Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Mablethorpe-House - Der Urteilsspruch
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Die Neue Magdalena - Buch 2

Kapitel 23

Der Urteilsspruch

Es war geschehen. Die letzten Laute ihrer Stimme gingen allmählich in dem tiefen Schweigen der drei Personen unter.

Julian erhob sich und blickte sie an.

Ihre Augen hafteten noch auf Horace. Konnte er nach dem, was er gehört, diesem sanften, bittenden Blick widerstehen? Würde er ihr verzeihen? Schweigend war er ihrer Erzählung vom Anfang bis zum Ende gefolgt; auch jetzt schwieg er.

Zum letztenmale - an dem Wendepunkt ihres Lebens - sprach Julian für sie. Seine Liebe zu ihr war nie mächtiger gewesen, als gerade in jenem Augenblicke; es war jetzt selbst für seine große Seele eine schwere Probe, sie Horace zuzuführen und damit von sich für ewig zu trennen. Allein, er hatte ihr, ohne Rückhalt die kräftigste Hilfe versprochen, die ein wahrer Freund ihr bieten konnte. Treu und männlich hielt er Wort.

„Horace!” rief er.

Horace blickte langsam empor. Julian fuhr fort:

„Sie sagte Ihnen, mir gebühre der Dank dafür, dass ihr Gewissen gesprochen. Danken Sie vielmehr dem edlen Kern ihres Inneren, der meiner Ermahnung zugänglich war! Erkennen Sie den unschätzbaren Wert eines Wesens, das die Wahrheit sprechen kann. Ihre tiefe, wahrhafte Reue erweckt Freude im Himmel; sollte sie da nicht ihr eigener Fürbitter auf Erden sein? Als Christ müssen Sie sie ehren! Als Mensch müssen Sie für sie fühlen!”

Er wartete. Horace antwortete nicht.

Mercy wendete ihre tränenvollen Augen nach Julian. In seinem Herzen fand sie Teilnahme! In seinen Worten Trost und Verzeihung! Als sie wieder auf Horace hinblickte, geschah es mit Anstrengung. Ihn hielt nichts mehr an ihr fest. Da regte sich auch in ihrem tiefsten Inneren unwillkürlich der Gedanke - der nicht zu unterdrückende Gedanke - „habe ich den Mann auch wirklich jemals lieben können?”

Sie näherte sich ihm einen Schritt; die Vergangenheit lebte auch jetzt noch in ihr fort; es war nicht möglich, sie zu vergessen. Sie hielt ihm die Hand entgegen.

Er erhob sich - ohne sie anzublicken.

„Wollen Sie mir”, sprach sie zu ihm, „ehe wir auf ewig voneinander scheiden, die Hand reichen, zum Zeichen, dass Sie mir vergeben?”

Er zögerte. Er hob die Hand halb empor. Im nächsten Augenblicke war die edle Regung seines Inneren vorbei. Dafür trat eine niedrige Furcht an ihre Stelle, dass das Gefährliche, Bestrickende ihrer Berührung ihm nachteilig werden könnte. Die Hand fiel an der Seite hernieder; er wandte sich rasch ab.

„Ich kann ihr nicht verzeihen!” sagte er.

Mit diesem furchtbaren Ausspruch, ohne selbst einen letzten Blick auf sie, verließ er das Zimmer.

In dem Augenblicke, als er die Tür öffnete, brach die Verachtung, welche Julian für ihn empfand, rückhaltslos hervor.

„Horace”, rief er, „Sie sind nur zu beklagen!”

Kaum waren die Worte über seine Lippen, so wandte er seinen Blick zurück auf Mercy. Sie stand von beiden abgekehrt in einem Winkel des Zimmers. Das erstere bittere Vorgefühl dessen, was ihr bei dem Rücktritt in die Welt bevorstand, hatte Horace in ihr erregt! Kraft und Mut, die sie bisher gestützt, brachen jetzt, angesichts der furchtbaren - für eine Frau doppelt furchtbaren - Zukunft, voll Schande und Verachtung, in ihr zusammen. Sie fiel vor einem kleinen Diwan in der äußersten Zimmerecke auf die Knie nieder und betete: „O Christus, habe Erbarmen mit mir!” - Mehr konnte sie nicht hervorbringen.

