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Neuntes Kapitel - Ein Besucher in dem Atelier

Es ist nun schon eine lange Zeit her, seitdem wir Herrn Blyth und die Madonna in dem Atelier verlassen haben. Man wird sich erinnern, dass der erstere beschäftigt war, die Bacchanalischen Nymphen in dem Vordergrunde einer großen klassischen Landschaft herauszuputzen. Die zweite beschäftigte sich, bescheiden den Kopf der mediceischen Venus zu kopieren. Beide sitzen emsig arbeitend an den entgegengesetzten Enden des Zimmers. Es ist schon ein Uhr vorüber, als auf einmal die Hausglocke fürchterlich geläutet wird.

»Das ist er!« sagte Herr Blyth zu sich selbst. »Ich kenne sein Klingeln unter Tausenden!«

Hier trommelt Valentin leise auf den Fußboden, die Madonna sieht sich sogleich nach ihm um; er schwingt seine Hand verschiedene Male schnell um seinen Kopf, ein Zeichen, das »Zack« bedeutet. Das Mädchen lächelt lieblich und errötet bei diesem Zeichen. Zack ist augenscheinlich einer ihrer besten Freunde.

Während der junge Herr am Gartentor Einlass erhält, wollen wir seine Bekanntschaft mit Herrn Blyth erklären.

Valentins und Frau Thorpes Väter waren intime Freunde von jener Anekdoten erzählenden und über die Maßen alten Portwein trinkenden, alten Schule, deren letzte Überbleibsel jetzt schnell von uns verschwinden. Der freundliche Verkehr zwischen diesen Herren erstreckte sich natürlich auch auf die Söhne und Töchter, welche ihren Familien angehörten. Von der Zeit aber an, wo sich Herr Thorpe mit Fräulein Goodworth verheiratete, wurden die Verbindungen zwischen den jungen Goodworths und Blyths weniger intim - wenigstens insofern, was die junge Frau und Valentin betraf. Der strengere, neuere Puritaner und der exzentrische Kunstjünger fühlten vom ersten Anfange an eine gegenseitige Abneigung. Steife Höflichkeitsbesuche wurden in langen Zwischenräumen gegenseitig gemacht, aber auch diese hörten ganz auf, sobald die Madonna in Valentins Hause erschien, denn Herr Thorpe war einer der ersten von den barmherzigen Freunden der Familie, welcher sie für des Malers natürliches Kind hielt und sagte, er erachte es für seine Pflicht, Herrn Blyths Immoralität dadurch zu bestrafen, dass er seine Bekanntschaft meide. Daraus entstand für einige Jahre eine fast vollkommene Trennung, bis Zack zum Knaben heranwuchs und eines Tages in seinen Ferien von seinem Großvater zu einem Besuche bei Valentin mitgenommen wurde. Er und der Maler wurden sogleich Freunde. Herr Blyth liebte die Knaben und Knaben von jedem Alter liebten ihn. Er machte gutmütig Zacks Eltern einen Gegenbesuch, welcher jedoch so kalt aufgenommen wurde, dass man ihn nie erwiderte; der Knabe jedoch besuchte dessen ungeachtet Valentins Haus bei jeder Gelegenheit und vergaß seinen Künstlerfreund niemals in spätern Jahren.

Wir wollen jetzt zum Läuten der Hausglocke zurückkehren.

Zacks Ankunft im Atelier wurde durch ein lautes Auftreten mit seinen Füßen, durch ein überlautes Sprechen und durch ein verdächtiges Kichern des .Hausmädchens, welche ihn hereinließ, verkündet. Plötzlich hörte dieser Lärm auf - die Tür wurde aufgerissen und Herr Thorpe jun. stürzte in das Zimmer.

