Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Erster Band - Fünftes Kapitel - Das Abenteuer
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Fünftes Kapitel - Das Abenteuer

Im Herbste 1838 hatte die Krankheit der Madame Blyth, ihre letzte und dauernde Form angenommen, von der sie nachher niemals wieder verschieden war. Sie litt jetzt wenig wirkliche Schmerzen, ausgenommen wenn sie die liegende Stellung verließ. Die allgemeine Schwäche und Desorganisation, welche durch ein fast ausschließliches Verbleiben in ein und derselben Lage hervorgebracht wurde, hatte sogar zu dieser frühen Periode angefangen, traurige Veränderungen in ihrer persönlichen Erscheinung herbeizuführen. Valentin tat niemals, als ob er bemerkte, dass eine Veränderung mit ihr vorgegangen sei; seine Güte war gerade so liebevoll, so freiwillig und so beharrlich, wie sie nur immer in den glücklichen Tagen ihrer Verheiratung gewesen war. Mit einer solchen Ermutigung besaß Lavinia den Heroismus, jede Last geduldig zu ertragen und war selbst im Stande, da Hilfsquellen der Glückseligkeit für sich zu finden, wo andere nichts als Ursachen des Kummers entdeckten.

Ihr Wohnzimmer war durch Valentins sich selbstverleugnenden Fleiß schon besser als irgend ein anderes Zimmer im Hause möbliert, aber es zeigte bei weitem noch nicht jenen erhöhten Luxus und vollkommenen Geschmack, welchen es in spätern Jahren darbot.

Der reizende kleine Bücherschrank von Ahornholz und Elfenbein mit den hübsch eingebundenen Büchern, welche mit so glänzenden Titeln auf den Rücken prangten, war zuverlässig schon im Jahre 1838 da, und dies wäre wohl sicherlich auch nicht der Fall gewesen, wenn Herr Blyth nicht einen guten Auftrag erhalten hätte, den er im Anfang auszuführen zögerte. Er hatte in der Tat diesen Bücherschrank in dem Magazine des Möbelhändlers betrachtet, aber er war fast resigniert, ihn als einen verbotenen Schatz zu betrachten, welchen zu erlangen seine Mittel durchaus nicht hinreichten, wäre er nicht einem Rufe, auf dem Lande zu malen, gefolgt, dem er in Anbetracht seiner Frau sehr ungern gehorchte.

Nach wiederholter Überlegung jedoch gab ihm der Gedanke seines künftigen Stolzes und Vergnügens, den kleinen, reizenden Bücherschrank in Laviniens Zimmer zu sehen, endlich einen Grund zur Abreise an die Hand, welcher sein Widerstreben, sich auf eine kurze Zeit von seiner kranken Frau zu trennen, besiegte. Nachdem er einmal zu diesem Entschlusse gekommen war, schrieb er sogleich zwei Billets, das eine, um den neuen Bücherschrank zu bestellen, das andere, um sich durch die Annahme seiner Einladung auf das Land die Mittel zur Bezahlung desselben zu sichern.

Diese Einladung hatte er von einem geistlichen Freunde, dem hochwürdigen Doktor Joyce, Rektor von St. Judy in der großen ackerbautreibenden Stadt Rubbleford erhalten. Valentin hatte eins von des Doktors kleinen Kindern, als dieser mit seiner Familie in London war, in Wasserfarben gezeichnet, und diese Zeichnung wurde von dem Geistlichen bei seiner Rückkehr allen Nachbarn gezeigt. Obgleich nun Herr Blyth in der Anfertigung von den Portraits Erwachsener nicht sehr glücklich war, so gelangen ihm dennoch diejenigen von kleinen Kindern stets vortrefflich. Er malte sie mit den offensten Augen, den vollsten roten Wangen, dem heitersten, gutmütigsten Lächeln und mit den reinsten, weißesten Mützen, die jemals auf dem Papiere gesehen wurden. Wenn Väter oder deren männliche Freunde selten die Treue seiner Ähnlichkeiten würdigten, so erstatteten ihm Mütter und Kindermädchen beständig Ersatz für ihren Mangel an Geschmack. Das schöne Geschlecht belobte einstimmig die Valentinschen Kinderportraits und sobald sie dieselben sahen, riefen sie mit ausgelassener Freude aus, dass in der Darstellung der hübschen, lieben kindlichen Unschuld noch niemals ein Maler gelebt habe, der mit Herrn Blyth verglichen werden könne.

Hieraus folgte natürlich von selbst, dass die Ausstellungen von des Doktors Zeichnung an Ort und Stelle selbst Valentin viele Aufträge zur Anfertigung von Kinderportraits verschaffen musste. Drei dort wohnende Familien entschlossen sich sogleich., die Portraits ihrer Kinder von Valentin anfertigen zu lassen, wenn sich der Maler nur zu diesem Zwecke zu ihnen begeben wollte. Ein alter unverheirateter Gutsbesitzer stellte ihm ebenfalls einen Auftrag anderer Art in Aussicht. Dieser Herr kam durch eine Logik, zu deren Enthüllung wir keine Hoffnung haben, zu dem Schlusse, dass ein Mann, welcher vortrefflich Kinder malte, auch notwendigerweise ein ausgezeichneter Pferdemaler sein müsste, und entschied sich daher, dass Valentin seine berühmte Mutterstute malen sollte.

Als Doktor Joyce seinem Freunde diese Aufträge mitteilte, fügte er auch selbst einen hinzu, indem er Herrn Blyth ersuchte, dass er ihm das Bild seines Lieblingsvikars malen möchte, welcher, obgleich sehr schwach und schwindsüchtig, im Begriff war, sich einer Mission nach dem Kap anzuschließen, und den er in diesem Leben nicht wiederzusehen befürchtete.

