Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Mablethorpe-House - Der Mann erscheint
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Die Neue Magdalena - Buch 2

Kapitel 3

Der Mann erscheint

Nach einer kurzen Zeit der Ruhe wurde Mercy durch das Schließen einer Glastür am entfernten Ende des Wintergartens aus dem Schlafe geweckt. Diese Tür führte in den Garten hinaus und wurde nur von den Hausbewohnern oder noch von guten Bekannten benutzt, welche das Vorrecht genossen, die Empfangszimmer auf diesem Wege zu betreten. In dem Glauben, dass Horace oder Lady Janet in das Speisezimmer zurückkehrten, richtete sich Mercy auf dem Sofa etwas empor und horchte.

Sie hörte die Stimme eines der Bedienten. Darauf antwortete eine andere Stimme, bei deren Klang sie an allen Gliedern zu zittern begann.

Sie sprang auf und horchte wieder in sprachlosem Entsetzen. Ja! Sie war es unverkennbar. Die Stimme, welche dem Diener antwortete, war dieselbe, die unvergessliche Stimme, welche sie im Besserungshause gehört hatte. Der Besuch, welcher durch die Glastür eingetreten, war - Julian Gray.

Sein rascher Tritt näherte sich immer mehr und mehr dem Speisezimmer. Sie nahm ihre Fassung so weit zusammen, um zur Tür des Bibliothekszimmers zu eilen. Ihre Hand zitterte so heftig, dass sie nicht im Stande war, das Schloss gleich zu öffnen. Eben war ihr das gelungen, als sie seine Stimme wieder hörte - wie er sie anredete:

„Bitte, laufen Sie doch nicht davon! Ich bin ja kein Ungeheuer, sondern nur der Neffe Lady Janets - Julian Gray.”

Sie wendete sich langsam um und stand, wie verzaubert durch seine Stimme, schweigend ihm gegenüber.

Er stand, den Hut in der Hand, am Eingang in den Wintergarten; er trug einen schwarzen Anzug und eine weiße Halsbinde - allein in der Machart und Form seiner Kleidung war geflissentlich alles vermieden, was ihr einen spezifisch geistlichen Anstrich geben konnte. So jung er war, trugen seine Züge doch schon Spuren von Sorge, und das Haar war über der Stirne vorzeitig dünn und spärlich geworden. Die gelenkige, behende Gestalt reichte nicht über die mittlere Größe hinaus. Sein Teint war blass. Der untere Teil seines Gesichtes, ganz bartlos, war in keiner Weise bedeutend. Ein gewöhnlicher Beobachter würde in Julians Antlitz nichts besonderes entdeckt haben - mit Ausnahme der Augen. Diese allein drückten dem Gesichte einen besonderen Stempel auf. Die ungewöhnliche Größe der Augenhöhlen, in welchen sie lagen, war schon allein genügend, die Aufmerksamkeit zu fesseln; sein Kopf gewann dadurch einen imponierenden Ausdruck, welchen er sonst, trotz seiner Breite und seines entwickelten Knochenbaues, nicht besaß. Was die Augen selbst anbelangt, so spottete ihr weicher schimmernder Glanz jeder Kritik. Nicht zwei Menschen stimmten über die Farbe derselben überein; die Meinungen waren darüber geteilt, ob sie dunkelgrau oder schwarz seien. Maler hatten schon versucht, diese Augen nachzuahmen, und jedes Mal das begonnene Werk verzweifelnd aufgegeben, weil es ihnen nicht gelang, von der verwirrenden Mannigfaltigkeit des Ausdruckes auch nur einen zu erfassen. Es waren Augen, welche jetzt bezaubern, im nächsten Moment Entsetzen erregen konnten; welche fast nach Belieben die Menschen zum Lachen und zum Weinen brachten. Ob angeregt oder ruhig, sie waren immer gleich unwiderstehlich. Als sie vorhin Mercy nach der Tür fliehen sahen, leuchteten sie in kindlicher Belustigung auf.

