Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel LVII
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Herz und Wissen



Capitel LVII.

Nachdem Mr. Null das Haus des Rechtsanwalts verlassen, hatte er seine Krankenbesuche zu machen, und er ging nun zuerst zu Carmina, in Betreff welcher er seit jenem unglücklichen Lärm wieder zweifelhaft und ängstlich zu werden anfing.

Im Wohnzimmer fand er Teresa mit der Wirthin in einer Berathung, mit deren Natur ihn erstere in ihrer Weise bekannt machte.

»Wir haben zweierlei, was uns Kopfschmerzen macht,« sagte sie, »und das Schlimmste von beiden ist der Musiklehrer. Man erzählt sich im Hospital —— und jedenfalls geht das von ihm selbst aus ——, daß ich ihm absichtlich die Finger gequetscht hätte. Das ist eine Lüge! Ich konnte ihn ja gar nicht sehen, und als ich der Schrankthür einen Stoß gab, wußte ich wahrhaftig nicht, wo er seine Hand hatte. Wenn ich etwas beabsichtigte, so wollte ich ihm höchstens eine Ohrfeige geben, weil er in meinem Zimmer herumspionierte. Hier unsere Freundin will sich erkundigen, wie es ihm geht, und meine Vertheidigung mitnehmen. Wir haben hier etwas für die Doktoren aufgesetzt; sehen Sie es doch einmal an, ob es kurz genug ist, um Niemandem lästig zu sein, und klar genug, um die Wahrheit zu sagen.«

Mr. Null bewies eine traurige Unkenntniß der ersten Grundsätze der Kritik. Er las nicht nur den ihm unterbreiteten Aufsatz von Anfang bis zu Ende durch, sondern sprach sich auch in höflichen Wendungen über den Verfasser aus.

»Nun zu der anderen Sache,« fing Teresa dann an. »Sie sagten, daß ich selbst krank werden würde, wenn ich nicht eine Unterstützung bei Carmina's Pflege bekäme. Nun, die Person ist da.«

»Wo?«

Teresa zeigte nach der Kammer.

»Eine von mir empfohlene?« fragte Mr Null.

»Eine von sich selbst empfohlene? und wir mögen sie nicht leiden. Das ist das Zweite, was uns drückt.«

»Ohne meine Billigung hat keine Pflegerin hier etwas zu thun,« sagte Mr. Null in geziemender Berücksichtigung seiner Wichtigkeit. »Ich werde sie auf der Stelle fortschicken.«

Als er die grüne Thür aufstieß, saß eine Dame neben Carmina's Bette. Selbst in dem hier herrschenden Dämmerlichte konnte er sich nicht irren —— es war Miß Minerva.

Dieselbe erhob sich und machte ihm eine Verbeugung, die er steif erwiderte. Die schützende Sorge der Natur verleiht den Dummen ein instinktives Mißtrauen gegen das Fähige Mr. Null hatte Miß Minerva nie leiden können, und gleichzeitig fürchtete er sich etwas vor ihr. Dies war nicht die Art Wärterin, die sich auf der Stelle fortschicken ließ.

»Ich habe mit Angst auf Ihr Kommen gewartet,« sagte sie und führte ihn zu dem anderen Ende des Zimmers. »Carmina erschreckt mich,« fuhr sie im Flüstertone fort. »Seit einer Stunde bin ich hier, und als ich hereinkam, schien wieder Leben in ihr Gesicht zu kommen, und sie vermochte ihre Freude über meinen Anblick auszudrücken, so daß sogar die eifersüchtige alte Amme die Veränderung zum Bessern bemerkte. Warum hielt das nicht an? Sehen Sie sie an —— o, sehen Sie sie nur an!t«

Der traurige Rückfall nach der kurzen Erregung war für Jeden sichtbar.

