Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel LV
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Herz und Wissen



Capitel LV.

Mrs. Gallilee las das Telegramm —— hielt inne —— und las es nochmals. Dann ließ sie es in ihren Schooß sinken; aber die Augen ruhten noch mechanisch auf dem Platte.

»Ich muß Sie um Nachsicht bitten,« begann sie plötzlich in einer so eigenthümlich gedämpften, von ihrer gewöhnlich lauten und harten Sprechart so ganz verschiedenen Stimme, daß Mr. Null stutzte. »Ich weiß kaum, was ich dazu sagen soll; diese Ueberraschung kommt zu einer Zeit, wo ich schlecht darauf vorbereitet bin. Ich bin auf dem Wege der Besserung; aber Sie sehen, ich bin noch nicht wieder so stark, wie ich vor dem Ueberfalle jener Person war. Mein Gatte ist fort —— ich weiß nicht wohin —— und hat meine Kinder mitgenommen. Lesen Sie diesen Brief, aber sprechen Sie nicht.

Sie müssen mich zufrieden lassen, sonst kann ich nicht nachdenken.«

Dabei überreichte sie ihm den Brief. Er sah sie an —— las die paar Worte —— und sah sie wieder an. Wer hätte denken können, daß die Rückkehr ihres Sohnes so aus sie wirken würde.

»Ich habe es jetzt,« sagte Mrs. Gallilee, sich zu Mr. Null wendend, nachdem sie lang und schwer ausgeathmet hatte. »Mein Sohn kommt wegen Carmina's Krankheit so eilig zurück. Hat Carmina an ihn geschrieben?«

»Unmöglich, Mrs. Gallilee «— hei ihrem jetzigen Gesundheitszustand.«

»Bei ihrem jetzigen Gesundheitszustande? Daran dachte ich nicht. War sonst noch etwas? Ach, ja. Hat Carmina das Telegramm gesehen?«

Mr. Null erklärte ihr, daß er eben von Carmina käme und es als Arzt für gerathen gehalten habe, erst die moralische Wirkung einer Andeutung der guten Nachricht auf seine Patientin zu versuchen. Er habe nur zu sagen gewagt, daß Ovids Agenten in Canada von seinen Reisen gehört und Grund hätten, anzunehmen, daß er in Kurzem nach Quebec zurückkehren würde. Im Ganzen sei der Eindruck auf die junge Dame —«

Es war unnütz, noch weiter fortzufahren, denn Mrs. Gallilee verfolgte ihre eigenen Gedanken, ohne sich auch nur den Anschein zu geben, als ob sie ihm zuhörte.

»Ich möchte wissen, wer an meinen Sohn geschrieben hat,« fing sie wieder an. »Vielleicht die Amme?«

Das hielt Mr. Null für am unwahrscheinlichsten, da aus den Reden der Amme eine Feindseligkeit gegen Ovid wegen seiner Abwesenheit hervorgehe.

Abermals wiederholte Mrs. Gallilee seine letzten Worte: »Wegen seiner Abwesenheit. Ja, ja; ganz recht. Ich kann das Telegramm wohl behalten?«

Der kluge Mr. Null erbot sich, ihr eine Abschrift zu geben «— setzte sich auch sofort hin und schrieb dieselbe. Das Original wäre, so erklärte er, seine Vollmacht, für Mr. Ovid zu handeln, und er müsse deshalb um die Erlaubniß bitten, es zu behalten. Mrs. Gallilee ließ ihn die beiden Papiere vertauschen und fragte dann: »Haben Sie sonst noch etwas? Ihre Zeit ist kostbar; lassen Sie sich nicht abhalten.«

»Darf ich Ihren Puls fühlen, ehe ich gehe?« sagte Mr. Null.

Schweigend hielt sie ihm den Arm hin.

Während er die Pulsschläge zählte, fuhr der Wagen draußen vor. Sie sah nach dem Fenster und sagte: »Schicken Sie ihn fort.«

»Gnädige Frau, die Luft wird Ihnen gut thun,« wandte er ein.

»Nein,« war ihre ruhige Antwort, und dann versank sie wieder in Gedanken.