»Lieber alter Blyth! wie geht es Ihnen?« rief Zack. »Haben Sie schon wieder einmal »Froschhüpfen« gespielt, seitdem ich das letzte Mal hier gewesen bin? Stehen Sie auf und lassen Sie uns meinen Einzug in das Atelier nach unserer alten Weise mit einer männlichen gymnastischen Übung feiern. Kommen Sie! Ich will anfangen!«

Herr Blyth stellte Pinsel und Malstock wirklich weg und war gutmütig genug, mit Zack eine Zeit lang das altenglische Spiel »Froschhüpfen« zu spielen. Nachdem der letztere ihn hierin besiegt hatte, erhoben sie sich beide zusammen und schüttelten sich herzlich die Hände.

»Zu steif, Blyth - zu steif und zu wackelig«, sagte der junge Herr. »Ich habe lange keine gymnastischen Übungen mit Ihnen mehr gemacht. Wir müssen im Garten mehr Froschhüpfen üben, und ich will das nächste Mal die Fechthandschuhe mitbringen und Sie fechten lehren. Eine köstliche Übung und so gesund für Ihre alte Leber.«

Nachdem Jack diese Meinung abgegeben hatte, lief er fort zur Madonna: »Wie befindet sich mein liebster, hübschester, sanftester Liebling auf der Welt!« rief Zack, ihre Hand ergreifend und sie mit ungestümer Hast küssend. »Ach, andere alte Freunde lässt sie ihre Wange und mich nur ihre Hand küssen! - Nein, alter Blyth, was das für eine kleine Hexe ist; ich will zwei zu eins mit Ihnen wetten, dass sie erraten hat, was ich soeben zu ihr sagte.«

Eine Purpurröte übergoss des Mädchens Gesicht, während Zack sie anredete. Ihre zarten, blauen Augen sahen zu ihm empor, und die zierlichen Falten ihres hübschen, grauen Kleides, welche beim Zeichnen erst so ruhig über ihrem Busen gelegen hatten, fingen leise an auf und nieder zu steigen, als Zack ihre Hand hielt. Wenn der junge Thorpe nicht das sorgloseste, unruhigste, menschliche Wesen gewesen wäre, so hätte er schon lange erraten müssen, warum er der einzige von Madonnas alten Freunden war, dem sie einen Kuss auf ihre Wange verweigerte.

Aber Zack erriet weder noch dachte er daran, irgendetwas Ähnliches erraten zu können. Seine flüchtigen Gedanken wanderten in einem Augenblicke von der jungen Dame zu seiner Zigarrentasche und gleich darauf hob er ein Stückchen Papier von der wollenen Decke auf und machte einen Kahn daraus.

Als die Madonna sich wieder zu ihrer Zeichnung zurückwendete, wanderten ihre Augen ein oder zwei Mal scheu nach dem Platze hin, wo Zack stand; des jungen Thorpes persönliche Erscheinung war hübsch genug, um jede Frau zu verlocken, ihn mit billigenden Augen anzublicken. Er war über sechs Fuß hoch und, obgleich damals wenig mehr als neunzehn Jahr alt, im Verhältnis zu seiner Statur doch vollkommen entwickelt. Sein Fechten, Rudern und andere athletische Übungen hatten außerordentlich dazu beigetragen, seine von Natur kräftige, aufrechte Gestalt zu stärken und seinen Muskeln eine vollkommene Gesundheit zu verleihen. Groß und stark wie er war, war er doch nicht steif oder plump in seinen Bewegungen. Er hatte scharfe, kühne, mutwillige graue Augen - eine gänzlich englische rot und weiße Gesichtsfarbe - bewunderungswürdig glänzende und regelmäßige Zähne - und hellbraunes, schön gelocktes Haar. Mit einem Worte, Zack war ein männlich hübscher Bursche und eine Zierde für die Eltern und das Land, denen er seine Geburt verdankte.

»Hallo Snooks!« sagte er, zu der Katze herabsehend, welche zwischen seinen Füßen saß, »Du hast wieder ein neues kleines Kätzchen bekommen, nicht wahr? Sagen Sie, Blyth, das Rauchen geniert Sie und die Madonna nicht?« frug er, seine Zigarre anzündend.

