Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Verbergen und Suchen - Dritter Band - Schluss-Kapitel - Anderthalb Jahre später
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Schluss-Kapitel - Anderthalb Jahre später

Es war ein schöner Augusttag —— die letzten Sonnenstrahlen verschwanden allmählich im Westen —— gleichwie das Menschenleben des Gerechten allmählich zur ewigen Ruhe entschlummert. Mr. Blyth saß in Lavinias Gesellschaftszimmer, um die sanft kühlende Abendluft durch die Fenster zu genießen.

An der Seite seiner Gattin und Madonnas saßen noch zwei andere Damen als Gast. Die eine war Mrs. Thorpe, die andere Mrs. Peckover; beide waren gekommen, um der freudevollen Zeremonie —— der Bewillkommnung Zacks mit beizuwohnen, welcher endlich von den Wilden Amerikas nach England zurückkehrte. Er war ein halbes Jahr länger ausgeblieben, als verabredet worden war; sein Erscheinen war daher die wichtigste Begebenheit des Tages, —— er ward stündlich erwartet.

In Mrs. Thorpes Toilette war ein bedeutender Wechsel eingetreten —— sie trug Witwenkleidung. Ihr Gatte war vor sieben Monaten in die ewige Heimat gegangen; er hatte sich in die ländliche Einsamkeit eines italienischen Dorfs zurückgezogen und war dann sanft und schmerzlos entschlafen. Er hatte viele Jahre hindurch für seine begangenen Jugendsünden schwer gebüßt und war nun endlich von seinen Schmerzen erlöst worden. Nachdem er seiner Gattin das letzte Lebewohl gesagt —— lispelten seine sterbenden Lippen noch den Namen seines abwesenden Sohnes. ——

Mrs. Thorpe saß dicht neben Mrs. Blyth und unterhielt sich mit ihr freundschaftlich. Die hübschen schwarzen Augen der Mrs. Blyth strahlten jetzt glänzender, wie es seit vielen Jahren nicht geschehen. Der Ton ihrer Stimme war klarer und ihr ganzes Wesen freudig belebt. Seit den ersten Tagen der Frühlingssaison hatte sie sich bedeutend erholt und an Kraft gewonnen, dass also endlich die günstige Wendung eingetreten war, von der die Ärzte schon seit Jahren gesprochen hatten. Sie hatte sich seit vierzehn Tagen schon mehrere Mal aus dem Bette gewagt und auf einem komfortablen Stuhle einige Stunden am Fenster gesessen, und vor zwei Tagen ward sie sogar bei schönem Wetter auf einem Krankenstuhle in die erquickende Gartenluft getragen.

Die Aussicht dieser glücklichen Begebenheit und das vergnügte Erwarten Zacks stimmte Valentin viel heiterer und redseliger und steigerte seine hurtige Rastlosigkeit noch mehr. Er hüpfte oft im Zimmer herum, sprach über Kunst und von allerlei andern Begebenheiten. Gekleidet war er in seinen alten Frack mit kurzer Taille und in die engen Hosen, welche seine Körperform deutlich zum Vorschein kommen ließen, und welche der Schneider Timbry nur dann zu verfertigen vermochte, wenn er ein Räuschchen hatte. Er sah jetzt viel jünger, kräftiger, rosiger und gewandter aus, als damals, wo er dem Leser zum ersten Mal vorgeführt ward. Es ist wunderbar, wie sehr die Heiterkeit und Jugendlichkeit des Herzens auch den ganzen Menschen verjüngt und ihm den Gürtel der Venus verleiht.

Mrs. Peckover, festlich gekleidet mit glänzender Bänder-Haube, saß dicht am Fenster, um soviel frische Luft einzuatmen wie möglich, wehte sich außerdem auch noch welche mit ihrem baumwollenen Taschentuch zu; dieses baumwollene Taschentuch war ihr steter Lebensbegleiter. —— Ihr körperlicher Umfang hatte sich nicht um einen halben Zoll vermindert, eher vermehrt, daher litt sie sehr von der Hitze. Während sie mit Mr. Blyth sprach, wehte sie sich mit ihrem Taschentuchfächer fortwährend Kühlung zu.

