Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXVI
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Herz und Wissen



Capitel XXVI.

Am zwölften August hörte Carmina wieder was von Ovid. Er schrieb von Montreal aus und schilderte die Ueberreichung jenes Empfehlungsschreibens, das er einst beinahe zerrissen hätte. Die damals so harmlos scheinenden Folgen dieser Ueberreichung sollten auf das Schicksal Ovid’s, Carmina’s und Benjulia’s von ernstlichem Einflusse sein.

Ovid’s Brief lautete:

»Ich möchte wissen, mein Lieb, ob es wohl einen zweiten Mann auf der Welt giebt, der seinem Lieblinge so von Herzen gut ist wie ich Dir; und sollte es noch einen solchen geben und derselbe durch widrige Umstände gezwungen sein zu reisen, so möchte ich ihn fragen, ob er wohl stets und ständig daran denkt, was er seinem Schatze vor der Trennung noch Alles hätte sagen sollen, aber vergessen hat zu sagen.

So liegt die Sache bei mir und davon will ich Dir ein Beispiel geben.

Ich habe hier einen Freund gefunden, einen Mr. Morphew, der neulich so freundlich war, mich zu einer musikalischen Abendunterhaltung in seinem Hause einzuladen. Er ist Arzt und amüsiert sich in seinen Mußestunden mit einer jener großen und traurigen Gattung von Streichinstrumenten, die man Violin-Cello nennt. Mit dem Beistande von Freunden kühlt er in der heißen Jahreszeit seine Gäste in gastfreundschaftlicher Weise durch die Vorträge eines Dilettantenquartetts ab. Ich habe bei ihm einen entzückenden Abend verbracht. Wenn Du aber glaubst, ich hätte der Musik gelauscht, so sage ich Dir, daß ich auch nicht eine einzige Note davon gehört, sondern nur an Dich gedacht habe.

Ob ich Dich wohl neugierig gemacht habe? Es ist mir, als ob ich Deine Augen sich erhellen sähe und Dich mich auffordern hörte fortzufahren!

Es fiel mir ein, daß Du eine so große Freundin von Musik bist, woran ich vor meiner Abreise hätte denken sollen, denn dann hätte ich Dir sagen können, daß der Unternehmer der Herbstconcerte in der Oper ein alter Freund von mir ist. Derselbe wird Dir aber von jetzt ab mit Freuden jeden Abend, wenn sein Programm Dich anzieht, eine Loge zur Verfügung stellen, denn ich habe meine Vergeßlichkeit dadurch gut gemacht, daß ich mit dieser Post an ihn geschrieben.«

Miß Minerva wird Deine Gesellschafterin im Theater sein, und wenn Mr. Frank (der jedenfalls auf der Liste der Freibillets steht) Dir in Deiner Loge einen Besuch abstattet, so sage ihm von mir, er möge sich eine Perücke über die Glatze decken, vielleicht gäbe ihm Das das Aussehen eines Ehrenmannes!

Habe ich auch vergessen, Dir zu sagen, welcher Schatz Du mir bist? wie schön ich Dich finde? wie vollständig werthlos mein Leben ohne Dich wäre? Vielleicht habe ich es Dir gesagt; aber ich sage es Dir nochmals Solltest Du jedoch der Wiederholung müde sein, so brauchst Du mich das nur wissen zu lassen.

Du fragst jedenfalls, ob ich Dir denn sonst nichts zu erzählen habe, keine Reiseabenteuer. Du willst ja Alles wissen, was mir widerfährt, und Du sollst jetzt wie nach der Hochzeit Deinen Willen haben. Meine süße Carmina, ja, Dein ergebener Sclave hat noch etwas Ernstlicheres zu berichten als gewöhnliche Reiseabenteuer —— hat Dir ein Geständniß zu machen. Damit ich mich kurz fasse —— ich habe hier in Montreal wieder praktiziert!

Vielleicht vergibst Du mir, wenn ich Dir die näheren Umstände mittheile. Es ist eine traurige Geschichte, aber ich bin so eitel, zu glauben, daß mein Antheil an derselben Dich interessieren wird. Ich bin ja seit dem schönsten aller Tage, an dem Du mir zuerst gestandest, daß Du mich liebtest, ein eitler Mann geworden.

Ich erwähnte vorhin Mr. Morphew als einen neuen Freund von mir in Canada. Bekannt bin ich mit demselben geworden durch ein Empfehlungsschreiben, das mir Benjulia mitgegeben hatte.

Sprich aber über das, was ich Dir jetzt sage, mit Niemandem, vor allen Dingen nicht mit Benjulia, wenn Du denselben sehen solltest, was ich aufrichtig nicht hoffe. Er ist ein hartherziger Mann, und wenn er erführe, was für ein Resultat es gehabt hat, daß er mir die Thür seines Freundes geöffnet hat, möchte er vielleicht etwas sagen, was Dich empören könnte.

