Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXVII
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Herz und Wissen



Capitel XXVII.

Carmina’s nächster Brief aber enthielt keine Antworten auf Ovid's Fragen. Sie wollte ihm nicht sagen, was bei der conversazione vorgefallen war, und konnte es nicht über sich gewinnen, ihm von seiner Mutter zu schreiben; dagegen zeigte ihr nächster Brief an ihre alte Freundin in Italien ihre Stellung in Mrs Gallilee's Hause —— die von Tag zu Tag unerträglicher wurde und immer offener auf künftige Verwickelungen und Gefahren hindeutete —— in ihrem wahren Lichte.

»Wenn Du mich liebst«, so schrieb sie, »dann vergiß, in welch unhumaner Weise ich von Miß Minerva gesprochen habe!

Nachdem ich den Brief abgesandt, hätte ich ihn gern zurückgefordert, wenn das angegangen wäre, denn ich begann noch denselben Abend mich über das, was ich im Aerger gesagt hatte, beschämt zu fühlen ja als die Stunden hingingen und es bald Bettgehenszeit war, wurde ich so unglücklich, daß ich noch einmal zu ihr ging auf die Gefahr hin, wiederum barsch aufgenommen zu werden. Es war ein günstiger Umstand für mich, daß auch sie allem Anschein nach in reuiger Stimmung war; denn als sie mich nach meinem Begehren fragte, lag in ihrer Stimme etwas, das mich auf den Gedanken brachte, daß sie geweint hätte —— obgleich sie ganz gewiß nicht so aussieht, als ob sie sich einer solchen Schwäche schuldig machen könnte.

Ich gab meinem Bedauern so gut als ich konnte Ausdruck, kann mich aber nicht mehr erinnern, was ich eigentlich sagte. War ich doch erschreckt und überwältigt —— und in der Stimmung bin ich immer einfältig. So ungeschickt mein Versöhnungsversuch aber auch gewesen sein mag, sie muß jedenfalls gesehen haben, daß ich nicht die Absicht hatte, sie zu mystifizieren und zu bekümmern; und doch kann sie, nach ihren Handlungen und Worten zu urtheilen, nichts Anderes angenommen haben, denn sie nahm plötzlich ihren Nachtleuchter der hinter mir auf dem Tische stand, hielt mir denselben vor’s Gesicht und sah mich an, als ob ich ein Monstrum wäre, von dem sie nie etwas gehört oder gesehen hätte! »Sie sind wenig besser als ein Kind«, sagte sie dabei; »ich besitze zehnmal Ihre Willenskraft —— was haben Sie denn an sich, dem ich nicht widerstehen kann? Gehen Sie fort von mir! Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich bin falsch —— argwöhnisch —— grausam. Haben Sie Einfalt denn keinen Instinct, der Sie schützt, der Ihnen räth, mich zu meiden?«

Dann setzte sie den Leuchter wieder hin und brach in ein abscheuliches höhnisches Lachen aus. »Da steht sie«, rief sie, »und sieht mich an wie ein Kind, das etwas Neues sieht. Ich vermag sie nicht zu erschrecken, sie nicht anzuekeln. Was heißt das?« Dann sank sie in einen Stuhl, und ihre Stimme klang fast wie ein Flüstern, so daß ich geglaubt haben würde, sie fürchte sich vor mir, wenn so etwas möglich gewesen wäre.

»Was wissen Sie von mir, das ich selbst nicht weiß?« fragte sie.

Ganz außer Stande, sie zu verstehen, nahm ich einen Stuhl, setzte mich zu ihr und antwortete: »Ich weiß nur, was Sie mir gestern sagten«.

»Und was war das?«

»Sie sagten mir, daß Sie elend seien«.

»Dann log ich! Glauben Sie, was sich Ihnen heute gesagt habe —— in Ihrem eigenen Interesse glauben Sie es!«

»Dazu würde mich nichts bewegen«, antwortete ich. »Nein, Sie waren gestern elend und sind es heute noch. Das ist die Wahrheit! Es lastet etwas auf Ihrem Gemüthe«, fuhr ich fort, ohne jetzt zu wissen, wie ich zu dieser Kühnheit kam. »Wenn ich Sie nicht davon befreien kann, so kann ich es Ihnen doch wenigstens tragen helfen. Kommen Sie! sagen Sie mir, was es ist!«

Aber ich wartete vergeblich auf Antwort —— sie sah mich nicht an.

