Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXV
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Herz und Wissen



Capitel XXV.

Der Monat Juli ging seinem Ende zu. Am Morgen des achtundzwanzigsten war Carmina damit beschäftigt, einen von Teresa erhaltenen Brief zu beantworten und derselben einen Bericht über ihre häuslichen Erlebnisse während ihres Aufenthaltes unter Mrs. Gallilees Dache zu geben. Der Brief lautete, aus dem Italienischen übersetzt:

»Bist Du mir böse, liebe Teresa, weil ich so spät auf die traurigen Nachrichten, die Du mir aus Italien mitgetheilt hast, antworte? Ich habe nur eine Entschuldigung.

Kann ich von Deiner Sorge um Deinen Mann hören, ohne den Wunsch zu empfinden, Dir Deine Bürde durch heitere Mittheilungen von mir tragen zu helfen? Wieder und wieder habe ich an Dich gedacht und meinen Schreibtisch geöffnet, aber dann verließ mich der Muth und ich schloß denselben wieder. Ob ich nun in glücklicherer Stimmung bin? Ja, meine gute alte Teresa, ich bin glücklicher — denn ich habe von Ovid einen Brief bekommen.

Er ist wohlbehalten in Quebec angelangt und fühlt sich nach der Seereise schon besser. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schön und zärtlich er schreibt! Wenn ich seinen Brief lese, bin ich fast mit seiner Abwesenheit ausgesöhnt. Kann Dir das einen Begriff von dem Glücke und dem Troste geben, den ich diesem besten und theuersten der Menschen verdanke?

Ach, mein Großmütterchen, ich sehe wie Du stutzig wirst und mit dem Daumennagel Dein Lieblingszeichen unter dem Worte »Troste« machst, und höre Dich für Dich hin brummen, »Ist sie in ihrem englischen Heim unglücklich? Und ist Tante Gallilee daran Schuld?« Ja, es ist so! Was ich um die Welt nicht an Ovid schreiben würde, Dir kann ich es gestehen: Tante Gallilee ist wirklich eine hartherzige Frau.

Erinnerst Du Dich, wie Du mir in Deiner geraden Weise sagtest, daß Mr. Le Frank wie ein Schurke aussähe? Ob er es ist, weiß ich nicht —— aber ich weiß, daß meine Tante gerade durch sein Benehmen mit mir unzufrieden ist.

Vor drei Wochen schickte sie nach mir und sagte mir, daß meine Erziehung vollendet werden müsse, und daß besonders meine Musik nicht vernachlässigt werden dürfe, worauf ich ihr mit aller nöthigen Bereitwilligkeit und Achtung antwortete, daß ich gern bereit wäre, ihr zu gehorchen. Dann sagte sie, daß sie bereits einen Musiklehrer für mich gewählt habe, und nannte dann zu meinem Erstaunen seinen Namen. Mr. Le Frank, der Lehrer ihrer Kinder, sollte auch mir Unterricht geben! Ich habe viele Fehler, glaube aber wirklich, daß Eitelkeit nicht darunter ist, und wenn ich sage, daß ich besser Klavier spiele als Mr. Le Frank, so habe ich das nur meinem ausgezeichneten Lehrer in Italien zu verdanken. Davon ließ ich indeß wohlverstanden meiner Tante gegenüber nichts verlauten, da das einmal undankbar und dann auch nutzlos gewesen wäre; sie versteht eben nichts von Musik und macht sich nichts aus derselben.

So schieden wir als gute Freunde, und sie schrieb noch denselben Abend, um Mr. Le Frank für mich zu engagieren. Als aber am folgenden Tage seine Antwort kam, lehnte er es ab, mir Unterricht zu geben —— und das, nachdem er sich selbst vorher in einem Briefe an meine Tante dazu angeboten hatte! Nach seinen Gründen gefragt, machte er die Ausrede, daß er über die freie Zeit, die er damals gehabt, wegen eines neuen Schülers nicht mehr verfügen könnte; aber der wahre Grund ist der, daß er gehört hat, wie ich ihn einen häßlichen Menschen und schlechten Spieler genannt habe, was ja, wie ich nicht leugne, ziemlich unbedacht von mir war. Miß Minerva sondierte ihn auf meine Bitte in der Sache, natürlich, um mich zu entschuldigen, aber er that, als ob er nicht verstünde, was sie meinte —— aus welchem Grunde, weiß ich wirklich nicht Du wirst sagen »falsch und rachsüchtig«, und hast vielleicht Recht. Aber das Ernste bei der Sache für mich ist das Benehmen meiner Tante gegen mich, die mich kaum mit größerer Kälte und Strenge behandeln könnte, wenn ich ihren liebsten Wunsch durchkreuzt hätte. In Betreff meiner Erziehung hat sie noch nichts wieder verlauten lassen; wir treffen uns nur bei Tische, wo sie mich wie irgend eine vollständig Fremde empfängt; ihre eisige Höflichkeit ist unerträglich. Und diese Frau ist die Mutter meines geliebten Ovid’s!

