Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Mablethorpe-House - Der Mann im Speisezimmer
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Die Neue Magdalena - Buch 2

Kapitel 17

Der Mann im Speisezimmer

Bestürzt und betrübt, war Julian im ersten Augenblicke außer Stande, Mercy zu antworten. Seine Liebe für Mercy, die ein Geheimnis bleiben musste, lebte in seiner Seele ebenso fort, wie der feste Glaube an ihr besseres Selbst, den er frei gestehen durfte. Es war ein hartes Opfer, welches er der Pflicht gegen Horace und gegen sich selbst brachte, wenn er ihr in dieser schweren Stunde ihres Lebens seinen Beistand versagte - ja, es war noch mehr, dass er dem Bekenntnis aus dem Wege ging, welches sie doch ursprünglich ihm hatte machen wollen. Aber so schmerzlich es ihm war, auch nur dem Anschein nach sie in ihrer Not zu verlassen, er konnte ihre Bitte nicht gewähren, außer unter einer Bedingung, die jedoch fast gleichbedeutend war mit seiner Weigerung.

„Ich will für Sie tun, was tun kann”, sagte er. „Die Tür mag offen stehen und ich bleibe dort im Zimmer, aber das alles nur dann - wenn Horace davon unterrichtet ist. Unter anderen als diesen Umständen zu horchen, würde ich mich Ihres Vertrauens unwürdig machen. Sie begreifen das doch wohl so gut wie ich selbst.”

Daran hatte sie gar nicht gedacht. Nach Frauenart hatte sie bloß das Tröstende, Stärkende seiner Nähe im Auge gehabt. Jetzt begriff sie ihn. Ein schwaches Rot der Beschämung überzog ihre bleichen Wangen, als sie ihm dankte. Er suchte zartfühlend sie aus dieser Verlegenheit zu befreien, indem er eine, in diesem Augenblicke sich von selbst ergebende Frage an sie richtete.

„Wo bleibt Horace die ganze Zeit?” fragte er. „Weshalb ist er nicht hier?”

„Lady Janet hat ihn zu sich berufen”, antwortete sie.

Diese Erwiderung schien Julian nicht bloß in Erstaunen, sondern beinahe in Unruhe zu versetzen. Er kehrte zu dem Stuhl zurück, auf dem Mercy saß und sagte erregt: „Wissen Sie das auch gewiss?”

„Horace hat mir selbst gesagt, dass Lady Janet ihn durchaus zu sprechen wünsche.”

„Wann?”

„Es ist nicht lange her. Er bat mich, hier auf ihn zu warten, während er hinaufging.”

Julians Gesicht verfinsterte sich; ihm ahnte nichts Gutes.

„Das bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen”, sagte er. „Haben Sie seitdem in irgendwelcher Weise mit Lady Janet verkehrt?”

Mercy zeigte ihm, als Antwort darauf, den Zettel, welchen seine Tante ihr aufs Zimmer geschickt hatte. Er las ihn aufmerksam durch.

„Habe ich Ihnen nicht gesagt”, sprach er, „dass sie einen Grund finden wird, um sich Ihrem Geständnis zu entziehen? Zunächst sucht sie es nur zu verzögern, um Zeit für etwas anderes zu gewinnen, das sie im Sinne hat. Wann erhielten Sie diese Zeilen? Bald nachdem Sie uns hier verlassen hatten?”

„Es mag ungefähr eine Viertelstunde danach gewesen sein.”

„Wissen Sie, was in Ihrer Abwesenheit hier unten vorging?”

„Horace hat mir mitgeteilt, dass Lady Janet ihr Wohnzimmer Miss Roseberry zur Benutzung eingeräumt hat.”

„Sonst nichts?”

„Und dass Sie die Miss dahin geleitet haben.”

„Und was weiter geschah, hat er Ihnen nicht gesagt?”

„Nein.”

