warst nicht in Passy, als Dein Gatte starb. Du bist in London gewesen. Du warst in Brüssel oder sonst irgendwo, und als Du wieder zurückkehrtest, war alles vorbei; Du hast seinen Leichenstein gesehen. Doktor Vimpany hatte ihn in der Behandlung; Du wusstest, dass er krank war, aber Du hieltest es für ein ganz geringfügiges Unwohlsein, das binnen kurzem wieder behoben sein würde. Du gehst zu dem Advokaten und zeigst das Testament vor. Er hat die Lebensversicherungspapiere schon und wird auch alles übrige besorgen. Du brauchst nicht einmal etwas zu unterschreiben. Das einzige, was Du tun musst, ist: Du musst Dir eine vollständige Witwenkleidung anschaffen; es wird dann nicht das leiseste Bedenken erhoben werden, und wer alles in Erwägung zieht, wird es ganz begreiflich finden, wenn Du niemand besuchst und nirgends hingehst.«

Hughs Brief hatte indes in der armen Frau ihr besseres Selbst wieder wachgerufen; sie war zwar schon zu weit in den Betrug verwickelt, als dass sie hätte jetzt stehen bleiben können, aber sie schauderte doch jetzt davor zurück, als ihr eine tätige Rolle dabei aufgezwungen wurde.

»O Harry«, - sie brach in Tränen aus - »ich kann nicht, ich kann nicht! Du forderst von mir, dass ich eine Lügnerin, eine Diebin werde - o Gott im Himmel, eine gemeine Diebin!«

»Es ist zu spät, Iris! Wir sind alle gemeine Diebe. Es ist zu spät, jetzt mit Weinen und Wehklagen zu beginnen.«

»Harry«, - sie warf sich vor ihm auf ihre Knie - »schone mich! Lass irgend eine andere Frau gehen und gib sie für Deine Witwe aus; ich will dann fortgehen und mich irgendwo verbergen.«

»Sprich keinen Unsinn, Iris«, antwortete er rauh. »Ich sage Dir, es ist viel zu spät; Du hättest Dir das früher überlegen müssen; jetzt ist alles vorbereitet.«

»Ich kann nicht gehen!« sagte sie.

»Du musst gehen, andernfalls ist all unsere Mühe umsonst gewesen.«

»Dann will ich nicht gehen«, rief sie aufspringend, »ich will mich nicht noch tiefer erniedrigen, ich will nicht gehen!«

Harry stand auch auf; er schaute sie einen Augenblick an, dann senkten sich seine Augen. Selbst er erinnerte sich in dem Moment daran, wie tief eine Frau gesunken sein musste, welche sich damit einverstanden erklärte, eine solche Rolle zu spielen.

»Du sollst nicht gehen«, sagte er, »wenn Du es nicht willst. Du kannst mich infolge meiner Handlungen, meiner Erniedrigung verlassen. Geh nach England zurück. Nur in einem schone mich: sage nicht, was Du weißt! Was mich betrifft, so werde ich einen Brief von Dir fälschen.«

»Einen Brief fälschen?«

»Gewiss, denn das ist der einzige Weg, der mir noch offen bleibt, um dem Advokaten Vollmacht zu erteilen, handelnd vorzugehen. Was sich dann zunächst ereignen wird, durch wessen Hände ich das Geld bekommen soll, weiß ich bis jetzt noch nicht. Aber Du kannst mich verlassen, Iris; es ist besser so, denn ich würde Dich immer noch tiefer und tiefer herabziehen.«

»Warum musst Du den Brief fälschen? Warum kommst Du nicht mit mir irgendwohin? Die Welt ist ja so groß! Komm an irgend einen Ort, wo wir unbekannt sind, und wo wir ein neues Leben beginnen! Wir haben nicht viel Geld; aber ich kann meine Uhren, meine Ringe, meine Ketten verkaufen, und wir werden genug haben. O Harry, nur einmal lass Dich leiten, nur einmal höre auf mich! Wir werden irgend eine bescheidene Lebensstellung finden und können noch glücklich sein. Niemand ist ein Leid zugefügt worden dadurch, dass Du nur behauptet hast, Du seist tot. Niemand ist benachteiligt, niemand ist betrogen worden.«

»Iris, Du sprichst unüberlegt. Bildest Du Dir denn auch nur einen Augenblick ein, dass der Doktor mich von meiner Verpflichtung loslassen wird?«

»Welche Verpflichtung?«

»Nun, er muss doch natürlich bezahlt werden für den Teil, den er an der Sache genommen hat; ohne ihn wäre sie ja überhaupt gar nicht auszuführen gewesen.«

»Du musst ihm also von dem Geld einen Teil geben?« sagte sie, sich wohl bewusst, dass dergleichen Abmachungen nichtig sind und vor das Gericht gehören.

»Gewiss, ich habe ihm eine große Summe von dem Geld abzugeben.«

»Nicht wahr, es beträgt im ganzen fünfzehntausend Pfund? Und wie viel musst Du davon dem - dem Doktor zahlen?«

»Wir sind übereingekommen, dass er die Hälfte haben soll«, sagte Lord Harry leichthin lachend; »aber da ich glaubte, dass siebentausendfünfhundert Pfund eine Summe Geldes wären, die ihm wahrscheinlich den Kopf verdrehen und ihn in einem oder zwei Jahren zu Grunde richten würde, so sagte ich ihm, dass der ganze Betrag sich auf viertausend Pfund beliefe. Deshalb wird er zweitausend für seinen Teil bekommen, und das ist vollkommen genug für ihn.«

»Täuschung über Täuschung, Betrug über Betrug«, sagte seine Gattin. »Wollte Gott«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »Du wärest diesem Manne niemals begegnet!«

»Ich darf wohl sagen, dass das im ganzen genommen besser für mich wäre«, entgegnete er; »aber, liebes Kind, einem Manne wie mir geht es leider immer so, dass er mit Leuten zusammentrifft, mit denen er lieber hätte nicht zusammentreffen sollen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Der handelnde Schurke und der passive Teilnehmer, sie sind sicher, sich zu finden. Nicht dass ich irgend einen Stein auf den würdigen Doktor werfen sollte; nicht im entferntesten.«

»Das können wir auch nicht, Harry«, sagte seine Frau.

»Wir können nicht, mein Herz, sehr richtig bemerkt. Es bleibt nun nichts mehr zu sagen übrig. Du kennst die Lage der Dinge vollkommen. Du kannst Dich, wenn Du willst, noch beizeiten zurückziehen und mich verlassen; dann werde ich auf einen neuen Betrug sinnen müssen, der noch weit gefährlicher ist als der erste. Ich will Dich nicht mit ins Verderben ziehen, das ist mein Entschluss. Wenn es zu öffentlichem Skandal kommt - aber das soll es nicht, Iris - ich verspreche Dir das eine«, - in diesem Augenblick sah er wirklich so aus, als ob er es aufrichtig meinte, - »ehe ich die Schande auf mich nehme, will ich lieber sterben, - sterben, ohne dass Dein Name dabei genannt wird, und Du bemitleidet wirst, die Frau eines solchen Mannes gewesen zu sein.«

Wiederum gelang es ihm, sie für seine Absichten zu gewinnen.

»Harry«, sagte sie, »ich werde gehen.«

Siebenundsechzigstes Kapitel

Drei Tage später fuhr ein Londoner Cab bei der sehr angesehenen Rechtsanwaltsfirma vor, welche die Geschäfte der Familie Norland führte. Sie waren außerdem noch die Sachwalter von zwei oder drei anderen Familien und verdienten trotz des landwirtschaftlichen Niedergangs viel Geld mit ihren bequemen Geschäften. In dem Cab saß eine Dame in tiefer Trauer.

Lady Harry Norland erwartete nichts anderes, als dass sie mit Kälte und Argwohn empfangen werden würde. Ihr Gatte hatte, wie sie nur zu gut wusste, nicht das Leben geführt, welches man in unseren Tagen von einem jüngeren Sohn einer vornehmen Familie erwartet. Ebensowenig war die Erinnerung, welche sein älterer Bruder, das Haupt der Familie, von ihm hatte, eine derartige, dass sie ihn bei diesem hätte besonders wert machen können. Weitere Gründe zur Furcht lagen in ihrem Schuldbewusstsein als Mitwisserin gewisser Dinge, welche leicht durch einen Zufall herauskommen konnten. Überdies hatte Iris noch niemals mit Rechtsanwälten zu tun gehabt und kannte daher deren Art und Weise nicht.

Anstatt dass sie indessen empfangen wurde von einem Herrn mit der feierlichen Miene eines Mitglieds des Kanzleigerichtes oder dem drohenden Blick eines Mitgliedes des Assisenhofes, fand sie einen älteren Herrn von väterlich freundlichem Benehmen, der ihre beiden Hände festhielt und aussah, als hätte er über den schweren Verlust, den sie erlitten, geweint. Durch lange Praxis verstand es dieser würdige Mann, immer zur rechten Zeit den Schein anzunehmen, als ob er mit seinen Klienten weinte und wehklagte.

»Meine teure Lady«, sprach er mit leiser, trauervoller Stimme, »meine teure Lady, dies ist eine schwere Zeit für Sie.«

Sie sah ihn erschreckt an, denn sie fürchtete, dass schon etwas herausgekommen.

»Gerade jetzt, wo Sie kaum den schmerzlichen Verlust erlitten haben, schon an Geschäfte denken zu müssen!«

»Ich bringe Ihnen«, antwortete sie kurz, »meines Gatten - meines verstorbenen Gatten letzten Willen.«

»Ich danke Ihnen. Mit Ihrer Erlaubnis - es wird Sie allerdings etwas aufhalten - werde ich ihn sogleich durchlesen. Aha, der ist ja sehr kurz und bündig und klar. Dieses Testament wird uns wenig Mühe und Arbeit machen. Leider muss ich indessen die Befürchtung aussprechen, dass Sie, Mylady, außer der Versicherungssumme nicht sehr viel erhalten werden.«

»Ich weiß das. Es wird gar nichts sein. Mein Gatte war stets ein armer Mann, wie Sie ja auch selbst wissen werden. Zur Zeit seines Todes verfügte er nur über sehr wenig bares Geld. Ich bin daher wirklich in großer Verlegenheit.«

»Das sollen Sie nicht länger sein, Mylady; Sie brauchen sich nur auf uns zu berufen. Was Lord Harrys Tod anbetrifft, so sind wir davon schon durch Doktor Vimpany benachrichtigt, der sein Freund sowohl als sein ärztlicher Berater gewesen zu sein scheint.«

»Doktor Vimpany hat eine Zeit lang mit meinem Gatten zusammengelebt.«

»Er hat uns geschrieben, dass die Krankheit Ihres Gatten einen sehr schnellen Verlauf gehabt.«

»Ich war gerade fern von meinem Gatten, als er starb. Ich befand mich in Geschäftsangelegenheiten schon eine Zeit lang vor seinem Tod hier in London. Ich wusste es nicht einmal, dass sein Zustand gefährlich war. Als ich zurück nach Passy eilte, kam ich zu spät. Mein Gatte war schon - war schon beerdigt.«

»Das traf sich sehr unglücklich. Und außerdem die Tatsache, dass Seine Lordschaft nicht aus freundschaftlichem Fuß mit den Mitgliedern seiner Familie lebte, - bitte, missverstehen Sie mich nicht, Mylady, ich will durchaus nicht irgend eine Meinung über diese Verhältnisse aussprechen - aber diese Tatsache hat jedenfalls sein Ende noch unglücklicher gemacht.«

»Er hatte Doktor Vimpany«, sagte Iris in einem Ton, welcher Misstrauen gegen den Rechtsanwalt oder Missfallen gegen den Doktor ausdrückte.

»Es bleibt uns jetzt nur noch übrig«, sagte der Anwalt, »das Testament eröffnen zu lassen und Ihre Forderung an die Lebensversicherungsgesellschaft geltend zu machen. Ich habe die Police hier. Lord Harry hatte sein Leben bei der Royal Unicorn Lilfe Insurance Company für die Summe von fünfzehntausend Pfund versichert. Wir können nun nicht erwarten, dass diese große Forderung sogleich befriedigt wird. Vielleicht wird die Gesellschaft drei Monate für die Auszahlung verlangen. Aber Mylady können sich inzwischen, wie ich Ihnen schon sagte, auf uns berufen.«

»Sind Sie auch sicher, dass die Gesellschaft zahlen wird?«

»Ganz sicher. Warum nicht? Sie muss zahlen.«

»Ich dachte nur, dass vielleicht eine so große Summe -«

»Meine liebe gnädige Frau«, - der Mann, der so große Vermögen verwaltete, musste unwillkürlich lächeln - »fünfzehntausend Pfund sind für uns keine große Summe. Wenn eine Versicherungsgesellschaft die Auszahlung einer gesetzlich anerkannten Forderung verweigern würde, so würde sie sich dadurch selbst eine Grube graben, denn ihre ganze Existenz hängt nur einzig und allein davon ab, dass sie alle gerechten und gesetzlich anerkannten Forderungen befriedigt. Wenn der Tod eines Menschen amtlich beglaubigt worden ist, dann bleibt der Versicherungsgesellschaft nichts anderes übrig, als die Versicherungssumme der Person auszuzahlen, welche zum Empfang des Geldes berechtigt ist. In diesem Fall bin ich diese Person als Ihr Stellvertreter.«

»Ja, ich verstehe; aber ich dachte nur, dass sich vielleicht einige Schwierigkeiten ergeben würden, weil mein Gatte im Ausland gestorben ist.«

»Schwierigkeiten könnten allerdings vorhanden sein, wenn Lord Harry in Zentralafrika gestorben wäre. Aber er starb in einer Vorstadt von Paris, und das französische Gesetz ist in solchen Fällen noch viel sorgfältiger und genauer als unser eigenes. Wir haben die offiziellen Papiere und die Beglaubigung des Doktors. Wir haben außerdem eine Photographie des unglücklichen jungen Edelmanns, wie er auf seinem Totenbett liegt. Sie ist von wunderbarer Ähnlichkeit, und die Sonne kann nicht lügen; es war das ein ausgezeichneter Gedanke von dem Doktor, den Toten zu photographieren. Wir haben ferner auch eine Photographie von dem erst kürzlich errichteten Grabstein. Zweifel? Meine teure Lady, man könnte ebensowenig einen Zweifel an der Nichtigkeit der Sachlage haben, wenn Ihr Gatte in dem Familienerbbegräbnis bestattet wäre. Wenn irgend etwas einen Grund an Zweifeln entfernen kann, so ist es die Tatsache, dass die einzige Person, welche aus Lord Harrys Tod einen Vorteil zieht, Sie selbst sind. Wenn er dagegen in den Händen von Leuten gewesen wäre, welche Grund hätten, seinen Tod zu wünschen, dann könnten allerdings Zweifel entstehen. Das wäre aber Sache der Polizei und nicht der Versicherungsgesellschaft.«

»O, wie.bin ich froh, zu hören, dass die Angelegenheit keinen Anstand weiter hat. Ich verstehe so gar nichts von Geschäften und glaubte daher -«

»Nein, nein, Mylady, Sie brauchen keinen solchen Gedanken zu haben. Da ich ja voraussehen konnte, dass Sie mich aufsuchen würden, so habe ich schon vorher an den Geschäftsleiter der Versicherungsgesellschaft geschrieben. Er drückte allerdings seine lebhafte Verwunderung über die Ursache des Todes aus, denn in der Familie Ihres Gatten war noch kein Fall von Auszehrung vorgekommen. Aber Lord Harry hat auch, wenn ich mich so ausdrücken darf, sehr große Anforderungen an seine Gesundheit gestellt. Ja, ja, etwas zu starke, so habe ich es wenigstens der Gesellschaft erklärt.«

In Wirklichkeit hatte jedoch dieser würdige Mann die Erklärung in ganz anderen Worten gegeben. Was er wirklich gesagt hatte, lautete folgendermaßen: »Lord Harry Norland, Sir, war ein Teufel. Es gab nichts, was er nicht getan hatte; ich wundere mich nur darüber, dass er überhaupt noch so lange gelebt hat. Wenn man mir gesagt hätte, dass er an allen Krankheiten zusammen gestorben wäre, so würde ich darüber nicht im mindesten erstaunt gewesen sein. Die gewöhnliche galoppierende Schwindsucht war viel zu einfach für solch einen Mann.«

Iris nannte dem Rechtsanwalt ihre Londoner Adresse und ließ sich von ihm zum voraus hundert Pfund geben, wovon sie die Hälfte an William Linville in Louvain schickte. Dann begab sie sich nach Hause, um dort zu warten. Sie musste jetzt so lange in London bleiben, bis die Forderung ausgezahlt wurde.

