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Erster Band - Verbergen

Eingangskapitel - Eines Kindes Sonntag

Um ein Viertel auf ein Uhr, an einem nassen Sonntagnachmittag im November des Jahres 1837, verließ Samuel Snoxell, Laufbursche bei Master Zacharias Thorpe, wohnhaft Baregrove-Square in London, den Hauseingang mit drei Regenschirmen unter dem Arme, um seinen Herrn und seine Herrin beim Schlusse des Frühgottesdienstes an der Kirchtür zu erwarten. Snoxell war von dem Hausmädchen ausdrücklich angewiesen, seine drei Regenschirme folgendermaßen zu verteilen: den neuen seidenen Schirm sollte er an Master und Mistress Thorpe geben, den alten seidenen Schirm dem Master Goodworth, dem Vater der Mistress Thorpe, einhändigen und den schweren Ginghamschirm sollte Snoxell selbst nehmen zum besondern Schütze des sechsjährigen lquot;Master Zack«, des einzigen Kindes des Mr. Thorpe. Ausgerüstet mit diesen Verhaltungsregeln, trat Snoxell in düsterm Schweigen seine Wanderung nach der Kirche an.

Der Morgen war schön gewesen für den November, aber im Laufe des Vormittags hatten die Wolken sich zusammengeballt, der Regen hatte begonnen und der regelmäßige Nebel der Jahreszeit sich schmutzigbraun auf den nassen Straßen nah und fern gelagert. Der Garten in der Mitte von Baregrove Square mit seinen eingehegten Rasenplätzen, seinen leeren Beeten, seinen funkelneuen ländlichen Sitzbänken, seinen entlaubten jungen Bäumen, die noch nicht bis zur Höhe der sie umschließenden Gatter herangewachsen waren, schien in gelbem Dunst und sanft herabrieselndem Regen völlig zu verwesen und wurde selbst von den Katzen gemieden. Die Fensterdecken waren zum größten Teil in jedem Hause herabgelassen; das spärliche Tageslicht, das aus den Wolken sich stahl, glich der Dämmerung. wenn sie matt durch trübe Scheiben bricht; die abscheuliche braune Farbe der Backsteinfronten sah noch schmutziger und trübseliger aus als gewöhnlich; der Rauch der Schornsteine verlor sich geheimnisvoll in der Tiefe des darüberhängenden Nebels, schmutzige Dachrinnen gurgelten; schwere Regentropfen fielen hörbar auf leere Kieswege. Kein Gegenstand, groß oder klein, kein Wagen irgendeiner Art erschien, um die traurige Einförmigkeit von Linie und Masse in der Perspektive der Straße zu unterbrechen. Er gelangte mühsam in eine halbmondförmige Straße und immer noch verbreitete sich die abschreckende, grimmig feuchte sonntägliche Einsamkeit um ihn. Er betrat nun eine Straße, worin sich einige Läden befanden, und hier zogen endlich einige tröstliche Zeichen des menschlichen Lebens seine Aufmerksamkeit auf sich. Er erblickte jetzt den Straßenfeger des Distrikts, der bis nach beendigtem Gottesdienste beurlaubt war, eine Pfeife rauchend unter dem bedeckten Wege, der zu einem Stalle führte. Er entdeckte durch halbgeschlossene Fensterladen einen Apothekerlehrling über einem großen Buche gähnend. Er ging an einem Schiffer, einem Hausknecht und zwei Apfelhändlern, welche müde vor einem geschlossenen Bierhause auf und ab wanderten, vorüber. Er hörte das Getrapp von Füßen mit dichtbesohlten Stiefeln hinter sich herkommen und eine rauhe Stimme brüllte: Fort mit euch oder ihr werdet eingesperrt, und als er um sich blickte, sah er eine Apfelsinenverkäuferin, die das Verbrechen begangen hatte, dass sie einen leeren gepflasterten Weg versperrt, indem sie sich auf den Randstein gesetzt hatte. Ein Polizeidiener trieb sie vor sich her, ihm folgte ein zerlumpter Knabe, welcher an einem Stückchen Apfelsinenschale nagte. Einen Augenblick verweilend, um diese Sonntagsprozession dieser drei Personen, wie sie an ihm vorüberging, mit melancholischer Neugierde zu beobachten, wollte Snoxell um die Ecke einer Straße biegen, welche unmittelbar zur Kirche führte, als das gellende Geschrei einer kindlichen Stimme an sein Ohr schlug und sein Weitergehen sogleich hemmte.

Der Laufbursche stand einen Augenblick mäuschenstill vor Erstaunen, grinste zum ersten Male an diesem Morgen, hob den neuen seidenen Regenschirm in die Höhe und ging in großer Eile um die Ecke. Seine Vermutungen betrogen ihn nicht. Herr Thorpe ging wütend im Regen nach Hause, ehe der Gottesdienst beendigt war, und führte den kleinen Zack an der Hand, welcher widersprechend nebenher trabte, seinen Hut halb auf dem Kopfe, sich so fern als möglich von seinem Vater haltend, als er konnte, und die ganze Zeit aus vollen Kräften heulend.

Herr Thorpe hieß den Laufburschen, als er vorüberging, still stehen und riss den Regenschirm mit ungewohnter Heftigkeit aus Snoxells Hand; dann sagte er mit Nachdruck: Geh zu Deiner Herrin, geh weiter nach der Kirche! und setzte darauf seinen Weg nach Hause fort, indem er seinen Sohn schneller als je nach sich schleppte.

»Snoxy! Snoxy!« schrie der kleine Zack boshaft, der diesen Beinamen von dem Kindermädchen gehört hatte. »Ich sage Snoxy« (sich nach dem Laufburschen herumwendend, so dass er strauchelte und bei jedem dritten Schritte gegen seines Vaters Beine fiel:) »Ich bin ein unartiger Knabe in der Kirche gewesen!«

»Nun, Du siehst danach aus«, flüsterte Snoxell sarkastisch zu sich selbst im Weitergehen, »auch noch Snoxy schimpfen; nun ich will schon seiner Zeit mit Martha rechten, warum sie Dich dies lehrte, kleiner Zack.« Mit diesen Gesinnungen näherte sich der Laufbursche dem Kircheingange und wartete mürrisch unter seinen Kameraden und ihren Regenschirmen, bis die Gemeinde herauskommen würde.

Als Herr Goodworth und Madame Thorpe die Kirche verließen, ergriff der alte Herr, ohne das Ansehn zu berücksichtigen, begierig den verächtlichen Gingham-Regenschirm als den größten, welchen er herausfinden konnte, und führte seine Tochter im Triumphe darunter nach Hause. Madame Thorpe war sehr still und sie seufzte kläglich ein oder zwei Mal, während sich ihres Vaters Aufmerksamkeit den Leuten, welche die Straße entlang gingen, zuwandte.

»Du ängstigst Dich über Zack«, sagte der alte Herr, sich plötzlich nach seiner Tochter umwendend. »Kümmere Dich nicht darum, überlass dies mir. Ich will für ihn zu bitten suchen, dass er diesmal ohne Strafe davon kömmt.«

»Es ist sehr entmutigend und ärgerlich für uns, dass er sich so beträgt«, sagte Madame Thorpe, »nachdem wir ihn auf eine so sorgfältige Weise erzogen haben«.

»Unsinn, meine Liebe! Nein, ich meine das nicht, ich bitte um Verzeihung; aber wer kann sich wundern, wenn ein Kind von sechs Jahren bei einer Predigt, die nach meiner Uhr vierzig Minuten dauerte, müde wird. Ich weiß, dass ich mich selbst dabei gelangweilt habe, obgleich ich nicht ehrlich genug wie der Knabe war und es zeigte. Wir wollen nicht anfangen zu streiten. Ich will für Zack bitten, dass er diesmal ungestraft davon kömmt, und dann wollen wir nicht mehr davon sprechen.«

Herrn Goodworths Verkündigung seiner wohlwollenden Absichten gegen Zack schien von sehr geringer Wirkung auf Madame Thorpe zu sein, aber sie sagte nichts über diesen noch irgendeinen andern Gegenstand, während ihres übrigen traurigen Weges nach Hause durch Regen, Nebel und Kot nach Baregrove-Square.

Zimmer haben so gut wie die Menschen ihre geheimnisvollen Eigentümlichkeiten in der Physiognomie. Viele Zimmer, beinahe von der nämlichen Größe, fast ebenso möbliert, sind dessen ungeachtet vollständig in ihrem Ausdrucke voneinander verschieden, wenn man sich dieses Worts bedienen darf, indem sie die verschiedenen Charaktere ihrer Einwohner durch so feine Verschiedenheiten der Wirkung auf die Oberfläche (Gesichtszüge) der Möbel, die gewöhnlich allen gemeinschaftlich angehören, abspiegeln, wie oft von den unendlich kleinen Verschiedenheiten des Auges, der Nase und des Mundes keine Spur aufzufinden ist. Das Wohnzimmmer in Herrn Thorpes Hause war nett, reinlich, bequem und sinnig möbliert. Es befanden sich darin der gewöhnliche Seitentisch, Speisetisch, Spiegel, Feuergitter, marmornes Kamin mit einer Uhr darauf, ein Teppich mit einer wollenen Decke darüber und Rouleaux vor den Fenstern, damit man nicht hinein sehen könnte, - das charakteristische Kennzeichen aller Londoner respektablen Wohnzimmer der mittleren Klassen; und dennoch war es ein durch und durch ernst aussehendes Zimmer, ein Zimmer, welches den Anschein hatte, als ob es niemals gastfrei, niemals ausgelassen, niemals sehr gemütlich noch ungeheuer heiter gewesen wäre, ein Zimmer, das so wenig von Handlungen der Gnade und schneller, unüberlegter, überliebevoller Vergebung gegen Übertreter irgend einer Art oder irgendeines Alters wusste, als wie wenn es eine Zelle in Newgate oder ein geheimes Torturzimmer der Inquisition gewesen wäre. Vielleicht fühlte sich Herr Goodworth auf eine solche Weise von diesem Wohnzimmer affiziert, besonders im Novemberwetter, sobald er es betrat, dass der alte Herr, obgleich er versprochen hatte, eine Fürbitte für Zack vorzubringen, und obgleich Herr Thorpe allein am Tische saß und Bitten zugängig schien, doch ein oder zwei Minuten zögerte und seine Tochter zuerst sprechen ließ.

»Wo ist Zack?« frug Madame Thorpe schnell und ängstlich um sich blickend.

»Er ist in meinem Ankleidezimmer eingesperrt«, antwortete, ihr Gatte, ohne sich in seiner Lektüre stören zu lassen.

»In Deinem Ankleidezimmer«, wiederholte Madame Thorpe zurückprallend und so erschreckt, als-wenn sie einen Schlag statt einer Antwort erhalten hätte, »in Deinem Ankleidezimmer, beim Himmel! Zacharias! wie kannst Du wissen, dass das Kind nicht Deine Rasiermesser genommen hat?«

»Ich habe sie eingeschlossen«, erwiderte Herr Thorpe mit dem leisesten Vorwurf in seiner Stimme und der kläglichsten Selbstbeherrschung in seinem Benehmen. »Ich habe dafür gesorgt, ehe ich den Knaben verließ, dass nichts in seine Hände fällt, wodurch er sich Schaden zufügen könnte. Er ist eingesperrt und wird es bleiben, weil -«

»Ich meine, Thorpe, wollen Sie ihm diesmal nicht die Strafe schenken?« Mit diesen Worten unterbrach Herr Goodworth die Unterhaltung, sogleich mutig seine Bitte um Gnade vorbringend.

»Wenn Sie mir gestattet hätten fortzufahren, mein Herr,« sagte Herr Thorpe, der seinen Schwiegervater immer ,,mein Herr!" nannte, »so würde ich einfach bemerkt haben, dass, nachdem ich mich gegen meinen Sohn weiter (in solchen Ausdrücken, wie Sie bemerken wollen, die ich für seine Auffassung am passendsten hielt) über die Schande ausgelassen hatte, welche sein Betragen von heute Morgen für seine Eltern und ihn selbst hervorrief, ich ihm drei Verse aus den »ausgewählten Bibel-Texten für Kinder" auswendig zu lernen gab, indem ich solche Verse auswählte, die, wenn ich meinem eigenen Urteile hierüber trauen darf, passend schienen, um ihn über sein künftiges Betragen in der Kirche zu belehren. Er weigerte sich geradezu zu lernen, was ich ihm aufgab. Es war natürlich ganz unmöglich, meiner Autorität von meinem Kinde Trotz bieten zu lassen, dessen ungehorsamer Charakter, Gott weiß es, für mich eine Quelle beständiger Sorge und Angst gewesen ist, also sperrte ich ihn ein, und eingesperrt wird er bleiben, bis er mir gehorcht hat. Meine Liebe,« wandte er sich zu seiner Frau und reichte ihr einen Schlüssel, »ich habe nichts dagegen, wenn Du zu ihm hinaufgehen und versuchen willst, die Halsstarrigkeit dieses unglücklichen Kindes zu besiegen.«

Madame Thorpe nahm den Schlüssel und ging sogleich hinauf, um zu tun, was alle Frauen getan haben, seitdem es Mütter gegeben hat, zu tun, was Eva tat, wenn Kain traurig in seiner Kindheit war und an ihrer Brust weinte, mit einem Worte, sie ging hinauf, um ihr Kind zu liebkosen.

Herr Thorpe suchte, nachdem seine Frau die Türe zugemacht hatte, in seinem Buche die Stelle, wo er stehen geblieben war, fand sie, und fuhr dann mit seiner Lektüre fort, ohne Herrn Goodworth im geringsten zu beachten. - »Thorpe!« rief der alte Herr, plötzlich seines Schwiegersohnes Lektüre unterbrechend, »Sie mögen sagen, was Sie wollen, aber Ihr Begriff von der Erziehung Zacks ist, davon bin ich überzeugt, ein gänzlich falscher.«

Mit dem ruhigsten Gesichtsausdruck, den man sich denken kann, sah Herr Thorpe von seinem Buche auf, steckte sorgfältig ein Papiermesser zwischen die Blätter und legte es auf den Tisch. Er kreuzte dann seine Beine, stemmte seine Ellenbogen auf jede Lehne des Stuhls und schlug seine Hände zusammen. An der Wand gegenüber hingen mehrere Lithographien von ausgezeichneten Predigern, die teils der herrschenden Kirche, teills nicht angehörten - meistenteils als kräftig gebaute Männer mit borstigem Haar dargestellt, den Zuschauer fragend ansehend und dicke Bücher in ihren Händen haltend. Auf eines dieser Bilder, welches den hochwürdigen Aron Yollop vorstellte, richtete Herr Thorpe jetzt seine Augen, mit einem schwachen Versuch zum Lächeln auf seinem Gesichte (man wusste, dass er niemals lachte) und mit einem Blick und einer Manier, welche so deutlich sagten, als wenn er es gesprochen hatte: »Dieser alte Mann ist im Begriff, etwas Unpassendes oder Abgeschmacktes zu mir zu sagen, aber er ist der Vater meines Weibes und deshalb bin ich vollkommen resigniert.« »Es hilft Ihnen nichts, Thorpe!« brummte der alte Herr, »dass Sie nach jener Richtung hinblicken; ich lasse mich in meinen Jahren nicht mit Blicken abfertigen. Ich mag meine eigene Meinung so gut wie andere Leute haben, das gebe ich zu, aber ich sehe nicht ein, warum ich sie nicht aussprechen sollte, besonders, wenn sie den Sohn meiner eigenen Tochter betrifft. Es ist sehr sonderbar von mir, das mag sein; aber ich denke, dass ich auch zuweilen eine Stimme bei Zacks Erziehung haben müsste.«

Herr Thorpe verbeugte sich ehrwürdig, teilweise gegen Herrn Goodworth, teilweise gegen den hochwürdigen Aron Yollop: »Es wird mich freuen, mein Herr, auf irgendeinen Ausdruck Ihrer Meinung zu hören -«

»Meine Meinung«, brach Herr Goodworth aus, »ist folgende: Sie haben überhaupt keine Ursache, Zack mit nach der Kirche zu nehmen, bis er einige Jahre älter als jetzt ist. Ich will nicht leugnen, dass es hier und da einige Kinder geben mag, welche mit sechs Jahren so sehr geduldig und so sehr -wie ist doch die Bezeichnung für ein Kind, das viel mehr weiß, als es in seinem Alter zu wissen nötig hat? halt! ich habe es, frühreif ist das Wort - frühreif sind, dass sie auf der nämlichen Stelle zwei Stunden lang still sitzen können, und während dieser ganzen Zeit den Glauben beibringend, dass sie jedes Wort vom Gottesdienste verstehen, ob dies nun wirklich der Fall sei oder nicht. Ich will nicht in Abrede stellen, dass es solche Kinder geben mag, obgleich mir selbst niemals solche vorgekommen sind, und würde sie alle für garstige, kleine Scheinheilige halten,' wenn ich welche fände; aber Zack gehört nicht zu dieser Klasse, Zack ist ein ganz natürliches echtes Kind (Gott segne ihn), Zack -«

»Verstehe ich Sie recht«, mein lieber Herr, »versetzte Herr Thorpe betrübt ironisch, so billigen Sie das Betragen meines Sohnes, dass er die Gemeinde störte und mich zwang, ihn aus der Kirche zu entfernen.«

»Nichts von allem dem«, erwiderte der alte Herr; »ich lobe Zacks Betragen nicht, aber ich tadle das Ihrige. Sie machen es sich zur Pflicht, die Kirche in seine Kehle hinunterzustoßen, und er macht es sich zur Pflicht, sie auszubrechen, wie wenn es ein Brechmittel wäre, weil er es nicht besser versteht und in seinem Alter es auch nicht besser verstehen kann. Ist das die Art und Weise, ihn zu veranlassen, dass er sich gern der religiösen Belehrung zuwende. Ich weiß so gut wie Sie, dass er wie ein junger Türke bei der Predigt unruhig saß und lärmte. Aber ich bitte, was war das Thema dieser Predigt? Rechtfertigung durch den Glauben. Können Sie behaupten, dass er oder irgend einanderes Kind von seinem Alter irgendetwas von einem solchen Thema verstehen, oder irgendetwas Gutes daraus lernen könnte? Das können Sie nicht, und Sie wissen, dass Sie es nicht können. Also sage ich noch einmal, es nützt nichts, ihn jetzt schon mit nach der Kirche zu nehmen, und noch mehr, es ist schlimmer als nutzlos; denn seine ersten Ideen von religiösem Unterricht werden für ihn nur gleichbedeutend mit allem, was Zwang, Zucht und Strafe bedeutet, was für ihn nur höchst betrübend sein kann. Das ist meine Meinung, und ich bin begierig zu hören, was Sie dagegen zu sagen haben.«

»Latitudinarianismus!« sagte Herr Thorpe nach dem Bilde des hochwürdigen Aron Yollop hinblickend und gerade auf dasselbe lossprechend.

»Sie können mich nicht mit langen Worten abspeisen, welche ich nicht verstehe, und die, wie ich glaube, man nicht in Johnsons Wörterbuch finden kann«, fuhr Herr Goodworth mürrisch fort. »Sie würden weit besser tun, meinen Rat zu befolgen und Zack für jetzt auf dem Schoße seiner Mutter zur Kirche gehen zu lassen. Mag dieser Morgengottesdienst ungefähr zehn- Minuten lang dauern, mag Ihre Frau ihm aus dem neuen Testamente von unseres Heilands Güte und Milde .gegen kleine Kinder erzählen und dann mag sie ihn aus der Bergpredigt lehren: liebevoll, wahrhaft, geduldig und verzeihend zu sein, unseres Heilands wegen. Wenn ihm solche Lehren, wie diese, auf eine oder die andere Weise durch Beispiele eingeschärft werden, welche unserm eignen täglichen Leben entlehnt sind, so wird er sie verstehen, er wird oft kommen und aus freiem Antriebe danach verlangen, als eine Belohnung für seine gute Ausführung. Ich habe dies an meinen eigenen und vielen andern Kindern gesehen, die alle so erzogen wurden. Sie stimmen natürlich nicht mit mir überein, und haben schon Ihre Entgegnung bereit, um mich damit niederzuschmettern.«

»Rationalismus«, sagte Herr Thorpe, noch immer starr nach dem Bilde des hochwürdigen Aron Yollop blickend.

»Nun, Ihr Widerspruch ist diesmal wenigstens ein sehr kurzer, und das ist eine Wohltat«, sagte der alte Herr etwas gereizt. »Rationalismus, ich verstehe dieses ismus besser als das andere. Es bedeutet in verständlichem Englisch: Ich habe Unrecht, wenn ich wünsche, dass ich Zacks Religionsunterricht nur dieselbe Aussicht auf Erfolg gewähre, welche sie jedem andern gestatten, nämlich die Aussicht, nützlich zu werden dadurch, dass man ihn anziehend macht. Sie können ihm das Lesen nicht beibringen, wenn sie ihm sagen, es wird seinen Verstand stärken, aber es wird Ihnen gelingen, wenn Sie ihm ein Bilderbuch in die Hände geben. Sie geben dies im Prinzip zu, aber sobald es jemand auf höhere Dinge ausdehnen will, werfen Sie Ihre Lippen verächtlich auf, schütteln Sie Ihren Kopf und sprechen über Rationalismus, wie wenn dies eine Antwort wäre! Nun, Nun! Das Reden ist hier vergebens; Sie gehen Ihren eigenen Weg - ich mische mich gar nicht in diese Sache; aber da ich gerade dabei bin, will ich nur das eine noch sagen, ehe ich aufhöre: Ihre Art und Weise, den Knaben wegen seines Betragens in der Kirche zu bestrafen, ist nach meiner Meinung eine so schlechte und gefährliche als irgend eine, die nur erdacht werden kann. Warum ihn nicht tüchtig durchbläuen, wenn Sie den kleinen elenden Schelm streng für das bestrafen müssen, was ebenso sehr sein Unglück als seine Schuld ist? Warum ihm nicht seinen Pudding oder irgendetwas anderes entziehen? Sie suchen aber in seiner Seele Bibelverse mit der Idee der Strafe und der Haft im kalten Zimmer in Einklang zu bringen. Sie mögen ihn dahin bringen, dass er dadurch seine Texte auswendig lernt, aber ich will Ihnen sagen, was ich befürchte, Sie werden ihn, wenn Sie sich nicht in Acht nehmen, so weit bringen, dass er die Bibel ebenso sehr verabscheuen lernt, wie andere Knaben die Rute verabscheuen.«

»Mein Herr«, schrie Herr Thorpe, sich plötzlich umdrehend und Herrn Goodworth streng in das Gesicht sehend, ich muss ein für alle Mal ganz ergebenst darauf bestehen, dass ich künftig mit jeder offenbaren Profanation in der Unterhaltung sogar von Ihren Lippen verschont bleibe. Alle meine Achtung und Liebe für Sie, als mein Schwiegervater, werden mich nicht abhalten, feierlich meinen Abscheu gegen solchen Unglauben auszusprechen, der in den soeben von Ihnen gesprochenen Worten enthalten ist. Meinen religiösen Überzeugungen widerstreben diese.«

»Halten Sie ein, mein Herr!« sagte Herr Goodworth ernst und streng. Herr Thorpe gehorchte sogleich. Das Benehmen des alten Herrn zeichnete sich im Allgemeinen weit mehr durch Herzlichkeit als durch Würde aus, aber es änderte sich gänzlich, während er jetzt sprach. »Herr Thorpe«, fuhr er ruhiger, aber sehr entschieden fort, »ich bezähme mich, Ihnen meine Meinung von der Achtung und Liebe zu sagen, welche Ihnen erlaubten, mir in solchen Ausdrücken, wie Sie dieselben für passend fanden, Vorwürfe zu machen. Ich wünsche Ihnen bloß zu sagen, dass ich niemals eines solchen zweiten Beweises von Ihnen bedürfen werde; denn ich werde niemals wieder mit Ihnen über die Erziehung meines Enkels sprechen. Wenn Sie mir jetzt in Anbetracht dieser Versicherung gestatten wollen, Ihnen nicht einen Verweis, sondern einen guten Rat zu erteilen, so würde ich Ihnen nur empfehlen, in Zukunft nicht zu voreilig zu sein, einen Mann des Unglaubens zu beschuldigen, weil zufällig seine religiösen Meinungen in einigen Punkten von den Ihrigen verschieden sind. Wir wollen hierüber indes weiter nicht streiten, wenn es Ihnen beliebt. Geben Sie mir die Hand und lassen Sie uns niemals wieder ein Thema aufnehmen, worin unsere Meinungen zu sehr abweichen, um es je zu unserem Vorteil besprechen zu können.«

In diesem Augenblicke kam der Diener mit dem Frühstück. Herr Goodworth schenkte sich ein Glas Xeres ein und nahm bald sein alltägliches heiteres Wesen wieder an, das Versprechen, welches er Herrn Thorpe gegeben hatte, vergaß er aber nicht. Von dieser Zeit an mischte er sich niemals wieder mit Wort oder Tat in seines Enkels Erziehung.

Während die Theorie des Thorpeschen Systems über jugendliche Erziehung in der freien Luft des Wohnzimmers besprochen wurde, wurde die Praxis jener Theorie, soweit es den individuellen Fall des kleinen Zack betraf, durchaus auf keine befriedigende und ermutigende Weise im verschlossenen Ankleidezimmer erläutert.

Als Madame Thorpe die erste Treppe hinaufstieg, hörte sie, wie ihr Sohn eine ununterbrochene Salve von Stößen gegen die Thür seines Gefängnisses losließ. Da dies keineswegs etwas Ungewöhnliches war, wenn der Knabe wegen seines schlechten Betragens eingesperrt wurde, so war sie zwar betrübt, aber nicht erstaunt darüber und ging in das Gesellschaftszimmer, um ihre Bibel und Gesangbuch auf den kleinen Seitentisch zu legen, wo sie immer während der Wochentage ihren Platz hatten, und sich von da nach den oberen Regionen zu begeben.

Als sie ihre Hand auf das Treppengeländer legte, gewahrte sie ganz erschrocken, dass das Geräusch im Ankleidezimmer gänzlich aufgehört hatte.

Sobald sie dessen gewiss war, rief sich ihre mütterliche Einbildungskraft, trotz Herr Thorpes Beruhigung, die abschreckende Erscheinung von Zack vor, wie er vor seines Vaters Spiegel stand, mit wohleingeseiftem Kinn und ein blankes Rasiermesser an seine nackte Kehle legend. Das Kind hatte wirklich eine sonderbare Neigung, sich mit Beschäftigungen Erwachsener zu amüsieren. Da ihn das Kindermädchen einmal unbedachtsamer Weise mit nach der Kirche genommen hatte, um die Trauung einer ihrer Freundinnen mit anzusehen, hatte Zack gleich am Tage nachher darauf bestanden, die Trauungszeremonie vor einer Braut und einem Bräutigam seines eigenen Alters, die er unter seinen Gespielen aussuchte, im Garten nach seiner Erinnerung zu feiern. Ein anderes Mal, als der Gärtner, ohne daran zu denken, seine brennende Pfeife auf einer Bank hatte liegen lassen, während er für eins der Kindermädchen aus der Nachbarschaft eine Blume pflücken wollte, gelang es Zack, unbemerkt drei lüsterne Paffe schnell hintereinander zu ziehen: man fand ihn auf dem Grase, sich wie ein kleiner Trunkenbold herumwalzend, und er musste heimlich nach Hause gebracht werden, leichenblass und in kaltem Schweiß gebadet, um sich ungesehen von seiner Mutter, einsam und in der entsprechenden Dunkelheit in dem hinteren Teile der Küche zu erholen. Obgleich diese hier genau zitierten kindlichen Heldentaten Madame Thorpe unbekannt waren, so gab es doch viele andere ähnliche, die sie kannte. Die warnende Erinnerung an diese ließ jetzt die arme Dame in einem Zustande atemloser Aufregung und Unruhe nach der zweiten Treppe eilen.

Zack hatte jedoch die Rasiermesser nicht gefunden, denn sie waren alle eingeschlossen, wie Herr Thorpe vorher gesagt hatte, aber dessen ungeachtet hatte er im Ankleidezimmer ein Mittel entdeckt, großes Unheil im Hause anzurichten, an das sein Vater sicher nicht gedacht hatte. Da sich Stoßen, Stampfen, Kreischen, Schluchzen und Stühle zerschlagen als ganz ohnmächtige Mittel zu seiner Befreiung erwiesen, stellte der junge Herr plötzlich sein Verfahren ein, sah sich ringsherum im Zimmer um, bemerkte den Hahn, welcher seines Vaters Badewanne mit Wasser versorgte, und beschloss sogleich, das Haus unter Wasser zu setzen. Er hatte das Wasser in die Wanne gelassen, sie bis an den Rand gefüllt und wartete sehnsüchtig, auf einen Stuhl hingestreckt, dass sie überfließen sollte - als seine Mutter die Türe aufschloss und in das Zimmer trat.

»O, du unartiges, gottloses, heftiges Kind«, schrie Madame Thorpe, erschrocken über diesen Anblick, tat aber sogleich der drohenden Sintflut Einhalt und zwar aus Gründen der Vorsicht, die mit der Decke des Empfangszimmers in Verbindung standen. »Oh, Zack, Zack! Was wirst Du noch tun! Was würde Dein Vater sagen, wenn er dies sähe? Du gottloses Kind, ich schäme mich Dich anzusehen!«

In der Tat bot Zack in diesem Augenblicke ein hinreichend entmutigendes Schauspiel für die Augen einer Mutter dar. Da stand der junge kleine Teufel störrisch und aufrecht auf seinem Stuhle, seine Schultern aus seinem Kittel ein- und auszuckend und seine Hände in unbewusster Nachahmung der Lieblingsstellung des ersten Napoleon hinter sich haltend. Sein blondes Haar hing wirr um seine Stirn, seine Lippen waren geschwollen, seine Nase gerötet, und aus seinen glänzenden blauen Augen sah offen unheilvoller Trotz heraus. Nachdem Madame Thorpe ihren Sohn eine Minute lang in stummer Verzweiflung angeblickt hatte, nahm sie ihn vom Stuhle.

»Hast Du Deine Aufgabe gelernt, Du gottloser Knabe?« frug sie.

»Nein«, antwortete Zack entschlossen.

»Dann komm mit mir an den Tisch, Dein Papa will sie Dir überhören. Komm hierher und lerne Deine Aufgabe sogleich!«

»Nein, ich will nicht«, erwiderte Zack und klammerte sich mit beiden Händen fest an die nassen Seitenwände der Wanne.

Es war ein Glück für den sechsjährigen Trotzkopf, dass er diese Worte nur an seine Mutter richtete.

Madame Thorpe strafte ihn wegen dieser Äußerung nicht, wie es ihr Mann oder Vater getan hätten, aber sie ergriff für den gegenwärtigen Fall das richtige Mittel.

»Sieh mich an Zack«, sagte sie, zur Wanne zurückgehend und sich neben ihn auf den Stuhl setzend, »ich habe Dir etwas zu sagen.«

Der Knabe gehorchte sogleich, er war in seiner schlechtesten Laune niemals abgeneigt, jedem offen in das Gesicht zu sehen. Seine Mutter öffnete ihre Lippen, hielt plötzlich inne, zögerte und schloss dann den ersten Satz ihrer Strafpredigt auf die höchst komische Weise dadurch, dass sie das ihr zunächst hängende Handtuch herunterriss und Zack nach dem Waschbecken fortführte.

Die einfache Tatsache war, dass Madame Thorpe im Geheimen eitel auf ihr Kind war. Sie hatte schon lange jede andere moralische Schwäche, nur diese nicht, besiegt, - von allen Eitelkeiten die schönste, von allen menschlichen Fehlern sicherlich der reinste! Ja! Sie war stolz auf Zack! Auf den lieben, unartigen, hübschen, gegen die Tür stoßenden, die Kirche störenden, das Haus überschwemmenden Zack. Wenn er nur ein schlicht aussehender Knabe gewesen wäre, hätte sie ihre Strafpredigt fortsetzen können, aber kalt auf sein hübsches Gesicht zu blicken, entstellt durch Schmutz, Tränen und wirres Haar, in diesem Zustande mit ihm zu sprechen, während Seife, Wasser, Bürste und Handtuch sich ganz in ihrer Nähe befanden, dies zu tun, besaß sie als Mutter nicht Selbstverleugnung genug. Also fand die mütterliche Vorlesung plötzlich und wirkungslos, noch ehe sie kaum begonnen hatte, ihr Ende im Waschbecken.

Nachdem der Knabe gereinigt und sein Haar glatt gestrichen war, was er sich ziemlich geduldig gefallen ließ, nahm ihn Madame Thorpe auf ihren Schoß, und indem sie ihren dringenden Wunsch, ihn auf seine beiden runden, glänzenden Wangen zu küssen, unterdrückte, sagte sie folgende Worte:

»Ich wünsche, dass Du Deine Aufgabe lernst, Du erzeigst mir einen Gefallen, wenn Du Deinem Vater gehorchst. Ich bin immer gut mit Dir gewesen, nun wünsche ich, dass Du gut mit mir bist.«

Zum ersten Male ließ Zack seinen Kopf herunterhängen und schien nicht vorbereitet auf eine Antwort. Madame Thorpe wusste aus Erfahrung, was dies zu bedeuten hatte. »Ich denke, was Du getan hast, fängt Dir an leid zu tun, und Du willst ein guter Knabe werden«, sagte sie. »Wenn das wahr ist, so bin ich überzeugt, Du wirst mir einen Kuss geben.« Zack zögerte wieder, dann richtete er sich plötzlich in die Höhe und gab seiner Mutter einen herzhaften, lautschallenden Kuss auf die Spitze ihres Kinns. »Und nun wirst Du Deine Aufgabe lernen, fuhr Madame Thorpe fort, ich habe mir immer Mühe gegeben, Dich glücklich zu machen, und ich bin überzeugt, Du bist diesmal bereit, Dir Mühe zu geben, um mich glücklich zu machen.«

»Ja«, sagte Zack herzhaft. Seine Mutter führte ihn sogleich zum Tische, auf welchem »die ausgewählten Bibeltexte« für Kinder aufgeschlagen lagen und versuchte ihn auf den Stuhl zu heben. »Nein«, sagte der Knabe widerstrebend und entschlossen seinen Kopf schüttelnd, »ich will meine Aufgabe auf Deinem Schoße lernen.«

Madame Thorpe gab ihm sogleich nach, und Zack, welcher merkwürdig schnell fasste, wenn er sich anstrengte, lernte seine Aufgabe in so kurzer Zeit auswendig, dass seine Mutter darauf bestand, sie ihm zwei Mal zu überhören, ehe sie ihn wirklich für fähig hielt, vor seinem Vater zu erscheinen. Das zweite Examen besiegte jedoch ihren Zweifel und sie führte ihn im Triumph herunter.

Herr Thorpe las aufmerksam, Herr Goodworth war in tiefes Nachdenken versunken, der Regen fiel hartnäckig hernieder und der Nebel wurde immer dicker, als der kleine Zack hereingeführt wurde, um seine Aufgabe vor seinem Vater herzusagen. Er bestand wieder sehr gut, aber sein kindliches Benehmen während dieser dritten Prüfung ging von Offenheit in Misstrauen über und er sah, während er seine Ausgabe hersagte, weit öfter nach Herrn Goodworth als nach seinem Vater. Nachdem die Texte hergesagt waren, sagte Herr Thorpe, ehe er wieder zu lesen anfing, zu seiner Frau: »Meine Liebe, Du kannst der Wärterin sagen, dass Zacharias sein Mittagbrot erhält, obgleich er es nicht verdient, weil er sich so schlecht betragen hat, als er seine Aufgabe lernen sollte.«

»Bitte, Großpapa, darf ich mir das Bilderbuch besehen, welches Du mir gestern Abend brachtest, als ich schon im Bette war?« sagte Zack, sich an Herrn Goodworth wendend und offenbar fühlend, dass er nun zu dieser Belohnung berechtigt war.

»Sicherlich nicht am Sonntag«, fiel Herr Thorpe ein, »Deines Großvaters Buch eignet sich nicht für den Sonntag.«

Herr Goodworth stutzte und wollte sprechen, aber er erinnerte sich dessen, was er zu Herrn Thorpe gesagt hatte, und begnügte sich damit, das Feuer zu schüren.

»Wenn Du Bilderbücher besehen willst, so weißt Du, was für Bücher Dir heute zu Diensten stehen, und Deine Mama wird sie Dir holen, wenn sie wieder hereinkommt«, fuhr Herr Thorpe fort.

Die Werke, auf welche hier Bezug genommen wurde, waren eine alte Ausgabe von »des Pilgers Reise" mit vier kleinen Kupferstichen aus dem letzten Jahrhundert, und ein »Leben Moses" mit genauen deutschen Skizzen illustriert, nach der Manier der neuen Schule. Zack wusste recht wohl, was für Bücher sein Vater meinte, und gab seinen Abscheu vor denselben dadurch zu erkennen, dass er wieder anfing, mit seinen Schultern zu zucken. Er hatte offenbar an des Pilgers Reise und dem Leben Moses schon mehr als genug gehabt.

Herr Thorpe sagte nichts weiter und fuhr wieder zu lesen fort. Herr Goodworth verbarg seine Hände in seinen Taschen, gähnte trostlos und wartete mit einem mutlos satirischen Ausdruck in seinen Augen, was sein Enkel zunächst tun würde. Wenn der Gedanke, der in diesem Augenblicke durch des alten Herrn Hirn ging, mit Worten beschrieben worden wäre, würde er genau mit der folgenden Redensart ausgedrückt worden sein: »O Du elender, kleiner Knabe, wie würde ich mich in Deinem Alter gegen alles dies aufgelehnt haben.«

Es dauerte nicht lange, so fand Zack eine neue Belustigung. Er erblickte in einer Ecke seines Vaters spanisches Rohr, nahm es sogleich zwischen seine Beine und schickte sich an, darauf einen kleinen Ritt im Zimmer auf und nieder zu wagen. Er begann gerade sich in einen mäßigen Trab zu setzen, als sein Vater ausrief »Zacharias!« und damit den Knaben sogleich zum Stillstehen brachte.

»Stelle den Stock wieder dahin, wo Du ihn gefunden hast,« sagte Herr Thorpe. »Du musst das nicht am Sonntag tun; wenn Du Dir Bewegung machen willst, kannst Du im Zimmer auf und abgehen.«

Zack zögerte, einen Augenblick überlegend, ob er ungehorsam sein oder zu weinen anfangen sollte.

»Stelle den Stock wieder hin!« wiederholte Herr Thorpe.

Zack erinnerte sich an das Ankleidezimmer und an »die ausgewählten Bibeltexte für Kinder" und gehorchte klüglich. Nachdem er den Stock in die Ecke gesetzt hatte, ging er langsam auf Herrn Goodworth zu mit einem komischen Ausdrucke der Verwunderung und des Abscheues in seinem pausbäckigen Gesichte und legte seinen Kopf demütig auf seines Großvaters Knie nieder.

»Betrübe Dich nicht so sehr, Zack!« sagte der gute alte Herr aufstehend und den Knaben in seine Arme nehmend. »Während die Wärterin Dein Mittagbrot bereitet, wollen wir aus dem Fenster sehen und uns umschauen, ob das Wetter wieder heiter wird.«

Herr Thorpe sah einen Augenblick von seinem Buche auf, sagte aber diesmal nichts.

»Ach, Regen, Regen!« murmelte Herr Goodworth, verzweifelt nach der unheilvollen Aussicht hinstarrend, während Zack sich zum Zeitvertreib die Nase gegen eine Glasscheibe auf und nieder rieb und fast darüber einschlief. »Regen, Regen! Nichts als Regen und Nebel im November. Halte Dich aufrecht, Zack, bim, baum, da läuten die Glocken zum Nachmittagsgottesdienst! Beim Himmel! Ich möchte wohl wissen, ob wir morgen schönes Wetter haben werden? Denk an den Pudding, mein Knabe.«

»Ja«, sagte Zack, die Einladung zum Pudding anerkennend, aber sich anscheinend weigernd, sie zu benützen. »Und wenn ich mein Mittagbrot gegessen habe, so möchte ich zu Bette gebracht werden.«

»Dich zu Bette bringen! Nun, Gott segne den Knaben! Was fällt ihm jetzt ein? Du wünschest ja ge¬wöhnlich immer länger aufzubleiben.«

»Ich möchte zu Bette gehen, um bis morgen zu schlafen und dann mein Bilderbuch zu haben«, antwortete der Knabe in einem abgespannten und winselnden Tone.

»Ich will mich hängen lassen«, sagte der alte Herr leise zu sich selbst, »wenn ich nicht auch daran denke, zu Bette zu gehen, bis zum andern Morgen zu schlafen und dann meine »Times" beim Frühstück zu lesen. Ich bin in jeder Hinsicht so schlimm wie Zack.«

»Großpapa«, fuhr das Kind noch schläfriger als vorher fort, »ich möchte Dir etwas ins Ohr sagen.«

Herr Goodworth beugte sich ein wenig nieder. Zack sah sich erst listig nach seinem Vater um, dann seinen Mund dicht an seines Großvaters Ohr legend, teilte er ihm das Resultat, zu welchem er nach den Ereignissen des Tages gekommen war, in folgenden Worten mit:

»Großpapa, ich hasse den Sonntag.«

Zur Zeit, als sich die soeben erzählte Episode in dem Leben des Zacharias Thorpe jun. zutrug, das heißt im Jahre 1837, war Baregrove Square die von der City entfernteste und dem freien Felde am nächsten liegende aller damals in der nordwestlichen Vorstadt Londons existierenden Straßen; aber nach Verlauf von vierzehn Jahren, das heißt im Jahre 1851, hatte Baregrove Square seinen unterscheidenden Charakter gänzlich verloren, andere Squares hatten daraus jene letzten Überbleibsel der gesunden ländlichen Atmosphäre entfernt, wovon ihr guter Name abgeleitet war, andere Straßen, Häuserreihen und Landsitze hatten sich ohne Mitleid zwischen die alte Vorstadt und das freie Feld eingedrängt und für immer die nachbarlichen Verbindungen zwischen dem Pflaster von Baregrove Square und den Fußsteigen der lieblichen Felder vernichtet.

Alexanders und Napoleons Armeen waren große Eroberer, aber die neueren Guerillaregimenter des Kalktroges, der Maurerkelle und der Ziegelhütte sind die größten Eroberer von allen; denn sie behaupten den Boden, welchen sie einst besessen haben, am längsten. Welches demolierte Kastell, aus dessen zerfallenen Mauern die feindliche Flagge weht, sah jemals so gänzlich verlassen aus, als eine arme Feldfestung der Natur, von allen Seiten durch das gemauerte Lager des Feindes eingeschlossen und entehrt durch ein feindliches Banner von Pfahl und Brett, worauf des Eroberers Devise steht: »Dieses Stück Land kann zu Baustellen abgegeben werden.« O! Ihr entschlossenen Guerillaregimenter des Kalktroges, der Kelle und der Ziegelhütte! Der Spaziergänger, der gleich mit Tagesanbruch seine Wanderung nach den Plätzen beginnt, welche ihr noch für eine kurze Zeit unversehrt gelassen habt, hört im Geheimen sonderbare Dinge von euch, wenn er gehorsam die alte ursprüngliche Sprache der Blätter auslegt und den gefährdeten Bäumen lauscht, die in seiner Nähe traurig die letzten dahinsterbenden Töne ihres ehemaligen Abendliedes flüstern.

Der neue Anbau, der anfänglich viele Hindernisse zu bekämpfen gehabt hatte, bot, nur wenige zu höheren Prei¬sen ausgenommen, drei verschiedenen Abteilungen der großen Mittelklassen unserer britischen Bevölkerung ein Unterkommen. Miete und Häuser waren stufenweise den großen, mäßigen und kleineren Einkünften der mittleren Klassen angepasst. Die Wohnungen für die Besitzer der großen Einkünfte wurden Herrenhäuser genannt und stachen sehr gegen die übrigen der Vorstadt dadurch ab, dass sie alle in einer weiten Reihe gebaut und an jeder Seite von zierlichen Toren umschlossen waren. Stuckaturarbeit im englisch-klassischen Stil war an diesen Gebäuden überall sichtbar. Treppenstufen und korinthische Säulenhallen, Torwege und Kutschenauffahrten bis zur Haustür, Gewächshäuser auf der einen und Remisen auf der andern Seite trugen mit vollem Rechte dazu bei, dass sie im genauesten Sinne des Wortes »Herrenhäuser« genannt werden konnten.

Es war ein merkwürdiges Resultat der besondern Anwendung, welche bei der Gründung der neuen Kolonie befolgt wurde, dass sie die großen und kleinen Einkünfte durch ein gewisses Vereinigungsband einander näher brachte, was sicherlich den Bauunternehmern nie in den Sinn gekommen war. So wie die reiche Gegend von der allgemeinen Vorstadt eingeschlossen war, so war die arme daraus ausgeschlossen, die eine ebensogut wie die andere dazu dienend, die zahlreichen Wohnungen für die Besitzer von mäßigen Einkünften an ihrem passenden Platze zusammenzuhalten, örtlich ebenso wie gesellig eingezwängt zwischen die hohen und niedrigen Extreme des Lebens rings um sich.

Die unglücklichen Besitzer der kleinen Einkünfte hatten den allerschlechtesten Teil des neuen Anbaues gänzlich für sich selbst und mussten jedes Geräusch und jede Beschwerde des vorstädtischen Lebens mit anhören und erdulden, während die Besitzer der großen dessen ganze Ruhe und Luxus genossen. Hier waren die traurigen Grenzen, an welchen die Baukunst mit ihrer Arbeit verzweifelnd innehielt. Jedes Haus in dem Fegefeuer dieses armen Mannes war wirklich und in fürchterlicher Buchstäblichkeit ein Steinkasten mit einem Schieferdach. Jedes in diese Kasten gebohrte Loch, es sei nun ein Loch in der Tür oder ein Fenster, war immer übermäßig mit Kindern angefüllt. Sie zählten oft zu fünfzig und sechzig in einer Straße und waren das charakteristische Kennzeichen des Viertels. In der Welt der großen Einkünfte entwickelte sich das junge Leben wie ein Springbrunnen im Garten, der nur zur bestimmten Zeit im Sonnenschein spielte. Bei den armen Leuten ergoss sich das junge Leben wie ein Strom auf die Straße, bei jedem Wetter wie eine unerschöpflich überfließende Gosse. Nach den Kindern der Bewohner kamen in sichtbarer Anzahl die Hemden und Unterröcke und verschiedene andere Wäsche derselben herumflatternd, um an gewissen Wochentagen im Freien getrocknet zu werden, und die so die baumlosen kleinen Gärten, wo sie hingen, belebten. Hier blühte in ihrer schönsten Entwicklung jene verzehrende Leidenschaft für Apfelsinen, wodurch sich das englische Mädchen besonders auszeichnet, und hier erzählte auch der verpestende Geruch der schlechten Zigarre, welche der feiernde Ladenjunge rauchte, allen Nasenlöchern, dass es Sonntag wäre, ebenso deutlich als die Kirchenglocken es verkünden konnten. Es war eine bleibende und merkwürdige Seltenheit, in irgendeinem Teile dieser Gegend an Wochentagen von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends einem Manne zu begegnen.

Was den großen mittleren Teil der Vorstadt anbetraf, die Gegend der mäßigen Einkünfte, welcher auf der einen Seite unregelmäßig zwischen der armen und auf der andern Seite zwischen der reichen hinlief, bis er die Felder erreichte, so spiegelte er genau das Leben derjenigen, welche ihn bewohnten, dadurch ab, dass er durchaus keinen besondern eigentümlichen Charakter darbot.

Einerseits ahmte die bessere Klasse von Häusern so prächtig als möglich die großartige Bauart der Herrenhäuser, welche den Vornehmen gehörten, nach, andererseits unterschied sich die schlechteste Klasse der Häuser nur wenig von den Steinkasten der Armen. So verlor die Gegend, was sie an dem einen Ende an schrecklicher Ruhe und überflüssiger Stille gewann, welche aus den verzierten Toren hervorkamen, wiederum durch das Geräusch und die Unreinlichkeit des Armenviertels am andern Ende.

Demjenigen, welcher das Leben betrachtet, welches in England unter den Leuten von mäßigem Einkommen vorherrschend ist, wird diese Art von Existenz, mit wenigen erstaunlichen Ausnahmen, mit keinem andern in irgendeinem Teile der zivilisierten Welt vergleichen können. In welchem andern Lande, als in dem unsrigen, ist der gesellige Genuss der mittlern Klassen mit geringem Einkommen so vorsichtig eines jeden unverfälschten eigentümlichen Wesens entblößt, um es nur zum schwachen Abklatsch des geselligen Vergnügens der höhern Klassen mit großen Einkommen zu machen? Geschieht dies irgendwo anders als in England, und ist es nicht handgreiflich betrübend wahr, dass während die höheren und niederen Klassen unserer Gesellschaft jede ihre eigenen, charakteristischen, unverfälschten Erholungen in ihren Mußestunden haben, welche gleichmäßig ihrem Vermögen und ihrem Geschmack entsprechen, die mittleren Klassen im Allgemeinen alles dies entbehren.

Das Leben in der neuen Vorstadt gab hiervon, wie überall in England, Beweise in Fülle. Um nur ein Beispiel von den Erholungen, die im Essen und Trinken bestehen und einen so großen Teil unserer Zeit in Anspruch nehmen, zu geben, wollen wir bloß anführen: Wenn die reichen Besitzer »der Herrenhäuser« im Park ihre großartigen Diners gaben und dabei so freigebig mit ihrem besten Champagner und ihren seltenen gastronomischen Delikatessen, wie es ihnen gefiel, waren, konnten die Mieter der Steinkasten gerade so gemächlich ihre Unterhaltung im Teegarten genießen und ihrerseits gerade so bereitwillig und gastfrei freigebig mit ihrem Bier, Tee, Butterbrot und Graneelen sein. Nicht so bei den Leuten von mäßigem Einkommen; sie schraken bei ihren geselligen Genüssen albern vor des armen Mannes Bier und Graneelen zurück; sie krochen verächtlich zu des reichen Mannes seltenen Weinen und luxuriösen Gerichten heran, gaben ihre Armut durch nachgemachten Champagner von schlechten Weinhändlern, durch schlecht schmeckenden Salat und stinkende Austernpasteten von schlechten Restaurateurs preis, blieben bei keiner ihrer Festlichkeiten ihrem Einkommen, ihrer Klasse oder sich selbst getreu und amüsierten sich deshalb niemals bei Gesellschaften, die sie gaben, und hatten niemals ein wirkliches Vergnügen dabei, was auch ihre Einladungskarten für ihre Gäste vom Gegenteil sagen mochten.

Am äußersten Ende jenes Teiles der neuen Vorstadt, welcher für die mittleren Klassen mit mäßigem Einkommen hergerichtet war, wohnte ein Herr Valentin Blyth mit Namen und seines Standes ein Maler, dessen Leben in mehr als einer Hinsicht einen sehr sonderbaren und schlagenden Kontrast von dem seiner meisten Nachbarn darbot. Als Herr Blyth zuerst seine Wohnung in dieser neuen Umgebung aufschlug, zog er ganz unbewusst alle Aufmerksamkeit, welche die ältern Ansiedler in der Kolonie übrig hatten, dadurch auf sich, dass er neben seinem Hause ein großes und komisch aussehendes Atelier baute und auf diese Weise die allgemeine Einförmigkeit in der Häuserreihe zerstörte. Von diesem Augenblicke an fingen die Leute, wie man zu sagen pflegt; von ihm zu sprechen an. Einige von den müßigeren Bewohnern zogen Erkundigungen bei Geschäftskunden ein und beobachteten den Maler und seine Hausgenossen neugierig zu Hause und auf der Straße. Die allgemeine Meinung, welche sich bald aus diesen Erkundigungen und Beobachtungen ergab, bestand darin, dass Herr Blyth eine sehr exzentrische Person sein müsste, da er allerlei Dinge machte, welche man gewöhnlich nicht machte, und dass er sich vorgenommen hatte, sich auf seine eigene Weise zu amüsieren, ohne sich im Geringsten um die Sitten und Gebräuche der reichen Aristokratie zu kümmern, welche sich in der benachbarten Abgeschlossenheit der Parktore hingepflanzt hatte.

Da man zu diesem Schlusse gekommen war und angenommen hatte, dass Herr Blyth alles eher als ein Gentleman wäre, würden sich seine Nachbarn wahrscheinlich wenig weiter um den neuen Bewohner gekümmert haben, hätte nicht irgendein besonderer Umstand, der mit ihm in Verbindung stand, einen tiefern Eindruck auf alle neugierigen Gemüter gemacht, als irgendeine seiner Sonderbarkeiten zusammen.

Es war mehr als bloße Vermutung, dass irgendein undurchdringliches Geheimis im innern Hause des Malers verborgen war.

Dass Herr Blyth verheiratet war, war so ziemlich klar, dass seine Frau sicher mit einer gewissen kranken Dame ein und dieselbe Persönlichkeit war, welche in das neue Haus, in viele Schals eingehüllt, getragen worden und niemals nachher wieder an der Tür oder am Fenster sichtbar wurde, eine Vermutung, die sehr fest stand.