„So müssen Sie es von mir hören. Wenn ich auch sonst nichts tun kann, so will ich Ihnen doch wenigstens eine plötzliche Überraschung ersparen. Vor allem ist es nur recht und billig, dass Sie erfahren, warum ich Miss Roseberry auf ihr Zimmer begleitet habe. Ich wollte nämlich - um Ihretwillen - versuchen, ob ihre edlere Natur - wenn sie überhaupt eine solche besaß - eines milderen Benehmens gegen Sie fähig sei. Ich gestehe, der Erfolg schien mir zweifelhaft - nach dem wie ich sie zu beurteilen Gelegenheit hatte, und ich habe mich darin nicht geirrt. Im alltäglichen Verkehr hätte ich sie für eine gewöhnliche, uninteressante Persönlichkeit gehalten. Wie ich sie aber jetzt, als wir allein waren, kennen lernte - mit anderen Worten, als ich einen tieferen Einblick in ihren Charakter gewann, muss ich bekennen, dass ich in der langen und traurigen Erfahrung meines Lebens noch keinem so engherzigen, unedlen, niedrig denkenden Geschöpf, wie sie ist, begegnet bin. Die plötzliche Veränderung in dem Benehmen Lady Janets gegen sie konnte ihr kaum entgangen sein und war ihr auch nicht entgangen; ihr einziger Gedanke dabei war jedoch gewesen, daraus den grausamsten Vorteil zu ziehen. Nicht bloß, dass sie keine Rücksicht für Sie kannte, fügte sie dem nur noch die Ausdrücke des bittersten Hasses hinzu. Sie widersetzte sich der Einsetzung in ihre Rechte durch Sie selbst, da Sie sich durch das freiwillige Geständnis der Wahrheit ein Verdienst erwerben würden, und bestand darauf, Sie in Gegenwart des ganzen Hauses anzuklagen und Sie dann durch Lady Janet ungehört vor den Augen der gesamten Dienerschaft entlassen zu sehen. „Jetzt kann ich mich rächen! Endlich fürchtet mich Lady Janet!” das waren ihre Worte und auf Ehre - ich schäme mich beinahe, sie zu wiederholen! - Sie wurden auf jede erdenkliche Weise herabgezogen; in Betreff der Lady Janet hielt sie keine Rücksicht auf Alter und Stellung zurück; nichts, gar nichts durfte sich ihrer Sache, ihrem wilden Triumph in den Weg stellen! So schamlos fordert sie ihr Recht; mit deutlichen Worten spricht sie es aus. Ich verlor keinen Augenblick meine Ruhe und versuchte, sie in eine bessere Stimmung zu bringen; allein ich hätte ebenso gut zu einem Wilden sprechen können - oder besser - denn Wilde sind, wenn man es recht anfängt, oft Vorstellungen zugänglich - ich hätte ebenso gut versuchen können, einem hungrigen Raubtiere sein Futter, wie es vor ihm stand, zu entreißen. Da, ich hatte gerade voll Abscheu das vergebliche Bemühen aufgegeben, erschien die Zofe Lady Janets und brachte Miss Roseberry die Botschaft, dass ihre Herrin sich ihr empfehlen lasse und sie, sobald es ihr angenehm sein werde, auf Lady Janets Zimmer zu sprechen wünsche.

Das war eine neue Überraschung! Lady Janet lud Grace Roseberry zu einer Unterredung auf ihr Zimmer ein! Julian hätte es nicht für möglich gehalten, wäre er nicht dabei gewesen, wie die Aufforderung überbracht wurde.