Julian kam zu ihr. Er wartete einen Augenblick. Dann berührte er sie freundlich mit der Hand; der Ton seiner Stimme schlug liebevoll tröstend an ihr Ohr.

„Erhebe dich, du armes, wundes Her, schöne, gereinigte Seele, die Engel Gottes jauchzen über dich! Tritt ein in die Reihen der edelsten Geschöpfe unseres Herrn!”

Indem er so sprach, zog er sie empor. Ihr ganzes Wesen gab sich ihm hin. Sie ergriff seine Hand - sie drückte sie an ihre Brust und drückte sie an ihre Lippen - plötzlich ließ sie sie wieder los und stand zitternd wie ein erschrockenes Kind vor ihm.

„Verzeihen Sie!” war alles, was sie sagen konnte. „Ich fühle mich so elend und verlassen - und Sie sind so gut gegen mich!”

Sie wollte fort von ihm. Vergebens - ihre Kraft war dahin; sie griff nach der Lehne des Diwans, um sich zu stützen. Er blickte sie an. Das Geständnis seiner Liebe drängte über seine Lippen - noch ein Blick auf sie und er bezwang sich. Nein, jetzt nicht; nicht in diesem Augenblicke der Hilflosigkeit und Beschämung; nicht, wenn sie aus Schwäche einem Gefühle Raum gab, das sie späterhin bereute. Sein edles Herz hatte sie von Anbeginn geschont und für sie statt ihrer gefühlt; so schonte er sie auch jetzt.

Er wollte sie nun verlassen - aber er ging nicht ohne ein Wort des Trostes.

„Denken Sie noch nicht an Ihr weiteres Leben”, sprach er milde. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, wenn Sie nur erst wieder beruhigt und gesammelt sind.” Er öffnete die nächstliegende Tür - in das Speisezimmer - und schritt hinaus.

Die Diener, welche damit beschäftigt waren, die Tafel vollends für die Mahlzeit herzurichten, bemerkten, als Mister Julian in das Zimmer trat, dass seine Augen mehr als je glänzten. „Er sah so aus”, meinten sie, „als erwartete er eine angenehme Nachricht.” Sie waren geneigt zu glauben - obgleich er dafür noch sehr jung war - dass dem Neffen ihrer Herrin irgend eine Beförderung in seinem kirchlichen Amte bevorstehe.

Mercy ließ sich auf dem Diwan nieder.

Der physische Organismus des Menschen vermag Schmerzen nur bis zu einem gewissen Grade zu ertragen. Haben die Leiden diesen höchsten Punkt erreicht, so stumpft sich am Ende die nervöse Empfindlichkeit ab. Diese Regel in der Natur bewahrheitet sich aber nicht bloß an körperlich Kranken, sondern auch an Kranken der Seele. Kummer, Zorn, Schrecken haben auch ihre bestimmten Grenzen. Die Empfindlichkeit der Seele erreicht in gleicher Weise wie jene der Nerven den Grad gänzlicher Erschöpfung, wo sie nichts mehr fühlt.

Die Fähigkeit zu leiden, hatte in Mercy ihr Ende erreicht. Sie war allein im Bibliothekszimmer und fühlte nur das eine, das Wohltätige der Ruhe; kaum dass sie sich der letzten Worte entsann, die Julian im Fortgehen zu ihr gesprochen, und über deren Sinn sie nicht recht klar war. - Mehr war sie nicht im Stande zu denken.

Eine Weile verging - eine kurze Weile ungestörter Ruhe.

Sie hatte sich hinreichend erholt, um auf ihre Uhr zu sehen und danach zu bemessen, wie lange sie noch auf Julians versprochene Rückkehr zu warten habe. Während sich ihre Gedanken langsam und matt in dieser Richtung bewegten, wurde plötzlich draußen in der Vorhalle die Glocke gezogen, welche die in diesem Teile des Hauses beschäftigten Diener herbeizurufen pflegte. Horace hatte das Zimmer durch die Tür verlassen, welche in die Vorhalle führte und sie dabei zu schließen vergessen. Sie hörte die Glocke ganz deutlich - und im nächsten Augenblick noch deutlicher die Stimme Lady Janets!

Sie sprang empor. Der Brief von Lady Janet steckte noch in ihrer Tasche - der Brief, in welchem sie ihr entschieden befahl, das Bekenntnis aufzugeben, das ihre Lippen nun bereits gesprochen!

