Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe
 

Blinde Liebe

Erstes Kapitel

An einem trüben Morgen des Jahres 1881 störte bald nach Sonnenaufgang eine besondere Botschaft die Ruhe Dennis Howmores in seiner Wohnung, die in dem freundlichen irischen Städtchen Ardoon gelegen war.

Augenscheinlich wohlbekannt mit den Räumlichkeiten stieg der Überbringer die Treppe hinauf, klopfte an die Tür von Howmores Schlafzimmer und richtete, ohne zu öffnen, mit lauter Stimme seinen Auftrag aus:

»Der Herr will Sie sprechen; Sie sollen ihn nicht zu lange warten lassen!« Der, welcher diesen gemessenen Befehl schickte, war Sir Giles Mountjoy von Ardoon, Baronet und Bankier, und der Empfänger sein erster Kommis. Schleunigst kleidete sich Dennis Howmore an und eilte in die Privatwohnung seines Chefs, welche in der Vorstadt von Ardoon lag.

Er fand Sir Giles in einem aufgeregten und beunruhigten Gemütszustand. Ein Brief lag geöffnet auf des Bankiers Bett; die Nachtmütze saß verschoben und zerdrückt auf seinem Kopf; er war in so großer Erregung, dass er den Guten-Morgen-Gruß Howmores gar nicht beachtete.

»Dennis, ich habe einen Auftrag für Sie; die Sache muss aber ganz geheim gehalten werden und erlaubt keinen Aufschub.«

»Hängt sie in irgendeiner Weise mit dem Geschäft zusammen, Sir?« Der Bankier fuhr ungeduldig auf.

»Wie können Sie solch ein höllischer Narr sein, Dennis, und glauben, dass es sich in dieser frühen Morgenstunde um eine Geschäftsangelegenheit handelt? Wissen Sie den ersten Meilenstein auf dem Weg nach Garvan?«

»Ja, Sir.«

»Gut. Dann gehen Sie sogleich dorthin und tragen Sorge, dass Sie niemand dort erblickt. Sehen Sie hinter dem Stein nach, und wenn Sie da auf dem Boden einen Gegenstand entdecken, welcher hingelegt zu sein scheint, so bringen Sie ihn mir. Vergessen Sie aber dabei nicht, dass der ungeduldigste Mann in ganz Irland auf Sie wartet.«

Nicht ein einziges erklärendes Wort folgte diesem sonderbaren Auftrage.

Dennis Howmore machte sich sogleich auf den Weg, während ihm als echtem Irländer allerlei Verschwörungs- und Mordgeschichten im Kopf herumgingen. Sein Chef war keine beliebte Persönlichkeit. Sir Giles hatte stets seine Steuern gezahlt, wenn sie fällig waren, und war mit Freuden bereit, - und das war noch schlimmer - anzuerkennen, was England im Laufe der letzten fünfzig Jahre für Irland getan hatte. Wenn irgendetwas Verdächtiges an dem geheimnisvollen Gegenstand, den er zu suchen ausgesandt war, sein Misstrauen rechtfertigen sollte, so beschloss Dennis, vorsichtig Umschau zu halten nach einem etwaigen Flintenlauf, wenn er auf seinem Heimweg nach der Stadt an einer Hecke vorüber musste.

Bei dem Meilenstein angekommen, entdeckte er hinter demselben auf dem Boden nur einen einzigen Gegenstand - ein Stück von einer zerbrochenen Tasse.

Ganz natürlich zögerte Dennis, dies mitzunehmen, denn es schien ihm einfach ganz unmöglich, dass die ernsten und genauen Verhaltungsmaßregeln, die er erhalten hatte, mit solch einer Scherbe in Beziehung stehen könnten. Doch lautete sein Auftrag so bestimmt, wie ihn Ton, Ausdruck und Sprache nur irgend geben konnten. Die einfache Befolgung der empfangenen Befehle schien das richtigste zu sein, selbst auf die Gefahr hin, dass er von seinem Herrn, wenn er mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand zurückkam, in einer Weise empfangen würde, die seiner Selbstachtung zu nahe trat.

Der Erfolg jedoch rechtfertigte diese seine Bedenken durchaus nicht. Es konnte ihm gar kein Zweifel bleiben, dass Sir Giles auf dem anscheinend ganz wertlosen Fund hinter dem Meilenstein großes Gewicht legte. Nachdem er die Scherbe mehrere Male genau untersucht hatte, sprach er die Absicht aus, Dennis auf einen zweiten Botengang zu schicken, ohne sich auch jetzt zu einer näheren Erklärung seiner unverständlichen Aufträge herbeizulassen.

»Wenn ich mich nicht irre«, begann er, »sind die Lesezimmer unserer Staatsbibliothek von morgens neun Uhr an geöffnet. - Nicht wahr? - Gut! Dann gehen Sie mit dem Schlag neun dorthin.« Er hielt im Reden inne und zog den Brief zu Rate, der geöffnet auf seinem Bett lag. »Lassen Sie sich«, fuhr er nach einer Weile fort, »von dem Bibliothekar den dritten Band von Gibbons »Niedergang und Fall des römischen Kaiserreiches« geben. Darin schlagen Sie die Seiten achtundsiebenzig und neunundsiebenzig auf. Finden Sie zwischen diesen beiden Blättern ein Stück Papier, so nehmen Sie es an sich, aber ohne dass es jemand sieht, und bringen Sie es mir. Das ist alles, Dennis, und vergessen Sie dabei nicht, dass ich nicht eher meine Ruhe finden kann, bis ich Sie wiedersehe.«

Für gewöhnlich war Dennis durchaus nicht der Mann darnach, auf dem zu bestehen, was er seiner Würde schuldig sein zu müssen glaubte. Doch war er andererseits wieder ein sehr empfindliches menschliches Wesen, das sich wohlbewusst war der Bedeutung, welche ihm seine verantwortliche Stellung im Geschäft verlieh. Die sonderbare und geradezu beleidigende Zurückhaltung Sir Giles', für die er nicht einmal ein Wort der Entschuldigung hatte, erreichte jetzt die Grenze der Geduld Howmores.

»Ich sehe mit Bedauern«, sagte er, »dass ich meinen Platz in der Achtung meines Chefs verloren habe. Der Mann, dem Sie die Oberaufsicht über Ihre Angestellten und über Ihre Geschäfte anvertrauen, hat nach meiner unmaßgeblichen Meinung auch eine gewisse Berechtigung,- unter den gegenwärtigen Verhältnissen - ins Vertrauen gezogen zu werden.«

Jetzt war der Bankier seinerseits beleidigt.

»Ich gestehe Ihnen gern diese Berechtigung zu«, antwortete er, »so lange Sie an Ihrem Pult in meinem Geschäft sitzen. Aber gerade in diesen unruhigen Zeiten der Arbeitseinstellungen und anderer schlimmen Dinge ist dem Chef ein Vorrecht geblieben - er hat nicht aufgehört, ein Mensch zu sein, und hat daher auch nicht das Recht des Menschen verwirkt, Geheimnisse für sich zu haben. Ich kann in meinem Verhalten Ihnen gegenüber durchaus nichts finden, was Ihnen irgendeinen stichhaltigen Grund gewähren könnte, sich zu beklagen.«

Auf diese Abfertigung hin verbeugte sich Dennis stillschweigend und ging weg.

Bedeutete diese stumme Ergebung in sein Schicksal, dass er befriedigt war? Durchaus nicht, sie bedeutete gerade das Gegenteil. Dennis hatte sich überlegt, dass diese Geheimnisse des Sir Giles Mountjoy früher oder später aufhören würden, Geheimnisse für den ersten Kommis Sir Giles Mountjoys zu sein.

Zweites Kapitel

Den erhaltenen Befehlen getreulich nachkommend, ließ sich Dennis den dritten Band von Gibbons großem Geschichtswerk geben und fand zwischen der achtundsiebenzigsten und neunundsiebenzigsten Seite diesmal, was ihm der Beachtung mehr wert erschien.

Es war ein Blatt sehr feinen Papiers, von einer Anzahl kleiner Löcher durchbohrt, die ganz verschieden an Größe und mit der peinlichsten Sorgfalt ausgeführt waren. Nachdem er sich, sobald der Bibliothekar ihm den Rücken zugewendet, in den Besitz dieses merkwürdigen Gegenstandes gesetzt hatte, dachte Dennis Howmore über seinen Fund nach.

Ein Blatt Papier, zu irgendeinem bestimmten, unbekannten Zweck mit Löchern versehen, deren Bedeutung er nicht erraten konnte, war an sich schon ein höchst verdächtiges Ding. Und was flüsterte dieser Verdacht dem nachgrübelnden Geist des argwöhnischen Mannes in Südwest-Irland vor der Unterdrückung der Landliga zu? Ganz ohne Frage das Wort - Polizei.

Auf dem Rückweg zu seinem Herrn machte Dennis einen Besuch bei einem alten Freund, der als Zeitungsschreiber mancherlei Kenntnisse und große Erfahrung besaß. Aufgefordert, das merkwürdige Stück Papier zu betrachten und den Gegenstand zu bestimmen, womit diese Löcher gemacht worden seien, zeigte sich die zu Rate gezogene Autorität des in sie gesetzten Zutrauens würdig. Dennis verließ das Zeitungsbüro als ein erleuchteter Mann; er kannte jetzt die Geheimnisse Sir Giles', und das Gefühl der Erleichterung, das ihn bei diesen Gedanken überkam, machte sich höchst unehrerbietig in den Worten Luft: »Jetzt hab' ich ihn.«

Der Bankier blickte ratlos von dem Papier auf seinen ersten Kommis und von diesem wieder auf das Papier zurück und sagte endlich:

»Das verstehe ich nicht. Verstehen Sie es vielleicht?«

Dennis bewahrte immer noch den Schein der Unterwürfigkeit und bat um die Erlaubnis, eine Vermutung äußern zu dürfen. Dieser durchlöcherte Papierbogen sah nach seiner Meinung wie ein Rätsel aus.

»Wenn wir noch einen oder zwei Tage warten«, riet er seinem Herrn, »werden wir den Schlüssel dazu schon bekommen.«

Am nächsten Tag ereignete sich nichts. Am zweiten Tag aber stellte ein zweiter Brief eine kühne Anforderung an den nicht sehr geduldigen Sir Giles Mountjoy.

Schon das Kuvert war ein Rätsel in diesem Fall; das Postzeichen war »Ardoon«. Mit anderen Worten, der Schreiber hatte den Postmann als Boten benützt; während er oder sein Helfershelfer wirklich in der Stadt sich aufhielt, hatte er doch den Brief auf der Post aufgegeben, die nur ein paar Schritte von dem Bankhause entfernt lag. Der Inhalt bot ein undurchdringliches Rätsel; die Schrift machte den Eindruck, als ob sie von einem Verrückten herrührte; die Sätze befanden sich in einem unglaublichen Zustand der Verwirrung, und die Worte waren so verstümmelt, dass man sie gar nicht verstehen konnte. Diesmal lagen die Verhältnisse so, dass Sir Giles nicht anders konnte, als seinen ersten Kommis in das Geheimnis einzuweihen.

»Wir wollen mit dem Anfang beginnen«, sagte er. »Hier ist der Brief, den Sie auf meinem Bette liegen sahen, als ich Sie das erste Mal holen ließ. Ich fand ihn auf meinem Tisch, als ich an jenem Morgen erwachte. Wie er dorthin gekommen ist, das weiß ich nicht. Lesen Sie ihn.«

Dennis las wie folgt:

»Sir Giles Mountjoy! Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, welche ein Glied Ihrer Familie nahe berührt. Bevor ich wagen kann, mich zu erklären, muss ich versichert sein, dass ich Ihnen trauen darf, und als Beweis hiefür fordere ich von Ihnen, dass Sie die folgenden zwei Bedingungen erfüllen und zwar ohne den geringsten Zeitverlust. Ich darf Ihnen nicht meinen Namen und meine Adresse nennen. Die geringste Unvorsichtigkeit meinerseits könnte sehr verhängnisvoll werden für den wahren Freund, der diese Zeilen schreibt. Wenn Sie meine Warnung nicht beherzigen, werden Sie es bis an Ihr Lebensende bedauern.«

Die beiden in dem Briefe genannten Bedingungen brauchen wir nicht noch einmal mitzuteilen. Von ihnen ist schon berichtet worden bei Gelegenheit der Funde, die hinter dem Meilenstein und zwischen den Seiten von Gibbons Geschichte gemacht wurden. Sir Giles war schon zu dem Schluss gekommen, dass ein Anschlag auf sein Leben und vielleicht auf Beraubung des Bankhauses im Entstehen begriffen sei. Der vernünftigere Dennis wies auf das durchlöcherte Papier und das unverständliche Schreiben hin, welches der Bankier heute morgen erhalten hatte, und sagte:

»Wenn wir herausbekommen können, was dies bedeutet, dann werden Sie besser imstande sein, sich eine richtige Meinung zu bilden.«

»Und wer wird das können?« fragte der Bankier.

»Ich kann es nur versuchen, Sir«, lautete die bescheidene Entgegnung, »wenn Sie in einem Versuche meinerseits nicht etwa eine Anmaßung sehen.«

Sie Giles gab seine Zustimmung zu dem vorgeschlagenen Versuche durch stummes und spöttisches Nicken mit dem Kopfe zu erkennen.

Diesen zweiten Versuch ließ er zu einem glücklichen Ende kommenAber Dennis war ein vorsichtiger Mann und machte deshalb auch nicht gleich vollständigen Gebrauch von der ihm privatim gewordenen Belehrung; das hätte seinem Chef doch verdächtig vorkommen können. Er trug vielmehr Sorge, dass der erste Versuch ein erfolgloser war. Dann fragte er bescheiden, ob er noch einen zweiten Versuch machen dürfe, und diesen zweiten Versuch ließ er zu einem glücklichen Ende kommen. Er hob das durchlöcherte Papier in die Höhe und legte es sorgfältig auf den Brief, der das unverständliche Geschreibsel enthielt. Worte und Sätze erschienen jetzt durch die Löcher in der richtigen Anordnung und Folge. Der Inhalt war an Sir Giles gerichtet und lautete folgendermaßen:

»Ich spreche Ihnen meinen Dank aus für die pünktliche Erfüllung der gestellten Bedingungen. Sie haben zu Ihrem eigenen Besten mich zufriedengestellt. Gleichwohl ist es leicht möglich, dass Sie noch Bedenken tragen, einem Menschen zu trauen, der noch nicht imstande ist, Sie mit seiner Person bekannt zu machen. Aber die gefährliche Lage, in der ich mich befinde, zwingt mich, Sie noch um zwei oder drei Tage Frist zu bitten, bevor ich ohne Gefahr für mich eine Begegnung mit Ihnen herbeiführen und mich so Ihnen zu erkennen geben kann. Fassen Sie sich daher, bitte, in Geduld und wenden Sie sich um keinen Preis um Rat oder Schutz an die Polizei.«

»Diese letzten Worte«, erklärte Sir Giles, »sind entscheidend! Je eher ich unter dem Schutz des Gesetzes stehe, um so besser ist es für mich. Tragen Sie meine Karte auf das Polizeiamt.«

»Darf ich mir erst ein paar Worte erlauben, Sir?«

»Soll das heißen, dass Sie mit mir nicht übereinstimmen?«

»Ja, Sir.«

»Sie sind Ihr Lebtag eigensinnig gewesen, Dennis, und das nimmt zu, je älter Sie werden. Nun, das tut nichts; sprechen Sie sich nur deutlich aus. Wer ist denn nach Ihrer Ansicht die Person, auf welche es in diesen verwünschten Briefen abgesehen ist?«

Dennis Howmore nahm den ersten der beiden Briefe in die Hand und zeigte auf die Anfangsworte: »Sir Giles Mountjoy, ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, welche ein Glied Ihrer Familie nahe berührt.« Dennis wiederholte noch einmal nachdrücklich die Worte: »ein Glied Ihrer Familie.«

Sein Chef sah ihn erstaunt und fragend an.

»Ein Glied meiner Familie?« wiederholte nun Sir Giles seinerseits. »Nun, mein Freund, was denken Sie darüber? Ich bin ein alter Junggeselle und habe keine Familie.«

»Ihr Bruder ist auch noch da, Sir.«

»Mein Bruder lebt in Frankreich - ganz außer dem Bereiche jener Schurken, die mich bedrohen. Ich wollte, ich wäre bei ihm.«

»Ihr Bruder hat auch zwei Söhne, Sir Giles.«

»Gewiss; was ist da aber zu befürchten? Mein Neffe Hugh ist in London und hält sich von allen politischen Dingen fern. Ich hoffe über kurz oder lang von ihm zu hören, dass er sich verheiraten wird, wenn das beste und niedlichste Mädchen in England ihn haben will. Was ist jetzt dabei Schlimmes?«

Dennis erklärte:

»Ich will nur sagen, Sir, dass ich bei meinen Worten an Ihren andern Neffen gedacht habe.« Sir Giles lachte.

»Arthur in Gefahr?« rief er aus. »Der harmloseste junge Mann, der jemals gelebt hat? Das Schlimmste, was man von ihm sagen kann, ist, dass er sein Geld zum Fenster hinauswirft infolge seiner verrückten Idee, in Kerry ein Gut zu pachten.«

»Entschuldigen Sie, Sir Giles, dort, wo er sich jetzt befindet, ist aber nicht viel Gelegenheit, sein Geld wegzuwerfen. Niemand wird wagen, sein Geld zu nehmen. Ich traf gestern auf dem Markt einen von Herrn Arthurs Nachbarn. Ihr Neffe ist boykottiert.«

»Um so besser!« erklärte der hartnäckige Bankier. »Dann wird er wenigstens bald von der Verrücktheit, den Pächter zu spielen, geheilt werden und an den Platz zurückkehren, den ich für ihn in meinem Geschäft offen halte.«

»Gott gebe es!« sagte Dennis ernst und bewegt.

Einen Augenblick schwieg Sir Giles betroffen still. Dann frage er: »Haben Sie irgendetwas gehört, was Sie mir bis jetzt noch nicht gesagt haben?« »Nein, Sir. Ich habe nur an etwas gedacht, was Sie - verzeihen Sie den Ausdruck - vergessen zu haben scheinen. Der letzte Pächter dieses Gutes in Kerry weigerte sich, den Pachtzins zu entrichten. Herr Arthur hat also ein Gut gepachtet, das man ein weggenommenes Gut nennt. Es ist meine feste Überzeugung«, sagte der Buchhalter, indem er sich erhob und mit ernster Stimme sprach, »dass die Person, welche jene Briefe an Sie gerichtet hat, Herrn Arthur kennt und weiß, dass er sich in Gefahr befindet; sie versucht, durch Sie Ihren Neffen zu retten, und setzt dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel.« Sir Giles schüttelte den Kopf.

»Das nenne ich aber eine weit hergeholte Erklärung, Dennis. Wenn das, was Sie sagen, wahr ist, warum wandte sich denn der Schreiber dieser anonymen Briefe nicht geradenwegs an Arthur, anstatt an mich?«

»Ich habe soeben meine Ansicht darüber geäußert, Sir, dass nämlich der Schreiber des Briefes Herrn Arthur kennt.« »Ja, das haben Sie. Aber was besagt das?«

Dennis erklärte seine Worte.

»Jeder, der mit Herrn Arthur bekannt ist, weiß, dass der junge Mann neben allen möglichen guten Eigenschaften starrköpfig und tollkühn ist. Wenn ein Freund ihm sagen würde, er befände sich auf seinem Pachthof in Gefahr, das würde an sich genügen, ihn dort, wo er sich befindet, festzuhalten und der Gefahr Trotz zu bieten. Sie dagegen, Sir, sind bekannt als vorsichtig, bedachtsam und besonnen.« Er hätte hinzufügen können: feig und eigensinnig, engherzig und von maßlosem Eigendünkel besessen; aber der Respekt vor seinem Chef hatte seine Beobachtungsgabe schon seit einer langen Reihe von Jahren in dieser Hinsicht getrübt. Wenn manche mit einem Löwenherzen geboren sind, so hat die Natur anderen den Mut eines Esels verliehen. Dennis' Herz gehörte zu den anderen.

»Sehr hübsch gegeben«, entgegnete Sir Giles befriedigt. »Die Zeit wird lehren, ob man wegen einer so durchaus unbedeutenden Person, wie mein Neffe Arthur ist, sich einen Mord auf das Gewissen ladet. Die Anspielung auf ihn ist eine einfache Zweideutigkeit, welche nur bezwecken soll, dass ich weniger auf meiner Hut bin. Meine Stellung, mein Geld, mein Einfluss in der Gesellschaft machen mich zu einer öffentlichen Persönlichkeit. Gehen Sie jetzt gleich auf das Polizeiamt, und bringen Sie den ersten besten Beamten, den Sie dort im Dienst treffen, mit hieher.«

Der gute Dennis Howmore näherte sich nur sehr widerwillig der Türe. Bevor er jedoch das Ende des Zimmers, an dem sich der Ausgang befand, erreicht hatte, wurde die Tür von außen geöffnet. Einer der Markthelfer der Bank meldete einen Besuch.

»Miss Henley, Sir, wünscht zu wissen, ob Sie zu sprechen sind.« Sir Giles blickte angenehm überrascht auf. Lebhaft erhob er sich, um die Dame zu empfangen.

Drittes Kapitel

Wenn Iris Henley einmal stirbt, so wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach Freunde hinterlassen, welche ihrer gedenken und über sie sprechen, und bei diesem Gespräch mögen zufällig Fremde anwesend sein (in den meisten Fällen natürlich Frauen), deren Neugierde die Fragen stellen lässt, die sich auf die äußere Erscheinung und den Charakter der Verstorbenen beziehen. Keine Antworten werden jedoch den Fragenden eine wahrheitsgetreue Beschreibung geben. Miss Henleys hauptsächlichster Vorzug bestand in einer wunderbaren Beweglichkeit des Ausdrucks, welche jeden Wechsel in ihrem Denken und Fühlen widerspiegelte, besonders für zarte und empfindliche Frauennaturen. Wahrscheinlich aus diesem Grunde wird auch keine Schilderung ihrer Persönlichkeit mit der andern übereinstimmen. Keine Vergleiche werden eine richtige Anschauung von ihr geben. Das einzige Bild, welches von Iris gemalt worden ist, wird nur von parteiischen Freunden des Künstlers als getroffen bezeichnet. In und außerhalb Londons wurden photographische Aufnahmen von ihr gemacht. Sie haben die Ehre, in dieser einen Hinsicht den Porträts von Shakespeare zu gleiche - nebeneinander gesehen ist es nicht möglich, zu entdecken, dass sie ein und dieselbe Person darstellen. Was das Zeugnis anbetrifft, das das liebende Gedächtnis ihrer Freund gibt, so ist es sicherlich in letztem Grunde auch widersprechend. Sie hat ein angenehmes Gesicht, ein gewöhnliches Gesicht, ein kluges Gesicht - eine hässliche Gesichtsfarbe, eine zarte Gesichtsfarbe, überhaupt gar keine Farbe - Augen, die eine heftige Gemütsart, einen glänzenden Geist, einen festen Charakter, einen leidenschaftlichen Sinn, eine ehrliche Natur, hysterische Empfindlichkeit, unbezwingbaren Eigensinn verraten. Ihre Gestalt ist zu klein; nein, sie hat gerade die rechte Größe; nein, sie ist weder das eine noch das andere. Sie trägt sich elegant, oder ihr Anzug ist schäbig, ganz, wie man will; o gewiss nicht, ihr Anzug ist gediegen und einfach; nein, etwas mehr als das, herausfordernd, theatralisch einfach, getragen mit der deutlich ausgesprochenen Absicht, nicht so gekleidet zu sein wie die anderen. War denn diese Menge von Widersprüchen auch schon da, als Iris noch lebte? Ja und nein; ja - unter den Leuten; nein - nicht ohne Beschränkung. Der Mann, der sie von allen anderen am meisten hätte lieb haben sollen, war gerade derjenige, der sie am übelsten behandelte - ihr eigener Vater. Und als das arme Mädchen heiratete (wenn sie überhaupt geheiratet hat), wie viele von Ihnen haben denn der Hochzeit beigewohnt? - Keine von uns. Und als sie gestorben war, wer von Ihnen hat sie betrauert und beweint? Wir alle - was? Bei dieser besonderen traurigen Veranlassung gab es keine Meinungsverschiedenheit - wir stimmten damals, Gott sei Dank, alle überein.

Lassen wir die Jahre zurückrollen und Iris selbst sprechen in der denkwürdigen Zeit, da sie in der ersten Blüte der Jugend stand und ein bewegtes Leben noch vor ihr lag.

Viertes Kapitel

Als Miss Henleys Pate genoss Sir Giles gewisse Vorrechte. Er legte seine dicht behaarte Hand auf ihre Schulter und küsste sie auf beide Wangen. Nach dieser zärtlichen Begrüßung begann er sie auszufragen. Welches außerordentliche Zusammentreffen von Ereignissen hatte Iris bestimmt, London zu verlassen, und sie in sein Bankhaus nach Ardoon geführt?

»Ich wollte von Hause fort«, antwortete sei, »und da ich niemand habe als meinen Paten, zu dem ich gehen könnte, so bin ich hieher gekommen zu Ihnen.«

»Allein?« rief Sir Giles.

»Nein, ich habe mein Mädchen als Begleiterin mitgenommen.« »Nur Ihr Mädchen, Iris? Sie haben doch sicherlich unter den jungen Damen, die mit Ihnen gleichalterig sind, Bekannte!« »Bekannte - ja! Freundinnen - nein!«

»Hat denn Ihr Vater zu Ihrem Unternehmen seine Zustimmung gegeben?« »Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen?«

»Wenn ich kann - ja.«

»Verlangen Sie von mir keine Antwort auf Ihre letzte Frage.« Die bleiche Farbe, welche ihr Gesicht bedeckt hatte, als sie das Zimmer betrat, war verschwunden. Ebenso änderte sich der Ausdruck um ihren Mund. Die Lippen schlossen sich krampfhaft und verrieten einen unabänderlichen Entschluss, hervorgerufen durch das bestimmte Gefühl erlittenen Unrechts. Sie sah älter aus, als sie in Wirklichkeit war; wie sie einmal in zehn Jahren sein mochte, so war sie jetzt. Sir Giles verstand sie. Er stand auf und wanderte im Zimmer umher. Eine alte Gewohnheit, die er mit unendlicher Schwierigkeit, als er Baronet geworden war, unterdrückt hatte, kam von neuem zum Vorschein; er steckte seine Hände in die Taschen.

»Sie und Ihr Vater haben sich wieder einmal veruneinigt«, sagte er, vor Iris stehen bleibend.

»Ich leugne es nicht«, antwortete sie.

»Wer ist daran schuld?«

Sie lachte bitter.

»Die Frau ist immer der schuldige Teil.«

»Hat das Ihnen Ihr Vater gesagt?«

»Mein Vater erinnerte mich daran, dass ich an meinem letzten Geburtstag einundzwanzig Jahre alt geworden sei, und sagte mir, ich könnte tun, was mir beliebte. Ich verstand ihn und verließ das Haus.«

»Sie werden doch wohl zurückkehren?«

»Ich weiß nicht.«

Sir Giles begann wiederum das Zimmer zu durchschreiten. Seine markierten Züge, die von Unglück und Kampf im früheren Leben erzählten, zeigten Spuren von Missvergnügen und Trauer.

»Hugh versprach mir«, sagte er, »zu schreiben, hat es aber nicht getan. Ich weiß, was das bedeutet, und weiß auch, wodurch Sie Ihren Vater erzürnt haben. Mein Neffe hat Sie schon zum zweitenmale gebeten, seine Frau zu werden. Und zum zweiten Male haben Sie ihm eine abschlägige Antwort gegeben.«

Ihr Gesicht erhellte sich und erhielt seinen besseren und jüngeren Ausdruck wieder.

»Ja«, sagte sie traurig und niedergeschlagen, »ich habe ihn zum zweiten Male abgewiesen.« Sir Giles verlor seine Ruhe.

»Was in aller Welt haben Sie denn an Hugh auszusetzen?« brach er los.

»Mein Vater sagte dasselbe zu mir«, entgegnete sie, »fast mit den nämlichen Worten. Ich erzürnte ihn, als ich versuchte, ihm meine Gründe auseinanderzusetzen. Ich habe keine Lust, Sie auch noch böse zu machen.«

Er nahm keine Notiz von diesen letzten Worten.

»Ist Hugh nicht ein guter Junge?« fuhr er zu fragen fort. »Ist er nicht freundlich und gutherzig und ehrenhaft? Ist er nicht ein hübscher Mensch, wenn wir auch darauf kommen wollen?«

»Hugh ist alles das, was Sie sagen. Ich habe ihn gern, ich bewundere ihn, ich verdanke seiner Güte einige der glücklichsten Tage meines traurigen Lebens und bin ihm dankbar - o, von ganzem Herzen bin ich Hugh dankbar!«

»Wenn das wahr ist, Iris -«

»Jedes Wort davon ist wahr.«

»Wenn das wahr ist, sage ich - dann gibt es für Sie keine Entschuldigung, Iris. Ich hasse bei einem jungen Mädchen Eigensinn. Warum heiraten Sie ihn dann nicht?«

»Versuchen Sie es, wie ich zu fühlen«, antwortete sie sanft; »ich kann ihn nicht lieben.« Der Ton ihrer Stimme sagte dem Bankier mehr, als ihre Worte hätten ausdrücken können. Den geheimen Kummer ihres Lebens, der ihrem Vater bekannt war, kannte auch Sir Giles.

»Jetzt sind wir endlich auf das Richtige gekommen«, sagte er. »Sie können also meinen Neffen Hugh nicht lieben. Und Sie wollen mir den Grund dafür nicht sagen, weil Ihr empfindliches, zartes Gemüt davor zurückschreckt, mich zu erzürnen. Soll ich Ihnen den Grund nennen, mein Kind? Ich kann es mit zwei Worten - Lord Harry.«

Sie antwortete darauf nicht und gab überhaupt durch kein Zeichen zu erkennen, dass sie seine Worte verstanden hatte. Sie neigte den Kopf ein wenig und faltete die Hände auf ihrem Schoß; das hartnäckige Stillschweigen, das alles ertragen kann, machte ihr Gesicht hart und ihre Gestalt steif - das war aber auch alles.

Der Bankier war entschlossen, ihr nichts zu ersparen.

»Es ist leicht ersichtlich«, fuhr er fort, »dass Sie in Ihrer törichten Verblendung für diesen Lump noch immer befangen sind. Er mag gehen, wohin er will, an die verrufensten Orte und unter die gemeinsten, schlechtesten Menschen, er zieht Ihr Herz stets mit sich. Ich bin erstaunt, dass Sie sich nicht einer solchen Neigung schämen.«

Diese Worte trafen sie doch. Sie erhob sich lebhaft und antwortete ihm.

»Harry hat ein wildes Leben geführt«, sagte sie; »er hat sich schwere Vergehen zu schulden kommen lassen, und er mag es auch jetzt noch toller treiben, als er bisher getan hat. Zu welcher Erniedrigung, in welche schlechte Gesellschaft und Schulde dies ihn bringen mag, das sich auszumalen überlasse ich seinen Feinden. Ich sage Ihnen aber dies eine: er besitzt Eigenschaften, die das alles vergessen machen, die Sie und Leute Ihrer Art indessen niemals entdecken werden, weil Sie dazu viel zu wenig gute Christen sind. Er hat Freunde, die ihn noch würdigen können. - Ihr Neffe Arthur Mountjoy ist unter ihnen. O, ich weiß es durch Arthurs Briefe an mich! Verdammen Sie Lord Harry, so viel Sie wollen, er hat noch die Fähigkeit zu bereuen, sage ich Ihnen, und eines Tages - wenn auch wahrscheinlich zu spät, wie ich leider hinzusetzen muss - wird er es beweisen. Ich kann niemals seine Frau werden. Wir sind getrennt für immer; niemals wird es für uns wieder einen Anknüpfungspunkt geben. Aber er ist der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe, und er wird auch der einzige sein, den ich in Zukunft lieben werde. Wenn Sie glauben, dass diese Liebe den Beweis liefert, dass ich ebenso schlecht bin wie er, ich werde Ihnen nicht widersprechen. Weiß denn überhaupt einer von uns, wie schlecht er ist? Haben Sie neuerdings etwas von Harry gehört?«

Der plötzliche Übergang von der so ernsten und warmen Verteidigung des Mannes zu einer so gewöhnlichen, bedeutungslosen Frage nach ihm überraschte Sir Giles.

Er wusste im Augenblick nichts darauf zu erwidern; Iris hatte ihm zu denken gegeben. Sie hatte bewiesen, dass sie ihre heftigsten Gefühle zu beherrschen verstand gerade in dem Moment, wo sie sie zu überwältigen drohten, und das findet man selten bei jungen Mädchen. Wie man sie beeinflussen und leiten könnte, das war eine Aufgabe, deren Lösung ruhiger Überlegung bedurfte. Sein Eigensinn mehr noch als seine Überzeugung hatten den Bankier immer noch an der Hoffnung einer schließlichen Heirat seines Neffen mit Iris festhalten lassen, selbst dann noch, als Hughs Werbung zum zweiten Male einen abschlägigen Bescheid erhalten hatte. Sein ebenso starrköpfiges Patenkind war gekommen aus eigenem Antrieb, ihn zu besuchen. Sie hatte die Tage ihrer Kindheit nicht vergessen, in denen er einigen Einfluss auf sie gehabt und sich ihr liebevoller gezeigt hatte, als ihr Vater jemals gewesen war. Sir Giles erkannte, dass er gegen Iris einen falschen Ton angeschlagen. Sein Ärger hatte sie nicht beunruhigt, seine Meinung nicht beeinflusst. In Hughs Interesse beschloss er, zu versuche, was Überlegung und Nachsicht tun könnten, um sein Ansehen bei ihr zu vergrößern. Nachdem er gehört, dass ihr Mädchen und ihr Gepäck im Gasthof zurückgeblieben waren, bestand er darauf, dass sie in seinem Hause Wohnung nehme, und ließ das Mädchen samt den Sachen holen.

»So lange Sie in Ardoon bleiben, Iris, sind Sie mein Gast«, sagte er.

Sie machte ihm die Freude, seine Einladung bereitwillig anzunehmen, ärgerte ihn aber gleich nachher durch die nochmalige Frage, ob er nichts von Lord Harry gehört habe.

Er antwortete kurz und scharf:

»Ich habe nichts gehört. Was sind denn Ihre letzten Nachrichten über ihn?« »Nachrichten«, sagte sie, »die, wie ich zuversichtlich hoffe, sich als unwahr erweisen werden. Eine irische Zeitung wurde mir zugesandt, welche meldete, er sei der geheimen Gesellschaft beigetreten, die, wie ich fürchte, nichts Besseres ist als eine Mörderbande. Sie ist bekannt unter dem Namen der ,Unüberwindlichen'.« Gerade als sie diese furchtbare Verbindung erwähnte, kehrte Dennis Howmore von dem Polizeiamt zurück. Er brachte die Meldung, dass ein Sergeant da sei, um die Befehle Sir Giles' zu empfangen.

Fünftes Kapitel

Iris erhob sich, um zu gehen. Ihr Pate aber hielt sie höflich zurück.

»Warten Sie, bitte, hier so lange«, sagte er, »bis ich mit dem Sergeanten gesprochen habe. Ich werde Sie dann selbst in mein Haus bringen. Mein Kommis wird alles Nötige in mein Haus bringen. Sie sehen nicht sehr befriedigt aus. Gefällt Ihnen das von mir vorgeschlagene Arrangement nicht?«

Iris versicherte ihn, dass sie vollständig damit einverstanden sei. Zugleich aber gestand sie, dass sie die Entdeckung seines Verkehrs mit der Polizei etwas überrascht habe.

»Ich erinnere mich aber jetzt, dass wir in Irland sind«, fuhr sie fort, »und ich bin töricht genug, zu fürchten, Sie könnten in irgendwelcher Gefahr schweben. Ich hoffe jedoch, dass es sich nur um einen schlechten Scherz handelt.«

Nur ein schlechter Scherz! Außer anderen, zarteren Gefühlen, die Iris' herber Natur fehlten, hatte Sir Giles auch noch bemerkt, dass das junge Mädchen nur sehr unvollkommen seine angesehene soziale Stellung zu würdigen verstand. Das war ein neuer Beweis dafür. Der Versuchung zu widerstehen, seinem einsichtslosen Patenkind Gefühle der Angst - untermischt mit Bewunderung - zu erwecken dadurch, dass er sich als eine durch eine Verschwörung öffentliche Persönlichkeit hinstellte, das war mehr, als der Eitelkeit des Bankiers möglich war. Bevor er das Zimmer verließ, trug er Dennis auf, Miss Henley zu erzählen, was vorgefallen war, und sie selbst entscheiden zu lassen, ob er sich unnötigerweise durch das, was sie einen »schlechten Scherz« zu nennen beliebte, beunruhigen lasse.

Dennis Howmore müsste kein Mensch gewesen sein, wenn er eine Erzählung von den Ereignissen hätte geben können, die ganz unbeeinflusst von seiner eigenen Ansicht über die Lage der Dinge geblieben wäre. Bei der ersten Erwähnung von Arthur Mountjoys Namen zeigte Iris ein plötzlich so reges Interesse für die eigentümliche Geschichte, dass Dennis überrascht seinen Bericht durch die Frage unterbrach:

»Kennen Sie Herrn Arthur?«

»Ihn kennen?« wiederholte sie. »Er war mein Spielkamerad, als wir beide noch Kinder waren. Er ist mir so lieb, als wenn er mein Bruder wäre. Sagen Sie mir's nur gleich ganz offen - schwebt er wirklich in Gefahr?«

Dennis wiederholte getreulich das, was er schon Sir Giles hierüber gesagt hatte. Miss Henley stimmte mit ihm in allen Punkten überein und fühlte das lebhafteste Verlangen, Arthur über seine Lage aufzuklären und zu warnen. Aber es gab keine telegraphische Verbindung mit der Ortschaft, in deren Nähe sein Gut lag. Sie konnte ihm nur schreiben, und das tat sie auch und schickte den Brief noch am gleichen Tag ab, ohne ihn Dennis zu zeigen, aus Gründen, die sie nur persönlich angingen. Wohl bekannt mit der innigen Freundschaft, welche Lord Harry und Arthur Mountjoy verband, und in Erinnerung an den Zeitungsbericht über den tollkühnen Anschluss des irischen Lords an die »Unüberwindlichen«, identifizierten ihre Befürchtungen den vornehmen Vagabunden mit dem Schreiber der anonymen Briefe, welche so ernstliche Bedenken für feine Sicherheit in ihrem Paten geweckt hatten.

Als Sir Giles zurückkam und sie mit sich in feine Wohnung nahm, sprach er über seine Unterredung mit dem Sergeanten in Ausdrücken, die ihre Furcht betreffs dessen, was sich in Zukunft ereignen wurde, nur vergrößerte. Sie war ein trauriger und stiller Gast während der Zeit, die vergehen musste, ehe sie eine Antwort Arthurs auf ihren Brief erhalten konnte. Der Tag kam; aber die Post brachte ihr keine Erlösung aus ihrer Angst. Auch der nächste ging vorbei, ohne dass der heiß ersehnte Brief gekommen war. Am Morgen des vierten Tages stand Sir Giles später als gewöhnlich auf. Die Korrespondenz wurde ihm vom Geschäft gerade, während er am Frühstückstische saß, zugesandt. Nachdem er einen der Briefe geöffnet und durchgelesen hatte, schickte er sofort in größter Eile einen Boten auf das Polizeiamt.

»Sehen Sie hier!« sagte er zu Iris und reichte ihr den Brief. »Hält mich denn der Mordgeselle für einen Narren?« Sie las folgende Zeilen:

»Unvorhergesehene Ereignisse zwingen mich, Sir Giles, ein gefährliches Wagnis auszuführen. Ich muss Sie sprechen. Das kann aber nicht am Tage sein; meine einzige Hoffnung auf Sicherheit beruht in der Dunkelheit. Wir wollen uns am ersten Meilenstein auf der Straße nach Garvan, wenn der Mond um zehn Uhr abends untergeht, treffen. Ihren Namen zu nennen ist nicht nötig. Die Parole lautet: ,Treue'«

»Und wollen Sie gehen?« fragte Iris.

»Ob ich ermordet werden will?« fuhr Sir Giles auf.   »Mein liebes Kind, versuchen Sie doch erst, es sich zu überlegen, bevor Sie sprechen. Der Sergeant wird natürlich an meiner Stelle hingehen.«

»Und den Mann arretieren?« fügte Iris hinzu.

»Gewiss!«

Mit dieser wenig tröstlichen Antwort eilte der Bankier hinaus, um den Polizeimann in dem andern Zimmer zu empfangen. Iris sank in den nächsten Stuhl. Die Wendung, welche die Sache jetzt genommen hatte, erfüllte sie mit unaussprechlicher Angst.

Sir Giles kam nach nicht sehr langer Zeit zurück, beruhigt lächelnd; die ganze Angelegenheit hatte einen ihn vollständig befriedigenden Verlauf genommen.

Der Sergeant sollte sich zu der verabredeten Zeit an den Meilenstein begeben und so in der Dunkelheit den Bankier vorstellen und die Parole nennen. Zwei seiner Leute sollten ihm folgen und in Ruhe warten, bis sein Pfiff ihnen sagte, dass ihre Hilfe erforderlich sei.

»Ich will den Schurken sehen, wenn er sicher gefesselt ist, und habe es daher so eingerichtet, dass ich um Mitternacht die Polizei in meinem Comptoir erwarte.«

Es blieb nur ein verzweifelter Weg offen, den Iris jetzt noch einschlagen konnte, um den Mann zu retten, der sein Vertrauen auf ihres Paten Ehre gesetzt hatte und dessen guter Glaube schon so schmählich betrogen worden war. Niemals hatte sie den geächteten irischen Lord - den Mann, den zu heiraten ihr versagt war, und zwar aus guten Gründen versagt - so geliebt wie in diesem Augenblick.  Mochte das Wagnis noch so gefährlich sein, dem entschlossenen jungen Mädchen war eines klar, der Sergeant durfte und sollte nicht der einzige sein, der an den Meilenstein ging und dort die Parole nannte. Dafür war ein dem Lord Harry mit Leib und Seele ergebener Freund da, auf den sie immer bauen konnte - und dieser Freund war sie selbst.

Sir Giles begab sich wieder in das Bankhaus, um nach den Geschäften zu sehen. Iris wartete, bis die Uhr die Stunde anzeigte, zu der die Dienerschaft zu essen pflegte. Dann stieg sie leise die Treppe hinunter, die zu dem Ankleidezimmer ihres Paten führte. Sie öffnete die Garderobenkammer und entdeckte in der einen Ecke einen großen und weiten spanischen Mantel und in der andern Ecke einen breitkrempigen Filzhut, den der Bankier bei Ausflügen aufs Land zu tragen pflegte. Damit konnte sie sich in Anbetracht der Dunkelheit für ihren Zweck genügend verkleiden.

Als sie das Ankleidezimmer wieder verließ, fiel ihr eine Vorsichtsmaßregel ein, die sie auch sofort befolgte. Sie sagte ihrem Mädchen, sie habe mehrere Besorgungen in der Stadt zu machen, und ging weg. Auf der Straße fragte sie den ersten anständig aussehenden Fremden, der ihr begegnete, nach der Straße von Garvan. Ihre Absicht war, noch bei Tage bis zu dem ersten Meilenstein zu gehen, damit sie sicher sein könnte, dass sie ihn auch bei Nacht finden würde. Sie merkte sich genau die verschiedenen Gegenstände am Wege, als sie zum Hause des Bankiers zurückkehrte.

Als die verabredete Zeit der Begegnung näher rückte, wurde Sir Giles zu ungeduldig, zu unruhig, um zu Hause warten zu können. Er begab sich auf das Polizeiamt, begierig zu hören, ob den Behörden wieder eine neue geheime Verschwörung bekannt geworden sei.

In dieser Jahreszeit wurde es schon bald nach acht Uhr dunkel. Um neun Uhr versammelten sich die Dienstboten zum Abendessen. Sie waren zu diesem Zweck alle im Untergeschoss und erwarteten unter lebhaften Gesprächen das Essen.

Als die Glocke neun Uhr schlug, hüllte sich Iris in ihre Verkleidung, um zur rechten Zeit an den verabredeten Ort zu kommen, ohne auf dem Wege dem Sergeanten zu begegnen. Sie verließ, von niemand bemerkt, das Haus. Wolken bedeckten den Himmel. Der abnehmende Mond war nur zuweilen sichtbar, als sie auf der Straße nach Garvan dem Meilenstein zueilte.

Sechstes Kapitel

Der Wind erhob sich ein wenig, und die Spalten in den Wolken begannen breiter zu werden, als Iris die Landstraße erreichte.

Eine Zeit lang erhellte der Schimmer des trüben Mondlichts den Weg vor ihr. Soviel sie erkennen konnte, bevor sich der Himmel wieder verfinsterte, hatte sie schon mehr als die Hälfte der Entfernung zwischen der Stadt und dem Meilenstein zurückgelegt. Die Gegenstände zu beiden Seiten des Weges lagen im Dunkeln und waren daher nur schwer zu unterscheiden. Ein leichter Sprühregen begann niederzufallen. Der Meilenstein befand sich, wie sie von dem Spaziergang, den sie am hellen Tag hieher gemacht hatte, noch wusste, auf der rechten Seite der Straße. Der Stein war aber wegen seiner stumpfen grauen Farbe in der herrschenden Finsternis nicht leicht zu entdecken.

Der Gedanke beunruhigte sie, sie könnte schon an dem Meilenstein vorübergegangen sein. Sie blieb stehen und betrachtete den Himmel.

Der Regen hatte wieder aufgehört, und es war begründete Aussicht vorhanden, dass die Wolken sich von neuem zerteilen und so das Mondlicht durchscheinen lassen würden. Sie wartete. Schwach und trübe fielen die letzten Strahlen des untergehenden Mondes auf die dunkle Erde. Vor ihr war nichts zu sehen als der Weg. Iris blickte zurück und entdeckte den Meilenstein.

Eine roh zusammengefügte Steinmauer schützte den Weg auf jeder Seite. Ungefähr hinter dem Meilenstein befand sich ein Loch in dieser Mauer, zum Teil von einem Gestrüpp verdeckt. Eine halb zerstörte Schleuse überwölbte einen ausgetrockneten Graben und bildete eine Brücke, die von der Straße auf das Feld führte. Hatte sich die Polizei nun das Feld ausgesucht, um sich zu verstecken? Nichts war zu erkennen als ein Fußpfad und darüber hinaus ein nur undeutlich wahrnehmbarer Strich angebauten Landes. Während sie diese Entdeckungen machte, begann der Regen wieder zu fallen. Die Wolken zogen sich von neuem zusammen; das Mondlicht verschwand.

In demselben Augenblick stieg vor ihrem Geist ein Hindernis auf, das Iris bis jetzt nicht im entferntesten in Betracht gezogen.

Lord Harry konnte sich nämlich von drei verschiedenen Seiten dem Meilenstein nähern, das heißt, entweder auf dem Weg, der von der Stadt herkam, oder auf dem Weg, der aus dem offenen Land zu dem Meilenstein führte, oder endlich drittens auf dem Fußpfad über das Feld und die halb verfallene Grabenüberbrückung. Wie konnte sie sich nun so aufstellen, dass sie imstande sein würde, ihn zu warnen, bevor er in die Hände der Polizei fiel? Alle drei Annäherungswege in der Dunkelheit der Nacht und zu ein und derselben Zeit zu überwachen, war einfach unmöglich.

Ein Mann in dieser Lage würde, geleitet von der Vernunft, aller Wahrscheinlichkeit nach die kostbare Zeit mit vergeblichen Versuchen, die richtige Entscheidung zu treffen, vergeudet haben. Ein Weib aber, von Liebe beherrscht, überwindet die Schwierigkeit in dem Augenblick, da sie sich ihr entgegenstellt.

Iris beschloss, zu dem Meilenstein zurückzukehren und dort zu warten, bis die Polizei sie bemerken und verhaften würde. Wenn dann Lord Harry pünktlich zur verabredeten Stunde kommen würde, so würde er als notwendige Folge der Verhaftung Stimmen und Geräusch vernehmen und noch zur rechten Zeit entfliehen können. Im Fall er aber zu spät käme, so würde die Polizei mit ihrem Fang schon wieder auf dem Rückweg nach der Stadt sein; er würde niemand mehr am Meilenstein finden und denselben ungefährdet wieder verlassen können.

Sie stand eben im Begriff, sich umzudrehen und auf die Straße zurückzugehen, als etwas auf der dunklen Fläche des Feldes undeutlich sichtbar wurde, was wie ein tieferer Schatten aussah. Im nächsten Moment hatte es den Anschein, als ob es ein Schatten wäre, der sich bewegte. Sie eilte darauf zu. Als sie näher kam, sah der Schatten aus wie ein Mann. Der Mann blieb stehen.

»Die Parole?« fragte er mit vorsichtig gedämpfter Stimme.

»Treue!« antwortete sie flüsternd.

Es war zu dunkel, um die Gesichtszüge des Mannes erkennen zu können; Iris jedoch erkannte ihn an seiner hohen Gestalt und an dem Tonfall der Stimme, in dem er nach dem Losungswort gefragt hatte. Da er sie seinerseits irrigerweise für einen Mann hielt, trat er einen Schritt wieder zurück. Sir Giles Mountjoy war ungefähr von mittlerer Größe; der Fremde dagegen in dem Überrock, der ihm die Worte zugeflüstert hatte, war untersetzter.

»Sie sind nicht die Person, welche ich hier anzutreffen erwartet hatte,« sagte er. »Wer sind Sie?« Ihr Aufrichtigkeit liebendes Herz verlangte darnach, ihm die Wahrheit zu gestehen. Die Versuchung, sich zu entdecken und ihrer Freude darüber Ausdruck zu geben, dass es ihr möglich gewesen sei, ihn zu retten, würde ihre Zurückhaltung überwunden haben, wenn nicht ein Geräusch auf dem Wege hinter ihnen an ihr Ohr gedrungen wäre. In der ringsum herrschenden Stille war aber ein Irrtum unmöglich. Es war das Geräusch von Fußtritten.

Sie fand gerade noch Zeit, ihm zuzuflüstern: »Sir Giles hat Sie verraten. Retten Sie sich!« »Ich danke Ihnen, wer Sie auch sein mögen.« Mit diesen Worten verschwand er plötzlich und schnell in der Finsternis. Iris erinnerte sich der Brücke über den Graben und ging nach ihr hin. Dort unter dem Bogen fand sie einen passenden Platz, sich zu verbergen, wenn sie noch zur rechten Zeit in den ausgetrockneten Graben gelangen konnte.  Sie stand eben im Begriff, sich mit den Füßen bis an den Rand desselben vorwärts zu tasten, als eine feste Hand ihren Arm ergriff und eine Stimme in gebietendem Ton sagte:

»Sie sind mein Gefangener.«

Sie wurde auf den Weg zurückgeführt. Der Mann, der sie fest gefasst hielt, ließ einen lauten Pfiff ertönen. Sofort tauchten noch zwei andere Männer aus dem Dunkel auf.

»Machen Sie Licht,« befahl der erstere, »damit wir sehen, wer der Kerl ist.« Der Schieber an der Blendlaterne wurde zur Seite geschoben; das Licht fiel voll auf das Gesicht des Gefangenen. Die beiden Begleiter des Polizeisergeanten waren vor Staunen ganz starr. Dieser selbst, ein frommer Katholik, brach in den Ruf aus: »Heilige Maria! Das ist ja eine Frau!«

Nahmen denn die geheimen Gesellschaften Irlands auch Frauen auf? War das eine moderne Judith, welche anonyme Briefe schrieb und sich verpflichtet hatte, einen Finanz-Holofernes, der eine Bank hielt, zu töten? Was hatte sie über sich selbst auszusagen? Wie kam sie dazu, auf einem öden Feld in regnerischer Nacht sich allein aufzuhalten? Anstatt aber auf diese Fragen zu antworten, zog die rätselhafte Fremde eine kühle und kurze Entgegnung vor.

»Bringen Sie mich zu Sir Giles!« Das war alles, was sie zu den Polizeibeamten sagte.

Der Sergeant hatte die Handfesseln bereit, ließ sie aber, nachdem er beim Schein der Laterne die feinen Handgelenke der Gefangenen gesehen hatte, gleich wieder in seiner Tasche verschwinden.

»Eine Lady, da gibt's gar keinen Zweifel,« sagte er zu dem einen seiner Begleiter.

Seine beiden Untergebenen warteten mit boshaftem Interesse, um zu sehen, was er wohl zunächst anfangen würde. Die Liste der rühmlichen Eigenschaften ihres frommen Vorgesetzten enthielt auch Parteilichkeit für die Frauen, welche immer die gnadenreiche Seite der Gerechtigkeit walten ließ, wenn der Übeltäter einen Unterrock trug.

»Wir werden Sie zu Sir Giles bringen, Miss,« sagte er und bot ihr anstatt der Handfesseln seinen Arm. Iris verstand ihn und nahm das Anerbieten an.

Sie verhielt sich schweigsam - ganz unverantwortlich schweigsam, wie die Männer dachten - auf dem Weg nach der Stadt. Einige Male hörten sie sie seufzen, und einmal klang der Seufzer mehr wie ein Schluchzen; sie ahnten nichts von dem, was in der Seele des jungen Mädchens während der Zeit vorging.

Der eine Gegenstand, welcher die Gedanken von Iris ganz in Anspruch genommen hatte, war die Rettung Lord Harrys. Nachdem diese gelungen, hatten ihre nun von der Sorge darum befreiten Gedanken sie jetzt an Arthur Mountjoy erinnert.

Es war schlechterdings unmöglich, daran zu zweifeln,  dass die vorgeschlagene Zusammenkunft an dem Meilenstein den Zweck haben sollte, Sicherheitsmaßregeln für das Leben des jungen Mannes zu ergreifen. Ein Feigling ist immer mehr oder minder grausam. Die Handlungsweise von Sir Giles, ebenso hinterlistig wie unmenschlich, durch die er für die Sicherheit seines eigenen Lebens sorgen zu müssen glaubte, hatte Lord Harrys edles Vorhaben aufgeschoben, vielleicht sogar gänzlich vereitelt. Die Möglichkeit lag nahe, furchtbar nahe, dass es nur durch eine geschickte und pünktliche Benützung der Zeit möglich gewesen wäre, Arthur vor dem Tode durch Mörderhand zu bewahren. In der Gemütserregung, welche sie ergriffen hatte, trieb sie die Polizeibeamten ordentlich zur Eile an bei der Rückkehr in die Stadt.

Siebentes Kapitel

Sir Giles hatte es so eingerichtet, dass er auf den Bericht über den Verlauf der Sache in seinem Privatzimmer in dem Bankhause harrte, und so befand er sich denn dort in Gesellschaft von Dennis Howmore in gespannter Erwartung der kommenden Dinge.

Der Polizeisergeant betrat zuerst allein das Zimmer des Bankiers, um seinen Bericht zu erstatten. Er ließ die Tür offen stehen, so dass Iris alles hören konnte, was in dem Zimmer gesprochen wurde.

»Haben Sie Ihren Gefangenen erwischt?« begann Sir Giles.

»Ja, Euer Gnaden.«

»Ist der Schurke auch genügend gefesselt?«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir, aber es ist gar kein Mann.« »Unsinn, Sergeant, es kann doch unmöglich ein Knabe sein.« Der Sergeant erklärte, es sei allerdings kein Knabe. »Es ist eine Frau!« sagte er.

»Was???«

»Eine Frau,« wiederholte der geduldige Beamte, »und zwar eine junge. Sie fragte nach Ihnen.« »Bringen Sie die Person herein.«

Iris gehörte nicht zu den Menschen, die warten, bis sie hineingeführt werden. Sie trat aus eigenem Antrieb in das Zimmer.

»Herr Gott im Himmel,« schrie Sir Giles, »Iris, Sie?! In meinem Überrock und mit meinem Hut in der Hand! - Sergeant, das ist ja ein furchtbarer Irrtum. Die Dame hier ist mein Patenkind, Miss Henley.«

»Wir fanden sie bei dem Meilenstein, Euer Gnaden. Diese junge Dame und sonst niemand.« Sir Giles wendete sich hilflos an sein Patenkind:

»Was soll das heißen?«

Anstatt zu antworten, warf Iris einen Seitenblick auf den Sergeanten. Der Beamte, der sich seiner Verantwortlichkeit bewusst war,  ließ sich nicht irre machen und blickte seinerseits Sir Giles an. Aber sein Gesicht zeigte deutlich, dass das jedem Irländer angeborene lebhafte Gefühl für Humor gekitzelt war; er verriet jedoch nicht die Absicht, das Zimmer zu verlassen. Sir Giles erkannte, dass sich das junge Mädchen in Gegenwart des Mannes auf keine Erklärung einlassen würde, und sagte daher:

»Sie brauchen nicht länger zu warten.«

»Bitte, was soll mit der Gefangenen geschehen?« erkundigte sich der Sergeant.

Sir Giles beantwortete diese höchst unnötige Frage durch eine abwinkende Bewegung seiner Hand. Er war dreifach verantwortlich - als Baronet, als Bankier und als Handelsrichter.

»Ich werde dafür sorgen,« entgegnete er, »dass Miss Henley erscheint, wenn das Gericht es verlangt. Gute Nacht!« Dem Pflichtgefühl des Sergeanten war Genüge getan. Er grüßte militärisch und bezeigte seine Ehrerbietung der jungen Dame gegenüber artig durch eine Verbeugung. Darauf schritt er würdevoll aus dem Zimmer.

»Jetzt darf ich,« begann Sir Giles, »wohl annehmen, dass ich eine Erklärung erhalte. Was hat dieses sonderbare, unpassende Benehmen zu bedeuten? Was hatten Sie an dem Meilenstein zu tun?«

»Ich habe die Person gerettet, welche die Zusammenkunft mit Ihnen verabredet hatte,« sagte Iris, »den armen Menschen, der nichts Schlimmes gegen Sie im Sinn hatte, der im Gegenteil alles aufs Spiel setzte, um Ihren Neffen zu erretten. O, Sir, Sie haben einen verhängnisvollen Fehler begangen, dass Sie diesem Mann nicht getraut haben!«

Sir Giles hatte sich auf Äußerungen von Furcht und demütige Entschuldigungen ihrerseits gefasst gemacht, und jetzt antwortete sie ihm entrüstet mit zornig erregter Stimme und mit Tränen in den Augen. Das Bewusstsein seiner eigenen Würde wurde dadurch auf das empfindlichste verletzt.

»Wer ist denn eigentlich der Mensch, von dem Sie sprechen?« fragte er in hochmütigem Ton. »Und was haben Sie für eine Entschuldigung, dass Sie nach dem Meilenstein gegangen sind, um ihn zu retten - verkleidet mit meinem Überrock und unter meinem Hut verborgen?«

»Verschwenden Sie doch nicht die kostbare Zeit mit Fragen!« lautete die verzweifelte Antwort. »Suchen Sie das Unglück ungeschehen zu machen, das Sie schon angerichtet haben! Ihr Dazutun - o, ich weiß genau, was ich sage! - kann vielleicht allein noch Ihren Neffen Arthur vor einem schweren Unglück bewahren. Gehen Sie auf sein Gut und retten Sie ihn!«

Sir Giles verlegte sich jetzt auf eine andere Tonart; er nahm plötzlich die mehr oder minder gut gemachte Miene der Bereitwilligkeit an, zog seine Uhr aus der Tasche und betrachtete sie spöttisch.

