Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Erster Band - Siebentes Kapitel - Die Erzählung - Zweiter Teil
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Siebentes Kapitel - Die Erzählung - Zweiter Teil

Als die Frau des Clowns ihre Erzählung geendet hatte, wurde zur Erörterung von denen, die sie mit angehört hatten, nur wenig hinzugesetzt. Sie waren durch das, was sie angehört hatten zu sehr ergriffen, um außer abgebrochenen leisen Worten etwas hervorbringen zu können. Frau Joyce führte ihr Taschentuch mehr als einmal nach ihren Augen. Ihr Gatte murmelte einige herzliche Worte des Mitleids und des Dankes - jedoch auf eine ungewöhnlich schmerzliche Weise. Valentin sagte nichts, aber er zog seinen Stuhl dicht zu Frau Peckover heran, wandte sein Gesicht ab, damit es von niemandem bemerkt werden sollte, nahm ihre Hand in eine der seinigen und klopfte sie sanft mit der andern. Hierauf sahen sie alle in derselben Stimmung, und wie es schien, mit demselben Gefühl nach dem Garten.

»Würde ich zu viel verlangen, Frau Peckover«, sagte Frau Joyce nach langem Stillschweigen, »wenn ich mich erkundigte, worin der Unfall bestand, welcher das arme kleine Wesen so unglücklich machte? Ich weiß, dass sich davon ein Bericht auf dem Zettel des Zirkus befindet, aber -«

»Ich denke, meine Liebe«, wandte der Rektor ein, sich an seine Frau wendend, »dass es kaum denkbar ist, von Frau Peckover eine Erfüllung Deines Wunsches zu erwarten. Sie hat sich schon einmal für unsere Neugierde aufgeopfert, um jetzt noch von ihr zu verlangen, dass sie zum zweiten Male Erinnerungen wiederhole, welche sie sicherlich betrüben müssen.«

»Es ist mehr als betrübend, nur an jenen schrecklichen Unfall zu denken«, sagte Frau Peckover, »und besonders, da ich nicht umhin kann, mir selbst einigermaßen die Schuld davon beizumessen. Wenn die Dame aber zu wissen wünscht, wie es zuging, so will ich es ihr gern erzählen.

Zuerst muss ich Ihnen sagen, dass es mir mit der kleinen Marie während der ersten sechs Jahre ihres Lebens weit besser erging, als ich jemals gedacht hatte. Sie wuchs so hübsch heran, dass sie vornehme Leute immer beachteten und sich nach ihr erkundigten, und beinah an jedem Orte, wo der Zirkus sich hinwandte, machte man ihr Geschenke, welche reichlich dazu beitrugen, sie zu ernähren und zu kleiden. Und auch unsere eignen Leute schmeichelten ihr und liebten sie. Diese ganzen sechs Jahre verstrichen für uns so angenehm, wie es nur immer sein konnte; es war nur erst, als sie beinah sieben Jahr alt war, dass ich gottlos und töricht genug war, meine Einwilligung zu ihrer Teilnahme an unsern Aufführungen zu geben.

Man setzte mir arg zu und quälte mich, bis ich einwilligte. Jubber sagte zuerst, er wünschte, dass sie im Zirkus mitritte, worauf ich jedoch »nein« sagte, obgleich ich mich in jenen Tagen schrecklich vor ihm fürchtete. Bald darauf aber kam Jemmy zu mir, der damals noch nicht Clown war, und sagte, er fürchte, er würde seine Stelle verlieren, wenn ich nicht wegen der kleinen Marie nachgäbe. Das machte mich sehr stutzig, denn ich wusste nicht, was wir hätten anfangen sollen, wenn mein Mann aus seinem Engagement gekommen wäre. Und außerdem bestand das arme liebe Kind selbst wie wahnsinnig darauf, auf dem Pferde in der Luft zu schweben, da sie immer bat und flehte, man möchte eine kleine Reiterin aus ihr machen. Alle die Übrigen im Zirkus plagten mich und lachten mich aus und mit einem Worte, ich gab zuletzt gegen mein Gewissen nach, aber ich konnte nicht anders.

Dennoch machte ich die Bedingung, dass sie nur dem solidesten, nüchternsten Manne und dem besten Reiter von der ganzen Gesellschaft anvertraut werden sollte. Auf den Zetteln wurde er »Muley« genannt, und man bemalte sein Gesicht, damit er wie ein Türke oder etwas dem ähnlichen aussehen sollte, aber sein wirklicher Name war »Yapp«,und auf seine Weise war er ein sehr guter, vorsichtiger Mann und selbst Familienvater. Er und Jubber erdachten zusammen den Plan, dass er einen Sohn der Wildnis vorstellen sollte, welcher, um sein Leben zu retten, mit der kleinen Marie als seinem einzigen Kinde aus der Wüste entfloh. Man färbte ihr Gesicht dunkel, damit es dem seinigen ähnlich sehen sollte, und legte ihr ein ausländisches weißes Kleid an, schnallte einen roten Gürtel um ihre Taille, an welchem sich eine Handhabe befand, an der sie Yapp festhalten konnte. Nachdem er zuerst dem Publikum hatte den Glauben beibringen müssen, dass er und das Kind in Gefahr wären, gefangen und erschossen zu werden, sollte er ihm nachher begreiflich machen, dass sie der Gefahr glücklich entronnen waren; er sollte sie im Triumphe mit ausgestreckten Armen in die Höhe heben, indem er während der ganzen Zeit immer im Zirkus herumgaloppierte. Er war ein fürchterlich starker Mann und konnte es so leicht ausführen, wie ich dieses Stückchen Pflaumenkuchen zu Munde führe.

Die arme liebe Kleine, sie überwand bald die erste Furcht bei der Aufführung und sehnte sich fast wahnsinnig nach derselben, was ich niemals gern sah, weil es ihrer Natur nicht zusagte. Yapp sagte, sie hätte das Herz eines Löwen und würde einst die schönste Reiterin auf der Welt werden. Ich war sehr unglücklich darüber und verbrachte eine sehr traurige Zeit, da ich immer ein Unglück befürchtete. Eines Abends - sie war ein wenig über sieben Jahr alt -

O verehrte Frau! Wie ich diese fürchterliche Nacht überlebte, weiß ich nicht. Ich war ein sündhaft elendes .Geschöpf, nicht lieber verhungert zu sein, als das Kind einer solchen Gefahr auszusetzen, aber ich wurde so arg in Versuchung geführt und dazu verleitet, Gott weiß es. Achten Sie nicht auf mein Weinen, ich will schon sehen, wie ich es zu Ende bringe. Der Halter - nein, ich meine die Handhabe, die Handhabe an dem Halter, ließ plötzlich los, gerade zuletzt, gerade im schlimmsten Augenblicke, wo er sie nicht auffangen konnte! -

Niemals, o niemals, niemals, werde ich diesen fürchterlichen Angstschrei vergessen, welcher von sämtlichen Zuschauern ausgestoßen wurde, sowie den Anblick des erblassten kleinen Wesens, welches bewusstlos, totenstill auf den Brettern lag. Es war an jenem Abend nicht so voll wie gewöhnlich, und sie fiel auf einen leeren Platz zwischen den Bänken. Ich wurde von den Pferden, als ich zu ihr laufen wollte, niedergeworfen - ich war ganz von Sinnen - und wusste nicht, wohin ich ging - Yapp war unter die Pferde gefallen und hatte sich arg verletzt, indem er sie aufzufangen versuchte. - Die Pferde liefen wild im Zirkus herum - fast wie toll von dem Lärm, welcher sie rings umgab. Ich versuchte mich wieder aufzurichten, viele Leute rannten an mir vorbei und ich sah, wie mein unschuldiger Liebling weggetragen wurde. Ich fühlte, wie man mich mit den Händen zurückziehen wollte, aber ich stahl mich weg und gelangte mit den Übrigen ins Vorzimmer.