Hier gab es also fünf Aufträge, welche, obgleich Valentin billig arbeitete, genug einbringen würden, um nicht nur den neuen Bücherschrank, sondern auch einige neue Bücher dafür bezahlen zu können.

Nachdem er seine Frau der Sorgfalt zweier von ihren Schwestern anvertraut hatte, welche die strenge Weisung empfingen, das Haus nicht vor seiner Rückkehr zu verlassen, reiste Herr Blyth sogleich zum Rektor, und einmal dort fing er an, die Kinder mit so vielem Eifer und so vieler Heiterkeit zu malen, dass er sogleich die Herzen der Mütter und Kindermuhmen gewann und in wenigen Tagen eine große Berühmtheit in Rubbleford erlangte. Als er nun die Kinder zur Bewunderung aller gemalt hatte, nahm er den Vikar in Angriff und schuf eine betrübende Ähnlichkeit des unglücklichen Mannes. Sobald diese letzte Arbeit vollkommen beendet war, ging Valentin an seine noch übrige, aber schwierigste Arbeit, die Mutterstute des unverheirateten Gutsherrn unsterblich zu machen.

Hier hatte er vielen Verdruss. Der jagdliebende Herr sah ihm beim Malen zu und sprach zu seinem Schrecken mit ihm vom Stammbaum des Pferdes; er wollte das Tier in einer höchst unmalerischen Manier dargestellt haben, ohne Zulassung von Farbenton, Luft und Schatten oder irgend einer besonderen künstlerischen Verschönerung. Kurz und gut, der Gutsherr wollte ein Schild und kein Bild, und erhielt zuletzt, was er verlangte, nach seiner Herzenslust.

Als Valentin eines Abends von dem Hause des Gutsherrn nach der Wohnung des Rektors zurückkehrte, wurde in der Hauptstraße von Rubbleford plötzlich seine Aufmerksamkeit durch einen an eine verfallene Mauer geklebten Anschlagzettel erregt.

Er trat sogleich zu dem Haufen Bauern, welche sich um den vielfarbigen und prächtigen Papierbogen versammelt hatten, und las am obersten Ende desselben in ungeheuer großen blauen Buchstaben: »Jubbers Zirkus, das achte Wunder der Welt.« Dann kam etwas kleine Schrift, welche niemand zu lesen unterließ. Unter dieser kleinen Schrift aber erschien eine vollkommene Milchstraße von geschnörkelten purpurroten Buchstaben, welche aller Augen fesselten, und benachrichtigte das Publikum, dass zur Kunstreitergesellschaft gehöre: »Fräulein Florinda Belverley, bekannt, wo die englische Sprache nur immer gesprochen wird, als die amazonische Kaiserin des Reiches der Kunstreiterei.« Dieser Anzeige folgten die Namen von unbedeutenderen Mitgliedern der Gesellschaft, ein Programm der heutigen Vorstellung, Zeugnisse aus den Provinzialzeitungen, bildliche Darstellungen von Herren mit dicken Waden und beflitterten Trikots und von Damen mit lächelnden Gesichtern, aufgeschürften Unterröcken und Pirouetten schlagenden Beinen. Alles dies wurde sorgfältig von Herrn Blyths Nachbarn angestaunt; aber er selbst ließ es unbeachtet. Sein Auge hatte am Fuße des Anschlagzettels etwas bemerkt, das sogleich seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

An dieser Stelle erschienen die roten Buchstaben wieder und bildeten die folgenden Worte und Zeichen der Bewunderung:

Der geheimnisvolle Findling!

zehn Jahr alt!

gänzlich taubstumm!

Darunter kam eine Erklärung dessen, worauf sich die roten Buchstaben bezogen, was nicht weniger als drei Paragraphen von dicker kleiner Schrift ausmachte, deren Worte Valentin gierig verschlang. Sie lauteten:

»Herr Jubber, Eigentümer des berühmten Circus, hat die Ehre, den hohen und niedern Adel und das geehrte Publikum zu benachrichtigen, dass das oben erwähnte taubstumme Wunderkind zwischen dem ersten und zweiten Teile der Abendvorstellungen erscheinen wird. Herr J. hat sich die Freiheit genommen, dieses Wunder der Natur den geheimnisvollen Findling zu nennen, da niemand seinen Vater kennt und seine Mutter bald nach seiner Geburt starb, ihn der Sorgfalt der Kunstreitergesellschaft überlassend, die bei ihm von dieser Zeit an die Stelle von liebevollen Eltern und Vormündern vertreten hat.

Dieses wunderbare Mädchen wurde in den frühern Annalen des Jubberschen Zirkus ursprünglich als das achte Wunder der Welt oder als das Kind der Windsbraut der Wüste dargestellt. In diesem Charakter erschien sie in ihrem siebenten Jahr, in die Luft gehalten von der Hand des Muley Ben Hassan, des berühmten Teufelsreiters der Sahara, in seinem kühnsten Wagnis der Reitkunst, wie es zum Schrecken und Erstaunen von ganz England in Jubbers Zirkus ausgeführt wurde. Zu jener Zeit konnte sie vollständig hören und sprechen; aber Herr J. bedauert schmerzlich, mitteilen zu müssen, dass sie bald nachher von einem schrecklichen Unfalle heimgesucht wurde. Nicht durch die Schuld des Teufelsreiters, der sich niemals in seinem Leben irrte, und der seinen Gefühlen bei dem Resultate des obenerwähnten schrecklichen Unfalls erliegend, mürrisch und mit gebrochenem Herzen nach seinem wilden Vaterlande zurückgekehrt ist, entglitt sie seiner Hand, während der feurige, aber menschlich fühlende Araber drei galoppierende Pferde bestiegen hatte, und fiel, - es ist schrecklich zu erzählen - außerhalb der Barriere, auf den mit Brettern belegten Fußboden des Zirkus. Man hielt sie für tot. Herr Jubber schickte sogleich nach dem Arzte, derselbe fand sie jedoch noch am Leben und schiente nur ihren Arm, der gebrochen war! Man entdeckte erst nachher, dass sie das Gehör gänzlich verloren hatte. Unter diesen traurigen Umständen fand man auch bald, dass ihr die Fähigkeit zum Sprechen gänzlich fehlte, und sie ist daher jetzt gänzlich taubstumm; aber Herr Jubber freut sich sagen zu können, dass sie trotzdem ganz heiter und gesund ist.