»Muss ich mich entschuldigen?« fragte er scheinbar Zerknirscht.

»Nein, Sie müssen nur so schnell als möglich gehen.«

»Gestatten Sie, Miss Henley, dass ich Sie darauf aufmerksam mache, dass der letzte Zug schon seit zwei Stunden abgefahren ist.«

»Was tut das? Sie sind reich genug, um einen Extrazug zu nehmen.« Jetzt konnte sich Sir Giles, der Schauspieler, nicht länger verstellen; er ließ die Maske fallen und wurde wieder Sir Giles, der Mann, der er in Wirklichkeit war. Durch ein energisches Läuten mit der Glocke rief er Dennis herbei.

»Begleiten Sie Miss Henley nach Hause,« sagte er und fuhr, sich an Iris wendend, in strengem Ton fort: »Sie haben Zeit, während der noch übrigen Nachtstunden wieder Ihre fünf Sinne zu sammeln. Morgen früh will ich dann Ihre Entschuldigungen hören.«

Am nächsten Morgen stand das Frühstück wie gewöhnlich um neun Uhr bereit. Sir Giles befand sich aber allein an dem Tisch.

Er ließ einer der Dienerinnen sagen, sie möge an Miss Henleys Zimmertür klopfen. Sir Giles musste ziemlich lange warten, bis die Wirtschafterin in sehr erregtem Zustand selbst vor ihm erschien. Sie war in höchst eigener Person die Treppen hinaufgestiegen,  um  den Befehl  des Herrn  auszuführen.

Aber Miss Henley befand sich nicht in ihrem Zimmer, und ebensowenig ihr Kammermädchen. Doch waren die Betten während der Nacht zum Schlafen benützt worden. An dem schweren Gepäck hingen Zettel mit der Aufschrift: »Wird vom Hotel abgeholt werden.« Das war alles, was die verschwundene Iris an sichtbaren Zeugen ihrer Anwesenheit in diesen Räumen zurückgelassen hatte.

Sir Giles ließ im Hotel nachfragen. Die junge Dame war dort mit ihrem Mädchen sehr früh am Morgen erschienen. Sie hatten ihre Reisetaschen bei sich, und Miss Henley hatte die Weisung gegeben, dass das schwerere Gepäck bis zu ihrer Rückkehr unter der Obhut des Wirtes bleiben sollte. Was sie selbst zu tun vorgehabt hatte, das wusste niemand.

Sir Giles war zu aufgebracht, als dass er sich hätte erinnern können, was Iris in der vergangenen Nacht zu ihm gesagt, oder dass er hätte erraten können, welcher Grund sie zur Abreise bewogen hätte.

»Ihr Vater hat schon Ärger und Streit mit ihr gehabt,« sagte er, »und jetzt geht mir's ebenso.« Seine Dienstboten empfingen den bestimmten Befehl, Miss Henley nicht wieder ins Haus hereinzulassen, wenn sie etwa gar die Kühnheit haben sollte, zu ihrem Paten zurückzukehren.

Achtes Kapitel

Am Nachmittag desselben Tages langte Iris in der Ortschaft an, welche in der nächsten Nachbarschaft von Arthur Mountjoys Pachtgut gelegen war.

Die allgemeine Erregung, mit anderen Worten der Hass gegen England, der wie eine ansteckende Krankheit die Gemüter der Irländer ergriffen hatte, war sogar bis zu diesem weltentlegenen Orte gedrungen. Auf den Stufen, die in seine kleine Kapelle führten, stand der Priester, der, selbst ein Bauer, zu seinen Brüdern in lautem, lebhaftem Ton sprach. Ein Irländer, der seinem Gutsherrn den Zins zahlte, war ein Verräter an seinem Vaterland; derjenige aber, der sein freies, angeborenes Recht auf das Land behauptete, war ein erleuchteter Patriot. Das war das neue Gesetz, welches der ehrwürdige Herr seiner aufmerksamen Zuhörerschaft vorpredigte. Wenn seine Brüder gern von ihm wissen möchten, wie sie dieses Gesetz in Anwendung bringen sollten, so wolle er auf den treulosen Irländer Arthur Mountjoy hinweisen und ihnen sagen: »Kauft nichts von ihm und verkauft nichts an ihn; geht ihm aus dem Weg, wenn er sich euch nähert; hungert ihn auf seinem Gut aus. Ich könnte noch mehr sagen, Freunde - ihr wisst schon, was ich meine!«

Den letzten Teil dieser rednerischen Leistung mit anhören zu müssen, ohne ein Wort des Widerspruchs dagegen äußern zu dürfen, war eine harte Prüfung ihrer Selbstüberwindung und Geduld, die Iris erzittern ließ. Erst in zweiter Linie machte sich bei ihr als eine durch die Ansprache des Priesters hervorgerufene Wirkung geltend, dass sich in ihrem Geist die Überzeugung von der Arthur drohenden Gefahr mit zehnfach verstärkter Zähigkeit festwurzelte. Nach dem, was sie soeben gehört hatte, konnte die geringste Verzögerung der Bewahrung seiner Sicherheit das beklagenswerteste Ergebnis zur Folge haben. Sie setzte einen barfüßigen Knaben, der außerhalb der den Priester umdrängenden Menge stand, durch das Geschenk eines Sechspencestückes in nicht geringes Erstaunen und erkundigte sich nach dem zur Besitzung Arthurs führenden Weg. Der kleine Irländer lief rasch vor ihr her, ernstlich bemüht, der freigebigen jungen Dame zu beweisen, wie brauchbar er schon sein konnte. In weniger denn einer halben Stunde stand Iris mit ihrem Kammermädchen vor der Tür des Gutshauses. Nichts von derartigen nützlichen Erfindungen der Zivilisation wie eine Glocke oder ein Klopfer war zu entdecken. Der Junge nahm statt dessen seine Fäuste und lief eilends davon, als er an der innern Seite den Schlüssel im Türschloss sich drehen hörte. Er fürchtete, gesehen zu werden, wenn er mit einem Bewohner der »verfemten Farm« spräche.

Eine einfach gekleidete alte Frau erschien und fragte argwöhnisch, was die Damen wünschten. Der Akzent, mit dem sie sprach, war der unverfälscht englische. Als Iris nach Mr. Arthur Mountjoy fragte, lautete die Antwort: »Nicht zu Hause.« Darauf versuchte die Haushälterin, die Tür wieder zu schließen.

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte Iris; »die Jahre haben Sie zwar verändert, aber in Ihrem Gesicht liegt etwas, was mir nicht ganz fremd ist. Sind Sie Mrs. Lewson?«

Die Alte erwiderte, dies sei ihr Name.

»Aber wie kommt es, dass Sie mir ganz unbekannt sind?« fragte sie misstrauisch.

»Wenn Sie lange in Mr. Mountjoys Diensten gewesen sind,« antwortete Iris, »so werden Sie ihn vielleicht von Miss Henley haben sprechen hören?«

Das Gesicht der alten Frau erstrahlte sofort in freudigem Glanz; sie riss mit einem frohen Ausruf des Wiedererkennens die Türe weit auf.

»Treten Sie ein, Miss, treten Sie ein! Wer hätte gedacht, Sie an diesem schrecklichen Ort zu sehen! Ja, ich war die Kinderfrau, unter deren Obhut Sie alle drei - Sie, Miss, Mr. Arthur und Mr. Hugh - zusammen gespielt haben!«

Ihre Augen ruhten mit Wohlgefallen auf ihrem Liebling vergangener Tage. Ihre feinfühlige Sympathie deutete Iris diesen Blick. Liebevoll bot sie der alten Wärterin die Wange zum Kuss. Nachdem sie dieser herzlichen Aufforderung Folge geleistet hatte, brach die Fassung der armen alten Frau zusammen; sie entschuldigte ihre Tränen mit den Worten:

»Wie oft ich jener, ach, so glücklichen Zeit denken musste, Miss, werden Ihnen diese Tränen erzählen, - wenn Sie sie selbst nicht vergessen haben!«

Als sie das Empfangszimmer betraten, war der erste Gegenstand, den Iris erblickte, der Brief, den sie an Arthur geschrieben hatte; er lag noch uneröffnet auf dem Tisch.

»Er ist also wirklich nicht zu Hause?« fragte sie mit dem frohen Gefühl der Erleichterung.

Er war schon länger als eine Woche von dem Gut abwesend gewesen. Hatte er von einer andern Seite eine Warnung erhalten und in weiser Vorsicht sein Heil in der Flucht gesucht? Das Erstaunen, welches sich in dem Gesicht der Haushälterin ausdrückte, verlangte eine nähere Erklärung. Iris bekannte ohne Zurückhaltung die Gründe, die sie zu der Reise veranlasst hatten, und erkundigte sich angelegentlich darnach, ob ihre Annahme unrichtig gewesen sei, dass sich Arthur in der ernstlichen Gefahr, ermordet zu werden, befunden hätte.

Mrs. Lewson schüttelte den Kopf. Es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, dass Arthur in Gefahr schwebte; aber Iris hätte seine Natur besser kennen sollen, als dass sie glauben konnte, er habe sich dem drohenden Unheil durch die Flucht entzogen. Er hätte es selbst dann nicht getan, wenn alle Mitglieder der Landliga zusammen ihn bedroht hätten. Nein, gewiss nicht! Lachend hätte er der Gefahr Trotz geboten. Er hatte sein Gut mit der Absicht verlassen, einen Freund in der nächsten Grafschaft zu besuchen, und die alte Frau hatte sich scharfsinnig zusammengereimt, dass ein junges Mädchen, welches sich dort befand, die Anziehungskraft wäre, die ihn so lange entfernt hielt.

»Auf jeden Fall wird er, wie es auch seine Absicht war, morgen zurückkommen,« sagte Mrs. Lewson. »Hoffentlich besinnt er sich aber eines Bessern und benützt die sich ihm bietende günstige Gelegenheit, nach England zu entweichen. Wenn die Barbaren hier in dieser Gegend durchaus jemand töten müssen, ich bin da - eine alte Frau, die doch nicht mehr lange zu leben hat. Mich können sie ruhig ermorden.«

Iris fragte, ob Arthurs Sicherheit auch in der nächsten Grafschaft gefährdet sei und in dem Hause seines Freundes.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Miss, denn ich bin niemals dort gewesen. Er ist in Gefahr, wenn er darauf besteht, nach seinem Gute zurückzukehren. Da gibt es auf dem ganzen Weg bis hieher Gelegenheiten genug, ihn aus dem Hinterhalt niederzuschießen. O, er weiß es, der arme, liebe Junge, ebenso gut, wie ich es weiß. Aber Menschen seiner Art sind so wunderliche, eigensinnige Geschöpfe. Er geht seine eigenen Wege und hört nicht auf eine alte Frau, wie ich bin. Und was seine Freunde anbetrifft, die ihm raten könnten - der einzige von ihnen, der unsere Schwelle betreten hat, ist ein Taugenichts, der besser weggeblieben wäre. Sie mögen vielleicht auch schon von ihm gehört haben. Der alte Earl, ein schlechter Mensch, wurde gewöhnlich mit einem schlimmen Namen bezeichnet, und der wilde junge Lord ist seines Vaters echter Sohn.«

»Doch nicht Lord Harry?« rief Iris aus.

Ihr Kammermädchen bemerkte die heftige Erregung in ihrer Stimme und in ihrem ganzen Wesen, sagte aber nichts. Die Haushälterin Arthurs dagegen machte gar nicht den Versuch, ihre Gedanken darüber zu verbergen.

»Hoffentlich kennen Sie diesen Vagabunden nicht,« sagte sie sehr ernst. »Vielleicht denken Sie an seinen älteren Bruder, den ältesten Sohn des alten Earl, der ein durchaus ehrenhafter Mann ist, wie man mir gesagt hat.«

Miss Henley ließ diese Fragen vollständig unbeachtet. Einzig und allein getrieben von dem Interesse für ihren Geliebten, welches sich jetzt mehr denn je ihrer Beherrschung entzogen hatte, fragte sie:

»Ist Lord Harry seines Freundes wegen in Gefahr?«

»Er hat nichts von dem Gesindel zu fürchten, das unsere Gegend unsicher macht,« entgegnete Mrs. Lewson. »Berichte erzählen, er gehöre selbst dazu. Die Polizei, die ist's, vor der seine junge Lordschaft auf der Hut sein muss, wenn nämlich alles wahr ist, was über ihn gesprochen wird. Jedenfalls kam er damals, als er meinem Herrn seinen Besuch abstattete, heimlich wie ein Dieb in der Nacht, und ich hörte Mr. Arthur, als sie beide zusammen hier im Empfangszimmer waren, ihn laut und heftig tadeln wegen etwas, was er getan hatte. Und jetzt nichts mehr über Lord Harry, Miss! Ich habe mit Ihnen etwas Wichtiges zu besprechen. Wollen Sie, wenn ich Ihnen das Versprechen gebe, es Ihnen so behaglich wie möglich zu machen, wollen Sie dann bis morgen hier bleiben, damit Sie mit Mr. Arthur reden können? Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, der imstande ist, ihn zu einiger Vorsicht zu bewegen, so sind Sie es nach meiner Meinung ganz allein.«

Iris erklärte sich sofort bereit, auf Arthur Mountjoys Rückkunft zu warten. Als Mrs. Lewson, um ihren häuslichen Obliegenheiten nachzugehen, sie mit ihrer Kammerzofe allein gelassen hatte, bemerkte sie in dem Gesichte des Mädchens etwas von Missstimmung.

»Es scheint mir, Rhoda, als ob Du jetzt schon anfingest, zu wünschen,« sagte Iris, »ich hätte Dich nicht an diesen fremden Ort unter diese rohen und wilden Gesellen gebracht?«

Rhoda war ein stilles, freundliches Mädchen, augenscheinlich von sehr zarter Gesundheit. Sie lächelte matt und antwortete:

»Ich dachte gerade an einen andern Edelmann, Miss, als den, von dem Mrs. Lewson soeben sprach; er scheint ein sehr freies, leichtsinniges Leben geführt zu haben. Es stand in einer Zeitung gedruckt, die ich gelesen habe, bevor wir London verließen.«

»War sein Name erwähnt?« fragte Iris.

»Nein, Miss; ich glaube, sie fürchteten, sich dadurch Unannehmlichkeiten zu bereiten. Er hatte so viele sonderbare Wege eingeschlagen, um sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben, dass es sich fast wie ein Roman las.«

»Erinnerst du dich noch der Erlebnisse des Helden?« fragte Iris.

»Ich will es versuchen, Miss, wenn Sie es zu hören wünschen.« Die Erzählung in der Zeitung schien einen lebhaften Eindruck auf Rhodas Geist gemacht zu haben. Wenn man die selbstverständlichen Stockungen und Irrtümer und die Schwierigkeiten, sich richtig auszudrücken, in Abrechnung brachte, so wiederholte sie mit überraschend klarer Erinnerung den Inhalt dessen, was sie gelesen hatte.

Neuntes Kapitel

Die Hauptpersonen in der Geschichte waren ein alter irischer Edelmann, der einfach der Earl genannt wurde, und der jüngere seiner beiden Söhne, von seinem Bruder durch den mysteriösen Beinamen »der wilde Lord« unterschieden.

Von dem Earl wurde erzählt, dass er kein guter Vater gewesen sei; er habe auf die unverantwortlichste Weise die Erziehung seiner beiden Söhne vernachlässigt. Der jüngere, der in der Schule viel zu leiden hatte und in den Ferien sich selbst überlassen blieb, begann seine abenteuerliche Laufbahn damit, dass er davonlief. Unter angenommenem Namen fand er Anstellung als Schiffsjunge. Gleich von Anfang an hielt er sich brav, lernte seine Sache und war bei Kapitän und Mannschaft beliebt. Aber der erste Steuermann war ein roher Mensch, und das lebhafte Temperament des jungen Durchgängers empfand doppelt die schimpfliche Strafe von Schlägen. Er kam daher auf den Gedanken, sein Glück auf dem Lande zu versuchen, und schloss sich einer herumziehenden Schauspielergesellschaft an. Da er ein hübscher Junge war, eine gute Figur und eine klare, schöne Stimme hatte, so ging es ihm wenigstens eine Zeit lang ganz gut. Dann kamen schlimme Zeiten, die Gagen wurden verkürzt; der Abenteurer wurde der Gesellschaft der Schauspieler und Schauspielerinnen überdrüssig. Der nächste Abschnitt seines wechselvollen Lebens zeigt ihn in Nordbritannien als Mitarbeiter an einer schottischen Zeitung. Eine unglückliche Liebesgeschichte war der Grund, dass er auch dieser neuen Anstellung bald verlustig ging. Kurz darauf tauchte er wieder auf als Gehilfe des Stewart auf einem der großen Passagierdampfer, die zwischen Liverpool und New York fahren. In dieser letzteren Stadt angekommen, wurde er schnell durch die nicht gerade sehr anständige und ehrenvolle Beschäftigung als »Medium«, welches sich der übernatürlichen Kraft rühmte, mit der Welt der Geister in Verbindung zu stehen, bekannt. Als der Betrug schließlich endgültig aufgedeckt wurde, zehrte der junge Edelmann von dem Gelde, das er in dem unwürdigen Dienste des gemeinen, prosaischen Aberglaubens der modernen Tage verdient. Ein langer Zeitraum verfloss, wo man nichts von ihm hörte, bis er als verirrter und fast verhungerter Mann von einem Reisenden in einer der westlichen Prärien aufgefunden wurde. Der unglückliche irische Lord hatte sich einem Indianerstamme angeschlossen, sich aber einige Verstöße gegen dessen Gesetze zu Schulden kommen lassen und war deshalb in die Einöde hinausgejagt worden, um dem Hungertode preisgegeben zu sein. Nach seiner Auffindung schrieb er an seinen älteren Bruder, der die Titel und Besitzungen des inzwischen verstorbenen alten Earls geerbt hatte. Er sagte in seinem Briefe, dass er sich über das Leben, welches er bis jetzt geführt habe, schäme und dass er das ernstliche Verlangen trage, sich zu bessern. Deshalb wolle er irgend eine ehrliche Beschäftigung ergreifen, die sich ihm darbiete. Der Reisende, der ihm das Leben gerettet hatte, und dessen Aussage vollständig zu trauen war, erklärte, dass der Brief eine aufrichtig bereuende Gemütsverfassung offenbart habe. Es lagen gute Eigenschaften in dem Vagabunden verborgen, welche nur ein klein wenig mitleidsvoller Ermutigung bedurften, um sich zu betätigen. Die Antwort, die er aus England empfing, kam von den Anwälten, deren sich der neue Lord zur Vermittlung seiner Angelegenheiten bediente. Sie hatten mit ihren Agenten in New York das Abkommen getroffen, dem jüngeren Bruder ein Legat von tausend Pfund auszuzahlen, welche die ganze Summe ausmachten, die ihm nach seines Vaters letztem Willen zu übergeben seien. Wenn er wieder schreiben würde, würden seine Briefe unbeantwortet bleiben, denn sein Bruder wolle nichts mit ihm zu tun haben. In so unmenschlicher Weise behandelt, wurde der wilde Lord von der Zeit an erst recht dieses seines Namens würdig. Er begann jetzt ein neues Leben als Buchmacher bei allen Wettrennen. Das Glück begünstigte ihn gleich von Anfang an und er vermehrte sein Erbteil um ein Beträchtliches. Mit der gewöhnlichen Verblendung derjenigen Leute, welche Geld gewinnen, indem sie sich dem Verluste desselben aussetzen, verließ er sich auf sein gutes Glück; ein pekuniärer Verlust folgte dem andern und beraubte ihn buchstäblich des letzten Pfennigs. Darauf tauchte er wieder in England auf und ließ ein offenes Boot für Geld sehen, in dem er mit einem Genossen eine jener tollkühnen Fahrten über den atlantischen Ozean ausgeführt hatte, welche jetzt glücklicherweise aufgehört haben, das Interesse des Publikums zu erregen. Einem Bekannten, der ihm über dieses unsinnige Wagstück Vorwürfe machte, antwortete er, er habe darauf gerechnet, dass er auf der See umkommen würde, und dass er auf diese Weise einen Selbstmord begehen könnte, der würdig sei des elenden Lebens, das er geführt habe. Die letzten Berichte, die nach dieser Tat über ihn gemacht wurden, waren zu unbestimmt und widersprechend, als dass man daraus irgend etwas Sicheres hätte entnehmen können. Einmal wurde gemeldet, dass er nach den Vereinigten Staaten zurückgekehrt sei. Kurz darauf brachten die Zeitungen die sonderbarsten Geschichten über ihn, denen zufolge er zu ein und derselben Zeit in der schlechtesten Gesellschaft in Paris gelebt haben und in einem ganz verrufenen Viertel der Stadt Dublin, genannt »die Freiheit«, sich verborgen halten sollte. Jedenfalls war hinreichender Grund zu der betrübenden Annahme vorhanden, dass irisch-amerikanische Desperados den wilden Lord in das Netzwerk politischer Verschwörung verwickelt hatten.

Das Kammermädchen bemerkte eine auffällige Veränderung an ihrer Herrin, nachdem sie am Ende ihrer Erzählung aus der Zeitung angekommen war.Von Miss Henleys gewöhnlichem heiterem und glücklichem Wesen war keine Spur mehr zu entdecken.

»Wenige Menschen, Rhoda, erinnern sich so gut dessen, was sie gelesen haben, wie Du,« sagte sie freundlich und traurig. Sonst kam kein Wort weiter über ihre Lippen.

Sie hatte guten Grund, in sich gekehrt zu sein.

Von zwei Seiten hatte Iris in kurzer Zeit von den Fehlern und Verirrungen Lord Harrys hören müssen. Die vollständige Erzählung von seinem regellosen Leben, wie es sich in der ununterbrochenen Reihe von Ereignissen darstellte, hatte jetzt zum erstenmale ihre ganze Aufmerksamkeit auf dasselbe gelenkt. Sie schauderte natürlich entsetzt davor zurück, sie fühlte, wie es nie zuvor geschehen war, dass ihr Vater vollkommen recht gehabt hatte mit seinem Widerstande gegen eine Verbindung, die ihrer unwürdig gewesen wäre. So weit, jedoch auch nicht einen Schritt weiter, gab ihr Verstand ihrer eigenen Überzeugung nach. Aber die einzige unüberwindliche Kraft in der Welt ist die Kraft der Liebe. Sie mag den härtesten Prüfungen des Lebens unterworfen sein; sie mag die gebieterischen Forderungen der Pflicht anerkennen, sie mag mit Stillschweigen Tadel über sich ergehen lassen, sie mag demütig duldend sich berauben lassen; es mag mit ihr geschehen, was da will, sie ist und bleibt doch die stärkste, die gewaltigste Leidenschaft, die keinen künstlichen Einflüssen unterworfen, niemand die Herrschaft über sich zugesteht als ihrem eigenen Gesetz. Iris war schon längst über den Bereich der Selbstvorwürfe hinaus, als sie sich ihrer kühnen Handlungsweise erinnerte, durch welche Lord Harry an dem Meilensteine gerettet wurde. Ihr Verstand gab zu, dass Hugh Mountjoy in jeder Beziehung dem andern vorzuziehen sei, aber ihr Herz, ihr törichtes Herz blieb trotz allem seiner ersten Wahl treu. Sie verließ ihr Kammermädchen und Mrs. Lewson nach einigen flüchtigen Entschuldigungsworten, um im Garten ihr Gleichgewicht wieder zu gewinnen.

Die Abendstunden schlichen langsam dahin.

Ein Spiel Karten war im Hause; die Frauen versuchten sich damit die Zeit zu vertreiben, aber der Versuch misslang. Die Angst um Arthur lag drückend auf den Gemütern von Miss Henley und Mrs. Lewson. Selbst das Kammermädchen, welches ihn nur bei seinem letzten Besuch in London gesehen hatte, wünschte, der morgige Tag wäre erst gekommen und vergangen. Sein liebenswürdiges Wesen, sein hübsches Gesicht und seine anregende Unterhaltung hatten Arthur bei allen beliebt gemacht. Mrs. Lewson hatte ihr wohnliches englisches Heim verlassen, um ihm die Haushaltung zu führen, als er seinen tollkühnen Plan, sich in Irland niederzulassen, zur Ausführung brachte, und  was  noch viel wunderbarer war, selbst der langweilige Sir Giles wurde in seiner Gesellschaft ein ganz erträglicher Mensch.

Iris zog sich beizeiten auf ihr Zimmer zurück.

Es lag etwas Beängstigendes in der ringsum herrschenden feierlichen Stille und vereinigte sich geheimnisvoll mit der Angst um Arthur; es flüsterte leise von Verrat, der bewaffnet auf den Zehen umher schleicht, von durch die Luft pfeifenden Flintenkugeln, von dem durchdringenden Schrei eines tödlich verwundeten Mannes, und dieser Mann war vielleicht... Iris schrak zurück vor ihren eigenen Gedanken. Eine plötzliche Schwäche übermannte sie; sie öffnete das Fenster. Als sie ihren Kopf hinausstreckte, um die kühle, erfrischende Nachtluft einzuatmen, kam ein Mann auf das Haus zugeritten. War es Arthur? Nein, die hellfarbige Bedientenlivree, die der Mann trug, wurde gerade sichtbar.

Bevor er noch absteigen konnte, um an der Thür zu klopfen, trat ein großer Mann aus der Dunkelheit an ihn heran.

»Ist das Miles?« fragte der große Mann.

Der Reitknecht kannte die Stimme. Sogar Iris wusste genau, wessen Stimme da sprach. Es war Lord Harry.

Zehntes Kapitel

Ja, der irische Lord war da, und gerade in dem Augenblicke kam er, da Iris bereits darauf verzichtet hatte, ihn jemals wiederzusehen, da sie nie wieder an ihn als ihren künftigen Gatten denken wollte und sich dabei doch zugleich an die ersten Tage ihrer Liebe erinnerte und an deren gegenseitiges Geständnis. Die Furcht hielt sie hinter dem Vorhang zurück, aber das Interesse für Lord Harry ließ sie nicht aus ihrer gedeckten Stellung am Fenster fort.

»Alles wohl in Rathco?« fragte er - Rathco war der Name des Gutes, auf dem Arthur zu Gaste war.

»Ja, Mylord, Mr. Mountjoy will uns morgen wieder verlassen.« »Hat er die Absicht, hieher zurückzukehren?«

»Leider will er das tun.«

»Hat er schon eine Zeit festgesetzt, Miles, wann er sich auf den Weg machen will?« Miles begann alle seine Taschen zu durchsuchen und begleitete diese Beschäftigung mit einer Erklärung. Ja, Mr. Arthur hatte in der Tat eine Zeit be­stimmt; er hatte einen Zettel geschrieben, auf dem er seiner Haushälterin, Mrs. Lewson, die Zeit seiner Ankunft meldete. Zu dem Reitknechte hatte er gesagt: »Geben Sie diesen Zettel bei mir zu Hause ab, wenn Sie nach der Stadt reiten!« Und was mochte Miles wohl jetzt in der Dunkelheit in der Stadt wollen? Er sollte eiligst Medizin holen, denn eines von den Pferden seines Herrn war trank. Und während er das erzählte, da fand sich, Gott sei Dank, auch der Zettel.

Iris, die abwechselnd horchte und beobachtete, sah zu ihrem größten Erstaunen, wie der Reitknecht den für Mrs. Lewson bestimmten Zettel Lord Harry einhändigte.

»Glauben Sie denn,« sagte dieser scherzend, »dass ich Geschriebenes ohne Licht lesen kann?« Der Reitknecht brachte eine kleine Laterne hervor, welche an seinem Gürtel befestigt war, und sagte, während er die Blende zurückschob, die das Licht abhielt: »Der Weg hat Stellen, die in der Dunkelheit nicht ungefährlich sind.« Der wilde Lord öffnete ruhig den Brief und las die wenigen harmlosen Worte, die er enthielt: »An Mrs. Lewson! Liebes altes Kind! Erwarten Sie mich morgen zum Mittagessen um drei Uhr.

Ihr Arthur.«

Eine kurze Pause entstand.

»Sind irgend welche Fremde in Rathco?« fragte Lord Harry.

»Zwei neugekommene Männer,« antwortete Miles, »die auf den Feldern arbeiten.« Wieder trat eine Pause ein.

»Wie kann ich ihn schützen?« sagte der junge Lord halb zu sich und halb zu Miles. Er hegte Verdacht gegen die beiden Feldarbeiter - vermutlich Spione, welche um Arthurs beabsichtigte Rückkehr nach Hause wussten, und die gewiss auch schon ihren Auftraggebern die Stunde hinterbracht hatten, zu welcher er aufzubrechen gedachte.

Miles wagte ein Wort zu sagen:

»Sie werden hoffentlich über mich nicht böse sein, Mylord - » »Ach, dummes Zeug! Bin ich jemals unzufrieden mit Dir gewesen, als ich noch reich genug war, mir einen Diener halten zu können, und Du dieser warst?« Der irische Reitknecht antwortete mit einer Stimme, die vor innerer Erregung zitterte: »Sie waren der beste und freundlichste Herr, der jemals auf Erden gelebt hat. Ich kann es nicht ruhig mit ansehen, daß Sie Ihr kostbares Leben einer Gefahr aussetzen -« »Mein kostbares Leben?« wiederholte Lord Harry spöttisch. »Du dachtest wohl an Mr. Mountjoy, als Du das sagtest. Sein Leben ist wert, erhalten zu werden. Was aber mein Leben anbetrifft -« Er endete seinen Satz in einem unverständlichen Gemurmel, der besten Art Und Weise, wie er es umgehen konnte, laut werden zu lassen, daß er selbst sein eigenes Leben verachtete.

»Mylord, Mylord!« fuhr Miles fort, »die Unüberwindlichen  fangen  an,  an Ihnen zu zweifeln.

Wenn einer von ihnen Sie hier in der Nähe von Mr. Mountjoys Gut antreffen würde, so würden sie zuerst auf Sie schießen, und dann erst darnach fragen, ob es auch recht gewesen sei, Sie zu töten oder nicht.«

Diese Worte hören zu müssen, - und sie waren in vollem Ernste gesprochen - nachdem sie ihn am Meilensteine gerettet hatte, waren für Iris eine Prüfung ihrer Stärke, welcher sie unmöglich standhalten konnte. Die Liebe überwand die Klugheit. Sie schob den Fenstervorhang beiseite. Im nächsten Augenblick würde sie ihre Überredung der Warnung des Reitknechts zugefügt haben, wenn nicht Lord Harry selbst sie durch eine Handlung seinerseits, auf die sie nicht vorbereitet war, davon abgehalten hätte.

»Leuchte mir,« sagte er, »ich will eine Zeile an Mr. Mountjoy schreiben.« Er riss das unbeschriebene Stück von dem Zettel an die Haushälterin ab und schrieb an Arthur einige Worte, in denen er ihn beschwor, die Zeit seines Aufbruchs von Rathco zu verändern und keinem Menschen weder in dem Hause noch außer dem Hause zu sagen, zu welcher andern Stunde er wegzugehen gedächte.

»Satteln Sie Ihr Pferd selbst,« schloss der Brief, der mit verstellter Hand geschrieben und nicht unterzeichnet war.

»Gib dies Mr. Mountjoy,« sagte darauf Lord Harry zu dem Reitknecht. »Wenn er fragt, wer es geschrieben hat, setze ihn nicht meinetwegen in Furcht dadurch, dass Du ihm die Wahrheit sagst. Lüge, Miles!    Sage, Du wüsstest es nicht.«

Dann gab er ihm den Zettel an Mrs. Lewson zurück, indem er hinzusetzte: »Wenn sie bemerkt, dass er geöffnet worden ist, und fragt, wer es getan hat, so lüge noch einmal. Gute Nacht, Miles - und pass auf bei jenen gefährlichen Stellen auf Deinem Heimwege.«

Der Reitknecht verdunkelte seine Laterne, und der wilde Lord war in der rings um das Haus herrschenden Finsternis verschwunden.

Als Miles sich allein sah, klopfte er mit dem Griffe seiner Reitpeitsche an die Haustür.

»Ein Brief von Mr. Arthur!« rief er.

Mrs. Lewson öffnete, nahm ihm gleich den Zettel aus der Hand und betrachtete ihn bei dem Lichte der Lampe, die auf dem Tische in der Vorhalle stand.

»Den hat schon jemand geöffnet!« rief sie aus, indem sie auf den Reitknecht zutrat und ihm das zerrissene Couvert zeigte.

Miles befolgte pünktlich den Befehl Lord Harrys; er sagte, er wisse nichts davon, und ritt weg.

Iris kam die Treppe herunter und traf mit der Haushälterin noch in der Vorhalle zusammen, bevor diese die Türe geschlossen hatte. Mrs. Lewson zeigte ihr sogleich Arthurs Brief.

»Ich habe im Sinn, Miss,« sagte sie, »Mr. Arthur zu antworten und ihm einige Worte zu schreiben, die ihn veranlassen sollen, auf seinem Rückweg hieher hübsch vorsichtig zu sein. Die Schwierigkeit liegt nur darin, auf welche Weise ich ihm das recht eindringlich ans Herz legen soll. Sie würden ein gutes Werk tun, wenn Sie mir einen Rat geben könnten.«

Iris kam dem Verlangen willig nach. Eine zweite Mahnung von der besorgten Haushälterin konnte möglicherweise die Wirkung der wenigen Zeilen, welche Lord Harry geschrieben hatte, noch verstärken.

Aus Arthurs Brief hatte Iris erfahren, dass es seine Absicht gewesen war, um drei Uhr zurückzukehren. Die Frage, die Lord Harry an den Reitknecht gerichtet hatte, und die darauf erfolgte Antwort waren nicht aus ihrem Gedächtnis gewichen: »Sind irgend welche Fremde in Rathco?« und: »Zwei neuangekommene Männer, die auf den Feldern arbeiten.« Da sie in Betreff dieser beiden Arbeiter ungefähr zu dem gleichen Schlusse gekommen war, den vorhin schon Lord Harry aus ihrer Anwesenheit in Rathco gezogen hatte, so riet Iris der Haushälterin, an Arthur zu schreiben und ihn inständigst zu bitten, die Stunde, zu welcher er am nächsten Tage das Haus seines Freundes verlassen wollte, im geheimen zu ändern. Dieser Rat fand den wärmsten Beifall von Seiten der Mrs. Lewson, die sofort in das Empfangszimmer eilte, um den Brief zu schreiben.

»Gehen Sie noch nicht zu Bett, Miss!« sagte sie; »ich möchte Ihnen erst noch den Brief vorlesen, bevor ich ihn morgen mit dem frühesten abschicke.«

So blieb Iris allein in der Vorhalle, deren Türe weit offen stand, und blickte, in tiefes Nachsinnen versunken, hinaus in die Nacht.

Das Leben der beiden Männer, für die sie sich interessierte - allerdings in sehr verschiedener Weise - war jetzt bedroht, und derjenige, welcher zunächst am meisten in Gefahr schwebte, war Lord Harry. Er war ein Geächteter, dem jede Nachforschung unangenehm sein musste; und doch gab es kein Wagnis, dem er sich nicht, um einer Arthur drohenden Gefahr zu begegnen, bereitwillig ausgesetzt hätte; das musste ihm die Gerechtigkeit lassen. Wenn er jetzt noch furchtlos in der gefährlichen Nähe des Gutes verweilte auf der Lauer nach Meuchelmördern, wer außer ihr besäße den Einfluss, ihn zu bestimmen, den unheimlichen Platz zu verlassen? Sie war mit Mrs. Lewson an der Tür zusammengetroffen in der festen Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Gedanken. Im nächsten Augenblicke schon befand sie sich außerhalb des Hauses und begann, in der Dunkelheit nachzusuchen.

Iris machte die Runde um das Gebäude herum; bald tastete sie sich an ganz finsteren Stellen behutsam vorwärts, bald blieb sie, leise aufatmend, stehen und rief vorsichtig den Namen Lord Harrys. Kein lebendes Wesen begegnete ihr; kein Laut, keine Bewegung störte die tiefe Stille der Nacht. Die Entdeckung, dass er nicht da sei, was sie gar nicht gewagt hatte zu hoffen, war die einzige tröstliche Entdeckung, die sie auf ihrer Suche machte.

Auf dem Rückweg in das Haus wurde sie sich erst ordentlich der Kühnheit ihrer Handlungsweise bewusst, zu welcher sie eine edelmütige Regung verleitet hatte.

Wenn sie mit Lord Harry zusammengetroffen wäre, würde sie dann noch das zarte Interesse für ihn haben leugnen können, welches schon ihr eigenes Benehmen allein verraten hätte? Würde er nicht vollständig in seinem Rechte gewesen sein, daraus zu schließen, dass sie ihm die Irrtümer und Vergehen seines Lebens vergeben hätte, und dass er sie ohne Anmaßung an ihre Liebe hätte erinnern und ihre Hand zum Bunde fürs Leben begehren können? Sie zitterte bei dem Gedanken an die Zugeständnisse, die er dann von ihr hätte erzwingen können.

»Niemals wieder,« beschloss sie, »wenn wir beide zusammentreffen, soll meine eigene Torheit für das, was geschieht, verantwortlich gemacht werben können.«

Sie kehrte zu Mrs. Lewson zurück und hatte den Brief durchgelesen, als die Schläge der Gutsuhr sie daran mahnten, dass es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben.   Sie schliefen in dieser Nacht beide schlecht.

Um sechs Uhr am nächsten Morgen wurde einer der zwei Arbeiter, welche ihrem Herrn treu geblieben waren, zu Pferde an Arthur abgeschickt mit dem Briefchen der Haushälterin und mit dem Befehle, auf Antwort zu warten. Wenn er seinem Pferde eine kurze Rast gönnte, konnte er immerhin noch vor Mittag wieder zurück sein.

Elftes Kapitel

Es war ein schöner, sonniger Tag; Mrs. Lewsons Mut begann zu wachsen.

«Ich habe immer an dem Glauben festgehalten,« gestand die würdige alte Frau, »dass schönes Wetter Glück bringt - natürlich vorausgesetzt, dass der betreffende Tag kein Freitag ist. Heute ist aber Mittwoch.   Fassen Sie also Mut, Miss.«

Der Bote kehrte mit guten Nachrichten zurück. Mr. Arthur war wie immer fröhlich und guter Dinge gewesen. Er hatte seine Späße über einen zweiten Brief voll guter Ratschläge gemacht, der ihm ohne Unterschrift zugekommen war.

»Mrs. Lewson aber soll ihren Willen haben,« hatte er gesagt. »Aus Liebe zu der guten Alten will ich zwei Stunden später aufbrechen und werde daher erst um fünf Uhr zum Mittagessen zurück sein.«

»Wo gab Ihnen Mr. Arthur diesen Auftrag?« fragte Iris.

»In dem Stalle, Miss, während ich mein Pferd wieder   aufzäumte.    Die   Leute,   die   umherstanden, grinsten alle, als sie Mr. Arthurs Worte hörten.«

Iris, noch immer in der krankhaften Aufregung, bedauerte stillschweigend, dass dieser Auftrag nicht schriftlich, sondern mündlich gegeben worden war. Auch hiebei kam sie wieder auf ähnliche Gedanken wie der wilde Lord: sie fürchtete die Horcher.

Die Stunden schlichen träge dahin, bis es endlich vier Uhr nachmittags geworden war. Iris konnte das Stillsitzen nicht länger ertragen.

»Es ist so schönes Wetter,« sagte sie zu Mrs. Lewson, »wir wollen einen Spaziergang machen und Arthur ein Stück Wegs entgegen gehen.«

Ihr Vorschlag fand bei der alten Haushälterin die freudigste Zustimmung.

Es war beinahe fünf Uhr, als sie eine Stelle erreichten, an der ein Nebenweg durch den Wald sich von der Landstraße abzweigte, der sie bis hieher gefolgt waren. Mrs. Lewson fand einen Sitz auf einem gefällten Baume.

»Wir tun besser, nicht weiter zu gehen,« sagte sie.

Iris fragte nach dem Grunde.

Es gab einen sehr guten Grund für die soeben ausgesprochene Ansicht Mrs. Lewsons. Eine Strecke weiter bog die Landstraße ab von der geraden Linie - im Interesse einer großen Ackerbau treibenden Ortschaft - und schlug dann wieder ihre frühere Richtung ein.   Der Nebenweg durch den Wald diente für Reiter und Fußgänger als Richtweg von dem einen abweichenden Punkte der Landstraße bis zu dem andern. Es war daher sehr wohl möglich, dass Arthur diesen Nebenweg bei seiner Rückkehr benützen würde. Da aber Zufall oder Laune ihn auch die Landstraße vorziehen lassen konnte, lag die Notwendigkeit auf der Hand, ihn an einem Punkte zu erwarten, von dem aus man beide Straßen übersehen konnte.

Zu aufgeregt, um in ruhiger Erwartung an einer Stelle sitzen zu bleiben, machte Iris den Vorschlag, sie wolle ein Stück weit auf dem Nebenwege in den Wald hineingehen und umkehren, wenn sie nichts von Arthur sähe.

»Sie sind ermüdet,« sagte sie zu ihrer Begleiterin, »bitte, bleiben Sie hier und ruhen Sie sich einstweilen aus!« Mrs. Lewson machte zu diesem Vorschlage ein ziemlich verdrießliches Gesicht, aber ohne Erfolg: »Sie können sich verirren, Miss. Geben Sie nur ordentlich auf den Weg acht!« Iris verfolgte die hübschen Windungen des Waldweges und dehnte ihren einsamen Spaziergang in der bestimmten Hoffnung, Arthur zu begegnen, um ein Beträchtliches aus. Die helle Linie der Landstraße, die weiter durch den Wald führte, schimmerte schon wieder durch die Bäume, als sich Iris entschloss, zu Mrs. Lewson zurückzukehren.

Auf ihrem Rückwege machte sie eine Entdeckung.

Eine Ruine, die sie vorher gar nicht bemerkt hatte, kam zwischen den Bäumen auf der linken Seite des Weges zum Vorschein. Ihre Neugierde wurde rege; sie bog von dem Wege ab, um die Trümmer genauer zu untersuchen. Die halb verfallenen Mauern sahen, als sie ihnen näher kam, wie die Überreste eines gewöhnlichen Wohnhauses aus. Alter ist ein wesentliches Erfordernis für die malerische Wirkung des Verfalls; eine moderne Ruine ist unnatürlich und hat etwas Niederdrückendes; hier zeigte sich der traurige Anblick.

Als sie ihre Schritte wieder nach dem Wege zurück-lenkte, trat ein Mann aus dem Raume, der von den Trümmern des zerstörten Hauses umschlossen war. Ein Schrei des Schreckens entfuhr ihr. War sie ein Opfer des Schicksals oder ein Spielball des Zufalls? Da stand der wilde Lord vor ihr, welchen sie gelobt hatte, nicht wieder zu sehen, der Herr ihres Herzens - vielleicht der Herr ihres Geschickes!

Jeder andere Mann würde erstaunt gewesen sein, sie zu sehen und gefragt haben, wie es komme, dass eine englische Dame plötzlich hier vor ihm mitten in einem irischen Walde erscheine. Dieser Mann aber war entzückt, sie zu sehen, und nahm ihr Hiersein als einen Glücksfall auf, nach dessen Ursache nicht gefragt zu werden brauchte.

»Mein Engel ist vom Himmel herabgestiegen,« sagte er.   »Dem Himmel sei Dank dafür!« Er trat an sie heran und umschloss ihre Gestalt mit seinen Armen. Sie versuchte, sich seiner Umarmung zu entziehen. In demselben Augenblick aber vernahmen sie beide in dem Gebüsch unter den Bäumen rings umher ein Zerknicken und Zerbrechen von Holz. Lord Harry blickte auf.

Das ist ein gefährlicher Platz,« flüsterte er. »Ich wartete hier, um Arthur ungefährdet vorbeireiten zu sehen. Lassen Sie sich von mir küssen, oder ich bin ein toter Mann!«

Seine Augen sagten ihr, dass er sich wirklich in einer besorgniserregenden Lage befand. Ihr Kopf sank an seine Brust. Als er sich zu ihr niederbeugte und sie küsste, traten drei Männer aus ihren Verstecken unter den Bäumen hervor. Sie hatten ohne Zweifel auf Befehl der mordgierigen, furchtbaren Brüderschaft, welcher sie angehörten, auf ihn gelauert. Ihre Pistolen blitzten schussfertig in ihren Händen - und welche Entdeckung machten sie nun? Da stand der Bruder, der als Verräter denunziert war, keines schlimmeren Verrates schuldig, als dass er in einem Walde mit seiner Geliebten zusammengetroffen war!

»Mir bitten um Verzeihung, Mylord!« riefen sie mit echt irischer Freude über ihren eigenen Irrtum, brachen dann in ein lautes Gelächter aus und ließen die Liebenden allein.

So hatte Iris zum zweitenmale Lord Harry in einer bedenklichen Lebenslage gerettet.

»Lass mich jetzt gehen!« flüsterte sie leise, vor heimlicher Furcht zitternd, als sie sich nun erst ihrer Lage recht bewusst wurde.

Er aber hielt sie so fest in seinen Armen, als ob er sie nie wieder von sich lassen wollte.

»O, Du mein süßes Kind, gib mir nur noch einmal, zum letztenmale Gelegenheit und hilf mir, ein besserer Mensch zu werden! Du brauchst nur zu wollen, Iris, und Du kannst mich Deiner würdig machen!«

Plötzlich fingen seine Arme, die sie an seine Brust drückten, an zu beben und sanken herab. Die ringsum herrschende Stille wurde durch ein entferntes Geräusch gestört, welches wie das Echo eines Schusses klang. Er blickte nach dem vor ihnen liegenden Ende des Waldes hin. Eine Minute später wurde der dumpfe Hufschlag eines im Galopp dahinjagenden Pferdes hörbar aus der Richtung her, wo sich der Reitweg zwischen den Bäumen verlor. Es kam näher und näher und erschien endlich in ihrem Gesichtskreis, vor Furcht rasend und mit reiterlosem Sattel auf seinem Rücken. Lord Harry sprang auf den Weg und hielt das scheu gewordene Tier auf, welches bei seinem Anblick sich hoch aufbäumte. Vorn an dem leeren Sattel war eine Ledertasche befestigt.

»Durchsuche sie!« rief er Iris zu, während er das erschreckte Tier zum Stillstehen zwang. Sie zog eine silberne Feldflasche heraus.   Ein Blick auf den eingravierten   Namen   verkündete   ihm  die  entsetzliche Wahrheit.    Seine zitternden   Hände   verloren   ihre Kraft.    Das wütende Pferd riss sich los und jagte davon.   Von seinen Lippen ertönten die Worte: »O, mein Gott, sie haben ihn getötet!«

Zwölftes Kapitel.

Während über den Weg, welchen die Eisenbahn zwischen Culm und Everill nehmen sollte, noch Erörterungen gepflogen wurden, rief der Ingenieur einige Meinungsverschiedenheiten zwischen den Geldmännern hervor, die an der Spitze des Unternehmens standen, indem er die Frage aufwarf, ob sie unter den Stationen ihrer Bahn auch die kleine alte Stadt Honeybuzzard vorgesehen hätten.

Schon seit Jahren war der Handel dieses kleinen und merkwürdigen Ortes niedergegangen, und seine Bevölkerung hatte sich vermindert. Maler kannten ihn gut und priesen seine mittelalterlichen Baulichkeiten als eine reichhaltige Fundgrube des wertvollsten Materials für ihre Kunst. Auf dem alten Marktplatze war noch eine lange Reihe von Marktgesetzen zu lesen, welche einst in längst vergangenen Tagen der Bürgermeister und der Gemeinderat hatten ergehen lassen, aber von Woche zu Woche verminderte sich die Zahl der Marktbesucher, die diesen Bestimmungen gehorchen konnten. In dem letzten Geschäfte, welches sich noch in einem sehr dürftigen Zustande erhielt, war gewöhnlich kein Käufer zu erblicken; die Schaufenster waren meistens geschlossen, ein einsamer Mann machte das ganze schläfrige Personal aus und langweilte sich entsetzlich, in der halb geöffneten Ladentüre lehnend. Ein Advokat war in der Stadt, der aber keine Gelegenheit fand, sich einen Schreiber zu halten; es gab auch einen Doktor, der immer hoffte, er könne seine Praxis für einen annehmbaren Preis verkaufen.

Die Direktoren der neuen Eisenbahn beschlossen in einer stürmischen Sitzung, der sterbenden Stadt noch eine letzte Möglichkeit zu bieten, sich wieder zu erholen, dadurch, dass sie eine Haltestelle hinlegten. Der Stadt war jedoch nicht mehr die nötige Lebenskraft geblieben, um sich dafür dankbar zu erweisen. Unter allen Stationsvorständen in Großbritannien und Irland war der von Honeybuzzard der untätigste Mensch - und dies, wie er zu dem unbeschäftigten Portier sagte, nicht etwa aus Mangel an eigener Energie.

An einem regnerischen Augustnachmittage ließ der Zug einen Fremden auf der Station zurück. Er war einem Wagen erster Klasse entstiegen und trug einen Sonnenschirm und eine Reisetasche. Er erkundigte sich nach dem Wege zum besten Gasthofe. Der Stationsvorsteher und der Portier tauschten gegenseitig ihre Meinungen über ihn aus. Der eine von ihnen sagte: »Offenbar ein Gentleman,« und der andere fügte hinzu: »Was mag der wohl hier zu tun haben?«

Der Fremde verirrte sich zweimal in den engen und winkeligen Gassen der alten Stadt, bevor er den Gasthof erreichte. Als er seine Wünsche aussprach, fand es sich, dass er drei Dinge haben wollte: ein Zimmer, etwas zu essen und, während das Essen zubereitet wurde, Feder, Tinte und Papier, um einen Brief zu schreiben.

Auf die Fragen ihrer Tochter antwortend, beschrieb die Wirtin, als sie aus dem Fremdenzimmer wieder heruntergekommen war, ihren Gast als einen hübschen Mann in tiefer Trauerkleidung.

»Jung, mein Kind, mit schönem dunkelbraunem Haar, einem großen Barte und milden, traurigen Augen. Ja, diese Augen erzählen, dass die schwarzen Kleider nicht bloßer Schein sind. Ob er verheiratet ist oder ledig, kann ich natürlich nicht sagen; aber ich entdeckte seinen Namen auf seiner Reisetasche; - ein vornehmer Name; wenn ich recht gelesen habe: Hugh Mountjoy. Ich bin begierig, was er zu seinem Essen für ein Getränk bestellen wird. Wie gut wäre es, wenn wir bei dieser Gelegenheit wieder eine Flasche von dem sauren französischen Weine los würden!«

Die Glocke in dem Zimmer des Fremden erschallte ln diesem Augenblicke, und die Tochter der Wirtin - es ist eigentlich unnötig, es noch besonders zu erwähnen - benützte die günstige Gelegenheit, sich eine eigene Meinung über Mr. Hugh Mountjoy zu bilden.

Sie kam, mit einem Briefe in der Hand, zurück, von dem eitlen Verlangen nach den Vorteilen vornehmer Geburt verzehrt.

»O Mutter, wenn ich eine junge Dame der höheren Gesellschaft wäre, dann wüsste ich genau, wessen Frau ich sein möchte!«

Die Wirtin zeigte jedoch kein besonderes Verständnis und keine Teilnahme für dergleichen gefühlvolle Herzensergießungen ihrer Tochter, sondern verlangte nur den Brief Mr. Mountjoys zu sehen. Der Bote, der mit der Besorgung beauftragt wurde, sollte auf Antwort warten. Die Aufschrift des Briefes lautete: »Miss Henley, per Adresse Clarence Vimpany, Esquire, Honeybuzzard.« Von ihrer erregten Phantasie getrieben, verlangte die Tochter darnach, Miss Henley zu sehen. Die Mutter konnte gar nicht begreifen, warum sich Mr. Mountjoy überhaupt die Mühe gegeben hatte, den Brief zu schreiben.

»Wenn er weiß, dass die junge Dame in des Doktors Hause wohnt,« sagte sie, »warum geht er denn nicht einfach hin und sucht Miss Henley auf?« Sie gab den Brief der Tochter zurück. »Der Hausknecht soll ihn besorgen, er hat sowieso nichts zu tun.«

»Nein, Mutter. Die schmutzigen Hände des Hausknechts dürfen den Brief nicht berühren.   Ich werde ihn selbst hintragen.   Vielleicht bekomme ich bei der Gelegenheit Miss Henley zu sehen.«

Einen solchen Eindruck hatte Mr. Hugh Mount-joy auf ein junges, gefühlvolles Mädchen ganz ohne sein Zutun gemacht, welches das Schicksal in die enge Sphäre von Tätigkeit, die ein Landwirtshaus gewähren konnte, gebannt hatte.

Die Wirtin trug das Essen hinauf - zuerst natürlich Hammelrippchen mit Kartoffeln, so unvollkommen gekocht, wie es nur in einer englischen Küche möglich ist. Ihren sauren französischen Wein hatte die gute Frau nicht vergessen und fragte daher ihren Gast:

»Was wünschen Sie zu trinken, Sir?«

Mr.  Mountjoy  schien  wenig  daran  zu liegen, was man ihm als Getränk vorsetzen würde.

»Wir haben französischen Wein, Sir.«

»Es ist recht, gute Frau; bringen Sie von dem.«

Als die Glocke wieder ertönte, damit der zweite Teil der Mahlzeit, Käse und Sellerie, hinaufgebracht werde, überließ die Wirtin dies Geschäft dem Kellner. Die Erfahrung, die sie mit den Landleuten gemacht hatte, die ihr Gasthaus besuchten  und  die sich in einigen wenigen Fällen hatten dazu verleiten lassen, diesen Wein zu trinken, riet ihr, dem Ausbruche des gerechten Zornes bei Mr. Mountjoy aus dem Wege zu gehen.   Er würde sie jedenfalls ebenso wie die anderen auch fragen, was ihr denn eigentlich einfiele, ihn mit einem derartigen Stoff wie dieser vergiften zn wollen.

Als der Kellner wieder herunterkam, fragte sie ihn daher:

»Hat sich der Herr über den französischen Wein beklagt?«

»Er wünscht Sie wegen dem Weine zu sprechen.«

Die Wirtin wurde blass. Seiner Entrüstung in Worten Ausdruck zu geben, das hatte sich Mr. Mount-joy augenscheinlich für die Herrin des Hauses aufgespart.

»Fluchte er,« fragte sie, »als er den Wein gekostet hatte?«

»Gott bewahre, Madame. Er trank ihn aus einem Wasserglase und - wenn Sie es mir glauben wollen - der Wein schien ihm zu schmecken.«

Die Wirtin bekam ihre Farbe wieder. Dank der Vorsehung dafür, dass sie endlich einmal einen Gast in das Wirtshaus geführt hatte, der sauren Wein, ohne es zu bemerken, trinken konnte, war ihr Hauptgedanke, als sie das Fremdenzimmer betrat. Mr. Mountjoy rechtfertigte diese ihre Vermutungen. Er war wirklich gutmütig genug, mit dem Glase vor sich auf dem Tische und diesem Weine gewissermaßen unter seiner Nase, eine Entschuldigung anzufangen.

»Es tut mir leib, Sie zu belästigen, Frau Wirtin. Ich möchte Sie nur fragen, woher Sie diesen Wein haben.« »Der Wein, Sir, stammt noch von meinem verstorbenen Gatten her. Ein Franzose schuldete ihm Geld, aber es war von ihm nichts anderes zu bekommen als dieser Wein.« »Er ist auch Geld wert, Frau Wirtin.«

»Wirklich, Sir?«

»Ja, ganz gewiss. Das ist der beste und reinste französische Rotwein, den ich seit langer Zeit getrunken habe.« Ein beunruhigender Verdacht trübte die heitere Seelenruhe der Wirtin. War diese vortreffliche Beurteilung des Weines eine aufrichtige? Oder war es nur ein teuflischer Plan Mr. Mountjoys, sie in eine Falle zu locken, indem er sie durch seine Anerkennung verleiten wollte, auch ihrerseits den Wein zu loben, damit er dann sie als Betrügerin entlarven könnte, wenn er erklärte, was er wirklich über den Wein dächte? Sie nahm ihre Zuflucht zu einer vorsichtigen Antwort.

»Sie sind der erste meiner Gäste, Sir, der nichts an dem Weine auszusetzen findet.« »In dem Falle würden Sie vielleicht froh sein, ihn los zu werden!« bemerkte Mr. Mountjoy.

Die Wirtin blieb immer noch vorsichtig.

»Wer würde mir den Wein wohl abkaufen, Sir?«

»Ich.   Wieviel fordern Sie für die Flasche?«

Jetzt war es klar, dass er nicht hinterlistig und falsch war, sondern nur ein bisschen verrückt. Die welterfahrene Wirtin zog aus diesem Umstande Vorteil und verdoppelte den Preis.   Ohne Zögern sagte sie: »Fünf Schilling die Flasche, Sir.«

Oft, nur allzu oft führt die Ironie des Schicksals auf dieser irdischen Schaubühne die entgegengesetzten Charaktere des Schlechten und des Guten zusammen. Eine lügnerische Wirtin und ein zum Lügen unfähiger Gast standen sich hier an einem kleinen Tische gegenüber, beide ohne Ahnung des unermesslichen moralischen Abgrundes, der zwischen ihnen lag. Unter dem Einflusse seines durch und durch ehrenhaften Fühlens und Denkens machte der harmlose Hugh Mountjoy das Verlangen der Wirtin nach Geld zur verderblichsten menschlichen Begierde.

»Ich glaube, Sie kennen den Wert Ihres Weines nicht genau,« sagte er. »Ich habe französischen Rotwein in meinem Keller, der lange nicht so gut ist wie dieser hier, und der mich doch mehr gekostet hat, als Sie verlangen. Es ist nur gerecht, wenn ich Ihnen für die Flasche sieben Schillinge anbiete.«

Wenn ein überspannter Reisender, von dem für irgend etwas ein bestimmter Preis als Bezahlung verlangt wird, diesen Preis zu seinem eigenen Schaden mit Überlegung erhöht, wo ist die kluge Frau - besonders wenn es zufällig eine Witwe ist, die ein wenig einträgliches Geschäft hat - die zögern würde, diese selten günstige Gelegenheit auszunützen?

»Sie sollen den Wein um den von Ihnen genannten Preis haben, Sir,« sagte die Wirtin. Nachdem so der Handel abgeschlossen, klopfte ihre Tochter an der Türe.

»Ich habe Ihren Brief selbst besorgt, Sir,« sagte sie bescheiden, »und hier ist die Antwort.« Sie hatte Miss Henley gesehen, aber nichts Besonderes an ihr finden können.

Mountjoy sprach ihr seinen Dank aus in Worten, die das empfängliche junge Mädchen niemals vergaß. Dann öffnete er den Brief, der kurz genug war, um in einem Augenblicke gelesen werden zu können, aber jedenfalls einen günstigen Bescheid enthielt; denn Mr. Mountjoy ergriff eiligst seinen Hut und ließ sich den Weg nach Mr. Vimpanys Hause zeige«.

Dreizehntes Kapitel.

Mountjoy hatte sich entschlossen, nach Honeybuz-zard zu reisen, sobald als er erfahren hatte, dass Miss Henley sich in dieser Stadt bei fremden Leuten aufhielt. Da er aber früher keine Gelegenheit gefunden hatte, sie auf seinen Besuch vorzubereiten, schrieb er ihr vom Gasthause aus. Er hatte es nach reiflicher Überlegung besser gefunden, sich vorher anzumelden, als unerwartet im Hause des Doktors zu erscheinen. Wie würde sie den treu ergebenen Freund empfangen, dessen Heiratsantrag sie zum zweiten Male abgelehnt, als sie zuletzt in London mit ihm zusammengetroffen war?