Es war bald Essenszeit; im Bibliothekszimmer liebte es die Herrin des Hauses, sich mit ihren Gästen um diese Stunde zu versammeln. Es blieb kein Zweifel, Lady Janet hatte sich nur auf dem Weg in das Zimmer, in der Vorhalle aufgehalten.

Für Mercy blieb jetzt nur noch die Wahl, entweder sich rasch durch die Tür des Speisezimmers zu entfernen - oder hier an ihrem Platze zu bleiben, auf die Gefahr hin, über kurz oder lang eingestehen zu müssen, dass sie mit Vorbedacht ihrer Wohltäterin ungehorsam gewesen war. Die jüngsten Leiden hatten ihre Kraft erschöpft; und so stand sie zitternd, unschlüssig, welchen von beiden Wegen sie einschlagen sollte.

Die Stimme Lady Janets drang hell und entschieden in das Zimmer herein. Sie gab dem Diener, der auf den Ruf der Glocke erschienen war, einen Verweis.

„Haben Sie sich nicht in meinem Hause um die Lampen zu bekümmern?”

„Ja, Mylady.”

„Habe ich Ihnen nicht auch Ihren Lohn zu bezahlen?”

„Wenn es Ihnen so beliebt, Mylady.”

„Nun denn, weshalb finde ich das Licht hier in der Halle düster brennen und den Docht dort in der Lampe rauchen? Vernachlässige ich meine Pflicht Ihnen gegenüber nicht, so fordere ich auch, dass Sie die Ihre pünktlich erfüllen.”

So streng hatte für Mercy Lady Janets Stimme noch nie geklungen. Sprach sie in diesem Tone zu dem Diener, der eine Lampe schlecht versorgt, was konnte da ihre Pflegetochter erwarten, die ihrem dringenden Zureden und ihren Befehlen in gleicher Weise Trotz geboten hatte?

Doch mit jenem Verweise hatte Lady Janet ihr Gespräch mit dem Diener nicht beendet. Sie richtete noch eine Frage an ihn.

„Wo ist Miss Roseberry?”

„Im Bibliothekszimmer, Mylady.”

Mercy kehrte zum Diwan zurück. Sie konnte nicht mehr länger stehen; nicht einmal so viel Kraft war ihr geblieben, um ihre Augen nach der Tür zu wenden.

Rascher als sonst trat Lady Janet herein. Sie näherte sich dem Diwan und klopfte mit ihrem Finger Mercy scherzhaft auf die Wange.

„Wie säumig Sie sind, liebes Kind! Noch nicht zu Tische angezogen? O pfui, pfui.”

Das klang so scherzhaft liebevoll, wie es die Bewegung gewesen, die diese Worte begleitet hatte. In sprachlosem Erstaunen blickte Mercy zu ihr auf.

Lady Janet war in ihrem Anzug stets durch Geschmack und Pracht hervorragend; aber bei dieser Gelegenheit hatte sie sich selbst übertroffen. Da stand sie im reichen Samtkleid, mit ihren kostbarsten Juwelen, ihren schönsten Spitzen geschmückt - und doch wurde niemand zum Mittagstisch erwartet, außer dem gewöhnlichen kleinen Kreise von Mablethorpe-House. Mercy gewahrte dies mit Befremden; und bald bemerkte sie, dass zum ersten Male, seit sie sich kannten, Lady Janet es vermied, ihren Augen zu begegnen. Die alte Dame ließ sich freundschaftlich auf dem Diwan nieder; sie verspottete mit anmutigem Scherz das glatte, jeder Verzierung bare Kleid ihres „säumigen Kindes”, schlang ihren Arm liebreich um Mercys Taille und brachte eigenhändig ihre verwirrten Locken in Ordnung - aber in dem Augenblicke, als Mercy sie ansah, entdeckte Lady Janet auf einmal etwas besonders Interessantes in den wohlbekannten Gegenständen, welche die Wände des Zimmers rings umgaben.

Was hatten diese Veränderungen in ihrem Benehmen zu bedeuten? Auf was erlaubten sie zu schließen?