Da lag sie - meine eigne, liebe, kleine Marie, deren armen Mutter ich versprochen hatte, für sie zu sorgen, blass und still auf einem alten Koffer und mein zusammengerollter Mantel diente ihr als Kopfkissen. Eine Masse. Leute und ein Doktor, der ihren Kopf genau untersuchte, standen um sie herum. Und Yapp unter ihnen, von zwei Leuten gehalten, mit einem ganz von Blut beflecktem Gesichte. Ich war weder im Stande zu sprechen noch mich zu bewegen; ich fühlte nicht einmal, dass ich noch atmete, bis der Doktor aufhörte und sich umsah. Da aber durchrieselte uns alle zusammen ein mächtiger Schauder, wie wenn wir nur eine statt zwanzig und mehr Personen gewesen wären.

»Sie ist nicht tot«, sagte der Doktor, »ihr Gehirn hat nicht gelitten«, weiter hörte ich nichts. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe ich wieder zum Bewusstsein kam und einen tiefen Schmerz im Herzen fühlte. Ich lag auf dem Bette unsrer Wirtin und Jemmy hielt mir ein Riechfläschchen vor. »Man hat sie zu Bette gebracht«, sagte er zu mir, »und der Doktor richtet ihren Arm wieder ein.« Ich konnte mich nicht gleich recht besinnen, aber als ich es tat, war mir es, als wenn ich das -fürchterliche Unglück noch einmal erlebte.

Es dauerte eine lange Zeit, bevor einer von uns entdeckte, was sich in der Wirklichkeit zugetragen hatte. Die Verletzung ihres Armes, sagte der Doktor, hätte ihren Kopf gerettet, welcher nur leicht verwundet und ein wenig gequetscht wäre; nicht halb so schlimm, als man befürchtete. Tag für Tag und Nacht für Nacht saß ich vor ihrem Bette, sie in ihrem Fieber tröstend und den Schmerz an ihrem geschienten Arme lindernd; ich vermutete niemals - ebensowenig wie er selbst - das schreckliche Unglück, welches sich ereignet hatte. Sie war bei frühern leichten Krankheiten immer wunderbar ruhig und still, das arme Lamm, und so kam es, dass ich mich zuerst nicht wunderte, wenn sie niemals ein Wort sagte und mir niemals antwortete, wenn ich mit ihr sprach.

Dies dauerte fort, obgleich ihr körperliches Wohlbefinden sich besserte; ihre Augen aber nahmen einen sonderbaren Blick an. Sie schienen immer umher zu wandern und scheu in einer verworrenen Weise nach einem oder dem andern Dinge hinzustarren. Sie fing auch an, ihren Kopf unruhig von der einen Seite des Kissens nach der andern zu wälzen, gab dann und wann eine Art von Murmeln und Summen von sich, schien aber sich dennoch niemals um irgendetwas zu bekümmern oder irgendetwas zu beachten, was ich zu ihr sagte. Eines Tages wärmte ich ihr eine Tasse Tee und hörte ganz plötzlich und ganz deutlich folgende Worte aus der Richtung kommen, wo sie in der Stube lag -»Warum seid ihr immer so ruhig hier? Warum spricht nicht Jemand mit mir?«

Ich wusste, dass zur Zeit keine andere Seele in dem Zimmer war als das arme Kind, und dennoch war die Stimme, welche jene Worte sprach, derjenigen der kleinen Marie so unähnlich als meine Stimme, mein Herr, der Ihrigen. Sie klang so heiser und leise, so tief und schwach; es war die sonderbarste auffallendste Stimme, die ich jemals von einem Kinde hörte, welches vorher stets so deutlich und hübsch zu sprechen pflegte. Wenn ich nur meine Worte besser setzen und Ihnen, verehrte Frau, einen gehörigen Bericht darüber abstatten könnte, aber das kann ich nicht. Ich weiß, der Klang dieser Worte erschreckte mich so, dass ich den Tee umwarf und in meiner Angst nach dem Bette zurücklief. »Nun Marie! Marie!« sage ich ganz laut, »bist Du denn schon wieder so wohl, dass Du Herrn Jubbers rauhe Stimme nachzuahmen versuchst?«

Derselbe staunende Blick war in ihren Augen, - nur wilder, als ich ihn je vorher gesehen hatte - während ich mit ihr sprach. Hierauf sagte sie in derselben sonderbaren Weise: »Sprich laut Mutter, ich kann Dich nicht hören, wenn Du so leise flüsterst.« Sie brauchte so lange, um diese Worte zu sagen, und stümperte so sehr daran, als wenn sie gerade erst anfinge sprechen zu lernen. Ich glaube, damals war es, wo ich die erste Vermutung von dem großen Unglücke hatte, das sie wirklich betroffen. »Marie!« rief ich so laut aus, wie ich konnte, »Marie! Kannst Du mich jetzt nicht hören?« Sie schüttelte mit ihrem Kopfe und starrte mich wieder mit dem starren verwunderten Blick an, dann schien sie plötzlich eigensinnig und ungeduldig zu werden - es war das erste Mal, dass ich sie so sah - und verbarg ihr Gesicht vor mir in dem Kissen. Gerade in diesem Augenblicke trat der Doktor herein. »O mein Herr«, sagte ich ihm zuflüsternd, gerade wie wenn ich nicht vor einer Minute erst entdeckt hätte, dass sie mein lautestes Schrein nicht hören könnte »ich fürchte, dass es mit ihrem Gehör nicht ganz in Ordnung ist.« »Haben Sie das nur erst seit jetzt vermutet?« fragte er, »ich habe dies schon seit einigen Tagen befürchtet, aber ich hielt es für das Beste, noch nichts davon zu sagen, bis ich sie untersucht hätte; und das arme Kind ist kaum wohl genug, um mit Experimenten an seinen Ohren geplagt zu werden.« »Sie ist weit besser«, sage ich, »sie ist wirklich heute weit besser, mein Herr! Bitte, untersuchen Sie sie jetzt, denn es ist fürchterlich, einen Augenblick länger als nötig darüber in Zweifel zu sein.«

Er trat an ihr Bett und ich folgte ihm. Sie lag mit ihrem Gesicht von uns abgewendet, mit ihrem Kopf auf dem Kissen, geradeso, wie ich sie verließ. Der Doktor sagte zu mir: »Stören Sie sie nicht und lassen Sie sie nicht im Zimmer herumsehen, so dass sie uns erblicken kann - ich werde sie rufen.« Und er rief zweimal laut »Marie!«, sie rührte sich nicht. Als er das Experiment zum dritten Male anstellte, schrie er so laut, dass die Wirtin herauf kam, weil sie dachte, es hätte sich irgendetwas ereignet. Ich sah über seine Schulter und bemerkte, dass das liebe Kind sich nicht im Geringsten bewegt hatte. »Das arme kleine Wesen«, sagte der Doktor ganz bekümmert, »das ist schlimmer, als ich erwartete. Er beugte sich nieder und berührte sie, während er dies sagte, und sie drehte sich sogleich um und streckte ihm ihre Hand entgegen, damit er wie gewöhnlich ihren Puls fühlen könne. Ich versuchte es, mich vor ihr zu verbergen, denn ich weinte und wünschte nicht, dass sie es bemerken sollte, aber sie war zu gewitzt für mich. Sie sah mir, der Wirtin und dem Doktor starr ins Gesicht; der letztere sah niedergeschlagen genug aus, denn er hatte sie sehr lieb gewonnen, wie auch jeder andere, der öfters in die Nähe der kleinen Marie kam.

»Was geht hier vor?« sagte sie wieder mit derselben Stimme. »Warum sprechet Ihr nicht laut, so dass ich es hören kann -« und dann hielt sie an, anscheinend in hilfloser Angst und Verwirrung. Sie versuchte sich im Bette aufzusetzen und ihr Gesicht wurde über und über rot.