Das Wohnhaus des Doktors war in einer stillen Nebenstraße gelegen und gewährte eine Aussicht, die nicht gerade ermutigend auf einen Mann wirken musste, der sich dem ärztlichen Beruf gewidmet hatte. Die Aussicht ging nämlich auf den Kirchhof. Die Tür wurde von einem Dienstmädchen geöffnet, welches den Fremden argwöhnisch betrachtete. Ohne auf eine Frage zu warten, sagte sie, der Herr Doktor sei nicht zu Hause.

Mountjoy nannte seinen Namen und fragte nach Miss Henley.

Das Benehmen des Mädchens änderte sich sofort zum Besseren; sie bat ihn, in ein kleines Empfangszimmer einzutreten, welches unschön und dürftig ausgestattet war. Einige Bilder in armseligen Rahmen zierten die Wände; es waren - vielleicht nicht ganz am Platz in dem Hause eines Arztes - Porträts von berühmten Bühnenkünstlerinnen, die einst in früheren Jahrzehnten unseres Jahrhunderts die weltbedeutenden Bretter als Königinnen beherrscht hatten. Auch die wenigen Bücher, die auf einem kleinen Büchergestell über dem Kamin ihren Platz hatten, gehörten der dramatischen Literatur an.

»Wer liest diese Sachen?« fragte sich Mountjoy im stillen. »Und wie fand Iris ihren Weg in dieses Haus?« Während er so an sie dachte, trat Miss Henley selbst in das Zimmer.

Einer plötzlichen Eingebung folgend zog sie seinen Kopf zu sich herabIhr Aussehen war bleich und sorgenvoll; Tränen schimmerten in ihren Augen, als Hugh Mountjoy auf sie zutrat. In seiner Gegenwart empfand Iris das Entsetzliche, welches der durch feigen Meuchelmord herbeigeführte Tod seines Bruders Arthur hatte, tiefer, als sie bis jetzt davon berührt worden war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, bog sie seinen Kopf zu sich herab mit der zärtlichen Vertraulichkeit einer Schwester und küsste ihn auf die Stirn.

»O Hugh,« sagte sie schmerzlich bewegt, »ich weiß, wie Sie und Arthur einander liebten! Meine Worte können nicht ausdrücken, was ich für Sie fühle!«

»Es bedarf keiner Worte, liebe Iris,« erwiderte er zärtlich.   »Ihre Teilnahme spricht für sich selbst.« Er führte sie zum Sofa und ließ sich neben ihr nieder.

»Ihr Vater hat mir gezeigt, was Sie ihm geschrieben haben,« begann er, »Ihren Brief aus Dublin und Ihren zweiten Brief von hier. Ich weiß, was Sie Hochherziges in Arthurs Interesse gewagt und erduldet haben. Es würde mir eine gewisse Genug-tuung gewähren, wenn ich Ihnen einen Gegendienst - und wenn es auch nur ein sehr bescheidener Gegendienst wäre, Iris - für alles das erweisen könnte, was Arthurs Bruder der besten Freundin, die jemals ein Mensch gehabt hat, schuldig ist.   Ach, lassen Sie doch,« fuhr er fort, in herzlicher Weise den Ausdruck ihrer Dankbarkeit unterbrechend. »Ihr Vater hat mich nicht hieher geschickt, aber er weiß, dass ich London mit der bestimmten Absicht verlassen habe, Sie aufzusuchen, und er weiß auch, warum. Sie haben ehrerbietig und liebevoll an ihn geschrieben; Sie haben um Verzeihung und Versöhnung gebeten, wo er doch der schuldige Teil ist. Darf ich Ihnen sagen, was er mir zur Antwort gab, als ich ihn fragte, ob ihm denn gar kein Glaube mehr an sein eigenes Kind geblieben wäre? ,Hugh' sagte er, ,Sie verschwenden Ihre Worte an einen Mann, der mit dieser Sache abgeschlossen hat. Ich will meiner Tochter wieder Vertrauen schenken, wenn jener irische Lord im Grabe liegt - eher nicht.' Das ist ein Unrecht gegen Sie, Iris, das ich nicht zugeben kann, selbst wenn es Ihr Vater tut. Er ist hart, er ist unversöhnlich, aber er muss und wird sich ändern. Ich hoffe, dass ich ihn noch dazu bringen werde, Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dies vorzubereiten, bin ich hieher gekommen. Darf ich mit Ihnen über Lord Harry sprechen?«

»Wie können Sie daran zweifeln?«

»Liebe Iris, es ist für mich sehr peinlich, davon mit Ihnen zu sprechen.« »Und für mich sehr beschämend,« stieß Iris bitter hervor. »Hugh, Sie sind ein Engel im Vergleich zu diesem Mann! Wie heruntergekommen muss ich sein, dass ich ihn liebe, wie unwürdig Ihrer guten Meinung! Fragen Sie, was Sie wollen, schonen Sie mich nicht!« schrie sie in unverhohlener Selbstanklage. »Warum misshandeln Sie mich nicht, wie ich es verdiene?« Mountjoy kannte die Frauennatur gut genug, um stillschweigend über diesen leidenschaftlichen Ausbruch hinwegzugehen, anstatt die Aufregung in ihr noch dadurch zu steigern, dass er ihr widersprach.

»Ihr Vater wird auf Gefühlsäußerungen nichts geben,« fuhr er fort, »aber es ist möglich, ihn durch Taten dahin zu bringen, dass er Ihnen gerecht wird. Geben Sie mir die Gelegenheit, mit ihm ausführlicher über Lord Harry sprechen zu können, als Sie es in Ihren Briefen imstande sind. Ich muss wissen, was sich von der Zeit an ereignet hat, wo gewisse Vor-fälle Sie nach Ardoon brachten und dort wieder mit dem irischen Lord zusammenführten, bis zu der Zeit, wo Sie ihn in Irland nach dem Tode meines Bruders wieder verließen. Wenn es den Anschein hat, dass ich Ihnen zu viel zumute, Iris, so denken Sie, bitte, dass es nur in Ihrem Interesse geschieht.«

In diesen Worten lag ganz die edle Denkungsweise Hugh Mountjoys.   Iris zeigte sich ihrer würdig.

Ihr Bericht begann, um es kurz zu sagen, mit dem geheimnisvollen anonymen Briefe, welcher an Sir Giles gerichtet war.

Lord Harry hatte Iris in dankbarer Bereitwilligkeit darüber die erforderlichen Erklärungen gegeben, aber doch mit einer gewissen Zurückhaltung, nachdem sie ihm vorher gesagt hatte, wer der Fremde an dem Meilenstein in Wirklichkeit gewesen war.

»Hätte Sir Giles nur den zehnten Teil Ihres Mutes besessen,« hatte er gesagt, »so könnte Arthur jetzt noch am Leben und in England in Sicherheit sein. Ich kann nichts weiter sagen, ich darf nichts weiter sagen; es macht mich verrückt, wenn ich daran denke!«

Seine Verbindung mit den Unüberwindlichen - wie er selbst zugab, eine nicht zu entschuldigende, leichtsinnige und unbesonnene Tat - hatte es ihm, wie er weiter ausführte, möglich gemacht, in die mörderischen Pläne der Bruderschaft einzudringen und sie wenigstens für einige Zeit im geheimen zu vereiteln. Sein Erscheinen zuerst auf Arthurs Besitzung und dann später bei der Ruine im Wald stand im Zusammenhang mit den Plänen der Mordgesellen, die zu seiner Kenntnis gekommen waren. Als Iris mit ihm zusammengetroffen war, befand er sich auf der Lauer, in dem Glauben, sein Freund würde den kurzen Weg durch den Wald nehmen. Er war sich vollkommen bewusst, dass, wenn es ihm gelingen würde, Arthur zu warnen, er wahrscheinlich mit seinem eigenen Leben dafür büßen müsste. Nach der schrecklichen Entdeckung des Mordes, der auf der Landstraße begangen worden war, und nach der Flucht des Bösewichts, der der Untat schuldig war, hatten sich Lord Harry und Miss Henley getrennt. Sie hatte ihn verlassen, um nach England zurückzukehren, und sich entschieden geweigert, die Einwilligung zu späteren Zusammenkünften zu geben, um die er sie bat.

An dieser Stelle ihrer Erzählung fühlte Mountjoy sich veranlasst zu einigen direkteren Fragen, als er sie bisher an Iris gestellt hatte. Vielleicht war es möglich, dass er mit Hilfe der Eindrücke, die Lord Harry auf sie gemacht hatte, Iris von dem übel angebrachten Vertrauen der in Selbsttäuschung befangenen Frau heilen konnte.

»Fügte er sich willig Ihrer Abreise?«   fragte er.

»Anfangs nicht,« antwortete sie.

»Hat er Sie von dem Versprechen, das Sie ihm in unüberlegter Weise vor einigen Jahren gegeben haben und durch das Sie sich verpflichteten, ihn zu heiraten, entbunden?«

»Nein.«

»Hat er denn überhaupt bei dieser Gelegenheit jenes Versprechen erwähnt?« »Er sagte, er würde daran festhalten als an der einzigen Hoffnung seines Lebens.« »Und was haben Sie darauf erwidert?«

»Ich bat ihn flehentlich, mich nicht elend zu machen.«

»Sagten Sie nichts Bestimmteres als das?«

»Ich konnte es nicht über mich gewinnen, Hugh; ich musste an alles das denken, was er unternommen hatte, um Arthur zu retten. Aber ich bestand fest auf meiner Abreise und habe sie auch durchgesetzt und ihn verlassen.«

»Erinnern Sie sich, was er beim Abschied zu Ihnen sagte?«

»Er sagte: ,So lange ich lebe, werde ich Dich lieben'«

Als sie diese Worte aussprach, nahm ihre Stimme unwillkürlich einen warmen, zärtlichen Klang an, der Mountjoy nicht entging.

»Ich muss ganz sicher sein,« sagte er ernst zu ihr, »über das, was ich Ihrem Vater zu berichten habe, wenn ich zu ihm zurückkomme. Kann ich ihm mit reinem Gewissen die bestimmte Versicherung geben, dass Sie niemals wieder Lord Harry sehen wollen?«

»Ich habe mir vorgenommen, ihn nicht wiederzusehen.« So weit hatte sie mit fester Stimme geantwortet. Ihre nächsten Worte aber wurden zögernd und in stockendem Ton gesprochen. »Ich fürchte jedoch bisweilen,« sagte sie, »dass die Entscheidung darüber nicht immer in meiner Macht bleiben wird.«

»Was soll das heißen?«

»Ich möchte es Ihnen lieber nicht sagen.«

»Das ist eine sonderbare Antwort, Iris.«

»Ich lege großen Wert auf Ihre gute Meinung, Hugh, und ich fürchte, sie dadurch zu verlieren.« »Nichts hat meine Ansicht von Ihnen jemals geändert,« entgegnete er einfach und ruhig, »und nichts wird sie jemals ändern.« Sie sah ängstlich mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu ihm hin. Nach und nach verschwand der Ausdruck des Zweifels in ihrem Gesicht; sie wusste, wie sehr er sie liebte - sie beschloss, sich ihm anzuvertrauen.

»Seitdem ich Irland verlassen habe,« begann sie, »bin ich - ich weiß nicht, warum - in einen Zu-stand von abergläubischer Furcht verfallen. Ja, ich glaube an ein Verhängnis, welches mich auch gegen meinen Willen zu Lord Harry zurückführen wird. Zweimal schon, seitdem ich aus meines Vaters Haus geschieden, bin ich mit ihm zusammengetroffen, und jedesmal bin ich die Ursache gewesen, dass er einer großen Gefahr entging und gerettet wurde: das erstemal an dem Meilenstein und das zweitemal bei der Ruine im Walde. Wenn mich mein Vater jetzt noch beschuldigt, dass ich einen Abenteurer liebe, können Sie ihm mit ruhigem Gewissen und vollständig der Wahrheit gemäß sagen, dass ich mich vor diesem Abenteurer fürchte. Ich zittere vor der dritten Begegnung. Ich habe mein Möglichstes getan, um diesem Mann zu entrinnen; aber Schritt für Schritt, wenn ich denke, ich bin fertig mit ihm, schleppt mich ein unseliges Geschick wieder zu ihm hin. Vielleicht bin ich jetzt wieder, da ich mich in dieser elenden kleinen Stadt sicher geborgen glaubte, auf dem Weg zu ihm. O, verachten Sie mich nicht, Hughl Schämen Sie sich meiner nicht!«

»Meine liebe Iris, ich nehme Anteil, ich nehme den lebhaftesten Anteil an Ihrem Geschick. Dass es eine derartige, Einfluss ausübende Macht wie das Verhängnis in unserem armseligen irdischen Dasein gibt, wage ich nicht zu leugnen. Aber mit Ihrem Schluss kann ich mich nicht einverstanden erklären. Was das dunkle Verhängnis mit Ihnen und mit mir zu tun vorhat, das vorher zu wissen, können weder Sie noch ich behaupten. In Gegenwart dieses großen Geheimnisses muss die Menschheit sich bescheiden und ihre Unwissenheit zugestehen! Warten Sie, Iris, warten Sie!«

Sie antwortete ihm mit der Einfachheit eines gelehrigen Kindes: »Ich will alles tun, was Sie mir raten!«

Mountjoy liebte sie zu sehr, um an diesem Tage noch mehr über Lord Harry zu sagen. Er war bemüht, das Gespräch auf ein Thema zu bringen, von dem er mit Sicherheit annehmen konnte, dass es keine aufregenden Gedanken wachrufen würde. Da er Iris allem Anschein nach vollständig eingewöhnt in dem Hause des Doktors vorfand, so war er natürlicherweise sehr begierig, etwas über die Person zu erfahren, welche sie dorthin eingeladen haben musste - die Frau des Doktors.

Vierzehntes Kapitel.

Mountjoy begann von dem zweiten Brief, den Miss Henley an ihren Vater geschrieben hatte, zu sprechen, und kam dabei auch auf die Stelle, in welcher der Mrs. Vimpany in den Ausdrücken der aufrichtigsten Dankbarkeit gedacht wurde.

»Ich würde gern,« sagte er, »mehr von einer Dame erfahren, deren Gastfreundschaft zu Hause ihrer Liebenswürdigkeit als Reisegefährtin gleichzukommen scheint. Trafen Sie zuerst auf der Eisenbahn mit ihr zusammen?«

»Sie fuhr mit demselben Zug nach Dublin, den ich und mein Kammermädchen benützten, aber nicht in dem gleichen Wagen,« antwortete Iris. »Ich hatte dann später auf der Reise von Dublin nach Holyhead das Glück, mit ihr bekannt zu werden. Die Überfahrt war sehr stürmisch, und Rhoda litt so entsetzlich unter der Seekrankheit, dass ich ordentlich Angst um sie bekam. Die Aufwärterin war ganz und gar von Damen in Anspruch genommen, die von allen Seiten nach ihr riefen, und ich weiß wirklich nicht, was aus uns geworden wäre, wenn nicht Mrs. Vimpany gekommen wäre und in der liebenswürdigsten Weise ihre Hilfe angeboten hätte. Sie wusste so vortrefflich Bescheid, was zu tun war, dass sie mich ganz in Verwunderung versetzte.

»,Ich bin die Frau eines Arztes' sagte sie, ,und ich mache das nur nach, was ich meinen Mann habe tun sehen, wenn seine Hilfe auf der See bei so schlimmem Wetter wie heute in Anspruch genommen wurde.'

»Bei ihrem überhaupt sehr schwachen Gesundheitszustand war Rhoba viel zu arg angegriffen, als dass sie hätte mit der Eisenbahn weiterfahren können, als wir in Holyhead ankamen. Sie ist ein vortreffliches Mädchen, und ich habe sie, wie Sie wissen, sehr gern. Wenn ich auf mich allein angewiesen gewesen wäre, dann hätte ich jedenfalls zu einem Arzt geschickt. Was glauben Sie aber, was mir die gute Mrs. Vimpany anriet, zu tun? ,Ihr Kammermädchen ist nur schwach,' sagte sie. ,Gönnen Sie ihr Ruhe und geben Sie ihr Wein zu trinken, dann wird sie sich bald wieder erholen und im stande sein, mit dem nächsten gewöhnlichen Zug weiter zu fahren. Sie brauchen keine Angst um sie zu haben; ich werde bei Ihnen bleiben.' Und sie blieb auch wirklich. Gibt es denn noch viele solche Menschen, Hugh, die so uneigennützig anderen, ihnen ganz Fremden so viel Gutes erweisen, wie meine zufällige Reisebekanntschaft vom Dampfboot?«

»Ich fürchte, deren sind nur verschwindend wenige.«

Mountjoy gab diese Antwort nicht ohne eine kleine Verlegenheit, denn er fühlte, dass in ihm ein gelinder Zweifel an der uneigennützigen Liebenswürdigkeit der Mrs. Vimpany aufstieg, und das war eines echten Mannes unwürdig.

Iris fuhr in ihrer Erzählung fort:

»Rhoda hatte sich hinreichend erholt, um mit dem nächsten Zuge weiterreisen zu können, und es schien kein Grund vorhanden, noch irgendwie ängstlich zu sein. Aber nach einiger Zeit zeigte sich doch, dass die Anstrengung der Reise für sie zu groß gewesen war. Das arme Mädchen wurde immer blasser und bekam schließlich eine Ohnmacht. Mrs. Vimpany brachte sie wieder zum Leben zurück, aber, wie sich bald herausstellte, nur für kurze Zeit. Sie bekam einen neuen Ohnmachtsanfall, und meine Reisegefährtin fing jetzt auch an, ängstlich zu werden. Es kostete einige Schwierigkeit, Rhoda wieder zum Bewusstsein zu bringen. Aus Furcht vor einem neuen Anfall beschloss ich, an der nächsten Station den Zug zu verlassen und dort zu bleiben. Der Ort sah aber so ärmlich aus, als wir ihn erreichten, dass ich Bedenken trug, mein Vorhaben auszuführen. Mrs. Vimpany überredete mich, mit ihr weiter zu fahren. Die nächste Station, sagte sie, wäre ihr Ziel. ,Bleiben Sie dort.' bemerkte sie, ,und lassen Sie meinen Gatten nach dem Mädchen sehen. Ich sollte vielleicht nicht davon sprechen, aber Sie werden schwerlich außerhalb Londons einen besseren Arzt finden.' Ich nahm den Vorschlag der liebenswürdigen Dame dankbar an. Was hätte ich auch sonst anderes machen sollen?«

»Was würden Sie denn getan haben,« fragte Mountjoy, »wenn Rhoda kräftig genug gewesen wäre, die Reise noch weiter fortsetzen zu können?«

»Ich würde dann nach London gegangen sein und einstweilen meine Wohnung in einem Hotel genommen haben - Sie waren ja in London, wie ich annehmen konnte, und mein Vater würde sich wohl mit der Zeit haben erweichen lassen. Wenn es so gewesen wäre, dann würde ich erst einen deutlichen Begriff von meiner verlassenen Lage bekommen haben. Dass ich aber das Glück hatte, mit so liebenswürdigen Leuten wie Doktor Vimpany und seine Gattin zusammenzutreffen, war es für ein so verlassenes, freundloses Wesen, wie ich bin, eine wahre Wohltat - gar nicht zu reden von dem großen Vorteil, den diese Liebenswürdigkeit Rhoda bot, welche von Tag zu Tag sich zusehends erholte. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Mrs. Vimpany sehen könnten; vielleicht ist sie zuhause. Sie ist ein wenig förmlich und altmodisch in ihren Manieren - aber ich glaube bestimmt, dass sie Ihnen gefallen würde.

O, sehen Sie sich nur einmal hier im Zimmer um! Sie sind arm, fürchterlich arm für Leute in ihrer Stellung, meine würdigen, braven Freunde. Ich habe die größte Schwierigkeit gehabt, bis sie mir nur gestatteten, meinen Teil zu den Haushaltungskosten beizusteuern. Sie willigten erst dann ein, als ich drohte, ich würde in den Gasthof gehen. Sie sehen aber so ernst aus, Hugh. Ist es denn möglich, dass Sie irgend etwas Unrechtes darin finden, dass ich mich hier in diesem Hause aufhalten?«

Die Türe des Empfangszimmers wurde leise geöffnet, gerade in dem Moment als Iris diese Frage stellte. Eine Dame erschien auf der Schwelle. Als sie den Fremden erblickte, wendete sie sich an Iris.

»Ich wusste nicht, meine liebe Miss Henley, dass Sie Besuch hatten. Entschuldigen Sie daher mein Eintreten.«

Die Stimme war tief; die Aussprache war deutlich; ihr Lächeln zeigte eine bescheidene Würde, welche ihr ein gewisses Selbstbewusstsein verlieh. Iris hielt sie zurück, als sie eben im Begriff war, das Zimmer wieder zu verlassen.

»Ich habe soeben den Wunsch ausgesprochen, dass Sie zuhause sein möchten,« sagte Miss Henley. »Erlauben Sie, dass ich Ihnen meinen alten Freund, Mr. Mountjoy, vorstelle. Hugh, das ist die Dame, welche so außerordentlich liebenswürdig gegen mich gewesen ist - Mrs. Vimpany.«

Hugh beabsichtigte, unter diesen Umständen eine Verbeugung zu machen und der Dame des Hauses die Hand zu geben. Mrs. Vimpany begegnete diesem freundlichen Entgegenkommen mit einer außerordentlichen Zierlichkeit in ihren Bewegungen, wie sie nicht oft in unseren Tagen, die so wenig auf Zeremonien geben, gesehen wird. Mrs. Vimpany war eine große, schmächtige Dame. Durch künstliche Mittel hatte sie ihrer Erscheinung auf so geschickte Weise nachzuhelfen gewusst, dass es fast den Anschein hatte, als ob es natürlich wäre. Ihre Wangen hatten die Fülle der Jugend verloren, aber ihr Haar zeigte, vielleicht auch wieder infolge der angewendeten künstlichen Mittel, noch keine Spuren des nahenden Alters. Der Ausdruck ihrer großen schwarzen Augen, die vielleicht etwas zu nahe an ihrer stark ausgebildeten Adlernase standen, heischte Bewunderung von jeder Person, welche so glücklich war, in ihren Gesichtskreis zu kommen. Ihre Hände, die lang, gelb und bejammernswürdig mager waren, bewegte sie mit viel Grazie. Ihr Anzug hatte bessere Tage gesehen, aber sie wusste ihn in einer Art zu tragen, welche es eigentlich unmöglich machte, seinen wirklichen Zustand zu erkennen. Ein dünner Spitzenkragen umschloss ihren Hals und fiel in dürftigen Falten über ihre Schulter herab.

Sie ließ sich in einen Stuhl an Iris' Seite nieder.

»Es gereichte mir zum großen Vergnügen, Mr. Mountjoy, meine geringfügigen Dienste Miss Henley anbieten zu können,« sagte sie; »ich vermag gar nicht auszudrücken, wie glücklich mich ihre Gegenwart in unserem kleinen Hause macht.«

Das Kompliment war an Iris gerichtet in einem äußerst liebenswürdigen Ton und mit einem Lächeln in dem Gesicht, so freundlich sie es hervorzubringen vermochte. So wunderlich und gekünstelt, wie es unzweifelhaft war, machte das Benehmen der Mrs. Vimpany nichtsdestoweniger einen angenehmen Eindruck. Mountjoy war zuerst geneigt gewesen, ihr mit Misstrauen zu begegnen, fand aber während des Gespräches, dass sie es verstanden hatte, eine günstige Änderung in seiner Meinung betreffs ihrer Person herbeizuführen. Sie interessierte ihn jetzt so, dass er begann, neugierig zu werden, wie ihr Leben wohl gewesen sei, als sie noch jung und hübsch war. Er betrachtete wieder die Bilder der Schauspielerinnen an den Wänden und die Bücher auf den Bücherbrett, und dann warf er, während sie mit Iris sprach, verstohlen einen listigen Blick auf die Dame des Hauses. War es denn möglich, dass diese merkwürdige Frau einstmals eine Schauspielerin gewesen war? Er versuchte, sich hierüber Gewissheit zu verschaffen, indem er eine liebenswürdige Bemerkung über die Bilder machte.

»Meine Erinnerungen als Theaterbesucher reichen nicht weit zurück,« begann er, »aber Ihre schönen Bilder erregen in mir ein historisches Interesse.«

Mrs. Vimpany machte eine graziöse Verbeugung, sagte aber nichts. Hugh Mountjoy versuchte daher zum zweiten Male sein Glück.

»Man sieht nicht oft die berühmten Schauspielerinnen vergangener Tage,« fuhr er fort, »in so guten Darstellungen und Bildern an den Wänden eines englischen Hauses.«

Diesmal hatte er mit seinen Worten einen besseren Erfolg, denn Mrs. Vimpany antwortete ihm: »Ich stehe in vielerlei angenehmen Verbindungen mit dem Theater, die schon aus meinen Mädchen Jahren herrühren.«

Mountjoy erwartete, nun noch mehr zu hören, aber es wurde nichts weiter gesagt. Vielleicht blickte die verschwiegene Dame nicht gern auf jene Zeit zurück nach einer so langen Reihe von dazwischenliegenden Jahren, oder sie hatte vielleicht auch ihre Gründe, Mr. Mountjoys Verlangen nach der Wahrheit nicht zu befriedigen. Auf jeden Fall ließ sie mit Absicht dieses Gesprächsthema fallen; Iris nahm es jedoch wieder auf. Sie saß an dem einzigen Tisch in dem Zimmer und befand sich so gerade gegenüber einem der Bilder - dem ausgezeichneten Portrait der Mrs. Siddons als tragische Muse.

»Ich möchte wohl wissen, ob Mrs. Siddons wirklich so schön gewesen ist wie auf diesem Bild,« sagte sie, indem sie auf das Gemälde zeigte. »Sir Josua Reynolds soll, wie man sich erzählt, seinen Originalen sehr geschmeichelt haben.«

Mrs. Vimpanys große, selbstbewusste Augen erstrahlten plötzlich in höherem Glanz; der Name dieser großen Schauspielerin schien ihr Interesse zu wecken, aber im Begriff, wie es schien, zu sprechen, ließ sie den Gegenstand ebenso fallen wie vorher bei dem allgemeineren Gespräch über das Theater. Mountjoy konnte nicht umhin, selbst Iris zu antworten.

»Keines von uns ist alt genug,« erinnerte er sie, »um zu entscheiden, ob Sir Josua Reynolds' Pinsel sich der Schmeichelei schuldig gemacht hat oder nicht.«

Darauf wendete er sich wieder an Mrs. Vimpany und versuchte es nun auf einem andern Weg, einen Einblick in ihr früheres Leben zu gewinnen.

»Als Miss Henley so glücklich war, Ihre Bekanntschaft zu machen,« sagte er, »waren Sie auf einer Reise in Irland begriffen. War dies Ihr erster Besuch in diesem unglücklichen Lande?«

»Ich bin mehr als einmal in Irland gewesen.« Nachdem sie so wiederum mit voller Überlegung die Erwartungen Hugh Mountjoys getäuscht hatte, wurde sie jetzt durch eine rechtzeitige Unterbrechung von der Weiterfortsetzung des Gespräches befreit. Es war die Stunde, wo die Nachmittagspost abgeliefert zu werden pflegte. Das Dienstmädchen trat in das Zimmer mit einem kleinen versiegelten Paket und hatte außerdem noch ein bedrucktes Papier in der Hand.

»Es ist eingeschrieben, Frau Doktor,« sagte das Mädchen. »Der Postbote bittet Sie, den Zettel zu unterschreiben. Er scheint Eile zu haben.«

Sie legte das Paket und das Blatt Papier auf den Tisch in die Nähe des Tintenfasses. Nachdem Mrs. Vimpany den Schein unterzeichnet hatte, nahm sie das Paket in die Hand und sah nach der Adresse. Sofort blickte sie zu Iris hin und wendete dann ebenso schnell ihre Augen wieder weg.

»Bitte, entschuldigen Sie mich einen Augenblick,« sagte sie und verließ rasch das Zimmer, ohne das Paket zu öffnen.

In dem Moment, als sich die Tür hinter ihr schloss, sprang Iris auf und eilte zu Mountjoy hin.

»O Hugh,« sagte sie, »ich sah die Adresse auf dem Paket, als das Dienstmädchen es auf den Tisch legte.«

»Was kann Sie denn an dieser Adresse so erregen, liebe Iris?« »Bitte, sprechen Sie nicht so laut! Sie horcht vielleicht vor der Tür.« Nicht nur die Worte, sondern auch der Ton, in welchem sie gesprochen waren, überraschten Mountjoy.

»Meinen Sie Ihre Freundin, Mrs. Vimpany?« rief er aus.

»Mrs. Vimpany scheute sich, das Paket in unserer Gegenwart zu öffnen,« fuhr Iris fort. »Sie müssen es ja selbst bemerkt haben. Die Handschrift war mir bekannt; ich weiß genau, wer die Adresse geschrieben hat.«

»Nun, wer denn?«

Sie flüsterte ihm leise ins Ohr:

»Lord Harry!«

Fünfzehntes Kapitel.

Verwunderung ließ Hugh einen Augenblick verstummen. Iris verstand den Blick, welchen er auf sie warf und erwiderte ihn.

»Ich bin vollständig von dem überzeugt,« sagte sie zu ihm, »was ich soeben ausgesprochen habe.«

Mountjoys bedächtiger, nicht leicht aus dem Gleichgewicht zu bringender Sinn trug Bedenken, ein allzu schnelles Urteil zu fällen.

»Ich bin sicher, dass Sie von dem, was Sie mir gesagt haben, vollständig überzeugt sind,« entgegnete er. »Aber Irrtümer kommen doch bisweilen bei der Beurteilung von Handschriften vor.«

Infolge des lebhaft erregten Zustandes, in dem sich Iris jetzt befand, war sie sehr leicht beleidigt. Er hatte ja selbst, wie sie ihm ins Gedächtnis zurückrief, in früherer Zeit die Handschrift Lord Harrys gesehen. War denn überhaupt bei diesem dick geschriebenen Buchstaben ein Irrtum möglich?

»O Hugh!« rief sie aus; »ich bin elend genug, versuchen Sie es nicht, mir noch abstreiten zu wollen, was ich genau weiß! Nur denken zu müssen, dass eine so liebenswürdige, so freundliche, so uneigennützig erscheinende Frau - nur denken zu müssen, dass Mrs. Vimpany mich getäuscht hat!«

Es lag nicht der geringste Grund vor, dem, was sich ereignet hatte, diese Auslegung zu geben. Mountjoy machte daher auch besänftigende Einwendungen.

»Meine liebe Iris, wir wissen wirklich noch nicht, ob Mrs. Vimpany in der Tat nach Vorschriften von Lord Harry gehandelt hat. Warten Sie daher noch eine kurze Zeit, bevor Sie Ihre Reisegefährtin beschuldigen, dass sie Ihnen nur in der Absicht ihre Dienste angeboten habe, um Sie zu täuschen.«

Iris war von neuem ärgerlich über ihren Freund.

»Warum aber hat mir Mrs. Vimpany nie gesagt, dass sie Lord Harry kennt? Ist das nicht verdächtig?«

Mountjoy lächelte.

»Erlauben Sie, dass ich auch meinerseits eine Frage stelle,« sagte er. »Haben Sie denn Mrs. Vimpany erzählt, dass Sie Lord Harry kennen?«

Iris gab keine Antwort, aber ihr Gesicht sprach stattdessen. »Nun also,« fuhr er fort, »ist vielleicht ihr Schweigen verdächtig? Merken Sie wohl, ich bin weit davon entfernt, zu sagen, dass dieses, wenn es der Fall wäre, nicht eine sehr unangenehme Entdeckung sein würde. Aber lassen Sie uns nur erst vollkommen sicher sein, dass wir recht haben.«

Neben den meisten weiblichen Vorzügen besaß Miss Henley auch viele Fehler der Frauen. Sie hielt an ihrer eigenen Meinung fest und fragte nur Hugh, wie sie denn hoffen könnten, zu einer Gewissheit darüber zu kommen, da sie doch ihre Fragen an eine Person richten müssten, welche sie schon getäuscht hätte.

Mountjoys unerschöpfliche Geduld suchte Mrs. Vimpany immer noch zu verteidigen.

»Wenn sie zurückkommt,« sagte er, »so werde ich schon eine passende Gelegenheit zu finden wissen und Lord Harrys Namen erwähnen. Wenn sie dann sagt, dass sie ihn kennt, so können wir mit gutem Gewissen ihr auch weiterhin trauen.«

»Angenommen nun, sie heuchelt Unkenntnis,« fuhr Iris hartnäckig fort, »und gibt sich den Anschein, als ob sie niemals zuvor seinen Namen gehört hätte.«

»In diesem Falle werde ich gern zugeben, dass ich im Unrecht war, und werde Sie bitten, mir zu verzeihen.«

Da fühlte sich Iris denn doch beschämt.

»Ich bin es,« erwiderte sie, »die um Verzeihung bitten muss. O, wie oft ist es schon mein Wunsch gewesen, dass ich mir alles genau vorher überlegen könnte, bevor ich es ausspreche; wie anmaßend und ungezogen bin ich jetzt wieder gewesen, aber angenommen, Hugh, es stellte sich heraus, dass ich doch recht hätte, was werden Sie dann tun?«

»Dann, meine liebe Iris, würde es meine Pflicht sein, Sie und Ihr Kammermädchen so schnell wie möglich aus diesem Hause wegzubringen und Ihrem Vater zu sagen, welch gewichtige Gründe dafür vorhanden sind.«

Er hielt in seiner Rede plötzlich inne. Mrs. Vimpany betrat soeben das Zimmer; sie war wieder in dem vollständigen Besitz ihrer vornehmen Höflichkeit, welche durch ein verbindliches Lächeln gemildert wurde.

»Ich habe Sie, Miss Henley, in solch guter Gesellschaft gelassen,« sagte sie mit einem graziösen Neigen ihres Kopfes gegen Mountjoy, »dass ich wohl kaum nötig habe, meine Entschuldigung zu wiederholen. Es müsste denn sein, dass ich eine vertrauliche Unterredung durch mein Kommen gestört hätte.«

Die günstige Gelegenheit, dem vorgenommenen Versuch mit Lord Harrys Namen zu machen, schien sich jetzt schon von selbst dargeboten zu haben. Mountjoy ergriff sie rasch.

»Sie haben durchaus nichts gestört, was irgendwie vertraulich gewesen wäre,« beeilte er sich, Mrs. Vimpany zu versichern. »Wir haben nur von einem leichtsinnigen jungen Edelmann gesprochen, den wir beide sehr gut kennen. Wenn das, was ich von ihm höre, wahr ist, so ist er schon eine öffentliche, allgemein bekannte Persönlichkeit geworden; seine Abenteuer und tollen Streiche haben bereits ihren Weg in verschiedene Zeitungen gefunden.«

Hier hätte nun Mrs. Vimpany, wenn sie den Erwartungen Hughs entsprochen haben würde, fragen sollen, wer denn der junge Edelmann wäre; sie hörte aber nur mit höflichem Stillschweigen zu.

Mit der schnellen Auffassungsgabe der Frau hatte Iris sofort erkannt, dass Mountjoy die Gelegenheit, zu fragen, nicht allein zu früh ergriffen, sondern dass er auch mit einer allzu handgreiflichen Deutlichkeit gesprochen hatte, welche eine so kluge und schlaue Person wie Mrs. Vimpany war, vorsichtig machen musste. In dem Bestreben jedoch, ihn von der Verfolgung seines unglücklichen Versuches abzuhalten, verfiel Iris in denselben Fehler wie Hugh Mountjoy. Sie ergriff ebenfalls zu früh die ihr passend erscheinende Gelegenheit, das heißt, sie war allzu voreilig, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

»Sie sprachen soeben, Hugh, von den Abenteuern unseres Freundes,« sagte sie; »ich fürchte, Sie werden sich selbst in ein Abenteuer von nicht sehr angenehmer Art verwickelt haben, wenn Sie in dem Gasthofe ein Nachtquartier zu finden hoffen. Ich habe noch niemals zuvor ein so erbärmliches Wirtshaus wie das hiesige gesehen.«

»Nicht doch, meine liebe Miss Henley,« beeilte sich Mrs. Vimpany einzuwenden, »das Gasthaus ist viel reinlicher und wohnlicher als Sie annehmen. Ein hartes Bett und eine dürftige Ausstattung sind die schlimmsten Unannehmlichkeiten, welche Ihr Freund zu fürchten hat. - Wissen Sie,« fuhr sie dann, zu Mountjoy gewendet, fort, »dass ich lebhaft an einen meiner Bekannten erinnert wurde, als Sie vorhin von dem jungen Edelmann sprachen, von dessen Abenteuern schon in den Zeitungen berichtet wurde? Sollte es denn möglich sein, dass Sie damit den Bruder des gegenwärtigen Earl of Norland gemeint haben? Ein hübscher junger Irländer, mit dem ich seit vielen Jahren bekannt bin! Habe ich recht in meiner Annahme, dass Sie und Miss Henley Lord Harry kennen?« fragte sie.

Was konnte ein unbefangenes Gemüt mehr verlangen? Nachdem Mountjoy bestätigt hatte, dass Lord Harry der junge Edelmann sei, von dem er und Miss Henley gesprochen hatten, stand er auf, um sich zu verabschieden.

Iris fühlte das dringende Bedürfnis, noch einige Worte mit Hugh allein zu sprechen. Der Vorwand dafür bot sich von selbst dar durch die entfernte Lage des Gasthauses.

»Sie werden niemals allein den Rückweg finden,« sagte sie, »durch das Labyrinth von krummen und winkeligen Gassen in dieser alten Stadt. Warten Sie einen Augenblick auf mich, ich werde Sie führen.«

Mrs. Vimpany machte dagegen Einwendungen und sagte: »Meine Liebe, das Dienstmädchen kann ja Ihrem Freund den Weg zeigen.« Iris hielt jedoch lachend an ihrem Entschlusse fest und eilte hinweg in ihr Zimmer. Mrs. Vimpany fügte sich in der liebenswürdigsten Weise diesen Beschluss. Die Beweggründe Miss Henleys konnten für sie kaum klarer sein, wenn Iris sie offen bekannt hätte.

»Welch ein reizendes Mädchen!« sagte sie zu Mountjoy, als sie allein war. »Wenn ich ein Mann wäre, so würde Miss Iris gerade die junge Dame sein, in die ich mich verlieben könnte.« Sie blickte bedeutungsvoll zu Mountjoy hin, da er aber nichts darauf erwiderte, fuhr sie fort: »Miss Henley muss schon viele Gelegenheiten gehabt haben, sich zu verheiraten, aber ich fürchte, der Rechte ist noch nicht erschienen.« Noch einmal blickte sie mit ihren sprechenden Augen herausfordernd auf Mountjoy, aber wiederum schwieg er still. Manche Frauen lassen sich leicht entmutigen; aber die unergründliche Mrs. Vimpany war eine von den anderen Frauen; sie war noch nicht fertig mit Mountjoy und lud ihn daher für den nächsten Tag zu Tische ein.

»Wir speisen schon sehr früh, um drei Uhr,« sagte sie bescheiden. »Bitte, geben Sie uns die Ehre. Ich hoffe dann bestimmt, das Vergnügen zu haben, Ihnen meinen Gatten vorstellen zu können.«

Mountjoy hatte gute Gründe, die Bekanntschaft mit Mr. Vimpany zu wünschen. Als er die Einladung annahm, kehrte Miss Henley zurück, um ihn nach dem Gasthof zu begleiten.

Iris richtete an Hugh, sobald sie das Haus des Doktors verlassen hatten, die unvermeidliche Frage:

»Nun, was sagen Sie jetzt zu Mrs. Vimpany?« »Meiner Ansicht nach muss sie eine Schauspielerin gewesen sein,« antwortete Mountjoy, »und benützt jetzt ihre auf der Bühne gemachten Erfahrungen im gewöhnlichen Leben.« »Was beabsichtigen Sie nun zunächst zu tun?« »Ich beabsichtige zu warten und mir morgen den Gatten von Mrs. Vimpany anzusehen.« »Warum?«

»Mrs. Vimpany, liebe Iris, ist mir zu gescheit. Wenn sie - ganz abgesehen davon, ob es sich in Wirklichkeit so verhält oder nicht - wenn sie in der Tat Lord Harrys Kreatur ist, von ihm beauftragt, Sie zu überwachen und ihm mitzuteilen, wo Sie für die nächste Zeit in England Ihren Aufenthalt nehmen, dann will ich gern zugestehen, dass sie mich vollständig getäuscht hat. Wenn dies der Fall ist, so kann es gerade leicht möglich sein, dass ihr Gatte kein so vollendeter und ausgezeichneter Betrüger ist wie sein Weib. Und dann bin auch ich im Stande, ihn zu durchschauen. Ich kann natürlich nur den Versuch machen.«

Iris seufzte.

»Ich möchte fast hoffen,« sagte sie, »dass Sie keinen Erfolg hätten.« Mountjoy war betroffen über diese Worte und suchte das auch nicht zu verbergen.

»Ich dachte, Sie wollten nur die Wahrheit erfahren,« antwortete er.

»Mein Herz würde wahrscheinlich leichter sein, wenn ich im Zweifel geblieben wäre,« erwiderte sie. »Unrichtige Schlussfolgerungen haben meine armselige Meinung in Gegensatz zu der Ihrigen gebracht, aber ich komme jetzt wieder zu einer besseren Einsicht. Ich glaube, Sie waren vollständig im Rechte, als Sie versuchten, mich von voreiligen Schlüssen abzuhalten; es ist mehr denn wahrscheinlich, dass ich Mrs. Vimpany Unrecht getan habe. O Hugh, wenn ich es doch nur verstünde, mir einen Freund zu erhalten! Ich bin auch, wenn ich an den Edelmut denke, den Lord Harry in seiner aufopfernden Besorgnis für Arthurs Rettung bewiesen, nicht im Stande, an solchen verächtlichen Betrug zu glauben. Er hat doch erst in unsere Trennung eingewilligt und sollte mich nun in heimlicher Weise durch einen Spion überwachen lassen? Was wäre das für ein ungeheurer Widerspruch! Kann jemand daran glauben? Kann jemand das erklären?«

»Ich glaube, ich kann es erklären, Iris, wenn Sie mir erlauben, den Versuch zu machen. Sie sind, um damit zu beginnen, in einem großen Irrtum befangen.«

»In welchem Irrtum?«

»Sie werden es gleich erfahren. Es gibt auf der ganzen Erde kein Geschöpf, das ein vollständig konsequentes Wesen wäre. Lord Harry hat sich, wie Sie ganz richtig bemerkten, sehr edel benommen bei seinen Versuchen, meinem geliebten armen Bruder das Leben zu retten. Es sollte nun nach Ihrer Meinung in allen seinen Gedanken und Handlungen bis an das Ende seines Lebens immer edel sein. Nehmen Sie an, dass die Versuchung an ihn herantrete - eine solche schwere Versuchung, wie Sie selbst, Iris, ohne Ihren Willen für ihn sind - warum setzt er ihr nicht einen übermenschlichen Widerstand entgegen? Sie könnten ebenso gut fragen, warum ist er ein sterblicher Mensch! Glauben Sie nicht, dass auch in ihm Neigungen zum Bösen vorhanden sind, ebenso wie Neigungen zum Guten? Ah, ich sehe, dass Sie das nicht hören wollen! Es würde allerdings unendlich viel angenehmer sein, wenn Lord Harry einer von den vollkommen edlen Charakteren wäre, wie sie uns zuweilen in Romanen und Novellen entgegentreten. Die Wirklichkeit ist leider anders. Ich habe nicht etwa die Absicht, Sie verzagt zu machen, Iris; ich möchte Sie im Gegenteil dazu ermutigen, die Menschheit von einem weiteren und wahreren Standpunkt aus zu betrachten. Sie sollen nicht gleich zu sehr niedergeschlagen sein, wenn Sie Ihren Glauben an einen Menschen erschüttert finden, den Sie bisher für gut hielten. Der Betreffende ist in Versuchung geführt worden. Die Menschen sind im allgemeinen weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Nehmen Sie sie, wie Sie sie finden.«

Sie trennten sich an der Tür des Gasthauses.

Sechzehntes Kapitel

Der Wundarzt Mr. Vimpany war ein dicker Mann, kräftig gebaut vom Kopf bis zu den Füßen; seinen lebhaften, runden Augen blickten die Mitmenschen mit dem Ausdruck einer gewissen unverschämten Vertraulichkeit an; seine Lippen waren voll, sein Backenbart dicht, seine Hände fleischig und seine Beine stark. Dazu kamen ein sonnenverbranntes, breites Gesicht, ein grauer, sehr weiter Rock, eine schwarz und weiß karierte Weste und lederne Reithosen, um den Glauben nahe zu legen, man habe einen Landwirt der alten Schule vor sich. Er war stolz auf diesen falschen Eindruck, den er machte. »Die Natur hat mich zum Landwirt geschaffen,« pflegte er zu sagen, »aber meine arme, törichte alte Mutter, die eine Dame aus vornehmen Hause war, bestand darauf, dass ihr Sohn ein Gelehrter werden sollte. Ich hatte jedoch weder Lust zur Rechtswissenschaft, noch Geld zur Armee, noch die zur Theologie erforderlichen moralischen Lebensanschauungen. Nun, so bin ich denn jetzt hier ein Landarzt - ein Repräsentant der Sklaverei, wie sie sich noch bis in das neunzehnte Jahrhundert erhalten hat. Sie werden es mir nicht glauben, aber ich kann niemals einen Arbeiter auf dem Feld sehen, ohne ihn zu beneiden.«

Dies war der Gatte der vornehmen Dame mit den sorgfältig beobachteten feinen Manieren. Dies war der Mann, welcher Mountjoy mit einem lauten: »Sehr erfreut, Sie zu sehen, Sir!« und einem so kräftigen Händedruck begrüßte, dass es Hugh weh tat.

»Ein sehr bescheidenes Mittagessen,« sagte Mr. Vimpany, während er ein großes Stück Fleisch zerschnitt, »aber ich kann es nicht besser geben. Es kommt dann nur noch eine Mehlspeise und ein Glas vorzüglichen alten Sherrys. Miss Henley wird liebenswürdig genug sein, es zu entschuldigen - meine Frau ist daran gewöhnt, und Sie werden auch damit vorlieb nehmen, Mr. Mountjoy, wenn Sie nur halb so liebenswürdig sind, wie Sie aussehen. Ich bin ein Mann von altem Schrot und Korn. Ich freue mich, Sir, ein Glas Wein mit Ihnen trinken zu können!«

Hughs erste Bekanntschaft mit diesem vorzüglichen alten Sherry ließ ihn eine Entdeckung machen, welche sich in der Folge noch viel wichtiger erwies, als er im ersten Augenblick geneigt war, anzunehmen. Er bemerkte vorderhand nur, mit welch inniger Befriedigung Mr. Vimpany den schlechtesten Sherry trank, den sein Gast jemals über seine Lippen gebracht hatte. Hier war wirklich einmal ein Arzt, der sich in vollständiger Selbsttäuschung befand und auf diese Weise eine seltene Ausnahme von der gewöhnlichen Regel bei den Vertretern dieses Berufes machte - hier war wirklich einmal ein Arzt, der keinen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wein zu machen verstand. Beide Damen aber waren sehr begierig, zu hören, wie Mountjoy die Nacht in den Gasthof verbracht hatte. Er konnte nur sagen, dass er über nichts zu klagen hätte. Da brach Mr. Vimpany in ein schallendes Gelächter aus.

»O, mit etwas müssen Sie aber unzufrieden gewesen sein!« rief der dicke Doktor. »Ich möchte hundert gegen eins wetten, wenn ich es könnte, dass die Wirtin den Versuch gemacht hat, Sie mit ihrem sauren französischen Wein zu vergiften.«

»Sprechen Sie von dem französischen Rotwein des Wirtshauses, nachdem Sie ihn gekostet haben?« fragte Mountjoy.

»Für was halten Sie mich denn eigentlich?« rief Mr. Vimpany. »Nach allem, was ich von diesem Rotwein gehört habe, bin ich wirklich nicht so dumm, ihn selbst noch zu versuchen, das können Sie mir glauben.«

Mountjoy nahm diese Antwort stillschweigend hin. Die Unkenntnis des Doktors und sein Vorurteil in Sachen des Weines hatte ihn auf eine Reihe ganz neuer Gedanken gebracht, welche für Mr. Vimpany selbst sehr bedenkliche Folgen haben sollten. Es war eine Pause am Tisch entstanden; niemand sprach ein Wort. Der Doktor las im Gesicht seiner Frau Missbilligung über sein unfeines Benehmen, er versuchte daher in sehr ungeschickter Weise, sich bei Mountjoy, der immer noch mit seinen Gedanken beschäftigt dasaß zu entschuldigen.

»Ich hoffe, Sie haben mir meine Worte nicht übel genommen. Es liegt in meiner Natur, meine Meinung offen auszusprechen. Wenn ich es verstünde, zu schmeicheln und schön zu tun, so würde es mir entschieden in meinem Beruf besser gehen. Ich bin, wie man sagt, ein ungeschliffener Diamant. Bitte, nicht beleidigt sein!«

»O, gewiss nicht, Mr. Vimpany!« beruhigte ihn Mountjoy.

»Das ist recht! Jetzt trinken Sie aber noch ein Glas Sherry!« Mountjoy trank schweigend sein Glas aus.

Iris blickte ihn verwundert an. Es sah Hugh so vollständig unähnlich, dass er die übliche Artigkeit so ganz außer acht ließ, um unbekümmert seinen Gedanken nachzuhängen, während andere Leute neben ihm am Tische saßen. War er krank? Sein Aussehen bezeugte vollkommenes Wohlbefinden. Was hatte denn sein seltsames Benehmen zu bedeuten?

Da Mr. Vimpany bemerkte, dass Mountjoy nicht auf seine Reden hörte, wendete er sich an Iris.

»Ich habe einen scharfen Ritt gemacht, Miss Henley,« sagte er, »um zur rechten Zeit zum Mittagessen nach Hause zu kommen. Ich muss Ihnen gestehen, es gibt Patienten, welche nach dem Doktor schicken, und dann in der Meinung sind, sie wüssten mehr von ihrem Leiden als derjenige, den sie haben holen lassen, damit er sie kuriere. Er ist es nicht, der ihnen sagt, welche Krankheit sie haben, sondern sie sind es, die es ihm sagen. Ein Gespräch über die ärztliche Behandlung, das ist das Beste für sie, und das einzige, was sie nie müde werden zu tun, ist, dass sie über die Erscheinungen ihres Leidens sprechen. Heute hat mich ein alter Mann so lange aufgehalten; indessen der gnädige Herr, wie sie ihn in seiner Gegend zu nennen pflegen, hat einen großen Geldbeutel, und da muss ich geduldig sein.«

»Es ist ein Edelmann aus der alten Schule, Miss Henley,« erklärte Mrs. Vimpany - »ungeheuer reich! Geht es ihm jetzt wieder besser?« fragte sie dann, sich an ihren Gatten wendend.

»Besser?« rief der Doktor, der noch ganz außer Atem war. »Ach was, der hat kein anderes Leiden, als dass er zu gut und zu viel isst und trinkt. Er ist vor kurzem in London gewesen und hat einen berühmten Arzt um Rat gefragt, natürlich einen Schwindler mit großem Namen. Dieser vortreffliche Heilkünstler wusste aber nichts mit ihm anzufangen und schickte ihn in auswärtige Bäder, damit er sich dort gehörig auskochen lassen sollte. Er kam wieder nach Hause zurück, schlechter als jemals, und wandte sich nun an mich Armen. Als ich zu ihm kam, fand ich ihn bei Tische sitzen, - ein wahres Festmahl, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort - und der alte Narr stopfte sich voll, bis er ganz blau im Gesicht wurde. Ich hätte eigentlich besser sagen sollen, sein Wein war von sehr schlechter Sorte, es fehlte ihm der Gehalt und die Blume, Sie verstehen mich schon, Mr. Mountjoy. Ah, das scheint Sie zu interessieren! Nicht wahr, Sie denken an den Wein der Wirtin? Ist es nicht so? Nun, Sir, wie glauben Sie wohl, dass ich den gnädigen Herrn behandelt habe? - Durch ein ordentliches, kräftiges Brechmittel reinigte ich sein altes, abgenütztes Inneres und brachte ihn so auf die Beine. Sobald er wieder einmal zu viel gegessen hat, schickt er sofort nach mir, und er bezahlt sehr anständig. Ich muss ihm dankbar sein, und ich bin es auch. Bei meiner Seele, ich hätte schon längst Bankrott gemacht, wenn der Magen des alten Esels nicht wäre. Haha, sehen Sie sich einmal meine Frau an, sie stößt mich immer unter dem Tisch. Nicht wahr, mein Herz, wir sollten den Schein aufrecht erhalten? Aber ich tue es nicht! Wenn ich arm bin, so gestehe ich auch ein, dass ich arm bin. Wenn ich einen Patienten kuriere, so mache ich kein Geheimnis daraus. Jeder Mann ist mir willkommen, der hören will, wie ich es gemacht habe. Sei nur nicht gleich so böse, Arabella; die Natur hat mich nun einmal nicht zum Arzt bestimmt, und so mag es eben gehen, wie es gehen will. Noch ein Glas Sherry gefällig, Mr. Mountjoy?«

Alle gesellschaftlichen Formen - mit Einschluss der eigentümlichen englischen Gewohnheit, dass die Damen nach dem Essen vom Tisch weg gehen und die Herren sich selbst überlassen - fanden an Mrs. Vimpany eine begeisterte und ergebene Anhängerin. Sie stand auf, als wenn sie bei einem großen und feierlichen Gastmahl den Vorsitz geführt hätte, und geleitete Miss Henley in der liebenswürdigsten Weise in das Empfangszimmer. Iris blickte nach Hugh, aber sein Geist war noch mit anderen Dingen beschäftigt, denn sein Gesicht hatte noch nicht den nachdenklichen Ausdruck verloren.

In der aufgeräumtesten Laune schob Mr. Vimpany jetzt die Flasche seinem Gast über den Tisch zu und hielt ihm eine Hand voll dicker schwarzer Zigarren hin.

»Hier ist etwas, was zu dem Traubensaft passt!« rief er. »Das ist die beste Zigarre in ganz England!«

Er hatte gerade sein Glas von neuem gefüllt und wollte sich eben seine Zigarre anzünden, als das Dienstmädchen hereintrat mit einem Zettel in der Hand. Manche Leute machen ihrem Unwillen in dieser, andere in jener Weise Luft. Bei dem Doktor geschah es durch Schelten.

»Nun soll mir einmal einer nicht von Sklaverei reden! Suchen Sie einmal einen Sklaven in ganz Afrika, wie ein Mann meines Berufes einer ist! Für uns gibt es keine Stunde, weder bei Tag noch bei Nacht, die wir zu unserer freien Verfügung haben. Da, hier ist eine so dumme, alte Frau, die an Asthma leidet; sie hat wieder einmal einen Krampfanfall gehabt, und deshalb muss ich jetzt meinen Mittagstisch verlassen und meinen Freund, gerade wo wir erst jetzt recht vergnügt sein wollen. Ich hätte beinahe Lust, nicht hinzugehen.«

Der unaufmerksame Gast rehabilitierte sich plötzlich in den Augen seines Wirtes. Hugh machte lebhafte Einwendungen gegen die zuletzt laut gewordene Absicht Mr. Vimpanys, so dass es den Anschein hatte, als ob ihn der Fall interessiere. Der Doktor fasste es als ein Kompliment auf, als Mountjoy fragte:

»Aber Mr. Vimpany, wo bleibt dann die Menschenfreundlichkeit?« »Sie meinen wohl das Geld, Mr. Mountjoy,« antwortete der witzige Doktor. »Die alte Dame ist die Mutter unseres Bürgermeisters, Sir. Sie scheinen mir keinen Spaß zu verstehen; ich werde natürlich hingehen, um das Honorar in meine Tasche stecken zu können.« Sobald er die Tür geschlossen hatte, atmete Hugh Mountjoy wie erlöst auf und brach in den aufrichtigen Freudenruf aus: »Gott sei Dank, dass er fort ist!« Dann wanderte er in dem Zimmer auf und ab und ließ ungestört seinen Gedanken freien Lauf.

Der Gegenstand seines Nachdenkens war der Einfluss der geistigen Getränke, welcher die verborgenen Schwächen und Fehler in dem Charakter eines Mannes verrät, indem er sie genau so zu Tage treten lässt, wie sie in Wirklichkeit sind, vollkommen aller Bande ledig, welche der nüchterne Mensch sich auferlegt. Dass hier die schwache Seite Mr. Vimpanys lag, war außer Zweifel. Wenn man so schlau war, ihn trinken zu lassen, so viel er wollte, so konnte man ihn ohne viel Mühe der Fähigkeit, seine Gedanken zu verbergen, berauben und die Natur der Verbindung, welche zwischen Lord Harry und Mrs. Vimpany bestand, musste auf diese Art und Weise früher oder später klar werden - vielleicht in einem Gespräch nach dem Essen bei geschicktem Verhalten. Die Unfähigkeit des Doktors, einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wein zu machen, kam dabei ebenso gelegen wie Mountjoys Kenntnis von der vortrefflichen Qualität des französischen Rotweins der Gastwirtin. Er hatte sofort, als er ihn gekostet, erkannt, dass er aus einem der besten Weinberge von Bordeaux stammte und seine wahre Güte und Stärke dem gewöhnlichen und unerfahrenen Geschmack unter jener Blume verbarg, die dem echten Bordeaux eigen ist. Man brauchte ja nur Mr. Vimpany aufzufordern, - etwa durch eine Einladung zum Mittagessen in den Gasthof - seine Meinung als ein Mann, dessen Urteile in Weinsachen vollständiges Vertrauen geschenkt werden dürfte, über diese Sorte abzugeben; man brauchte ihn nur auf diese Art und Weise entdecken zu lassen, dass Hugh reich genug war, um sich einen solchen Wein kaufen zu können, und die Erreichung des gesteckten Zieles war einfach nur eine Frage der Zeit. Es war sicherlich die beste Gelegenheit dazu vorhanden. Mountjoy beschloss, den Versuch zu wagen, und tat es auch.

Mr. Vimpany kehrte von seinem Krankenbesuche zurück, vollständig mit sich selbst zufrieden.

»Die Mutter des Bürgermeisters hat guten Grund, Ihnen dankbar zu sein,« sagte er; »wenn Sie mich nicht zur Eile angetrieben hätten, so würde die elende alte Frau daraufgegangen sein. Ein regelrechter Kampf war es zwischen dem Tod und dem Arzt - beim Jupiter! - und der Doktor hat gewonnen. Nun lassen Sie mich aber auch meine Belohnung haben, und reichen Sie mir die Flasche.

Er nahm sie in die Hand und betrachtete sie.

»Ja, was ist denn mit Ihnen?« fragte er. »Ich hatte sicher darauf gerechnet, dass ich den Kellerschlüssel brauchen würde, wenn ich nach Hause käme, denn ich konnte doch nicht voraussetzen, dass Sie keinen Tropfen trinken würden. Was soll denn das heißen?«

»Das soll heißen, dass ich nicht wert bin, Ihren Sherry zu trinken,« antwortete Mountjoy. »Die spanischen Weine sind viel zu schwer für meine schlechte Verdauung.«

Mr. Vimpany brach wiederum in ein schallendes Gelächter aus.