Die Kranke war aber nicht das einzige weibliche Mitglied von Herrn Blyths häuslicher Umgebung. Es befand sich darin auch eine junge Dame, welche in seinem Hause lebte und ihn beständig auf seinen täglichen Spaziergängen begleitete. Das Gerücht ging, dass sie eine entzückend schöne Dame wäre, und dennoch konnte man niemals jemanden finden, der ihr Gesicht ganz gesehen hatte, weil sie unabänderlich ihren Schleier herunterzog, so oft sie ausging. Man behauptete und glaubte allgemein, dass Herr Blyth niemals jemandem gesagt hätte, wer sie wirklich wäre. Der Stadtklatsch bemächtigte sich bald dieses Gerüchts und Dienst- und Handelsleute beschäftigten sich besonders mit ihrem Charakter. In einigen Kreisen wurde die Vermutung aufgestellt, dass sie des Malers natürliche Tochter wäre, in andern, dass sie zu ihm in der Beziehung eines weibliches Modells stände oder etwas bei weitem Unanständigeres wäre, und ferner flüsterte man sich überall zu, dass sie, sie möge nun sein, wer sie wolle, das Opfer eines schrecklichen Unglückes wäre. Die Leute schüttelten ihre Köpfe, seufzten und murmelten »das arme Ding«, oder nahmen eine Miene. von zudringlichem Mitleid an und sagten, so oft sie von ihr in der gewöhnlichen Gesellschaft der Vorstadt sprachen: »ist das nicht ein trauriger Fall.«



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Zweites Kapitel - Das Atelier

Es ist Winterwetter; nicht ein solcher Novemberwintertag, wie wir uns dessen vor vierzehn Jahren in Baregrove Square erinnern, sondern ein rauher frostiger Morgen im Januar. Die Aussicht nach dem freien Felde, welche man von den Fenstern des blythschen Hauses hat, ist dünn und glänzend in dem schönsten Gewande des reinsten Schnees, um die Morgensonne zu begrüßen. Der kalte, blaue Himmel ist wolkenlos. Jeder Laut draußen schlägt mit einem freudigen und fröhlichen Schall an das Ohr, jedes eben angezündete Feuer brennt glänzend fort, ohne dass man sich darum weiter kümmert; di Rotkehlchen sind dreister und zahmer als je an diesem Morgen und hüpfen erwartungsvoll auf Balkonen und Fensterabsätzen umher, als wenn sie nur auf eine Einladung warteten, hereinzuspazieren, um sich mit ihren größeren Mitgeschöpfen an dem freundlichen Herde zu wärmen.

Patty, das Hausmädchen, hat soeben ein großes Feuer in dem Atelier des Herrn Blyth angezündet. Sie wärmt sich am Feuer und starrt mit ehrwürdiger Unwissenheit die verschiedenen Kunstgegenstände an, die sie von allen Seiten umgeben.

Es befindet sich zufällig auch ein anderes weibliches Individuum in dem Atelier, um Patty Gesellschaft zu

leisten, welches als ein merkwürdiger Charakter eine besondere Beachtung verdient. Diese Dame starrt ebenfalls die Gegenstände, wie das Hausmädchen an, aber sie leidet augenscheinlich an einem heftigen Schmerze im Nacken und blickt immer unbeweglich nach derselben Richtung hin. Durch irgendeine außerordentliche Laune der Natur ist ihr Kopf gerade von ihrem Körper nach hinten gezogen, so dass ihr Gesicht mehr dem Rücken als ihrem Busen zustrebt. Sie ist von gewöhnlicher Größe und nicht zu fleischig; sie trägt über falschen Locken eine rote Fischermütze und darauf den Hut eines Kavaliers aus der Periode Karls I. mit einer zerknickten Feder. Einer ihrer Arme ist steif ausgedehnt, wie wenn er im Begriff wäre, eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen. Der andere hängt an ihrer Seite, augenscheinlich von innen herausgewendet. Das Fleisch an diesen Gliedern ist von heller, braungelber Farbe. Ihr einziger Anzug ist eine Toga von blauem Merino, sehr alt, sehr schmutzig und sehr zerlumpt, aber unter einem Arm und über dem andern auf die genaueste klassische Weise zusammengehalten. Die eigentümliche Lage ihres Kopfes lässt sie glücklicherweise nicht bemerken, dass dieses Gewand vorne aufgegangen ist und ihre untern Extremitäten auf eine höchst unpassende Weise sichtbar werden.

Die unbeweglich unanständige Dame - alle englischen Frauen mögen sich trösten, wenn sie dies lesen - war eine Ausländerin. Sie war französischen Ursprungs, hatte eine seidene Haut, hölzerne Gelenke, war entfernt mit der unedlen Familie der Gliederpuppen verwandt und führte den barbarischen Namen Ia figure. Ihr Geschäft war, Herrn Blyth zu sitzen und beliebige Kleider zu tragen, zu denen er sie zu malen wünschte. Sie war bei der Köchin und dem Hausmädchen instinktmäßig verhasst und wird im Laufe der gegenwärtigen Erzählung stets im Lichte eines bleibenden schlechten Charakters erscheinen.

»Ich hasse das Ding!« sagt Patty verächtlich, die Toga der Dame wieder in Ordnung legend, als sie das Atelier verließ, »ich hasse das Ding! Es zeigt immer seine hässlichen seidenen Beine, womit man sie auch immer bekleiden mag. Wenn der Herr Dich haben muss, Du große bestialische Puppe, warum kauft er Dir nicht einen Unterrock? Aber es ist durchaus nicht hier, wie es sollte; ich sah niemals ein solches Zimmer, in welchem eine so schreckliche Unordnung herrschte.«

Patty hatte Recht. Ein romantisches Chaos herrschte in dem neuen Studierzimmer.

Es war ein großes luftiges Zimmer, das sein Licht von oben erhielt und sich durch das ganze Haus erstreckte. Die Mauern waren mit einfach schwarzem Papier bedeckt, der Fußboden nur in der Mitte mit einem Teppich belegt und die darin. befindlichen Möbel würden von einem Trödler höchstens auf zwanzig Pfund geschätzt worden sein. In allen vier Ecken waren breite hölzerne Regale angebracht, worauf alle Arten von großen und kleinen Gegenständen ohne alle Rücksicht auf Ordnung in kompakten Massen angehäuft waren. Gipsabdrücke waren in allen Arten auf diesen Regalen zu schauen und mit der launischsten Missachtung der Personen, Stellungen und Perioden, welche sie vorstellten, nebeneinander gebracht.

Bestaubte kleine Öl- und Firnissfläschchen, Farbentöpfe, alte Pinsel, Stückchen von Malertuch, Stücke weißer Kreide, zerrissene Bücher, Bindfadenknäuel, harter Kitt etc. füllten mit Dutzenden von ähnlichen Dingen die Zwischenräume der Abdrücke aus und veranlassten, dass, wenn man ein Ding, welches man brauchte, herunterholen wollte, zehn andere, deren man nicht benötigt war, von selbst herunter fielen.

Bilder ohne Namen in jedem unvollendeten Stadium, Skizzen von allen Größen und neue Kupferstiche dekorierten die Wände in eben solcher Unordnung wie die Abdrücke die Regale.

Die größern Kunstwerke bestanden aus Darstellungen eines italienischen, zum Feste geschmückten Bauernweibes, aus einem Patriarchen mit großem weißen Barte und brauner Gesichtsfarbe, aus einer felsigen Landschaft mit einem Wasserfall, aus einem pittoresken Bettelbuben, der grinsend seine Hand nach einer Gabe ausstreckte, aus einem weiblichen Kopfe, der in die Höhe, und aus einem Hundekopfe, welcher zu Boden blickte. Es waren auch zwei kleine Kopien von Rubens und eine große von Tizian vorhanden: unter den Dutzenden von Kupferstichen, welche an den Wänden hingen, befand sich ein Abdruck von Raphael, einer von Hogarth und einer von Teniers. Über dem Herde hing ein verrosteter Brustharnisch und ein Dolch. Unmittelbar über dem Kamine war der leere Raum dicht mit Schrift in weißer, schwarzer und roter Kreide bedeckt. Adressen von neuen Modellen, Verabredungen mit alten, kurze Zitate aus den Dichtern, Notizen über Abendbestellungen und häusliche Bedürfnisse, Empfangsanzeigen über Gemälde und eigene Gedanken über Kunst waren die Hauptgegenstände, welche auf diesem merkwürdigen Substitute eines Blythschen Taschentagebuches verzeichnet waren.

Die beiden auffallendsten Stücke Möbel im ganzen Atelier waren zwei große Staffeleien, auf jeder ein Bild von beträchtlicher Größe stehend, welche für jetzt mit einem Paar Betttüchern verdeckt waren, die der Wäsche schmerzlich entgegen sahen. Es stand auch ein Malerschrank darin mit einer Masse kleiner Schubladen, von denen einige zu voll, um sie öffnen, andere zu voll waren, um sie zumachen zu können; dann war auch eine bewegliche Plattform darin vorhanden, mit einem vom Staube zerfressenen, roten Tuche bedeckt, ein kleiner viereckiger Tisch von neuem Tannenholze und ein großer runder Tisch von altersschwachem Rosenholze, beide mit Skizzenbüchern, Mappen, Zeichenpapiere, Zinnbüchsen, umhergestreuten Pinseln, Palettenmessern, Lappen mit Farbe und Öl beschmutzt, Bleistiften etc. beladen, das Ganze überall fürchterlich nach Terpentin riechend.

Schließlich waren Stühle genug vorhanden, von denen jedoch keiner dem andern glich. In einer Ecke stand ein morscher antiker Stuhl mit einer hohen Lehne und ein Waschbecken mit schmutzigem Wasser auf dem Sitze. Über dem Kamine befand sich ein unbedeutender Strohstuhl nach dem Bienenkorbmuster mit Rosshaarkissen darauf, über einen Luxusstuhl gekippt. Vor dem größten der beiden Bilder und dicht neben einer tragbaren Treppe stand ein wackliger Comptoirstuhl. Auf der Plattform für die Sitzende lud ein moderner Lehnstuhl mit zerlumptem Überzug alle Modelle zu romantischer Ruhe ein. Dicht neben dem Tisch von Rosenholz war ein Schaukelstuhl hingestellt und zwischen den Füßen des Tannenholztisches war ein Feldstuhl und eine Matte übereinander geworfen. Mit einem Worte, jede merkwürdige Klasse der berühmten Familie Stuhl war in einer oder der andern Ecke im Atelier des Herrn Blyth dargestellt.

Alle übrigen kleinen Gegenstände, die auf den Regalen, Tischen und Stühlen nicht untergebracht werden konnten, ruheten in bequemer Verwirrung auf dem Fußboden.

Gerade am Eingange des Zimmers hatte er auf dem nackten Fußbodeu eine neue Schreibfeder und einen sehr kostspielig aussehenden Zobelabtreter hingemalt, damit die Ankommenden darauf treten möchten. Neue Besucher ließen sich beständig durch diese Nachahmungen so täuschen, dass sie sich unwillkürlich nach diesen Gegenständen bückten, und Herr Blyth freute sich stets über die Täuschung und die Verwunderung eines jeden neuen Opfers so übermäßig, als wenn der alte Scherz bei jeder darauf folgenden Gelegenheit ein neuer gewesen wäre.

So sah das Innere des Ateliers aus, nachdem der Eigentümer zwei Monate darin gehaust hatte.

Die Kirchenglocke der Vorstadt hat soeben zehn Uhr geschlagen, als sich schnelle leichte Tritte der Tür des Ateliers nähern. Ein Herr tritt ein, hüpft heiter über die nachgemachte Feder und den Abtreter und fängt dann, ans Feuer tretend, sich den Rücken zu wärmen und in Gedanken um sich sehend, das Lied »Tropfen Branntwein« im Mollton zu pfeifen an. Dieser Herr ist Herr Valentin Blyth.

Er sieht noch nicht ganz vierzig Jahre alt aus, ist in der Tat aber schon über fünfzig. Sein Gesicht ist rund und rosig und nirgends zeigt sich eine Runzel darin. Er hat große, funkelnde, schwarze Augen, trägt weder Backen-, Kinn- noch Schnurrbart und hat einen lebhaften Ausdruck von Gutmütigkeit in seinem Gesicht, welches man zum ersten Male nicht gut ohne Lachen betrachten kann. Er ist groß und stark, trägt immer sehr enge Beinkleider und schlägt seine Manschetten gewöhnlich über die Aufschläge seines Rockes zurück. Alle seine Bewegungen sind schnell und rastlos. Er scheint meistens auf seinen Zehen zu gehen und immer im Begriff zu sein, als wenn er zu tanzen oder zu springen oder zu laufen anfangen wollte, sobald er sich nur zu Hause oder auswärts von der Stelle bewegt. Wenn er spricht, hat er die sonderbare Gewohnheit, plötzlich seinen Kopf niederzubeugen und die Person, mit welcher er spricht, über die Schulter anzusehen. Diese und andere kleine persönliche Eigentümlichkeiten von ähnlicher Natur scheinen dazu beizutragen, ihn zu einem Manne zu machen, dem jedermann bei der ersten Vorstellung die Hand drückt.

Die Männer glauben, dass er einen Spatz versteht, die Mädchen wählen ihn zum männlichen Vertrauten aller ihrer Liebeleien, von welchen sie so gern sprechen, Kinder für ihren Fürsprecher, wenn sie einen Fehler begangen haben oder einen halben Feiertag erlangen wollen. In anderer Hinsicht ist er entschieden unpopulär unter jener großen Klasse von Engländern, deren einziges Thema bei der Unterhaltung öffentliche Übelstände und politische Missbräuche sind, denn er sieht alles von der besten Seite an und versteht nicht einmal den Unterschied zwischen einem liberalen Tory und einem müßigen Whig. Geschäftsleute halten ihn für einen Narren; geistreiche Frauen mit unabhängigen Ansichten zitieren ihn triumphierend als ein köstliches Muster des untergeordneten männlichen Geschlechtes. Von seiner Kunst abgesehen, in welcher er sich nicht gerade auszeichnet, scheint er wirklich keinen besondern Ruf im Leben zu haben - ausgenommen in Subskriptionslisten für arme Maler zu figurieren, hartnäckig von Straßenbettlern gesegnet zu werden und des Nachts immer von jedem herrenlosen Hunde, dem er zufällig begegnet, das Geleit zu erhalten.



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Drittes Kapitel - Herr Valentin Blyth

Herrn Blyths Geschichte, obgleich sie als ein Ganzes nicht viel Außerordentliches darbietet, ist dennoch in einigen Zügen eine merkwürdige.

Weder sein Vater noch seine Mutter noch irgend einer seiner Verwandten hatten jemals die Malerkunst ausgeübt oder jemals ein besonderes Vergnügen an der Betrachtung von Gemälden gefunden. Sie waren alle achtbare Kaufleute von der soliden, auf Kapital sehenden alten Schule, lebten ausschließlich in ihrem eigenen Familienkreise und hatten niemals in ihrem ganzen Leben mit einem Künstler oder Schriftsteller gesprochen. Die City-Welt, in welcher Valentin seine Knabenzeit verlebte, war so gänzlich von jedem Kunsteinflusse entblößt, als wenn sie an der Küste von Grönland gelegen hätte, und dennoch zeichnete und malte der Bursche in jeder müßigen Stunde auf seine eigene rohe Weise zum Erstaunen aller - sehnte sich immer, in die Akademie aufgenommen zu werden - und blieb immer fest bei seinem Entschlusse, ein Maler zu werden, so oft seine Aussichten für die Zukunft am häuslichen Herde besprochen wurden.

Der alte Herr Blyth war, wie leicht erwartet werden kann, ernstlich betrübt und verlegen über die sonderbare Richtung, welche seines Sohnes Neigung genommen hatte. Niemand, selbst Valentin nicht, konnte den Ursprung dieser Neigung angeben, aber jeder konnte deutlich bemerken, dass dieselbe mit seinem Heranwachsen stärker wurde, und dass keine Hoffnung vorhanden war, ihr durch erlaubte Mittel mit Erfolg Widerstand zu leisten. Als der alte Herr dies sah, machte er wie ein kluger Mann aus der Notwendigkeit eine Tugend, gab seinem Sohne nach und ließ ihn, unter starkem kaufmännischen Protest, in der königlichen Akademie als Student aufnehmen.

Hier blieb Valentin fleißig arbeitend bis zu seinem einundzwanzigsten Geburtstage. Bei dieser Gelegenheit hatte der alte Herr Blyth eine kurze ernsthafte Unterredung über seine Aussichten im Leben mit ihm. Im Laufe dieser Unterredung wurde dem jungen Manne mitgeteilt, dass ein Onkel, ebenfalls ein Kaufmann, bereit wäre, ihn in sein Geschäft als Teilhaber aufzunehmen, und dass sein Vater ebenfalls einwilligte, ihn schon jetzt mit seinem Erbteile, welches ihm als eines seiner drei Kinder nach seinem Tode zukäme, dazu auszustatten. Wenn sich Valentin dieser Anordnung fügte, war sein Schicksal sicher gestellt, und er konnte mit seinem dreißigsten Jahre seine eigene Equipage halten. Wenn er hingegen noch beharrlich fortfuhr, ein Maler zu werden, würde sein Vater seine Wahl ungemein beklagen, da er überzeugt wäre, dass die Ausübung der Kunst eine sehr unsichere Existenz darbot, aber er wollte derselben nicht geradezu entgegen sein und ihr auch später nicht, was sich auch immer zutragen mochte, hemmend zu nahe treten.

Nachdem der freigebige alte Herr so viel gesagt hatte, fügte er noch hinzu: wenn sein Sohn wirklich willens wäre, ein solches Glück wegzuwerfen, so sollten ihm die Mittel zur Fortsetzung seiner Studien nicht kärglicher zugemessen werden. Die Zinsen seiner zukünftigen Erbschaft sollten ihm schon bei Lebzeiten seines Vaters vierteljährlich ausgezahlt werden, so dass die dem jungen Maler hierdurch unter allen Umständen sicher gestellte Rente sich auf etwas mehr als vier hundert Pfund jährlich belief.

Valentin dankte seinem Vater mit Tränen in den Augen, blieb aber bei seinem ersten Entschlusse, indem er die jetzige Gewissheit, ein reicher Mann zu werden, freudig für die Aussicht, einst ein großer Maler zu werden, opferte.

Wenn er wirklich Talent besessen hätte, so würde so weit nichts Merkwürdiges in diesem Teile seiner Geschichte gewesen sein, da er aber nicht den geringsten Funken des großen schöpferischen Genies in seinem ganzen geistigen Wesen hatte, so liegt gewiss etwas Ungewöhnliches und Unerklärliches darin, trotz aller ungünstigen häuslichen Umstände und verlockenden Versuchungen einen Mann standhaft entschlossen zu sehen, alle jene Lebenspfade zu verlassen, auf welchen er mit seinen Gefährten tüchtig gleichen Schritt hätte halten können, um jenen einen andern einzuschlagen, auf welchem ihm von der Natur vorher bestimmt war, immer zurückzubleiben. Für diese Opfer, welche beim ersten Anblick dem verhängnisvollsten Wahne der Sterblichen geweiht zu sein scheinen, gibt es sogar, wenn auch nur auf kurze Zeit, angenehme Ruheplätze auf ihrem dornigen Wege, ja selbst dann und wann Sonnenstrahlen, um die umwölkte Aussicht zu verschönern. Für den Mann, welcher geistig eines großen intellektuellen Berufs unwürdig ist, ist nicht alles Unglück und Täuschung, so lange er dessen moralisch würdig ist, und so lange er ihn ehrlich, geduldig und liebevoll, um seiner selbst willen ausüben kann. Wenn er auch noch so unbekannt in diesem Geiste sein Werk fördert, wird er in der Arbeit selbst seine größte Belohnung finden. In dieser Belohnung lebt der immer besänftigende und ewig wahre Trost, welcher heilendes Öl auf alle Wunden träufelt und ihn sanft und liebevoll an das Ende der mühevollen Reise führt, obgleich der Ruhm sich von ihm abwendet und der Überfluss mitleidlos auf der andern Seite des Weges schreitet.

So war es mit Valentin; er hatte seiner Kunst sein Glück geopfert und seine Kunst hatte ihm, wenigstens in den Augen der Welt, nichts dafür zurückgegeben. Dennoch hätte er sie nicht inniger lieben, sie nicht hoffnungsvoller pflegen, nicht stolzer und treuer an sie glauben können, wenn die königliche Akademie ihn zu ihrem Präsidenten gewählt, oder die Königin ihn zum Ritter geschlagen hätte. Durch seine Rente war er vor Armut bewahrt und folglich wurde ihm jenes bitterste Elend erspart, welches früher oder später jeden andern Mann, der weniger von den Umständen begünstigt war und einen so niedrigen Rang als er in der Kunst einnahm, niedergebeugt hätte. Dieser glücklichen Lage des Herrn Blyth wurde von einem sie begleitenden Nachteil lange und drückend das Gegengewicht gehalten.

Er arbeitete geduldig weiter, niemals den Glauben oder die Hoffnung verlierend, weil er niemals die Liebe zu seiner Kunst verlor, oder den Genuss sie zu pflegen, wie entmutigend auch immer die erzielten Resultate waren. Wie bei den meisten andern Menschen, die mit geringer Intelligenz begabt sind, waren seine Worte doch mannichfaltig. Er versuchte den überladenen und den strengen Stil, er war abwechselnd religiös, allegorisch, historisch, sentimental und humoristisch. Einmal ging er vom Portrait zur Landschaft über, bald steife Studien nach der Natur anfertigend und dann bald wieder in poetischen Auffassungen schwärmend, welche unentdeckt in mancher Sammlung als unechte Bilder von Berghem oder Claude hätten hängen können.

In welchem Kunstgenre sich Valentin aber auch abmühte, um sich auszuzeichnen, immer schien dasselbe Missgeschick über seinen Bemühungen zu schweben. Jahr um Jahr baten seine Bilder um Aufnahme in der Akademie und unabänderlich wurden ihnen, und das nicht mit Unrecht, die schlechtesten Plätze an den Wänden der Ausstellung verweigert. Von einer Ausstellung bis zur andern arbeitete er wacker weiter, niemals mutlos, niemals hoffnungslos, wenn er vor seiner Staffelei saß, bis endlich der Tag der Belohnung erschien, für den er so lange und mühevoll gestrebt hatte. Ein kleines Bild von sehr unbedeutendem Vorwurf, das Innere einer Küche mit einer listigen Katze, welche, während der Abwesenheit der Köchin die Milch vom Teebrett stiehlt, darstellend, wurde wohlwollend von dem entscheidenden Ausschusse als »zweifelhaft« bezeichnet, - im Fall es an irgend einem vergessenen Platze in der Nähe des Eingangs der Thür passen würde - passte für einen solchen Platz und wurde wirklich als Herrn Blyths kleiner Beitrag zu den tausenden von Gemälden, die in jenem Jahre von der königlichen Akademie für das Publikum ausgestellt wurden, aufgehängt. Valentins Triumph fand hier aber sein Ende noch nicht. Sein Bild wurde wirklich an den Aktionär eines Kunstvereins verkauft. Dieser aufgeklärte Kunstmäzen war der Inhaber einer Kneipe. Er hatte zehn Pfund in der großen Lotterie gewonnen, und da er sich haushälterisch entschlossen hatte, das größte Werk, welches er finden konnte, für sein Geld zu kaufen, ging er mit dem Zollstab eines Zimmermannes umher, alle Bilder, welche um zehn Pfund verkauft werden sollten, auszumessen. Der »Jesuit in der Familie,« wie Blyths Bild genannt wurde, bot in dieser Hinsicht einen köstlichen Kauf dar und wurde folglich von jenem Beschützer der schönen Künste angekauft. Einmal mit einer Zehnpfundnote versehen, welche er mit seinem eigenen Pinsel verdient hatte, trotzte er heiter allen schmähenden Meinungen und allen ihm mit Unverschämtheit ihren Rat erteilenden Freunden. Er schwärmte in der übertriebensten Weise von künftiger Berühmtheit und künftigem Reichtum und bewies, sorglos genug, dass er so fest als irgend ein anderer Phantast an die ausschweifendsten Träume seiner Phantasie glaubte, dadurch, dass er heiratete und sich in großem Stil einrichtete, gestützt auf den glänzenden Erfolg, welchen er durch seinen »Jesuiten in der Familie« davongetragen hatte.

Er war seit einiger Zeit mit der Dame verlobt gewesen, die jetzt Madame Blyth geworden war. Sie war die jüngste von acht Schwestern, welche einen Teil der Familie eines armen Kupferstechers bildeten, die zwar arm an Geld, aber an prächtig tönenden Vornamen sehr reich waren. Madame Blyth hieß Lavinia-Ada, und dies war der bescheidenste Name unter den Schwestern. Valentins Verwandte widersetzten sich nachdrücklich dieser Partie, nicht bloß wegen der Armut der Braut, sondern aus einem andern und sehr ernstem Grunde, welcher sich durch die Ereignisse bald als nur zu. wohlbegründet herausstellte. Lavinia hatte als Kind lange und schmerzhaft an einer Rückenmarkskrankheit gelitten. Beständige Aufmerksamkeit und ein ärztlicher Beistand, wie ihn ihr Vater schaffen konnte, hatten, scheinbar erfolgreich die Krankheit bekämpft; das Mädchen wuchs hübscher als alle ihre Schwestern heran und anscheinend fast ebenso stark wie die gesündeste von ihnen. Als der alte Blyth jedoch hörte, dass sein Sohn jetzt gerade so entschlossen war, zu heiraten, als er es früher gewesen war, ein Maler zu werden, hielt er es für ratsam, gewisse Erkundigungen über die Konstitution der jungen Dame einzuziehen, und wandte sich mit der ihm eigenen Vorsicht in geheimer Unterredung an den Hausarzt der Familie. Das Resultat dieser Konferenz war durchaus nicht zufriedenstellend. Der Doktor hütete sich sorgfältig, sich irgendwie zu kompromittieren; er sagte, hoffentlich sei keine Gefahr für das Rückenmark mehr vorhanden, aber er könne nicht mit gutem Gewissen seine Meinung dahin abgeben, dass er davon vollkommen überzeugt sei. Nachdem der alte Herr Blyth seinem Sohne diese trostlosen Worte wiederholt hatte, fragte er ihn zartfühlend und bedächtig, aber gradheraus, ob er nach einem solchen Ausspruche des Arztes noch ehrlich glaube, seine eigene Glückseligkeit oder diejenige der jungen Dame in Betracht zu ziehen, wenn er sie überhaupt heirate?

Valentin wollte wie gewöhnlich zuerst nur ausschließlich die gute Seite der Frage betrachten und legte auf des Doktors Autorität wenig Gewicht. Da er aber von seinem Vater gedrängt wurde, die Sache ebensowohl von der schlechtesten als von der besten Seite zu betrachten, antwortete er entschlossen, dass er, was immer sich ereignen möge, entschlossen sei, sein Lavinia gegebenes Versprechen zu der Zeit, welche sie schon für ihre Hochzeit bestimmt, zu erfüllen.

»Lavinia und ich lieben einander zärtlich«, sagte Valentin mit zitternder Stimme, aber mit vollkommener Festigkeit in seinem Benehmen. »Ich hoffe zu Gott, dass das, was man zu befürchten scheint, niemals eintreffen wird, sollte es aber der Fall sein, so werde ich niemals bereuen, sie geheiratet zu haben; denn ich weiß, dass ich ebenso bereit bin, ihr Pfleger als ihr Gatte zu sein.« Was konnte der alte Blyth, was konnte irgend ein Mann von Gefühl und Ehre einer solchen Antwort entgegen setzen? Nichts. Die Heirat fand statt und Valentins Vater bemühte sich sehr, aber nicht ganz vergebens, künftigen Resultaten ganz so hoffnungsvoll wie Valentin selbst entgegen zu sehen.

Mehrere Monate lang erfüllte die Glückseligkeit des Malers und seiner Frau mehr als die glänzendsten Hoffnungen, welche sie als Brautpaar gehegt hatten. An des Doktors warnende Worte wurde kaum gedacht. Die Zeit der Tränen aber und des bittern Kummers, welche sie zu erwarten hatten, nahte unaufhaltsam, sogar zu der Zeit, wo sie noch leichtsinnig über alle ärztliche Autorität an dem häuslichen Herde des Malers scherzten. Lavinia erkältete sich. Die Erkältung ging in Rheumatismus, Fieber, dann in allgemeine Schwäche und endlich in nervöse Anfälle über - eine jede dieser Krankheiten waren wirklich nur so viele unerkannte Erscheinungen, unter welchen die schreckliche Rückenmarkskrankheit verräterisch und schleichend maskiert daherschritt.

Als die ersten positiven Symptome erschienen, benahm sich der alte Herr Blyth mit seiner ganzen gewöhnlichen Großmut gegen seinen Sohn. »Meine Börse ist die deinige, Valentin«, sagte er; »öffne sie. wenn du willst, und besorge für Lavinia, so lange noch eine Aussicht für sie ist, denselben ärztlichen Beistand und dieselben Arzneien, als wenn sie die größte Herzogin im Lande wäre.« Des alten Mannes liebevoller Rat wurde liebevoll befolgt. Die berühmtesten Ärzte in England erteilten Lavinia ihren Rath, jedoch so weit als die menschliche Wissenschaft die Ereignisse vorhersagen konnte, war es Mistress Blyth, nach der Meinung aller ihrer ärztlichen Ratgeber, bestimmt, für den Rest ihres Lebens nie wieder von dem Bette, worauf sie lag, aufzustehen, außer vielleicht einmal nach dem Sofa getragen, oder, wenn irgendeine günstige Krise eintrat, gelegentlich in einem Krankenstuhle umher gefahren zu werden.

Welch ein Schlag diese Nachricht für den Gatten und die Frau war, das erfuhr niemand; sie hielten es sogar selbst voreinander geheim. Frau Blyth gewann zuerst ihren Mut und ihre Ruhe wieder; sie bat es sich als eine besondere Gunst aus, dass Valentin da Trost suchen solle, wo sie wusste, dass er ihn früher oder später finden würde: indem er in seinem Atelier seine herkömmlichen Arbeiten wieder aufnehme, welche, seitdem ihre Krankheit wirklich erkannt worden war, eine Unterbrechung erlitten hatten.

Am ersten Tage, als er ihren Wünschen sich fügend wieder vor seinem Bilde saß - vor dem halb vollendeten Bilde, von dem er so viele Monate getrennt worden war - an jenem ersten Tage, als die freundliche Beschäftigung seines Lebens ihm plötzlich fremd vorkam, wenn er seinen Pinsel träge in die Farben tauchte und seine Tränen jedes Mal schnell auf die Palette fielen, so oft er auf sie hernieder blickte, wenn er versuchte, emsig wie gewöhnlich zu arbeiten, nur auf eine halbe Stunde, an einer einfachen Staffage im Bilde, und dennoch der Pinsel falsche Striche machte und die Farbentöne nicht harmonieren wollten und dieselben Worte immer wiederholt von seinen Lippen fielen: »O arme Lavinia, o arme, liebe Lavinia« - sogar dann war der Geist jener geliebten Kunst, welcher er immer so demütig und gläubig gedient hatte, getreu ihrem göttlichen Berufe und tröstete ihn und hielt ihn aufrecht im letzten bittersten Augenblicke, als er seine Palette verzweifelt niederlegte.

Während er noch sein Gesicht vor dem nämlichen Bilde verbarg, welches er und seine Frau einst harmlos und heimlich zusammen gerühmt hatten, in jenen glücklichen Tagen seines Entstehens, welche niemals zurückkehren sollten, belebte der Gedanke des Trostes plötzlich sein Herz wieder und zeigte ihm, wie er sein ganzes späteres Leben mit der unvergänglichen Schönheit eines reinen und edeln Zweckes schmücken könne. Von dieser Zeit an nahmen seine eiteln Träume von Ruhm und von reichen Leuten, welche sich untereinander um den Besitz seiner Bilder stritten, den zweiten Platz in seinem Herzen ein, und an ihrer Stelle entstand der neue Entschluss, dass er mit seinem eigenen Pinsel, ohne das Opfer zu beachten, welches er seinem Stolze und seinem Ehrgeize bringen musste, ganz allein die Mittel verdienen wollte, um seine kranke Frau mit allem Luxus und aller Eleganz zu umgeben, welche er mit seinem eigenen kleinen Vermögen nicht herbeizuschaffen im Stande war und welche er, von dem feinen ihm innewohnenden Zartgefühle zurückgehalten, von der Großmut seines Vaters nicht als Geschenk annehmen wollte. Dies war das tröstende Vorhaben, welches der Trübsal die Hälfte der Bitterkeit nahm und ihn und seine Kunst durch ein Band vereinigte, welches heiterer war als irgend ein anderes, das früher sie verbunden hatte. In der nämlichen Stunde, als er diesen Gedanken fasste, stand er ohne Bangen auf, um sein großes historisches Bild, von dem er einst so viel gehofft hatte, mit der Rückseite an die Wand zu stellen, und setzte sich nieder, um eine unbedeutende kleine Skizze eines Bauernhofes zu vollenden, die er sicher an einen befreundeten Kunsthändler verkaufen konnte. Die erste Wiederkehr der Glückseligkeit, welche ihn schon seit langer Zeit geflohen, empfand er an dem Abend jenes Tages, als er bei seiner Lavinia saß und, sein Vorhaben vom heutigen Morgen geheim haltend, seiner kranken Frau trotz ihrer Leiden ein Lächeln abgewann, als er sie fragte, wie sie ihr Zimmer möbliert zu haben wünschte, wenn sie die Gemahlin eines großen Lords statt der bloßen Frau des Herrn Valentin Blyth wäre?

Hierauf kam der glückliche Tag, wo das Geheimnis enthüllt wurde, und dann die angenehmen Jahre, wo die glänzendsten Träume von aristokratischem Luxus der Frau Blyth nach und nach durch die Anstrengungen ihres Mannes durch seine Knust verwirklicht wurden. Seiner Frau zuliebe wäre Valentin in die Gefahr geraten, die hohe Kunst und die klassische Landschaft aufzugeben, um billige Portraits, billige Kopien und billige Skizzen des Stilllebens zu malen. Aber Frau Blyth, bettlägerig wie sie war, fuhr fort, allen ihren alten Einfluss für das Atelier zu bewahren und wollte für ihr Zimmer nichts Neues verlangen oder annehmen, ausgenommen unter der Bedingung, dass ihr Gatte wenigstens jedes Jahr ein Bild der hohen Kunst malen sollte, um sein Talent und seinen Ruf in den Augen des Publikums zu behaupten. Auf diese Weise war Herrn Blyths Zeit ziemlich gleichmäßig in das Anfertigen von großen unverkäuflichen Bildern, welche in der Ausstellung immer nicht sehr weit von der Decke, und kleinerer verkäuflicher Bildchen, welche stets nicht weit vom Fußboden gehängt wurden, geteilt. Valentins Einkünfte, welche er durchschnittlich erzielte, reichten, obgleich sie keinen großen Ertrag abwarfen, vollkommen hin, sein Lieblingsvorhaben, wozu sie bis zum letzten Heller gewissenhaft zurückgelegt wurden, auszuführen. »Lavinias Gesellschaftszimmer« (dies war der Name, den Herr Blyth dem Schlafzimmer seiner Frau beilegte) sah wirklich so schön und glänzend aus als irgendein königliches Zimmer auf der Welt. Die seltensten Blumen, die schönsten kleinen Blumengärten unter Glas, Gläser mit Gold- und Silberfischen darin, ein prächtiger Käfig mit Vögeln, eine Aeolsharfe, die man im Sommer auf die Fensterpfosten setzen konnte, einige von Valentins besten Zeichnungen nach alten Meistern, zierlich eingerahmte Preisabdrücke von Kupferstichen, die von dem Vater der Frau Blyth angefertigt waren, Gardinen und Tapeten von der zartesten Farbe und dem zartesten Gewebe, Mosaiktische und köstlich geschnitzte Bücherschränke befanden sich unter den verschiedenen Luxusgegenständen und Zimmergerätschaften, die Herr Blyth im Laufe der Jahre durch seinen Fleiß für das Vergnügen seiner Frau anzuschaffen im Stande war. Niemand als er selbst wusste, was er bei der Arbeit geopfert hatte, um diese Dinge zu erwerben. Die herzlosen Leute, deren Portraits er gemalt und deren Unverschämtheit er geduldig ertragen hatte, die geizigen Händler, welche ihn wie einen gemeinen Trödler behandelt hatten, die feigen Geschäftsleute, welche ihren Stand entehrt hatten, indem sie auf gemeine Weise von seinem schlichten Wesen Vorteil zogen, -wie hart und grausam waren solche Insektennaturen dieser Welt mit diesem edeln Herren umgegangen, wie verächtlich hatten sie ihren kleinen Wespenstachel in jene große Seele getaucht, die sie niemals unterjochen konnten.

Nein, diese Seele konnte nicht bezwungen, nicht getrübt werden; alle kleinlichen Demütigungen wurden durch einen Blick auf Lavinias »Gesellschaftszimmer« vergessen!



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Viertes Kapitel - Der Maler und die Palette

Während wir sein vergangenes Leben betrachtet haben - jetzt seit vielen Jahren vergangen - ist Herr Blyth vom Kamin des Ateliers aufgestanden und im Begriff, sein Tagewerk zu beginnen.

Pfeifend geht er nach einem halb mit Wasser angefüllten Töpfchen, das in einer Ecke steht, und nimmt eine kleine Porzellanpalette herunter, welche, als ein die Vollendung der beiden großen Bilder, die auf den hohen und handfesten Staffeleien stehen, beförderndes Mittel abgeschmackt klein aussieht. Nachlässig hat er auf dieser Palette die ganze Farbe von gestern gelassen. Das Wasser hat jedoch ihr Hartwerden verhindert, und sie kann leicht mit dem Palettenmesser entfernt werden. Sich nach etwas Makulaturpapier umsehend, um das Gemisch von Schwefel und Syrupfarbe abzuwischen, die das erste Darüberstreichen mit seiner Messerklinge abgekratzt hat, richten sich Herrn Blyths Blicke zufällig zuerst auf den Malertisch und auf vier oder fünf Billetts, welche darauf umhergestreut liegen.

Diese, denkt er, werden ebenso gut dazu passen wie alles andere; er ergreift also die Billets, aber ehe er sie verbraucht, liest er ihren Inhalt zwei Mal durch, teils aus Vorsicht, teils aus einer zeitraubenden Gewohnheit, welche zerstreuten Menschen gewöhnlich eigentümlich ist. Drei von diesen Briefen sind zufällig in der nämlichen klecksigen Handschrift geschrieben. Keiner von ihnen ist sehr lang, und sie sind das Machwerk eines früheren Bekannten des Lesers, der sich in den letzten vierzehn Jahren in Größe und persönlicher Erscheinung ziemlich verändert hat. Hier der erste der Briefe:

»Lieber Blyth!

Es ist alles aus mit mir. Der Informator sagt: - Theater sind Häuser des Teufels, und ich muss um zehn Uhr zu Hause sein. Ich habe sicherlich niemals etwas Unrechtes in einem Theater getan, was vielleicht woanders nicht überall der Fall gewesen sein würde, es sei denn, dass Lachen über ein gutes Stück eine von den Nationalsünden ist, über welche er immer spricht; aber ich will mich hängen lassen, wenn ich es selbst meiner Mutter zu Gefallen noch länger aushalten kann.

Sie sind mein Freund. Ich werde Sie morgen besuchen, bleiben Sie also zu Hause. Wie gern möchte ich ein Künstler sein.

Immer der Ihrige

Z. Thorpe.«

Kopfschüttelnd und zugleich lächelnd beendigt Herr Blyth diesen Brief, gießt eine vollkommene Lache von schmutziger Farbe. und Terpentin über das Wort »Nationalsünden«, wirft das Papier ins Feuer und geht dann zu Nummer Zwei über.

»Lieber Blyth!

Ich konnte gestern nicht kommen wegen eines andern Skandals, über den meine Mutter natürlich weinte. Sie erinnern sich des frühern Skandals, als ich noch in der Schule war und mit Teddy Millichap Zigarren rauchte, wie mir mein Taschengeld entzogen wurde, ich meine neue silberne Uhr versetzte und fast relegiert wurde, weil es nicht für einen Gentleman sich ziemte.

Nun das ist fast wieder derselbe Skandal. Der Informator sagte, er hätte Tabaksrauch beim Morgengebet gerochen.

Mein Rock war daran schuld, den ich den Abend vorher auszulüften vergaß, er entdeckte es und sagte, er wolle mir nicht zu rauchen erlauben, weil es zur Verschwendung verleite, und ich sagte ihm, wie es auch wahr ist, dass Hunderte von Pastoren rauchten. Darüber war ein so fürchterlicher Skandal, ich möchte, Sie kämen zu uns und legten ein gutes Wort für mich ein, denn ich bin vollkommen elend und alle meine Zigarren sind mir abgenommen worden.

Ihr aufrichtiger

Z. Thorpe.«

»Ich werde mich wohl hüten, deinem griesgrämigen Vater zu nahe zu treten, Herr Zack«, sagt Valentin zu sich selbst, während er feuchten Lampenruß auf das schöne weiße Papier des zweiten Billetts aufträgt und es nachher ins Feuer wirft.

Zacks dritter Klagebrief versprach zuverlässig ernste häusliche Störungen für die regierende Macht in Baregrove-Square: -

»Lieber Blyth!

Ich bin von meinem Vater ausgescholten und von meiner Mutter geliebkost worden, und das Ende vom Liede ist, dass ich wenigstens für jetzt nachgegeben habe. Ich sagte zum Informator, dass ich ein Künstler zu werden wünschte, und dass Sie meinten, ich hätte einen guten Begriff vom Zeichnen und Augenmaß zum Treffen; aber ebenso gut hätte ich zu einer Ihrer Staffeleien sprechen können. Er sagte, die Malerkunst wäre eine gefährliche Beschäftigung« - (»und ich sage, es ist nicht wahr«, murmelte Blyth vor sich hin) - und verleite zu jeder Art von Verworfenheit, und dass Künstler im Allgemeinen ein sehr ausschweifendes Leben führen« (»das ist eine gemeine Lüge«, rief Herr Blyth, die Spitze seines Palettenmessers wütend durch das Billet stoßend), »ich leugnete dies alles natürlich gerade heraus« - (»Wohl getan, Zack!«) - »und wurde wegen meiner Behauptung fürchterlich ausgescholten« - (»das muss Dich nicht anfechten, Du sprachst die Wahrheit.«) - »Es endete, wie ich vorher sagte, mit Nachgeben meinerseits, meiner Mutter zur Liebe. Die Folgen sind nun, dass ich schon seit den letzten drei Wochen im Comptoir eines Teemaklers in der City bin. Der Informator (hier Vater) und seine Freunde sagen, es wäre ein guter Anfang für mich, und sprachen über die Ehrenhaftigkeit des Handelsstandes. Ich will nicht ehrenhaft sein und ich hasse den Handelsstand. Stellen Sie sich vor, wie ich im Teemagazin herumlaufen muss, auf Plätzen, wo es von schmutzigen Juden wimmelt, wie in Mary-Axe, um Proben einzuholen und sie in einem blauen Beutel herumzutragen, und dann ein jüngerer schmutziger Kommis, welcher Halbstiefeln trägt und seine Feder an seinem Haar abwischt, um mich zu lehren, wie man ein Paket zusammenlegt. Ist das nicht genug, einen Kerl wütend zu machen, wenn man nur daran denkt. Das kann und darf nicht so weiter gehen. Sein Sie morgen sicher zu Hause; ich komme, um mit Ihnen zu sprechen, wie ich es anfangen soll, ein Künstler zu werden. Der jüngere Kommis wird morgen früh alle Proben für mich einholen, und wenn ich nachmittags von Ihnen komme, wollen wir uns in einer Garküche treffen und dann nach dem Comptoir zurückgehen, als wenn nichts vorgefallen wäre. Fürchten Sie nicht, dass das entdeckt wird. Ich kann den kleinen Kommis mit der Dinte in seinen Haaren und mit seinen Halbstiefeln durch Beefsteaks und süßen Porter so bestechen, dass er verschwiegen ist wie das Grab.

Immer der Ihrige

Z. Thorpe jun.

P.S. Mein Entschluss ist gefasst, wenn es nicht mehr länger auszuhalten ist, so laufe ich davon.«

»O mein Gott!« sagt Valentin traurig, seine Palette mit einem Stückchen Lappen reinigend. »Es soll mich wundern, wie das noch enden wird. Der alte Thorpe ist gerade im rechten Zuge, Zack mit seiner hartnäckigen Strenge zur Verzweiflung zu treiben.«

»Er will morgen hierher kommen; er setzt nie ein Datum auf seine Billets, aber ich vermute, da dies gestern Abend kam, er meint heute. Ich weiß nicht, wie ich ihm am Besten raten soll; er ist ein sonderbarer flüchtiger Bursche; der Teufel hole das Vandyck-Braun, ich verlege immer gerade diese besondere Farbe.«

Da Herr Blyth das Vandyck-Braun nicht findet, sucht er die ihm zunächst nützliche Farbe und entschließt sich, ehe er an seinem Tagewerk weiter arbeitet, sich durch einen Blick auf eins seiner Bilder zu stärken. Er zieht den Überwurf von dem kleinsten der beiden weg und enthüllt eine klassische Landschaft.

Vor diesem Bilde, welches beinah vollendet ist, steht Herr Blyth in verzückter Betrachtung versunken, bald seinen Kopf ein wenig von der einen, bald von der andern Seite wendend, bald zurücktretend, um die allgemeine Wirkung aufzufassen, bald wieder vorgehend und jeden Teil einzeln betrachtend, so dass er zwei Finger auf andere Teile legt, um sie nacheinander getrennt zu beschauen, als ein schrillendes, ungeduldiges, Miauen an

der äußern Tür des Ateliers sich hören lässt, welches seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. »Gott segne mich!« sagt Valentin, »Snooks will herein! Sie hat erst gestern Abend geworfen, ich wundere mich, was meine Leute sagen werden, dass sie schon wieder in das Atelier kömmt. Mit diesen Worten öffnet Herr Blyth die Tür und eine kleine schwarze Katze mit weißen Zehen, einer melancholisch aussehenden weißen Schnauze und ein Junges darin tritt bedächtig herein, geht gerade auf das Kamin zu, legt ihr Junges auf die Decke, setzt sich daneben und fängt sogleich so laut als möglich zu schnurren an; darauf wälzt sich Mietzchen wollüstig auf ihrem Rücken, hebt ihre vier weißen Pfoten in die Luft und sieht träge und unverschämt mit halbgeöffneten, grünen Augen Herrn Blyth an. Jeder Bericht über den Haushalt dieses Herrn würde unvollständig sein, wenn er nicht die Katze einschlösse, sie war buchstäblich ein Stück von ihm. Sie lebte mit ihm, folgte ihm um das Haus herum wie ein Hund, verrichtete allerlei Streiche unter Herrn Blyths Leitung und stand in vollkommen freundschaftlichen Verhältnissen mit dem ganzen Kreise seiner Bekannten.

Sie war erst spöttisch von Herrn Thorpe Junior Snooks getauft worden, welcher Beiname aber sogleich von Herrn Blyth mit dem Bemerken angenommen wurde, dass er einen kurzen, gewöhnlichen englischen Namen für ein kleines, vertrauliches englisches Haustier besonders billige.

Als Valentin so ein oder zwei Minuten lang mit der Katze gespielt hatte, fing er wieder an, seine Palette fertig zu machen.

Nachdem er seine Vorbereitungen beendet und sie, kritisch den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt, überschaut hat, geht er zum Malkasten zurück und sucht wiederum unter den Farbentüten, als die Tür des Ateliers aufgeht und eine junge Dame eintritt.

Sie trägt einen sehr hübschen, einfachen Quäkeranzug; ihr Gewand ist von hellgrauer Farbe, vorn mit einer kleinen, niedlichen schwarzen Schürze bedeckt, welche sich um den Hals in einem gefalteten Kragen anschließt. Die Ärmel dieses Kleides sind ebenfalls eng anliegend und enden an den Handgelenken in komisch aussehenden Manschetten von altmodischen Spitzen als einzige kleine Zieraten ihres Anzugs. Man kann unmöglich beschreiben, wie köstlich sanft glänzend, frischrein und zart diese Dame ist, bloß als ein Gegenstand, auf den man hinblickt, im Kontrast mit der schmutzigen Unordnung des Ateliers, durch welches sie jetzt geht. Die schärfsten Beobachter, welche sie in ihrer jetzigen Erscheinung betrachten, würden in ihrem Gesichte oder in ihrer Gestalt, in ihrer Manier oder in ihrer Kleidung nichts entdecken, was im geringsten auf ein undurchdringliches Geheimnis oder auf ein unabänderliches Unglück schließen ließe. Und dennoch heften sich auf ihre Person forschende Blicke, so oft sie ausgeht; die Nachbarn zucken über ihr Dasein die Achseln, seufzen und betrachten sie mit kläglichen Blicken und so oft von ihrem Leben gesprochen wird, welches im Laufe der Unterhaltung beim Mittagsbrot und am Teetische in der neuen Vorstadt ziemlich oft der Fall ist, betrachten sie es als ein ganz trauriges. Gesellig können wir alle leicht in dieser Welt - wenigstens in dem gebildeten Teile derselben - als in zwei Klassen geteilt betrachtet werden. Wenn wir nicht die Leute sind, über welche andere sprechen, dann sind wir sicher die Leute, die über andere sprechen.

Die junge Dame, welche soeben in Herrn Blyths Atelier getreten war, gehörte zu der ersten Klasse von menschlichen Wesen.

Es war ihr Schicksal, von ihren Mitgeschöpfen beständig zum Gegenstande der Unterhaltung gemacht zu werden, sogar ihr Gesicht allein - bloß als Gesicht betrachtet - konnte einer beständigen Besprechung nicht entgehen, zumal unter Valentins Freunden, welche sie alle gut kannten und innig liebten! Aber merkwürdig genug, alle diese Freunde waren einer Meinung über sie, außer in einem Punkte, welchem ihrer Reize nämlich der größte Vorzug gegeben werden sollte, oder besonders den Anspruch von Bewunderung von allen Verehrern der Schönheit verdiente.

Während demnach der Eine ihrer Gesichtsfarbe, der Andere ihrem Munde, ein Dritter ihrem Haar und so weiter den Hauptvorzug gab, stimmten alle darin überein, dass das Gesicht der jungen Dame von allen, welches sie jemals gesehen hätten, der unsterblichen Madonna am ähnlichsten wäre, welche für immer die Idee der Schönheit mit dem Namen Raphael vereinigt hat. Die Ähnlichkeit fiel jedem im ersten Augenblicke schon, wo sie gesehen wurde, auf, sogar denjenigen, welche nur wenig mit Bildern vertraut waren. Im einzelnen genommen, hätte man an ihren Zügen leicht einen Mangel finden und sagen können, dass ihre Augen zu groß, ihr Mund zu klein, ihre Nase nicht griechisch genug wäre. Die allgemeine Wirkung ihres Gesichts aber, die Form ihres Kopfes, ihrer Züge und besonders ihr eigentümlicher Ausdruck erinnerte alle Beschauer sogleich und unwiderstehlich an das Bild der Sanftmut, der Reinheit und des weiblichen Edelsinns, welches auf immer von der raphaelischen Madonna auf so viele Andenken eingegraben ist. In Folge dieser außerordentlichen Ähnlichkeit war ihr eigentlicher englischer Name Marie gleich anfangs von Herrn und Madame Blyth und von allen intimen Freunden in Madonna abgeändert und italienisiert worden. Als sie jetzt in das Atelier trat, ging sie auf Valentin zu, legte sanft eine Hand auf seine Schulter und kam ihm so nahe, dass er sie auf die Stirn küssen konnte. Dann blickte sie auf die Palette, und als sie bemerkte, dass noch einige Farben darauf fehlten, fing sie sogleich an, dieselben im Malkasten zu suchen. Sie fand das vermisste Vandyck-Braun auf den ersten Blick und zeigte es Herrn Blyth mit einem hübschen, schlauen, forschenden und triumphierenden Blicke. Er nickte, lächelte und hielt ihr seine Palette hin, damit sie die Farbe selbst darauf lege. Nachdem sie dies sehr graziös vollbracht hatte, wandte sie sich zunächst zur Katze und ihrem Jungen, mit einem fröhlichen Blick des Erstaunens in ihren sanften, hellen Augen.

»Snooks" hatte ihre Lieblinge im Hause, und so oft sie die junge Dame berührte, drückte sie ihre außerordentliche Anhänglichkeit an die Madonna durch ein schnelles, langanhaltendes Schnurren aus, mit dem niemals ein anderes Mitglied der Familie begrüßt wurde.

Während der Maler und die junge Dame fleißig mit ihrer Arbeit im Atelier beschäftigt sind, hat man Muße. einen fast in Erstaunen setzenden charakteristischen Zug in ihrem Verkehr zu bemerken, wenigstens war dies an jenem besondern Wintermorgen der Fall.

Während der ganzen Zeit, seitdem die Madonna im Zimmer gewesen ist, hat sie nicht ein einziges Wort mit Valentin, und Valentin, der doch geläufig genug mit sich selbst sprechen kann, nicht ein einziges Wort mit ihr gesprochen.

Er sagte nicht »guten Morgen«, als er sie küsste, oder »ich danke Dir«, als sie das Vandyck-Braun fand, oder »wie gefällt Dir Snooks junges Kätzchen?« Und sie hat wirklich keine einzige Frage an ihn gerichtet, hat nicht einmal »armes Miezchen« gesagt, als sie die Katze auf der Decke liebkoste. Was mag dies absolute und merkwürdige Schweigen zwischen zwei Leuten bedeuten, welche sich so liebevoll und freundlich anblicken, so oft sich ihre Blicke begegnen?

Warum haben sie nicht ein einziges Mal zusammen gesprochen, seitdem sie die Tür des Ateliers öffnete?

Ist dies eins von den häuslichen Geheimnissen des Malers?

Wer ist die Madonna?

Wie ist ihr wirklicher Name außer Marie, heißt sie Marie Blyth?