Mr. Morphew ist ein würdiger, geschäftiger alter Herr, der seiner Berufsroutine folgt und dessen ärztliche Praxis hauptsächlich darin besteht, jungen Kanadiern in die Welt zu helfen. Als ich ihn kennen lernte, war zufällig besondere Nachfrage nach seinen Diensten, und als ich an dem Tage nach der musikalischen Gesellschaft bei ihm dinierte, wurde er sogar von Tische weggeholt. Da ich der einzige Gast war, so fiel es seiner Gattin anheim, mich zu unterhalten.

Die gute Dame fing denn auch an von Benjulia zu sprechen, den sie rundweg für einen Flegel erklärte. Um dies zu beweisen, zeigte sie mir das Empfehlungsschreiben, das der Doctor damals eigenhändig geschlossen hatte, ehe er es mir übergab. Du möchtest den Inhalt jedenfalls auch gern wissen, deshalb gebe ich Dir hier eine Abschrift: »Ueberbringer dieses ist ein überarbeiteter Doctor, Namens Ovid Vere, der Ruhe und gute Luft braucht. Ermuthigen Sie ihn nicht, sein Gehirn anzustrengen, und schicken Sie ihn auf dem kürzesten Wege in die größte Wüste Canada’s.«

Du wirst hieraus ersehen, daß ich die gastfreundliche Aufnahme, die mich hier in Montreal zurückgehalten hat, mir selbst zu verdanken habe. Doch zurück zu meiner Geschichte. Zehn Minuten nach Mr. Morphew’s Fortgang wurden seine Dienste wieder verlangt, und zwar diesmal für einen Mann, der, wie der Bote erklärte, im Sterben läge.

Mrs. Morphew war in Verlegenheit, was sie thun sollte. »Im vorliegenden Falle«, sagte sie »ist der Tod eine Gnade; aber es ist mir schrecklich, an die Verlassenheit des Armen zu denken, der in seinen letzten Augenblicken kein lebendes Wesen an seinem Sterbelager haben wird.«

Das veranlaßte mich, mich näher nach dem Patienten zu erkundigen, und die Antworten gaben mir ein, so trostloses Bild von Armuth und Leiden und erinnerten mich so lebhaft an einen ähnlichen Fall, den ich selbst erlebt hatte, daß ich vergaß, wie krank ich selbst war, und mich erbot, an Morphew’s Stelle zu dem Sterbenden zu gehen.

Der Bote führte mich zu dem elendsten Hause in dem ärmsten Quartiere der Stadt, wo der Mann in einer Bodenkammer auf einer Matratze auf dem Boden lag. Ich will Dir seine Krankheit nicht beschreiben, sondern nur sagen, daß jeder andere Mensch außer einem Doctor sofort wieder aus dem Zimmer gestürzt wäre. Ihn zu retten war unmöglich; ich konnte ihm nur noch für einige Tage die Schmerzen lindern, und wenn es soweit wäre, den Tod leicht machen.

Bei meinem nächsten Besuche war er im Stande zu sprechen, und ich entdeckte nun, daß er ein Mitglied meines Berufes war, ein Mulatte von Geburt aus den südlichen Staaten Amerikas dessen einzige verhängnißvolle That im Leben seine Heirath gewesen war. Das Empörendste das nur ein schlechtes Weib begehen kann, hatte seine Frau begangen, und doch hing er noch mit wahnsinniger Liebe an ihr. Schande und Ruin hatte sie über ihn gebracht und er hatte ihr nicht einmal, sondern wieder und wieder vergeben, und das unter Umständen die ihn in seiner eigenen Achtung und der seiner besten Freunde herabwürdigten. Als sie ihn das letzte Mal verlassen hatte, war er ihr nach Montreal gefolgt, wo sie ihn endlich in einem Anfalle trunkenen Wahnsinns durch Selbstmord von ihr befreit hatte. Aber ihr Tod hatte seinen, Verstand angegriffen, und als er wieder aus dem Irrenhause entlassen wurde, gab er seine letzten Ersparnisse dafür hin, ihr ein Denkmal auf’s Grab setzen zu lassen, und pilgerte täglich nach dem Kirchhofe, bis seine Kräfte nicht mehr dazu ausreichten. Und jetzt, da der Schatten des Todes sich immer finsterer um ihn zog, war das Einzige, was ihn sich noch an das Leben klammern ließ, weshalb er mich beschwor, ihn zu heilen, das Andenken an seine Frau, um deren Grab, wie er sagte, sich nach seinem Tode Niemand kümmern würde.

O mein Lieb, ich habe immer zärtlich Dein gedacht, aber nachdem ich diese unselige Geschichte gehört, strömte mein Herz über von Dankbarkeit gegen Gott, daß er Dich mir geschenkt.