Ob ich nun mit meinem Kummer fertig bin? Nein, Teresa, noch nicht. Ach, wie ich wünsche, bei Dir in Italien zu sein!

Du wiederholst in Deinen Briefen beharrlich, daß ich mich täusche, wenn ich Miß Minerva für meine aufrichtige Freundin halte. Aber bedenke doch, bitte —— selbst wenn ich mich irren sollte —— wie verlassen ich hier im Hause stehe! Ich kann ja mit der kleinen Zo spielen; aber mit wem soll ich sprechen, wem mich anvertrauen, wenn Miß Minerva sich als falsch beweisen sollte?

In meinem letzten Briefe wollte ich nicht zugeben, daß solch eine schreckliche Entdeckung möglich sein könnte, und nahm schon den bloßen Gedanken daran als Beleidigung meiner Freundin auf; seitdem —— sieh’, mein Gesicht brennt vor Scham, während ich dies schreibe —— seitdem bin ich in meiner Ansicht ein wenig, ein ganz klein wenig erschüttert, Und soll ich Dir sagen, wie das anfing? Ja; ich will es thun.

Meine liebe alte Freundin, Du hast Deine Vorurtheile, aber Du sagst aufrichtig, was Du meinst —— und wen anders kann ich um Rath fragen? Ovid nicht; nein! Es ist mein einziges Bestreben, zu verhindern, daß er sich um mich ängstige; und außerdem habe ich seine Meinung über Miß Minerva bekämpft und ihn bewogen, freundlicher über sie zu denken. Solltet Ihr beide dennoch Recht gehabt haben, und habe ich allein Unrecht? Du sollst selbst urtheilen.

Die Veränderung in Miß Minerva’s Benehmen gegen mich begann, nachdem ich etwas gethan hatte, das uns gerade noch näher als früher hätte zusammenbringen müssen. Sie erhält von meiner Tante nur ein kärgliches Salair und wurde von geringfügigen Schulden gequält, und als sie mir das gestand, lieh ich ihr bereitwillig das Geld zur Bestreitung ihrer Rechnungen —— eine Kleinigkeit, nur dreißig Pfund. Aber was, glaubst Du, that sie da? Sie zerknitterte die Banknoten in der Hand und verließ in ganz befremdlicher aufgeregter Weise das Zimmer, als ob ich ihr nicht geholfen, sondern sie beleidigt hätte! Den ganzen folgenden Tag ging sie mir aus dem Wege, und als ich am Tage darauf zu ihr auf ihr Zimmer ging und sie fragte, was sie habe, gab sie mir die außerordentliche Antwort: »Ich weiß nicht, wen von uns beiden ich am meisten verabscheue —— mich oder Sie. Mich, weil ich mir von Ihnen Geld´borgte, oder Sie, weil Sie es mir geliehen haben.«

Ich ging wieder fort, nicht beleidigt, sondern nur verwirrt und bekümmert; und erst nach länger als einer Stunde kam sie, um sich zu entschuldigen, wobei sie indeß weiter nichts sagte, als daß sie krank und elend sei. Sie sah aber auch in der That so elend aus, daß ich ihr sofort vergab. Hättest Du das an meiner Stelle nicht auch gethan?

Dies war vor vierzehn Tagen, und gestern stellte sie meine Neigung für sie auf eine noch weit härtere Probe, die ich noch nicht überwunden habe.

Ovid’s Brief enthielt in den freundlichsten Ausdrücken eine Bestellung für sie. Er erinnerte sich, wie er schrieb, mit Dankbarkeit ihres freundlichen Versprechens bei seinem Abschiede; glaubte, daß sie Alles, was in ihren Kräften stände, thun würde, um mein Leben in seiner Abwesenheit glücklich zu machen; und bedauern, daß sie ihn so schnell verlassen, daß er ihr nicht persönlich hätte danken können. Mit Stolz und Freude ging ich selbst zu ihrem Zimmer und las ihr die Stelle vor —— und weißt Du, wie sie mich empfing? Nein, Niemand —— wirklich Niemand kann es errathen.