»Aha, ich verstehe, Sie vermissen gewiss den Weinessig der Wirtin.« »Ja, das tue ich wirklich. Der von Ihnen bespöttelte Weinessig der Wirtin ist nämlich der beste Château Margaux, der mir jemals vorgekommen ist, und wird hier an eine Gesellschaft verschwendet, die gar nicht wert ist, solchen Wein zu trinken.

Die angeborene Unverschämtheit des Doktors zeigte sich gleich wieder.

»Sie haben natürlich diesen wunderbaren Wein gekauft,« sagte er ironisch.

»Ja,« antwortete Mountjoy, »das habe ich getan.«

Zum ersten Mal in seinem Leben verließ Mr. Vimpany seine gewöhnliche Redegewandtheit. Er sah seinen Gast mit stummem Erstaunen an. Diese Gelegenheit nützte Mountjoy aus. Mr. Vimpany nahm eine Einladung zum Mittagessen für den nächsten Tag im Gasthaus mit der freudigsten Bereitwilligkeit an, aber er stellte eine Bedingung.

»Im Fall, dass ich mit dem, was Sie über Ihren wunderbaren Château - ich weiß nicht, wie Sie ihn nennen - behaupten, nicht übereinstimme,« sagte er, »werden Sie es nicht übel nehmen, wenn ich nach Hause schicke und eine Flasche von meinem alten Sherry holen lasse.«

Das nächste Ereignis dieses Tages war ein Besuch des interessantesten Bauwerks, welches sich in der Stadt aus früheren Zeiten erhalten hatte. In Abwesenheit des Doktors, der seinen Beruf nachgegangen war, forderte Miss Henley Mountjoy zu Besichtigung der alten Kirche auf, und Mrs. Vimpany begleitete die beiden, wodurch sie ihre Hochachtung für den Freund Miss Henleys Ausdruck gab.

Als sich die Gelegenheit bot, unbelauscht ein vertrauliches Wort zu Hugh zu sagen, war Iris bestrebt, die Frau des Doktors zu loben.

»Sie können sich nicht vorstellen, Hugh, wie liebenswürdig sie seit gestern gegen mich ist, und wie sie mich vollkommen überzeugt hat, dass ich ihr Unrecht getan habe, bitteres Unrecht, indem ich Schlimmes von ihr dachte. Sie weiß, dass Sie sie nicht leiden mögen, und doch spricht sie nur in der liebenswürdigsten Weise von Ihnen. ,Ihr kluger Freund,'sagte sie, ,befindet sich so wohl in Ihrer Gesellschaft, dass ich Sie bitte, mich zu begleiten, wenn ich ihm später unsere alte Kirche zeige.' Ist das nicht uneigennützig gehandelt?«

Mountjoy behielt seine Ansicht für sich. Die edelmütigen Regungen, welche zuweilen Iris irre führten, gestatteten keinen Widerspruch. Seine eigene Ansicht über Mrs. Vimpany stand der ihrigen immer noch unverändert entgegen. In der Hoffnung, am nächsten Tag Entdeckungen zu machen, welche viel zu ernst sein konnten, um jetzt nichtssagende allgemeine Redensarten auszutauschen, tat er sein Möglichstes, um auf etwaige zukünftige Vorfälle hinreichend vorbereitet zu sein.

Nachdem er sich noch überzeugt hatte, dass der gegenwärtige Gesundheitszustand von Iris' Kammermädchen keine Veranlassung bot, ihre Herrin länger in Honeybuzzard festzuhalten, kehrte er in das Gasthaus zurück und schrieb an Mr. Henley. Vollständig wahrheitsgetreu stellte sein Brief die Zugeständnisse dar, welche die Tochter von ihrem Vater verlangte, aber von einem neuen Gesichtspunkt aus. Wie auch immer sein Entschluss ausfallen würde, bat er Mr. Henley durch den Telegrafen, ihm seine Antwort zu übermitteln. Die vorgelegte Frage lautete: »Wollen Sie Iris wieder aufnehmen?«, die erwartete Antwort: Ja oder Nein.

Siebzehntes Kapitel

Mr. Henleys Telegramm traf am nächsten Morgen im Gasthof ein.

Er war bereit, seine Tochter wieder aufzunehmen, aber nicht bedingungslos. Die Antwort war charakteristisch für den Mann: »Ja - versuchsweise.« Mountjoy wurde davon nicht weiter berührt; er wunderte sich nicht einmal darüber. Er wusste, dass die erfolgreichen Spekulationen, durch welche Mr. Henley sein Vermögen bedeutend vergrößert hatte, ihm eine Menge von Feinden erweckt hatten, die es sich angelegen sein ließen, allerlei ehrenrührige Geschichten über ihn zu verbreiten, die niemals vollständig widerlegt wurden. Das allmähliche stille Zurückziehen der Freunde, auf deren Treue er gebaut, hatte das Herz des Mannes verhärtet und ihn verbittert. Leute, die sich im Unglück befanden und die den reichen, in Zurückgezogenheit lebenden Kaufmann um Hilfe angingen, fanden in den ausgezeichnetsten Empfehlungen ihres Charakters und ihrer Fähigkeiten, die sie etwa aufzuweisen hatten, die denkbar schlechtesten Fürsprecher, die sie wählen konnten. Gegen solche aber, die kaum so viel besaßen, um sich notdürftig kleiden zu können, war Mr. Henley die Mildtätigkeit selbst. Wenn er gefragt wurde, wie er denn dieses sein Verhalten rechtfertigen könnte, sagte er: »Ich habe Sympathie mit diesen armen Verlassenen, denn ich bin selbst ein solcher.«

Zur Zeit des Mittagessens erschien der Doktor im Gasthause; er befand sich jedoch in keiner liebenswürdigen Laune.

»Wieder einen Tag voll schwerer Arbeit hinter mir; ich würde unterlegen sein, wenn ich nicht die Aussicht auf die Belohnung, die mich hier erwartet, gehabt hätte. London oder die Nachbarschaft von London, das wäre der rechte Platz für einen Mann, wie ich bin. Merken Sie sich aber, ich bin ein Mann, der stets die Wahrheit sagt; wenn mir daher Ihr französisches Getränk nicht schmeckt, werde ich dieses unumwunden bekennen.«

Das Gasthaus besaß keine richtigen Weingläser; man musste daher diesen feinen Wein aus Wassergläsern trinken, als ob es eine ganz gewöhnliche Sorte gewesen wäre.

Mr. Vimpany bewies, dass er vollständig vertraut mit der Art und Weise war, wie man Weine zu versuchen hat. Er füllte das Wasserglas, welches das fehlende Weinglas vertreten musste, hielt es gegen das Licht und betrachtete den Wein aufmerksam; dann bewegte er das Glas unter seiner Nase hin und her und roch mehreremal daran; dann hielt er inne und überlegte. Er kostete den Wein so vorsichtig, als ob er fürchtete, dass er vergiftet wäre; dann schnalzte er mit den Lippen und leerte endlich das Glas auf einen Zug. Schließlich bewies er noch einige Rücksicht für seinen Gastgeber, indem er seine Ansicht über den Wein mit folgenden Worten kundgab:

»Nicht so gut, wie Sie denken, Sir, aber ein angenehmer, leichter Rotwein, rein und gesund. Hoffentlich haben Sie nicht allzu viel dafür bezahlt.«

Bis hieher hatte Hugh ein unsicheres Spiel gespielt. Aber jetzt kam endlich seine Belohnung. Nach dem, was der Doktor soeben zu ihm gesagt hatte, wusste er, dass er die gewinnende Karte sicher in seiner Hand hielt.

Das schlechte Essen war bald vorüber, natürlich ohne Suppe; der Fisch in dem bekannten Zustand der Erkaltung, wie er gewöhnlich in einem heruntergekommenen Gasthof einer Landstadt aufgetragen zu werden pflegt. Das Beefsteak wetteiferte in der Zähigkeit mit Gummi, der Anblick der Kartoffeln schien zu sagen: »Fremder, iss uns nicht!« Die Mehlspeise würde selbst ein Kind abgeschreckt haben, und der berühmte englische Käse, welcher, schmählich genug, aus den Vereinigten Staaten nach England kommt, beleidigte die Zunge, wenn man ihn in den Mund steckte. Aber der Wein, der ausgezeichnete Wein, würde jeden andern, nur Mr. Vimpany nicht, für die Menge des Essens entschädigt haben. Ein Wasserglas nach dem andern, gefüllt mit diesem edlen Stoff, goss er durch seine durstige Kehle ganz ohne jedes Verständnis hinab, behauptete dabei doch immer noch, dass es ein ganz angenehmer, leichter Wein sei, und konnte immer noch nicht das schlechte Essen vergessen.

»Die Kost ist hier,« sagte dieser weise Mann, »womöglich noch schlechter als die Kost, die ich auf der See bekam, damals, als ich an Bord eines Passagierdampfers als Arzt angestellt war. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich meine Stellung verlor? O, sagen Sie es nur offen, wenn Sie glauben, dass meine kleine Geschichte nicht wert ist, angehört zu werden.«

»Aber, mein bester Doktor, ich bin ja, wie Sie sehen, ganz gespannt darauf, sie zu vernehmen.«

»Sehr wohl - Sie sind doch nicht beleidigt? - nun, das ist recht! Also der Kapitän des Schiffes beklagte sich über mich bei den Eigentümern; ich wollte nicht jeden Morgen herumgehen und an den Türen der Frauenkabinen klopfen und mich erkundigen, wie sich die Damen nach einer Nacht, während der sie seekrank gewesen waren, befänden. Wer in aller Welt weiß denn nicht, wie ihnen zu Mute ist, auch ohne dass er vorher an ihren Türen angeklopft hat? Sie sollen den Doktor einfach holen lassen, wenn sie ihn brauchen. So fasste ich damals mein Amt auf, und das kostete mich meine Stelle. Geben Sie mir den Wein her. Da wir einmal von Damen sprechen, wie denken Sie über meine Frau? Haben Sie jemals so ausgezeichnete Manieren gesehen? Mein lieber Freund, ich habe eine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen gefasst; reichen Sie mir Ihre Hand. Ich werde Ihnen noch eine andere kleine Geschichte erzählen. Woher glauben Sie wohl, dass meine Frau diese noblen Manieren und ihre graziösen Bewegungen hat? - Ha, ha, von der Bühne! Das nobelste Fach in diesem Beruf, Sir, eine tragische Schauspielerin. Wenn Sie Mrs. Vimpany als Lady Macbeth gesehen hätten, es würde Sie kalt überlaufen haben. Sehen Sie mich an, heften Sie Ihre Augen fest auf einen Mann, der erhaben ist über alle die heuchlerischen Vorurteile gegen das Theater. Habe ich es nicht deutlich bewiesen dadurch, dass ich eine Schauspielerin heiratete? Aber wir sprechen hier nicht davon! Die rohe Gesellschaft in diesem elenden Nest würde gar nicht mehr zu mir kommen, wenn sie wüssten, dass ich eine Schauspielerin geheiratet hätte. Holla, die Flasche ist schon wieder leer! Ha, da steht ja eine andere, volle! Ich lobe mir den Mann, der immer eine volle Flasche bereit hat, um sie seinem Freund anbieten zu können. Geben Sie mir Ihre Hand, Mountjoy, versichern Sie mir auf Ihr heiliges Ehrenwort, dass Sie ein Geheimnis für sich behalten können: das Geheimnis meiner Frau, Sir! Halt, lassen Sie mich Sie zuerst noch einmal ansehen. Mir war es, als sähe ich Sie lachen; wenn ein Mann über mich lacht, gerade wo ich eben im Begriff stehe, ihm mein ganzes Herz auszuschütten, so könnte ich ihn wahrhaftig gleich an seinem eigenen Tisch niederschlagen! - Wie, Sie haben nicht gelacht? Dann entschuldigen Sie und reichen Sie mir noch einmal Ihre Hand; ich trinke auf Ihr Wohl in Ihrem eigenen Wein. Wo war ich denn stehen geblieben, von was wollte ich eigentlich sprechen?«

Mountjoy war eifrigst bemüht, seinen für ihn so außerordentlich interessanten Gast bei guter Laune zu erhalten.

»Sie wollten mir die Ehre erweisen,« sagte er, »mich in Ihr Vertrauen zu ziehen.« Mr. Vimpany starrte in seinem Rausch ganz verwirrt vor sich hin. Mountjoy versuchte noch einmal mit deutlicheren Worten, ihn an das zu erinnern, was er hatte sagen wollen: »Sie standen im Begriff, mir ein Geheimnis anzuvertrauen.« Diesmal verstand ihn der Doktor und fand seine Gedanken wieder. Er sah sich listig nach der Tür um und fragte seinen Wirt: »Hier gibt es doch keine Horcher und keine geheimen Türen? Wir wollen lieber leise flüstern, leise, denn was ich Ihnen zu sagen habe, ist wichtig und ernst. Ja, was war es denn nun gleich wieder, was ich erzählen wollte? Was für ein Geheimnis war es denn, alter Junge?« Mountjoy antwortete hierauf etwas zu rasch: »Ich glaube, es stand in Beziehung zu Mrs. Vimpany.« Der Gatte von Mrs. Vimpany warf sich in seinen Stuhl zurück, dann zog er ein sehr unsauberes Taschentuch aus seiner Tasche und fing an zu weinen. Nach einer Weile sagte der betrunkene Mann in kläglich wimmerndem Ton: »Da sitzt ein falscher Freund! Er ladet mich ein, mit ihm zu speisen, und benützt meine hilflose Lage, wo ich nicht mehr Herr meiner Sinne bin, um meine Frau zu beleidigen - die liebenswerteste der Frauen! Die süßeste der Frauen! Die unschuldigste der Frauen! O mein Weib, mein liebes Weib!« Dann war er plötzlich sein Taschentuch in die entgegengesetzte Ecke des Zimmers und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Oho, Mountjoy, was für ein furchtbarer Narr müssen Sie sein, dass Sie glauben, ich hätte das alles im Ernst gesagt! Ich bin noch vollständig bei Sinnen; denken Sie denn, ich kümmere mich viel um meine Frau? Sie war einstmals schön, aber jetzt ist sie nur ein Bündel von alten Lumpen. Aber sie hat auch jetzt noch ihre Vorzüge; ja, ja, ich möchte wohl etwas wissen. Haben Sie vielleicht einen Lord in dem Kreise Ihrer Bekannten?«

Die Erfahrung machte Mountjoy vorsichtiger, vielleicht etwas zu vorsichtig; er sagte nur:

»Ja.«

Der Doktor fühlte sich in seiner Würde gekränkt.

»Das ist eine sehr kurze Antwort für einen Mann in meiner Stellung, Sir!« bemerkte er scharf. »Wenn Sie wollen, dass ich Ihnen glauben soll, so müssen Sie mir schon den Namen Ihres Freundes nennen.«

So war denn endlich der langersehnte Augenblick gekommen.

»Sein Name ist,« begann Mountjoy, »Lord Harry.« Mr. Vimpany verlor für einen Augenblick seine Fassung; er schlug mit seiner derben Faust so kräftig auf den Tisch, dass die Gläser wackelten.

»Was für ein merkwürdiges Zusammentreffen!« rief er aus. »Merkwürdig - nein, das nicht das richtige Wort - von der Vorsehung bestimmt, das ist das richtige. Ja, ja, wie ist doch meistens so ein Zusammentreffen von der Vorsehung bestimmt! Ich meine natürlich für einen Mann von Verstand. Niemand darf mir widersprechen! Wenn ich sage: ein Mann von Verstand, so sag' ich das im Ernst; und ein junger Mann, wie Sie sind, der ist zum Widerspruch gern geneigt. Mountjoy - guter Mountjoy - lieber Mountjoy - der Lord meiner Frau ist Ihr Lord - ist Lord Harry. Nein, nein, nichts von ,ihr'! Unsinn - ich will keinen Wein mehr haben - doch! - ich will noch welchen haben. Es könnte Ihr Gefühl beleidigen, wenn ich nicht mehr mit Ihnen tränke. Geben Sie mir die Flasche her. O, was ist das für ein schöner Ring, den Sie da an Ihrem Finger tragen! Sie glauben wahrscheinlich, dass er wertvoll ist; das ist nicht wahr, das ist ganz wertloses Zeug, das ist Schund im Vergleich zu der Diamantnadel meiner Frau! Dies ist ein kostbares Juwel, wenn Sie nichts dagegen haben. Wenn wir sie verkaufen wollten, würden wir ein ganzes Vermögen dafür bekommen. Ein Geschenk mein lieber Herr! - Ich fürchte, ich bin viel zu offenherzig gegen Sie. Da ich aber als geborener Ehrenmann zu Ihnen spreche, so bitte ich Sie, meiner vollständigen Hochachtung versichert zu sein. Habe ich nicht vorher gesagt, die Diamantnadel wäre ein Geschenk? - Das ist nicht wahr - sie ist nichts Derartiges, wir haben gegen keinen Menschen Verpflichtungen. Mein Weib, mein bewunderungswürdiges Weib hat sie verdient. Mit der Post kam sie in einem eingeschriebenen Paket und dabei ein Brief von Lord Harry, ich sage Ihnen ein Brief, der eines echten Mannes würdig war. Er ist meiner Frau sehr verpflichtet - ich teile Ihnen ungefähr den Sinn des Briefes mit - für alles das, was meine Frau für ihn getan hat; bares Geld ist bei dem guten Lord immer rar; er sendet daher ein Familienschmuckstück mit seiner Verehrung. O, ich bin nicht eifersüchtig; er kann getrost Mrs. Vimpany in ihren alten Tagen verehren, wenn er Lust dazu hat. Sagten Sie das, Herr? Sagten Sie, dass Lord Harry oder irgend ein anderer Mann Mrs. Vimpany verehren dürfe? - Ich habe große Lust, Ihnen diese Flasche an den Kopf zu werfen. Nein, ich werde es nicht tun; es ist ein gefährlicher, guter Wein. Wie liebenswürdig von Ihnen, mir einen solch guten Wein vorzusetzen!  Wer sind Sie denn eigentlich? - Ich liebe es nicht, mit einem Fremden zu speisen. Kennen Sie irgend einen meiner Freunde? Kennen Sie einen Mann Namens Mountjoy? Kennen Sie zwei Männer mit dem Namen Mountjoy? - Nein, das ist nicht möglich, denn einer von ihnen ist tot - von jenen schurkischen Mordgesellen umgebracht. Wie nennen Sie diese Leute? Nun, wie?«

Der Doktor fing an zu lallen; sein Kopf sank schwer auf den Tisch; er war plötzlich eingeschlafen. Er wachte aber bald wieder auf und fing ebenso plötzlich an, weiter zu reden.

»Würden Sie gern die Bekanntschaft Lord Harrys machen? - Ich werde Ihnen zuerst eine Beschreibung seines Charakters geben, bevor ich Sie ihm vorstelle. Unter uns gesagt, der gute Lord ist ein ausgemachter Schurke. Wissen Sie wohl, zu was er meine Frau, meine anbetungswürdige Frau, benützt? - Sie werden mit mir übereinstimmen, er sollte selbst nach seinem jungen Weibe sehen. Wir haben sie glücklich und heil in unser Haus gebracht. Ein hübsches Kind, aber nicht mein Geschmack! Mein Urteil als Arzt lautet: Sie hat kein Herz. Lord Harry soll nur kommen; er wird sie hier finden. Warum, zum Teufel, kommt er denn nun nicht? Was hält ihn denn in Irland fest? Ich scheine es vergessen zu haben. Wissen Sie es vielleicht? - Ich glaube, ich habe mein Gedächtnis verloren. Was ist ein gutes Heilmittel dagegen? - Es gibt nur einen Doktor auf der Welt, der Ihnen das allein richtige nennen wird - den Wein. Wenn dieser Rotwein überhaupt etwas wert ist, so ist eine volle Flasche eine Guinee wert. Ich frage Sie im Vertrauen: Haben Sie jemals von einem solchen Esel gehört, wie der Lord meiner Frau ist? Sein Name ist mir vorher entschlüpft. Na, das schadet nichts. Er hält sich in Irland auf, um zu jagen. Zu jagen - was denn? - Füchse? O nein, nichts so Nobles; er ist auf der Jagd nach Mördern. Er hat sich mit einem von ihnen überworfen. Er will einen von ihnen umbringen. Ein Wort ganz leise in Ihr Ohr: Sie werden ihn totschlagen. Wetten Sie vielleicht? - Fünf gegen eins, er ist ein toter Mann noch vor dem Ende dieser Woche. Wann ist denn das Ende der Woche? - Dienstag, Mittwoch - nein, Sonnabend - nein, das ist der Anfang der Woche - nein, das ist nicht der Anfang - die Woche fängt nicht am Sonnabend an - am Sonntag natürlich - wir sind keine Christen, wir sind Juden - nein, wir sind Juden, keine Christen, das heißt -«

Hier wurde der Wein endlich vollständig Herr über seine Zunge. Der Doktor murmelte und lallte nur noch einige unverständliche Worte vor sich hin, dann sank er in seinen Stuhl zurück und fiel endlich, nachdem noch einige Male aufgestöhnt hatte, in einen süßen Schlummer.

Alles und mehr als alles, was Mountjoy gefürchtet, hatte sich jetzt als wahr erwiesen. In nüchternem Zustand war der Doktor jedenfalls einer von den Menschen, die stets zum Lügen bereit sind. Aber in berauschtem Zustand plauderte er unbewusst die Wahrheit aus. Der Grund, welchen er für Lord Harrys fortgesetzte Abwesenheit in Irland angegeben hatte, konnte nicht so ohne weiteres zurückgewiesen werden. Es lag in der sorglosen Natur des wilden Lords, sein Leben der Gefahr preiszugeben in der Hoffnung, er werde im Stande sein, Arthur Mountjoy an den Schurken zu rächen, die ihn ermordet hatten.

Da Hugh diese schlimmen Nachrichten für wahr hielt, lag wohl in diesem Fall ein zwingender Grund vor, Iris zu betrüben, indem er ihr die Gründe mitteilte, welche Lord Harry in seinem Vaterland zurückhielten? - Gewiss nicht!

Und andererseits: brachte es irgend welchen unmittelbaren Vorteil, wenn er ihr den wahren Charakter der Mrs. Vimpany als einer bezahlten Spionin enthüllte? In ihrem gegenwärtigen Gemütszustand würde Iris aller Wahrscheinlichkeit nach sich geweigert haben, das zu glauben.

Als wir zu diesem Entschluss gekommen war, sah Hugh noch einmal nach dem Doktor, der in seinem Lehnstuhl lag und fürchterlich schnarchte und stöhnte. Er hatte seine Zeit und Geduld nicht unnütz verschwendet, sondern einem Plan gewidmet, der sich jetzt zu einem erfolgreichen Ende nahte. Nach dem, was er soeben, dank dem Rotwein, gehört hatte, durfte er nicht länger Bedenken tragen, die schleunige Entfernung von Iris aus dem Hause des Mr. Vimpany ins Werk zu setzen, und dazu wollte er noch als Überredungsmittel das Telegramm ihres Vaters benützen, auf dessen Wirksamkeit er möglicherweise vertrauen konnte. Mountjoy verließ das Gasthaus ohne weiteren Aufenthalt und eilte zu Iris in der Hoffnung, er werde sie dazu vermögen, noch in dieser Nacht mit ihm nach London zurückzukehren.

Achtzehntes Kapitel

Als Hugh an der Tür des Hauses von Mr. Vimpany nach Miss Henley fragte, erfuhr er, dass sie in Begleitung ihres immer noch nicht recht hergestellten Mädchens ausgegangen sei. Sie hatte den Auftrag hinterlassen, wenn Mr. Mountjoy während ihrer Abwesenheit vorsprechen sollte, ihn zu bitten, er möchte so freundlich sein, auf ihre Rückkehr zu warten.

Auf dem Wege nach dem Empfangszimmer hörte Mountjoy die tiefe Stimme von Mrs. Vimpany, die, wie es den Anschein hatte, mit lautem Lesen beschäftigt war. Da die Tür für seinen Eintritt geöffnet wurde, überraschte er sie, wie sie mit majestätischen Schritten im Zimmer auf und ab wandelte, ein Buch in der Hand haltend. Sie deklamierte in pathetischem Tone, ohne dass jemand da war, ihrer Leistung Beifall zu spenden. Nach dem, was Hugh schon gehört hatte, konnte er nur zu dem Schluss kommen, dass Erinnerungen an ihre frühere Theaterlaufbahn die gewesene Schauspielerin verleitet hatten, eine Privatvorstellung zu geben zu ihrem eigenen Vergnügen in einer jener tragischen Rollen, von denen ihr Gatte gesprochen hatte. Bei Mountjoys Erscheinen gewann sie sofort ihre Selbstbeherrschung wieder mit der Leichtigkeit einer Meisterin in ihrer Kunst.

»Verzeihen Sie mir,« sagte sie, indem sie ihm das Buch mit der einen Hand entgegen hielt und mit der andern Hand darauf hinzeigte. »Shakespeare versetzt mich immer in eine heftige Aufregung. Eine kleine Flamme von dem Feuer des Dichters brennt auch in der Brust seiner armen Verehrerin. Darf ich hoffen, darin von Ihnen verstanden zu werden? Sie sehen aus, als ob Sie ein Gesinnungsgenosse von mir wären.«

Mountjoy tat sein möglichstes, um die mitfühlende Rolle, welche Mrs. Vimpany ihm durch ihre letzten Worte zuerteilt hatte, richtig durchzuführen, aber er hatte nur den fraglichen Erfolg, dass er bewies, welch ein schlechter Schauspieler er geworden sein würde, wenn er auf die Bühne gegangen wäre. Mrs. Vimpany legte ihr Buch weg und stieg aus den erhabensten Höhen der Dichtkunst herab in die tiefsten Tiefen der Prosa.

»Lassen Sie uns jetzt von häuslichen Angelegenheiten sprechen,« sagte sie milde. »Haben die Leute in dem Gasthaus Ihnen ein gutes Mittagessen zubereitet?«

»Die Leute haben ihr Bestes getan,« antwortete Mountjoy vorsichtig.

»Ist mein Gatte mit Ihnen zurückgekommen?« fuhr Miss Vimpany fort.

Mountjoy fing an zu bedauern, dass er nicht auf der Straße auf Iris gewartet hatte. Er war jetzt gezwungen, zu bekennen, dass der Doktor nicht mit Ihm zurückgekommen sei.

»Nun, wo ist Mr. Vimpany?«

»Im Gasthof.«

»Was macht der denn dort?«

Mountjoy zögerte. Mrs. Vimpany erhob sich wieder in die Regionen der tragischen Dichtkunst. Sie Schritt auf ihn zu, als ob er Macbeth gewesen wäre und sie ihren Dolch benützen wollte.

»Ich verstehe Sie nur zu gut,« erklärte sie in schrecklichen Tönen, »die Fehler und Schwächen meines unglücklichen Gatten sind mir wohl bekannt. Mr. Vimpany ist berauscht.«

Hugh versuchte die Sache so unschuldig wie nur möglich darzustellen.

»Er ist nur eingeschlafen,« sagte er. Mrs. Vimpany warf ihm von neuem einen Blick zu. Diesmal war sie die Königin Katharina, welche den Kardinal Wolsey ansieht. Sie verbeugte sich mit stolzer Höflichkeit und öffnete die Tür.

»Ich muss einen Ausgang machen,« sagte sie und entfernte sich mit langsam abgemessenen Schritten.

Fünf Minuten später sah Mountjoy, der in ungeduldiger Erwartung von Miss Henleys Rückkehr ans Fenster getreten war, Mrs. Vimpany auf der Straße. Sie trat in den Laden eines Apothekers und kam bald darauf wieder heraus mit einer kleinen, eingewickelten Flasche in der Hand. Majestätisch schritt sie die Straße hinab und war bald seinen Augen entschwunden. Wenn Hugh ihr gefolgt wäre, würde er die Frau des Doktors an der Tür des Gasthofes eingeholt haben.

Der unbeschäftigte Kellner stand in dem Hausflur und schaute sich um, obgleich eigentlich gar nichts da war, wonach er sehen konnte. Er machte vor Mrs. Vimpany eine Verbeugung und teilte ihr mit, dass die Wirtin ausgegangen sei.

»Sie können mir ebenso gut sagen, was ich wissen will,« lautete die Antwort. »Ist Mr. Vimpany noch hier?«

Der Kellner lächelte und führte die Frau des Doktors durch den Hausflur an den Fuß der Treppe.

»Sie können ihn von hier aus schön hören.« Es war vollkommen richtig. Mr. Vimpanys Schnarchen sprach für Mr. Vimpanys Anwesenheit. Seine Frau stieg die ersten zwei oder drei Stufen hinauf und blieb dann stehen, um noch etwas mit dem Kellner zu reden. Sie fragte ihn, was die beiden Herren beim Essen getrunken hätten.

»Sie haben den sauren französischen Wein getrunken.« »Und sonst nichts?«

Der Kellner erlaubte sich jetzt einen kleinen Scherz.

»Sonst nichts,« antwortete er, »aber mehr als genug von diesem.« »Ich hoffe, nicht mehr als genug für den Vorteil des Hauses,« bemerkte Mrs. Vimpany verweisend.

»Ich bitte um Entschuldigung, Frau Doktor; der Rotwein, den die beiden Herren bei Tische getrunken haben, ist nicht mit auf die Rechnung geschrieben worden.«

»Was soll das heißen?«

Der Kellner erklärte ihr, dass Mr. Mountjoy den ganzen Vorrat dieses Weines gekauft hätte. Argwohn sowohl wie Erstaunen zeigte sich auf dem Gesichte der Mrs. Vimpany. Sie hatte es bisher für wahrscheinlich gehalten, der elegante und vornehme Freund der Miss Henley könnte heimlich in die junge Dame verliebt sein. Ihr Argwohn wurde jetzt noch vermehrt. Sie stieg allein die Treppe hinauf und schlug laut die Türe des Privatzimmers zu, um dadurch ihren schlafenden Mann aufzuwecken. Aber selbst der gewaltige Lärm, den sie auf diese Weise verursachte, war nicht im Stande, den berauschten Doktor dem süßen Schlummer zu entreißen. Er schien für äußere Eindrücke vollständig unempfindlich zu sein. Eine Weile blieb sie ruhig stehen und betrachtete ihn über den Tisch weg mit unaussprechlicher Verachtung.

Da lag nun der Mann, an welchen die Religion und die Gesetze des Landes sie für das Leben gefesselt hatten.

Als sie mit sorgloser Neugier die Unordnung auf dem Tische betrachtete, bemerkte sie noch einen Rest Wein in dem Glas, aus dem ihr Gatte getrunken. Hatte man künstliche Mittel angewendet, um ihn in seinen gegenwärtigen Zustand zu versetzen? Sie kostete den Rotwein. Nein, in seinem Geschmacke fand sie nichts, was etwa hätte andeuten können, dass irgend etwas Fremdes beigemischt worden wäre. Wenn sie dem Kellner Glauben schenken konnte, so hatte ihr Gatte nichts weiter als Rotwein getrunken - und trotzdem lag er jetzt hier in einem Zustande von vollkommen hilfloser Betäubung.

Sie blickte noch einmal über den Tisch hin und entdeckte unter den vielen leeren Flaschen eine, in der sich noch etwas Wein befand. Nach einem kurzen Moment der Überlegung nahm sie ein reines Glas von dem Seitentische.

Das war also der Wein, welcher für Mr. Vimpany und seine Freunde ein Gegenstand des Spottes gewesen war. Sie waren alle starke Esser und Trinker, und es verlohnte gewiss der Mühe, ihre Ansicht zu prüfen. Jetzt suchte sie nicht mehr darnach, ob in dem Weine ein fremder Stoff vorhanden sei. Ihr jetziger Versuch hatte nur den Zweck, ihn auf seinen eigenen Wert hin zu prüfen.

Zur Zeit ihrer Triumphe auf den ländlichen Bühnen - vor dem Tage ihrer unglücklichen Heirat - hatten reiche Verehrer und Bewunderer die hübsche Schauspielerin oftmals zu Diners und Soupers eingeladen, welche jeden Luxus darboten, den die vollkommenste Tafel gewähren konnte. Die eigene Erfahrung hatte sie daher bekannt gemacht mit dem Geschmacke des allerbesten Rotweins, und diese Erfahrung war wieder aufgefrischt worden durch den Rotwein, den sie soeben gekostet hatte. Es war nicht schwer einzusehen, warum Mr. Mountjoy diesen Wein gekauft, und nachdem sie ein wenig nachgedacht, wurde ihr gleichfalls der Grund klar, weswegen er Mr. Vimpany zum Essen eingeladen hatte. Von diesem ersten Erfolg ihrer Entdeckung, den sie ihrem eigenen Scharfsinn zu verdanken hatte, war sie zunächst vollständig überwältigt, aber bald hatte sie ihre Fassung wieder erlangt. Ihr dicker Mann war zum Trinken verleitet worden und auch zum Ausplaudern, natürlich zum Vorteil von Mr. Mountjoy.

Welche Geheimnisse konnte der Unglückliche nicht verraten haben, bevor ihn der Wein vollständig seiner Besinnung beraubt hatte?

Von Ärger und Wut getrieben, schüttelte sie ihn heftig. Er erwachte und blickte sie mit blutunterlaufenen Augen an; dann drohte er ihr mit der geballten Faust. Hier gab es nur einen Weg, um ihn aus seiner stumpfsinnigen Betäubung aufzurütteln. Sie kannte ihn aus Erfahrung, sie sie bei so mancher früheren Gelegenheit gemacht hatte.

»Du Narr, Du hast wieder einmal zu viel getrunken, und jetzt wartet ein Kranker auf Dich!«

An diese Verlegenheit war er gewöhnt, aber die Worte seiner Frau brachten ihn doch wieder etwas zur Besinnung. Mrs. Vimpany riss den Papierumschlag von der Medizinflasche, die sie mitgebracht hatte, ab und öffnete sie. Er starrte auf die Flasche hin und murmelte für sich: »Sie will mich vergiften.« Mrs. Vimpany ergriff nun mit der einen Hand seinen Kopf, und mit der andern hielt sie ihm die geöffnete Flasche unter die Nase:

»Dein eigenes Mittel,« schrie sie ihm ins Ohr, »für Dich und Deine sauberen Freunde!« Seine Nase sagte ihm, was Worte vergebens versucht haben würden. Er schluckte die Medizin hinunter.

»Wenn ich den Patienten verliere,« lallte er orakelhaft, »so verliere ich auch das Geld.« Seine resolute Frau zog ihn vom Stuhle empor. Eine zweite Tür führte aus dem Speisezimmer in ein leeres Schlafgemach. Mit ihrer Hilfe gelangte er dorthin und warf sich auf das Bett.

Mrs. Vimpany sah nach der Uhr.

Bei gar so mancher früheren Gelegenheit hatte sie gelernt, wie viel Zeit erforderlich war, bevor der ernüchternde Einfluss der Medizin sich erfolgreich erweisen konnte. Für jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als in das Speisezimmer zurückzukehren. Der Kellner erschien und fragte sie, ob er etwas für sie tun könne. Vertraut mit den Charakterfehler des Doktors, verstand er sofort, was es bedeutete, als sie nach der Tür des Schlafzimmers wies.

»Die alte Geschichte, Frau Doktor!« sagte er mit der Miene respektvoller Teilnahme. »Darf ich Ihnen eine Tasse Tee holen?«

Mrs. Vimpany bejahte und trank den Tee, in Gedanken versunken.

Sie hatte jetzt zwei Pläne in Aussicht. Erstens wollte sie sich an Mountjoy rächen, und zweitens suchte sie einen Weg, um ihn zu zwingen, die Stadt zu verlassen, bevor er Iris seine Entdeckungen mitteilen konnte. Wie es möglich war, diese beiden so verschiedenen Ziele auf einem und demselben Wege zu erreichen, dass war ihr vorderhand noch ein Rätsel, welches sie gerade lösen wollte, als die raue Stimme ihres Mannes aus dem Schlafzimmer ertönte und nach jemand verlangte.

Wenn sein Kopf während dieser Zeit klar genug geworden war, um die Fragen zu verstehen, welche sie ihm vorzulegen beabsichtigte, so konnte es leicht möglich sein, dass seine Antworten ihr zur Lösung dieses Rätsels verhalfen. Mrs. Vimpany erhob sich daher schnell und ging in das Schlafzimmer.

»Du elender Mensch,« begann sie, »bist Du jetzt wieder nüchtern?« »Ich bin so nüchtern wie Du.«

»Weißt Du,« fuhr sie fort, warum Mr. Mountjoy Dich eingeladen hat, mit ihm zu Mittag zu essen?«

»Weil er mein Freund ist.«

»Er ist Dein schlimmster Feind; schweig still und pass auf, ich werde Dir gleich erklären, was ich meine. Nimm Dein Gedächtnis zusammen, wenn Dir überhaupt noch etwas davon geblieben ist! Ich will wissen, was ihr, Du und Mr. Mountjoy, nach dem Essen zusammen geredet hat.«

Er starrte sie ganz verständnislos an. Sie versuchte jetzt, sein Gedächtnis zu erwecken, indem sie durch Fragen nachhalf. Es war nutzlos. Er klagte nur in einem fort, dass er Durst habe. Seine Frau ließ Sodawasser und Brandy kommen. Die einzige Möglichkeit, etwas aus ihm herauszubringen, war, seiner schlimmen Leidenschaft zu willfahren. Sie reichte ihm daher selbst das begehrte Getränk.

Und wirklich machte dieses sein benebeltes Gehirn in einem gewissen Grade wieder klar. Mrs. Vimpany versuchte es nun noch einmal, seine Erinnerung zu wecken. Hatte er dies gesagt? Hatte er jenes gesagt? Ja, er glaube es gewiss. Hatte er oder Mr. Mountjoy Lord Harrys Namen erwähnt? Ein Strahl der Erleuchtung glänzte in seinen blöden Augen. Ja, und sie waren darüber in Streit geraten; so viel er sich erinnere, habe er sogar Mr. Mountjoy eine Flasche an den Kopf geworfen. Hatten sie auch von Miss Henley gesprochen? O, natürlich! Was denn? Er war nicht im Stande, sich darauf zu besinnen. Weswegen hatte ihn seine Frau jetzt so zu plagen?

»Das tu' ich gar nicht,« antwortete sie. »Gib Dir nur Mühe, das zu verstehen, was ich Dir sagen will. Wenn Lord Harry zu uns kommt, so lange Miss Henley in unserem Hause ist -«

Er unterbrach sie.

»Das ist Deine Sache, das geht mich nichts an.« »Warte einen Augenblick. Das ist allerdings mein Geschäft,« sagte sie, »und ich werde es auch allein besorgen, wenn ich vorher erfahre, dass der Lord kommt. Er ist jedoch rücksichtslos genug, uns zu überraschen. In diesem Falle möchte ich, dass Du Dich nützlich machtest. Wenn Du zufällig zu Hause bist, so suche es zu verhindern, dass er Miss Henley früher zu sehen bekommt, als bis ich mit ihr gesprochen habe.« »Warum?«

»Ich möchte die Gelegenheit benützen, ihr meinen Betrug einzugestehen, bevor sie selbst dahinter kommt. Ich hoffe, dass Sie mir verzeihen wird, wenn ich ihr alles beichte.«

Der Doktor lachte.

»Was zum Teufel kommt denn darauf an, ob sie Dir verzeiht oder nicht?« »Es kommt sehr viel darauf an.«

»Du sprichst ja wahrhaftig, als ob Du in sie verliebt wärest!« »Das bin ich auch.«

Das getrübte Begriffsvermögen des Doktors fing jetzt endlich an, sich aufzuhellen. Er antwortete ihr boshaft:

»In sie verliebt sein und sie dabei betrügen - ha, ha, das ist wirklich sehr gut!« »Ja,« versetzte sie ruhig, »es ist genau so, wie Du sagst. Es ist nach und nach immer mehr bei mir gewachsen, dieses Gefühl. Ich kann es nicht ändern, dass ich Miss Henley gern habe.« »Ach,« entgegnete Mister Vimpany, »Du bist eine Närrin!« Er blickte sie verschmitzt an. »Nun angenommen, ich machte mich nützlich in der Weise, wie Du es verlangst, was kann ich dabei gewinnen?« »Wir wollen jetzt wieder,« entgegnete sie, ohne seine Frage zu beantworten, »von dem Manne sprechen, der Dich zum Mittagessen eingeladen und Dich für seine Zwecke betrunken gemacht hat.« »Ich werde ihm alle Knochen im Leibe zerbrechen!« »Sprich doch keinen Unsinn. Überlass Mr. Mountjoy nur mir ganz allein.« »Nimmst Du für ihn Partei? Ich kann Dir nur das sagen, wenn ich zu viel von diesem verdammten, vergifteten, französischen Weine getrunken habe, so ging mir Mr. Mountjoy mit gutem Beispiel voran. Er war betrunken, schmählich betrunken. Ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf.« Seine Frau, die bis dahin vollständig ruhig und kalt geblieben war, wurde plötzlich sehr aufgeregt. An dem, was der Doktor soeben von Hugh gesagt hatte, war sicher nicht ein Fünkchen Wahrheit, und Mrs. Vimpany ließ sich auch keinen Augenblick dadurch täuschen. Aber diese Lüge hatte diesmal zufälligerweise ein Verdienst - sie brachte sie nämlich auf den Weg, den sie vorhin vergeblich gesucht hatte, während sie ihren Tee trank.

»Wenn ich nun Dir die Möglichkeit verschaffen würde, Dich an Mr. Mountjoy zu rächen?« fragte sie.

»Wie?«

»Willst Du Dich an das erinnern, was ich Dich vorher bat, für mich zu tun, im Falle Lord Harry uns überrascht?«

Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und sagte ihr, sie möge ihm einige Worte hineinschreiben, damit er die Sache nicht vergesse. Sie schrieb so kurz, als ob sie ein Telegramm abgefasst hätte:

»Halte Lord Harry zurück, damit er nicht früher Miss Henley sieht, bevor ich mit ihr gesprochen habe.«

»Jetzt,« sagte sie, indem sie einen Stuhl an die Seite seines Bettes rückte, »sollst Du erkennen lernen, was für eine kluge Frau Du hast. Höre genau zu.«

Neunzehntes Kapitel

Nachdem Mountjoy wohl schon zehnmal aus dem Fenster des Empfangszimmers geschaut hatte, erblickte er endlich Iris auf der Straße, als sie nach Hause zurückkehrte.

Sie brachte ihr Kammermädchen mit in das Empfangszimmer und stellte Rhoda in heiterster Laune ihrem Freunde vor.

»Welch ein Vergnügen ist doch ein so weiterer Spaziergang, man muss es nur erst kennen lernen!« rief sie aus. »Sehen Sie nur die frisch geröteten Wangen meiner kleinen Rhoda! Wer würde da glauben, dass sie mit trüben Augen und bleicher Gesichtsfarbe hieher gekommen wäre? Ausgenommen, dass sie sich jedes Mal in der Stadt verirrt, so oft sie allein ausgeht, haben wir allen Grund, uns zu unserem Aufenthalte in Honeybuzzard Glück zu wünschen. Der Doktor ist Rhodas guter Genius und seine Frau ihre Patin, wie die Fee im Märchen.«

Mountjoy sprach mit seiner gewohnten Höflichkeit dem Mädchen seine Glückwünsche aus. Darauf durfte Rhoda auf ihr Zimmer gehen.

Iris kam sofort auf sein gemeinsames Mittagessen mit dem Doktor zu sprechen.

»Ich hätte dabei sein mögen,« sagte sie, »um zu sehen, wie sich Ihr Gast an den Herrlichkeiten aus der Speisekammer des Hotels gütlich tat. Im Ernst gesprochen, Hugh, Ihre gesellschaftlichen Sympathien haben eine Richtung angenommen, auf die ich nicht vorbereitet war. Nach dem Beispiel, das Sie mir gegeben haben, fühle ich mich wirklich wegen meiner Zweifel, ob Mister Vimpany einer so liebenswürdigen Frau würdig sei, sehr beschämt. Glauben Sie nicht etwa, dass ich gegen den Doktor undankbar bin; er hat durch das, was er an Rhoda getan, sich meine Achtung zu erringen verstanden. Ich bin mir nur darüber nicht klar, wie er sich Ihre Sympathien erworben hat.«

In der Weise fuhr sie noch weiter zu reden fort und freute sich ihrer eigenen guten Laune in unschuldiger Unkenntnis der ernsten Dinge, über die sie lachte.

Mountjoy versuchte, sie etwas zu mäßigen, aber es war umsonst.

»Nein, nein,« beharrte sie so mutwillig wie zuvor, »der Gegenstand ist zu interessant, als dass ich ihn so schnell fallen ließe. Ich bin furchtbar neugierig, zu hören, wie Sie und Ihr Gast das Mittagessen gefunden haben. Hatte er mehr Wein getrunken, als gut für ihn wahr? Wenn er sich manchmal selbst vergisst, so bringt er alles doch immer gleich wieder in Ordnung, indem er sagt: ,Bitte, nicht beleidigt sein!' und sich die Flasche von neuem reichen lässt.«

Jetzt konnte Hugh nicht länger ruhig zuhören.

»Bitte, mäßigen Sie für einen Augenblick Ihre Lebhaftigkeit!« sagte er; »ich bringe für Sie Nachrichten von zu Hause.«

Diese Worte machten dem Ausbruch ihrer Fröhlichkeit sofort ein Ende.

»Nachrichten von meinem Vater?« fragte sie.

»Ja.«

»Ist er hieher gekommen?«

»Nein, ich habe nur Mitteilungen von ihm erhalten.« »Einen Brief?«

»Ein Telegramm,« erklärte Mountjoy, »als Beantwortung auf einen Brief von mir. Ich tat mein Möglichstes, um ihm Ihre Wünsche verständlich zu machen, und freue mich, Ihnen sagen zu können, dass meine Mühe nicht umsonst gewesen ist.«

»Hugh. Lieber Hugh, Sie haben es also wirklich fertig gebracht, uns zu versöhnen?« Mountjoy zog das Telegramm aus der Tasche.

»Ich bat Mr. Henley,« sagte er, »mich sofort wissen zu lassen, ob er Sie wieder aufnehmen wollte, er solle einfach mit Ja oder Nein antworten. Die Antwort hätte nun zwar liebenswürdiger ausgedrückt werden können, es ist indessen doch wenigstens eine günstige Antwort.«

Iris las das Telegramm.

»Gibt es wohl noch auf der Welt einen zweiten Vater,« sagte sie traurig, »der seiner Tochter sagen würde, wenn sie ihn bittet, wieder nach Haus zurückkehren zu dürfen, er wolle sie versuchsweise wieder bei sich aufnehmen?«

»Sie sind ihm doch nicht gram, Iris?«

Sie schüttelte ihren Kopf.

»Nein,« sagte sie, »mir geht es wie Ihnen. Ich kenne ihn zu gut um durch seine Art und Weise beleidigt zu sein. Er soll mich pflichtgetreu, er soll mich geduldig finden. Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht so lange zumuten, hier in Honeybuzzard zu warten, bis ich wegkommen kann. Wollen Sie meinem Vater sagen, dass er mich in ungefähr einer Woche zurückerwarten soll?«

»Entschuldigen Sie, Iris, ich sehe keinen Grund, weswegen Sie noch eine ganze Woche hier in dieser Stadt bleiben wollen. Im Gegenteil, je angelegentlicher Sie es sich sein lassen, zu Ihrem Vater zurückzukehren, umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie Ihrem Platz in seiner Liebe und Achtung wiedergewinnen. Ich beabsichtigte, Sie mit dem nächsten Zuge nach Hause zu bringen.«

Iris sah ihn erstaunt an.

»Ist es möglich,« sagte sie, »dass das Ihre wirkliche Meinung ist?« »Meine aufrichtigste, liebe Iris. Warum sollten Sie zögern? Welcher stichhaltige Grund könnte Sie denn veranlassen, hier noch länger bleiben?« »O Hugh, wie Sie mich enttäuschen! Wohin ist denn Ihre Liebenswürdigkeit, wohin ist denn Ihr Gerechtigkeitssinn und Ihre Rücksicht auf andere gekommen? Arme Miss Vimpany!« »Was hat denn Mrs. Vimpany damit zu tun?« Iris war empört.

»Was Mrs. Vimpany damit zu tun hat!« wiederholte sie. »Nach allem, was ich der Liebenswürdigkeit dieser guten Frau verdanke, nachdem ich versprochen habe, sie zu begleiten - sie hat so wenig glückliche Tage, die arme Seele! - auf Ausflügen nach den interessantesten Punkten der Nachbarschaft, da erwarten Sie von mir, dass ich sie sofort verlassen soll - nein, noch viel Schlimmeres als das - Sie erwarten von mir, die Arme wie ein altes, abgetragenes Kleid beiseite zu werfen? Und dies, nachdem ich sie in so ungerechter, in so undankbarer Weise in meinen Gedanken verdächtigt habe? Schändlich!«

Mit Mühe bewahrte Mountjoy seine Selbstbeherrschung. Nach dem, was er soeben gehört hatte, waren seine Lippen verschlossen betreffs des wahren Charakters der Mrs. Vimpany. Er konnte jetzt nur noch sich an die Pflicht gegen ihren Vater halten.

»Sie lassen sich von Ihrem lebhaften Charakter immer gleich zu den sonderbarsten Äußerungen fortreißen,« antwortete er.« Wenn ich es für wichtiger halte, eine Versöhnung mit Ihrem Vater so schnell wie möglich herbeizuführen, als Sie zu ermutigen, Ausflüge mit einer Dame zu machen, die Sie doch nur erst eine oder zwei Wochen kennen, was habe ich dann so Entsetzliches getan, dass ich einen solchen Ausdruck des Zornes und Ärgers verdiene? Still, nicht ein Wort mehr hievon, denn da ist Mrs. Vimpany selbst!«

Während er sprach, war Mrs. Vimpany in das Zimmer getreten; sie war von der Unterredung mit ihrem Gatten aus dem Gasthaus zurückgekommen. Sie warf zuerst einen Blick auf Iris und bemerkte sofort Zeichen von Verwirrung und Missstimmung in dem Gesichte des jungen Mädchens.

Indem sie ihre Befürchtungen geschickt unter einem wunderbaren Bühnenlächeln verbarg, welches für so viele geheime Gedanken einen praktischen Schleier abgibt, sagte Mrs. Vimpany einige entschuldigende Worte wegen ihrer Abwesenheit. Miss Henley antwortete, ohne die geringste Veränderungen in ihrem freundschaftlichen Verhalten gegen die Frau des Doktors. Die Zeichen der Verwirrung und Missstimmung waren also nach Mrs. Vimpanys Ansicht augenscheinlich einer ganz unwichtigen Ursache zuzuschreiben. Mr. Mountjoy hatte ihr noch nicht seine Entdeckungen mitgeteilt.

Auf Hughs Gemütszustand übte die Anwesenheit der Herrin des Hauses einen störenden Einfluss aus und zwang ihn, seinen Verstand anzustrengen. Unglücklicherweise kam er auf den Gedanken, ihr eine Frage vorzulegen, welche sich auf den Streit zwischen ihm und Iris bezog.

»Es handelt sich um etwas ganz Einfaches,« sagte er zu Mrs. Vimpany. Miss Henleys Vater wünscht, dass sie zu ihm zurückkehren soll, nachdem eine kleine Differenz, die zwischen ihnen geherrscht hatte, glücklicherweise beigelegt ist. Glauben Sie nun, dass einige zufällige Bekanntschaften, die sie gemacht hat, sie von der sofortigen Heimkehr abhalten dürfen? Wenn sie um Ihre gütige Nachsicht unter diesen Umständen bittet, hat sie dann ein Recht, eine Abweisung vorauszusetzen?«

Mrs. Vimpanys ausdrucksvolle Augen blickten mit scheinheiliger Ergebenheit zu der schmutzigen Zimmerdecke empor und schienen durch einen stummen Blick zu fragen, was sie denn für ein Unrecht getan hätte, das einen solchen Zweifel in sie zu setzen erlaubte!

»Mr. Mountjoy,« sagte sie ernst, »Sie beleidigen mich durch diese Frage! - Liebe Miss Henley,« fuhr sie fort, sich an Iris wendend, »Sie tun mir gewiss unrecht! Halten Sie mich denn für fähig, dass ich meinen persönlichen Gefühlen gestatten würde, hindernd in den Weg zu treten, wenn Ihre Kindespflicht in Frage kommt? Verlassen Sie mich nur ohne Bedenken, meine liebe Freundin, gehen Sie, ich beschwöre Sie, gehen Sie sofort nach Hause zu Ihrem Vater!«

Sie zog sich von der Bühne zurück - das heißt, sie ging nur an das andere Ende des Zimmers und brach dort in Tränen aus, natürlich Theatertränen. Die leicht gerührte Iris beeilte sich, ihr Trost zuzusprechen.

»Schämen Sie sich!« flüsterte sie Mr. Mountjoy zu, als sie an ihm vorüberging.

So war er denn zum zweitenmale von Mrs. Vimpany geschlagen worden - und diesmal, ohne dass es ihm möglich war, seinen Widerstand gegen Miss Henleys Entschluss zu rechtfertigen; mit den beiden Frauen gegen sich, welche hinter den Vorrechten ihres Geschlechtes verschanzt waren, war die einzige noch mögliche Gelegenheit, im Interesse von Iris Henley zu handeln, dass er unter Aufopferung seiner eigenen Gefühle seinen Wunsch unterdrückte, das Haus sofort zu verlassen. In der ratlosen Lage, in der er sich jetzt befand, konnte er nur warten, um zu beobachten, welchen Weg Mrs. Vimpany jetzt für vorteilhaft hielt, einzuschlagen. Würde sie wohl in ihrer gewohnten, sehr höflichen Weise ihn bitten, seinen Besuch zu beendigen? Nein, sie blickte zu ihm hin - zögerte - warf verstohlen einen Blick durch das Fenster auf die Straße - lächelte geheimnisvoll - und setzte der Aufopferung ihrer eigenen Gefühle die Krone auf durch die Worte:

»Liebste Miss Henley, lassen Sie mich Ihnen beim Einpacken Ihrer Sachen behilflich sein!«

Iris schlug dies rundweg ab.

»Nein,« sagte sie, »ich stimme hierin nicht mit Mr. Mountjoy überein. Mein Vater überlässt es mir vollkommen, den Tag zu bestimmen, an welchem ich zurückkehren will. Ich halte fest, meine liebe Mrs. Vimpany, an unserer Abmachung - ich verlasse eine angenehme, liebenswürdige Freundin nicht so, wie ich von einer Fremden weg gehen würde.«

Mrs. Vimpany schlang ihre kräftigen Arme um die edelmütige Iris und dankte ihr mit der unnachahmlichsten Grazie durch einen Kuss.

» Ihre Güte wird es mir schwerer denn jemals machen, mein einsames Leben zu ertragen,« flüsterte sie, »wenn Sie von mir weggegangen sind.«

»Aber wir dürfen doch hoffen, uns in London wieder zu sehen,« erinnerte Iris sie, »wenn Mr. Vimpany nicht seinen Plan ändert, diese Stadt zu verlassen.«

»Das wird mein Gatte sicherlich nicht tun, meine Teure; er ist fest entschlossen, sein Glück, wie er sagt, in London zu versuchen. Inzwischen werden Sie wohl so liebenswürdig sein und mir Ihre Adresse geben; wollen Sie? Vielleicht versprechen Sie mir sogar, einmal an mich zu schreiben.«

Iris gab das Versprechen sofort und schrieb ihre Adresse in London auf ein Blattpapier.

Mountjoy machte keinen Versuch, es zu verhindern, es war nutzlos.

Mrs. Vimpany kehrte wieder an das Fenster zurück. Bei dieser Gelegenheit blickte sie durch dasselbe auf die Straße hinab und nahm ihr Taschentuch in die Hand sollte das vielleicht ein Zeichen sein?

Iris ihrerseits näherte sich Mountjoy. So leicht sie sich auch zum Zorn hinreißen ließ, so wenig war ihre Natur fähig, lange darin zu verharren. So war es ihr jetzt Bedürfnis, einige begütigende Worte an Hugh zu richten.

Sie bot ihm herzlich ihre Hand. Er hatte sie gerade an seine Lippen gezogen, als die Türe des Besuchszimmers heftig aufgerissen wurde. Sie sahen sich beide erschreckt um.

Der Mann, welchen Hugh von allen am wenigsten zu sehen wünschte, war es, der jetzt das Zimmer betrat. Das Opfer des leichten französischen Rotweins hatte ruhig auf der Straße gewartet, bis er das Taschentuch aus dem Fenster flattern sah. Dann war er in das Haus getreten nach den Instruktionen seiner Frau. Er war bereit und auch begierig darauf, mit Mountjoy wegen des Mittagessens in dem Gasthofe zu sprechen.

Zwanzigstes Kapitel

Man merkte an dem Gang des Doktors keine Unsicherheit mehr und in seinem Gesichte keine erhöhte Farbe. Er hatte einen sicheren Schritt, als er das Zimmer betrat und trug seinen Kopf mit vollem Selbstbewusstsein aufrecht, da er Mountjoy entdeckte; aber er schien doch sehr zurückhaltend zu sein. War der Mann schon wieder nüchtern?

Seine Frau näherte sich ihm mit verbindlichem Lächeln, die Erscheinung ihres Herrn und Gebieters mit gut gespielter Überraschung begrüßend.

»Das ist ja ein ganz unerwartetes Vergnügen,« sagte sie, »Du lässt uns selten Deine angenehme Gesellschaft schon so früh am Abend zu teil werden, mein Lieber. Gibt es denn jetzt so wenig Kranke, die Deiner Hilfe bedürftig sind?«

»Du irrst Dich, Arabella; ich bin hier, um eine mir sehr peinliche Pflicht zu erfüllen.« Die Sprache des Doktors und sein Benehmen ließen ihn Iris in einem ganz neuen Licht erscheinen. So hatte sie ihn noch niemals gesehen. Welche Wirkung hatte er auf Mrs. Vimpany ausgeübt? Diese unübertreffliche und hilfsbereite Freundin von Reisenden, die sich in einer unangenehmen Lage befinden, schlug die Augen nieder und verharrte in bescheidenem Schweigen. Mr. Vimpany schritt jetzt zur Ausführung seiner Pflicht. Seine peinliche Verantwortlichkeit ließ ihn zu erst an seine Eigenschaft als Arzt denken.

»Wenn es ein Gift gibt, welches die Quellen unseres Lebens verdirbt,« bemerkte er, »so ist es der Alkohol. Wenn es einen Fehler gibt, welche die Menschen erniedrigt, so ist es die Trunkenheit. Mr. Mountjoy, haben Sie bemerkt, dass ich Sie ansehe?«

»Es war nicht gut möglich, dies nicht zu bemerken,« antwortete Hugh. »Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?«

Es war nicht leicht, ernst zu bleiben bei des Doktors Worten über die Unmäßigkeit, nach dem, was bei dem Essen an diesem Tage vorgefallen war. Hugh lächelte, die moralische Würde des Doktors lehnte sich dagegen auf.

»Das ist wirklich schamlos!« sagte er; »das wenigste, was Sie tun können, ist, die Sache ernst zu nehmen.«

»Welche Sache ist es denn,« fragte Mountjoy, »die ich ernst nehmen soll?« »Sagt Ihnen das nicht Ihr Gewissen?« fragte Mr. Vimpany; »hat dieser heimliche Mahner in Ihnen geschlafen? Nachdem Sie mir ein schlechtes Essen vorgesetzt haben, fordern Sie auch noch eine Erklärung? Ha, ha, Sie sollen sie haben!« Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, ließ er ihnen die Tat folgen. Er schritt gravitätisch an die Tür, öffnete sie und machte gegen Mountjoy eine kaum misszuverstehende Bewegung. Iris sah dieses unverschämte Benehmen. Ihr Gesicht wurde rot von Zorn, und ihre Augen funkelten.

