Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Das Häuschen an der Grenze - Der deutsche Arzt
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Die Neue Magdalena - Buch 1

Kapitel 5

Der deutsche Arzt

Der jüngste der drei Fremden war - so viel man aus seinen Gesichtszügen, dem Teint und seinem ganzen Wesen entnehmen konnte - wie es schien, ein Engländer. Er trug eine Soldatenmütze und Soldatenstiefel; im übrigen war er in Zivil gekleidet. Ihm zunächst stand ein Offizier in preußischer Uniform und neben diesem der dritte und älteste der Gruppe. Er trug ebenfalls eine Uniform, aber seine Erscheinung war weit davon entfernt, den Eindruck eines Soldaten zu machen. Er hinkte auf einem Fuß, die eine Schulter hing vor, und statt eines Säbels an der Seite trug er in der Hand einen Stock. Er blickte scharf durch seine Brille mit Schildkroteinfassung zunächst auf Mercy, dann auf das Bett, dann im ganzen Zimmer umher; mit einer zynischen Ruhe in seinem Wesen wendete er sich hierauf an den preußischen Offizier und unterbrach die Stille mit folgenden Worten:

„Eine Frau krank auf dem Bett; die andere zu ihrer Pflege bei ihr und sonst niemand im Zimmer. Ist es da nötig, Major, eine Wache hier zu lassen?”

„Nein, es ist nicht nötig”, antwortete der Major. Er drehte sich auf dem Absatz herum und kehrte in die Küche zurück. Der deutsche Arzt, von dem Instinkt seines Berufes geleitet, näherte sich ein wenig der Ecke, wo das Bett stand.

Der junge Engländer, dessen Augen sich in Bewunderung auf Mercy geheftet hatten, zog den Vorhang vor die Türöffnung und redete sie höflich in französischer Sprache an.

„Darf ich fragen, ob Sie Französin sind?” sagte er.

„Ich bin Engländerin”, versetzte Mercy.

Der Arzt hatte die Antwort gehört. Er blieb auf seinem Wege gegen das Bett hin plötzlich stehen, deutete nach der darauf ruhenden Gestalt und sagte zu Mercy in gutem, aber mit starkem deutschen Akzent gesprochenen Englisch:

„Kann ich da vielleicht etwas nützen.”

Seine Manieren waren dabei ironisch höflich und seine Stimme klang, als würde sie krampfhaft zur Monotonie gezwungen. Mercy fasste auf der Stelle einen entschiedenen Widerwillen gegen diesen hinkenden, hässlichen, alten Mann, der sie so roh durch seine schildkroteingefasste Brille anstarrte.

„Sie können nichts mehr nützen, mein Herr”, sagte sie kurz. „Die Dame hier ward getötet, als Ihre Truppen dieses Häuschen beschossen.”

Der Engländer sprang auf und blickte mitleidsvoll nach dem Bette hin. Der Deutsche stärkte sich mit einer Prise Tabak und stellte eine neue Frage:

„Ist der Leichnam von einem Arzt untersucht worden?” fragte er. Mercy beschränkte ihre ungnädige Erwiderung auf das eine notwendige Wort: „Ja.” Der anwesende Arzt war jedoch nicht der Mann danach, sich durch das Missfallen, welches ihm eine Dame bewies, einschüchtern zu lassen. Er fuhr fort, seine Fragen zu stellen.

„Wer hat die Leiche untersucht?” forschte er weiter.

Mercy antwortete: „Der Doktor, welcher sich bei der französischen Ambulanz befand.”

Der Deutsche brummte etwas vor sich hin, zum Zeichen seiner Verachtung und seines Missfallens gegen alle Franzosen und alle französischen Einrichtungen. Der Engländer ergriff die erste Gelegenheit, um sich wieder an Mercy zu wenden.

„Ist die Dame eine Landsmännin von uns?” fragte er sanft.

Mercy überlegte, bevor sie antwortete. Nach dem, was sie vorhatte war es jedenfalls geraten, nur mit äußerster Vorsicht von Grace zu sprechen.

„Ich glaube”, sagte sie, „wir trafen hier zufällig zusammen. Ich weiß nichts von ihr.”

„Nicht einmal ihren Namen?” fragte der deutsche Arzt.

Mercys Entschlossenheit war der Kühnheit noch nicht gewachsen, ihren eigenen Namen offen Grace beizulegen. Sie nahm ihre Zuflucht zum einfachen Leugnen.

„Nicht einmal ihren Namen”, wiederholte sie hartnäckig.