Es war ihre Absicht gewesen, bei ihrer ersten Ausfahrt einen Besuch in Teresa's Wohnung zu machen und ihre Autorität persönlich zur Geltung zu bringen. Die Nachricht von Ovids bevorstehender Rückkehr machte es erforderlich, diesen Entschluß in einem neuen Lichte zu betrachten, denn sie hatte jetzt nicht nur mit Teresa, sondern auch mit ihrem Sohne zu rechnen. Unter dem Drucke dieser auf ihrem Gemüthe lastenden Bürde —— das schon durch das Gefühl der Beleidigung, welches die Flucht ihres Gatten erweckt hatte, so schwer belastet war —— hatte sie nicht einmal mehr Kraft genug für die unbedeutende Mühe des Ankleidens zum Ausgehen. Zum ersten Male brach eine Reizbarkeit bei ihr aus. »Ich suche herauszubringen, wer an meinen Sohn geschrieben hat. Wie kann ich das, wenn Sie mich mit dem Wagen quälen? Haben Sie je ein volles Glas in der Hand gehalten und gefürchtet es überfließen zu lassen? Das ist es, wovor ich mich fürchte —— bei meinem Gemüthe —— ich meine nicht, daß mein Gemüth ein Glas ist —— ich meine ——« Ihre Stirn färbte sich roth. »Wollen Sie mich verlassen?« rief sie.

Er ging sofort; die Veränderung in ihrem Benehmen, die Schwierigkeit, die sie im Ausdrücken ihrer Gedanken fand, hatte selbst bei ihm ein Gefühl des Unbehagens hervorgerufen.

In der Halle fragte er Joseph, ob er um den Herrn und die Kinder wisse. Und als dieser bejahte, sagte er:

»Hätten Sie mir das nur gesagt, als Sie mich eintreten ließen.«

»Habe ich dadurch irgend etwas angerichtet?«

»Ich weiß noch nicht. Sollten Sie mich brauchen, so werde ich um sieben Uhr zum Diner zu Hause sein.«

Bald nach dem Fortgang des Doktors kam einer von den Rechtsanwälten, an die sich Mrs. Gallilee um Rath gewandt hatte. Joseph führte ihn in das Wartezimmer und bat um seine Karte, da er nach dem, was ihm Mr. Null gesagt hatte, zögerte, diesen Herrn zu seiner Gebieterin zu führen.

Mrs. Gallilee hatte ihre Haltung nicht verändert; sie saß da und blickte auf die Abschrift des Telegramms und den Brief von ihrem Manne, die zusammen in ihrem Schooße lagen. Der Bediente mußte sie zweimal anreden, ehe sie sich aufraffen konnte.

»Morgen,« war Alles, was sie sagte.

»Welche Zeit soll ich sagen, gnädige Frau?«

Sie faßte sich mit der Hand an den Kopf und brach ärgerlich gegen Joseph los: »Mach es selbst mit ihm ab, Du Schuft!« Dann fiel ihr Kopf wieder über die Papiere. Joseph kehrte zu dem Rechtsanwalt zurück und theilte demselben mit, daß seine Herrin nicht wohl wäre und ihm verpflichtet sein würde, wenn er morgen wieder vorsprechen würde, um eine Zeit, wo es ihm passe.

Ungefähr eine Stunde darauf klingelte sie, und zwar ununterbrochen, bis Joseph erschien. »Ich bin verschmachtet,« sagte »sie. »Etwas zu essen! Ich bin nie in meinem Leben so hungrig gewesen. Sofort —— ich kann nicht warten!«

Die Köchin sandte etwas kaltes Geflügel und einen Schinken herauf, die ihre Augen förmlich verschlangen, als der Bediente sie für sie zerlegte. Ihre schlechte Laune schien vollständig verschwunden zu sein und sie sagte: »Welch köstliches Diner! Gerade worauf ich Appetit habe.« Sie führte das erste Stück zum Munde —— und legte die Gabel wieder mit einem müden Seufzer nieder. »Nein, ich kann nicht essen; was ist nur mit mir vorgegangen?« Mit diesen Worten rückte sie ihren Stuhl vom Tische ab und sah langsam um sich herum. »Ich wünsche das Telegramm und den Brief.« Joseph fand dieselben. »Kannst Du mir helfen?" fragte sie. »Ich bemühe mich herauszufinden, wer an meinen Sohn geschrieben hat. Sage ja oder nein, sofort; ich hasse das Warten!«

Joseph ließ sie in ihrer alten Haltung zurück, wie sie den Kopf gebeugt und die Papiere im Schooße hielt.

In der Küche erregte das Wiedererscheinen des ganzen Essens eine Diskussion, der ein Streit folgte.