Da Herr Jubber selbst der Vater einer Familie ist, so wagt er zu hoffen, dass diese kleinen Details bei einem intelligenten, mitfühlenden und wohlwollenden Publikum einige Teilnahme erregen werden. Zum Schlusse will er nur noch einfach bemerken, dass die Darstellungen des geheimnisvollen Findlings eine bis jetzt noch unerreichte Vollkommenheit in der Taschenspielerkunst, in den unergründlichsten Kartenkunststücken, welche ursprünglich das Resultat der verwickeltsten Berechnungen des berühmten arabischen Mathematikers Muhamed Engedi waren, erreicht haben. Mehr als dies will Herr Jubber nicht zu erzählen wagen: denn sehen ist glauben, und um es zu glauben, muss man den geheimnisvollen Findling sehen. Die Preise stehen am Fuße des Zettels.«

Herr Blyth las diese komische schreckliche Erzählung mit Gefühlen, welche für den Geschmack, das Zartgefühl und die Menschlichkeit des geschwätzigen Herrn Jubber durchaus nicht lobend ausfielen. Er sah nach den Preisen, dann oben nach dem Zettel und bemerkte, dass die erste Vorstellung am nämlichen Abend stattfinden sollte, blickte dann zerstreut um sich und entschloss sich, derselben beizuwohnen.

Er ging daher zuerst nach der Wohnung des Rektors, um eine Tasse Tee zu trinken und zu sagen, wohin. er sich begebe; dann eilte er nach dem Zirkus, einem hölzernen Gebäude auf einem Felde außerhalb der Stadt.

Als er eintrat, hatte die Vorstellung schon seit einiger Zeit begonnen. Die amazonische Kaiserin, Fräulein Florinda Belverley, tanzte auf dem Rücken eines leicht galoppierenden scheckigen Pferdes. Immer im Kreise herum galoppierte die Kaiserin in ihrem eigenen unbestrittenen Reiche der Reitkunst, auf dem Sattel mit ihren kaiserlichen Beinen nach einer bekannten Melodie, welche von dem Orchester mit wahrer Dilettantenkünstlerschaft gespielt wurde, den Takt schlagend. Plötzlich ging die Melodie in eine andere über, das scheckige Pferd ging schneller, die Kaiserin erhob in der einen Hand eine Fahne, in der andern einen Wurfspieß und fing an, unsichtbare Feinde im vollen Galopp in der leeren Luft zu erschlagen. Der Triumph war wunderbar, der Beifall ungeheuer; Herr Blyth allein saß unbewegt da. Fraäulein Florinda Belverley war nach dem Urteile dieses antiamazouischen Malers nicht einmal ein gutes Modell, um Beine danach zu zeichnen.

Als nun die Kaiserin von einem spanischen Guerilla, welcher auf dem Rücken eines weißen Pferdes raubte, mordete, zechte, tanzte und sich verliebt stellte, abgelöst wurde und diesem wiederum ein Clown folgte, welcher die schrecklichsten Verzerrungen und unwiderstehlich komisches Gesichterschneiden ausführte, gab Herr Blyth dennoch nicht das geringste Vergnügen oder Erstaunen kund. Nur erst als zwischen dem ersten und zweiten Teile der Vorstellung eine Glocke ertönte und das Orchester anfing »edle Zitella« auszuspielen, zeigte er einige Symptome von Lebhaftigkeit. Dann stand er plötzlich auf und ging von seinem Sitze nach einer Bank, welche sich dicht an der niedrigen Wand befand und die Barriere von dem Zuschauer trennte, richtete seine Augen aufmerksam auf einen Torweg ihm gegenüber, über welchen eine schlechte rote Gardine mit einem Brokatrande hing.

Aus diesem Torwege trat nun Herr Jubber selbst heraus, angetan mit weißen Beinkleidern und goldenen Streifen und einer grünen Jacke mit Epaulettes; er hatte aufgedunsene freche Augen, einen gefärbten Schnurrbart, große, fette, schlaffe Wangen, langes Haar, in der Mitte geteilt, einen umgelegten Hemdenkragen mit einem rosenfarbenen Halstuche und war in jeder Hinsicht der am abschreckendsten aussehende Schauspielervagabund, der jemals sein unverschämtes und hässliches Gesicht schmückte. Er führte mit sich, es an der Hand haltend - o entehrende und schändliche Berührung - das kleine taubstumme Mädchen, dessen Missgeschick er der ganzen Bevölkerung von Rubbleford mitgeteilt hatte. Das Gesicht und die Manier des Kindes, als sie in das Zentrum des Zirkus trat, ihre harmlosen Verbeugungen machte und dem Publikum ein Kusshändchen zuwarf, nahm sogleich das Herz sämtlicher Zuschauer gefangen. Sie begrüßten sie mit einem so übermäßigen Beifall, dass eine erwachsene Schauspielerin davor zurückgeschreckt worden wäre. Kein Ton dieser freudigen Stimmen, nicht der geringste Widerhall von diesen laut klatschenden Händen konnte sie erreichen; sie konnte sehen, dass man sie freundlich bewillkommte, und das war alles!