»Kann sie Geschriebenes lesen?« fragte der Doktor. »O ja, mein Herr!« sage ich, sie kann prächtig lesen und schreiben für ein Kind ihres Alters; mein Mann hat es ihr gelehrt.« »Bringen Sie mir sogleich Tinte, Feder und Papier«, sagte er zur Wirtin, die sogleich ging und ihm das gewünschte brachte. »Wir müssen sie auf alle Fälle beruhigen«, sagte der Doktor, »oder sie wird sich so sehr aufregen, dass sie einen andern Fieberanfall bekommt. Sie fühlt, was mit ihr vorgegangen ist, aber sie versteht es noch nicht, und ich will es ihr vermittelst dieses Papiers sagen. Es ist gefährlich«, sagte er, in großen Buchstaben niederschreibend: »Du bist taub«, »aber ich muss sogleich jedes Experiment mit ihrem Gehör versuchen, und dies wird sie darauf vorbereiten.« Er trat an ihr Bett und hielt ihr das Papier vor die Augen.

Beim Anblick dieser Worte sank sie zurück auf das Kissen, so still wie der Tod, aber sie weinte nicht und ich möchte sagen, sie sah mehr verlegen und erstaunt als betrübt aus. Sie atmete aber fürchterlich schnell -ich-fühlte dies, als ich mich niederbeugte und sie küsste. »Sie ist zu jung«, sagte der Doktor, »um die Größe ihres Unglücks ganz zu begreifen. Bleiben Sie hier und beruhigen Sie sie, bis ich zurückkomme, denn ich hoffe, dieser Fall ist noch nicht ganz hoffnungslos.« »Aber was in aller Welt hat sie taub gemacht, mein Herr?« fragte die Wirtin. »Die Erschütterung von jenem Falle im Zirkus«, sagte er eiligst fortgehend. Ich dachte meinen Kopf niemals wieder in die Höhe richten zu können, als ich diese Worte hörte, und presste die kleine Marie heftig an mich.

Der Doktor kam zurück und machte zuerst Einspritzungen in ihr Ohr, leider aber ohne Erfolg; dann legte er ihr eine spanische Fliege und hierauf setzte er ihr Blutegel an, aber auch dies war umsonst. »Ich befürchte, es ist ein hoffnungsloser Fall«, sagte er, »aber ich kenne einen Arzt, der mehr Praxis unter Ohrenkranken hat als ich, und der jede Woche von seinem Wohnorte nach unserm Krankenhause kommt. Morgen trifft er ein, und da will ich ihn mit hierher bringen.«

Tags darauf erschien der versprochene Arzt, ein liebevoller alter Herr. »Ich befürchte, Sie müssen nach dem, was ich von meinem Freunde hier erfahren habe, sich auf das Schlimmste vorbereiten«, sagte er zu mir, »denn ich glaube nicht, dass hier viel Hoffnung vorhanden ist.« Dann trat er an das Bett, betrachtete sie lange und sagte zu ihr: »Du hörst es nicht, wenn ich Dir sage, dass Du das schönste kleine Mädchen bist, das ich jemals in meinem Leben sah?« Sie betrachtete ihn verwirrt und blieb ganz still. Er sprach nicht wieder mit ihr, aber er sagte zu mir, dass ich sie auf dem Bette herumdrehen sollte, damit er zu einem ihrer Ohren gelangen könnte.

Er nahm inzwischen einige Instrumente heraus und führte sie in ihr Ohr, aber so vorsichtig, dass er ihr durchaus nicht weh tat. Dann sah er durch ein sonderbares Vergrößerungsglas (einen Ohrenspiegel) hinein. Ebenso machte er es mit dem andern Ohre, darauf legte er die

Instrumente nieder und nahm seine Uhr heraus. »Schreiben Sie auf ein Stück Papier«, sagte er zu dem andern Doktor: »Hörst Du die Uhr gehen?« Als dies geschehen war, machte er der kleinen Marie durch Zeichen begreiflich, ihren Mund zu öffnen, und steckte so viel von seiner Uhr hinein, wie zwischen ihre Zähne gehen wollte, während der andere Doktor ihr das Papier vorhält. Als er die Uhr wieder herausnahm, schüttelte sie ihren Kopf und sagte »Nein!« in demselben sonderbaren Tone wie immer. Der alte Herr sprach kein Wort, als er die Uhr wieder in seine Tasche steckte, aber ich sah an seinem Gesichte, dass er überzeugt war, es wäre ganz mit ihrem Gehör vorüber.

»O, bitte, versuchen Sie etwas für sie zu tun, mein Herr!« sagte ich, »o, um des Himmels willen, geben Sie sie nicht auf!« »Meine liebe Seele«, entgegnete er, »Sie müssen ihr ein Beispiel der Fröhlichkeit geben und versuchen, sie bei guter Laune zu erhalten - das ist alles, was jetzt für sie getan werden kann.«

»Die Erschütterung jenes Falles«, fuhr er fort, »hat meiner Meinung nach den Gehörnerven bei ihr gelähmt. Das arme Kind ist glücklicherweise noch zu jung, um viel geistiges Elend bei ihrem körperlichen Unglück zu erleiden. Versuchen Sie sie zu amüsieren und lassen Sie sie sprechen, wenn es Ihnen möglich ist - obgleich ich dies sehr bezweifele.«

»Haben Sie nicht schon bemerkt, dass sie ungern spricht und dass, wenn sie spricht, ihre Stimme verändert ist?« Ich sagte ja und frug ihn, ob der Fall mit daran schuld wäre. Er antwortete, der Fall habe sie, wie man es nennte, stocktaub gemacht, und dies verhindere sie, den Ton ihrer eignen Stimme zu hören; sie könnte nicht im Geringsten wissen, ob die wenigen Worte, welche sie spräche, leise oder laut, dumpf oder deutlich gesprochen würden. »Was das arme Kind selbst anbetrifft«, sagte er, »so könnte sie ebenso gut die Stimme entbehren, denn nur ihr Gedächtnis allein kann ihr sagen, dass sie eine hat.«

Ich brach in lautes Weinen aus, als er das sagte, denn so etwas Schreckliches hatte ich mir doch nicht vorgestellt. »Ich habe mich ein wenig übereilt, indem ich Ihnen das Schlimmste sagte, nicht wahr?« fragte der alte Herr gütig, »aber ich musste Sie belehren, wie Sie es anfangen sollten, dem Unglücke, des Kindes halber, in seiner ganzen Ausdehnung entgegen zu treten, dessen künftiger Trost und dessen Glück größtenteils von Ihnen abhängen.« Und dann schärfte er mir ein, Sorge zu tragen, dass sie ihr Lesen und Schreiben nicht vernachlässige, und sie mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu zwingen, sich ihrer Stimme zu bedienen. Er sagte mir, dass sie von Tag zu Tag eine größere Abneigung gegen das Sprechen bekommen würde, gerade weil sie weder ein einziges Wort, das sie spräche, noch einen einzigen Ton ihrer eignen Stimme hören könnte. Er machte mich darauf aufmerksam, dass sie schon jetzt den Wunsch und das Bedürfnis zum Sprechen verlieren, und dass es ihr bald nachher unbedingt Schmerzen bereiten würde, wenn man sie nur zwingen wolle, einige Worte zu sprechen, aber er versuchte und bat mich, meine Vorsicht nicht durch meine Gutmütigkeit besiegen zu lassen, - denn wenn ich dies täte, würde sie ganz sicherlich ebensowohl stumm als taub werden. »Behandeln Sie sie daher in dieser Hinsicht streng, die arme kleine Seele, es wird zu ihrem eignen Besten sein.«

Er konnte dies wohl leicht sagen, aber mir war dies fast gänzlich unmöglich. Das liebe Kind, verehrte Frau, schien sich an sein Unglück zu gewöhnen, ausgenommen, wenn wir sie quälten, dass sie sprechen sollte. Es war der traurigste, schönste Anblick auf der Welt, denn ach wie geduldig und wacker ertrug sie vom ersten Augenblick an ihr hartes Los. Als ihr Gesundheitszustand sich besserte, setzte sie mit mir und meinem Manne ihr Lesen und Schreiben ganz sorgfältig fort und ihre ganze liebliche, angeborne Heiterkeit kam wie früher zurück. Und so ist sie seither immer gewesen. - Gott segne sie! Wenn man sie nur freundlich behandelt, so ist sie trotz ihres Unglückes das heiterste, glücklichste kleine Wesen, das man sehr leicht zufriedenstellen kann. -

Ich sah niemals eine Träne in ihren Augen, außer wenn wir sie zum Sprechen zwangen, dann weinte sie immer und war den ganzen Tag über mürrisch und verdrießlich. Es schien schon fürchterlich schwierig und schmerzhaft für sie zu sein, wenn sie nur zwei oder drei Worte sagen sollte. Mein Mann hörte zuerst auf, sie mit Sprechen zu plagen. Er übte Lesen und Schreiben mit ihr, aber ließ ihr in jeder andern Hinsicht ihren eignen Willen und lehrte sie zum Zeitvertreib allerlei Kunststücke, und dies war ein gutes Mittel, ihren Eifer im Lesen und Schreiben aufrecht zu erhalten, da sie natürlich alles, was sie sich einander mitzuteilen hatten, auf eine kleine Schiefertafel schreiben musste, die wir ihr kauften, sobald sie wieder wohl wurde.