Joseph war der Meinung, daß mehr auf das Gemüth der gnädigen Frau eingewirkt habe, als dasselbe ertragen könne. Es sei nutzlos, nach Dr. Null zu senden, da derselbe gesagt habe, daß er nicht vor sieben Uhr zu Haus sein würde. Die Dienerschaft könne die Verantwortlichkeit nicht übernehmen, und da Niemand sonst im Hause sei, den man um Rath fragen könne, so riethe er dazu, den nächsten Doktor zu holen, und den die Verantwortlichkeit übernehmen zu lassen, wenn etwas Ernstes geschähe.

Das weibliche Personal, welches noch der Drohung Mrs. Gallilee's mit der Polizei gedachte, zog diesen vorsichtigen Vorschlag ins Lächerliche —— das heißt, mit einer Ausnahme. Denn als die Anderen ironisch fragten, ob er noch nicht an die Laune der Frau gewöhnt sei, sagte Mrs. Gallilee’s Jungfer Jane: »Was wissen wir davon? Joseph ist der Einzige von uns, der sie seit heute Morgen gesehen hat.« Diese vollständig vernünftige Bemerkung hatte eine Wirkung, wie ein Windzug auf ein glimmendes Feuer. Die Mädchen, die alle in gleichem Grade verdächtigt waren, Mr. Gallilee bei den Packeten beigestanden zu haben, waren alle gleich sehr überzeugt, daß eine Verrätherin unter ihnen wäre; und die Beargwöhnte war eben die Jungfer. Diesem bis dahin unterdrückten Gefühl wurde nun offen Ausdruck gegeben.

»Ich bin eine gemeine Meerkatze —— ja?« rief Jane aufgebracht, die Anspielung der Köchin auf ihre Heimat auf den Kanalinseln wiederholend. »Die Frau soll noch in dieser Minute erfahren, daß ich Diejenige bin, die es gethan hat!«

»Warum sagtest Du das nicht vorher?« entgegnete die Köchin.

»Weil ich dem Herrn versprochen habe, nichts davon zu sagen, bis er am Ziele seiner Reise wäre.«

»Wer will wetten?« fragte die Köchin. »Ich halte eine halbe Krone, daß sie sich noch besinnt, ehe sie oben auf der Treppe ist.«

»Vielleicht glaubt sie, daß die Frau ihr vergiebt,« meinte das Stubenmädchen ironisch.

»Oder vielleicht hat sie die Absicht zu kündigen,« fügte das Hausmädchen hinzu.

»Da hast Du genau das Rechte getroffen,« sagte Jane.

Da keine ihr glauben wollte, so appellierte sie an Joseph. »Was habe ich Ihnen damals gesagt, als mich die Frau zum ersten Male mit der armen Miß Carmina im Wagen ausschickte? Habe ich nicht gesagt, daß ich kein Spion wäre und mich nicht dazu machen lassen wollte? Ich hätte schon das Haus verlassen —— ja das hätte ich! —— wenn mich nicht die Freundlichkeit Miß Carmina's gehalten hätte. Jede andere junge Dame würde mich meine Stellung haben fühlen lassen, sie aber behandelte mich wie eine Freundin —— und das vergesse ich nicht. Ich werde sofort von hier hingehen und sie pflegen helfen!«

Mit dieser Erklärung verließ Jane die Küche. Vor der Thür zur Bibliothek blieb sie stehen, aber nicht, um anderen Sinnes zu werden, sondern um zu überlegen, wie viel sie ihrer Herrin gestehen sollte.