Der alte Arzt starrte ihr roher als je in das Gesicht, beriet mit sich selbst, und nahm dann das Licht vom Tische. Er hinkte nach dem Bette zurück und untersuchte in aller Stille die daraufliegende Gestalt. Der Engländer setzte das Gespräch fort und verbarg dabei nicht länger das Interesse, welches er für die schöne Frau vor ihm empfand.

„Entschuldigen Sie”, sagte er, „Sie sind sehr jung, um in Kriegszeiten an einem Ort, wie dieser ist, sich allein aufzuhalten.”

Der plötzliche Ausbruch einer Störung in der Küche überhob Mercy im Augenblick der Notwendigkeit, ihm sofort zu antworten. Sie hörte die Stimmen der Verwundeten, wie sie sich zu schwachen Einwendungen erhoben, und das rauhe Kommando der Offiziere, die ihnen Stillschweigen geboten. Die edle Natur dieser Frau gewann sogleich die Oberhand über jedes persönliche Bedenken, welches ihr durch die selbst geschaffene Stellung auferlegt wurde. Achtlos, ob sie sich als Krankenpflegerin bei der französischen Ambulanz verrate oder nicht, zog sie den Vorhang augenblicklich auf die Seite, um in die Küche zu treten. Eine deutsche Schildwache vertrat ihr den Weg und kündigte in deutscher Sprache an, dass Fremde nicht eingelassen würden. Der Engländer legte sich höflich ins Mittel und fragte, ob sie irgendeinen besonderen Zweck hätte, dessentwegen sie diesen Raum zu betreten wünsche.

„Die armen Franzosen!” sagte sie ernst, und ihr Herz schalt sie, dieselben vergessen zu haben. „Die armen verwundeten Franzosen!”

Der Deutsche näherte sich von dem Bette her und griff die Sache auf, ehe der Engländer ein Wort sagen konnte.

„Sie haben mit den verwundeten Franzosen nichts zu schaffen”, krächzte er in rauhestem Tone. „Sie sind unsere Gefangenen, und darum zu unserer Ambulanz gebracht worden. Ich heiße Ignaz Wetzel, bin Chefarzt des Regimentsstabes - und ich sage Ihnen dies hiermit. Seien Sie still.” Er wendete sich zur Schildwache und fügte auf deutsch hinzu: „Ziehet den Vorhang wieder vor; und wenn die Frau darauf besteht, schiebt sie eigenhändig wieder hier herein.”

Mercy versuchte etwas einzuwenden. Der Engländer fasste ehrerbietig ihren Arm und zog sie aus der Nähe der Schildwache fort.

„Es ist nutzlos, sich zu widersetzen”, sagte er. „Die deutsche Disziplin gibt nirgends nach. Übrigens haben Sie nicht nötig, sich wegen der Franzosen im geringsten Sorgen zu machen. Die Ambulanz unter Doktor Wetzel ist ausgezeichnet geleitet. Ich stehe dafür, dass die Leute gut behandelt werden.” Er sah die Tränen in ihren Augen, als er sprach; seine Bewunderung für sie stieg höher und höher. „Ebenso gut, als schön”, dachte er, „welch ein reizendes Geschöpf!”

„Nun!” sagte Ignaz Wetzel, indem er Mercy durch seine Brille stier ansah. „Sind Sie zufrieden? Und wollen Sie jetzt still sein?”

Sie gab nach; es war einfach umsonst, hier dem eigenen Willen folgen zu wollen. Wäre der Arzt ihr nicht mit diesem Widerstand entgegengetreten, vielleicht hätte ihre Hingebung für die Verwundeten sie auf dem Abweg aufgehalten, auf dem sie jetzt weiterschritt. Wäre es wieder möglich geworden, Geist und Körper durch das edle Wirken einer Krankenpflegerin wie früher zu beschäftigen, die Versuchung hätte sie dann doch vielleicht noch stark genug gefunden, um ihr zu widerstehen. So war durch die verhängnisvolle Strenge der deutschen Disziplin das letzte Band zerrissen, welches sie an ihr besseres Selbst geknüpft hätte. Ihr Gesicht nahm einen harten Ausdruck an, als sie stolz von Doktor Wetzel hinwegschritt, und sich auf einen Stuhl niederließ.

Der Engländer folgte ihr und kam nochmals auf die Frage ihrer gegenwärtigen Lage zurück.

