Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Neue Magdalena - Auszüge aus dem Tagebuch Julian Grays - Zweiter Auszug
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Die Neue Magdalena - Nachschrift

Zweiter Auszug

„Die erste Wolke hat sich über unseren Häuptern zusammengezogen. Eben trat ich unerwartet in das Zimmer und fand sie in Tränen.

Mit nicht geringer Schwierigkeit konnte ich sie dazu bewegen, mir zu sagen, was vorgefallen war. Gibt es eine Grenze für das Unheil, das die Zunge einer törichten Frau anrichten kann? In diesem Falle war dies meine Hauswirtin. Wir hatten noch keinen bestimmten Plan für die Zukunft gefasst und kehrten darum, zum Unglück, wie die Ereignisse bewiesen haben, in die Wohnung in London zurück, welche ich als Junggeselle bewohnte hatte. Ich kann sie noch sechs Wochen hindurch benützen, und so wollte Mercy mir nicht erlauben, dass ich mich durch einen Aufenthalt im Gasthof in Unkosten stürze. Heute morgens beim Frühstück war ich so unvorsichtig, in Gegenwart meiner Frau die befriedigende Beobachtung zu machen, dass sich in meiner Abwesenheit einer geringere Anzahl Briefe und Karten, als sonst, angesammelt hatte. Nach dem Frühstück musste ich ausgehen. Von einer peinlichen Empfindsamkeit für jede Veränderung getrieben, welche möglicherweise im Zusammenhange mit meiner Verheiratung, in meiner Stellung zur großen Welt, eintreten konnte, befragte Mercy während meiner Abwesenheit die Hauswirtin um den Grund dieser verringerten Teilnahme von Seiten meiner Besucher und Korrespondenten. Die Person ergriff die Gelegenheit, um über mich und meine Angelegenheiten zu plaudern, und der rasche Blick meiner Frau zog daraus sofort den untrüglich richtigen Schluss. Meine Verheiratung hat gewisse kluge Familienhäupter veranlasst, ihre gesellschaftlichen Verbindungen mit mir abzubrechen. Die Tatsachen sprechen, unglücklicherweise, selbst für sich. Leute, welche in früheren Jahren mich zu besuchen und einzuladen pflegten - oder welche, wenn ich abwesend war, mir zu dieser Zeit zu schreiben pflegten - haben sich jetzt mit einer bemerkenswerten Einmütigkeit jedes solchen Zeichens der Teilnahme enthalten.

Es wäre in diesem Falle leere Zeitverschwendung gewesen - nicht zu reden von dem Mangel an Vertrauen gegen meine Frau, den es bewiese - hätte ich es versucht, durch ein Bekämpfen von Mercys Schlussfolgerung die Sache niederzuschlagen. Ich konnte sie nur befriedigen, dass ich ihr zeigte, wie in mir auch nicht der Schatten einer Enttäuschung oder Kränkung über das Benehmen der Gesellschaft Raum fand. Auf diese Weise ist es mir bis zu einem gewissen Grade gelungen, meinen armen kleinen Liebling zu beruhigen. Allein die Wunde ist einmal geschlagen und wird gefühlt. Diese Wirkung kann man sich nicht verhehlen. Dieser muss ich kühn ins Auge schauen.

So geringfügig dieser Vorfall auch an und für sich erscheint, hat er mich doch bereits zu einem Entschluss geführt. Wenn ich für meinen künftigen Lebenslauf einen Plan entwerfe, so will ich nunmehr nach meiner eigenen Überzeugung handeln - anstatt dem wohlgemeinten Rat jener Freunde, die mir noch geblieben, den Vorzug einzuräumen.