»Haben Sie gesehen, was er soeben getan hat?« sagte sie zu Mrs. Vimpany.

Die Frau des Doktors antwortete sanft: »Ich verstehe es nicht.« Nach einem Blick auf ihren Gatten nahm sie Iris bei der Hand und sagte: »Wollen wir uns nicht lieber auf mein Zimmer begeben?« Iris zog ihre Hand zurück und entgegnete: »Nur wenn es Mr. Mountjoy wünscht.«

»Durchaus nicht,« erklärte Hugh, »bitte, bleiben Sie hier! Ihre Gegenwart wird mir helfen, mein Ruhe und Fassung zu bewahren.«

Dann trat er auf Mr. Vimpany zu und fragte ihn: »Haben Sie irgend einen besondern Grund, die Türe zu öffnen?«

Der Doktor war ein Schurke, aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, er war kein Feigling.

»Ja,« sagte er, »ich habe einen Grund.«

»Und welchen, wenn ich bitten darf?«

»Christliche Nachsicht,« antwortete Mr. Vimpany.

»Nachsicht gegen mich?« fuhr Mountjoy fort.

Den Doktor verließ seine würdige Haltung plötzlich.

»Aha, Verehrtester,« rief er, »endlich sind Sie so weit! Es ist doch gut, wenn man sich gegenseitig versteht! Bei meiner Seele, ich kann meine Bekanntschaft mit einem Menschen nicht fortsetzen, der - o sehen Sie mich nicht so groß an, als ob Sie mich nicht verständen! Die Umstände zeugen gegen Sie, mein verehrter Herr; Sie haben mich gröblich beleidigt!«

»Wodurch denn?« fragte Hugh.

»Unter dem Vorwande, mir ein Essen zu geben,« schrie Mr. Vimpany, »das schlechteste Essen, zu dem ich mich je in meinem Leben niedergesetzt, haben Sie versucht - -«

Seine Frau bedeutete ihm, zu schweigen. Er aber schrie nur um so wütender.

»Dann lass ihn nicht mehr mich so ansehen, als ob er glaube, ich sei betrunken gewesen! Dort steht der Mann, Miss, welche versucht hat, mich betrunken zu machen!« fuhr er fort, indem er sich nun direkt an Iris wandte. »Dank meiner gewohnten Nüchternheit hat er sich in seiner eigenen Falle gefangen. Er ist betrunken gewesen. Ja, ja, Freund Mountjoy! Haben Sie nun endlich die richtige Erklärung? Dort ist die Tür, Herr!«

Mrs. Vimpany fühlte, dass diese Beleidigung für Iris unerträglich war. Wenn nicht etwas getan würde, um sie wieder zu versöhnen, so war Miss Henley fähig - ihr Gesicht sprach in diesem Augenblick dafür - gleichzeitig mit Mr. Mountjoy das Haus zu verlassen. Mrs. Vimpany ergriff empört den Arm ihres Gatten.

»Du roher Mensch, Du hast alles verdorben!« sagte sie zu ihm; »sogleich bittest Du Mr. Mountjoy um Entschuldigung! - Du willst nicht?«

»Nein, ich will nicht.«

Erfahrung hatte seine Frau gelehrt, wie er ihrem Willen gefügig zu machen sei.

»Hast Du meine Diamantnadel vergessen?« flüsterte sie ihm zu.

Er blickte sie unangenehm überrascht an. Vielleicht glaubte er, sie hätte die Nadel verloren.

»Wo ist sie?« fragte er erregt.

»Ich habe sie nach London geschickt um sie taxieren und verkaufen zu lassen. Sofort bittest Du Mr. Mountjoy um Entschuldigung, oder ich lege das Geld auf die Bank, und Du bekommst nicht einen Pfennig davon!«

Inzwischen hatte Iris Mr. Vimpanys Befürchtungen wahr gemacht. Ihre Entrüstung ließ sie jetzt an nichts anderes denken als an die Hugh zugefügte Beleidigung. Sie war zu aufgebracht, um ein Wort hervorzubringen. Mountjoy dagegen verhielt sich bewunderungswürdig ruhig, und seine einzige Sorge war nur, sie zu beschwichtigen.

»Haben Sie keine Angst,« sagte er, »es ist für mich ganz unmöglich, mich mit Mr. Vimpany zu streiten; ich bin nur hier geblieben, um zu erfahren, was Sie zu tun beabsichtigen. Sie haben an Mrs. Vimpany zu denken.«

»Ich habe an niemand anders zu denken als an Sie,« entgegnete Iris; »um meinetwillen sollen Sie keine Minute länger in diesem Hause verweilen, nach der Beleidigung, die Ihnen hier zugefügt worden ist. - O Hugh, ich fühle sie doppelt - lassen Sie uns sofort zusammen nach London zurückkehren. Ich habe nur noch Rhoda mitzuteilen, dass wir abreisen, und meine Vorbereitungen dazu zu treffen. Holen Sie mich ab, ich werde zur rechten Zeit für den nächsten Zug fertig sein.«

Mrs. Vimpany näherte sich Mountjoy, ihren Gatten an der Hand führend.

»Ich bedaure, Sie beleidigt zu haben,« sagte der Doktor, »und bitte Sie deshalb um Verzeihung! Es war nur ein Scherz. Bitte, nicht böse sein!«

Sein kriechendes Wesen war noch unerträglicher als seine Unverschämtheit. Nach dem Mountjoy erklärt hatte, dass es keines Wortes weiter bedürfe, verbeugte er sich vor Mrs. Vimpany und verließ das Zimmer. Sie erwiderte die Verbeugung mechanisch und stillschweigend. Mr. Vimpany folgte Hugh in Gedanken an die Diamantnadel und war sehr beflissen, die Haustüre zu öffnen als ein weiteres Zeichen seiner Unterwerfung, welches seine Frau zufrieden stellen sollte.

Selbst eine kluge Frau macht zuweilen Fehler, besonders dann, wenn sie sich zufällig in Aufregung befindet. Mrs. Vimpany sah sich in einer peinlichen Lage, die sie ihrer eigenen Unklugheit zu verdanken hatte.

Sie hatte sich dreier schweren Fehler schuldig gemacht. Erstens hatte sie als sicher vorausgesetzt, dass sein eigenes Heilmittel ihren Gatten vollständig wieder nüchtern machen würde; zweitens hatte sie ihn mit der Aufgabe betraut, für die sie an jemand Rache zu nehmen, der durch seine Unmäßigkeit hinter ihre Geheimnisse gekommen war, und drittens endlich hatte sie zu voreilig angenommen, dass der Doktor bei der Ausführung ihrer Instruktionen, wie er Mountjoy beleidigen sollte, sich in den Grenzen halten würde, die sie ihm vorgeschrieben hatte.

Als eine Folge dieser drei unklugen Handlungen sah sie sich einem Unglück ausgesetzt, welches sie sehr fürchtete - nämlich dem Verluste der Stellung, die sie in der Achtung von Miss Henley einnahm. In der widersprechenden Unklarheit ihrer Gefühle, wie sie sich so oft bei Frauen zeigt, war diese gefährliche und ränkevolle Person nach und nach, wie sie es selbst beschrieb, durch den Reiz der Einfachheit und Jungfräulichkeit in Iris gefangen genommen worden. Sie redete jetzt zögernd, fast furchtsam das junge Mädchen an, welches sie seit der Zeit, wo sie zum erstenmal mit ihr zusammengetroffen war, auf so außerordentlich geschickte Weise betrogen hatte.

»Muss ich ganz und gar auf alles Verzicht leisten, Miss Henley, was für mich von so ungeheuer großem Werte ist?« fragte sie.

»Ich verstehe Sie nicht, Mrs. Vimpany.« »Ich will versuchen, mich Ihnen verständlicher zu machen. Beabsichtigen Sie wirklich, mich heute Abend noch zu verlassen?« »Ja.«

»Darf ich Ihnen gestehen, dass ich unglücklich bin, dieses hören zu müssen? Ihre Abreise wird mich der glücklichen Stunden berauben, welche ich noch in Ihrer Gesellschaft genießen wollte.«

»Das Benehmen Ihres Gatten lässt mir keine Wahl,« antwortete Iris.

»Bitte, beschämen Sie mich nicht damit, dass Sie von meinem Gatten sprechen! Ich möchte nur wissen, ob es einen größeren Beweis meiner Ergebenheit für Sie gibt, als wenn ich noch einmal zu fragen wage. Muss ich auch auf das Glück Verzicht leisten, Ihre Freundin zu sein?«

»Ich hoffe, dass ich einer solchen Ungerechtigkeit, wie das wäre, nicht fähig bin,« erklärte Iris. »Es würde allerdings hart sein, wenn man die Schande von Mr. Vimpanys schimpflichem BetragenSie fühlen lassen wollte. Ich werde es nicht vergessen, dass Sie ihn dazu gebracht haben, sich zu entschuldigen. Viele Frauen, welche das Unglück haben, mit einem solchen Mann, wie der Ihrige ist, verheiratet zu sein, mögen Furcht vor ihren Männern haben. Nein, nein, Sie sind freundlich gegen mich gewesen - ich werde das nicht vergessen!«

Die Dankbarkeit Mrs. Vimpanys war eine zu aufrichtige, als dass sie sie mit der ihr gewöhnlichen Redegewandtheit in diesem Augenblick hätte ausdrücken können. Sie sagte nur, was die einfachste Frau in diesem Falle hätte sagen können:

»Ich danke Ihnen!«

In dem Stillschweigen, welches diesen Worten folgte, ließ sich die rasche und laute Bewegung von Wagenrädern von der Straße herauf vernehmen. Vor der Haustür des Doktors hörte das Gerassel auf.

Einundzwanzigstes Kapitel

War Mountjoy zurückgekommen, um Iris abzuholen, bevor sie noch ihre Vorbereitungen zur Reise beendet hatte? Beide Damen eilten an das Fenster, aber sie kamen zu spät. Der eilige Besucher war vor ihren Blicken schon unter der Vorhalle verschwunden und klopfte lebhaft an die Tür. Einen Augenblick später fragte die Stimme eines Mannes in dem Hausflur nach Miss Henley. Diese Stimme - klar, hell und sanft und hie und da angenehm mit einem irischen Accent vermischt - war nicht zu verkennen für einen, der sie schon einmal früher gehört hatte. Der Mann in dem Hausflur war Lord Harry.

Dieses unerwartete Zusammentreffen gab Mrs. Vimpany ihre Geistesgegenwart wieder.

Sie näherte sich der Türe in der Absicht, mit Lord Harry zu sprechen, bevor er in das Zimmer kam; aber Iris hatte ihn nach ihr fragen hören, und diese eine Umstand zerriss sofort alle die Hüllen, hinter welchen der wahre Charakter dieser Frau verborgen gewesen war, an deren Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sie bis jetzt geglaubt hatte. Der erste Eindruck, den sie von Mrs. Vimpany empfangen, war nach allem also doch der richtige gewesen. Jünger, leichter und schneller als die Frau des Doktors, erreichte Iris zuerst die Tür und legte die Hand auf die Klinke.

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte sie.

Mrs. Vimpany blieb stehen. Zum erstenmale in ihrem Leben vermochte sie kein Wort über ihre Lippen zu bringen, sie konnte nur durch Zeichen Iris bitten, zurückzutreten. Aber Iris weigerte sich, das zu tun. In einfachen und klaren Worten sprach sie die schreckliche Frage aus: »Woher weiß Lord Harry, dass ich in diesem Hause bin?«

Das schlechte Weib horchte gespannt auf das Geräusch von Schritten auf der Treppe und wollte selbst jetzt nicht einer beschämenden Bloßstellung sich preisgeben. Ihrem verdorbenen moralischen Gefühle war jede Lüge recht als ein Mittel, sich vor einer Entdeckung durch Iris zu schützen.

»Meine Liebe,« sagte sie, »was kommt denn über Sie? Warum wollen Sie mich denn nicht nach meinem Zimmer gehen lassen?«

Iris maß sie mit einem verächtlichen Blick.

»Sind Sie unverschämt genug,« sagte sie, »noch anzunehmen, dass ich Sie nicht durchschaut habe?«

Helle Verzweiflung hielt noch den Mut Mrs. Vimpanys aufrecht. Sie spielte die angenommene Rolle gegen die verachtungsvolle Ungläubigkeit von Iris, wie sie einstens auf dem Theater ihre Rollen gespielt hatte gegen das wüste Zischen und Schreien einer rohen Zuhörerschaft.

»Miss Henley,« sagte sie, »Sie vergessen sich!« »Glauben Sie denn, ich könnte nicht in Ihrem Gesicht lesen,« versetzte Iris, »dass auch Sie ihn gehört haben? Beantworten Sie mir meine Frage!« »Welche Frage?«

»Sie haben sie soeben vernommen.«

»Nein.«

»O, Sie Heuchlerin!«

»Vergessen Sie nicht, Miss Henley, dass Sie zu einer Dame sprechen!« »Ich spreche zur Spionin Lord Harry ist!« Ihre Stimmen waren sehr laut geworden; die Erregung auf beiden Seiten hatte ihren Höhepunkt erreicht. Weder die eine noch die andere war in der Verfassung, um zu vernehmen, dass der Klang der Wagenräder sich wieder von dem Hause entfernte. Während dem war aber niemand an die Türe des Empfangszimmers gekommen. Mrs. Vimpany war mit dem hitzköpfigen irischen Lord zu gut bekannt, um nicht zu wissen, dass er sich selbst hörbar gemacht hätte und dass er seinen Weg zu Iris gefunden haben würde, wenn ich irgend etwas, auf das er nicht vorbereitet war, unten an der Treppe sich ihm hindernd entgegen gestellt hätte. Des Doktors Frau ließ dem Doktor endlich Gerechtigkeit widerfahren. Eine andere Person hatte aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls die Stimme Lord Harrys gehört, und diese Person konnte nur ihr Gatte sein.

War es aber möglich, dass es sich des Dienstes erinnert hatte, um den sie ihn gebeten? Und selbst wenn er daran gedacht, konnte sie seiner Verschwiegenheit trauen? Als sie sich diese Fragen vorlegte, war der Wunsch, die richtige Beantwortung dafür zu finden, zu stark, als dass sie ihm hätte widerstehen können. Mrs. Vimpany versuchte daher zum zweitenmal, das Zimmer zu verlassen.

Aber derselbe Grund hatte auch Iris zum Handeln veranlasst. Wiederum kam die jüngere der älteren Frau zuvor. Iris eilte die Treppe hinab, um die Ursache der plötzlichen Veränderung in dem unteren Teile des Hauses zu entdecken.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Frau des Doktors folgte der voraneilenden Miss Henley bis an den Treppenabsatz und wartete dort.

Sie hatte Gründe, sich diese Zurückhaltung aufzuerlegen. Die Lage des Treppenabsatzes verbarg sie vor den Augen desjenigen, der in dem Hausflur stand. Wenn sie nur den Klang der Stimmen vernahm, konnte sie mit Sicherheit erfahren, ob Lord Harry noch im Hause sei oder nicht. In dem ersten Fall würde es ein Leichtes sein, eine Unterredung mit Iris zu unterbrechen, bevor das Gespräch sie zu Enthüllungen geführt hatte, die Mrs. Vimpany aus guten Gründen fürchten musste. In dem zweiten Fall würde es gar nicht nötig sein, sich zu zeigen.

Inzwischen öffnete Iris die Tür des Esszimmers und blickte hinein.

Es war niemand darin. Das einzige andere Zimmer, welches außerdem im Parterre gelegen war an der Rückseite des Hauses, diente dem Doktor als Sprechzimmer. Sie klopfte an die Tür. Mr. Vimpanys Stimme antwortete: »Herein!« Er war allein, trank Cognac und Wasser und rauchte eine dicke, dunkle Zigarre.

»Wo ist Lord Harry?« fragte sie.

»Wahrscheinlich in Irland!« antwortete Mr. Vimpany ruhig.

Iris vergeudete keine Zeit, indem sie unnötige Fragen stellte. Sie schloss die Tür wieder und ließ den Doktor allein. Er gehörte jedenfalls auch zu der Verschwörung, welche die Bestimmung hatte, sie in der Täuschung zu erhalten. Was war nun geschehen? Wo befand sich der wilde Lord in diesem Augenblick?

Während sie in dem Hausflur diesen Gedanken nachhing, kam Rhoda von dem Teetisch der Dienerschaft in der Küche. Ihre Herrin gab ihr die nötige Anweisung zum Einpacken und versprach ihr, binnen kurzem nachzufolgen, um ihr zu helfen. Mrs. Vimpanys kühner Entschluss, ihr die Richtigkeit ihrer Wahrnehmung abzustreiten, beschäftigte noch Miss Henleys Geist. Viel zu ärgerlich, um daran zu denken, welche Verlegenheit ihr ein Zusammentreffen mit Lord Harry verursachen würde, war sie fest entschlossen, zu verhindern, dass die Frau des Doktors zuerst mit ihm spräche und ihn zum Teilnehmer an der unverschämten Verleugnung der Wahrheit mache. Wenn er durch irgend einen Zufall veranlasst worden wäre, das Haus zu verlassen, so würde er früher oder später doch den Streich entdecken den sie ihm gespielt hatten, und sicherlich zurückkommen. Iris nahm einen Stuhl und ließ sich in der Vorhalle nieder.

*

Um dem Doktor Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss erzählt werden, dass er in der Tat das von seiner Frau in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte.

Die Diamantnadel, welche sich in London zur Abschätzung ihres Wertes und zum Verkaufe befand, schwebte immer noch erschreckend vor seinem Geist. Das Geld, das Geld - er war der aufmerksamste Gatte von ganz England, wenn er an das Geld dachte! Zu der Zeit, als Lord Harrys Wagen vor seiner Haustür anhielt, befand sich der Doktor in dem Esszimmer, um eine Flasche Cognac von dem Buffet zu holen. Er blickte gerade aus dem Fenster und entdeckte daher gleich, wer der Ankommende war. Er entschloss sich dann, die in seinem Notizbuch aufgeschriebene Instruktion seiner Frau zu Rate zu ziehen. Diese Absicht wurde aber, sobald er das Buch aufgeschlagen hatte, vereitelt durch die unglückliche Eile, mit welcher das Dienstmädchen die Haustüre öffnete. Ihr Herr hielt sie in der Vorhalle zurück. Er fühlte mit Wohlgefallen, dass er seine Geschicklichkeit wiedergewann; aber sein Gedächtnis, weit davon entfernt, selbst unter den günstigsten Umständen rege zu sein, war träger denn je, ihm zu Hilfe zu kommen. In der Hast des Augenblicks konnte er sich nur erinnern, dass ihm aufgetragen worden war, ein Zusammentreffen von Iris und Lord Harry zu verhindern.

»Lassen Sie den Herrn in mein Sprechzimmer eintreten!« befahl er dem Dienstmädchen.

Lord Harry fand den Doktor auf seinem Arbeitsstuhl sitzen; er gebärdete sich überrascht und entzückt zugleich, seinen vornehmen Freund zu sehen. Der ungestüme Irländer fragte sofort nach Miss Henley.

»Abgereist!« antwortete Mr. Vimpany.

»Abgereist - wohin?« wollte der wilde Lord zunächst wissen.

»Nach London«

»Allein?«

»Nein, mit Mr. Hugh Mountjoy.«

Lord Harry fasste den Doktor an seinen beiden Schultern und schüttelte ihn hin und her.

»Sie wollen doch damit nicht etwas sagen, das Mountjoy im Begriff steht, sich mit ihr zu verheiraten?«

Mr. Vimpany fürchtete nichts anderes als den Verlust von Geld; obgleich er der schwächere und der ältere der beiden Männer war, ahmte er nichtsdestoweniger das Beispiel des jungen Lords nach und schüttelte ihn, so gut es ging.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen das gefällt!« sagte er. »Was Mountjoy anbetrifft, so weiß ich nicht, ob er verheiratet oder ledig ist - es ist mir auch ganz gleichgültig.«

»Der Teufel hole Ihren Eigensinn! Wann sind Sie abgereist?« »Der Teufel hole Ihre Fragen! Sie sind noch nicht lange fort.« »Kann ich Sie vielleicht noch an der Station einholen?« »Ja, wenn Sie augenblicklich gehen.«

So führte der Doktor in seiner Verzweiflung die Befehle seiner Frau aus, ohne sich der beigefügten Bestimmungen zu erinnern.

Der Weg zu der Station führte Lord Harry an dem Gasthof vorüber. Er sah durch die offene Haustüre, wie Hugh Mountjoy seine Rechnung an dem Buffet bezahlte. Im nächsten Augenblick hatte er den Wagen angehalten, und die beiden Männer, die niemals auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden hatten begrüßten sich durch eine kühle gegenseitige Verbeugung.

»Mir wurde gesagt,« begann Lord Harry, »dass ich Sie mit Miss Henley an der Station treffen könnte.«

»Wer gab Ihnen diesen Bescheid?«

»Vimpany, der Doktor.«

»Er hätte doch wissen können, dass der Zug erst in einer Stunde hier ankommt.« »Hat der Lump mich belogen? - Ein Wort noch, Mr. Mountjoy: Ist Miss Henley hier im Gasthofe?« »Nein.«

»Wollten Sie mit ihr nach London reisen?« »Ich muss es Miss Henley überlassen, diese Frage zu beantworten.« »Wo befindet sie sich denn, Sir?«

»Jedes Ding hat ein Ende in der Welt, in der wir leben, Mylord. Sie haben das Ende meiner Bereitwilligkeit, Ihre Fragen zu beantworten, erreicht.«

Der Engländer und der Irländer sahen sich gegenseitig an: der Anglo-Saxone war undurchdringlich ruhig und kühl, der Kelte dagegen aufgelegt und ärgerlich. Es sah aus, als ob sie beide im Beginn eines Streites stünden, wenn man in diesem Augenblick Lord Harrys Erregung in Betracht zog. Als er an Mr. Vimpanys Haus gekommen war und nach Iris gefragt hatte, hatte sich der Doktor ihm durch eine Lüge vom Halse geschafft. Zu welchem Schluss nun konnte er nach dieser Entdeckung kommen? Der Doktor hielt sicherlich Iris von einer Begegnung mit ihm ab. Während er sich dies in seiner raschen Weise überlegte, ließ Lord Harry die eine Beleidigung unbeachtet, um die andere in seiner unbesonnenen Heftigkeit zu bestrafen. Er verließ Mountjoy augenblicklich.

Wiederum rasselte der Wagen die Straße entlang, aber er wurde angehalten, bevor er noch an dem Hause Mr. Vimpanys angekommen war.

Lord Harry kannte die Leute, mit denen er es zu tun hatte, und ergriff daher Maßregeln, um sich dem Hause ohne Geräusch zu Fuße zu nähern. Der Kutscher erhielt den Befehl, genau auf das Zeichen achtzugeben, sobald er wieder gebraucht würde.

Mr. Vimpanys Ohren, die wachsam auf verdächtige Geräusche, vernahmen keinen Lärm der Wagenräder und keinen Ton des Klopfers an der Haustür. Während er noch so auf der Lauer stand, störte ihn in seinem Sprechzimmer das Läuten der Hausglocke. Als sie in den Hausflur hinausschaute, sah er, wie Iris dem Lord Harry die Tür öffnete, und zog sich dann leise wieder in sein Zimmer zurück.

»Der Teufel soll sie holen!« sagte er, indem er Miss Henley meinte, dabei aber zugleich an die beneidenswerte zukünftige Besitzerin der Diamantnadel dachte.

Bei der unerwarteten Erscheinung von Iris vergaß Lord Harry jede Überlegung, welche er in diesem kritischen Moment so nötig gehabt hätte.

Er näherte sich ihr und streckte ihr beide Hände zur herzlichen Begrüßung entgegen. In unverhohlener Verachtung gab sie ihm jedoch mit der Hand ein Zeichen, ihr fern zu bleiben, und sprach mit vorsichtig gedämpfter Stimme, nachdem sie zuvor noch einen Blick nach der Tür geworfen hatte.

»Der einzige Grund, welcher mich bestimmt hat, Ihnen entgegenzutreten, ist, mich in der Zukunft vor weiterer Täuschung zu schützen. Ihr schimpfliches Betragen ist mir jetzt nur zu gut bekannt. Gehen Sie,« fuhr sie fort und zeigt die Treppe hinauf, »gehen Sie und beraten Sie sich mit Ihrer Spionin.«

Der irische Lord hörte zu, ohne nur den Versuch zu machen, ein Wort der Entschuldigung und Verteidigung zu äußern, denn er war sich seiner Schuld wohl bewusst und gestand so stillschweigend zu, dass er die harten Worte, die Iris soeben zu ihm gesagt hatte, verdient habe.

Oben an der Treppe stand noch immer die Frau des Doktors auf ihrem Lauscherposten und hörte jetzt Iris sprechen; aber die Stimme war nicht laut genug, als dass die einzelnen Worte auf diese Entfernung hin verständlich gewesen wären; ebensowenig vernahm sie, dass eine andere Stimme antwortete. Mit dem unbestimmten Verdacht, dass irgend etwas im Hause nicht in Richtigkeit sei, begann Mrs. Vimpany jetzt die Treppe hinunterzusteigen. An der Wendung angekommen, die einen freien Blick in den Hausflur gewährte, blieb sie plötzlich stehen, wie vom Blitz getroffen, als sie Lord Harry und Miss Henley bei einander sah.

Die Gegenwart einer dritten Person schien einigermaßen Lord Harry wieder zu beleben. Er sprang eiligst die Stufen hinauf, um Mrs. Vimpany zu begrüßen; aber auch hier wurde ihm wieder ein kalter Empfang und ein feindlicher Blick zu teil.

Einen seltsamen und sonderbaren Gegensatz bildeten die beiden Menschen, welche sich jetzt auf der Treppe gegenüberstanden. Die verwelkte Frau, angegriffen und bleich von dem schweren Druck geistigen Leidens, stand Gesicht gegen Gesicht mit einem vornehmen großen und gewandten Mann, in der vollen Blüte seiner Gesundheit und Kraft. Hier waren die stolzen blauen Augen, das gewinnende Lächeln und die natürliche Anmut der Bewegungen, welche immer ihren Weg zu der günstigen Beurteilung bei dem schöneren Geschlecht fanden. Dieser unverbesserliche Wanderer auf den gefährlichen Nebenwegen im Dasein der Menschen, der von ehrenwerten Mitgliedern der Gesellschaft der irische Lump genannt wurde, wenn sie hinter seinem Rücken von ihm sprachen, musste selbst unter Männern die Beachtung auf sich ziehen. Wer in sein kühnes, schöngeformtes Gesicht sah, der würde als eine Ausnahme von der gewöhnlichen Regel in der Jetztzeit bemerkt haben, dass jede Spur von Bart durch das Rasiermesser aus diesem Gesicht sorgfältig entfernt war. Fremde, die ihn nicht kannten, würden jedenfalls Lord Harry entweder für einen Schauspieler oder für einen katholischen Geistlichen gehalten haben. Unter seinen näheren Bekannten jedoch würden die wenigen von der Natur mit einer lebhaften Auffassungsgabe Begünstigten wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen sein, dass sein abenteuerliches Leben jedenfalls eine solche Veränderung für seine Sicherheit nötig gemacht habe. Bisweilen stellten sie auch hierüber kühn an ihn eine Frage. Das in Augenblicken der Erregung leicht auf brausende Temperament eines Irländers verwandelt sich nicht selten in Momenten der Ruhe in Sanftmut. Was viele für eine neue tolle Idee Lord Harrys ansahen, bedeutete nichts anderes, als dass er so verschuldet war, dass bei gewissen Gelegenheiten ein falscher Bart und ein gefärbtes Haar und Gesicht für ihn außerordentlich vorteilhaft waren. Den gleichen Eindruck empfing jetzt auch Mrs. Vimpany, welche mit feindlichen Blicken den Lord betrachtete.

»Wenn ich irgend etwas getan habe, was Sie beleidigt hat,« sagte er mit verlegener, bescheidener Miene, »so seien Sie versichert, dass es mir aufrichtig leid tut. Zürnen Sie deshalb Ihrem alten Freund nicht, Arabella. Warum wollen Sie mir nicht die Hand reichen?«

»Ich habe Ihr Geheimnis wohl bewahrt und habe in Ihrem Interesse mich selbst bloßgestellt,« antwortete Mrs. Vimpany, »und was ist nun meine Belohnung dafür? - Miss Henley kann Ihnen sagen, wie Ihre irische Falschheit mich in der Achtung dieser Dame herabgesetzt hat, und jetzt soll ich Ihnen auch noch die Hand reichen? Sie werden mir niemals wieder die Hand drücken, solange Sie leben!«

Sie sagte diese Worte, ohne ihn dabei anzusehen. Ihr Blick ruhte jetzt auf Iris. Von dem Augenblick an, wo sie die beiden beisammen gefunden hatte, wusste sie, dass alles aus war; ferneres Leugnen würde jetzt in der Tat ganz nutzlos gewesen sein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich ruhig in ihr Schicksal zu ergeben.

»Miss Henley,« sagte sie, »wenn Sie mit dem Kummer und der Scham einer schwachen Frau Mitleid fühlen können, so lassen Sie mich zu Ihnen noch ein letztes Wort sprechen - aber ohne dass es dieser Mensch wird.«

In ihrer Stimme sowohl als in ihren Blicken lag nichts Unnatürliches, Künstliches mehr; keine Schauspielerin würde die traurige Einfachheit haben nachahmen können, in der sie sprach. Betroffen von dieser Veränderungen begleitet die Iris die Frau des Doktors, als diese die Treppe hinauf stieg. Nach einem kurzen Moment der Zögerung folgte Lord Harry. Mrs. Vimpany drehte sich nach ihm um, als sie oben angekommen war, und fragte ihn:

»Muss ich vor Ihnen die Tür schließen?« Er war diesmal geduldiger denn je.

»Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, meine Liebe,« entgegnete er; »ich bitte Sie nur um die Erlaubnis, mich niedersetzen und auf der Treppe warten zu dürfen. Wenn Sie Ihr Gespräch mit Miss Henley beendet haben, so rufen Sie mich herein. Und, nebenbei gesagt, erschrecken Sie nicht, wenn Sie ein kleines Geräusch hören, das heißt, den schweren Fall eines Mannes die Treppe hinunter. Wenn sich nämlich der Lump, der unglücklicherweise Ihr Mann ist, vor mir sehen lässt, dann würde ich in die traurige Notwendigkeit versetzt sein, ihn die Treppe hinunter zu werfen. Das ist alles.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Mrs. Vimpany schloss die Tür. Sie sprach zu Iris in sehr respektvollem Ton, wie sie irgend eine Fremde angeredet haben würde, die im Leben eine höhere Stellung einnahm als sie.

»So ist also das Ende unserer kurzen Bekanntschaft da, Fräulein, und zwar, wie wir beide wissen, ein Ende für alle Ewigkeit. Als wir uns zuerst trafen - lassen Sie mich Ihnen zum letztenmal die volle Wahrheit gestehen - fand ich ein boshaftes Vergnügen darin, Sie zu täuschen. Nach dieser Zeit bemerkte ich zu meinem lebhaften Erstaunen, dass Sie mir von Tag zu Tag lieber wurden. Können Sie die Schlechtigkeit verstehen, die mich immer wieder dazu antrieb, diesem Gefühl Widerstand zu leisten? - es war nutzlos; Ihr guter Einfluss auf mich war schon stärker geworden als alles andere. Ist das nicht sonderbar? Ich habe ein Leben voll Lug und Trug hinter mir, das ich unter schlechter Gesellschaft verbringen musste. Kann man nach einer solchen Vergangenheit etwas Besseres erwarten? Ich häufte Lüge auf Lüge - ich würde sogar geleugnet haben, dass die Sonne am Himmel stünde - ich hätte alles mögliche Schlimme eher getan, als dass ich mich in Ihrer Achtung gesunken sehen sollte. Nun, das ist jetzt alles vorüber - nutzlos, vollkommen nutzlos! Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich versuche nicht, mich zu entschuldigen, aber ein offenes Bekenntnis war ich Ihnen schuldig, und dieses Bekenntnis habe ich abgelegt. Es ist zu spät, als dass ich hoffen dürfte, Sie könnten mir verzeihen. Wenn Sie es mir aber erlauben, so möchte ich Sie noch um eine letzte Gunst bitten: vergessen Sie mich!«

Sie wendete sich ab nach einem letzten hoffnungslosen Blick, welcher deutlicher als alle Worte sagte:

»Ich bin eine Antwort nicht wert.«

Iris bestand jedoch in ihrem Edelmut darauf, noch einige Worte zu ihr zu sprechen.

»Ich glaube Ihnen,« sagte sie, »dass Sie aufrichtig bereuen, was Sie an mir gesündigt haben. Ich werde dies nie vergessen können - ich werde Sie niemals vergessen können.«

Sie hielt ihr verzeihend und mitleidig die Hand hin; aber Mrs. Vimpany gedachte mit zu bitterer Reue der Vergangenheit, als dass sie es gewagt hätte, diese reine Hand zu berühren. Tränen erfüllten die Augen der unglücklichen Frau, als sie die Iris den letzten Blick zuwarf. Nach einer kurzen Pause wurde die Tür des Empfangszimmers wieder geöffnet. Der irische Lord, der auf der Treppe wartend stand, fragte, ob er eintreten dürfe.

Iris antwortete kühl:

»Das Haus gehört nicht mir. Ich muss es Ihnen überlassen, darüber zu entscheiden.« Lord Harry betrat darauf das Zimmer, um mit ihr zu sprechen, blieb jedoch gleich am Eingang stehen, denn er bemerkte kein Zeichen der Nachgiebigkeit in diesem so zärtlich geliebten Gesicht.

»Ich glaube, es wird Ihnen eine große Erleichterung gewähren,« sagte er mit sanfter Ergebenheit in der Stimme, »wenn ich von hier fortgehe.«

Um aufrichtig zu sein, hätte sie antworten müssen: »Ja!« Aber ist denn auf der ganzen Welt eine Frau zu finden, welche, wenn sie sich in der gleichen Lage wie Iris befindet, hartherzig genug sein kann, dieses Wort auszusprechen? Sie wies auf einen Stuhl. Er war ihr für diese Nachsicht unendlich dankbar und versuchte nun, sein Benehmen zu entschuldigen.

»Es gibt nur eins, was ich für mich anführen kann,« bekannte er, »ich habe nicht damit angefangen, Sie zu betrügen. So lange Sie mir Ihre Zuneigung schenkten, Iris, war ich ein ehrenhafter Mensch.«

Diese außergewöhnliche Verteidigung ließ sie verstummen. Welcher andere Mann auf der Welt hätte wohl auf diese Weise um Verzeihung gebeten?!

»Ich fürchte, ich habe mich Ihnen nicht verständlich gemacht. Darf ich es noch einmal versuchen?«

»Bitte!«

Der elegante Vagabund strengte sich diesmal wirklich an, sich verständlich zu machen.

»Hören Sie! Wir haben damals auf der unglücklichen Insel Abschied von einander genommen. Ich glaubte zu jener Zeit, dass es wirklich ein Abschied für immer wäre, denn ich musste mir selbst eingestehen, dass ich Ihrer nicht würdig war. Ich habe Ihnen nicht widersprochen, als Sie mir sagten, dass Sie niemals mein Weib werden könnten nach einem derartigen Leben, wie ich es geführt hatte. Erinnern Sie sich auch daran, dass ich mich willig und wortlos Ihrer Rückkehr nach England unterwarf, ohne eine Klage laut werden zu lassen. O mein süßes Mädchen, es war leicht, sich zu unterwerfen, so lange ich Sie noch sehen konnte, so lange ich noch den süßen Laut Ihrer Stimme hören konnte und um den letzten Kuss bitten durfte - und ihn auch erhielt. Hochwürdige Herren sprechen über den Fall von Adam. Was hat er aber zu bedeuten gegenüber dem Fall von Lord Harry, als er in sein eigenes kleines Haus zurückgekehrt war ohne die Hoffnung, Sie jemals wieder zusehen! Ich fand die Schlange, welche mich versuchte wie einstens Eva; sie saß wartend auf meinen Armstuhl und hatte keine schlimmere Absicht, als sich von mir eine kleine Summe Geldes zu borgen. Brauche ich es Ihnen zu sagen, wer es war? - Ich hege nicht den mindesten Zweifel, dass Sie sie für ein schlechtes Weib halten.«

Iris, die niemals gern von eigenen menschenfreundlichen, wohltätigen Handlungen und Gesinnungen ihrerseits sprach, antwortete mit einer gewissen Zurückhaltung: »Ich habe über Mrs. Vimpany besser zu denken gelernt, als Sie voraussetzen.«

Lord Harrys Gesicht nahm den Ausdruck eines glücklichen Mannes an, zum erstenmal, seit er das Zimmer betreten hatte.

»Ich hätte es wissen sollen,« rief er aus, »Sie besitzen einen Geist, der niemals aus dem Gleichgewicht kommt, liebe Iris, und der die Gerechtigkeit durch Barmherzigkeit mildert. Mutter Vimpany hat ein hartes Leben gehabt. Versetzen Sie sich einmal in ihre Lage für einen Augenblick, und Sie werden verstehen, was sie schon alles hat durchmachen müssen. Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie befänden sich in Irland und besäßen nicht die geringsten Mittel, um nach England zurückkehren zu können. Rechnen Sie dazu einen Gatten, der Sie ausschickt, um für ihn als Schauspielerin Geld zu verdienen, und einen Theaterdirektor - Gott sei Dank, keinen Irländer! - welcher sich weigert, Sie zu engagieren, nachdem Ihr Spiel einstens in vergangenen, besseren Tagen seine leeren, schmutzigen Taschen gefüllt hat, nur weil Ihre Schönheit während der Zwischenzeit dahingewelkt ist. Kann sich Ihre lebhafte Phantasie jetzt alles dies vorstellen? - Meine alte Freundin Arabella, gern bereit und eifrig bemüht, mir einen Dienst zu erweisen, und auf der andern Seite der Schmerz, den das Herz dieses guten Kameraden empfand, als ich ihr erzählte, dass ich, wenn ich Ihre Spur jetzt verlöre, sie für immer verlieren würde, - das ist die Verwicklung, wie man es auf der Bühne nennt. Ich wollte, ich könnte dies für mich sagen, was ich für Mrs. Vimpany sagen kann. Es gewährt einer klugen Frau kein geringes Vergnügen, wenn man sie an einer kleinen Intrigue teilnehmen lässt. Können wir sie deshalb tadeln?«

Iris machte in ruhiger, freundlicher Weise Einwendungen gegen die Annahme, dass es ihrem Geschlecht gestattet sein sollte, solche Sachen ungestraft zu tun. Aber Lord Harry verstand es vortrefflich, mit der bewunderungswürdigen irischen Geschmeidigkeit sich aus der Verlegenheit herauszuwinden; er stimmte mit Miss Henley vollständig überein und gab zu, dass er sich vollkommen im Unrecht befunden habe.

»Schonen Sie mich nicht, wenn Sie gegen mich aufgebracht sind,« fuhr er fort, »werfen Sie alle Schuld und alle Schande über dieses schimpfliche Vergehen auf meine Schultern. Es war wirklich verächtlich, so etwas zu tun. Wenn ich Sie überwachen ließ, so handelte ich in einer Weise, die - ich will nicht sagen, eines Ehrenmannes unwürdig war; denn bin ich ein Ehrenmann gewesen, seit ich zum erstenmal von zu Hause weglief? Man hat sogar gesagt, dass meine Art zu sprechen nicht mehr die eines solchen sei; nun das ist auch eigentlich kein Wunder, wenn man die Gesellschaft in Betracht zieht, in der ich mich damals bewegte. Das mag aber sein, wie es will, jetzt, mein süßer Liebling, bin ich wieder im Begriff, mich auf die See zu begeben. Willst Du mir daher jetzt verzeihen oder willst Du warten, bis ich zurückkomme, wenn ich überhaupt je zurückkomme? Gott allein weiß es!« Er fiel auf die Kniee vor ihr, ergriff ihre Hand und küsste sie innig. »Einerlei,« sagte er, »ob ich lebe oder sterbe; es wird eine gewisse Beruhigung und ein Trost sein, dass ich Dich um Verzeihung gebeten habe und dass ich vielleicht auch Verzeihung erhielt.«

»Ich verzeihe Ihnen, Harry, ich kann nicht anders, ich muss Ihnen verzeihen!« Sie hatte zuerst ihr Bestes getan, um ihm zu widerstehen; jetzt antwortete sie ihm mit diesen trostreichen Worten.

Aber die Wirkung davon wurde erst sichtbar, erschreckend sichtbar, als er sich von seinen Knieen erhob. Die einzige Möglichkeit, die es für sie gab, die Entfernung zwischen ihnen beiden aufrecht zu erhalten, auf welche zu bestehen sie zu schwach gewesen war, lag darin, dass sie ihn nicht durch Stillschweigen ermutigte. In ihrer Verzweiflung stellte sie ganz unvermittelt eine recht nichtssagende Frage über die Reise, die er zu unternehmen beabsichtigte.

»Wohin wollen Sie denn gehen, wenn Sie England verlassen?« »Ich will Geld verdienen, wenn es möglich ist,« antwortete er. »Ich will Diamanten suchen oder Gold graben oder sonst irgend etwas anstellen.« Vermöge ihrer feinen Beobachtungsgabe bemerkte Iris sofort, dass in der Art und Weise, in der er die Antwort gab, etwas nicht ganz richtig war. Er versuchte das Gespräch auf ein an den Gegenstand zu bringen; sie kann aber immer wieder mit voller Absicht darauf zurück.

»Was Sie mir da von Ihren Reisepläne gesagt haben, klingt aber wirklich sehr unbestimmt. Wann gedenken Sie denn wieder zurückzukommen?«

Er ergriff ihre Hand. Einer der Ringe an ihren Fingern hatte sich zufälligerweise verdreht. Er schob ihn wieder zurecht und entdeckte daran einen Opal.

»O, diese unglückselige Stein!« rief er aus und drehte ihn wieder nach der Innenseite der Hand.

Sie entzog ihm darauf ihre Hand und wiederholte noch einmal: »Ich habe Sie gefragt, wann Sie wieder zurückzukommen gedenken?« Er lachte, aber nicht so heiter und ungezwungen wie gewöhnlich.

»Wie kann ich wissen, ob ich überhaupt jemals wieder zurückkomme!« antwortete er. »Das Meer ist heimtückisch und gefährlich. Ich bin schon in so mancher schlimmen Lage gewesen und bin doch heil davon gekommen, aber ich kann nicht erwarten, dass mein Glück in dieser Beziehung von ewiger Dauer ist.« Er machte einen zweiten Versuch, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Ich möchte wohl wissen,« sagte er, »ob Sie noch einmal Irland besuchen werden. Mein Haus steht vollständig zu Ihrer Verfügung, liebe Iris, natürlich, wenn ich weit entfernt bin. Der Platz schien Ihnen damals zu gefallen, als Sie ihn sahen. Ich bürge Ihnen dafür, dass Sie mein Haus in bestem Zustand finden werden.«

Iris fragte ihn, wer denn während seiner Abwesenheit sein Haus verwalten würde.

Das Gesicht des wilden Lords nahm plötzlich einen traurigen Ausdruck an. Er zögerte einen Augenblick, dann stand er unruhig von seinem Stuhl auf und trat an das Fenster. Nach einer Weile kehrte er zurück und antwortete:

»Liebe Iris, Sie kennen sie. Es ist die alte Haushälterin von -« die Stimme versagte ihm. Er war unfähig oder wollte nicht den Namen Arthur Mountjoys aussprechen. Iris wusste natürlich sofort, - es ist eigentlich unnötig, es noch ausdrücklich zu sagen - das er Mrs. Lewson meinte. Sie ergriff die Gelegenheit, ihm warm zu empfehlen, für ihre alte Wärterin gut zu sorgen. Zugleich aber erinnerte sie sich, in welch unfreundlicher Weise die alte Haushälterin Lord Harrys gedacht hatte, als sie von ihm sprachen.

»Hat es denn keine Schwierigkeiten gemacht,« fragte sie, »Mrs. Lewson zu überreden, in Ihre Dienste einzutreten?«

»O ja, sehr viel Mühe hat es gekostet - mein schlechter Ruf stand hinderlich im Weg wie immer.«

Es gewährte ihm eine gewisse Erleichterung, jetzt von Mrs. Lewson zu reden. Der Humor der Irländer und ihre eigentümliche Aussprache zeigten sich deutlich in seiner Antwort.

»Die merkwürdige alte Frau sagte mir offen ins Gesicht, dass ich ein Lump wäre. Ich nahm Veranlassung, sie daran zu erinnern, dass es die Pflicht einer ehrbaren Person sei, schlechte Menschen zu bessern. Ich erwähnte auch, dass ich im Begriff stünde, fortzugehen, und dass sie daher als Herr und Herrin zugleich auf meinem kleinen Besitztum schalten und walten könne, wie sie wolle. Endlich ließ sie sich doch erweichen. Sie werden meistens finden, dass alte Frauen willfährig sind, wenn man sie bei ihrer Ehre fasst. Außerdem gab es aber noch einen anderen günstigen Umstand, der mir zu Hilfe kam. Die Nachbarschaft meiner Besitzung hat für Mrs. Lewson eine gewisse Anziehung. Sie sagte nicht ausdrücklich, was es sei, und ich habe sie auch nie darum gebeten, es mir zu sagen.«

»Sie werden es wahrscheinlich, auch ohne dass Sie es aussprachen, erraten haben,« entgegnete Iris; »das treue Herz der alten Lewson hält das Andenken des armen Arthur in hohen Ehren - und Arthurs Grab liegt nicht weit von Ihrer Besitzung entfernt.«

»Sprechen Sie nicht von ihm!«

Es sagte diese Worte laut, bestimmt und erregt. Er sah sie an mit angstvollem Erstaunen in seinem Gesicht.

»Sie hatten ihn doch auch gern,« sagte er, »und können trotzdem so ruhig von ihm sprechen? Dieser edelste, aufrichtigste und beste Mensch, der jemals von der Erde zum Himmel aufgeschaut hat, ist auf schändliche Weise ermordet worden, und der Schurke, der ihn tötete, der lebt noch, geht noch frei herum! O, wo bleibt da Gottes Vorsehung und Gerechtigkeit - gibt es denn keine Vergeltung mehr, gibt es keine Hand mehr, welche Arthurs Tod rächen wird?!«

Als diese heftig ausgestoßenen Worte ihm entschlüpften, war er nicht mehr der leichtsinnige, liebenswürdige und heitere Mann, als welchen ihn Iris kannte und liebte. Die wilden Leidenschaften der keltischen Rasse funkelten unstet in seinen Augen, und die gesunde Farbe, welche sein Gesicht gewöhnlich hatte, verwandelte sich in tiefe, erschreckende Blässe.

»O mein unglückseliges Temperament!« schrie er laut, als Iris schaudernd vor ihm zurückwich. »Jetzt hasst sie mich, und das ist auch gar nicht zu verwundern!«

Wankend entfernte er sich von ihr und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Mitleid, himmlisches Mitleid gewann die Oberhand über das irdische Gefühl des Schreckens in dem großen Herzen des jungen Mädchens, das ihn liebte. Sie ging ihm nach und legte zärtlich ihre Hand auf seine Schulter.

»Ich hasse Sie nicht, Harry,« sagte sie; »ich bin betrübt Arthurs wegen - und ich bin auch betrübt Ihretwegen.«

Er umschlang sie mit seinen Armen. Seine Dankbarkeit, seine Reue und sein wortloser Abschied, alles dies kam zum innigen Ausdruck in einem letzten heißen Kuss. Es war ein Augenblick, den sie niemals vergaßen bis an das Ende ihres Lebens. Bevor sie wieder sprechen, bevor sie überhaupt wieder denken konnte, hatte er sie verlassen.

Sie rief ihn zurück durch die offenstehende Tür. Aber er kam nicht wieder; er antwortete nicht einmal. Sie eilte an das Fenster und riss es auf; sie kam gerade noch zur rechten Zeit, um zu sehen, wie er dem Kutscher ein Zeichen gab und in den Wagen sprang.

Ihr Erschrecken über das verhängnisvolle Vorhaben, welches sie nur zu deutlich aus seinen Worten herausgehört hatte - ihre Überzeugung, das er sich auf die Suche nach dem Mörder begeben würde, um selbst die schreckliche Strafe, Blut für Blut, auszuführen - gaben ihr den Mut, laut aus dem Fenster zu rufen.

»Komm zurück,« schrie sie, »ich muss, ich will mit Dir sprechen!« Er winkte ihr nur mit der Hand noch einen letzten Abschiedsgruss zu.

»Halten Sie Ihre Pferde an!« wandte sie sich nun an den Kutscher. Beunruhigt durch den verzweifelten Klang ihrer Stimme und durch seinen traurigen Blick, fragte der Mann unschlüssig, wohin er denn fahren sollte. Lord Harry zeigte nur wütend auf den vor ihnen liegenden Weg.

»Fahren Sie zum Teufel!« antwortete er heftig.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Ungefähr vier Monate waren seit Iris' Rückkehr in das Haus ihres Vaters vergangen.

Von alledem, was sich in der ersten Hälfte dieser Zwischenzeit geeignet hatte, erfordert das die meiste Beachtung, was Hugh Mountjoy tat, als ihm Miss Henley ihre Vermutungen über den irischen Lord zuerst mitgeteilt hatte.

Es war für ihn, den treu ergebenen Freund des jungen Mädchens, unmöglich, sie zu erblicken und nicht sofort die Zeichen tiefer Erregung an ihr wahrzunehmen, als sie auf dem Weg nach der Station wieder zusammentrafen. Iris wartete nur, bis sie allein in dem Eisenbahnwagen saßen; dann öffnete sie ohne Rückhalt dem  Mann ihr Herz, in dessen klaren Verstand und aufrichtige Teilnahme sie unbegrenztes Vertrauen setzen durfte. Er hörte aufmerksam zu, was ihm Iris von den Worten Lord Harrys wiederholen konnte, und schien nur wenig überrascht darüber zu sein. Iris hatte ihn nur an die eine der Enthüllungen erinnert, welche dem Doktor während des Mittagessens in dem Gasthof entschlüpft waren. Unter dem unwiderstehlichen Einfluss des guten Weins hatte Mr. Vimpany auch die Ursache verraten, welche den irischen Lord in seinem Vaterland nach der Ermordung Arthur Mountjoys noch zurückhielt. Hugh trat der einzigen Schwierigkeit, welche ihm bei der Beurteilung der Angelegenheit hinderlich sein konnte, mutig entgegen, ohne davor zurückzuschrecken. Er beschloss, sich vollständig von dem natürlichen Vorurteil gegen den Nebenbuhler freizumachen, der ihm vorgezogen worden war, ehe er die Verantwortlichkeit übernahm, dem jungen Mädchen durch seinen Rat beizustehen.

Nachdem er wenigstens einigermaßen das Vertrauen zu der Unparteilichkeit seines eigenen Urteils wiedergewonnen hatte, ging er auf die Frage, weswegen Lord Harry England verlassen haben konnte, näher ein.

Ohne den Versuch zu machen, die Richtigkeit des Schlusses zu bestreiten, zu welchem Iris gekommen war, tat er zunächst sein Möglichstes, ihren Kummer zu lindern. Nach seiner Meinung ließ sich eine Gewissheit über die Absichten, welche Lord Harry hatte, sehr leicht erzielen. Die Anspielung des irischen Lords auf ein neues Abenteuer, welches ihm auf seiner Jagd nach Gold und Edelsteinen begegnen könnte, schien darauf hinzudeuten, dass er sich vorher genau überlegt, wie er bei der Verfolgung des Mörders vorzugehen habe, und ebenso gewährte sie einen wahrscheinlichen Vorwand, um Iris zu beruhigen. Es war wenigstens möglich, dass der Mörder vor der ihm drohenden Gefahr, wenn er in England bliebe, gewarnt worden sein konnte, und dass er infolgedessen sich in ein weit entferntes Land begeben hatte, welches ihm nicht nur einen vollständig sicheren Zufluchtsort, sondern anch durch seine im Schoß der Erde verborgenen Schätze die Aussicht auf Gewinn bot. Angenommen, dass diese Umstände sich wirklich so verhielten, so lag es in Lord Harrys Charakter, um der Rache auch sicher zu sein, dass er sich mit demselben Dampfer einschiffte, den der Mörder benützte.

So unbewiesen diese Annahme auch zweifellos war, so bot sie doch einen Vorteil: ihre Richtigkeit konnte leicht festgestellt werden.

Hugh hatte sich auf der Station einige der Tageszeitungen gekauft. Er wollte die Passagierlisten der Schiffe durchsehen, zuerst derjenigen, welche die Verbindung mit den Diamantminen und Goldfeldern von Südafrika unterhielten.

Dieses Vorgehen belehrte ihn sofort, dass der erste Dampfer dieser Linie in zwei Tagen von London abgehen würde. Die nächste Vorsichtsmaßregel war nun, den Hafen überwachen zu lassen, und Mountjoys alter treuer Diener, welcher Lord Harry vom Sehen her kannte, war der geeignete Mann dazu.

Iris fragte natürlich, welchen Vorteil es haben könnte, wenn sich seine Annahme wirklich als richtig herausstellen würde.

Hierauf entgegnete Mountjoy, dass die einzige Hoffnung - allerdings nur eine sehr schwache Hoffnung, wie er selbst eingestehen musste - Lord Harry zu veranlassen, seinen abenteuerlichen Plan noch einmal genau zu überlegen, in dem Einfluss lag, den Iris auf den jungen Irländer ausübte. Sie musste einen Brief an ihn schreiben, welcher ihm sagte, dass sein Geheimnis durch seine eigenen Worte und durch sein eigenes Verhalten verraten worden wäre. Dann sollte sie ihm darin erklären, dass sie ihn niemals wiedersehen oder irgend eine Verbindung mit ihm aufrecht erhalten wollte, wenn er auf seinem wilden Entschluss, Rache zu nehmen, beharren würde.

Das war der verzweifelte Versuch, welchen Mountjoys edelmütige und selbstlose Liebe zu Iris ihr zu machen riet.

Der Diener, der mit dem Brief der Miss Henley betraut wurde, musste sich auf seinen Wachposten begeben - und der Erfolg, welcher für wenig besser als für eine vollständig verlorene Hoffnung anzusehen war, erwies sich als günstig. Lord Harry befand sich unter den Passagieren des Dampfers.

Der wilde Lord las den BriefMountjoys Diener überreichte dem wilden Lord den ihm anvertrauten Brief und fragte höflich, ob er auf Antwort warten sollte. Der wilde Lord las den Brief - machte ein Gesicht (um des Boten eigene Worte zu gebrauchen) wie ein Mann, der plötzlich einen Schlag erhalten hatte - schien für den ersten Augenblick gar nicht zu wissen, was er sagen oder tun sollte, und gab endlich folgende Antwort:

»Sagen Sie Miss Henley meinen verbindlichsten und aufrichtigsten Dank; ich würde an sie schreiben, wenn das Schiff in Madeira angekommen wäre.«

Der Diener fuhr fort, ihn zu beobachten, als er an Bord ging. Er sah, wie der Lord noch einen Blick rückwärts warf, als wenn er argwöhnte, es könne ihm jemand folgen; dann verlor er ihn jedoch ans dem Gesicht, da Lord Harry seine Kabine aufsuchte. Nach einer ziemlich langen Verspätung ging das Schiff endlich ab, aber Lord Harry ließ sich nicht wieder auf dem Deck sehen.

Als diese zweifelhafte Botschaft Iris überbracht wurde, erregte sie ihren Unwillen, sie hielt sie für grausam.

Es würden nun vielleicht mehrere Wochen vergehen, während dieser Zeit war sie zu einem Leben in banger Ungewissheit verurteilt. Außerdem musste sie diese Ge-duldprüfung auch noch allein über sich ergehen lassen, ohne Mountjoy zur Seite zu haben, der ihr hätte Mut zusprechen und sie hätte trösten können. Er war nach dem südlichen Frankreich gerufen worden, wo sein Vater krank lag.

Aber das Leben von Miss Henley hatte während dieser Periode auch eine angenehmere Seite. Sie fand Grund, sich Glück zu wünschen wegen der Versöhnung, welche zwischen ihr und ihrem Vater stattgefunden und welche sie wieder nach Hause zurückgeführt hatte. Mr. Henley war ihr bei ihrer Ankunft zwar nicht zärtlich, aber gewiss freundlich entgegengetreten.

»Wenn wir uns nicht gegenseitig hinderlich in den Weg kommen, so werden wir schon ganz gut miteinander fertig werden. Ich freue mich, dich wieder hier zu sehen.«

Das war alles, was er zu ihr gesagt hatte, aber es bedeutete viel bei einem solchen verbitterten und selbstsüchtigen Mann.

Das einzige, was ihr in ihrem Vaterhause Sorge bereitete, war der Gesundheitszustand ihres Mädchens.

Der Doktor erklärte, dass ärztliche Hilfe in diesem Fall nichts nützen könnte, so lange Rhoda Bennet in London bleiben würde. Auf dem Land sei sie geboren und erzogen worden, und auf das Land müsse sie zurückkehren. Zu Mr. Henleys großem Besitztum im Norden von London gehörte zufälligerweise auch ein kleines Landgut in der Nachbarschaft von Muswellhill. Iris wartete schlauerweise eine günstige Gelegenheit ab, bei der sie dann auf die guten Eigenschaften von Rhoda zu sprechen kam, welche das Mädchen eigentlich mehr zu ihrer Freundin als zu ihrer Dienerin gemacht hätten, und bat ihren Vater um Erlaubnis, die Kranke dorthin in die gesunde Landluft schicken zu dürfen.

Nachdem die Erlaubnis gegeben war, wurden die nötigen Vorbereitungen zur Übersiedlung schnell und ohne Mühe getroffen. Der Pächter des Gutes und seine Frau erklärten sich auf Iris' Bitte hin gerne bereit, das Mädchen aufzunehmen. Rhoda konnte, da sie eine geschickte Schneiderin war, in einer Familie, welche eine ziemlich große Anzahl kleiner Kinder hatte, auch ihrer selbst wegen eines herzlichen Willkommens sicher sein. Miss Henley brauchte nur ihren Wagen anspannen zu lassen, und da war sie schon draußen auf dem Gut. Es verging selten eine Woche, in der sich Herrin und Dienerin nicht sahen.

Während der Zeit seiner Abwesenheit in Frankreich hatte auch Mountjoy nicht vergessen, an Iris zu schreiben.

Seine Briefe boten aber wenig Aussicht auf eine baldige Zurückkunft. Die Ärzte hatten ihm nicht verschwiegen, dass die Krankheit seines Vaters einen tödlichen Verlauf nehmen könnte, einstweilen aber fühlte sich der alte Herr noch so kräftig, dass der Kampf mit dem Tod ein ziemlich langwieriger werden konnte. Unter diesen traurigen Umständen bat Hugh Iris, ihm recht oft zu schreiben. Je öfter sie ihm von den kleinen Ereignissen ihres Lebens im Vaterhause berichten würde, um so freundlicher würde sie ihm seine traurigen Tage erhellen.