Das war die »scheinbare Paralysis«, die sich klar auf dem ganzen Gesichte zeigte. Carmina lag da, still wie eine Todte, mit abwesendem Blick nach dem Fußende des Bettes starrend. Mr. Null, dem dies Einmischen einer Frau in die Erfüllung seiner Pflicht durchaus nicht behagte, fühlte in mürrischem Schweigen den Puls der Patientin, die dabei weder die Augen bewegte, noch überhaupt zeigte, daß sie seine Berührung fühlte. Teresa, die es nicht erwarten konnte, die Aufdringliche fortgeschickt zu sehen, öffnete die Thür, sah herein und wurde von Miß Minerva eingeladen, ihren Platz am Bette wieder einzunehmen. »Ich bitte nur, denselben einnehmen zu dürfen,« sagte letztere rücksichtsvoll, »wenn Sie der Ruhe bedürfen.« Teresa wollte eine unliebenswürdige Antwort geben, fand aber nicht die Zeit, dieselbe in Worte zu kleiden, denn Miß Minerva wandte sich schnell an Mr. Null und sagte: »Ich muß Sie noch auf einige Worte sprechen, und werde im Wohnzimmer auf Sie warten.«

Ihr Aussehen erinnerte ihn an gewisse Momente in der Vergangenheit. Wenn sie auch nur ein Weib war, so besaß sie doch eine Entschlossenheit, die kein Widerstand erschüttern konnte; und so folgte er ihr ins Wohnzimmer und wartete mürrisch auf das, was sie zu sagen hatte.

»Ich will Sie nicht durch ein Eingehen auf meine eigenen Angelegenheiten belästigen,« begann sie, »sondern nur sagen, daß ich eher, als ich erwartet hatte, eine Stelle gefunden habe, und daß die Eltern wünschten, daß ich schon in Paris zu ihnen käme. Ich war Carmina einen Brief schuldig, hatte aber meine Gründe, nicht eher zu schreiben, bis ich wußte, ob sie London verlassen hätte oder nicht. In dieser Absicht sprach ich heute Morgen im Hause ihrer Tante vor; und das, was ich von der Dienerschaft hörte, brachte mich hierher. Ich mache keinen Kommentar und bitte nicht um Erklärungen; nur eins muß ich wissen, da Teresa mich deshalb an Sie verweist. Behandelt sie noch ein anderer Arzt?«

»Ich konsultiere mit Herrn Doktor Benjulia,« antwortete Mr. Null steif, »und erwarte denselben heute.«

Sie stutzte »Doktor Benjulia ?" wiederholte sie.

»Die größte Autorität, die wir haben!« erklärte Mr. Null in seiner entschiedensten Weise.

Stillschweigend beschloß sie, zu warten, bis Doktor Benjulia ankäme. »Wie lauten die letzten Nachrichten von Mr. Ovid?« fragte sie nach einiger Ueberlegung.

Er erzählte es ihr in wenigen Worten und es entging sogar ihm dabei nicht, daß es sie zu erregen schien.

»Ach, Mr. Null! wer soll ihn auf das vorbereiten, was er dort im Zimmer sehen wird? Wer soll ihm sagen, was er von seiner Mutter erfahren muß?«

»Die Sache ist mir überlassen!« verkündete Mr. Null mit seiner ganzen Würde. »Ich werde ihm ein Telegramm nach Queenstown entgegenschicken.«

Die hartnäckige Gefühllosigkeit seines Tones ließ sie das nicht aussprechen, was Mr. Mool bereits gesagt hatte. Auch sie empfand Theilnahme für Ovid, als sie an die grausame Kürze eines Telegramms dachte. »An welchem Datum wird das Schiff in Queenstown ankommen?« fragte sie.

»Um sicher zu gehen, werde ich in acht Tagen telegraphieren,« erwiderte Mr. Null.

Mit weiteren Fragen bemühte sie ihn nicht. Er war absichtlich stehen geblieben in der Erwartung, daß sie den Wink befolgen und gehen würde, und ging nun ans Fenster und sah hinaus. Sie blieb in ihrem Stuhle und überließ sich ihren Gedanken. Einige Minuten später ließ sich ein schwerer Tritt auf der Treppe vernehmen, und gleich darauf erschien Benjulia.

Er sah Miß Minerva scharf an, dabei unverhohlen seine Ueberraschung bekundend, sie hier im Hause zu finden. Sie erhob sich und machte den Versuch, sich ihn geneigt zu machen, indem sie ihm die Hand reichte. »Ich erwarte mit Spannung, Ihre Ansicht zu hören,« sagte sie freundlich.