»Nein - nein«, sagte Valentin. »Aber Zack, Sie schrieben mir, dass Ihnen Ihr Vater alle Zigarren abgenommen hätte -«

»Das ist auch wahr, und mein ganzes Taschengeld obendrein. Aber ich wusste mir zu helfen und habe mir einige köstliche Zigarren verschafft.«

»Sich selbst geholfen!« rief Herr Blyth aus, »was in aller Welt meinen Sie damit?«

»O!« sagte Zack, »erschrecken Sie nicht. Ich habe nicht gestohlen, ich habe nur getauscht. Mein Kollege, der jüngere Kommis im Teeladen, hatte drei Dutzend Zigarren und ich eine abscheulich aussehende Halsbinde, die sich nur für einen Gentleman eignete. Der jüngere Kommis gab mir die drei Dutzend Zigarren, und ich gab ihm die Halsbinde. Das ist Tausch, und Tausch ist Handel, mein alter Bursche!«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Zack«, sagte Herr Blyth, indem er fast unaufmerksam sprach, weil er in jenem Augenblicke sehr beschäftigt war, die Falten des blauen Unterrocks einer Bacchantin zu vergrößern. Ich will Ihnen etwas sagen, Ihre jetzige Aufführung gefällt mir gar nicht; Ihr letzter Brief hat mich sehr beunruhigt.«

»Sie können nicht halb so verdrießlich sein als ich«, erwiderte Zack. »Hier bin ich heiter genug, das geb ich zu, weil ich nicht anders kann; aber zu Hause bin ich der unglücklichste Teufel auf dem ganzen Erdboden. Mein Vater ist mir in allem entgegen und ist schuld daran, dass ich ein Heuchler werde und ihn auf jede Art und Weise betrüge - ich hasse mich selbst deshalb; und dennoch kann ich es nicht unterlassen, weil er mich dazu zwingt. Warum verlangt er von mir, dass ich nach seiner eigenen mürrischen Weise leben soll? Warum verlangt er immer ungestüm von mir, dass ich um elf Uhr zu Hause sein soll? Ich will mich nur ruhig amüsieren, wie es andere Burschen auch tun. Bei meiner Seele, Blyth, er denkt, es liegt in meinem natürlichen Charakter, Karten zu spielen, zu streiten, Schulden zu machen und fürchterlich betrunken jede Nacht in meinem Leben nach Hause zu kommen!«

»Ei, ei, Zack, sprechen Sie nicht auf diese Weise, nicht einmal im Scherz!«

»O ja, das ist alles recht schön, aber Sie würden sich auch nicht in einen höllischen Teeladen sperren lassen, wenn Sie ein Künstler werden wollten und an meiner Stelle wären. Hören Sie nur, was ich gestern zu tun hatte! Es war im Laden Teeprobe, wie sie es nennen, man kochte fünfzig kleine Teekannen voll Tee von fünfzig verschiedenen Sorten und goss ihn dann in fünfzig gelbe Apothekertöpfe. Dann legte der Haupt-Prinzipal einen Löffel in meine Hand und sagte »tun Sie, wie ich tue«, und beim Jupiter! er nimmt einen nach dem andern von den Apothekertöpfen vor, mit Nummer eins anfangend, nimmt einen Löffel voll von jedem, spült ihn dann im Munde herum und speit ihn dann in ein zinnernes Becken aus. Nach jedem Ausspeien schreibt er einen fürchterlichen Hokus-Pokus von Strichen und Punkten in ein Buch nieder und sagt, dies ist der Charakter des Tees. Und ich musste ihm das alles nachmachen. Ich frage Sie oder irgendeinen Mann, ob es nicht zu schlecht ist, mich in ein solches Tee- und Ausspeiungsgeschäft zu sperren! Aber mein Entschluss steht fest; ich muss und will ein Künstler werden. Halten Sie nur keine Vorlesungen, Blyth, es hilft nichts, aber sagen Sie mir lieber, wie ich es anfange, zeichnen zu lernen.«