Madonna saß ihr am Fenster gegenüber —— und repräsentierte einen hübschen Kontrast —— gekleidet in ein weißes Musselinkleid, trug sie auch eine rosafarbene Haube. Nach Mrs. Peckover blickend, lächelte sie dann und wann über das komisch-klagende Antlitz der vortrefflichen Frau, wodurch sie ihre Beschwerden über die große Hitze ausdrückte. An der Länge der Fensterbrüstung hing eine Aeolsharfe —— eines der vielen Präsente, welches Valentin vom Gelde der Porträtmalerei seiner Frau gekauft hatte. Madonnas Hand ruhte leicht auf dem Kasten der Harfe; durch diese Berührung empfand sie die sanften Harmonien, welche durch das Wehen linder Lüfte erzeugt wurden. Dies war der einzige Genuss, den sie von der Musik haben konnte, in schönen Sommer- und Herbstabenden erfreute sie sich dieser wonnevollen Harmonien regelmäßig in Mrs. Blyths Zimmer.

Mrs. Thorpe erinnerte sich im Verlauf der Konversation eines noch unvollendeten Briefs an eine ihrer Schwestern und ging auf ihr Zimmer, um denselben zu beendigen. Valentin rann sogleich mit jugendlicher Galanterie zur Tür, um dieselbe zu öffnen; dann wandte er sich zu Mrs. Peckover: »Heiß, wie immer, nicht wahr? Soll ich einen von Lavinias Fächern holen?« sagte Mr. Blyth.

»Nein, ich danke, Sir, ich bin noch nicht ganz geschmolzen«, sagte Mrs. Peckover. »Aber ich sage Ihnen, was Sie für mich tun könnten. Ich wünschte nämlich, Master Zacks letzten Brief gern zu hören. Sie versprachen ihn vorzulesen Sir.«

»Und ich würde es auch schon vorhin getan haben, wenn Mrs. Thorpe nicht im Zimmer gewesen wäre. Es sind Stellen darin, welche ihr peinvolle Erinnerungen zurückrufen würden. Jetzt, wo sie mich nicht hören kann, habe ich nicht das geringste Bedenken, ihn vorzulesen, wenn Sie ihn mit anhören wollen.«

Valentin nahm den Brief aus der Tasche. Madonna erkannte ihn wieder und bat durch Zeichen, ihn über die Schulter zum zweiten Mal lesen zu dürfen. Die Bitte ward sogleich gewährt. Mr. Blyth ließ sie auf seinen Knien Platz nehmen, schlang einen Arm um ihre Taille und begann Folgendes zu lesen:

»Mein teurer Valentin!