Sie wartete sechs Wochen. Am Ende dieser Zeit erfuhr sie durch ihren Rechtsanwalt, dass die Versicherungsgesellschaft die Sache in Ordnung gebracht und dass er als ihr Rechtsanwalt bei ihrem Bankier die Summe von fünfzehntausend Pfund als vollen Betrag der Versicherungssumme eingezahlt habe.

In Übereinstimmung mit den Anordnungen ihres Gatten suchte sie sich dann ein anderes Bankhaus und eröffnete bei diesem ein Konto für einen gewissen William Linville, einen Edelmann, der im Ausland lebte. Sie ließ eine Probe der eigenhändigen Namensunterschrift William Linvilles zurück und zahlte auf dieses Konto eine Anweisung von achttausend Pfund ein. Dann sprach sie mit dem Geschäftsführer ihrer eigenen Bank und erklärte ihm, dass sie diese Summe für eine sichere Kapitalanlage brauche, und bat ihn außerdem noch um zweitausend Pfund in Banknoten, die sie für einen andern Zweck benötige. Der Bankier glaubte, sie beabsichtige irgendeine wohltätige Stiftung damit zu machen - vielleicht ein Sühnopfer für die Ausschreitungen ihres verstorbenen Gatten.

Dann schrieb Iris sofort an Mr. Vimpany, der sich in Paris aufhielt, und verabredete eine Zusammenkunft mit ihm.

»Es hat nicht die mindeste Mühe gemacht«, schrieb sie, nachdem das alles besorgt war, an ihren Gatten, »und wird auch in Zukunft keine weitere verursachen. Die Lebensversicherungsgesellschaft hat meine Forderung schon berichtigt. Von dem erhaltenen Geld habe ich achttausend Pfund auf das Konto von William Linville eingezahlt. Mein eigener Bankier, der meinen Vater kennt, glaubt, dass das Geld zu einer Kapitalanlage verwendet wird, und ich glaube, mein lieber Harry, dass, wenn nicht der Doktor uns wieder zu quälen anfängt, - und er wird dies sicher tun, sobald er sein Geld durchgebracht hat - vor uns ein ebener Weg liegt. Lass uns, wie ich Dich schon einmal gebeten habe, geradenwegs nach einem entlegenen Teil von Amerika gehen, wo wir sicher sind, nicht erkannt zu werden. Du kannst Dein Haar färben und Deinen Bart wachsen lassen, um uns vor jeder Entdeckung zu schützen. Lass uns weit weg gehen von jedem Ort und von jeder Person, die uns an die Vergangenheit erinnern kann. Dann werden wir vielleicht etwas von dem alten Frieden wiederfinden und, wenn das jemals noch möglich ist, die alte Selbstachtung.«

Es sollten ihr indessen doch noch Mühen und Unannehmlichkeiten erwachsen und zwar derartige, die sie wenig erwartet hatte, und vor denen sie sich auch nicht schützen konnte, und diese Unannehmlichkeiten wurden durch Iris' eigene Handlungsweise hervorgerufen.

Achtundsechzigstes Kapitel

Iris sah Fannys Annonce, und ihr erster Gedanke war, das Mädchen wieder in ihre Dienste zu nehmen; aber sie erinnerte sich daran, dass sie vor allen früheren Bekannten verborgen bleiben müssten. Sie durfte sich und ihren Gatten nicht in die Gewalt dieses Mädchens geben, dessen Treue auf zu harte Proben gestellt werden könnte.

Daher beantwortete sie die Annonce durch einen Brief, der keine Adresse enthielt und den sie selbst auf das Hauptpostamt trug. Sie überlegte ihre Worte sehr sorgfältig. Sie durfte nicht zu viel und nicht zu wenig sagen.

»Ich lege diesem Brief,« schrieb sie, »eine Bank¬note von zehn Pfund bei, welche Sie für sich ver¬wenden sollen. Ich stehe im Begriff, ins Ausland zu reisen, muss aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen auf die Dienste eines Kammermädchens Verzicht leisten. Im weiteren Verlauf meiner Reisen werde ich, wie ich hoffe, auch nach Brüssel kommen. Wenn Sie daher mir etwas zu sagen oder mich etwas zu fragen haben, so schreiben Sie, bitte, dorthin postlagernd an mich, und innerhalb von ungefähr sechs Monaten werde ich den Brief, wie ich mit Sicherheit annehmen zu können glaube, von dort abholen lassen. Ich erwarte aber dann auch gewiss einen Brief von Ihnen. Denken Sie nicht etwa, dass ich Sie oder Ihre treuen Dienste vergessen habe, obgleich ich für den Augenblick außerstande bin, Sie an meine Seite zu rufen. Fassen Sie sich daher in Geduld!«

Dass in dem Brief keine Adresse angegeben war, musste befremden. Wenn Lady Harry sich in London befand, - und der Brief war auf dem dortigen Hauptpostamt aufgegeben - warum nannte sie dann ihre Adresse nicht? Und wenn sie sich im Ausland befand, warum verheimlichte sie selbst dann ihren Aufenthaltsort? Auf jeden Fall, warum sollte sie sich ohne ein Kammermädchen behelfen, sie, die niemals ohne ein solches gewesen war, der ein Kammermädchen so notwendig war wie eine ihrer Hände? - O, sie konnte überhaupt niemals ohne Kammermädchen sein. Fanny wusste natürlich nichts, noch ahnte sie irgendetwas von den Geschäften, welche Iris in London gehabt hatte, und von deren Teilnahme an dem Verbrechen.

Sie wandte sich daher wieder an ihre einzige Freundin, an Mrs. Vimpany, welcher sie den Brief von Lady Harry schickte, und beschwor sie, wenn es möglich wäre, Mr. Mountjoy jetzt die ganze Geschichte zu erzählen.

»Er ist nunmehr um so viel kräftiger und gesünder geworden,« schrieb Mrs. Vimpany zurück, »dass ich es demnächst werde wagen können, ihm alles mitzuteilen; aber übereilen Sie nichts. Wir wollen um Gottes willen nichts tun, was ihr irgendwelche Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Ich bin fest überzeugt, dass wieder irgendetwas im Werk ist, natürlich etwas Schlechtes. Ich habe Ihren Bericht von dem, was Sie erfahren und miterlebt haben, wieder und immer wieder durchgelesen und bin ebenso überzeugt wie Sie, dass Lord Harry und mein würdiger Gatte den vermeintlichen Tod des ersteren zu ihren unsauberen Zwecken ausbeuten. Wir können aber jetzt nichts tun, wir müssen warten.«

Drei Tage später schrieb sie wieder:

»Der günstige Augenblick, auf den ich gewartet habe, ist jetzt endlich gekommen. Mr. Mountjoy hat sich wieder, wie ich glaube, vollständig erholt. Als ich ihn heute morgen so gesund und kräftig fand, nahm ich die Gelegenheit wahr, ihn zu fragen, ob ich es wagen dürfte, ihm ein Buch vorzulegen, das eine Erzählung enthielte.

»,Betrifft die Erzählung Iris?' fragte er.

»,Sie hat mit Lady Harry indirekt zu thu.'

»Eine Zeit lang gab er keine Antwort. Dann fragte er mich, ob sie auch deren Gatten betreffe.

»,Auch Lord Harry und meinen Gatten,' antwortete ich.

»Darauf schwieg er wieder eine Zeit lang.

»Nach einer Weile sah er auf und sagte:

»,Ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, mich niemals wieder in Lady Harry Norlands Angelegenheiten zu mischen. Ist es Ihr besonderer Wunsch, dass ich diese Erzählung lese, Mrs. Vimpany?'

».Gewiss. Es liegt mir sehr viel daran, dass Sie sie lesen und mir dann einen Rat geben.'

»,Wer hat sie geschrieben?'

»,Fanny Mere, das Kammermädchen der Lady.'

»,Wenn es sich nur darum handelt, mir zu sagen, dass Lord Harry ein Schurke ist, dann will ich sie nicht lesen.'

»,Wenn Sie nun durch die Lektüre in stand gesetzt würden, Lady Harry vor einem furchtbaren Unglück zu bewahren?' wendete ich ein.

»,Geben Sie mir den Bericht, ich will ihn lesen,' sagte er darauf.

»Bevor ich ihm jedoch Ihre Aufzeichnungen einhändigte, - ich trug sie stets bei mir in meiner Tasche - zeigte ich ihm eine Zeitung, welche eine gewisse Anzeige enthielt.

»,Lord Harry tot?' rief er. Unmöglich, dann ist Iris ja frei?'

»,Sie lesen vielleicht zuerst diese Aufzeichnungen von Fanny Mere,' entgegnete ich und zog das Buch aus der Tasche, übergab es ihm und ging aus dem Zimmer. Er sollte allein sein, während er Ihren Bericht las.

»Eine halbe Stunde später kam ich wieder zurück. Ich fand ihn in einem Zustand der heftigsten Erregung, jedoch ohne irgendwelches Zeichen von Schwäche, wie ich es bei früheren ähnlichen Gelegenheiten an ihm bemerkt hatte.

»,Mrs. Vimpany,« rief er, ,das ist ja entsetzlich! Für mich ist kein Zweifel, nicht der geringste Zweifel mehr vorhanden, dass der Däne Oxbye derjenige ist, welcher unter dem Namen Lord Harry Norlands auf dem Friedhof von Auteuil beerdigt wurde, und dass er ermordet worden ist, mit kaltem Blut ermordet worden von jenem schlechtesten aller Schurken -'

»,Von meinem Gatten!' sagte ich.

»,Ja, von Ihrem Gatten, Sie unglücklichste aller Frauen! Was Lord Harrys Beteiligung an dem Mord betrifft, so ist es gleichfalls vollständig erwiesen, dass er davon wusste, wenn er nicht sogar damit übereingestimmt hat. Mein Gott im Himmel, verstehen Sie es, können Sie sich wirklich vorstellen, was sie getan haben? Ihr Gatte und der Gatte von Iris können deswegen in Untersuchung gezogen werden, in eine wirkliche Untersuchung wegen Mords, und zu einem schmachvollen Tod verurteilt werden. Haben Sie schon daran gedacht?'

»,Ich denke immer daran; der Himmel weiß es, ich denke jeden Tag daran, ich denke daran Tag und Nacht. Ich werde aber nichts laut werden lassen, was dieses Schicksal auf sie herabbeschwören könnte, und ebensowenig wird Fanny Mere irgend etwas sagen. Wenn Fanny nicht zufälligerweise Augenzeugin gewesen wäre, so würden wir überhaupt nicht die geringste Ahnung davon haben, wie sich die ganze Sache in Wirklichkeit verhält.' ,Was weiß aber Iris davon?' ,Von dem Morde sicherlich nichts!' ,Nein, nein, sie kann nichts davon wissen. Das wenigstens durften sie ihr nicht sagen. Aber wie weit mag sie im übrigen in diese dunkle Sache verwickelt sein? Mrs. Vimpany, ich werde noch heute abend nach London zurückkehren. Wir werden mit dem Nachtzug fahren. Ich fühle mich vollständig kräftig genug.'

»Ich begann diesen Brief in Schottland, ich vollende ihn hier in London.

»Wir sind wieder in der Stadt. Kommen Sie sofort in das Hotel und suchen Sie uns auf.«

So, da war endlich der Mann da, der einen guten Rat geben konnte. Zum erstenmal seit langer, langer Zeit war Fanny wieder dafür dankbar, dass es auf der Welt Männer gab.

Das erste, was Mountjoy tat, nachdem er sich durch Rücksprache mit Fanny Mere noch einmal sorg-fältig von der Richtigkeit aller ihrer brieflichen Angaben versichert, war, dass er sich erkundigte, ob und welche Schritte in der Versicherungsangelegenheit getan worden seien. Um Iris willen ging er dabei ganz offen vor, denn es durfte nur den Anschein haben, als ob er die gegenwärtige Adresse der Lady Harry wissen wollte. In einer Sache, bei der Bankiers, Lebensversicherungsgesellschaften und Rechtsanwälte gemeinsam beteiligt waren, konnte es unmöglich schwer fallen, etwas so Einfaches ausfindig zu machen.

Er erfuhr denn auch alsbald die Namen der Rechtsanwälte der Familie Norland. Er suchte deren Bureau auf, schickte seine Karte hinein und trug, nachdem er vorgelassen worden, sein Anliegen vor. Als langjähriger Freund der Lady Harry wünschte er deren gegenwärtige Adresse zu wissen. Er sei soeben aus Schottland gekommen, wo er krank gelegen, und habe daher auch jetzt erst ihren schmerzlichen Verlust erfahren.

Der Rechtsanwalt machte keinerlei Schwierigkeiten; hatte er doch nicht den geringsten Grund dazu. Lady Harry, berichtete er, war in London gewesen; sie war fast zwei Monate lang durch die Geschäfte in der Stadt aufgehalten worden, die mit dem traurigen Ereignis zusammenhingen; sie war aber jetzt schon wieder fortgereist und befand sich in der Schweiz oder sonst wo. Ihre Adresse habe sie ihm demnächst zu senden zugesagt.

»Das, was Lady Harry hier in London zu tun hatte, betraf, so viel ich weiß, die Eröffnung des Testaments und die Ordnung ihrer Vermögensverhältnisse.«

»Ganz richtig!«

»Lady Harry besaß auch ein eigenes kleines Vermögen,« fuhr Mr. Mountjoy fort, »das sie endlich doch noch von ihrem Vater bekommen hatte, ungefähr fünftausend Pfund, mehr war es meines Wissens nicht.«

»So? Sie hat in der Beziehung nicht meine Hilfe in Anspruch genommen.«

»Ich glaube, dieses Vermögen war sicher angelegt und befand sich in den Händen eines Vormundes. Aber ich weiß es selbst nicht genau. Lord Harry war, soviel ich gehört habe, gewöhnlich in Geldverlegenheit. Hatte er denn sein Leben versichert?«

»Ja, glücklicherweise. Die Versicherungssumme hatte seine Familie für ihn bezahlt, sonst würde er seiner Witwe überhaupt nichts hinterlassen haben.«

»Und diese Summe ist ihr gewiss schon ausgezahlt worden?«

»Ja. Sie ist auf ihr Privatkonto übertragen worden.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Mr. Mountjoy. »Mit Ihrer Erlaubnis werde ich einen Brief an Lady Harry in Ihre Hände legen mit der Bitte, ihn bei nächster Gelegenheit an sie weiter zu befördern.«

»Iris wird nie wieder nach London kommen,« dachte er; »ihr Gatte hat sie also wirklich dahin gebracht, an dem Verbrechen teilzunehmen. Gott im Himmel, sie ist eine Schwindlerin, eine Betrügerin, eine Verbrecherin geworden! Iris! Es ist unglaublich, es ist fürchterlich! Was ist da zu tun?«

Er schrieb zunächst einen Brief, den er in die Hände des Rechtsanwalts niederlegte. Er teilte ihr darin mit, dass er eine Entdeckung gemacht habe, die für sie von der größten Wichtigkeit sei, vermied aber alles, was den geringsten Verdacht in ihr erregen konnte; er beschwor sie, ihm eine Zusammenkunft irgendwo, in irgend einem Teil der Welt, aber mit ihr allein, zu gewähren. Er sagte ihr, dass die Folgen einer abschlägigen Antwort verhängnisvoll, furchtbar verhängnisvoll für ihr zukünftiges Glück sein könnten, und bat sie noch einmal inständigst, ihm zu glauben, dass er für nichts anderes als für ihr Glück besorgt, und dass er noch immer, wie zu jeder Zeit, ihr aufrichtig ergebener Freund sei.

Für jetzt konnte er nichts weiter tun; er hegte nicht einmal die Hoffnung, dass der Brief irgendwelchen Erfolg haben, ja, er glaubte nicht einmal, dass er Iris erreichen werde. Sie hatte das Geld empfangen, und es war auf ihr eigenes Konto übertragen worden; es lag daher in der Tat gar kein Grund vor, warum sie wieder in Verbindung mit dem Rechtsanwalt treten sollte; und was würde sie dann tun? Nur eines blieb ihr übrig. Diese schuldbeladene Frau musste mit ihrem schuldbeladenen Gatten in Verborgenheit den Rest ihrer Tage verleben oder wenigstens so lange, bis der Tod sie von dem Mann befreite, der jetzt schon vorgab, begraben zu sein. Im besten Fall würden sie irgendeinen Ort ausfindig machen, wo sich keine Gelegenheit darbieten würde, mit irgendjemand zusammenzutreffen, der einen von ihnen gekannt hätte, bevor sie das Verbrechen begangen hatten.

Aber konnte sie überhaupt etwas von dem Mord wissen?