„Denken Sie nicht, dass ich Sie beunruhigen will”, sagte er. „Es ist, ich wiederhole, nicht der leiseste Grund zur Besorgnis für die verwundeten Franzosen vorhanden, dagegen schweben Sie selbst in ernster Gefahr. Das Gefecht wird hier um dieses Dorf herum bei Tageshelle erneuert werden; Sie sollten sich wirklich an einen sicheren Ort begeben. Ich bin Offizier in der englischen Armee - und heiße Horace Holmcroft. Ich werde mich glücklich schätzen, Ihnen einen Dienst zu erweisen, wenn Sie es mir gestatten wollen. Darf ich fragen, ob Sie auf der Reise sind?”

Mercy zog den Mantel, welcher ihre Pflegerinnentracht verbarg, noch dichter an sich und willigte stillschweigend in den ersten offenbaren Akt des Betruges. Sie neigte ihren Kopf bejahend.

„Sind Sie auf dem Wege nach England?”

„Ja.”

„In diesem Falle kann ich Sie durch die deutsche Linie führen und auf Ihrer Reise gleich weiter befördern.”

Mercy betrachtete ihn mit unverhohlener Überraschung. Er hielt das mächtige Gefühl seiner Teilnahme für sie in den engen Grenzen, welche gute Erziehung ihm gezogen hatte; er war unverkennbar ein Gentleman. Meinte er das auch ehrlich, was er eben gesagt hatte?

„Sie können es mir ermöglichen, die deutsche Linie zu passieren?” wiederholte sie. „Da müssen Sie ungewöhnlichen Einfluss besitzen, mein Herr, um das zu vermögen.”

Mister Horace Holmcroft lächelte.

„Ich besitze den Einfluss, dem niemand widerstehen kann”, antwortete er, „den Einfluss der Presse. Ich bin hier in der Eigenschaft als Kriegskorrespondent einer unserer großen englischen Zeitungen. Wenn ich den Kommandanten darum ersuche, so wird er Ihnen einen Passierschein bewilligen. Er ist hier ganz in der Nähe. Nun, was meinen Sie?”

Sie nahm ihre ganze Fassung zusammen - selbst jetzt geschah dieses nicht ohne Schwierigkeit - und nahm ihn beim Wort.

„Ich nehme Ihr Anerbieten dankbar an, mein Herr.”

Er trat einen Schritt vor, gegen die Küche zu und blieb stehen.

„Es wird gut sein, unser Vorhaben so geheim als möglich zu halten”, sagte er. „Man wird mich allerlei fragen, wenn ich jenen Raum passiere. Kann man auf keinem anderen Weg von hier hinaus gelangen?”

Mercy zeigte ihm die Tür, welche in den Hof führte. Er verbeugte sich - und verschwand.

Sie blickte verstohlen nach dem deutschen Arzte hin. Ignaz Wetzel stand wieder an dem Bette, über die Leiche gebeugt und schien ganz vertieft in die Untersuchung der Wunde, welche der Granatsplitter geschlagen hatte.

Mercys instinktiver Widerwille gegen den Alten wuchs jetzt, da sie mit ihm allein gelassen war, noch um das Zehnfache. Sie zog sich unbehaglich in die Fensternische zurück und blickte hinaus in das Mondlicht.

Hatte sie sich denn mit dem Betrug einverstanden erklärt? Noch nicht ganz. Sie hatte nur eingewilligt, nach England zurückzukehren - nichts weiter. Darum war sie doch noch nicht gezwungen, sich an Graces statt in Mablethorpe-House zu zeigen. Es war noch immer Zeit, ihren Entschluss genauer zu erwägen, sie konnte noch immer, wie sie es vorgehabt, einen Bericht des ganzen Vorfalles schreiben und diesen zugleich mit der Brieftasche an Lady Janet Roy senden. Angenommen, sie entschlösse sich schließlich, diesen Weg einzuschlagen, was sollte dann aus ihr werden, wenn sie sich nun neuerdings in England befand? Es blieb ihr alsdann keine andere Wahl, als abermals bei der Hausmutter Zuflucht zu suchen. Sie musste wieder zurück in das Besserungshaus!

Das Besserungshaus! Die Hausmutter!