Gestern starb er, und seine letzten Worte waren die Bitte, ihn zu derjenigen, die ihn entehrt hatte, in dasselbe Grab zu bestatten. Habe ich ihn zu richten? Doch selbst dann würde ich seine letzten Wünsche als ein Dankopfer für Dich erfüllen.

Ich muß Dir noch etwas sagen. Am Tage vor seinem Tode bat er mich, eine alte Reisetasche zu öffnen, welche buchstäblich das Einzige war, das er noch besaß; denn er hatte weder Geld noch Kleider. In einer Ecke dieser Tasche steckte eine mit einem Bindfaden zusammengebundene Rolle Papier —— weiter war nichts darin.

»Nehmen Sie mein Buch«, sagte er; »diesen einzigen Entgelt kann ich Ihnen geben«.

Er war zu schwach, um mir zu sagen, worüber das Manuscript handelte, oder irgend welchen Wunsch in Betreff der Veröffentlichung desselben auszudrücken; und ich muß zu meiner Beschämung bekennen, daß ich durchaus keinen Werth darauf legte, sondern es einfach als eine Erinnerung an ein trauriges Erlebniß mitnahm. Da ich heute Morgen ziemlich früh erwachte, so sah ich mir mein Geschenk zum ersten Male an und fand mich zu meinem Erstaunen für das Wenige, was ich hatte thun können, hundertfältig belohnt. Dieser Unglückliche muß Gaben besessen haben, die ihn, wie ich keinen Anstand nehme zu bekennen, unter günstigen Verhältnissen einen Platz unter den größten Aerzten unserer Zeit verschafft haben würden. Sein Ausdruck ist dunkel und manchmal grammatisch uncorrect, aber er, und er allein, hat ein Problem in der Behandlung der Gehirnkrankheiten gelöst, an dem bis jetzt die Aerzte der ganzen civilisirten Welt verzweifelten.

Wenn mir Jemand über die Schulter sähe, er würde sagen: »Dieser sonderbare Liebhaber schreibt an seine Auserwählte, als ob dieselbe sein College wäre!« Aber wir verstehen uns, Carmina, nicht wahr? Meine künftige Carriere ist für meine künftige Frau ein Gegenstand, der sie interessiert, und da die Dankbarkeit dieses Armen mir neue Aussichten eröffnet hat, wer sollte davon so gern hören wie Du? Nun muß ich Dir noch ein Wort über mein Befinden schreiben. Manchmal fühle ich mich so wohl, daß ich sofort auf dem nächsten Schiffe, das nach Liverpool absegelt, eine Cajüte bestellen könnte. Dann aber kommen wieder Zeiten, die mich zur Vorsicht und Geduld wohnen, besonders wenn ich mich mit Gehen oder Reiten übernommen habe. Meine nächste Reise wird mich landeinwärts in die gewaltigen Ebenen und Wälder dieses großen Landes führen, und wenn ich deren heilsame Luft geathmet habe, werde ich Dir endgültig den glücklichen Tag schreiben können, der uns wieder vereinen wird.

Meine Mutter hat wohl schon ihre gewöhnliche conversazione beim Schluß der Saison gegeben. Laß mich doch wissen, wie Dir die wissenschaftlichen Größen ihrer Gesellschaft gefallen, und laß mich Dir einen nützlichen Wink geben. Wenn Dir in Gesellschaft ein besonders entschiedener Mann begegnet, der aussieht, als ob er einem Photographen säße, so kannst Du als sicher annehmen, daß es ein Professor ist.

Ich hoffe aufrichtig, daß Du und meine Mutter gut zusammen auskommt. Ihr sagt Beide in Euren Briefen an mich zu wenig von einander, und es beunruhigen mich manchmal böse Ahnungen. Noch eins setzt mich bei unserer Correspondenz in Verwunderung: daß Miß Minerva mir nie einen Gruß zurückschickt, trotzdem ich sie immer grüßen lasse. Vergißt Du es? oder bin ich Deiner Freundin vollständig gleichgültig?

Die letzte Nachricht von Euch allen ist von Zo, die mir in einem der Couverts, die ich ihr beim Abschiede adressiert habe, einen Brief geschickt hat, über dessen Kleckse und Orthographie Miß Minerva die Haare zu Berge stehen würden. Ihr Bericht über den Familienkreis wird Dich jedenfalls persönlich interessieren. Hier hast Du ihn in seiner römischen Kürze: »Wenn Papa und Carmina nicht hier wären, wäre es zu Hause gar nicht auszuhalten.« Hiernach kann ich nichts mehr schreiben, das des Lesens Werth wäre.

Nimm die Küsse, mein Engel, die ich Die auf dem leeren Stücke unten sende, und liebe mich so, wie ich Dich liebe. Mögen diese Worte gewöhnlich klingen, Carmina, es liegt eine Welt von Bedeutung darin. O, könnte ich statt des Briefes mit dem Postdampfer zu Dir eilen!«


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