Er dachte an den Auftrag, den sie Fanny gegeben hatte, nach Brüssel zu schreiben, und nahm sich vor, das Kammermädchen zu veranlassen, dies sofort zu tun. Er selbst wollte Fanny diktieren, was sie schreiben sollte. So schrieb denn Fanny nach seinem Diktat folgendes:

»Mylady! Ich habe Ihren Brief erhalten und Ihr liebenswürdiges Geschenk von zehn Pfund, für das ich Ihnen bestens danke.

»Mr. Mountjoy, der wieder nach London zurückgekehrt ist, ersucht mich, Ihnen mitzuteilen, dass er mit Ihrem Rechtsanwalt eine Unterredung gehabt und von ihm erfahren hat, dass Sie in London gewesen sind in Geschäftsangelegenheiten, deren Natur er ebenfalls kennen gelernt hat. Er hat für Sie auf dem Bureau des Rechtsanwaltes einen wichtigen Brief niedergelegt; der Rechtsanwalt hat versprochen sobald er Ihre Adresse erfährt, Ihnen diesen Brief zu übersenden.

»Seitdem ich von Passy zurückgekehrt bin, habe ich es für vernünftig gehalten, einen genauen Bericht über alles, was sich dort unter meinen Augen ereignet hat, niederzuschreiben. Mr. Mountjoy hat diese meine Aufzeichnungen gelesen und wünscht, dass ich Ihnen ohne Aufschub eine Abschrift davon übersenden soll. Ich schicke Ihnen daher eine solche, in der ich jedoch alle Namen ausgelassen und dafür nur die einfachen Anfangsbuchstaben eingesetzt habe. Sie werden ja nicht die mindeste Schwierigkeit haben, die Namen auszufüllen.

»Ich verbleibe Myladys aufrichtigst ergebenste Dienerin

Fanny Mere.«

Noch an demselben Abend wurde dieser Brief mit der Abschrift nach Brüssel geschickt, und damit bereits war das düstere Verhängnis, das über Iris hereinbrechen sollte, ins Rollen gebracht.

Neunundsechzigstes Kapitel

Iris kehrte nach Louvain über Paris zurück. Sie musste dort mit dem Doktor abrechnen.

Er folgte ihrer Aufforderung sogleich und suchte sie im Hotel auf.

»Nun, Mylady,« begann er mit seiner rauhen Stimme, indem er seine Hände rieb und lachte, »nun ist es endlich doch zum guten Ende gekommen! Nicht wahr?«

»Ich habe durchaus nicht den Wunsch, Doktor Vimpany, mit Ihnen eine längere Unterhaltung anzuknüpfen; bitte, beeilen wir uns, das Geschäft, das wir mit einander abzumachen haben, so schnell als möglich zu erledigen.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sie, Mylady, doch noch darauf hereinfallen würden,« entgegnete er. »Jetzt darf ich auch gestehen, dass dies der schwierigste Teil der ganzen Sache war. Es ist ja ganz leicht, zu behaupten, dass ein Mann gestorben ist, aber es ist durchaus nicht leicht, das Geld von einer Versicherungsgesellschaft ausbezahlt zu bekommen. Ich muss offen gestehen, ich hätte nicht recht gewusst, wie wir das ohne Ihre Mithilfe hätten fertig bringen sollen. Sie hatten gewiss keine Schwierigkeit dabei?«

»Nicht die geringste.«

»Ich soll die Hälfte von dem Geld bekommen.«

»Ich bin beauftragt, Ihnen zweitausend Pfund zu übergeben. Ich habe sie bei mir.«

»Ich hoffe, Sie sehen ein, dass ich dieses Geld beanspruchen kann?«

»Ich glaube, Doktor Vimpany, dass Sie nicht nur dieses Geld, sondern alles, was Ihnen in Zukunft aus dieser Sache erblühen kann, reichlich verdienen. Sie haben einen Mann auf Ihren eigenen Standpunkt herabgezogen -«

»Bitte, und zugleich auch eine Frau.«

»Gewiss, auch eine Frau. Ihr Lohn dafür wird nicht ausbleiben. Ich zweifle nicht im mindesten daran.«

»Wenn der Lohn jedesmal die Gestalt von Banknoten annimmt, dann werde ich immer vergnügter sein, je größer der Lohn ist. Sie werden doch als gute Christin jedenfalls auch auf eine Belohnung rechnen, für sich selbst sowohl, wie für Ihren edlen Gatten.«

»Ich habe die meinige schon erhalten,« antwortete sie traurig. »Jetzt erlauben Sie, Doktor Vimpany, dass ich Ihnen das Geld übergebe und so mit Ihnen zu Ende komme.«

Vimpany nahm das Geld in Empfang, zählte es vorsichtig nach und tat es wieder in den Beutel, in welchem es ihm von Iris übermittelt worden war. Diesen Beutel steckte er dann in seine Rocktasche.

»Ich danke Ihnen, Mylady. Ich glaube, wir haben Komplimente genug über diesen Scherz aus-getauscht.«

»Ich hoffe, das heißt, ich bitte Gott, dass Sie uns niemals wieder vor Augen kommen werden.«

»Das kann ich nicht versprechen, Mylady. In dieser engen und kleinen Welt treffen die Leute auf so sonderbare Weise immer wieder zusammen und besonders diejenigen, die dunkle Geschichten mit einander ausgeführt haben, und für die daher gar kein Grund vorliegt, einander auszuweichen.«

»Genug, genug!«

»Sie werden natürlich in der Welt, in der Sie jetzt leben, unter einem andern Namen bekannt sein.«

»Ich werde Ihnen nicht sagen, unter welchem -«

»O, bitte, bitte, das ist gar nicht nötig; ich werde den Namen schon ganz allein herausbekommen. Wir werden uns bald im Hintergrunde der menschlichen Gesellschaft begegnen.«

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, Lady Harry, dass Ihr Gatte nicht die geringste Idee von dem Wert des Geldes hat. Die zweitausend Pfund, die Sie ihm mitbringen, werden in einem oder in zwei Jahren verschwunden sein. Was wollen Sie dann anfangen? Was mich selbst betrifft, ich kenne den Wert des Geldes so gut, dass ich mir damit immer die schönsten und angenehmsten Dinge einkaufe. Aber diese angenehmen Dinge kosten eben Geld, viel Geld. Wir wollen uns daher keinen Illusionen hingeben. Sie, Mylady, und Ihr Gatte, der edle Lord Harry, und ich, wir gehören alle zum Hintergrund, und in einem Jahr, - wenn es gut geht, in zwei Jahren, gehören wir zu dem allertiefsten Hintergrund. Ich kann wohl sagen, dass die Welt dann glauben wird, wir gehören zu dem Hintergrund, mit dem die Gerichte zu schaffen haben. Ich wünsche im übrigen Mylady ein angenehmes Wiedersehen mit Ihrem Herrn Gemahl.«

Mit diesen Worten machte der Doktor eine höhnische Verbeugung und ging aus dem Zimmer. Die Prophezeiungen, mit denen er Iris verabschiedet hatte, verließen sie nicht und begleiteten sie auf ihrer Reise, die dadurch nur mit um so schwererem Kummer belastet wurde. Der nächste Tag fand sie auf dem Wege nach Louvain.

Dort begann nunmehr ein neues Leben, ein Leben der Verborgenheit und der Unwahrheit. Iris besorgte pünktlich ihre Haushaltung, aber sie wagte es nicht, aus dem Hause wegzugehen, ohne einen dichten Schleier vor das Gesicht zu binden. Ihr Gatte, der die Entdeckung gemacht hatte, dass doch zuweilen englische Reisende von Brüssel einen Abstecher nach Louvain machten, seines Rathauses wegen, ging überhaupt nur abends aus. Sie hatten keine Freunde und keine Geselligkeit irgendwelcher Art.

Das Haus, das sie bewohnten, lag ganz abgeschlossen hinter einer hohen Mauer in einem Garten, in der ruhigsten Gegend der alten Stadt. Nicht das geringste Geräusch drang bis dorthin, und ebenso sprachen die beiden Leute, die dieses Haus bewohnten, sehr selten miteinander. Sie trafen überhaupt nur bei zwei Gelegenheiten zusammen: beim Frühstück und beim Mittagstisch. Während der übrigen Zeit saß Iris in ihrem Zimmer und Lord Harry in dem seinigen, oder er ging stundenlang im Garten spazieren - schweigend, in sich gekehrt.

So schwanden die Tage eintönig dahin; die Uhren tickten, die Stunden verliefen. Die beiden Eheleute nahmen ihre Mahlzeiten; sie schliefen, standen auf, kleideten sich an und nahmen wieder ihre Mahlzeiten ebenso schweigend und gedrückt wie an den vorhergehenden Tagen ein. Das war der Lauf ihres Lebens, und das war auch alles, was sie von der Zukunft erwarten konnten.

Drei Monate lang hielt Iris dieses Leben aus. Von der Außenwelt erfuhr sie überhaupt nichts mehr. Ihr Gatte hatte selbst das vergessen, was im modernen Leben als das Unentbehrlichste zu gelten pflegt: die Zeitungen. Sie hätte sich ja vollkommen für diese Einsamkeit und Abgeschlossenheit entschädigt gefühlt, wenn das Leben, das sie führte, das Leben in einem Paradiese gewesen wäre. Aber es war ein Gefängnis, in das die beiden zusammen eingesperrt waren, und in dem gleichwohl das Bewusstsein ihrer schweren Schuld zwischen ihnen stand, über die sie kein Wort zu sprechen wagen und die doch keinen andern Gedanken in ihnen aufkommen ließ.

Lord Harry sah immer in den Augen seiner Frau einen Vorwurf. Ihr trauriger und bekümmerter Blick sagte ihm deutlicher als Worte: »Du bist es, der mich so weit gebracht hat.«

Eines Morgens blätterte Iris ohne besondere Absicht in den Papieren, die in ihrem Schreibtisch lagen. Es waren alte Briefe, alte Photographien und alle möglichen unbedeutenden Dinge, welche sie an die Vergangenheit erinnerten, - eine Frau hebt ja alles auf - kleine Andenken an ihre Kindheit, an ihre erste Gouvernante, an ihren ersten Schulunterricht, an ihre Schulfreundschaften und mehr dergleichen. Während Iris diese Sachen durchsah, eilte ihr Geist zurück in die längst vergangenen Tage. Sie wurde wieder ein junges Mädchen, unschuldig, liebefrei; sie wurde größer und war eine Frau, auch noch unschuldig. Dann übersprang ihr Geist die Zwischenzeit bis in die Gegenwart, und sie sah sich, wie sie jetzt war - nicht mehr unschuldig - herabgekommen und verächtlich als Mitwisserin eines gemeinen Verbrechens.

Ihr war wie einem, der eine bunte Brille getragen hat und dieselbe nun ablegt und infolge dessen die Dinge in ihrer wirklichen Färbung wahrnimmt; sie sah, wie sie durch blinde Liebe auf den Stand-punkt des Mannes herabgezogen worden war, der sie an sich gefesselt hielt; und sie sah den Mann, wie er in Wirklichkeit war, leichtsinnig, wankelmütig und unbekümmert um Namen und Ehre. Und dann stellte sie sich zum erstenmal den Abgrund, in den sie hinabgesunken war, vor, und dachte an das Leben, das sie hinfort gezwungen war zu führen. Die blinde Liebe schwand ganz in ihr, sie war endlich tot; aber trotz alledem blieb sie an den Mann gefesselt durch eine Kette, die nichts zerreißen konnte; zum erstenmale seit langer Zeit befand sie sich jetzt in dem vollständigen Besitz ihres klaren Verstandes; sie sah die Dinge so, wie sie wirklich waren; aber dieses Wissen kam zu spät.

Ihr Gatte machte keinen Versuch, die Entfremdung, die seit einiger Zeit zwischen ihnen entstanden war, zu beseitigen; sie nahm im Gegenteil von Tag zu Tag immer mehr zu; er lebte für sich allein und saß in seinem Zimmer, mehr Zigarren rauchend und mehr Cognac mit Wasser trinkend, als für ihn gut war; zuweilen durchschritt er den Garten. Am Abend nach dem Diner ging er aus und durchwanderte die leeren Straßen der ruhigen, kleinen Stadt. Ein- oder zweimal wagte er ein Café zu betreten, setzte sich dort in einen Winkel und zog den Hut tief über die Augen herab. Trotzdem aber blieb es gefährlich. Meistenteils durchwanderte er daher nur ruhelos die einsamen Straßen und sprach mit keinem Menschen.

Inzwischen war der Herbst vergangen, und der Winter begann mit nassen, unangenehmen Tagen. Immerfort regnete es, und die Straßen und Wege wurden fast unbeschreitbar. Lord Harry saß auf seinem Zimmer und rauchte den ganzen Tag über. So nahm die traurige Einsamkeit immer noch zu.

Eines Tages - es war nach dem Frühstück - fing er an, darüber zu sprechen.

»Iris,« sagte er, »wie lange soll das so fortgehen?«

»Das - was?«

»Dieses Leben, diese elende Einsamkeit und Schweigsamkeit?«

»Bis wir sterben!« antwortete sie. »Was erwartest Du anderes? Du hast unsere Freiheit verkauft, und wir müssen uns nun in Geduld fügen.«

»Nein, ich werde ein Ende damit machen; ich kann es nicht länger ertragen.«

»Du bist noch jung; Du wirst vielleicht noch vierzig Jahre oder mehr zu leben haben und zwar ganz in derselben Weise wie jetzt, so einsam und verlassen. Es ist der Preis, den wir zahlen müssen.«

»Nein,« antwortete er, »es kann, es darf nicht so fortgehen.«

»Du würdest allerdings besser tun, wenn Du nach London gingest und in Piccadilly spazieren gingest, um ein wenig Gesellschaft zu bekommen!«

»Was kümmert es Dich, was ich tue oder wohin ich gehe?«

»Wir wollen uns gegenseitig keine Vorwürfe machen, Harry.«

»Was tust Du denn seit langer Zeit anderes, als dass Du mir mit Deinen traurigen Blicken und Deinem Stillschweigen Vorwürfe machst?«

»Wenn Du es kannst, so mache ein Ende. Suche nach einem Ausweg aus dieser Trostlosigkeit.«

»Ich habe einen Plan entworfen. Höre zu, Iris. Wir können dieses Leben nicht länger so fortsetzen. Es macht mich wahnsinnig.«

»Mich auch. Aber eben deshalb brauchten wir nicht den Wunsch nach Abänderung zu haben, denn Wahnsinnige vergessen; sie glauben irgendwo anders zu sein, und für uns würde es an sich Glück bedeuten, wenn wir glaubten, wir wären anderswo.«

»Ich bin entschlossen, es zu ändern, auf jede Gefahr hin. Wir werden Louvain verlassen.«

»Wir können allerdings,« antwortete Iris kühl, »eine andere Stadt in Frankreich oder Belgien auf-suchen, wo wir wiederum ein kleines Haus finden, hinter hohen Mauern in einem Garten gelegen, und können uns dort von neuem verbergen.«

»Nein, ich will mich nicht länger verbergen. Ich bin dessen überdrüssig.«

»Nun, was ist denn dann Dein Plan? Soll ich etwa noch einmal behaupten, irgend jemands Witwe geworden zu sein?«

»Wir wollen nach Amerika gehen. Dort gibt es Gegenden in den Vereinigten Staaten, wohin kein Engländer kommt, weder als Reisender noch als Ansiedler, Gegenden, in denen man gewiss noch nichts von uns gehört hat. Wir werden dort eine ruhige Stadt aufsuchen, ein kleines Gut kaufen und uns unter den anderen Ansiedlern niederlassen. Ich verstehe etwas von Landwirtschaft; wir brauchen also keine Sorge zu haben, dass sich unser Plan nicht bezahlt macht. So können wir wieder zu einem menschenwürdigen Leben kommen, und dann, Iris, wirst Du vielleicht, wenn wir wieder mit Menschen zusammen verkehren - wirst Du vielleicht« - er zögerte einen Augenblick - »wirst Du vielleicht imstande sein, mir zu verzeihen und mich wieder wie früher liebgewinnen. Es geschah ja alles um Deinetwillen.«

»Nein, es geschah nicht um meinetwillen. Sage diese Unwahrheit nicht noch einmal. Das alte Ver-trauen, die alte Liebe werden niemals zurückkehren, Harry. Sie sind für ewig dahin, sie sind gestorben. Ich habe aufgehört, Dich und mich selbst zu achten. Die Liebe kann nicht den Verlust der Selbstachtung überdauern. Wer bin ich, dass ich irgend jemand Liebe schenken könnte, und wer bist Du, dass Du Liebe erwarten könntest?«

»Willst Du mit mir nach Amerika gehen - ob Du mich nun liebst oder nicht? Ich kann nicht länger hier bleiben, ich will nicht länger bleiben.«

»Ich werde mit Dir gehen, wohin Du willst. Es würde mir angenehm sein, wenn wir keine Gefahr liefen, jemand zu begegnen, denn es gibt noch Menschen, denen es Schmerz verursachen würde, Iris Henley schuldig zu sehen, im Bande mit zwei Männern an einem Verbrechen beteiligt.«

»Ich würde an Deiner Stelle, wenn ich Du wäre, Iris, mich daran gewöhnen, nicht allzu offen über solche Dinge zu sprechen. Überlass die Sache ganz mir; ich werde sie schon richtig angreifen. Wir werden mit dem Nachtzug von Brüssel nach Calais reisen und von dort weiter nach Havre. In Havre wählen wir einen Dampfer nach New York, denn kein Engländer fährt jemals mit dieser Linie. Wenn wir einmal in Amerika sind, dann werden wir irgend einen entlegenen Staat aufsuchen, vielleicht Kentucky oder einen andern, und uns dort in irgend einer kleinen Landstadt niederlassen. Nach anderem habe ich kein Verlangen. Ich will nur den Rest meines Lebens ruhig verbringen und keine weiteren Abenteuer erleben. Bist Du damit einverstanden, Iris?«

»Ich werde alles tun, was Du wünschest,« antwortete sie kalt.