Diese Bitte Zacks traf Valentins schwache Seite. Er drehte seinen Stuhl sogleich herum, um dem jungen Thorpe ins Gesicht sehen zu können. »Wenn es Ihr fester Entschluss ist, ein Künstler werden zu wollen«, fing er begeistert an, »so bilde ich mir ein, Meister Zack, dass ich der richtige Mann bin, der Ihnen dazu verhelfen kann. Vor allen Dingen müssen Sie anfangen, nach der Antike zu zeichnen. Fangen Sie an, mein Knabe, mit den glorreichen Werken der griechischen - Halt! warten Sie nur eine Minute, ich muss hier erst noch ein kleines Stückchen Arbeit fertig machen. Kümmern Sie sich nicht um mein Malen - ich kann meinen Pinsel und meine Zunge zu gleicher Zeit auf einmal gebrauchen.«

Hier kehrte Herr Blyth eiligst zu seinem Bilde zurück und fing an, das ehrwürdige, kahle Haupt des Philosophen zu bearbeiten, der in seinem Gemälde dargestellt war, wie wenn er über die Sprünge der tanzenden Nymphen in tiefes Nachdenken versunken wäre. Bald jedoch wandte er sich wieder an Zack.

»Ja! Was sagte ich? O, die Antike!« fuhr er fort. »Wollen Sie mir wohl einmal das Palettenmesser geben? Wohlan, Sie müssen sich nach der Antike bilden, worunter ich die Skulptur der Alten verstehe. - Sehen Sie hierher, gerade wie es die Madonna jetzt macht; sie bildet sich nach der Antike.«

Zack ging sogleich, um die Zeichnung der Madonna zu betrachten, von welcher der Umriss jetzt fertig war. »Köstlich! Vortrefflich! Das Schönste, was ich in dieser Art jemals in meinem Leben gesehen habe!

Hier trug er seine Superlative auf seine Finger über, indem er dieselben der Madonna vermittelst des Taubstummen-Alphabets mitteilte, das er mit außerordentlicher Schnelligkeit durch den Unterricht des Herrn und der Frau Blyth oberflächlich gelernt hatte.

Aber Valentins Schülerin war daran gewöhnt, ebenso wohl getadelt als gelobt zu werden, und ihr Kopf stand nicht in Gefahr, durch Zacks Bewunderung ihrer Zeichnung verdreht zu werden. Als sie mit einem verstohlenen Blicke der Ungläublichkeit nach ihm in die Höhe sah, erwiderte sie folgende Worte in ihrer Zeichensprache: »Ich befürchte, die Zeichnung hätte weit besser sein können, als sie wirklich ist. Gefällt Sie Ihnen wirklich?« Zack antwortete ungestüm durch einen neuen Strom von Superlativen. Sie betrachtete sein Gesicht einen Augenblick lang fast ängstlich und forschend, dann beugte sie sich wieder schnell auf ihre Zeichnung nieder. Er ging zu Valentin zurück. Ihre Augen folgten ihm - dann senkten sie sich wieder auf das Papier vor ihr. Ihre Wangen fingen wieder an, sich leicht zu röten und ein gedankenvoller Ausdruck legte sich ruhig über ihre hellen glücklichen Augen.

»Sehen Sie hierher«, sagte Valentin, indem er sich von seinem Bilde zur Madonna wandte, »sehen Sie hierher, mein Bursche, wie sorgfältig und gewissenhaft dieses junge Kind dort nach der Antike arbeitet. Ich muss nur bald ein wenig spazieren mit ihr gehen, oder sie wird noch Kopfweh bekommen. Kopieren Sie nur Ihre Vorschrift, und ich will dafür einstehen, dass Sie in weniger als einem Jahre nach der Natur werden zeichnen können.«

»Das ist wohl nicht Ihr Ernst? O dieser verfluchte Teeladen. Ich möchte mich hinsetzen und lieber sogleich anfangen. Aber sehen Sie einmal, Blyth, wenn Sie sagen, nach der Natur zeichnen, Sie verstehen - natürlich, es herrscht nicht der geringste Zweifel über das, was Sie darunter verstehen - aber ebenso werden Sie begreifen, alter Bursche - he? Kurz und gut, der Teufel soll mich holen, wenn ich eigentlich begreife, was Sie darunter verstehen!«

