Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXIX
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Herz und Wissen



Capitel XXIX.

Die letzten Zeilen Carmina’s an ihre alte Amme waren am siebzehnten August geschrieben und noch am selben Abend zur Post gegeben. Der folgende Tag sollte für Carmina und ihre Tante denkwürdig sein, und auch Doktor Benjulia hatte Gründe, sich desselben zu erinnern.

Mrs. Gallilee hatte über dem Brüten nach Mitteln und Wegen, wie sie das Vertrauen zwischen Ovid und ihrer Nichte untergraben könnte, eine schlaflose Nacht verbracht und ließ am Morgen ihr Mädchen das zur gewöhnlichen Zeit bei ihr erschien, wieder gehen, mit der Anweisung, nicht eher wiederzukommen, bis sie klingeln würde. Sie pflegte sonst zeitig aufzustehen, um die bei der ersten Austragung ankommenden Briefe in Empfang zu nehmen und eigenhändig zu sortieren, ehe sie dieselben durch den Diener an die betreffenden Mitglieder des Haushaltes austeilen ließ. An diesem Morgen schlief sie aus reiner Erschöpfung noch ein wenig, und als sie zwei Stunden später als gewöhnlich das leere Frühstückszimmer betrat, fand sie nur Briefe an sie selbst vor. Sie klingelte sofort nach dem Mädchen.

»Waren noch andere Briefe da?« fragte sie dasselbe.

»Zwei für den Herrn.«

»Weiter keine?«

»Nein, gnädige Frau —— mit Ausnahme einer Depesche an Miß Carmina.«

»Wann kam dieselbe an?«

»Bald nach den Briefen.«

»Hast Du dieselbe meiner Nichte gebracht?«

»Ja, da es eine Depesche war, glaubte ich, ich müßte sie sofort zu Miß Carmina bringen.«

»Schön. Du kannst gehen.«

Während sie darüber nachsann, mit wem Carmina eine Correspondenz unterhalten könnte und was für Sachen von Wichtigkeit da vorliegen möchten, die nicht auf dem gewöhnlichen Wege des Briefwechsels abgemacht werden könnten, schenkte sie sich eine Tasse Thee ein und sah ihre Briefe an, von denen in ihrer momentanen Stimmung nur einer ihre Aufmerksamkeit besonders erregte. Derselbe war von Benjulia, welcher sich wie gewöhnlich über die gewohnte Form der Adresse hinwegsetzte und lautete:

»Ich habe von einem meiner Freunde in Canada einen Brief über Ovid bekommen. Derselbe enthält eine Anspielung von der höflichen Art auf ihn, die ich durchaus nicht verstehe und um die ich Sie fragen möchte. Ich habe aber keine Zeit zum Visite machen übrig, da ich mit meinen Experimenten gerade auf einem zu kritischen Punkte bin, um jetzt davon fortzugehen. Sie haben einen Wagen und Ihre vornehmen Bekannten sind außerhalb. Wenn Sie also eine Ausfahrt machen wollen, dann kommen Sie zu mir und bringen Sie Ihren letzten Brief von Ovid mit.«

Mrs. Gallilee entschied sich dafür, diesen charakteristischen Vorschlag erst später in Ueberlegung zu ziehen; ein wichtigeres Interesse führte sie nach oben zu dem Zimmer ihrer Nichte.

Carmina war ausgestanden und lag in ihrem weißen Morgenrocke auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Bei dem Eintritte ihrer Tante fuhr sie auf und schauderte zusammen, welche Zeichen nervöser Abneigung Mrs. Gallilee aber entgingen, da deren Aufmerksamkeit sofort durch einen Reisesack in Anspruch genommen war, der wie zum Gepackt werden geöffnet war. Das Telegramm lag in Carmina’s Schooße; und der Zusammenhang beider, des Reisesacks und des Telegramms, lag, wie Mrs. Gallilee glaubte, auf der Hand. Es war aber gerade das Gegentheil von ihrer Vermuthung der Fall: die Depesche hatte Carmina davon abgehalten, das Haus zu verlassen.

Einige gewöhnliche Fragen: wie Carmina die Nacht verbracht, ob das Mädchen ihr auch das Frühstück besorgt und ob sie irgend etwas für dieselbe thun könne, bereiteten den Weg für die nothwendige Ausforschung Carmina antwortete mit einem Widerwillen, den sie nicht zu verbergen vermochte; aber Mrs. Gallilee ging ohne Bemerkung über diesen kalten Empfang hinweg und zeigte mit gütigem Lächeln auf die Depesche.