Die Erzählung Zo’s von dem, was am Abend der Ankunft Teresa's vorgefallen war, hatte auf das Mädchen ihre unvermeidliche Wirkung ausgeübt. Es vermehrte noch ihre dankbare Anhänglichkeit an Carmina und vergrößerte naturgemäß ihre Abneigung gegen Mrs. Gallilee —— und dadurch hatte der unschuldige Gatte der letzteren profitiert! Jane hatte ihren Herrn verlegen vor der offenen Garderobe seiner Töchter stehen sehen und schlau gefragt, ob sie irgendwie nützlich sein könne; und Mr. Gallilee, der sich nie durch Geistesgegenwart in bedrängter Lage auszeichnen, hatte in seiner Hilflosigkeit gerade diejenige im Hause in sein Vertrauen gezogen, der jeder Andere in seiner Stelle am allerletzten getraut haben würde. »Gute Seele, ich möchte die Kinder gern in aller Stille fortbringen, damit sie in eine andere Luft kommen —— Sie haben auch Ihre kleinen Geheimnisse, nicht wahr?« Plötzlich hatte er gestockt, indem er sich, als es zu spät war, klar machte, daß er im Begriff stand, das Mädchen seiner Frau zu fragen, ob sie ihm beim Hintergehen derselben beistehen wolle. Janes Witz hatte ihm aber über die Schwierigkeit weggeholfen. »Ich verstehe: Sie wünschen nicht, daß die gnädige Frau davon erfahre.« In Ermangelung jeder anderen Antwort hatte Mr. Gallilee dann seine Börse gezogen. »Die gnädige Frau bezahlt mich; Ihnen diene ich umsonst.« Mit diesen Worten würde sie jedem Andern klar gemacht haben, was für eine Stelle Mrs. Gallilee in ihrer Achtung einnahm; ihr Herr hielt sie einfach für die uneigennützigste Person, die er je getroffen habe, und versprach ihr für den Fall, daß sie durch den ihm zu gewährenden Beistand ihre Stelle verlieren sollte, ihr so lange ihren Lohn weiterzuzahlen, bis sie eine andere gefunden hätte. Das Mädchen beruhigte ihn indeß in dieser Beziehung. »Ein Mädchen, welches das Frisieren so versteht wie ich, kann eine Stelle bekommen, sobald sie es wünscht.«

Als Jane mit sich einig war, was sie bekennen und was verbergen sollte, klopfte sie an die Thür, und da nicht geantwortet wurde, trat sie ein.

Mrs. Gallilee saß in ihren Stuhl zurückgelehnt, die Arme hingen ihr an den Seiten herunter und ihre Augen sahen schläfrig zur Decke auf. Das Mädchen, welches darauf gefaßt gewesen war, ihre Herrin in einer Gemüthsbedrückung zu finden, sah in ihr nur eine Person, die ein Schläfchen machen wollte.

»Kann ich ein Wort mit Ihnen sprechen, gnädige Frau?«

»Ist das mein Mädchens« fragte Mrs. Gallilee, ohne die Augen von der Decke zu wenden.

Jane, die dies Benehmen der Absicht ihrer Herrin, ihr ihre Verachtung zu zeigen, zuschrieb, gab sich nicht länger die Mühe, die Formen des Respekts weder in Sprache noch im Benehmen zu wahren und sagte ohne Weiteres: »Ich möchte hiermit kündigen; ich sehe, daß ich mit den Anderen nicht auskommen kann?«

Mrs. Gallilee hob langsam den Kopf und sah ihr Mädchen an —— sagte aber nichts.

»Und da ich einmal dabei bin,« fuhr das Mädchen in seinem Aerger fort, »so kann ich auch gleich die Wahrheit sagen. Sie haben den Verdacht, daß eine von uns dem Herrn beigestanden habe, die Sachen der jungen Fräulein —— ich meine, Einiges davon —— fortzubringen. Damit Sie nun keine Unschuldigen zu tadeln brauchen, will ich Ihnen sagen, daß ich es gewesen bin.«

Mrs. Gallilee legte den Kopf wieder an den Stuhl zurück —— und brach in ein Gelächter aus, so daß Jane ihre Herrin einen Augenblick in heller Ueberraschung ansah. Dann drängte sich dem Mädchen die schreckliche Wahrheit auf, und sie rannte in die Halle und rief nach Joseph.

Derselbe eilte nach oben. Als er in der offenen Thür erschien, erhob sich Mrs. Gallilee und sagte, sich ein Ansehen von Würde gebend: »Den Doktor! ich muß mich erklären.« Dann hielt sie die eine Hand vor sich hin und zählte mit der andern an den Fingern: »Erst mein Gatte; dann mein Sohn; jetzt mein Mädchen. Eins —— zwei —— drei. Kennen Sie das Sprichwort: Das letzte Haar bricht dem Kamel den Rücken?« Plötzlich sank sie in die Kniee. »Will Jemand für mich beten?« rief sie ergreifend. »Ich selbst kann nicht beten. Wo ist Gott?«

Barhaupt, wie er war, rannte Joseph auf die Straße, zu dem nächsten Doktor auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, der auch zufällig zu Hause war. Als er mit demselben zurückkam, hielt die weibliche Dienerschaft ihre Herrin mit Gewalt nieder.


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