»Gut, dann lass uns keine Zeit mehr verlieren. Ich fühle mich hier beunruhigt und beängstigt. Willst Du nach Brüssel reisen und dort ein Reisehandbuch laufen, das uns genau die Zeit angibt, wann die Schiffe abgehen und wie viel das Überfahrtsgeld beträgt und was wir sonst noch zu wissen brauchen? Wir werden natürlich alles Geld, das wir besitzen, mit uns nehmen, um uns dort ankaufen zu können. Du musst also an Deinen Bankier schreiben. Wir können es leicht so entrichten, dass uns das Geld nach New-York nachgeschickt wird. Für die vierzehn Tage auf der See brauchen wir ja keine weiteren Ausgaben. Ich habe alles wunderschön eingerichtet. Jetzt sieh mich wieder so an wie früher, Kind.« Er ergriff ihre Hand, die sie ihm willig überließ. »Ich möchte Dich wieder lachen und glücklich sehen.«

»Das wirst Du niemals wieder.«

»O doch, wenn wir uns erst von diesem verderblichen, ungesunden Leben befreit haben, wenn wir wieder mit unseren Nebenmenschen verkehren. Du wirst dann dieses - dieses kleine Geschäft, das, wie Du weißt, eine unglückliche Notwendigkeit war, vergessen.«

»O, wie kann ich das jemals?«

»Neue Interessen werden unsere Gedanken in Anspruch nehmen, neue Freundschaften geschlossen werden.«

»Harry! Mir selbst werde ich es nie verzeihen können. Lehre mich das, und ich werde alles vergessen.«

Er erwiderte:

»Nun gut! Reise jetzt nach Brüssel und besorge das Nötige. Versuche es nur, diese törichte mora-lische Empfindlichkeit zu überwinden, die übrigens viel zu spät kommt, und Du wirst sehen, wie leicht das geht, wenn wir erst einmal andern Boden unter unseren Füßen spüren und wieder eine freiere Luft atmen.«

»Ich werde sofort gehen und den nächsten Zug benützen.«

»Das ist der Zug, der um dreiviertel auf zwei Uhr von hier abfährt. Du kannst dann in Brüssel alles ruhig besorgen, was nötig ist, und mit dem Fünfuhrzug wieder heimkehren. Iris, die Möglichkeit einer Veränderung, einer Verbesserung unserer Lage macht mich ungeduldig. Lass uns gleich morgen reisen, lass uns mit dem Nachtschnellzug fahren; den werden zwar auch englische Reisende benützen, aber sie sollen mich nicht erkennen. Um ein Uhr morgens sind wir dann in Calais. Von dort fahren wir mit einem früheren Zug weiter, bevor der englische Dampfer in den Hafen einläuft. Kannst Du bis morgen mit allem bereit sein?«

»Ja. Es gibt nichts, das mich aufhalten könnte. Ich hoffe, wir können die Hausmiete zahlen, so dass wir jederzeit reisen können. Ich will daher gleich nach Brüssel fahren und Deine Aufträge besorgen.« »Dann lass uns noch heute nacht abreisen.« »Wie Du willst, ich bin jederzeit bereit.« »Nein, das geht doch nicht gut. Das würde aussehen, als ob wir davonliefen. Wir wollen lieber erst morgen nacht fahren. Du wirst außerdem zu ermüdet sein, wenn Du jetzt nach Brüssel fährst und dann wieder zurückkommst. Iris, wir werden wieder glücklich werden. Ich weiß es, wir werden es wieder.« - Zum erstenmal blickte er wieder offen und zuversichtlich in ihre Augen. - »Jetzt geh, liebes Kind,« fügte er hinzu, »und besorge die Sachen, die wir brauchen.«

Sie band ihren dichten Schleier vor das Gesicht und trat ihre kurze Reise an. Dass so plötzlich ihres Gatten guter Mut zurückgekehrt war, gab auch ihr einen neuen Hoffnungsschimmer. Die Veränderung würde in der Tat heilbringend sein, wenn ihrem Gatten die Möglichkeit geboten war, wieder mit anderen Männern in Verkehr zu treten und für sie, wenn sie dadurch eine Beschäftigung fand. Was das Vergessen anbetrifft, wie konnte sie die Vergangenheit vergessen, so lange sie die Früchte ihres Verbrechens einernteten in Gestalt von soliden Dividenden?

Sie fand ohne große Mühe, was sie suchte. Der Dampfer der Compagnie generale Transatlantique verließ Havre alle acht Tage. Sie würden mit dieser Linie fahren. Je länger sie diesen Plan überlegte, um so mehr empfahl er sich. Sie würden auf jeden Fall aus dieser traurigen Gefangenschaft befreit werden. Es würde doch endlich eine Änderung in ihrem Leben eintreten. Elende Lage! Keine andere Wahl zu haben als ein Leben der Verbannung und des Verborgenhaltens! Keine andere Aussicht als diejenige eines fortgesetzten Betruges, der jedesmal erneuert wurde, so oft die Post ihnen Geld brachte!

Nachdem sie alle ihre Besorgungen gemacht hatte, blieb noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges übrig. Sie wollte diese Zeit benutzen, um eine Wanderung durch die Straßen von Brüssel zu machen. Die Bewegung und das Leben dieser heiteren Stadt, wo alle Menschen, bis auf die Marktweiber hinaus, jung zu sein schienen, gefielen ihr ausnehmend. Es war lange Zeit vergangen, seitdem sie nichts von der Lebhaftigkeit gesehen hatte, welche die Straßen einer großen Stadt kennzeichnet. Sie wanderte langsam dahin und betrachtete die Läden. Sie machte zwei oder drei kleine Einkäufe. In einem Laden, der mit Tauchnitz-Ausgaben angefüllt war, kaufte sie zwei oder drei Bücher. Dann wurde sie von dem langen Herumwandern müde und hielt es für besser, den Weg nach dem Bahnhof anzutreten. Da erinnerte sie sich aber daran, dass sie Fanny Mere gebeten hätte, ihr nach Brüssel zu schreiben.

»Ich bin doch neugierig,« sagte sie zu sich, »ob Fanny es wirklich getan hat.«

Sie erkundigte sich nach dem Weg zum Postamt. Es blieb ihr nicht mehr viel Zeit übrig, sie musste schnell gehen.

Auf der Post fand sich ein Brief für sie, ja, noch mehr als ein Brief, ein ganzes Paket, augenscheinlich ein Buch.

Sie nahm es in Empfang und eilte nach der Bahn zurück.

Während der Fahrt beschäftigte sie sich damit, die neuen Tauchnitz-Ausgaben durchzublättern. Den Brief von Fanny Mere wollte sie erst zu Hause nach dem Essen lesen.

Während des Essens sprachen die beiden Gatten lebhaft mit einander. Lord Harry war aufgeregt durch die Aussicht, wieder unter Menschen zu kommen. Er hätte sein Einsiedlerleben, wie er sagte, lange genug genossen. Er müsse jetzt wieder die Gesellschaft von anderen Menschen aufsuchen.

»Setze mich mitten unter Wilde,« sagte er, »und ich will mich doch mit ihnen befreunden; aber allein leben, das ist fürchterlich. Morgen wollen wir unsere neue Flucht antreten.«

Nach dem Essen zündete er sich eine Zigarre an und fuhr fort, über die Zukunft zu sprechen. Iris erinnerte sich des Pakets, das sie auf dem Postamt bekommen hatte, und öffnete es. Es enthielt ein vollgeschriebenes Buch und einen kurzen Brief. Sie las den Brief, legte ihn dann weg und öffnete das Buch.

Siebenzigstes Kapitel

»Ich werde mich freuen, ein Farmer zu werden«, fuhr Lord Harry fort, während Iris das Buch öffnete und Fannys Niederschrift zu lesen begann. »Ja, ich freue mich darauf, nach allen meinen Abenteuern mich an einem ruhigen Ort niederzulassen und den Boden zu bebauen. An Markttagen werden wir zusammen in die Stadt fahren« - er sprach, als ob Kentucky Warwickshire wäre - »neben einander in einem kleinen Wagen sitzend. Wir werden Getreideproben in kleinen Säckchen mit uns führen, und Du wirst Butter und Käse in Deinem Korb haben. Zur gewöhnlichen Zeit werden wir dann bescheiden zu Mittag speisen, und nach dem Essen werde ich bei einem Glase Grog und einer Pfeife mit Dir über das Wetter und die Ernte plaudern. Und während wir so in Verborgenheit glücklich zusammenleben, wird der Name Lord Harrys hier in Vergessenheit geraten. Das ist sonderbar, nicht wahr? Wir sollen weiter leben, nachdem wir längst tot, begraben und vergessen sind! Beim Jupiter, Iris, wenn wir erst einmal alte Leute sind, dann werden wir in die Heimat zurückkehren und uns zusammen die alten Orte, an denen wir gelebt haben, ansehen! Es ist doch etwas Angenehmes, wenn man auf etwas hinblicken kann, wenn man einen gewissen Lebenszweck hat. Ich fühle mich heute abend außerordentlich glücklich, Iris, glücklicher, als ich seit Monaten gewesen bin. Dieser langweilige Ort hat uns beide hypochondrisch gemacht. Ich murre nicht gern, aber diese Einsamkeit und Abgeschlossenheit hat mich doch furchtbar verstimmt, und Dir ist es genau ebenso gegangen. Du bist dadurch veranlasst worden, über allerhand unmögliche und unnötige Dinge nachzugrübeln. Jetzt blicke ich für meinen Teil wieder hoffnungsfreudiger in die Zukunft. Wir waren ja hier ganz angenehm von der Vergangenheit abgeschnitten, aber damit ist es jetzt vorbei; wir wollen überhaupt an die Vergangenheit gar nicht mehr denken. Was geschehen ist, kann niemals entdeckt werden. Nicht eine Seele weiß es außer dem Doktor, und zwischen ihn und uns haben wir einige tausend Pfund gestellt. - Ja, was ist Dir denn, Iris? Was fehlt Dir denn?«

Iris war nämlich plötzlich aufgestanden; sie hatte bisher unausgesetzt in dem Buch gelesen, während ihr Gatte weitergesprochen hatte. Jetzt ließ sie das Buch fallen und blickte ihren Gatten mit entsetzten Augen an.

»Was gibt es denn?« fragte Lord Harry noch einmal.

»Mein Gott, ist das wahr? - Ist das wirklich wahr?«

»Was denn?«

»Ich kann es nicht sagen. Kann denn dies überhaupt wahr sein?«

»Was denn? So sprich doch nur, Iris!« Er sprang von seinem Stuhl auf. »Ist es - ist es entdeckt?«

»Entdeckt? - Ja, alles - alles - alles - alles ist entdeckt!«

»Wo? Wie? Gib mir das Buch, Iris, schnell, gib es mir! Wer weiß es? Was weiß man?«

Er riss ihr das Buch aus der Hand. Sie schrak zurück vor der Berührung seiner Hände. Sie stieß ihren Stuhl weg und stand aufrecht, als ob sie sich gegen einen unvermuteten Angriff verteidigen sollte, während sie die verstörten Blicke auf ihren Gatten heftete, wie man sie auf etwas Gefahrdrohendes zu heften pflegt. Er überflog hastig die Aufzeichnungen Fannys Seite für Seite, denn er wollte alles wissen, selbst wenn es das Schlimmste wäre. Dann warf er das Buch auf den Tisch.

»Nun?« fragte er, ohne die Augen zu erheben.

»Der Mann ist ermordet worden, ist auf gemeine Weise ermordet worden«, flüsterte sie mit rauher Stimme.

Er gab keine Antwort.

»Und Du hast zugesehen, während er ermordet wurde, Du hast zugesehen und warst damit einverstanden? Du bist ein Mörder!«

»Ich habe keinen Teil daran gehabt. Ich wusste damals nicht und weiß auch jetzt noch nicht, ob er vergiftet worden ist.«

»Das ist eine Lüge! Du wusstest es ganz genau schon damals, als er in Dein Haus kam. O, der tote Mann, der ermordete Mann, der befand sich in der Villa, als ich bei Dir war. Deine Hände waren rot von Blut, als Du mich hinwegbrachtest, damit ich nicht weiter im Wege stünde und damit ich es nicht bemerken sollte!«

Sie hielt inne, - sie konnte nicht weiter reden.

»Ich wusste es nicht, Iris, wenigstens nicht mit Bestimmtheit! Ich glaubte, dass er sterben würde damals, als er in mein Haus kam. Aber er starb nicht; er wurde sogar von Tag zu Tag gesünder. Als der Doktor ihm die Medizin gab, nachdem Dein Kammermädchen fort war, da schöpfte ich den ersten Verdacht. Und dann, als er starb, dann war mein Verdacht gerechtfertigt. Da forderte ich den Doktor auf, mir die Wahrheit zu gestehen. Er leugnete sie nicht. Glaube mir, Iris, ich habe weder davon gewusst, noch etwa gar damit übereingestimmt.«

»Das ist auch wieder nicht wahr! Du hast Dich nur dabei beruhigt. Du hast stillschweigend beigestimmt. Denn Du hättest sonst dem - dem andern Mörder sagen sollen, Du würdest der Polizei anzeigen, woran der Mann gestorben. Das tatest Du aber nicht, Du zogst im Gegenteil Vorteil aus seinem Tode. Denn der Tod dieses armen Unglücklichen setzte Dich instand, Deinen Betrug mit meiner Hilfe auszuführen. Ja, mit meiner Hilfe! Du hast mich zur Genossin eines Mörders gemacht.«

»Nein, meine Iris, Du hast nichts davon gewusst! Kein Mensch kann Dich jemals anklagen, dass -«

»Das verstehst Du nicht. Ich bin es, die selbst eine Anklage gegen sich erhebt.«

»Was das Mädchen schreibt«, fuhr ihr Gatte fort, »ist leider wahr. Ich halte es für vollständig nutzlos, irgendein Wort davon abzuleugnen, denn sie war ja hinter dem Vorhang verborgen. Sie hörte und sah alles. Mein Gott im Himmel, wenn Vimpany sie gefunden hätte! Was würde er dann getan haben? Er hatte doch recht! Niemand ist gefährlicher als eine Frau. Ja, sie hat Dir genau erzählt, was geschehen ist. Sie hegte überdies schon länger Argwohn. Wir hätten so klug sein sollen, sie schon längst fortzuschicken und unsere Pläne zu ändern. Das kommt aber daher, wenn man zu schlau sein will. Der Doktor glaubte, dass gar nichts anderes nötig sei als der Tod dieses Mannes. Ich glaubte, das heißt, wir beide glaubten, dass er eines natürlichen Todes sterben werde. Das tat er aber nicht, und ohne seinen Tod waren wir ratlos. Wir brauchten einen toten Mann, Iris; ich verspreche Dir, ich will nichts vor Dir verheimlichen, was sich ereignet hat. Ich will alles gestehen. Ja, Du hast recht, Du hast recht, ich wusste, dass er sterben werde. Damals, als es ihm besser ging, da glaubte ich an Vorbedeutung, weil ich wusste, dass es ihm nicht beschieden sein sollte, gesund aus der Villa wegzugehen. Denn auf welche Weise sollten wir uns einen Leichnam verschaffen? Es ist kaum möglich, einen Leichnam zu stehlen oder sonst einen aufzutreiben, und wir mussten doch einen haben als Beweis des Todes von Lord Harry Norland. Ich bekenne«, - seine Stimme klang rauh und wild - »ich bekenne, dass ich wusste, dass er sterben musste. Ich las sein Todesurteil in dem Gesicht des Doktors, und wir hatten kein Geld mehr für einen neuen Versuch, wenn Oxbye wieder gesund werden und fortgehen würde. Sobald es so weit war, bemächtigte sich meiner ein tödlicher Schrecken. Ich würde alles darum gegeben haben, alles, wenn der Mann sich von seinem Bett erhoben hätte und weggegangen wäre. Aber es war zu spät. Ich sah, wie der Doktor ihm seine letzte Medizin zubereitete, und als der Kranke das Glas an seine Lippen setzte, da sah ich in den Augen Vimpanys, dass es der Todestrank des Dänen war. Jetzt habe ich Dir alles bekannt.«

»Ja, Du hast mir alles bekannt«, wiederholte sie, »alles, Gott im Himmel, alles!«

»Ich habe Dir nichts verheimlicht, ich weiß nichts mehr hinzuzufügen!«

Sie stand still - wie erstarrt. Sie hatte ihre Hände gefaltet, und ihre Augen ruhten auf dem Gesicht ihres Gatten. Ihr Gesicht war bleich und traurig.

