Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Erster Band - Zweiundzwanzigstes Kapitel
 

Blinde Liebe

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Frau des Doktors folgte der voraneilenden Miss Henley bis an den Treppenabsatz und wartete dort.

Sie hatte Gründe, sich diese Zurückhaltung aufzuerlegen. Die Lage des Treppenabsatzes verbarg sie vor den Augen desjenigen, der in dem Hausflur stand. Wenn sie nur den Klang der Stimmen vernahm, konnte sie mit Sicherheit erfahren, ob Lord Harry noch im Hause sei oder nicht. In dem ersten Fall würde es ein Leichtes sein, eine Unterredung mit Iris zu unterbrechen, bevor das Gespräch sie zu Enthüllungen geführt hatte, die Mrs. Vimpany aus guten Gründen fürchten musste. In dem zweiten Fall würde es gar nicht nötig sein, sich zu zeigen.

Inzwischen öffnete Iris die Tür des Esszimmers und blickte hinein.

Es war niemand darin. Das einzige andere Zimmer, welches außerdem im Parterre gelegen war an der Rückseite des Hauses, diente dem Doktor als Sprechzimmer. Sie klopfte an die Tür. Mr. Vimpanys Stimme antwortete: »Herein!« Er war allein, trank Cognac und Wasser und rauchte eine dicke, dunkle Zigarre.

»Wo ist Lord Harry?« fragte sie.

»Wahrscheinlich in Irland!« antwortete Mr. Vimpany ruhig.

Iris vergeudete keine Zeit, indem sie unnötige Fragen stellte. Sie schloss die Tür wieder und ließ den Doktor allein. Er gehörte jedenfalls auch zu der Verschwörung, welche die Bestimmung hatte, sie in der Täuschung zu erhalten. Was war nun geschehen? Wo befand sich der wilde Lord in diesem Augenblick?

Während sie in dem Hausflur diesen Gedanken nachhing, kam Rhoda von dem Teetisch der Dienerschaft in der Küche. Ihre Herrin gab ihr die nötige Anweisung zum Einpacken und versprach ihr, binnen kurzem nachzufolgen, um ihr zu helfen. Mrs. Vimpanys kühner Entschluss, ihr die Richtigkeit ihrer Wahrnehmung abzustreiten, beschäftigte noch Miss Henleys Geist. Viel zu ärgerlich, um daran zu denken, welche Verlegenheit ihr ein Zusammentreffen mit Lord Harry verursachen würde, war sie fest entschlossen, zu verhindern, dass die Frau des Doktors zuerst mit ihm spräche und ihn zum Teilnehmer an der unverschämten Verleugnung der Wahrheit mache. Wenn er durch irgend einen Zufall veranlasst worden wäre, das Haus zu verlassen, so würde er früher oder später doch den Streich entdecken den sie ihm gespielt hatten, und sicherlich zurückkommen. Iris nahm einen Stuhl und ließ sich in der Vorhalle nieder.

*

Um dem Doktor Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss erzählt werden, dass er in der Tat das von seiner Frau in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte.

Die Diamantnadel, welche sich in London zur Abschätzung ihres Wertes und zum Verkaufe befand, schwebte immer noch erschreckend vor seinem Geist. Das Geld, das Geld - er war der aufmerksamste Gatte von ganz England, wenn er an das Geld dachte! Zu der Zeit, als Lord Harrys Wagen vor seiner Haustür anhielt, befand sich der Doktor in dem Esszimmer, um eine Flasche Cognac von dem Buffet zu holen. Er blickte gerade aus dem Fenster und entdeckte daher gleich, wer der Ankommende war. Er entschloss sich dann, die in seinem Notizbuch aufgeschriebene Instruktion seiner Frau zu Rate zu ziehen. Diese Absicht wurde aber, sobald er das Buch aufgeschlagen hatte, vereitelt durch die unglückliche Eile, mit welcher das Dienstmädchen die Haustüre öffnete. Ihr Herr hielt sie in der Vorhalle zurück. Er fühlte mit Wohlgefallen, dass er seine Geschicklichkeit wiedergewann; aber sein Gedächtnis, weit davon entfernt, selbst unter den günstigsten Umständen rege zu sein, war träger denn je, ihm zu Hilfe zu kommen. In der Hast des Augenblicks konnte er sich nur erinnern, dass ihm aufgetragen worden war, ein Zusammentreffen von Iris und Lord Harry zu verhindern.