»Hoffentlich keine schlechten Nachrichten?«

Schweigend überreichte Carmina ihrer Tante das Papier; die durch die Ankunft der Depesche veränderten Umstände machten ja eine Verheimlichung überflüssig. Ihren Argwohn zurückhaltend, öffnete Mrs. Gallilee die Depesche, welche in Rom von der alten Fremden, Namens »Teresa«, aufgegeben war und die Worte enthielt:

»Mein Mann ist heute Morgen gestorben. Erwarte mich jeden Tag in London?«

»Warum kommt diese Person nach London?« fragte Mrs. Gallilee.

»Das solltest Du doch wissen!« antwortete Carmina scharf, von der insolenten Fassung der Frage verletzt.

»So?« meinte Mrs. Gallilee »Vielleicht gefällt es ihr hier?«

»Im Gegentheil, London ist ihr verhaßt! Du hast sie hier im Hause gehabt und uns zusammen gesehen. Glaubst Du, daß sie jetzt, da sie ihren Mann verloren hat, es aushalten könnte, von der, die sie am meisten auf der Welt liebt, getrennt zu leben?«

»Liebes Kind, auf solche bloße Gefühlssachen verstehe ich mich nicht«, erwiderte Mrs. Gallilee. »Es ist eine kostspielige Reise von Italien nach England. Was war denn ihr Mann?«

»Er war Meister in einer Fabrik für Künstlerfarben, bis er krank wurde.«

»Und dann ging ihm das Geld aus«, schloß Mrs. Gallilee. »Ich verstehe. Hat seine Wittwe eigene Hilfsquellen?«

»Sie hat sich in unserem Dienste etwas erspart. Aber darauf kommt nichts an; meine Börse ist auch die ihrige.«

»Sehr freigebig, das muß ich sagen! Selbst die aller bescheidensten Wohnungen sind hier in der Gegend theuer. Indessen mit Deiner Hilfe mag Deine alte Dienerin ja im Stande sein, irgendwo in der Nähe ein Unterkommen zu finden.«

Nachdem diese Sache erledigt war, wandte sich Mrs. Gallilee wieder dem Hauptgegenstande ihres Argwohns zu, indem sie den Reisesack aufnahm.

Caimina aber sah sie mit der Nachgiebigkeit äußerster Verwirrung an. Teresa war stets ihre Gesellschafterin gewesen und als solche auch mitaufgenommen, als sie zu ihrer Tante kam; daher hatte sie es für ganz natürlich gehalten, daß dieselbe jetzt wieder als Mitglied des Haushaltes angesehen werden würde. Der Gedanke an Teresa hatte sie nur dazu vermocht, sich zu entschließen, bis zu Ovid’s Rückkehr bei dessen Mutter zu bleiben: und jetzt ward ihr in nicht mißzudeutenden Worten mitgetheilt, daß dieselbe sich eine Wohnung für sich suchen müßte, wenn sie nach London zurückkehrte! Ueberraschung, Enttäuschung, Unwillen machten sie sprachlos.

»Dies wird Dir hier nur im Wege sein«, sagte Mrs. Gallilee, den Reisesack aufnehmend; »ich will ihn deshalb mit unseren eigenen Taschen und Koffern auf die Bodenkammer bringen lassen. Uebrigens kommt es mir vor, daß Du —— was bei Deinem Alter ja ganz natürlich ist —— unsere gegenseitige Stellung hier im Hause nicht ganz richtig auffaßt. Die Autorität Deines seligen Vaters, mein Kind, ist auf mich, Deine Vormünderin übergegangen, und ich werde hoffentlich nie genöthigt sein, dieselbe auszuüben —— besonders, wenn Du Dir gütigst zweierlei Vergegenwärtigen wirst. Ich erwarte von Dir, daß Du mich bei der Wahl Deines Umgangs um Rath fragst und erst meine Zustimmung einholst, ehe Du Arrangements triffst, die —— nun, laß mich sagen, die es nöthig machen, den Reisesack ans der Bodenkammer holen zu lassen.«

Ohne auf Antwort zu warten, ging sie auf die Thür zu; blieb aber, nachdem sie dieselbe geöffnet hatte, noch einmal stehen und wandte sich mit der Frage an Carmina.

