Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Herr Lismore und die Witwe - Kapitel 2
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Herr Lismore und die Witwe



II.

Am nächsten Tage trat ein Schreiber in das bei dem Geschäftszimmer befindliche Privatgemach Lismores und überreichte eine Visitenkarte. Frau Callender war zu einem Entschlusse gekommen. Unter ihren Namen hatte sie die erklärenden Worte geschrieben: »In einer wichtigen Angelegenheit.«

»Sieht sie aus, als ob sie Geld nötig hätte?« fragte Lismore.

»O nein! Sie kommt zu Wagen.«

»Ist sie jung oder alt?«

»Alt! Gnädiger Herr.«

Es war dieser Umstand Lismore gegenüber, welcher sich des unheilvollen Einflusses, der bisweilen auf geschäftige Menschen durch Jugend und Schönheit ausgeübt wurde, bewusst war, eine Empfehlung und er sagte: »Führe sie herein!«

Indem er die eintretende Dame mit der Neugier eines Fremden beobachtete, bemerkte er, dass sie noch Spuren von Schönheit bewahrte. Sie war auch dem Missgeschickt entgangen, welches bei Leuten ihres Alters häufig eintritt, dass sie zu wohlbeleibt werden. Sogar in den Augen eines Mannes schien ihre Putzmacherin allen möglichen Vorteil aus jenem günstigen Umstande gezogen zu haben, und hatte die Mängel ihres Äußeren verheimlicht, dagegen die noch verbleibenden Vorzüge ihrer Gestalt hervortreten lassen. Dabei hatte sie die gewöhnlichen Täuschungen verschmäht, durch welche manche Frauen ihr Alter zu verheimlichen suchen. Sie trug ihr eigenes graues Haar und ihre Gesichtsfarbe vertrug die Probe des Tageslichtes.

Als sie in das Zimmer trat, entschuldigte sie sich in einiger Befangenheit. Da dies die Verlegenheit einer Fremden, und nicht einer jugendlichen Fremden war, so verfehlte sie, auf Lismore einen günstigen Eindruck zu machen.

»Ich fürchte, dass ich eine unpassende Zeit für meinen Besuch gewählt habe«, begann sie.

»Ich stehe zu Diensten«, antwortete er ein wenig steif, »besonders wenn Sie so gütig sein wollen, Ihre Angelegenheit in wenigen Worten darzulegen.«

Sie war eine kluge Frau, und diese Antwort musste sie eigentümlich berühren. »Ich will sie in einem Worte erwähnen«, sagte sie mit schärferer Betonung, »mein Geschäft ist – Dankbarkeit.«

Er konnte durchaus nicht verstehen, was sie meinte und gestand dies offen. Anstatt eine Erklärung zu geben, richtete sie die Frage an ihn: »Erinnern Sie sich der Nacht des 11. März vor fünf oder sechs Jahren?«

Er dachte einen Augenblick nach. »Nein«, sagte er, »ich erinnere mich ihrer nicht. Entschuldigen Sie, Frau Callender, ich habe meine eigenen Angelegenheiten, die mir einige Besorgnis bereiten.«

»Lassen Sie mich Ihr Gedächtnis unterstützen, Herr Lismore, und dann will ich Sie Ihren Geschäften überlassen. An dem erwähnten Tage waren Sie auf dem Wege nach der Eisenbahnstation Bexmore, um den Nachtschnellzug aus dem Norden nach London zu erreichen.«

Als ein Wink, dass seine Zeit wertvoll sei, war der Schiffseigner bisher stehen geblieben. Jetzt nahm er seinen Sitz wieder ein und begann sie mit Interesse anzuhören. Frau Callenders Worte hatten schon ihre Wirkung hervorgebracht.