Wäre Julian gegenwärtig gewesen, so hätte seine tiefere Kenntnis der menschlichen Natur den Schlüssel zu diesem Geheimnis gegeben. Er hätte erkannt, so unglaublich es war, dass die Scheu, welche Mercy vor Lady Janet empfand, nicht minder diese Mercy gegenüber erfüllte. So war es auch. Die Frau, welche mit unerschütterlicher Fassung die ärgste Frechheit Grace Roseberrys in der Stunde ihres Triumphes besiegt - die Frau welche, ohne einen Augenblick zu wanken, um jeden Preis Mercys wahre Stellung im Hause mit dem Schleier des Geheimnisses, bedecken wollte - sie verlor jetzt zum ersten Male den Mut, als sie dem Wesen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, dem zuliebe sie so viel gelitten, so viel geopfert hatte. Sie war vor dem Zusammentreffen mit Mercy ebenso zurückgeschreckt, wie diese selbst. Die Pracht ihres Anzuges hatte nur dazu gedient, um, nachdem alle Gründe, die Begegnung zu verzögern, erschöpft waren, in einem langen umständlichen Ankleiden eine Entschuldigung zu finden. Selbst der dem Diener gegebene Verweis war nur ein weiteres Auskunftsmittel, um das Wiedersehen mit Mercy möglichst lang hinauszuschieben. Das eilige Betreten des Zimmers, die nervöse Scherzhaftigkeit ihrer Sprache und ihres Wesens, der ausweichende, unstete Blick ihrer Augen, alles entsprang demselben Gefühl. In Gegenwart von anderem hatte Lady Janet erfolgreich den Widerspruch ihres innersten Zartgefühles, ihres angeborenen Ehrgefühles zum Schweigen gebracht. In Mercys Gegenwart, an der sie mit mütterlicher Liebe hing - in Mercys Gegenwart, für die sie sich zu absichtlichem Verbergen der Wahrheit entschließen konnte - drängte alles, was Hohes, Edles in ihrer Seele lag, hervor und schalt sie für ihr Betragen. Was soll die Tochter meiner Wahl, das erste und letzte Kind meiner mütterlichen Liebe von mir denken, wenn ich nun die Mitschuldige eines Betruges bin, dessen sie sich schämt? Wie kann ich ihr ins Auge blicken, nachdem ich, aus selbstsüchtiger Rücksicht für meine eigene Ruhe nicht gezögert, ihr das offene Geständnis der Wahrheit zu verbieten, welches sie sich aus feinerem Pflichtgefühle freiwillig auferlegt hatte? Diese quälenden Fragen beschäftigten die Gedanken Lady Janets, indes ihr Arm Mercy liebevoll umschlungen hielt, und ihre Finger zutraulich Mercys Haar glatt strichen. Daraus, nur daraus entsprang die innere Regung, welche mit dem Unbehagen einer erkünstelten Leichtfertigkeit alle erdenklichen Gesprächsstoffe berührte, so lange sie die Zukunft betrafen und alles vermieden wurde, was auf die Gegenwart und Vergangenheit Bezug hatte.

„Der Winter hier ist unerträglich”, begann Lady Janet. „Ich habe darüber nachgedacht, Grace, ob sich nicht da etwas Besseres finden ließe.”

Mercy stutzte. Lady Janet hatte sie „Grace” genannt; sie tat also noch immer, als wenn sie nichts von der Wahrheit ahnte.

„Nein”, fuhr Lady Janet fort, indem sie Mercys Bewegung absichtlich falsch verstand, „Sie sollen jetzt nicht gehen, um sich anzukleiden. Es ist dazu keine Zeit mehr; und ich will Sie gerne entschuldigen. Sie dienen mir wahrlich als Folie, liebes Kind. Ihr Anzug ist ein Muster von Ärmlichkeit. Ach! Ich erinnere mich, als auch ich so meine Grillen und Liebhabereien hatte und in jedem Kleide gut aussah, trug ich mich gerade so wie Sie. Genug davon. Wie gesagt, ich dachte eben und überlegte, was wir eigentlich tun könnten. Hier zu bleiben, ist wirklich unmöglich. Einen Tag kalt, den nächsten warm - ist das ein Klima! An der Gesellschaft verlieren wir auch nichts, wenn wir fortgehen. So etwas, wie die jetzige Gesellschaft, gibt es gar nicht mehr. Ein geputzter Pöbel macht sich einander Besuche, da zerreißen sie sich dann gegenseitig die Kleider und treten sich auf die Füße. Sind sie besonders glücklich, so können Sie auf der Treppe sitzen, bekommen laues Eis zu essen und hören ringsherum schales Geschwätz in verlogener Rede. Das ist die moderne Gesellschaft. Hätten wir noch eine gute Oper, so verlohnte es sich, in London zu bleiben. Lesen Sie nur dort auf dem Tische das Programm für diese Monate - da wird auf dem Papier alles Mögliche versprochen und auf der Bühne dann nichts aufgeführt. Immer dieselben Stücke, von denselben Sängern demselben dummen Publikum vorgetragen, und das ein Jahr wie das andere - mit einem Worte, es sind die unerquicklichsten musikalischen Genüsse, die man in Europa finden kann. Nein! Je mehr ich daran denke, desto klarer wird es mir, dass uns nur eine Wahl übrig bleibt: wir müssen verreisen. Strengen Sie einmal den hübschen, kleinen Kopf an; wählen Sie Nord oder Süd, Ost oder West; mir ist es einerlei. Wohin sollen wir gehen?”