»Was jetzt tun?« fragte sie. »Was jetzt tun?«

»Iris, ich beschwöre Dich, lass keine Änderung in unseren Plänen eintreten!«

»Nein! Ich weiß genau, was ich jetzt zu tun habe. Mein Plan liegt bestimmt vor mir!«

»Iris, ich beschwöre Dich nochmals, lass keine Änderung in unseren Plänen eintreten. Lass uns weit weggehen, wie wir uns vorgenommen haben. Lass uns die Vergangenheit vergessen. Komm mit mir!«

»Ich soll mit Dir zusammen fortgehen? Mit Dir - wirklich mit Dir? O mein Gott!«

Sie bebte zurück vor Entsetzen.

»Iris, ich habe Dir alles gesagt. Wir wollen zusammen fortgehen, gerade als ob Du nichts gehört hättest. Wir können ja nicht tiefer voneinander getrennt sein, als wir es die letzten drei Monate waren. Wenn Du willst, so lass es uns auch noch weiter bleiben, bis Du wieder imstande bist, irgendetwas für mich zu fühlen, bis Du wieder imstande bist, Mitleid mit mir zu haben und mir zu vergeben.«

»Das verstehst Du nicht. Ich soll Dir vergeben? Davon kann jetzt nicht mehr die Rede sein. Wer bin ich denn, dass meine Vergebung nur den geringsten Wert für Dich haben könnte, für Dich oder einen andern?«

»Um was handelt es sich denn sonst?«

»Ich weiß es nicht. Ein schreckliches Verbrechen ist begangen worden, ein schreckliches, fürchterliches Verbrechen, wie man es nur in Zeitungen und Büchern liest und sich dabei wundert, dass es überhaupt Menschen geben kann, die imstande find, ein solches Verbrechen zu begehen. Und nun ist mein Gatte ein solcher Mensch - und ich, ich bin eine von den entsetzlichen Frauen, die es fertig gebracht haben, die Genossin eines solchen Mannes zu werden!«

»Du darfst sagen, Iris, was Du willst, ganz, was Du willst.«

»Ich hab' es gewusst, aber erst, seitdem ich hieher gekommen bin, habe ich es verstanden, dass ich mein Leben einer blinden Liebe geopfert habe. Ja, Harry, ich habe Dich blindlings geliebt, und das war mein Fluch. Ich bin Dir gefolgt, obgleich mich alle Welt davor gewarnt hat, und was ist jetzt meine Belohnung dafür? Wir müssen im Verborgenen leben, denn wenn wir entdeckt würden, dann würden wir sofort wegen verbrecherischer Handlungen verhaftet werden. Ja, wir können von Glück sagen, dass das noch nicht geschehen ist, und dass wir noch nicht unser Leben am Galgen beendet haben. Das ist meine Belohnung!«

»Ich habe niemals Dir gegenüber, Iris, den Heuchler gespielt; ich habe niemals behauptet, Tugenden zu besitzen, die ich nicht besitze. In so weit -«

»Still! Sprich kein Wort mehr! Ich habe Dir noch eins zu sagen, dann werde ich nie mehr zu Dir reden. Still, lass mich meine Gedanken sammeln. Ich kann jetzt nicht die Worte finden, ich kann nicht... warte, warte, um Gottes willen! O, ich Unglückliche!«

Sie setzte sich nieder und brach in ein heftiges Weinen aus, aber nur für kurze Zeit; dann sprang sie energisch auf und trocknete ihre Tränen.

»Für das Jammern und Wehklagen ist es noch später Zeit genug, wenn alles vorüber ist«, sagte sie. »Höre mir jetzt aufmerksam zu, Harry. Es sind die letzten Worte, die ich zu Dir spreche. Du wirst niemals wieder etwas von mir hören. Du musst Dir jetzt Dein Leben selbst einrichten, ganz, wie Du es willst. Ob Du es vernichtest, oder ob Du es erhältst, das ist ganz Deine Sache; ich habe in Zukunft keinen Teil mehr daran. Ich werde nach England zurückkehren und zwar allein. Ich werde Deinen Namen niederlegen und wieder meinen Mädchennamen annehmen oder irgend einen andern. Ich werde irgendwo leben, wo Du mich nicht auffinden kannst. Du wirst ja vielleicht kaum Dich um mich bekümmern.«

»Nein, das werde ich auch nicht«, entgegnete er: »so viel bin ich Dir schuldig, ich werde niemals wieder nach Dir fragen.«

»Was das Geld betrifft, das ich für Dich unter falschen Voraussetzungen bekommen habe, so gehören die fünftausend Pfund, die ich auf mein eigenes Konto eingezahlt habe, selbstverständlich der Versicherungsgesellschaft. Ich werde sie der Gesellschaft sofort zurückerstatten.«

»Gott im Himmel, Iris, dann wirst Du ja als eine Verbrecherin behandelt.«

»Werde ich das wirklich? Das tut nichts, wenn ich nur den Betrogenen alles das, was ich ihnen geraubt habe, wiedererstatten kann. Ja, ich werde es bei Heller und Pfennig zurückzuzahlen suchen.«

»Ist das wirklich Deine Absicht? Willst Du das wirklich tun, nachdem Du Dir alles genau überlegt hast?«

»Wort für Wort so, wie ich Dir sage, wird es geschehen. Ich werde nichts tun und nichts sagen, was Dich irgendwie verraten könnte, aber das Geld, das ich der Versicherungsgesellschaft wiedererstatten kann, das werde ich ihr wiedererstatten, so wahr mir Gott helfe!«

Mit überströmenden Augen erhob sie ihre Hand zum Schwur.

Ihr Gatte beugte sein Haupt.

»Hast Du alles gesagt, was Du sagen wolltest?« fragte er leise.

»Ich habe alles gesagt.«

»Dann lass mich nur noch einmal, nur noch ein einzigesmal in Dein liebes Gesicht sehen. Ja, Iris, ich habe Dich geliebt, Iris, ich habe Dich immer geliebt. Es wäre besser, bei weitem besser gewesen, wenn Du damals an dem Tag, wo Du meine Frau wurdest, tot zu meinen Füßen niedergesunken wärest, dann, dann würde Dir viel Unglück erspart geblieben sein. Du hast recht, Iris; was Du jetzt zu tun hast, das liegt klar vor Dir, und ich, ich muss auch an das denken, was mir jetzt noch übrig bleibt. Lebe wohl, die Lippen eines Mörders sind nicht wert, auch nur den Saum Deines Kleides zu berühren. Lebe wohl auf ewig!«

Er verließ sie; sie hörte, wie er die Haustür öffnete und wieder schloss. Sie wusste, dass sie ihren Gatten niemals wiedersehen würde.

Sie ging in ihr Zimmer und packte ihren Koffer mit den wenigen notwendigen Sachen, die sie mitnehmen wollte. Dann klingelte sie nach dem Hausmädchen und sagte ihr, dass sie sofort nach England abreisen werde; deshalb müsse sie Brüssel noch heute abend erreichen. Das Mädchen brachte einen Gepäckträger, der ihren Koffer auf die Bahn trug.

Iris verließ Louvain, - verließ ihren Gatten für immer.

Einundsiebenzigstes Kapitel

Bei einer außerordentlichen Zusammenkunft der Direktoren und Aufsichtsräte der Royal Unicorn Life Insurance Company, die für einen ganz besonderen Fall einberufen war, hatte der Vorsitzende eine höchst merkwürdige Eröffnung zu machen.

»Meine Herren«, sagte er, »ich fordere hiemit den Sekretär auf, ohne weitere Vorreden Ihnen einen Brief vorzulesen. Das ist der Grund, aus welchem Sie heute zusammenberufen worden sind.«

»Dieser Brief«, begann der Sekretär, »ist einfach überschrieben Paris und vor zwei Tagen auf-gegeben.«

»Erst vor zwei Tagen!« betonte der Vorsitzende; »aber natürlich, das hat nichts zu bedeuten. Da ist noch vollständig Zeit, dass der Schreiber seinen Aufenthaltsort ändert; er kann ja zu derselben Zeit wie der Brief in London sein. Bitte, fahren Sie fort.«

»Meine Herren!« begann der Sekretär Zu lesen. »Es sind jetzt gerade drei Monate vergangen, seitdem von der Firma Erskine, Mansfield, Denham & Co., Rechtsanwälte von Lincoln's Inn Fields, die Aufforderung zur Auszahlung der Summe von fünfzehntausend Pfund an die Erben des Lord Harry Norland an Sie ergangen ist.«

»Diese Forderung«, unterbrach der Vorsitzende den Leser, »ist als gesetzlich anerkannt und daher auch einige Wochen später ausbezahlt worden. Es war für uns allerdings ein schwerer Verlust, aber so etwas kann vorkommen, und es lag damals durchaus kein Grund vor, an der Nichtigkeit der gemeldeten Tatsachen zu zweifeln und infolge dessen die Forderung zu beanstanden.«

»Ich schreibe diesen Brief in der Absicht, meine Herren«, fuhr der Sekretär zu lesen fort, »Ihnen mitzuteilen, dass diese Forderung eine betrügerische war und zwar deswegen, weil Lord Harry Norland zur Zeit, als ich das schreibe, noch am Leben ist.«

»Betrügerisch?! Der Mann lebt noch?« Diese Worte riefen unter den Mitgliedern des Verwaltungsrates eine heftige Erregung hervor; alle standen auf und verlangten das Nähere zu erfahren.

»Ich kann Ihnen nur das eine sagen, meine Herren«, entgegnete der Vorsitzende, »dass der Schreiber dieses Briefes kein anderer als Lord Harry Norland selbst ist. Ich ersuche Sie, den Sekretär jetzt in dem Vorlesen dieses Briefes ohne weitere Unterbrechungen fortfahren zu lassen.«

»In Verbindung mit einer andern Person fasste ich und führte erfolgreich einen Plan aus, durch den ich instand gesetzt war, mit einemmal und ohne in die unangenehme Notwendigkeit versetzt zu sein, zu früh sterben und begraben werden zu müssen, die ganze Summe Geldes, für die ich mein Leben versichert hatte, zu erhalten. Soviel ich weiß, haben schon andere denselben Versuch gemacht, aber sie haben kein Glück damit gehabt. In meinem besondern Fall ist die Sache mit einer wunderbaren Geschicklichkeit ausgeführt worden.«

Hier folgte ein eingehender Bericht über den Tod des Dänen und alles Wesentliche, was damit zusammenhing, nur dass dieser Tod als ein natürlicher, infolge Lungenleidens eingetretener dargestellt wurde. Dann fuhr der Briefschreiber fort:

»Ich bin verheiratet, aber ich habe keine Kinder, ich habe auch nicht in freundschaftlichen Beziehungen zu meinen Blutsverwandten gelebt; es war daher sehr natürlich, dass ich meine Frau als einzige Erbin und Testamentsvollstreckerin bestimmte; es war ebenso natürlich, dass sie zu meinen Rechtsanwälten ging und dieselben beauftragte, ihre Angelegenheit in Ordnung zu bringen. In dieser Hinsicht machte ich meine Frau mit dem Notwendigsten bekannt. Gleich vielen Frauen besitzt sie außer anderen Tugenden auch die, dass sie eine blinde Ergebenheit für ihren Gatten hegt. Wo ihr Mann in Betracht kommt, macht es keine Schwierigkeit, sie selbst von dem Pfad der Ehre abzubringen. Ich rechnete mit dieser blinden Liebe, ich benützte alle Überredungskünste, die eine Frau, das heißt eine liebende Frau, veranlassen konnten, an einem Verbrechen teilzunehmen. Mit kurzen Worten: ich machte meine Frau zur Mitwisserin des Betruges. Sie willigte ein, für mich zu handeln, in dem Glauben, dass, wenn sie nicht täte, was ich von ihr verlangte, der ganze Betrug entdeckt werden würde. Infolge dessen wurde auch die ganze Angelegenheit zu einem erfolgreichen Ende geführt. Sie haben die volle Forderung ausbezahlt; ich habe aber immer das Bewusstsein mit mir herumgetragen, dass nur durch einen großen Betrug die fünfzehntausend Pfund in meinem Besitze waren. Unglücklicherweise hat nun meine Frau entdeckt, dass ihr Gewissen ihr niemals Friede oder Ruhe geben wird, bis das erschwindelte Geld bis auf den letzten Rest wieder an Ihre Gesellschaft zurückbezahlt ist. Sie hat mich von ihrer Absicht, Ihnen ohne Verzug den Teil des Geldes, der auf ihren Namen bei ihrem Bankier eingezahlt ist, zurückgeben zu wollen, benachrichtigt, das heißt, sie wird Ihnen fünftausend Pfund überschicken.

»Ich darf wohl voraussetzen, dass Sie als Ehrenmänner eine Frau, die bereit ist, das ihr nicht von Rechts wegen zukommende Geld zurückzuzahlen, nicht der Schande einer öffentlichen Verfolgung aussetzen werden, abgesehen davon, dass ein solches Vorgehen von gar keinem Nutzen sein würde.

»Da ich überdies wünsche, dass die Gewissensbedenken meiner Frau vollständig beruhigt werden, soll Ihnen auch die erschwindelte Summe mit Abzug von zweitausend Pfund zurückerstattet werden und, wie ich genau weiß, in kürzester Zeit.

»Was schließlich den andern Hauptteilnehmer an dem Betruge betrifft, so haben Sie kaum nötig, nach ihm suchen zu lassen. Ich werde Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Propositionen dieses Briefes rückhaltlos anerkennen und es mir erlassen, einen Namen zu nennen, der Sie instand setzen könnte, diejenigen gerichtlich zu verfolgen, die ich in dieses Verbrechen hineingezogen habe. Ich sende Ihnen zugleich eine Adresse, unter welcher mich Ihre Antwort antreffen wird. Vielleicht hegen Sie den Wunsch, das Haus überwachen zu lassen; ich sage Ihnen aber im voraus, dass dies vollständig nutzlos sein wird, denn ich werde nicht dort sein.

»Ich verbleibe, meine Herren, mit der vorzüglichsten Hochachtung

Ihr ganz ergebener

Harry Norland.«

»Vermutlich, meine Herren«, sagte der Sekretär, »steht dieser Brief in Verbindung mit einem andern, der mir heute übersandt worden ist und der eine Anweisung von fünftausend Pfund enthielt. Die Unterschrift dieses Briefes lautete: Wiedererstattetes Geld.«

»Meine Herren«, nahm nun der Vorsitzende das Wort, »wenn uns Banknoten übersendet werden, so müssen wir ganz entschieden ihrem Ursprung nachforschen.«

Die Direktoren sahen sich gegenseitig an. Das war in der Tat eine eigentümliche Angelegenheit und wohl kaum jemals vor ein Direktorium gebracht worden.