Iris war natürlich sogleich dazu bereit, um ihm zu zeigen, wie dankbar sie noch seiner Güte, die er ihr in den kurz vergangenen Tagen bewiesen hatte, gedachte. Sie berichtete ihm genau über all die verschiedenen Vorkommnisse in ihrem häuslichen Leben. Jede Woche ging ein Brief an ihren treu ergebenen Freund ab. Nachdem sie Hugh unter anderem auch von der Übersiedlung Rhodas auf das Gut ihres Vaters erzählt hatte, berichtete sie von einigen unerwarteten Erfahrungen, welche sie bei dem Versuch gemacht hatte, sich ein neues Kammermädchen anzuschaffen.

Zwei junge Mädchen waren nach einander in ihren Dienst getreten, jede gut empfohlen von der Dame, bei der sie zuletzt im Dienst gewesen waren. Die Empfehlungen zeigten jedoch wieder die bekannte sträfliche Missachtung der moralischen Verpflichtung, welche traurigerweise in dem heutigen Geschlecht erschreckend um sich zu greifen scheint.

Das erste dieser beiden Mädchen, welches als leicht erregbar geschildert worden war, ließ solche Extravaganzen ihres Geistes entdecken, dass ein Narrenhaus eigentlich der richtige Platz für sie gewesen wäre. Das zweite Mädchen wurde ertappt, wie sie gerade eine Flasche Eau de Cologne beiseite brachte, um dieses Parfüm, vermischt mit Wasser, als berauschendes Getränk zu genießen. Sie bat um milde Beurteilung dieses ihres Vergehens und gab als Grund an, sie sei durch das Beispiel ihrer früheren Herrin zu diesem Laster verführt worden.

Nach dem dritten Versuch, ein passendes Kammermädchen zu finden, konnte Iris ihrem Freunde mitteilen, dass sie diesmal bei ihrer Nachfrage nach dem Leumund der Betreffenden zu einer Dame gekommen sei, welche die Wahrheit sagte - ein unverheiratetes Fräulein in den mittleren Jahren.

Das Mädchen wurde ihr geschildert als eine in der Ausübung ihrer Pflichten vollkommen erfahrene Dienerin, ehrlich, nüchtern, fleißig, charaktervoll und ohne sogenannten Anhang in Gestalt eines Liebhabers. Selbst ihr Name klang angenehm ins Ohr - er lautete Fanny Mere. Iris fragte, wie es denn möglich sei, dass ein Dienstbote, der scheinbar gar keinen Fehler besitze, in die Lage komme, sich eine andere Stellung suchen zu müssen.

Auf diese Frage hin seufzte das ältliche Fräulein und sagte, sie hätte eine Entdeckung, eine schreckliche Entdeckung über das Vorleben dieses Mädchens gemacht. Die Entdeckung erwies sich als die alte traurige Geschichte von einem gebrochenen Eheversprechen und von der Strafe, die, wie immer in diesem Fall, das unglückliche Mädchen zahlen muss.

»Ich will nichts über meine eigenen Gefühle sagen,« erklärte die Dame. »Aber um den anderen weiblichen Dienstboten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, konnte ich eine solche Person unmöglich länger in meinem Hause behalten, und auch Ihretwegen muss ich, wenn gleich ungern, irgendwelchen günstigen Aussichten Fannys hindernd in den Weg treten, indem ich offen den Grund angebe, welcher mich veranlasst hat, sie zu entlassen.«

»Wenn ich das junge Mädchen sehen und mit ihr sprechen könnte,« sagte Iris, »so würde ich die Frage, ob ich sie engagiere oder nicht, gern selbst entscheiden.«

Die Dame wusste die Adresse der entlassenen Dienerin und teilte sie nicht ohne ein gewisses Erstaunen Iris mit.

Miss Henley schrieb sogleich an Fanny Mere und forderte sie auf, am folgenden Tag zu ihr zu kommen.

Als sie am nächsten Tag erwachte, später als gewöhnlich, ereignete sich etwas, was Iris in den vergangenen Wochen ungeduldig erwartet hatte. Sie fand auf ihrem Nachttischchen einen Brief neben der Teetasse liegen.  Lord Harry hatte also endlich doch geschrieben.

Ob er nun seine Feder gebrauchte oder seine Zunge, das Benehmen des irischen Lords machte immer mehr oder weniger eine Entschuldigung nötig. Diesmal lautete dieselbe in dem gewöhnlichen Gemisch von offenen, klaren Worten und blumenreichen Redensarten folgendermaßen:

»Ich fürchte, mein Engel, dass ich Sie beleidigt habe. Sie werden sicherlich zu sich gesagt haben, dieser unselige Harry hätte mich durch zwei Zeilen, von seiner Hand geschrieben, glücklich machen können. Warum tut er es nicht? Er sendet eine Botschaft in Worten, welche mir gar nichts sagt.

Mein süßes Mädchen, der Grund hiefür liegt darin, dass ich damals, als Ihr Diener mich auf dem Weg nach dem Schiff anhielt, zwischen zwei Entschlüssen hin und her schwankte.«

Ob es für Sie besser war, - denn an mich selbst habe ich dabei nicht gedacht - wenn ich die volle Wahrheit gestehen oder wenn ich meine Zuflucht zu zärtlichen Beteuerungen nehmen würde, das war mehr, als ich damals entscheiden konnte. Wenn Minuten für Ihre Klugheit genügen, so braucht meine Dummheit Tage. Nun, schließlich habe ich doch das Richtige erkannt. Ein Mann ist einer ehrlichen Frau die Wahrheit schuldig. Zu dieser Erkenntnis zu kommen, habe ich fünf Tage gebraucht.

Aber sagen Sie mir zuerst eines. Brutus tötete einen Mann, Charlotte Corday tötete einen Mann. Eines dieser beiden Opfer war ein gewaltiger, das andere ein gemeiner Tyrann. Niemand tadelt diese beiden historischen Mörder. Warum tadelt man mich? Weil ich die Absicht habe, der dritte zu werden.

Steht denn ein einfacher moderner Mörder zu tief für meine Rache im Vergleich mit den beiden klassischen Tyrannen, welche ihre Mordtaten durch andere ausführen ließen? - Der Mann, welcher Arthur Mountjoy tötete, ist nächst Kain der abscheulichste Mörder, der jemals die traurigen Wege dieser Erde gegangen ist.   Das ist meine Antwort!

So, jetzt habe ich mein Gemüt erleichtert! Tun Sie es Ihrerseits auch nächstens in einem Brief an mich, geliebtes Mädchen!

Als ich Sie damals an dem Fenster von Vimpanys Hause verließ, fuhr ich mit dem nächsten Zug weg, um den Mörder in seinem Versteck an der Küste aufzusuchen.   Er hatte es jedoch verlassen; ich fand aber seine Spur und ging nach London - nach dem Hafen. Ein Schuft in Irland, der meine Pläne kannte, ist zum Verräter geworden. Jedenfalls ist mir der Schurke entwischt.

»Ich durchsuchte das Schiff bis in den entferntesten Winkel. Er befand sich nicht an Bord. War er nun schon vor mir abgefahren mit einem früheren Dampfer oder war er in irgend einen andern Teil der Welt geflohen? Ich werde es schon noch herausbekommen, der Tag der Abrechnung wird erscheinen, und er soll ein schreckliches Ende sehen. Amen. So soll es sein, Amen.

»Habe ich Ihnen weh getan? Verzeihen Sie mir, gute Iris! Ich habe noch etwas weiter mit Ihnen zu besprechen. Sie werden sich vielleicht wundern, dass ich mit dem Schiff doch noch nach Südafrika gefahren bin, obgleich ich den Mann, den ich suchte, nicht an Bord gefunden habe. Was war mein Grund dafür? - Sie allein sind immer mein Grund. Glückliche Männer haben Gold gefunden, glückliche Männer haben Edelsteine gefunden. Warum sollte ich nicht einer von ihnen sein? Meine süße Iris, wir wollen einmal zwei mögliche Dinge annehmen, meine eigene elastische Überzeugung würde sie zwei wahrscheinliche Dinge nennen; aber Sie glauben das nicht! Angenommen, ich kehrte zurück als ein neuer, gebesserter Mensch. Dann wird der Vorwurf, den Sie mir machen, gleich hinfällig. Nehmen Sie es ferner für ausgemacht, dass ich mit Vermögen zurückkehre, welches ich mir durch meine eigenen Funde erworben habe. Was wird dann aus Mr. Henleys Vorwurf gegen mich? - Er verfliegt, wie Shakespeare irgendwo sagt, in dünne Luft. Nun, hören Sie meinen Rat gleich. Zeigen Sie diesen Teil meines Briefes Ihrem vortrefflichen Vater und erzählen Sie ihm zugleich von meiner Liebe! Ich bürge im voraus für die Folgen. Seien Sie glücklich, meine Lady Harry - so glücklich, wie ich bin! - und erwarten Sie meine Rückkehr an einem früheren Tag, als Sie denken. Bis in den Tod der Ihrige.                                 Harry.«

Wie der irische Lord, so schwankte auch Iris zwischen zwei Entschlüssen, während sie aufstand und sich ankleidete. In dem Briefe befanden sich Stellen, um deretwillen sie den Schreiber liebte, und dann andere Stellen, um deretwillen sie ihn hasste.

Welcher gefahrvolle Weg lag vor dem unbesonnenen Mann, welches Elend, welches Unglück konnte nicht diese ungewisse Zukunft bringen! Wenn sein Vorhaben missglückte, so konnte das schreckliche Ende, von dem er geschrieben hatte, ihm von einer andern Hand bereitet werden. Wenn er aber in seinem Unternehmen Glück hatte, so konnte das Gesetz sein Verbrechen entdecken und der schimpfliche Tod auf dem Schafott das schreckliche Ende sein. Sie wendete sich schaudernd ab von der Ausmalung solch entsetzlicher Möglichkeiten und nahm ihre Zuflucht zu der Hoffnung auf eine glückliche, auf eine schuldlose Rückkehr des Geliebten. Selbst wenn seine Träume von Erfolg, selbst wenn sich seine Vorsätze zur Besserung - wie wenig versprechend waren sie doch in seinem Alter! - verwirklichen sollten, konnte sie den Mann heiraten, welcher solch ein Leben geführt und welcher diesen Brief geschrieben und sich seines wilden, erbarmungslosen Rachedurstes gerühmt hatte? Keine Frau ihrer Gesinnung konnte dem bloßen Gedanken, sein Weib zu werden, Gehör geben.

Iris öffnete ihren Schreibtisch und verbarg den Brief sorgfältig. Ihr Herz erbebte von neuem. Wieder einmal überkam sie die abergläubische Furcht an eine Bestimmung, welche Lord Harry und sie immer näher und näher zu einander hindrängte, gerade wenn sie am sichersten und weitesten von einander getrennt schienen.

Hilflos sank sie in einen Stuhl. O, wenn sie doch einen Freund hätte, der für sie denken, ihr Mut zusprechen wollte, dessen verständige Worte sie wieder zu ihrem besseren und ruhigeren Selbst bringen könnten! Hugh war weit entfernt und Iris allein zurückgeblieben, um zu dulden, um zu kämpfen.

Tief empfundenes Verlangen nach Hilfe und Teilnahme wurde in ihr rege. O Ironie des Schicksals, wie wurde diesem Verlangen entsprochen? - Das Dienstmädchen trat in das Zimmer und meldete die Ankunft eines entlassenen Dienstboten mit einer dunklen Vergangenheit.

»Lassen Sie das junge Mädchen hereinkommen,« sagte Iris. War Fanny Mere die Freundin, nach der sie sich so lange gesehnt hatte? - Sie betrachtete ihr verstörtes Gesicht im Spiegel und lachte bitter.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Es war nicht leicht, sich eine bestimmte Meinung über das junge Mädchen zu bilden, welches jetzt in Miss Henleys Zimmer erschien. Wenn es richtig ist, was von dem Geschmack der Türken erzählt wird, dass sie nämlich die Schönheit der weiblichen Gestalt höher schätzen als die des weiblichen Gesichtes, so würde die persönliche Erscheinung von Fanny Mere in Konstantinopel die Anerkennung gefunden haben, die ihr in London nicht zuteil wurde. Von schlanker, aber kräftiger und wohlgebauter Gestalt, zog sie die Augen der Männer und zuweilen auch der Frauen, mit denen sie zusammentraf, auf sich, so lange diese hinter ihr hergingen. Wenn sie aber ihre Schritte beschleunigten und im Vorbeigehen einen Blick in ihr Gesicht warfen, war bei ihnen sofort alles Interesse für Fanny verloren. Maler würden den Mangel in ihrem Gesicht als »Fehlen jeder Farbe« bezeichnet haben. Sie war eine der blondesten hübschen Frauen. Hellblonde Haare, mattblaue Augen ohne jeden Ausdruck und eine Hautfarbe, welche aussah, als ob sie vollständig blutlos wäre, riefen einen Eindruck hervor, welcher ihre Mitmenschen meistens unempfindlich für die Schönheit ihrer Figur machte. Trotzdem war diese eigentümliche Blässe kein Zeichen von schlechter Gesundheit, sie ließ im Gegenteil seltene physische Kraft vermuten. Durch ihre ruhige, höfliche Art und Weise schimmerte, wenn man so sagen darf, ein zu Grund liegendes Selbstbewusstsein durch, welches fähig zu sein schien, in bedenklichen Augenblicken des menschlichen Lebens rasch und furchtlos zu handeln. Im übrigen war jedoch der Ausdruck, den ihr Charakter in ihrem Gesicht fand, ein wesentlich passiver. Da war also ein ruhiges, energisches, junges Weib im Besitz von Eigenschaften, welche sich nicht an der Außenseite zeigten - ob von guten Eigenschaften oder schlechten, das konnte allein die Erfahrung lehren.

Da Iris es unmöglich fand, nach dem ersten Eindruck ein Urteil zu fällen und dadurch zu einem unmittelbaren Entschlusse zu kommen, mochte er nun günstig oder ungünstig für die Fremde ausfallen, begann sie das Gespräch mit der ihr eigenen Freimütigkeit ohne jeden Rückhalt.

»Nehmen Sie sich einen Stuhl, Fanny,« sagte sie, »und lassen Sie uns den Versuch machen, ob wir uns verstehen können. Ich denke, Sie werden mit mir darüber übereinstimmen, dass zwischen uns keine Unklarheit  herrschen  darf. Sie  müssen  daher auch wissen, dass Ihre frühere Herrin mir erzählte, warum sie Sie entlassen hat. Es war ihre Pflicht, mir die Wahrheit zu sagen, und es ist meine Pflicht, nicht gegen Sie in ungerechter Weise voreingenommen zu sein nach dem, was ich gehört habe. Bitte, glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht weiß und auch nicht zu wissen wünsche, von welcher Art die Versuchung gewesen ist, der Sie -«

»Ich bitte sehr um Entschuldigung, Miss, dass ich Sie unterbreche! Mein Unglück war meine Eitelkeit!« Ob ihr dieses Bekenntnis schwer wurde oder nicht, war nicht möglich, zu erkennen. Ihre Stimme klang ruhig, ihr Verhalten war bescheiden und höflich wie immer, die Blässe ihres Gesichtes zeigte nicht den geringsten Farbenwechsel. Hatte das Mädchen überhaupt kein Gefühl? Iris fing schon wieder an, zu fürchten, daß sie einen Missgriff getan hätte.

»Ich erwarte nicht, dass Sie jetzt näher auf die Sache eingehen,« sagte sie, »und ich frage Sie auch nicht, um Sie irgendwie zu kränken und zu beschämen.«

»Als ich Ihren Brief empfing, Miss, da versuchte ich zuerst, mir klar zu werden, wie ich mich Ihrer Güte würdig zeigen könnte,« antwortete Fanny. »Der eine Weg dazu, der sich mir darbot, war: ich durfte es nicht geschehen lassen, dass Sie besser von mir dächten, als ich verdiente. Wenn einem Mädchen, wie ich bin, zum erstenmale gesagt wird, dass ihre Figur sie für ihr Gesicht entschädige, so fühlt sie sich natürlich durch dieses erste Kompliment, was ihr überhaupt in ihrem ganzen Leben gemacht wurde, sehr geschmeichelt. Meine Entschuldigung, Miss, - und ich habe eine Entschuldigung - ist eine sehr gewöhnliche - ich konnte der Schmeichelei nicht widerstehen. Das ist alles, was ich zu sagen habe.«

Iris fing an, ihre Meinung über Fanny zu ändern. Dieses junge Mädchen war jedenfalls keine gewöhnliche Erscheinung.    Es  gewann in ihren Augen  den Anschein, und mehr noch als bloß den Anschein,  dass Fanny eine helfende Hand verdiene, denn sie schien wahrheitsliebend und aufrichtig zu sein. »Ich verstehe Sie und fühle mit Ihnen.« Nachdem Iris diese Worte als Entgegnung gesagt hatte, änderte sie zartfühlend den Gegenstand des Gespräches.

»Lassen Sie mich jetzt hören, in welcher Lage Sie sich gegenwärtig befinden,« fuhr sie fort. »Sind Ihre Eltern noch am Leben?«

»Mein Vater und meine Mutter sind tot. Miss.« »Haben Sie noch sonstige Verwandte?« »Sie sind alle so arm, dass sie vollkommen außer stande sind, für mich etwas zu tun.   Ich habe meine Ehre verloren - und ich muss mir jetzt selbst helfen.« »Angenommen nun, es gelänge Ihnen nicht, eine andere Stelle zu finden,« entgegnete Iris. »Es könnte leicht möglich sein, Miss.«

»Wie wollen Sie sich dann helfen?«

»Ich kann das Gleiche tun, was so viele andere Mädchen schon getan haben.« »Was soll das heißen?«

»Einige von uns verhungern als Näherinnen, einige treiben sich auf den Straßen herum, einige enden ihr elendes Leben im Wasser. Wenn es für mich keine andere Aussicht mehr gibt, dann werde ich wohl auch diesen Weg gehen,« sagte das arme Mädchen so ruhig, als ob sie von einer Aussicht, die sich ihr eröffnet hätte, spräche. »Es wird niemand geben, der mich betrauert - und der Tod durch Ertränken soll, wie ich gelesen habe, kein sehr schmerzvoller sein.«

»Sie tun mir weh, Fanny,« sagte sie, »ich zum Beispiel würde darüber traurig sein!« »Ich danke Ihnen, Miss!«

»Und dann überlegen Sie sich doch,« fuhr Iris fort, »es könnten sich ja auch noch in der Zukunft günstige Gelegenheiten darbieten, welche Sie jetzt nur noch nicht sehen. Sie sprechen von dem, was Sie gelesen haben, und ich habe schon bemerkt, wie klar und richtig Sie sich ausdrücken. Sie müssen eine gute Erziehung genossen haben; war es in der Schule oder zu Hause?«

»Ich habe einstens eine Schule besucht,« antwortete Fanny nicht ganz bereitwillig.

»Eine Privatschule?«

»Ja.«

Diese kurze Antwort warnte Iris, vorsichtig zu sein.

»Schulerinnerungen,« sagte sie, gut gelaunt, »sind nicht immer die angenehmsten in unserem Leben. Ich habe damit vielleicht einen Gegenstand berührt, der Ihnen unangenehm ist?«

»Ja, Miss. Sie sind damit auf eines meiner vielen Missgeschicke gekommen; so lange meine Mutter lebte, war sie meine Lehrerin. Nach ihrem Tode schickte mich mein Vater in eine Schule. Als er Bankerott machte, war ich gezwungen, dieselbe wieder zu verlassen, gerade als ich eigentlich erst anfing, zu lernen und am Lernen Geschmack zu finden. Außerdem hatten die anderen Mädchen auch in Erfahrung gebracht, dass ich wegging, weil keine Mittel zu Hause mehr vorhanden waren, um das Schulgeld zu bezahlen - und das kränkte mich sehr. Es gibt noch vieles, was ich Ihnen von der Zeit erzählen könnte, aber ich habe allen Grund, meine Schulerinnerungen zu hassen. Ich darf auch jetzt die Erinnerung an die hinter mir liegenden traurigen Tage meines Lebens nicht von neuem auffrischen, da Sie mir durch Ihre Güte Gelegenheit geben wollen, sie ganz zu vergessen.«

Alles dieses wurde so einfach und bescheiden gesagt und verfehlte nicht, auf Iris Eindruck zu machen. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte sie:

»Können Sie erraten,Fanny, woran ich jetzt denke?«

»Nein, Miss.«

»Ich habe mir soeben eine Frage vorgelegt. Wenn ich Sie nun in meinen Dienst nehmen wollte, würde ich es wohl jemals zu bereuen haben?«

Für den ersten Augenblick bemächtigte sich Fannys eine heftige Erregung. Die Stimme versagte ihr bei dem Versuche zu sprechen.

Iris fuhr fort:

»Sie sollen den Platz eines Mädchens einnehmen, welches jahrelang bei mir gewesen ist - ein gutes, liebes Wesen, das mich nur verlassen hat, weil sie krank war. Ich darf nicht zu viel von Ihnen erwarten: ich kann nicht hoffen, dass Sie mir das sein werden, was mir Rhoda Bennet gewesen ist.«

Fanny hatte sich jetzt wieder gefasst.

»Ist es vielleicht möglich,« fragte sie, »dass ich Rhoda Bennet einmal sehen und sprechen kann?« »Warum wollen Sie das?«

»Sie haben sie gern, Miss, das ist der eine Grund.«

»Und der andere?«

»Rhoda Bennet soll mir dabei helfen, dass ich Sie so bediene, wie ich Sie bedienen möchte; sie kann mir vielleicht Mut machen zu dem Versuche, ihrem Beispiele zu folgen.«

Fanny hielt inne und presste die Hände heftig gegen einander; der Gedanke, welcher in ihr lebendig geworden war, zwang sie, zu sprechen.

»Es ist so leicht,« sagte sie, »Dankbarkeit zu fühlen, und so schwer, sie zu beweisen!« »Kommen Sie zu mir,« antwortete ihre neue Herrin, »und beweisen Sie es morgen.« Von einem mitleidigen Gefühle bewegt, sprach Iris diese Worte, welche einem unglücklichen Mädchen die verlorene Ehre und die dadurch verscherzte Stellung wieder gaben.

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Von der Natur mit einer eisernen Konstitution beschenkt, welche jedem Kranksein erfolgreichen Widerstand leistete, wurde Mr. Henley dennoch hie und da von grundlosem Zweifel an seinem Gesundheitszustand gequält. Wieder einmal in einer derartigen Täuschung befangen, bildete er sich ein, Anzeichen einer Krankheit in sich zu spüren, welche einen Wohnungswechsel nötig machten, und beschloss daher, aus der Stadt aufs Land zu ziehen. Es war dies nur wenige Tage, nachdem seine Tochter ihr neues Kammermädchen in Dienst genommen hatte. Iris zeigte sich über diese Veränderung, welche ihren eigenen Wünschen so sehr entsprach, hocherfreut und war daher eifrigst bemüht, den Plan ihres Vaters zu unterstützen. Angst und Sorge hatten sie angegriffen, so dass auch für sie die Ruhe und Stille des Landlebens nur wohltuend sein konnte.   Schon die erste Woche brachte eine wesentliche Verbesserung ihrer Gesundheit. Sie erfreute sich an der heiteren Schönheit der Wälder und der Felder, sie atmete mit Entzücken die herrliche, reine Luft ein - zuweilen arbeitete sie in dem Garten, wo sie sich eine Ecke für ihre eigenen Gärtnerkünste vorbehalten hatte, zuweilen half sie den Frauen bei den leichteren Arbeiten in der Ökonomie - und so wurden ihre Nerven wieder gekräftigt, und ihr Gemütszustand fand wieder seine frühere Heiterkeit.

In der Ausübung ihrer Pflichten rechtfertigte das neue Kammermädchen während des Landaufenthaltes vollkommen das Vertrauen, welches Miss Henley in sie gesetzt hatte.

Sie bewies in ihrer ruhigen, gelassenen Art und Weise die aufrichtigste Dankbarkeit gegen ihre Herrin. Ihren verschiedenartigen Beschäftigungen lag sie verständig und aufmerksam ob, ihr gleichmäßiger Charakter schien sich nie zu verändern; sie gab den übrigen Dienstboten keinen Grund, zu klagen. Eine Eigentümlichkeit in ihrem Wesen rief jedoch feindselige Bemerkungen in den unteren Regionen hervor. So oft sie einen freien Tag zu ihrer eigenen Verwendung hatte, fand sie jedesmal eine Entschuldigung, dass sie nicht irgend einem andern der weiblichen Dienstboten sich anzuschließen brauchte, welche an demselben Tag die gleiche Vergünstigung genossen. Der einzige Gebrauch, den sie von ihrem Ausgehtage machte, war, dass sie mit der Eisenbahn nach einem unbekannten Orte fuhr. Am Abeud kehrte sie jedesmal zur rechten Zeit wieder zurück. Iris wusste genug von Fannys traurigen Lebensumständen, um die Gründe ihres Verhaltens achten zu können, und sah daher auch die Notwendigkeit ein, den Zweck dieser jedesmaligen Reise der andern Dienerschaft gegenüber geheim zu halten.

Das angenehme Leben auf dem Landgut hatte schon ungefähr einen Monat gedauert, als Iris die Nachricht erhielt, dass Hugh in der nächsten Zeit nach England zurückkehren würde. Sein Vater war nach einer langen Krankheit gestorben, und das Begräbnis hatte auch schon stattgefunden. Geschäfte, welche in Verbindung mit der Übernahme der Hinterlassenschaft seines Vaters standen, würden ihn noch wenige Tage in London aufhalten. Dann aber, wenn diese notwendigen Formalitäten erledigt seien, hoffe er, an dem ersten freien Tage Iris besuchen zu dürfen.

Als Mr. Henley diese Nachrichten erhielt, kam er eigensinnig auf seinen alten Plan wieder zurück, obgleich er schon zweimal durchkreuzt worden war, auf eine Heirat zwischen Hugh Mountjoy und Iris.

Er schrieb an den jungen Mann und lud ihn in so herzlicher Weise ein, dass Iris ganz erstaunt darüber war. Und als nun der Gast wirklich ankam, da hatte der liebenswürdige Empfang des alten Henley nur einen Fehler - Iris überbot ihn noch. Iris' Vater gab den beiden jungen Leuten immerfort Gelegenheit, sich allein zu sprechen, und übersah dabei boch, dem bekannten Grundsatze gemäß, dass niemand so blind war wie der, der nicht sehen wollte, dass die Beziehungen zwischen den beiden doch immer nur freundschaftliche Beziehungen blieben, er mochte nun anstellen, was er wollte. Die lange Pflege, welche Hugh seinem sterbenden Vater hatte angedeihen lassen, hatte ihn selbst sehr niedergedrückt und angegriffen. Iris verstand ihn und hatte Mitgefühl mit ihm. Seine bestimmte Ansicht über ihr neues Kammermädchen wollte er zunächst nicht äußern, nachdem er Fanny Mere zum erstenmale gesehen hatte.

»Ich bin geneigt,« sagte er, »dem Mädchen Vertrauen zu schenken, und doch habe ich auf der andern Seite Bedenken, dieser Stimmung zu folgen - ich weiß nicht warum.«

Als das Ende seines Besuches herangekommen war, setzte Hugh seine Reise in nördlicher Richtung fort. Zu der Hinterlassenschaft seines Vaters, die er jetzt angetreten hatte, gehörte auch ein Landhaus an der schottischen Küste des Solwaymeerbusen. Das Besitztum war während der längeren Abwesenheit des ältern Mountjoy auf dem Kontinent sehr vernachlässigt worden. Hugh wollte sich nun mit eigenen Augen überzeugen, ob irgend welche Verbesserungen und Reparaturen notwendig wären.

Nach der Abreise seines Gastes nahm Mr. Henley, der immer noch eigensinnig die Hoffnung auf eine Verbindung zwischen Hugh und Iris nicht aufgegeben hatte, eine scherzhafte Art und Weise im Verkehr mit Iris an und fragte, ob das schottische Landhaus für die Flitterwochen instand gesetzt werden sollte. Ihre Antwort jedoch, so freundlich sie auch ausgedrückt war, versetzte ihn in heftigen Zorn. Sein rachsüchtiger Charakter riss ihn nicht nur zu harten Worten, sondern sogar zu boshaften Handlungen hin. Er verkaufte einen von seinen Hunden, der sich besonders an Iris angeschlossen hatte, und als er sah, dass sie noch an dem Landaufenthalte Freude hatte, beschloss er, sofort nach London zurückzukehren.

Sie unterwarf sich stillschweigend seinen Anordnungen. Aber die Vorfälle vergangener Tage, als das harte Benehmen ihres Vaters sie aus seinem Hause vertrieben hatte, tauchten wieder unheilverkündend in ihrer Erinnerung auf. Sie legte sich selbst die Frage vor:

»Soll wieder ein Tag kommen, an dem ich meinen Vater von neuem verlassen muss?« Und der Tag kam - sie hatte keine Ahnung, durch welche Umstände veranlasst.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Die Haushaltung Mr. Henleys war in London wieder vollständig eingerichtet, als eines Morgens eines der Dienstmädchen in Iris' Zimmer erschien mit einer Karte in der Hand und einen Herrn meldete, der Miss Henley zu sprechen wünsche. Iris sah auf die Karte. Der Herr war Mr. Vimpany.

Sie stand schon im Begriff, ihm sagen zu lassen, dass sie verhindert sei, ihn zu empfangen, als sie sich eines bessern besann. Die Worte, welche Mrs. Vim-pany beim Abschiede zu ihr gesagt, hatten lebhaften Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte die Empfindung, als sei es hartherzig von ihr gewesen, dass sie noch nicht an diese arme, aber reuige Sünderin geschrieben. Führte sie immer noch das einsame, traurige Leben in jener alten, verfallenen Stadt? Oder hatte sie einen neuen Versuch gemacht, auf die Bühne zurückzukehren? Ihr dicker Gatte, der sich jetzt in so unverfrorener Weise bei ihr melden ließ, konnte wenigstens diese Fragen beantworten. Nur aus diesem Grunde entschloss sich Iris, ihn zu empfangen.

Als sie das Empfangszimmer betrat, bot sich ihr ein unerwarteter, sie in doppelter Hinsicht überraschender Anblick dar.

Die äußere Erscheinung des Doktors zeigte eine vollkommene, sofort in die Augen fallende Veränderung; er war in schönster Übereinstimmung mit seinem Beruf ganz in Schwarz gekleidet. Was aber noch viel merkwürdiger war, der unwissende, ungebildete Mr. Vimpany hatte eine französische Novelle zur Hand genommen, die zufällig unter anderen Büchern auf dem Tische lag, und schien sehr eifrig darein vertieft. Iris blickte ihn überrascht an.

»Ist das der Grund Ihres Staunens?« fragte der Doktor, indem er ihr das französische Buch entgegen hielt.

»Ich muss gestehen, dass ich allerdings nicht auf solche Veränderungen und Fortschritte vorbereitet war,« antwortete Iris.

»O, sprechen Sie nicht von Fortschritten! Ich habe in Paris studiert. Beinahe drei Jahre lebte ich unter französischen Studenten der Medizin. Als ich dieses Buch auf dem Tische bemerkte, dachte ich bei mir: ,Du solltest doch einmal versuchen, ob du die Sprache ganz vergessen hast in der langen Zeit, die - wie Sie wissen - seit jenen Tagen vergangen ist.' Nun, mein Gedächtnis ist in den meisten Dingen nicht besonders gut, aber sonderbarerweise sind doch einige von den französischen Brocken hängen geblieben. Hoffentlich befinden Sie sich wohl, Miss Henley. Darf ich fragen, ob Sie meine neue Adresse bemerkt haben, als ich meine Karte hereinschickte.«

»Ich habe nur Ihren Namen gelesen.«

Der Doktor zog sein Taschenbuch heraus und entnahm ihm eine zweite Karte. Mit stolzer Miene zeigte er auf die Adresse: »5, Redburn Road, Hampstead Heath,« dann betrachtete er mit dem gleichen Stolze seine schwarzen Kleider.

»Ganz meinem Berufe entsprechend gekleidet! Nicht wahr?« fragte er. »Ich habe mir eine neue Praxis gekauft und bin ein neuer Mensch geworden. Im Anfang ist es mir nicht leicht gefallen, aber, zum Teufel - ich bitte sehr um Entschuldigung - ich wollte sagen, die Achtung vor mir selbst forderte es und ließ mir keine Ruhe. Wenn Sie nichts dagegen haben, werd' ich mir eine Freiheit erlauben. Aber nicht böse sein!«

Er brachte eine Anzahl Visitenkarten aus der Tasche und legte sie in einem zierlichen Halbkreis auf den Tisch.

»Ein empfehlendes Wort würde, wenn sich gerade die Gelegenheit bietet, eine große Freundlichkeit Ihrerseits sein,« erklärte er. »Vortreffliche Luft in Red-burn Road, eine brillante Aussicht - leider nur zu abgelegen von dem großen Verkehr. Nicht, dass ich mich darüber beklagte. Arme Leute können sich nicht alles aussuchen, wie sie es wünschen. Ich würde es selbstverständlich auch vorgezogen haben, in einem vornehmen Stadtteile Londons meinen Beruf auszuüben. Aber unser kleiner Glücksfall -«

Er machte mit diesen Worten gleich einen Sprung mitten hinein in das, was er sagen wollte. Nun war aber gerade der Verkauf der wunderbaren Diamantnadel, durch welche Lord Harry Mrs. Vimpanys traurige Dienste bezahlt hatte, von allen gewiss das letzte, was der Doktor in der Gegenwart von Miss Henley hätte erzählen sollen. Er war auch noch so ungeschickt, eine Pause darnach eintreten zu lassen.

Iris benützte diesen Umstand und leitete das Gespräch auf ein Thema über, welches sie interessierte.

»Wie geht es Mrs. Vimpany?« fragte sie.

»O, sie befindet sich wohl.«

»Ist sie gern in ihrem neuen Hause?«

Der Doktor gab eine seltsame Antwort.

»Ich kann es wirklich nicht sagen,« entgegnete er.

»Soll das heißen, dass Mrs. Vimpany ihre Ansicht darüber für sich behält?« Der Doktor lachte.

»Bei aller meiner Erfahrung,« sagte er, »bin ich noch niemals in meinem ganzen Leben einer Frau begegnet, die das getan hätte. Nein, nein, die Sache ist einfach die, meine Frau und ich, wir haben uns getrennt. Aber dabei ist doch gar keine Ursache, so finster und ernst auszusehen! Mangel an Übereinstimmung der Charaktere, wie man zu sagen pflegt, hat uns zu einer Trennung, in aller Freundschaft selbstverständlich, veranlasst. Es war für beide Teile eine Wohltat; sie geht ihren Weg, und ich gehe den meinigen.«

Seine Worte verursachten Iris Ekel, und sie ließ es ihn fühlen.

»Wird es irgend welchen Erfolg haben, nach Mrs. Vimpanys Adresse zu fragen?« sagte sie.

Die unverwüstliche gute Laune des Doktors hielt auch diesmal wie immer stand.

»Bedaure, Ihnen nicht dienen zu können! Mrs. Vimpany hat mir ihre Adresse nicht mitgeteilt. Das ist merkwürdig, nicht wahr? Die Sache ist die: Nachdem Sie uns verlassen hatten, war sie sehr traurig; sie sprach von ihrer Pflicht und von der Sorge um ihr Seelenheil, und was dergleichen dummes Zeug mehr ist. Sobald ich aber erfahre, wo sie sich aufhält, werde ich mir das Vergnügen machen, es Ihnen mitzuteilen. So viel ich weiß, ist sie irgendwo Krankenpflegerin geworden.«

»Krankenpflegerin? In einem Spital?« »Hm, sie gehört zu einer sogenannten Schwesterschaft; sie läuft herum in einem schäbigen, schwarzen Kleide und in einer weißen Haube, die aussieht, als ob sie Hörner hätte. Wenigstens hat es mir Lord Harry gestern so erzählt.«

Iris vermochte die heftige Erregung, die sich sofort bei diesen Worten ihrer bemächtigte, nicht zu verbergen. »Lord Harry?« rief sie aus.   »Wo ist er?   In London?«

»Ja, in Parkers Hotel.« »Wann ist er denn zurückgekommen?« »Vor einigen Tagen, und - was glauben Sie wohl - er ist von den Goldfeldern als ein glücklicher, als ein reicher Mann zurückgekehrt.   Ja, ja, ich habe die Katze aus dem Sacke gelockt!   Ich soll es aber vor jedermann geheim halten, namentlich vor Ihnen; er hat noch  einige  ganz besondere Überraschungen für Sie in Aussicht. Sagen Sie ihm deshalb nicht, dass ich geplaudert habe. Wir hatten in den letzten Tagen in Honeybuzzard einen kleinen Zwist, jetzt sind wir aber wieder versöhnt, und ich möcht' um alles in der Welt nicht die Freundschaft des Lord verlieren.«

Iris versprach, darüber zu schweigen, aber zu wissen, dass der wilde Lord wieder in England war und in Ungewissheit darüber zu bleiben, ob er zurückgekehrt sei mit der Blutschuld auf dem Gewissen oder nicht, das war mehr, als sie ertragen konnte.

»Ich muss noch eine Frage an Sie stellen,« sagte sie. »Ich habe nämlich Grund, zu fürchten, dass Lord Harry dieses Land verließ mit der Absicht, Rache an -«

Mr. Vimpany brauchte keine weitere Erklärung.

»Ja, ja, ich weiß,« sagte er. »Sie können aber ruhig darüber sein, es ist nichts Unrechtes geschehen, weder auf diese noch auf jene Weise. Der Mann, den er verfolgte, war ihm, als er in Südafrika landete, schon wieder entschlüpft. So hat er mir wenigstens selbst erzählt.«

Nach dieser Antwort suchte der Doktor so schnell als möglich, das Gespräch zu beenden. Er wolle, wie er scherzend bemerkte, nur rasch die Flucht ergreifen, bevor Miss Henley ihn zu weiteren Geständnissen verleite.

Nachdem er jedoch die Türe schon geöffnet hatte, kehrte er plötzlich um und kam zu Iris zurück, der er noch einige Worte in tiefster Heimlichkeit zuflüsterte.

»Wenn Sie es nicht vergessen wollen, mich Ihren Freunden zu empfehlen,« sagte er, »dann werde ich Ihnen noch ein anderes Geheimnis anvertrauen. Sie werden in einem oder zwei Tagen den Lord sehen, sobald er von den Rennen zurückkehrt. Leben Sie wohl!«

»Von den Rennen?   Was hat denn Lord Harry bei den Rennen zu tun?«

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Iris brauchte sich nur daran zu erinnern, in welcher Weise sie und Hugh die Erwartungen ihres Vaters getäuscht hatten, um die Notwendigkeit zu begreifen, Hugh Mountjoys Nebenbuhler von einem Besuche in Mr. Henleys Hause auf jeden Fall abzuhalten.

Sie schrieb daher sofort an Lord Harry in das Hotel, welches Mr. Vimpany genannt hatte, und beschwor ihn, ja nicht an einen Besuch in ihres Vaters Hause zu denken. Da sie aber ganz genau wusste, dass er auf einer persönlichen Verständigung bestehen würde, so versprach sie, ihm wiederholt zu schreiben, und schlug sogar eine Zusammenkunft außerhalb des Hauses vor.

Am nächsten Tage hatte sich Iris vorgenommen, nach Musswell Hill zu fahren, um Rhoda zu besuchen, wie sie es fast jede Woche tat. Starker Regen jedoch zwang sie, auf eine günstigere Gelegenheit zu warten. Erst am dritten Tage klärte sich der Himmel auf, und das Wetter wurde wieder angenehm. An einem sonnigen Herbstmorgen ließ sie, da eine herrliche, erfrischende Luft wehte, den offenen Wagen anspannen. Da sie bemerkte, dass Fanny Mere, während sie ihr beim Anziehen behilflich war, blässer als gewöhnlich aussah, sagte sie in dem freundlichen Ton, den sie ihren Untergebenen gegenüber anzuschlagen pflegte:

»Sie sehen aus, als ob Ihnen eine Fahrt in die frische Luft auch gut tun würde; Sie sollen daher mit mir auf das Gut fahren und können bei dieser Gelegenheit Rhoda Bennet sehen.«

Als sie vor dem Hause anhielten, erschien die Frau des Pächters in Begleitung eines Herrn vor der Türe. Iris erkannte sofort den Arzt des Ortes.

»Sie sind doch nicht etwa wegen Rhoda Bennet hier?« fragte sie.

Der Doktor berichtete, dass wieder eine der nervösen Störungen eingetreten sei, an denen das junge Mädchen litt. Wie er sagte, hinge das hauptsächlich mit dem Wetter zusammen. Er habe ihr vor allem anbefohlen, sich vor jeder Aufregung zu hüten. Rhoda war so weit auf dem Wege der Besserung vorgeschritten, dass sie auf seine Anordnung hin im Garten spazieren gehen sollte. Er fürchtete auch nicht, dass der Empfang von Besuchen sie allzu sehr angreifen würde in ihrem gegenwärtigen Zustande, nur sollte man sie nicht zu viel sprechen lassen. Da sich ihm einmal die Gelegenheit dargeboten, wolle er noch eine Bitte auszusprechen wagen. Rhoda wäre nach seiner Ansicht für diese Jahreszeit nicht warm genug gekleidet, und eine schwere Erkältung könne sich eine Person von ihrer Konstitution sehr leicht holen.

Iris trat in das Pächterhaus ein; Fanny Mere sollte unter den obwaltenden Umständen im Wagen auf sie warten.

Nach einer Abwesenheit von kaum zehn Minuten kam Miss Henley aus dem Hause zurück. Als sie in das Pächterhaus eingetreten war, hatte sie einen schönen Mantel von Sealskin getragen; als sie wieder heraus kam, war an seine Stelle ein ganz gewöhnlicher Umhang aus schwarzem Tuch getreten. Iris bemerkte sofort den Ausdruck lebhaften Erstaunens in Fannys Gesicht und brach in ein fröhliches Lachen aus.

»Nun, wie gefalle ich Ihnen in meinem neuen Mantel?« fragte sie.

Fanny sah nichts Lächerliches in dem Opfer des Sealskinmantels.

»Ich darf nicht wagen,« entgegnete sie ernst, »meine Meinung darüber zu äußern!« »Jedenfalls,« fuhr Iris fort, »können Sie nicht menschlich fühlen, wenn der Wechsel in meiner Kleidung Ihr Erstaunen und Ihre Missbilligung erregt. Ich fand Rhoda Bennet im Garten, vor der kalten Luft durch dieses hässliche, dünne Ding nur notdürftig geschützt. Nach dem, was der Doktor mir gesagt hatte, war es höchste Zeit, dass ich meine Autorität geltend machte. Ich bestand darauf, mit Rhoda den Mantel zu tauschen. Sie machte zuerst den Versuch, sich zu sträuben, die arme Kleine, sie kennt mich aber von früher her, und so hatte ich meinen Willen. Es tut mir sehr leid, dass Sie Rhoda nicht sehen konnten, aber Sie sollen, sobald sie wieber gesund ist, die Gelegenheit haben. Sehen Sie gern eine schöne Aussicht? Nun gut, dann wollen wir einen andern Weg auf unserer Rückfahrt benützen. Nach Hause!« rief sie dem Kutscher zu, »über Highgate Hampstead!«

Fannys Augen ruhten auf dem unscheinbaren Mantel mit einem wohlbegründeten Misstrauen gegen dieses Kleidungsstück, welches doch keinesfalls einen genügenden Schutz gegen die Witterung bieten konnte. Sie erlaubte sich daher zu bemerken, dass ihre Herrin das Fehlen des warmen Mantels, welchen sie auf Rhodas Schultern zurückgelassen hatte, in dem offenen Wagen bald genug empfindlich spüren würde.

Iris suchte sie darüber zu beruhigen.

Währenddessen hatten sie schon Highgate passiert und näherten sich jenem Wege, welcher in gerader Linie über den hohen Bergrücken von Hampstead Heath führt. Iris musste jetzt doch selbst zugeben, dass sie die Kälte empfinde.

»Sie müssen eine gute Fußgängerin sein,« sagte sie, indem sie die feste Gestalt ihres Mädchens mit einem Blick überflog. »Bewegung ist das einzige, was mich wieder warm machen wird. Was meinen Sie, wollen wir zu Fuß den Heimweg beendigen?«

Fanny war sofort bereit, ihre Herrin zu begleiten. Der Wagen wurde vorausgeschickt, und die beiden Mädchen traten ihre Fußwanderung an.

Als sie an dem Gasthof des Ortes, welcher den Namen »die Spanier« führte, vorbei kamen, standen zwei Frauen an der Gartentüre, welche Iris neugierig betrachteten und lachten. Ein paar Schritte weiter, trafen sie mit einem jungen Burschen zusammen; auch er sah sich die jungen Damen aufmerksam an und legte seine Hand spöttisch an seine Mütze, während er einen lauten Freudenpfiff ertönen ließ.

»Ich scheine diese Leute zu amüsieren!« sagte Iris. »Was sehen sie denn eigentlich an mir?« Fanny strengte sich an, ihren Ernst zu bewahren, was ihr aber doch nicht vollkommen gelang, und antwortete: »Verzeihen Sie, Miss, ich glaube, die Leute bemerken alle den Unterschied zwischen Ihrem schönen Hut und Ihrem abgetragenen Mantel.« Leute von erregbarem Temperament fürchten nicht leicht etwas mehr als die Lächerlichkeit.

Iris brauste auf.

»Warum haben Sie mir das nicht gesagt,« fragte sie scharf, »bevor ich den Wagen verließ? Wie kann ich denn so weiter gehen, wenn jedermann über mich lacht?«

Sie hielt inne, überlegte einen Augenblick und bog dann von der Landstraße nach rechts ab auf eine schöne Gruppe von Tannenbäumen zu, welche den berühmten Aussichtspunkt jener Gegend überragen.

»Da lässt sich fürs erste nur das eine tun,« sagte sie, nachdem sie ihre gute Laune wieder gewonnen hatte, »wir müssen meinen schönen Hut mit dem alten Mantel in Einklang zu bringen suchen. Sie werden die Feder und die Spitzen abreißen - wenn Sie wollen, können Sie sie für sich behalten - und dann werde ich wohl vom Kopf bis zum Fuß schäbig genug aussehen. Nein, nein, nicht hier, man kann uns ja von der Straße aus bemerken, und was könnte dann das dumme Volk denken, wenn es sähe, wie Sie die Verzierung von meinem Hute entfernen! Wir wollen dort zwischen das dichte Buschwerk treten, da kann uns niemand sehen.«

Sie waren beinahe den schmalen Pfad hinabgestiegen, der zu dem Platze unter der Tannengruppe führte, als sie durch einen entsetzlichen Anblick aufgehalten wurden.

Nahe bei dem Gesträuch in einer Höhlung lag der regungslose Körper eines Mannes ausgestreckt. Er lag auf der Seite, mit dem Gesicht von ihnen abgekehrt, ein offenes Rasiermesser neben ihm auf dem Boden. Iris bückte sich über den Körper, um das Gesicht zu sehen. Das erste, was sie bemerkte, war Blut, das aus einer klaffenden Wunde an seinem Halse rann. Ihre Augen schlossen sich unwillkürlich, während sie vor diesem furchtbaren Anblick zurückwich. Im nächsten Augenblick öffnete sie sie aber wieder und sah nun in das Gesicht.

Sterbend oder tot, es war das Gesicht Lord Harrys.

Der Schrei, den sie ausstieß, als sie diese grässliche Entdeckung machte, wurde von zwei Männern vernommen, welche in einiger Entfernung über das Feld gingen. Sie sahen die Frauen und kamen herzugelaufen. Der eine der Männer war ein Arbeiter, der andere, besser gekleidete, sah aus wie ein Aufseher in einer Fabrik. Er war der erste, der den Platz erreichte.

»Grund genug, um entsetzt zu sein, meine Damen,« sagte er höflich, »da scheint, so viel ich sehe, ein Selbstmord vorzuliegen!«

»Um Gottes willen, lassen Sie uns etwas tun, um ihm zu helfen!« rief Iris ganz außer sich. »Ich kenne ihn, ich kenne ihn!«

Fanny allein zeigte sich der Situation gewachsen; sie bat Miss Henley um ihr Taschentuch, nahm ihr eigenes noch dazu und legte einen Verband um die Wunde.

»Fühlen Sie, ob sein Puls noch schlägt!« sagte sie mit ruhiger Fassung zu ihrer Herrin.

Iris glaubte noch einen schwachen Pulsschlag bemerken zu können.

»Wohnt denn kein Doktor hier in der Nähe?« rief sie. »Ist denn kein Wagen aufzutreiben an diesem schrecklichen Orte?«

Der Aufseher hatte in den Taschen des Hingestreckten zwei Briefe gefunden. Iris las auf einem derselben ihren eigenen Namen, der andere trug die Aufschrift: »An die Person, welche meinen Körper findet!« Sie riss das Couvert auf. Der Brief enthielt eine Adresskarte von Mr. Vimpany, auf welcher mit Bleistift die verzweifelten Worte geschrieben standen: »Bringen Sie meinen Körper in das Haus des Doktors, er soll mich verbrennen oder zerschneiden, wie es ihm beliebt.« Iris zeigte die Karte dem Aufseher.

»Ist das in der Nähe?« fragte sie.

»Ja, Miss,« antwortete der Aufseher, »wir können ihn in kurzer Zeit dorthin bringen, wenn wir nur irgend ein Transportmittel finden!«

Fanny, die noch immer ihre Geistesgegenwart bewahrt hatte, zeigte mit der Hand in die Richtung nach dem Wirtshaus.

»Dort werden wir bekommen, was wir brauchen,« sagte sie.

Iris gab ihr Zeichen, bei dem verwundeten Mann zu bleiben, und stieg selbst die schlüpferige Anhöhe hinauf; dann lief sie, so rasch sie konnte, nach der Straße zu. Die Männer hatten inzwischen auf Fannys Anweisung den Körper emporgehoben und folgten der Vorangegangenen langsam, indem sie sich einen bequemeren Aufstieg aussuchten. Als Iris die Straße erreicht hatte, fuhr gerade ein vierrädriger Wagen vorbei. Ohne einen Augenblick zu zögern, rief sie den Kutscher an, er möge halten. Er zügelte rasch seine Pferde. Sie sah sich einem einzelnen Herrn gegenüber, welcher aus dem Wagenfenster schaute und aussah, als ob er glaube, eine Dame habe sich mit ihm einen Spaß gemacht. Iris ließ aber dem erzürnten Herrn keine Gelegenheit, seine Gedanken zu äußern. Atemlos, wie sie war, ergriff sie eilig das Wort: »Bitte, verzeihen Sie mir - Sie sitzen allein in dem Wagen - da ist noch Platz für einen Herrn, der tödlich verwundet ist. Er wird sich verbluten, wenn wir nicht bald Hilfe finden. Ein Doktor wohnt hier in der Nähe; bitte, schlagen Sie mir Ihre Hilfe nicht ab!«

Sie blickte zurück, während sie sich fest an der Türe des Wagens anklammerte, und sah Fanny und die Männer, die langsam herankamen.

»Bringen Sie ihn hieherl« schrie sie laut.

»Daraus wird nichts!« entgegnete der Herr, der im Wagen saß.

Fanny gehorchte jedoch ihrer Herrin, und die Männer gehorchten Fanny.

Iris drehte sich entrüstet nach dem erbarmungslosen Fremden um.

»Ich ersuche Sie um einen Akt christlicher Menschenliebe!« sagte sie. »Wie können Sie, wie dürfen Sie da noch zögern?«

»Fahren Sie weiter!« schrie der Fremde dem Kutscher zu.

»Sie tun es auf Ihre Gefahr!« rief Iris ihrerseits.

Der Kutscher saß schweigend und stumpfsinnig auf seinem Bocke und wartete ruhig ab, was sich ereignen würde.

Langsam näherten sich die Männer, welche den noch immer bewusstlosen Lord Harry trugen. Die Taschentücher um seinen Hals waren mit Blut getränkt. Bei diesem Anblicke überwältigte seine feige, erbärmliche Denkungsweise den Fremden vollständig.

»Lassen Sie mich heraus,« jammerte er, »lassen Sie mich heraus!« Nachdem so der Wagen zu ihrer Verfügung stand, dankte Iris dem Fremden. Er sah sie mit einem bösen Blicke an und brummte: »Ich muss Ihnen gestehen, die Sache kommt mir höchst verdächtig vor! Wenn es etwa zur Untersuchung vor Gericht kommt, so will ich nicht in diese Angelegenheit hineingezogen werden. Es sind schon ganz unschuldige Leute aufgehängt worden, wenn der Schein gegen sie war.« Mit diesen Worten ging er weg und setzte seiner niedrigen Denkungsweise dadurch die Krone auf, dass er das Fahrgeld zu bezahlen vergaß. Der Kutscher stand gerade im Begriff, ihn zu verfolgen, als er in wirksamer Weise davon zurückgehalten wurde. Iris zeigte ihm einen Sovereign. Auf diesen Wink hin sagte er: »'s ist alles schon gut, Miss. Ich sehe, der arme Herr blutet. Geben Sie nur acht, bitte, dass er meine Wagenkissen nicht verdirbt!« Der Kutscher war kein gefühlloser Mensch; nachsichtig stellte er sein Eigentum zur Verfügung mit einem schlauen Lächeln.

Iris wendete sich nun an die beiden braven Männer, die in so bereitwilliger Weise ihr geholfen hatten, und sagte ihnen in herzlichen Worten Lebewohl und ihren Dank, dem sie einen klingenden Ausdruck beifügte. Die beiden Männer vergessen es ihr Lebtag nicht.

Fanny war schon in den Wagen gestiegen und hielt den Körper Lord Harrys in ihren Armen. Iris folgte ihr. Der Kutscher fuhr vorsichtig nach der Wohnung Mr. Vimpanys.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Das Haus Nummer fünf lag ungefähr in der Mitte einer kleinen Straße der Vorstadt, welche den Namen Redburn Road führte. Als der Wagen anfuhr, blickte Mr. Vimpany gerade gähnend aus einem der Parterrefenster. Iris winkte ihn heran.

»Ist Ihnen etwas zugestoßen?« fragte er, an die Tür des Wagens herantretend. Sie zog sich vom Fenster zurück und ließ ihn so schweigend sehen, was geschehen war. Der Doktor bewahrte bei dem grässlichen Anblick seine volle Haltung und ließ den bewusstlosen Mann in das nächste Zimmer im Erdgeschoss tragen. Bleich und zitternd berichtete Iris, wie sie Lord Harry gefunden, und fragte den Doktor, ob irgend eine Hoffnung vorhanden sei, dass derselbe gerettet werden könnte.

»Das will ich Ihnen sofort sagen,« antwortete Mr. Vimpany. Er entfernte den Verband und unter-suchte die Wunde. »Eine gehörige Menge Blut hat er verloren,« sagte er, »aber ich werd' es versuchen, ihn durchzubringen. Während ich mich jedoch mit unserem gemeinsamen Freunde beschäftige, bitte ich Sie, Miss Henley, hinauf in das Empfangszimmer zu gehen!« Darauf öffnete er einen schönen Kasten aus Mahagoniholz. »Das sind die Werkzeuge meines Berufes,« fuhr er fort, »ich werde jetzt die Kehle Seiner Lordschaft wieder zunähen.«

Iris schauderte, als sie diese Worte vernahm, und verließ eiligst das Zimmer. Fanny folgte ihrer Herrin die Treppe hinauf. Als sie oben angekommen waren, sagte Fanny: »In der Tasche des Herrn wurde noch ein zweiter Brief gefunden. Entschuldigen Sie, Miss, wenn ich Sie daran erinnere, dass Sie ihn noch nicht gelesen haben!«

Iris las folgende Zeilen:

»Verzeihe mir zum letztenmal, Geliebte! Mein Brief soll Dir sagen, dass ich Dich niemals wieder in dieser Welt belästigen werde - ob in der andern Welt, wer weiß das? Ich brachte einiges Geld zurück von den Goldfeldern. Es war nicht genug, um ein Vermögen genannt zu werden, wenigstens nicht ein solches Vermögen, das Deinen Vater bestimmen konnte, seine Einwilligung zu Deiner Heirat mit mir zu geben. Nun, hier in England bot sich eine günstige Gelegenheit, dasselbe mehr als zu verzehnfachen - nämlich auf dem Rennplatze, und lass mich hinzufügen, nach im geheimen eingezogenen Erkundigungen über die Rennpferde, auf deren Sieg ich gewiss rechnen konnte. Ich will mich hier nicht damit aufhalten, zu untersuchen, welches grausame Missgeschick mich ins Unglück stürzte. Mein Geld ist dahin und mit ihm meine letzte Hoffnung auf ein glückliches und sorgenloses Leben an Deiner Seite, meine Iris. Ich sterbe mit dem Hinschwinden dieser Hoffnung. Ein gewisses Gefühl hält mich ab, in dem grausigen Gewühl des großen, übervölkerten Londons Hand an mich zu legen. Ich ziehe es vor, mich aus diesem elenden Leben hinwegzustehlen mitten in der freien Natur, deren Grün mich an mein geliebtes altes Irland erinnern soll. Wenn Du zuweilen später an mich denken wirst, so sage Dir, der Arme hat mich geliebt - vielleicht wird mir dann die Erde leichter sein wegen dieser lieben Worte, und die Blumen werden vielleicht auf meinem Grabe schöner blühen, wenn Du mir überhaupt die Gunst erweisen willst, einige darauf zu pflanzen.«

Hier endete der Brief.

Iris verlor all ihre Fassung, als sie die melancholischen Abschiedsworte gelesen. Wenn er diesen verzweifelten Selbstmordversuch überlebte, zu welchem Ende sollte das führen? Schweigend schob das junge Mädchen, das ihn liebte, den Brief vorn in ihr Kleid. Fanny hatte sie aufmerksam beobachtet. Nach einer Weile machte sie den Vorschlag, hinunter gehen und wieder einmal fragen zu wollen, wie es um den verwundeten Lord stünde. Iris kannte jedoch den Doktor zu genau, um ihr Mädchen diesen nutzlosen Gang machen zu lassen.

»Manche Männer würden in der liebenswürdigsten Weise bemüht sein, mich in meinem Kummer und meiner Sorge zu beruhigen und zu trösten,« sagte sie. »Der Mann da unten gehört aber nicht zu ihnen. Ich muss warten, bis er selbst kommt oder mich holen lässt. Ich möchte jetzt vielmehr, solange wir allein sind, über etwas anderes mit Ihnen sprechen, Fanny. Sie stehen erst sehr kurze Zeit in meinen Diensten. Ist es daher zu früh, wenn ich Sie jetzt schon frage, ob Sie irgend welches Interesse für mich fühlen?«

»Wenn ich Ihnen etwas zu Gefallen tun oder Ihnen irgendwie helfen kann, Miss, so bitte ich Sie, mir nur zu sagen, wie.«

Sie sprach diese Antwort in ihrer gewöhnlichen ruhigen und höflichen Art und Weise; ihre bleichen Wangen zeigten keinen Farbenwechsel, und ihre blassblauen Augen ruhten unverwandt auf Miss Henleys Gesicht.

Iris fuhr fort:

»Wenn ich Sie nun bitte, das, was sich an diesem schrecklichen Tage ereignet hat, geheim zu halten vor jedermann, darf ich, obgleich Sie mich erst so wenig kennen gelernt haben. Ihnen trauen, wie ich Rhoda Bennet getraut habe?«

»Ich verspreche es, Miss!«

Das Mädchen schien der Meinung zu sein, mit diesen wenigen Worten genug gesagt zu haben.

Iris blieb keine Wahl, als eine neue Bitte an sie zu stellen.