Es war Maries eigne Idee, die Schiefertafel immer an ihrer Seite hängen zu haben. Sie hielt sie für ein prächtiges Spielzeug und war sehr stolz darauf. Jemmy, der in solchen Sachen bewandert war, machte ihr einen niedlichen Rahmen von rotem Saffian dazu und veranlasste unsern Requisiteur, denselben mit einem glänzenden goldenen Streifen einzufassen, worauf wir sie ihr an einer kleinen seidenen Schnur umhingen - gerade, wie Sie es jetzt sehen, verehrte Frau!

Ich fuhr ein wenig länger fort, sie zum Sprechen anzuhalten als mein Mann, aber zuletzt gab ich auch nach. Ich weiß, dass es unrecht und egoistisch von mir war, aber ich befürchtete, sie würde mich nicht mehr so gut leiden können wie früher, und würde sich mehr an Jemmy als an mich gewöhnen, wenn ich damit fortführe. Ach wie glücklich war sie am ersten Tage, als ich auf ihre Tafel schrieb, dass ich sie nicht mehr mit dem quälen wollte! Sie sprang auf meinen Schoß und küsste mich wohl tausendmal von ganzem Herzen. Den übrigen Teil des Tages lief sie im Zimmer und im ganzen Hause umher wie ein tolles Ding, und als Jemmy abends von der Vorstellung nach Hause kam, stieg sie aus ihrem Bette und fing an mit ihm hernmzutanzen, auf seinem Rücken zu reiten und ahmte die närrischen Gesichter nach, welche sie ihn im Zirkus hatte schneiden sehen. Ich glaube, mein Herr, das war der erste wirklich glückliche Abend, den wir seit der fürchterlichen Zeit, wo sie ihren Unfall erlitt, alle zusammen verlebten.

Vielleicht mein Herr, wünschen Sie zu erfahren, wie sie zum ersten Male dazu kam, ihre Kartenkunststücke im Zirkus zu zeigen. Hierbei war keine Gefahr, das weiß ich - und dennoch würde ich fast alles darum gegeben haben, wenn sie nicht so zur Schau gestellt würde, wie es jetzt geschieht. Es wurde mir aber wieder auf die gemeinste, schändlichste Weise gedroht - ich kann es kaum in der Gegenwart solcher Herren sagen - Jubber, müssen Sie wissen -«

Gerade als Frau Peckover mit sehr schmerzlichem Zaudern die letzten Worte aussprach, schlug die Uhr im Hause des Rektors zwei. Sie hörte es und hielt sogleich inne.

»O, mein Herr, Sie entschuldigen! Schlug es jetzt nicht zwei Uhr?« frug sie und sprang bestürzt auf.

»Ja, Frau Peckover«, sagte der Rektor, »aber nachdem wir Ihnen durch Ihre Erzählung zu so vielem Danke verschuldet sind, können wir unmöglich daran denken, dass Sie und die kleine Marie uns schon verlassen.«

»Wir müssen aber wirklich gehen, mein Herr, und danken Ihnen vielmals, dass Sie uns noch länger bei sich behalten wollen«, erwiderte Frau Peckover. »Ich sagte Herrn Blyth, als ich hierher kam, dass ich mich unter dem Vorwande hierher gestohlen hätte, mit der kleinen Marie spazieren zu gehen. Wenn wir um zwei Uhr zum Mittagsbrot im Zirkus nicht zurück sind, so weiß ich nicht, was Jubber tun könnte. Er ist der grausamste Tyrann - Herr Blyth wird Ihnen sagen, wie schändlich er das arme Kind gestern Abend behandelt hat - wir müssen gehen, mein Herr, ihrethalben, oder sonst -«

»Warten Sie!« rief Valentin und zog Frau Peckover auf ihren Stuhl zurück, »warten Sie! - Ich muss sprechen, Doktor, wenn Sie auch mit dem Kopfe schütteln und die Stirn runzeln - ich muss sprechen, oder ich müsste verrückt werden! Sie sollen nicht aufstehn, Frau Peckover, Sie dürfen jenes kleine Engelskind niemals wieder mit zu Jubber nehmen - nein, niemals! Beim Himmel! Wenn ich mir denken könnte, dass er sie jemals wieder berührte, ich würde wahnsinnig werden und ihn ermorden! - Lassen Sie mich zufrieden, Doktor! Ich bitte um Verzeihung wegen meines ungebührlichen Betragens, Frau Joyce. Seien Sie alle ruhig! Ich nehme das Kind mit mir nach Hause - o Frau Peckover, bitte, sagen Sie nicht »nein«! Ich will sie immer glücklich machen. Ich habe kein eigenes Kind; ich will über sie wachen, sie lieben und sie, so lange ich lebe, unterrichten. Ich habe eine arme, leidende, bettlägerige Frau zu Hause, welche eine solche Gefährtin wie die kleine Marie als den größten Segen betrachten würde, den ihr Gott senden könnte. Helfen Sie mir, Doktor - bitte, sprechen Sie sogleich mit Frau Peckover, wenn Sie nicht wollen, dass ich mein ganzes Leben lang elend sein soll!«

Mit diesen Worten stürzte Valentin hastig in den Garten und eilte gerade nach der Stelle, wo die kleinen Mädchen noch zusammen auf ihrem schattigen Ruheplatze unter den Bäumen saßen.

Die Frau des Clowns hatte während Herrn Blyths Anreden, Ausrufungen und Bitten ganz blass und still gesessen. Sie schien nach seiner Entfernung ganz außer Stande zu sprechen und sah sich nur sehr bestürzt nach dem Doktor um.

»Bitte, Frau Peckover. beruhigen Sie sich«, sagte Doktor Joyce, »und schenken Sie dem, was ich im Begriff bin, Ihnen mitzuteilen, gütigst Ihre Aufmerksamkeit. Vor allen Dingen will ich Sie bitten, Herrn Blyths sonderbares Betragen zu entschuldigen, das Sie erschreckt und erstaunt hat. Er hat eine ungewöhnlich erregbare Natur, die ihn oft verwirrt macht, aber ich kann Sie versichern, dass er es ehrenhaft und aufrichtig in allem meint, was er sagt. Sie werden dies besser verstehn, wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen ruhig den Vorschlag auseinanderzusetzen, welchen er soeben so unverhofft und so verwirrt in seinen eigenen Worten gemacht hat.«

»Einen Vorschlag, mein Herr!« rief Frau Peckover leise aus, erschreckter als zuvor aussehend »einen Vorschlag! O, mein Herr! Sie wollen doch nicht etwa von mir verlangen, dass ich mich von meiner kleinen Marie trennen soll?«

»Ich will von Ihnen nicht verlangen, was Ihr eigener guter Verstand und Ihr gütiges Herz missbilligen mag. Mein Freund, Herr Blyth, fühlt eine solche Zuneigung zu Ihrer kleinen Marie und einen solchen Wunsch, ihr in ihrem großen Unglücke zu helfen, dass er sie zu sich und als seine eigene Tochter annehmen will.«

»Verlangen Sie nicht von mir, dass ich dazu »ja« sage, mein Herr!« bat Frau Peckover mit Tränen in ihren Augen. »Verlangen Sie alles andere von mir, um meine Dankbarkeit für Ihre Güte gegen uns zu beweisen, aber wie kann ich mich von meiner kleinen Marie trennen? Sie können das Herz nicht haben, das von mir zu verlangen!«

