Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Eismeer - Kapitel Neun
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Das Eismeer



Kapitel Neun

Crayford berührte seinen Freund an der Schulter, um ihn zu wecken. Wardour schaute auf, ungehalten, mit finsterem Blick.

„ Ich war gerade eingeschlafen“, sagte er. „Warum weckst du mich?“

„ Schau dich um, Richard. Wir sind allein.“

„ Nun – und was ist dabei?“

„ Ich möchte allein mit dir sprechen – und dies ist meine Gelegenheit. Du hast mich heute enttäuscht und überrascht. Warum hast du gesagt, es sei dir alles einerlei, ob du gingst oder bliebest? Warum bist du der einzige Mann unter uns, dem es vollkommen gleichgültig zu sein scheint, ob wir gerettet werden oder nicht?“

„ Kann ein Mann immer einen Grund angeben für das, was seltsam an seinem Verhalten oder seinen Worten ist?“, warf Wardour zurück.

„ Er kann es versuchen“, sagte Crayford ruhig – „wenn sein Freund ihn darum bittet.“

Wardours Verhalten wurde sanfter.

„ Das ist wahr“, sagte er. „Ich werde es versuchen. Erinnerst du dich an die erste Nacht auf See, als wir von England fortsegelten auf der Wanderer ?“

„ So gut, als ob es gestern gewesen wäre.“

„ Eine windstille, ruhige nacht“, fuhr der andere fort, gedankenvoll. „Keine Wolken, keine Sterne. Nichts im Himmel außer dem vollen Mond, und kaum eine kleine Welle, die den Pfad aus Licht brach, den er im stillen Wasser bildete. Du kamst an Deck, und fandest mich allein vor.“

Er hielt inne. Crayford nahm seine Hand und beendete den Satz für ihn.

„ Allein – und unter Tränen.“

„ Die letzten, die ich jemals vergossen haben werde“, fügte Wardour bitter hinzu.

„ Sag das nicht! Es gibt Zeiten, da ein Mann wirklich zu bemitleiden ist, wenn er keine Tränen vergießen kann. Fahr fort, Richard.“

Wardour fuhr fort, zu sprechen – noch immer den alten Erinnerungen folgend, noch immer seinen sanfteren Tonfall beibehaltend.

„ Mit jedem anderen Mann, der mich in jenem Moment überrascht hätte, hätte ich Streit angefangen“, sagte er. „Da war etwas, ich vermute, in deiner Stimme, als du mich um Verzeihung batest, mich zu stören, das mein Herz erweichte. Ich erzählte dir, daß ich eine Enttäuschung erlitten hatte, die mich für mein Leben gebrochen hat. Es gab keine Notwendigkeit, Weiteres zu erklären. Das einzige hoffnungslose Elend auf dieser Welt ist das Elend, das Frauen verursachen.“

„ Und die einzige ungetrübte Glückseligkeit“, sagte Crayford, „ist die Glückseligkeit, die Frauen bringen.“

„ Das mag deine Erfahrung mit ihnen sein“, antwortete Wardour; „meine ist anders. All die Hingabe, die Geduld, die Demut, die Verehrung, die es in einem Mann gibt, legte ich einer Frau zu Füßen. Sie nahm das Angebot an, wie Frauen es tun – nahm es an, leichthin, anmutig, gefühllos – nahm es an als eine Selbstverständlichkeit. Ich verließ England, um eine hohe Stellung in meinem Dienst zu erringen, bevor ich es wagte, sie zu gewinnen. Ich trotzte Gefahren, und blickte dem Tod ins Auge. Ich setzte mein Leben aufs Spiel in den Fiebersümpfen von Afrika, um die Beförderung zu erlangen, die ich nur ihretwegen begehrte – und bekam sie. Ich kehrte zurück, um ihr alles zu geben, und nichts weiter dafür zu verlangen als mein müdes herz im Sonnenschein ihres Lächelns auszuruhen. Und ihre eigenen Lippen – die Lippen, die ich beim Abschied geküßt habe – teilten mir mit, daß ein anderer Mann sie mir geraubt hatte. Ich sagte nur wenige Worte, nachdem ich dieses Geständnis gehört hatte, und verließ sie für immer. ‚Möglicherweise kommt der Zeitpunkt’, sagte ich zu ihr, ‚da ich dir vergeben werde. Doch der Mann, der dich mir geraubt hat, wird den Tag bereuen, als du und er euch zum ersten Mal begegnet seid.’ Frag mich nicht, wer er war! Ich muß ihn erst noch ausfindig machen. Der Verrat war geheimgehalten worden; niemand konnte mir sagen, wo ich ihn finden konnte; niemand konnte mir sagen, wer er war. Was hat es ausgemacht? Nachdem ich die erste Qual durchlebt hatte, konnte ich auf mich selbst vertrauen – ich konnte geduldig sein, und meinen Zeitpunkt abwarten.“