»Lieben Sie?« fragte ich.

Da aber sprang sie so plötzlich und so Ungestüm von ihrem Stuhle auf, daß sie denselben zu Boden warf; dennoch kam kein Wort über ihre Lippen. Ich hatte Muth genug fortzufahren, wenn ich sie auch nicht mehr anzusehen wagte:

»Ich liebe Ovid und er liebt mich wieder; das ist mein Trost in allen Widerwärtigkeiten. Sind Sie nicht so glücklich? Lieben Sie Jemanden, der Ihre Liebe nicht erwidert?«

Mir den Rücken zuwendend, ging sie zu ihrer Toilette, und ich glaube, sie sah in den Spiegel: dann endlich sagte sie: »Nun, was sonst noch?«

»Sonst nichts«, antwortete ich —— »ausgenommen, daß ich hoffe, Sie nicht verletzt zu haben.«

So plötzlich wie sie zum Spiegel gegangen war, kam sie wieder zurück, nahm wieder das Licht und leuchtete mir wieder in’s Gesicht.

»Rathen Sie, was es ist«, sagte sie dabei. »Wie kann ich das?« fragte ich zurück.

Dann stellte sie das Licht ruhig wieder hin und schien, seltsam genug, erleichtert zu sein, denn sie sprach jetzt in ganz veränderter sanfter, trauriger Stimme:

»Sie sind das beste Mädchen von der Welt und meinen es gut, aber das nützt nichts —— Sie können nichts dabei thun. Vergeben Sie mir meine gestrige Anmaßung; der Neid über Ihre glückliche Verlobung hatte mich wahnsinnig gemacht. Sie verstehen eine Natur wie die meinige nicht» Um so« besser! Ja, ja, um so besser! Gute Nacht.«

Es lag in diesen Worten eine solche hoffnungslose Ergebung und Selbstentäußerung, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, sie zu verlassen. Ich dachte daran, wie ich mich betragen haben, was für heftigen Ausbrüchen ich mich überlassen haben würde, wenn sich Ovid nichts aus mir gemacht hätte, und Alles, was mich in ihrem Betragen verwirrt und geärgert hatte, war jetzt erklärt! Da fiel mir ein, daß ich Deinen letzten Brief mit den Zeilen von unserem alten Priester bei mir hatte. Ich nahm denselben aus der Tasche und fragte, ihr den Brief Pater Patrizio’s hinhaltend:

»Würden Sie wohl einen kurzen Brief lesen, ehe wir einander gute Nacht sagen?«

Mit einem finsteren Blick zog sie sich zurück, als ob sie Argwohn empfände, und fragte scharf: »Wer ist der Schreiber?«

»Jemand, der Ihnen ein Fremder ist.«

Sofort klärte sich ihr Gesicht wieder auf, sie nahm den Brief, und wartete, was ich noch weiter zu sagen hätte. »Der Schreibens sagte ich, »ist ein guter alter Weiser, der Priester, der meine Eltern getraut und mich getauft hat und an den wir Alle uns stets gewandt haben, wenn wir eines Rathes bedurften. Meine Amme Teresa war wegen Ovid’s Abwesenheit um mich besorgt und sprach mit Pater Patrizio von meinem Exile in diesem Hause —— entschuldigen Sie das Wort! —— und von ihrer Besorgniß. Derselbe wollte erst überlegen, ehe er eine Ansicht ausspräche, und schickte ihr am andern Tage diesen Brief.«

Hier stockte ich plötzlich, da ich nicht wußte, wie ich das, was ich noch zu sagen hatte, mit der nöthigen Delicatesse ausdrücken sollte.

»Warum wünschen Sie, daß ich den Brief lese«, fragte sie ruhig.

»Ich glaube, sein Inhalt möchte ——« Und wieder stockte ich wie ein albernes Kind; aber sie blieb geduldig und gab mir nur ein Zeichen fortzufahren.