Vor einigen Jahren hatte Valentin ein merkwürdiges Abenteuer in dem Zirkus einer reisenden Kunstreitergesellschaft, und es wurde ihm daselbst eine sehr sonderbare Geschichte von der Frau eines gewöhnlichen Gauklers oder Clowns erzählt.

Wer ist aber die Madonna? Und warum das absolute Stillschweigen zwischen ihr und Herrn Blyth?

Die Antwort auf diese Fragen kann man nur in dem Ereignis, in der Geschichte und in dem Resultate, welches sie herbeiführte, finden.



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Fünftes Kapitel - Das Abenteuer

Im Herbste 1838 hatte die Krankheit der Madame Blyth, ihre letzte und dauernde Form angenommen, von der sie nachher niemals wieder verschieden war. Sie litt jetzt wenig wirkliche Schmerzen, ausgenommen wenn sie die liegende Stellung verließ. Die allgemeine Schwäche und Desorganisation, welche durch ein fast ausschließliches Verbleiben in ein und derselben Lage hervorgebracht wurde, hatte sogar zu dieser frühen Periode angefangen, traurige Veränderungen in ihrer persönlichen Erscheinung herbeizuführen. Valentin tat niemals, als ob er bemerkte, dass eine Veränderung mit ihr vorgegangen sei; seine Güte war gerade so liebevoll, so freiwillig und so beharrlich, wie sie nur immer in den glücklichen Tagen ihrer Verheiratung gewesen war. Mit einer solchen Ermutigung besaß Lavinia den Heroismus, jede Last geduldig zu ertragen und war selbst im Stande, da Hilfsquellen der Glückseligkeit für sich zu finden, wo andere nichts als Ursachen des Kummers entdeckten.

Ihr Wohnzimmer war durch Valentins sich selbstverleugnenden Fleiß schon besser als irgend ein anderes Zimmer im Hause möbliert, aber es zeigte bei weitem noch nicht jenen erhöhten Luxus und vollkommenen Geschmack, welchen es in spätern Jahren darbot.

Der reizende kleine Bücherschrank von Ahornholz und Elfenbein mit den hübsch eingebundenen Büchern, welche mit so glänzenden Titeln auf den Rücken prangten, war zuverlässig schon im Jahre 1838 da, und dies wäre wohl sicherlich auch nicht der Fall gewesen, wenn Herr Blyth nicht einen guten Auftrag erhalten hätte, den er im Anfang auszuführen zögerte. Er hatte in der Tat diesen Bücherschrank in dem Magazine des Möbelhändlers betrachtet, aber er war fast resigniert, ihn als einen verbotenen Schatz zu betrachten, welchen zu erlangen seine Mittel durchaus nicht hinreichten, wäre er nicht einem Rufe, auf dem Lande zu malen, gefolgt, dem er in Anbetracht seiner Frau sehr ungern gehorchte.

Nach wiederholter Überlegung jedoch gab ihm der Gedanke seines künftigen Stolzes und Vergnügens, den kleinen, reizenden Bücherschrank in Laviniens Zimmer zu sehen, endlich einen Grund zur Abreise an die Hand, welcher sein Widerstreben, sich auf eine kurze Zeit von seiner kranken Frau zu trennen, besiegte. Nachdem er einmal zu diesem Entschlusse gekommen war, schrieb er sogleich zwei Billets, das eine, um den neuen Bücherschrank zu bestellen, das andere, um sich durch die Annahme seiner Einladung auf das Land die Mittel zur Bezahlung desselben zu sichern.

Diese Einladung hatte er von einem geistlichen Freunde, dem hochwürdigen Doktor Joyce, Rektor von St. Judy in der großen ackerbautreibenden Stadt Rubbleford erhalten. Valentin hatte eins von des Doktors kleinen Kindern, als dieser mit seiner Familie in London war, in Wasserfarben gezeichnet, und diese Zeichnung wurde von dem Geistlichen bei seiner Rückkehr allen Nachbarn gezeigt. Obgleich nun Herr Blyth in der Anfertigung von den Portraits Erwachsener nicht sehr glücklich war, so gelangen ihm dennoch diejenigen von kleinen Kindern stets vortrefflich. Er malte sie mit den offensten Augen, den vollsten roten Wangen, dem heitersten, gutmütigsten Lächeln und mit den reinsten, weißesten Mützen, die jemals auf dem Papiere gesehen wurden. Wenn Väter oder deren männliche Freunde selten die Treue seiner Ähnlichkeiten würdigten, so erstatteten ihm Mütter und Kindermädchen beständig Ersatz für ihren Mangel an Geschmack. Das schöne Geschlecht belobte einstimmig die Valentinschen Kinderportraits und sobald sie dieselben sahen, riefen sie mit ausgelassener Freude aus, dass in der Darstellung der hübschen, lieben kindlichen Unschuld noch niemals ein Maler gelebt habe, der mit Herrn Blyth verglichen werden könne.

Hieraus folgte natürlich von selbst, dass die Ausstellungen von des Doktors Zeichnung an Ort und Stelle selbst Valentin viele Aufträge zur Anfertigung von Kinderportraits verschaffen musste. Drei dort wohnende Familien entschlossen sich sogleich., die Portraits ihrer Kinder von Valentin anfertigen zu lassen, wenn sich der Maler nur zu diesem Zwecke zu ihnen begeben wollte. Ein alter unverheirateter Gutsbesitzer stellte ihm ebenfalls einen Auftrag anderer Art in Aussicht. Dieser Herr kam durch eine Logik, zu deren Enthüllung wir keine Hoffnung haben, zu dem Schlusse, dass ein Mann, welcher vortrefflich Kinder malte, auch notwendigerweise ein ausgezeichneter Pferdemaler sein müsste, und entschied sich daher, dass Valentin seine berühmte Mutterstute malen sollte.

Als Doktor Joyce seinem Freunde diese Aufträge mitteilte, fügte er auch selbst einen hinzu, indem er Herrn Blyth ersuchte, dass er ihm das Bild seines Lieblingsvikars malen möchte, welcher, obgleich sehr schwach und schwindsüchtig, im Begriff war, sich einer Mission nach dem Kap anzuschließen, und den er in diesem Leben nicht wiederzusehen befürchtete.

Hier gab es also fünf Aufträge, welche, obgleich Valentin billig arbeitete, genug einbringen würden, um nicht nur den neuen Bücherschrank, sondern auch einige neue Bücher dafür bezahlen zu können.

Nachdem er seine Frau der Sorgfalt zweier von ihren Schwestern anvertraut hatte, welche die strenge Weisung empfingen, das Haus nicht vor seiner Rückkehr zu verlassen, reiste Herr Blyth sogleich zum Rektor, und einmal dort fing er an, die Kinder mit so vielem Eifer und so vieler Heiterkeit zu malen, dass er sogleich die Herzen der Mütter und Kindermuhmen gewann und in wenigen Tagen eine große Berühmtheit in Rubbleford erlangte. Als er nun die Kinder zur Bewunderung aller gemalt hatte, nahm er den Vikar in Angriff und schuf eine betrübende Ähnlichkeit des unglücklichen Mannes. Sobald diese letzte Arbeit vollkommen beendet war, ging Valentin an seine noch übrige, aber schwierigste Arbeit, die Mutterstute des unverheirateten Gutsherrn unsterblich zu machen.

Hier hatte er vielen Verdruss. Der jagdliebende Herr sah ihm beim Malen zu und sprach zu seinem Schrecken mit ihm vom Stammbaum des Pferdes; er wollte das Tier in einer höchst unmalerischen Manier dargestellt haben, ohne Zulassung von Farbenton, Luft und Schatten oder irgend einer besonderen künstlerischen Verschönerung. Kurz und gut, der Gutsherr wollte ein Schild und kein Bild, und erhielt zuletzt, was er verlangte, nach seiner Herzenslust.

Als Valentin eines Abends von dem Hause des Gutsherrn nach der Wohnung des Rektors zurückkehrte, wurde in der Hauptstraße von Rubbleford plötzlich seine Aufmerksamkeit durch einen an eine verfallene Mauer geklebten Anschlagzettel erregt.

Er trat sogleich zu dem Haufen Bauern, welche sich um den vielfarbigen und prächtigen Papierbogen versammelt hatten, und las am obersten Ende desselben in ungeheuer großen blauen Buchstaben: »Jubbers Zirkus, das achte Wunder der Welt.« Dann kam etwas kleine Schrift, welche niemand zu lesen unterließ. Unter dieser kleinen Schrift aber erschien eine vollkommene Milchstraße von geschnörkelten purpurroten Buchstaben, welche aller Augen fesselten, und benachrichtigte das Publikum, dass zur Kunstreitergesellschaft gehöre: »Fräulein Florinda Belverley, bekannt, wo die englische Sprache nur immer gesprochen wird, als die amazonische Kaiserin des Reiches der Kunstreiterei.« Dieser Anzeige folgten die Namen von unbedeutenderen Mitgliedern der Gesellschaft, ein Programm der heutigen Vorstellung, Zeugnisse aus den Provinzialzeitungen, bildliche Darstellungen von Herren mit dicken Waden und beflitterten Trikots und von Damen mit lächelnden Gesichtern, aufgeschürften Unterröcken und Pirouetten schlagenden Beinen. Alles dies wurde sorgfältig von Herrn Blyths Nachbarn angestaunt; aber er selbst ließ es unbeachtet. Sein Auge hatte am Fuße des Anschlagzettels etwas bemerkt, das sogleich seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

An dieser Stelle erschienen die roten Buchstaben wieder und bildeten die folgenden Worte und Zeichen der Bewunderung:

Der geheimnisvolle Findling!

zehn Jahr alt!

gänzlich taubstumm!

Darunter kam eine Erklärung dessen, worauf sich die roten Buchstaben bezogen, was nicht weniger als drei Paragraphen von dicker kleiner Schrift ausmachte, deren Worte Valentin gierig verschlang. Sie lauteten:

»Herr Jubber, Eigentümer des berühmten Circus, hat die Ehre, den hohen und niedern Adel und das geehrte Publikum zu benachrichtigen, dass das oben erwähnte taubstumme Wunderkind zwischen dem ersten und zweiten Teile der Abendvorstellungen erscheinen wird. Herr J. hat sich die Freiheit genommen, dieses Wunder der Natur den geheimnisvollen Findling zu nennen, da niemand seinen Vater kennt und seine Mutter bald nach seiner Geburt starb, ihn der Sorgfalt der Kunstreitergesellschaft überlassend, die bei ihm von dieser Zeit an die Stelle von liebevollen Eltern und Vormündern vertreten hat.

Dieses wunderbare Mädchen wurde in den frühern Annalen des Jubberschen Zirkus ursprünglich als das achte Wunder der Welt oder als das Kind der Windsbraut der Wüste dargestellt. In diesem Charakter erschien sie in ihrem siebenten Jahr, in die Luft gehalten von der Hand des Muley Ben Hassan, des berühmten Teufelsreiters der Sahara, in seinem kühnsten Wagnis der Reitkunst, wie es zum Schrecken und Erstaunen von ganz England in Jubbers Zirkus ausgeführt wurde. Zu jener Zeit konnte sie vollständig hören und sprechen; aber Herr J. bedauert schmerzlich, mitteilen zu müssen, dass sie bald nachher von einem schrecklichen Unfalle heimgesucht wurde. Nicht durch die Schuld des Teufelsreiters, der sich niemals in seinem Leben irrte, und der seinen Gefühlen bei dem Resultate des obenerwähnten schrecklichen Unfalls erliegend, mürrisch und mit gebrochenem Herzen nach seinem wilden Vaterlande zurückgekehrt ist, entglitt sie seiner Hand, während der feurige, aber menschlich fühlende Araber drei galoppierende Pferde bestiegen hatte, und fiel, - es ist schrecklich zu erzählen - außerhalb der Barriere, auf den mit Brettern belegten Fußboden des Zirkus. Man hielt sie für tot. Herr Jubber schickte sogleich nach dem Arzte, derselbe fand sie jedoch noch am Leben und schiente nur ihren Arm, der gebrochen war! Man entdeckte erst nachher, dass sie das Gehör gänzlich verloren hatte. Unter diesen traurigen Umständen fand man auch bald, dass ihr die Fähigkeit zum Sprechen gänzlich fehlte, und sie ist daher jetzt gänzlich taubstumm; aber Herr Jubber freut sich sagen zu können, dass sie trotzdem ganz heiter und gesund ist.

Da Herr Jubber selbst der Vater einer Familie ist, so wagt er zu hoffen, dass diese kleinen Details bei einem intelligenten, mitfühlenden und wohlwollenden Publikum einige Teilnahme erregen werden. Zum Schlusse will er nur noch einfach bemerken, dass die Darstellungen des geheimnisvollen Findlings eine bis jetzt noch unerreichte Vollkommenheit in der Taschenspielerkunst, in den unergründlichsten Kartenkunststücken, welche ursprünglich das Resultat der verwickeltsten Berechnungen des berühmten arabischen Mathematikers Muhamed Engedi waren, erreicht haben. Mehr als dies will Herr Jubber nicht zu erzählen wagen: denn sehen ist glauben, und um es zu glauben, muss man den geheimnisvollen Findling sehen. Die Preise stehen am Fuße des Zettels.«

Herr Blyth las diese komische schreckliche Erzählung mit Gefühlen, welche für den Geschmack, das Zartgefühl und die Menschlichkeit des geschwätzigen Herrn Jubber durchaus nicht lobend ausfielen. Er sah nach den Preisen, dann oben nach dem Zettel und bemerkte, dass die erste Vorstellung am nämlichen Abend stattfinden sollte, blickte dann zerstreut um sich und entschloss sich, derselben beizuwohnen.

Er ging daher zuerst nach der Wohnung des Rektors, um eine Tasse Tee zu trinken und zu sagen, wohin. er sich begebe; dann eilte er nach dem Zirkus, einem hölzernen Gebäude auf einem Felde außerhalb der Stadt.

Als er eintrat, hatte die Vorstellung schon seit einiger Zeit begonnen. Die amazonische Kaiserin, Fräulein Florinda Belverley, tanzte auf dem Rücken eines leicht galoppierenden scheckigen Pferdes. Immer im Kreise herum galoppierte die Kaiserin in ihrem eigenen unbestrittenen Reiche der Reitkunst, auf dem Sattel mit ihren kaiserlichen Beinen nach einer bekannten Melodie, welche von dem Orchester mit wahrer Dilettantenkünstlerschaft gespielt wurde, den Takt schlagend. Plötzlich ging die Melodie in eine andere über, das scheckige Pferd ging schneller, die Kaiserin erhob in der einen Hand eine Fahne, in der andern einen Wurfspieß und fing an, unsichtbare Feinde im vollen Galopp in der leeren Luft zu erschlagen. Der Triumph war wunderbar, der Beifall ungeheuer; Herr Blyth allein saß unbewegt da. Fraäulein Florinda Belverley war nach dem Urteile dieses antiamazouischen Malers nicht einmal ein gutes Modell, um Beine danach zu zeichnen.

Als nun die Kaiserin von einem spanischen Guerilla, welcher auf dem Rücken eines weißen Pferdes raubte, mordete, zechte, tanzte und sich verliebt stellte, abgelöst wurde und diesem wiederum ein Clown folgte, welcher die schrecklichsten Verzerrungen und unwiderstehlich komisches Gesichterschneiden ausführte, gab Herr Blyth dennoch nicht das geringste Vergnügen oder Erstaunen kund. Nur erst als zwischen dem ersten und zweiten Teile der Vorstellung eine Glocke ertönte und das Orchester anfing »edle Zitella« auszuspielen, zeigte er einige Symptome von Lebhaftigkeit. Dann stand er plötzlich auf und ging von seinem Sitze nach einer Bank, welche sich dicht an der niedrigen Wand befand und die Barriere von dem Zuschauer trennte, richtete seine Augen aufmerksam auf einen Torweg ihm gegenüber, über welchen eine schlechte rote Gardine mit einem Brokatrande hing.

Aus diesem Torwege trat nun Herr Jubber selbst heraus, angetan mit weißen Beinkleidern und goldenen Streifen und einer grünen Jacke mit Epaulettes; er hatte aufgedunsene freche Augen, einen gefärbten Schnurrbart, große, fette, schlaffe Wangen, langes Haar, in der Mitte geteilt, einen umgelegten Hemdenkragen mit einem rosenfarbenen Halstuche und war in jeder Hinsicht der am abschreckendsten aussehende Schauspielervagabund, der jemals sein unverschämtes und hässliches Gesicht schmückte. Er führte mit sich, es an der Hand haltend - o entehrende und schändliche Berührung - das kleine taubstumme Mädchen, dessen Missgeschick er der ganzen Bevölkerung von Rubbleford mitgeteilt hatte. Das Gesicht und die Manier des Kindes, als sie in das Zentrum des Zirkus trat, ihre harmlosen Verbeugungen machte und dem Publikum ein Kusshändchen zuwarf, nahm sogleich das Herz sämtlicher Zuschauer gefangen. Sie begrüßten sie mit einem so übermäßigen Beifall, dass eine erwachsene Schauspielerin davor zurückgeschreckt worden wäre. Kein Ton dieser freudigen Stimmen, nicht der geringste Widerhall von diesen laut klatschenden Händen konnte sie erreichen; sie konnte sehen, dass man sie freundlich bewillkommte, und das war alles!

Als der Beifall nachgelassen hatte, ersuchte Herr Jubber eine der gegenwärtigen Damen um ein Taschentuch und verband prahlerisch die Augen der Taubstummen; er hob sie dann auf die breite niedrige Mauer, welche die Barriere umgab, und ging ein wenig darauf mit ihr herum, indem er die Zuschauer einlud, durch Zusammenschlagen ihrer Hände, durch lautes Schreien oder durch irgend ein beliebiges lautes Geräusch dicht am Ohr des armen Kindes ihre gänzliche Taubheit zu erproben.

Darauf begann die Ausführung der Zauberkunststücke, bei denen sie von Herrn Jubber und einem Milgliede der Gesellschaft auf jeder Seite unterstützt wurde. Diese Kunststücke waren an sich selbst von der einfachsten und gewöhnlichsten Art und erlangten ihre Anziehungskraft nur durch die unschuldig ernste Manier, womit sie das Kind ausführte, und dadurch, dass sich die Zuhörer nur mit ihm unterhalten konnten, wenn sie das, was sie ihr mitteilen wollten, auf eine Schiefertafel schrieben. Sie wurden niemals müde, Fragen aufzuschreiben, »armes kleines Wesen!« zu sagen und sie zu küssen, so oft sich eine Gelegenheit dazu darbot, während sie um den Zirkus herumging. »Liebes, liebes taubstummes Kind« war das allgemeine Gemurmel des Mitgefühls, womit sie jede neue Gruppe begrüßte, als sie vorwärtsschritt, und Herr Jubber verfehlte nicht, stets mit einem Lächeln hinzuzufügen: »Und wie Sie sehen, meine Damen und Herrn! Trotzdem erfreut sie sich einer ausgezeichneten Gesundheit und Laune, und ich gebe ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, sie ist so frisch und mutig wie der Beste von uns!«

Während sie so die Zuschauer auf der einen Seite des Zirkus ergötzte, was fingen wohl die Zuschauer auf der andern Seite zu ihrer Unterhaltung an, deren Plätze sie noch nicht erreicht hatte?

Von dem ersten Augenblicke an, wo das Kind auftrat, wurde ihnen durch das Benehmen eines großen, starken und muntern Fremdlings, der, sobald er das taubstumme Kind erblickte, plötzlich seine Sinne zu verlieren schien, hinreichende Unterhaltung gewährt. Dieser Herr sprang wohl ein Dutzend Mal in einer Minute aufgeregt auf und setzte sich ebenso oft wieder nieder. Sobald er zur Ordnung gerufen wurde, bat er um Entschuldigung und einen Augenblick nachher veranlasste er dieselbe Störung wieder. Unsinnige und geheimnisvolle Worte, die niemals vorher in Rubbleford gehört wurden, fielen von seinen Lippen. »Andächtige Schönheit«, erste italienische Kunst, »Fra ngelicos Engel,« »Giatta und die cherubin«, genug um den göttlichen Raphael herniederzubringen, um sie zu malen. Dies waren einige Bruchstücke von den unzusammenhängenden Äußerungen des tollen Herrn, welche zu den Ohren der Nachbarn gelangten.

Langsam, langsam glitt die kleine leichte Gestalt um die breite Mauer des Zirkus herum, bis sie immer näher und näher zu dem Platze kam, wo Valentin saß. O erbarmungsvoller Anblick! So lieblich und dennoch so mitleiderregend anzuschauen, soll sie niemals, niemals wieder freundliche Menschenstimmen, den Gesang der Vögel, das liebliche Murmeln der Bäume hören? Sind alle diese süßen Töne, welche der Kindheit von Glückseligkeit singen, auf immer unhörbar für sie?

Sollen ihren frischen Lippen niemals heitere Worte entströmen, wenn sie im Sonnenschein umherläuft und spielt? Soll das junge zarte Leben als ein sprachloses Wesen auf immer stumm von der freien Welt der Stimmen abgeschlossen sein? O Engel des Gerichts! Hast Du diesem kleinen Kinde sein Gehör und seine Sprache entrissen, um es in hilfloser Betrübnis einer solchen Entweihung preiszugeben, wie es jetzt erleidet?

Langsam, langsam glitt die leichte Gestalt durch den großen Kreis von Zuschauern, gehorsam zu ihrem Vergnügen beitragend, geduldig wartend, bis ihre Neugier befriedigt war. Nun war ihre mühsame Pilgerschaft für den heutigen Abend bald vorüber. Sie gelangte jetzt zu der letzten Gruppe von Zuschauern, welche noch sehen sollten, wie sie in der Nähe aussah und was sie für Kunststücke mit ihren Karten ausführen konnte.

Sie blieb gerade vor Valentin stehen, und als sie aufsah, sah sie nach ihm allein hin.

War irgendetwas in dem leidenschaftlichen Mitgefühl seiner Augen, als sie den ihrigen begegneten, welche mit dem kleinen verlassenen Herzen in der einzigen Sprache redeten, welche es jemals erreichen konnte? Konnte das Kind mit jenem schnellen Instinkt der Taubstummen sein Mitgefühl, seine schnelle ungestüme Gereiztheit, sein Mitleid und sein Verlangen, ihm zu helfen, in jenem Augenblicke in seinem Ausdruck lesen? Es könnte wohl so sein. Ihre hübschen rosigen Lippen lächelten ihm zu, wie sie noch niemandem an jenem Abend zugelächelt hatten; und als sie einige Karten zeigte, um sie auszuwählen, ließ sie die gierigen Hände, welche sich auf jeder Seite von ihr ausstreckten, unbeachtet und überreichte sie Valentin allein.

Er sah, wie die kleinen Finger, als sie die Karten hielten, zitterten; er sah die zarten kleinen Schultern und den armen kleinen Nacken und die zarte Brust herausgeputzt mit flitterhaften falschen Juwelen und Spangen; er sah das unschuldige junge Gesicht, dessen reine Schönheit kein Schmutz der Theaterschminke entstellen konnte, mit dem Lächeln noch auf den geöffneten Lippen, aber mit einer geduldigen Hilfslosigkeit in den traurigen blauen Augen, wie wenn das ihr übrig gebliebene Gesichtsorgan immer über das verlorne Gehör und die verlorne Sprache trauerten - er bemerkte alle diese Dinge in einem Augenblick und fühlte sein Herz erbeben, als er sie ansah. Ein Schleier legte sich über sein Gesicht, ein erstickendes Gefühl erdrückte seinen Atem, die Lichter im Zirkus tanzten auf und nieder vor ihm, er beugte sich über des Kindes Hand, nahm es in die seinigen und küsste es zweimal feurig; dann stand er zum größten Erstaunen der ihn umgebenden Menge plötzlich auf und etwas über einen kläglichen Anblick murmelnd, der zu herzzerreißend wäre, um ihn zu ertragen, lief er so schnell aus dem Zirkus, als wenn sein Leben in Gefahr gewesen wäre.

Es entstand eine augenblickliche Verwirrung unter den Zuschauern.

Herr Jubber war ein zu alter Kunstverständiger in allen Theaterangelegenheiten, um nicht zu wissen, wie er diesem wachsenden Tumulte sogleich Einhalt tun und ihn in allgemeinen Beifall verwandeln könnte.

»Meine Herren nnd Damen!« rief er mit einem leichten Zittern in seiner Stimme, »ich bitte Sie, sich wieder zu

setzen und die Aufführung des Herrn zu entschuldigen, der sich soeben entfernt hat. Der geheimnisvolle Findling hat in jeder Stadt Englands auf einige Leute diese Wirkung hervorgebracht.« (Freudengeschrei) »Irre ich mich, wenn ich glaube, dass die Rubbleforder Zuhörer die Güte haben werden, ihre schwächeren Mitmenschen zu entschuldigen?« (Bravo und Freudengeschrei) »Dank, tausend Dank, im Namen dieses lieben talentvollen Kindes für ihren herzlichen, großmächtigen, liebevollen und unschätzbaren Empfang seiner heutigen Leistungen. Nach dieser Rede verließ Herr Jubber mit seiner Schülerin den Zirkus und bemerkte nicht, dass das Kind, als es hinter ihm herging, bis zuletzt gedankenvoll nach der Richtung hinblickte, in der Valentin fortgegangen war.

»Das Publikum liebt die Aufregung«, sprach Herr Jubber vor sich hin, als er hinter der roten Gardine verschwand. »Das muss morgen alles auf dem Zettel stehen. Wir werden dadurch sicher dreißig Schilling mehr einnehmen.«

Unterdessen fand Valentin, nachdem er an mehreren unrechten Türen herumgetappt hatte, zuletzt seinen Weg aus dem Zirkus und stand nun allein auf dem feuchten Grase in dem wolkenlosen Herbstmondlicht.

Er schlug mit seinem Stock heftig auf den Boden, welcher bei ihm in diesem Augenblicke den Kopf des Herrn Jubber vorstellte. Noch vor sich bin murmelnd, war er jedoch schon im Begriff, nach der Rektorwohnung zurückzukehren, als er eine atemlose Stimme hinter sich hörte, welche ausrief: »Warten Sie, mein Herr, bitte, eine Minute.«

Er drehte sich nm. Eine dicke stattliche Frau in einem flitterigen und zerrissenen Kleide lief so schnell, als es ihre natürlichen Hindernisse einer schnellen Fortbewegung gestatten wollten, auf ihn zu.

»Bitte, mein Herr«, rief sie aus. »Waren Sie es nicht, der sich so außerordentlich benahm, als er unsern kleinen Findling sah? Ich blickte gerade in diesem Augenblicke durch die rote Gardine.«

Statt diese Frage zu beantworten, fing Valentin sogleich an, in unzusammenhängender Rede über das Gesicht des Kindes zu sprechen.

»O mein Herr, wenn Sie irgendetwas über das Kind wissen«, unterbrach ihn das Weib, »so tragen Sie um des Himmels Willen kein Bedenken, es mir zu sagen! Ich bin nur Frau Peckover, mein Herr, die Frau des Jenny Peckover, des Clown, wie sie ihn nennen, und den sie heute Abend im Zirkus sahen. Ich nahm mich des kleinen Wesens auf ihrer Mutter eignen Wunsch an und pflegte es; und von dieser Zeit an -«

»Meine liebe gute Seele«, sagte Herr Blyth, »ich weiß nichts von dem armen kleinen Geschöpfe. Ich wünsche nur aus der Tiefe meines Herzens, dass ich etwas tun könnte, um ihm zu helfen und es glücklich zu machen. Wenn Lavinia und ich ein solches Engelskind wie dieses gehabt hätten«, fuhr Valentin fort, eifrig seine Hände zusammenschlagend, »taubstumm wie es ist, wir würden an jedem Tage unseres Lebens Gott dafür gedankt haben!« Frau Peckover war augenscheinlich nicht sehr gewöhnt, solche Gefühle wie diese von Fremden zu hören. Sie starrte Herrn Blyth an, während zwei dicke Tränen über ihre plumpen Wangen niederflossen.

»Frau Peckover, holla, Peck! Wo sind Sie!?« brüllte eine rauhe Stimme, welche aus dem Stalle des Zirkus hervorkam, gerade als des Clowns Frau im Begriff war, wieder zu sprechen.

Frau Peckover erschrak, verbeugte sich und ging, ohne ein Wort weiter zu sprechen, sogar schneller als sie gekommen war, wieder zurück. Valentin sah ihr aufmerksam nach, machte aber keinen Versuch, ihr zu folgen; er dachte zu sehr an das Kind, um dies zu tun. Als er wieder weiter ging, geschah es nur, um nach der Rektorwohnung zurückzukehren.

Er begab sich sogleich in die Bibliothek, wo Dr. Joyce den »Rubbleforder Mercur« las, während Frau Joyce ihm gegenüber saß und eine bunte Jacke für ihr vorletztes Kind strickte. Er hatte kaum die Tür erreicht, als er sogleich anfing, sich in teilnehmendster Weise über das schöne taubstumme Mädchen zu ergehen.

Er verdrehte dem Doktor den Kopf, Frau Joyce musste aufhören an ihrer bunten Jacke zu arbeiten, als er des Kindes Lob sang und sein Gesicht mit jedem Engelsgesicht verglich, welches jemals gemalt worden war. Als er zuletzt seine Zuhörer und sich selbst erschöpft hatte, stürzte er hastig aus dem Zimmer, um seine Aufregung durch einen Spaziergang bei Mondschein in des Rektors Garten abzukühlen.

»Was für ein sonderbarer Mann er ist!« sagte Frau Joyce.

»Mein lieber Valentin ist das beste Geschöpf auf der Welt«, erwiderte der Doktor, »nur, wie ich oft zu seinem Vater zu sagen pflegte, der es mir niemals glauben wollte, nur ein wenig verdreht. Ich habe ihn schon früher sich so bei Kindern benehmen sehen, obgleich ich gestehen muss, vielleicht nicht ganz so närrisch, als er jetzt eben gesprochen hat.«

»Denkst Du, dass er irgendetwas Unkluges mit dem Kinde vornehmen wird? Das arme Ding! Ich bedaure es so herzlich wie nur irgendjemand.«

»Ich wage dies nicht zu denken!« antwortete der Doktor, »Valentin ist einer von jenen Leuten, welche jeder Vermutung Trotz bieten. Niemand kann sagen, was er tun oder nicht tun will. Er ist mit einem Worte ein Mann, dessen Handlungen man nicht ergründen kann.«

Hier öffnete sich die Tür und Valentins Kopf wurde sichtbar.

»Doktor«, sagte er, »darf ich die ausgezeichnete Frau bitten, mit der ich Bekanntschaft gemacht habe, das Kind morgen früh hierher zu bringen, damit Sie und Frau Joyce es sehen können?«

»Sicherlich«, sagte der gutmütige Rektor lachend. »Das Kind auf alle Fälle und die ausgezeichnete Frau dazu.«

»Aber nicht, wenn es Fräulein Florinda Belverley ist!« wandte Frau Joyce streng ein, welche den Zirkuszettel gesehen hatte.

»Meine liebe Frau, es ist nicht Florinda«, sagte Valentin leidenschaftlich. »Deren Beine sind nicht einmal zum Zeichnen geeignet.«

»Herr Blyth!« rief Frau Joyce erzürnt über sein künstlerisches Urteil.

»Warum sagen Sie uns nicht sogleich, wer die ausgezeichnete Frau ist?« fragte der Rektor, außerordentlich über die Anspielung erfreut, welche bei seiner Frau so viel Abscheu erregt hatte.

»Sie heißt Peckover«, sagte Valentin, »sie ist eine achtbare, verheiratete Frau, reitet auch nicht mit im Zirkus herum und hat das arme Kind nach dem eigenen Wunsch ihrer Mutter gepflegt.«

»Wir werden entzückt sein, es morgen zu sehen«, sagte der Doktor, der ein warmes Herz für die leidende Menschheit hatte, »oder nein, warte! Nicht morgen! Übermorgen! Kuchen und Schokolade um zwölf Uhr - wie, meine Liebe?«

»Das ist recht! Gott segne sie«, rief Valentin aus, »ich will Frau Peckover aufsuchen und es ihr wissen lassen.«

»Ich will morgen das Pferdeportrait fertig machen und des Abends wieder nach dem Zirkus gehen.« Mit diesen Worten verschwand er.

»Verdreht! verdreht!« rief der Doktor. »Lieber alter Valentin!«

»Ich fürchte, seine Grundsätze sind sehr locker«, sagte Frau Joyce, deren Gedanken noch immer bei der unglücklichen Anspielung von Florindens Beinen verweilten.

Als Herr Blyth sich am nächsten Morgen in den Ställen zeigte und an dem Portrait der Mutterstute zu arbeiten fortfuhr, zerbrach er sich nicht länger den Kopf, wie er Licht und Schatten verteilen oder den Hintergrund im Tone dunkel halten sollte. Seine Gedanken waren alle bei dem taubstummen Kinde und Frau Peckover; er kleckste unbekümmert weiter, gerade wie es ihm geheißen wurde, ohne jemals ein Wort des Widerspruchs zu äußern. Als es Abend wurde, hatte er seine Arbeit vollendet. Der Gutsherr sagte, es wäre eins der besten Pferdeportraits, das jemals angefertigt sei.

Nachdem Valentin von Rubbleford zurückgekehrt war, ging er sogleich nach dem Zirkus und setzte sich, soweit es ihm möglich war, gerade wieder dahin, wo er am vorigen Abend gesessen hatte.

Das Kind wurde wiederum von allen Zuschauern applaudiert und vollbrachte seine Leistungen wiederum verständig und anmutig, bis es sich dem Platze nahte, auf dem sich Valentin befand. Es erschrak, als es sein Gesicht wiedererkannte und ging einen Schritt vorwärts, um näher an ihn heranzukommen; aber Herr Jubber, welcher sah, dass die Leute in dem vordern Raume ihre Hände in die Höhe hielten, um es auf die Schiefertafel schreiben und Karten herumgeben zusehen, hielt es sogleich fest. Des Kindes Aufmerksamkeit schien durch den Anblick des Fremden, welcher seine Hand am letzten Abend so feurig geküsst hatte, gestört zu sein; es fing an, verwirrt auszusehen, wollte anfangen zu weinen und beging einen großen und handgreiflichen Fehler bei dem .ersten Kunststücke, das es ausführte.

Die gutmütigen Zuschauer lachten und einige von ihnen schrieben auf ihre Schiefertafel: »versuche es noch einmal, kleines Mädchen«, Herr Jubber brachte eine Entschuldigung vor, indem er sagte, dass der außerordentliche Enthusiasmus, womit sein Zögling aufgenommen worden wäre, seine Nerven erschüttert hatte; darauf bedeutete er der Taubstummen mit einem gütigen Lächeln, aber mit einem sehr finstern Ausdrucke in seinen Augen, ein anderes Kunststück zu versuchen. Es gelang ihr; aber sie zeigte noch so viel Schwanken, dass Herr Jubber, welcher einen andern Missgriff befürchtete, sie mit sich fortführte, da sich eine passende Gelegenheit zum Abgang darbot. Als das Kind bei der Barriere vorbei geführt wurde, betrachtete es Valentin sehr aufmerksam.

Schrecken gab sich in des Mädchens Augen kund, sichtbar genug, um von einigen harmlosen Leuten neben Herrn Blyth bemerkt zu werden. »Das arme kleine Ding! Es scheint sich vor dem Manne in der schönen grünen Jacke zu fürchten«, sagte Einer. »Und nicht ohne Ursache, glaub ich!« fügte ein Anderer hinzu. »Sie wollen doch wohl nicht sagen, dass er viehisch genug sein könnte, ein Kind wie dies zu misshandeln? Es ist unmöglich!« rief ein Dritter aus.

In diesem Augenblicke trat der Clown in den Zirkus. Kurz vorher, als er das wohlbekannte »Hier sind wir« brüllte, glaubte Valentin, ein lautes sonderbares Weinen hinter der roten Gardine zu hören. Er war sich dessen nicht ganz bewusst, aber die bloße Vermutung ließ sein Blut erstarren. Er lauschte ängstlich eine Minute. Es war jedoch keine Aussicht für ihn vorhanden, sich zu überzeugen, ob sein Verdacht begründet wäre. Das Orchester hatte eine lärmende Tanzmelodie aufgespielt und der Clown produzierte seine ergötzlichen Sprünge unter großem Gelächter.

»Das mag meine Schuld sein«, sagte Valentin. »Dies was?-« er fürchtete sich, die Untersuchung weiter fortzusetzen. Sein rotes Gesicht wurde plötzlich blass, und er verließ den Zirkus mit dem Entschlusse, den Vorgang hinter der roten Gardine zu entdecken.

Er ging von außen um das Gebäude herum und verbrachte einige Zeit, ehe er eine Tür finden und um Einlass bitten konnte. Zuletzt kam er an einen Durchgang, über dessen äußerm Eingang einige zerrissene Pferdedecken hingen.

»Sie können hier nicht herein«, sagte ein schmutziger Bursche, welcher plötzlich in Hemdsärmeln von innen heraus kam.

Herr Blyth legte eine halbe Krone in seine Hand. »Ich will das taubstumme Kind sogleich sehen!«

»O ganz recht, gehen Sie hinein«, murmelte der Bursche, indem er das Gold gierig einsteckte. »Jubber ist jetzt nicht da, aber nehmen Sie sich in Acht, dass er Sie dort nicht erwischt.«

Valentin hörte auf weiter nichts und trat sogleich in den Durchgang. Sobald er drinnen war, gelangte ein Ton an sein Ohr, welcher sein Herz erbeben machte. Worte können diesen Ton in seiner schrecklichen Hilfslosigkeit nicht beschreiben - denn es war das schmerzhafte Wehklagen eines taubstummen Geschöpfes.

Er riss eine Gardine beiseite und stand in einem schmutzigen Platze, der auf der einen Seite von den Ställen und auf der andern vom Zirkus durch Leinewand und alte Bretter getrennt war. Hier auf einem hölzern Schemel saß die Frau, welche ihn am Abend vorher angeredet hatte, sie weinte und besänftigte das Kind, welches schaudernd an ihrem Busen lag. Das Schluchzen von des Clowns Frau vermischte sich mit dem inartikulierten Wimmern des Kindes, welches zwar leise, aber doch so schrecklich zu hören war.

»O mein Gott«, rief Valentin aus, starr vor Schrecken über das, was er hörte, »besänftigen Sie sie! Lassen Sie sie nicht so wimmern!« Die Frau erhob sich schnell von ihrem Sitze, setzte das Kind nieder, erkannte Herrn Blyth und stürzte auf ihn zu. »Still!« flüsterte sie lebhaft, »sprechen Sie nicht so laut! Der Schurke, der viehische, herzlose Schurke befindet sich hier irgendwo in der Nähe der Ställe. Wenn er Sie hört, wird er hereinkommen und sie noch einmal prügeln - o still, still um des Himmelswillen! Es ist wahr - er hat sie geschlagen --das feige, teuflische Vieh.«

Als das Kind Valentin sah, hatte es aufgehört zu wimmern; es sah ängstlich in Tränen nach ihm hin - dann wandte es sich schnell ab - nahm ein kleines Taschentuch heraus und trocknete sich die Augen.

»Ich kann noch nicht gehen - ich will leise sprechen - Sie müssen mich anhören«, sagte Herr Blyth, blass und nach Atem haschend, »ich will diesen gekränkten, schönen, geduldigen, kleinen Engel von diesem abscheulichen Platze entfernen, ich will es und müsste ich deshalb vor die Obrigkeit treten! Der Rektor gehört mit zur Obrigkeit, - er ist mein Freund - er heißt Doktor Joyce - ich will das Kind fortnehmen. -«

Die Frau bat ihn einzuhalten und deutete plötzlich auf das Kind. Es hatte das Schnupftuch beiseite gelegt und näherte sich ihm. Es kam dicht an ihn heran, legte eine Hand auf sein Knie und streckte furchtsam die andere soweit in die Höhe, dass es seinen Hals erreichen konnte. So dastehend, sah es ihm ruhig ins Gesicht. Die hübschen Lippen versuchten mühsam, wiederum zu lächeln, aber sie zitterten nur einen Augenblick und schlossen sich dann wieder. Die hellen sanften Augen, noch trübe vom Weinen, suchten die seinigen mit einem unschuldigen Staunen des Forschens und der Verwunderung. In diesem Augenblicke schien der Ausdruck des traurigen und lieblich kleinen Gesichtes zu sagen: »Sie sehen aus, als wenn Sie gütig gegen mich sein wollten; ich wünschte, dass sie ein Mittel fänden, wodurch Sie es mir mitteilen könnten.«

Valentins Herz zeigte ihm dieses einzige Mittel an. Er schloss die Taubstumme in seine Arme und erdrückte sie fast mit seinen Küssen. Die zarten kindlichen Hände richteten sich zitternd in die Höhe und schmiegten sich sanft um seinen Nacken und der schöne Kopf senkte sich ermüdet immer mehr hinab, bis er auf seiner Schulter lag.

Die Frau des Clowns wandte ihr Gesicht ab, verzweifelnd mit beiden Händen das Schluchzen unterdrückend, welches sie wieder von neuem äußern wollte. Dann flüsterte sie: »Bitte! O bitte! Gehen Sie mein Herr! Einige von den Reitern werden gleich hier sein, Sie werden uns schrecklichen Verdruss bereiten!«

Valentin stand auf und, das Kind noch in seinen Armen haltend, sagte er: »Ich will gehen, wenn Sie mir versprechen -«

»O ich will Ihnen alles versprechen, was Sie wollen, mein Herr!«

»Sie kennen die Wohnung des Rektors, des Doktor Joyce - des Geistlichen - meines lieben Freundes!«

»Ja mein Herr, ich kenne sie. Sie sprachen schon vorher davon. Bitte, vollenden Sie so schnell als möglich der kleinen Marie halber!«

»Marie! ihr Name ist Marie? Valentin zog sich hinter eine Ecke zurück und fing das Kind wiederum zu küssen an.«

»Sie müssen wahnsinnig sein, wenn Sie nachdem, was ich Ihnen gesagt habe, so weiter fort fahren wollen«, rief die Frau des Clowns, verzweifelnd ihre Hände ringend, und versuchte es, ihn aus der Ecke hervorzuziehen. Jubber und die ganze Bande werden in der nächsten Minute hier sein. Sie wird wieder geschlagen werden, wenn mau Sie bei ihr trifft; o Himmel, können Sie denn dies gar nicht begreifen?«

Er verstand es nur zu wohl und ließ das Kind sogleich herunter, sein Gesicht wurde wieder blass, seine Aufregung so heftig, dass er die Hand, welche es ihm entgegenstreckte, und den flehenden Blick nicht bemerkte, welcher jene Bewegung begleitete und so verständlich und rührend sagte: »Ich möchte Dir Lebewohl sagen, aber ich kann es nicht, wie andere Kinder.« Er bemerkte dies nicht, denn er hatte Frau Peckover beim Arme genommen und hatte sie eiligst nach sich in den Durchgang gezogen.

Die Kleine machte keinen Versuch, ihnen zu folgen; sie wandte sich ab, setzte sich in die dunkelste Ecke des elenden Platzes nieder und stützte den Kopf gegen die rohe Wand, welche sie allein von den lachenden Zuhörern trennte. Ihre Lippen fingen wieder an zu beben; sie nahm das Taschentuch noch einmal heraus und verbarg ihr Gesicht darin.

»Nun vergessen Sie Ihr Versprechen nicht«, flüsterte Valentin der Frau des Clowns zu, welche ihn während der ganzen Zeit, wo er mit ihr sprach, langsam forttrieb. »Sie müssen die kleine Marie morgen früh pünktlich um zwölf Uhr nach der Wohnung des Rektors bringen. - Sie müssen, oder ich werde kommen und sie selbst holen. Sie brauchen mir nicht zu glauben, ich bin nur ein Künstler und Fremdling; ich erwarte nicht, dass Sie mir glauben sollen. Aber Sie müssen einem Geistlichen glauben - das müssen Sie! Doktor und Frau Joyce wünschen, Eure kleine Marie zu sehen. Es ist ihre Einladung, verstehen Sie mich! Sie können es dem Rektor nicht abschlagen. Er ist der beste und gütigste Mann, welcher jemals -«

»Ich will sie bringen«, unterbrach ihn die Frau, »wenn Sie mir jetzt gehen wollen. Ich will sie bringen!-«

Er stand still, denn er fühlte plötzlich, wie ihm die frische Luft ins Gesicht wehte. Die Frau des Clowns hatte ihn verlassen, und es war kein Gegenstand mehr vorhanden, gegen welchen er seine Drohungen schleudern konnte, als die zerrissenen Pferdedecken, welche über dem leeren Torweg hingen.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel - Die Erzählung - Erster Teil

Es hat in der Wohnung des Rektors dreiviertel auf zwölf geschlagen und der Herbstmorgen ist wunderschön. Vance, Doktor Joyces Bedienter, ein Mann im mittlern Jahren, oder »BischofVance«, wie die kleinen Witzlinge Von Rubbleford ihn nennen, als Anspielungen auf seine stattliche und feierliche Erscheinung, sein ehrwürdiges Benehmen, seine geistliche Krawatte und seine fleckenlosen schwarzen Kleider, stellt den Kuchen und die Schokolade mit so vieler zeremonieller Förmlichkeit und pedantischer Genauigkeit auf den Speisetisch, als wenn sein Herr einen Erzbischof statt die Frau eines Clowns und ein zehnjähriges kleines Mädchen zum Frühstück erwartete. Es ist ein ergötzlicher Anblick, Vance auf und abgehen zu sehen, um die allgemeine Wirkung zu betrachten, welche Messer und Gabel machen, wenn er sie auf den Tisch legt, oder wie er feierlich in dem Zimmer auf und ab spaziert, eine reine Serviette langsam in seiner Hand schwingend, oder wenn er mit der Miene eines Beschützers dem hübschen Hausmädchen an der Tür gegenüber steht und ihm Teller und Schüsseln mit dem Gebaren eines Küchensultans aus der Hand nimmt, der sich einmal herablässt, auch nur einen Augenblick lang, seine Würde in der Gegenwart der weiblichen Sklavinnen zu verlieren. Das Fenster des Speisezimmers gewährte eine Aussicht nach dem Garten, wo man unter den Bäumen auf einem schattigen Sitze Frau Joyce im Freien arbeiten sieht. Eine ihrer Töchter sitzt auf dem Rasen zu ihren Füßen und liest, während die andere die jüngern Kinder wechselnd auf einem großen schwarzen Neufundländerhund reiten lässt, der mit heraushängender Zunge langsam vorwärts schreitet und leise mit seinem großen haarigen Schweife wedelt. Ein hübscheres Bild des häuslichen Glückes als dasjenige, welches die Aussicht durch das Fenster der Rektorwohnung jetzt darbietet, könnte schwerlich in ganz England gefunden werden.

Die häusliche Ruhe ist jedoch nicht gänzlich ungestört. Bei dem Bilde, von dem Vance und der Frühstückstisch den Vordergrund und der Garten mit Frau Joyce das Zentrum und den Hintergrund bilden, gleitet von Zeit zu Zeit eine unruhige Gestalt vorüber, welche niemals müde wird, sich hier, dort und überall rastlos hinzubegeben.

Diese Gestalt ist Valentin, der in der Tat niemanden weder im Hause, noch im Garten vom frühen Morgen an in Ruhe gelassen hat. Der Rektor, der einige Briefe zu schreiben hat, hat sich verzweiflungsvoll in seinem Zimmer eingeschlossen und trotzt seinem aufgeregten Freunde in dieser Festung, bis die Ankunft der Frau Peckover und des taubstummen Kindes des Malers schreckliche Ungeduld nach dem zwölften Glockenschlage und nach dem Besuche aus dem Zirkus gestillt hat. Herr Blyth hat den unglücklichen Vance verdrießlich gemacht, gequält und außer Fassung gebracht, bis er von unterdrücktem Zorne ganz erschöpft aussieht. - Herr Blyth ist in sein Heiligtum gedrungen, um ihn zu fragen, ob die Uhr in der Vorhalle richtig gehe, und hat ihn überrascht, wie er sich im offenen Hemde wusch. Herr Blyth hat eins seiner Gläser zerbrochen und auf ungestüme Weise darauf bestanden, ihm zu zeigen, wie man den Pfropfen aus einer Weinflasche herauszöge. Wenn dies ein oder zwei Tage noch so fort gehen sollte, so würde sich Vance sicherlich gezwungen sehen, obgleich er schon zwanzig Jahr beim Rektor im Dienste stand, ihm denselben aufzukündigen.

Es fehlen noch fünf Minuten an Zwölf. Frau Joyce und ihre Töchter nehmen, von Leo begleitet, ihre Plätze ein und sahen frisch und nett in ihren glänzenden Morgentoiletten aus. Der Doktor tritt mit seinem beendigten Briefen ein und begrüßt Valentin mit einem harmlosen geistlichen Scherze. Vance stellt die frühere vollkommene Ordnung auf dem Frühstückstische wieder oberflächlich her. Die Uhr schlägt zwölf, ein schwaches leises Läuten wird an der Glocke der Rektorwohnung gehört.

Vance schreitet leise nach der Thür, als - o Himmel und Erde! Werden keine Hausgesetze von diesen Malern für heilig gehalten? - Herr Blyth mit einem Ausrufe »hier sind sie!« bei ihm vorbeistürzt und nach der Vorhalle eilt, um das Tor selbst zu öffnen. Vance dreht sich feierlich nach seinem Herrn um, zitternd und purpurrot im Gesichte, mit einem anklagenden Ausdrucke, welcher deutlich genug sagt:

»Wenn Sie eine solche Kränkung ertragen wollen, mein Herr, so erlaube ich mir, Sie ergebenst zu benachrichtigen, dass ich nicht gesonnen bin, ein Gleiches zu tun.« Der Rektor bricht in ein lautes Lachen aus; die jungen Damen folgen seinem Beispiel; der Neufundländerhund springt auf und bellt laut dazwischen. Frau Joyce sitzt still, betrachtet Vance und bedauert ihn.

Die Stimme des Herrn Blyth ist bald wiederum sehr vernehmlich hörbar, ohne dass seiner Rede irgendeine Antwort gegeben wird. Die Tür des Speisezimmers, welche zugefallen ist, wird plötzlich aufgestoßen, und Valentin erscheint mit der Miene des höchsten Triumphes und der höchsten Glückseligkeit, Frau Peckover und das taubstumme Kind hereinführend, so dass er für den Augenblick unbedingt schön aussieht. Der Rektor, welcher im besten und edelsten Sinne des Wortes ein Gentleman ist, empfängt Frau Peckover so höflich und herzlich, wie er die vornehmste Dame von Rubbleford empfangen haben würde. Frau Joyce nähert sich mit ihm ebenfalls freundlich, aber trotzdem ein wenig zurückhaltend in ihrem Benehmen. Die jungen Damen fallen in reizenden Stellungen zu jeder Seite des Kindes nieder und sind geradezu vor Entzücken über die Schönheit desselben außer sich. Der Hund tritt hinzu und steckt seine Schnauze gesellig zwischen sie. Vance steht verdrießlich an der Wand und missbilligt den ganzen Vorgang aufs strengste.

Die arme Frau Peckover! Sie ist niemals in einem solchen Hause wie der Rektorwohnung gewesen, sie hat niemals vorher in ihrem Leben mit einem Doktor der Theologie gesprochen. Sie war sehr erhitzt, rot und zitternd, machte fürchterliche grammatikalische Fehler und schmiegte sich so furchtsam an Herrn Blyth, wie wenn sie ein kleines Mädchen gewesen wäre. Es gelang dem Rektor jedoch bald, ihr einen bequemen Platz am Tische anzuweisen. Sie machte Vance eine ehrerbietige Verbeugung, als sie bei ihm vorbeiging, da er ohne Zweifel den Eindruck auf sie gemacht hatte, als wäre er ein zweiter Doktor der Theologie, der noch größer und gelehrter als der erste war.

Frau Joyce musste ihre Töchter dreimal rufen, ehe sie dieselben bewegen konnte, zum Frühstückstische zu kommen. Wenn sie Valentins Auge für das Romantische und Schöne besessen hätte, würde sie gewiss nicht im Stande gewesen sein, die Gruppe, welche ihr dritter Ruf unterbrach, zu zerstören.

In der Mitte stand die taubstumme Marie in einem weißen Kleide, darüber eine kleine seidene Mantille, welche aus einem abgelegten Gewande, das einer von den Damen des Zirkus gehört hatte, gemacht war. Sie trug einen einfachen Strohhut, verziert mit einem schmalen, weißen Bande, der mit einem ähnlichen unter dem Kinn befestigt war. Ihre helle, zarte Gesichtsfarbe war von einem rötlichen Schimmer angehaucht, ihre wunderbaren blauen Augen, die so traurig in dem grellen Gaslichte aussahen, schienen jene Trauer in der milden Atmosphäre des Speisezimmers verloren zu haben. Die zarte und rührende Stille, welche ihr Trübsal über ihr Gesicht verbreitet hatte, schien ein wenig in Widerspruch mit der kindlichen Unreife der Gesichtszüge, aber harmonierte ausgezeichnet mit dem ruhigen Lächeln, welches ihr eigentümlich schien, wenn sie glücklich war - dankbar und ungeniert glücklich, wie sie sich jetzt unter ihren neuen Freunden fühlte, die sie nicht wie eine Fremde und Geringere aufnahmen, sondern wie eine jüngere Schwester, welche lange von ihnen getrennt gewesen war.