»Ich habe ein Herz, Frau Peckover, um den tiefen Schmerz zu empfinden, welchen Sie bei der bloßen Idee, sich von dem Kinde zu trennen, fühlen müssen, aber gerade des Kindes halber muss ich Sie nochmals bitten, Ihre Gefühle zu beherrschen. Und noch mehr als das, ich muss Sie bei der Liebe, die Sie für dasselbe fühlen, bitten, dem Ihnen im Namen des Herrn Blyth gestellten Antrage ein williges Gehör zu schenken.«

»Ich würde es ja gern tun, wenn ich nur könnte, mein Herr - aber gerade weil ich es so sehr liebe, kann ich es nicht! Außerdem ist Herr Blyth mir ein vollkommener Fremder.«

»Ich lasse diesen Einwurf Ihrerseits gelten, Frau Peckover, aber erlauben Sie mir, Ihnen ans Herz zu legen, dass ich mich nach einer Erfahrung von zwanzig Jahren für die Rechtlichkeit seines Charakters und die Ehrlichkeit seiner Absichten verbürgen kann. Sie könnten hierauf antworten, dass ich ebenfalls ein Fremder bin, aber ich bitte Sie, meine Würde und meine Stellung als die besten Beweise annehmen zu wollen, dass ich Ihres Vertrauens nicht unwürdig bin. Wenn Sie die kleine Marie zu ihrer Belehrung in ein Taubstummen-Institut schicken, so werden Sie ebenfalls unbedingtes Vertrauen in den Vorstand einer solchen Anstalt setzen müssen.«

»O mein Herr! denken Sie nicht, dass ich Ihnen nicht trauen will - Ihnen, der Sie so freundlich und gütig gegen uns gewesen sind - und noch dazu einem Geistlichen -«

»Ich will Ihnen offen und ehrlich sagen«, unterbrach sie der Rektor, »was für Vorteile Herrn Blyths Vorschlag für das Kind in Aussicht stellt. Er hat keine eigene Familie und seine Frau, die arme Dame, ist, wie er es Ihnen schon angedeutet hat, für ihr ganzes Leben dem Siechtum verfallen. Wenn Sie nur die Sanftmut und die Geduld sehen könnten, mit der sie ihr Leiden erträgt, dann würden Sie einsehen, dass die kleine Marie von niemandem mit freundlicherm Herzen bewillkommt werden könnte als von Madam Blyth. Obgleich Herr Blyth keineswegs ein reicher Mann ist, so befindet er sich doch in einer unabhängigen Lage und kann ihr alle Bequemlichkeiten des Lebens bieten.«

»Sprechen Sie nicht weiter, mein Herr, Sie würden mir das Herz brechen, wenn ich mich von ihr trennen sollte.«

»Sie werden es mir später Dank wissen, Frau Peckover, dass ich Ihre Standhaftigkeit so auf die Probe stelle, wie ich es jetzt tue. Hören Sie mich ein wenig länger an, damit ich Ihnen die Bedingungen, welche Herr Blyth vorschlägt, mitteilen kann. Er will nicht nur gestatten, sondern wünscht sogar sehr - wenn Sie das Kind seiner Sorgfalt anvertrauen - dass Sie, so oft sie wollen, Zutritt zu ihm haben sollen. Er will seine Adresse in London bei Ihnen zurücklassen und stets aus Gründen, die ebenso ehrenwert für Sie als für ihn selbst sind, Ihre Reisekosten bestreiten, so oft Sie das Kind zu sehen wünschen. Er will stets Ihr älteres Recht auf Ihre Liebe und seine Pflichten gegen Sie anerkennen, Ihnen jede Erleichterung bieten, welche in seiner Macht steht, dass Sie stets mit ihr korrespondieren können; und wenn das Leben, welches sie in seinem Hause führt, ihr nur im Geringsten nicht zusagt, so verpflichtet er sich - wenn Sie es beide wünschen, sie Ihnen zurückzugeben. Dies sind die Bedingungen, Frau Peckover, welche er vorschlägt, und ich kann Ihnen aufs Feierlichste auf meine Ehre als Geistlicher und Gentleman beteuern, dass er die genaue Erfüllung einer jeden dieser Bedingungen heilig halten wird.«

»Ich sollte sie gehen lassen, mein Herr - ich zeigte dadurch, wie dankbar ich für Herrn Blyths Großmut bin, aber wie kann ich es, da ich sie so lange als mein eigenes Kind betrachtet habe? O verehrte Frau, legen Sie ein gutes Wort für mich ein! Ich scheine zu selbstsüchtig, weil ich sie nicht hingeben will. Bitte, legen Sie ein gutes Wort für mich ein!«

»Wollen Sie mich statt dessen ein Wort für die kleine Marie sagen lassen?« erwiderte Frau Joyce. »Wollen Sie bedenken, dass Herrn Blyths Vorschlag ihr einen sichern Schutz bietet gegen jenen unmenschlichen Schurken, welcher sie schon gemisshandelt hat und noch oft misshandeln wird, ohne dass Sie es verhindern, bitte, bedenken Sie das, Frau Peckover!«

Die arme Frau zeigte durch einen neuen Tränenstrom, wie schmerzlich ihr dieser Gedanke war.

»Halten Sie uns nicht für unbedacht und gefühllos«, sprach der Rektor, »wenn wir Ihnen Herrn Blyths Anerbieten so dringend empfehlen. Wir halten es aufrichtig für unsere Pflicht, zu Mariens Besten so zu handeln. Denken Sie nur über ihre Lage nach, wenn sie im Zirkus bleibt und heranwächst! Würde Ihre ganze wachsame und bewunderungswürdige Güte hinreichend sein, sie vor Gefahren zu beschützen, auf welche ich kaum anzuspielen wage? Vergegenwärtigen Sie sich den Tag, an welchem die kleine Marie zur Jungfrau wird herangereift sein, und ich will es verantworten, Frau Peckover, dass Sie dem wichtigen Anerbieten meines Freundes volle Gerechtigkeit haben widerfahren lassen.«

»Ich weiß, es ist ganz wahr, mein Herr, ich weiß, dass ich ein undankbares, selbstsüchtiges Geschöpf bin - aber geben Sie mir nur ein wenig Zeit zum Nachdenken.«

Doktor Joyce war gerade im Begriff, seinen Stuhl dichter zu Frau Peckover heranzuziehen, bevor er antwortete, als die Tür aufging und der ehrenhafte Vance leise in das Zimmer trat und auf einen zornigen Blick des Rektors sprach:

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr! Aber hier wartet ein Mann im Vorsaal, welcher aussagt, er käme wegen eines wichtigen Geschäftes und müsste Sie sogleich sprechen.«

»Wer ist es, und wie heißt er?«

»Er nennt sich Jubber, mein Herr.«

Frau Peckover sprang mit einem lauten Schrei von ihrem Stuhle auf: »Bitte, mein Herr, lassen Sie ihn, um Gottes Barmherzigkeit willen, ja nicht in den Garten kommen, wo die kleine Marie ist! O, was soll ich tun! O, barmherziger Himmel! Was soll ich tun?« jammerte sie.