Obgleich ich Ihnen meine Rückkehr hierdurch anzeige, so kann ich doch nicht sagen, dass ich in guter Laune die Feder ergreife. Es ist nicht lange her, dass ich meine letzten Briefe aus England empfing, welche mir den Tod meines Vaters meldeten. Außerdem habe ich noch schwere Prüfungen zu ertragen gehabt, als ich das schaudervolle Geheimnis vernahm und hernach noch die Trennung von Matthias Grice erleiden musste. Was ich fühlte, als ich das Geheimnis erfuhr und hörte, warum Mat und Sie es vor mir geheim gehalten hatten, vermag ich wohl, Ihnen zu sagen —— nicht aber wage ich es zu schreiben. Es mag für Sie von Interesse sein, wenn Sie erfahren, wie meine Trennung von Mat vor sich ging; ich will es Ihnen berichten, so gut ich kann. Sie wissen aus meinen andern Briefen, welche glänzenden Jagden und Spazierritte wir gehabt haben, wie viel tausend Meilen wir gereist und was für wundervolle Länder wir gesehen haben. Bahia, von wo aus ich jetzt schreibe, ist das Ende unserer Reisen. Ich erzählte hier Mat meines Vaters Tod; er stimmte gleich mit mir überein, dass es jetzt meine Hauptpflicht sei, mit dem ersten Schiffe nach England zu reisen, um meine einsame innig geliebte Mutter zu trösten. Nachdem wir dies festgesetzt hatten, sagte er, dass er mir noch etwas sehr Ernsthaftes und Wichtiges mitzuteilen habe, und bat mich, mit ihm eine halbe Tagereise nordwärts der Seeküste entlang zu reisen. Ich sah, dass er seine Rifle auf der Schulter und sein Gepäck auf dem Rücken trug und dachte, das ist ja drollig —— aber er schnitt mir jede Frage ab und erzählte mir das ganze Geheimnis hinsichtlich meines Vaters, was Sie und er schon vor meiner Abreise nach England wussten. Ich war zuerst so erstaunt und erschrocken über das Gehörte und hatte so viele Fragen an ihn zu richten, dass es mir später erschien, als hätte unser halbtäglicher Marsch nur eine Stunde gedauert.

An dem bestimmten Platze angekommen, hielten wir inne; er streckte seine Hand nach mir aus und sagte: »Ich habe meine Pflicht gegen Dich erfüllt, Zack, wie ein Bruder gegen den Bruder. Die Trennungsstunde naht sich für uns zum Lebewohl. Du gehst zu Deinen Freunden über die See zurück; und ich geh ins Innere des Landes auf meine Trampreise.« Ich hörte ihn früher schon von unserer Trennung reden, aber niemals glaubte ich, dass sie stattfinden werde. Daher versuchte ich alles Mögliche, seinen Entschluss zu ändern und ihn mit mir nach England zu bringen; aber es war alles nutzlos. »Nein, nein, Zack«, sagte er, »ich passe nicht für Eure Lebensart dort drüben. Ich habe es versucht, aber bittere Schmerzen waren die Folge davon. Außer Mariens Kind habe ich keine Verwandten und keine lebende Seele, die ich mein nennen könnte, und mein Vaterland ist mir fremd geworden. Ich habe ein rastloses Wanderleben begonnen und werde auch damit enden. —— Lebe wohl, Zack, ich werde oftmals an Dich denken, wenn ich in einsam stiller Nacht mein kärglich Mahl bereite, —— wenn ich in öden Wüsten mich unter den Sternen des Himmels ohne Dich zur Ruhe lege. Komm, lass uns so kurz sein, als wir können. Gott segne Dich und Deine Freunde jenseits der See! ——«

Dies waren seine letzten Worte, —— ich werde sie nie vergessen in den Tagen meines Lebens. Nachdem er mehrere Schritte fort gewandert, —— wandte er sich um und winkte mit der Hand, —— dann eilte er rastlos weiter. Ich sank zur Erde nieder und ein nie enden wollender Tränenstrom entrann meinen Augen; —- ich schluchzte und weinte wie ein Kind. Die Erzählung des schreckenvollen Geheimnisses und hernach der unerwartete tief schmerzliche Abschied hatten mich ganz überwältigt und niedergeschmettert. Einsam saß ich auf einem Sandhügel und konnte die unzähligen Schmerzenstränen nicht stillen; —— viele Meilen hinter mir den tobenden und donnernden Ozean — und vor mir die unermesslich große Wüste, auf der Mat einsam nach weit entfernten Bergen wanderte. Als ich mich endlich wieder ermannte, die Tränen trocknete und wieder klar aus den Augen sehen konnte, war er bereits weit —— weit von mit entfernt. Ich lief auf die höchste Spitze des höchsten Hügels und beobachtete ihn auf der großen Ebene, —— eine Wüste ohne Bäume und Strauch —— ein viele Meilen breites flaches Sandfeld, das sich bis zu den hohen Bergen erstreckte. Ich beobachtete ihn, als er immer kleiner und kleiner wurde —— bis er endlich nur noch ein kleiner schwarzer Punkt war —— dann zweifelte ich, ob ich den Punkt noch sah —— endlich war er ganz und gar verschwunden und vor mir lag nur die öde, einsame, unermesslich große Wüste. ——