Mercy blickte sie bei dieser Frage ruhig an.

Doch Lady Janet war noch rascher und blickte weg auf das Opernprogamm. Noch immer der traurige, falsche Schein! Noch immer die grausame, nutzlose Verzögerung! Unfähig, die ihr aufgedrängte Lage noch länger zu ertragen, griff Mercy in die Tasche und holte den Brief Lady Janets hervor.

„Werden Sie mir vergeben, Lady Janet”, begann sie mit schwacher, unsicherer Stimme, „wenn ich einen peinlichen Gegenstand zu berühren wage? Ich habe kaum den Mut, zu gestehen.” - Trotz ihrer festen Entschlossenheit, frei heraus zu sprechen, war doch die Erinnerung an frühere Liebe und Güte zu mächtig in ihr; die nächsten Worte erstarben auf ihren Lippen. Sie konnte nur den Brief emporhalten.

Lady Janet wollte den Brief nicht sehen. Sie war nun plötzlich ganz in ihre Armbänder vertieft.

„Ich weiß, was Sie sich zu gestehen scheuen, kleine Närrin!” rief sie aus. „Sie wollen nicht sagen, dass Ihnen dieses düstere Haus zuwider ist. Liebes Herz! Ich bin ganz ihrer Meinung - ich bin meiner eigenen Pracht überdrüssig; ich sehne mich förmlich danach, in einem behaglichen, kleinen Zimmer zu wohnen mit einer einzigen Magd zu meiner Bedienung. Wissen Sie, was wir tun wollen? Zuerst gehen wir nach Paris. Mein prächtiger Miglione, der König aller Kuriere, soll allein uns begleiten. Er nimmt in einem der uneleganten Teile der Stadt eine Wohnung für uns. Wir wollen einmal nicht vornehm sein, Grace, bloß wegen der Abwechslung. Wir wollen, wie man sagt, ein Zigeunerleben führen. Ich kenne eine Menge Schriftsteller, Maler und Schauspieler in Paris - das ist die lebhafteste Gesellschaft von der Welt, bis man sie satt hat. Wir werden im Restaurant speisen, ins Theater gehen und in kleinen, schäbigen Mietwagen umher fahren. Und wird uns das Leben dort zu eintönig, was nur zu wahrscheinlich ist, so breiten wir unsere Flügel aus und fliegen nach Italien und bringen uns auf diese Art um den Winter. Das ist etwas für Sie! Miglione wohnt in der Stadt. Ich schicke heute abend noch nach ihm, und morgen reisen wir ab.”

Mercy machte einen erneuten Versuch.

„Ich flehe zu Ihnen, Lady Janet, um Ihre Verzeihung”, begann sie wieder. „Ich habe Ihnen ernste Dinge zu sagen. Ich fürchte -”

„O, ich verstehe, was Sie meinen! Sie fürchten sich, den Kanal zu passieren und wollen es nicht gerne gestehen. O, die Überfahrt dauert ja kaum zwei Stunden; wir bleiben in einer Privatkabine. Aber ich will gleich fortschicken, der Kurier könnte vielleicht verhindert sein. Ziehen Sie die Glocke.”

„Lady Janet, ich muss mich in mein schweres Schicksal fügen. Ich habe keine Hoffnung, in irgendwelche Pläne für die Zukunft wieder mitverflochten zu werden -”

„Was! Sie fürchten sich vor unserem Zigeunerleben in Paris? Bedenken Sie doch, Grace. Nichts hasse ich mehr als einen alten Kopf auf jungen Schultern. Weiter sage ich nichts. Ziehen Sie die Glocke.”