»Lassen Sie den Herrn in mein Sprechzimmer eintreten!« befahl er dem Dienstmädchen.

Lord Harry fand den Doktor auf seinem Arbeitsstuhl sitzen; er gebärdete sich überrascht und entzückt zugleich, seinen vornehmen Freund zu sehen. Der ungestüme Irländer fragte sofort nach Miss Henley.

»Abgereist!« antwortete Mr. Vimpany.

»Abgereist - wohin?« wollte der wilde Lord zunächst wissen.

»Nach London«

»Allein?«

»Nein, mit Mr. Hugh Mountjoy.«

Lord Harry fasste den Doktor an seinen beiden Schultern und schüttelte ihn hin und her.

»Sie wollen doch damit nicht etwas sagen, das Mountjoy im Begriff steht, sich mit ihr zu verheiraten?«

Mr. Vimpany fürchtete nichts anderes als den Verlust von Geld; obgleich er der schwächere und der ältere der beiden Männer war, ahmte er nichtsdestoweniger das Beispiel des jungen Lords nach und schüttelte ihn, so gut es ging.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen das gefällt!« sagte er. »Was Mountjoy anbetrifft, so weiß ich nicht, ob er verheiratet oder ledig ist - es ist mir auch ganz gleichgültig.«

»Der Teufel hole Ihren Eigensinn! Wann sind Sie abgereist?« »Der Teufel hole Ihre Fragen! Sie sind noch nicht lange fort.« »Kann ich Sie vielleicht noch an der Station einholen?« »Ja, wenn Sie augenblicklich gehen.«

So führte der Doktor in seiner Verzweiflung die Befehle seiner Frau aus, ohne sich der beigefügten Bestimmungen zu erinnern.

Der Weg zu der Station führte Lord Harry an dem Gasthof vorüber. Er sah durch die offene Haustüre, wie Hugh Mountjoy seine Rechnung an dem Buffet bezahlte. Im nächsten Augenblick hatte er den Wagen angehalten, und die beiden Männer, die niemals auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden hatten begrüßten sich durch eine kühle gegenseitige Verbeugung.

»Mir wurde gesagt,« begann Lord Harry, »dass ich Sie mit Miss Henley an der Station treffen könnte.«

»Wer gab Ihnen diesen Bescheid?«

»Vimpany, der Doktor.«

»Er hätte doch wissen können, dass der Zug erst in einer Stunde hier ankommt.« »Hat der Lump mich belogen? - Ein Wort noch, Mr. Mountjoy: Ist Miss Henley hier im Gasthofe?« »Nein.«

»Wollten Sie mit ihr nach London reisen?« »Ich muss es Miss Henley überlassen, diese Frage zu beantworten.« »Wo befindet sie sich denn, Sir?«

»Jedes Ding hat ein Ende in der Welt, in der wir leben, Mylord. Sie haben das Ende meiner Bereitwilligkeit, Ihre Fragen zu beantworten, erreicht.«

Der Engländer und der Irländer sahen sich gegenseitig an: der Anglo-Saxone war undurchdringlich ruhig und kühl, der Kelte dagegen aufgelegt und ärgerlich. Es sah aus, als ob sie beide im Beginn eines Streites stünden, wenn man in diesem Augenblick Lord Harrys Erregung in Betracht zog. Als er an Mr. Vimpanys Haus gekommen war und nach Iris gefragt hatte, hatte sich der Doktor ihm durch eine Lüge vom Halse geschafft. Zu welchem Schluss nun konnte er nach dieser Entdeckung kommen? Der Doktor hielt sicherlich Iris von einer Begegnung mit ihm ab. Während er sich dies in seiner raschen Weise überlegte, ließ Lord Harry die eine Beleidigung unbeachtet, um die andere in seiner unbesonnenen Heftigkeit zu bestrafen. Er verließ Mountjoy augenblicklich.

Wiederum rasselte der Wagen die Straße entlang, aber er wurde angehalten, bevor er noch an dem Hause Mr. Vimpanys angekommen war.