»Sie mussten durchaus um 9 Uhr des folgenden Morgens«, fuhr sie fort, »an Bord Ihres Schiffes in den Londoner Docks sein. Wenn Sie den Schnellzug versäumt hätten, würde das Schiff ohne Sie abgesegelt sein.«

Der Ausdruck seines Gesichts zeigte offenbare Überraschung. »Von wem wissen Sie das?« fragte er.

»Sie sollen es bald hören. Auf dem Wege in die Stadt wurde Ihr Wagen durch ein Hindernis auf der Landstraße angehalten. Die Leute von Bexmore standen vor einem brennenden Hause.«

Er sprang auf. »Guter Himmel! Sind Sie die Dame?«

Sie erhob ihre Hand, um sich spöttisch hiergegen zu verwahren.

»Sache! Mein Herr! Sie argwöhnten eben, dass ich Ihre kostbare Zeit unnütz in Anspruch nehme. Schließen Sie nicht zu eilig, dass ich die Dame bin, bsi Sie finden, dass ich mit den betreffenden Umständen genau bekannt bin.«

»Gibt es keine Entschuldigung dafür, dass ich nicht imstande war, Sie wiederzuerkennen?« fragte Lismore. »Wir waren auf der dunklen Seite des brennenden Hauses, Sie fielen in Ohnmacht und ich« --

»Und Sie waren, nachdem Sie mich mit Gefahr Ihres eigenen Lebens gerettet hatten, taub gegen die Bitten meines armen Gemahls, der Sie bat, doch zu warten, bsi ich meine Besinnung wieder erlangt hätte.«

»Ihr armer Gemahl? Er erlitt doch wohl durch das Feuer keinen ernstlichen Schaden?«

»Der Feuerwehrmann rettete ihn aus der Gefahr«, entgegnete sie, »aber bei seinem hohen Alter erlag er einem Schlaganfall. Ich habe den liebevollsten, besten Mann verloren. Erinnern Sie sich, wie Sie von ihm weggingen, versengt und geschunden durch meine Rettung? Er redete oft in seiner letzten Krankheit davon. Nennen Sie mir wenigstens, sagte er zu Ihnen, den Namen des Mannes, welcher meine Frau vor einem schrecklichen Tode bewahrt hat. Sie warfen ihm Ihre Karte aus dem Wagenfenster zu und fuhren im Galopp davon, um Ihren Zug zu erreichen. In all den Jahren, die seitdem vergangen sind, habe ich jene Karte aufbewahrt und vergebens nach meinem braven Schiffskapitän geforscht. Gestern sah ich Ihren Namen auf der Rednerliste in Mansionhouse. Brauche ich noch zu sagen, dass ich der Versammlung beiwohnte? Muss ich Ihnen jetzt noch erklären, warum ich hierher komme und Sie in Ihren Geschäftsstunden störe?«

Sie hielt ihm ihre Hand hin. Lismore nahm sie schweigend und drückte sie mit Wärme.

»Sie sind noch nicht mit mir fertig!« fing sie lächelnd wieder an; »erinnern Sie sich, was ich von einem Auftrag sagte, als ich eintrat?«

»Sie sagten, es sei ein Auftrag der Dankbarkeit.«

»Etwas mehr als eine Erkenntlichkeit, die nur sagt: Ich danke Ihnen. Indessen ehe ich mich erkläre, möchte ich wissen, wie es Ihnen nach jener schrecklichen Nacht gegangen ist und wie es kam, dass meine Nachforschungen, Sie aufzufinden, vergeblich waren.«

Die Spur von Niedergeschlagenheit, welche Frau Callender in der Versammlung bemerkt hatte, zeigte sich wieder in Lismores Gesicht. Er seufzte, als er antwortete: »Meine Geschichte hat einen Vorzug, sie ist bald erzählt. Ich kann mich nicht wundern, dass es Ihnen nicht gelang, mich zu entdecken. Zunächst war ich damals nicht Kapitän meines Schiffes, ich war nur Gehilfe. Dann erbte ich einiges Geld und hörte innerhalb Jahresfrist auf, das Leben eines Seemannes zu führen. So konnten Sie mich wohl schwerlich auffinden. - Mit einem kleinen Kapital fing ich erfolgreich ein Geschäft als Schiffseigner an. Damals wünschte ich mir natürlich zu meinem Erfolge Glück. Aber wir wissen wenig, was die Zukunft uns vorbehält.«