„Es kann nicht so fortgehen, Lady Janet! Es gibt dafür keine Worte, wie unwürdig Ihrer Güte ich mich fühle, wie ich beschämt bin.”

„Auf meine Ehre, liebes Kind, ich stimme mit Ihnen überein. Sie sollten sich schämen, in Ihrem Alter mich zu zwingen, dass ich aufstehe, um die Glocke zu ziehen.”

Ihre Hartnäckigkeit war unbeugsam; sie machte einen Versuch, vom Diwan aufzustehen. Aber ein Mittel stand Mercy zu Gebot. Sie kam Lady Janet zuvor und zog die Glocke.

Der Diener erschien. Er hielt einen kleinen Präsentierteller in der Hand; darauf lag eine Karte und außerdem noch ein Blatt Papier, das wie ein offener Brief aussah.

„Wissen Sie, wo mein Kurier in London wohnt?” fragte Lady Janet.

„Ja, Mylady.”

„Einer der Reitknechte soll zu Pferd zu ihm; es hat Eile. Der Kurier soll ganz gewiss morgen früh hier sein, ehe der Zug nach Paris abgeht. Haben Sie verstanden?”

„Ja, Mylady.”

„Was haben Sie da? Etwas für mich?”

„Für Miss Roseberry, Mylady.”

Bei diesen Worten übergab der Diener Mercy die Karte und den offenen Brief.

„Die Dame wartet im Frühstückszimmer, Miss. Sie hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, dass Sie in der Zeit nicht gedrängt ist und warten kann, wenn Sie noch nicht fertig sind.”

Nachdem der Diener seine Botschaft ausgerichtet, verschwand er wieder.

Mercy las den Namen auf der Karte, die Hausmutter war da! Dann sah sie in den Brief. Es schien ein gedrucktes Rundscheiben zu sein, welchem auf der leeren Seite einige Zeilen mit Bleistift zugefügt waren. Die gedruckten und geschriebenen Worte schwammen ihr vor den Augen. Sie fühlte mehr als sie es sah, dass die Aufmerksamkeit Lady Janets fest auf sie gerichtet war. Mit der Ankunft der Hausmutter hatten nun die kleinlichen falschen Vorwände und die grausame Verzögerung ihr Ende erreicht.

„Ist es eine Ihrer Freundinnen, mein Kind?”

„Ja, Lady Janet.”

„Kenne ich sie?”

„Ich glaube nicht, Lady Janet.”

„Sie sehen aufgeregt aus. Bringt Ihnen dieser Besuch etwa unangenehme Nachrichten? Kann ich Ihnen da helfen?”

„Sie können zu Ihrer bisherigen Güte gegen mich viel, unberechenbar viel hinzufügen, wenn Sie nur mit mir tragen und mir vergeben wollen.”

„Mit Ihnen tragen und Ihnen vergeben? Ich verstehe Sie nicht.”

„Vielleicht kann ich es Ihnen erklären. Denken Sie über mich, wie Sie wollen, Lady Janet, nur halten Sie mich, um Gottes willen, nicht für undankbar!”

Lady Janet erhob die Hand dagegen.

„Ich hasse alle Erklärungen”, sprach sie in scharfem Tone. „Niemand sollte dies besser wissen als gerade Sie. Vielleicht gibt der Brief jener Dame statt Ihrer die Auskunft. Weshalb haben Sie ihn noch nicht angesehen?”

„Ich bin in großer Verwirrung, Lady Janet, wie Sie eben selbst bemerkten.”

„Haben Sie einen Grund, mir den Namen Ihres Besuches zu verschweigen?”

„Nein, Lady Janet.”

„Nun, so zeigen Sie mir die Karte.”

Mercy gab ihr jetzt die Karte der Hausmutter, wie sie vorhin Horace deren Telegramm gegeben hatte.

Lady Janet las den Namen darauf, überlegte, fand ihn völlig unbekannt, und sah dann nach der Adresse: „Western District, Besserungshaus, Milburn Rood.”