Als der Beifall nachgelassen hatte, ersuchte Herr Jubber eine der gegenwärtigen Damen um ein Taschentuch und verband prahlerisch die Augen der Taubstummen; er hob sie dann auf die breite niedrige Mauer, welche die Barriere umgab, und ging ein wenig darauf mit ihr herum, indem er die Zuschauer einlud, durch Zusammenschlagen ihrer Hände, durch lautes Schreien oder durch irgend ein beliebiges lautes Geräusch dicht am Ohr des armen Kindes ihre gänzliche Taubheit zu erproben.

Darauf begann die Ausführung der Zauberkunststücke, bei denen sie von Herrn Jubber und einem Milgliede der Gesellschaft auf jeder Seite unterstützt wurde. Diese Kunststücke waren an sich selbst von der einfachsten und gewöhnlichsten Art und erlangten ihre Anziehungskraft nur durch die unschuldig ernste Manier, womit sie das Kind ausführte, und dadurch, dass sich die Zuhörer nur mit ihm unterhalten konnten, wenn sie das, was sie ihr mitteilen wollten, auf eine Schiefertafel schrieben. Sie wurden niemals müde, Fragen aufzuschreiben, »armes kleines Wesen!« zu sagen und sie zu küssen, so oft sich eine Gelegenheit dazu darbot, während sie um den Zirkus herumging. »Liebes, liebes taubstummes Kind« war das allgemeine Gemurmel des Mitgefühls, womit sie jede neue Gruppe begrüßte, als sie vorwärtsschritt, und Herr Jubber verfehlte nicht, stets mit einem Lächeln hinzuzufügen: »Und wie Sie sehen, meine Damen und Herrn! Trotzdem erfreut sie sich einer ausgezeichneten Gesundheit und Laune, und ich gebe ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, sie ist so frisch und mutig wie der Beste von uns!«

Während sie so die Zuschauer auf der einen Seite des Zirkus ergötzte, was fingen wohl die Zuschauer auf der andern Seite zu ihrer Unterhaltung an, deren Plätze sie noch nicht erreicht hatte?

Von dem ersten Augenblicke an, wo das Kind auftrat, wurde ihnen durch das Benehmen eines großen, starken und muntern Fremdlings, der, sobald er das taubstumme Kind erblickte, plötzlich seine Sinne zu verlieren schien, hinreichende Unterhaltung gewährt. Dieser Herr sprang wohl ein Dutzend Mal in einer Minute aufgeregt auf und setzte sich ebenso oft wieder nieder. Sobald er zur Ordnung gerufen wurde, bat er um Entschuldigung und einen Augenblick nachher veranlasste er dieselbe Störung wieder. Unsinnige und geheimnisvolle Worte, die niemals vorher in Rubbleford gehört wurden, fielen von seinen Lippen. »Andächtige Schönheit«, erste italienische Kunst, »Fra ngelicos Engel,« »Giatta und die cherubin«, genug um den göttlichen Raphael herniederzubringen, um sie zu malen. Dies waren einige Bruchstücke von den unzusammenhängenden Äußerungen des tollen Herrn, welche zu den Ohren der Nachbarn gelangten.

Langsam, langsam glitt die kleine leichte Gestalt um die breite Mauer des Zirkus herum, bis sie immer näher und näher zu dem Platze kam, wo Valentin saß. O erbarmungsvoller Anblick! So lieblich und dennoch so mitleiderregend anzuschauen, soll sie niemals, niemals wieder freundliche Menschenstimmen, den Gesang der Vögel, das liebliche Murmeln der Bäume hören? Sind alle diese süßen Töne, welche der Kindheit von Glückseligkeit singen, auf immer unhörbar für sie?

Sollen ihren frischen Lippen niemals heitere Worte entströmen, wenn sie im Sonnenschein umherläuft und spielt? Soll das junge zarte Leben als ein sprachloses Wesen auf immer stumm von der freien Welt der Stimmen abgeschlossen sein? O Engel des Gerichts! Hast Du diesem kleinen Kinde sein Gehör und seine Sprache entrissen, um es in hilfloser Betrübnis einer solchen Entweihung preiszugeben, wie es jetzt erleidet?

Langsam, langsam glitt die leichte Gestalt durch den großen Kreis von Zuschauern, gehorsam zu ihrem Vergnügen beitragend, geduldig wartend, bis ihre Neugier befriedigt war. Nun war ihre mühsame Pilgerschaft für den heutigen Abend bald vorüber. Sie gelangte jetzt zu der letzten Gruppe von Zuschauern, welche noch sehen sollten, wie sie in der Nähe aussah und was sie für Kunststücke mit ihren Karten ausführen konnte.

Sie blieb gerade vor Valentin stehen, und als sie aufsah, sah sie nach ihm allein hin.

War irgendetwas in dem leidenschaftlichen Mitgefühl seiner Augen, als sie den ihrigen begegneten, welche mit dem kleinen verlassenen Herzen in der einzigen Sprache redeten, welche es jemals erreichen konnte? Konnte das Kind mit jenem schnellen Instinkt der Taubstummen sein Mitgefühl, seine schnelle ungestüme Gereiztheit, sein Mitleid und sein Verlangen, ihm zu helfen, in jenem Augenblicke in seinem Ausdruck lesen? Es könnte wohl so sein. Ihre hübschen rosigen Lippen lächelten ihm zu, wie sie noch niemandem an jenem Abend zugelächelt hatten; und als sie einige Karten zeigte, um sie auszuwählen, ließ sie die gierigen Hände, welche sich auf jeder Seite von ihr ausstreckten, unbeachtet und überreichte sie Valentin allein.