»Barmherziger Himmel! Zack, in welcher straffälligen Unwissenheit über Kunst müssen Sie Ihre Eltern erzogen haben! Ich verstehe unter »nach der Natur zeichnen«, dass man nach einem lebenden menschlichen Wesen zeichnet, dem Sie für jede Stunde, welche es Ihnen zu Ihrer Zeichnung sitzt, einen Schilling bezahlen, was man Modellsitzen nennt.«

»Ach, ja, sicherlich! Jetzt verstehe ich es. Nach der Natur zeichnen - Das ist gerade das, wonach ich mich sehne. Hallo!« rief Zack aus , indem er sich umdrehte, um die verworrenen Notizen über dem Kamine zu lesen.

Er unterhielt sich eine Zeit lang mit dieser Lektüre, bis er Valentin laut vor sich hin sagen hörte: »Es ist da etwas, was mich an meinem Bilde beunruhigt, ich kann nicht herausfinden, was es eigentlich ist! Ach ganz recht, es fehlt irgendwo im Vordergrunde, aber ich kann trotz aller meiner Mühe nicht entdecken, wo es eigentlich fehlt.«

»O Unsinn«, rief Zack, nach dem Bilde mit einer Kennermiene hinsehend, »es ist der großartigste Vordergrund, welchen ich je in meinem Leben gesehen habe! Wirkliche Poesie und in der Tat, bei meiner Seele, er ist, was Sie Poesie nennen. Das ist meine ehrliche Meinung, Blyth. Wenn die Beschützer der Künste sich nicht um so ein unschätzbares Kleinod wie dieses Bild reißen -«

»Halten Sie ein, um des Himmels willen! Halten Sie ein!« rief Valentin in einer fieberhaften Aufregung, »ich habe es herausgefunden, ich habe den Fehler im Vordergrund entdeckt, er liegt im Gesträuch dort, links von den Figuren. Ich habe die Nymphen und den Philosophen hervorgehoben und nun muss ich das Gesträuch hervorheben. Es sieht flach und schwach in Rücksicht auf die Farbe aus - es muss ein wenig kräftig aufgefrischt werden, und das soll geschehen!«

»Nun, da Sie dies jetzt erwähnen, so mag es wohl so sein«, sagte Zack. »Aber zum Teufel auch, wie wollen Sie dies bewerkstelligen - He?«

»Das will ich in zwei Sekunden fertig bekommen«, sagte Herr Blyth, in einem fort sein Palettenmesser in einer schönen Wut von künstlerischer Begeisterung in der Hand herumdrehend. »Sie dürfen sich nur vorstellen, dass dieses Gesträuch blühendes Heidekraut ist, und es ist vollbracht.«

Während Herr Blyth so sprach, fing er mit großer Anstrengung jene zwei schwierigen und zarten Kunstoperationen auszuführen an, welche in der Kunstsprache »markierte Pinselstriche anbringen und kleine Effekte hervorrufen« genannt werden. Diese Schwierigkeiten können nur, wie alle Maler wissen, vermittelst gewisser mystischen Körperbewegungen überwunden werden, welche Herr Blyth jetzt allerdings auf seine eigentümliche Art und Weise auszuführen begann.

Er legte zuerst ein wenig glänzend helle Farbe auf die Spitze seines Palettenmessers, hielt es auf Armlänge von sich weg, runzelte die Stirn und sah sein Bild eine Minute lang aufmerksam an. Dann sprang er einen Schritt vorwärts - darauf zitternd wieder in seine frühere Stellung zurück, sonderbare Figuren in der Luft mit seinem Palettenmesser beschreibend. Plötzlich erschien der erwartete Augenblick der künstlerischen Begeisterung. Er stürzte auf sein Bild zu, wie wenn er nach Harlekinsart im Begriff wäre, durch die Leinwand zu springen - strich die gelbe Farbe über das Gesträuch, indem er das Palettenmesser über dasselbe von dem einen Ende zum andern in einem grimmigen Zickzackstriche gleiten ließ - rieb die Farbe an gewissen Stellen mit seinem Daumen in die Oberfläche, lief in großer Eile zu seinem frühern Aussichtspunkte in der Mitte der Stube zurück, hielt dann zwei Finger vor die Figuren des Gemäldes und betrachtete in dieser Stellung mit atemloser Aufmerksamkeit die allgemeine Wirkung des blühenden Heidekrautgesträuches.