Mein Herz war schwer und kummervoll, als ich wieder zurück nach der Stadt ging. Und noch immer bin ich tief schmerzlich betrübt! Obgleich ich oft an meine Mutter und an die arme Schwester denke, der Sie ein liebevoller Vater sind und deren Zärtlichkeit mich bei meiner Rückkehr erfreuen wird, —— so bleibt mir doch der gute, alte, teure Mat ewig unvergesslich. Seiner gedenke ich täglich, stündlich —— und ein unaussprechlich tiefer Seelenschmerz nagt stets an meinem Herzen, dass ich mit meinem teuersten Freunde nicht wieder nach England zurückreisen konnte. ——

Ich hoffe, Sie werden mir glauben, dass ich mich auf meiner langen Reise gebessert habe —— sowohl hinsichtlich des Benehmens, als auch hinsichtlich der Gesundheit. Ich habe sehr viel gesehen —— gelernt —— und gedacht, —— ich glaube, dass ich während meiner Abwesenheit wirklich profitiert und mich zu meinem Vorteil verändert habe. Ach es ist ein süßer Gedanke —— in die geliebte Heimat zu reisen ——«

Hier stockte Mr. Blyth plötzlich und schloss den Brief, denn Mrs. Thorpe trat in das Zimmer. »Der Rest bezieht sich nur auf den Zeitpunkt seiner Ankunft«, wisperte Valentin zu Mrs. Peckover. »Nach meiner Berechnung«, fuhr er mit gehobener Stimme fort und wandte sich zu Mrs.Thorpe, »nach meiner Berechnung, ich prahle nicht, als sei sie ein mathematisches Kalkül und infallibel, muss Zack, wenn er zur angegebenen Zeit abgereist ist, bald —— vielleicht sehr bald hier sein —— vielleicht in ——«

»Still! Still! Still!« schrie Mrs. Peckover, hüpfte mit außerordentlicher Beweglichkeit an das Fenster und klatschte heftig in die Hände. »Still! still, still! Ich rede nicht darüber, wann er hier sein wird —— er ist hier —— ist in einer Droschke gekommen —— er tritt in den Garten —— er sieht mich! Willkommen Master Zack! Willkommen! Hurrah! Hurrah!!«

Hier vergaß Mrs. Peckover ihre Umgebung ganz und gar, winkte mit ihrem roten, baumwollenen Taschentuche zum Fenster hinaus und befand sich fortwährend in der größten freudigen Extase.

Schon von weitem hörte man Zacks herzliches Gelächter —— dann seine eiligen Schritte auf der Treppe —— die Tür wird geöffnet und herein springt er mit sonnenverbranntem Antlitz, kräftiger und herzlicher denn je. Freudig umarmte er seine Mutter, dann Madonna und nachdem er die andern ebenso herzlich gegrüßt hatte, setzte er sich zwischen Mutter und Schwester nieder und nahm deren Hände sehr zärtlich in die seinigen, worüber Mr. Blyth sich außerordentlich erfreute.

»Das ist recht, Zack!« sagte Valentin und blickte ihn mit freudestrahlenden Augen an; »das ist der rechte Weg, mit herzlichem Ernst ein neues, gutes Leben zu beginnen. Wir haben im Verlauf unseres Lebens viele vergnügte Stunden gehabt, Lavinia«, ergänzte Mr. Blyth und nahm seinen Lieblingsplatz an der Seite seiner Gattin ein, »aber ich glaube wirklich, dies ist die glücklichste Stunde von allen.«

»Willkommen noch einmal, mein teurer Zack! —- tausendmal willkommen unter Freunden und in der Heimat! ——«


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