Er sah, wie die kleinen Finger, als sie die Karten hielten, zitterten; er sah die zarten kleinen Schultern und den armen kleinen Nacken und die zarte Brust herausgeputzt mit flitterhaften falschen Juwelen und Spangen; er sah das unschuldige junge Gesicht, dessen reine Schönheit kein Schmutz der Theaterschminke entstellen konnte, mit dem Lächeln noch auf den geöffneten Lippen, aber mit einer geduldigen Hilfslosigkeit in den traurigen blauen Augen, wie wenn das ihr übrig gebliebene Gesichtsorgan immer über das verlorne Gehör und die verlorne Sprache trauerten - er bemerkte alle diese Dinge in einem Augenblick und fühlte sein Herz erbeben, als er sie ansah. Ein Schleier legte sich über sein Gesicht, ein erstickendes Gefühl erdrückte seinen Atem, die Lichter im Zirkus tanzten auf und nieder vor ihm, er beugte sich über des Kindes Hand, nahm es in die seinigen und küsste es zweimal feurig; dann stand er zum größten Erstaunen der ihn umgebenden Menge plötzlich auf und etwas über einen kläglichen Anblick murmelnd, der zu herzzerreißend wäre, um ihn zu ertragen, lief er so schnell aus dem Zirkus, als wenn sein Leben in Gefahr gewesen wäre.

Es entstand eine augenblickliche Verwirrung unter den Zuschauern.

Herr Jubber war ein zu alter Kunstverständiger in allen Theaterangelegenheiten, um nicht zu wissen, wie er diesem wachsenden Tumulte sogleich Einhalt tun und ihn in allgemeinen Beifall verwandeln könnte.

»Meine Herren nnd Damen!« rief er mit einem leichten Zittern in seiner Stimme, »ich bitte Sie, sich wieder zu

setzen und die Aufführung des Herrn zu entschuldigen, der sich soeben entfernt hat. Der geheimnisvolle Findling hat in jeder Stadt Englands auf einige Leute diese Wirkung hervorgebracht.« (Freudengeschrei) »Irre ich mich, wenn ich glaube, dass die Rubbleforder Zuhörer die Güte haben werden, ihre schwächeren Mitmenschen zu entschuldigen?« (Bravo und Freudengeschrei) »Dank, tausend Dank, im Namen dieses lieben talentvollen Kindes für ihren herzlichen, großmächtigen, liebevollen und unschätzbaren Empfang seiner heutigen Leistungen. Nach dieser Rede verließ Herr Jubber mit seiner Schülerin den Zirkus und bemerkte nicht, dass das Kind, als es hinter ihm herging, bis zuletzt gedankenvoll nach der Richtung hinblickte, in der Valentin fortgegangen war.

»Das Publikum liebt die Aufregung«, sprach Herr Jubber vor sich hin, als er hinter der roten Gardine verschwand. »Das muss morgen alles auf dem Zettel stehen. Wir werden dadurch sicher dreißig Schilling mehr einnehmen.«

Unterdessen fand Valentin, nachdem er an mehreren unrechten Türen herumgetappt hatte, zuletzt seinen Weg aus dem Zirkus und stand nun allein auf dem feuchten Grase in dem wolkenlosen Herbstmondlicht.

Er schlug mit seinem Stock heftig auf den Boden, welcher bei ihm in diesem Augenblicke den Kopf des Herrn Jubber vorstellte. Noch vor sich bin murmelnd, war er jedoch schon im Begriff, nach der Rektorwohnung zurückzukehren, als er eine atemlose Stimme hinter sich hörte, welche ausrief: »Warten Sie, mein Herr, bitte, eine Minute.«

Er drehte sich nm. Eine dicke stattliche Frau in einem flitterigen und zerrissenen Kleide lief so schnell, als es ihre natürlichen Hindernisse einer schnellen Fortbewegung gestatten wollten, auf ihn zu.

»Bitte, mein Herr«, rief sie aus. »Waren Sie es nicht, der sich so außerordentlich benahm, als er unsern kleinen Findling sah? Ich blickte gerade in diesem Augenblicke durch die rote Gardine.«

Statt diese Frage zu beantworten, fing Valentin sogleich an, in unzusammenhängender Rede über das Gesicht des Kindes zu sprechen.

»O mein Herr, wenn Sie irgendetwas über das Kind wissen«, unterbrach ihn das Weib, »so tragen Sie um des Himmels Willen kein Bedenken, es mir zu sagen! Ich bin nur Frau Peckover, mein Herr, die Frau des Jenny Peckover, des Clown, wie sie ihn nennen, und den sie heute Abend im Zirkus sahen. Ich nahm mich des kleinen Wesens auf ihrer Mutter eignen Wunsch an und pflegte es; und von dieser Zeit an -«

»Meine liebe gute Seele«, sagte Herr Blyth, »ich weiß nichts von dem armen kleinen Geschöpfe. Ich wünsche nur aus der Tiefe meines Herzens, dass ich etwas tun könnte, um ihm zu helfen und es glücklich zu machen. Wenn Lavinia und ich ein solches Engelskind wie dieses gehabt hätten«, fuhr Valentin fort, eifrig seine Hände zusammenschlagend, »taubstumm wie es ist, wir würden an jedem Tage unseres Lebens Gott dafür gedankt haben!« Frau Peckover war augenscheinlich nicht sehr gewöhnt, solche Gefühle wie diese von Fremden zu hören. Sie starrte Herrn Blyth an, während zwei dicke Tränen über ihre plumpen Wangen niederflossen.

»Frau Peckover, holla, Peck! Wo sind Sie!?« brüllte eine rauhe Stimme, welche aus dem Stalle des Zirkus hervorkam, gerade als des Clowns Frau im Begriff war, wieder zu sprechen.