»Ich glaube, derselbe möchte Sie in eine bessere Stimmung versetzen«, sagte ich dann; »und Sie davor bewahren, sich selbst zu verachten.«

Sie ging zu ihrem Stuhle zurück und las den Brief. Da Du mir erlaubt hast, die tröstenden Worte des guten Paters Patrizio unter meinen anderen Schätzen zu behalten, so schreibe ich hier den Brief für Dich ab, damit Du ihn nochmals lesen und sehen kannst, was ich meinte, und damit Du verstehen kannst, wie er Miß Minerva berührte.

»Teresa, meine liebe Freundin, ich habe über Eure Besorgnisse nachgedacht und will mein Möglichstes thun, Euer Gemüth zu beruhigen Ich habe vierzig Jahre hindurch der Pflichten des Priesteramtes gewaltet, und es sind mir in dieser langen Zeit die innersten Geheimnisse von Tausenden beiderlei Geschlechts anvertraut worden. Aus diesem Material habe ich viele nützliche Schlüsse gezogen, von denen einige auch Euch nützlich sein mögen. Ich will das, was ich zu sagen habe, kurz in wenige Worte zusammenfassen: überlegt sie sorgfältig. Während bei dem Manne die Entwicklung der besseren Natur durch viele Einflüsse vollendet wird, vollzieht sich dieselbe bei der Frau durch einen einzigen Einfluß durch die Liebe. Ueberrascht es Euch, das von einem Priester zu hören? Erwartetet Ihr, daß ich sagen sollte durch Religion? Liebe Schwester, bei den Frauen ist Liebe Religion; sie öffnet ihnen die Herzen zu Allem, was gut ist, und handelt unabhängig von den Bedingungen menschlichen Glückes. Eine unglückliche, ohne Hoffnung liebende Frau ist durch diese Liebe doch um so besser und edler, und es wird sicherlich eine Zeit kommen, wo sie das zeigen wird. Ihr sorgt Euch um Carmina, weil sie hineingeworfen sei unter Fremde mit harten Herzen. Ich sage Euch, habt keine Furcht Sie mag leiden unter Prüfungen und mag denselben erliegen; aber die Kraft, sich wieder zu erheben, ist in ihr —— und diese Kraft ist die Liebe.«

Zweimal las Miß Minerva den Brief und wiederholte dann einen Theil desselben für sich.

»Giebt er Ihnen Muth?« fragte ich.

Sie händigte ihn mir wieder ein und sagte: »Ich habe einen Satz daraus auswendig gelernt.«

Ich brauche Dir nicht zu sagen, welcher Satz das ist. Als ich die Veränderung zum Besseren in ihr sah, fühlte ich mich so erleichtert und war in der Ueberzeugung, daß wir wieder gute Freunde wären, so glücklich, daß ich mich beim Gutenachtsagen zu ihr beugte, um sie zu küssen.

Daran hinderte sie mich aber. »Nein«, sagte sie, »nicht eher, als bis ich etwas gethan habe, um es zu verdienen. Sie bedürfen der Hilfe mehr, als Sie denken. Bleiben Sie noch etwas länger; ich muß mit Ihnen über Ihre Tante sprechen.«

Etwas beunruhigt setzte ich mich wieder; ihre Augen ruhten abwesend auf mir; sie schien zu überlegen, und ich wollte sie nicht in ihren Gedanken stören. Der Abend war still und finster; kein Ton von draußen schlug an unser Ohr, bis die Stille im Hause durch eine leise, rauschende Bewegung aus der Treppe unterbrochen wurde. Das Geräusch kam näher und plötzlich wurde die Thür geöffnet und Mrs. Gallilee trat in das Zimmer.

Ich weiß nicht, von was für einer Thorheit ich besessen, warum ich eigentlich erschrocken war —— genug, ich konnte nicht anders und schrie auf. Ohne die geringste Notiz von Miß Minerva zu nehmen, kam meine Tante direct auf mich zu und fragte: »Was thust Du hier, anstatt im Bett zu sein?«

Dies sprach sie in so befehlender Weise, mit solcher Anmaßung und Verachtung daß ich sie voll Erstaunen ansah. Es schien irgend ein Argwohn in ihr aufgestiegen zu sein, als sie mich bei Miß Minerva fand.

