Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Minna und der Reitknecht - Kapitel 2
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Fräulein Minna und der Reitknecht



II.

Wenn ich an die väterliche Güte des guten Generals gegen mich denke, so bin ich in der Tat in Verlegenheit, so über ihn zu schreiben, wie es die Gerechtigkeit erfordert. Um die Wahrheit zu gestehen – die Tränen treten mir in die Augen und die Zeilen verschwimmen so wirr ineinander, dass ich sie selbst nicht lesen kann. Was meine Beziehungen zu meiner Tante betrifft, so ist es nur die Wahrheit, wenn ich sage, dass sie ihre Pflichten gegen mich ohne die geringste Anmaßung und in der liebenswürdigsten Weise erfüllte.

In einem Alter von nahezu fünfzig Jahren war Frau Claudia noch immer eine bewunderte Frau, obgleich sie den einen Reiz, der sie vor meiner Zeit auszeichnete – den Reiz einer vollendet schönen Gestalt – verloren hatte. Mit schönem Haar und ausdrucksvollen Augen war sie sonst eine einfache Frau. Ihre anspruchslose Gewandtheit und ihre bezaubernden Manieren waren ohne Zweifel die Eigenschaften, welche sie überall beliebt machten. Wir stritten niemals miteinander. Nicht dass ich immer liebenswürdig gewesen wäre, nein, deshalb nicht, sondern weil meine Tante dies nicht geduldet haben würde. Sie behandlete mich, wie sie ihren Gatten behandelte, mit vollendetem Takte. Mit gewissen gelegentlichen Zurechtweisungen leitete sie den General in unbeschränkter Weise. Die Eigenheiten seines Charakters machten ihn zu einem Manne, der sich von einer gewandten Frau leicht beherrschen ließ. Obwohl sie seiner Meinung dem Anscheine nach zustimmte, brachte es Frau Claudia am Ende doch gewöhnlich fertig, ihren eigenen Weg zu gehen. Ausgenommen wenn er in seinem Klub war, glücklich in seinem Klatsch, bei seinem guten Mittagsmahl und seinem Whist, lebte mein vortrefflicher Oheim unter einem Despotismus, aber in der glücklichen Täuschung, dass er Herr in seinem Hause sei.

So glücklich und angenehm mein Leben auch im Äußeren erschien, so hatte es für ein junges Mädchen doch auch seine düstere Seite.

Im gewöhnlichen Verlaufe unseres Lebens, demjenigen reicher Leute im höheren Stande, gab es nichts, was die Entwicklung besserer Fähigkeiten, die in mir vorhanden sein mochten, fördern konnte. So aufrichtig ich auch meinen Oheim liebte und bewunderte, so konnte er doch weder seinem Alter, noch seinem Charakter nach der erwähnte Vertraute meiner geheimsten Gedanken, der Freund meines innersten Herzens sein, der mir zeigen konnte, wie am besten und am meisten Vorteil aus meinem Leben zu ziehen sei. Unter Freunden und Verehrern in Menge hatte ich nicht einen gefunden, der diese Stellung zu mir hätte behaupten können. Mitten in der Gesellschaft war ich, ohne es zu wissen, ein einsames Wesen.

Wie ich mich erinnere, so waren die Stunden die glücklichsten, in welchen in Zuflucht zur Musik und zu meinen Büchern nahm. Außerhalb des Hauses war das Reiten meine einzige immer willkommene und immer neue Zerstreuung. Ohne falsche Bescheidenheit darf ich erwähnen, dass ich sowohl Liebhaber als auch Bewunderer hatte, aber nicht einer von ihnen machte einen Eindruck auf mein Herz.

In allem, was sich auf mein zarteres Gefühl, wie es genannt wird, bezog, war ich ein verschlossenes Wesen. Der Einfluss, den Männer auf Frauen haben, nur weil sie Männer sind, war mir wirklich und wahrhaftig ein Geheimnis. Ich schämte mich meiner eigenen Kälte – ich versuchte, ja ich versuchte es ehrlich, anderen Mädchen nachzuahmen, und mein Herz in der Gegenwart des einen auserwählten Mannes schlagen zu fühlen. Es war unmöglich. Wenn ein Mann mir die Hand drückte, fühlte ich es in meinen Ringen, nicht in meinem Herzen.

Nachdem ich diese Geständnisse gemacht habe, bin ich mit der Vergangenheit fertig und kann nun die Ereignisse erzählen, von denen meine Freundinnen behauptet haben, dass sie eine „anstößige Geschichte“ bildeten.


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