Welcher Erinnerung aus der Vergangenheit tauchte da ungebeten, im Zusammenhang mit diesen beiden Begriffen, in ihrer Seele auf und nahm sie bald ganz gefangen? Wer war das, an den sie jetzt dachte, an diesem fremden Orte und an diesem Wendepunkte ihres Lebens? Es war der Mann, dessen Worte damals in der Kapelle des Besserungshauses in ihr Herz gedrungen waren, dessen Einfluss auf sie ihr Kraft und Trost verliehen hatte. Eine der schönsten Stellen in Julian Grays Predigt war die, worin er die Versammlung, zu der er sprach, von den erniedrigenden Einflüssen von Unwahrheit und Betrug gewarnt hatte. Die Worte, mit welchen er sich an die unglücklichen Frauen vor ihm gewendet hatte - Worte des Mitgefühles und der Ermutigung, wie solche noch nie an sie gerichtet worden - klangen in Mercy Merrick wieder, als hätte sie sie eben erst gehört. Sie wurde totenblass, als sie ihren Sinn wieder recht erfasste. „O”, lispelte sie für sich, als sie bedachte, was sie beschlossen und beabsichtigt hatte; „was habe ich getan? Was habe ich getan?”

Sie wendete sich vom Fenster ab mit dem unbestimmten Gedanken, Mister Holmcroft zu folgen und ihn zurückzurufen. Als sie hierbei gerade auf das Bett sah, stand sie auch Ignaz Wetzel gegenüber. Er war gerade im Begriffe, sich ihr zu nähern, um sie anzusprechen, und hielt ein weißes Taschentuch - dasselbe, welches sie Grace geliehen hatte - in seiner Hand empor.

„Ich habe dies in ihrer Tasche gefunden”, sagte er. „Es steht ihr Name darauf. Sie muss eine Landsmännin von Ihnen sein.” Er las mit einiger Schwierigkeit den Namen, der auf das Taschentuch gemerkt war. „Sie heißt - Mercy Merrick.”

Seine Lippen - nicht die ihrigen hatten es ausgesprochen! Er hatte ihr den Namen beigelegt. „Mercy Merrick ist ein englischer Name”, fuhr Ignaz Wetzel fort, seine Augen immer fest auf sie gerichtet. „Nicht wahr?”

Ihr Geist, den bis dahin die Erinnerung an Julian Gray wie in Fesseln gehalten hatte, begann sich davon loszumachen. Eine momentane und drängende Frage bemächtigte sich jetzt des ersteren Platzes in ihrem Denken. Sollte sie den Irrtum, in welchem der Deutsche befangen war, berichtigen? Die Zeit war gekommen - wo sie sprechen musste und ihre Identität nachweisen oder schweigen und in den Betrug willigen.

Horace Holmcroft trat in dem Augenblick in das Zimmer, als Doktor Wetzels stiere Augen noch auf sie geheftet waren und die Antwort auf seine Frage erwarteten.

„Ich hatte nicht zu viel von meinem Einfluss erwartet”, sagte er, indem er auf einen kleinen Papierstreifen in seiner Hand deutete. „Hier ist der Passierschein. Haben Sie Tinte und Feder? Ich muss das Formular ausfüllen.”

Mercy zeigte auf das Schreibzeug auf dem Tisch. Horace setzte sich und tauchte die Feder in die Tinte.

„Bitte, glauben Sie ja nicht, dass ich mich in Ihre Angelegenheiten drängen will”, sagte er. „Ich bin gezwungen, eine oder zwei gewöhnliche Fragen an Sie zu richten. Wie heißen Sie?”

Sie begann plötzlich zu zittern. Sie hielt sich am Fußende des Bettes fest. Ihre ganze künftige Existenz hing von dieser Antwort ab. Sie war unfähig, ein Wort hervorzubringen.

Ignaz Wetzel diente ihr wieder wie ein Freund. Seine krächzende Stimme füllte die eingetretene Pause gerade zu rechter Zeit aus. Er hielt das Taschentuch mürrisch vor die Augen - und wiederholte dabei beharrlich: „Mercy Merrick ist ein englischer Name. Nicht wahr?”

Horace Holmcroft sah vom Tische auf. „Mercy Merrick?” sagte er. „Wer ist Mercy Merrick?”

Doktor Wetzel zeigte auf die Leiche in dem Bett.

„Ich habe den Namen in ihr Taschentuch gemerkt gefunden”, sagte er. „Diese Dame hier, scheint es, besitzt nicht einmal so viel Neugierde, um sich für den Namen ihrer Landsmännin zu interessieren.” Er machte diese höhnende Anspielung auf Mercy in einem Ton, der wie Verdacht klang, und begleitete sie mit einem blick, dem man fast verächtlich nennen konnte. Ihr rasches Naturell fühlte sogleich die Unhöflichkeit heraus, deren Gegenstand sie gewesen war. Die Erbitterung des Augenblickes - so oft bestimmen die geringfügigsten Motive die wichtigsten Entschlüsse des Menschen - entschied über den Weg, den sie gehen sollte. Sie kehrte dem Alten verächtlich den Rücken und ließ ihn in dem Irrtum, den Namen der Toten entdeckt zu haben.