Sie stand neben dem Fenster, die mittlere Figur der Gruppe, und reichte der ältesten Tochter des Rektors, welche an ihrer rechten Seite auf einem Schemel saß, eine kleine Schiefertafel, an der ein Stift hing. Die zweite von den jungen Damen kniete auf der anderen Seite, hielt ihre beiden Arme um des Hundes Nacken geschlungen und verhinderte so, dass er Mariens Gesicht beleckte, wozu er bereits von dem ersten Augenblicke an, wo sie in das Zimmer getreten war, mehrere kühne Versuche gemacht hatte. Sie sprachen so eifrig mit ihr, als wenn Marie hören und ihnen antworten könnte, - während sie stillstand und abwechselnd von einer nach der andern blickte und der ältesten Tochter die Schiefertafel hinhielt, damit sie darauf schriebe.

Dieses reizende Bild brachte Frau Joyce ohne Erbarmen in Unordnung. Die jungen Damen wurden zu ihrer Mutter gerufen, das Kind zwischen Valentin und Frau Peckover gestellt und das wichtige Geschäft des Frühstücks nahm seinen Anfang.

Es war wunderbar zu hören, was Herr Blyth alles faselte, wie er abwechselnd die Frau des Clowns belobte, weil sie ihr Versprechen so pünktlich gehalten hatte, und dann den Rektor triumphierend frug, ob er nicht zu wenig von der Schönheit der kleinen Marie gesagt, statt dieselbe übertrieben zu haben. Es war ebenfalls wunderbar, Frau Peckovers verschämtem Blick das Erstaunen anzusehen, als sie bemerkte, dass der strenge Doktor der Theologie, der ihre Verbeugung kaum zu beachten schien, sich plötzlich so weit herabließ, sie sanftmütig mit allem dem zu versehen, was sie zu essen oder zu trinken wünschte.

Der Rektor, welcher ein scharfer Beobachter in seiner eigenen, ruhigen, unablässlichen Weise war, wurde durch zwei Eigentümlichkeiten, welche er während des Frühstücks an dem Benehmen der kleinen Marie bemerkte, angezogen. Zuerst gewahrte er mit einiger Teilnahme und Erstaunen, dass, während die Frau des Clowns sich sehr scheu und verlegen unter Fremden, welche in ihrer sozialen Stellung .ihr überlegen waren, benahm, die kleine Marie hingegen vom ersten Augenblicke an, wo sie in das Speisezimmer trat, ihre Fassung behielt und sich unbewusst ihrer neuen Umgebung anpasste; zweitens, dass sie sich beständig an Valentin hing, ihn öfters als irgendjemanden anders betrachtete und immer und zuweilen nicht ohne Erfolg zu versuchen schien, dass sie seinen Ausdruck, seine Manier, die Bewegungen seiner Lippen beobachtete, um zu verraten, was er zu den andern sagte. Der Charakter dieses Kindes ist kein gewöhnlicher, ihr Herz ist ausgebildeter, als ihr Aussehen verspricht, und sie liebt Blyth fast schon ebenso sehr, als er sie liebt. »Der gute alte Valentin! Es ist angenehm zu sehen, dass seine ganze Begeisterung nicht bloß an einen kleinen Narren und an ein hübsches Gesicht vergeudet worden ist.«

Als das Frühstück vorüber war, flüsterte das älteste Fräulein Joyce ihrer Mutter bittend zu: »Mama, dürfen Karoline und ich dem lieben kleinen Mädchen unsere Gärtchen zeigen?«

»Gewiss, meine Liebe, wenn sie mit Euch gehen will. Du solltest sie lieber fragen, - ach mein Gott! ich vergaß - ich meine auf ihre Tafel schreiben. Der Gedanke, dass sie taubstumm ist, betrübt mich so sehr, wenn ich sie dort so hübsch und glücklich sitzen sehe. Sie scheint gern Kuchen zu essen, erinnere mich Emilie, dass ich welchen für sie einpacke.«

Emilie und Karoline gingen sogleich zum Kinde und gaben ihr durch Zeichen zu verstehen, dass sie etwas auf die Tafel schreiben wollten. Sie schrieben abwechselnd mit unglaublichem Enthusiasmus darauf, bis sie eine Seite ganz voll geschrieben hatten, und setzten am Ende einer jeden Zeile in der geschäftsmäßigsten Weise ihre Anfangsbuchstaben darunter.

Das Kind nickte stets mit dem Kopfe, lächelte bei jeder neuen Einladung, drehte dann die Tafel um und fing erfreut, dass sie ihre Schreibkunst zeigen konnte, langsam einige große außerordentlich schief stehende Druckbuchstaben, aufzuzeichnen an. Sie brauchte eine lange Zeit dazu, besonders da Herr Blyth unterdessen atemlos über ihre Schulter sah.

Einige Minuten später gingen die beiden jungen Mädchen und die kleine Marie über den glänzenden freien Platz, Leo, der einen Stock in seiner Schnauze trug, dicht hinter ihnen.

Valentin und Doktor Joyce sahen einander bedeutungsvoll an. Vor dem Frühstücke hatten sie sich an jenem Morgen laut getroffener Übereinkunft zu einer geheimen Unterredung eingeschlossen, während welcher Herr Blyth ungewöhnlich ruhig und sehr ernst gestimmt gewesen war. Der Doktor war anfangs in seiner gutmütigen Weise ungläubig und sarkastisch geblieben, sprach aber endlich sehr ernst und hatte unter gewissen Bedingungen ein Versprechen von sich gegeben. Die Zeit zur Erfüllung dieses Versprechens war jetzt herangekommen.

»Sie brauchen nicht zu warten, Vance«, sagte der Rektor. Lassen Sie nur alles hier auf dem Tische stehen. Ich will klingeln, wenn ich Ihrer bedarf.«

Vance ging verdrießlich hinaus.

»Da uns die Mädchen jetzt verlassen haben, Frau Peckover«, sagte Doktor Joyce, »so bietet sich für mich eine gute Gelegenheit dar, Ihnen im Namen meines alten Freundes, des Herrn Blyth hier, einen Vorschlag zu machen, welcher, wie sie schon bemerkt haben müssen, großes Mitleid und Liebe für ihre kleine Marie hegt. Bevor ich aber diesen Vorschlag erwähne, möchte ich, möchten wir alle wissen, ob Sie uns nicht etwas Näheres über dieses arme Kind mitteilen könnten; oder fühlen Sie irgendein Widerstreben, uns im Vertrauen zu sagen, was Sie wohl von ihr wissen?«

»O nicht doch, mein lieber Herr«, rief Frau Peckover erstaunt aus, »ich würde mich schämen, irgendeinen Einwand zu machen gegen alles, was Sie über die kleine Marie zu wissen wünschen; aber ich befürchte nur - ich weiß, es ist sehr töricht - aber es ist mir sonderbar, hier an einem so schönen Platze zu sein und mit vornehmen Leuten Wein zu trinken - und ich hatte fast Furcht -«

»Ich hoffe, Sie ängstigen sich nicht darüber«, sagte der Rektor freundlich. »Glauben Sie mir, Frau Peckover, dass ich es aufrichtig meine, wenn ich Ihnen sage, dass wir uns hier auf demselben Wege begegnen. Herr Blyth hat mir von Ihrer mütterlichen Güte erzählt, welche Sie für das arme hilflose Kind gehabt haben, und ich bin wirklich stolz darauf, ihre Hand zu schütteln, und glücklich, Sie hier zu sehen als eine Person, welche immer ein ehrenwerter Gast in dem Hause eines Geistlichen sein sollte - als die Vollbringerin einer guten und christlichen Tat.«

Frau Peckovers Augen fingen an, sich mit Tränen zu füllen. Sie hätte in diesem Augenblicke anbetend vor Doktor Joyce niederfallen können.

Sie fasste sich aber bald wieder und begann ihre Erzählung, zuweilen ihre Worte an den Doktor, zuweilen an Frau Joyce, zuweilen an Valentin richtend. Von Anfang bis zu Ende, wurde sie nur selten durch ein Wort der Ermutigung, des Mitgefühls oder des Erstaunens von ihren Zuhörern unterbrochen. Sogar Herr Blyth saß ganz gegen seine Gewohnheit still und schweigsam da: sein Antlitz allein zeigte den abwesenden Einfluss, welchen die Geschichte von ihrem sonderbaren Anfange bis zu ihrem traurigen Ende auf ihn ausübte.

»Es ist länger als zehn Jahre her«, mein Herr, fing die Frau des Clowns an, zuerst zu Doktor Joyce sprechend, »seitdem mein kleiner Thomas geboren wurde. Nachdem ich mich kurze Zeit von meiner Entbindung erholt hatte, ging ich an einem Nachmittage mit dem Säugling und Jemmy, meinem Manne, spazieren. Wir waren damals in Bangbury und wollten gerade den Zirkus aufbauen: es war eine schöne, große Landschaft und wir hofften dort ein gutes Geschäft zu machen. Jemmy und ich mit dem Säugling schritten in das Feld und amüsierten uns prächtig. Wir gingen darauf auf der Chaussee nach Bangbury zurück und gerade, als wir zur Stadt gelangten, sahen wir eine junge Frau auf einer Bank sitzen, einen Säugling in ihren Armen haltend, gerade wie ich den meinigen hielt.

»Wie schrecklich krank und schwach sie aussieht, nicht wahr?« sagt Jemmy. Ehe ich ja sagen konnte, tritt sie hastig an uns heran und fragt mit aufgeregter, doch nicht allzu lauter Stimme, ob wir ihr nicht den Weg nach dem Bangbury-Arbeitshause zeigen könnten. Da wir beide ziemlich scharfe Augen hatten, begriffen wir leicht, dass ein Arbeitshaus kein passender Platz für sie wäre. Ihr Kleid war bestäubt, einer ihrer Schuhe zerrissen, ihr Haar hing in Unordnung über ihr Gesicht und ihre Augen waren in ihrem Kopfe eingesunken; aber wir sahen, dass sie einigermaßen eine Dame wäre, - oder wenn nicht gerade eine Dame, dass auf keinen Fall ein Arbeitshaus ein passender Ort für sie wäre. Ich beugte mich nieder, um mit ihr zu sprechen, aber ihr Kind weinte so fürchterlich, dass sie mich kaum verstehen konnte. »Ist das arme Kind krank?« fragte ich. »Es verhungert«, sagte sie in einem so verzweifelten, fürchterlichen Tone, dass es mir einen Stich ins Herz gab. »Ist es Ihr Kind?« sage ich, ein wenig ängstlich über die Antwort, welche ich von ihr erhalten würde. »Ja«, sagt sie in einem ganz veränderten Tone, sehr sanft und betrübt und beugte sich von mir weg mit ihrem Gesicht über das Kind. »Warum säugen Sie es denn nicht?« frage ich. Sie sieht mich, dann Jemmy an, schüttelt mit dem Kopfe und sagt nichts. Ich gebe mein Kind Jemmy zu halten und setze mich dicht zu ihr. Jemmy ging ein wenig bei Seite und ich flüstere ihr wieder zu, »warum säugen Sie es nicht?« und sie sagt ganz leise zu mir, »die Milch ist mir vergangen.« Sobald ich dies hörte, zögerte ich nicht länger und legte den Säugling sogleich an meine eigene Brust.

Das war das erste Mal, wo ich die kleine Marie säugte. Sie war noch keinen Monat alt und ach! so schwach und klein! so ein Wurm von Säugling!

Sie können sich wohl leicht denken, mein Herr, dass ich viele Fragen an die junge Frau richtete, während ich neben ihr saß. Sie starrte mich mit einem trüben Blick in ihrem Gesichte an, anscheinend ganz betäubt von Müdigkeit und Kummer oder von Weinen. Zuweilen gab sie mir eine Antwort, zuweilen nicht. Sie war sehr verschwiegen. Sie wollte nicht sagen, woher sie käme, wer ihre Freunde wären oder wie sie hieße. Sie sagte, sie würde niemals wieder Namen, Heimat noch Freunde haben. Ich blickte gerade einmal verstohlen nach ihrer linken Hand, sah, dass sie keinen Trauring um ihren Finger hatte, und erriet, was sie sagen wollte. »Weiß der Vater des Kindes, dass Sie auf diese Weise umherirren?« frage ich. Sie wird sogleich purpurrot und sagt: »Nein! Er weiß nicht, wo ich bin. Er hatte niemals Liebe zu mir und hat auch jetzt kein Mitleid mit mir. Gottes Fluch folge ihm auf allen seinen Wegen! -« »O still! Still!« sage ich, »sprechen Sie nicht so!« »Warum richten Sie Fragen an mich?« fragt sie aufgeregt. »Was für ein Recht haben Sie, mir Fragen vorzulegen, die mich wahnsinnig machen?« »Ich habe Sie nur noch mit einer einzigen zu quälen«, sage ich, »und die ist, haben Sie gar kein Geld bei sich?« Sie sehen, Frau Joyce, jetzt, da ich ihr Kind an meinem eigenen Busen hatte, kümmerte ich mich nicht um das, was sie sagte, noch fürchtete ich mich vor dem, was sie mir tun könnte. Der arme Wurm von Säugling würde sicher früher oder später ein Friedensstifter zwischen uns sein.

Es stellte sich heraus, dass sie nur einen halben Schilling und einige Pfennige bei sich hatte und dass sie zu stolz war, irgendeinen ihrer Freunde um Hilfe anzusprechen. Es gelang mir, so viel aus ihr herauszubringen, dass sie vor ihrer Entbindung ihrer Heimat entlaufen und nach einem fremden Platze gegangen war, um dort entbunden zu werden, wo man sie gemisshandelt und beraubt hatte. Es war noch nicht lange her, dass sie die Elenden, welche ihr dies angetan, verlassen hatte. In der Zeit, wo ich dies alles herausbrachte, war ihr Säugling ganz ruhig geworden und dem Einschlafen nahe. Ich gab ihr ihn zurück, sie sagte nichts, aber sie nahm und küsste meine Hand und ihre Lippen brannten wie glühende Kohlen darauf. »Sie sind hier gern gesehen«, sage ich, ein wenig verwirrt über eine solche sonderbare Art des Dankes. »Warten Sie ein wenig, ich will nur mit meinem Manne sprechen. Obgleich sie unrecht gehandelt hatte, konnte ich doch nicht umhin, sie zu bemitleiden, wie sonderbar sie sich auch benahm. Sie war so jung, so verlassen und krank und hatte ein so reizend schönes Gesicht, die kleine Marie ist ganz ihr Ebenbild, besonders was die Augen anbetrifft, und sie schien einer Dame so ähnlich zu sehen, dass schon der Gedanke fast eine Sünde war, sie nach einem solchen Orte wie ein Arbeitshaus zu schicken.

Wohlan, ich ging und teilte Jemmy alles mit, was ich von ihr erfahren hatte. »Es wäre schrecklich«, sage ich, »eine solche Person nach einem Arbeitshause gehen zu lassen. Was könnten wir aber Besseres tun?« Jemmy sagt: »wir wollen sie mit nach dem Zirkus nehmen -und Peggy Burke fragen.

Sie müssen wissen, mein Herr, Peggy Burke war die schönste Reiterin, die jemals auf einem Pferde ritt. Wir haben keine ähnliche in unserm Zirkus gehabt, seitdem sie zu Astleys ging. Sie ging durch Feuer und Wasser, wie man sagt, um den Leuten zu dienen, welche sie liebte; aber bei denen, welche sie verabscheute, gebrauchte sie ihre Reitpeitsche eben so frei als ihre Zunge. Jener feige, viehische Jubber würde es niemals gewagt haben, meine kleine Marie zu schlagen, wenn Peggy noch bei uns gewesen wäre. Er hatte eine solche Angst vor ihr, dass sie ihn um den Finger wickeln konnte, und sie tat es auch, denn er durfte mit der besten Reiterin in England nicht zanken, weil er befürchtete, sie würde sich in einem andern Zirkus engagieren lassen. Peggy war außerdem ein sehr kluges Mädchen, hatte mich immer sehr gern und nahm meine Partie. Als nun Jemmy sagte, er hielt es für das Beste, sie zu fragen, was wir mit der Person anfangen sollten, so können sie leicht überzeugt sein, dass ich dies auch für das Beste hielt. Wir nahmen also das junge Weib und den Säugling sogleich mit uns nach dem Zirkus. Sie quälte uns durchaus nicht mit Fragen, sie schien sich nicht darum zu kümmern, wohin sie ginge und was sie tat; sie war niedergeschlagen und verzweifelt - ein Anblick, Frau Joyce, der Ihrem Herzen auch sehr wehe getan haben würde.

Man trank gerade Tee im Zirkus und war beinah fertig damit. Gewöhnlich tranken wir Tee und aßen Mittagbrot zusammen dort, da wir fanden, dass dies uns billiger zu stehen kam. Peggy Burke, ich erinnere mich dessen noch, ging draußen auf dem Grase spazieren, und pfiff (das war eine ihrer sonderbaren Gewohnheiten) die Melodie von »Das Madchen, welches ich verließ«.

»Ach, Frau Peckover«, sagte sie, »was haben Sie jetzt vorgehabt?« Wer ist die Dame, welche Sie mit zum Tee gebracht haben? - Ich teilte ihr, mein Herr, alles mit, was ich Ihnen soeben gesagt habe; während Jemmy das junge Weib auf einem unserer Koffer niedersetzen ließ, besorgte ich ihr eine Tasse Tee. »Es scheint mir fürchterlich«, sprach ich, als ich meinen Tee getrunken hatte, eine solche Person nach dem Arbeitshause zu schicken, nicht wahr?« »Arbeitshaus«, ruft Peggy sogleich auffahrend, »ich wünschte nur, wir könnten des Mannes habhaft werden, der sie in diese unglückliche Lage versetzt hat, um ihn dort für den Rest seines Lebens bei Wasser und Brot unterzubringen. Aber Sie sind ein liebes altes Mädchen, Peck!« fährt sie zu mir gewandt fort, »und Ihre Freunde sind auch die meinigen. Bleiben Sie, wo Sie sind, und lassen Sie mich ein Wort mit der jungen Frau auf dem Koffer sprechen.«

Bald darauf kommt sie zurück und sagt: »Ich bin fertig damit, Peck! Sie ist sehr verschwiegen und so stolz wie Luzifer, aber trotzdem ist sie nur eine Nähmamsell.« »Eine Nähmamsell!«, sage ich, »wie haben Sie dies herausgefunden?« »Nun, ich betrachtete ihren Zeigefinger«, erwiderte Peggy, »und bemerkte Stiche von der Nähnadel daran; es gelang mir auch bald darauf, sie ein wenig zum Sprechen zu bewegen. Sie versteht sich auf Theateranzüge und auf das Zuschneiden« Würden Sie dies jemals geglaubt haben? »Ich will ihr morgen zeigen, wie man dem Arbeitshaus den Abschied gibt, wenn sie nur aushält und vernünftig bleibt. Bleiben Sie, wo Sie sind, Peck! Ich will Jubber veranlassen, seine schmutzige Hand in seine Tasche zu stecken und etwas Geld zu spendieren.« Sie rief Jubber herbei und presste ihm mit der Drohung, seinen Zirkus zu verlassen, zehn Schillinge Vorschuss für ihre Garderobe ab, welche sie mir für das angekommene junge Weib einhändigte. »Ich will schon sehen«, sagte sie hierbei zu mir, »dass die- Frau das Geld wieder abverdient, aber heute fällt sie fast vor Müdigkeit um und sie muss ihre Ruhe und ein wenig Abendbrot haben, ehe sie morgen anfangen kann. Nehmen Sie sie mit fort und bringen Sie sie in Ihrem Logis unter; ich will morgen mit einigen Sachen hinkommen, die sie mir machen soll.« Aber mein lieber Herr, sie konnte niemals sechs Pence von diesen zehn Schillingen abverdienen. Sie wurde in der Nacht krank und des Morgens hatte sich ihr Zustand so sehr verschlimmert, dass wir zum Doktor schicken mussten.

Sobald er sie gesehen hatte, ging er mit mir in den Durchgang und frug mich: »Wissen Sie, wer ihre Verwandten sind?« »Nein, mein Herr«, sage ich, »das kann ich nicht aus ihr herausbekommen. Ich traf sie gestern nur zufällig.« »So versuchen Sie es noch einmal, denn ich befürchte, sie wird die Nacht nicht überleben. Ich will des Abends wiederkommen und sehen, ob irgendeine Veränderung eingetreten ist.«

Peggy und ich gingen zusammen in ihr Zimmer, aber wir konnten sie trotz aller Mühe nicht dazu bringen, dass sie mit uns sprach. Auf einmal schreit sie auf: »Ich kann nichts mehr erkennen! Wo ist die Frau, welche mein Kind gesäugt hat, als ich allein auf der Landstraße war?« »Hier!« sage ich, »hier! Hier, ich halte Sie bei der Hand. Bitte, sagen Sie uns, an wen wir Ihrethalben schreiben können?« »Wollen Sie mir versprechen, für mein Kind zu sorgen und es nicht in das Arbeitshaus zu schicken?« fragt sie. »Ja, ich verspreche es«, sage ich, »ich verspreche es Ihnen von ganzem Herzen.« »Wir wollen alle für Ihr Kind sorgen«, sagt Peggy, »versuchen Sie sich nur zu beruhigen und Sie werden sich soweit erholen, um mich auf Garryowens Rücken zu sehen, ehe wir Bangbury verlassen.« »Ich gebe mein Kind«, sagte sie, meine Hand krampfhaft fest haltend, »an die Frau, welche es auf der Landstraße säugte, und ich bete zu Gott, sie zu segnen und mir zu vergeben, um Jesum Christum halber.« Hierauf lag sie ein oder zwei Minuten lang ganz ruhig, dann sagte sie schwach: »sein Name soll Marie sein. Legen Sie es noch einmal zu mir ins Bett, ich möchte seine Wangen noch einmal berühren und noch einmal fühlen, wie weich und warm sie sind.« Und ich nahm den Säugling aus seiner Wiege und legte ihn, schlafend wie er war, neben ihr ins Bett und führte ihre Hand nach seiner Wange. Ich sah, wie sich ihre Lippen ein wenig bewegten, und beugte mich über sie. »Geben Sie mir einen Kuss«, flüsterte sie, »bevor ich sterbe.« Ich küsste sie und versuchte mein Weinen zu unterdrücken, dann sagte ich zu Peggy: »Sie warten hier, während ich zum Doktor laufe und ihn zurückhole, denn ich befürchte, es wird bald mit ihr vorüber sein.« Er war nicht zu Hause, als ich in seiner Wohnung anlangte. Ich wusste nicht, was ich zunächst tun sollte, als ich einen Herrn auf der Straße bemerkte, der wie ein Geistlicher aussah. Dreist frug ich ihn, ob er einer wäre. Er sagte Ja und ging auf meine Bitten mit mir. Ich hörte ein lautes Wimmern und Weinen im Zimmer und sah Peggy auf dem Bündel von Anzügen sitzen, welches sie heute morgen mitgebracht hatte, sich rückwärts und vorwärts wiegend, wie die Irländer es immer beim Weinen tun. Ich trat an das Bett und sah durch die Vorhänge. Das Kind schlief noch, so hübsch wie immer und seiner Mutter Hand berührte einen seiner Arme. Ich war gerade im Begriff wieder mit ihr zu sprechen, als der Geistliche »still« sagte, ein Stückchen Spiegelglas nahm, welches auf dem Kamine stand, und es über ihre Lippen hielt. Sie war verschieden. Ihre arme, weiße, abgemagerte Hand lag tot auf dem Arm des lebenden Säuglings.

Ich beantwortete alle Fragen des Geistlichen offen und ehrlich, indem ich ihm alles sagte, was ich vom Anfang bis zum Ende wusste. Als ich fertig war, springt Peggy von ihrem Bündel auf und sagt: »Was Sie auch immer tun mögen, mein Herr, das Kind darf nicht von dieser Person hier genommen und nach dem Arbeitshause geschickt werden. Die Mutter gab es ihr auf diesem nämlichen Bette, und ich war Zeuge davon, wie sie versprach, dem Kinde eine Mutter zu sein, mein Herr.« Der Geistliche wendete sich zu mir, belobte mich für meine Tat und sagte, niemand solle es von mir nehmen, außer diejenigen, welche Rechte aufzeigen können, um es zu beanspruchen. »Aber jetzt«, sagte er, »müssen wir an andere Dinge denken und besonders versuchen, etwas über die Verhältnisse dieser armen Frau aufzufinden, welche unter so traurigen Umstünden gestorben ist.«

Das war leichter gesagt als getan. Das arme Ding hatte nichts weiter bei sich als zwei Hemden für sich und zwei für das Kind, und diese führten zu keiner Entdeckung. Dann durchsuchten wir ihre Tasche, darin war ein weißes Taschentuch, mit M.G. gezeichnet, einige Stückchen Zwieback zum Lutschbeutel für das Kind und der halbe Schilling und die Pfennige, welche sie besaß, als ich ihr begegnete, und unter allen diesen Dingen in einer Ecke, wie wenn es dort vergessen worden wäre, ein kleines Haararmband. Es war aus verschiedenen Haaren gemacht - sehr wenig von einer und sehr viel von einer andern Art. Und auf einem flachen Schlösschen des Armbands war in kleinen Buchstaben eingegraben, »zum Andenken von S.G.« Ich erinnere mich alles dessen sehr wohl, mein Herr, denn ich habe dieses Armband seitdem oft betrachtet.

Wir fanden weiter nichts, keine Briefe, Visitenkarten oder sonst etwas. Der Geistliche meinte, dass das M.G. auf dem Taschentuche die Anfangsbuchstaben ihres Namens sein müssten, und dass das S.G. auf dem Armbande sich wohl auf das Haar eines Verwandten bezöge, welches sie zum Andenken getragen hätte. »Ich will eine Anzeige schreiben«, sagte der Geistliche, »in der ich bekanntmache, wie Ihr mit der jungen Frau zusammentraft, wie sie aussah und wie sie gekleidet war.« »Denken Sie etwas über das Kind zu sagen?« fragte ich. »Sicherlich«, antwortete er, »es ist nur recht, dass wir, wenn wir durch diese Anzeige ihre Verwandten entdecken können, ihnen Gelegenheit geben, etwas für das Kind zu tun. Und wenn sie irgendwo in dieser Grafschaft leben, so glaube ich, werden wir sie auffinden. Denn die Bangburyer Chronik, in welche ich diese Anzeige einrücken lassen will, wird überall in unserm Teile Englands gelesen.«

Die Anzeige wurde veröffentlicht und, wie der Geistliche es erwartet, zwei Tage darauf in einem so abscheulichen Briefe beantwortet, wie ich niemals einen gelesen habe. Der Geistliche brachte ihn mir selbst. »Er wurde heute Abend«, sagte er, »von einem unbekannten Boten übergeben, welcher sich gleich nachher wieder entfernte.« Der Brief war sehr kurz und wir glaubten, die Handschrift einer Frau darin zu erkennen; der Geistliche war der Meinung, dass sie absichtlich verstellt gewesen wäre. Der Brief war weder unterzeichnet noch mit einem Datum versehen. Er enthielt eine Zehn-Pfundnote, und die Person, welche sie schickte, schrieb, dass sie dazu bestimmt wäre, die junge Frau anständig begraben zu lassen. Dann sagte der Brief weiter, es wäre besser für sie, dass sie gestorben wäre, als dass sie noch lebte, nachdem sie ihren Vater und ihre Verwandten entehrt hätte. Was das Kind anbeträfe, so wäre es ein Kind der Sünde und hätte keine Ansprüche an Leute, welche ihren guten Namen zu bewahren und andern ein moralisches Beispiel zu geben wünschten. Der Kirchsprengel müsste es ernähren, wenn es niemand anders wollte. Ein Versuch sie aufzuspüren oder eine zweite Anzeige in die Zeitung setzen zu lassen, würde nutzlos sein. Des Kindes Vater wäre verschwunden; sie wüssten nicht, wo er sich aufhielte, und könnten also jetzt keine Gemeinschaft mit einem solchen Ungeheuer der Gottlosigkeit halten, selbst wenn sie seinen Aufenthalt wüssten. Sie wäre in ihrer Schande und in ihrer Sünde gestorben, und ihr Name sollte niemals wieder unter ihren Angehörigen genannt werden.

Das war alles, was ich aus dem Briefe behalten habe, mein Herr. »Ein abscheulicher und unchristlicher Brief!« sagte ich und der Geistliche meinte dies auch.

Sie wurde in dem Teile des Kirchhofs begraben, welchen man in England den Armenwinkel nennt. Man bezeichnete die Stelle, im Fall sie jemals einer zu sehen wünschte, indem man die beiden Buchstaben M.G. und das Datum ihres Todes auf ein hölzernes Brett an dem obern Ende des Grabes einschnitt. Hierauf gab mir der Geistliche das Haarhalsband und das Taschentuch und sagte: »Bewahret dieses so gut wie das Kind, denn es könnte einst von großem Nutzen sein. Ich werde den Brief, der an mich adressiert ist, versiegeln und in meine Schatulle legen.« Er frug mich vorher, ob ich an die große Verantwortlichkeit gedacht hätte, die ich in meiner Lage übernommen hätte, um für das Kind zu sorgen, und ich sagte ihm, ich hätte es versprochen und wollte mein Versprechen halten und vertraute wegen des Übrigen auf Gottes Vorsicht. Der Geistliche war ein sehr gütiger Mann und veranstaltete eine Kollekte für das arme Kind, und Peggy Burke gab, als sie von unserem Weggange von Bangbury ihr Benefiz hatte, die Hälfte ihres Anteils zur Kollekte. Ich hörte bis jetzt kein Wort wieder über die Verwandten des Kindes. Ich bewahre aber das Haarhalsband und das Taschentuch so sorgfältig auf, wie es mir der Geistliche geheißen hat, ebenso wohl wegen der Mutter als des Kindes wegen. Ich habe einige Mühe mit ihm gehabt, seitdem ich es zu mir nahm, aber ich liebe es nur um desto mehr und halte jenen Tag, an dem ich es zuerst auf der Landstraße säugte, für uns beide noch immer für einen glücklichen.

Dies ist alles, mein Herr, was ich über das zu sagen habe, wie ich zuerst mit der kleinen Marie zusammen traf, und ich wünsche, dass ich es hätte auf eine Weise erzählen können, die sich besser für solche Zuhörer eignet.«



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel - Die Erzählung - Zweiter Teil

Als die Frau des Clowns ihre Erzählung geendet hatte, wurde zur Erörterung von denen, die sie mit angehört hatten, nur wenig hinzugesetzt. Sie waren durch das, was sie angehört hatten zu sehr ergriffen, um außer abgebrochenen leisen Worten etwas hervorbringen zu können. Frau Joyce führte ihr Taschentuch mehr als einmal nach ihren Augen. Ihr Gatte murmelte einige herzliche Worte des Mitleids und des Dankes - jedoch auf eine ungewöhnlich schmerzliche Weise. Valentin sagte nichts, aber er zog seinen Stuhl dicht zu Frau Peckover heran, wandte sein Gesicht ab, damit es von niemandem bemerkt werden sollte, nahm ihre Hand in eine der seinigen und klopfte sie sanft mit der andern. Hierauf sahen sie alle in derselben Stimmung, und wie es schien, mit demselben Gefühl nach dem Garten.

»Würde ich zu viel verlangen, Frau Peckover«, sagte Frau Joyce nach langem Stillschweigen, »wenn ich mich erkundigte, worin der Unfall bestand, welcher das arme kleine Wesen so unglücklich machte? Ich weiß, dass sich davon ein Bericht auf dem Zettel des Zirkus befindet, aber -«

»Ich denke, meine Liebe«, wandte der Rektor ein, sich an seine Frau wendend, »dass es kaum denkbar ist, von Frau Peckover eine Erfüllung Deines Wunsches zu erwarten. Sie hat sich schon einmal für unsere Neugierde aufgeopfert, um jetzt noch von ihr zu verlangen, dass sie zum zweiten Male Erinnerungen wiederhole, welche sie sicherlich betrüben müssen.«

»Es ist mehr als betrübend, nur an jenen schrecklichen Unfall zu denken«, sagte Frau Peckover, »und besonders, da ich nicht umhin kann, mir selbst einigermaßen die Schuld davon beizumessen. Wenn die Dame aber zu wissen wünscht, wie es zuging, so will ich es ihr gern erzählen.

Zuerst muss ich Ihnen sagen, dass es mir mit der kleinen Marie während der ersten sechs Jahre ihres Lebens weit besser erging, als ich jemals gedacht hatte. Sie wuchs so hübsch heran, dass sie vornehme Leute immer beachteten und sich nach ihr erkundigten, und beinah an jedem Orte, wo der Zirkus sich hinwandte, machte man ihr Geschenke, welche reichlich dazu beitrugen, sie zu ernähren und zu kleiden. Und auch unsere eignen Leute schmeichelten ihr und liebten sie. Diese ganzen sechs Jahre verstrichen für uns so angenehm, wie es nur immer sein konnte; es war nur erst, als sie beinah sieben Jahr alt war, dass ich gottlos und töricht genug war, meine Einwilligung zu ihrer Teilnahme an unsern Aufführungen zu geben.

Man setzte mir arg zu und quälte mich, bis ich einwilligte. Jubber sagte zuerst, er wünschte, dass sie im Zirkus mitritte, worauf ich jedoch »nein« sagte, obgleich ich mich in jenen Tagen schrecklich vor ihm fürchtete. Bald darauf aber kam Jemmy zu mir, der damals noch nicht Clown war, und sagte, er fürchte, er würde seine Stelle verlieren, wenn ich nicht wegen der kleinen Marie nachgäbe. Das machte mich sehr stutzig, denn ich wusste nicht, was wir hätten anfangen sollen, wenn mein Mann aus seinem Engagement gekommen wäre. Und außerdem bestand das arme liebe Kind selbst wie wahnsinnig darauf, auf dem Pferde in der Luft zu schweben, da sie immer bat und flehte, man möchte eine kleine Reiterin aus ihr machen. Alle die Übrigen im Zirkus plagten mich und lachten mich aus und mit einem Worte, ich gab zuletzt gegen mein Gewissen nach, aber ich konnte nicht anders.

Dennoch machte ich die Bedingung, dass sie nur dem solidesten, nüchternsten Manne und dem besten Reiter von der ganzen Gesellschaft anvertraut werden sollte. Auf den Zetteln wurde er »Muley« genannt, und man bemalte sein Gesicht, damit er wie ein Türke oder etwas dem ähnlichen aussehen sollte, aber sein wirklicher Name war »Yapp«,und auf seine Weise war er ein sehr guter, vorsichtiger Mann und selbst Familienvater. Er und Jubber erdachten zusammen den Plan, dass er einen Sohn der Wildnis vorstellen sollte, welcher, um sein Leben zu retten, mit der kleinen Marie als seinem einzigen Kinde aus der Wüste entfloh. Man färbte ihr Gesicht dunkel, damit es dem seinigen ähnlich sehen sollte, und legte ihr ein ausländisches weißes Kleid an, schnallte einen roten Gürtel um ihre Taille, an welchem sich eine Handhabe befand, an der sie Yapp festhalten konnte. Nachdem er zuerst dem Publikum hatte den Glauben beibringen müssen, dass er und das Kind in Gefahr wären, gefangen und erschossen zu werden, sollte er ihm nachher begreiflich machen, dass sie der Gefahr glücklich entronnen waren; er sollte sie im Triumphe mit ausgestreckten Armen in die Höhe heben, indem er während der ganzen Zeit immer im Zirkus herumgaloppierte. Er war ein fürchterlich starker Mann und konnte es so leicht ausführen, wie ich dieses Stückchen Pflaumenkuchen zu Munde führe.

Die arme liebe Kleine, sie überwand bald die erste Furcht bei der Aufführung und sehnte sich fast wahnsinnig nach derselben, was ich niemals gern sah, weil es ihrer Natur nicht zusagte. Yapp sagte, sie hätte das Herz eines Löwen und würde einst die schönste Reiterin auf der Welt werden. Ich war sehr unglücklich darüber und verbrachte eine sehr traurige Zeit, da ich immer ein Unglück befürchtete. Eines Abends - sie war ein wenig über sieben Jahr alt -

O verehrte Frau! Wie ich diese fürchterliche Nacht überlebte, weiß ich nicht. Ich war ein sündhaft elendes .Geschöpf, nicht lieber verhungert zu sein, als das Kind einer solchen Gefahr auszusetzen, aber ich wurde so arg in Versuchung geführt und dazu verleitet, Gott weiß es. Achten Sie nicht auf mein Weinen, ich will schon sehen, wie ich es zu Ende bringe. Der Halter - nein, ich meine die Handhabe, die Handhabe an dem Halter, ließ plötzlich los, gerade zuletzt, gerade im schlimmsten Augenblicke, wo er sie nicht auffangen konnte! -

Niemals, o niemals, niemals, werde ich diesen fürchterlichen Angstschrei vergessen, welcher von sämtlichen Zuschauern ausgestoßen wurde, sowie den Anblick des erblassten kleinen Wesens, welches bewusstlos, totenstill auf den Brettern lag. Es war an jenem Abend nicht so voll wie gewöhnlich, und sie fiel auf einen leeren Platz zwischen den Bänken. Ich wurde von den Pferden, als ich zu ihr laufen wollte, niedergeworfen - ich war ganz von Sinnen - und wusste nicht, wohin ich ging - Yapp war unter die Pferde gefallen und hatte sich arg verletzt, indem er sie aufzufangen versuchte. - Die Pferde liefen wild im Zirkus herum - fast wie toll von dem Lärm, welcher sie rings umgab. Ich versuchte mich wieder aufzurichten, viele Leute rannten an mir vorbei und ich sah, wie mein unschuldiger Liebling weggetragen wurde. Ich fühlte, wie man mich mit den Händen zurückziehen wollte, aber ich stahl mich weg und gelangte mit den Übrigen ins Vorzimmer.

Da lag sie - meine eigne, liebe, kleine Marie, deren armen Mutter ich versprochen hatte, für sie zu sorgen, blass und still auf einem alten Koffer und mein zusammengerollter Mantel diente ihr als Kopfkissen. Eine Masse. Leute und ein Doktor, der ihren Kopf genau untersuchte, standen um sie herum. Und Yapp unter ihnen, von zwei Leuten gehalten, mit einem ganz von Blut beflecktem Gesichte. Ich war weder im Stande zu sprechen noch mich zu bewegen; ich fühlte nicht einmal, dass ich noch atmete, bis der Doktor aufhörte und sich umsah. Da aber durchrieselte uns alle zusammen ein mächtiger Schauder, wie wenn wir nur eine statt zwanzig und mehr Personen gewesen wären.

»Sie ist nicht tot«, sagte der Doktor, »ihr Gehirn hat nicht gelitten«, weiter hörte ich nichts. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ehe ich wieder zum Bewusstsein kam und einen tiefen Schmerz im Herzen fühlte. Ich lag auf dem Bette unsrer Wirtin und Jemmy hielt mir ein Riechfläschchen vor. »Man hat sie zu Bette gebracht«, sagte er zu mir, »und der Doktor richtet ihren Arm wieder ein.« Ich konnte mich nicht gleich recht besinnen, aber als ich es tat, war mir es, als wenn ich das -fürchterliche Unglück noch einmal erlebte.

Es dauerte eine lange Zeit, bevor einer von uns entdeckte, was sich in der Wirklichkeit zugetragen hatte. Die Verletzung ihres Armes, sagte der Doktor, hätte ihren Kopf gerettet, welcher nur leicht verwundet und ein wenig gequetscht wäre; nicht halb so schlimm, als man befürchtete. Tag für Tag und Nacht für Nacht saß ich vor ihrem Bette, sie in ihrem Fieber tröstend und den Schmerz an ihrem geschienten Arme lindernd; ich vermutete niemals - ebensowenig wie er selbst - das schreckliche Unglück, welches sich ereignet hatte. Sie war bei frühern leichten Krankheiten immer wunderbar ruhig und still, das arme Lamm, und so kam es, dass ich mich zuerst nicht wunderte, wenn sie niemals ein Wort sagte und mir niemals antwortete, wenn ich mit ihr sprach.

Dies dauerte fort, obgleich ihr körperliches Wohlbefinden sich besserte; ihre Augen aber nahmen einen sonderbaren Blick an. Sie schienen immer umher zu wandern und scheu in einer verworrenen Weise nach einem oder dem andern Dinge hinzustarren. Sie fing auch an, ihren Kopf unruhig von der einen Seite des Kissens nach der andern zu wälzen, gab dann und wann eine Art von Murmeln und Summen von sich, schien aber sich dennoch niemals um irgendetwas zu bekümmern oder irgendetwas zu beachten, was ich zu ihr sagte. Eines Tages wärmte ich ihr eine Tasse Tee und hörte ganz plötzlich und ganz deutlich folgende Worte aus der Richtung kommen, wo sie in der Stube lag -»Warum seid ihr immer so ruhig hier? Warum spricht nicht Jemand mit mir?«

Ich wusste, dass zur Zeit keine andere Seele in dem Zimmer war als das arme Kind, und dennoch war die Stimme, welche jene Worte sprach, derjenigen der kleinen Marie so unähnlich als meine Stimme, mein Herr, der Ihrigen. Sie klang so heiser und leise, so tief und schwach; es war die sonderbarste auffallendste Stimme, die ich jemals von einem Kinde hörte, welches vorher stets so deutlich und hübsch zu sprechen pflegte. Wenn ich nur meine Worte besser setzen und Ihnen, verehrte Frau, einen gehörigen Bericht darüber abstatten könnte, aber das kann ich nicht. Ich weiß, der Klang dieser Worte erschreckte mich so, dass ich den Tee umwarf und in meiner Angst nach dem Bette zurücklief. »Nun Marie! Marie!« sage ich ganz laut, »bist Du denn schon wieder so wohl, dass Du Herrn Jubbers rauhe Stimme nachzuahmen versuchst?«

Derselbe staunende Blick war in ihren Augen, - nur wilder, als ich ihn je vorher gesehen hatte - während ich mit ihr sprach. Hierauf sagte sie in derselben sonderbaren Weise: »Sprich laut Mutter, ich kann Dich nicht hören, wenn Du so leise flüsterst.« Sie brauchte so lange, um diese Worte zu sagen, und stümperte so sehr daran, als wenn sie gerade erst anfinge sprechen zu lernen. Ich glaube, damals war es, wo ich die erste Vermutung von dem großen Unglücke hatte, das sie wirklich betroffen. »Marie!« rief ich so laut aus, wie ich konnte, »Marie! Kannst Du mich jetzt nicht hören?« Sie schüttelte mit ihrem Kopfe und starrte mich wieder mit dem starren verwunderten Blick an, dann schien sie plötzlich eigensinnig und ungeduldig zu werden - es war das erste Mal, dass ich sie so sah - und verbarg ihr Gesicht vor mir in dem Kissen. Gerade in diesem Augenblicke trat der Doktor herein. »O mein Herr«, sagte ich ihm zuflüsternd, gerade wie wenn ich nicht vor einer Minute erst entdeckt hätte, dass sie mein lautestes Schrein nicht hören könnte »ich fürchte, dass es mit ihrem Gehör nicht ganz in Ordnung ist.« »Haben Sie das nur erst seit jetzt vermutet?« fragte er, »ich habe dies schon seit einigen Tagen befürchtet, aber ich hielt es für das Beste, noch nichts davon zu sagen, bis ich sie untersucht hätte; und das arme Kind ist kaum wohl genug, um mit Experimenten an seinen Ohren geplagt zu werden.« »Sie ist weit besser«, sage ich, »sie ist wirklich heute weit besser, mein Herr! Bitte, untersuchen Sie sie jetzt, denn es ist fürchterlich, einen Augenblick länger als nötig darüber in Zweifel zu sein.«

Er trat an ihr Bett und ich folgte ihm. Sie lag mit ihrem Gesicht von uns abgewendet, mit ihrem Kopf auf dem Kissen, geradeso, wie ich sie verließ. Der Doktor sagte zu mir: »Stören Sie sie nicht und lassen Sie sie nicht im Zimmer herumsehen, so dass sie uns erblicken kann - ich werde sie rufen.« Und er rief zweimal laut »Marie!«, sie rührte sich nicht. Als er das Experiment zum dritten Male anstellte, schrie er so laut, dass die Wirtin herauf kam, weil sie dachte, es hätte sich irgendetwas ereignet. Ich sah über seine Schulter und bemerkte, dass das liebe Kind sich nicht im Geringsten bewegt hatte. »Das arme kleine Wesen«, sagte der Doktor ganz bekümmert, »das ist schlimmer, als ich erwartete. Er beugte sich nieder und berührte sie, während er dies sagte, und sie drehte sich sogleich um und streckte ihm ihre Hand entgegen, damit er wie gewöhnlich ihren Puls fühlen könne. Ich versuchte es, mich vor ihr zu verbergen, denn ich weinte und wünschte nicht, dass sie es bemerken sollte, aber sie war zu gewitzt für mich. Sie sah mir, der Wirtin und dem Doktor starr ins Gesicht; der letztere sah niedergeschlagen genug aus, denn er hatte sie sehr lieb gewonnen, wie auch jeder andere, der öfters in die Nähe der kleinen Marie kam.

»Was geht hier vor?« sagte sie wieder mit derselben Stimme. »Warum sprechet Ihr nicht laut, so dass ich es hören kann -« und dann hielt sie an, anscheinend in hilfloser Angst und Verwirrung. Sie versuchte sich im Bette aufzusetzen und ihr Gesicht wurde über und über rot.

»Kann sie Geschriebenes lesen?« fragte der Doktor. »O ja, mein Herr!« sage ich, sie kann prächtig lesen und schreiben für ein Kind ihres Alters; mein Mann hat es ihr gelehrt.« »Bringen Sie mir sogleich Tinte, Feder und Papier«, sagte er zur Wirtin, die sogleich ging und ihm das gewünschte brachte. »Wir müssen sie auf alle Fälle beruhigen«, sagte der Doktor, »oder sie wird sich so sehr aufregen, dass sie einen andern Fieberanfall bekommt. Sie fühlt, was mit ihr vorgegangen ist, aber sie versteht es noch nicht, und ich will es ihr vermittelst dieses Papiers sagen. Es ist gefährlich«, sagte er, in großen Buchstaben niederschreibend: »Du bist taub«, »aber ich muss sogleich jedes Experiment mit ihrem Gehör versuchen, und dies wird sie darauf vorbereiten.« Er trat an ihr Bett und hielt ihr das Papier vor die Augen.

Beim Anblick dieser Worte sank sie zurück auf das Kissen, so still wie der Tod, aber sie weinte nicht und ich möchte sagen, sie sah mehr verlegen und erstaunt als betrübt aus. Sie atmete aber fürchterlich schnell -ich-fühlte dies, als ich mich niederbeugte und sie küsste. »Sie ist zu jung«, sagte der Doktor, »um die Größe ihres Unglücks ganz zu begreifen. Bleiben Sie hier und beruhigen Sie sie, bis ich zurückkomme, denn ich hoffe, dieser Fall ist noch nicht ganz hoffnungslos.« »Aber was in aller Welt hat sie taub gemacht, mein Herr?« fragte die Wirtin. »Die Erschütterung von jenem Falle im Zirkus«, sagte er eiligst fortgehend. Ich dachte meinen Kopf niemals wieder in die Höhe richten zu können, als ich diese Worte hörte, und presste die kleine Marie heftig an mich.

Der Doktor kam zurück und machte zuerst Einspritzungen in ihr Ohr, leider aber ohne Erfolg; dann legte er ihr eine spanische Fliege und hierauf setzte er ihr Blutegel an, aber auch dies war umsonst. »Ich befürchte, es ist ein hoffnungsloser Fall«, sagte er, »aber ich kenne einen Arzt, der mehr Praxis unter Ohrenkranken hat als ich, und der jede Woche von seinem Wohnorte nach unserm Krankenhause kommt. Morgen trifft er ein, und da will ich ihn mit hierher bringen.«

Tags darauf erschien der versprochene Arzt, ein liebevoller alter Herr. »Ich befürchte, Sie müssen nach dem, was ich von meinem Freunde hier erfahren habe, sich auf das Schlimmste vorbereiten«, sagte er zu mir, »denn ich glaube nicht, dass hier viel Hoffnung vorhanden ist.« Dann trat er an das Bett, betrachtete sie lange und sagte zu ihr: »Du hörst es nicht, wenn ich Dir sage, dass Du das schönste kleine Mädchen bist, das ich jemals in meinem Leben sah?« Sie betrachtete ihn verwirrt und blieb ganz still. Er sprach nicht wieder mit ihr, aber er sagte zu mir, dass ich sie auf dem Bette herumdrehen sollte, damit er zu einem ihrer Ohren gelangen könnte.

Er nahm inzwischen einige Instrumente heraus und führte sie in ihr Ohr, aber so vorsichtig, dass er ihr durchaus nicht weh tat. Dann sah er durch ein sonderbares Vergrößerungsglas (einen Ohrenspiegel) hinein. Ebenso machte er es mit dem andern Ohre, darauf legte er die

Instrumente nieder und nahm seine Uhr heraus. »Schreiben Sie auf ein Stück Papier«, sagte er zu dem andern Doktor: »Hörst Du die Uhr gehen?« Als dies geschehen war, machte er der kleinen Marie durch Zeichen begreiflich, ihren Mund zu öffnen, und steckte so viel von seiner Uhr hinein, wie zwischen ihre Zähne gehen wollte, während der andere Doktor ihr das Papier vorhält. Als er die Uhr wieder herausnahm, schüttelte sie ihren Kopf und sagte »Nein!« in demselben sonderbaren Tone wie immer. Der alte Herr sprach kein Wort, als er die Uhr wieder in seine Tasche steckte, aber ich sah an seinem Gesichte, dass er überzeugt war, es wäre ganz mit ihrem Gehör vorüber.

»O, bitte, versuchen Sie etwas für sie zu tun, mein Herr!« sagte ich, »o, um des Himmels willen, geben Sie sie nicht auf!« »Meine liebe Seele«, entgegnete er, »Sie müssen ihr ein Beispiel der Fröhlichkeit geben und versuchen, sie bei guter Laune zu erhalten - das ist alles, was jetzt für sie getan werden kann.«

»Die Erschütterung jenes Falles«, fuhr er fort, »hat meiner Meinung nach den Gehörnerven bei ihr gelähmt. Das arme Kind ist glücklicherweise noch zu jung, um viel geistiges Elend bei ihrem körperlichen Unglück zu erleiden. Versuchen Sie sie zu amüsieren und lassen Sie sie sprechen, wenn es Ihnen möglich ist - obgleich ich dies sehr bezweifele.«

»Haben Sie nicht schon bemerkt, dass sie ungern spricht und dass, wenn sie spricht, ihre Stimme verändert ist?« Ich sagte ja und frug ihn, ob der Fall mit daran schuld wäre. Er antwortete, der Fall habe sie, wie man es nennte, stocktaub gemacht, und dies verhindere sie, den Ton ihrer eignen Stimme zu hören; sie könnte nicht im Geringsten wissen, ob die wenigen Worte, welche sie spräche, leise oder laut, dumpf oder deutlich gesprochen würden. »Was das arme Kind selbst anbetrifft«, sagte er, »so könnte sie ebenso gut die Stimme entbehren, denn nur ihr Gedächtnis allein kann ihr sagen, dass sie eine hat.«

Ich brach in lautes Weinen aus, als er das sagte, denn so etwas Schreckliches hatte ich mir doch nicht vorgestellt. »Ich habe mich ein wenig übereilt, indem ich Ihnen das Schlimmste sagte, nicht wahr?« fragte der alte Herr gütig, »aber ich musste Sie belehren, wie Sie es anfangen sollten, dem Unglücke, des Kindes halber, in seiner ganzen Ausdehnung entgegen zu treten, dessen künftiger Trost und dessen Glück größtenteils von Ihnen abhängen.« Und dann schärfte er mir ein, Sorge zu tragen, dass sie ihr Lesen und Schreiben nicht vernachlässige, und sie mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu zwingen, sich ihrer Stimme zu bedienen. Er sagte mir, dass sie von Tag zu Tag eine größere Abneigung gegen das Sprechen bekommen würde, gerade weil sie weder ein einziges Wort, das sie spräche, noch einen einzigen Ton ihrer eignen Stimme hören könnte. Er machte mich darauf aufmerksam, dass sie schon jetzt den Wunsch und das Bedürfnis zum Sprechen verlieren, und dass es ihr bald nachher unbedingt Schmerzen bereiten würde, wenn man sie nur zwingen wolle, einige Worte zu sprechen, aber er versuchte und bat mich, meine Vorsicht nicht durch meine Gutmütigkeit besiegen zu lassen, - denn wenn ich dies täte, würde sie ganz sicherlich ebensowohl stumm als taub werden. »Behandeln Sie sie daher in dieser Hinsicht streng, die arme kleine Seele, es wird zu ihrem eignen Besten sein.«

Er konnte dies wohl leicht sagen, aber mir war dies fast gänzlich unmöglich. Das liebe Kind, verehrte Frau, schien sich an sein Unglück zu gewöhnen, ausgenommen, wenn wir sie quälten, dass sie sprechen sollte. Es war der traurigste, schönste Anblick auf der Welt, denn ach wie geduldig und wacker ertrug sie vom ersten Augenblick an ihr hartes Los. Als ihr Gesundheitszustand sich besserte, setzte sie mit mir und meinem Manne ihr Lesen und Schreiben ganz sorgfältig fort und ihre ganze liebliche, angeborne Heiterkeit kam wie früher zurück. Und so ist sie seither immer gewesen. - Gott segne sie! Wenn man sie nur freundlich behandelt, so ist sie trotz ihres Unglückes das heiterste, glücklichste kleine Wesen, das man sehr leicht zufriedenstellen kann. -

Ich sah niemals eine Träne in ihren Augen, außer wenn wir sie zum Sprechen zwangen, dann weinte sie immer und war den ganzen Tag über mürrisch und verdrießlich. Es schien schon fürchterlich schwierig und schmerzhaft für sie zu sein, wenn sie nur zwei oder drei Worte sagen sollte. Mein Mann hörte zuerst auf, sie mit Sprechen zu plagen. Er übte Lesen und Schreiben mit ihr, aber ließ ihr in jeder andern Hinsicht ihren eignen Willen und lehrte sie zum Zeitvertreib allerlei Kunststücke, und dies war ein gutes Mittel, ihren Eifer im Lesen und Schreiben aufrecht zu erhalten, da sie natürlich alles, was sie sich einander mitzuteilen hatten, auf eine kleine Schiefertafel schreiben musste, die wir ihr kauften, sobald sie wieder wohl wurde.