»Meine Herren«, fuhr der Vorsitzende fort, »Sie haben jetzt den Inhalt des Briefes gehört. Die Angelegenheit liegt klar vor Ihnen. Ich bitte Sie daher, Ihre Meinungen darüber zu äußern.«

»Da wir, wie es wenigstens den Anschein hat, jedenfalls den größten Teil des Geldes wiedererhalten werden, so scheint es mir das Vernünftigste zu sein, über die ganze Angelegenheit zu schweigen; das ist nach meiner Meinung das Richtigste.«

»Wenn wir Lord Harry selbst bekommen könnten«, bemerkte ein anderer, »dann würde ich sagen, wir wollen ihn laufen lassen; aber ich bin nicht derselben Meinung, wo es sich um seine Frau handelt. Ob das erstere überhaupt möglich ist, scheint mir noch sehr zweifelhaft. Wenn alles das, was von dem irischen Lord erzählt wird, wahr ist, so steht es sehr schlimm um seine Persönlichkeit. Schon als Knabe lief er von seinem Elternhause davon und ging zur See. Dann wurde er ein herumziehender Schauspieler. Er ging nach Amerika und wurde dort, wie man sich erzählt, in den westlichen Staaten gesehen; dann soll er als Stewart auf einem Schiff angestellt gewesen sein; schließlich fand man ihn auf den Rennplätzen als Buchmacher. Was ist er denn überhaupt nicht gewesen?«

»Nun, meine Herren«, sagte ein anderer, »wir haben das Geld erhalten, und das ist die Hauptsache. Wir müssen uns daran erinnern, dass wir niemals den Betrug bemerkt hätten, wenn nicht -«

»Die Gesellschaft darf sich niemals damit zufrieden geben«, warf der Vorsitzende ein.

»Gewiss nicht, das darf sie keineswegs; aber andererseits, würde denn aus einem öffentlichen Skandal mit einer vornehmen Familie uns irgendwelcher Nutzen erwachsen?«

»Das vornehme Haus«, bemerkte ein anderer Direktor, der zu den Radikalen gehörte, »soll gefälligst für sich selbst sorgen. Es fragt sich jetzt nur, ob es von irgendeinem Nutzen sein kann, wenn wir gegen die Frau vorgehen.«

»Wer ist sie denn?«

»Man sollte erwarten, dass ein solcher Lump wie Lord Harry eine Frau heiraten würde, die nicht mehr wert ist als er selbst; das ist aber diesmal nicht der Fall. Er heiratete ein ungemein liebenswürdiges Mädchen, namens Henley, Iris Henley, deren Vater in der City wohl bekannt ist. Ich hörte seinerzeit davon. Ich glaube daher auch, dass es sich vollständig verbietet, irgendwelche Schritte gegen die an und für sich schon unglückliche Frau zu unternehmen, die ja außerdem ihr Möglichstes getan hat, um unserer Gesellschaft den Schaden zu ersetzen.«

»Die Gesellschaft darf sich dabei nicht beruhigen«, wiederholte der Vorsitzende.

»Wenn wir die zweitausend Pfund auch nicht zurückerhalten«, wurde entgegnet, »so verliert die Gesellschaft doch nur wenig, denn wir müssen doch die eingezahlte Summe auch berechnen.«

Ein anderer meinte:

»Wir wissen ja überhaupt nicht, wo Lady Harry aufzufinden ist; sie wird wahrscheinlich unter einem ganz andern Namen leben, und es ist doch gewiss unser Geschäft nicht, ihr nachzujagen.«

»Und selbst wenn wir sie fänden, wäre es immer erst unsere Aufgabe, zu beweisen, dass sie an dem Betrug auch in vollem Sinn des Wortes teilgenommen hat«, sagte ein anderer. »Wie könnte dieser an und für sich sehr wertvolle Brief irgendein Beweis dafür sein, da wir ja nicht einmal wissen, ob er auf Wahrheit beruht? Wir könnten ja den Leichnam auf dem Friedhof von Auteuil ausgraben lassen. Aber was würde dies beweisen, nachdem drei Monate darüber vergangen sind? Wir würden damit höchstens viel Geld verlieren und einen großen Skandal verursachen und schließlich doch nicht mehr erreichen, als wir bis jetzt erreicht haben. Mein Rat ist daher, wir lassen die Sache einfach fallen.«

»Das ist alles ganz gut«, entgegnete ein anderer, »aber angenommen, wir geben zu, dass der Mann noch lebt, dann wird er doch einmal sterben, und bann kann einer kommen und nochmals die Versicherungssumme fordern.«

»Darauf brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen«, sagte der Vorsitzende, »Sie haben ja alle den Brief Lord Harry Norlands gehört. Ich wiederhole aber noch einmal, die Gesellschaft darf sich damit nicht beruhigen.«

»Ich gebe zu«, sagte einer der Verwaltungsräte, der noch nicht gesprochen hatte, es war ein Advokat, »dass die Gesellschaft überhaupt nichts von Lady Harry weiß; dann haben wir es mit der Firma Erskine, Mansfield, Denham & Co. von Lincoln's Inn Fields zu tun; das ist eine sehr angesehene Firma. Auf ihren Antrag hin zahlten wir das Geld aus; wenn wir also beweisen können, dass wir betrogen worden sind, so haben wir uns an diese zu halten, und wenn wir deswegen irgend jemand gerichtlich belangen wollen, so kann es nur diese angesehene Firma sein.«

»Gut«, sagte der Vorsitzende, »ich schlage daher vor, dass der Sekretär an Lord Harry schreibt und ihm mitteilt, dass die Versicherungsgesellschaft überhaupt nichts mit seiner Frau zu tun hat und infolge dessen auch ihre Handlungsweise gar nicht beachtet. Wir können dann abwarten, was daraufhin geschieht, und darnach unsere weiteren Schritte überlegen.«

Gerade in diesem Augenblick wurde eine Karte in das Sitzungszimmer gebracht von Mr. Erskine selbst, dem ältesten Teilnehmer der Rechtsanwaltsfirma.

Er trat gleich darauf in das Zimmer, ein alter Herr, sehr ehrenwert, aber für den Augenblick in gewaltiger Aufregung.

»Meine Herren«, sagte er nervös, »ich beeile mich. Ihnen eine Mitteilung zu machen, eine ganz außerordentliche Mitteilung, die ich soeben empfangen habe. Es ist nichts weniger als ein Bekenntnis - ein vollständiges Bekenntnis von einer Person, die ich allen Grund hatte, für tot zu halten. Das Bekenntnis stammt von Lord Harry Norland.«

»Wir wissen schon«, sagte der Vorsitzende ganz ruhig, »was Sie uns mitteilen wollen. Wir sind deswegen heute zusammengekommen, um über diese Angelegenheit zu verhandeln. Es liegt ein sehr schlauer und geschickter Betrug vor. Er ist durch die Mitwirkung einer Frau zu einem erfolgreichen Ende geführt worden. Dieselbe Frau hat jedoch auch eine Entschädigung angeboten. Das Gesetz indessen -«

»Vielleicht gestatten Sie mir«, unterbrach ihn der Rechtsanwalt, »Ihnen den von Lord Harry Norland an uns geschriebenen Brief vorzulesen.«

»Bitte, tun Sie das«, entgegnete der Vorsitzende.

»Meine Herren«, las der Rechtsanwalt, »Sie werden erstaunt und zugleich auch betrübt sein, dass ich nicht, wie man Ihnen mitgeteilt hat, gestorben bin, sondern dass ich im Gegenteil lebe und mich der besten Gesundheit erfreue.

»Die Forderung, die Sie an die Royal Unicorn Life Insurance Company gerichtet haben, ist daher falsch. Sie war das Resultat eines schlau angelegten Betruges. Sie sind ohne Ihr Wissen zu unschuldigen Teilnehmern an diesem Verbrechen gemacht worden.

»Meine Frau, welche jetzt die volle Wahrheit kennt, hat das eifrige Bestreben, Ihnen die ganze Summe wiederzuerstatten. Sie wird Ihnen daher zunächst den Teil des Geldes zurückzahlen, der auf ihren Namen angelegt ist. Der Rest wird Ihnen von mir zugesandt werden in verschiedenen Zeiträumen.

»Ich verbleibe, meine Herren,

Ihr ganz ergebenster Diener

Harry Norland.«

»Das ist ein charakteristischer Brief«, bemerkte der Rechtsanwalt. »Lord Harry scheint dazu geboren zu sein, seiner Familie Sorge zu bereiten. Es hat keine Zeit gegeben, so weit ich mich erinnern kann, wo dies nicht der Fall gewesen. Bisher hatte er indessen ein wirkliches Verbrechen vermieden, wenigstens ist nichts davon bekannt geworden. Jetzt aber scheint das Spiel aus zu sein. Und doch, meine Herren, ist der Brief nicht der eines vollkommenen Schurken.«

»Er wird jedenfalls nicht zu erwischen sein«, bemerkte der Vorsitzende. »Der Brief ist zu kühl und zu vernünftig geschrieben. Er hat sich auf alle Fälle irgend einen sicheren Zufluchtsort vorbehalten und wird sich wahrscheinlich jetzt schon dort befinden in einer passenden Verkleidung. Wir sind daher für den Augenblick nur auf die Lady angewiesen. Sie hat das Geld von Ihnen erhalten,- und wir haben es Ihnen auf Ihre Vorstellung ausgezahlt.«

»Bemerken Sie«, warf der Rechtsanwalt ein, »dass sie, sobald sie die Wahrheit erfahren hatte, sich beeilte, Ersatz zu leisten.«

»Hm«, machte der Direktor und drehte Lord Harrys Brief herum, so dass der Rechtsanwalt ihn nicht lesen konnte. »Haben Sie Lady Harry Norland gesehen?«

»Nein, ich habe sie nicht gesehen, aber ich erwarte schon seit langer Zeit, dass sie zu mir kommen soll, was gewiss auch geschehen wird.«

»Dann muss sie aber sehr schlecht beraten sein«, sagte der Vorsitzende, »wenn sie gerade jetzt jemand aufsuchen würde. Ich gestehe Ihnen, Sir, dass es mir sowohl wie jedem von uns, die wir hier versammelt sind, aufrichtig leid tun würde, die Lady neben ihrem Gatten auf der Anklagebank sitzen zu sehen.«

»Im Interesse der vornehmen Familie, die von so einem Skandal auf das empfindlichste getroffen werden würde, hoffe ich, dass weder der Lord noch die Lady auf die Anklagebank kommt.«

»Wissen Sie, wer der andere Hauptteilnehmer an dem Verbrechen ist?«

»Ich kann es mir denken. Ich weiß indessen nicht, wo er sich befindet. Ich habe Ihnen überhaupt alles, was ich weiß, mitgeteilt, das heißt das, was in diesem Brief enthalten ist.«

»Es wäre gut, wenn man diesen andern erwischen könnte«, bemerkte der Vorsitzende; »wahrscheinlich gehört er nicht zu einer edlen Familie. Ich weiß zwar noch nicht, was geschehen wird, Sir, aber das eine wiederhole ich Ihnen: Unsere Gesellschaft kann sich mit dem, was bis jetzt geschehen ist, nicht zufrieden geben.«

»Sicherlich nicht. Indessen liegt noch sehr wenig vor, woran Sie sich halten und worauf hin Sie weiter in der Sache vorgehen können.«

»Wir wollen uns über diesen Teil der Angelegenheit nicht in längere Erörterungen einlassen«, sagte der Vorsitzende. »Ein Verbrechen ist ja ganz unzweifelhaft begangen worden. Wir können daher möglicherweise dazu veranlasst werden, eine Klage irgendwelcher Art gegen Ihre Firma anzustrengen, Mr. Erskine. Was die Lady Harry Norland betrifft, wenn sie schuldig sein sollte -«

»Nein, nein«, fiel ihm der Rechtsanwalt ins Wort; »sie hat freilich nicht ganz korrekt gehandelt, aber schuldig ist sie nicht.«

Der Vorsitzende faltete den Brief Lord Harrys zusammen und übergab ihn dem Sekretär.

»Wir sind Ihnen zum Dank verpflichtet, Sir, für Ihr rasches Handeln. Man konnte selbstverständlich nichts anderes von Ihrer Firma erwarten. Sie dürfen indessen nicht vergessen, dass die Forderung von Ihnen gemacht wurde, und dass Sie das Geld empfingen und - aber wir werden Ihnen das Weitere in einigen Tagen mitteilen.«

Der Sekretär schrieb auch eine Antwort an Lord Harry. Kurz darauf wurde jedoch mit der Post eine Anweisung eingesendet, unterzeichnet von einem gewissen William Linville auf die Summe von achttausend Pfund. Die Versicherungsgesellschaft hatte daher von den fünfzehntausend Pfund dreizehntausend wieder erhalten. Der Sekretär hatte darauf noch eine andere Unterredung mit Mr. Erskine, deren Ergebnis war, dass die Gesellschaft auch noch in den Besitz der übrigen, an der Gesamtsumme noch fehlenden zweitausend Pfund kam.

Jede Rechtsanwaltsfirma hat ihre eigenen Geheimnisse und bewahrt sie sorgfältig. Deshalb brauchen wir auch nicht weiter nachzuforschen, ob das Geld von der Firma oder von der Familie, zu der Lord Harry gehörte, bezahlt wurde. Es ist indessen erwiesen, dass einige Tage darauf Mr. Hugh Mountjoy in dem Bureau der Firma erschien und dort mit dem älteren Teilnehmer eine lange Besprechung hatte und dass er, als er wegging, eine Anweisung auf eine große Summe Geldes dort zurückließ.

Der Gegenstand kam niemals wieder vor die Direktoren der Gesellschaft; privatim wurde natürlich viel darüber gesprochen und zwar sehr oft. Jedenfalls hatte man auch außerhalb des Beratungszimmers über die Geschichte geflüstert. Solche Dinge verbreiten sich ja ungemein rasch. Man hatte indessen doch das Gefühl, dass diese Sache, bei der es sich um eine Dame handelte, mit etwas mehr Zartheit behandelt werden müsse, als dies gewöhnlich der Fall ist. Außerdem trat einige Tage später ein tragisches Ereignis ein, welches jeden weiteren Schritt in dieser Angelegenheit unmöglich machte. Dieses Ereignis war an und für sich genügend, die ganze Geschichte vergessen zu machen.

Zweiundsiebenzigstes Kapitel

Es war alles vorüber. Iris hatte ihr ganzes Geld hergegeben. Sie lebte in einer kleinen Wohnung, welche Fanny Mere, die sie als ihre Cousine ausgab, für sie gemietet hatte. Sie blieb den ganzen Tag über zu Haus, denn sie fürchtete sich, von jemand beim Ausgehen erkannt zu werden. Sie fürchtete ferner, dass ihr Gatte wegen Betrugs verhaftet worden, und sie fürchtete, dass man auf der Straße ihr etwas Derartiges nachrufen könnte. Daher schrak sie auch zusammen und wurde ganz bleich, als sie eines Tages Schritte auf der Treppe hörte; denn sie dachte immer daran, dass auch sie von den Gerichten gesucht werden könnte.

Der Mann, der eintrat, war Hugh Mountjoy.

»Durch Fanny habe ich Sie endlich aufgefunden«, sagte er. »Das Mädchen wusste, dass sie ohne Rückhalt mir Ihr Geheimnis anvertrauen könnte. Aber warum bleiben Sie immer noch in Verborgenheit?«

»Sie können nicht alles wissen, Hugh«, entgegnete Iris, »sonst würden Sie mich das nicht fragen.«

»Ich weiß alles, und doch frage ich Sie wieder: warum verbergen Sie sich?«

»Weil - o Hugh, schonen Sie mich!«

»Ich weiß alles, und das ist auch der Grund, weswegen ich nicht anders handeln konnte, als dass ich Sie aufsuchte, da ich mit Ihnen reden muss. Verlassen Sie diese elende Wohnung, treten Sie frei vor die Menschen, nehmen Sie Ihren eigenen Namen wieder an. Es liegt nicht der geringste Grund vor, warum Sie das nicht tun sollen. Sie waren nicht in Passy anwesend, als das Verbrechen begangen wurde. Sie sind erst nach der Beerdigung hingekommen. Was haben Sie also mit dem ganzen Verbrechen gemein, Iris?«

»Wissen Sie etwas von dem Geld?« »Gewiss. Sie schickten alles, was Sie zusammenbringen konnten, zurück; es waren fünftausend Pfund. Das allein bewies schon Ihre Unschuld.« »Hugh, Sie wissen, dass ich schuldig bin.« »Die Welt wird glauben, dass Sie unschuldig sind; jedenfalls können Sie sich ohne die geringste Furcht in der Öffentlichkeit zeigen. Sagen Sie mir, was haben Sie für Pläne?«

»Ich habe gar keinen Plan. Ich habe nur den Wunsch, mich irgendwo vor der Welt zu verbergen.« »Gut, wir werden darüber sogleich sprechen. Vorerst habe ich aber einige Neuigkeiten für Sie.« »Neuigkeiten? Was für welche denn?« »Natürlich gute Neuigkeiten. Ich habe Ihnen etwas zu sagen, was Sie überraschen wird.«

»Gute Nachrichten? Was kann es denn für mich noch für gute Nachrichten geben?«

»Ihr Gatte hat das ganze Geld zurückgeschickt.« »Zurückgeschickt? An die Versicherungsgesellschaft?« »Alles ist wiedererstattet worden. Er schrieb dazu zwei Briefe, einen an die Rechtsanwälte und den andern an die Versicherungsgesellschaft. Jetzt kann ja überhaupt nicht mehr über die Angelegenheit gesprochen werden, da die Gesellschaft das Geld wieder erhalten hat. Die Rechtsanwälte haben mich aber versichert, dass nichts mehr zu fürchten ist. Alles ist vorüber.«

Iris seufzte tief auf.