Als diese sich jedoch umwendete und ihm in das Gesicht sah, verwandelte sich der frühere Ausdruck augenblicklich in einen weichen, glühenden Blick, der stumm aber deutlich sagte, dass ihre Erscheinung ihn mit Interesse und Bewunderung für sie erfüllte. Gleichzeitig veränderte sich seine ganze Haltung. Die nächsten Worte richtete er mit tiefer Ehrerbietung an sie.

„Ich bitte Sie dringend, sich durch mich nicht stören zu lassen”, sagte er. „Und verzeihen Sie, wenn ich so ohne weiteres bei Ihnen eingedrungen bin.”

Er hielt inne und erwartete eine Erwiderung von ihrer Seite, ehe er weiter in das Zimmer vordrang. Noch immer von seiner Stimme wie bezaubert, fand sie doch so viel Selbstbeherrschung wieder, sich gegen ihn zu verneigen und ihren Platz auf dem Sofa wieder einzunehmen. Jetzt konnte sie ihn unmöglich verlassen. Er sah sie einen Augenblick an, dann trat er in das Zimmer, ohne weiter mit ihr zu sprechen. Sein Interesse für das rätselhafte Geschöpf wuchs immer mehr. „Kein gewöhnlicher Gram”, dachte er, „hat diesem Gesichte seinen Stempel aufgedrückt; kein gewöhnliches Herz schlägt in dieser Hülle. Wer mag sie nur sein.”

Mercy nahm ihren ganzen Mut zusammen und zwang sich, ihn anzusprechen.

„Lady Janet ist, glaube ich, in dem Bibliothekszimmer”, sagte sie schüchtern. „Soll ich ihr sagen, dass Sie hier sind?”

„Bemühen Sie Lady Janet und sich selbst nicht.”

Damit trat er an den Frühstückstisch, um ihr so mit viel Zartgefühl Zeit zu lassen, sich zu sammeln. Er ergriff eine Flasche, in welcher Horace noch Rotwein übriggelassen hatte, und goss ihn in ein Glas. „Für den Augenblick soll der Rotwein meiner Tante sie selbst vertreten”, sagte er lächelnd, als er sich wieder nach ihr umwendete. „Ich habe einen weiten Spaziergang gemacht, und so riskiere ich es, mich in diesem Hause auch ohne besondere Einladung zu bedienen. Darf man Ihnen etwas anbieten?”

Mercy dankte verneinend. Nach allem, was sie bis jetzt von ihm erfahren hatte, konnte sie sich über sein gewandtes leichtes Benehmen nicht genug wundern.

Er leerte sein Glas mit echter Kennermiene, der guten Wein zu schätzen wusste. „Der Rotwein ist meiner Tante würdig”, sagte er mit komischem Ernste, als er das Glas niedersetzte. „Beide sind echte, unverfälschte Produkte der Natur!” Er setzte sich an den Tisch und betrachtete mit kritischem Auge die darauf stehen gebliebenen Gerichte. Eines davon schien ihn besonders zu locken. „Was ist das?” fuhr er fort. „Eine französische Pastete! Es wäre ein grober Verstoß, französischen Wein zu trinken und eine französische Pastete daneben unberührt zu lassen.” Er nahm Messer und Gabel und verzehrte die Pastete mit demselben kritischen Behagen wie den Wein. „Der großen Nation vollkommen würdig!” rief er begeistert aus. „Vive la France!”

Mercy sah und hörte mit unaussprechlichem Erstaunen. Er entsprach ganz und gar nicht jenem Bilde, welches ihre Einbildungskraft von ihm in seinem Alltagsgewand entworfen hatte. Seine weiße Halsbinde weg und niemand hätte in diesem berühmten Prediger einen Geistlichen vermutet!

Er verzehrte eine zweite Portion der Pastete und begann mit Mercy eine Unterhaltung, wobei er abwechselnd sprach und aß, aber mit so viel Ruhe und Behagen, als wären sie alte Bekannte.