»Es ist mir gelungen!« rief Valentin und holte tief Atem. »Es ist mir zu meiner vollkommenen Zufriedenheit gelungen, ich werde für heute zu arbeiten aufhören und nun mit der Madonna spazieren gehen, damit sie die Wirkungen des Schnees im Freien studieren kann. Es ist ein köstlich heller, frostiger Nachmittag, der sich ganz zum Spaziergange eignet. Ich wünschte, Sie könnten mit uns kommen, Zack - ich habe Ihnen noch viele gute Ratschläge über die Kunst zu geben. Aber sagen Sie mir zuerst, sind Sie wirklich und wahrhaftig entschlossen, ein Maler zu werden?«

»Ich will ein Maler werden oder dem elterlichen Hause entlaufen!« sagte Zack entschlossen. »Wenn Sie mir nicht helfen, so mache ich mich sicherlich aus dem Staube. Ich verspüre Lust, gar nicht wieder zum Teeladen zurückzukehren, sondern mit Ihnen auszugehen, um mit der Madonna die Wirkungen des Schnees zu studieren, was gewiss besser ist, als im Comptoir Zahlen zusammen zu zählen. Warten Sie eine Minute, beim Jupiter, ich will das Schicksal befragen. Wappen bedeutet die Freiheit und die schönen Künste. Schrift den Teeladen. Ich habe gerade einen Schilling in meiner Tasche und will ihn in die Höhe werfen!«

»Wenn Sie den Schilling nicht sogleich in die Tasche zurückstecken«, sagte Valentin, »und Ihren Verpflichtungen nachkommen, so will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben; aber wenn Sie es geduldig abwarten und mir wenigstens jetzt versprechen, Ihres Vaters Wünsche so viel als möglich zu beachten, so will ich Sie selbst im Zeichnen nach der Antike unterrichten. Wenn sich irgendjemand findet, der bei Ihrem Vater so viel Einfluss hat, dass er Sie die königliche Akademie besuchen lässt, so müssen Sie erst so viel gelernt haben, dass Sie bei der Aufnahme eine passende Zeichnung vorzeigen können. Dann sollen Sie hierherkommen und des Abends, ja jeden Abend, wenn Sie wollen - das ABC der Kunst lernen. Wir wollen eine ordentliche kleine Akademie haben«, fuhr Valentin fort, Palette und Pinsel niederlegend und seine Hände vor Freude reibend, »und wenn es nicht zu viel für Lavinia ist, soll das Gipsmodell in ihr Zimmer gesetzt werden und sie ebenso gut zeichnen, wie wir Übrigen. Das ist eine Idee für Sie, Zack! Herrn Blyths Zeichenakademie, geöffnet an jedem Abend mit Tee und Kuchen für fleißige Studenten. Was sagen Sie dazu?«

»Was ich dazu sage? Beim heiligen Georg! Ich will jeden Abend kommen und Berge von Kreide und Ballen von Zeichenpapier verbrauchen!« rief Zack, sogleich von Valentins Begeisterung angesteckt. »Und was noch mehr ist, ich übernehme es, die Teekuchen zu rösten. Ich will nicht prahlen, aber ich kenne einen jungen Mann, der es besser als je einer versteht, Teekuchen zu rösten; sein Name ist »Zacharias Thorpe« und er besucht Zeichenakademien frei, gratis, umsonst. Nur vergönnt ihm auch seinen Antheil an dem, was er röstet und sparet die Butter nicht dabei -«

