Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel XXXI
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Herz und Wissen



Capitel XXXI.

Die erwähnte schmeichelhafte Anspielung auf Ovid, welche Benjulia nicht zu verstehen vermocht hatte, kam in einem Briefe von Mr. Morphew vor. »Ich muß Ihnen aufrichtig danken«, hieß es in demselben, »daß Sie uns mit Herrn Doctor Ovid Vere bekannt gemacht haben. Jetzt, da er wieder fort ist, ist uns wirklich, als ob wir einem alten Freunde Lebewohl gesagt hätten. Einen selbstloseren Mann habe ich nie gesehen —— und ich sage dies nach wirklicher Erfahrung. In meiner unvermeidlichen Abwesenheit übernahm er freiwillig einen ernsten, von entsetzlichen Umständen begleiteten Fall —— und zwar zu einer Zeit, wo ihm seine zerrüttete Gesundheit die strengste Enthaltung von jeder Berufsausübung auferlegte. Solange er dem Patienten das Leben erhalten konnte —— und er that wirklich Wunder in dieser Beziehung —— saß er jeden Tag an dessen Lager, einem vollständig Fremden zu Liebe sein eigenes Wohlbefinden hintenan setzend. Ich sehe Sie bei Ihrer Abneigung gegen lange Briefe schon nach dem Schlusse sehen. Unbesorgt; ich habe wenig Zeit übrig, da ich auch mit dieser Post einen Brief an Ihren Bruder Lemuel schreiben will.«

War dieser »ernste, von entsetzlichen Umständen begleitete Fall« ein Fall von Gehirnkrankheit?

Das war die Frage, die sich Benjulia bei seinem eingewurzelten Argwohn gegen Ovid als einen Nebenbuhler, der in das Entdeckungsgebiet eindringen konnte, das er für sich allein zu behalten entschlossen war, vorlegte. Er nannte den Doctor Morphew einen Einfaltspinsel, weil derselbe das Papier mit gedrechselten Phrasen beschmiert habe, anstatt einfach zu sagen, worin die Krankheit bestanden. Nach der Beschreibung zu urtheilen, schienen bei dem Falle außer dem medicinischen Interesse noch weitere Elemente des Interesses vorzuliegen, deshalb war es, möglich, daß Ovid der Sache in seinen Briefen an seine Mutter Erwähnung gethan hatte. Wenn Benjulia daher diese Briefe sehen konnte, so war bei Ovid’s Präzision im Ausdruck anzunehmen, daß seine Zweifel gehoben würden. In dieser Absicht hatte er an Mrs. Gallilee geschrieben.

Ehe er die Feder niederlegte, sah er Morphew’s Brief noch einmal an, und da fiel ihm ein, daß vielleicht der Brief an Lemuel die gewünschte Auskunft enthalten könnte. Es empfahl sich also, an seinen Bruder zu schreiben, um so vielleicht das Gewünschte herauszubringen, falls Mrs. Gallilee’s Brief ihm keinen Aufschluß geben sollte.

Was ihn einzig und allein zögern ließ, war seine Abneigung gegen seinen jüngeren Bruder, eine so tief wurzelnde Abneigung, daß er selbst vor brieflichem Verkehr zurückschrak. Beide Brüder hatten nie mit einander sympathisiert, aber erst vor einem Jahre war auf Seite des Doctors aus der Gleichgültigkeit offene Feindschaft geworden, als Lemuel durch einen Zufall, der durch die Zerstreutheit des Doctors infolge eines erfolglosen Experimentes herbeigeführt worden, in den Besitz des gräßlichen Geheimnisses desselben gekommen war. Der einzige Mensch, welcher wußte, womit er sich in seinem Laboratorium wirklich beschäftigte, war sein Bruder.

Das war der wahre Grund des Tones bitterer Verachtung in welchem Benjulia damals Ovid gegenüber von seinem nächsten Angehörigen gesprochen hatte. Allerdings verdiente Lemuel’s Charakter in mancher Hinsicht ein strenges Urtheil, denn wenn er auch in seiner Stellung als erster Commis einer Verlagshandlung ständig und pünktlich seinen Pflichten nachkam, so gewannen doch in seinen freien Stunden seine sinnlichen Neigungen die Oberhand über ihn, und seine eifersüchtige Frau hatte ihre Gründe zum Klagen. Die Ansichten seiner Bekannten über ihn gingen weit auseinander, denn während die Einen in Uebereinstimmung mit seinem Bruder von ihm wenig mehr als von einem Narren hielten, meinten die Anderen, daß er ein von Natur begabter Mensch, aber zu träge, oder vielleicht auch zu schlau sei, seine Gaben anzustrengen. Im Comptoir ließ er sich eine reine Maschine nennen —— und vermied es dadurch, mit Arbeiten überladen zu werden, was die Gewandteren über sich ergehen lassen mußten. Erklärten ihn seine Frau und deren Verwandten für ein reines Thier, so nahm er das ruhig hin —— und erlangte dadurch den Ruf eines Menschen, an den jeder Tadel weggeworfen sei. Unter dem Schilde dieses nichts weniger als beneidenswerthen Charakters sagte er manchmal mit einfältiger Miene die empfindlichsten Sachen. Als der Doctor ihn im Laboratorium entdeckt hatte, hatte er ihm wüthend zugeschrieen: »Es ist Dein Tod, wenn Du irgend einem lebenden Wesen sagst, was ich thue!« Lemuel aber hatte mit einem Blicke stupiden Staunens geantwortet: »Beruhige Dich; ich würde mich schämen, darüber zu sprechen.«

Nach weiterem Nachdenken entschied sich Benjulia zum Schreiben, da er es aber nicht über sich zu gewinnen vermochte, Lemuel mit der gewöhnlichen Höflichkeit zu behandeln, selbst wenn er ihn um eine Gefälligkeit anging, so schrieb er einfach: »Ich höre, daß Morphew Dir mit der letzten Post geschrieben hat, und wünsche den Brief zu sehen.« Das genügte dem Zwecke und genügte dem Doctor seinem Bruder gegenüber.


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