»Das bekundet mir Ihre Hand, die an einem warmen Tage kalt ist,« antwortete er. »Sie sind ein erregbares Wesen.«

Dann sah er Mr. Null an und ging nach dem Schlafzimmer voraus.

Allein gelassen entdeckte Miß Minerva auf einem Seitentische Schreibutensilien, die hier für Mr. Nulls nächstes Rezept bereit gehalten wurden. Sie bediente sich derselben sofort, um an die Leute zu schreiben, welche sie engagiert hatten. »Eine theure Freundin von mir ist ernstlich krank und bedarf dringend meiner ganzen Pflege. Sollten Sie Willens sein, mich für eine kurze Zeit meiner Pflichten zu entheben, so wird Ihre Sympathie und Nachsicht an keine Undankbare weggeworfen sein. Können Sie mir diesen Gefallen nicht thun, so bitte ich um Verzeihung, daß ich Ihnen Unbequemlichkeiten verursache, und überlasse es einer Anderen, deren Gemüth die nöthige Ruhe hat, den Platz einzunehmen, den ich gegenwärtig nicht im Stande bin auszufüllen.«

Nach Beendigung dieses Briefes wartete sie auf Benjulia's Rückkehr.

Als sie so nach der Kammerthür sah, lag Traurigkeit aber keine Aufgeregtheit aus ihrem Gesicht. Endlich war der Sieg über sich selbst gewonnen —— sie wußte es im innersten Herzen. Carmina konnte ihr jetzt trauen, und Ovid selbst sollte es sehen!

Mr. Null kam allein nach dem Wohnzimmer zurück; Doktor Benjulia habe keine Zeit zu verlieren und die Kammer durch eine andere Thür verlassen.

»Da Sie ängstlich zu sein scheinen, so kann ich Ihnen sagen, daß mein Kollege Allem, was ich vorgeschlagen habe, beistimmt; wir erkennen die neuen Symptom, ohne die geringste Beunruhigung zu fühlen.« Nachdem er dies Bulletin aufgegeben hatte, nahm Mr. Null Platz, um sein Rezept zu schreiben.

Als er wieder aussah, war das Zimmer leer. Hatte sie das Haus verlassen? Nein; ihr Reisehut und ihre Handschuhe lagen dort noch aus dem anderen Tische. Er ging mit dem Rezepte in die Kammer. Dort war sie, und neben ihr saß die feindselige Amme und hörte ihr zu! Was für ein Thema konnte das nur sein, das zwei solchen Frauen neutralen Boden bot? Nur Mr. Null verließ das Haus, ohne im Geringsten zu argwöhnen, daß es Carmina sein könnte.

»Soll ich versuchen sie zu ermuntern?«

Teresa's Antwort war, daß sie Miß Minerva schweigend den Platz am Bette abtrat. Diese berührte Carmina's Hand und sagte: »Haben Sie die gute Nachricht gehört, liebe Carmina? Ovid kommt in etwas mehr als einer Woche zurück.«

Carmina sah widerstrebend ihre Freundin an und sagte dann mit Anstrengung: »Ich freue mich.«

»Sie werden sich besser fühlen, sobald Sie ihn gesehen haben,« fuhr Miß Minerva fort.

Das Gesicht der Kranken wurde leicht belebt. »Ich werde ihm Lebewohl sagen können,« antwortete sie.

»Nicht Lebewohl, mein Liebling. Er kehrt ja nach einer langen Reise zu Ihnen zurück.«

»Ich trete eine noch längere Reise an.« Dann schloß sie die Augen, sei es nun, daß sie zu matt oder zu gleichgültig war, um noch etwas zu sagen.

Verzweifelt gegen die Thränen ankämpfend, die ihr unwiderstehlich über das Gesicht rannen, zog sich Miß Minerva zurück. Die eifersüchtige Amme näherte sich ihr leise und küßte ihr die Hand, indem sie sagte: »Ich bin grob und dumm gewesen; Sie lieben sie fast ebenso wie ich.«

Eine Woche später verließ Miß Minerva London, um Ovid in Queenstown zu erwarten.


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