Horace wandte sich wieder zu seinem Geschäft, das Formular auszufüllen.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie zur Beantwortung der früheren Frage dränge”, sagte er. „Sie wissen, was in dieser Zeit deutsche Disziplin sagen will. Wie heißen Sie?” Sie antwortete ihm unbekümmert, trotzig, ohne eigentlich zu wissen, was sie tat, bis es geschehen war.

„Grace Roseberry”, sagte sie.

Die Worte waren jedoch kaum über ihre Lippen, als sie schon alles in der Welt darum gegeben hätte, sie zurücknehmen zu können.

„Miss?” frug Horace lächelnd.

Sie konnte ihm nur mit einem Kopfnicken antworten.

Er schrieb: „Miss Grace Roseberry” - überlegte einen Augenblick - und fügte dann in fragendem Ton hinzu: „Kehrt zu ihren Angehörigen nach England zurück?” Ihre Angehörigen in England! Mercy schwoll das Herz, sie antwortete abermals mit einem Zeichen. Er schrieb diese Worte hinter den Namen und schüttete die Streusandbüchse über die nasse Tinte. „Das wird genügen”, sagte er aufstehend und bot Mercy den Passierschein, „ich werde sie selbst durch die Linie begleiten und dann dafür sorgen, dass Sie auf der Eisenbahn weiter befördert werden. Wo ist Ihr Gepäck?”

Mercy zeigte auf die Tür des Hauses, die nach vorne hinausging. „In einem Schuppen, außerhalb des Häuschens”, antwortete sie. „Es ist nicht viel; ich kann es selbst besorgen, wenn mich die Schildwache durch die Küche gehen lässt.”

Horace deutete auf das Papier in ihrer Hand. „Damit können Sie jetzt gehen, wohin Sie wollen”, sagte er. „Soll ich hier oder draußen auf Sie warten?”

Mercy warf einen misstrauischen Blick auf Ignaz Wetzel. Dieser hatte seine endlose Untersuchung der Leiche wieder aufgenommen. Wenn sie ihn mit Mister Holmcroft allein ließe, konnte man nicht wissen, was der verhasste alte Mann nicht alles über sie sagen würde. Sie antwortete: „Bitte, erwarten Sie mich draußen.”

Die Schildwache trat beim Anblick des Passierscheins salutierend zurück. Alle französischen Gefangenen waren bereits fortgebracht; nur ungefähr ein halbes Dutzend Deutscher befand sich in der Küche, und die Mehrzahl dieser war eingeschlafen. Mercy nahm Grace Roseberrys Kleider aus der Ecke, wo sie zum Trocknen gelegen hatten, hervor und wendete sich nach dem Schuppen, einem rohen Holzbau, der sich an die Mauer des Häuschens lehnte. An der Tür begegnete sie einer zweiten Schildwache und wies ihren Passierschein zum zweiten Male vor. Sie redete den Mann an und fragte, ob er französisch verstehe. Er antwortete, er verstünde es ein wenig. Mercy gab ihm ein Geldstück und sagte: „Ich will da drinnen in dem Schuppen mein Gepäck zusammen machen. Seien Sie so freundlich, acht zu geben, dass ich nicht gestört werde.” Die Schildwache salutierte, zum Zeichen, dass sie sie verstand. Mercy verschwand in dem dunklen Innern des Schuppens.

Als Horace mit Doktor Wetzel allein gelassen war, bemerkte er, wie der Alte sich noch immer aufmerksam über die englische Dame beugte, die durch die Granate getötet worden war.

„Ist etwas Merkwürdiges”, fragte er, „in der Art und Weise, wie das arme Geschöpf getötet ward?”

„Nichts, das man in die Zeitung setzen könnte”, versetzte der Zyniker, ohne seine Aufmerksamkeit im Geringsten von der Untersuchung abzuwenden.

„Ist es ein interessanter Fall für einen Arzt - hm?” sagte Horace.

„Ja, für einen Arzt ist er es”, war die mürrische Antwort.

Horace verstand die Andeutung, welche in diesen Worten lag, und nahm sie gutmütig auf. Er verließ das Zimmer durch die Tür, welche in den Hof führte und erwartete draußen, wie ihm gesagt worden war, die reizende Engländerin.