Er hielt inne. Seine schönen Gesichtszüge verfinsterten sich, als ob er Schmerz erdulde oder ihn verheimliche. Bevor Frau Callender ein Wort erwidern konnte, pochte es an die Tür.

Noch ein Besucher ohne vorherige Ankündigung! Der Schreiber erschien wieder mit einer Karte und einer Meldung.

»Der Herr bittet, ihn zu empfangen! Er hat Ihnen etwas mitzuteilen, was keinen Aufschub erleidet.«

Frau Callender erhob sich.

»Es ist für heute genug, dass wir einander verstehen«, bemerkte sie. »Haben Sie morgen nach Schluss der Geschäftszeit irgendwelche Verbindlichkeit?«

»Keine.«

Sie zeigte auf ihre Karte, die auf dem Schreibtisch lag.

»Wollen Sie morgen abend unter jener Adresse zu mir kommen? Ich bin wie der Herr, welcher eben vorgesprochen hat. Auch ich habe meine Gründe, Sie zu sprechen.«

Er nahm die Einladung bereitwillig an.

Frau Callender hielt ihn zurück, als er ihr die Tür öffnete.

»Werde ich Sie beleidigen«, sagte sie, »wenn ich eine sonderbare Frage an Sie richte, ehe ich gehe? Es ist ein besserer Beweggrund als bloße Neugier. Sind Sie verheiratet?«

»Nein.«

»Verzeihen Sie nochmals«, begann sie wieder, »bei meinem Alter können Sie mich unmöglich missverstehen und doch -«

Sie zögerte. Lismore suchte sie zu ermutigen.

»Bitte, halten Sie sich nicht mit Komplimenten auf, Frau Callender. Keiner Ihrer Wünsche bedarf einer vorausgehenden Entschuldigung.«

So ermutigt, wagte sie fortzufahren.

»Sie könnten sich aber zu heiraten verbindlich gemacht haben«, sagte sie leise, »oder in jemand verliebt sein?«

Er konnte unmöglich seine Überraschung verhehlen. Aber er antwortete ohne Zögern. »Ich habe keine so glänzenden Aussichten in meinem Leben«, sagte er, »ich bin nicht einmal verliebt.«

Sie verließ ihn mit einem schwachen Seufzer. Er klang wie ein Seufzer der Erleichterung.

Ernst Lismore war vollständig verwirrt. Was konnte der Zweck der alten Dame sein, zu ermitteln, ob er noch frei von einer Heiratsverpflichtung war? Wenn ihm dieser Gedanke früher gekommen wäre, hätte er auf ihr häusliches Leben anspielen und fragen können, ob sie Kinder habe. Mit ein wenig Takt hätte er noch mehr als dies erfahren können. Ihre Gefühle gegen ihn überschritten nach ihren Bemerkungen die gewöhnlichen Grenzen der Dankbarkeit, und sie war offenbar reich genug, um über den Verdacht einer gewinnsüchtigen Absicht erhaben zu sein. Beabsichtigte sie, jene traurigen Aussichten aufzuhellen, auf welche er angespielt hatte, als er von seinem eigenen Leben sprach? Wenn er sich in ihrem Hause am nächsten Abend einfinde, würde sie ihn einer reizenden Tochter vorstellen? Er lächelte, als ihm der Gedanke einfiel. »Eine passende Zeit, an eine Heirat zu denken«, sagte er zu sich selbst, »im nächsten Monat kann ich ein zu Grunde gerichteter Mann sein.«


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