Es war Maries eigne Idee, die Schiefertafel immer an ihrer Seite hängen zu haben. Sie hielt sie für ein prächtiges Spielzeug und war sehr stolz darauf. Jemmy, der in solchen Sachen bewandert war, machte ihr einen niedlichen Rahmen von rotem Saffian dazu und veranlasste unsern Requisiteur, denselben mit einem glänzenden goldenen Streifen einzufassen, worauf wir sie ihr an einer kleinen seidenen Schnur umhingen - gerade, wie Sie es jetzt sehen, verehrte Frau!

Ich fuhr ein wenig länger fort, sie zum Sprechen anzuhalten als mein Mann, aber zuletzt gab ich auch nach. Ich weiß, dass es unrecht und egoistisch von mir war, aber ich befürchtete, sie würde mich nicht mehr so gut leiden können wie früher, und würde sich mehr an Jemmy als an mich gewöhnen, wenn ich damit fortführe. Ach wie glücklich war sie am ersten Tage, als ich auf ihre Tafel schrieb, dass ich sie nicht mehr mit dem quälen wollte! Sie sprang auf meinen Schoß und küsste mich wohl tausendmal von ganzem Herzen. Den übrigen Teil des Tages lief sie im Zimmer und im ganzen Hause umher wie ein tolles Ding, und als Jemmy abends von der Vorstellung nach Hause kam, stieg sie aus ihrem Bette und fing an mit ihm hernmzutanzen, auf seinem Rücken zu reiten und ahmte die närrischen Gesichter nach, welche sie ihn im Zirkus hatte schneiden sehen. Ich glaube, mein Herr, das war der erste wirklich glückliche Abend, den wir seit der fürchterlichen Zeit, wo sie ihren Unfall erlitt, alle zusammen verlebten.

Vielleicht mein Herr, wünschen Sie zu erfahren, wie sie zum ersten Male dazu kam, ihre Kartenkunststücke im Zirkus zu zeigen. Hierbei war keine Gefahr, das weiß ich - und dennoch würde ich fast alles darum gegeben haben, wenn sie nicht so zur Schau gestellt würde, wie es jetzt geschieht. Es wurde mir aber wieder auf die gemeinste, schändlichste Weise gedroht - ich kann es kaum in der Gegenwart solcher Herren sagen - Jubber, müssen Sie wissen -«

Gerade als Frau Peckover mit sehr schmerzlichem Zaudern die letzten Worte aussprach, schlug die Uhr im Hause des Rektors zwei. Sie hörte es und hielt sogleich inne.

»O, mein Herr, Sie entschuldigen! Schlug es jetzt nicht zwei Uhr?« frug sie und sprang bestürzt auf.

»Ja, Frau Peckover«, sagte der Rektor, »aber nachdem wir Ihnen durch Ihre Erzählung zu so vielem Danke verschuldet sind, können wir unmöglich daran denken, dass Sie und die kleine Marie uns schon verlassen.«

»Wir müssen aber wirklich gehen, mein Herr, und danken Ihnen vielmals, dass Sie uns noch länger bei sich behalten wollen«, erwiderte Frau Peckover. »Ich sagte Herrn Blyth, als ich hierher kam, dass ich mich unter dem Vorwande hierher gestohlen hätte, mit der kleinen Marie spazieren zu gehen. Wenn wir um zwei Uhr zum Mittagsbrot im Zirkus nicht zurück sind, so weiß ich nicht, was Jubber tun könnte. Er ist der grausamste Tyrann - Herr Blyth wird Ihnen sagen, wie schändlich er das arme Kind gestern Abend behandelt hat - wir müssen gehen, mein Herr, ihrethalben, oder sonst -«

»Warten Sie!« rief Valentin und zog Frau Peckover auf ihren Stuhl zurück, »warten Sie! - Ich muss sprechen, Doktor, wenn Sie auch mit dem Kopfe schütteln und die Stirn runzeln - ich muss sprechen, oder ich müsste verrückt werden! Sie sollen nicht aufstehn, Frau Peckover, Sie dürfen jenes kleine Engelskind niemals wieder mit zu Jubber nehmen - nein, niemals! Beim Himmel! Wenn ich mir denken könnte, dass er sie jemals wieder berührte, ich würde wahnsinnig werden und ihn ermorden! - Lassen Sie mich zufrieden, Doktor! Ich bitte um Verzeihung wegen meines ungebührlichen Betragens, Frau Joyce. Seien Sie alle ruhig! Ich nehme das Kind mit mir nach Hause - o Frau Peckover, bitte, sagen Sie nicht »nein«! Ich will sie immer glücklich machen. Ich habe kein eigenes Kind; ich will über sie wachen, sie lieben und sie, so lange ich lebe, unterrichten. Ich habe eine arme, leidende, bettlägerige Frau zu Hause, welche eine solche Gefährtin wie die kleine Marie als den größten Segen betrachten würde, den ihr Gott senden könnte. Helfen Sie mir, Doktor - bitte, sprechen Sie sogleich mit Frau Peckover, wenn Sie nicht wollen, dass ich mein ganzes Leben lang elend sein soll!«

Mit diesen Worten stürzte Valentin hastig in den Garten und eilte gerade nach der Stelle, wo die kleinen Mädchen noch zusammen auf ihrem schattigen Ruheplatze unter den Bäumen saßen.

Die Frau des Clowns hatte während Herrn Blyths Anreden, Ausrufungen und Bitten ganz blass und still gesessen. Sie schien nach seiner Entfernung ganz außer Stande zu sprechen und sah sich nur sehr bestürzt nach dem Doktor um.

»Bitte, Frau Peckover. beruhigen Sie sich«, sagte Doktor Joyce, »und schenken Sie dem, was ich im Begriff bin, Ihnen mitzuteilen, gütigst Ihre Aufmerksamkeit. Vor allen Dingen will ich Sie bitten, Herrn Blyths sonderbares Betragen zu entschuldigen, das Sie erschreckt und erstaunt hat. Er hat eine ungewöhnlich erregbare Natur, die ihn oft verwirrt macht, aber ich kann Sie versichern, dass er es ehrenhaft und aufrichtig in allem meint, was er sagt. Sie werden dies besser verstehn, wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen ruhig den Vorschlag auseinanderzusetzen, welchen er soeben so unverhofft und so verwirrt in seinen eigenen Worten gemacht hat.«

»Einen Vorschlag, mein Herr!« rief Frau Peckover leise aus, erschreckter als zuvor aussehend »einen Vorschlag! O, mein Herr! Sie wollen doch nicht etwa von mir verlangen, dass ich mich von meiner kleinen Marie trennen soll?«

»Ich will von Ihnen nicht verlangen, was Ihr eigener guter Verstand und Ihr gütiges Herz missbilligen mag. Mein Freund, Herr Blyth, fühlt eine solche Zuneigung zu Ihrer kleinen Marie und einen solchen Wunsch, ihr in ihrem großen Unglücke zu helfen, dass er sie zu sich und als seine eigene Tochter annehmen will.«

»Verlangen Sie nicht von mir, dass ich dazu »ja« sage, mein Herr!« bat Frau Peckover mit Tränen in ihren Augen. »Verlangen Sie alles andere von mir, um meine Dankbarkeit für Ihre Güte gegen uns zu beweisen, aber wie kann ich mich von meiner kleinen Marie trennen? Sie können das Herz nicht haben, das von mir zu verlangen!«

»Ich habe ein Herz, Frau Peckover, um den tiefen Schmerz zu empfinden, welchen Sie bei der bloßen Idee, sich von dem Kinde zu trennen, fühlen müssen, aber gerade des Kindes halber muss ich Sie nochmals bitten, Ihre Gefühle zu beherrschen. Und noch mehr als das, ich muss Sie bei der Liebe, die Sie für dasselbe fühlen, bitten, dem Ihnen im Namen des Herrn Blyth gestellten Antrage ein williges Gehör zu schenken.«

»Ich würde es ja gern tun, wenn ich nur könnte, mein Herr - aber gerade weil ich es so sehr liebe, kann ich es nicht! Außerdem ist Herr Blyth mir ein vollkommener Fremder.«

»Ich lasse diesen Einwurf Ihrerseits gelten, Frau Peckover, aber erlauben Sie mir, Ihnen ans Herz zu legen, dass ich mich nach einer Erfahrung von zwanzig Jahren für die Rechtlichkeit seines Charakters und die Ehrlichkeit seiner Absichten verbürgen kann. Sie könnten hierauf antworten, dass ich ebenfalls ein Fremder bin, aber ich bitte Sie, meine Würde und meine Stellung als die besten Beweise annehmen zu wollen, dass ich Ihres Vertrauens nicht unwürdig bin. Wenn Sie die kleine Marie zu ihrer Belehrung in ein Taubstummen-Institut schicken, so werden Sie ebenfalls unbedingtes Vertrauen in den Vorstand einer solchen Anstalt setzen müssen.«

»O mein Herr! denken Sie nicht, dass ich Ihnen nicht trauen will - Ihnen, der Sie so freundlich und gütig gegen uns gewesen sind - und noch dazu einem Geistlichen -«

»Ich will Ihnen offen und ehrlich sagen«, unterbrach sie der Rektor, »was für Vorteile Herrn Blyths Vorschlag für das Kind in Aussicht stellt. Er hat keine eigene Familie und seine Frau, die arme Dame, ist, wie er es Ihnen schon angedeutet hat, für ihr ganzes Leben dem Siechtum verfallen. Wenn Sie nur die Sanftmut und die Geduld sehen könnten, mit der sie ihr Leiden erträgt, dann würden Sie einsehen, dass die kleine Marie von niemandem mit freundlicherm Herzen bewillkommt werden könnte als von Madam Blyth. Obgleich Herr Blyth keineswegs ein reicher Mann ist, so befindet er sich doch in einer unabhängigen Lage und kann ihr alle Bequemlichkeiten des Lebens bieten.«

»Sprechen Sie nicht weiter, mein Herr, Sie würden mir das Herz brechen, wenn ich mich von ihr trennen sollte.«

»Sie werden es mir später Dank wissen, Frau Peckover, dass ich Ihre Standhaftigkeit so auf die Probe stelle, wie ich es jetzt tue. Hören Sie mich ein wenig länger an, damit ich Ihnen die Bedingungen, welche Herr Blyth vorschlägt, mitteilen kann. Er will nicht nur gestatten, sondern wünscht sogar sehr - wenn Sie das Kind seiner Sorgfalt anvertrauen - dass Sie, so oft sie wollen, Zutritt zu ihm haben sollen. Er will seine Adresse in London bei Ihnen zurücklassen und stets aus Gründen, die ebenso ehrenwert für Sie als für ihn selbst sind, Ihre Reisekosten bestreiten, so oft Sie das Kind zu sehen wünschen. Er will stets Ihr älteres Recht auf Ihre Liebe und seine Pflichten gegen Sie anerkennen, Ihnen jede Erleichterung bieten, welche in seiner Macht steht, dass Sie stets mit ihr korrespondieren können; und wenn das Leben, welches sie in seinem Hause führt, ihr nur im Geringsten nicht zusagt, so verpflichtet er sich - wenn Sie es beide wünschen, sie Ihnen zurückzugeben. Dies sind die Bedingungen, Frau Peckover, welche er vorschlägt, und ich kann Ihnen aufs Feierlichste auf meine Ehre als Geistlicher und Gentleman beteuern, dass er die genaue Erfüllung einer jeden dieser Bedingungen heilig halten wird.«

»Ich sollte sie gehen lassen, mein Herr - ich zeigte dadurch, wie dankbar ich für Herrn Blyths Großmut bin, aber wie kann ich es, da ich sie so lange als mein eigenes Kind betrachtet habe? O verehrte Frau, legen Sie ein gutes Wort für mich ein! Ich scheine zu selbstsüchtig, weil ich sie nicht hingeben will. Bitte, legen Sie ein gutes Wort für mich ein!«

»Wollen Sie mich statt dessen ein Wort für die kleine Marie sagen lassen?« erwiderte Frau Joyce. »Wollen Sie bedenken, dass Herrn Blyths Vorschlag ihr einen sichern Schutz bietet gegen jenen unmenschlichen Schurken, welcher sie schon gemisshandelt hat und noch oft misshandeln wird, ohne dass Sie es verhindern, bitte, bedenken Sie das, Frau Peckover!«

Die arme Frau zeigte durch einen neuen Tränenstrom, wie schmerzlich ihr dieser Gedanke war.

»Halten Sie uns nicht für unbedacht und gefühllos«, sprach der Rektor, »wenn wir Ihnen Herrn Blyths Anerbieten so dringend empfehlen. Wir halten es aufrichtig für unsere Pflicht, zu Mariens Besten so zu handeln. Denken Sie nur über ihre Lage nach, wenn sie im Zirkus bleibt und heranwächst! Würde Ihre ganze wachsame und bewunderungswürdige Güte hinreichend sein, sie vor Gefahren zu beschützen, auf welche ich kaum anzuspielen wage? Vergegenwärtigen Sie sich den Tag, an welchem die kleine Marie zur Jungfrau wird herangereift sein, und ich will es verantworten, Frau Peckover, dass Sie dem wichtigen Anerbieten meines Freundes volle Gerechtigkeit haben widerfahren lassen.«

»Ich weiß, es ist ganz wahr, mein Herr, ich weiß, dass ich ein undankbares, selbstsüchtiges Geschöpf bin - aber geben Sie mir nur ein wenig Zeit zum Nachdenken.«

Doktor Joyce war gerade im Begriff, seinen Stuhl dichter zu Frau Peckover heranzuziehen, bevor er antwortete, als die Tür aufging und der ehrenhafte Vance leise in das Zimmer trat und auf einen zornigen Blick des Rektors sprach:

»Ich bitte um Verzeihung, mein Herr! Aber hier wartet ein Mann im Vorsaal, welcher aussagt, er käme wegen eines wichtigen Geschäftes und müsste Sie sogleich sprechen.«

»Wer ist es, und wie heißt er?«

»Er nennt sich Jubber, mein Herr.«

Frau Peckover sprang mit einem lauten Schrei von ihrem Stuhle auf: »Bitte, mein Herr, lassen Sie ihn, um Gottes Barmherzigkeit willen, ja nicht in den Garten kommen, wo die kleine Marie ist! O, was soll ich tun! O, barmherziger Himmel! Was soll ich tun?« jammerte sie.

»Überlassen Sie alles mir und setzen Sie sich wieder nieder«, sagte der Rektor gütig. Dann wandte er sich an Vance: »Führen Sie Herrn Jubber in das Garderobezimmer und sagen Sie, ich würde sogleich bei ihm sein.«

»Nun, Frau Peckover«, fuhr Doktor Joyce in der ruhigsten Weise fort, »ehe ich diesen Mann spreche, habe ich Ihnen drei wichtige Fragen vorzulegen. Zuerst, waren Sie gestern Abend Zeuge, als er das Kind so grausam misshandelte?«

»O wahrhaftig, mein Herr! Er hat sie auf die grausamste Weise mit einem Stocke geschlagen.«

»Sehr wohl, nun sagen Sie mir, ob Sie oder Ihr Mann irgendeinen Kontrakt - oder irgendein Dokument unterzeichnet haben, welches jenem Manne ein Recht verleiht, dieses Kind als eines der Mitglieder seiner Gesellschaft zu fordern?«

»Nein, mein Herr! Das habe ich niemals in meinem Leben getan. Jubbcr würde sich für beleidigt halten, wenn er mit einer solchen Person wie mit mir oder mit Jemmy wegen eines Kindes einen Kontrakt unterzeichnen sollte.«

»Immer besser, meine dritte Frage bezieht sich auf die kleine Marie selbst. Ich will es unternehmen, es diesem Schuft unmöglich zu machen, je wieder Hand an sie zu legen, aber ich kann dies nur unter einer Bedingung tun, welche nur Sie allein erfüllen können.«

»Ich will alles tun, was Sie verlangen, mein Herr, um sie zu retten, ich will es wahrhaftig.«

»Die Bedingung besteht darin, dass Sie in Herrn Blyths Vorschlag willigen, denn nur so allein kann ich für die Sicherheit des Kindes gänzlich sorgen.«

»Dann, mein Herr, willige ich ein«, sagte Frau Peckover mit einer plötzlichen eisernen Festigkeit im Tone und Benehmen, welche Frau Joyce fast erschreckte. »Ich willige ein, denn ich müsste das schlechteste Geschöpf auf Erden sein, wenn ich unter den jetzigen Umständen »Nein« sagen könnte. Ich will meinen köstlichen Lieblingsschatz von diesem Augenblicke an Ihnen und Herrn Blyth anvertrauen. Gott segne Sie und tröste mich! Denn ich bin des Trostes gar sehr bedürftig. O Marie! Marie! Meine eigene kleine Marie! Daran zu denken, dass ich mich auf immer von Dir trennen soll!« Das arme Weib blickte nach dem Garten, als sie diese Worte aussprach; ihre ganze Standhaftigkeit verließ sie in diesem Augenblicke, sie sank in ihren Stuhl zurück und schluchzte bitterlich.

»Führe sie nach den Sträuchern, wo die Kinder sind, sobald sie sich wieder ein wenig erholt«, flüsterte der Rektor seiner Frau zu, als er die Tür des Speisezimmers öffnete.

Obgleich Herr Jubber in seiner ganzen Erscheinung, wenn er sich des Abends in seinem Theaterkostüm und von dem Lampenlichte seines eigenen Zirkus beleuchtet zeigte, den verworfensten Anblick, welchen die Menschengestalt annehmen kann, darbot, so erreichte er nichts desto weniger einen unendlich erhabeneren Gipfel von schurkischer Vollkommenheit, wenn er in seinen gewöhnlichen Kleidern einherging und sich dem fürchterlichen Urteilsspruche des reinen Tageslichts unterwarf. Der abscheulichste Affe, den man aus den Käfigen eines zoologischen Gartens herausnehmen könnte, würde im Vergleich mit ihm, wie er jetzt in dem Garderobezimmer des Rektors erschien, noch gewonnen haben. Er stand da mit frechen, blutunterlaufenen Augen, grimmig und verächtlich überall herumstarrend, mit seinem gelben faltigen Nacken, der aus einem umgelegten Kragen und einer hellblauen Halsbinde heraussah. Er hatte seinen Hut auf seinem Kopfe und ließ seine schmutzigen Finger durch seine fettigen schwarzen Locken laufen, die über seinen Rockkragen hingen, als Doktor Joyce in das Garderobenzimmer trat.

»Sie wünschen mit mir zu sprechen?« sagte der Rektor, sich nicht niedersetzend und Herrn Jubber nicht zum Setzen einladend.

»O, Sie sind Doktor Joyce?« sagte der Mensch und nahm sogleich eine unverschämte Vertraulichkeit in seinem Benehmen an.

»So heiße ich«, sagte Doktor Joyce sehr ruhig. »Wollen Sie die Güte haben und mir so kurz als möglich erklären, was Sie zu mir führt?«

»Hallo! Sie nehmen einen solchen Ton gegen mich an!« rief Jubber, seine Arme in die Seite stemmend und mit seinem Fuße wild auf den Fußboden stampfend, »Sie wollen mich schon jetzt so hochmütig behandeln, wirklich? Sehr gut! Ich bin der Mann dazu, Sie mit gleicher Münze zu bezahlen! Warum haben Sie meinen geheimnisvollen Findling entführt? Was wollten Sie mit diesem Talente beginnen, das meinem Zirkus angehört?«

»Sie täten besser, wenn Sie ruhig und vernünftig mit mir sprächen«, sagte der Rektor. »Bis jetzt habe ich weiter nichts verstanden, als dass Sie mich durch Ihr Betragen beleidigen wollen! Sie täten weit besser, wenn Sie mir in einfachen Worten erklärten, was Sie von mir wünschen.«

»Sie wollen einfache Wort - He!« rief Jubber aus, seine Laune verlierend. Dann, bei Gott, sollen Sie sie haben, und einfach genug!«

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Doktor Joyce, »wenn Sie noch einmal in meiner Gegenwart schwören, werde ich meinen Bedienten klingeln und ihm befehlen, Sie aus dem Hause zu werfen.«

»Wenn Ihr Diener eine Hand an mich legt, will ich ihn halbtot schlagen,« sagte Jubber, über des Rektors festen Ton verwirrt, und sah mürrisch nach der Türe. »Aber hierum handelt es sich gerade jetzt nicht - es handelt sich vielmehr um die Anklage, dass Sie mein taubstummes Kind in Ihr Haus gelockt haben, um seine Künste vor Ihnen, natürlich verstohlen, zu zeigen.«

»Darf ich fragen, wie Sie erfahren haben, dass das Kind, von dem Sie sprechen, heute in meinem Hause gewesen ist?« frug Doktor Joyce, ohne Herrn Jubbers Zorn im Geringsten zu beachten.

»Einer meiner Leute sah es Frau Peckover hierher führen und teilte mir dies mit, als sie und das Kind bei Tische vermisst wurden. Ich denke, das ist Beweis genug! Leugnen Sie das, wenn Sie können!«

»Ich habe nicht die geringste Absicht, es zu leugnen. Das Kind ist in meinem Hause.«

»Und hat natürlich alle seine Künste gezeigt? O wie erbärmlich, wie erbärmlich! Ich würde mich selbst schämen, wenn ich versucht hätte, einen Mann auf diese Weise um seinen Verdienst zu betrügen.«

»Ich bin aufrichtig erfreut zu hören, dass Sie unter gewissen Umständen überhaupt fähig sind, sich zu schämen«, erwiderte der Rektor. »Das Kind hat jedoch seine Künste nicht gezeigt, da man es durchaus nicht in der Absicht, die Sie vermuten, hat holen lassen. Aber wie Sie gerade jetzt sagten, darum handelt es sich nicht. Warum sprachen Sie aber von dem kleinen Mädchen einen Augenblick vorher, gerade als ob es das Ihrige wäre?«

»Weil es natürlich eins meiner Mitglieder ist. Nun habe ich aber genug, ich kann nicht den ganzen Tag hier bleiben und schwatzen; ich verlange das Kind - also geben Sie es sogleich heraus. Ich will dann schon dafür sorgen, dass es künftig hübsch im Zirkus bleibet! Ich will -«

»Sie würden Ihre Zeit weit nützlicher anwenden, wenn Sie die Zettel zu Ihrer Vorstellung abänderten und das Publikum benachrichtigten, dass das taubstumme Kind nicht wieder vor ihm erscheinen wird.«

»Nicht wieder erscheinen? - Heute Abend nicht in meinem Zirkus erscheinen? Nun, zum Teufel, Sie sind doch nicht auf einmal närrisch geworden! Ich meine Zettel ändern, wie? Nicht übel!«

»Einer meiner Freunde hat das Kind adoptiert und will es morgen früh mit nach Hause nehmen. Frau Peckover, welche die einzige Person ist, die überhaupt ein Recht hat, über dasselbe zu gebieten, hat zu diesem Abkommen ihre Einwilligung gegeben. Es wird mein Haus nicht eher verlassen, als bis es morgen mit meinem Freunde nach London fährt.«

»Und Sie denken, dass ich der Mann dazu bin, um dies zuzugeben? - und das Kind hinzugeben? - und die Zettel zu ändern? - und Geld zu verlieren? -und während der ganzen Zeit so sanft wie die Muttermilch zu sein? Der Teufel hole dieses Geschwätz und diesen Unsinn«, brüllte der Schurke, plötzlich aus seiner Unverschämtheit zur Wut übergehend und mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Geben Sie mir das Kind sogleich heraus, hören Sie! Geben Sie es heraus, sage ich - ich werde das Haus nicht eher verlassen, bis ich es habe.«

Gerade als Herr Jubber zum zweiten Mal fluchte, klingelte Doktor Joyce. »Ich habe Ihnen gesagt, was ich tun würde, wenn Sie in meiner Gegenwart zum zweiten Mal fluchen würden«, sagte der Rektor.

»Und ich sagte Ihnen, ich würde den Diener umbringen, wenn er Hand an mich legte«, entgegnete Jubber, seinen Hut tief ins Gesicht drückend und an seinen Manschetten zupfend.

Vance erschien an der Tür, weit weniger hochtrabend als gewöhnlich und eine interessante Blässe des Gesichts zeigend. Jubber spie erst in seine hohlen Hände und ballte dann seine Fäuste.

»Seid Ihr unten mit dem Mittagbrot fertig?« frug Doktor Joyce, ein wenig rot werdend, aber immer noch sehr ruhig.

»Ja mein Herr«, antwortete Vance in einem merkwürdig heruntergestimmten Tone.

»Sagen Sie zu James, dass er zum Constabler gehe, um ihn hierher zu holen, und halten Sie sich draußen in dem Vorzimmer mit dem Gärtner bereit.«

»Jetzt«, sagte der Doktor, indem er, nachdem diese Befehle gegeben waren, die Tür wieder schloss und sich noch einmal Herrn Jubber gegenüber stellte, »jetzt habe ich Ihnen ein oder zwei letzte Worte der Warnung zu geben, die Sie ruhig anhören wollen. Zuerst haben Sie durchaus kein Recht auf dieses Kind; denn ich weiß zufällig, dass Sie keinen unterschrieben Kontrakt besitzen, worin Ihnen das Kind zu Dienstleistungen verpflichtet ist, und ebenso wenig ein Recht über dasselbe, es ist ein vollkommen freies Wesen« »Soweit es Sie angeht -« »Ja! ja! Sie leugnen dies natürlich, aber wenn Sie bei Ihrem Leugnen beharren, so will ich Ihren Ruf, so wahr Sie hier stehen, in Rubbleford und in der ganzen Nachbarschaft auf immer zu Grunde richten. Sie haben das Kind auf die gemeinste Weise gestern Abend geschlagen. Ich bin eine obrigkeitliche Person und habe meinen Ankläger und meinen Zeugen dieses Verbrechens in Bereitschaft, sobald es mir gefällt, Sie aufzurufen. Ich kann Sie entweder mit Geld strafen oder Sie einsperren lassen, wie es mir beliebt. Sie kennen das Publikum, Sie wissen, was es von Leuten hält, welche hilflose Kinder misshandeln. Wenn Sie unter dieser Anklage vor mir erscheinen müssten, so würde die Rubbleforder Zeitung darüber Bericht erstatten, und es würde niemand mehr Ihren Zirkus hier besuchen, Sie würden in diesem Teile des Landes ein ruinierter Mann sein. Nun, ich will Ihnen dies ersparen - nicht etwa aus Zartgefühl gegen Sie- aber unter der Bedingung, dass Sie sich geräuschlos von hier entfernen und niemals hier wieder sehen lassen. Ich rathe Ihnen dringend, sogleich zu gehen, denn wenn Sie warten, bis der Constabler kommt, so kann ich nicht für mein Pflichtgefühl einstehen, Sie von ihm verhaften zu lassen.« Bei diesen Worten

öffnete Doktor Joyce die Tür und zeigte nach dem Vorzimmer.

Während dieser ganzen Rede zerfleischten abwechselnd heftiger Zorn, unbändiges Erstaunen, niederschlagender Schrecken und ohnmächtige Wut die Brust des Herrn Jubber. Er stolperte im Zimmer auf und ab und stieß abgebrochene Flüche aus, unterbrach aber Doktor Joyce nicht weiter. Als der Rektor fertig war, hatte der Kerl auch sogleich eine unverschämte Antwort darauf in Bereitschaft. Man musste gegen ihn gerecht sein, er war konsequent, wenn auch nichts weiter - er war Renommist und Schuft bis aufs Äußerste.

»Obrigkeit oder Geistlicher«, rief er, »ich frage den Teufel danach, ob Sie das eine oder das andere sind, Sie halten das Kind auf Ihre eigne Gefahr hier. Ich werde zum ersten Advokaten in Rubbleford gehen, Sie verklagen und Ihnen ein wenig zeigen, was das Gesetz zu bedeuten hat. Ich habe die kleine Kröte nur ein wenig durchgeprügelt, weil sie es verdiente. Ich will schon mit Ihnen fertig werden und mir das Kind von da schon wieder holen, wo Sie es hinbringen.«

(Hier ging er nach der Tür des Vorzimmers). »Ich will schon mit Ihnen fertig werden, zum Teufel auch! Ich will Sie anklagen, dass sie Ihre gemeinen Dienstleute auf mich gehetzt haben, um mich anzufallen.« Bei diesen Worten sah er wild nach dem Gärtner, einem sommersprossigen schottischen Riesen von sechs Fuß drei Zoll und stieg sogleich fünf Stufen auf der Treppe herab. »Lege einen Finger an mich, wenn Du es wagst! Ich bin ein freier Engländer und will Recht und Gerechtigkeit haben! Ich will sie zurückfordern, und wenn ich sie wieder habe, will ich sie ärger als je schlagen! Ich will -« Nun stürzte er nach dem Garten vor; seine Worte wurden undeutlich und seine rauhe Stimme wurde allmählich weniger hörbar.

Der Kutscher sah ihn zuletzt am Torwege und berichtete, dass er beim Herausgehen mit seinem Stocke lasterhaft auf die Blumen losgeschlagen und geschworen hätte, dass er den Rektor mit dem Gesetz zu Grunde richten wollte.

Nachdem Doktor Joyce seinen Dienern gewisse Weisungen für den sehr unwahrscheinlichen Fall von Herrn Jubbers Rückkehr gegeben hatte, ging er sogleich in das Speisezimmer, und als er hier niemanden fand, weiter nach dem Garten.

Hier traf er die Familie und den Besuch beisammen, aber mit allen war während seiner Abwesenheit eine große Veränderung vorgegangen. Als Herr Blyth von dem Resultate der Unterhaltung, welche der Rektor mit Frau Peckover gehabt hatte, benachrichtigt worden war, benahm er sich mit seinem gewöhnlichen Ungestüm und verlor alle Besonnenheit; er schrieb ohne die geringste Vorbereitung auf Mariens Schiefertafel nieder, dass sie mit ihm morgen nach Hause gehen und ihr ganzes Lebelang bei ihm glücklich sein sollte. Die Wirkungen dieses unvorsichtigen Verfahrens gaben sich bei dem Kinde in einer außerordentlichen Angst kund, und sie lief von jedermann weg, um sich zu Frau Peckover zu flüchten. Sie weinte noch und hielt sich mit beiden Händen an dem Kleide der Frau Peckover fest, als der Rektor zu der Gesellschaft trat, die unter den Kühlung säuselnden Bäumen versammelt war.

Doktor Joyce sprach nur wenig über die Unterredung, welche er mit Herrn Jubber gehabt hatte, und bekümmerte sich nicht viel um die Drohungen desselben. Frau Peckover, deren Fassung durch die stummen Beweise, welche sie von der Zuneigung der kleinen Marie erhielt, überwältigt zu werden schien, lauschte ängstlich auf jedes Wort, das der Doktor sprach, und sobald er fertig war, sagte sie, dass sie sogleich nach dem Zirkus zurückgehen müsste, um ihrem Manne über die heutigen Vorfälle die Wahrheit zu sagen, als eine notwendige Abwehr gegen die Verleumdungen, die sicherlich von Herrn Jubber gegen sie vorgebracht würden.

»O, kümmern Sie sich nicht um mich, geehrte Frau!« sagte sie als Antwort auf die Befürchtungen, welche Frau Joyce über ihren Empfang im Zirkus ausdrückte. »Das liebe Kind ist in Sicherheit, und das ist das einzige, was mich kümmert. Ich bin groß und stark genug, meine eigene Sache zu verfechten, und Jemmy ist immer zu meiner Hilfe in der Nähe. Erlauben Sie mir heut Abend wieder hierher zu kommen und zu sagen - und zu sagen -«

Sie mochte wohl haben hinzufügen wollen, und lebe wohl zu sagen, aber die Gedanken, welche sich jetzt um das einzige Wort anhäuften, erschwerten ihr das Aussprechen dieses Wortes zu sehr. Sie nickte schweigend ihren Dank für die herzliche Einladung, welche ihr zur Erneuerung ihres Besuchs gegeben wurde, beugte sich auf Marien nieder, küsste sie und schrieb auf ihre Tafel: »Um sieben Uhr heute Abend, mein Liebling, werde ich wieder zu Dir kommen.« Dann entfernte sie die kleinen Hände, welche sich noch an ihrem Kleide festhielten, und eilte aus dem Garten, ohne dass sie sich nur noch einmal umzublicken wagte. Frau Joyce, die jungen Mädchen und der Rektor versuchten all ihr Möglichstes, um die kleine Marie zu trösten, aber es gelang niemand von ihnen. Sie widerstrebte, obgleich auf eine sehr sanfte Weise, ihren Liebkosungen. Sie ging allein und still für sich hin und sah beständig nach der Tafel, als wenn sie nur in dem Lesen der wenigen Worte, welche Frau Peckover darauf geschrieben hatte, einen Trost finden könnte. Zuletzt nahm sie Herr Blyth auf seinen Schoß. Sie wehrte sich einen Augenblick dagegen, dann sah sie ihm aufmerksam ins Gesicht und legte traurig seufzend ihren Kopf an seine Schulter. In dieser einfachen Handlung und in dem Vorzuge, welchen sie ihm gab, lag eine Welt der Verheißung für den künftigen Erfolg von Valentins Lieblingsplan.

Der Tag verging ruhig - der Abend kam heran - es schlug sieben - dann halb acht - dann acht Uhr, und Frau Peckover erschien immer noch nicht. Doktor Joyce wurde unruhig und schickte Vance nach dem Zirkus, um Nachricht von ihr zu erhalten.

Nur Herr Blyth vermochte die kleine Marie teilweise zu beruhigen, als Frau Peckover zur bestimmten Stunde nicht gekommen war. Sie war zuerst unruhig darüber und wollte nach dem Zirkus gehen, als sie aber jedoch fand, dass man sie zärtlich, aber entschieden in der Rektorwohnung zurückhielt, weinte sie bitterlich und so lange, dass sie zuletzt in Valentins Armen einschlief. Er saß und hielt sie mit unveränderlicher Geduld besorgt aufrecht. Die scheidenden Strahlen der Sonne verschwanden am Horizonte, der ruhige Glanz des Zwielichts verbreitete sich über den Himmel - und dennoch ließ er sie nicht von sich und sagte, er wollte lieber so in dieser Stellung die ganze Nacht sitzen als sie stören.

Vance kam zurück und brachte die Nachricht, dass Frau Peckover ihm in einer halben Stunde folgen würde. Man hatte ihr im Zirkus eine Arbeit übertragen, welche sie erst vor ihrer Rückkehr nach der Rektorwohnung fertig machen musste.

Nachdem Vance diese Botschaft ausgerichtet, zeigte er zunächst einen Zettel, welcher, wie er sagte, in ganz Rubbleford zirkulierte und sich als Machwerk des Herrn Jubber selbst erwies. Da jener erfinderische Schurke ohne Zweifel entdeckt hatte, dass das Gesetz ohnmächtig war, ihm Rache zu verschaffen, und dass er am besten täte, sich von Doktor Joyce als einer obrigkeitlichen Person so fern als irgend möglich zu halten, so versuchte er jetzt ganz listig, den Verlust des Kindes zu seinem eignen Vorteil zu benutzen, indem er sich einer frechen Lüge, welche in seinen großen roten Lieblingsbuchstaben erschien, bediente. Er benachrichtigte das Publikum durch seine Zettel, dass der Vater des geheimnisvollen Findlings dank der göttlichen Vorsicht entdeckt worden wäre, und dass er (Herr Jubber) das Kind sogleich ausgeliefert hatte, ohne sich im Geringsten zu bedenken, welchen Schaden er sowohl in seiner Einnahme als an seinem Gemüte durch den Verlust eines seiner zärtlich geliebtesten und besten Mitglieder erleiden würde. Hierauf wandte er sich vertrauensvoll an das Mitgefühl der ganzen Bevölkerung und an zärtliche Elternherzen insbesondere, ihn dadurch zu entschädigen und zu trösten, dass sie sich recht zahlreich in seinem Zirkus einstellten, und fügte noch hinzu, dass, wenn ein neuer Reiz notwendig wäre, um das Publikum zum Besuche seines Zirkus anzutreiben, er Vorkehrungen träfe, einen solchen in der Gestalt des kleinsten Zwerges auf der Welt zu gewähren, mit dem er jetzt wegen Engagements in Unterhandlung stände und der, wie er hoffte, in einigen Tagen zum ersten Male vor dem Rubbleforder Publikum erscheinen würde.

Auf solche Weise glaubte Herr Jubber die schimpfliche Niederlage, welche er durch Doktor Joyce erlitten hatte, in eine vorteilhafte Geldspekulation zu verwandeln.

Nach vielen sorgfältigen Bedenken und manchem ernsthaften Wortwechsel gelang es Frau Joyce, Herrn Blyth zu überreden, dass er die kleine Marie nach ihrem Bette herauftragen könnte, ohne dass sie erwachen würde.

Valentin trug sie sorgfältig auf seinen eignen Armen nach dem Schlafzimmer.

Sie legten sie vorsichtig auf das Bett und bedeckten sie leicht mit einem Schal - dann gingen sie wieder herunter, um auf Frau Peckover zu warten. Mit bekümmertem und abgespanntem Gesicht kam die Frau des Clowns nach einer halben Stunde, wie sie versprochen hatte. Außer dem Bündel, welches des Kindes wenige Kleider enthielt, brachte sie auch noch das Haararmband und das Taschentuch, welche bei der Mutter der kleinen Marie gefunden worden waren.

»Wo das Kind auch immer hingeht, so müssen diese beiden Dinge sie stets begleiten.«

Sie richtete diese Worte an Herrn Blyth und übergab seinen eigenen Händen das Haararmband und das Taschentuch.

Als Frau Peckover hörte, dass Marie oben schliefe, erregte dies eher eine beruhigende als traurige Empfindung in ihr. Sie ging hinauf, betrachtete sie auf ihrem Bettchen und küsste sie ganz leise.

»Sagen Sie ihr, dass sie an mich schreiben soll, mein Herr«, sagte die arme Frau Peckover, indem sie Valentins Hand festhielt und ihm durch Tränen gedankenvoll in das Gesicht sah. »Ich werde ihren ersten Brief an mich sehr hoch schätzen, wenn er auch nur einige Zeilen enthält. Gott segne Sie, mein Herr, und leben Sie wohl! Ich hoffe, dass ich bald nach London kommen werde, um sie selbst zu sehen. Aber vergessen Sie den Brief nicht, mein Herr, denn sobald ich einen von ihr bekommen haben werde, werde ich mich nicht mehr so sehr ängstigen.«

Nach diesen Worten entfernte sie sich eilig und verbarg ihre hervorquellenden Tränen. Herr Blyth und die kleine Marie verließen den andern Morgen frühzeitig die Wohnung des Rektors und fuhren mit dem ersten Postzuge nach London.



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Achtes Kapitel - Das Resultat

Die kleine Marie war von jetzt ab ein Mitglied von der Familie des Malers und wuchs in ihrer neuen Heimat glücklich zu der schönen, jungen Dame heran, welche von Valentin, seiner Frau und allen intimen Freunden, die ihr Haus zu besuchen pflegten, »Madonna« genannt wurde. Das erste, was Herr Blyth tat, nachdem er mit dem kleinen Kinde zu Hause angelangt war, war, dass er sie zu dem Arzte führte, welcher in der Behandlung der Gehörkrankheiten damals den größten Ruf hatte. Er tat dies nicht etwa in der Hoffnung, als ob die ärztliche Untersuchung ein heilsames Resultat herbeiführen würde, aber er betrachtete es als seine erste Pflicht, welche er dem Kinde schuldig war, jetzt, da er es einzig und allein übernommen hatte, für sie zu sorgen. Der Arzt interessierte sich für diesen Fall sehr, erklärte ihn aber nach sorgfältiger Untersuchung für einen vollständig hoffnungslosen.

Der erste Einfluss, welcher Marien fast vom ersten Augenblicke an an ihre neue Heimat fesselte, wurde von Frau Blyth ausgeübt. Der Anblick jener gebrechlichen, dahinwelkenden Frau, welche, wie man ihr durch Schreiben gesagt hatte, so lange schon in demselben prächtigen Zimmer zugebracht hatte und seit so vielen, vielen Jahren zu dieser müßigen Untätigkeit verurteilt war - der Blick jenes blassen, ruhigen Gesichtes, welches eben so viel an Schönheit des Ausdrucks gewonnen, als es an Schönheit der Form verloren hatte - rührte Mariens Herz sogleich und erfüllte sie mit einer jenen neuen geheimnisvollen Empfindungen, welche Epochen in dem Wachsen der moralischen Natur bezeichnen. Diese ersten Eindrücke verändern sich niemals. Als Jahre dahingeschwunden waren und Marie, die nun nicht die »kleine« Marie mehr war, jene charakteristischen Kennzeichen der Gesichtszüge und des Ausdrucks besaß, welche ihr den Namen »Madonna« verschafften, so bewahrte sie dennoch alle ihre kindlichen Gefühle für die Frau des Malers. Wie leicht und ausgelassen ihr Benehmen auch oft gegen Valentin sein mochte, es änderte sich sogleich, sobald sie bei Frau Blyth war. Dann zeigte sie dieselbe ängstliche Zärtlichkeit, dieselbe ungekünstelte Bewunderung und dasselbe aufmerksame und liebende Mitgefühl. Es lag etwas Geheimes und Abergläubisches in des Kindes Zärtlichkeit für Frau Blyth. Sie wollte nicht gern, dass andere Leute diese Liebe in ihrer ganzen Tiefe und ihrem ganzen Umfange begriffen; sie schien von ihr unmittelbar in der heiligsten Verborgenheit ihres eigenen Herzens bewahrt zu werden, wie wenn dieses Gefühl ein Teil ihrer Religion oder eine Religion in sich selbst ausmachte.

Diese Liebe zu ihrer neuen Mutter, welche sich so innig und aufrichtig in vielen Dingen kundgab, wurde von dieser Mutter mit demselben Eifer vergolten. Von dem ersten Tage an, als die kleine Marie neben ihrem Bette kniete, fühlte sich Frau Blyth, als wenn ihr neue Kraft verliehen worden wäre, um die neue, ihrem Leben zugeteilte Glückseligkeit zu genießen. Glänzendere Hoffnungen, besseres Befinden, ruhigere Ergebung und ein reinerer Friede schienen des Kindes Fußtritten zu folgen und von ihrer Gegenwart unzertrennlich zu sein, wenn sie sich im Krankenzimmer hin und her bewegte. Alle die kleinen Schwierigkeiten, sich ihr mitzuteilen und sie zu belehren, welche ihr Unglück unvermeidlich mit sich brachte und die andern zuweilen lästig gewesen sein möchten, waren ebenso viele ungetrübte Quellen der Glückseligkeit, ebenso viele köstliche Beschäftigungen für die früher so müßige Zeit der Frau Blyth. Sogar diejenigen, welche vom ersten Augenblicke an Zeugen von der wunderbaren Geduld und Heiterkeit waren, womit sie ihr hartes Los ertrug, sahen jetzt oft erstaunt, wie sie unter dem Einflusse von Mariens Gegenwart auf ihre eigene, sanfte, weibliche Weise in übersprudelnder heiterer Laune mit ihrem Manne wetteiferte. Alle Freunde der Familie erklärten, dass dem Kinde gelungen wäre, was Ärzte, Medikamente, Luxus und die eigene mutige Ergebung der Dulderin bis jetzt umsonst erstrebt hätten - denn es war ihr gelungen, Frau Blyth mit einem neuen Leben zu beschenken.

In diesem Sinne brachte das Kind wirklich ein neues Leben für alle mit, die in ihrer neuen Heimat lebten - ebenso wohl für die Diener als für den Herrn und die Herrin. Selten hatte eine Wolke in frühern Tagen das häusliche Glück getrübt, jetzt schien in diesem Hause ein ewiger Sonnenschein zu strahlen.

Mit dem Fortschreiten ihrer Erziehung traten viele hervorspringende Eigentümlichkeiten in dem Charakter der »Madonna« hervor, welche alle mehr oder weniger durch den Einfluss ihres Unglücks hervorgebracht wurden. Die soziale Abgeschlossenheit, wozu sie jenes Trübsal verurteilte, die vereinsamten Gedanken und Gefühle, welche dasselbe ihr aufzwang, trugen schon frühzeitig dazu bei, ein für ein so junges Mädchen merkwürdiges Selbstvertrauen bei ihr zu wecken. Obgleich sie sehr gern die Meinungen anderer achtete, so schien sie sich doch immer ihre eigenen Überzeugungen und zwar mehr durch Instinkt als durch Vernunft zu bilden. Diese Eigentümlichkeit des Charakters wurde oft merkwürdig durch das Betragen erläutert, welches sie gegen die verschiedenen Personen zeigte, welche Herrn Blyths Haus besuchten.

Der erste Eindruck, welchen Fremde auf sie ausübten, schien ihre Meinung von ihnen sogleich und auf immer festzustellen. Sie liebte oder hasste die Leute herzlich und schätzte sie anscheinend aus Gründen, ohne ihr Alter, ihr Geschlecht oder ihren Stand zu berücksichtigen.

Sie offenbarte immer ihr Vergnügen oder Missvergnügen in der Gesellschaft anderer mit der ergötzlichsten Freimütigkeit, indem sie das größte Verlangen zeigte, diejenigen für sich einzunehmen und deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, welche sie liebte, und von denjenigen, welche sie hasste, wegzulaufen und sich vor ihnen wie ein kleines Kind zu verbergen.

Sie konnte niemals eine zufriedenstellende Rechenschaft ablegen, auf welche Weise sie sich ihre Meinung von andern bildete. Das einzige sichtbare Mittel, welches ihre Taubstummheit ihr hierzu gestattete, bestand einfach darin, dass sie bei der ersten Zusammenkunft mit einem Fremden seine Art und Weise sich zu benehmen, den Ausdruck und die Bewegungen seiner Gesichtszüge prüfte. Dieses Verfahren schien immer gänzlich hinreichend für sie und meistens stellte es sich heraus, dass sie sich in ihrem Urteile nicht getäuscht hatte. Ihr Unglück hatte allerdings viel dazu beigetragen, ihre Beobachtungsgabe und ihren Scharfsinn in einem solchen Grade zu erhöhen, dass sie bloß durch Beobachtung der kleinsten Veränderungen in dem Ausdrucke und den Mienen der sprechenden Personen oft ganz richtig den allgemeinen Inhalt einer Unterhaltung erriet.

Zu gleicher Zeit aus der Welt des Schalles und der Sprache verbannt, erfüllten alle schönen Aussichten und besonders die ausgezeichneten Zusammenstellungen, welche die Natur darbietet, ihr Herz mit einem ungekünstelten Entzücken. Bäume gewährten ihr vor allen andern Gegenständen die höchste Wonne. Sie konnte an frischen Sommerabenden stundenlang dasitzen und die bloße Bewegung der Blätter beobachten. Aller Reichtum und alle Ehre, welche die Welt bieten kann, würde ihrem Leben nicht ein Zehntel von jenem Vergnügen gewährt haben als das, welches Valentin ihr so leicht verschaffte, indem er sie zeichnen lehrte; man könnte fast sagen, dass er ihr damit zum Austausch für den verlorenen Sinn einen neuen gegeben hätte.

In der ersten Zeit ihres Aufenthalts bei Valentin entdeckte man, dass ihre gänzliche Taubheit sie nicht vollkommen verhinderte, irgendeine Wirkung eines Schalles zu verspüren. Sie war sehr empfänglich für den Einfluss der Erschütterung, sie konnte unter gewissen Umständen den Schall fühlen, den sie nicht hören konnte. Wenn Herr Blyth zum Beispiel sie an seine Seite haben wollte, sobald sie zusammen im Atelier waren, und wenn sie zufällig ihn weder ansah noch ihm nahe genug stand, um berührt werden zu können, so pflegte er nur seinen Fuß oder das Ende seines Malstocks sanft gegen den Fußboden zustoßen. Die leichte Erschütterung, welche dadurch hervorgebracht wurde, teilte sich sogleich ihren Nerven mit, vorausgesetzt, dass irgendein Teil ihres Körpers den Fußboden berührte, auf dem solche Experimente gemacht wurden.

Um ihr eine Erleichterung im geselligen Verkehr zu verschaffen, wurde sie auf Valentins Veranlassung im Taubstummenalphabet unterrichtet; er und seine Frau lernten es natürlich auch und viele ihrer intimen Freunde, welche oft bei ihr waren, folgten der Madonna halber ihrem Beispiele. Sonderbar genug zog sie es häufig vor, sich unbeholfen und leise durch Zeichen und Schreiben auszudrücken, woran sie von ihrer ersten Kindheit an gewöhnt war, und ebenso sehr liebte sie es, wenn sich andere auf die nämliche Weise mit ihr verständigten. Sie bewahrte sorgfältig ihre kleine Schiefertafel mit dem zierlichen Rahmen, die stets an ihrer Seite hing, gerade wie an jenem Morgen, wo sie die Wohnung des Rektors in Rubbleford zum ersten Wal besuchte.

In einem Falle nur, und nur in diesem allein, schien ihr Unglück die Macht zu haben, ihre Ruhe ernsthaft trüben zu können. So oft es sich zufällig ereignete, dass sie allein im Finstern ging, wurde sie vom heftigsten Schrecken ergriffen. Man fand sogar, dass sie sich dann in Gegenwart anderer nicht beherrschen konnte. Ihre eigene Erklärung über die Empfindungen bei solchen Gelegenheiten geben den besten Grund für diese Charakterschwäche. »Bedenken Sie«, schrieb sie auf ihre Tafel, wenn irgend ein neuer Diener gern wissen wollte, warum sie immer des Nachts ein brennendes Licht in ihrem Schlafzimmer hätte - »bedenken Sie, dass ich in der Finsternis taub und blind dazu bin. Sie, der Sie hören können, besitzen einen Sinn, dessen Sie sich in der Dunkelheit statt des Gesichts bedienen können - Sie können sich dann Ihrer Ohren bedienen, wie Sie sich Ihrer Augen im Hellen bedienen. Da ich nun nichts höre, scheine ich alle meine Sinne zusammen zu verlieren, sobald ich auch nichts sehe, und deshalb kann ich nicht umhin, mich so einsam, hilflos und vor Schrecken außer mir zu fühlen, wenn ich im Dunkeln bin.«

Hierbei und bei allen andern Gelegenheiten bestrebte sich Valentin besonders, sie glücklich zu machen. Er war wirklich in vielen Dingen unnötig aufmerksam gegen sie und hegte ihrethalben oft Besorgnisse, welche er sich irgendjemandem, zuweilen sogar nicht einmal seiner eigenen Frau, einzugestehen schämte.

Die erste und hauptsächlichste dieser Besorgnisse war er jedoch genötigt andern mitzuteilen, um seinen eignen Seelenfrieden zu bewahren. Er hatte eine krankhafte Furcht, dass die Madonna eines Tages durch ihren Vater oder durch irgendeinen andern Verwandten aufgespürt und entdeckt werden würde. Um der Möglichkeit eines solchen unglücklichen Ereignisses vorzubeugen, beschloss er, alle Umstände, die er über die Geburt sowie über sein Zusammentreffen mit der Madonna wusste, vor Jedermann gänzlich zu verschweigen.

Angetrieben durch diesen Entschluss, schrieb er sogleich ein oder zwei Tage, nachdem das Kind in sein Haus gekommen war, an Doktor Joyce und Frau Peckover und verpflichtete sie zur größten Verschwiegenheit. Wenn sein Gewissen es zugelassen hätte, würde er das Haararmband sogleich vernichtet haben, aber da er fühlte, dass dies ein nicht zu entschuldigender Missbrauch des Vertrauens gewesen wäre, so verschloss er es mit dem Taschentuche in eines der geheimsten Fächer eines alten Bureaus, das im Atelier stand und zu dem er den Schlüssel stets an der Uhrkette trug.

Keiner von seinen Londoner Freunden erfuhr jemals, wie er zuerst mit der Madonna zusammengekommen war.

Er wies jede Nachfrage mit ein und derselben Antwort zurück. Die Umstände, pflegte er zu sagen, wären sehr traurig und derart, dass man ihn entschuldige möchte, sie mitzuteilen - ausgenommen, was ihre Taubheit beträfe, die, wie er ohne Widerstreben sagte, von einem heftigen Falle herrührte. Er sah es als einen Gefallen an, wenn die Leute ihr ganzes Leben vor ihrem Eintritte in sein Haus als gänzlich unbekannt betrachteten. Jetzt aber, da sie ein Mitglied seiner Familie geworden war, waren alle Freunde willkommen, ihre Bekanntschaft unter dem als seiner adoptierten Tochter zukommenden Namen »Fräulein Blyth« zu machen, wenn es andern ein besonderes Vergnügen gewähren würde, sie so zu nennen. Diese Methode, zudringliche Neugierde fern zu halten, war von einem bewundernswürdigen Erfolge begleitet, jedoch auf Kosten von Herrn Blyths eigenem moralischen Charakter. Gute Freunde, mit Ausnahme von sehr wenigen, welche wahrhaft mit seinem wirklichen Charakter und seinem frühern Leben bekannt waren, schüttelten ihre Köpfe und lachten im Stillen, indem sie sagten, dass das Geheimnis einfach genug wäre, um von jedem ergründet werden zu können; denn die junge Dame könnte weder mehr noch weniger als ein natürliches Kind von ihm sein. Frau Blyth war über dieses Gerücht weit aufgebrachter als ihr Gatte, der nicht der Mann danach war, sich im Geringsten um Verleumdungen zu kümmern, so lange sich dieselben bloß auf seinen eigenen Charakter beschränkten. Er würde sich jetzt vollkommen über die Bewahrung seines Geheimnisses beruhigt haben, hätte er nicht zuweilen gegen seinen Willen ein wenig Misstrauen in die Verschwiegenheit der Frau Peckover gesetzt.