„Mein Weg hierher führte mich durch Kensington-Garden”, sagte er. „Ich habe jetzt einige Zeit auf einem flachen, abscheulich öden Landdistrikt zugebracht. Da glauben Sie gar nicht, wie angenehm mir der Kontrast dagegen in diesen Zeiten aufgefallen ist. Die Damen in ihren reichen Winteranzügen, die schmucken Kindermädchen mit reizenden Kindern, die unaufhörlich sich bewegende Menge der Eisläufer auf Round-Pord; alles das war im Vergleich zu dem, woran ich jetzt gewöhnt war, so fröhlich anzusehen, dass ich mich unwillkürlich dabei ertappte, wie ich pfeifend mitten durch das glänzende Treiben schritt. Zu meiner Zeit pflegten die Jungen immer zu pfeifen, wenn sie gut aufgelegt waren, und ich bin über diese Gewohnheit noch nicht hinaus. Wem, glauben Sie, begegnete ich da gerade, als ich im besten Zuge war?”

So gut es bei dem maßlosen Staunen, womit Mercy ihm zuhörte, möglich war, bat sie, ihr das Erraten zu erlassen. Nie in ihrem Leben hatte sie noch mit jemand so verwirrt und unverständig gesprochen, wie jetzt mit Julian Gray!

Er fuhr heiterer als je fort, ohne scheinbar zu bemerken, welchen Eindruck er auf sie machte.

„Nun, wem begegnete ich”, wiederholte er, „als ich im besten Zuge war? Meinem Bischof! Wäre es noch eine heilige Melodie gewesen, seine Ehrwürden hätte vielleicht meine Gemeinheit in Anbetracht der Musik entschuldigt. Aber unglücklicherweise war die Komposition, welche ich eben vortrug, ich bin nebenbei gesagt ein sehr lauter Pfeifer, von Verdi - „La donna e Mobile” - seiner Ehrwürden sicherlich durch die Drehorgeln in den Straßen wohl bekannt. Er erkannte das Lied, der arme Mann, und als ich meinen Hut vor ihm abnahm, sah er nach der anderen Seite. Sonderbar, dass man in dieser sündigen, fehlerhaften Welt eine so geringfügige Sache, wie das Pfeifen eines heiter gestimmten Geistlichen, überhaupt zum Gegenstande einer ernsthaften Erörterung macht!” Bei den letzten Worten schob er seinen Teller zurück und fuhr in verändertem Ton einfach und ernsthaft fort: „Ich habe nie eingesehen”, sagte er, „warum wir uns anderen Menschen gegenüber deshalb für bevorzugt halten sollen, weil wir einer besonderen Kaste angehören und harmlose Dinge, welche andere Leute tun, nicht tun dürfen. Die Jünger Christi seinerzeit gaben uns dies Beispiel nicht; sie waren vernünftiger und besser als wir. Ich behaupte kühn, dass sich uns in dem Bestreben, unseren Mitmenschen Gutes zu tun, nichts mehr hindernd entgegenstellt, als die bloße Anmaßung der Geistlichen in Wort und Tat. Ich für meinen Teil erhebe nicht den leisesten Anspruch, besser und frömmer zu sein als jeder andere Christenmensch, der nach Kräften Gutes tut.” Sein klarer Blick traf Mercy, welche ihn verwundert, und unvermögend, ihn zu verstehen, ansah - der frühere scherzhafte Ton gewann in ihm wieder die Oberhand. „Sind Sie radikal gesinnt?” fragte er mit einem humoristischen Zwinkern in seinen großen, glänzenden Augen. „Ich für meinen Teil bin es!”