»Warten Sie einen Augenblick, Zack«, wandte Herr Blyth ein. »Um wieviel Uhr müssen Sie in der City zurück sein? Es ist jetzt zwei Uhr.«

»O, wenn ich nur um drei Uhr zurück bin. Jener gefräßige, kleine, jüngere Kommis wird seine Steaks nicht früher als vor drei Uhr heruntergewürgt haben. Ich habe noch sehr viel Zeit, denn ich will mit einem Omnibus nach Hause fahren.«

»Sie dürfen nur noch zehn Minuten hier bleiben«, sagte Valentin in seinem entschiedensten Tone. »Wollten Sie sich nicht nach Lavinias Befinden erkundigen? Nun, so gehen Sie und nehmen Sie die Madonna mit sich; ich will Ihnen folgen, sobald ich meine Pinsel weggelegt habe.«

Indem er diese Worte sagte, ging Herr Blyth zu dem Platze, wo die Madonna noch bei ihrer Arbeit saß. Sie war so sehr mit ihrer Zeichnung beschäftigt, dass sie während der letzten Zeit nicht ein einziges Mal davon aufgesehen hatte, und als Valentin ihr belobend auf die Schulter klopfte und ihr ein Zeichen zum Aufhören gab, antwortete sie mit einer bittenden Bewegung, welche ihn beredsam genug bat, sie noch eine kurze Zeit in ihrer Beschäftigung fortfahren zu lassen. Sie hatte sich niemals zu andern Zeiten bemüht, eine Nachsicht dieser Art zu beanspruchen, wenn sie nach der Antike zeichnete - aber sie war auch niemals vorher beschäftigt gewesen, eine Kopie zu machen, welche im Geheimen für Zack zum Geschenk bestimmt war. Valentin veranlasste sie jedoch sogleich, ihren Kreidehalter niederzulegen. Er legte seine Hand auf das Herz und dieses Zeichen bedeutete Frau Blyth. Die Madonna stand auf und legte ihre Zeichenmaterialien sogleich weg.

Zack, der den Rest seiner Zigarre weggeworfen hatte, näherte sich ihr höflich und bot ihr seinen Arm an. Als sie scheu herantrat, legte auch er seine Hand auf das Herz und zeigte nach oben. Dies war ganz genügend für sie und sie verstand sogleich, dass sie zusammen zu Frau Blyth gehen wollten.

»Ob nun aus Zack wirklich ein Maler wird«, sagte Valentin zu sich selbst, als sich die Tür hinter den beiden jungen Leuten schloss, »ich glaube wenigstens, dass ich den besten Plan entworfen habe, der jemals ersonnen werden konnte, um ihn solid zu machen. Solange er regelmäßig zu mir kommt, kann er des Abends nicht davonlaufen und Unheil anstiften. Das ist ein Trost.« Hier hielt Blyth inne und begann, seine Pinsel in einem zinnernen Topfe, der voll von Terpentin war, zu reiningen, leise dazu pfeifend, wie das oft bei ihm in gedankenvollen Augenblicken der Fall war. »Es ist sonderbar«, fuhr er nach einer Weile fort, immer noch an Zack denkend, »was für ein Interesse ich immer von jeher an diesem lärmenden Burschen gehabt habe. Und Lavinia und die Madonna sind, ich weiß nicht wie, meinem Beispiele gefolgt. Ich kenne niemanden weiter, dem ich gestatten würde, so intim mit unserm Lieblingsmädchen zu sein, aber es ist ein gesegnetes Resultat von Zacks Sorglosigkeit, dass er uns niemals forschende Fragen darüber vorlegt, wer sie ist oder woher sie kommt; wenigstens habe ich von diesem Burschen nicht zu befürchten, dass er ihrem Ursprunge nachspürt, oder dass sie mir durch diesen Burschen entrissen würde. Ich wünsche nur, dass ich bei jedermann darüber so beruhigt sein könnte, wie ich es immer bei Zack gewesen bin.


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