»Wie Sie auch immer die Neugierde plagen mag, wollen Sie sich damit zufrieden geben, dass Sie mir einen Gefallen erweisen, ohne eine nähere Erklärung zu fordern?«

»Es ist meine Pflicht, die Geheimnisse meiner Herrin zu achten; ich werde diese Pflicht erfüllen.« Keine Gefühlsäußerung, kein Zeichen von Teilnahme konnte Iris an Fanny bemerken; eine einfache Erklärung ihrer treuen Ergebenheit und Pflichterfüllung war alles, was das bleiche Mädchen zu sagen für nötig hielt. Hatte sich ihr Herz verhärtet durch das Unglück, welches ihr Leben verdüstert hatte? Oder war sie nur ein lebendiges Beispiel der ihrem Volke angeborenen Zurückhaltung, welche vor jeder freien Gefühlsäußerung zurückschreckt und gewissermaßen lebt und stirbt in einer selbstgewählten Gefangenschaft und Einsamkeit?

Nachdem ungefähr eine halbe Stunde vergangen war, erschien Mr. Vimpany. Er blieb an der Tür stehen, zog seine Uhr aus der Tasche, sah nach der Zeit und stellte dann eine Berechnung an, die für seine Tüchtigkeit als Arzt zeugen sollte.

»Wenn Sie die Zeit in Rechnung ziehen, welche ich brauchte, um Mylord wieder zum Bewusstsein zu bringen, als er in Ohnmacht gefallen war, und um ihn mit einem Tropfen Branntwein zu stärken und um mir dann meine Hände zu waschen - sehen Sie, wie rein sie sind! - dann habe ich nicht mehr als zwanzig Minuten gebraucht, um seinen Hals wieder in Ordnung zu bringen. Keine schlechte Leistung für einen Wundarzt, Miss Henley.«

»Ist sein Leben jetzt gerettet, Mr. Vimpany?«

»Er hat es seinem Glück zu danken - ja!«

»Seinem Glück?«

»Sicherlich! In erster Linie verdankt er sein Leben Ihnen, dadurch, dass Sie ihn aufgefunden haben und zwar noch zur rechten Zeit; wenn Sie nur ein wenig später gekommen wären, so würde es mit Lord Harry vorbei gewesen sein. Der zweite Glücksumstand war, dass Sie den Arzt zu Hause trafen, gerade, da er am nötigsten gebraucht wurde, und der dritte Glücksumstand endlich: unser Freund wusste nicht, wie man sich mit einem Messer die Kehle ordentlich abschneidet. Sie brauchen mich nicht so finster anzusehen, Miss Henley, ich scherze nicht! Für einen Selbstmörder, mit einem Rasiermesser in der Hand, ist meistenteils etwas sehr günstig - er hat keine Ahnung von der Anatomie, und das ist auch bei Lord Harry der Fall gewesen. Er hat sich nur die äußeren fleischigen Teile an seinem Halse durchschnitten, bis an die größeren und wichtigeren Blut-gefässe ist er nicht gekommen. Nehmen Sie mein Wort, er wird sich jetzt schon ziemlich wohl fühlen und schuldet dafür Ihnen, mir und seiner Unwissenheit Dank. Nun, was sagen Sie zu meiner Geschicklichkeit? Ja, heute bin ich noch im vollständigen Besitz meiner Arbeits- und Geisteskraft; heute habe ich noch keinen französischen Rotwein von Mr. Mountjoy getrunken. Verstehen Sie, was das sagen will, Miss Henley?«

Als er sich in der Erinnerung an seine eigene Betrunkenheit vor Lachen fast ausschütten wollte, bemerkte er Fanny Mere.

»Oho, da ist ja noch eine andere Person, welche mich wahrscheinlich auch nötig hat! Sie sind ja so weiß wie Leinwand, Miss! Wenn Sie vielleicht in Ohnmacht fallen wollen, dann tun Sie mir nur den einzigen Gefallen und warten Sie, bis ich die Cognacflasche geholt habe. O, die Farbe ist von Natur so bei Ihnen, nicht wahr? Ich sehe es jetzt; eine dicke Haut und langsamer Blutumlauf. Eine Freundin von Ihnen, Miss Henley?«

Fanny antwortete ruhig für sich selbst: »Ich bin Miss Henleys Kammermädchen, Sir.« »Was ist denn aus der andern geworden?« fragte Mr. Vimpany. »Weilt sie noch immer in dem Pächterhause zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit? Wenn es meine Zeit erlaubt hätte, würde ich sie wieder wie damals in meine Behandlung genommen haben, die kleine Rhoda Bennet. Es gibt keinen Arzt in England, Miss, der mehr von den Nervenkrankheiten der Frauen weiß als ich, und was ist mein Lohn? Ist mein Wartezimmer mit reichen Leuten gefüllt, die kommen, um mich um Rat zu fragen? Wohne ich in einem eleganten Viertel von London? Hat man mich etwa zum Baronet gemacht? Zum Donnerwetter - ich bitte um Entschuldigung, Miss Henley - aber es ist für einen Mann von meinen Fähigkeiten kränkend, dass er sich so vollständig vernachlässigt sieht. Während der letzten drei Tage hat nicht ein Mensch meine Schwelle überschritten. Kann ich Ihnen noch mit sonst etwas dienen, Miss?«

Er führte Iris geheimnisvoll in eine Ecke des Zimmers. »Vielleicht in Betreff unseres Freundes da unten?« fragte er.

»Wann dürfen wir hoffen, ihn wieder ganz hergestellt zu sehen, Mr. Vimpany?« »Etwa in drei Wochen, spätestens in einem Monate. Leider habe ich niemand im Hause außer einer dummen Dienstmagd. Wir müssen jedoch eine erfahrene Pflegerin haben. Ich kann eine durchaus zuverlässige Person vom Hospitale bekommen, aber da ist eine kleine Schwierigkeit. Ich bin, wie Sie wissen, ein Mann, der frei von der Leber weg redet; wenn ich arm bin, so geb' ich es auch zu, dass ich arm bin; unser Lord braucht aber gute und kräftige Nahrung, und auch die Pflegerin will gutes Essen haben. Würden Sie sich nun, Miss, dazu verstehen, mir ein kleines Darlehen zu geben, damit ich vorderhand alle Kosten der Verpflegung bestreiten könnte?« Iris händigte dem Doktor eine Geldbörse ein, welche Mr. Vimpany sehr mager vorkam.

»Haben Sie vorläufig weiter nichts nötig?« fragte sie und ging nach der Türe.

»Nein, ich danke, ich bin Ihnen sehr verbunden!«

Als sie sich dem im Erdgeschoss gelegenen Zimmer näherten, blieb Iris stehen. Ihre Augen ruhten fragend auf dem Doktor. Selbst für diesen gefühllosen Menschen war der sprechende Blick ihrer Augen verständlich genug. Fanny bemerkte es und wendete plötzlich ihren Kopf nach der Seite. über das weiße Gesicht des Mädchens huschte finster ein Ausdruck von unaussprechlicher Verachtung. Die Schwäche ihrer Herrin hatte sich verraten - Schwäche für einen der Verräter an dem weiblichen Geschlechte, Schwäche für einen Mann!

Inzwischen war Mr. Vimpany, da er nun das Geld in der Tasche hatte, die Bereitwilligkeit selbst, jedem Wunsche der wegen ihres stets gefüllten Geldbeutels beneideten jungen Dame zu entsprechen.

»Wollen Sie Lord Harry sehen, bevor Sie weggehen?« fragte er und freute sich im stillen auf das, was es da zu beobachten geben würde. »Aber eines leg' ich Ihnen ans Herz: Sie dürfen ihn nicht stören, nicht sprechen und nicht weinen. Sind Sie bereit? So, jetzt treten Sie ein!«

Da lag er auf einem elenden, kleinen Sofa in einem erbärmlichen, engen Zimmer. Seine Augen waren geschlossen. Eine Hand hing hilflos zum Boden herunter. über sein geisterbleiches Antlitz breitete sich eine Ruhe, welche erschreckende ähnlichkeit mit der Ruhe des Todes hatte. - Da lag er, das unbesonnene Opfer seiner Liebe für das Mädchen, das wieder und immer wieder verzweiflungsvoll Verzicht auf ihn geleistet und das ihn jetzt zum drittenmale gerettet hatte. O, wie ihr verräterisches Herz für ihn sprach!

»Kannst du ihn, nachdem dieses geschehen ist, von dir zurückstoßen, du, die du ihn liebst?« Plötzlich fühlte sie sich gewaltsam in den Hausgang zurückgezogen. Die Tür wurde geschlossen. Der Doktor flüsterte ihr zu: »Halten Sie sich aufrecht, Miß! Ich habe mehr Fassung von Ihnen erwartet. Kommen Sie, kommen Sie! Nur keine Ohnmacht, wenn ich bitten darf. Sie werden ihn morgen schon ganz anders finden. Besuchen Sie uns nur, dann können Sie selbst urteilen.« Nach dem, was Iris erduldet hatte, verlangte sie heftig nach einer innigen, aufrichtigen Teilnahme.

»Ist es nicht bejammernswürdig?« sagte sie zu ihrem Kammermädchen, als sie das Haus verlassen hatten.

»Ich weiß es nicht,« entgegnete Fanny.

»Sie wissen es nicht? Gott im Himmel, sind Sie denn von Stein? Haben Sie denn nicht so etwas wie ein Herz in sich?«

»Nicht für die Männer,« antwortete Fanny. »Ich spare mir mein Mitleid für die Frauen auf.« Iris wusste, welch bittere Erinnerungen sie dieses Geständnis machen ließen. Wie vermisste sie in diesem Augenblicke Rhoda Bennet!

Dreißigstes Kapitel.

Einen Monat lang blieb Mountjoy in seinem Landhause an der Küste des Solway Firth und über--wachte die Wiederherstellungsarbeiten daselbst.

Seine Korrespondenz mit Iris hatte ihren regelmäßigen Fortgang genommen. Zum erstenmal jedoch, so lange er sie kannte, bot sie ihm Ursache zur Unzufriedenheit. Sie, die sonst so frei und offen alle ihre Freuden und Leiden ihm anvertraut hatte, sie schrieb jetzt mit einer ganz auffallenden Zurückhaltung. Witterungswechsel und politische Tagesneuigkeiten, die Abwesenheit ihres Vaters, durch beunruhigende Nachrichten über die Zahlungsunfähigkeit auswärtiger Häuser veranlasst, leere, inhaltslose Fragen über Hughs neue Bauten an seinem jetzigen Aufenthaltsort, - das waren die nichtssagenden Dinge, über die sich Iris in ihren Briefen an den alten, treuen Freund verbreitete. Er konnte kaum zweifeln, dass sich irgend etwas ereignet hatte, was sie vor ihm zu verheimlichen suchte. Sie musste dafür ihre Gründe, ihre gewichtigen Gründe haben. Indem er zu erraten bemüht war, erkannte er von neuem, wie sehr er Iris liebte; er erkannte es an der Angst, die er um sie litt, und an der unberechtigten, eifersüchtigen Regung, welche seiner Selbstbeherrschung Trotz bot. Die unmittelbare überwachung der Arbeitsleute auf seiner Besitzung war nicht länger notwendig. Er ließ dort einen Stellvertreter zurück, dem er vollständig vertrauen konnte, und beschloss, den letzten Brief, den er von Iris erhalten hatte, mündlich zu beantworten. Am nächsten Tag befand er sich in London.

Als er in Mr. Henleys Hause vorsprach, wurde ihm mitgeteilt, dass Miss Henley nicht zugegen sei und dass man nicht mit Bestimmtheit sagen könne, wann sie zurückkehren würde. Da öffnete Mr. Henley die Tür des Bibliothekzimmers.

»Sind Sie es, Mountjoy?« fragte er. »Kommen Sie herein, ich habe mit Ihnen zu sprechen.« Mr. Henley kratzte sich, auf und ab gehend, einmal über das andere in seinen grauen Haaren, bevor er mit der Sprache herausrückte.

»Sehen Sie, junger Mann,« begann er endlich, »als Sie damals mit mir auf meinem Landgut weilten, da hoffte ich immer, dass das Ende eine Heirat zwischen Ihnen und Iris sein würde. Sie haben aber beide, Sie sowohl, wie Iris, meine Erwartungen getäuscht und zwar nicht zum erstenmale. Frauen ändern jedoch ihre Ansichten. Angenommen nun, Iris hätte ihre Ansicht geändert, nachdem Sie von ihr zweimal zurückgewiesen worden sind, - angenommen, sie hätte Ihnen Gelegenheit gegeben -«

Hugh unterbrach ihn.

»Es ist nutzlos, Sir, etwas Derartiges anzunehmen; Iris würde mir nun und nimmer in der von Ihnen vermuteten Weise entgegenkommen.«

»Seien Sie doch nicht so heftig, Mountjoy. Ich sehe schon, ich muss bei Ihnen zartere Saiten aufziehen. Fühlen Sie noch für mein eigensinniges Mädchen irgend welches Interesse?«

Hugh antwortete bereitwillig und mit inniger Empfindung:

»Das wärmste Interesse.«

Mr. Henley schmunzelte befriedigt.

»Gut. So hören Sie! Ich bin in Geschäftsangelegenheiten verreist gewesen und erst vor einigen Tagen wieder zurückgekommen. Gleich im ersten Augenblick, als ich Iris sah, bemerkte ich, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Wenn ich ein Fremder gewesen wäre, würde ich gesagt haben: ,Dieses junge Mädchen ist nicht glücklich.' Mit ihr darüber zu sprechen oder aus ihr etwas herausbekommen zu wollen, wäre natürlich vollständig nutzlos gewesen. ,Ich bin ganz glücklich und befinde mich ganz wohl,' das war das einzige, was sie von sich sagte. Ich versuchte es nun bei ihrem Kammermädchen, einem feigen, mürrischen Wesen, einer der hartnäckigsten Lügnerinnen, denen ich jemals begegnet bin. ,Ich weiß von nichts, was meiner Herrin fehlen sollte, Sir,' damit fertigte mich das Mädchen ab. Ich wendete mich nun an meine alte Haushälterin. Die wusste schon mehr zu sagen: ,Die Dienstboten reden über Miss Iris, Sir,' zischelte sie. - ,Heraus damit! Was reden sie über meine Tochter?' - ,Sie haben bemerkt, dass ihre junge Herrin regelmäßig jeden Tag in den Vormittagsstunden ausgeht, immer allein und immer nach derselben Richtung. Ich habe die Dienstboten nicht zu weiteren Mitteilungen ermutigt, Mr. Henley. Es lag etwas Unverschämtes in dem Ton, in welchem sie sprachen, als ob sie irgend etwas Verdächtiges vermuteten. Ich sagte ihnen, daß Miss Henley nur ihren gewohnten Spaziergang mache; sie meinten, das müsse ein furchtbar langer Spaziergang sein, denn es dauerte immer vier bis fünf Stunden, ehe Miss Iris wieder nach Haus zurückkäme. Darauf hielt ich es für das Beste,' sagte die Haushälterin zu mir, ,das Gespräch fallen zu lassen.' Was denken Sie nun darüber, Mountjoy? Finden Sie nicht etwas Verdächtiges in dem Benehmen meiner Tochter?«

»Nicht im mindesten, Mr. Henley. Wenn Iris ausgeht, so besucht sie gewiss eine Freundin.« »Vermutlich. Aber sie hat für keine ihrer Freundinnen ein so lebhaftes Interesse, dass sie um ihretwillen Tag für Tag dieselbe Richtung einschlagen wird, wenn nicht noch etwas Besonderes dahinter steckte. - Als Sie bei mir auf dem Lande waren, erinnern Sie sich des Mannes, der Sie damals bediente?« Mountjoy antwortete so kurz wie möglich:

»Ihr Kammerdiener!«

»Derselbe. Ihn zog ich ins Vertrauen - ich kann Ihnen sagen, es geschah nicht zum erstenmal! Ein unbezahlbarer Mensch! - Als Iris gestern ausging, folgte er ihr in eine kleine Vorstadt in der Nähe von Hampstead Heath mit Namen Redburn Road. Sie läutete an der Glocke des Hauses Nr. 5 und wurde sofort eingelassen; sie war augenscheinlich gut bekannt bort. Mein geschickter Kammerdiener zog nun in der Nachbarschaft Erkundigungen ein. Das Haus gehört einem Doktor, der es erst vor kurzem gekauft hat, sein Name ist Vimpany.«

Mountjoy erschrak so heftig, dass er alle Haltung verlor. Zum Glück kehrte ihm Mr. Henley, der noch im Zimmer auf und ab ging, in diesem Augenblick den Rücken zu.

»Nun frage ich Sie als einen Mann von Welt,« fuhr Mr. Henley fort, »was hat das zu bedeuten? Wenn Sie Bedenken tragen, es auszusprechen, - und es macht mir ganz den Eindruck - soll ich Ihnen mit gutem Beispiel vorangehen?«

»Ganz wie Sie wollen, Sir!«

»Nun gut. Wenn an Iris irgend etwas Außergewöhnliches zu beobachten ist, so kann ich sicher sein, dass der verdammte Lord Harry dahinter steckt. Ich stand nun, da ich mit den eingehenderen Nachforschungen doch unmöglich meinen Kammerdiener betrauen kann, eben im Begriff, meinen Wagen anspannen zu lassen und zu dem Doktor zu fahren, um herauszubekommen, worin denn die Anziehungskraft besteht, die sein Haus auf meine Tochter ausübt. Da hörte ich Ihre Stimme in dem Hausflur. Sie sagten mir vorhin, dass Sie noch für Iris Interesse empfänden. Nun gut, Sie sind der Mann, der mir helfen kann.«

»Darf ich fragen wie, Mr. Henley?«

»Natürlich dürfen Sie fragen. Sie können den Schlüssel zu diesem Rätsel finden, wenn Sie es nur versuchen wollen; Ihnen wird Iris trauen, wenn sie ihrem Vater nicht traut. Ich möchte nur das eine wissen, ob sie sich immer noch mit dem Gedanken trägt, den irischen Lump zu heiraten oder nicht. Geben Sie mir Aufschluss hierüber, und Sie können alles weitere für sich behalten. Darf ich auf Ihre Unterstützung rechnen?«

Mountjoy traute seinen Ohren kaum; ihm sollte zugemutet werden, sich in das Vertrauen von Iris einzuschleichen und sie dann an ihren Vater zu verraten! Er stand auf, nahm seinen Hut, und ohne eine Verbeugung zu machen, öffnete er die Tür.

»Soll das heißen ,Nein!« rief Mr. Henley ihm nach.

»Gewiss!« antwortete Mountjoy und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Einunddreißigstes Kapitel.

Mountjoy, dem Doktor Vimpanys Trennung von seiner Frau noch unbekannt war, glaubte, indem er sich die Vorgänge in dem alten Landstädtchen ins Gedächtnis rief, den Grund für Miss Henleys erneuten Verkehr im Hause des Arztes in ihrem Mitgefühl für des Doktors unglückliche Gattin entdeckt zu haben. Entschlossen, sich alsbald Gewissheit darüber zu verschaffen, hielt er die erste Droschke an, die ihm begegnete, und fuhr nach Hampstead. Um nicht unnötigerweise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ließ er den Wagen, bevor er noch in Redburn Road eingebogen, halten und ging zu Fuß nach dem Hause No. 5. Ein Dienstmädchen öffnete die Tür. Mountjoy fragte nach Mrs. Vimpany.

Das Mädchen gab nicht sofort Antwort, sondern schien vielmehr über Mountjoys einfache Frage höchlich verwundert. Die kecke Art, mit der sie den Fremden vom Kopf bis zu den Füßen musterte, kennzeichnete sofort den echten Londoner Dienstboten von heutzutage, der sich für gleichberechtigt mit jedermann hält.

»Fragten Sie nicht nach Mrs. Vimpany?« sagte sie laut.

»Ja.«

»Es gibt keine Mrs. Vimpany hier.«

Jetzt war die Reihe an Mountjoy, verwundert zu sein.

»Ist das nicht Mr. Vimpanys Haus?« fragte er.

»Ja, gewiss.«

»Und doch ist keine Mrs. Vimpany hier?«

»Eine Mrs. Vimpany hat niemals diese Schwelle überschritten,« erklärte das Mädchen bestimmt.

»Sind Sie auch wirklich sicher, sich nicht zu irren?«

»Ganz sicher. Ich bin in dem Dienst des Doktors, seit er das Haus gekauft hat.« Mountjoy war fest entschlossen, das Rätsel zu lösen, wenn es irgendwie möglich wäre, und fragte daher, ob er den Doltor sprechen könnte.

»Nein,« antwortete das Mädchen. »Mr. Vim-pany ist ausgegangen.« Dann fuhr sie redselig fort: »Es kommt aber immer eine junge Dame zu uns; es sollte mich nicht wundern, wenn Sie die gemeint hätten, als Sie nach Mrs. Vimpany fragten. Sie heißt Iris Henley.«

»Ist Miss Henley jetzt hier im Hause?« »Sie können sie nicht sprechen, sie ist beschäftigt.« Mit Mrs. Vimpany konnte Iris nicht beschäftigt sein, denn es gab ja überhaupt keine Mrs. Vimpany hier im Hause. Mit dem Doktor konnte sie aber auch nicht beschäftigt sein, denn der Doktor war ausgegangen. Mountjoy sah nach dem Kleiderständer, der im Vorplatz stand, und entdeckte den Hut und den Überzieher eines Mannes. Wem gehörten diese beiden Kleidungsstücke? Sicherlich nicht Mr. Vimpany, denn der war ja ausgegangen. So niederschlagend diese Entdeckung auf Hugh auch wirkte, so erschien ihm jetzt doch Mr. Henleys Gedanke, dass die Erklärung für das Benehmen seiner Tochter in einem erneuerten Einfluss, den der irische Lord über sie gewonnen, zu suchen sei, in einem wahrscheinlicheren Licht.

Ein Gefühl des Unwillens stieg in Mountjoy auf, das er weder zu unterdrücken noch vor sich selbst zu rechtfertigen im stande war.   Mochte nun kommen, was wollte, er war entschlossen, die Zweifel, deren er sich schämte, zu lösen, indem er sich unmittelbar an Iris wandte. Er zog seine Visitenkartentasche heraus, fand sie aber beim Öffnen leer. Er hatte jedoch noch einige Briefe bei sich, die unter seiner Adresse in sein Londoner Hotel geschickt worden waren. Er riss von einem das Couvert ab und händigte es dem Dienstmädchen mit den Worten ein:

»Bringen Sie dies Miss Henley und fragen Sie, ob ich sie sprechen kann.« Das Mädchen ließ ihn in dem Hausflur stehen und ging die Treppe hinauf in das Empfangszimmer.

In dem schlecht gebauten kleinen Hause konnte Hugh den schweren Tritt eines Mannes hören, welcher in dem Zimmer über seinem Kopf hin und her ging. Dann vernahm er auch deutlich eine ärgerlich klingende Männerstimme. Hatte sie ihm schon das Recht gegeben, mit ihr zu zanken? - Er dachte an die Zeit, als sie das Bekanntwerden von Lord Harrys rachsüchtigen Plänen, zu deren Ausführung er England verlassen hatte, in heftigen Schrecken setzte, - er dachte der Zeit, als er seine eigenen Gefühle und alles, was er sich selbst schuldig war, um ihretwillen ganz beiseite setzte und ihr behilflich war, brieflich mit dem Mann zu verkehren, dessen verhängnisvolle Gewalt über Iris sein eigenes Leben verbittert hatte. War das, was er jetzt hörte, der Lohn, den er verdiente?

Nach kurzer Abwesenheit kam das Dienstmädchen zurück und überbrachte ihm eine Botschaft von Iris.

»Miss Henley bittet um Entschuldigung, dass sie Sie jetzt nicht empfangen kann; sie wird an Sie schreiben.« Würde der versprochene Brief den anderen Briefen ähnlich sein, welche sie ihm nach Schottland geschickt hatte? Mountjoys vornehme Natur mahnte ihn, dass er es seiner Erinnerung an glücklichere Tage und seiner treuen, aufrichtigen Freundschaft schuldig sei, das Weitere abzuwarten.

Als er eben wieder in seinen Wagen stieg, um nach London zurückzukehren, fuhr ein anderer geschlossener Wagen in der Richtung nach Redburn Road an ihm vorüber, in welchem ein einzelner Mann saß. Hugh erkannte in ihm Mr. Henley. Als der Kutscher auf seinen Sitz hinaufstieg, sah Mountjoy noch, dass der Wagen vor dem Hause No. 5 anhielt.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Der Abend war herangekommen, und die Kerzen wurden eben in dem Zimmer angezündet, das Mountjoy im Hotel bewohnte.

Seine Angst um Iris hatte sich verdoppelt und verdreifacht, seitdem er die Entdeckung gemacht, dass ihr Vater das Haus des Doktors gerade in dem Augenblick aufgesucht, in welchem gar kein Zweifel möglich war, dass sie sich in Lord Harrys Gesellschaft befand. Das hässliche Gefühl der Eifersucht war jetzt ganz durch die edleren Regungen in Hugh unterdrückt, welche ihn mit Besorgnis und Mitleid erfüllten, wenn er an Iris dachte, wie sie zwischen zwei feindlichen Männern stand, die so geartet waren wie der herzlose Mr. Henley und der leichtsinnige Lord Harry. Er war den ganzen Vormittag in seinem Hotel geblieben, in der Hoffnung, sie würde ihm einen Brief durch einen Boten zusenden; es war aber kein Brief gekommen.

Während er immer noch auf Nachrichten von ihr wartete, welche ihm möglicherweise noch die Abendpost bringen konnte, klopfte der Kellner an seine Tür.

»Ein Brief?« fragte Mountjoy.

»Nein, Sir,« antwortete der Kellner, »eine Dame.«

Bevor sie ihren Schleier zurückschlagen konnte, hatte Hugh Iris erkannt. Ihre Miene war niedergeschlagen, ihr Gesicht verstört, ihre Hand lag kalt und unempfindlich in der seinigen, als er auf sie zugetreten war, sie zu begrüßen. Er rückte einen Stuhl für sie an den Kamin. Sie dankte ihm, lehnte es aber ab, sich zu setzen.

»Ich habe versucht, an Sie zu schreiben, aber ich war nicht im stande dazu.« Sie sagte dies in einem herben Ton und mit düsterer Miene.  »Mein Freund,« fuhr sie fort, »Ihr Mitleid ist alles, was ich für mich hoffen kann; ich bin nicht länger der Teilnahme wert, die Sie einst für mich gehegt haben.«

Hugh sah ein, dass es nutzlos sein würde, ihr zu widersprechen; er fragte nur, ob er das Unglück gehabt habe, sie zu beleidigen.

»Nein,« sagte sie, »Sie haben mich nicht beleidigt.«

»Was soll dann um Gottes willen diese Veränderung in Ihrem Wesen bedeuten?« »Sie bedeutet,« sagte sie kalt, »dass ich die Achtung vor mir selbst verloren habe. Sie bedeutet, dass mein Vater sich von mir losgesagt hat und dass Sie gut tun werden, seinem Beispiel zu folgen. Habe ich Sie nicht glauben machen wollen, dass ich niemals die Frau Lord Harrys werden könne? - Nun, ich habe Sie betrogen - ich stehe im Begriff, ihn zu heiraten.« »Ich kann es nicht glauben, Iris, ich will es nicht glauben!«

Sie händigte ihm den Brief ein, in welchem der irische Lord ihr seine Selbstmordabsicht mitgeteilt hatte. Hugh sah voller Verachtung drein.

»Dem edlen Lord scheint der Mut dazu gefehlt zu haben?« sagte er dann höhnisch.

»Er würde durch seine eigene Hand gestorben sein, Mr. Mountjoy -« »O Iris - diese Anrede?«

»Wenn Sie es wollen, so will ich Hugh sagen, aber die Tage unserer Freundschaft sind nichtsdestoweniger vorüber. Ich fand Lord Harry, aus einer tödlichen Wunde am Halse blutend. Es war an einem einsamen Ort in der Nähe von Hampstead Heath. Ich war die einzige Person, die vorüber ging. So hatte es das Schicksal also zum drittenmale gewollt, dass ich ihn rettete. Wie kann ich das vergessen? Meine Gedanken werden immer dabei verweilen. Ich werde versuchen, Glück zu finden - o, nur das Glück, das für mich genug ist, indem ich meinem armen Irländer sein elendes Dasein versüße und ihn so wieder dem Leben zuführe, das ich ihm erhalten habe. Das ist mein Grund, wenn ich einen Grund habe. Tag für Tag habe ich in der letzten Zeit ihn gepflegt, Tag für Tag habe ich ihn Dinge zu mir sagen hören - doch was hat es für einen Nutzen, sie zu wiederholen. Nach Jahren des Widerstandes habe ich den jetzt aufgegeben. Meine ganze Klugheit bestand darin, dass ich einen Streit zwischen meinem Vater und Harry verhindert habe. Ich bitte um Entschuldigung, ich hätte sagen sollen Lord Harry. Als mein Vater in das Haus Mr. Vimpanys kam, bestand ich darauf, mit ihm allein zu sprechen. Ich sagte ihm, was ich jetzt zu Ihnen gesagt habe. Er antwortete nur: »Überlege es Dir noch einmal, ehe Du eine Wahl zwischen jenem Mann und mir triffst. Wenn Du Dich dafür entscheidest, ihn zu heiraten, so wirst Du leben und sterben, ohne auch nur einen Pfennig zum Unterhalt von mir zu bekommen.' Er legte seine Uhr auf den Tisch zwischen uns und gab mir fünf Minuten Bedenkzeit. Es waren lange fünf Minuten, aber sie gingen schließlich doch vorüber. Er fragte mich darauf, was er tun solle, ob er sein Testament so lassen solle, wie es sei, oder ob er zu einem Rechtsanwalt gehen und ein neues machen müsse. Ich antwortete ihm: ,Sie können tun, was Ihnen beliebt, Sir.' Nein, es war keine übereilte Antwort; Sie können diese Entschuldigung nicht für mich anführen, ich wusste genau, was ich sagte, und ich sah die Zukunft, die ich mir dadurch schuf, ebenso deutlich, wie Sie sie sehen.«

Hugh konnte jetzt nicht länger zu diesen unbesonnenen, verzweifelten Worten schweigen.

»Nein,« rief er, »Sie sehen Ihre Zukunft nicht so, wie ich sie sehe. Wollen Sie hören, was ich Ihnen zu sagen habe, bevor es zu spät ist?«

»Es ist schon zu spät, aber ich will Ihre Worte anhören, wenn Sie es wünschen.« »Und während Sie mich anhören,« fügte Mount-joy hinzu, »werden Sie mich beschuldigen, dass ich durch ein selbstsüchtiges Gefühl beeinflusst fei. Ich habe Sie innig geliebt; ja, ich liebe Sie vielleicht im stillen noch, obgleich ich weiß: auch wenn Sie frei geblieben wären, würde für mich keine Hoffnung sein. Glauben Sie, dass ich die Wahrheit spreche?« »Sie sagen immer die Wahrheit.«

»Ich spreche wenigstens in Ihrem Interesse. Sie denken, Sie sähen Ihr zukünftiges Leben deutlich vor sich; ich sage Ihnen aber, Sie sind blind für Ihr zukünftiges Leben. Sie reden, als ob Sie sich widerstandslos darein ergeben hätten, alles über sich ergehen zu lassen. Wollen Sie denn wirklich all Ihr Gefühl für Recht und Unrecht verlieren? Sind Sie entschlossen, das Leben einer Geächteten zu führen und, härter noch als das, sich über alle Schmach desselben hinwegzusetzen?«

»Fahren Sie fort, Hugh.«

»Wollen Sie mir nicht antworten?«

»Ich will Sie nicht unterbrechen.«

»Sie rauben mir nicht den Mut, liebe Iris, ich halte immer noch eigensinnig an der Hoffnung fest. Sie Ihrem besonneneren und wahreren Selbst wiederzugeben. Ich will Lord Harry alle Gerechtigkeit an-gedeihen lassen, die er verdient. Ich glaube, ja, ich bin vollkommen überzeugt, dass das elende Leben, das er bis jetzt geführt hat, nicht ganz und gar in ihm die Vorzüge zerstörte, welche einen Ehrenmann auszeichnen. Aber er hat einen schrecklichen Fehler. In seiner Natur liegt die verhängnisvolle Nachgiebigkeit gegen schlechte Gesellschaft. Wenn man seinen Charakter von dieser Seite beurteilt, dann ist er ein gefährlicher Mensch und kann vielleicht, verzeihen Sie mir, ein schlechter Gatte werden. Es ist eine undankbare Aufgabe für mich, Sie zu warnen. Eine Frau - und eine liebende Frau mehr noch als eine andere - fühlt nicht den verschlechternden Einfluss ihres Gatten, der ihrer nicht würdig ist. Unvermerkt überträgt er auf sie seine eigene Denkungsart; sie sucht für ihn Entschuldigungen, die er nicht verdient. Ihr Gefühl für Recht und Unrecht verwirrt sich, und bevor sie es selbst noch gewahr wird, ist sie auf seinen Standpunkt herabgesunken.   Zürnen Sie mir?«

»Wie kann ich Ihnen zürnen? Vielleicht haben Sie recht.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Ja.«

»Dann, um Gottes willen, überlegen Sie sich doch noch einmal Ihren Entschluss. Lassen Sie mich zu Ihrem Vater gehen.«

»Reiner Zeitverlust,« antwortete Iris. »Nichts, was Sie sagen könnten, würde auch nur die geringste Wirkung auf ihn ausüben.«

»Jedenfalls will ich aber doch den Versuch machen,« beharrte Mountjoy auf seinem Vorschlag.

Hatte er sie wirklich überzeugt? Sie lächelte - wie bitter dieses Lächeln war, bemerkte Hugh nicht.

»Soll ich Ihnen erzählen, was mir begegnet ist, als ich heute nach Hause kam? - Ich fand mein Kammermädchen in der Vorhalle auf mich warten mit allen mir gehörigen Sachen, die zu meiner Abreise gepackt dastanden. Das Mädchen erklärte, sie gehorche gezwungen  dem ausdrücklichen Befehl meines Vaters.

Ich wusste, was das zu bedeuten hatte; ich sollte das Haus verlassen und mir einen andern Platz suchen, wo ich wohnen könnte.«

»Aber doch nicht allein, Iris?«

»Nein, mit meinem Kammermädchen; sie ist ein eigentümliches Wesen; wenn sie Teilnahme fühlt, so spricht sie es doch niemals aus. ,Ich bin Ihre dankbare Dienerin, Miss,' sagte sie; ,wohin Sie gehen, dahin gehe auch ich.' Das war alles, was sie sprach. Ich war darüber nicht enttäuscht, denn ich bin das schon von Fanny Mere gewöhnt. Mein Los ist jetzt ein einsames, nicht wahr? - Ich habe Bekannte unter den wenigen Damen, welche zuweilen meines Vaters Haus besuchten, aber keine Freundin. Die Familie meiner Mutter hat sich von ihr losgesagt, wie mir erzählt wurde, als sie einen Kaufmann von zweifelhaftem Ruf heiratete. Ich weiß nicht einmal, wo meine Verwandten leben. Ist nun Lord Harry nicht gut genug für mich, so wie ich jetzt bin? - Wenn ich diese meine günstigen Aussichten betrachte, ist es da nicht wunderbar, wenn ich wie eine verzweifelte Frau spreche? - Aber ein ermutigender Umstand ist, so viel ich sehen kann, doch vorhanden. Diese meine übel angebrachte Liebe, die jedermann verdammt, besitzt merkwürdigerweise einen Vorzug, welchen jedermann anerkennen, bewundern muss. Sie bietet einer Frau, die ganz allein in der Welt steht, einen Zufluchtsort.«

Mountjoy machte heftige Einwendungen dagegen, dass sie allein in der Welt stehe.

»Gibt es irgend einen Schutz, welchen ein Mann einer Frau bieten kann,« fragte er, »den ich Ihnen nicht sofort auf die bereitwilligste Weise gewähren wollte? O, Iris, womit habe ich es denn verdient, dass Sie in meiner Gegenwart von sich als von einem verlassenen, freundlosen Wesen sprechen?«

Endlich hatte er sie doch getroffen. In ihren Augen und in ihrem Lächeln zeigte sich jetzt wieder der süße Zauber von früher. Sie stand auf und trat zu ihm hin.

»Welche übermenschliche Güte muss es sein,« sagte sie, »die einen so klugen Mann wie Sie blind macht für die Hindernisse, die jeder andere sonst sehen kann. Bedenken Sie doch, lieber Hugh, was die Welt zu dem Schutze sagen würde, den Ihr treues Herz mir jetzt bietet! Sind Sie ein naher Verwandter von mir? Sind Sie mein rechtmäßiger Beschützer? Sind Sie ein alter Mann? - Nein, Sie sind nur ein Engel von Güte, den ich nun verlieren muss; ich werde noch diese Ihre Güte für mich in Anspruch nehmen, wenn wir uns nicht mehr sehen. Sie werden Mitleid mit mir fühlen, wenn Sie hören, dass ich immer tiefer und tiefer gesunken bin; Sie werden um mich trauern, wenn ich im Elend ende.«

»Selbst dann, Iris, werden wir nicht ganz geschieden sein.   Der liebende Freund,  der Ihnen jetzt nahe ist, wird auch dann noch Ihr liebender Freund bleiben.«

Zum erstenmal in ihrem Leben schlang sie ihre Arme um seinen Hals. In dem unendlichen Weh des letzten Abschiedes drückte sie den treuen Freund an ihre Brust.

»Lebe wohl, Du Guter!« sagte sie leise und küsste ihn.

Im nächsten Moment überzog ihr Gesicht eine tödliche Blässe; sie schwankte, als sie sich von ihm entfernte, und sank in einen Stuhl. In der Furcht, sie könnte ohnmächtig werden, eilte Mountjoy aus dem Zimmer, um ein Wiederbelebungsmittel zu holen. Sein Schlafzimmer lag am Ende des Korridors, dort hatte er Riechsalz in seinem Toilettekasten. Als er den Deckel aufhob, hörte er die einzige Tür des Zimmers von der Außenseite verschließen.

Er eilte schnell zur Tür hin und rief nach Iris. Von dem äußersten Ende des Korridors erreichte ihn ihre Stimme zum letztenmal - sie wiederholte ihre melancholischen Abschiedsworte: »Lebe wohl!« - Es kam zu keiner Erneuerung der traurigen Abschiedsszene, nicht noch einmal zu all dem Trennungsschmerz; Iris hatte ihm ein rasches Ende bereitet.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Als Mountjoy dem Kellner geklingelt und dieser die Tür des Schlafzimmers wieder aufgeschlossen hatte, war es zu spät, der Enteilenden zu folgen. Ihr Wagen wartete auf sie vor dem Hause, und die Aufmerksamkeit des Portiers war gerade zu derselben Zeit durch neu ankommende Reisende abgelenkt.

Es liegt mehr oder minder in der Natur von allen Männern, welche wirklich dieses Namens würdig sind, in der Arbeit Trost zu suchen für ihren Kummer. Hugh beschloss, noch an demselben Abend an Iris zu schreiben und ihren Vater aufzusuchen. Er verzichtete darauf, in seinem Brief noch einmal auf die Art und Weise, in welcher sie ihn verlassen hatte, zurückzukommen; es war ihr Recht und sogar ihre Pflicht, sich zu schonen. Alles, was er sich erbat, war nur die Bezeichnung ihres jetzigen Aufenthaltsortes, damit er ihr den Erfolg seiner beabsichtigten Unterredung mit ihrem Vater mitteilen könnte, natürlich, wenn sie wollte, nur schriftlich. Er schickte diesen Brief an die Adresse von Mr. Vimpany, damit der Doktor ihn weiter besorge, und trug ihn selbst auf die Post.

Nachdem er dies getan hatte, begab er sich sofort in das Haus Mr. Henleys.

Der Diener, welcher die Tür öffnete, hatte offenbar bestimmte Befehle erhalten. Mr. Henley war nicht zu Hause; Mountjoy befand sich jedoch durchaus nicht in der Laune, mit sich spielen zu lassen. Er schob den Diener einfach beiseite und ging geradenwegs auf das Speisezimmer zu. Dort musste, wie er aus seiner früheren Bekanntschaft mit den Gewohnheiten des Haushaltes wusste, der Mann sich aufhalten, den er entschlossen war, zu sprechen; der Tisch war gedeckt für das Abendessen Mr. Henleys.

Hughs wohlgemeinter Versuch, im Interesse der Tochter mit ihrem Vater zu sprechen, endete so, wie es ihm Iris vorausgesagt hatte.

Nachdem sich Mr. Henley in sehr heftiger Weise über Hughs erzwungenes Eindringen beklagt hatte, erklärte er, dass er seinem letzten Willen heute ein Kodizill auf gesetzlichem Weg angehängt habe, welches seine Tochter aller Ansprüche auf sein Vermögen beraubte. Eine Zeit lang verhielt sich Mountjoy dieser grausamen Handlungsweise gegenüber ruhig. Alles, was durch Bitten und höfliches Zureden möglicherweise erreicht werden konnte, das hatte er wieder und immer wieder versucht, aber seine Bemühungen waren vollständig vergeblich gewesen. Endlich triumphierte doch Mr. Henley mit seiner herzlosen Hartnäckigkeit. Hugh verlor seine Selbstbeherrschung und gebrauchte, als er diesen hartherzigen alten Mann verließ, Worte, an welche er später nur mit Bedauern zurückdachte.

Das Gefühl, als er mit seinen Bemühungen, die Interessen von Iris zu verteidigen, keinen Erfolg gehabt hatte, war für Hughs erregten Gemütszustand nur ein unwiderstehliches Mittel, ihn zu weiterem Handeln anzustacheln. Es war vielleicht noch nicht zu spät, einen andern Versuch zu machen, die Heirat aufzuschieben, wenn nicht gar zu verhindern.

In heller Verzweiflung entschloss sich Mountjoy, Lord Harry mitzuteilen, dass seine Verbindung mit Miss Henley den vollständigen Verlust der von ihrem Vater zu erwartenden Erbschaft nach sich ziehen würde. Ob nun der wilde Lord nur an seine eigenen Interessen oder ob er auch an die der Frau, die er liebte, dachte, in jedem Fall war die Strafe, die diese Heirat nach sich ziehen sollte, schwer genug, um in ihm Bedenken zu erregen.

Die Lichter in den niederen Fenstern und in dem Hauseingang sagten Hugh, dass er zu einer günstigen Zeit nach Redburn Road gekommen sei.

Er fand den irischen Lord und den Doktor in heiterem Gespräch unter dem besänftigenden Einfluss des Tabaks beisammen sitzen. Gemütlich angeregt, wie er selbst gesagt haben würbe, von dem dritten Glas Grog, zeigte sich der Doktor sofort von der gastfreundschaftlichen Seite; er nahm an, dass Mountjoys Besuch nur eine Wiederaufnahme der freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen zu bedeuten habe.

»Vergeben und vergessen,« sagte er, »das ist der richtige Weg, um das kleine Missverständnis beizulegen, welches wir nach unserem Mittagessen in Honeybuzzard gehabt haben. Sie kennen Mr. Mountjoy, Mylord? - Das ist recht. Ziehen Sie sich einen Stuhl heran, Mountjoy. Meine Aussichten als Arzt drohen mir allerdings mit dem Verderben, aber so lange ich ein Dach über meinem Kopf habe, kann ich auch immer noch einen Freund bei mir willkommen heißen. Ich habe allen Grund, anzunehmen, mein Lieber, dass der Doktor, welcher mir seine Praxis verkauft hat, ein Schwindler war. Das Geld ist hin, aber die Patienten wollen nicht kommen. Nun, ich bin noch nicht ganz bankerott, ich kann Ihnen noch ein Glas Grog anbieten. Machen Sie sich selbst die Mischung zurecht, wie sie Ihnen beliebt. Wir wollen dann einen vergnügten Abend zusammen verleben.«

Hugh erklärte mit den nötigen Entschuldigungen, dass er gekommen sei, um einige Worte mit Lord Harry allein zu sprechen. Die Veränderung, welche in des Doktors Wesen vorging, trat in nicht sehr liebenswürdiger Weise zu Tage, nachdem er mit diesem Zweck des Besuches bekannt gemacht worden war. Er hatte das Aussehen eines Mannes, welcher argwöhnte, dass es sich um etwas für ihn nicht sehr Angenehmes handle. Auch Lord Harry schien seinerseits einige Bedenken zu hegen, ob er auf diese Privatunterredung mit Mr. Mountjoy eingehen solle.

»Betrifft es Miss Henley?« fragte er.

Hugh gab zu, dass dies der Fall sei. Lord Harry bemerkte darauf, dass sie seiner Meinung nach gut tun würden, wenn sie diesen Gegenstand vermieden. Mountjoy antwortete, es lägen im Gegenteil Gründe vor, diesem Thema näher zu treten, welche so wichtig seien, dass sie ihn veranlasst hätten, London zu verlassen und den Lord noch zu so später Nachtstunde in Hampstead aufzusuchen.

Als er dies hörte, erhob sich Lord Harry, um Mr. Mountjoy in ein anderes Zimmer zu führen.

In dieser Weise aus dem Vertrauen seines Gastes ausgeschlossen, konnte Mr. Vimpany nicht umhin, Mountjoy wenigstens daran zu erinnern, dass er der Herr im Hause sei.

»O, bitte, führen Sie ihn hinauf, Mylord,« sagte der Doktor, »Sie sind zu Haus unter meinem niedrigen Dache.« Die beiden jungen Männer standen sich einander gegenüber in dem dürftig ausgestatteten Empfangszimmer. Da beide Grund genug hatten, an dem freundschaftlichen Ausgang dieser Unterredung zu zweifeln, so verzichteten sie darauf, sich zu setzen. Hugh ging geradenwegs auf den Gegenstand los, ohne die Zeit mit nutzlosen einleitenden Redensarten zu vergeuden. Er gestand ein, dass er von der Verlobung Miss Henleys gehört habe. Er fragte, ob Lord Harry sich wohl der unglücklichen Folgen bewusst sei, welche für die junge Dame aus ihrer Heirat erwüchsen. Die Antwort hierauf wurde freimütig erteilt. Der irische Lord wusste nichts von den Folgen, von denen Mr. Mountjoy sprach. Hugh erklärte sie ihm sogleich, und es hatte den Anschein, als ob Lord Harry dadurch vollständig überrascht wäre.

»Darf ich fragen, Sir,« sagte er, »ob Sie aus eigener, persönlicher Erfahrung sprechen?« »Ich komme soeben von Mr. Henleys Hause, My-lord,« antwortete Mountjoy, »und was ich Ihnen gesagt habe, das hörte ich aus Mr. Henleys eigenem Munde.« Es entstand eine Pause. Hugh war schon geneigt, anzunehmen, dass er durch seine Worte ein Hindernis für die sofortige Feier der Hochzeit geschaffen habe. Er sollte jedoch sehr bald einsehen, dass er sich geirrt hatte. Lord Harry war zu sehr verliebt in Iris, als dass er sich in seinen Beziehungen zu ihr durch Geldfragen beeinflussen ließ.

»Sie fassen das sehr ernst auf,« bemerkte er, »aber lassen Sie mich Ihnen sagen, dass Miss Henley weit davon entfernt ist, von ihrem Vater abhängig zu sein. Er sollte sich überhaupt seiner Handlungsweise schämen; doch das gehört nicht hieher. Ich sage Ihnen also, Miss Henley ist weit davon entfernt, von ihrem Vater abhängig zu sein, wie Sie zu glauben scheinen.   Ich selbst bin - um Ihnen auch dies zu sagen - nicht ohne Mittel, welche ich ihr gern zu Füßen legen werde. Vielleicht wünschen Sie, dass ich auf Einzelheiten eingehe. Das kann gleich geschehen. Ich habe meine Besitzung in Irland verkauft.«

»Für eine große Summe in diesen Zeiten?« fragte Hugh.

»Auf die Summe kommt es nicht an, Mr. Mountjoy. Lassen Sie sich an der Tatsache genügen. Und da wir doch einmal bei Geldfragen sind - ein mir Peinliches und verhasstes Thema, das ich keineswegs in Verbindung mit der liebenswürdigsten Frau der Welt bringen möchte - so vergessen Sie nicht, dass Miss Henley ein Einkommen aus ihrem eigenen Vermögen hat, welches, so viel ich weiß, von ihrer Mutter herrührt. Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, Sir, mir zu glauben, dass ich nicht einen Pfennig davon anrühren werde.«

»Gewiss. Aber das Vermögen ihrer Mutter ist in Aktien einer Gesellschaft angelegt,« fuhr Mountjoy fort, hartnäckig bestrebt, den Gegenstand in den dunkelsten Farben darzustellen. »Aktien steigen und fallen, und Gesellschaften fallen zuweilen auch.«

»Und eines Freundes Besorgnis um die Angelegenheiten Miss Henleys nimmt zuweilen eine sehr unangenehme Form an,« fügte der Irländer hinzu, dessen leicht erregbares Temperament jetzt deutlich zu Tage trat. »Lassen Sie uns das Schlimmste annehmen, was geschehen kann; wir kommen dann auch rascher zu dem Ende der Unterredung, die weit davon entfernt ist, mir angenehm zu sein. Wir wollen also sagen, dass die Aktien Miss Henleys wertlose Papiere sind und dass infolge dessen ihre Taschen so leer sind, wie es Taschen überhaupt nur sein können. Läuft sie dann eine andere Gefahr als die, welche Ihnen darin zu liegen scheint, dass sie meine Frau wird?«

»Ja, gewiss,« antwortete Hugh, der jetzt auch gereizt wurde. »In dem Fall, welchen Sie soeben annahmen, läuft sie die Gefahr, als hilflose Witwe zurückgelassen zu werden, wenn Sie sterben.«

Er war auf eine heftige Antwort gefasst, auf einen neuen Streit, der in dieser unglückseligen Nacht zu dem schon mit Mr. Henley ausgefochtenen noch hinzukommen würde. Zu seinem großen Erstaunen ruhten Lord Harrys ausdrucksvolle, glänzende Augen auf seinem Gesicht mit einer Mischung von Trauer und Bestürzung.

»Gott verzeihe mir,« sagte er zu sich selbst; »daran habe ich niemals gedacht. Was soll ich tun? Was soll ich tun?« Mountjoy bemerkte diese tiefe Entmutigung, verstand sie aber nicht.

Hier war ein verzweifelter Abenteurer, dessen Streifzüge sein Leben immer und immer wieder in Gefahr gebracht hatten und der jetzt augenscheinlich durch die bloße Erinnerung an den Tod ganz überwältigt wurde. Wie sollte man das begreifen?

Hätte Hugh in der Seele Lord Harrys lesen können, er würde um die Erklärung nicht verlegen gewesen sein. Der irische Lord hatte wirklich Gründe, vor dem Gedanken an die Zukunft zurückzuschrecken. Nach der Ermordung von Arthur Mountjoy hatte er die Verbindung mit der mordlustigen Brüderschaft der Unüberwindlichen aufgegeben. Er war damals aufmerksam gemacht worden, dass er durch diesen Schritt sein Leben in Gefahr bringe, wenn er in Großbritannien bliebe, nachdem er sich so seinen Kollegen verdächtig gemacht hatte. Wenn das geheime Tribunal entdecken würde, dass er aus Südafrika zurückgekehrt sei, so würde dieser Entdeckung ganz unvermeidlich das Todesurteil folgen. Das war die schreckliche Lage, an welche zu denken ihn Mountjoy durch seine Antwort unwissentlich gezwungen hatte. Sein Schicksal hing ab von der zweifelhaften Sicherheit des Zufluchtsortes in dem Hause des Doktors.

Während Hugh ihn noch mit ernstem Bedenken ansah, schien eine neue Idee in Lord Harrys Geist Leben zu gewinnen. Er schüttelte den Druck, der auf ihm lastete, plötzlich ab. Sein Benehmen gegen Mountjoy änderte sich und ging mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls von dem Extrem der Kälte in das der Herzlichkeit über.

»Jetzt hab' ich es endlich,« rief er aus. »Lassen Sie mich Ihnen die Hand schütteln; Sie sind der beste Freund, den ich jemals gehabt habe.«

Der kühle Engländer fragte: »Inwiefern?«

»Insofern, als Sie mich darauf gebracht haben, dass ich ja für Miss Henley sorgen kann und zwar je eher, desto besser. Unser Freund unten, der Doktor, wird sofort bereit sein, mir als Zeuge beizustehen. Verstehen Sie mich nicht?«

Hindernisse, welche der Heirat in den Weg traten, würde Mountjoy sofort erkannt haben; aber bei Dingen, welche die Heirat beschleunigten, war sein Geist nur schwer neuen Eindrücken zugänglich.

»Sprechen Sie im Ernst?« fragte er.

Des Irländers reizbares Temperament begann sich wieder zu zeigen.

»Warum zweifeln Sie daran?« fragte er.

»Weil ich Sie nicht verstehe!« entgegnete Mountjoy.

»Machen Sie sich frei von aller Eifersucht,« erwiderte Lord Harry stolz, »und Sie werden mich verstehen. Ich stimme mit Ihnen vollkommen darüber überein, dass ich verpflichtet bin, für meine Witwe zu sorgen, und ich werde das auch tun dadurch, dass ich mein Leben versichere.«

Vierunddreißigstes Kapitel.

Nach seiner Unterredung mit dem irischen Lord wartete Mountjoy zwei Tage in der Hoffnung, etwas von Iris zu hören, aber es kam kein Brief. Hatte es Mr. Vimpany unterlassen, das Schreiben weiter zu besorgen, das er ihm anvertraut hatte?

Am dritten Tag schrieb Hugh selbst, um sich darnach zu erkundigen.

Der Doktor sendete den Brief zurück, den Hugh unter seiner Adresse an Miss Henley geschrieben hatte, und beklagte sich in seiner Antwort bitter über die undankbare Weise, mit der er behandelt worden sei. Miss Henley hatte ihm ihre neue Adresse in London nicht angegeben, und Lord Harry hatte ganz plötzlich Redburn Road verlassen und nur mit wenigen nichtssagenden Worten sich von ihm verabschiedet; das war alles. Mr. Vimpany stellte nicht in Abrede, dass er für seine ärztlichen Bemühungen bezahlt worden sei; aber er möchte doch fragen, ob er nichts für seine Freundlichkeit verdient hätte. War es recht, dass jemand eines andern Gastfreundschaft annahm und ihn dann wie einen Fremden behandelte? - »Ich bin fertig mit den beiden, und ich empfehle Ihnen, mein lieber Herr, meinem Beispiel zu folgen.« In diesen Worten äußerte der ärgerliche und nüchterne Doktor seine Gefühle und gab Hugh seine guten Ratschläge.

Mountjoy legte den Brief in großer Mutlosigkeit beiseite.

Seine letzte schwache Hoffnung, die Hochzeit zu verhindern, hing davon ab, ob es ihm wohl noch möglich sein würde, mit Iris in Verbindung zu treten. Und nun war sie für ihn vollständig verloren, als ob sie an das andere Ende der Welt geflohen wäre. Es hätte vielleicht möglich sein können, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen, wenn man Lord Harry genau beobachtet hätte; aber auch er war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die kostbaren Stunden und Tage gingen vorüber, und Hugh war vollständig ratlos.

Von der Angst und der Ungewissheit gepeinigt, blieb er immer noch in seinem Hotel in London. Mehr als einmal entschloss er sich, den Kampf auf-zugeben und nach seiner schönen Besitzung in Schottland zurückzukehren; mehr als einmal verschob er diese Reise wieder. Manchmal fürchtete er, von Iris zu hören, wenn sie ihm schrieb, dass sie schon verheiratet wäre; dann fühlte er sich wieder beleidigt und gekränkt durch die Vernachlässigung, welche sie ihm durch ihr Stillschweigen zu teil werden ließ. Befand sie sich in seiner Nähe, oder war sie weit von ihm entfernt? Verweilte sie noch in England, oder hatte sie ihrem Vaterlande schon den Rücken gewendet? Wer konnte es wissen?

So waren mehrere traurige Tage in Hangen und Bangen verflossen, als ein Brief eintraf, der in einer ihm unbekannten Handschrift an Mountjoy adressiert war und den Pariser Poststempel trug. Die Schrift ließ ihn vermuten, dass der Brief von Lord Harry herrührte.

Sein erster Gedanke war, den Brief ungelesen ins Feuer zu werfen. Es konnte kaum noch ein Zweifel obwalten, welches die Nachrichten waren, die er enthielt, nachdem eine so lange Zeit vergangen war. Konnte er es ruhig hinnehmen, dass ihm Iris' Verheiratung gerade von dem Mann, der nun ihr Gatte war, mitgeteilt wurde? - Niemals; es lag etwas Erniedrigendes in dem bloßen Gedanken. Er war zu diesem Schluß gekommen; und was tat er trotz alledem? - Er las den Brief.

Lord Harry schrieb in den Ausdrücken der größten Höflichkeit und bedauerte, dass ihn Umstände verhindert hätten, Mr. Mountjoy einen Besuch zu machen, bevor er London verließ. Nach der Unterredung, welche in Mr. Vimpanys Hause stattgefunden hätte, halte er es jedoch für seine Pflicht, Mr. Mountjoy mitzuteilen, daß er sein Leben versichert habe, und er wolle auch noch hinzufügen, für eine bedeutende Summe, für eine Summe, die vollständig genügend sei, seiner Gattin ein sorgenfreies Leben zu sichern, im Fall sie ihn überleben sollte. Lady Harry sende ihm ihre besten Grüße; sie würde in der nächsten Zeit selbst an ihren alten und ergebenen Freund schreiben. Inzwischen wolle er schließen, indem er nochmals den Ausdruck seiner tiefsten Verpflichtung Mr. Mountjoy gegenüber wiederhole.

Hugh sah noch einmal auf die erste Seite des Briefes zurück, um nach der Adresse des Schreibers zu suchen; sie lautete einfach: Paris. Die Absicht, eine fernere Korrespondenz oder eine persönliche Begegnung zu verhindern, konnte nicht leicht deutlicher ausgedrückt werden. Im nächsten Moment flog der Brief ins Feuer.

Zwei Tage später bekam Hugh nun direkte Nachricht von Iris. Sie drückte ihm ebenfalls ihr Bedauern über ihre so plötzliche Abreise aus England aus, fügte jedoch hinzu, dass es auf ihr Betreiben geschehen sei. Eine Bemerkung, welche Lord Harry im Laufe eines Gespräches entschlüpft sei, habe in ihr die Furcht wachgerufen, dass er noch immer von den politischen Verschwörern bedroht sei, mit denen er sich in so unvernünftiger Weise eingelassen habe. Infolge dessen habe sie ihn dazu gebracht, ihr die volle Wahrheit zu bekennen, und darauf hin auf einer sofortigen Abreise bestanden. Sie und ihr Gatte hätten ihren Aufenthalt in Paris genommen; Lord Harry habe in dieser Stadt Freunde, deren Einfluss von großer Wichtigkeit für seine Vermögensverhältnisse sein könne. Dann folgten einige Sätze, in denen die Schreiberin ihrer dankbaren Erinnerung an alles das Ausdruck gab, was Hugh in der letzten Zeit für sie getan. Sie sprach auch den sehnlichsten Wunsch aus, dass sie von Zeit zu Zeit durch Briefe von einander hören möchten. Sie könne nicht wagen, unter den gegenwärtigen Umständen auf das Vergnügen zu rechnen, einen Besuch von ihm zu empfangen; sie hoffe jedoch, dass er es über sich gewinnen würde, ihr zu schreiben; er solle seine Briefe nach Paris poste restante schicken.