Mercy gab sich alle Mühe, ihn zu begreifen, allein umsonst. War es möglich, dass dies der Prediger war, dessen Worte sie entzückt, gereinigt, veredelt hatten? War es derselbe, dessen Worte den Augen der Unglücklichen, welche durch das Verbrechen ehrlos und verstockt geworden waren, heiße Tränen entlockt hatten? Ja! Die Augen, welche jetzt vergnügt auf ihr ruhten, sie waren dieselben schönen Augen, welche einst in die Tiefe ihrer Seele geblickt. Die Stimme, welche sich eben mit einer scherzenden Frage zu ihr wendete, war dieselbe tiefe, weiche Stimme, welche damals in ihr Herz gedrungen war. Auf der Kanzel war er ein Engel der Barmherzigkeit; außerhalb derselben ein losgelassener Schulknabe.

„Ich will Sie nicht erschrecken”, sagte er gutmütig, als er ihre Verwirrung bemerkte. „Die öffentliche Meinung hat mich schon mit ärgeren Namen als dem eines Radikalen genannt. Ich war kürzlich - wie ich Ihnen vorhin erzählt habe - in einer Landgemeinde. Ich sollte dort nämlich für eine kurze Zeit die Geschäfte des Pfarrers besorgen, da dieser sich eine kleine Erholung gönnen wollte. Was, glauben Sie, war das Ende dieses Versuches? Der Herr des Kirchspiels nennt mich einen Kommunisten; die Pächter denunzieren mich als einen Aufwiegler; mein Freund, der Pfarrer, ward in aller Eile zurückberufen und ich stehe jetzt als ein Verbannter da, der sich bei einer achtbaren Nachbarschaft unmöglich gemacht hat.”

Mit diesem offenen Bekenntnis verließ er den Frühstückstisch und setzte sich auf einen Stuhl neben Mercy.

„Sie sind natürlich sehr gespannt”, fuhr er fort, „zu hören, worin mein Vergehen eigentlich bestanden hat. Verstehen Sie etwas von Nationalökonomie und von dem Gesetze von Nachfrage und Angebot?”

Mercy gestand, dass sie davon nichts wisse.

„Ich auch nicht”, sagte er. „Und das war eben mein Vergehen. Ich will Ihnen, wie später auch meiner Tante, die ganze Sache mit wenigen Worten erzählen.” Er hielt einen Augenblick inne; seine Haltung war ganz verändert. Mercy warf einen scheuen Blick auf ihn und entdeckte in seinen Augen einen neuen Ausdruck, welcher wie noch keiner, ihr das frühere Bild von ihm in das Gedächtnis zurückrief. „Ich hatte keine Ahnung”, begann er wieder, „welches Leben in einigen Gegenden Englands der gemeine Feldarbeiter auf einem Pachtgute führt, bis ich jetzt den Pfarrer in seinem Sprengel vertreten musste. Noch nie in meinem Leben hatte ich so grässliches Elend gesehen und dabei von Seite der armen Leute eine Geduld im Ertragen ihrer Leiden, wie sie mir bis dahin nie vorgekommen war. Die Märtyrer ehedem konnten erdulden und sterben, aber wären sie im Stande gewesen, so wie diese hier, zu erdulden und dabei fortzuleben? - Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr am Hungertuche zu nagen; zuzusehen, wie ihre abgezehrten Kinder ringsum aufwuchsen, um ihr ganzes Leben hindurch zu arbeiten und dafür bittere Not zu leiden, und vielleicht am Ende, wenn sie durch Arbeit und Hunger verkommen waren, in dem Gemeindegefängnis ihr Dasein zu beschließen! - Dass es auf Gottes schöner Erde solchen Jammer geben kann? Ich kann noch jetzt kaum ohne Tränen daran denken und davon sprechen!”

Sein Kopf sank auf die Brust. Er wartete einen Augenblick, um seiner Bewegung Herr zu werden, bevor er weiter sprach. Jetzt erkannte sie ihn wieder; jetzt war er derselbe, den sie zu sehen erwartet hatte. Unbewusst saß sie ihm gegenüber, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet, mit atemloser Spannung jedem seiner Worte lauschend, gerade wie an jenem Tage, als sie ihn zum erstenmale gehört!