Sie gerieth, denke Dir, in die größte Wuth, und zwar nicht nur über mich (was ich ihr verziehen haben könnte), sondern auch über Ovid (was vollständig unentschuldbar ist). »Wie kommt er dazu, Ihnen von dem zu schreiben, was ich ihm beim Abschiede sagte?« brach sie los. »Und wie kommen Sie dazu, hierherzukommen, und es mir vorzulesen? Was geht mich Ihr Leben in seiner Abwesenheit an! Was habe ich von seiner Erinnerung und seiner Dankbarkeit!« Dabei sprach sie mit solcher Wuth und Verachtung von ihm, daß es mich zuletzt aufbrachte und ich zu ihr sagte: »Sie abscheuliche Person, es steht Ihnen nur eine Entschuldigung zur Seite —— Sie sind toll!« Damit verließ ich das Zimmer —— und ob ich die Thür schlug! Seitdem haben wir uns nicht wieder gesehen. Nun sage mir Deine Ansicht, Teresa. Ich war in Leidenschaft, als ich ihr das sagte; aber hatte ich denn ganz Unrecht? Glaubst Du wirklich, daß die Arme bei Sinnen ist?

Beim Ueberlesen Deines Briefes sehe ich, daß Du wissen willst, ob ich irgend welche neuen Bekanntschaften gemacht habe.

Höre also: Ich bin mit einer der holdseligsten Frauen bekannt geworden, die ich bis jetzt getroffen habe. Und wer, glaubst Du, ist das wohl? Meine andere Tante, Mrs. Gallilee’s jüngere Schwester, Lady Northlake! Sie soll nicht so schön gewesen sein, wie Mrs. Gallilee, als beide jung waren; ich kann aber nur erklären, daß ein solcher Vergleich jetzt gar nicht mehr möglich ist. Lady Northlake hat so etwas Reizendes, in Blick, Stimme und Benehmen, das ich Dir gar nicht beschreiben kann. Papa sagte früher, daß sie liebenswürdig und schwach wäre, sich von ihrem Gatten leiten ließe und leicht beeinflußt würde. Ich bin nicht klug genug, um wie er Charaktere zu beurtheilen, und vielleicht bin ich auch schwach und leicht zu beeinflussen; ehe ich aber noch zehn Minuten in Lady Northlake? Gesellschaft gewesen war, hätte ich Alles, was ich in der Welt besitze, darum gegeben, wenn sie meine Vormünderin geworden wäre.

Sie war gekommen, um Abschied zu nehmen, da sie London verläßt, und da meine Tante nicht zu Hause war, unterhielten wir uns lange auf’s Entzückendste. Sie lud mich so freundlich ein, sie in Schottland zu besuchen und Lord Northlake kennen zu lernen, daß ich mit Freuden die Einladung annahm.

Und als meine Tante nach Hause kam, vergaß ich ganz, daß wir nicht auf gutem Fuße mit einander standen, und berichtete ihr enthusiastisch Alles, was zwischen ihrer Schwester und mir vorgegangen war. Und wie, glaubst Du, begegnete sie meiner Annäherung? Sie weigerte sich, mich nach Schottland reisen zu lassen, und als ich sie, nachdem ich meine Enttäuschung einigermaßen überwunden, fragte weshalb, antwortete sie: »Ich bin Deine Vormünderin und handle nach meinem Dafürhalten. Ich halte es für besser, daß Du bei mir bleibst.« Ich sagte weiter nichts, aber die Härte meiner Tante rief mir die Güte meines seligen Vaters zurück und ich mußte Alles aufbieten, um nicht zu weinen.

Bei späterer Ueberlegung nahm ich an, daß sie mich mit auf’s Land nehmen wolle, da jetzt die Saison ist, wo Jeder die Stadt verläßt, und das hatte auch Mr. Gallilee geglaubt, der immer gut gegen mich ist, und mir schon Segelfahrten an der Küste versprochen; aber zu Jedermanns Erstaunen hat sie noch nicht die Absicht bekundet, London zu verlassen, so daß selbst die Dienerschaft fragt, was das zu bedeuten habe.

Da hast Du einen ganzen Brief voll Klagen, der vielleicht Deine Sorgen vermehren könnte, anstatt sie zu erleichtern. Aber, liebe alte Teresa, Du brauchst nicht ängstlich zu sein. Im schlimmsten Falle brauche ich bei meinen kleinen Bekümmernissen nur an Ovid zu denken —— und das Eis seiner Mutter schmilzt sofort von mir ab und ich fühle mich tapfer genug, Alles zu ertragen.

Empfange die beste Liebe —— nein, die zweitbeste! —— und gieb Deinem armen leidenden Manne etwas davon ab. Darf ich Dich wohl um eine kleine Gefälligkeit bitten? Der Engländer, der jetzt in unserem Hause in Rom wohnt, wird nichts dagegen haben, wenn Du Dir einige Blumen aus meinem früheren Garten holst. Schicke mir doch ein Paar in Deinem nächsten Briefe.«


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