Es war wirklich komisch, wenn man Herrn Blyth die Frau Peckover bei ihrem jedesmaligen Besuche in London feierlich verwarnen hörte, das wichtige Geheimnis sorgfältig zu bewahren. Ob sie nun auf einen Tag zu Besuch kam und dann wieder abreiste, oder ob sie ihre Weihnachtsfeiertage bei ihnen verlebte, zu welcher Zeit ihr Mann gewöhnlich an einem der kleineren Theater in London engagiert war, - Valentins Willkommen schloss immer aufgeregt mit der misstrauischen Frage: »Entschuldigen Sie mich, Frau Peckover, dass ich Sie frage, aber sind Sie vollkommen überzeugt, dass Sie alles, was Sie von der kleinen Marie und ihrer Mutter wissen, seitdem Sie zum letzten Mal hier gewesen sind, vor nachforschenden Leuten gehörig verborgen gehalten haben?« Hierauf antwortete gewöhnlich Frau Peckover immer aufgeregt und mit demselben spöttischen Nachdrucke: »Gehörig verborgen, sagten Sie, mein Herr? Natürlich, ich halte das, was ich weiß, gehörig verborgen; denn ich kann, wie es sich von selbst versteht, meinen Mund halten. Zu meiner Zeit, mein Herr, pflegten immer Zwei dazu zu gehören, Verstecken und Suchen zu spielen. Ich möchte wohl in aller Welt wissen, wer die kleine Marie suchen könnte?«

Bemerkung zum achten Kapitel.

Ich weiß nicht, ob irgendein Versuch in englischen Romanen gemacht worden ist, den Charakter eines Taubstummen einfach und genau nach der Natur darzustellen; oder mit andern Worten, um die besondern Wirkungen anzugeben, welche durch den Verlust des Gehörs und der Sprache in dem Charakter einer derart heimgesuchten Person hervorgebracht werden. Die berühmte Fenella in Scotts »Peveril vom Gipfel«, stellt sich scheinbar taub und stumm, und die ganze Reihe stummer Personen auf der Bühne hat, soweit meine Erfahrung reicht, die merkwürdige Fähigkeit, immer zu hören, was zu ihnen gesagt wird. Als mir zuerst die Idee einfiel, den Charakter eines Taubstummen so naturgetreu als möglich darzustellen, fand ich die Schwierigkeit, mir erreichbare und zuverlässige Hilfsmittel zu verschaffen, nach denen ich arbeiten könnte, weit größer, als ich es mir vorher gedacht hatte; ja fast so groß, dass ich meinen Plan beinahe hätte aufgeben müssen, wäre mir nicht durch einen glücklichen Zufall Doktor Kittos köstliches, kleines Buch »die verlorenen Sinne« in die Hände gekommen. In der ersten Abteilung dieses Werkes, welche des Verfassers interessante und rührende Erzählung seiner eigenen Empfindungen bei dem gänzlichen Verluste des Gehörs und die daraus folgenden Wirkungen auf die Fähigkeiten der Sprache enthält, wird meine Autorität für die meisten jener Züge in dem Charakter der Madonna gefunden werden, welche besonders und unmittelbar mit der Darstellung jenes Verlustes, den sie erlitten hat, in Zusammenhang stehen. Der moralische Zweck, welcher durch die Einführung einer solchen Person wie diese, so wie durch den verwandten Charakter der Frau des Malers erreicht werden soll, liegt, das darf ich wohl hoffen, so klar am Tage, dass es wohl kaum für mich nötig ist, ihn auch nur dem sorglosesten Leser anzudeuten. Ich kenne nichts, was unsern Glauben an die bessern Eigenschaften der menschlichen Natur mehr befestigt, als die Überzeugung davon, mit welcher Geduld und Heiterkeit die schwersten körperlichen Leiden zum größten Teile von den damit befallenen Unglücklichen ertragen werden können, und zu gleicher Zeit auch die Wahrnehmung, was für Elemente der Güte und des Edelmuts das Schauspiel jener Leiden in den Personen jenes kleinen Kreises zu Tage fördert, von dem der Leidende umgeben ist.

Die immer glänzende Seite, der immer edle und tröstende Anblick alles menschlichen Leidens und das Streben, dieses Andern so wahrhaft, so würdig und so zart darzustellen, wie man es nur vermag, scheint mir ein passender Gegenstand für jeden Schriftsteller zu sein, der sich an die besten und willigsten Sympathien seiner Leser zu wenden wünscht.



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Neuntes Kapitel - Ein Besucher in dem Atelier

Es ist nun schon eine lange Zeit her, seitdem wir Herrn Blyth und die Madonna in dem Atelier verlassen haben. Man wird sich erinnern, dass der erstere beschäftigt war, die Bacchanalischen Nymphen in dem Vordergrunde einer großen klassischen Landschaft herauszuputzen. Die zweite beschäftigte sich, bescheiden den Kopf der mediceischen Venus zu kopieren. Beide sitzen emsig arbeitend an den entgegengesetzten Enden des Zimmers. Es ist schon ein Uhr vorüber, als auf einmal die Hausglocke fürchterlich geläutet wird.

»Das ist er!« sagte Herr Blyth zu sich selbst. »Ich kenne sein Klingeln unter Tausenden!«

Hier trommelt Valentin leise auf den Fußboden, die Madonna sieht sich sogleich nach ihm um; er schwingt seine Hand verschiedene Male schnell um seinen Kopf, ein Zeichen, das »Zack« bedeutet. Das Mädchen lächelt lieblich und errötet bei diesem Zeichen. Zack ist augenscheinlich einer ihrer besten Freunde.

Während der junge Herr am Gartentor Einlass erhält, wollen wir seine Bekanntschaft mit Herrn Blyth erklären.

Valentins und Frau Thorpes Väter waren intime Freunde von jener Anekdoten erzählenden und über die Maßen alten Portwein trinkenden, alten Schule, deren letzte Überbleibsel jetzt schnell von uns verschwinden. Der freundliche Verkehr zwischen diesen Herren erstreckte sich natürlich auch auf die Söhne und Töchter, welche ihren Familien angehörten. Von der Zeit aber an, wo sich Herr Thorpe mit Fräulein Goodworth verheiratete, wurden die Verbindungen zwischen den jungen Goodworths und Blyths weniger intim - wenigstens insofern, was die junge Frau und Valentin betraf. Der strengere, neuere Puritaner und der exzentrische Kunstjünger fühlten vom ersten Anfange an eine gegenseitige Abneigung. Steife Höflichkeitsbesuche wurden in langen Zwischenräumen gegenseitig gemacht, aber auch diese hörten ganz auf, sobald die Madonna in Valentins Hause erschien, denn Herr Thorpe war einer der ersten von den barmherzigen Freunden der Familie, welcher sie für des Malers natürliches Kind hielt und sagte, er erachte es für seine Pflicht, Herrn Blyths Immoralität dadurch zu bestrafen, dass er seine Bekanntschaft meide. Daraus entstand für einige Jahre eine fast vollkommene Trennung, bis Zack zum Knaben heranwuchs und eines Tages in seinen Ferien von seinem Großvater zu einem Besuche bei Valentin mitgenommen wurde. Er und der Maler wurden sogleich Freunde. Herr Blyth liebte die Knaben und Knaben von jedem Alter liebten ihn. Er machte gutmütig Zacks Eltern einen Gegenbesuch, welcher jedoch so kalt aufgenommen wurde, dass man ihn nie erwiderte; der Knabe jedoch besuchte dessen ungeachtet Valentins Haus bei jeder Gelegenheit und vergaß seinen Künstlerfreund niemals in spätern Jahren.

Wir wollen jetzt zum Läuten der Hausglocke zurückkehren.

Zacks Ankunft im Atelier wurde durch ein lautes Auftreten mit seinen Füßen, durch ein überlautes Sprechen und durch ein verdächtiges Kichern des .Hausmädchens, welche ihn hereinließ, verkündet. Plötzlich hörte dieser Lärm auf - die Tür wurde aufgerissen und Herr Thorpe jun. stürzte in das Zimmer.

»Lieber alter Blyth! wie geht es Ihnen?« rief Zack. »Haben Sie schon wieder einmal »Froschhüpfen« gespielt, seitdem ich das letzte Mal hier gewesen bin? Stehen Sie auf und lassen Sie uns meinen Einzug in das Atelier nach unserer alten Weise mit einer männlichen gymnastischen Übung feiern. Kommen Sie! Ich will anfangen!«

Herr Blyth stellte Pinsel und Malstock wirklich weg und war gutmütig genug, mit Zack eine Zeit lang das altenglische Spiel »Froschhüpfen« zu spielen. Nachdem der letztere ihn hierin besiegt hatte, erhoben sie sich beide zusammen und schüttelten sich herzlich die Hände.

»Zu steif, Blyth - zu steif und zu wackelig«, sagte der junge Herr. »Ich habe lange keine gymnastischen Übungen mit Ihnen mehr gemacht. Wir müssen im Garten mehr Froschhüpfen üben, und ich will das nächste Mal die Fechthandschuhe mitbringen und Sie fechten lehren. Eine köstliche Übung und so gesund für Ihre alte Leber.«

Nachdem Jack diese Meinung abgegeben hatte, lief er fort zur Madonna: »Wie befindet sich mein liebster, hübschester, sanftester Liebling auf der Welt!« rief Zack, ihre Hand ergreifend und sie mit ungestümer Hast küssend. »Ach, andere alte Freunde lässt sie ihre Wange und mich nur ihre Hand küssen! - Nein, alter Blyth, was das für eine kleine Hexe ist; ich will zwei zu eins mit Ihnen wetten, dass sie erraten hat, was ich soeben zu ihr sagte.«

Eine Purpurröte übergoss des Mädchens Gesicht, während Zack sie anredete. Ihre zarten, blauen Augen sahen zu ihm empor, und die zierlichen Falten ihres hübschen, grauen Kleides, welche beim Zeichnen erst so ruhig über ihrem Busen gelegen hatten, fingen leise an auf und nieder zu steigen, als Zack ihre Hand hielt. Wenn der junge Thorpe nicht das sorgloseste, unruhigste, menschliche Wesen gewesen wäre, so hätte er schon lange erraten müssen, warum er der einzige von Madonnas alten Freunden war, dem sie einen Kuss auf ihre Wange verweigerte.

Aber Zack erriet weder noch dachte er daran, irgendetwas Ähnliches erraten zu können. Seine flüchtigen Gedanken wanderten in einem Augenblicke von der jungen Dame zu seiner Zigarrentasche und gleich darauf hob er ein Stückchen Papier von der wollenen Decke auf und machte einen Kahn daraus.

Als die Madonna sich wieder zu ihrer Zeichnung zurückwendete, wanderten ihre Augen ein oder zwei Mal scheu nach dem Platze hin, wo Zack stand; des jungen Thorpes persönliche Erscheinung war hübsch genug, um jede Frau zu verlocken, ihn mit billigenden Augen anzublicken. Er war über sechs Fuß hoch und, obgleich damals wenig mehr als neunzehn Jahr alt, im Verhältnis zu seiner Statur doch vollkommen entwickelt. Sein Fechten, Rudern und andere athletische Übungen hatten außerordentlich dazu beigetragen, seine von Natur kräftige, aufrechte Gestalt zu stärken und seinen Muskeln eine vollkommene Gesundheit zu verleihen. Groß und stark wie er war, war er doch nicht steif oder plump in seinen Bewegungen. Er hatte scharfe, kühne, mutwillige graue Augen - eine gänzlich englische rot und weiße Gesichtsfarbe - bewunderungswürdig glänzende und regelmäßige Zähne - und hellbraunes, schön gelocktes Haar. Mit einem Worte, Zack war ein männlich hübscher Bursche und eine Zierde für die Eltern und das Land, denen er seine Geburt verdankte.

»Hallo Snooks!« sagte er, zu der Katze herabsehend, welche zwischen seinen Füßen saß, »Du hast wieder ein neues kleines Kätzchen bekommen, nicht wahr? Sagen Sie, Blyth, das Rauchen geniert Sie und die Madonna nicht?« frug er, seine Zigarre anzündend.

»Nein - nein«, sagte Valentin. »Aber Zack, Sie schrieben mir, dass Ihnen Ihr Vater alle Zigarren abgenommen hätte -«

»Das ist auch wahr, und mein ganzes Taschengeld obendrein. Aber ich wusste mir zu helfen und habe mir einige köstliche Zigarren verschafft.«

»Sich selbst geholfen!« rief Herr Blyth aus, »was in aller Welt meinen Sie damit?«

»O!« sagte Zack, »erschrecken Sie nicht. Ich habe nicht gestohlen, ich habe nur getauscht. Mein Kollege, der jüngere Kommis im Teeladen, hatte drei Dutzend Zigarren und ich eine abscheulich aussehende Halsbinde, die sich nur für einen Gentleman eignete. Der jüngere Kommis gab mir die drei Dutzend Zigarren, und ich gab ihm die Halsbinde. Das ist Tausch, und Tausch ist Handel, mein alter Bursche!«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Zack«, sagte Herr Blyth, indem er fast unaufmerksam sprach, weil er in jenem Augenblicke sehr beschäftigt war, die Falten des blauen Unterrocks einer Bacchantin zu vergrößern. Ich will Ihnen etwas sagen, Ihre jetzige Aufführung gefällt mir gar nicht; Ihr letzter Brief hat mich sehr beunruhigt.«

»Sie können nicht halb so verdrießlich sein als ich«, erwiderte Zack. »Hier bin ich heiter genug, das geb ich zu, weil ich nicht anders kann; aber zu Hause bin ich der unglücklichste Teufel auf dem ganzen Erdboden. Mein Vater ist mir in allem entgegen und ist schuld daran, dass ich ein Heuchler werde und ihn auf jede Art und Weise betrüge - ich hasse mich selbst deshalb; und dennoch kann ich es nicht unterlassen, weil er mich dazu zwingt. Warum verlangt er von mir, dass ich nach seiner eigenen mürrischen Weise leben soll? Warum verlangt er immer ungestüm von mir, dass ich um elf Uhr zu Hause sein soll? Ich will mich nur ruhig amüsieren, wie es andere Burschen auch tun. Bei meiner Seele, Blyth, er denkt, es liegt in meinem natürlichen Charakter, Karten zu spielen, zu streiten, Schulden zu machen und fürchterlich betrunken jede Nacht in meinem Leben nach Hause zu kommen!«

»Ei, ei, Zack, sprechen Sie nicht auf diese Weise, nicht einmal im Scherz!«

»O ja, das ist alles recht schön, aber Sie würden sich auch nicht in einen höllischen Teeladen sperren lassen, wenn Sie ein Künstler werden wollten und an meiner Stelle wären. Hören Sie nur, was ich gestern zu tun hatte! Es war im Laden Teeprobe, wie sie es nennen, man kochte fünfzig kleine Teekannen voll Tee von fünfzig verschiedenen Sorten und goss ihn dann in fünfzig gelbe Apothekertöpfe. Dann legte der Haupt-Prinzipal einen Löffel in meine Hand und sagte »tun Sie, wie ich tue«, und beim Jupiter! er nimmt einen nach dem andern von den Apothekertöpfen vor, mit Nummer eins anfangend, nimmt einen Löffel voll von jedem, spült ihn dann im Munde herum und speit ihn dann in ein zinnernes Becken aus. Nach jedem Ausspeien schreibt er einen fürchterlichen Hokus-Pokus von Strichen und Punkten in ein Buch nieder und sagt, dies ist der Charakter des Tees. Und ich musste ihm das alles nachmachen. Ich frage Sie oder irgendeinen Mann, ob es nicht zu schlecht ist, mich in ein solches Tee- und Ausspeiungsgeschäft zu sperren! Aber mein Entschluss steht fest; ich muss und will ein Künstler werden. Halten Sie nur keine Vorlesungen, Blyth, es hilft nichts, aber sagen Sie mir lieber, wie ich es anfange, zeichnen zu lernen.«

Diese Bitte Zacks traf Valentins schwache Seite. Er drehte seinen Stuhl sogleich herum, um dem jungen Thorpe ins Gesicht sehen zu können. »Wenn es Ihr fester Entschluss ist, ein Künstler werden zu wollen«, fing er begeistert an, »so bilde ich mir ein, Meister Zack, dass ich der richtige Mann bin, der Ihnen dazu verhelfen kann. Vor allen Dingen müssen Sie anfangen, nach der Antike zu zeichnen. Fangen Sie an, mein Knabe, mit den glorreichen Werken der griechischen - Halt! warten Sie nur eine Minute, ich muss hier erst noch ein kleines Stückchen Arbeit fertig machen. Kümmern Sie sich nicht um mein Malen - ich kann meinen Pinsel und meine Zunge zu gleicher Zeit auf einmal gebrauchen.«

Hier kehrte Herr Blyth eiligst zu seinem Bilde zurück und fing an, das ehrwürdige, kahle Haupt des Philosophen zu bearbeiten, der in seinem Gemälde dargestellt war, wie wenn er über die Sprünge der tanzenden Nymphen in tiefes Nachdenken versunken wäre. Bald jedoch wandte er sich wieder an Zack.

»Ja! Was sagte ich? O, die Antike!« fuhr er fort. »Wollen Sie mir wohl einmal das Palettenmesser geben? Wohlan, Sie müssen sich nach der Antike bilden, worunter ich die Skulptur der Alten verstehe. - Sehen Sie hierher, gerade wie es die Madonna jetzt macht; sie bildet sich nach der Antike.«

Zack ging sogleich, um die Zeichnung der Madonna zu betrachten, von welcher der Umriss jetzt fertig war. »Köstlich! Vortrefflich! Das Schönste, was ich in dieser Art jemals in meinem Leben gesehen habe!

Hier trug er seine Superlative auf seine Finger über, indem er dieselben der Madonna vermittelst des Taubstummen-Alphabets mitteilte, das er mit außerordentlicher Schnelligkeit durch den Unterricht des Herrn und der Frau Blyth oberflächlich gelernt hatte.

Aber Valentins Schülerin war daran gewöhnt, ebenso wohl getadelt als gelobt zu werden, und ihr Kopf stand nicht in Gefahr, durch Zacks Bewunderung ihrer Zeichnung verdreht zu werden. Als sie mit einem verstohlenen Blicke der Ungläublichkeit nach ihm in die Höhe sah, erwiderte sie folgende Worte in ihrer Zeichensprache: »Ich befürchte, die Zeichnung hätte weit besser sein können, als sie wirklich ist. Gefällt Sie Ihnen wirklich?« Zack antwortete ungestüm durch einen neuen Strom von Superlativen. Sie betrachtete sein Gesicht einen Augenblick lang fast ängstlich und forschend, dann beugte sie sich wieder schnell auf ihre Zeichnung nieder. Er ging zu Valentin zurück. Ihre Augen folgten ihm - dann senkten sie sich wieder auf das Papier vor ihr. Ihre Wangen fingen wieder an, sich leicht zu röten und ein gedankenvoller Ausdruck legte sich ruhig über ihre hellen glücklichen Augen.

»Sehen Sie hierher«, sagte Valentin, indem er sich von seinem Bilde zur Madonna wandte, »sehen Sie hierher, mein Bursche, wie sorgfältig und gewissenhaft dieses junge Kind dort nach der Antike arbeitet. Ich muss nur bald ein wenig spazieren mit ihr gehen, oder sie wird noch Kopfweh bekommen. Kopieren Sie nur Ihre Vorschrift, und ich will dafür einstehen, dass Sie in weniger als einem Jahre nach der Natur werden zeichnen können.«

»Das ist wohl nicht Ihr Ernst? O dieser verfluchte Teeladen. Ich möchte mich hinsetzen und lieber sogleich anfangen. Aber sehen Sie einmal, Blyth, wenn Sie sagen, nach der Natur zeichnen, Sie verstehen - natürlich, es herrscht nicht der geringste Zweifel über das, was Sie darunter verstehen - aber ebenso werden Sie begreifen, alter Bursche - he? Kurz und gut, der Teufel soll mich holen, wenn ich eigentlich begreife, was Sie darunter verstehen!«

»Barmherziger Himmel! Zack, in welcher straffälligen Unwissenheit über Kunst müssen Sie Ihre Eltern erzogen haben! Ich verstehe unter »nach der Natur zeichnen«, dass man nach einem lebenden menschlichen Wesen zeichnet, dem Sie für jede Stunde, welche es Ihnen zu Ihrer Zeichnung sitzt, einen Schilling bezahlen, was man Modellsitzen nennt.«

»Ach, ja, sicherlich! Jetzt verstehe ich es. Nach der Natur zeichnen - Das ist gerade das, wonach ich mich sehne. Hallo!« rief Zack aus , indem er sich umdrehte, um die verworrenen Notizen über dem Kamine zu lesen.

Er unterhielt sich eine Zeit lang mit dieser Lektüre, bis er Valentin laut vor sich hin sagen hörte: »Es ist da etwas, was mich an meinem Bilde beunruhigt, ich kann nicht herausfinden, was es eigentlich ist! Ach ganz recht, es fehlt irgendwo im Vordergrunde, aber ich kann trotz aller meiner Mühe nicht entdecken, wo es eigentlich fehlt.«

»O Unsinn«, rief Zack, nach dem Bilde mit einer Kennermiene hinsehend, »es ist der großartigste Vordergrund, welchen ich je in meinem Leben gesehen habe! Wirkliche Poesie und in der Tat, bei meiner Seele, er ist, was Sie Poesie nennen. Das ist meine ehrliche Meinung, Blyth. Wenn die Beschützer der Künste sich nicht um so ein unschätzbares Kleinod wie dieses Bild reißen -«

»Halten Sie ein, um des Himmels willen! Halten Sie ein!« rief Valentin in einer fieberhaften Aufregung, »ich habe es herausgefunden, ich habe den Fehler im Vordergrund entdeckt, er liegt im Gesträuch dort, links von den Figuren. Ich habe die Nymphen und den Philosophen hervorgehoben und nun muss ich das Gesträuch hervorheben. Es sieht flach und schwach in Rücksicht auf die Farbe aus - es muss ein wenig kräftig aufgefrischt werden, und das soll geschehen!«

»Nun, da Sie dies jetzt erwähnen, so mag es wohl so sein«, sagte Zack. »Aber zum Teufel auch, wie wollen Sie dies bewerkstelligen - He?«

»Das will ich in zwei Sekunden fertig bekommen«, sagte Herr Blyth, in einem fort sein Palettenmesser in einer schönen Wut von künstlerischer Begeisterung in der Hand herumdrehend. »Sie dürfen sich nur vorstellen, dass dieses Gesträuch blühendes Heidekraut ist, und es ist vollbracht.«

Während Herr Blyth so sprach, fing er mit großer Anstrengung jene zwei schwierigen und zarten Kunstoperationen auszuführen an, welche in der Kunstsprache »markierte Pinselstriche anbringen und kleine Effekte hervorrufen« genannt werden. Diese Schwierigkeiten können nur, wie alle Maler wissen, vermittelst gewisser mystischen Körperbewegungen überwunden werden, welche Herr Blyth jetzt allerdings auf seine eigentümliche Art und Weise auszuführen begann.

Er legte zuerst ein wenig glänzend helle Farbe auf die Spitze seines Palettenmessers, hielt es auf Armlänge von sich weg, runzelte die Stirn und sah sein Bild eine Minute lang aufmerksam an. Dann sprang er einen Schritt vorwärts - darauf zitternd wieder in seine frühere Stellung zurück, sonderbare Figuren in der Luft mit seinem Palettenmesser beschreibend. Plötzlich erschien der erwartete Augenblick der künstlerischen Begeisterung. Er stürzte auf sein Bild zu, wie wenn er nach Harlekinsart im Begriff wäre, durch die Leinwand zu springen - strich die gelbe Farbe über das Gesträuch, indem er das Palettenmesser über dasselbe von dem einen Ende zum andern in einem grimmigen Zickzackstriche gleiten ließ - rieb die Farbe an gewissen Stellen mit seinem Daumen in die Oberfläche, lief in großer Eile zu seinem frühern Aussichtspunkte in der Mitte der Stube zurück, hielt dann zwei Finger vor die Figuren des Gemäldes und betrachtete in dieser Stellung mit atemloser Aufmerksamkeit die allgemeine Wirkung des blühenden Heidekrautgesträuches.

»Es ist mir gelungen!« rief Valentin und holte tief Atem. »Es ist mir zu meiner vollkommenen Zufriedenheit gelungen, ich werde für heute zu arbeiten aufhören und nun mit der Madonna spazieren gehen, damit sie die Wirkungen des Schnees im Freien studieren kann. Es ist ein köstlich heller, frostiger Nachmittag, der sich ganz zum Spaziergange eignet. Ich wünschte, Sie könnten mit uns kommen, Zack - ich habe Ihnen noch viele gute Ratschläge über die Kunst zu geben. Aber sagen Sie mir zuerst, sind Sie wirklich und wahrhaftig entschlossen, ein Maler zu werden?«

»Ich will ein Maler werden oder dem elterlichen Hause entlaufen!« sagte Zack entschlossen. »Wenn Sie mir nicht helfen, so mache ich mich sicherlich aus dem Staube. Ich verspüre Lust, gar nicht wieder zum Teeladen zurückzukehren, sondern mit Ihnen auszugehen, um mit der Madonna die Wirkungen des Schnees zu studieren, was gewiss besser ist, als im Comptoir Zahlen zusammen zu zählen. Warten Sie eine Minute, beim Jupiter, ich will das Schicksal befragen. Wappen bedeutet die Freiheit und die schönen Künste. Schrift den Teeladen. Ich habe gerade einen Schilling in meiner Tasche und will ihn in die Höhe werfen!«

»Wenn Sie den Schilling nicht sogleich in die Tasche zurückstecken«, sagte Valentin, »und Ihren Verpflichtungen nachkommen, so will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben; aber wenn Sie es geduldig abwarten und mir wenigstens jetzt versprechen, Ihres Vaters Wünsche so viel als möglich zu beachten, so will ich Sie selbst im Zeichnen nach der Antike unterrichten. Wenn sich irgendjemand findet, der bei Ihrem Vater so viel Einfluss hat, dass er Sie die königliche Akademie besuchen lässt, so müssen Sie erst so viel gelernt haben, dass Sie bei der Aufnahme eine passende Zeichnung vorzeigen können. Dann sollen Sie hierherkommen und des Abends, ja jeden Abend, wenn Sie wollen - das ABC der Kunst lernen. Wir wollen eine ordentliche kleine Akademie haben«, fuhr Valentin fort, Palette und Pinsel niederlegend und seine Hände vor Freude reibend, »und wenn es nicht zu viel für Lavinia ist, soll das Gipsmodell in ihr Zimmer gesetzt werden und sie ebenso gut zeichnen, wie wir Übrigen. Das ist eine Idee für Sie, Zack! Herrn Blyths Zeichenakademie, geöffnet an jedem Abend mit Tee und Kuchen für fleißige Studenten. Was sagen Sie dazu?«

»Was ich dazu sage? Beim heiligen Georg! Ich will jeden Abend kommen und Berge von Kreide und Ballen von Zeichenpapier verbrauchen!« rief Zack, sogleich von Valentins Begeisterung angesteckt. »Und was noch mehr ist, ich übernehme es, die Teekuchen zu rösten. Ich will nicht prahlen, aber ich kenne einen jungen Mann, der es besser als je einer versteht, Teekuchen zu rösten; sein Name ist »Zacharias Thorpe« und er besucht Zeichenakademien frei, gratis, umsonst. Nur vergönnt ihm auch seinen Antheil an dem, was er röstet und sparet die Butter nicht dabei -«

»Warten Sie einen Augenblick, Zack«, wandte Herr Blyth ein. »Um wieviel Uhr müssen Sie in der City zurück sein? Es ist jetzt zwei Uhr.«

»O, wenn ich nur um drei Uhr zurück bin. Jener gefräßige, kleine, jüngere Kommis wird seine Steaks nicht früher als vor drei Uhr heruntergewürgt haben. Ich habe noch sehr viel Zeit, denn ich will mit einem Omnibus nach Hause fahren.«

»Sie dürfen nur noch zehn Minuten hier bleiben«, sagte Valentin in seinem entschiedensten Tone. »Wollten Sie sich nicht nach Lavinias Befinden erkundigen? Nun, so gehen Sie und nehmen Sie die Madonna mit sich; ich will Ihnen folgen, sobald ich meine Pinsel weggelegt habe.«

Indem er diese Worte sagte, ging Herr Blyth zu dem Platze, wo die Madonna noch bei ihrer Arbeit saß. Sie war so sehr mit ihrer Zeichnung beschäftigt, dass sie während der letzten Zeit nicht ein einziges Mal davon aufgesehen hatte, und als Valentin ihr belobend auf die Schulter klopfte und ihr ein Zeichen zum Aufhören gab, antwortete sie mit einer bittenden Bewegung, welche ihn beredsam genug bat, sie noch eine kurze Zeit in ihrer Beschäftigung fortfahren zu lassen. Sie hatte sich niemals zu andern Zeiten bemüht, eine Nachsicht dieser Art zu beanspruchen, wenn sie nach der Antike zeichnete - aber sie war auch niemals vorher beschäftigt gewesen, eine Kopie zu machen, welche im Geheimen für Zack zum Geschenk bestimmt war. Valentin veranlasste sie jedoch sogleich, ihren Kreidehalter niederzulegen. Er legte seine Hand auf das Herz und dieses Zeichen bedeutete Frau Blyth. Die Madonna stand auf und legte ihre Zeichenmaterialien sogleich weg.

Zack, der den Rest seiner Zigarre weggeworfen hatte, näherte sich ihr höflich und bot ihr seinen Arm an. Als sie scheu herantrat, legte auch er seine Hand auf das Herz und zeigte nach oben. Dies war ganz genügend für sie und sie verstand sogleich, dass sie zusammen zu Frau Blyth gehen wollten.

»Ob nun aus Zack wirklich ein Maler wird«, sagte Valentin zu sich selbst, als sich die Tür hinter den beiden jungen Leuten schloss, »ich glaube wenigstens, dass ich den besten Plan entworfen habe, der jemals ersonnen werden konnte, um ihn solid zu machen. Solange er regelmäßig zu mir kommt, kann er des Abends nicht davonlaufen und Unheil anstiften. Das ist ein Trost.« Hier hielt Blyth inne und begann, seine Pinsel in einem zinnernen Topfe, der voll von Terpentin war, zu reiningen, leise dazu pfeifend, wie das oft bei ihm in gedankenvollen Augenblicken der Fall war. »Es ist sonderbar«, fuhr er nach einer Weile fort, immer noch an Zack denkend, »was für ein Interesse ich immer von jeher an diesem lärmenden Burschen gehabt habe. Und Lavinia und die Madonna sind, ich weiß nicht wie, meinem Beispiele gefolgt. Ich kenne niemanden weiter, dem ich gestatten würde, so intim mit unserm Lieblingsmädchen zu sein, aber es ist ein gesegnetes Resultat von Zacks Sorglosigkeit, dass er uns niemals forschende Fragen darüber vorlegt, wer sie ist oder woher sie kommt; wenigstens habe ich von diesem Burschen nicht zu befürchten, dass er ihrem Ursprunge nachspürt, oder dass sie mir durch diesen Burschen entrissen würde. Ich wünsche nur, dass ich bei jedermann darüber so beruhigt sein könnte, wie ich es immer bei Zack gewesen bin.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel - Ein Rückblick

Die seit Zacks Kindheit verflossenen Jahre waren nicht vorüber gegangen, ohne einige sehr bemerkliche und unvorteilhafte Veränderungen in der persönlichen Erscheinung seines Vaters hervorzubringen, sonst hatte der Einfluss der Zeit nur wenig Wirkung bei Herrn Thorpe geäußert. In seinen Grundsätzen, in seinen Gewohnheiten und seinem Benehmen ist er noch derselbe strenge, ernste und mürrische Gentleman, wie er es an einem gewissen, denkwürdigen Sonntage war, wo er seinen Sohn wegen schlechter Aufführung in der Kirche in seinem Ankleidezimmer eingesperrt hatte.

Obgleich nicht älter als Herr Valentin Blyth, sah Herr Thorpe wenigstens zwanzig Jahre älter als der Maler aus. Sein Haar war frühzeitig grau geworden. Seine Augen hatten einen so einförmigen und kalten, gedankenlosen Ausdruck angenommen, dass sie nur halb zu leben schienen. Sein von Natur schlanker Bau war nach und nach im Laufe der Zeit fast zur Magerkeit herabgesunken. Sein Gesicht war so fleischlos, dass die Backenknochen aus seiner blassen und trocknen Haut hervorragten und nach unten auf jeder Seite der Nase und des Mundes mit tiefen Runzeln versehen waren. Man konnte nicht behaupten, dass diese Zeugen des äußern Verfalls durch irgendeine direkte physische Ursache hervorgetreten wären. Herr Thorpe litt allerdings zuweilen an nervösen Anfällen, aber außerdem war der allgemeine Zustand seiner Gesundheit nicht nur für ihn, sondern sogar für seinen Hausarzt vollkommen zufrieden stellend. Seine Freunde sagten, dass er wegen unaufhörlicher geistiger Aufregung vor der Zeit alt geworden wäre. Und diese Aufregung brachten sie unabänderlich und entrüstet stets mit dem Namen Zack in Zusammenhang. Herr Thorpe gestattete ihnen, nach ihrem Wohlgefallen über dieses Thema zu reden, indem er niemals das Beileid, welches ihm über seinen Sohn gezeigt wurde, weder unbedingt annahm, noch unbedingt verwarf.

Er war immer ein merkwürdiger stiller Mann gewesen, und seine schweigsamen Manieren hatten sich mit seinen Jahren noch vermehrt. Die Worte, welche er hören ließ, waren immer von derselben einfachen und schlichten Art wie früher. Er übertrieb niemals, wenn er sprach, und wurde nie heftig in seiner Redeweise, sogar dann nicht, wenn ihm sein Verkehr mit Zack die dringendste Gelegenheit dazu gab.

Er hatte ein ziemlich großes Vermögen geerbt, welches sein Vater im Geschäft erworben hatte, und war so der Notwendigkeit überhoben, für seine Existenz arbeiten zu müssen, aber trotzdem war er durchaus kein müßiger Mann. Er hatte sehr strenge religiöse Gesinnungen und gehörte zu jener großen und ehrenwerten Gemeinde von frommen Personen, welche ihre Religion ausschließlich von einem polemischen Gesichtspunkte zu betrachten scheinen und die sie deshalb hauptsächlich hochschätzen, weil sie die Erfüllung ihrer Verbote erzwingt.

Herr Thorpe war gerade der Mann dazu, einen tätigen und gewissenhaften Anteil an den theologischen Streitigkeiten seiner Zeit zu nehmen. Er war jener besondern Sekte von Christen sehr zugetan, die man gewöhnlich die niedrige Kirchenpartei nennt, und widmete freigebig seine Zeit, seine Kräfte und auch seine Börse dem Dienste dieser unternehmenden Gemeinde, zu welcher er gehörte. Er war ein stetes Mitglied von mehr als einer Gesellschaft zur Verbreitung des Protestantismus und Vernichtung des Katholizismus; er war ein einflussreicher und großmütiger Direktor einer Traktatengesellschaft, er war Sekretär einer Lokalschule, die besonders zu dem Zwecke gegründet worden war, den Katholiken den Unterricht unwissender Kinder zu entziehen, er war das Oberhaupt einer inländischen, korrespondierenden, sehr wohlhabenden Missionsgesellschaft und Präsident von einer Versammlung weltlicher Herren, welche zum Zwecke hatte, die Prophezeiungen zu prüfen und auszulegen - mit einem Worte, er war immer auf die eine oder auf die andere Weise beschäftigt - polemisch, proselitisch oder theologisch - von ganzem Herzen und aus allen seinen Kräften, die besten Interessen der mächtigen religiösen Partei, deren Diensten er sich geweiht hatte, zu befördern.

Das Haus in Baregrove-Square war kein gastfreies, denn sein Herr war kein Mann, der an Gastmählern Gefallen fand und dessen Herz sich am geselligen Verkehr erfreute. Er begnügte sich damit, kleine und stille Mittagsgesellschaften zu geben, und wählte seine Gäste unter den Freunden, die sich bei denselben Gesellschaften, denen er angehörte, beteiligt hatten, und unter den Geistlichen, nach deren Rat und Anweisung sie alle wirkten. Die Unterhaltung drehte sich unabänderlich bei diesen Gelegenheiten um polemische Themata; der Wein wurde langsam nach Tische herumgereicht; Texte, die gewöhnlich aus den geheimnisvollsten Stellen der Offenbarung Johannes ausgewählt waren, wurden oben im Besuchszimmer zur Abenderbauung erklärt. Zack musste immer zu seinem eignen Besten bei diesen Feierlichkeiten gegenwärtig sein und litt heftig unter den folgenden Kasteiungen von Fleisch und Geist. Zuweilen wurde er, wenn diese Erklärungen im vollen Gange waren, vor der ganzen Gesellschaft schmählich aus einem Halbschlummer aufgeweckt; zuweilen wurde er darüber ertappt, wie er sich der langsam herumgegebenen Weinflaschen zu bemächtigen versuchte; zuweilen wurde ihm eine Strafpredigt gehalten, weil er plötzlich das Speisezimmer verließ, bevor Herr Thorpe und seine Gäste vom Tische aufgestanden waren.

Herrn Thorpes einzige Art der Erholung in seinen Mußestunden bestand in dem Sammeln von autographischen Briefen berühmter Männer. Die alten und neuen Theologen nahmen den ersten Platz in dieser Sammlung ein, dann kamen die Politiker, besonders solche, deren staatsmännische Taubheit gegen das Geschrei nach Reform sie der Bewunderung einer konservativen Nachwelt empfahl; den dritten Platz nahmen diejenigen Helden ein, welche sich zu Lande und zur See ausgezeichnet hatten, und den vierten wissenschaftliche Berühmtheiten. Es war auch noch ein fünfter und niedrigster Platz darin, welcher berühmten Schriftstellern zugeteilt war - eine Anordnung, welche vollkommen mit dem kränkelnden, literarischen Patriotismus, der der englischen Verfassung (Wesen) eigentümlich ist, und welcher noch zu unangenehm berührt wird, wenn er auf einem der großen, öffentlichen Plätze oder Straßen der britischen Metropole eine nationale Statue Shakespeares errichtet, oder die Namen seiner Geistesgenossen daran geschrieben steht.

Seine Autographenbücher (denn er hatte viele Bände davon) schienen der vorzüglichste Trost in den Ruhestunden des Herrn Thorpe an seinem eigenen Kamine zu sein. Kupferstiche der berühmten Schreiber der berühmten Buchstaben waren zierlich oben über den dicken Quartblättern angebracht und verliehen diesen Büchern Umfang und Solidität. Er fühlte ein stilles, gedankenvolles, anspruchsloses Vergnügen, sich allein in seinem Studierzimmer darüber zu erfreuen, und das war alles. Obgleich er im feinern Sinne des Wortes ein Haustyrann war, herrschte er dessenungeachtet ruhig und nicht zudringlich despotisch über jedes Mitglied seiner Umgebung, den stets anmutslosen und störrischen Zack ausgenommen. Das Hausmädchen schlief niemals zu lange, die Köchin brachte stets das Mittagbrot pünktlich auf den Tisch, und der Laufbursche war immer bereit, die Tür in Baregrove-Square zu öffnen. Winter und Sommer, Frühling und Herbst arbeitete die ganze häusliche Maschine stets mit derselben unablässigen Tätigkeit. Morgen- und Abendgebete wurden gelesen, um halb neun Uhr klingelte man zum Frühstück, die Haustür wurde um elf Uhr des Abends und in keinem Falle weder fünf Minuten vor- oder nachher verriegelt. Sein Wille besaß eine gewisse, unerforschliche Überlegenheit und machte es ihm leicht, den Willen anderer, welche täglich mit ihm in Berührung kamen, zu beherrschen. Seinen störrischen Sohn ausgenommen, war es ihm gelungen, jede Seele in seiner Behausung mit sich und seinen Gewohnheiten so vollkommen vertraut zu machen, dass alle Hausbewohner bis zum Jungen herab, der die Stiefel putzte, nur zu leben schienen, um den häuslichen Charakter des Herrn Thorpe wieder abzuspiegeln und seine häuslichen Grundsätze zu entwickeln. Seine Frau war ein merkwürdiges Beispiel seiner geheimnisvollen Macht, die Charaktere anderer in vollkommene Übereinstimmung mit dem seinigen zu bringen, ohne dass weder die geringste bemerkbare Anstrengung noch sein persönlicher Einfluss in irgendeiner Hinsicht von denen gefühlt wurde, welche ihn umgaben.

Obgleich Madame Thorpe weniger von dem stürmischen alten Goodworthischen Blute, als irgend ein anderes Mitglied ihrer Familie in ihren Adern hatte, zeigte sie doch vor ihrer Verheiratung in ihrem Benehmen offenbare Spuren von ihres Vaters Lebhaftigkeit, und auch ihre Unterhaltung wurde immer mehr oder weniger von sprühenden Funken des von ihrer irländischen Mutter geerbten Witzes belebt, aber nach ihrer Verbindung mit Herrn Thorpe fingen diese natürlichen Charakterzüge, einer nach dem andern, zu verschwinden an. Allmählich und unmerkbar erstarb das heitre Wort und das freudige Lachen auf ihren Lippen. Alte Freunde der Goodworths, welche nur höchst selten, bloß um seiner Frau willen einen Besuch abzustatten, sich entschließen konnten, Herrn Thorpe gegenüber zu treten, bemerkten bei diesen Gelegenheiten stets mit Erstaunen, wie vollständig sie sich verändert hatte, wie unnatürlich ähnlich sie ihrem Gatten geworden zu sein schien und wie auffallend entschieden sie war, mit ihm in seinen schmählichsten Meinungen und in allen seinen eigensinnigsten Neigungen übereinzustimmen.

Mit der Zeit fing die arme Dame sogar in ihrer persönlichen Erscheinung ein treues Bild ihres Gatten wiederzugeben an; auch äußerlich wurde sie ihm durch ihre beginnende Magerkeit ähnlich.

Zur Zeit ihrer Verheiratung flüsterte man sich unter ihren Freunden zu, dass sie einige gewöhnliche Aufmerksamkeiten, welche ihr von Herrn Thorpe erwiesen worden waren, falsch gedeutet, sich in ihn verliebt und lange nach ihm geschmachtet hätte, ehe er es entdeckt und sich dann - mehr aus Ehrgefühl als aus Neigung - um sie beworben hätte. Ihre Verwandten missbilligten ihre Wahl, setzten ihr aber niemals einen offenen Widerstand entgegen und widersprachen niemals deutlich den hier angespielten Gerüchten. Wahr oder nicht wahr, so viel steht wenigstens fest, dass sie ihren Gatten leidenschaftlich liebte; sie verehrte ihn natürlich aber doch nur mit einer besondern gehörig geordneten, liebenden Hingebung, welche man im ehelichen Leben einem solchen Manne weihen konnte. Sie hielt ihn für das klügste und vollkommenste der erschaffenen Wesen und fand ein Ergötzen darin, ihm in seinen unbedeutendsten Launen einen knechtischen Gehorsam zu widmen. Seine geringsten häuslichen Verordnungen galten ihr wie heilige Moralen. Denkend wie ihr Gatte, fühlend wie er, dasselbe Leben führend wie er, war ihr Herz der moralische Thermometer, welcher die genauesten Veränderungen der Temperatur in der Atmosphäre des seinigen auf ein Haar anzeigte, ausgenommen in dem einzigen Falle, wo sich die Veränderungen auf den stürmischen Einfluss Zacks bezogen. Gegen ihren Sohn war sie im Geheimen noch unverändert dieselbe geblieben. Der alte, liebende, unwillkürliche Stolz auf die Schönheit des Kindes in den ersten Jahren nach ihrer Verheiratung behielt unabänderlich denselben festen Platz in ihrem Herzen, welchen er immer behauptet hatte. Andere Altäre, die einst prächtig und heilig zu ihrer Zeit darin gestanden hatten, waren schon lange zerstört worden, dieser Altar blieb unzerstörbar bis zuletzt.

Sie, weinte oft und bitterlich über Zacks Streitigkeiten mit seinem Vater; sie ängstigte sich und erschrak, erzürnte sich und verzweifelte abwechselnd, wenn sie Zacks mutwilligen Starrsinn mit ansah, aber sie trat niemals so gegen ihn auf, wie es ihr Gatte schon öfters getan, nicht einmal in den wildesten Ausbrüchen seines mutwilligsten Leichtsinns. Sie konnte sagen, sein Betragen wäre unverzeihlich, sie konnte es Zack selber sagen, dass sein Betragen unverzeihlich wäre, und sie konnte sich entschließen, gewissenhaft zu fühlen, dass es unverzeihlich sein müsste; aber dennoch und trotz allen dem sprach der Stolz der Mutter auf seine schöne Gestalt, sein hübsches, gesundes, offenes Gesicht, seine Stärke, Kühnheit und sein munteres Wesen entschädigend für ihn; und noch schlimmer als das, sie pflegte oft im Geheimen Zacks Partie gegen seinen Vater zu nehmen, obgleich es bei ihr wie eine religiöse Überzeugung fest stand, dass ihr Gatte unabänderlich Recht hatte.

Vielleicht vermutete Herr Thorpe diese Schwäche in ihrem Charakter und glaubte folglich, dass ihr Rat bei irgendeinem Gegenstande, der mit seines Sohnes Vergehen in Verbindung stände, für ihn unnütz sein würde; denn obgleich er oft geistliche und fromme Freunde über die beste Methode, Zack zu züchtigen, um Rat fragte, sprach er doch niemals, nicht einmal fünf Minuten lang, über dieses schwierige Thema mit Zacks Mutter. Vielleicht vermutete er auch nicht nur die Schwäche seiner Frau, sondern entschuldigte sie auch und unterließ es, so oft er es konnte, sie einer peinlichen Prüfung zu unterwerfen. Er mochte aus Gründen des Mitgefühls und der Demut hierbei wohl gerecht handeln, denn er hatte selbst eine eigene anhaltende Schwäche, welche einen merkwürdig vermindernden Einfluss über seinen sonst heftigen und unbeugsamen Charakter ausübte.

Sein einziger irdischer Ehrgeiz bestand darin, sich unbefleckt den Charakter eines ehrenhaften Mannes zu bewahren. Seine einzige moralische Schwäche bestand in der beständigen Furcht, diesen Charakter zufällig zu kompromittieren, wenn er im geringsten Grade von der festgestellten Routine, seiner erwählten Meinung, Beschäftigung, Gesellschaft und seinen täglichen Gewohnheiten abwiche. Seine Ehrenhaftigkeit fing mit seinem Benehmen in der Kirche an und schloss mit seinem Benehmen beim Abendbrot.

Er gehörte nicht zu jenen Leuten, welche mit hohen moralischen Grundsätzen der Zeit, dem Gelde oder dem Range sklavisch dienen, wie wir sie jeden Tag unter uns sehen. Er war kein Scheinheiliger, welcher heimlich den Sünden untertan war, die ihn verlockten, und dieselben öffentlich züchtigte, wenn sie nicht nach seinem Wohlgefallen waren. Alle die geheimen Schwingungen seines moralischen und geistigen Lebens hingen an einem und demselben Faden zusammen, welcher seinen Charakter über jede Verleumdung erhob. Wie der Kredit von einem Kaufmanne, wie die Verbreitung seiner Schriften von einem Schriftsteller, wie der gute Ruf von einer Frau geschätzt wird, so wurde die Ehrenhaftigkeit von Herrn Thorpe geschätzt.

Wenn er gar keine Kinder gehabt hätte, oder da er nun einmal welche hatte, wenn es bloß Töchter gewesen wären, oder wir wollen mal den Fall nehmen, wie er wirklich war, wenn sein Sohn zufällig ein ruhiges, geduldiges und kaltblütiges Gemüt besessen hätte, so würden die verschiedenen Eigentümlichkeiten, aus denen Herrn Thorpes Charakter überhaupt bestand, niemals eine solche unheilvolle Höhe erreicht haben, wie sie die Umstände jetzt und einige Zeit vorher durch ihre starke Gewalt hatten erreichen lassen. Da er jedoch einen Sohn hatte, dessen übermäßige Energie, Ausgelassenheit und rastloses Verlangen nach Aufregung, Zerstreuung und Veränderung die Geduld der nachsichtigsten, väterlichen Leitung auf die Probe gestellt haben würden, so erlangten alle Lieblingsvorurteile, Grundsätze und Meinungen Herrn Thorpes eine verhängnisvolle Wichtigkeit, bloß von dem direkten Einflusse, welchen sie unwillkürlich ausübten, indem sie nicht nur die leichtsinnigen Jugendstreiche seines Sohnes verschlimmerten, sondern weil sie auch die nämlichen Vergehen hervorbrachten, welche er so gewissenhaft zu verhindern besorgt war. Eine Probe von der religiösen Erziehung seines Sohnes im sechsten Jahre ist schon früher dadurch gegeben worden, dass er einen Kirchengottesdienst zwei Stunden lang besuchen musste und wie er vermittelst Sonntagsbeschränkungen und ausgewählter Bibeltexte dem Kinde frühzeitig Unterwürfigkeit beibringen wollte. Als das Kind zum Knaben herangewachsen und der Knabe ein junger Mann geworden war, setzte Herr Thorpe noch immer dasselbe Erziehungssystem beharrlich fort. Seine Idee von Religion erklärte dieselbe als ein System von Verboten, und durch eine natürliche Folgerung erklärte seine Idee von der Erziehung dieselbe ebenfalls auch als ein System von Verboten.

Er war nicht der Mann dazu, auch nur einen Augenblick die Theorie auf die Praxis zurückzuführen. Er fühlte niemals Misstrauen gegen sich selbst und was er für Recht hielt, das tat er ebenso wenig zurückschreckend vor einer logischen Widerlegung als vor einem praktischen schlechten Resultate. Sobald der Plan, seinen Sohn zu erziehen, einmal entworfen war, konnte kein irdisches Bedenken, ihn auf die eine oder andere Weise auch nur einen Zoll breit davon entfernen. Er hatte zwei Lieblingsphrasen, um auf jede Art von Widerspruch, auf jede Vorstellung und auf jedes Anführen von Beispielen zu antworten. Es war ihm ganz gleichgültig, mit welchen Beweisgründen die Mitglieder der Familie von Frau Thorpe ihn zuweilen angriffen, dieselben beiden Erwiderungen wurden unabänderlich aus dem väterlichen Köcher auf sie zurückgeschleudert. Herr Thorpe sagte ruhig - stets ruhig - »dass er sich niemals mit dem Laster befreunden wollte, und dass er in keinem Falle, groß oder klein, sich entschließen würde, nach einem Prinzip der Schicklichkeit (Tunlichkeit) handeln zu wollen«; diese letzte Behauptung bedeutete in Zacks Falle fast ebenso viel, als wenn er gesagt hätte, dass er sich, sobald auf einem Spaziergange in nördlicher Richtung ein junger wilder Stier in südlicher Richtung gerade auf ihn losstürzte, nicht durch eine Seitenwendung oder durch ein Abweichen von seinem Wege vor den Hörnern dieses Tieres zu bewahren suchen oder ihm Raum genug lassen würde, nach Osten oder Westen weiter zu laufen.

Sein Erziehungssystem wirkte auf Zack schon als Kind schlecht genug, schlimmer noch auf Zack als Schulknabe, am schlimmsten auf Zack als junger Mann, gerade zu der Periode, wo er im Begriff war, einen Lebensberuf zu wählen. Bei dieser letzten Periode von der Laufbahn des Sohnes nimmt des Vaters verblendete Hartnäckigkeit unsere besondere Aufmerksamkeit in Anspruch, denn zu dieser Periode brachte sie die verhängnisvollsten Re¬sultate hervor.



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel - Die Trübsal Zacks

Beschränktheit und Unduldsamkeit kennzeichneten in verschiedenem Grade die Meinungen Thorpes und sie traten besonders in seinen Ansichten über die Art der dauernden Beschäftigung, welche er seinen Sohne wählen lassen wollte, hervor. Vier Berufsarten, welche die allgemeine Stimme der zivilisierten Welt als ehrenvolle zu bezeichnen pflegt, verwarf er in einem Atem. Der Armee- und der Flottendienst sollte vorsichtig gemieden werden, weil es nicht selten Offiziere gab, die im Quartier oder im Hafen sich zur Verschwendung neigten. Medizin und Jurisprudenz waren gleichfalls aus höhern moralischen Gründen verpönt, jene, weil sie die Studierenden zum Materialismus und zur Trunksucht verleitete, diese, weil sie den Unglauben beförderte, indem sie die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verwischte. Die Gottesgelehrtheit blieb zuletzt als die zu erwählende Berufsart übrig, und sie war die einzige, welche Thorpe billigte, immer vorausgesetzt, dass die Theologen seiner Partei angehörten und an der Erreichung seiner Lieblingszwecke arbeiteten. Den zweiten Platz in seiner Achtung nahm der Handelsstand ein, hauptsächlich deshalb, weil einige seiner frommen Freunde zufällig auch seine Geschäftsfreunde waren. An andere Berufsarten mochte er gar nicht denken. Er hoffte, Zack die Kanzel besteigen zu sehen, und wenn dies fehlschlug, ihn an das Pult zu stellen. Was konnte wohl ein so praktisch gesinnter Vater weiter verlangen?