„Ich tat mein Möglichstes, um das Los dieser hilflosen Geschöpfe zu verbessern”, begann er wieder. „Ich ging zu allen Pächtern der umliegenden Güter und schilderte ihnen die traurige Lage ihrer Arbeiter. Ich sagte ihnen, sie sollten diesen genügsamen Menschen nur so viel geben, dass sie davon leben könnten! Allein die Volkswirtschaft schalt ein solches Beginnen töricht und verdammte denjenigen, der dazu riet. Hunger und Recht gingen Hand in Hand, erhielt ich zu Antwort. Und weshalb? Weil der Arbeiter sich fügen musste! Da beschloss ich nun, so weit ein einzelner Mensch dies tun kann, die Feldarbeiter von diesem Zwang zu befreien. Mit Hilfe meiner eigenen Mittel und derjenigen einiger Freunde - an die ich mich gewendet hatte - brachte ich mehrere dieser armen Teufel in andere Gegenden Englands, wo ihre Arbeit besser gezahlt wurde. Das war die Aufführung, welche mein Bleiben unter jenen Leuten unmöglich machte. Mag es so sein! Ich lasse mich dadurch nicht irre machen; ich bin in London hinlänglich bekannt; es wird mir gelingen, Beiträge zu sammeln und dann mögen die volkswirtschaftlich gesinnten Herren Pächter sehen, mit welcher Arbeitskraft sie ihre Felder bestellen, und dazu sollen sie mir noch Beiträge zu meiner Sammlung spenden, so gewiss ich als Radikaler, ein Kommunist, ein Aufwiegler - so gewiss, als ich Julian Gray bin!”

Er erhob sich mit einer leichten Bewegung, als wollte er sich wegen des Eifers, mit welchem er eben gesprochen, entschuldigen und machte einen Gang durch das Zimmer. Durch seine Begeisterung angeregt, folgte ihm Mercy; als er sich umwendete und sie ihm gegenüber stand, hielt sie ihre Geldbörse in der Hand.

„Gestatten Sie mir, Ihnen damit einen kleinen Beitrag zu leisten!” sagte sie warm.

Über seine bleichen Wangen flog eine leise Röte, als er in das schöne, teilnehmende Gesicht vor ihm sah.

„Nein! Nein!” sagte er lächelnd, „ich bin zwar Geistlicher, aber keiner, der die Sammelbüchse gleich mit sich herumträgt.” Mercy suchte ihm die Geldbörse aufzudrängen; allein er zog sich rasch davor zurück und sagte mit dem früheren feinen Humor im Ausdruck seiner Augen. „Führen Sie mich nicht in Versuchung! Es gibt kein Geschöpf, welches der Versuchung, milde Beiträge zu sammeln, weniger widerstehen kann, als gerade der Geistliche.” Mercy blieb jedoch standhaft und siegte auch schließlich; es gelang ihr, ihn dazu zu bringen, dass er selbst den Beweis für die Richtigkeit einer tiefgehenden Beobachtung einer Geistlichennatur dadurch lieferte, dass er ein Geldstück aus dem Beutel nahm. „Wenn es denn nicht anders geht - so nehme ich es!” bemerkte er. „Übrigens danke ich Ihnen sowohl für das gute Beispiel, welches Sie hierdurch anderen geben, als für die rechtzeitige Hilfeleistung! Unter welchem Namen soll ich Ihre Spende in meine Liste eintragen?”

Mercy wendete den Blick verwirrt von ihm ab. „Es bedarf ja keines Namens”, sagte sie leise. „Mein Beitrag sei anonym.”

Bei diesen Worten öffnete sich die Tür des Bibliothekszimmers. Zu ihrer unbeschreiblichen Erleichterung - dagegen zu Julians heimlicher Enttäuschung - traten Lady Janet Roy und Holmcroft miteinander in das Zimmer.

„Julian” rief Lady Janet erstaunt auf.

Der Gerufene kam ihr entgegen und begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. „Verehrte Tante, Sie sehen ganz reizend aus.” Dann gab er Horace die Hand; dieser näherte sich Mercy und beide schritten dann langsam zum anderen Ende des Zimmers. Julian ergriff sogleich die günstige Gelegenheit, um mit seiner Tante allein zu sprechen.