Frau Peckover erschrak, verbeugte sich und ging, ohne ein Wort weiter zu sprechen, sogar schneller als sie gekommen war, wieder zurück. Valentin sah ihr aufmerksam nach, machte aber keinen Versuch, ihr zu folgen; er dachte zu sehr an das Kind, um dies zu tun. Als er wieder weiter ging, geschah es nur, um nach der Rektorwohnung zurückzukehren.

Er begab sich sogleich in die Bibliothek, wo Dr. Joyce den »Rubbleforder Mercur« las, während Frau Joyce ihm gegenüber saß und eine bunte Jacke für ihr vorletztes Kind strickte. Er hatte kaum die Tür erreicht, als er sogleich anfing, sich in teilnehmendster Weise über das schöne taubstumme Mädchen zu ergehen.

Er verdrehte dem Doktor den Kopf, Frau Joyce musste aufhören an ihrer bunten Jacke zu arbeiten, als er des Kindes Lob sang und sein Gesicht mit jedem Engelsgesicht verglich, welches jemals gemalt worden war. Als er zuletzt seine Zuhörer und sich selbst erschöpft hatte, stürzte er hastig aus dem Zimmer, um seine Aufregung durch einen Spaziergang bei Mondschein in des Rektors Garten abzukühlen.

»Was für ein sonderbarer Mann er ist!« sagte Frau Joyce.

»Mein lieber Valentin ist das beste Geschöpf auf der Welt«, erwiderte der Doktor, »nur, wie ich oft zu seinem Vater zu sagen pflegte, der es mir niemals glauben wollte, nur ein wenig verdreht. Ich habe ihn schon früher sich so bei Kindern benehmen sehen, obgleich ich gestehen muss, vielleicht nicht ganz so närrisch, als er jetzt eben gesprochen hat.«

»Denkst Du, dass er irgendetwas Unkluges mit dem Kinde vornehmen wird? Das arme Ding! Ich bedaure es so herzlich wie nur irgendjemand.«

»Ich wage dies nicht zu denken!« antwortete der Doktor, »Valentin ist einer von jenen Leuten, welche jeder Vermutung Trotz bieten. Niemand kann sagen, was er tun oder nicht tun will. Er ist mit einem Worte ein Mann, dessen Handlungen man nicht ergründen kann.«

Hier öffnete sich die Tür und Valentins Kopf wurde sichtbar.

»Doktor«, sagte er, »darf ich die ausgezeichnete Frau bitten, mit der ich Bekanntschaft gemacht habe, das Kind morgen früh hierher zu bringen, damit Sie und Frau Joyce es sehen können?«

»Sicherlich«, sagte der gutmütige Rektor lachend. »Das Kind auf alle Fälle und die ausgezeichnete Frau dazu.«

»Aber nicht, wenn es Fräulein Florinda Belverley ist!« wandte Frau Joyce streng ein, welche den Zirkuszettel gesehen hatte.

»Meine liebe Frau, es ist nicht Florinda«, sagte Valentin leidenschaftlich. »Deren Beine sind nicht einmal zum Zeichnen geeignet.«

»Herr Blyth!« rief Frau Joyce erzürnt über sein künstlerisches Urteil.

»Warum sagen Sie uns nicht sogleich, wer die ausgezeichnete Frau ist?« fragte der Rektor, außerordentlich über die Anspielung erfreut, welche bei seiner Frau so viel Abscheu erregt hatte.

»Sie heißt Peckover«, sagte Valentin, »sie ist eine achtbare, verheiratete Frau, reitet auch nicht mit im Zirkus herum und hat das arme Kind nach dem eigenen Wunsch ihrer Mutter gepflegt.«

»Wir werden entzückt sein, es morgen zu sehen«, sagte der Doktor, der ein warmes Herz für die leidende Menschheit hatte, »oder nein, warte! Nicht morgen! Übermorgen! Kuchen und Schokolade um zwölf Uhr - wie, meine Liebe?«

»Das ist recht! Gott segne sie«, rief Valentin aus, »ich will Frau Peckover aufsuchen und es ihr wissen lassen.«

»Ich will morgen das Pferdeportrait fertig machen und des Abends wieder nach dem Zirkus gehen.« Mit diesen Worten verschwand er.

»Verdreht! verdreht!« rief der Doktor. »Lieber alter Valentin!«

»Ich fürchte, seine Grundsätze sind sehr locker«, sagte Frau Joyce, deren Gedanken noch immer bei der unglücklichen Anspielung von Florindens Beinen verweilten.

Als Herr Blyth sich am nächsten Morgen in den Ställen zeigte und an dem Portrait der Mutterstute zu arbeiten fortfuhr, zerbrach er sich nicht länger den Kopf, wie er Licht und Schatten verteilen oder den Hintergrund im Tone dunkel halten sollte. Seine Gedanken waren alle bei dem taubstummen Kinde und Frau Peckover; er kleckste unbekümmert weiter, gerade wie es ihm geheißen wurde, ohne jemals ein Wort des Widerspruchs zu äußern. Als es Abend wurde, hatte er seine Arbeit vollendet. Der Gutsherr sagte, es wäre eins der besten Pferdeportraits, das jemals angefertigt sei.

Nachdem Valentin von Rubbleford zurückgekehrt war, ging er sogleich nach dem Zirkus und setzte sich, soweit es ihm möglich war, gerade wieder dahin, wo er am vorigen Abend gesessen hatte.