„Sie erhob sich sogleich”, fuhr Julian fort, „um die Dame des Hauses nicht warten zu lassen, und befahl der Zofe, sie zu ihr zu führen. Dann winkte sie dieser, voranzugehen, und sprach, an der Tür nach mir umgewandt. Ihre freche Schadenfreude zu beschreiben, wie sie in jenem Augenblicke vor mir stand, ist unmöglich - ich kann nur ihre Worte wiedergeben: „Das habe ich gerade gewollt! Ich hätte nicht nachgegeben, ehe ich nicht dies erreicht. Lady Janet erspart mir wenigstens weitere Mühe; ich bin ihr dafür sehr verbunden!” Damit winkte sie mir zu und schloss die Tür hinter sich. Seitdem habe ich nichts von ihr gehört und gesehen. Nach meinem Dafürhalten ist sie noch dort und Horace wird wahrscheinlich mit ihr zusammengetroffen sein.”

„Was kann nur Lady Janet ihm zu sagen haben?” fragte Mercy erregt.

„Ich habe keine Ahnung davon. Als Sie mich vorhin im Speisezimmer sitzen fanden, dachte ich eben darüber nach; denn dass irgendein gleichgültiger Gegenstand zwischen den beiden Frauen verhandelt werden soll, will mir nicht recht in den Sinn. Wie Miss Roseberry gegenwärtig gestimmt ist, unterliegt es kaum einem Zweifel, dass sie schon innerhalb der ersten fünf Minuten, die sie im Zimmer war, Lady Janet gröblich beleidigt hat. Ich gestehe, ich werde ganz irre. Nur das eine scheint mir ziemlich klar, dass nämlich Lady Janets Billet an Sie, die geheime Unterredung mit Miss Roseberry und die an Horace ergangene Aufforderung, vor der Dame des Hauses zu erscheinen, alles Glieder einer Kette von Ereignissen und Vorboten jener neuerlichen Versuchung sind, vor der ich Sie bereits gewarnt habe.”

Mercy hielt die Hand empor, damit er schweige. Sie blickte nach der Tür, die hinaus in das Vorhaus führte. Waren es wirklich Tritte gewesen, die sie gehört hatte? Nein. Es war alles ruhig. Noch immer kein Anzeichen, dass Horace zurückkam.

„O!” rief sie aus. „Was gäbe ich darum, wenn ich wüsste, was oben vorgeht!”

„Sie werden es bald erfahren”, sagte Julian. „Die Ungewissheit, in der wir uns gegenwärtig befinden, kann unmöglich lange mehr dauern.”

Er wendete sich, um in das Zimmer zurückzukehren, wo sie ihn getroffen hatte. Als Mann dachte er, konnte er ihr jetzt keinen besseren Dienst leisten, als sie der Vorbereitung für die kommende Unterredung mit Horace ungestört zu überlassen. Ehe er noch drei Schritte weit gegangen war, zeigte sie ihm, wie verschieden in solchen Fällen die Ansichten eines Mannes und einer Frau sind. Es war ihr gar nicht eingefallen, im Vorhinein zu überlegen, was sie eigentlich sagen sollte. Über dem Entsetzen, in jenem schweren Augenblicke sich selbst überlassen zu werden, vergaß sie jede weitere Rücksicht. Sogar die mahnende Erinnerung an das eifersüchtige Misstrauen, welches Horace Julian gegenüber bewies, strich so ohne Wirkung an ihr vorbei, als hätte sie gar nie etwas davon gewusst. „Verlassen Sie mich nicht!” rief sie. „Ich kann nicht allein hier warten. Kommen Sie zurück - kommen Sie zurück!”

Dabei stand sie unwillkürlich auf und wollte ihm in das nächste Zimmer folgen, falls er sie wirklich allein lassen wollte.