„Eine Dame im Zusammenhange mit einem Besserungshaus”, sprach sie zu sich selbst; „und sie erscheint hier, weil sie bestellt ist, wenn ich die Botschaft des Dieners so recht verstanden habe. Wahrhaftig, eine ungewöhnliche Stunde, um Beiträge zu sammeln!”

Sie hielt inne. Sie runzelte die Stirn; ihre Züge nahmen einen harten Ausdruck an. Ein Wort von ihrer Seite hätte jetzt genügt, um die Unterredung ihrem unvermeidliche Ende zuzuführen; aber sie sprach das Wort nicht aus. Bis zuletzt blieb sie dabei, die Wahrheit nicht sehen zu wollen. Sie schob die Karte neben sich auf den Diwan, und deutete mit ihrem langen, gelblich-weißen Zeigefinger auf den gedruckten Brief, der neben dem ihrigen in Mercys Schoß lag.

„Wollen Sie ihn lesen oder nicht?” fragte sie.

Mercy hob die Augen zu ihr empor, sie füllten sich sogleich mit Tränen.

„Dürfte ich Sie bitten, Lady Janet, mir ihn vorzulesen?” sagte sie - und dabei reichte sie ihr den Brief der Hausmutter hin.

Es war ein gedruckter Bogen, in welchem die Besserungsanstalt eine neue Erweiterung ihrer Tätigkeit ankündigte. Die Spender von Beiträgen sollten davon in Kenntnis gesetzt werden, dass das Asyl und Erziehungshaus, welches bisher nur Frauen aufnahm, erweitert wurde, um nunmehr auch verwahrloste, in den Straßen aufgegriffene Kinder unterzubringen. Was die Anzahl der kleinen Wesen betraf, die auf solche Weise gerettet und geschützt werden sollten, so hing das natürlich von der Güte der Freunde des Unternehmens ab. Die Erhaltungskosten jedes einzelnen Kindes sollten so gering als möglich sein. Zum Schluss ward dem Rundschreiben noch eine Liste einflussreicher Personen beigegeben, welche durch Erhöhung ihres Beitrages die Kosten gedeckt hatten und weiter ein kurzer Überblick über die gedeihlichen Fortschritte des Instituts.

Die mit Bleistift geschriebenen Zeilen von der Hand der Hausmutter standen auf der freien Seite:

„Ihr Brief, meine Teure, sagt mir, dass Sie - in Erinnerung an Ihre eigene Kindheit - bei Ihrer bevorstehenden Rückkehr in unsere Mitte sich der Rettung armer, verwahrloster Kinder widmen möchten. Der beifolgende Bogen wird Ihnen zeigen, dass ich Ihren Wunsch befriedigen kann. Das Geschäft, welches mich heute abend in Ihre Nähe führte, war eben, mich eines armen Kindes, eines kleinen Mädchens anzunehmen, das in trostloser Lage unseres Schutzes bedarf. Ich habe es gewagt, sie mit hierher zu bringen, in der Hoffnung, dass das kleine Wesen Ihnen den schweren Schritt erleichtern werde. Wir beide erwarten Sie, um Sie mit uns in die frühere Heimatstätte zurückzunehmen. Ich schreibe dies, anstatt es Ihnen zu sagen, weil ich vom Diener gehört habe, dass Sie nicht allein sind, und ich mich als Fremde nicht bei der Dame des Hauses eindrängen will.”

Lady Janet hatte diese geschriebenen, wie die gedruckten Zeilen laut vorgelesen. Ohne eine Wort darüber zu verlieren, legte sie den Brief, wohin sie die Karte gelegt; dann erhob sie sich und stand einen Augenblick in starrem Schweigen vor Mercy, den Blick auf sie gerichtet. Die plötzliche Veränderung, welche der Brief an ihr hervorgebracht, war, so ruhig sie sich vollzogen hatte - schrecklich anzusehen. In der gerunzelten Stirn, dem flammenden Blick, den zusammengepressten Lippen sah geschmähte Liebe, beleidigter Stolz auf die Verlorene herab und sprach, wie mit deutlichen Worten: Sie haben es endlich dahin gebracht.

„Wenn dieser Brief etwas sagen soll”, sprach sie, „so ist es, dass Sie im Begriffe stehen, mein Haus zu verlassen. Dass Sie diesen Schritt tun wollen, kann aber nur einen Grund haben.”

„Es ist die einzige Sühne, Lady Janet, die mir übrig bleibt.”