Lord Harry kannte die Leute, mit denen er es zu tun hatte, und ergriff daher Maßregeln, um sich dem Hause ohne Geräusch zu Fuße zu nähern. Der Kutscher erhielt den Befehl, genau auf das Zeichen achtzugeben, sobald er wieder gebraucht würde.

Mr. Vimpanys Ohren, die wachsam auf verdächtige Geräusche, vernahmen keinen Lärm der Wagenräder und keinen Ton des Klopfers an der Haustür. Während er noch so auf der Lauer stand, störte ihn in seinem Sprechzimmer das Läuten der Hausglocke. Als sie in den Hausflur hinausschaute, sah er, wie Iris dem Lord Harry die Tür öffnete, und zog sich dann leise wieder in sein Zimmer zurück.

»Der Teufel soll sie holen!« sagte er, indem er Miss Henley meinte, dabei aber zugleich an die beneidenswerte zukünftige Besitzerin der Diamantnadel dachte.

Bei der unerwarteten Erscheinung von Iris vergaß Lord Harry jede Überlegung, welche er in diesem kritischen Moment so nötig gehabt hätte.

Er näherte sich ihr und streckte ihr beide Hände zur herzlichen Begrüßung entgegen. In unverhohlener Verachtung gab sie ihm jedoch mit der Hand ein Zeichen, ihr fern zu bleiben, und sprach mit vorsichtig gedämpfter Stimme, nachdem sie zuvor noch einen Blick nach der Tür geworfen hatte.

»Der einzige Grund, welcher mich bestimmt hat, Ihnen entgegenzutreten, ist, mich in der Zukunft vor weiterer Täuschung zu schützen. Ihr schimpfliches Betragen ist mir jetzt nur zu gut bekannt. Gehen Sie,« fuhr sie fort und zeigt die Treppe hinauf, »gehen Sie und beraten Sie sich mit Ihrer Spionin.«

Der irische Lord hörte zu, ohne nur den Versuch zu machen, ein Wort der Entschuldigung und Verteidigung zu äußern, denn er war sich seiner Schuld wohl bewusst und gestand so stillschweigend zu, dass er die harten Worte, die Iris soeben zu ihm gesagt hatte, verdient habe.

Oben an der Treppe stand noch immer die Frau des Doktors auf ihrem Lauscherposten und hörte jetzt Iris sprechen; aber die Stimme war nicht laut genug, als dass die einzelnen Worte auf diese Entfernung hin verständlich gewesen wären; ebensowenig vernahm sie, dass eine andere Stimme antwortete. Mit dem unbestimmten Verdacht, dass irgend etwas im Hause nicht in Richtigkeit sei, begann Mrs. Vimpany jetzt die Treppe hinunterzusteigen. An der Wendung angekommen, die einen freien Blick in den Hausflur gewährte, blieb sie plötzlich stehen, wie vom Blitz getroffen, als sie Lord Harry und Miss Henley bei einander sah.

Die Gegenwart einer dritten Person schien einigermaßen Lord Harry wieder zu beleben. Er sprang eiligst die Stufen hinauf, um Mrs. Vimpany zu begrüßen; aber auch hier wurde ihm wieder ein kalter Empfang und ein feindlicher Blick zu teil.