Das Kind wurde wiederum von allen Zuschauern applaudiert und vollbrachte seine Leistungen wiederum verständig und anmutig, bis es sich dem Platze nahte, auf dem sich Valentin befand. Es erschrak, als es sein Gesicht wiedererkannte und ging einen Schritt vorwärts, um näher an ihn heranzukommen; aber Herr Jubber, welcher sah, dass die Leute in dem vordern Raume ihre Hände in die Höhe hielten, um es auf die Schiefertafel schreiben und Karten herumgeben zusehen, hielt es sogleich fest. Des Kindes Aufmerksamkeit schien durch den Anblick des Fremden, welcher seine Hand am letzten Abend so feurig geküsst hatte, gestört zu sein; es fing an, verwirrt auszusehen, wollte anfangen zu weinen und beging einen großen und handgreiflichen Fehler bei dem .ersten Kunststücke, das es ausführte.

Die gutmütigen Zuschauer lachten und einige von ihnen schrieben auf ihre Schiefertafel: »versuche es noch einmal, kleines Mädchen«, Herr Jubber brachte eine Entschuldigung vor, indem er sagte, dass der außerordentliche Enthusiasmus, womit sein Zögling aufgenommen worden wäre, seine Nerven erschüttert hatte; darauf bedeutete er der Taubstummen mit einem gütigen Lächeln, aber mit einem sehr finstern Ausdrucke in seinen Augen, ein anderes Kunststück zu versuchen. Es gelang ihr; aber sie zeigte noch so viel Schwanken, dass Herr Jubber, welcher einen andern Missgriff befürchtete, sie mit sich fortführte, da sich eine passende Gelegenheit zum Abgang darbot. Als das Kind bei der Barriere vorbei geführt wurde, betrachtete es Valentin sehr aufmerksam.

Schrecken gab sich in des Mädchens Augen kund, sichtbar genug, um von einigen harmlosen Leuten neben Herrn Blyth bemerkt zu werden. »Das arme kleine Ding! Es scheint sich vor dem Manne in der schönen grünen Jacke zu fürchten«, sagte Einer. »Und nicht ohne Ursache, glaub ich!« fügte ein Anderer hinzu. »Sie wollen doch wohl nicht sagen, dass er viehisch genug sein könnte, ein Kind wie dies zu misshandeln? Es ist unmöglich!« rief ein Dritter aus.

In diesem Augenblicke trat der Clown in den Zirkus. Kurz vorher, als er das wohlbekannte »Hier sind wir« brüllte, glaubte Valentin, ein lautes sonderbares Weinen hinter der roten Gardine zu hören. Er war sich dessen nicht ganz bewusst, aber die bloße Vermutung ließ sein Blut erstarren. Er lauschte ängstlich eine Minute. Es war jedoch keine Aussicht für ihn vorhanden, sich zu überzeugen, ob sein Verdacht begründet wäre. Das Orchester hatte eine lärmende Tanzmelodie aufgespielt und der Clown produzierte seine ergötzlichen Sprünge unter großem Gelächter.

»Das mag meine Schuld sein«, sagte Valentin. »Dies was?-« er fürchtete sich, die Untersuchung weiter fortzusetzen. Sein rotes Gesicht wurde plötzlich blass, und er verließ den Zirkus mit dem Entschlusse, den Vorgang hinter der roten Gardine zu entdecken.

Er ging von außen um das Gebäude herum und verbrachte einige Zeit, ehe er eine Tür finden und um Einlass bitten konnte. Zuletzt kam er an einen Durchgang, über dessen äußerm Eingang einige zerrissene Pferdedecken hingen.

»Sie können hier nicht herein«, sagte ein schmutziger Bursche, welcher plötzlich in Hemdsärmeln von innen heraus kam.

Herr Blyth legte eine halbe Krone in seine Hand. »Ich will das taubstumme Kind sogleich sehen!«

»O ganz recht, gehen Sie hinein«, murmelte der Bursche, indem er das Gold gierig einsteckte. »Jubber ist jetzt nicht da, aber nehmen Sie sich in Acht, dass er Sie dort nicht erwischt.«

Valentin hörte auf weiter nichts und trat sogleich in den Durchgang. Sobald er drinnen war, gelangte ein Ton an sein Ohr, welcher sein Herz erbeben machte. Worte können diesen Ton in seiner schrecklichen Hilfslosigkeit nicht beschreiben - denn es war das schmerzhafte Wehklagen eines taubstummen Geschöpfes.

Er riss eine Gardine beiseite und stand in einem schmutzigen Platze, der auf der einen Seite von den Ställen und auf der andern vom Zirkus durch Leinewand und alte Bretter getrennt war. Hier auf einem hölzern Schemel saß die Frau, welche ihn am Abend vorher angeredet hatte, sie weinte und besänftigte das Kind, welches schaudernd an ihrem Busen lag. Das Schluchzen von des Clowns Frau vermischte sich mit dem inartikulierten Wimmern des Kindes, welches zwar leise, aber doch so schrecklich zu hören war.

»O mein Gott«, rief Valentin aus, starr vor Schrecken über das, was er hörte, »besänftigen Sie sie! Lassen Sie sie nicht so wimmern!« Die Frau erhob sich schnell von ihrem Sitze, setzte das Kind nieder, erkannte Herrn Blyth und stürzte auf ihn zu. »Still!« flüsterte sie lebhaft, »sprechen Sie nicht so laut! Der Schurke, der viehische, herzlose Schurke befindet sich hier irgendwo in der Nähe der Ställe. Wenn er Sie hört, wird er hereinkommen und sie noch einmal prügeln - o still, still um des Himmelswillen! Es ist wahr - er hat sie geschlagen --das feige, teuflische Vieh.«

Als das Kind Valentin sah, hatte es aufgehört zu wimmern; es sah ängstlich in Tränen nach ihm hin - dann wandte es sich schnell ab - nahm ein kleines Taschentuch heraus und trocknete sich die Augen.