Der unbedeutende Erfolg, den ich im Leben gehabt, ward mir nun durch die Kanzel zuteil. Ich bin, wie man sich ausdrückt, ein populärer Prediger, allein niemals habe ich in meinem geheimsten Inneren eine übermäßige Freude wegen der Popularität meines Namens empfunden, noch eine besondere Meinung von den Mitteln gehabt, durch welche ich dazu gekommen bin. Zuerst halte ich nicht viel vom Werte der Redekunst, als einer geistigen Befähigung. Es gibt keine zweite Kunst, bei der die Bedingungen des Erfolgs so leicht erreichbar sind, und bei deren Ausübung so viel rein Oberflächliches gewohnheitsmäßig für etwas tief Durchdachtes gehalten wird. Dann wieder, wie arm ist sie in den Resultaten, die sie erzielt! Ich nehme meinen eigenen Fall. Wie oft zum Beispiel habe ich mit Leib und Seele gegen die frivole Extravaganz in der Kleidung der Frauen - gegen das Widerliche ihrer falschen Haare, ihrer Pulverchen und Schminken geeifert! Wie oft, um ein anderes Beispiel zu gebrauchen, habe ich die Käuflichkeit und materielle Richtung des jetzigen Zeitalters, die gewohnheitsmäßige Korruption und Unredlichkeit im Handel, wie sich bei Hoch und Nieder zeigt, an den Pranger gestellt. Was habe ich damit Gutes geschaffen? Ich habe eben diejenigen entzückt, denen ich einen Verweis geben wollte. „Eine reizende Predigt! Beredter als je! Ich fürchte sonst die Predigt in der Kirche - wissen Sie, jetzt sehe ich ihr fast sehnsüchtig entgegen.” - Derart ist die Wirkung, die ich am Sonntag hervorbringe. Am Montag - da eilen die Frauen wieder in die Putzläden, um mehr als je Geld zu verschwenden; da gehen die Städter wieder ihren Geschäften nach, um dabei mehr als je Geld zu gewinnen - indes mein Kaufmann in seinem Sonntagskleid meines Lobes voll, sich am Wochentage die Ärmel aufstülpt und fröhlich, wie gewöhnlich, seinem Lieblingsprediger den Zucker verfälscht liefert!

Ich habe es oft in vergangenen Jahren gefühlt, dass sich mit diesen hier angeführten Widerwärtigkeiten dem Verfolgen meiner Laufbahn Hindernisse entgegen stellen. Ich empfand dies voll Bitterkeit in jenem Augenblicke, als ich auf das Amt eines Geistlichen verzichtete, und auch jetzt wirken sie in hohem Grade bestimmend auf mich ein.

Ich bin der leicht errungenen Erfolge auf der Kanzel überdrüssig. Die Tätigkeit unter den Unglücklichen von Green Anchor Fields flößte mir Achtung vor mir selbst, Liebe und Zuversicht in meinen Beruf ein. Aber ich kann und darf nicht dahin zurückkehren: ich habe jetzt kein Recht, mit meiner Gesundheit und meinem Leben zu spielen. Es bleibt mir keine Wahl, als mein Predigeramt wieder aufzunehmen, oder England zu verlassen. Inmitten eines ursprünglichen Volkes, wo es keine Städte gibt - im fernen, fruchtbaren Westen des großen amerikanischen Festlandes - könnte ich mit meiner Frau glücklich leben und meinen Nebenmenschen Gutes tun; in unseren Bedürfnissen durch das bescheidene, kleine Einkommen gedeckt, welches hier für mich keinen Wert hat. So male ich mir ein Leben voll Liebe, Frieden und Glück, mit Pflichten und Beschäftigungen, die eines Christen würdig sind. Was dagegen liegt vor mir, wenn ich dem Rate meiner Freunde folge und hier bleibe? Eine Tätigkeit, deren ich überdrüssig bin, weil ich schon lange aufgehört, sie zu achten; kleinliche Bosheit, die in der Person meiner Frau mich angreift und sie kränkt und demütigt, wohin sie sich wenden mag. Hätte ich bloß an mich zu denken, so böte ich auch der ärgsten Bosheit Trotz. Aber ich muss an Mercy denken - Mercy, die mir teurer ist, als mein eigenes Leben! Die armen Frauen, sie leben nur in der Meinung anderer.

Das eine Beispiel hat mich bereits gelehrt, was meine Frau in der Nähe meiner Freunde zu leiden hätte - der Himmel verzeihe, wenn ich dieses Wort missbrauchen muss! Soll ich Sie vorsätzlich neuen Kränkungen aussetzen? - Und dies um einer Laufbahn willen, deren Lohn ich längst nicht mehr schätze? Nein! Wir wollen beide glücklich - wir wollen beide frei sein! Gott ist gnädig, die Natur freundlich, die Liebe wahr, in der neuen wie in der alten Welt. So wollen wir fort - nach der Neuen!”


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