»Überlassen Sie alles mir und setzen Sie sich wieder nieder«, sagte der Rektor gütig. Dann wandte er sich an Vance: »Führen Sie Herrn Jubber in das Garderobezimmer und sagen Sie, ich würde sogleich bei ihm sein.«

»Nun, Frau Peckover«, fuhr Doktor Joyce in der ruhigsten Weise fort, »ehe ich diesen Mann spreche, habe ich Ihnen drei wichtige Fragen vorzulegen. Zuerst, waren Sie gestern Abend Zeuge, als er das Kind so grausam misshandelte?«

»O wahrhaftig, mein Herr! Er hat sie auf die grausamste Weise mit einem Stocke geschlagen.«

»Sehr wohl, nun sagen Sie mir, ob Sie oder Ihr Mann irgendeinen Kontrakt - oder irgendein Dokument unterzeichnet haben, welches jenem Manne ein Recht verleiht, dieses Kind als eines der Mitglieder seiner Gesellschaft zu fordern?«

»Nein, mein Herr! Das habe ich niemals in meinem Leben getan. Jubbcr würde sich für beleidigt halten, wenn er mit einer solchen Person wie mit mir oder mit Jemmy wegen eines Kindes einen Kontrakt unterzeichnen sollte.«

»Immer besser, meine dritte Frage bezieht sich auf die kleine Marie selbst. Ich will es unternehmen, es diesem Schuft unmöglich zu machen, je wieder Hand an sie zu legen, aber ich kann dies nur unter einer Bedingung tun, welche nur Sie allein erfüllen können.«

»Ich will alles tun, was Sie verlangen, mein Herr, um sie zu retten, ich will es wahrhaftig.«

»Die Bedingung besteht darin, dass Sie in Herrn Blyths Vorschlag willigen, denn nur so allein kann ich für die Sicherheit des Kindes gänzlich sorgen.«

»Dann, mein Herr, willige ich ein«, sagte Frau Peckover mit einer plötzlichen eisernen Festigkeit im Tone und Benehmen, welche Frau Joyce fast erschreckte. »Ich willige ein, denn ich müsste das schlechteste Geschöpf auf Erden sein, wenn ich unter den jetzigen Umständen »Nein« sagen könnte. Ich will meinen köstlichen Lieblingsschatz von diesem Augenblicke an Ihnen und Herrn Blyth anvertrauen. Gott segne Sie und tröste mich! Denn ich bin des Trostes gar sehr bedürftig. O Marie! Marie! Meine eigene kleine Marie! Daran zu denken, dass ich mich auf immer von Dir trennen soll!« Das arme Weib blickte nach dem Garten, als sie diese Worte aussprach; ihre ganze Standhaftigkeit verließ sie in diesem Augenblicke, sie sank in ihren Stuhl zurück und schluchzte bitterlich.

»Führe sie nach den Sträuchern, wo die Kinder sind, sobald sie sich wieder ein wenig erholt«, flüsterte der Rektor seiner Frau zu, als er die Tür des Speisezimmers öffnete.

Obgleich Herr Jubber in seiner ganzen Erscheinung, wenn er sich des Abends in seinem Theaterkostüm und von dem Lampenlichte seines eigenen Zirkus beleuchtet zeigte, den verworfensten Anblick, welchen die Menschengestalt annehmen kann, darbot, so erreichte er nichts desto weniger einen unendlich erhabeneren Gipfel von schurkischer Vollkommenheit, wenn er in seinen gewöhnlichen Kleidern einherging und sich dem fürchterlichen Urteilsspruche des reinen Tageslichts unterwarf. Der abscheulichste Affe, den man aus den Käfigen eines zoologischen Gartens herausnehmen könnte, würde im Vergleich mit ihm, wie er jetzt in dem Garderobezimmer des Rektors erschien, noch gewonnen haben. Er stand da mit frechen, blutunterlaufenen Augen, grimmig und verächtlich überall herumstarrend, mit seinem gelben faltigen Nacken, der aus einem umgelegten Kragen und einer hellblauen Halsbinde heraussah. Er hatte seinen Hut auf seinem Kopfe und ließ seine schmutzigen Finger durch seine fettigen schwarzen Locken laufen, die über seinen Rockkragen hingen, als Doktor Joyce in das Garderobenzimmer trat.

»Sie wünschen mit mir zu sprechen?« sagte der Rektor, sich nicht niedersetzend und Herrn Jubber nicht zum Setzen einladend.

»O, Sie sind Doktor Joyce?« sagte der Mensch und nahm sogleich eine unverschämte Vertraulichkeit in seinem Benehmen an.

»So heiße ich«, sagte Doktor Joyce sehr ruhig. »Wollen Sie die Güte haben und mir so kurz als möglich erklären, was Sie zu mir führt?«

»Hallo! Sie nehmen einen solchen Ton gegen mich an!« rief Jubber, seine Arme in die Seite stemmend und mit seinem Fuße wild auf den Fußboden stampfend, »Sie wollen mich schon jetzt so hochmütig behandeln, wirklich? Sehr gut! Ich bin der Mann dazu, Sie mit gleicher Münze zu bezahlen! Warum haben Sie meinen geheimnisvollen Findling entführt? Was wollten Sie mit diesem Talente beginnen, das meinem Zirkus angehört?«

»Sie täten besser, wenn Sie ruhig und vernünftig mit mir sprächen«, sagte der Rektor. »Bis jetzt habe ich weiter nichts verstanden, als dass Sie mich durch Ihr Betragen beleidigen wollen! Sie täten weit besser, wenn Sie mir in einfachen Worten erklärten, was Sie von mir wünschen.«

»Sie wollen einfache Wort - He!« rief Jubber aus, seine Laune verlierend. Dann, bei Gott, sollen Sie sie haben, und einfach genug!«

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Doktor Joyce, »wenn Sie noch einmal in meiner Gegenwart schwören, werde ich meinen Bedienten klingeln und ihm befehlen, Sie aus dem Hause zu werfen.«

»Wenn Ihr Diener eine Hand an mich legt, will ich ihn halbtot schlagen,« sagte Jubber, über des Rektors festen Ton verwirrt, und sah mürrisch nach der Türe. »Aber hierum handelt es sich gerade jetzt nicht - es handelt sich vielmehr um die Anklage, dass Sie mein taubstummes Kind in Ihr Haus gelockt haben, um seine Künste vor Ihnen, natürlich verstohlen, zu zeigen.«

»Darf ich fragen, wie Sie erfahren haben, dass das Kind, von dem Sie sprechen, heute in meinem Hause gewesen ist?« frug Doktor Joyce, ohne Herrn Jubbers Zorn im Geringsten zu beachten.

»Einer meiner Leute sah es Frau Peckover hierher führen und teilte mir dies mit, als sie und das Kind bei Tische vermisst wurden. Ich denke, das ist Beweis genug! Leugnen Sie das, wenn Sie können!«

»Ich habe nicht die geringste Absicht, es zu leugnen. Das Kind ist in meinem Hause.«

»Und hat natürlich alle seine Künste gezeigt? O wie erbärmlich, wie erbärmlich! Ich würde mich selbst schämen, wenn ich versucht hätte, einen Mann auf diese Weise um seinen Verdienst zu betrügen.«

»Ich bin aufrichtig erfreut zu hören, dass Sie unter gewissen Umständen überhaupt fähig sind, sich zu schämen«, erwiderte der Rektor. »Das Kind hat jedoch seine Künste nicht gezeigt, da man es durchaus nicht in der Absicht, die Sie vermuten, hat holen lassen. Aber wie Sie gerade jetzt sagten, darum handelt es sich nicht. Warum sprachen Sie aber von dem kleinen Mädchen einen Augenblick vorher, gerade als ob es das Ihrige wäre?«

»Weil es natürlich eins meiner Mitglieder ist. Nun habe ich aber genug, ich kann nicht den ganzen Tag hier bleiben und schwatzen; ich verlange das Kind - also geben Sie es sogleich heraus. Ich will dann schon dafür sorgen, dass es künftig hübsch im Zirkus bleibet! Ich will -«

»Sie würden Ihre Zeit weit nützlicher anwenden, wenn Sie die Zettel zu Ihrer Vorstellung abänderten und das Publikum benachrichtigten, dass das taubstumme Kind nicht wieder vor ihm erscheinen wird.«

»Nicht wieder erscheinen? - Heute Abend nicht in meinem Zirkus erscheinen? Nun, zum Teufel, Sie sind doch nicht auf einmal närrisch geworden! Ich meine Zettel ändern, wie? Nicht übel!«

»Einer meiner Freunde hat das Kind adoptiert und will es morgen früh mit nach Hause nehmen. Frau Peckover, welche die einzige Person ist, die überhaupt ein Recht hat, über dasselbe zu gebieten, hat zu diesem Abkommen ihre Einwilligung gegeben. Es wird mein Haus nicht eher verlassen, als bis es morgen mit meinem Freunde nach London fährt.«

»Und Sie denken, dass ich der Mann dazu bin, um dies zuzugeben? - und das Kind hinzugeben? - und die Zettel zu ändern? - und Geld zu verlieren? -und während der ganzen Zeit so sanft wie die Muttermilch zu sein? Der Teufel hole dieses Geschwätz und diesen Unsinn«, brüllte der Schurke, plötzlich aus seiner Unverschämtheit zur Wut übergehend und mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Geben Sie mir das Kind sogleich heraus, hören Sie! Geben Sie es heraus, sage ich - ich werde das Haus nicht eher verlassen, bis ich es habe.«

Gerade als Herr Jubber zum zweiten Mal fluchte, klingelte Doktor Joyce. »Ich habe Ihnen gesagt, was ich tun würde, wenn Sie in meiner Gegenwart zum zweiten Mal fluchen würden«, sagte der Rektor.