»Ich kann noch nicht gehen - ich will leise sprechen - Sie müssen mich anhören«, sagte Herr Blyth, blass und nach Atem haschend, »ich will diesen gekränkten, schönen, geduldigen, kleinen Engel von diesem abscheulichen Platze entfernen, ich will es und müsste ich deshalb vor die Obrigkeit treten! Der Rektor gehört mit zur Obrigkeit, - er ist mein Freund - er heißt Doktor Joyce - ich will das Kind fortnehmen. -«

Die Frau bat ihn einzuhalten und deutete plötzlich auf das Kind. Es hatte das Schnupftuch beiseite gelegt und näherte sich ihm. Es kam dicht an ihn heran, legte eine Hand auf sein Knie und streckte furchtsam die andere soweit in die Höhe, dass es seinen Hals erreichen konnte. So dastehend, sah es ihm ruhig ins Gesicht. Die hübschen Lippen versuchten mühsam, wiederum zu lächeln, aber sie zitterten nur einen Augenblick und schlossen sich dann wieder. Die hellen sanften Augen, noch trübe vom Weinen, suchten die seinigen mit einem unschuldigen Staunen des Forschens und der Verwunderung. In diesem Augenblicke schien der Ausdruck des traurigen und lieblich kleinen Gesichtes zu sagen: »Sie sehen aus, als wenn Sie gütig gegen mich sein wollten; ich wünschte, dass sie ein Mittel fänden, wodurch Sie es mir mitteilen könnten.«

Valentins Herz zeigte ihm dieses einzige Mittel an. Er schloss die Taubstumme in seine Arme und erdrückte sie fast mit seinen Küssen. Die zarten kindlichen Hände richteten sich zitternd in die Höhe und schmiegten sich sanft um seinen Nacken und der schöne Kopf senkte sich ermüdet immer mehr hinab, bis er auf seiner Schulter lag.

Die Frau des Clowns wandte ihr Gesicht ab, verzweifelnd mit beiden Händen das Schluchzen unterdrückend, welches sie wieder von neuem äußern wollte. Dann flüsterte sie: »Bitte! O bitte! Gehen Sie mein Herr! Einige von den Reitern werden gleich hier sein, Sie werden uns schrecklichen Verdruss bereiten!«

Valentin stand auf und, das Kind noch in seinen Armen haltend, sagte er: »Ich will gehen, wenn Sie mir versprechen -«

»O ich will Ihnen alles versprechen, was Sie wollen, mein Herr!«

»Sie kennen die Wohnung des Rektors, des Doktor Joyce - des Geistlichen - meines lieben Freundes!«

»Ja mein Herr, ich kenne sie. Sie sprachen schon vorher davon. Bitte, vollenden Sie so schnell als möglich der kleinen Marie halber!«

»Marie! ihr Name ist Marie? Valentin zog sich hinter eine Ecke zurück und fing das Kind wiederum zu küssen an.«

»Sie müssen wahnsinnig sein, wenn Sie nachdem, was ich Ihnen gesagt habe, so weiter fort fahren wollen«, rief die Frau des Clowns, verzweifelnd ihre Hände ringend, und versuchte es, ihn aus der Ecke hervorzuziehen. Jubber und die ganze Bande werden in der nächsten Minute hier sein. Sie wird wieder geschlagen werden, wenn mau Sie bei ihr trifft; o Himmel, können Sie denn dies gar nicht begreifen?«

Er verstand es nur zu wohl und ließ das Kind sogleich herunter, sein Gesicht wurde wieder blass, seine Aufregung so heftig, dass er die Hand, welche es ihm entgegenstreckte, und den flehenden Blick nicht bemerkte, welcher jene Bewegung begleitete und so verständlich und rührend sagte: »Ich möchte Dir Lebewohl sagen, aber ich kann es nicht, wie andere Kinder.« Er bemerkte dies nicht, denn er hatte Frau Peckover beim Arme genommen und hatte sie eiligst nach sich in den Durchgang gezogen.

Die Kleine machte keinen Versuch, ihnen zu folgen; sie wandte sich ab, setzte sich in die dunkelste Ecke des elenden Platzes nieder und stützte den Kopf gegen die rohe Wand, welche sie allein von den lachenden Zuhörern trennte. Ihre Lippen fingen wieder an zu beben; sie nahm das Taschentuch noch einmal heraus und verbarg ihr Gesicht darin.

»Nun vergessen Sie Ihr Versprechen nicht«, flüsterte Valentin der Frau des Clowns zu, welche ihn während der ganzen Zeit, wo er mit ihr sprach, langsam forttrieb. »Sie müssen die kleine Marie morgen früh pünktlich um zwölf Uhr nach der Wohnung des Rektors bringen. - Sie müssen, oder ich werde kommen und sie selbst holen. Sie brauchen mir nicht zu glauben, ich bin nur ein Künstler und Fremdling; ich erwarte nicht, dass Sie mir glauben sollen. Aber Sie müssen einem Geistlichen glauben - das müssen Sie! Doktor und Frau Joyce wünschen, Eure kleine Marie zu sehen. Es ist ihre Einladung, verstehen Sie mich! Sie können es dem Rektor nicht abschlagen. Er ist der beste und gütigste Mann, welcher jemals -«

»Ich will sie bringen«, unterbrach ihn die Frau, »wenn Sie mir jetzt gehen wollen. Ich will sie bringen!-«

Er stand still, denn er fühlte plötzlich, wie ihm die frische Luft ins Gesicht wehte. Die Frau des Clowns hatte ihn verlassen, und es war kein Gegenstand mehr vorhanden, gegen welchen er seine Drohungen schleudern konnte, als die zerrissenen Pferdedecken, welche über dem leeren Torweg hingen.


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