Ohne die Einwendungen einiger geistlichen Freunde, die natürlich für den guten Ruf ihres Standes fürchteten, würde Herr Thorpe treu seiner Lieblingsmaxime, dass er am besten wisse, was seinem Sohne fromme, sehr wahrscheinlich seine Versuche, ihn zum Studium der Theologie zu zwingen, fortgesetzt haben. Vorstellungen, die er nicht unbeachtet lassen konnte, nötigten ihn jedoch, von seinem Vorhaben abzustehen, und so entschied er sich denn, wie begreiflich, für die kommerzielle Alternative, eine Entscheidung, gegen welche keine Berufung zulässig war.

Um nichts über den Charakter Zacks zu sagen, als er noch ein Kind war, um sein ganzes Betragen als Schulknabe mit Stillschweigen zu übergehen - schon seine Lebensweise zu Hause, während er sich auf den kaufmännischen Beruf vorbereitete, für den er bestimmt war, genügte vollkommen, um jeden andern Vater als Herrn Thorpe zu der Einsicht zu bringen, dass alle Geschäftsmänner im britischen Reich es als einen großen Fehler betrachten würden, den jungen Mann auch nur zu dem geringsten Comptoirgeschäft zu verwenden. Seine wilden ungestümen Triebe, die während der Schuljahre auf dem Spiel- und Turnplatz ein offenes Feld gefunden hatten, brachen in dem Augenblick, wo er in das Vaterhaus zurückkehrte, mit neuer Gewalt hervor. Sein Vater hatte ihm ein für allemal den Genuss der Londoner Vergnügungen, der unschuldigen wie der sündhaften, untersagt, aber er konnte ihn unmöglich in dem Gebrauch seiner Arme und Beine beschränken und ihm die so nötige und heilsame Leibesbewegung untersagen. Master Zack verstand es vortrefflich, den ausgedehntesten Gebrauch von dem einzigen Privilegium zu machen, dessen er sich unter Drucke des väterlichen Despotismus zu erfreuen hatte. Er stand jeden Morgen um fünf Uhr auf, der kalten und regnerischen Herbstwitterung, die damals herrschte, tapfer Trotz bietend. In drei Minuten hatte er sich angekleidet, in den nächsten drei Minuten so viel Brot, Käse, und kalten Braten, als seine Taschen fassen konnten, aus der Speisekammer geholt, und dann machte er sich auf den Weg, um zunächst in den Hampsteader Teichen die nötige Morgenwaschung vorzunehmen. Wie immer die Atmosphäre und das Wasser beschaffen sein mochten, er durchstreifte die erstere und tauchte in das letztere, um sich Appetit zu erschwimmen, wie andere Leute zu dem gleichen Zwecke zu gehen pflegen. Seine nächste Beschäftigung war nun, sich in glorreicher Unabhängigkeit von dem verweichlichenden Gebrauch eines Handtuchs durch Zupfen, Springen und Drehen am Uferrande des Teiches in der kalten Luft zu trocknen; hierauf erleichterte er rasch seine Taschen um ein oder zwei Pfund der mitgenommenen Vorräte, indem er sein Frühstück verschlang. Nachdem er sich satt gegessen, trat er einen Spaziergang an, auf dem er gewöhnlich im Durschnitt ungefähr fünf deutsche Meilen zurücklegte, ehe er wieder nach Hause kam. Auf diesen Fußwanderungen begegneten ihm alle möglichen Abenteuer, die er so klug war, vor den väterlichen Ohren geheim zu halten. Bisweilen besuchte er, um Abwechslung in sein Vagabundenleben zu bringen, den Jahrmarkt einer nahegelegenen Landstadt; zuweilen zog er mit Zigeunern herum; bisweilen holte er eine Meute Hunde ein und folgte unverdrossen dem Jäger zu Fuß. Wo er immer auch wandern mochte, er sprach mit jedem Manne, mit jeder Frau und jedem Kinde, das ihn anhören wollte. Anständige Leute verloren ihre Zurückhaltung, Landstreicher ihr misstrauisches Wesen, wenn er sie anredete. Er machte Bekanntschaft mit Reitern in Jagdrevieren und saß gemütlich bei Kesselflickern in trockenen Gräben; er fand an der Gesellschaft der einen und der andern gleichen Gefallen und war stets bereit, einem jeden, der es hören wollte, den Stand seiner Familienangelegenheiten, und wie schlecht er sich mit seinem Vater vertrüge, zu vertrauen. Hausierer, Landstreicher und Arbeiter - Landedelleute, Pächter und Steuereinnehmer - alle ohne Unterschied waren den kosmopolitischen Sympathien Zacks gleich willkommen.

Dies war das chaotische Rohmaterial, aus welchem Thorpe die verschiedenen Bestandteile, welche zur Bildung eines tüchtigen kaufmännischen Charakters nötig sind, kitten zu können glaubte.

Obgleich der alte Herr Goodworth gestorben war, ehe Zack die Schule verlassen hatte, so gab es doch andere Glieder der Familie Goodworth, die sich hinlänglich für den Sohn der Frau Thorpe interessierten, um ihrem Gemahl wegen seines Entschlusses, Zack zu einem kaufmännischen Beruf zu zwingen, häufig ernste Vorstellungen zu machen. Sie machten mit vollem Recht geltend, dass des Burschen tolles Wesen und seine eingewurzelte Neigung zum Herumstrolchen ihn zu jeder anständigen und regelmäßigen Beschäftigung gänzlich unfähig machten. Sie verlangten, man solle doch immer einen Versuch machen, seine eigenen Wünsche kennen zu lernen, selbst wenn es hinterher unzulässig erschiene, sich ihnen zu fügen. Sie schlugen vor, ihm eine gute Stelle bei der Handelsmarine zu verschaffen, oder ihn an einer Forschungsreise nach Australien, von welcher damals die Recht war, teilnehmen zu lassen, oder ihn als Freiwilligen auf das nächste, zu einer Entdeckungsfahrt nach dem Polarmeere bestimmte Schiff zu bringen, in dem sie behaupteten, dass solche und ähnliche abenteuerliche Beschäftigungen allein im Stande seien, sein unruhiges Temperament zu bändigen, seine starken Körperkräfte zu üben und ihn an eine heilsame und notwendige Zucht zu gewöhnen. Thorpe hörte stets diese verständigen Ratschläge, so oft sie wiederholt wurden, mit ruhiger Fassung und studierter Aufmerksamkeit an, gab auch mit einem kaum merklichen Anflug von Sarkasmus zu, dass die angedeuteten Projekte von dem weltlichen Gesichtspunkte aus vollkommen weise und ausführbar erschienen, aber er setzte hinzu, er halte es für seine Pflicht, sie entschieden und ohne die geringste Zögerung zu verwerfen und zwar aus Gewissensrücksichten, die, wie er zu seinem tiefen Bedauern gestand, mit der geistigen Verfassung Zacks zusammenhingen.

»Mein Sohn bedarf der unnachsichtigsten väterlichen Zucht und Aufsicht«, pflegte Thorpe zu sagen, indem er seine Rede schloss. »Wenn er nicht unter meine eigenen Auge Hause ist, so muss er unter den Augen frommer Freunde sein, auf welche ich ein übergroßes Vertrauen setzen kann. Einer von diesen frommen Freunden ist bereit, ihn in sein Haus zu nehmen, ihn an kaufmännische Sitte und nützliche Tätigkeit zu gewöhnen, seine widerspenstigen Neigungen zu bekämpfen, ihn von morgens neun Uhr bis abends sechs Uhr in seinem Comptoir zu beschäftigen, ihm mit einem guten Beispiel voranzugehen, kurz die feierliche Verantwortlichkeit für die Leitung ganzen sittlichen und religiösen Erziehung mit mir zu teilen. Personen, welche mir zumuten, ich solle meinen gewissenhaft und reiflich erwogenen Entschluss ändern aus Rücksicht auf Zacks Temperament, das seit seiner Kindheit eine Quelle der Trübsal für mich gewesen ist, aus Rücksicht auf seine hervorragenden körperlichen Fähigkeiten, die ihn bisher nur an der Ausbildung seiner geistigen Fähigkeiten gehindert haben, oder aus Rücksicht auf seine eigenen Wünsche, die wie ich aus eigener bitterer Erfahrung weiß, sämtlich sehr weltlicher Natur sind, - Personen, sage ich, die mir zumuten, ich solle so etwas tun, muten mir zu, ich solle nach einem gottlosen Schicklichkeitsprinzip handeln und das sittliche Gebot durch sündhaftes Paktieren mit dem Laster verletzen.«

Bei diesen Worten - wie gewöhnlich, wenn seine Pläne bezüglich Zacks einer tadelnden Kritik unterzogen wurden - räusperte sich Thorpe, seufzte tief und blickte unverwandt auf den Boden - seine Frau hielt das Taschentuch vor die Augen - und die Verwandten seiner Frau erhoben sich eilig, erkannten die Stärke der Gründe an, die sie gehört hatten, und sagten »Guten Morgen«.

Die Kommisstelle in dem Comptoir eines Teemaklers, welche Zack fortan bekleidet hatte, wurde erst in sechs Wochen vakant. Dennoch verlor er die Freiheit, vom Morgen bis zum Abend müßig herumzuschweifen, schon an dem Tage, wo die Stelle ihm zugesagt ward. Thorpe hielt es für nötig, ihn während der letzten Zeit seiner häuslichen Muße in den Comptoirwissenschaften unterrichten zu lassen, und fasste deshalb den Entschluss, ihm einen Lehrer zu halten, der ihn in die Geheimnisse der doppelten italienischen Buchhaltung einweihen und ihm die nötigen arithmetischen Kenntnisse eintrichtern sollte. Zacks schwächste Seite war das Rechnen - er konnte nie dahingebracht werden, die Multiplikationstabelle zu lernen, und sein unüberwindlicher Abscheu gegen alles, was sich auf Zahlen bezog, reizte ihn zu unmittelbarer Auflehnung gegen die beabsichtigte Ausübung der väterlichen Gewalt. Thorpe entgegnete mit seiner gewöhnlichen, kurz entscheidenden und stahlharten Logik, ein Kaufmann müsse rechnen können - sein Sohn solle ein Kaufmann werden und folglich müsse er rechnen lernen. Nachdem er diese kurze Formel von sich gegeben, glaubte er genug getan zu haben, um den Sohn mit seinem Strom von Klagen abzufertigen, er setzte ruhig seinen Brief an den Rechenlehrer auf, und bezeichnete diesem Herrn den Tag, an welchem er sich zum ersten Mal nach Baregrove-Square bemühen möchte.

Aber Zack widerstand und klagte von neuem bei jedem frischen Gekritzel der Feder seines Vaters. Er habe keinen Sinn für das Rechnen, sagte er, und fühle einen gründlichen Ekel bei dem bloßen Gedanken, in das Comptoir eines Teehändlers einzutreten. Den ganzen Tag wie ein Gefangener an ein Pult gebannt zu sein, würde ihn wahnsinnig machen. Was er denn verbrochen habe, um auf eine so nichtswürdige Weise misshandelt zu werden? (Hier trocknete Thorpe sorgfältig die erste Seite des Briefes und ging zu der zweiten über.) Weshalb man ihm nicht Maler werden lasse, wie Herr Blyth? Wolle man ihn zur Verzweiflung und zum Davonlaufen bringen, indem man ihn zu einer Beschäftigung zwinge, die er vor allen am meisten hasse? (Hier sagte Frau Thorpe: »O, lieber Zack, sei still - ich bitte Dich, sei still!«) Es sei ganz schön von der Mutter »sei still" zu sagen, wenn der Vater ihm das Herz bräche! Ja, ihm das Herz bräche! Denn es sei so gut, als tue er das, wenn er ihn zwinge, auf das Leben in der freien Natur, auf die Fußwanderungen im Sonnenschein und Regen, in der Hitze und Kälte, auf diese und andere Dinge, an die er gewöhnt sei, gänzlich zu verzichten. Man lasse ihn alles andere, es sei ihm einerlei was - nur nicht Teemakler werden. Wenn er zu seinem Unglück nicht lernen solle, draußen mit dem lieben alten Valentin Skizzen zu zeichnen, so lasse man ihn auf irgendeine andere Weise glücklich sein. Man schicke ihn zu einem Landwirt, damit er für seine ganze übrige Lebenszeit ein Bauerntölpel werde; man bringe ihn auf ein Schiff, es sei ihm recht als Matrose, er könne es mit dem besten von ihnen aufnehmen. Man mache aus ihm einen Eisenbahnfeuermann, und man solle sehen, wie er die Maschine heizen würde! Man verbanne ihn in einen Metzgerladen, daraus mache er sich nichts, so lange er den Fleischkarren herumfahre. (Hier schloss Thorpe seinen Brief und legte ihn in ein Couvert.) Ja, ehe er sich in einen Teeladen einsperren und zur Buchführung verurteilen lasse, wolle er tausendmal lieber mit einem Metzgerkarren herumfahren - tausendmal lieber die Straße fegen - tausendmal lieber auf Botschaft gehen, tausendmal lieber ein Omnibuskutscher sein. (Thorpe schrieb die Adresse auf den Brief und verschloss ihn mit einem Stempel.) Sie möchten den Brief nur absenden, aber Fleisch und Blut könnten einen Rechenlehrer nicht ertragen, er warne sie davor. (Thorpe sah auf seine Uhr, schellte und sagte dann zu Zack sich wendend: »Das Abendgebet. Nehmen Sie Ihren Platz ein, Sir, und seien Sie still, wenn Sie noch Sinn für gewöhnlichen Anstand haben.«) Ach ja, das Abendgebet! (Hier murmelte Zack leise vor sich hin.) »Ich bin elend genug, um das Gebet mehr als irgendeine lebendige Seele auf der ganzen Welt zu bedürfen.« Thorpe legte seinen Brief auf das Seitenbrett, damit er am Morgen zu allererst auf die Post gegeben würde. Frau Thorpe trocknete verstohlen ihre Tränen, Zack schlich in einen dunkeln Winkel, das Gesinde trat ein. Zuletzt herrschte Totenstille. In jener Nacht fiel es Thorpe nicht im Traume ein, dass sein Sohn ernstlich daran denken könne, sich am nächsten Morgen der Buchführung und dem Teehandel durch die Flucht zu entziehen. Und doch hatte Zack nicht übertrieben, als er erklärte, dass seine Abneigung gegen jede Beschäftigung in einem Handlungshause zur Höhe eines grenzenlosen Abscheues sich steigere. Seine physischen Eigentümlichkeiten und die Gewohnheiten, die sich seit seiner Kindheit in ihm entwickelt hatten, machten ihm den Aufenthalt in der freien Luft, starke Bewegung und fortgesetzte körperliche Übung zu einer Lebensnotwendigkeit. Er fühlte - und es war kein Selbstbetrug in diesem Gefühle - dass er stumpf werden und verkommen würde, wie ein wildes Tier in einem Käfig, wenn man ihn den ganzen Tag in ein Comptoir einsperre, wo er zur Abwechslung höchstens einmal einen Geschäftsgang von einer lumpigen halben Stunde in engen und menschengefüllten Straßen machen dürfe. Diese Befürchtung - um nichts zu sagen von seinem natürlichen Hang zu Abenteuern, buntem Szenenwechsel und aufheiternden Leibesübungen - hätte an sich schon genügt, ihn zu dem Entschlusse zu bringen, das väterliche Haus zu verlassen und sich durch die Welt zu schlagen, unbesorgt wo und wie, so lange er freie Hand hatte; aber eine herzbeklemmende Scheu raubte ihm, der sonst so keck war, die Entschlusskraft und hielt seinen Fuß am Rande einer geheiligten Schwelle zurück, die er nicht zu überschreiten wagte aus Furcht, sie für immer hinter sich zu lassen - an der Schwelle von seiner Mutter Tür.

Sonderbar in ihrem Ausdruck und von unregelmäßigem Einfluss auf sein Betragen, war doch Zacks Liebe zu seiner Mutter in ihrer Art ein schöner und bewundernswürdiger Zug seines Charakters, der viel für die Zukunft versprach, wenn sein Vater fähig gewesen wäre, ihn zu entdecken, und weise genug, durch die Entdeckung sich leiten zu lassen. Was den äußern Ausdruck betrifft, so war des Burschen Zärtlichkeit für Frau Thorpe eine wilde, ungestüme, gefühllose Zärtlichkeit, die in schönstem Einklang stand mit seinem sorglosen, rappelköpfischen Wesen. Sie wirkte ruck- und stoßweise auf ihn, sie bestimmte ihn das eine Mal zu geduldigem und ruhigem Ertragen und ließ ihn ein anderes Mal dem Anschein nach im Stiche. Aber es war dennoch echte festgewurzelte Zärtlichkeit, wenngleich Unbesonnenheit und Versuchung häufig die leise dünne Stimme, mit welcher seine reinen Triebe zu seinem Gewissen sprachen, übertäuben mochten und mit seinem Herzen stritten.

Nichts von allem, was Zack tat, kennzeichnete ihn besser als die Art, wie er die Liebe zu seiner Mutter an den Tag legte, besonders in allen Fällen, wo diese ihn insgeheim zu bestimmen suchte, um ihretwillen auf die Wünsche seines Vaters Rücksicht zu nehmen. Schauer von lauten herzlichen Küssen, die der armen Frau den Atem benahmen, kräftige quetschende Umarmungen, die sie halb erschreckten, halb verletzten, obwohl sie dies nie gestehen wollte, laut ausgesprochene kindliche, ebenso unwissende als aufrichtige Bewunderung der Lieblingsputzsachen ihrer Kleidung, ein Schwall von kindisch zärtlichen Ausdrücken, so abgeschmackt und doch so einfach rührend, wenn sie aus dem Munde eines handfesten langaufgeschossenen Sohnes von sechs Fuß Höhe kamen, dass die Mutter während des Hinhörens oft in einem Atem lachte und aufschrie: das waren einige von den derbehrlichen Ausdrucksformen, in welchen Zacks Liebe zu seiner Mutter von Zeit zu Zeit sich zu offenbaren pflegte; das waren die gewöhnlichen Bürgschaften, stets auf der Stelle in der redlichsten Absicht gewährt, durch die er sich verpflichtete, seinem Versprechen der Besserung eine tatsächliche und dauernde Erfüllung zu geben.

Aber es war das Unglück des Burschen, dass er mehr als den gewöhnlichen Teil menschlicher Schwäche besaß, die wir alle in verschiedenem Grade von unserer gemeinschaftlichen Stammmutter erben. Selten, sehr selten entsprach die Ausführung dem Vorsatze, wie es der Fall hätte sein sollen. Oft hingegen, wenn die Freuden der Gegenwart ihn zum Vergessen der übernommenen Verpflichtungen und zur Gleichgültigkeit gegen die künftigen Folgen verleiteten, gab es Perioden in seinem Leben, wo die Erinnerung an seine Mutter und an alles, was er ihretwegen versprochen hatte, vor seine Seele trat und ihn im entscheidenden Augenblick vor manchem Fehltritt bewahrte, dessen Folgen verhängnisvoll für seine ganze Lebenszeit gewesen wären.

Zweimal hatte er angesetzt, um der Schule zu entlaufen, aber zweimal hatte das Bewusstsein seiner Pflicht gegen die Mutter ihn in vollem Lauf aufgehalten, und er war als reuiger Ausreißer zurückgekehrt, um heldenmütig die Streiche der rächenden Rute zu ertragen. Auf seinen Wanderungen hatte es ihm dann und wann gewaltig gelüstet, die ganze Nacht mit Wilddieben und Zigeunern im Freien zuzubringen, oder auf einem Jahrmarkt in den Tanzbuden sich herumzutreiben, aber die Furcht, seine Mutter zu betrüben, der Gedanke an die Angst und Schlaflosigkeit, die ihr sein Ausbleiben sicher bereiten würde, war stets mächtig genug, um seine widerstrebenden Schritte heimwärts zu lenken, ihn zu der bestimmten Abendstunde zurückzubringen und um ihretwillen der Hausordnung sich zu fügen.

Und selbst jetzt, wo er ernstere Kämpfe zu bestehen hatte, selbst jetzt, wo zuerst der Schatten des verhassten Rechenlehrers die Räume von Baregrove-Square verdüsterte, ließ sich Zack in der elften Stunde von seiner Mutter zum Gehorsam bringen. Und dann, als die Stelle in dem Comptoir des Teemaklers vakant wurde, wäre keine Macht der Erde im Stande gewesen, Zack auch nur einen Zoll breite in der verhassten Richtung nach dem Comptoirpult fortzubewegen, wenn seine Mutter nicht so lange geweint und gejammert hätte, bis er ihr zu Liebe sich fügte, aber dahin konnte sie den Burschen doch nicht bringen, dass er Gefallen an einer Beschäftigung fand, zu der er völlig untauglich war und die er im Stillen von ganzem Herzen verabscheute. Tag für Tag, ja Stunde für Stunde vermehrte sich das angesammelte Kapital des Hasses gegen seine Citybeschäftigungen mit Zinseszinsen. Nacht für Nacht, wenn er schlaflos auf seinem Lager sich wälzte oder zum Fenster hinaussah, die verbotene Zigarre rauchend, erhob die böse Versuchung in seiner Brust, ohne Weiteres der Heimat und den heimatlichen Beschwerden den Rücken zu kehren, ihre lockende Stimme, und indem sie arglistig das Gefühl des ihm zugefügten Unrechts benutzte, wurde sie stärker und stärker in dem Konflikt mit dem einzigen guten Einfluss, er doch immer schwach aber entschlossen bis zu allerletzt dagegen ankämpfte.

Eine von den traurigen Folgen der gewissenhaften Einsperrung Zacks in ein Handlungscomptoir war die, dass sein natürliches Gelüst nach den Vergnügungen und Zerstreuungen der Stadt durch seine kommerzielle Buße erheblich gesteigert wurde. Wenn er am Abend nach neunstündiger täglicher Arbeit, wie er sie sich widerwärtiger kaum denken konnte, nach Hause zurückkehrte, übte der Anblick des Theaterzettels und anderer Ankündigungen öffentlicher Lustbarkeiten einen unwiderstehlichen Zauber auf ihn aus. Fast in jeder Straße, die er mit gaffenden Augen langsam durchschritt, erhoben buntbeklebte Ladentüren und ellenlange farbige Maueranschläge ihre süßverlockenden Sirenenstimmen. »Komm, schwermütiger und unzufriedener Jüngling, komm und vergiss die Mühseligkeiten des Tages, die traurige Wirklichkeit des kaufmännischen Daseins in unserem von Flitter und Gas strahlenden Feenreich! Komm und tanze mit unsern Nymphen nach der Musik weltberühmter Banden; lache mit unsern Schäfern in dem Lustspiel und der Posse, die man fälschlich Burleske nennt, wenn sie in Knittelverse gebracht ist. Komm, trink aus der balsamischen Gin- und Wasserquelle; sättige Dich mit schmackhaften Beefsteaks und Kotelettes; gib hier und da ein paar armselige Schillinge aus, und siehe da! Der Hades Deiner täglichen Geschäftskunden wird sich nachts sofort in ein Paradies verwandeln!«

Das war das beständige Abendlied, welches Zack mit seinem Gesumme regelmäßig auf dem Heimwege begleitete. Aber in diese melodischen Töne mischte sich stets, ihre liebliche Harmonie grausam zu stören bemüht, grollend und drohend ein abscheulich greller Missklang - die Stimme des unbarmherzigen Verbots, das von den väterlichen Lippen ausging.

Thorpe zog die Scheidelinie zwischen erlaubten und verbotenen Abendunterhaltungen bei den Lehrsälen der Königlichen Polytechnischen Anstalt und den Oratorienaufführungen in Exeter Hall. Alle Pforten, die jenseits der vorgezeichneten Grenze sich öffneten, waren Pforten des Lasters - Pforten, die sein Sohn nie sollte durchschreiten dürfen. Die Hausordnung, welche Zack verpflichtete, jede Nacht um elf Uhr zu Hause zu sein und ihm den Besitz eines Hausschlüssels untersagte, hatte vornehmlich den Zweck, ihn von dem verbotenen Besuch der Theater, der öffentlichen Gärten und anderer Vergnügungsorte abzuhalten, die Thorpe im Stile frommer Allegorie als »Teufelshäuser« und »Labyrinthe nationaler Schande« schilderte. .Es war völlig nutzlos, dem Vater vorzustellen, wie es einige von Zacks mütterlichen Verwandten taten, dass Zack von Eva abstamme und folglich einen angeerbten Hang, verbotene Früchte zu pflücken, besitze; dass man bei seinem Temperament und Alter beinahe mit Sicherheit annehmen könne, er werde, wenn man ihn von dem offenen Genusse der Vergnügungen zurückhalte, die natürlich für ihn den größten Reiz hatten, sie zuletzt heimlich genießen; und dass die dadurch erzeugte Gewohnheit zu täuschen, indem sie sein sittliches Gefühl abstumpfe, mehr als alles andere geeignet sei, ihn zu einem Missbrauch der Genüsse, gegen den nur Belehrung oder Erfahrung schützen könne, zu verleiten. Es war völlig vergeblich, derartige Argumente gegen Thorpe geltend zu machen. Er antwortete auf alle Vorstellungen durch einfache Wiederholung seines gewöhnlichen Protestes gegen »Zweckmäßigkeitsrücksichten« und das ,,mit dem Laster sich abfinden«, und dann zog er die Zügel der Disziplin noch straffer als vorher, als wollte er alle unberufenen Hände warnen vor dem Versuch, sie in Zukunft zu lockern.

Es dauerte nicht lange, so traten wirklich die bösen Folgen ein, welche die Gegner des verkehrten Planes, durch den Thorpe seinen Sohn vor jeder Teilnahme an öffentlichen Vergnügungen bewahren wollte, vorhergesagt hatten. Zuerst befriedigte Zack seine Leidenschaft für das Drama, indem er so oft in das Theater ging, als es ihm beliebte. Er verließ die Vorstellungen früh genug, um Schlag elf Uhr zu Hause zu sein, und bekannte offen, wie er den Abend verbracht hatte, wenn am andern Morgen beim Frühstück danach gefragt wurde. Diese freimütigen Geständnisse wurden stets mit Verweisen, Drohungen und erneuerten Verboten belohnt, die Thorpe mit einer ruhigen und unbarmherzigen Strenge, mit der ganzen Würde väterlicher Machtvollkommenheit, mit einer niederschmetternden Rücksichtslosigkeit und Unzugänglichkeit für alle Milderungsgründe, alle Bitten und Entschuldigungen erließ, welche Jack häufig zu trotzigen Antworten und neuen Übertretungen reizte. Als er sah, dass alle Drohungen und Verweise keinen andern Erfolg hatten als den Burschen auf ganze Tage übelgelaunt und widerspenstig zu machen, misstraute er seiner korrektionellen Gewalt so sehr, dass er den Beistand seines vornehmsten geistlichen Ratgebers, des Reverend Aron Yollop anrief, in dessen Sprengel er wohnte und dessen lithographiertes Portrait im besten Lichte an der Wand des Speisezimmers zu Baregrove-Square hing.

Mr. Yollops Einmischung war wenigstens gewichtig genug, um ein positives und unmittelbares Resultat herbeizuführen; sie brachte Zack zu der äußersten Grenze menschlichen Ertragens. Die unerschütterliche Selbstbeherrschung des hochwürdigen Herrn reizte den Widerspruchsgeist des jungen Rebellen auf das Äußerste und veranlasste ihn zu kräftiger Gegenwehr. Betraut mit dem väterlichen Auftrag, als geistlicher Hirt und Seelsorger Thorpes ungehorsamen Sohn zu ermahnen, zu schelten, zu tadeln, glänzte Mr. Yollop in seinem neuen Beruf je nach Verhältnis des Widerstandes, welcher der Ausübung seiner Autorität entgegengesetzt wurde. Er empfand eine abscheuliche Befriedigung, eine Art melancholischer Freude bei den wildesten Wutausbrüchen Zacks, den es empörte, sich von einem Manne gehofmeistert zu sehen, der kein Verwandtschaftsrecht gegen ihn geltend machen konnte, und der, während er an ihm experimentierte, den seltenen verwickelten Fall geistiger Krankheit berufsmäßig rühmte. Dreimal vollzog Mr. Yollop in seiner Eigenschaft als Seelenarzt die Operation an dem Patienten und feierte einen Triumph in den Schmerzenslauten, die seine Heilbemühungen diesem entlockten. Bei dem vierten Krankenbesuch verschwand jedoch jedes böse Krankheitssymptom mit wunderbarer Schnelligkeit bei dem ersten leisen Blitzen von Mr. Yollops geistlichem Messer. Mr. Yollop hatte gesiegt, wo Thorpe unterlegen war. Das Übel, welches eine gründliche Behandlung erfordert hatte, war dem geistlichen Heilverfahren gewichen, und der rebellische Zack war zuletzt so weit gezähmt, dass er seine Abende in geziemender Untätigkeit zu Hause verbrachte.

Es fiel weder Yollop noch Thorpe jemals ein, daran zu zweifeln, dass der junge Mann wirklich zu Bett ging, wenn er sich zu der bestimmten Stunde in sein Schlafgemach zurückgezogen hatte. Sie sahen ihn aus dem Geschäft nach Hause kommen, ernst, fügsam und still unterwürfig, sein Mahl verzehren, am Abend sein Buch nehmen und nach oben gehen, nachdem die Haustür für die Nacht verschlossen war; sie sahen somit durch äußere Beweise bekundet, dass er zum Gehorsam zurückgekehrt war, und mit diesem äußern Anschein befriedigten sich ihre Herzen. Der Mensch ist nie kurzsichtiger, als wenn er verfolgt. Beide, Thorpe und sein Helfershelfer verfolgten grundsätzlich, wo immer sie auf Widerspruch stießen; und beide waren folglich unfähig, über die unmittelbaren Resultate hinauszublicken. Indes die traurige Wahrheit war, dass sie etwas mehr getan hatten als den Burschen erziehen. Sie hatten die Aufrichtigkeit und die Wahrhaftigkeit, diese angeborenen Tugenden Zacks, aus seinem Herzen gerissen. Sie hatten ihn Schritt für Schritt dahin gebracht, dass er seine Zuflucht zu der schmachvollen Heuchelei nahm. Und so betrog er sie denn beide.

Sein plötzliches Waffenstrecken bei dem geistlichen Angriff war nicht die Eingebung eines Augenblicks, sondern das Resultat reiflichen Nachdenkens über das beste Verfahren, um seinen Vater zum Schweigen zu bringen und von Yollop loszukommen. Dieses Ziel zu erreichen, blieb ihm nichts übrig - oder vielmehr, er glaubte, es sei ihm keine Wahl gelassen - als Flucht oder Verstellung. Er hätte keinen Augenblick geschwankt, sich für die erstere zu entscheiden, aber die Rücksicht auf die Mutter, die seit der Zunahme seiner häuslichen Leiden insgeheim viel gütiger, zärtlicher und liebreicher als gewöhnlich gegen ihn gewesen war, ließ in ihm den ernstlichen Gedanken an eine Flucht nicht aufkommen. Es blieb sonach nur noch die zweite Alternative übrig; denn in seinem Alter und bei seinem Temperament - gebunden überdies an eine Beschäftigung, die ihm das Leben verbitterte - erschien ihm die Idee, allen seinen Leiden dadurch ein Ende zu bereiten, dass er den Befehlen ohne Murren sich füge und auf die einzigen Lebensfreuden, die ihm einen gewissen Ersatz für so manche trübselige Stunde gewährten, vollständig und selbst für die Zukunft verzichte, als eine reine Unmöglichkeit. Die zweite Alternative war sonach die, welche er wählte; und einmal hierzu entschlossen, legte er sich auch gleich einen hübschen Plan zurecht, wie er heimlich die verbotenen Freuden des »Londoner Lebens« genießen und zugleich seinen guten Ruf unter der Oberaufsicht des getäuschten Reverend Aron Yollop bewahren wollte.

Elf Uhr war die gewöhnliche Stunde zum Schlafengehen in Baregrove-Square. Sobald Zack sein Schlafgemach erreicht hatte, war es sein Erstes, dass er leise ein Fenster öffnete, eine alte Reisemütze aufsetzte und eine Zigarre anzündete. Es war Dezemberwetter zu jener Zeit, aber seine Schwimmübungen in den Hampsteader Teichen machten ihn so unempfindlich gegen die Kälte wie einen jungen Eisbären. Nachdem er in einer halben Stunde seine Zigarre geraucht hatte, horchte er an der Tür, bis die Stille in Mr. Thorpes Ankleidezimmer ihm anzeigte, dass sein Vater zu Bett gegangen war und ihn einlud, auf den Zehen, die Schuhe unter dem Arm, in den Hausflur hinabzuschleichen. Hier stellte er sein Licht mit einer Schachtel Zündhölzer daneben auf einen Stuhl und machte sich daran, die Haustür mit der geräuschlosesten Geschicklichkeit eines geübten Nachtdiebes zu öffnen - wobei er stets die Vorsicht gebrauchte, das Gelingen seines gefährlichen Unternehmens durch sorgfältiges Einölen des Schlosses, des Riegels und der Türangel zu erleichtern. Nachdem er sich des Schlüssels versichert, das Licht ausgeblasen und die Tür geräuschlos hinter sich geschlossen hatte, verließ er das Haus und rannte nach Heymarket, Covent-Garden oder dem Strand ein wenig vor Mitternacht - oder mit andern Worten, er trat eine nächtliche Vergnügungstour genau zu der Zeit an, wo die Türen anständiger, öffentlicher Vergnügungslokale, deren Besuch ihm sein Vater untersagt hatte, sämtlich geschlossen und nur noch die Türen aller unanständigen Lokale geöffnet waren.

Eine Vorsicht indes, und nur eine einzige, beobachtete Zack, während er die gefährlichen Vergnügungen genoss, in die ihn die väterlichen Verbote und seine eigene Verderbtheit führte. Er trug Sorge, stets nüchtern genug zu bleiben, um sicher wieder zu Hause zu sein, bevor die Dienerschaft wieder aufgestanden war, und sich auf die Geschicklichkeit seiner Hand und die Leichtigkeit seiner Füße verlassen zu können, wenn er die Tür verschloss und für ein paar Stunden nach seinem Schlafgemach hinaufhuschte. Die Kenntnis des gefährlichen Schwächezustandes, in welchen er leicht beim Trinken geriet, bestimmte ihn ganz von selbst zur Mäßigkeit und Selbstbeherrschung, soweit es sich um geistige Getränke handelte. Das erste Glas Grog stärkte ihn, das zweite regte ihn angenehm auf, das dritte machte ihn, wie er aus früherer Erfahrung wusste, mit einem Mal matt und raubte ihm heimtückisch den nüchternen Sinn.

Aber so tapfer er bisher allen Lockungen widerstanden hatte, in der beständigen Versuchung zu Ausschweifungen, welche dieses dritte Glas ihm bereitete, lag doch für Zack die große Gefahr, sich selbst zu betrügen und folglich sein eigner Verräter zu werden, lauernd im Hinterhalt, bis seine Schwäche unterliegen würde, wie sie bereits andern Versuchungen unterlegen war. Dreimal, viermal wöchentlich, beinahe einen ganzen Monat hindurch hatte er in völliger Straflosigkeit das Vergnügen der heimlichen Nachtschwärmerei genossen, es selbst vor seinem Freunde Mr. Blyth geheim haltend, der, wie er wohl wusste, es trotz seiner ausgedehnten Toleranz keineswegs billigen würde, dass er bis zwei Uhr morgens in Wirtshäusern sich herumtrieb, während sein Vater ihn ruhig im Bette glaubte. Seine schlechte Aufführung, obschon er leichtsinnig darin verharrte, hatte doch keineswegs das letzte und schlimmste Resultat, ihn bis zur Unmöglichkeit der Besserung zu verderben, herbeigeführt. Er hatte noch Schamgefühl genug, um über seine erfolgreiche Heuchelei zu erröten, wenn er sich in der Gesellschaft seiner Mutter befand.

Aber die Umstände entfernten ihn leider zu sehr von seiner Mutter und so vertrocknete der Keim des bessern Gefühls, der nur unter ihrem Einflusse sich entfaltete, und der, wenn er zur vollen Entwicklung gekommen wäre, sicher zu seiner Besserung geführt hätte. Täglich war er im Geschäft, und das verdrießliche Leben, das er hier führte, machte ihn nur geneigt, mit boshafter Freude an die Kurzweil der Nacht zu denken. Am Abend fand denn Thorpe es häufig geraten, ihm eine ernste Predigt zu halten und zu verhüten, dass der bekehrte Sünder aus Mangel an einer kleinen moralischen Zurechtweisung rückfällig würde. Auch Yollop blieb in der Anwendung ähnlicher Vorsichtsmaßregeln nicht zurück, denn ihm lag vor allem daran, den Neubekehrten sich nicht wieder entschlüpfen zu lassen, nachdem er ihn einmal gefangen hatte. Jedes Wort, das diese beiden Herren sprachen, diente nur dazu, das Herz des jungen Mannes noch mehr zu verstocken und den heilsamen Einfluss, welchen die liebevollen Blicke und die vertraulichen Worte seiner Mutter auf ihn ausübten, zu ertöten. »Ich würde dadurch nichts gewinnen, selbst wenn ich mein Leben ändern könnte«, dachte Zack boshaft und ärgerlich, wenn sein Vater oder seines Vaters Freund ihn mit einer kleinen Moralpredigt bedachten; »da zerren sie nun wieder an ihrem musterhaft guten Jungen herum, um ihn besser zu machen!«

Das war, der Punkt, bis zu welchem die Trübsal Zacks gestiegen war, das waren die Kämpfe, welche er zu bestehen hatte, das die Vergehungen, welche er sich zu Schulden kommen ließ, und das die zweifelhafte Natur seines häuslichen Verkehrs zu der Zeit, als jener sanguinische Künstler Valentin Blyth den Entschluss fasste, in dem Zimmer seiner Frau eine Privatzeichenakademie zu errichten in der doppelten Absicht, um seinen Familienkreis am Abend zu unterhalten und seinem wilden Freund Festigkeit zu lehren, indem er nach Gipsabgüssen zeichnen lehrte.



Kapiteltrenner

Zwölftes Kapitel - Eine Privatzeichenakademie

Obschon den gewöhnlichen Beschäftigungen und Interessen des Lebens gegenüber der sorgloseste und gutmütigste Mensch von der Welt war doch Blyth das Ungestüm selbst - ein wahrer Heißsporn unter den Malern - sobald seine Kunst im Spiele war. Was immer seine speziellen Fachpläne sein mochten, er ruhte nicht, bis sie auf der Stelle entweder vollständig ausgeführt oder vollständig gescheitert waren. Hätte es ihm freigestanden, nach seinem Kopfe und ohne Rücksicht auf andere zu handeln, so wäre sein Morgentraum von einer Privatzeichenakademie durch die Errichtung einer Familienschule mit einem vollständigen, nur auf die drei Schüler Frau Blyth, Madonna und Zack berechneten Lektionsplan noch denselben Abend verwirklicht worden.

Ein Hauptzweck, der durch Valentins Projekt erreicht werden sollte, war die Unterhaltung seiner kränklichen Frau während der langen Winterabende. Lavinias Befinden und Behagen war deshalb das erste und wichtigste Bedenken, welches berücksichtigt werden musste. Da sie sich fürchtete, bei der Gründung der neuen Akademie in ihrer Wohnung anwesend zu sein, traf es sich so, dass die wechselnden Einflüsse, welche die Krankheit auf ihren Zustand hatte, der unmittelbaren Eröffnung der Abendzeichenschule keineswegs günstig waren. Sie hatte ihre schwachen und ihre starken Tage, und man musste ruhig die letzteren abwarten, ehe sie sich im Geringsten anstrengen durfte. Erst nach Ablauf einer Woche konnte das Billet, welches Zack zu der ersten Reihe von Zeichenstunden einlud, die ihm Valentin bei seinem Besuch im Atelier zu geben versprochen hatte, richtig nach Baregrove-Square befördert werden.

Als Blyth zuletzt von den Mühen des Zusammenstellens und Ordnens ausruhte und in Lavinias Wohnung munter um sich schauend bemerkte, dass alle Vorkehrungen zu dem ersten Abend seiner häuslichen Akademie getroffen seien, war er ohne Widerrede der selbstzufriedenste und glücklichste Mensch auf der Welt. Und er hatte alle Ursache, stolz zu sein, wenn er seine heimische Umgebung betrachtete. Selbst ein Wildfremder hätte sehr griesgrämig und unglücklich sein müssen, wenn er beim Eintritt in Frau Blyths Wohnung durch den Anblick alles dessen nicht erfreut worden wäre, das er sah, wohin er auch seine Blicke wenden mochte. In dem ganzen großen Gemache befand sich in der Tat nur ein sichtbarer Gegenstand, dessen Anblick kein Vergnügen gewährte - und dies war der Gipskopf, den Valentin unbegreiflicher Weise ausgesucht hatte als das beste Modell, nach welchem seine drei Schüler zeichnen konnten. Es war dies ein Abguss von dem furchtbaren und schmerzentstellten Gesicht der Mittelfigur jener großen aus einem Vater und zwei Söhnen, die in der Umschlingungen einer riesigen Schlange kämpfen, bestehenden Gruppe, welche in unsern Tagen unter dem Namen der »Lakoonsgruppe« - allgemein bekannt ist.

Durch Einreißung eines Bretterverschlags war Frau Blyths Wohnzimmer so sehr vergrößert worden, dass es die ganze Breite einer Seite des Hauses einnahm und von den vordern bis zu den hintern Gartenfenstern reichte. Der ansehnliche Raum, den man auf diese Weise gewonnen hatte, war überall von dem Fußboden bis zu der Decke mit Gegenständen angefüllt, deren Schönheit vollkommen zu dem Kreise passte, in den sie gestellt waren; einige dauerhaft und brauchbar, wo das Nützliche gewünscht wurde, andere leicht und zart, wo das Zierliche notwendig war - und alle rühmlich erworben durch Valentins Pinsel, durch den anhaltenden, liebevollen, uneigennützigen Fleiß vieler Jahre. Von dem luftigen und blitzenden kleinen Kronleuchter, der nachts das Zimmer erhellte, bis zu der bunten Leopardenfelldecke, die von dem hellblitzenden Feuerplatz strahlte; von dem Garten unter Glas in der einen Fensternische bis zu dem zartgefärbten Schubladenschränkchen von Atlasholz in der andern; von dem Teppich mit seinen reichen grünen und braunen Farben, die sich in reinster und vollkommenster Harmonie miteinander vermischten, bis zu dem Fries mit seiner zarten Girlande von nach der Natur gezeichneten Weinblättern und Ranken - jeder Gegenstand in dem Gemache erzählte seiner Herrin dieselbe einfache Hausgeschichte von der wachsamen Sorge, die nie schlief, und von der hochherzigen Liebe, die nie sich verleugnete, oder weckte in ihrem Herzen dieselbe rührende Erinnerung an Opfer, welche freudig gebracht, an Kämpfe, die lustig bestanden, an Belohnungen, die hart erworben und dankbar gepriesen wurden in der einzigen edeln Absicht, um das Heiligtum des Krankenzimmers sowohl zu einem Schrein für die ausgesuchtesten Opfergaben als zu einem Altar für die heißesten Gebete zu machen.

Frau Blyths Bett, wie jedes Gerät, dessen sie sich in ihrem Zimmer bediente, war so eingerichtet, dass es ihr das größte Maß von Bequemlichkeit und Behaglichkeit, das bei ihrem leidenden Zustande erreichbar war, gewährte. Das Gestell war breit genug, um in seinem Rahmen ein Lager für den Tag und ein Bett für die Nacht einzuschließen. Ihr Lesepult und ihr Arbeitstisch konnten in ihren Bereich gerückt werden, in welcher Stellung sie auch lag. Unmittelbar über ihr hing eine außerordentlich komplizierte Vorrichtung von losen Schnüren, die durch geschmackvolle, an verschiedenen Punkten der Decke befestigte Kolben der zierlichsten Art liefen, und mit der Glocke, der Tür und einer leicht zu öffnenden Glasscheibe des Fensters in Verbindung standen. Das waren Valentins eigene Erfindungen, um seine Gattin in den Stand zu setzen, Hilfe herbeizurufen, Besuch einzulassen, und die Temperatur ihres Zimmers beliebig zu regulieren, durch bloßes Ziehen an einer von den Schnüren, die in dem Bereich ihrer Hand hingen und sauber mit Elfenbeingriffchen versehen waren, auf denen man las: »Glocke«, »Tür«, »Fenster«. Es waren zu dieser Vorrichtung wenigstens fünfmal mehr Schnüre verwendet worden, als der beabsichtigte Zweck erforderte, aber Frau Blyth wollte niemals erlauben, dass ihre Zahl durch geschickte Hände vermindert wurde. Mochte die ganze Vorrichtung andern ungeschickt erscheinen, in ihren Augen war sie fehlerfrei; jede überflüssige Schnur war gefeit gegen das bessernde Messer um Valentins willen.

Betrachtete man ihr Gesicht, wenn sie so dasaß auf ihrem Ruhebett, mit ihrem Gatten sprechend oder auf Madonnas Schiefertafel schreibend, während das taubstumme Mädchen neben ihr saß, so war es nicht leicht, den Gedanken an langes Leiden und Siechtum mit ihrer Stimme, ihrer Gebärde, ihrem Aussehen zu vereinigen. So erbarmungslos die Krankheit ihren entweihenden Stempel der ganzen Gestalt aufgedrückt hatte, der Gesichtsausdruck trotzte den ärgsten Verwüstungen der Zerstörerin, fortbestehend in der frohen Lebenskraft seiner eigenen Schönheit, als der einzige sichtbare Teil ihres gebrechlichen Lebens, der ungeschwächt und unverändert war. Mochte jetzt eine Höhlung in der Wange sein, wo einst ein Grübchen gewesen war; mochte ihre blühende Gestalt zusammengeschrumpft und der Glanz ihrer dunklen Augen völlig erloschen sein, als der verdorrende Hauch des Siechtums darüber strich - das Gesicht strahlte noch immer von der Seligkeit ungebeugten Mutes und unsterblicher Hoffnung, die alles, was in dem zarten Gesicht verschossen und zerstört war, gleichsam mit einem Schleier von Sonnenstrahlen bedeckte.

Eingesperrt in ein Zimmer, wie sie es schon seit Jahren war, hatte sie dennoch ihr natürliches weibliches Interesse an den kleinen Beschäftigungen und Vorkommnissen des häuslichen Lebens keineswegs verloren. Von dem Atelier bis zu der Küche wusste sie es täglich so einzurichten, dass sie durch von ihr selbst erfundene Verbindungskanäle die letzten Neuigkeiten erfuhr; dass sie, wenn nicht in Person, doch wenigstens im Geiste den Familienberatungen beiwohnte, die nicht in ihrem Zimmer stattfinden konnten; dass sie genaue Kunde empfing, wie es ihrem Gatten unten mit seinen Gemälden ging; dass sie bei Zeiten die Fehler verbessern konnte, welche Blyth oder Madonna bei der Zurichtung des Mittagessens oder bei ihren Bestellungen an Krämer oder Handwerker möglicherweise sich zu Schulden kommen ließen; dass sie das Gesinde zur Arbeit antreiben und je nach den Umständen sich selbst überlassen oder beaufsichtigen konnte. Weder ihr Blick noch ihre Gebärde verriet jene mürrische, hastig aufflackernde Ungeduld, die bisweilen an langes, unheilbares Siechtum sich haftet. Ihre Stimme, so matt sie klang, war stets freundlich und nach den verschiedenen Gedanken anmutig moduliert. An ihren schwachen Tagen, wenn sie sehr unter der Krankheit litt, war sie gewohnt, ganz still und ruhig zu liegen und ihr Zimmer dunkel zu lassen - das waren die einzigen Zeichen, an denen ihre Umgebung eine Verschlimmerung ihres Leidens erkennen konnte. Sie klagte nie, wenn die schlechten Symptome sich zeigten, und gestand nur ungern, selbst wenn man sie fragte, dass das Rückgrat mehr als gewöhnlich schmerze.

Sie hatte sich sehr hübsch gekleidet für den Abend, an welchem die Zeichenakademie eröffnet wurde, sie trug ein feines Spitzenhäubchen und ein neues seidenes Kleid, welches Valentin ausgesucht hatte und das weit genug war, um ihre Magerkeit zu verbergen. Ihres Gatten Liebe, durch alle Kümmernisse und Wandlungen treu festhaltend das Bild ihrer ersten jungfräulichen Erscheinung, bestimmte sie auch jetzt noch, auf ihre Toilette mehr Sorgfalt zu verwenden, als sie selbst an den besten und fröhlichsten Tagen ihrer Jugend und Gesundheit ihr aus eigenem Antrieb gewidmet hatte. In keinem neuen Kleide hatte sie besser und zufriedener ausgesehen als in dem, welches ihr Herr Blyth zu der Eröffnungsfeier der Zeichenakademie aufgenötigt hatte.

Sieben Uhr war die festgesetzte Stunde, in welcher die Tätigkeit der neuen Akademie beginnen sollte. Stets pünktlich, was immer seine Berufspflichten sein mochten, beendete Valentin seine Vorbereitungen, als die Glocke schlug und, vergnügt auf eine Ecke des Lagers seiner Frau sich niederlassend, betrachtete er seine Zeichenbretter, seine Lampen und seinen Gipsabguss des Laokoon mit stillem künstlerischen Behagen.

»Nun, Lavinchen«, sagte er, »ehe Zack kommt und mich, was er gewiss tun wird, verwirrt macht, will ich die Zeichengerätschaften nacheinander aufzählen, um mich zu überzeugen, dass nichts von dem, was hier oben sein muss, unten im Atelier geblieben ist.«

Als ihr Gatte diese Worte sprach, berührte Frau Blyth sanft die Schulter Madonnas. Das Mädchen hatte eine Zeit lang sinnend, mit gesenktem Kopf, dagesessen, während ihre Wange auf ihrer Hand ruhte und ein heiteres Lächeln ihre Lippen umspielte. Das Unglück, taubstumm geboren zu sein - das sie von dem Verkehr mit ihren Nebenmenschen ausschloss, sie zu einem einsamen Leben verurteilte und eine Grabesstille um sie schuf, die niemand zu durchbrechen vermochte - gab dem tiefen Sinnen, in das sie oft plötzlich versank, selbst in der Gesellschaft ihrer Adoptiveltern und ihrer Freunde, die um sie herum plauderten, einen ungemein rührenden Anstrich. Bisweilen übten die Gedanken, in die sie versunken war und die den andern nur durch die geheimnisvollen Schatten sich verrieten, die über ihr Gesicht glitten, lange ihren Einfluss auf sie aus, bisweilen schienen sie eben so schnell zu verschwinden, wie sie in ihrer Seele aufgetaucht waren. Es war eine von den vielen tollen Phantasien Valentins, dass sie dann nicht für sich allein grüble, sondern dass sie, obschon taubstumm gegenüber den Kindern dieser Welt, doch mit den Engeln reden und vernehmen könne, was die himmlischen Stimmen ihr erwiderten.

In dem Augenblicke, wo ihre Schulter berührt wurde, blickte sie auf und schmiegte sich eng an ihre Adoptivmutter, die, den Arm um ihren Nacken schlingend, durch die Fingersprache ihr mitteilte, was Valentin soeben gesagt hatte. Nichts war bezeichnender für Frau Blyths warme Sympathie und liebevolle Rücksicht gegen Madonna als diese kleine Handlung. Die gütigsten Menschen, auch wenn sie es verstehen, durch die Finger den Tauben sich verständlich zu machen, halten es selten für nötig, sie von einem gewöhnlichen Gespräch, das in ihrer Gegenwart geführt wird, in Kenntnis zu setzen. Weise Aussprüche, witzige Reden, merkwürdige Geschichten werden ihnen in der Regel von mitfühlenden Freunden und Verwandten mitgeteilt, aber die kleinen nichtssagenden täglichen Plaudereien, die unsere Sprachwerkzeuge am angenehmsten und anhaltendsten beschäftigen und unser Gehör in Anspruch nehmen, werden für zu unbedeutend und ihrer Natur nach zu flüchtig gehalten, um der Übertragung durch die Finger- oder Schriftsprache würdig zu sein, und daher auch selten den Tauben mitgeteilt. Von allen Entbehrungen, die ihr Unglück ihnen auferlegt, empfinden sie es am schmerzlichsten, dass sie von jeder lebendigen Teilnahme an den geselligen und häuslichen Interessen des sie umgebenden Lebens ausgeschlossen sind. Frau Blyths gütiges Herz, ihr feiner Verstand, ihre fromme Liebe zu ihrer Adoptivtochter hatten es ihr längst zur angenehmsten Pflicht gemacht, Madonna vor dem Gefühl ihres Unglücks und ihrer Vereinsamung in der Gesellschaft dadurch zu bewahren, dass sie ihr stets die scherzhaften und ernsten Gespräche mitteilte, die in ihrer Gegenwart im Krankenzimmer gehalten wurden. Seit vielen Jahren gewohnt, mit ihren abgemagerten Fingern dem taubstummen Mädchen alles zu verdolmetschen, was neben ihrem Lager gesprochen wurde, blieb Frau Blyth auch jetzt ihrer Gewohnheit treu.