Einen seltsamen und sonderbaren Gegensatz bildeten die beiden Menschen, welche sich jetzt auf der Treppe gegenüberstanden. Die verwelkte Frau, angegriffen und bleich von dem schweren Druck geistigen Leidens, stand Gesicht gegen Gesicht mit einem vornehmen großen und gewandten Mann, in der vollen Blüte seiner Gesundheit und Kraft. Hier waren die stolzen blauen Augen, das gewinnende Lächeln und die natürliche Anmut der Bewegungen, welche immer ihren Weg zu der günstigen Beurteilung bei dem schöneren Geschlecht fanden. Dieser unverbesserliche Wanderer auf den gefährlichen Nebenwegen im Dasein der Menschen, der von ehrenwerten Mitgliedern der Gesellschaft der irische Lump genannt wurde, wenn sie hinter seinem Rücken von ihm sprachen, musste selbst unter Männern die Beachtung auf sich ziehen. Wer in sein kühnes, schöngeformtes Gesicht sah, der würde als eine Ausnahme von der gewöhnlichen Regel in der Jetztzeit bemerkt haben, dass jede Spur von Bart durch das Rasiermesser aus diesem Gesicht sorgfältig entfernt war. Fremde, die ihn nicht kannten, würden jedenfalls Lord Harry entweder für einen Schauspieler oder für einen katholischen Geistlichen gehalten haben. Unter seinen näheren Bekannten jedoch würden die wenigen von der Natur mit einer lebhaften Auffassungsgabe Begünstigten wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen sein, dass sein abenteuerliches Leben jedenfalls eine solche Veränderung für seine Sicherheit nötig gemacht habe. Bisweilen stellten sie auch hierüber kühn an ihn eine Frage. Das in Augenblicken der Erregung leicht auf brausende Temperament eines Irländers verwandelt sich nicht selten in Momenten der Ruhe in Sanftmut. Was viele für eine neue tolle Idee Lord Harrys ansahen, bedeutete nichts anderes, als dass er so verschuldet war, dass bei gewissen Gelegenheiten ein falscher Bart und ein gefärbtes Haar und Gesicht für ihn außerordentlich vorteilhaft waren. Den gleichen Eindruck empfing jetzt auch Mrs. Vimpany, welche mit feindlichen Blicken den Lord betrachtete.

»Wenn ich irgend etwas getan habe, was Sie beleidigt hat,« sagte er mit verlegener, bescheidener Miene, »so seien Sie versichert, dass es mir aufrichtig leid tut. Zürnen Sie deshalb Ihrem alten Freund nicht, Arabella. Warum wollen Sie mir nicht die Hand reichen?«

»Ich habe Ihr Geheimnis wohl bewahrt und habe in Ihrem Interesse mich selbst bloßgestellt,« antwortete Mrs. Vimpany, »und was ist nun meine Belohnung dafür? - Miss Henley kann Ihnen sagen, wie Ihre irische Falschheit mich in der Achtung dieser Dame herabgesetzt hat, und jetzt soll ich Ihnen auch noch die Hand reichen? Sie werden mir niemals wieder die Hand drücken, solange Sie leben!«

Sie sagte diese Worte, ohne ihn dabei anzusehen. Ihr Blick ruhte jetzt auf Iris. Von dem Augenblick an, wo sie die beiden beisammen gefunden hatte, wusste sie, dass alles aus war; ferneres Leugnen würde jetzt in der Tat ganz nutzlos gewesen sein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich ruhig in ihr Schicksal zu ergeben.

»Miss Henley,« sagte sie, »wenn Sie mit dem Kummer und der Scham einer schwachen Frau Mitleid fühlen können, so lassen Sie mich zu Ihnen noch ein letztes Wort sprechen - aber ohne dass es dieser Mensch wird.«

In ihrer Stimme sowohl als in ihren Blicken lag nichts Unnatürliches, Künstliches mehr; keine Schauspielerin würde die traurige Einfachheit haben nachahmen können, in der sie sprach. Betroffen von dieser Veränderungen begleitet die Iris die Frau des Doktors, als diese die Treppe hinauf stieg. Nach einem kurzen Moment der Zögerung folgte Lord Harry. Mrs. Vimpany drehte sich nach ihm um, als sie oben angekommen war, und fragte ihn:

»Muss ich vor Ihnen die Tür schließen?« Er war diesmal geduldiger denn je.

»Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, meine Liebe,« entgegnete er; »ich bitte Sie nur um die Erlaubnis, mich niedersetzen und auf der Treppe warten zu dürfen. Wenn Sie Ihr Gespräch mit Miss Henley beendet haben, so rufen Sie mich herein. Und, nebenbei gesagt, erschrecken Sie nicht, wenn Sie ein kleines Geräusch hören, das heißt, den schweren Fall eines Mannes die Treppe hinunter. Wenn sich nämlich der Lump, der unglücklicherweise Ihr Mann ist, vor mir sehen lässt, dann würde ich in die traurige Notwendigkeit versetzt sein, ihn die Treppe hinunter zu werfen. Das ist alles.«


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