»Und ich sagte Ihnen, ich würde den Diener umbringen, wenn er Hand an mich legte«, entgegnete Jubber, seinen Hut tief ins Gesicht drückend und an seinen Manschetten zupfend.

Vance erschien an der Tür, weit weniger hochtrabend als gewöhnlich und eine interessante Blässe des Gesichts zeigend. Jubber spie erst in seine hohlen Hände und ballte dann seine Fäuste.

»Seid Ihr unten mit dem Mittagbrot fertig?« frug Doktor Joyce, ein wenig rot werdend, aber immer noch sehr ruhig.

»Ja mein Herr«, antwortete Vance in einem merkwürdig heruntergestimmten Tone.

»Sagen Sie zu James, dass er zum Constabler gehe, um ihn hierher zu holen, und halten Sie sich draußen in dem Vorzimmer mit dem Gärtner bereit.«

»Jetzt«, sagte der Doktor, indem er, nachdem diese Befehle gegeben waren, die Tür wieder schloss und sich noch einmal Herrn Jubber gegenüber stellte, »jetzt habe ich Ihnen ein oder zwei letzte Worte der Warnung zu geben, die Sie ruhig anhören wollen. Zuerst haben Sie durchaus kein Recht auf dieses Kind; denn ich weiß zufällig, dass Sie keinen unterschrieben Kontrakt besitzen, worin Ihnen das Kind zu Dienstleistungen verpflichtet ist, und ebenso wenig ein Recht über dasselbe, es ist ein vollkommen freies Wesen« »Soweit es Sie angeht -« »Ja! ja! Sie leugnen dies natürlich, aber wenn Sie bei Ihrem Leugnen beharren, so will ich Ihren Ruf, so wahr Sie hier stehen, in Rubbleford und in der ganzen Nachbarschaft auf immer zu Grunde richten. Sie haben das Kind auf die gemeinste Weise gestern Abend geschlagen. Ich bin eine obrigkeitliche Person und habe meinen Ankläger und meinen Zeugen dieses Verbrechens in Bereitschaft, sobald es mir gefällt, Sie aufzurufen. Ich kann Sie entweder mit Geld strafen oder Sie einsperren lassen, wie es mir beliebt. Sie kennen das Publikum, Sie wissen, was es von Leuten hält, welche hilflose Kinder misshandeln. Wenn Sie unter dieser Anklage vor mir erscheinen müssten, so würde die Rubbleforder Zeitung darüber Bericht erstatten, und es würde niemand mehr Ihren Zirkus hier besuchen, Sie würden in diesem Teile des Landes ein ruinierter Mann sein. Nun, ich will Ihnen dies ersparen - nicht etwa aus Zartgefühl gegen Sie- aber unter der Bedingung, dass Sie sich geräuschlos von hier entfernen und niemals hier wieder sehen lassen. Ich rathe Ihnen dringend, sogleich zu gehen, denn wenn Sie warten, bis der Constabler kommt, so kann ich nicht für mein Pflichtgefühl einstehen, Sie von ihm verhaften zu lassen.« Bei diesen Worten

öffnete Doktor Joyce die Tür und zeigte nach dem Vorzimmer.

Während dieser ganzen Rede zerfleischten abwechselnd heftiger Zorn, unbändiges Erstaunen, niederschlagender Schrecken und ohnmächtige Wut die Brust des Herrn Jubber. Er stolperte im Zimmer auf und ab und stieß abgebrochene Flüche aus, unterbrach aber Doktor Joyce nicht weiter. Als der Rektor fertig war, hatte der Kerl auch sogleich eine unverschämte Antwort darauf in Bereitschaft. Man musste gegen ihn gerecht sein, er war konsequent, wenn auch nichts weiter - er war Renommist und Schuft bis aufs Äußerste.

»Obrigkeit oder Geistlicher«, rief er, »ich frage den Teufel danach, ob Sie das eine oder das andere sind, Sie halten das Kind auf Ihre eigne Gefahr hier. Ich werde zum ersten Advokaten in Rubbleford gehen, Sie verklagen und Ihnen ein wenig zeigen, was das Gesetz zu bedeuten hat. Ich habe die kleine Kröte nur ein wenig durchgeprügelt, weil sie es verdiente. Ich will schon mit Ihnen fertig werden und mir das Kind von da schon wieder holen, wo Sie es hinbringen.«

(Hier ging er nach der Tür des Vorzimmers). »Ich will schon mit Ihnen fertig werden, zum Teufel auch! Ich will Sie anklagen, dass sie Ihre gemeinen Dienstleute auf mich gehetzt haben, um mich anzufallen.« Bei diesen Worten sah er wild nach dem Gärtner, einem sommersprossigen schottischen Riesen von sechs Fuß drei Zoll und stieg sogleich fünf Stufen auf der Treppe herab. »Lege einen Finger an mich, wenn Du es wagst! Ich bin ein freier Engländer und will Recht und Gerechtigkeit haben! Ich will sie zurückfordern, und wenn ich sie wieder habe, will ich sie ärger als je schlagen! Ich will -« Nun stürzte er nach dem Garten vor; seine Worte wurden undeutlich und seine rauhe Stimme wurde allmählich weniger hörbar.

Der Kutscher sah ihn zuletzt am Torwege und berichtete, dass er beim Herausgehen mit seinem Stocke lasterhaft auf die Blumen losgeschlagen und geschworen hätte, dass er den Rektor mit dem Gesetz zu Grunde richten wollte.

Nachdem Doktor Joyce seinen Dienern gewisse Weisungen für den sehr unwahrscheinlichen Fall von Herrn Jubbers Rückkehr gegeben hatte, ging er sogleich in das Speisezimmer, und als er hier niemanden fand, weiter nach dem Garten.

Hier traf er die Familie und den Besuch beisammen, aber mit allen war während seiner Abwesenheit eine große Veränderung vorgegangen. Als Herr Blyth von dem Resultate der Unterhaltung, welche der Rektor mit Frau Peckover gehabt hatte, benachrichtigt worden war, benahm er sich mit seinem gewöhnlichen Ungestüm und verlor alle Besonnenheit; er schrieb ohne die geringste Vorbereitung auf Mariens Schiefertafel nieder, dass sie mit ihm morgen nach Hause gehen und ihr ganzes Lebelang bei ihm glücklich sein sollte. Die Wirkungen dieses unvorsichtigen Verfahrens gaben sich bei dem Kinde in einer außerordentlichen Angst kund, und sie lief von jedermann weg, um sich zu Frau Peckover zu flüchten. Sie weinte noch und hielt sich mit beiden Händen an dem Kleide der Frau Peckover fest, als der Rektor zu der Gesellschaft trat, die unter den Kühlung säuselnden Bäumen versammelt war.

Doktor Joyce sprach nur wenig über die Unterredung, welche er mit Herrn Jubber gehabt hatte, und bekümmerte sich nicht viel um die Drohungen desselben. Frau Peckover, deren Fassung durch die stummen Beweise, welche sie von der Zuneigung der kleinen Marie erhielt, überwältigt zu werden schien, lauschte ängstlich auf jedes Wort, das der Doktor sprach, und sobald er fertig war, sagte sie, dass sie sogleich nach dem Zirkus zurückgehen müsste, um ihrem Manne über die heutigen Vorfälle die Wahrheit zu sagen, als eine notwendige Abwehr gegen die Verleumdungen, die sicherlich von Herrn Jubber gegen sie vorgebracht würden.