»Hast Du über das nachgedacht, was ich Dir gestern Abend gesagt habe?«

Empfindlich berührt, nahm Carmina ihre Willenskraft zusammen und antwortete: »Ich habe mein Möglichstes gethan, um es zu vergessen.«

»Auf Miß Minerva’s Anlaß?«

Carmina ließ die Frage unbeachtet.

»Hast Du auf irgend welche Weise mit Miß Minerva verhandelt?« beharrte Mrs. Gallilee; bekam aber wiederum keine Antwort. Sich beherrschend trat sie auf den Flur und rief nach Miß Minerva. Die Gouvernante antwortete von dem obersten Flur.

»Bitte, kommen Sie herunter«, sagte Mrs. Gallilee.

Miß Minerva gehorchte; ihr Gesicht war bleicher als gewöhnlich; die Augen hatten etwas von ihrem durchdringenden Glanze verloren. Draußen vor Carmina’s Thür blieb sie stehen, und Mrs. Gallilee forderte sie aus, einzutreten.

Nach einem Augenblick —— nur einem Augenblick —— des Zögerns überschritt Miß Minerva die Schwelle, warf einen schnellen Blick auf Carmina, senkte aber die Augen wieder, ehe der Blick erwidert werden konnte. Mrs. Gallilee, die kein stummes Zeichen des; Einverständnisses zwischen beiden entdeckte, fragte sie:

»Sind Sie heute Morgen schon hier gewesen?«

»Nein.«

»Hat zwischen Ihnen und meiner Nichte eine Entfremdung stattgefunden?«

»Soviel ich wüßte, nicht, gnädige Frau.«

»Warum sprechen Sie dann nicht mit ihr, wenn Sie in’s Zimmer kommen?«

»Miß Carmina ist krank gewesen. Ich sehe sie auf dem Sofa liegen —— und will sie nicht stören.«

»Auch nicht durch einen Guten Morgen?«

»Auch nicht dadurch!«

»Sie sind außerordentlich vorsichtig, Miß Minerva.«

»Ich habe einige Erfahrung mit Kranken hinter mir, gnädige Frau, und es gelernt, vorsichtig zu sein. Darf ich fragen, weshalb Sie mich herunter gerufen haben?«

Um ihre Nichte und die Gouvernante auf die letzte Probe zu stellen, antwortete Mrs. Gallilee. »Ich möchte, daß Sie den Unterricht auf eine oder zwei Stunden aussetzten.«

»Gewiß. Soll ich es den Mädchen sagen?«

»Nein; ich werde es selbst thun, wenn ich nach meinem Zimmer gehe.«

»Und was soll ich thun?«

»Ich möchte, daß Sie hier bei meiner Nichte bleiben.«

Hätte Mrs. Gallilee ihre Nichte statt der Gouvernante angesehen, so würde sie bemerkt haben, wie dieselbe, ihrer Selbstbeherrschung mißtrauend, ihr Gesicht nach der Wand zu abwandte. So aber forderten Miß Minerva’s Haltung und Blick eine Erklärung, und sie flüsterte ihr deshalb zu: »Ich will Ihnen an der Thür ein Wort sagen.«

Miß Minerva folgte ihr also nach draußen, während Carmina sich wieder umwandte und sie ängstlich beobachtete.

»Ich bin heute Morgen mit ihrem Aussehen durchaus nicht zufrieden«, sagte Mrs. Gallilee draußen »und möchte sie nicht allein lassen. Ich muß meinen Pflichten im Haushalte nachgehen. Wollen Sie meinen Platz am Sofa solange einnehmen, bis der Doctor kommt?«

»Jetzt werde ich es sehen, ob Eifersucht unter ihnen vorhanden ist«, dachte sie bei sich. Aber sie sah nichts: die Gouvernante verbeugte sich ruhig und ging zu Carmina zurück. Ebensowenig hörte sie etwas, obgleich ihr die nur halbgeschlossene Thür Gelegenheit zum Horchen bot. Und so ging sie wieder, um nichts klüger, als sie gekommen war.

Geräuschlosen Schrittes näherte sich Miß Minerva dem Sofa, auf dem Carmina still und schweigend lag, und blieb dann in wartender Haltung stehen. Keine von beiden sah der Anderen in die Augen. Die Aeltere litt ihre Qual im Geheimen; des Mädchens liebliche Augen füllten sich langsam mit Thränen. So vergingen einige Minuten; dann streckte Carmina schweigend die Hand aus, und schweigend nahm Miß Minerva dieselbe und küßte sie.


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