„ Deinen Zeitpunkt? Welchen Zeitpunkt?“

„ Der Zeitpunkt, wenn ich und dieser Mann uns von Angesicht zu Angesicht begegnen werden. Ich habe es damals gewußt; ich weiß es jetzt – es war damals auf mein Herz geschrieben, es ist jetzt auf mein Herz geschrieben – wir beide werden uns begegnen und einander erkennen! Mit dieser starken Gewißheit in mir habe ich mich freiwillig für diesen Dienst gemeldet, wie ich mich freiwillig für alles gemeldet hätte, das Arbeit und Härte und Gefahr wie Schutzwälle zwischen mein Elend und mich stellt. Mit dieser starken Gewißheit, die noch immer in mir ist, sage ich dir, daß es egal ist, ob ich hier bei den Kranken bleibe oder fortgehe mit den Starken. Ich werde überleben, bis ich diesem Mann begegnet bin! Es ist ein Tag der Abrechnung zwischen uns festgesetzt worden. Hier in der eisigen Kälte, oder fern in der tödlichen Hitze; im Gefecht oder im Schiffswrack; im Angesicht des Verhungerns; unter dem Schatten der Pestilenz – Ich, obgleich Hunderte um mich herum fallen, ich werde überleben. Überleben für den Anbruch des einen Tages! Überleben für die Begegnung mit dem einen Mann!“

Er hielt inne, zitternd, Körper und Seele, unter dem Griff, mit dem sein eigener schrecklicher Aberglaube sich an ihn geklammert hatte. Crayford zog sich zurück in stillem Grausen. Wardour bemerkte die Bewegung – er verübelte es ihm – er appellierte, in Verteidigung seiner einzigen Überzeugung, an der er festhielt, an Crayfords eigene Erfahrung mit ihm.

„ Sieh mich an!“, rief er. „Sieh, wie ich gelebt habe und gediehen bin mit dem Kummer, der zu Hause an mit nagt, und den Winden des eisigen Nordens, die hier um mich herum pfeifen! Ich bin der stärkste Mann unter euch. Warum? Ich habe mich durch Härten gekämpft, welche die abgehärtetsten Männer unserer gesamten Abteilung niedergestreckt haben. Warum? Was habe ich getan, daß meine Lebenskraft tapfer durch jede Ader meines Körpers pulsiert, in dieser Minute, und an diesem tödlichen Ort, wie sie es immerzu in den wohltuenden leichten Winden zu Hause getan hat? Wofür bin ich aufbewahrt? Ich sage es dir noch einmal, für die Ankunft eines bestimmten Tages – für die Begegnung mit einem bestimmten Mann.“

Er machte abermals eine Pause. Diesmal sprach Crayford.

„ Richard!“, sagte er, „seit wir uns das erste Mal begegneten, habe ich an dein besseres Wesen geglaubt, entgegen allem äußeren Anschein. Ich habe an dich geglaubt, fest, ehrlich, wie es dein Bruder getan hätte. Du stellst diesen Glauben auf eine harte Probe. Wenn ein Feind von dir mir gesagt hätte, daß du jemals so gesprochen hättest, wie du jetzt sprichst, daß du jemals so ausgesehen hast, wie du jetzt aussiehst, hätte ich ihm den Rücken zugewandt wie jemandem, der einen redlichen, einen tapferen, einen aufrichtigen Mann niederträchtig verleumdet. Oh!, mein Freund, mein Freund, wenn ich jemals etwas Gutes von dir verdient habe, dann verbanne diese Gedanken aus deinem Herzen! Sieh mich wieder an mit dem unbefleckten Blick eines Mannes, der den blutigen Aberglauben der Rache unter seinen Füßen zertrampelt hat und sie nicht mehr kennt! Laß niemals, niemals den Zeitpunkt kommen, an dem ich dir meine Hand nicht mehr so darbieten kann, wie ich sie dir jetzt darbiete, dem Mann, den ich noch immer hochschätzen kann – dem Bruder, den ich noch immer lieben kann!“

Das Herz, das keine andere Stimme berühren könnte, fühlte diesen Appell. Die wilden Augen, die harte Stimme, wurden unter Crayfords Einfluß sanft. Richard Wardours Kopf sank auf seine Brust.

„ Du bist freundlicher zu mir, als ich es verdiene“, sagte er. „Sei noch freundlicher und vergiß, worüber ich gesprochen habe. Nein! nichts mehr über mich; ich bin es nicht wert. Wir werden das Thema wechseln und niemals wieder darauf zurückkommen. Laß uns etwas tun. Arbeit, Crayford – das ist das wahre Elixier unseres Lebens! Arbeit, welche die Muskeln dehnt und das Blut zum Glühen bringt. Arbeit, die den Körper ermüdet und den Geist ruhen läßt. Gibt es keine Arbeit, die ich tun kann? Nichts zu zerschneiden? Nichts zu tragen?“

Die Tür öffnete sich, als er die Frage stellte. Bateson – dem angeordnet wurde, Franks Bettstatt zu Brennholz zu zerhacken – erschien pünktlich mit seiner Axt. Ohne ein Wort der Warnung schnappte Wardour dem Mann die Axt aus der hand.

„ Wofür wurde die benötigt?“ fragte er.

„ Um Mr. Aldersleys Koje dort zu Feuerholz zu zerlegen, Sir.“

„ Ich werde es für Sie tun! Ich werde es im Handumdrehen erledigt haben!“ Er wandte sich um zu Crayford. „Du brauchst nicht besorgt um mich zu sein, alter Freund. Ich werde das richtige tun. Ich werde meinen Körper ermüden und meinen Geist ruhen lassen.“

Der böse Geist in ihm war offensichtlich bezwungen – für den Augenblick wenigstens. Crayford nahm schweigend seine Hand, und überließ ihn dann (gefolgt von Bateson) seiner Arbeit.


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