„Ich bin hier durch den Wintergarten hereingekommen”, sagte er, „und fand die junge Dame in dem Zimmer. Wer ist sie denn?”

„Interessiert Sie das sehr?” fragte Lady Janet ironisch.

Julian antwortete darauf mit dem einen vielsagenden Wort: „Unbeschreiblich!”

Lady Janet rief Mercy zu sich.

„Liebes Kind”, sagte sie, „erlauben Sie, dass ich Ihnen meinen Neffen vorstelle. Julian, dies ist Miss Grace Roseberry” - sie stockte plötzlich; denn in dem Augenblicke, als sie den Namen aussprach, fuhr Julian überrascht auf. „Was ists?” fragte sie scharf.

„Nichts”, antwortete er mit einer Verbeugung gegen Mercy; die frühere Leichtigkeit seines Benehmens war mit einemmale verschwunden. Sie erwiderte die Verneigung mit einiger Zurückhaltung; denn auch sie hatte seine Überraschung bemerkt, als Lady Janet den Namen nannte, unter welchem sie hier bekannt war. Dies hatte etwas zu bedeuten. Aber was? Warum wendete er sich sogleich von ihr ab zu Horace und dies mit einem Ausdrucke völliger Geistesabwesenheit, als ob seine Gedanken ganz anderswo weilten? Er war total verändert; und zwar erst seit dem Augenblicke, wo seine Tante den Namen genannt hatte, der nicht der ihrige war - den sie sich erstohlen hatte!

Lady Janet wendete sich nun an Julian und gab Horace für Mercy frei. „Ihr Zimmer ist für Sie bereit”, sagte sie. „Sie bleiben ja doch wohl hier?” Julian nahm die Einladung an, jedoch mit der Miene eines Menschen, dessen Gedanken sich mit ganz anderen Dingen befassten. Anstatt bei dieser Antwort seine Tante anzusehen, drehte er sich mit einem fremdartigen Ausdruck der Verwirrung in seinem Gesicht nach Mercy um. Lady Janet klopfte ihm ungeduldig auf die Schulter. „Ich verlange, dass man, wenn man mit mir spricht, mich dabei auch ansieht”, sagte sie. „Was starren Sie denn meine Adoptivtochter so an?”

„Ihre Adoptivtochter?” wiederholte Julian - dabei blickte er seiner Tante ernsthaft in das Gesicht.

„Freilich! Als die Tochter des Obersten Roseberry ist sie ja ohnehin mit mir verwandt. Oder dachten Sie vielleicht, ich hätte einen Findling bei mir aufgenommen?”

Julians Züge erhellten sich; er schien offenbar erleichtert. „Den Obersten hatte ich ganz vergessen”, antwortete er. „Natürlich ist sie auf diese Weise mit uns verwandt.”

„Ich bin sehr glücklich, Sie somit darüber beruhigt zu haben, dass Grace keine Betrügerin ist”, sagte Lady Janet mit ironischer Unterwürfigkeit. Sie ergriff Julians Arm und zog ihn aus der Nähe von Horace und Mercy fort, um diese nicht zu stören. „Jetzt von Ihrem Brief”, fuhr sie fort. „Eine Zeile darin hat meine lebhafte Neugierde erregt. Wer ist denn die geheimnisvolle Dame, welche Sie mir vorstellen wollen?”

Julian stutzte und wechselte die Farbe.

„Das kann ich jetzt nicht sagen”, flüsterte er.

„Weshalb nicht?”

Zu Lady Janets maßloser Verwunderung wendete sich Julian abermals, statt jeder weiteren Erwiderung, nach ihrer Adoptivtochter um.

„Was soll denn Grace damit zu tun haben?” fragte die alte Dame in höchster Ungeduld.

„Das kann ich Ihnen in Miss Roseberrys Gegenwart unmöglich sagen.”


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