Einen Augenblick drückte Julians Gesicht Zweifel aus, als er jetzt seine Schritte wieder zurücklenkte und ihr winkte, ihren früheren Platz wieder einzunehmen. War sie denn auch, so fragte er sich, der Aufgabe gewachsen, welche an ihre Entschlossenheit gestellt wurde, wenn sie nicht einmal Mut genug besaß, um allein in einem Zimmer die Ereignisse abzuwarten? Doch Julian sollte es noch erfahren, dass der Mut des Weibes mit der Größe der ihr begegnenden Gefahr wächst. Verlangt man von einer Frau, dass sie auf einer Wiese zwischen zufällig da grasendem, übrigens ganz ungefährlichem Vieh hindurchgehe, so ist es unter zehn Fällen gewiss neunmal zweifelhaft, ob sie es tun wird; verlangt man aber von ihr, dass sie als Mitreisende auf einem brennenden Schiffe den Übrigen durch Fassung und Besonnenheit ein gutes Beispiel gebe, so ist es in zehn Fällen neunmal wahrscheinlich, dass sie der an sie gestellten Forderung entsprechen wird. Mercy war beruhigt, sobald Julian sich wieder neben sie gesetzt hatte.

„Sind Sie Ihrer Stärke sicher?” fragte er.

„Vollkommen”, antwortete sie, „so lange Sie mich nicht verlassen.”

Das Gespräch stockte; schweigend saßen sie nebeneinander, die Augen auf die Tür gerichtet, durch welche Horace kommen sollte.

Nach einer kurzen Pause lenkte ein Geräusch draußen im Garten ihre Aufmerksamkeit auf sich. Irgendein Wagen näherte sich deutlich hörbar dem Hause.

Jetzt hielt er; es wurde die Glocke gezogen; die Haustür wurde geöffnet. War Besuch gekommen? Man hörte keine Stimme fragen. Nur die Tritte des Dieners wurden in der Vorhalle laut. Dann war lange wieder alles ruhig; der Wagen blieb vor der Tür stehen. Es schien nicht, als ob jemand in demselben gekommen wäre, vielmehr, als ob er jemand abholen sollte.

Das Nächste, was geschah, war, dass der Diener wieder nach der Haustür zurückkehrte. Sie horchten abermals. Auch jetzt nur der eine Tritt. Die Tür ward geschlossen; der Diener schritt zum drittenmale durch die Halle; der Wagen fuhr fort. Nach dem Schall zu urteilen, war niemand gekommen, hatte aber auch niemand das Haus verlassen.

Julian blickte auf Mercy. „Verstehen Sie das?” fragte er.

Sie schüttelte schweigend den Kopf.

„Wenn jemand in dem Wagen fortgefahren ist”, fuhr Julian fort, „so kann es auf keinen Fall ein Mann gewesen sein; sonst hätten wir ihn im Vorhaus hören müssen.”

Diese Schlussfolgerung Julians nach dem geräuschlosen Abgang des vermeintlichen Besuches erregte plötzlich in Mercy Verdacht.

„Gehen Sie und erkundigen Sie sich”, sagte sie erregt.

Julian verließ das Zimmer und kehrte nach kurzer Abwesenheit mit allen Anzeichen einer ernsten Besorgnis in Miene und Haltung zurück.

„Ich sagte Ihnen, dass ich sogar die geringfügigsten Vorgänge um uns herum mit Unruhe beobachtete”, sagte er. „Und was jetzt geschehen, ist wahrlich kein geringfügiges Ereignisse. Der Wagen, den wir ankommen hörten, stellt sich als ein Cab heraus, das man hierher hat holen lassen. Die Person, welche darin fortgefahren ist” -

„Eine Frau, wie Sie meinten?”

„Ja.”

Mercy erhob sich rasch und aufgeregt von ihrem Stuhl.

„Grace Roseberry kann es doch nicht sein?” rief sie aus.

„Doch, sie war es.”

„Ist sie allein fort?”

„Allein - nach einer Unterredung mit Lady Janet.”

„Ist sie freiwillig gegangen?”

„Sie selbst hat nach dem Wagen geschickt.”

„Was hat das zu bedeuten?”

„Es ist überflüssig, da noch zu forschen. Binnen kurzem werden wir es erfahren.”

Beide nahmen ihre früheren Plätze wieder ein und warteten wie bisher, den Blick nach der Tür gerichtet.


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