»Dann ist er in Sicherheit?« fragte sie.

»Sie denken natürlich zuerst an ihn!« sagte Hugh eifersüchtig. »Ja, er ist in Sicherheit, und ich hoffe, er ist ganz außer Landes gegangen, um niemals wieder hieher zurückzukehren. Das Wichtigste dabei ist jetzt, dass Sie in Zukunft sicher vor ihm sind. Und was den Doktor anbetrifft, - aber ich kann nicht mit der gewöhnlichen Ruhe von diesem Menschen sprechen - überlassen wir ihn dem Verhängnis, das stets eines solchen Menschen wartet. Er wird sich hoffentlich nirgends, wohin er sich auch begeben mag, sicher fühlen.«

»Ich bin also sicher«, sagte Iris, »nicht nur vor meinem Gatten, sondern auch vor jenem andern. Sie glauben, dass ich sowohl wie mein Gatte in der Beziehung nichts zu fürchten haben. O, diese Furcht hat mich niemals, nicht für einen einzigen Augenblick verlassen. Sie sagen mir, dass ich öffentliche Schande nicht zu fürchten habe, und dass ich wieder frei atmen könne, wo ich doch eigentlich vor Scham in die Erde sinken müsste!«

Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

»Iris, wir wissen, was Sie getan haben, wir wissen auch, warum Sie es getan haben. Was sollen wir noch weiter darüber reden? Die Sache ist vorüber und somit abgetan. Wir wollen nie wieder darauf zurückkommen. Die Frage ist jetzt: Was wollen Sie zunächst tun? Wo wollen Sie leben?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe Fanny zu mir genommen, und Mrs. Vimpany trägt auch das lebhafteste Verlangen, zu mir zu kommen. Ich bin reich, ja, bin in der Tat reich, seitdem ich zwei so treue Begleiterinnen und einen Freund habe.«

»In dieser Beziehung, Iris, werden Sie immer reich sein. Jetzt hören Sie aber aufmerksam zu. Ich besitze eine Villa auf dem Lande. Sie liegt weit entfernt von London in den schottischen Marschen, ganz abgelegen von der großen Heerstraße, selbst für Reisende zu entlegen. Es ist ein sehr einsamer Ort, aber ein hübsches Haus mit einem großen Garten dahinter und davor die sandige Meeresküste und das unendliche Meer. Dort kann man vollständig abgeschlossen und einsam leben. Ich biete Ihnen dieses Haus als Wohnung an. Schlagen Sie ein, und wohnen Sie dort, so lange es Ihnen gefällt.«

»Nein, nein, ich darf ein solches Anerbieten nicht annehmen«, sagte sie.

»Sie dürfen, Iris, Sie müssen es annehmen. Ich bitte Sie darum als um einen Beweis Ihrer Freundschaft und als nichts weiter. Ich fürchte nur, Sie werden der Einsamkeit bald überdrüssig werden.«

»Nein, nein, das wird niemals geschehen! Einsamkeit ist ja alles, was ich wünsche.«

»Es gibt dort überhaupt keine Gesellschaft.«

»Gesellschaft, Gesellschaft für mich? Was soll ich mit der Gesellschaft?«

»Ich komme auch für einige Zeit in die Nachbarschaft, um dort zu fischen. Werden Sie mir dann erlauben, dass ich Sie aufsuche?«

»Wer hätte sonst das Recht dazu?«

»Dann nehmen Sie also mein Anerbieten an?«

»Mein Gefühl sagt mir, dass ich es annehmen muss. Ja, Hugh, ja, mit dem aufrichtigsten und herzlichsten Dank nehme ich Ihre Güte an.«

Am nächsten Tag fuhr sie mit dem Nachtzug nach Schottland. Mit ihr zugleich reisten Mrs. Vimpany und Fanny Mere.

Dreiundsiebenzigstes Kapitel

Was Lord Harry tat, nachdem er das Geld der Versicherungsgesellschaft zurückgeschickt hatte, war äußerst merkwürdig.

Er verließ London und begab sich nach Dublin.

Dort angekommen, suchte er ein kleines Hotel auf, das ausschließlich von Amerikanern irischen Ursprungs und deren Freunden besucht wurde. Man glaubte allgemein, dass es der Hauptzusammenkunftsort der Unüberwindlichen sei. Jedenfalls war bekannt, dass das Haus fast ausschließlich nur von den Nationalgesinnten besucht wurde. Er machte keinen Versuch, seinen Namen zu verheimlichen. Er betrat das Hotel, begrüßte den Wirt freundlich, nickte dem Oberkellner zu, bestellte ein Diner und nahm keine Rücksicht auf die finsteren und drohenden Blicke, mit denen er in dem Speisesaal empfangen wurde, wo fünf bis sechs Männer saßen und heimlich mit einander sprachen.

Er blieb diese Nacht in dem Hotel.

Am nächsten Tag ging er ganz offen und frei, als ob er gar nichts zu fürchten hätte, weder von Engländern noch von Irländern, auf die Eisenbahn und löste sich ein Billet, nicht im geringsten auf das achtend, was alle Welt sehen und begreifen konnte, nämlich, dass er genau beobachtet wurde. Als er seine Fahrkarte gelöst hatte, traten unmittelbar nach ihm zwei andere Männer an den Schalter, die sich ebenfalls zwei Fahrkarten nach dem gleichen Ort wie Lord Harry lösten. Der Ort, wohin er zu fahren beabsichtigte, lag in dem Teil von Kerry, in dem die Unüberwindlichen einst Arthur Mountjoy ermordet hatten.

Die beiden Männer, welche ihm folgten und Fahrkarten nach demselben Ort gelöst hatten und die sich jetzt auch zu ihm in dasselbe Coupé setzten, waren zwei Mitglieder dieser unheimlichen Bruderschaft. Es ist bekannt, dass über denjenigen, der sich der Gesellschaft anschließt und sie später wieder verlässt oder ihren Befehlen nicht gehorcht, oder der überhaupt in dem Verdacht steht, ihre Geheimnisse zu verraten - es ist allgemein bekannt, dass über denjenigen die Todesstrafe verhängt wird.

Nach der ganz unerwarteten Ankunft Lord Harrys in dem Hotel in Dublin waren sofort die damals gerade in der Stadt anwesenden Mitglieder der Bruderschaft zu einer Versammlung zusammenberufen worden. Man hatte beschlossen, dass der Verräter aus dem Wege geräumt werden müsse. Das Los wurde geworfen, und es fiel auf einen, der sich erinnerte, dass Lord Harry in der Vergangenheit seiner Familie öfters Wohltaten erwiesen hatte. Er wäre glücklich gewesen, wenn ihm der traurige Auftrag erspart geblieben wäre, aber die Gesetze der Gesellschaft sind streng, und daher musste er gehorchen.

Es ist außerdem noch die Gewohnheit der Unüberwindlichen, wenn ein Mord beschlossen und eines ihrer Mitglieder mit der Ausführung beauftragt worden ist, noch ein zweites Mitglied auszuwählen, dessen Pflicht es ist, den Mörder zu begleiten und zu sehen, ob er seinen Auftrag auch wirklich erfüllt.

Am Nachmittag, ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang, erreichte der Zug die Station, an der Lord Harry aussteigen wollte. Der Stationsvorstand erkannte und begrüßte ihn. Darauf sah er die beiden anderen Männer aussteigen und wurde blass.

»Ich will meine Reisetasche hier in dem Gepäckbureau zurücklassen; sie wird abgeholt werden.«

Später erinnerte sich der Stationsvorstand dieser Worte. Lord Harry sagte nicht, ich werde sie wieder abholen, sondern sie wird abgeholt werden. Bedeutungsvolle Worte!

Das Wetter war kalt; ein feiner Sprühregen fiel; der Tag begann sich seinem Ende zuzuneigen. Lord Harry verließ die Bahnstation und ging mit raschen Schritten den Weg entlang, der durch ein trauriges und verlassenes Stück Land führte. Die beiden Männer folgten ihm. Jetzt beschleunigte der eine seinen Gang und ließ seinen Begleiter ungefähr zwanzig Schritte hinter sich.

Der Stationsvorsteher blickte den drei Davoneilenden nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Dann schüttelte er den Kopf und kehrte in sein Bureau zurück.

Lord Harry ging auf dem Weg rasch weiter; er wusste, dass die beiden Männer ihm auf dem Fuße folgten. Jetzt wurde er gewahr, dass der eine von ihnen seine Schritte verdoppelte.

Er ging, ohne sich darum zu kümmern, in dem gleichen Schritt fort. Vielleicht wurden seine Wangen bleicher und schlössen seine Lippen sich fester auf einander, da er ja ganz genau wusste, dass er im Begriff stand, in den Tod zu gehen.

Die Schritte hinter ihm kamen rasch immer näher und näher. Lord Harry drehte nicht einmal seinen Kopf nach dem ihm Folgenden um. Der Mann war jetzt ganz dicht hinter ihm. Noch ein kurzer Augenblick, und er ging dicht an seiner Seite.

»Mickey O'Flynn!« sagte Lord Harry.

»Er ist es, der vor Dir steht, Verräter!« entgegnete der Mann.

»Ihre Freunde, die Unüberwindlichen, sagten Ihnen, ich sei ein solcher, Mickey. Nun, glauben Sie etwa, ich wüsste nicht, weswegen Sie hier sind? Nun?« Er blieb stehen. »Ich bin unbewaffnet. Sie halten einen Revolver in Ihrer Hand, in der Hand, die Sie hinter Ihrem Rücken verbergen. Worauf warten Sie noch?«

»Ich kann es nicht tun!« sagte der Mann.

»Sie müssen, Mickey O'Flynn, Sie müssen, oder Sie werden selbst ermordet«, entgegnete Lord Harry ruhig. »Sie brauchen ja nur Ihre Hand zu heben, und dann werden Sie ein Mörder sein. Ich bin auch einer, wir werden also dann beide Mörder sein. Nun also, warum schießen Sie nicht?«

»Bei Gott, ich kann nicht«, sagte Mickey O'Flynn. Er hielt den Revolver immer noch gespannt hinter seinem Rücken, aber er erhob den Arm nicht. Seine Augen blickten starr auf den irischen Lord; sein Mund war geöffnet, das Entsetzen des Mörders sprach sich schon jetzt in seiner ganzen Haltung aus, noch bevor er den Mord begangen hatte. Dann schrak er plötzlich zusammen. »Blicken Sie hinter sich, blicken Sie hinter sich, Mylord.«

Lord Harry drehte sich herum. Der zweite Mann war jetzt ganz nahe bei ihm. Er beugte sich vorwärts und schaute ihm ins Gesicht.

»Arthur Mountjoys Mörder!« schrie Lord Harry laut und sprang dem Mann an die Kehle.

Ein, zwei, drei Schüsse durchhallten die stille Abendluft. Diejenigen, welche sie auf der Bahnstation aus der Richtung des Weges, den die drei Männer eingeschlagen hatten, herüberschallen hörten, schauderten zusammen. Sie kannten die Bedeutung dieser Schüsse. Noch ein Mord mehr lastete auf der Seele von Irland. Lord Harry aber lag tot mitten auf dem Weg.

Der zweite Mann sprang auf und griff nach seinem Hals.

»Wahrhaftig«, sagte er, »ich dachte, es ginge mir auch ans Leben. Komm, Mick, wir wollen ihn etwas aus dem Wege schaffen.«

Sie zogen den Leichnam an die Seite der Straße und eilten dann mit gebeugten Köpfen und tief in das Gesicht gezogenen Hüten querfeldein nach einer andern Eisenbahnstation, wo sie nicht als die beiden erkannt werden würden, die Lord Harry auf der Straße gefolgt waren.

Eine Stunde später ritten zwei bewaffnete Konstabler die Straße entlang und fanden den Leichnam, wo ihn die beiden liegen gelassen hatten.

Sie durchsuchten seine Taschen. Eine Geldbörse mit ein paar Sovereigns fanden sie darin, ferner das Bild einer Dame, der Gattin des Ermordeten, und ein versiegeltes Couvert, gerichtet an Hugh Mountjoy Esq., in einem Londoner Hotel, und eine Visitenkartentasche; nichts von irgendwelcher Bedeutung.

»Das ist Lord Harry Norland«, sagte der eine, »der wilde Lord! So hat er endlich doch sein Ende gefunden!«

Das Couvert enthielt zwei Briefe. Der an Iris gerichtete war kurz. Er lautete:

»Lebe wohl. Ich stehe im Begriff, den Tod eines, der ein Verräter an einer gerechten Sache genannt wird, zu erleiden. Ich bin aber in einem noch viel höheren Grad ein Verbrecher, als meine Mörder glauben. Mag das Ende, welches mir schon seit langem zugedacht ist, als eine Art Sühnopfer betrachtet werden. Vergib mir, Iris; denke an mich so freundlich, wie Du kannst. Aber ich beschwöre Dich, es ist mein letztes Wort an Dich: traure nicht um einen, welcher sein möglichstes getan hat, um Dein Leben zu vergiften und Deine Seele zu verderben.«

In dem zweiten Brief schrieb er:

»Ich kenne die Liebe, die Sie immer für meine Gattin gehegt haben. Iris wird Ihnen sagen, was sie über ihre Zukunft beschlossen hat. Wenn sie Ihnen nichts über ihren verstorbenen Gatten sagt, so denken Sie das Schlimmste von ihm, und Sie werden nicht unrecht haben. Erinnern Sie sich, dass, was sie auch getan haben mag, sie dies alles für mich getan hat und auf meine Veranlassung. Sie hätte Sie anstatt mich heiraten sollen.

»Ich stehe im Angesicht des Todes. Die Männer, welche mich zu töten beabsichtigen, sind mit mir unter dem gleichen Dach. Sie werden ihren Plan vielleicht schon heute nacht ausführen, vielleicht aber warten sie auch auf eine bessere Gelegenheit und einen ruhigeren und sichereren Platz. Aber töten werden sie mich gewiss.

»Im Angesicht des Todes erhebe ich mich über die jammervolle Eifersucht, mit der ich Sie jederzeit betrachtet habe. Ich sehe mit Verachtung herab auf diese unwürdige Leidenschaft und bitte Sie deswegen um Verzeihung. Helfen Sie Iris, die Periode ihres Lebens zu vergessen, über die sie mit Recht beschämt sein muss. Beweisen Sie, dass Sie mir vergeben, dadurch, dass Sie ihr vergeben, und dass Sie ihr helfen in der Aufrichtigkeit und Tiefe Ihrer Liebe, die Erinnerung an mich für immer aus ihrem Herzen zu tilgen. H. N.«

Letztes Kapitel

Als Iris Hugh Mountjoys Anerbieten, seine Besitzung in Schottland als Aufenthaltsort zu benützen, angenommen hatte, reiste sie dorthin mit der Absicht, sich vor aller Welt zu verbergen. Zu viele Menschen, dachte sie, kannten ihre Geschichte und wussten, was sie getan hatte. Es war nicht wahrscheinlich, dass die Direktoren und Aufsichtsräte der Versicherungsgesellschaft alle über ein so ungewöhnliches Ereignis vollkommenes Stillschweigen bewahrt hatten. Und selbst wenn sie Lady Harry nicht der Teilnahme an dem Verbrechen beschuldigten, wie sie es gekonnt hätten, so würden sie doch sicherlich die Geschichte und den zeitweilig erfolgreichen Ausgang dieses eigentümlichen Betruges hie und da erzählt haben, und wahrscheinlich um so eher, nachdem Lord Harry ermordet worden war. Sie konnte daher, wie sie sich selbst sagte, sich niemals wieder vor der Welt sehen lassen.

In ihrer Begleitung befanden sich Fanny Mere, ihre Freundin und ihr Kammermädchen zugleich, die Frau, deren treue Anhänglichkeit an sie sich in so hervorragender Weise betätigt hatte, und außerdem noch Mrs. Vimpany, welche in Zukunft die Geschäfte einer Haushälterin besorgen sollte.