„Ich sehe da vor Ihnen einen zweiten Brief. Ist das der meine?”

„Ja.”

„Haben Sie ihn gelesen?”

„Ja, ich habe ihn gelesen.”

„Haben Sie Horace Holmcroft gesehen?”

„Ja.”

„Haben Sie es ihm gesagt -”

„O, Lady Janet!”

„Unterbrechen Sie mich nicht. Haben Sie Horace Holmcroft gesagt, was ich Ihnen in meinem Briefe verboten habe, ihm oder irgend einem lebenden Wesen mitzuteilen? Ich verlange keine Vorstellungen und Entschuldigungen. Antworten Sie mir sofort; und mit einem Wort - Ja oder Nein.”

Selbst diese hochmütige Sprache, dieser erbarmungslose Ton vermochten nicht, in Mercy das geheiligte Andenken an die einstige Güte und Liebe zu vernichten. Sie fiel auf die Knie - ihre ausgestreckten Arme berührten Lady Janets Kleid, diese zog ihr Kleid rasch zurück und wiederholte finster ihre letzten Worte.

„Ja oder Nein?”

„Ja.”

Sie hatte es endlich gestanden! Dafür also war Lady Janet gegen Grace Roseberry nachgiebig gewesen; dafür hatte sie Horace Holmcroft beleidigt; dafür hatte sie sich zum ersten Male zu entwürdigendem Versteckenspielen und einem Vergleiche herbeigelassen, über den sie Scham empfinden musste. Für all ihre Leiden und Opfer hatte sie jetzt nichts, als den Anblick eines Wesens, das, im Bewusstsein der Übertretung eines Gebotes, hier vor ihr auf den Knien lag, das ihre Gefühle mit Füßen trat und ihr das Haus verödete! Und wer war diejenige, die das getan? Es war dieselbe, welche den Betrug begangen und darin verharrt hatte, bis ihre Wohltäterin ihre Mitschuldige geworden war. Dann, erst dann hatte sie es plötzlich als ihre heilige Pflicht erkannt, die Wahrheit zu bekennen!

In stolzem Schweigen empfing die große Dame den Schlag, der sie getroffen; in stolzem Schweigen kehrte sie ihrer Pflegetochter den Rücken und schritt nach der Tür.

Mercy wandte sich noch einmal flehend an die gütige Freundin, die sie gekränkt - an die zweite Mutter, die sie geliebt hatte.

„Lady Janet! Lady Janet! Gehen Sie nicht fort von mir, ohne ein Wort des Abschiedes. O, haben Sie nur ein wenig Mitleid mit mir! Ich kehre in ein Leben voller Demütigung zurück - der Schatten einer früheren Schmach deckt mich von neuem. Wir werden uns niemals wiedersehen. Wenn ich es auch nicht verdient habe, lassen Sie sich von meiner Reue bewegen! Sagen Sie, dass Sie mir verzeihen!”

Lady Janet wandte sich auf der Schwelle um.

„Undank verzeihe ich nie”, sprach sie. „Gehen Sie zurück in das Besserungshaus.”

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Mercy war allein. Ohne Verzeihung von Horace, ohne Verzeihung von Lady Janet! Sie presste die Hände an ihre brennende Stirn - und versuchte zu denken. O, die kühle Nachtluft! Das freundliche Obdach des Besserungshauses! Das war nur das Sehnen in ihrer Brust; denken konnte sie nicht.

Sie zog die Glocke - und fuhr erschrocken zusammen, als sie es getan. Hatte sie noch ein Recht, sich diese Freiheit zu erlauben? Daran hätte sie vorher denken sollen. Gewohnheit - alles Gewohnheit. Wie viel hundertmal hatte Sie in Mablethorpe-House die Glocke gezogen!

Der Diener trat ein. Sie setzte ihn in Erstaunen - sie sprach so furchtsam zu ihm; ja entschuldigte sich, dass sie ihn bemühte!

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen unbequem sein muss. Wollen Sie so gut sein, der Dame zu sagen, dass ich für sie bereit bin?”

„Warten Sie noch mit dem Ausrichten dieses Auftrages”, sprach eine Stimme hinter ihnen, „bis Ihnen wieder geklingelt wird.”

Mercy blickte erstaunt empor. Julian war durch die Tür des Speisezimmers wieder hereingetreten.


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