»Die Klatscherei ist aus!«» rief sie streng. »Hörst Du nicht? Geh’ zu Bett!«

Hätte das nicht Jeden aufgebracht? Ich fühlte, wie mir die Zornröthe in’s Gesicht stieg. »Bin ich ein Kind, oder ein Domestike?« fragte ich. »Ich gehe früh oder spät zu Bett, wie es mir gefällt.«

Jetzt that sie noch einen Schritt vorwärts, ergriff mich am Arme und zog mich mit Gewalt vom Stuhle in die Höhe. Denk’ Dir, Teresa, in meinem ganzen Leben hat man mich nie anders als freundlich berührt; das weiß Niemand besser als Du! Ich versuchte vergeblich zu sprechen —— sah Miß Minerva aufstehen, um sich in’s Mittel zu legen, und hörte sie sagen: »Mrs. Gallilee, Sie vergessen sich!« Wie ich aus dem Zimmer ging, weiß ich nicht; draußen erschütterte mich ein schrecklicher Anfall von Zittern; ich sank auf der Treppe hin und glaubte anfangs, ich würde ohnmächtig werden; doch nein, ich behielt meine Sinne, und konnte ihre Stimmen vom Zimmer her hören.

»Sie meinten, daß ich mich vergessen hätte?« fragte Mrs. Gallilee.

»Gewiß, Madame«, antwortete Miß Minerva; »Sie hatten sich vergessen.«

Die nächsten Worte konnte ich nicht verstehen; dann wurden sie wieder lauter und ich hörte meine Tante sagen:

»Ich bin mit Ihrem Benehmen gegen mich durchaus nicht zufrieden, Miß Minerva. Es hat sich in letzter Zeit sehr zum Schlimmen verändert.«

»In welcher Hinsicht Mrs. Gallilee?«

»In der Hinsicht, daß Ihre Sprechweise gegen mich eine Gleichstellung bekundet ——«

»Halten Sie einen Augenblick inne, Madame! Ich bin nicht so reich wie Sie, wüßte aber nicht, in welcher Beziehung ich sonst nicht Ihresgleichen wäre. Bekundeten Sie vielleicht Ihre Ueberlegenheit dadurch, daß Sie ohne anzuklopfen in mein Zimmer traten?«

»Miß Minerva! wünschen Sie in meinen Diensten zu bleiben?«

»Sagen Sie, bitte, Beschäftigung, Mrs. Gallilee. Es ist mir ganz gleichgültig; ich kann ganz nach Ihrem Belieben gehen oder bleiben?«

Dann klang die Stimme meiner Tante näher, als ob sie auf die Thür zuginge. »Als ich Sie engagierte«, sagte sie, »machten wir jawohl monatliche Kündigung für beide Theile ab?«

»Ja —— auf meinen Wunsch.«

»Dann kündige ich Ihnen hiermit.«

»Auf morgen über einen Monat?«

»Natürlich!«

Dann kam meine Tante heraus und fand mich auf der Treppe, von welcher ich mich zu erheben versuchte. Aber es ging nicht; der Kopf schwindelte mir. Trotzdem sie aber sehen mußte, daß ich vor Schwäche niedergesunken war, beschuldigte mich die Grausame, ohne auf meinen Zustand Rücksicht zu nehmen, des Horchens.

»Sehen Sie denn nicht, daß das arme Kind krank ist?« ertönte da Miß Minerva? Stimme, und als ich mich, immer schwächer werdend, nach derselben umsah, beugte sie sich über mich und ich fühlte ihre starken, sehnigen Arme um mich und mich sanft erhoben. »Ich werde für Sie sorgen«, flüsterte sie und trug mich so leicht, als ob ich ein Kind gewesen wäre, die Treppe hinab in mein Zimmer.

Ich muß ausruhen, Teresa. Die Erinnerung an jenen schrecklichen Abend ruft mir Alles wieder zurück. Aengstige Dich nicht um mich; Du sollst morgen mehr hören.«


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