Nachdem ein angemessener Zeitraum vergangen war, suchte Hugh Mountjoy Iris in Schottland auf. Sie war jetzt Witwe. Sie wusste sehr gut, was er ihr zu sagen wünschte, und kam ihm zuvor. Sie teilte ihm mit, dass nichts sie jemals veranlassen könnte, die Frau eines andern Mannes zu werden, nachdem sie sich selbst so erniedrigt habe. Hugh empfing diese vertrauliche Mitteilung, ohne eine Bemerkung dazu zu machen. Er blieb indessen in der Nachbarschaft, besuchte sie häufig, aber sprach nie ein Wort von Liebe zu ihr. So wurde er ihr mit der Zeit notwendig. Seine häufigen Besuche wiederholten sich schließlich jeden Tag. War er früher nur nachmittags gekommen, so erschien er jetzt schon am frühen Morgen und blieb den ganzen Tag über da. Als die Zeit endlich gekommen war, wo Iris diesen seinen stummen Bewerbungen nachgeben durfte und er gar nicht mehr das Haus verließ, da schien ihnen beiden überhaupt keine Änderung eingetreten zu sein; aber sie setzten ihr zurückgezogenes Leben in der gleichen Art und Weise weiter fort, und ich glaube nicht, dass sie es jemals wieder ändern werden.

Ihr Haus war an der Nordküste des Solway Firth gelegen, nahe bei der Mündung des Annanflusses, aber auf dessen westlichem Ufer, gegenüber der kleinen Stadt Annan. Hinter dem Hause breitete sich ein großer Garten aus; die Vorderseite blickte während der Ebbe über einen breiten Dünenstreifen und während der Flut über das Wasser selbst. Das Haus war mit einer guten Bibliothek versehen. Iris sorgte für ihren Garten, ging auf der Düne spazieren, las oder arbeitete. So bildeten sie einen sehr stillen Haushalt. Mann und Frau redeten wenig. Sie gingen zusammen im Garten spazieren, und dabei war sein Arm um ihre Taille geschlungen, oder sie hatten sich bei den Händen gefasst. Wenn sie die Vergangenheit auch niemals ganz vergessen konnten, so hörte sie doch nach und nach auf, sie zu beunruhigen und zu quälen; sie erschien ihnen wie ein wüster, schrecklicher Traum, der seine Spuren nur in einer angenehmen Melancholie zurückgelassen hatte, welche in den längst vergangenen glücklichen Tagen der jungen Frau so ganz fremd gewesen war.

Und dann trat das letzte Ereignis ein, welches der Erzähler dieser Geschichte zu berichten hat.

Es nahm seinen Anfang an einem Morgen mit einem Brief.

Mrs. Vimpany empfing ihn. Sie erkannte die Handschrift sofort, erschrak und verbarg ihn schnell in ihrer Tasche. Sobald sie es möglich machen konnte, unauffällig ihr Zimmer aufzusuchen, begab sie sich dorthin, öffnete den Brief und las ihn.

»Gutes und liebenswürdiges Wesen! Schon seit langer Zeit habe ich, da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß ich mich noch einmal in dieser Art und Weise an Dich zu wenden haben würde, darüber genaue Erkundigungen eingezogen, wo und bei wem Du Dich aufhältst. Das ausfindig zu machen, hat mir natürlich gar keine Schwierigkeiten verursacht, denn ich brauchte ja nur Dich in Verbindung mit Mr. Mountjoy zu sehen und auszukundschaften, wo er lebte. Ich kann Dir daher auch nur Glück wünschen, dass Du es auf so vortreffliche Weise verstanden hast, für Dich zu sorgen. Du hast Dich wahrscheinlich für Dein ganzes noch übriges Leben in einem sehr angenehmen Hause niedergelassen. Ich empfinde darüber eine so lebhafte Genugtuung, als ob ich selbst zu diesem befriedigenden Ergebnis beigetragen hätte.

»Ich habe daher auch jetzt die Absicht, mich nicht noch unangenehmer zu machen, als ich es an und für sich schon zu tun genötigt bin. Aber Not kennt kein Gebot. Du wirst mich verstehen, wenn ich Dir sage, dass ich all mein Geld ausgegeben habe. Ich bedaure nicht im entferntesten die Art, wie das geschehen ist, aber deswegen bleibt die Tatsache doch bestehen, dass es fort ist, und das ist es auch, was mir tief ins Herz schneidet.

»Ich habe also entdeckt, dass der verstorbene, tief betrauerte Lord Harry Norland, dessen Tod ich übrigens auch selbst aus sehr gewichtigen Gründen auf das lebhafteste beklage, mir in Betreff einer Summe Geldes einen niederträchtigen Streich gespielt hat. Die Geldsumme nämlich, für die er sein Leben versichert hatte, betrug nicht weniger als fünfzehntaufend Pfund. Er selbst hat jedoch mir angegeben, dass es nur viertausend Pfund gewesen seien. Als Vergeltung für gewisse Dienste, die ich ihm bei einer bestimmten Angelegenheit erwiesen hatte, sollte ich die Hälfte der Versicherungssumme bekommen. Ich habe aber nur zweitausend erhalten. Infolge dessen ist man mir noch die Summe von fünftausendfünfhundert Pfund schuldig. Das ist gewiss ein großer Haufen Geld, aber Mr. Mountjoy ist ja, wie ich glaube, ein reicher Mann. Er wird ohne Zweifel die Notwendigkeit einsehen, dass er mir dieses Geld ohne weitere Frage und ohne Aufschub auszahlen muss.

»Du wirst ihn daher sofort aufsuchen; er ist jetzt, wie ich höre, zu Hause; Du kannst ihm dann irgend einen Teil des Briefes, welchen Du willst, oder auch den ganzen, wenn es Dir wünschenswert erscheint, vorlesen und ihn dabei wissen lassen, dass ich im vollen Ernst spreche. Ein Mann mit leeren Taschen kann nicht anders als ernsthaft sein.

»Höchst wahrscheinlich wird er auf meine Forderung nicht eingehen wollen.

»Sehr gut. In diesem Fall wirst Du ihm sagen, dass ein Betrug begangen worden ist, und dass ich in Bezug darauf bereit bin, ein volles Geständnis abzulegen. Ich habe damals bei dem Tode meines Patienten auf die dringenden Bitten von Lord Harry mich damit einverstanden erklärt, dass der Tote für den irischen Lord ausgegeben wurde. Ich bin darauf fortgegangen, fest entschlossen, nichts mehr mit der weiteren Schurkerei zu tun zu haben, welche, wie ich glaube, ins Werk gesetzt wurde, um den vollen Betrag der Summe zu erhalten, für die sein Leben versichert war.

»Die unmittelbar darauf erfolgte Ermordung Lord Harrys veranlasste die Versicherungsgesellschaft, die beabsichtigte Klage fallen zu lassen. Ich werde nun den Herren den gegenwärtigen Aufenthaltsort seiner Witwe mitteilen und mein Zeugnis zu ihrer Verfügung stellen. Was auch geschehen mag, ich werde gewiss die ganze Sache an die Öffentlichkeit bringen. Mir kann dabei gar nichts geschehen, während dagegen weder Mr. Hugh Mountjoy noch seine Frau sich jemals wieder vor der Welt sehen lassen dürfen, ob nun der Staatsanwalt die Sache in die Hände nimmt oder nicht.

»Du kannst Mr. Mountjoy sagen, was Du willst, nur eines nicht: dass mit mir zu spaßen sei. Ich werde ihm morgen meinen Besuch machen und hege die sichere Erwartung, dass ich das Geschäft so gut als erledigt finden werde.

A. V.«

Mrs. Vimpany ließ den Brief erschreckt sinken. Ihr Gatte war seit mehr als zwei Jahren aus ihrem Gesichtskreis verschwunden gewesen; sie hatte sich dem Gedanken hingegeben, er halte sich irgendwo in sicherer Verborgenheit auf, wohl in einem weit entlegenen Lande, aus welchem er niemals zurückkehren werde. Aber ach! Unsere Welt hat kein solch entlegenes Land, und selbst wenn sich dieser gefährliche Mensch so weit von dem Schauplatz seiner Verbrechen entfernt hätte, wie die Rocky Mountains entlegen sind, so konnte ihn doch ein Eilzug und ein Schnelldampfer schleunigst wieder an den Ort seiner früheren Tätigkeit bringen, sobald er Sehnsucht nach etwas mehr Vergnügen und nach der Gesellschaft seiner alten Freunde hat.

Mr. Vimpany war also zurückgekehrt. Was sollte sie nun tun? Was würde Iris tun? Was würde Mr. Mountjoy tun?

Sie las den Brief noch einmal durch. Zwei Dinge standen dem Plan des Doktors entgegen. Erstens wusste er nicht, dass das Geld der Versicherungsgesellschaft vollständig zurückerstattet war, und zweitens hatte er ebensowenig eine Idee davon, dass es einen Augenzeugen des von ihm an dem Dänen verübten Mordes gab. Sie beschloss, ihm nur die letzte Tatsache mitzuteilen. Sie war jetzt mutiger und besser, als sie es jemals früher gewesen war. Sie sah klarer, dass der Weg eines Verbrechers auch für diesen selbst nicht immer so leicht ist. Wenn er wusste, dass sein Verbrechen für ihn verhängnisvoll werden konnte, wenn er wusste, dass er ohne jeden Zweifel des Mordes angeklagt werden würde, falls er es wagen sollte, sich zu zeigen, oder den Versuch machte, Geld zu erpressen, dann würde er gewiss von seinem schlimmen Vorhaben abstehen. Vor solch einer Gefahr musste selbst der verhärmteste Verbrecher zurückschrecken.

Sie sah ferner ein, dass es wünschenswert war, vor ihm zu verbergen, auf welche Weise man ihm sein Verbrechen nachweisen könnte; ebenso durfte sie ihm nicht den Namen des einzigen Zeugen, der gegen ihn aussagen konnte, nennen. Sie wollte ihm nur in aller Ruhe mitteilen, was geschehen würde, wenn er auf seinem Verlangen bestände, und ihn auffordern, sich wieder zu entfernen oder die Folgen seiner Handlungsweise auf sich zu nehmen.

Und dennoch, selbst wenn er sich dadurch für jetzt vertreiben ließe, würde er doch wieder zurückkehren. Sie würde hinfort in steter Furcht vor seiner Rückkehr leben. Ihre Ruhe würde für immer dahin sein.

Gott im Himmel, sollte denn wirklich solch ein Mensch solche Gewalt über das Leben von anderen haben?

Sie verbrachte den schrecklichsten Tag ihres ganzen Lebens. Sie sah im voraus, dass das Glück dieses Hauses vernichtet war. Sie malte sich das Kommen ihres würdigen Gatten aus, aber sie konnte sich seinen Weggang nicht vorstellen, denn sie hatte ihn noch niemals als den Geschlagenen und Überwundenen das Feld räumen sehen.

Er würde in seiner unverschämten und rohen Art und Weise eintreten mit seinem frechen Selbstvertrauen, als wäre er der Herr der Situation und könnte als solcher tun und reden, was er wollte. Er würde sie fragen, was sie getan hätte; er würde ihr fluchen, wenn er erfuhr, dass sie nichts für ihn getan hätte; er würde sich breit und unverschämt in den nächsten Stuhl werfen, die Beine weit von sich strecken und ihr auftragen, zu gehen und Mr. Mountjoy zu holen. Würde sie wie in früheren Zeiten ihm auch jetzt noch gehorsam sein, oder würde sie den Mut finden, ihm zu widerstehen? Ja, sie würde es können, sie würde es für Iris können, sie würde es für den Mann können, der so freundlich mit ihr gewesen war, sie würde es für Hugh Mountjoy können.

Am Abend saßen die beiden Frauen, Mrs. Vimpany und Fanny, in dem Zimmer der Haushälterin. Beide hatten ihre Arbeit auf dem Schoß liegen. Keine arbeitete daran. Der Herbsttag war sehr stürmisch gewesen, und der Sturm hatte gegen abend noch zugenommen.

»Woran denken Sie?« fragte Fanny.

»Ich dachte an meinen Gatten. Wenn er zurückkommen sollte, wenn er irgendwelche Drohungen ausstoßen sollte...«

»O, dann würden Sie mich mein Schweigen brechen, dann würden Sie mich reden lassen müssen!«

»Ja, um Iris willen. Einstens würde ich ihn beschützt haben, wenn ich gekonnt hätte, nun aber nicht mehr, denn jetzt weiß ich endlich, dass auch nicht ein guter Faden an ihm ist.«

»Sie haben von ihm gehört? Ich sah heute morgen den Brief in dem Kasten und erkannte sofort seine Handschrift. Ich wartete daher nur, dass Sie sprechen würden.«

»Leise, Fanny, leise! Ja, ich habe von ihm gehört, er braucht Geld. Er will morgen früh hieher kommen und von Mr. Mountjoy durch Drohungen Geld erpressen. Halten Sie Ihre Herrin in ihrem Zimmer fest, überreden Sie sie, im Bett zu bleiben, oder sonst irgend etwas dergleichen.«

»Er weiß nicht, was ich gesehen habe. Drohen Sie ihm mit der Enthüllung seiner Mordtat; sagen Sie ihm«, fuhr Fanny fort, »dass er, wenn er es wagt, hieher zu kommen, wenn er sich nicht augenblicklich wieder entfernt, dass er wegen des an dem Dänen verübten Mordes verhaftet würde. Ich werde gewiss nicht länger Stillschweigen beobachten.«

»Ich werde es ihm sagen, ich bin fest dazu entsschlossen. O, wer wird uns von diesem Ungeheuer befreien?«

Draußen stieg der Sturm immer höher und höher; die beiden Frauen hörten ihn heulen und von entlaubten Bäumen die dürren Äste herunterreißen und zerknicken; sie hörten das Donnern und Brüllen der Meereswogen, welche die Flut über die gelben Sanddünen trieb.

Plötzlich, mitten in dem Sturm, trat eine augenblickliche Stille ein. Wind und Wasser schienen sich beruhigt zu haben, und durch die Stille drang wie eine Antwort auf die Frage von Mrs. Vimpany ein lauter Schrei, der Schrei eines Menschen, der sich in Todesgefahr befindet.

Die beiden Frauen fassten sich an der Hand und eilten ans Fenster. Sie rissen es auf. Der Sturm fing von neuem an zu toben. Ein neuer Anprall trieb sie zurück. Die Wogen brüllten, der Sturm heulte. Sie hörten die Stimme nicht wieder. Sie schlossen das Fenster und ließen die Gardinen herunter.

Es war lange nach Mitternacht, bevor sie es wagten, ins Bett zu gehen. Eine von ihnen lag während der ganzen Nacht wach. In dem heulenden Sturm hatte sie ein Vorzeichen zu erkennen geglaubt, dass der Zorn des Himmels von neuem auf ihre Herrin fallen wolle.

Ihre Ahnung war jedoch nicht richtig gewesen. Die Rache des Himmels hatte diesmal einen viel Schuldigeren erreicht.

Am Morgen, als sich der Sturm gelegt hatte, fand man an einem der Pfähle, die ein Netz ausgespannt hielten, am Ufer des Solway Firth einen Leichnam angeschwemmt. Er wurde von Hugh, welcher hinausgegangen war, um ihn anzusehen, als der Leichnam Vimpanys erkannt.

Ob der Doktor sich auf dem Rückweg nach Annan befunden oder ob er beabsichtigt hatte, noch am Abend anstatt am nächsten Morgen Mr. Mountjoy aufzusuchen, niemand konnte es sagen. Seine Frau vergoss Tränen, aber es waren Tränen der Erleichterung. Der Mann wurde als ein Fremder beerdigt. Hugh Mountjoy behielt seine Entdeckung für sich. Mrs. Vimpany warf den Brief ihres Gatten ins Feuer. Keiner von ihnen hielt es für gut, die Ruhe von Iris durch die Erwähnung des Mannes zu stören.

Einige Tage später indessen kam Mrs. Vimpany die Treppe herunter in einer Witwenhaube. Auf einen fragenden Blick von Iris entgegnete sie ruhig:

»Ja, ich habe gestern erfahren, dass mein Gatte gestorben ist. Ist es nicht besser, ist es vielleicht nicht für ihn selbst besser, dass er nicht mehr lebt? Er kann nun ferner nichts Schlechtes mehr anstellen, er kann in keinen Haushalt mehr Unglück bringen. Er ist tot!«

Iris gab keine Antwort. Ja, auch sie hielt es für besser, für weit besser, dass der Doktor tot war. Aber wie sie von diesem Mann befreit worden und welchen neuen Gefahren sie durch ihn ausgesetzt gewesen war, das wusste sie nicht und sollte es auch niemals erfahren.

Sie hatte ein Geheimnis, nur ein einziges, welches sie vor ihrem Gatten verborgen hielt. In ihrem Schreibtisch bewahrte sie eine Locke von Lord Harrys Haar auf. Warum? - Ich weiß es nicht. Blinde Liebe stirbt niemals ganz.

ENDE


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