In einem Nachtrag waren noch wenige Worte hinzugefügt, welche sich auf Mr. Vimpany bezogen. Hugh wurde gebeten, auf keinerlei Erkundigungen Antwort zu geben, welche dieser schlechte Mensch über sie oder ihren Gatten etwa einzuziehen wagen würde. Früher sei sie dem Doktor dankbar gewesen für seine Bemühungen als Arzt um Rhoda Bennet. Aber seitdem habe sein Benehmen gegen seine Frau und die Ansichten, die er in Gesprächen mit Lord Harry geäußert habe, sie davon überzeugt, dass er ein Mensch ohne alle Grundsätze sei. Jeder weitere Verkehr mit ihm müsse, so viel an ihr liege, ein für allemal aufhören.

Als Mountjoy diesen Brief gelesen, hatte er die Empfindung: den beantwortest du nie! Er glaubte, obgleich er sich darin vollständig irrte, dass Iris ihn unter der Aufsicht ihres Mannes geschrieben habe.

Wieder dachte er daran, nach Schottland zurückzukehren, und schob es doch immer wieder hinaus.

Er fand plötzlich allerhand an seinem Besitztum auszusetzen. Die Lage war zu einsam, seine nächsten Nachbarn waren nur einfache Fischersleute. In geringer Entfernung lagen allerdings hie und da zerstreut einige wenige Häuser, die von früheren Kaufleuten, die sich zur Ruhe gesetzt hatten, bewohnt wurden; nur in weiterer Entfernung befand sich der Landsitz eines vornehmen Mannes, der aber immer abwesend war, da sein Gesundheitszustand das Klima von Schottland nicht vertrug. Die Aussichten auf ein so einsames Leben an der Küste des Solway Firth schreckten Mountjoy jetzt zurück.

Er beschloss daher, den Versuch zu machen, ob das gesellschaftliche Leben in London im stande sein würde, die trüben Gedanken zu zerstreuen, die ihn bedrückten. Bekannte, die er bisher vollständig vernachlässigt hatte, waren angenehm überrascht, als ihnen ihr junger und reicher Freund wieder einen Besuch machte. Er nahm teil an Diners und Soupers; in allen Müttern und Töchtern erregte er Hoffnungen dadurch, dass er den Einladungen zn Bällen folgte. Er erschien auch wieder in seinem Klub. Bot ihm dieses Leben nun wirklich die erwartete Zerstreuung? War dabei irgend welches Vergnügen? - Nein! Er spielte nur eine Rolle und fand es eine schwere und undankbare Aufgabe, den Schein aufrecht zu erhalten. Nach einer kurzen Zeit des Glanzes sah ihn die Gesellschaft nicht wieder.

Nachdem er so von neuem sich selbst überlassen war, genoss er endlich einmal einen angenehmen Abend in London; es war der Abend, an dem er sich trotz aller Einwendungen, die er selbst dagegen erhob, an Iris zu schreiben entschloss.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Am nächsten Tage empfing Hugh den Besuch der Person, die er am allerwenigsten von seinen Bekannten zu sehen erwartet hatte. Die verschollene Mrs. Vim-pany erschien in eigener Person in seinem Hotel.

Sie sah unnatürlich älter als damals aus, wo Mountjoy sie zum letztenmal gesehen hatte. Ihr künstliches Äußere war verschwunden. Das jetzt nicht mehr vorhandene Rot, welches einstmals ihre Wangen überzogen, hatte während der langen Reihe von Jahren, in der sie es auflegte, das Gewebe ihrer Haut rauh gemacht und ihrer Farbe einen ungesunden gelben Ton verliehen. Ihr Haar, das einstens so geschickt schwarz gefärbt war, gestand jetzt offen die Wahrheit ein und zeigte die nüchterne Farbe des Alters; es war grau. Selbst der durchdringende Glanz ihrer großen schwarzen Augen war verschwunden; alle die Verschönerungskünste, welche sie ihrer Bühnenlaufbahn verdankte, waren nicht mehr zu sehen, nur die liebenswürdige Anmut ihrer Bewegungen und der tiefe melodische Klang ihrer Stimme verrieten noch Mrs. Vimpany, welche jetzt in ein einfaches dunkelbraunes Gewand gehüllt war, das aller der kleinen, versteckten Mittel entbehrte, durch welche die Schneiderinnen so geschickt der Figur nachzuhelfen verstehen.

»Wollen Sie mir Ihre Hand reichen, Mr. Mountjoy?« Das waren die ersten Worte, welche sie sprach, als sie in bescheidener, niedergedrückter Haltung das Zimmer betrat.

»Warum nicht?« fragte Hugh und gab ihr die Hand.

»Sie können keine sehr günstige Erinnerung an mich haben,« antwortete sie, »aber ich hoffe, dass ich jetzt einen besseren Eindruck auf Sie mache, wenn Sie mir ein klein wenig von Ihrer kostbaren Zeit schenken wollen. Sie werden vielleicht von meiner Trennung von Mr. Vimpany gehört haben. Es ist ganz unnötig, dass ich Sie mit diesem Gegenstand belästige. Sie kennen meinen Gatten uud sind daher wohl im stande, zu erraten, was ich bei ihm zu erdulden hatte, und warum ich ihn verlassen habe. Wenn er zu Ihnen kommt, so werden Sie ihm hoffentlich nicht sagen, wo sich Lady Harry befindet.«

Hugh unterbrach sie:

»Bitte, sprechen Sie nicht von ihr unter diesem Namen; nennen Sie sie Iris, wie ich es tuel« Eine schwache Erinnerung an ihr altes Bühnenlächeln zitterte über Mrs. Vimpanys müdes, trauriges Gesicht.

»O, Mr. Mountjoy, ich weiß, wen sie hätte heiraten sollen, aber der schlimmste Feind der Frauen ist ihre Unkenntnis der Männer; sie lernen dieselben erst dann besser kennen, wenn es zu spät ist!   Ich versuche immer noch, für Iris zu hoffen in der Zukunft, aber meine Befürchtungen sind stärker als meine Hoffnungen.«

Sie machte eine Pause, seufzte und drückte ihre Hand auf die Brust, durch diese Bewegung wieder einmal die unvertilgbaren Spuren ihrer früheren Bühnenlaufbahn verratend.

»Ich scheue mich fast, zu sagen, dass ich Iris lieb habe,« fuhr sie fort, »aber das eine weiß ich: wenn ich nicht mehr so schlecht bin, wie ich einstens war, so verdanke ich das einzig und allein der herzigsten und liebenswürdigsten aller Frauen. Ich möchte wohl wissen, ob andere Leute, wenn sie den Weg zur Besserung einschlagen, es auch so schwer finden, ihm zu folgen, wie es mir zuerst ging!«

»Daran ist nicht zu zweifeln, Mrs. Vimpany, wenn die Betreffenden es nämlich ernst nehmen. Man muss sich hüten vor solchen, die von einer plötzlichen Bekehrung und einer vollkommenen Befriedigung sprechen. Darf ich fragen, wie Sie Ihr neues Leben begannen?«

»Recht unglücklich, Mr. Mountjoy. Ich schloss mich einer Schwesterschaft an, welche der Krankenpflege oblag; nach kurzer Zeit brach unter ihnen ein Streit aus. Stellen Sie sich nun Frauen vor, welche sich selbst Christen nennen und die streiten über Kirchen und Kirchendienst, über Kleidung der Geistlichen und ihre Bewegungen, über Kerzen und Weihrauch.   Ich verließ sie wieder und ging in ein Hospital und fand dort, dass die Ärzte bessere Christen sind als jene Schwestern. Ich würde nicht über mein eigenes armes Selbst sprechen, wenn nicht ein Grund dazu vorläge, wie Sie gar bald sehen werden. In dem Hospitale pflegte ich eine Dame während einer langwierigen Krankheit und wurde dann damit betraut, sie zu Verwandten nach Südfrankreich zu bringen. Auf meiner Rückreise gedachte ich, einige Tage in Paris zu verweilen; es war eine günstige Gelegenheit für mich, die Tätigkeit der Krankenpflegerinnen in den französischen Hospitälern kennen zu lernen. Und doch tat ich etwas ganz anderes als das, was ich mir vorgenommen hatte. Ich traf nämlich mit Iris in Paris zusammen.«

»Zufällig?« fragte Hugh.

»Ich bin mir darüber nicht klar,« antwortete Mrs. Vimpany, »ob so etwas wie eine Begegnung etwas Zufälliges genannt werden kann. Sie und ihr Gatte befanden sich auf einem der Boulevards unter den vielen Menschen, welche dort sitzen und ihren Kaffee trinken und dabei die anderen betrachten, die vorübergehen. Ich ging vorbei, ohne sie zu bemerken; sie aber hatte mich gesehen und schickte Lord Harry hinter mir her, um mich zurückzubringen. Ich bin dann mit ihnen jeden Tag zusammengewesen, da Iris mich dazu aufforderte, so lange ich in Paris blieb, und ich kenne jetzt genau das Leben, welches sie führen.«

Sie hielt inne, da sie bemerkte, dass Hugh durch ihre Worte heftig erregt wurde. »Ich bin im Zweifel,« sagte sie, »ob Sie es wünschen, mehr von ihrem Leben in Paris zu erfahren.«

Hugh fasste sich sofort wieder.

»Erzählen Sie weiter,« sagte er ruhig.

»Auch dann, wenn ich Ihnen sage, dass Iris vollkommen glücklich ist?« »Erzählen Sie nur weiter,« wiederholte Hugh.

»Darf ich Ihnen gestehen,« sagte sie, »dass Iris' Gatte unwiderstehlich ist, nicht allein für seine Frau, sondern sogar für ein so altes Weib, wie ich bin! Nachdem ich ihn nun schon so viele Jahre kenne von seinen schlimmsten und seinen besten Seiten, bin ich doch noch töricht genug, dem Zauber zu erliegen, den er auf alle Frauen durch seinen sprühenden Geist und seinen Humor ausübt; die nüchternen Engländer würden ihn wahrscheinlich, wenn sie ihn sähen, für einen Menschen halten, welcher verdiente, unter Kuratel gestellt zu werden. Eine der absonderlichen Ideen des wilden irischen Lords, durch die er seiner Ergebenheit und Liebe für seine Frau Ausdruck geben will, ist unter anderen, dass sie sich nicht als verheiratet betrachten, sondern ein Leben wie Liebende führen sollen. Wenn sie in einem Restaurant speisen, so besteht er darauf, ein chambre separée zu nehmen; er führt sie auf öffentliche Bälle und engagiert sie auf alle Tänze für den ganzen Abend; wenn sie zu Hause bleiben, weil Iris einmal der Gesellschaften müde ist, dann

Schickt er mich ans Klavier und walzt mit seiner Frau durchs Zimmer. ,Nichts belebt eine Frau so,' sagt er, ,als wenn sie mit dem Mann, den sie liebt, tanzt.' Wenn sie dann ganz außer Atem ist und ich das Klavier schließe, was glauben Sie wohl, was er dann tut? Er küsst mich und sagt, er drücke damit nur die Gefühle seiner Frau aus, wenn sie nicht im stande sei, es selbst zu tun. Er speist zuweilen mit Herren außer dem Hause und kommt zurück mit all dem Feuer und der Lebhaftigkeit, welche der gute Wein verursacht, und ist dann liebenswürdiger als je; bei solchen Gelegenheiten sind seine Taschen gefüllt mit Süßigkeiten, die er für ,seinen Engel' von dem Dessert beiseite geschafft hat. ,Bin ich etwas angeheitert?' fragt er. ,Bitte, sei nicht bös, es geschah nur aus Liebe zu Dir; ich war in sehr vornehmer Gesellschaft, mein Liebling, und brachte immer und immer wieder Deine Gesundheit aus und trank im Gedanken an Dich und auf Dein Wohl mehr als die ganze übrige Gesellschaft; Du tadelst mich deswegen nicht? Aber ich tadle mich dafür um so mehr. Es war unrecht von mir, dass ich Dich allein ließ und mit anderen speiste. Was brauche ich bie Gesellschaft von Herren, wenn ich Deine Gesellschaft habe! Dass ich dabei auf Deine Gesundheit trank, das ist nur eine elende Entschuldigung. Ich werde in Zukunft alle Einladungen ablehnen, bei denen Du nicht mit inbegriffen bist.' Nun, merken Sie wohl, damals war es ihm ernst damit, aber schon zwei oder drei Tage später vergaß er seine guten Vorsätze und speiste wieder in Herrengesellschaft auswärts und kam dann mit noch mehr liebenswürdigen Entschuldigungen, gestohlenen Süßigkeiten und guten Vorsätzen nach Hause. - Ich fürchte, ich langweile Sie, Mr. Mountjoy?«

»Sie setzen mich allerdings in Erstaunen,« erwiderte Hugh. »Warum muss ich denn alles dies von Lord Harry hören?« Mrs. Vimpany verließ ihren Platz. Infolge einer der Regeln, die auf der Bühne galten, hatte sie die Gewohnheit angenommen, sich zu erheben, wenn sie in der Rolle, die sie spielte, etwas Ernstes und Wichtiges zu sagen hatte; und sie stand noch immer unter dem nachhaltigen Einfluss der theatralischen Gewohnheiten. Deshalb erhob sie sich auch jetzt und legte ausdrucksvoll ihre Hand auf Mr. Mountjoys Schulter.

»Ich habe nicht gedankenlos Ihre Geduld auf die Probe gestellt,« sagte sie. »Jetzt, wo ich nicht mehr dem direkten Einflusse Lord Harrys unterworfen bin, vermag ich es wieder, mir meine frühere Erfahrung über ihn ins Gedächtnis zurückzurufen; und ich fürchte, wir werden erleben, dass es ein übles Ende nimmt. Er wird wieder in schlechte Gesellschaft geraten, er wird auf den Rat schlechter Freunde hören und dann in der Zukunft Dinge tun, vor denen er jetzt zurückschreckt.Wenn diese Zeit kommt, dann fürchte ich ihn! Ja, dann fürchte ich ihn!«

»Wenn diese Zeit kommt,« wiederholte Mountjoy, »dann soll er, wenn ich noch irgend einen Einfluss auf seine Frau habe, sie fähig finden, sich selbst zu schützen. Wollen Sie mir Iris' Adresse in Paris geben?«

»Gern, wenn Sie mir versprechen wollen, sie nicht eher aufzusuchen, als bis sie Sie wirklich braucht.« » Wer soll es denn entscheiden, wann sie mich braucht?«

»Ich werde es entscheiden,« antwortete Mrs. Vimpany. »Iris schreibt mir alles aufrichtig und vertrauensvoll; wenn sich aber irgend etwas ereignen sollte, was sie einem Briefe nicht anvertrauen will, dann hoffe ich, es von ihrem Kammermädchen zu erfahren.«

»Sind Sie denn auch sicher, ob diesem Kammermädchen zu trauen ist?« fragte Mountjoy.

»Fanny Mere ist ein sehr stilles Wesen, soweit ich sie kenne, und ihre Art und Weise fordert gerade nicht zum Vertrauen auf,« gab Mrs. Vimpany zu. »Ich habe jedoch mit ihr gesprochen und aus ihren Reden zu meiner großen Befriedigung ersehen, dass sie ihrer Herrin treu ergeben und dankbar ist in ihrer eigenen sonderbaren Weise. Sollte sich Iris jemals in irgend einer Gefahr befinden, so werde ich darüber nicht in Unkenntnis bleiben. Kann dies Sie vermögen, mich erst um Rat zu fragen, bevor Sie den Entschluss fassen, nach Paris zu gehen? Machen Sie keine Umstände, sondern sagen Sie mir aufrichtig Ja oder Nein.«

Hugh sagte aufrichtig: »Ja.«

Mrs. Vimpany gab ihm nun sofort die Adresse von Iris und versprach zu gleicher Zeit, ihm alle Nachrichten zu übermitteln, welche sie aus Paris erhielt, sobald sie sie selbst gelesen.

Nach dieser Verabredung trennten sie sich für jetzt.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Langsam gingen die Wochen dahin. Getreulich hielt Mrs. Vimpany ihr Versprechen.

Sobald sie Nachrichten von Iris empfing, schickte sie den Brief immer an Hugh, der ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, wieder zurückgab. Die Ereignisse in dem Leben des neu vermählten Paares, von denen viele auf das Ende hinwiesen, welches Mrs. Vimpany sah und fürchtete, wurden in heiterer, zuweilen scherzhafter Weise von der jungen Frau berichtet. Ihr blinder Glaube an ihren Mann, der in den ersten Briefen noch deutlich zum Ausdruck kam, begann in den späteren schon Zeichen von Selbsttäuschung zu verraten. Es war in der Tat traurig, mit ansehen zu müssen, dass ein so glänzender Geist nicht im stande war, die verdächtigen Momente zu begreifen, die sogar ein Kind hätte wahrnehmen können.

Als die letzten Nachrichten, die aus Paris eingetroffen waren,  pünktlich in die Hände von Hugh kamen, befand sich dabei zugleich ein Brief von Mrs. Vimpany mit folgendem Inhalt:

»Mein letzter Brief von Iris ist eigentlich gar kein Brief. Er enthält außer einem gedruckten Zirkular nur einige Versicherungen ihrer Freundschaft und die Bitte, das Zirkular an Sie zu schicken. Wenn es in Ihrer Macht liegt, an unterrichteter Stelle Erkundigungen einzuziehen, so werden Sie, wie ich sicher weiß, die Mühe nicht scheuen. Es kann, wie ich glaube, kaum einem Zweifel unterliegen, dass Lord Harry sich in eine kühne Spekulation eingelassen hat und zwar tiefer noch, als seine Frau geneigt ist, einzugestehen.«

Das Zirkular zeigte die beabsichtigte Veröffentlichung einer wöchentlich erscheinenden Zeitung an, die teils in englischer, teils in französischer Sprache gedruckt werden sollte. Die Hauptbureaux befanden sich in Paris, und man beabsichtigte, mit der neuen Zeitung dem unter dem Namen »Galignanis Messenger« bekannten Journal Konkurrenz zu machen. Eine erste. Liste von Mitarbeitern enthielt Namen von einiger Bedeutung in der literarischen Welt Englands und Frankreichs. Spekulanten, welche in erster Linie zu wissen wünschten, auf welche Sicherheit sie rechnen könnten, wurden auf einen geschäftsführenden Ausschuss verwiesen, welcher aus Männern zusammengesetzt war, die in der finanziellen Welt von London und Paris von Einfluss waren.

Hugh Mountjoy war in der Lage, die von Mrs. Vimpany gewünschten Erkundigungen einzuziehen, und was er erfuhr, bestätigte die in dem Zirkular gemachten Angaben vollständig. Das Ansehen derjenigen Personen, die an der Spitze dieses Unternehmens standen,  leistete Gewähr für die Solidität desselben.

Als man aber dann auf die Frage, ob das neue Unternehmen Erfolg haben würde, zu sprechen kam, da schüttelten die als anerkannte Autoritäten um Rat gefragten Männer zweifelnd ihre klugen Köpfe. Es war ganz unmöglich, anzugeben, welche Summen Geldes erforderlich sein mochten, bevor die Verbreitung der neuen Zeitung die darauf gesetzten Hoffnungen erfüllen würde. Diese Nachrichten teilte Hugh Mrs. Vimpany mit, und von ihr erfuhr sie Iris noch mit der Post desselben Tages.

Ein längerer Zwischenraum wie gewöhnlich schwand diesmal dahin, ehe Mountjoy wieder eine Nachricht über Lord Harry und seine Frau empfing. Als er dann endlich etwas von Mrs. Vimpany hörte, übersendete sie ihm einen Brief von Iris, welcher eine neue Adresse in der Vorstadt von Paris Namens Passy angab.

Aus Gründen der Sparsamkeit, schrieb Iris, habe sich ihr Gatte zu einem Wechsel der Wohnung entschlossen. Sie wären jetzt in ihrem neuen Hause eingerichtet, welches mit dem Vorteile der Billigkeit auch den Vorzug eines kleinen Gartens verbände, den sie bebauen könnte; außerdem sei die Luft auch reiner und gesünder als in Paris. Damit endete der Brief, ohne die leiseste Erwähnung der neuen Zeitung und ohne eine Beantwortung der ihr von Mrs. Vimpany mitgeteilten Ansichten darüber.

Auf die unbeschriebene Seite des Briefes hatte Mrs. Vimpany selbst noch folgende Worte hinzugefügt: »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass einige beunruhigende Gerüchte über meinen Gatten zu meinen Ohren gedrungen sind. Es ist jedoch immerhin noch möglich, dass sie keinen Glauben verdienen.«

Einige Tage später erhielten diese Vermutungen eine Bestätigung unter Umständen, auf die Hugh nicht im entferntesten vorbereitet war. Mr. Vimpany selbst erschien in dem Hotel, um Mountjoy einen Besuch zu machen.

Obgleich der Doktor immer mehr oder weniger erhaben über die liebenswürdige Schwäche der Bescheidenheit war, so schien er doch jetzt in seiner Selbstschätzung höher gestiegen zu sein denn je, seitdem ihn Hugh zum letztenmale gesehen hatte. Er stolzierte gravitätisch einher und blickte sehr gnädig auf alle Menschen und Dinge herab. Seine Stimme klang erhaben, wenn er sprach, und vornehmes Wohlwollen zeichnete sein Benehmen aus, wenn er zuhörte.

»Wie befinden Sie sich?« rief er in dem fröhlichsten Tone, als er in das Zimmer trat. »Schönes Wetter für diese Jahreszeit, nicht wahr? Sie sehen aber nicht gut aus. Ich bin doch neugierig, ob Sie irgend eine Veränderung an mir wahrnehmen!«

»Sie scheinen ja in sehr guter Laune zu sein,« entgegnete Hugh in nicht sehr liebenswürdigem Tone.

»Trag ich meinen Kopf hoch?« fuhr Mr. Vimpany fort. »Wenn einen Mann ein Unglück betrifft, dann soll er nicht jammern und heulen um Mitleid, dann soll er es mutig ertragen. Das sind meine Grundsätze. Sehen Sie mich an, ja, sehen Sie mich jetzt nur an! Hier stehe ich, ein gebildeter Mann, ein Mitglied einer ehrenwerten Berufsgenossenschaft, ein Mann von Talenten und Kenntnissen, jedes beglückenden Besitzes beraubt, der mir gehörte, außer meinen Kleidern, die ich gerade anhabe. Reichen Sie mir Ihre Hand, Mountjoy, hier ist die Hand eines Bankerotten, Sir!«

»Sie scheinen sich aber nicht viel daraus zu machen,« bemerkte Mountjoy.

»Warum sollte ich mir denn viel daraus machen?« fragte der Doktor. »Es gibt keinen Arzt in England, der weniger Grund zu Selbstvorwürfen hat als ich. Habe ich mein Geld verschwendet in tollkühnen Spekulationen? Nicht einen Pfennig. Bin ich dumm genug gewesen, um auf den Rennplätzen zu wetten? Mein schlimmster Feind dürfte mir das nicht nachsagen. Was habe ich sonst getan? Ich habe mich abgearbeitet und abgemüht, ein angesehener und geachteter Mann zu werden; das habe ich getan. O, da gibt es nichts zu lachen! Wenn ein Doktor versucht, der ärztliche Freund der Menschheit zu sein; wenn er weiter nichts will, als Kranke heilen, Not lindern und das Leben den Menschen erhalten - was ist das anderes als etwas Vortreffliches, etwas Ehrenwertes? Und was ist mein Lohn? Ich sitze zu Hause und warte auf meine leidenden Mitmenschen, und die einzigen, die kommen, sind so arm, dass sie nichts zahlen können. Ich habe meine Besuche gemacht und bin bei all den reichen Patienten gewesen, die ich mitgekauft hatte, als ich mir diese Praxis kaufte. Aber keiner von ihnen brauchte mich; Männer, Frauen und Kinder, sie alle sind so unverantwortlich gesund - hol sie der Teufel! Es ist doch herrlich, wenn ein Mann in einer Stellung, wie die meinige ist, bankerott wird. Beim Jupiter, ich gehe noch weiter als das! Ich sage sogar, ein Mann ist es unter solchen Umständen sich selbst schuldig, als Protest gegen die unverdiente Vernachlässigung Bankerott zu machen. Wenn Sie erlauben, nehme ich mir einen Stuhl.«

Darf ich mir als Hausfreund eine kleine Freiheit erlaubenEr setzte sich nieder und sah sich in seiner bekannten unverschämten Weise rings im Zimmer um. Ein kleiner Kasten, der Liqueurflaschen enthielt, stand offen auf einem Seitentische. Mr. Vimpany erhob sich wieder, trat an den Tisch heran und sagte: »Darf ich mir als Hausfreund eine kleine Freiheit erlauben?« Ohne aber lange auf die Erlaubnis zu warten, griff er gleich zu.

Hugh ertrug dieses aufdringliche Benehmen geduldig, da er nun einmal den Fehler begangen hatte, den Doktor zu empfangen. Zugleich aber war er über des Doktors Unverschämtheit so empört, dass er sich seinerseits auch eine kleine freundschaftliche Freiheit gestattete.   Er ging durch das Zimmer auf den Tisch zu, sah nach den Liqueurflaschen und verschloss den Kasten. Mr. Vimpanys freches Gesicht erglänzte in tiefem Rot, aber nicht etwa aus Scham. Er öffnete seinen Mund, um etwas seiner Würdiges zu sagen, besann sich aber vorher noch eines Besseren und brach in ein schallendes Gelächter aus. Er hatte augenscheinlich noch ein wichtigeres Anliegen.

»Teufelmäßig gut!« rief er fröhlich aus. »Erinnern Sie sich noch an den französischen Rotwein der Landwirtin? Ha, ha, diesmal sollen Sie mich nicht verführen. Schon gut, schon gut, um aber auf meinen Bankerott zurückzukommen -«

Hugh hatte genug gehört von dem Bankerott seines Besuches.

»Ich gehöre nicht zu Ihren Gläubigern,« sagte er.

Mr. Vimpany gab eine schlaue Antwort.

»Seien Sie nur nicht zu sehr davon überzeugt, warten Sie noch ein wenig.« »Soll das vielleicht heißen,« fragte Mountjoy, »dass Sie hieher gekommen sind, um Geld von mir zu borgen?« »Abwarten - Zeit lassen!« antwortete der Doktor; »das ist keine Sache, die man so in der Eile abmachen kann, das ist eine geschäftliche Angelegenheit. Sie werden es mir kaum glauben,« fuhr er fort, »dass ich mich früher schon einmal in der gleichen Lage befunden habe wie jetzt.« Darauf sah er wieder nach dem Liqueurkasten hin und sagte: »Ich würde gern noch einen Schluck von Ihrem ausgezeichneten Curacao nehmen, wenn ich den Schlüssel hätte. Sehen Sie ihn nicht?« »Ich bin gespannt, zu hören, was das für ein Geschäft ist, von dem Sie zu sprechen begonnen haben,« wendete Hugh ein.

Mr. Vimpanys geschmeidiges Wesen folgte dieser Andeutung sofort mit der vollendetsten Liebenswürdigkeit.

»Ganz recht,« sagte er, »wir wollen wieder zu den Geschäften zurückkehren; ich bin ein Mann, welcher sich immer noch zu helfen weiß und nie um einen Ausweg verlegen ist. Glauben Sie wohl, ich wäre das letztemal, als meine Gläubiger meine Sachen zusammenpackten, entmutigt gewesen? Keine Idee! Meine regelmäßige medizinische Praxis war unter mir zusammengebrochen. Nun gut, so versuchte ich eben mein Glück als Quacksalber, das heißt auf gut englisch, ich erfand eine Medizin, auf die ich mir ein Patent geben ließ. Das einzige, was mir fehlte, war Geld, um die nötige Reklame zu machen; falsche Freunde hielten ihre Taschen zugeknöpft.   Verstehen Sie mich?«

»O ja, ich verstehe Sie sehr gut.«

»In diesem Falle,« fuhr Mr. Vimpany fort, »werden Sie nicht erstaunt sein, zu hören, dass ich auch diesmal wieder zu einer meiner Hilfsquellen meine Zuflucht nahm. Sie haben ohne Zweifel bemerkt, dass wir in einem Zeitalter aller möglichen Liebhabereien leben; Dilettanten, die schriftstellern, malen und komponieren, spielen darin eine große Rolle. Ich bin auch eine von denjenigen Personen, welche auf dem Felde der Kunst arbeiten. Haben Sie wohl die Photographien an den Wänden meines Esszimmers bemerkt? Sie sind von mir, Sir, ob Sie sie nun bemerkt haben oder nicht. Ich bin einer von den geschickten Ärzten, welche auch Photographieren können. Das erzähle ich aber nicht etwa jedem Beliebigen; die Menschen haben einmal meistens so beschränkte Ansichten, dass sie glauben, ein Doktor dürfe nichts anderes sein als eben nur ein Doktor. Mein Name wird daher auch bei dem neuen Unternehmen, welches ich jetzt plane, nicht genannt werden. Sie wollen nun natürlich wissen, welches mein neues Unternehmen ist; ich werde es Ihnen im tiefsten Vertrauen mitteilen. Stellen Sie sich vor, wenn Sie es können, eine Reihe ausgezeichneter Photographien der hervorragendsten Ärzte in England mit Erinnerungen aus ihrem Leben, von ihnen selbst geschrieben; erscheint einmal im Monat, Preis: eine halbe Krone. Wenn mit dieser Idee nicht Geld zu verdienen ist, dann ist überhaupt mit nichts mehr Geld zu verdienen. Nun sprechen Sie sich einmal aus, mein lieber Freund! Sagen Sie, was Sie davon denken!«

»Ich verstehe nichts von der Sache,« antwortete Mountjoy. »Darf ich aber wohl fragen, warum Sie mich in Ihr Vertrauen ziehen?«

»Weil ich Sie für meinen besten Freund ansehe.«

»Sie sind ungeheuer liebenswürdig. Sie haben aber doch jedenfalls ältere Freunde in Ihrem Bekanntenkreise als mich!«

»Nicht einen einzigen,« beeilte sich der Doktor, zu versichern, »nicht einen einzigen, dem ich so großes Vertrauen schenke wie Ihnen. Ich werde Ihnen auch sofort einen Beweis dafür liefern.«

»Hängt dieser Beweis vielleicht in irgend einer Weise mit Geld zusammen?« fragte Monntjoy.

»Das nenn' ich aber lieblos und unhöflich gegen mich verfahren,« protestierte Mr. Vimpany. »Keine unfreundlichen Unterbrechungen, Mountjoy. Ich stehe im Begriff, Ihnen einen Beweis meiner freundschaftlichen Gesinnungen zu geben, und da wollen Sie mich wohl gar beleidigen?«

»Gewiss nicht.   Fahren Sie ruhig fort.«

»Ich danke Ihnen; eine kleine Ermutigung hilft bei mir viel. Ich habe also einen Buchhändler gefunden, welcher sich bereit erklärt hat, mein beabsichtigtes Werk in Kommission zu übernehmen. Keine Seele hat bis jetzt den Kostenüberschlag gesehen. Ich möchte Ihnen denselben zeigen.«

»Ganz nutzlos, Mr. Vimpany.«

»Warum ganz nutzlos?«

»Weil ich durchaus nicht gesonnen bin, Ihnen Geld zu leihen.« »Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Mountjoyl«

»Das ist mein vollständiger Ernst.«

»Nein.«

»Ja.«

Des Doktors Gesicht zeigte jetzt einen plötzlichen Wechsel im Ausdruck. Er nahm eine bösartige und drohende Miene an.

»Treiben Sie mich nicht in die Enge! Überlegen Sie es sich vorher noch einmal!« Hughs Fähigkeit, sich zu beherrschen, war jetzt zu Ende.

»Wagen Sie es vielleicht, mir zu drohen?« fragte er. »Ich sage Ihnen noch einmal - bitte, hören Sie genau zu - ich habe meinen festen Entschluss gefasst und nichts, was Sie auch tun oder sagen, kann ihn ändern.«

Nach dieser Erklärung erhob er sich von seinem Stuhle und erwartete, dass Mr. Vimpany sich nun entfernen würde.

Der Doktor setzte seinen Hut auf. Seine Augen hefteten sich mit einem Blick voll teuflischer Bosheit auf Hugh, indem er sagte: »Die Zeit ist nicht mehr allzu fern, Mr. Mountjoy, wo Sie lebhaft bedauern werden, mich zurückgewiesen zu haben.«

Er sprach diese Worte mit wohl überlegtem Nachdruck und ging weg.

Von der Gegenwart dieses Menschen erlöst, kam Mountjoy auf den sonderbaren Gedanken, die Worte, die Mr. Vimpany bei seinem Weggange ausgesprochen hatte und die er unter anderen Umständen gar nicht beachtet haben würde, in Verbindung mit den Interessen von Iris zu bringen.

Welchen Versuch würde wohl in seiner verzweifelten Geldklemme der kühne Bankerotteur zunächst machen, um seine leere Tasche zu füllen? Wenn er zufällig seine Verbindung mit dem irischen Lord wieder angeknüpft hätte - und so ein Zufall lag mindestens nicht außerhalb aller Möglichkeit - so würde jedenfalls sein nächster Versuch, Geld aufzutreiben, ihn nach Paris führen. Lord Harry hatte sich schon in eine Spekulation eingelassen, welche jetzt jedenfalls große Geldmittel erforderte und die erst in einer noch ziemlich fernen Zeit einen Gewinn abzuwerfen versprach. In der Zwischenzeit waren seine Mittel infolge dessen nur sehr beschränkte, und seine laufenden Ausgaben würden an seine knapp bemessene Kasse gebieterische Anforderungen stellen. Die Versuchung, seinem Entschlusse, das Vermögen seiner Frau nicht zu berühren, untreu zu werden, hatte jedenfalls seine Sündhaftigkeit schon auf harte Proben gestellt. Wenn nun der Doktor mit seinem Anliegen kam, welche bessere Entschuldigung konnte sich Lord Harry darbieten, der Versuchung nachzugeben, als die Verpflichtung, einem alten Freund in seiner Geldverlegenheit helfend unter die Arme zu greifen?

Da Hugh die Lage von Iris und die Verwicklung, die ihr drohte, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete, verließ er das Hotel, um sich mit Mrs. Vimpany zu beraten. Es stand ja bei ihr, zu entscheiden, ob die Umstände seine Abreise nach Paris rechtfertigten.

Siebenunddreißigstes Kapitel.

Als Hugh Mrs. Vimpany alles das mitgeteilt hatte, was er in Bezug auf die Unterredung mit ihrem Gatten erzählen konnte, verstand und würdigte sie seine Befürchtungen für die Zukunft. Nur darin stimmte sie nicht mit ihm überein, dass er schon unter den gegenwärtigen Umständen seine Reise nach Paris unternehmen wollte.

»Warten Sie nur noch ein wenig länger hier in London,« sagte sie. »Wenn Iris in den nächsten Tagen nicht an mich schreibt, so hat sie einen Grund für ihr Schweigen, und in dem Falle werde ich, wie ich Ihnen schon gesagt, von Fanny Mere hören. Sobald ich einen Brief aus Paris bekomme, werde ich Sie aufsuchen.«

Am letzten Morgen in jener Woche wurde Mrs. Vimpany bei Hugh Mountjoy gemeldet. Der Brief, den sie brachte, kam von Fanny Mere. Auch in ihrem Schreiben zeigte sich der merkwürdige Charakter des Mädchens so sonderbar wie immer:

»Madame, ich habe Ihnen versprochen, Ihnen mitzuteilen, was hier vorgeht, wenn ich es für notwendig halten würde. Jetzt scheint es mir notwendig zu sein. Mr. Vimpany kam gestern zu uns. Er bewohnt das leere Schlafzimmer. Meine Herrin sagt nichts und schreibt nichts. Aus diesem Grunde schicke ich Ihnen den Brief.   Ihre ergebene Dienerin F.«

Mountjoy war ganz bestürzt und wusste nicht, was er über dieses Schreiben denken sollte, so klar es auch war.

»Es kommt mir sonderbar vor, dass Iris nicht selbst an Sie geschrieben hat. Sie hat doch seither kein Geheimnis aus ihrer Meinung über Mr. Vimpany gemacht.«

»Sie verheimlicht sie aber jetzt,« antwortete Mr. Vimpanys Frau ernst.

»Wissen Sie, warum?«

»Ich fürchte, ich weiß es. Iris wird vor keinem Opfer zurückschrecken, um Lord Harry gefällig zu sein. Sie wird ihm ihr Geld geben, wenn er es verlangt. Wenn er ihr sagt, sie solle ihre Meinung über meinen Gatten ändern, so wird sie ihm gehorchen. Er wird auch ihr Vertrauen zu mir erschüttern können, sobald es ihm nur gefällt. Und er hat es wahrscheinlich schon getan.«

»Dann ist es jetzt doch sicherlich Zeit, zu ihr zu gehen,« sagte Hugh.

»Gewiss, hohe Zeit,« gab Mrs. Vimpany zu, »wenn Sie nur Ihrer selbst sicher sind. Können Sie es im Interesse der armen jungen Frau fertig bringen, kühl und vorsichtig zu sein?«

»Im Interesse von Iris kann ich alles.«

»Noch ein Wort,« fuhr Mrs. Vimpany fort, »ehe Sie Ihre Reise antreten. Ob nun der Schein gegen oder für ihn ist, seien Sie immer auf der Hut vor meinem Gatten. Lassen Sie mich von sich hören, solange Sie weg sind, nnd vergessen Sie nicht,  dass zwischen Ihnen und Iris ein Hindernis steht, welches selbst Ihre Geduld und Ihre Ergebenheit auf eine harte Probe stellen wird.«

»Sie meinen Ihren Gatten?«

»Ja.«

Sie hatten jetzt nichts weiter miteinander zu besprechen. Hugh ging weg, um die Vorbereitungen zu seiner Abreise nach Paris zu treffen.

Am Morgen nach seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt hatte Mountjoy zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen. Er konnte entweder an Iris schreiben und sie fragen, ob sie ihn empfangen wolle, oder er konnte gleich unerwartet in dem Hause in Passy erscheinen. Nachdenken überzeugte ihn, dass die beste Gelegenheit, ein Hindernis auf listige Weise zu beseitigen, die zweite Möglichkeit bieten würde; er musste Lord Harry und den Doktor überraschen.

Er fuhr daher nach Passy. Der lebhafte französische Geschmack hatte das Haus, in dem das junge Ehepaar wohnte, mit glänzenden Farben geschmückt; die schönen weißen Fenstervorhänge waren mit rosafarbigen Bändern zurückgebunden, die Jalousien strahlten in heiteren Farben, die Essen zeigten künstlerische Verzierungen, und der kleine Garten war ein Paradies von Blumen. Als Mountjoy an der Glocke geschellt hatte, wurde die Tür von Fanny Mere geöffnet. Sie blickte ihn mit ernstem Erstaunen an.

»Erwartet man Sie?« fragte sie.

»Kein Gedanke daran,« entgegnete Hugh. »Sind sie zu Hause?« »Sie haben soeben das Frühstück beendet, Sir.«

»Erinnern Sie sich noch meines Namens?«

»Ja, Sir.«

»Dann melden Sie mich an.«

Fanny öffnete die Türe eines Zimmers, welches im Parterre lag, und meldete Mr. Mountjoy.

Die beiden Herren saßen da und rauchten. Iris begoss einige Blumen am Fenster. Sie verlor sofort alle ihre Farbe, als sie Hugh eintreten sah. Angstvoll und von bangen Zweifeln erfüllt, schienen ihre Augen Lord Harry zu fragen, was er dazu sage. Der befand sich aber in der liebenswürdigsten Laune. Dem Drange des Augenblickes nachgebend, gab er ein mustergültiges Beispiel eines herzlichen Empfanges.

»Das nenn' ich wirklich eine angenehme Über-raschung!« sagte er, indem er Mountjoy die Hand schüttelte in seiner ungezwungenen, liebenswürdigen Weise. »Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie uns aufsuchen!«

Von ihrer Angst befreit - sie hatte augenscheinlich etwas ganz anderes erwartet - folgte Iris eifrig dem Beispiele ihres Gatten; ihr Gesicht gewann die Farbe wieder, und ihre Lippen umspielte ein reizendes Lächeln. Mr. Vimpany stand in einer Ecke; seine Zigarre war ausgegangen.  Seine eigene Frau würde ihn kaum wiedererkannt haben - er bot in der Tat ein Bild der Verwirrung dar. Lord Harry brach in ein fröhliches Lachen aus und rief:

»Sieh ihn Dir an, Iris! Der Doktor ist zum erstenmal in seinem Leben schüchtern.« Die gute Laune des Irländers war wirklich unwiderstehlich. Die junge Frau stimmte heiter in das Lachen ihres Gatten ein. Als Mr. Vimpany den freundlichen Empfang bemerkte, der Hugh zuteil wurde, sah er die Notwendigkeit ein, sich den Umständen anzupassen. Er kam daher aus seiner Ecke hervor und wandte sich an Hugh mit der Entschuldigung : »Ich bitte Sie, Mr. Mountjoy, mein sonderbares Benehmen von neulich zu entschuldigen, als ich Ihnen in London meinen Besuch machte. Geben Sie mir Ihre Hand!    Nicht wahr. Sie sind mir nicht böse?« Iris ahmte in unnatürlich gesteigertem Übermut die rauhe Sprache des Doktors, mit der er seine Lieblingsentschuldigung wiederholte, so täuschend nach, dass Lord Harry entzückt in die Hände klatschte.

»Nun, Mr. Mountjoy,« fragte der Lord, »Sie finden gewiss nicht, dass die Heirat Iris ihrer Heiterkeit beraubt hat. Darf ich die Hoffnung aussprechen, dass Sie an unserem Frühstück teilnehmen? Sie sehen, der Tisch ist schon gedeckt.«

»Und ich habe Unterricht genommen,« fügte Iris hinzu,  »wie man hier in Frankreich Eier kocht; Sie müssen mir schon das Vergnügen machen, zu bleiben, damit ich Ihnen zeigen kann, was ich bereits gelernt habe.«

»Ich bin Lady Harrys ärztlicher Ratgeber,« fiel der Doktor scherzend ein, »Sie werden ihre französischen Leckerbissen schon halb verdaut finden, ehe Sie nur den Mund öffnen, und das ist mein Verdienst, das Verdienst - Clarence Vimpanys, Mitglied des Kollegiums der Wundärzte.«

Hugh gedachte der Warnung Mrs. Vimpanys und verbarg sein Misstrauen gegen diesen übertriebenen Ausdruck gastfreundlicher Heiterkeit; er sagte einige entschuldigende Worte. Lord Harry erwiderte darauf in gleicher Weise. Er bedauerte es sehr, aber er sei gezwungen, einen Ausgang zu machen.

»Haben Sie schon die neue Zeitung gesehen, Mr. Mountjoy,« fragte er, »die Galignanis Messenger aus dem Felde schlagen soll? Sie heißt: ,The Continental Herald'. Vierzigtausend Exemplare der ersten Nummer sind gerade jetzt über ganz Europa verbreitet worden; wir haben unsere Agenten in jeder bedeutenden Stadt, in jedem Teile der Welt.«

Seine glänzenden Augen funkelten vor knabenhaftem Vergnügen, als er von seiner eigenen Wichtigkeit sprach. Mr. Mountjoy möge so liebenswürdig sein, ihn zu entschuldigen, er habe aber heute vormittag notwendig auf dem Bureau zu tun.

»Nehmen Sie Ihren Hut!« rief er dann dem Doktor zu. »Sie müssen nämlich wissen, unser Freund hier trägt in seiner Tasche etwas, was unsern Geldbeutel erleichtern soll. Sie werden mich schon verstehen, ich bin eben im Begriff, ihn in die Liste der Mitarbeiter unserer Zeitung einzuschreiben. Er hat, unter uns gesagt, eine Reihe von Artikeln verfasst, welche einerseits den Schwindel der Ärzte bloßstellen, andererseits in fein satirischer Weise den so sehr überfüllten ärztlichen Beruf in Schutz nehmen und verteidigen. Sie werden sich jetzt gewiss freuen, mit Iris über die Vergangenheit sprechen zu können, ist es nicht so? Mein Engel, zeige unserem guten Freund den Continental Herald und suche ihn zurückzuhalten, bis wir wieder kommen. Vorwärts, Doktor! Auf Wiedersehen, Mr. Mountjoy!«

Sie schüttelten sich wieder die Hände in herzlicher Weise; dem irischen Lord konnte man wirklich nicht widerstehen, wie bereits Mrs. Vimpany versichert hatte.

Die sonderbaren Erfahrungen, die dieser Morgen für Hugh mit sich brachte, sollten aber noch nicht zu Ende sein.

Achtunddreißigstes Kapitel.

Nachdem Mountjoy sich mit der Frau allein sah, deren Reize ihn immer noch fesselten, so grausam sie auch seine Liebe durch ihre Heirat getäuscht hatte, fand er, dass die gesprächige Liebenswürdigkeit des Gatten von der Gattin nachgeahmt wurde. Auch sie war eifrig bemüht, nachdem sich kaum die Tür hinter Lord Harry geschlossen, Hugh zu überzeugen, dass ihre Heirat das glücklichste Ereignis ihres Lebens gewesen sei.

»Werden Sie schlimm von mir denken,« begann sie, »wenn ich eingestehe, dass ich kaum erwartet habe, Sie wiederzusehen?«

»Gewiss nicht, Iris.«

»Bedenken Sie meine Lage,« fuhr sie fort. »Wenn ich daran dachte, wie Sie versucht haben, und zwar in guter Absicht versucht haben, meine Heirat zu verhindern - wie Sie mir die traurigsten Folgen voraussagten, die es haben müsste, wenn ich mein Leben mit dem Harrys verbände, - konnte ich dann noch zu hoffen wagen, dass Sie Hieher kommen würden, um sich selbst zu überzeugen? Lieber und guter Freund, ich habe nichts von den Folgen zu befürchten; Ihre Gegenwart konnte mir niemals willkommener sein, als sie es jetzt ist.«

War es nun dem Vorurteile auf Mountjoys Seite zuzuschreiben oder seiner scharfen und richtigen Beobachtung, - er entdeckte etwas Erkünsteltes und Unnatürliches in dem Ausdrucke ihrer Fröhlichkeit. Aus ihren Augen sprach nicht die ruhige, lichte Wahrheit, welche er in den vergangenen besseren Tagen darin gesehen hatte. Er war auch etwas, aber nur sehr wenig, beleidigt. Die Versuchung, sie daran zu erinnern, dass sein Misstrauen gegen Lord Harry einstens auch von ihr geteilt worden war, erwies sich stärker, als dass seine menschliche Schwachheit Widerstand hätte leisten können.

»Ihr Gedächtnis ist zwar im allgemeinen ausgezeichnet,« sagte er, »aber es scheint jetzt doch nicht mehr so gut zu sein wie früher.«

»Was habe ich denn vergessen?«

»Sie haben die Zeit vergessen, liebe Iris, wo Sie ebenso wie ich vor einer Heirat mit Lord Harry Furcht hegten.« Sie hatte die Antwort darauf sofort bereit.

»O, damals habe ich ihn noch nicht so gut gekannt, wie ich ihn jetzt keime.« Manche Männer würden, wenn sie sich in Mount-joys Lage befunden hätten, durch diese Worte veranlasst worden sein, ihr zu verstehen zu geben, dass ihres Gatten Charakter auch andere Seiten habe, die sie vermutlich noch nicht entdeckt. Aber Hughs liebenswürdige und vornehme Seele war nur einen Augenblick aus der Fassung gebracht, dann gewann er seine schöne Ruhe wieder. Ihr Freund war immer noch ihr wahrer Freund; er sagte nichts mehr über ihre Heirat.

»Alte Gewohnheiten sind nicht abzuschütteln und beiseite zu legen,« fuhr er fort, »ich bin so lange gewohnt gewesen, Ihnen zu raten und zu helfen, dass ich hoffte, Sie würden meine Dienste auch jetzt noch entgegen  nehmen.   Gibt  es denn gar kein Mittel, wodurch ich Sie von der verhassten Gegenwart Mr. Vimpanys befreien könnte?«

»Mein lieber Hugh, ich wollte, Sie hätten Mr. Vimpany nicht erwähnt!« Mountjoy erkannte aus diesen Worten, wie wenig angenehm ihr das angeschlagene Thema sei.

»Nach der Ansicht, welche Sie mir in Ihrem Brief über den Doktor mitgeteilt haben,« sagte er, »hätte ich eigentlich nicht von ihm sprechen sollen.«

Iris sah betrübt zu ihm empor.

»O, Sie sind vollständig im Irrtum, man hat den armen Doktor ganz falsch beurteilt und ich,« - sie schüttelte ihren Kopf und seufzte reumütig - »ich gehöre auch zn denjenigen, die ihm unwissentlich unrecht getan haben. Bitte, fragen Sie meinen Gatten, hören Sie, was er Ihnen sagen kann, und dann werden Sie gewiss auch Mitleid mit Mr. Vimpany haben. Die Zeitung stellt so große Anforderungen an unsere Kasse, dass wir nur wenig zu seiner Unterstützung tun können. Auf Ihre Empfehlung hin würde er sicherlich eine Anstellung oder Beschäftigung finden.«

»Er hat mich schon gebeten, ihm zu helfen, Iris, ich habe es ihm aber rundweg abgeschlagen. Ich kann überhaupt nicht mit Ihrer Meinungsänderung über Mr. Vimpany übereinstimmen.«

»Warum? Vielleicht etwa deswegen, weil er sich von seiner Frau getrennt hat?« »Das ist ein Grund neben verschiedenen anderen,« entgegnete Hugh.

»Sie haben unrecht, wirklich, Sie haben unrecht. Lord Harry kennt Mrs. Vimpany schon seit Jahren, und er sagt - es hat mir, offen gestanden, sehr leid getan, dies hören zu müssen - sie wäre der schuldige Teil.«

Hugh änderte wieder das Gesprächsthema. Die Ursache, die ihn hauptsächlich dazu gebracht hatte, England zu verlassen, war noch nicht berührt worden.

Er kam jetzt auf die Zeitung zu sprechen und auf die schweren pekuniären Opfer, welche das neue Journal schon im voraus gefordert. Er erinnerte Iris daran, dass ihre lange und vertraute Freundschaft ihm das Recht gebe, sich ihrer Sache anzunehmen.

»Ich würde es nicht gewagt haben, meine Meinung darüber auszusprechen,« fügte er hinzu, »wenn ich Sie nicht fragen wollte, ob Lord Harry wegen der Summe, die er zu der Spekulation beisteuern musste, Ihr kleines Vermögen anzugreifen hat.«

»Mein Gatte weigerte sich entschieden, mein Vermögen anzurühren,« antwortete Iris, »aber - wissen Sie, wie edel und ehrenhaft er sich benommen hat?« fuhr sie unvermittelt fort. »Er hat sein Leben versichert, er hat sich die Last aufgeladen, jedes Jahr eine bedeutende Summe Geldes zu zahlen. Und das alles für mich, wenn ich so unglücklich sein sollte - Gott möge mich davor bewahren! - ihn zu überleben.   Glauben Sie da, dass ich hätte so undankbar sein können, als ein großer Anteil an der neuen Gründung zu kaufen war, ihm die günstige Gelegenheit zu rauben, uns ein Vermögen zu erwerben, sobald erst später einmal die Zinsen bezahlt werden? Ich bestand darauf, ihm das Geld zu geben; wir haben uns fast deswegen gestritten, aber Sie wissen ja, wie lieb er ist. Ich sagte zu ihm: Mache mich nicht traurig und böse, und der liebste und beste der Männer ließ mich meinen Willen haben.«

Mountjoy hörte schweigend zu. Wenn er das, was er dachte, ausgesprochen hätte, so würde er Iris nur tödlich beleidigt haben. Alte Gewohnheit aber, wie er gesagt, hatte den Gedanken, sich einzig und allein ihren Interessen zu widmen, zu der alles beherrschenden Idee in seinem Innern gemacht. Er fragte sie, ob sie ihr ganzes Vermögen hingegeben. Als er hörte, dass noch ein Teil vorhanden war, beschloss er, den Versuch zu machen, den Rest ihres Vermögens ihr sicher zu stellen.

»Sagen Sie mir,« fragte er, »haben Sie schon einmal etwas von einer jährlichen Leibrente gehört?« Sie wusste nichts davon. Er setzte ihr genau und vollständig die Art und Weise auseinander, durch die eine geringe Geldsumme im stande sei, ein genügendes Einkommen fürs Leben zu gewähren. Sie machte keine Einwendungen, als er ihr vorschlug, an seinen Anwalt in London schreiben zu wollen, damit dieser die nötigen Schritte tue, ihr eine solche Leibrente zu besorgen. Als er sie jedoch bat, ihm die Summe zu nennen, über welche sie noch verfügen könne, da zögerte Iris und gab keine Antwort.

Jetzt kam Hugh endlich zu dem richtigen Schlüsse.

Es war nur zu ersichtlich, dass die Summe, welche ihr von dem Geld übrig geblieben war, einen so unbedeutenden Betrag ausmachte, dass sie sich schämte, sie zu nennen. Jetzt war auch kein Zweifel mehr vorhanden, dass es nötig sei, ihr zu helfen, und was den Weg anbetraf, auf dem das geschehen sollte, so boten sich Mountjoy weiter keine Schwierigkeiten dar, ausgenommen das einzige Hindernis, welches ihm die junge Frau selbst entgegensetzen konnte. Die Erfahrung hatte ihn jedoch gelehrt, dass er nur sehr vorsichtig und indirekt zu einem Ziel, wie das beabsichtigte, gelangen konnte.

»Sie kennen mich gut genug,« sagte er, »um überzeugt zu sein, dass ich vollständig unfähig bin, irgend etwas zu sagen, was Sie in Verlegenheit setzen oder was nur einen Augenblick ein Missverständnis zwischen uns, die wir so zwei alte Freunde sind, hervorrufen könnte. Wollen Sie mich nicht ansehen, Iris, wenn ich mit Ihnen sprechen möchte?«

Sie blickte immer noch von ihm weg.

»Ich fürchte mich vor dem, was Sie mir sagen wollen,« antwortete sie kühl.

»Dann lassen  Sie   es  mich  sofort  sagen.   In einem Ihrer Briefe, den Sie mir vor langer Zeit geschrieben haben - ich setze nicht voraus, dass Sie sich darauf noch besinnen - haben Sie mir gesagt, dass ich ein eigensinniger Mensch sei, wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hätte. Sie hatten vollkommen recht. Ich habe mir nun jetzt in den Kopf gesetzt, liebe Iris, dass Sie auch diesmal, so wie es immer bisher gewesen ist, bereit sein werden, meinen Rat anzunehmen, und dass Sie mir als einem Geschäftsmann die Erlaubnis geben werden, eine jährliche Leibrente für Sie zu kaufen.«

Sie unterbrach ihn heftig.

»Nein,« schrie sie in leidenschaftlicher Erregung, »ich will kein Wort mehr hören! Glauben Sie denn, dass ich unempfindlich bin für Ihre langjährige uneigennützige Liebe und Güte, die ich niemals verdient habe? Glauben Sie denn, ich könnte vergessen, wie edelmütig Sie mir all das grausame Unrecht verziehen haben, wodurch ich Ihr Leben verbittert habe? Ist es möglich, dass Sie noch erwarten, ich könnte mir von Ihnen Geld borgen?« Sie blickte voll wilder Verzweiflung auf ihre Füße nieder. »Ich erkläre, und Gott sei mein Zeuge, dass ich lieber sterben würde, als dass ich dieses mich erniedrigende und für mich schmähliche Anerbieten Ihrer Güte annehme. Es hat noch keine Frau gelebt, die so viel einem Manne schuldig gewesen wäre wie ich Ihnen - nur kein Geld.   Lieber Hugh, kein Geld, kein Geld!«

Er war zu tief erschüttert, als dass er im stande gewesen wäre, zu ihr zu sprechen, und sie bemerkte es. »Wie schlecht bin ich!« sagte sie vor sich hin; »ich habe ihm weh getan.«

Er hörte diese Worte. Aus reinem Mitgefühl mit ihr - an sich dachte er gar nicht - suchte er sie zu beruhigen. Aber in dem aufgeregten Zustande, in dem sie sich die Selbstvorwürfe machte, war sie nicht geneigt, ihn anzuhören. Sie schritt im Zimmer auf und nieder von dem einen Ende bis zu dem andern und steigerte noch mehr die heftige Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte. Bald tadelte sie sich mit Worten, welche die Schranken durchbrachen, die die gute Lebensart einer Dame setzt, bald aber vergaß sie sich noch in viel traurigerer Weise und brach mit echt weiblicher Sorglosigkeit in unnatürliche Heiterkeit aus.

»Wenn Sie glücklich verheiratet sein wollen,« rief sie, »so seien Sie niemals gegen eine andere Frau so gut, wie Sie es gegen mich gewesen sind! Keine von uns ist es wert. Lachen Sie über uns, Hugh, tun Sie alles, aber glauben Sie uns nur nicht. Wir lügen alle, mein Freund, und ich - ich habe auch gelogen - schamlos gelogen.«

Er versuchte immer wieder, sie zu einer ruhigen Erörterung ihrer Lage zu bewegen.

»Scherzen Sie doch nicht in dieser Weise!« sagte er traurig.

Sie lachte über ihn.

»Scherzen?« wiederholte sie; »was ich sage, ist keine Redensart, es ist ein Bekenntnis.« »Ich wünsche aber ein solches Bekenntnis nicht zu hören.«

»Sie müssen es hören. Sie haben es selbst aus mir herausgelockt. Kommen Sie, wir wollen uns verständigen! Nehmen Sie das Gegenteil von jedem Worte an, das ich soeben über diesen elenden und schlechten Menschen, den Doktor, gesagt habe, und Sie werden das Richtige treffen. Nicht wahr, was ist das für eine furchtbare Inkonsequenz? Ich kann mir aber nicht helfen, ich bin ein unglückliches, unvernünftiges Geschöpf. Ich weiß nicht mehr, was ich will, und das alles meines Gatten wegen. Ich liebe ihn zu sehr. Harry ist so vollständig unschuldig, er ist wie ein guter Junge, er schien gar nicht mehr an Mr. Vimpany zu denken, bis es zwischen ihnen ausgemacht wurde, dass der Doktor hieher kommen und hier bleiben solle, und dann überredete er mich, ich weiß nicht wie, dass ich seinen Freund in einem ganz andern Lichte sah; ich glaubte ihm, und ich glaube ihm noch jetzt, das heißt, ich würde ihm noch jetzt glauben, wenn Sie nicht wären. Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, o, dann sehen Sie mich nicht so mit diesen Augen an, welche nicht lügen können, dann sprechen Sie nicht zu mir mit dieser Stimme, welche mich so bewegt!  O, Gott im Himmel, glauben Sie denn wirklich, ich würde es dahin kommen lassen, dass Sie meinen Mann für einen schlechten Menschen hielten? Niemals! Wenn es auch mein Blut kochen macht, dass ich mit Mr. Vimpany an demselben Tische sitzen und essen muss, so bin ich doch nicht grausam genug, um den lieben Doktor zu tadeln. Meine Leichtfertigkeit, die ist zu tadeln. Wir werden noch in Streit geraten, wenn Sie mir sagen, dass Harry einen Schuft zum Freunde hat. Ich bin glücklich, ich bin glücklich, ich bin glücklich! Verstehen Sie das? O Hugh, ich wünschte, Sie wären niemals hieher gekommen!«

Sie brach in ein leidenschaftliches Weinen aus, ihre Standhaftigkeit sank endlich zusammen unter der Last, die auf ihr ruhte. »Lassen Sie mich gehen, damit ich mich verberge!«

Das war alles, was Iris zu ihrem alten Freunde sagen konnte, bevor sie aus dem Zimmer eilte und ihn allein ließ.


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