Allein gelassen, blickte Ignaz Wetzel zuerst vorsichtig um sich, dann öffnete er das Oberteil ihres Kleides und legte seine linke Hand auf ihr Herz. Er nahm hierauf mit der anderen Hand aus seiner Westentasche ein kleines stählernes Instrument und führte es vorsichtig in die Wunde - dann zog er einen Splitter des verletzten Knochens aus der Hirnschale und wartete auf den Erfolg. „Aha!” rief er, indem er in widerlicher Lustigkeit das empfindungslose Geschöpf unter seinen Händen anredete. „Der Franzose sagt, Du seiest tot, meine Liebe - nicht wahr? Der Franzose ist ein Pfuscher. Der Franzose ist ein Esel!” Er hob seinen Kopf und rief nach der Küche. „Max.” Ein verschlafener, junger Deutscher, von oben bis unten in eine Schürze gesteckt, zog den Vorhang beiseite und wartete auf die Befehle. „Bringen Sie meinen schwarzen Sack”, sagte Ignaz Wetzel. Nachdem er diesen Befehl erteilt, rieb er vergnügt die Hände und schüttelte sich wie ein Pudel. „Welches Glück”, krächzte der hässliche Alte und schielte dabei seitwärts mit seinen stieren Augen nach dem Bett. „Meine liebe, tote Engländerin, ich gäbe für diese Begegnung mit dir alles Geld in der Welt. Ja! Du höllischer französischer Quacksalber, du meinst, sie ist tot, nicht? Ich sage, das Leben war unterbrochen in Folge eines Druckes auf das Gehirn!”

Max erschien mit dem schwarzen Sack.

Ignaz Wetzel suche zwei fürchterliche Instrumente heraus, neu und glänzend, und drückte sie an seine Brust. „Meine kleinen Jungen”, sagte er zärtlich, als wären es zwei Kinder! „Meine gesegneten, kleinen Jungen, frisch ans Werk!” Er wendete sich zu dem Gehilfen. „Erinnern Sie sich an die Schlacht von Solferino, Max - und an den österreichischen Soldaten, welchem ich eine Kopfwunde operierte?”

Die verschlafenen Augen des Gehilfen öffneten sich weit; es interessierte ihn offenbar etwas.

„Ich erinnere mich”, sagte er, „ich hielt das Licht dabei.”

Der Meister ging voran zum Bett.

„Ich bin mit dem Resultate jener Operation bei Solferino nicht zufrieden”, sagte er; „seitdem habe ich es immer gewünscht, es wieder zu versuchen. Es ist wohl wahr, dass ich dem Manne das Leben gerettet, aber den Verstand habe ich ihm nicht zurückgeben können. Etwas muss in der Operation missglückt sein, oder es war bei dem Manne schon vorher nicht alles richtig. Sei dem aber wie immer, er lebt und stirbt im Wahnsinn. Nun sehen Sie her, mein kleiner Max, sehen Sie die liebe junge Dame auf dem Bett hier. Sie gibt mir gerade die Gelegenheit, die ich brauche; hier ist wieder der Fall von Solferino. Sie sollen wieder das Licht halten, mein guter Junge; da bleiben Sie stehen und schauen mit so viel Augen, als Sie haben. Ich will versuchen, ob ich das Leben und diesmal auch den Verstand dazu retten kann.”

Er streifte seine Rockärmel auf und begann die Operation. Als seine fürchterlichen Instrumente Graces Kopf berührten, wurde draußen die Stimme der nächststehenden Schildwache gehört, wie sie auf Deutsch das Passwort gab, welches Mercy gestattete, den ersten Schritt auf ihrer Reise nach England zu tun.

„Die englische Dame passiert!”

Die Operation nahm ihren Fortgang. Die Stimme der Schildwache bei dem nächsten Posten wurde schon schwächer gehört.

„Die englische Dame passiert!”

Die Operation war zu Ende. Ignaz Wetzel hielt seine Hand in die Höhe, damit alles still sei, und legte sein Ohr dicht an den Mund seiner Patientin.

Der erste zitternde Atemzug wiederkehrenden Lebens hauchte über Grace Roseberrys Lippen und berührte des Alten gefurchte Wange. „Aha!” rief er. „Gutes Kind! Du atmest - du lebst!” Als er sprach, rief die Stimme der Schildwache an dem äußersten Posten der deutschen Linie, in der Entfernung kaum mehr hörbar, das Wort zum letztenmale:

„Die englische Dame passiert.”


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