»Nun gib acht, Lavinchen, und unterbrich mich, sobald ich irgendeinen von den Gegenständen übergehe, die ein Jeder zum Zeichenunterricht nötig hat«, sagte Valentin mit einem bewundernden Blick auf den Abguss des Laokoon und sich anschickend, seine Materialien nach der Reihe aufzuzählen, indem er den Zeigefinger der rechten Hand an den Daumen der linken Hand legte. »Da ist zuerst der Kopf, den alle meine Schüler gezeichnet haben - der herrliche Larkoon!« (Das war die Art. wie er den klassischen Eigennamen aussprach). »Zweitens -« »Aber lieber Valentin«, unterbrach ihn Frau Blyth, während ihre Finger um Madonnas Nacken die Worte fast ebenso schnell nachbildeten, als sie sie sprach, »warum wähltest Du dieses grässliche Gesicht eines Sterbenden für uns zum Abzeichnen? Mein Vater ist der Ansicht, dass alle Kunst, welche diejenigen, an die sie sich wendet, nur verletzt und erschreckt, eine Verirrung ist; und ich kann mir nicht helfen und muss ihm beistimmen, wenn ich dieses Gesicht anblicke, so sehr ich es auch anerkenne, dass Du der beste Richter bist.«

Es war eine von den Eigenheiten der Frau Blyth, dass sie sich jedesmal auf die Meinungen ihres Vaters und auf die Kupferstiche berief, die er verfertigt hatte, so oft von der Kunst die Rede war, und bisweilen sogar noch dann, wenn das Gespräch andern Gegenständen sich zugewendet hatte. Sie war des armen Kupferstechers Lieblingskind, und so lange er sie bei sich zu Hause hatte, das einzige Familienglied, dem er alle seine Lieblingspläne, alle Hoffnungen und Triumphe, die an seine Unternehmungen sich knüpften, anzuvertrauen wagte. Scheu, nervös, edelherzig, hegte er wie so mancher, der in der Dunkelheit geboren ist, heimlich ein ehrgeiziges Gelüst nach den glänzendsten Triumphen der Berühmtheit. Seine einfachen Bemühungen, um sich in seinem Handwerk einen Ruf zu erwerben, seine unschuldige Selbstverherrlichung nach einer guten Arbeit, sein Stolz, dann und wann seinen Namen in einer Zeitung erwähnt zu sehen, wenn ein Werk von seiner Hand einer kritischen Notiz gewürdigt wurde, seine eigenen Privatmeinungen über große Maler, lebende und tote, wurden sämtlich insgeheim an seine hübsche Lavinia gerichtet. Sie war das einzige Wesen in der kleinen Welt seiner täglichen Existenz, welches stets bereit und aufgelegt war, alle seine Ideen über Kunst anzuhören, die er nicht auskramen durfte vor mürrischen Verlegern, welche so gütig waren ihn zu beschäftigen, - noch vor berühmten Malern, denen er eine kostbare Zeit nicht zu rauben wagte, - noch vor seiner Frau, die von ihm als einem Kupferstecher eine sehr hohe Meinung nur in den seltenen Fällen hatte, wenn er mit der Bezahlung ihrer Wochenrechnungen im Reinen war. So wuchs Frau Blyth von ihrem frühesten Alter an in der liebreichen Überzeugung auf, dass ihr Vater ein verkanntes Genie war, und dass mit ihm ein reicher Schatz origineller Kunstideen der Nachwelt verloren ging. Sie verlor nie den Glauben an ihn und gab nie ihre Gewohnheit auf, diesen Glauben geltend zu machen, indem sie jedem, der das Haus betrat, seine Meinungen zitierte.

»Ich ehre die Grundsätze Deines Vaters, meine Liebe«, erwiderte Valentin auf die Bemerkung seiner Frau, »ich ehre seine Grundsätze und bewundere seine Geschicklichkeit.« (Frau Blyth blickte dankbar auf die Wand, an welcher die Kupferstiche ihres Vaters hingen, sämtlich eingerahmt nach den Weisungen Valentins und von ihm eigenhändig geordnet). »Ich gehe sogar noch weiter und gestehe Dir meine Freude darüber, dass Dir das Gesicht des Larkoon furchtbar erscheint, denn ich wähle es als Modell für diesen Abend in der ausdrücklichen Absicht, um Zack zu erschrecken.«

Madonnas blaue Augen öffneten sich weit in staunender Verwunderung, als diese Worte ihr verdolmetscht wurden. Frau Blyth lächelte bei dem Gedanken, eine Person wie Zacharias Thorpe Junior durch einen Gipsabguss zu erschrecken.

»Zack ist flüchtig, unaufmerksam und so unwissend in der Kunst, dass er jedenfalls nicht weiß, was ich unter der klassischen Skulptur verstehe, sobald ich zu ihm von der Antike rede«, fuhr Valentin fort. »Wenn nun ein solcher Schüler wie er zeichnen zu lernen anfängt, so wage ich zu behaupten, dass die Antike, wenn ihr erster Anblick ihn nicht zwingt, in scheuer Ehrfurcht vor der Kunst sich zu beugen, ihn nie dahin bringen wird, dass er sie fünf Minuten hintereinander mit einiger Aufmerksamkeit studiert. Er bedarf eines Zeichenmodells, das ihn völlig in Anspruch nimmt, und ihn zugleich vom Scheitel bis zur Sohle in dem Moment, wo er es erblickt, schaudern macht. Den mit dem Tode ringenden Larkoon halte ich für den geeignetsten Abguss, um einem Anfänger Grauen einzuflößen; der Larkoon ist daher das rechte Ding, das wir für Zack brauchen.«

»Meinst Du nicht, dass es ihm zu schwer sein wird, wenn er ihn gleich in der ersten Stunde abzeichnen soll?« fragte Frau Blyth. »Mein Vater pflegte zu sagen, junge Kupferstecher - aber freilich, Zeichnen nach antiken Mustern ist etwas ganz anderes.«

»Zack wird nichts schwer finden, sobald er nur meine Vorschriften befolgt«, sagte Herr Blyth in zuversichtlichem Tone. »Aber er wird wahrhaftig hier sein, ehe ich fertig bin mit der Aufzählung der Sachen, die ich aus der Malerstube herausgeschafft habe. Lass sehen, womit hab ich denn angefangen? Ach ja, mit dem Larkoon. Gut.- Also erstens, der Gipsabguß«, sagte Valentin, indem er von vorn anfing und wieder den Zeigefinger der rechten Hand an den linken Daumen legte. »Zweitens, zwei Stühle, auf die rechten Gesichtspunkte gestellt. Der Stuhl mit der Stirnansicht für Madonna; der Stuhl mit der Profilansicht für Zack, weil es die leichteste ist. Die dreiviertel-Ansicht reservierte ich für Dich, meine Liebe, ganz so wie Du sie jetzt siehst, weil es die beste ist, und weil ich möchte, dass Du am besten zeichnest. Viertens -«

»Drittens, lieber Valentin«, verbesserte Frau Blyth.

»So? Also drittens. Drittens - ja aber was? Weißt Du, ich bin schon etwas konfus geworden und weiß wahrhaftig nicht, was zunächst an der Reihe ist - Ist das nicht sonderbar?«

»Hast Du die Zeichenstifte geholt?« fragte Frau Blyth.

»Ei das versteht sich! Drittens, die Zeichenstifte. Du mein Himmel, wo kann ich nur die Zeichenstifte hingelegt haben?« Und Herr Blyth fing an, die verlegten Sachen wie gewöhnlich an den unrechten Stellen zu suchen. Madonna, welche auf ein Zeichen der Frau Blyth ihm beim Suchen half, fand sie alle bunt durcheinander geworfen hinter dem Gipsabguss. »Drittens, die Zeichenstifte«, wiederholte Valentin, Madonna im Triumphe küssend, als sie ihm die Stifte überreichte. »Die Zeichenstifte und die schwarze und weiße Kreide, alles bereits zugespitzt mit doppelter Berücksichtigung Zacks, weil er gewiss alle seine Spitzen im Laufe des Abends zerbrechen wird. Viertens - so weit bin ich nun gekommen, Lavinchen, ich sehe, es ist alles in Ordnung. Halt, lasst sehen! Das können nicht die Lampen sein, das muss etwas Unbedeutendes und leicht Vergessbares sein. Viertens, drei Zeichenbretter - nein, das sind die ansehnlichsten Gegenstände von allen. Papier? - Nein, das klebt an den Zeichenbrettern; der dickste Bissen für Zack, weil er gewiss jeden Strich wieder auswischen muss, den er in der ersten halben Stunde macht. Viertens - Lavinchen! Ich habe etwas Wichtiges vergessen, und ich weiß wahrhaftig nicht, was es ist«, rief Herr Blyth in klagendem Tone aus, während er in der größten Angst und Verlegenheit um sich blickte.

»Doch nicht die Semmeln, welche Du Zack zum Tee versprochen hast«, sagte lachend Frau Blyth.

»Viertens, die Semmeln!« rief Valentin lebhaft - »nicht als ob sie vergessen wären, beileibe nicht, denn ich habe soviel bestellt, dass jeder im Hause daran sich tot essen kann; aber es ist ein wahres Glück, dass wir etwas für Nummer 4 haben und zu Nummer 5 übergehen können. Fünftens - ja aber was? Das ist die Frage? Was kann ich vergessen haben? Denk' einmal nach, meine Liebe. Es ist etwas, das Jeder zum Zeichnen braucht?«

»Brotkrume zum Auswischen«, bemerkte Frau Blyth, nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte.

»Das ist's!« rief Valentin außer sich vor Freude. »Ich habe alle Brotkrume unten in der Malerstube gelassen. Nein, nein! schicke nicht Madonna. Sie weiß nicht, wo sie liegt. Sag' ihr, sie soll statt meiner das Feuer schüren, ich werde gleich wieder hier sein.« Und Herr Blyth schoss zum Zimmer hinaus so flink, als wenn er fünfzehn und nicht fünfzig Jahre alt gewesen wäre.

Kaum hatte Valentin den Rücken gewendet, als die Hand der Frau Blyth unter die hübsche Daunendecke fuhr, welche auf ihrem Ruhebett lag, als wenn sie etwas suchen wollte, was dort versteckt war. Im andern Augenblick erschien sie wieder mit einer sehr leicht und sehr, sauber eingerahmten Kreidezeichnung. Es war Madonnas Kopie von dem Kopfe der Mediceischen Venus - dieselbe Kopie, welche Zack bei seinem letzten Besuch in den überschwenglichsten Ausdrücken gepriesen hatte. Seitdem war es ihr fester Vorsatz, ihm die Zeichnung zu schenken, die er so sehr bewundert hatte. Sie zu vollenden, wandte sie den größten Fleiß und die höchste Sorgfalt auf, deren sie überhaupt fähig war, und als die Zeichnung fertig war, kaufte sie für die kleinen Ersparnisse ihres Taschengeldes einen sehr hübschen Rahmen; endlich wurde das Ganze unter Frau Blyths Bettdecke versteckt, um als eine Überraschung für Zack und zugleich für Valentin an diesem Abend hervorgezogen zu werden.

Nachdem Frau Blyth ein paarmal die Kopistin und die Kopie bettachtet hatte, wobei ihr blasses gütiges Gesicht von ruhiger Heiterkeit strahlte, legte sie die Zeichnung hin und begann mit den Fingern zu Madonna zu reden.

»Ich soll also Valentin nicht sagen, für wen dies Geschenk bestimmt ist?« lauteten die ersten Worte, die sie durch Zeichen ausdrückte.

Das Mädchen saß, den Rücken halb der Zeichnung zugekehrt, und betrachtete sie von Zeit zu Zeit verstohlen mit einem scheuen und unsichern Blick, als wenn das Werk ihrer Hände eine Umgestaltung erlitten hatte, die es ihr zweifelhaft machte, ob sie noch länger berechtigt sei, es zu betrachten. Sie schüttelte den Kopf als Antwort auf die an sie gerichtete Frage, dann drehte sie sich plötzlich auf dem Stuhle herum, während ihre Finger krampfhaft mit den Fransen der Bettdecke an ihrer Seite spielten.

»Wir alle haben Zack lieb«, fuhr Frau Blyth fort, an Madonnas Verwirrung sich weidend, »aber Du musst ihn sehr lieb haben, da Du auf diese Zeichnung mehr Sorgfalt verwendet hast, als auf irgend eine frühere.«

Diesmal wagte es Madonna nicht, die Augen aufzuschlagen oder auch nur einen Zoll breit auf ihrem Stuhle zu rücken; ihre Finger arbeiteten immer krampfhafter in den Fransen, die verräterische Röte ihrer Wangen, ihres Nackens und ihres Busens antwortete statt ihrer.

Frau Blyth berührte freundlich ihre Schulter, und nachdem sie die Zeichnung wieder unter die Decke gelegt hatte, nötigte sie sie, die Augen aufzuschlagen, indem sie ihr Folgendes durch Zeichen mitteilte:

»Ich werde Zack gleich nach seiner Ankunft die Zeichnung geben. Es leidet keinen Zweifel, dass sie ihn für den Rest des Abends glücklich und in Dich verliebter als je machen wird.«

Madonnas Augen folgten aufmerksam den Fingern der Frau Blyth bis zu dem letzten Buchstaben, den sie bildeten; dann sah sie sanft zu ihr auf mit jenem stillen fragenden Blick, den sie vor Jahren angenommen hatte, als Valentin zuerst zu ihrem Schutze in der Kunstreiterbude erschien. Es lag eine so unwiderstehliche Zärtlichkeit in dem sanften Lächeln, das ihre Lippen umspielte, ein solcher Zauber in dem schwermütigen Ausdruck ihres unschuldigen Gesichts, das um einen Gedanken bleicher wurde als es gewöhnlich war, so dass Frau Blyth eine ernste Stimmung beschlich, als ihre Augen sich begegneten. Sie zog das Mädchen an sich und küsste sie.-Der Kuss ward zu wiederholten Malen erwidert mit einer leidenschaftlichen Wärme und einem Eifer, der auffallend abstach von der gewöhnlichen Sanftmut, welche alle Handlungen Madonnas atmeten. Was hatte sie so umgewandelt? Ehe es möglich war, zu forschen und zu denken, war sie den gütigen Armen, die sie umschlangen, entschlüpft und kniete an dem Kopfende des Bettes, ihr Gesicht in den Kissen verbergend.

»Ich muss sie durchaus beruhigen. Es ist meine Pflicht, sie fühlen zu lassen, dass dies unrecht ist«, sagte Frau Blyth zu sich selbst mit einem bestürzten und bekümmerten Blick, als sie ihre Hand mit Tränen benetzt hervorzog, und nachdem sie das Gesicht des Mädchens von den Kissen zu erheben vergebens versucht hatte. »Sie hat in der letzten Zeit zu viel an diese Zeichnung und leider auch zu viel an Zack gedacht.«

Gerade in diesem Augenblick öffnete Herr Blyth die Tür. Madonna, welche die leise Erschütterung fühlte, als er sie wieder zufallen ließ, sprang auf und rannte nach dem Kamin. Valentin bemerkte sie nicht, als er eintrat. Stets schwatzend, war er in der Nähe des Gipsabgusses beschäftigt, seine Stücke Brotkrume neben den Zeichenbrettern zu ordnen und die Lampe zu putzen, welche das Modell beleuchtete. Frau Blyth warf manchen ängstlichen Blick nach dem Kamin. Nach Verlauf einiger Minuten drehte Madonna sich um und kehrte zu dem Lager zurück. Die Tränenspuren waren gänzlich aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie machte eine kleine bittende Handbewegung, welche Frau Blyth aufforderte, Stillschweigen zu beobachten über Alles, was während ihres Alleinseins vorgefallen war, küsste, um den Wunsch auszudrücken, dass ihr verziehen werden möge, die Hand, welche ihr entgegengestreckt wurde und setzte sich dann ruhig wieder auf ihren gewöhnlichen Platz.

»Fünftens, die Brotkrume«, sagte Herr Blyth, indem er unbekümmert um die frühern Fehler in der Aufzählung der Materialien, welche er oben gesammelt hatte, fortfuhr.

»Sechstens, die - o Gott! nun muss ich aufhören. Da kommt Zack.«

Bei diesen Worten hörte man eine laute Stimme, die von der Vorhalle in die Küche hinabrief - den Koch beschwörend, die Wahrheit zu gestehen und zu sagen, ob wirklich Semmeln zum Tee bestellt seien. Dann folgte ein langes Geflüster, an welches ein Gekicher des Hausmädchens sich anschloss, das gerade allein die Treppe hinaufging und in das Zimmer der Frau Blyth trat, nachdem es schnell ein lautes Gelächter hinter der Tür unterdrückt hatte, und in dem ausgestreckten Arme ein Paar jener aufgeblasenen waschledernen Fausthandschuhe hielt, die in der Boxerwelt unter dem Namen Boxerhandschuhe bekannt sind.

»Wenn es Ihnen beliebt, Herr«, sagte das Mädchen, bei jedem dritten Wort hysterisch kichernd, »unten an der Treppe ist Herr Zack und lässt Ihnen sagen, Sie möchten so gut sein und diese Dinger anziehen (er selbst hat ein anderes Paar angezogen) und ihm auf ein paar Minuten im Malersaal Gesellschaft leisten.«

»Kommen Sie herunter, Blyth«, rief die Stimme von der Treppe. »Sie wissen, das letzte Mal, als ich hier war, sagte ich Ihnen, dass ich Ihnen Handschuhe mitbringen und Sie boxen lehren würde. Kommen Sie herunter! Ich möchte Ihnen bloß den Brustkasten aufweiten, indem ich Sie ein wenig in der Malerstube ausklopfe, ehe wir zu zeichnen beginnen.«

Die Magd hielt noch immer die Handschuhe mit der vollen Länge des Armes weit von sich weg, als wenn sie fürchtete, sie möchten noch von den Fechterkräften erfüllt sein, die ihnen ihr letzter Träger eingeflößt hatte. Frau Blyth brach in ein helles Gelächter aus. Valentin folgte ihrem Beispiel. Das Hausmädchen fing an verstörte Blicke um sich zu werfen und wünschte zu wissen, ob ihr Herr so gut sein und »die Dinger« ihr abnehmen wollte.

»Sagten Sie, dass ich hinaufkommen soll?« fuhr die Stimme draußen fort. »Schon recht. Ich habe nichts einzuwenden, wenn Frau Blyth nichts dagegen hat. Hier trat Zack mit den Handschuhen ein, im Gehen ein Viereck bildend nach den bewährtesten Preisfechter-Grundsätzen. Ziehen Sie sie an. Blyth! Das sind die Pillen gegen Ihr altes träges Leben, über das Sie sich stets beklagen. Was lachen Sie darüber? Linkes Bein vor - das rechte sanft gekrümmt - fest - und richten Sie Ihr Ange auf mich! Sprechen Sie nicht, aber ziehen Sie sie an. Ich will Sie in der ersten Stunde die Wissenschaft des Gegenstoßes lehren. Ein prächtiges System! Owen Swift erfand es und tötete -«

»Halten Sie Ihren Mund!« rief Herr Blyth, der endlich Atem genug fand, um seine Würde als Meister der neuen Zeichenschule zu behaupten. »Nehmen Sie gleich diese Dinger weg! Was fällt Ihnen ein, Herr, dass Sie in meine Akademie, die den friedlichen Künsten geweiht ist, in der Haltung eines Preisfechters kommen?«

»Ruhig Blut, alter Knabe«, entgegnete Zack, »Sie werden sonst nie lernen, Ihre Fäuste hübsch zu gebrauchen. Hier, Patty, die Boxerstunde ist bis morgen aufgeschoben. Trage die Handschuhe hinauf in das Ankleidezimmer Deines Herrn und lege sie in den Schubkasten, wo seine feinsten Hemden sind, denn sie müssen stets rein und sauber gehalten werden. Geben Sie mir die Hand, Frau Blyth, obwohl ich ein so schlechter Bursche bin; es tut einem gut, Sie so hell lachen zu sehen. Sie sehen dann um so viel besser aus. Und wie geht es Madonna? Ich bedauere, dass sie vor dem Feuer sitzt und ihre hübsche Gesichtsfarbe zu verderben sucht. Wie, was fehlt ihr denn? Armes kleines Goldtöchterchen, ihre Hände sind ganz kalt!«

»Scheren Sie sich den Augenblick nach Ihrem Platze, Herr!« sagte Valentin, seine despotischste Stimme annehmend und den unordentlichen Schüler am Rockkragen nach dem ihm bestimmten Stuhle führend.

»Hoho!« rief Zack, den Gipsabguss betrachtend, der ihm auf den ersten Blick Ehrfurcht vor der Majestät der alten Skulptur einflößen sollte. »Hoho! Der Herr in Gips macht ein Gesicht, ich fürchte, er befindet sich nicht ganz wohl. Ich sage Ihnen, Blyth, ich mag seinen Kopf nicht zeichnen. Er sieht aus, als wenn er ein Nest Schlangen statt der Haare darauf trüge.«

»Wollen Sie wohl Ihren Mund halten und Ihr Zeichenbrett nehmen!« rief Herr Blyth. »Ein Nest Schlangen, wahrhaftig! Wissen Sie, dass Sie eigentlich aus unserer Akademie ausgestoßen zu werden verdienten, weil Sie in solcher Weise von dem hochberühmten Larkoon sprechen? Nun denn, wo ist Madonna? O, hier. Nein, bleiben Sie, wo Sie sind, Zack. Ich werde ihr ihren Platz zeigen und ihr die Zeichenbretter geben. Warte einen Augenblick, Lavinchen! Ich werde Dich mit den Kissen bequem aufrichten. So! Ich sah nie einen schönern Effekt von Licht und Schatten, meine Liebe, als den das Modell von Deinem Gesichtspunkt aus gewährt. Hat jeder einen Zeichenstift und ein Stückchen Brotkrume bekommen? Ja, jeder hat eins. Alles in Ordnung?«- »Alles in Ordnung!« frohlockte Valentin, plötzlich seine angenommene Würde in der augenblicklichen Erregung vergessend. »Herrn Blyths Zeichenakademie zur Beförderung des häuslichen Kunstsinnes ist eröffnet und völlig bereit, für die allgemeine Besichtigung. Hurra!«

»Hurra!« wiederholte Zack, »mein Hurra für den häuslichen Kunstsinn! Sagen Sie, Blyth, welche Kreide soll ich zuerst nehmen? - die weiße oder die schwarze? die schwarze - ei? Und nun sagen Sie mir wohl, welchen Teil des - wie heißt es doch gleich? - Gesichts soll ich damit zeichnen? Die Augen, die Nase, die Spitze des Kopfes, den Zipfel des Kinns - oder was?«

Zuerst skizzieren Sie ganz im Allgemeinen mit einem leichten fließenden Strich und ohne Rücksicht auf die Einzelheiten«, sagte Herr Blyth und erläuterte diese Weisungen, indem er die Hand anmutig vor seinem eigenen Gesicht hin und her bewegte. »Dann messen Sie mit den Augen unter gelegentlicher Beihilfe des Zeichenstiftes das Verhältnis - kurz das Verhältnis der Teile. Dann setzen Sie Punkte auf das Papier; einen Punkt, wo seine Augenbrauen hinkommen; einen andern Punkt wo seine Nasenspitze hinkommt, und so weiter. Dann - dann, ich will Ihnen sagen was, dann zeichnen Sie alles keck hinein - ich kann Ihnen unmöglich einen bessern Rat geben - zeichnen Sie alles hinein, zeichnen Sie alles keck hinein!«

»Hier kann man bei dem Hinterkopf anfangen«, sagte Zack, einen vertrauten und verständnisvollen Blick auf den Laokoon werfend und auf dem Papier mit einer vorläufigen Schwenkung seiner Hand einen ungeheuren Halbkreis zeichnend. »O abscheulich, ich habe die Kreide-zerbrochen!«

»Freilich haben Sie sie zerbrochen«, versetzte Valentin. »Nehmen Sie ein anderes Stück. Die Akademie garantiert ungeschickten Schülern, welche ihre Striche in das Papier eingraben, statt sie darauf zu zeichnen, Supplementarkreide. Nun brechen Sie ein bisschen Brotkrume ab und reiben sie, was Sie gemacht haben, wieder aus. ‚Kauf ein Pfennigbrot und reib das Ganze wieder aus‘, wie einst Herr Fusely in der Schule der königlichen Akademie zu mir sagte, als ich ihm meine erste Zeichnung zeigte und er außerordentlich darüber erzürnt war.«

»Ich erinnere mich«, sagte Frau Blyth, dass mein Vater, als er an seinem großen Stich - der einer der schwierigsten war - von Scambles berühmtem Gemälde »die überraschte schöne Ährenleserin« arbeitete, zu sagen pflegte, der Kupferstecher habe es doch viel schlimmer als der Zeichner, denn dieser könne auf dem Papier jeden falschen Strich auswischen, was jenem auf dem Kupfer nicht möglich sei. Wir alle glaubten, er würde den Stich nie zu Stande bringen, so sehr pflegte er darüber zu seufzen, wenn er im Vorderzimmer daran arbeitete. Und die Verleger bezahlten ihn nichtswürdig mit lauter Scheinen, die er Mühe hatte los zu werden. Und die Leute, welche ihm das Geld dafür gaben, betrogen ihn. Meine Mutter sagte, es geschehe ihm schon recht, warum sei er stets so unvorsichtig; mir aber erschien diese Äußerung sehr hart, und ich nahm deshalb seine Partei, um so mehr, als er in derselben Zeit auch noch von den Händlern gepeinigt wurde.«

»Ich kann mich in seine Lage hineindenken, meine Liebe«, sagte Valentin, ein drittes Stück Kreide für Zack zuspitzend. »Die Händler haben auch mich gepeinigt, nicht deshalb, weil ich sie nicht bezahlen konnte, nein durchaus nicht, sondern weil ich ihre Rechnungen nicht addieren konnte. Trauen Sie nie einem Manne genug, Zack, um ihm die Möglichkeit zu geben, Sie dafür, dass Sie sein Schuldner sind, durch einfaches Hinzurechnen einer Summe zu strafen. Zu der Zeit, wenn ich die Rechnungen bekam - fahren Sie fort mit zeichnen, Sie können hören und zugleich zeichnen, - pflegte ich natürlich zu denken, es sei notwendig, die Händler anzuweisen und zu sehen, ob ihre Rechnungen richtig seien. Sie werden mir es schwerlich glauben, aber ich kann mich erinnern, dass die Summen, außer etwa in drei Fällen, je soviel betrugen, als die Händler herausgerechnet hatten. Und was das Schlimmste war, wenn ich die Rechnungen zum zweiten Mal durchsah, so gelangte ich nie zu dem gleichen Fazit wie das erste Mal. Ich entsinne mich, des Grünwarenhändlers Pfennigkolumne brachte mich halb zur Verzweiflung. Ich ging stets zu den Händlern und bestand darauf, dass sie Unrecht hätten; aber ich kehrte stets mit der Überzeugung nach Hause zurück, dass ich selbst Unrecht hätte. Einige Mal, darf ich wohl sagen, ward ich betrogen, denn ich pflegte die Summe größer zu machen als die Händler sie machten. Dem Himmel sei Dank, mit derartigen Schwierigkeiten brauche ich mich jetzt nicht mehr herumzuschlagen! Alles wird auf der Stelle bar bezahlt, sowie es ins Haus kommt. Wenn der Metzger dem Koch eine Hammelkeule über die Gittertür reicht, so zahlt dieser ihm vier Schillinge neun Pence - oder was es immer macht - und empfängt dafür eine quittierte Rechnung. Ich speise jetzt mit dem gesegneten Bewusstsein, dass meine Mahlzeiten in arithmetischer Hinsicht keinerlei Missbehagen am Schlusse des Jahres zurücklassen werden. - Was haben Sie, Zack? Warum kratzen Sie sich in einem fort hinter den Ohren?«

»Es geht nicht«, antwortete dieser, »wohl ein Dutzend Mal habe ich es versucht, eine Nase zu zeichnen, aber, ich bringe es nicht fertig.«

»Nicht fertig!« rief Herr Blyth. »Was fällt Ihnen ein, diesen Ausdruck auf einen Kunstprozess in meiner Gegenwart anzuwenden? Da, das ist die Linie der Larkoonsnase. Gehen Sie mit einem frischen Stück Kreide daran. Nein, warten Sie einen Augenblick. Kommen Sie erst einmal her und sehen Sie, wie Madonna die Nase hineinzeichnet; bedenken Sie, die Vorderansicht ist die schwierigste, und deshalb hat sie auch nicht so schnell wie gewöhnlich gearbeitet. Findest Du, meine Liebe, dass Deine Ansicht des Modells für Dich etwas zu schwer ist?« fuhr Valentin fort, die letzten Worte in die Fingersprache übersetzend, um sie Madonna mitzuteilen.

Sie antwortete durch ein Kopfschütteln. Es war nicht die Schwierigkeit, nach dem vor ihr befindlichen Abguss zu zeichnen, sondern die Schwierigkeit überhaupt zu zeichnen, die ihre Fortschritte hemmte. Ihre Gedanken wanderten zu der Kopie der Mediceischen Venus, die unter Frau Blyths Bettdecke versteckt war, und schwankten zwischen der zitternden Ungeduld, sie ohne längern Aufsschub überreichen zu sehen, und der grundlosen Befürchtung, dass Zack, wenn er sie bekäme, sich ihrer gar nicht mehr erinnern oder sich am Ende gar nichts daraus machen würde. Und ihre Augen folgten ihren Gedanken. Bald warf sie verstohlen einen ängstlich forschenden Blick auf Frau Blyth, um zu sehen, ob sie ihre Hand nach der versteckten Zeichnung ausstrecke, bald blinzelte sie scheu nach Zack hinüber - nur auf Augenblicke, und nur wenn er recht eifrig mit seinem Zeichenstift arbeitete, - um sich zu überzeugen, dass er noch seine gute Laune hatte und aufgelegt war, ihr kleines Geschenk freundlich anzunehmen, und dass es ihn freuen würde, wenn er die Sorgfalt bemerkte, welche sie darauf verwendet hatte. Auf diese Weise ward ihre Aufmerksamkeit unaufhörlich von ihrer Beschäftigung abgelenkt, und das war die Ursache, weshalb sie langsamere Fortschritte als gewöhnlich machte, und wodurch Herr Blyth auf die Vermutung kam, dass die ihr gestellte Aufgabe einigermaßen ihre Kräfte überstiege.

»Das ist ein herrlicher Anfang, nicht so?« fragte Zack, auf ihre Zeichnung blickend. »Ich fordere die königliche Akademie heraus, etwas Ähnliches zu machen«, fuhr der junge Mann fort, diese ungefährliche Äußerung auf den weißen Rand der Zeichnung kritzelnd und seinen Namen mit einem prächtigen Schnörkel darunter setzend.

Sein Arm streifte ihre Schulter, während er schrieb. Sie errötete ein wenig, blickte mutwillig affektierend zu ihm auf, als wenn sie auf seine Lobsprüche sehr stolz sei - dann nahm sie hastig ihre Zeichnung wieder auf, als ihre Blicke sich begegneten. Zack ward von Valentin nach seinem Platz zurückgeschickt, ehe er noch weiter etwas schreiben konnte. Madonna nahm ein wenig von der neben ihr liegenden Brotkrume, um die niedergeschriebenen Worte auszuwischen, zögerte aber, als ihre Hand den Zeilen sich näherte, errötete tiefer als vorher, wandte sich wieder zu ihrer Zeichnung und ließ ruhig stehen, was Thorpe daneben geschrieben hatte.

»Ich werde nie im Stande sein, so gut zu zeichnen wie sie«, sagte Zack, mit einem verzweiflungsvollen Seufzer das Wenige betrachtend, das er gemacht hatte. »Wahrhaftig, ich glaube nicht, dass Zeichnen meiner Force ist. Die Farbe ist es, verlassen Sie sich darauf. Warten Sie nur, bis ich dahin komme, und Sie sollen sehen, wie ich mich auf die Malerei legen werde! Fanden Sie nicht das Zeichnen verteufelt schwer, Blyth, als Sie zuerst anfingen?«

»Ich finde es noch immer schwer, Herr Zack. Ich finde jegliches schwer: Zeichnen, Farbe, Licht, Schatten, Ton, Stimmung, Perspektive und Proportion«, erwiderte Blyth mit atemloser Geschwindigkeit. »Die Kunst wäre nicht die herrliche Sache, die sie ist, wenn sie nicht von Anfang bis zu Ende aus lauter Schwierigkeiten bestünde, wenn sie nicht alle tüchtigen Seiten in dem Charakter eines Mannes, sobald er sich mit ihr beschäftigt, hervorzutreten zwänge. Sie hat vom ersten Augenblick an die beiden einzigen guten Eigenschaften meines Charakters zur Entfaltung gebracht. Fleiß und Geduld, die eine Palette und Pinselgerank umgeben, sind das Motto und der Wahlspruch des Geschichtsmalers V. Blyth seit seinem siebzehnten Jahre gewesen. Ach, Lavinchen, ich hatte harte Kämpfe zu bestehen, ehe ich um Dich warb! Ich erschrecke, wenn ich daran denke, wie viel Jahre ich brauchte, ehe ich es dahin brachte, dass eins von meinen Bildern zu der Kunstausstellung in der Akademie zugelassen wurde. Etwas zu verkaufen, war natürlich eine zu wahnsinnige Idee, um auch nur einen einzigen Augenblick festgehalten zu werden. Ich erinnere mich, dass ich, als mich einmal bei dem Anblick der vielen unbezahlten Gemälde (die sämtlich die gleiche Größe hatten, da sie aus Sparsamkeitsrücksichten jahrein, jahraus so gemalt worden waren, dass sie stets in denselben Rahmen passten) tiefe Schwermut und Verzweiflung überkam, das Fenster des Ateliers bei meinem Weggange in der Hoffnung weit offen stehen ließ, es möchte jemand von außen einsteigen und mich durch einen Diebstahl von einem Teile meiner Werke befreien. Aber selbst dieser letzte Trost ward mir versagt. Die Akademie fand meine Gemälde der Aufnahme in die Ausstellung nicht würdig, und auch die Diebe traten der allgemeinen gegen mich gerichteten Verschwörung bei und fanden sie nicht einmal des Diebstahls würdig.«

Während Valentin diese Worte äußerte, errötete er nicht, jene Unparteilichkeit zu verletzen, die er als Meister der neuen Zeichenschule fortwährend hätte üben sollen, indem er heimlich einem von seinen Schülern zum Nachteil der beiden andern half. Frau Blyth hatte eine schwache Hand und war mit der Führung des Bleistifts sehr wenig vertraut. Ohne fremde Beihilfe hätte ihr Zeichnen nur die Mitte zwischen den Zeichnungen Madonnas und Zacks gehalten, aber Valentin hatte beschlossen, dass sie die Ehre des Abends gewinnen sollte, und so oft seine Frau einen Fehler machte, war er gewissenlos genug, die erste Gelegenheit zu benutzen, um ihn unbemerkt zu verbessern. Wenn seine spottsüchtigen Freunde, die über seine Einfalt zu scherzen pflegten, ein einziges Mal hätten sehen können, wie er es machte, wenn seine Frau mit einer Schwierigkeit zu kämpfen hatte; wenn sie hätten sehen können, wie schlau er wartete, bis Madonna und Zack von ihrer Arbeit ganz in Anspruch genommen waren, ehe er ihr half; wie rasch er in demselben Augenblick über Kunst zu sprechen anfing, um ein verdächtiges Schweigen zu vermeiden, das seine jüngern Schüler zum Aufblicken veranlassen konnte; wie schnell und ruhig er die notwendigen Änderungen ausführte und wie dramatisch er seiner Frau komische Gesichter schnitt, um ihr seinen Wunsch anzudeuten, dass sie auf keinen Fall die Hilfe, die ihr zuteil geworden sei, öffentlich anerkennen möchte - wenn Valentins Freunde dies alles nur einmal hätten sehen können, er müsste den kritischen Augen, die ihn am Bett seiner Frau beobachteten, als ein wahrer Machiavelli in der ehelichen Politik erschienen sein.

»Gerade acht Uhr«, sagte Valentin, indem er auf den Fußspitzen von der Zeichnung seiner Frau nach dem Kamin schlich und sich den Anschein gab, als sei er von der Betrachtung seiner Uhr gänzlich in Anspruch genommen. »Legt Eure Bleistifte und Zeichenbretter hin; ich erkläre die Sitzung dieser Akademie für suspendiert bis nach dem Tee.«

»Lieber Valentin«, sagte Frau Blyth, geheimnisvoll lächelnd, während ihre Hand unter die Decke schlüpfte, ich kann Madonna nicht dahin bringen, dass sie mich anblickt, und ich bedarf ihrer hier. Willst Du so gut sein und sie mir an das Bett bringen?«

»Gewiss, meine Liebe«, erwiderte Valentin, indem er der Aufforderung Folge leistete, »Du hast diesen Abend einen doppelten Anspruch auf meine Dienste, denn Du hast Dich als meine beste Schülerin gezeigt. Ich war von Anfang an überzeugt, Lavinchen, dass Du die beste Kopie des Larkoon machen würdest, und Du hast sogar meine Erwartungen weit übertroffen«, fuhr Valentin fort, die Zeichnung, welche er soeben berührt hatte, mit einer solchen Unverschämtheit bewundernd, die den Ernst seiner Frau völlig über den Haufen warf. »Kommen Sie her, Zack, und sehen Sie, was Lavinchen gemacht hat. Die beste Zeichnung des Abends - ganz wie ich es vorausgesehen hatte - die beste Zeichnung des Abends!«

Zack, der trostlos über seine eigene Kopie gegähnt hatte, die Fäuste an die Backen gestemmt und mit dem Ellenbogen auf den Knien, eilte sofort nach dem Bett. Als er sich näherte, versuchte Madonna in ihre frühere Stellung am Kamin zurückzukehren, wurde aber durch Frau Blyth, die ihre Hand festhielt, daran verhindert. In demselben Augenblick richtete Zack seine Blicke auf sie, was ihre Verwirrung noch mehr steigerte.

»Sie sieht heute Abend hübscher aus als je, finden Sie es nicht, Frau Blyth?« sagte er, sich setzend und abermals gähnend. »Mir gefällt sie immer am besten, wenn der Glanz und der Ausdruck ihrer Augen in einer Minute zwanzigmal wechselt, wie es jetzt der Fall ist. Sie mag dann dem Gemälde Raphaels nicht gleichen, das glaub ich wohl (hier gähnte er von neuem), aber ich für mein Teil - Warum will sie denn weggehen? Und weshalb lachen Sie darüber, Frau Blyth? Ich sage Ihnen, Valentin, die Damen hier wollen sich einen Spaß machen!«

»Erinnern Sie sich dieser Zeichnung?« fragte Frau Blyth, mit der einen Hand Madonna festhaltend und mit der andern die eingerahmte Kopie der Mediceischen Venus hervorholend.

»Madonnas Kopie von meiner Venusbüste!« rief Valentin, mit seinem gewöhnlichen Ungestüm dazwischen fahrend.

»Madonnas Kopie von Blyths Venusbüste!« wiederholte Zack in gleichgültigem Tone, da bereits jede Spur einer Erinnerung an die Zeichnung aus seinem leichtsinnigen Gedächtnisse verschwunden war.

»Ei der Tausend, was für ein hübscher Rahmen, und wie schön nimmt es sich aus, nun es fertig ist«, rief Valentin, Madonna sanft auf die Schulter klopfend zum Zeichen seiner hohen Anerkennung und Bewunderung.

»Ein sehr schöner Rahmen, und es nimmt sich in der Tat sehr schön aus, ganz wie Sie sagen, Blyth«, versetzte Zack in glattem Tone, von seinem Stuhle aufstehend, und sah ganz verwundert aus, als er die Miene bemerkte, mit welcher Frau Blyth ihn betrachtete.

»Aber wie kam es zu dem Rahmen?« fragte Valentin. »Sie wollte doch früher nie eine von ihren Zeichnungen einrahmen lassen. Ich begreife nicht, was dies alles bedeuten soll.«

»Und ich eben so wenig«, sagte Zack, sich in träger Verwunderung auf seinen Stuhl niederlassend. »Ist es ein Rätsel, Frau Blyth? Etwa darüber, weshalb Madonna der Mediceischen Venus gleicht? Wenn dem so ist, erkläre ich mich gegen das Rätsel, denn sie ist ein ganz Teil hübscher als irgend ein Gipsgesicht, das je gemacht worden ist. Ihr Gesicht schlägt das der Venus zu Boden«, fuhr Zack fort, dieses plumpehrliche Kompliment Madonna durch die Zeichen des Taubstummenalphabets mitteilend.

Sie lächelte, als sie den Bewegungen seiner Finger folgte - vielleicht über seine Fehler, denn er macht deren zwei, als er ihr die sieben Worte verdolmetschte; vielleicht über das Kompliment, weil es so derb und ungekünstelt war.

»O wie erschrecklich dumm ihr Männer bisweilen seid!« rief Frau Blyth aus. »Lieber Valentin, es ist doch sehr leicht zu erraten, weshalb Sie die Zeichnung hat einrahmen lassen. Vielleicht um sie jemandem zu schenken! Und wem, glaubst Du, wird sie dieselbe geben?«

»Ja wem, das möchte ich wissen!« unterbrach sie Zack, auf seinem Stuhl bequem sich zurücklehnend und die Beine in ihrer vollen Länge von sich ausstreckend.

»Ich habe große Lust, Ihnen die Zeichnung an den Kopf zu werfen, statt sie Ihnen zu geben!« rief Frau Blyth, alle Geduld verlierend.

»Sie wollen doch damit nicht sagen, dass die Zeichnung ein Geschenk für mich ist?« rief Zack aus, vor Erstaunen mit einem gewaltigen Satze von seinem Stuhle aufspringend.

»Sie verdienten tüchtig geohrfeigt zu werden, weil Sie nicht erraten, dass sie Ihnen schon längst zugedacht war!« erwiderte Frau Blyth. »Haben Sie denn vergessen, wie sehr Sie diese Zeichnung priesen, als Sie dieselbe im Atelier anfangen sahen? Sagten Sie nicht, Madonna -«

»O, die liebe, gute, ehrliche Seele!« rief Zack, die Zeichnung von dem Lager reißend, als ihm endlich ein Licht aufging. Sagen Sie ihr mit Ihren Fingern, Frau Blyth, wie stolz ich auf mein Geschenk bin; ich kann es nicht mit den meinigen, weil ich die Zeichnung nicht weglegen kann. Hier, schauen Sie her! Lassen Sie sie hierherblicken und sehen, wie ich mich darüber freue! Und Zack hing die Kopie der Mediceischen Venus, um zu zeigen, wie hoch er sie ehrte, an seine Weste. - Bei dem Ausbruch dieser sentimentalen Pantomime erhob Madonna ihren Kopf und sah den jungen Thorpe an. Ihr Gesicht, während der letzten fünf Minuten niedergeschlagen, ängstlich und abgewendet von den Augen der Frau Blyth - als hätte sie aus allem, was in ihrer Gegenwart gesprochen wurde, das ihr Unangenehme herausgehört - strahlte jetzt wieder vor Vergnügen, als sie aufschaute, vor unschuldigem, kindlichen Vergnügen, das keine Zurückhaltung affektiert, keine Missdeutung fürchtet, keine Enttäuschung ahnt. Ihre Augen, die sie rasch von Zack abwandte und fragend auf Valentin richtete, verklärten sich förmlich, als dieser auf die Zeichnung deutete und in lächelndem Erstaunen seine Hände erhob, zum Zeichen, dass er durch die Schenkung an seinen neuen Schüler angenehm überrascht worden sei. Frau Blyth fühlte, wie die Hand, die sie in der ihrigen hielt, und die bisher von Zeit zu Zeit ein wenig gezittert hatte, ruhig und warm wurde und ließ sie frei. Jetzt war nicht mehr zu besorgen, dass Madonna von dem Bett sich wegstehlen und nach dem Kamin schleichen würde.

»Fahren Sie fort, Frau Blyth - Sie machen nie Fehler, wenn Sie mit Ihren Fingern sprechen, wie ich stets deren mache - bitte, fahren Sie fort und sagen Sie ihr, wie sehr ich ihr danke«, sagte Zack, auf Armlänge die Zeichnung von sich haltend und sie von der Seite betrachtend, wie es Valentin zu machen pflegte, wenn er seine Gemälde prüfte. »Sagen Sie ihr, dass ich sie in Acht nehmen will, wie ich nie in meinem Leben etwas in Acht genommen habe. Sagen Sie ihr, dass ich sie in meinem Schlafzimmer aufhängen werde, wo ich sie jeden Morgen sehen kann, wenn ich erwache. Haben Sie ihr das gesagt? - oder halt! Soll ich es auf ihre Schiefertafel schreiben? Aber sagen Sie ihr erst, das ist viel besser, denn sie versteht ja doch, was ich meine, das liebe, nette, kleine Herzenskind! - wenn ich sie nur ansehe; aber sagen Sie ihr erst - Holla! da kommt der Tee. O, beim heiligen Horaz, welch herrlichen Vorrat von Semmeln! Patty, gib uns die Röstgabel, ich werde den Anfang machen. Ich sah nie in meinem Leben ein glänzenderes Feuer, um Semmelschnitte zu rösten. Rum-dum-diedel-dudel-dum-die, dum-diedel-dudel-dum! Und Zack fiel am Kamin auf seine Knie, »Rule Britannia« summend, und im Triumph seine erste Semmel röstend, in der neuen Aufregung völlig vergessend, dass er Madonnas Zeichnung mit dem Gesicht unten am Ende von Frau Blyths Lager hatte liegen lassen.

Valentin, der in der Unschuld seines Herzens nichts argwohnte, brach bei diesem neuen Beweise von Zacks eingewurzelter Flüchtigkeit in ein helles Gelächter aus. Seine Gutmütigkeit leitete indes seine Hand in demselben Augenblicke zu der Zeichnung. Er hob sie sorgfältig auf und legte sie in einen Bücherschrank an der entgegengesetzten Seite des Zimmers. Wenn die Neigung seiner Frau zu ihm einer Steigerung fähig gewesen wäre, so würde sie ihn in dem Augenblicke, wo er diese kleine Handlung vollbrachte, mehr als je geliebt haben.

Als ihr Mann die Zeichnung wegnahm, sah Frau Blyth nach Madonna. Das arme Mädchen stand zitternd neben dem Bett, die Hände fest an die Stirn gepresst und ohne eine Spur ihrer natürlichen lieblichen Farbe auf den Wangen zu haben. Ihre Augen folgten Valentin gleichgültig nach dem Bücherschranke, dann richtete sie dieselben auf Zack, nicht vorwurfsvoll oder ängstlich, ja nicht einmal von Tränen erfüllt, sondern mit demselben Blick geduldiger Traurigkeit und anmutiger Ergebung in den Schmerz, der ihren Gesichtszügen schon in den Tagen ihrer Knechtschaft unter den Prahlhansen der Kunstreitergesellschaft das eigentümlich zarte Gepräge verlieh. So stand sie da, nach dem Kamin und der vor ihr knieenden Gestalt blickend, die neue Enttäuschung ganz so ertragend wie die mancherlei Demütigungen, die sie bitter empfunden hatte, als sie noch ein kleines Kind war. Wie sorgfältig hatte sie an dieser vernachlässigten Zeichnung in der Stille ihres eigenen Zimmers gearbeitet! Wie glücklich war sie gewesen, wenn sie an den Augenblick dachte, wo sie dem jungen Thorpe gegeben würde; wenn sie sich ausmalte, was er wohl sagen würde bei ihrem Empfang, und wie er ihr seinen Dank mitteilen würde; wenn sie nachsann, was er damit machen würde, sobald er nach Hause käme; wo er sie aufhängen und ob er sein Geschenk oft betrachten würde, nachdem er sich daran gewöhnt hätte, es an der Wand zu erblicken. Gedanken wie diese hatten den Augenblick der Überreichung zu einem großen Ereignis in ihrem Leben gemacht - und nun war es beiseite gelegt von Händen, denen es nicht übergeben worden; sorglos hingelegt bei dem bloßen Eintritt einer Magd mit einem Teebrett; vernachlässigt um des kindischen Vergnügens willen, am Kamin zu knien und Semmeln am hellen Kohlenfeuer zu rösten!

Die unverzeihliche Gedankenlosigkeit Zacks ward auf der Stelle von Frau Blyth, die ihre Adoptivtochter mit der ganzen Innigkeit eines edeln erregbaren Gemüts liebte, sehr übel vermerkt. Ihr Gesicht glühte, ihre dunkeln Augen blitzten, als sie sich rasch auf ihrem Lager nach dem Kamin wandte. Aber ehe sie ein Wort sagen konnte, lag Madonnas Hand auf ihren Lippen, waren Madonnas Augen mit einem erschrockenen und flehenden Ausdruck auf ihr Gesicht gerichtet. Im nächsten Augenblick bildeten die zitternden Finger des Mädchens folgende Worte:

»Bitte - bitte, sagen Sie ihm nichts! Ich möchte nicht, um alles in der Welt, dass Sie gerade jetzt mit ihm redeten.«

Frau Blyth zögerte und sah nach ihrem Manne; aber er war nach dem andern Ende des Zimmers gegangen und amüsierte sich seinem Berufe gemäß damit, dass er hier und da die Draperie der Fenstergardinen in alle Arten malerischer Falten legte. Dann sah sie nach Zack. Gerade in diesem Augenblick wandte dieser seine Semmel um und sang lauter als vorher. Die Versuchung, durch einen derben Verweis ihn aus seiner herausfordernden Lustigkeit zu reißen, war beinahe zu stark, um ihr zu widerstehen. Aber Frau Blyth zwang sich dennoch um Madonnas Willen zum Widerstande. Sie machte indes dem Mädchen keinerlei Mitteilung, weder durch Zeichen noch schriftlich, bis sie sich in ihre frühere Lage zurückgerückt hatte; dann erwiderte sie mit ihren Fingern folgendes auf Madonnas Bitte:

»Wenn Du mir versprichst, Dich über seine Gedankenlosigkeit nicht zu grämen, so verspreche ich Dir, meine Liebe, ihn deshalb nicht zur Rede zu stellen. Gehst Du auf diesen Vorschlag ein? Wenn Du es tust, so gib mir einen Kuss.«

Madonna zauderte nur, um einen Seufzer zu unterdrücken, der sich aus ihrer Brust stahl, ehe sie das verlangte Unterpfand gab. Das frische Rot ihrer Wangen kehrte nicht wieder noch das Lächeln, das vorher ihre Lippen umspielt hatte, aber sie ordnete sorgfältiger als gewöhnlich Frau Blyths Kissen, ehe sie das Lager verließ, und dann ging sie davon, ihre kleine häusliche Pflicht des Teebereitens so sauber und nett wie immer zu erfüllen.

Zack, der nicht von ferne ahnte, dass er die eine Dame betrübt und der andern Ursache zur Unzufriedenheit gegeben hatte, war zu seiner zweiten Semmel übergegangen und stimmte zur Abwechslung »Schöne Minka« an; Frau Blyth überlegte, wie sie, ohne ihr gegebenes Wort zu brechen, ihn die Notwendigkeit, seine Taktlosigkeit wieder gutzumachen, könne fühlen lassen; Madonna war mit einer weniger sichern Hand als gewöhnlich beschäftigt, indem sie mit einer Art nervöser Aufmerksamkeit das vor ihr stehende Geschirr betrachtete, den Tee einzugießen; Valentin, der die Fenstergardinen verlassen und sich an den Tisch gesetzt hatte, wunderte sich, weshalb sie so bleich war, und wartete ängstlich, bis sie aufblicken würde, um sie fragen zu können, ob das Zimmer für sie zu heiß sei - als das dumpfe Getöse rasch dahinrollender Wagenräder von der kalten Straße draußen in das Zimmer drang, näher und näher kam, und dann plötzlich aufhörte, wie es schien, gerade vor Herrn Blyths Thür.

»Ei der Tausend, der Wagen hält ja vor unserm Hause!« rief Valentin aus. »Wer mag so spät und in einer so kalten Nacht zum Besuch kommen? Und, noch dazu in einem Wagen!«

»Es ist eine Droschke, nach dem Rädergerassel zu urteilen, und sie bringt uns die ‚Schöne Minka‘«, sang Zack, sinnreich den Originaltext seines Gesanges mit der Vorstellung eines möglichen Besuchers in den Schlussworten verbindend.

»Hören Sie auf, solchen Unsinn zu singen, und lassen Sie uns Acht geben, ob die Tür geöffnet wird«, sagte Frau Blyth, froh eine kleine Gelegenheit gefunden zu haben, um Zack einen ganz gelinden Verweis zu erteilen.

»Ich vermuthe, es ist Herr Gimble, der endlich auf dasjenige meiner Gemälde bieten wird, welches er schon längst hat kaufen wollen«, rief Valentin aus.

»Und ich vermute, dass es mein Hofmeister ist!« rief Zack, sich plötzlich mit einem kreideweißen Gesicht auf seinen Knien umdrehend. »O, dieser höllische Yollop, mit seinen Stachelbeeraugen und seinen Händen voll Traktätchen. Es sieht ihm ganz ähnlich, hierherzukommen und mein Vergnügen zu stören, wie er es überall gestört hat.«

»Pst!« sagte Frau Blyth. »Der Fremde ist eingetreten, wer immer er auch sein mag. Herr Gimble kann es nicht sein, Valentin, denn der läuft stets zwei Stufen auf einmal hinauf.«

»Und es ist eine Person, die schwer wiegt, nicht eine Unze weniger als sechzehn Stein, nach dem Tritt zu urteilen«, bemerkte Zack, indem er seine Semmel anbrennen ließ, während er horchte.

»Es ist doch nicht die langweilige alte Lady Brambledown, die Dich wieder mit der Ändernng ihres Bildes quälen will«, sagte Frau Blyth.

»Nein, sie ist es sicher nicht«, begann Valentin, aber ehe er fortfahren konnte, wurde die Tür geöffnet, und zum größten Erstaunen eines jeden, mit Ausnahme des armen Mädchens, dessen Ohr keine Stimme erreichen konnte, meldete die Magd an: »Frau Peckover.«



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