»O, kümmern Sie sich nicht um mich, geehrte Frau!« sagte sie als Antwort auf die Befürchtungen, welche Frau Joyce über ihren Empfang im Zirkus ausdrückte. »Das liebe Kind ist in Sicherheit, und das ist das einzige, was mich kümmert. Ich bin groß und stark genug, meine eigene Sache zu verfechten, und Jemmy ist immer zu meiner Hilfe in der Nähe. Erlauben Sie mir heut Abend wieder hierher zu kommen und zu sagen - und zu sagen -«

Sie mochte wohl haben hinzufügen wollen, und lebe wohl zu sagen, aber die Gedanken, welche sich jetzt um das einzige Wort anhäuften, erschwerten ihr das Aussprechen dieses Wortes zu sehr. Sie nickte schweigend ihren Dank für die herzliche Einladung, welche ihr zur Erneuerung ihres Besuchs gegeben wurde, beugte sich auf Marien nieder, küsste sie und schrieb auf ihre Tafel: »Um sieben Uhr heute Abend, mein Liebling, werde ich wieder zu Dir kommen.« Dann entfernte sie die kleinen Hände, welche sich noch an ihrem Kleide festhielten, und eilte aus dem Garten, ohne dass sie sich nur noch einmal umzublicken wagte. Frau Joyce, die jungen Mädchen und der Rektor versuchten all ihr Möglichstes, um die kleine Marie zu trösten, aber es gelang niemand von ihnen. Sie widerstrebte, obgleich auf eine sehr sanfte Weise, ihren Liebkosungen. Sie ging allein und still für sich hin und sah beständig nach der Tafel, als wenn sie nur in dem Lesen der wenigen Worte, welche Frau Peckover darauf geschrieben hatte, einen Trost finden könnte. Zuletzt nahm sie Herr Blyth auf seinen Schoß. Sie wehrte sich einen Augenblick dagegen, dann sah sie ihm aufmerksam ins Gesicht und legte traurig seufzend ihren Kopf an seine Schulter. In dieser einfachen Handlung und in dem Vorzuge, welchen sie ihm gab, lag eine Welt der Verheißung für den künftigen Erfolg von Valentins Lieblingsplan.

Der Tag verging ruhig - der Abend kam heran - es schlug sieben - dann halb acht - dann acht Uhr, und Frau Peckover erschien immer noch nicht. Doktor Joyce wurde unruhig und schickte Vance nach dem Zirkus, um Nachricht von ihr zu erhalten.

Nur Herr Blyth vermochte die kleine Marie teilweise zu beruhigen, als Frau Peckover zur bestimmten Stunde nicht gekommen war. Sie war zuerst unruhig darüber und wollte nach dem Zirkus gehen, als sie aber jedoch fand, dass man sie zärtlich, aber entschieden in der Rektorwohnung zurückhielt, weinte sie bitterlich und so lange, dass sie zuletzt in Valentins Armen einschlief. Er saß und hielt sie mit unveränderlicher Geduld besorgt aufrecht. Die scheidenden Strahlen der Sonne verschwanden am Horizonte, der ruhige Glanz des Zwielichts verbreitete sich über den Himmel - und dennoch ließ er sie nicht von sich und sagte, er wollte lieber so in dieser Stellung die ganze Nacht sitzen als sie stören.

Vance kam zurück und brachte die Nachricht, dass Frau Peckover ihm in einer halben Stunde folgen würde. Man hatte ihr im Zirkus eine Arbeit übertragen, welche sie erst vor ihrer Rückkehr nach der Rektorwohnung fertig machen musste.

Nachdem Vance diese Botschaft ausgerichtet, zeigte er zunächst einen Zettel, welcher, wie er sagte, in ganz Rubbleford zirkulierte und sich als Machwerk des Herrn Jubber selbst erwies. Da jener erfinderische Schurke ohne Zweifel entdeckt hatte, dass das Gesetz ohnmächtig war, ihm Rache zu verschaffen, und dass er am besten täte, sich von Doktor Joyce als einer obrigkeitlichen Person so fern als irgend möglich zu halten, so versuchte er jetzt ganz listig, den Verlust des Kindes zu seinem eignen Vorteil zu benutzen, indem er sich einer frechen Lüge, welche in seinen großen roten Lieblingsbuchstaben erschien, bediente. Er benachrichtigte das Publikum durch seine Zettel, dass der Vater des geheimnisvollen Findlings dank der göttlichen Vorsicht entdeckt worden wäre, und dass er (Herr Jubber) das Kind sogleich ausgeliefert hatte, ohne sich im Geringsten zu bedenken, welchen Schaden er sowohl in seiner Einnahme als an seinem Gemüte durch den Verlust eines seiner zärtlich geliebtesten und besten Mitglieder erleiden würde. Hierauf wandte er sich vertrauensvoll an das Mitgefühl der ganzen Bevölkerung und an zärtliche Elternherzen insbesondere, ihn dadurch zu entschädigen und zu trösten, dass sie sich recht zahlreich in seinem Zirkus einstellten, und fügte noch hinzu, dass, wenn ein neuer Reiz notwendig wäre, um das Publikum zum Besuche seines Zirkus anzutreiben, er Vorkehrungen träfe, einen solchen in der Gestalt des kleinsten Zwerges auf der Welt zu gewähren, mit dem er jetzt wegen Engagements in Unterhandlung stände und der, wie er hoffte, in einigen Tagen zum ersten Male vor dem Rubbleforder Publikum erscheinen würde.

Auf solche Weise glaubte Herr Jubber die schimpfliche Niederlage, welche er durch Doktor Joyce erlitten hatte, in eine vorteilhafte Geldspekulation zu verwandeln.

Nach vielen sorgfältigen Bedenken und manchem ernsthaften Wortwechsel gelang es Frau Joyce, Herrn Blyth zu überreden, dass er die kleine Marie nach ihrem Bette herauftragen könnte, ohne dass sie erwachen würde.

Valentin trug sie sorgfältig auf seinen eignen Armen nach dem Schlafzimmer.

Sie legten sie vorsichtig auf das Bett und bedeckten sie leicht mit einem Schal - dann gingen sie wieder herunter, um auf Frau Peckover zu warten. Mit bekümmertem und abgespanntem Gesicht kam die Frau des Clowns nach einer halben Stunde, wie sie versprochen hatte. Außer dem Bündel, welches des Kindes wenige Kleider enthielt, brachte sie auch noch das Haararmband und das Taschentuch, welche bei der Mutter der kleinen Marie gefunden worden waren.

»Wo das Kind auch immer hingeht, so müssen diese beiden Dinge sie stets begleiten.«

Sie richtete diese Worte an Herrn Blyth und übergab seinen eigenen Händen das Haararmband und das Taschentuch.

Als Frau Peckover hörte, dass Marie oben schliefe, erregte dies eher eine beruhigende als traurige Empfindung in ihr. Sie ging hinauf, betrachtete sie auf ihrem Bettchen und küsste sie ganz leise.

»Sagen Sie ihr, dass sie an mich schreiben soll, mein Herr«, sagte die arme Frau Peckover, indem sie Valentins Hand festhielt und ihm durch Tränen gedankenvoll in das Gesicht sah. »Ich werde ihren ersten Brief an mich sehr hoch schätzen, wenn er auch nur einige Zeilen enthält. Gott segne Sie, mein Herr, und leben Sie wohl! Ich hoffe, dass ich bald nach London kommen werde, um sie selbst zu sehen. Aber vergessen Sie den Brief nicht, mein Herr, denn sobald ich einen von ihr bekommen haben werde, werde ich mich nicht mehr so sehr ängstigen.«

Nach diesen Worten entfernte sie sich eilig und verbarg ihre hervorquellenden Tränen. Herr Blyth und die kleine Marie verließen den andern Morgen frühzeitig die Wohnung des Rektors und fuhren mit dem ersten Postzuge nach London.


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