Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel LVIII
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Herz und Wissen



Capitel LVIII.

Mr. Mool erwartete die Ankunft seines Freundes in Fairfield Garben, um ihm die eigentliche Bedeutung des kurzen vorsichtig gefaßten Telegramms zu erklären, durch welches er ihn aus Schottland herbeigerufen hatte. Aber Mr. Gallilee schien nur einem Gedanken kaum Raum geben zu können —— dem Verlangen nach Versöhnung mit seiner Frau. Er bestand darauf, seine Gattin zu sprechen. Vergebens erklärte man ihm, sie sei völlig außer Stande, seine Wünsche zu erwidern oder auch nur zu verstehen. Und als man ihm schließlich kurzweg den Zutritt zum Krankenzimmer untersagte, da brach der gutmüthige Mann in so heftiges Schluchzen aus, daß sogar die Entschlossenheit der Aerzte erschüttert wurde. Der eine derselben ging nach oben, um mit den Wärterinnen zu sprechen, der andere meinte: »Man könnte ihn doch wohl zu der Kranken lassen.«

Aber sowie er in das Zimmer trat, erkannte ihn Mrs. Gallilee mit einem lauten Aufschrei wahnsinniger Wuth. Mit Mühe nur vermochten die Wärterinnen sie zurückzuhalten, bis Mr. Mool ihn wieder aus dem Zimmer gezogen und die Thür geschlossen hatte. Die Doktoren hatten Recht behalten. Mit seinen eigenen Augen hatte Mr. Gallilee sich von der traurigen Nothwendigkeit überzeugt, seine Gattin aus dem Hause zu entfernen. Mit seiner Zustimmung wurde sie noch an demselben Tage nach einer Privat-Irrenanstalt gebracht.

Maria und Zo hatte er in Schottland zurückgelassen, wo dieselben zum ersten Mal in ihrem Leben unter der liebevollen Obhut ihrer Tante und in der Gesellschaft ihrer Cousinen vollkommen glücklich waren. Mr. Gallilee selbst blieb in London, aber nicht allein und verlassen in seinem vereinsamten Hause. Sein Freund, der Rechtsanwalt, lud ihn ein, als Gast in seinem Hause zu wohnen, und dessen Frau und Töchter hießen ihn mit aufrichtiger Theilnahme willkommen. Es beruhigte ihn auch die Aussicht auf die nächste Zukunft: Ovids bevorstehende Ankunft war der Trost, an den er sich hielt.

Dann durfte er auch Carmina besuchen, denn man hoffte, gerade er würde angenehme Erinnerungen in ihr wachrufen, welche einen heilsamen Einfluß auf ihren Gemüthszustand ausüben könnten. Sie lächelte allerdings und gab ihm die Hand, als er an ihr Bett trat —— aber das war auch Alles.

Ihr Anblick hatte ihn zu schmerzlich bewegt, als daß er danach verlangte, sie noch einmal zu sehen. Er beschränkte sich darauf, täglich sich in Person nach ihrem Befinden zu erkundigen, aber die Antwort war jeden Tag dieselbe.

Miß Minerva hatte vor ihrer Abreise von London auf eigene Hand die freien Parterrezimmer des Chambre garnie für Ovid gemiethet, denn sie kannte sein Herz, als wäre es ihr eigenes. Einmal unter demselben Dach mit Carmina, würde er es nicht wieder verlassen, bis sie entweder dem Leben und ihm wiedergegeben oder der Tod sie ihm für immer genommen. Als Mr. Gallilee hiervon hörte, ließ er das Schreibpult und die Bücher, sowie die Vasen und die verwelkten Blumen, die Carmina in Fairfield Gardens zurückgelassen, nach diesen Zimmern bringen, denn er dachte, Alles, was ihr gehört, wird sicherlich dem armen Jungen hochwillkommen sein, wenn er zurückkehrt.

An einem Nachmittag, den er nie wieder vergaß, trat er eben ins Haus, um seine tägliche Erkundigung über Carmina's Befinden einzuziehen, als sich eine Thür im Parterre öffnete und Miß Minerva ihn zu sich winkte.

Ihr plötzlicher Anblick erschreckte fast Mr. Gallilee und er fragte ängstlich flüsternd, ob Ovid angekommen sei.

Sie zeigte nach oben und antwortete: »Er ist jetzt eben bei ihr.«

»Wie trug er ihren Anblick?«

»Das wissen wir nicht, wir hatten nicht den Muth, ihm in das Zimmer zu folgen.«

Während sie sprach, wandte sie sich zum Fenster. Dort saß Teresa —— apathisch hinausblickend. Mr. Gallilee redete sie freundlich an, aber sie antwortete nicht, ja sie bewegte sich nicht einmal. »Ihre Kraft ist zu Ende,« flüsterte Minerva ihm zu, »wenn sie jetzt noch an Carmina denkt, so denkt sie ihrer ohne Hoffnung.«

Er schauderte. Seine eigene Furcht sprach sich in diesen Worten aus —— und er entsetzte sich davor. Miß Minerva nahm seine Hand und führte ihn zu einem Stuhl. »Ovid wird am besten beurtheilen können, wie es steht,« mahnte sie ihn, »verzagen wir nicht, bis wir hören, was Ovid sagt.«

»Kamen Sie ihm bis an Bord des Dampfers entgegen,« fragte Mr. Gallilee.

»Ja.«

»Wie sah er aus?«

»So wohl und stark, daß Sie ihn kaum wiedererkannt haben würden.«

»Erschreckte ihn die Nachricht von Carmina?«

»Sprechen Sie nicht davon! Ich hatte Muth genug, ihm die volle Wahrheit zu sagen, aber nicht Muth genug, ihm dabei ins Auge zu sehen.«

»Sie gutes Mädchen! Sie liebes gutes Mädchen! Verzeihen Sie, wenn meine Frage Sie betrübte, ich hatte das nicht gewollt.«

»Nein, betrübt haben Sie mich nicht, Mr. Gallilee ist sonst noch etwas, worüber Sie von mir zu hören wünschten?«

Mr. Gallilee zögerte. »Ich möchte nicht gern davon sprechen,« sagte er, »aber da ist noch Eins. Erzählten Sie ihm, was geschah ——?«

Er hielt inne, aber Miß Minerva verstand seine unvollendete Frage.

»Ja,« antwortete sie, »von seiner Mutter berichtete ich ihm zuerst.«

»Weshalb?«

»Ich dachte, er würde sie dann milder richten, wenn wir auf Carmina zu sprechen kämen. Ich meinte, wenn ich ihm dann sagen mußte ——«

Mr. Gallilee unterbrach sie. »Sprechen Sie nicht weiter!« rief er mit entsetztem Blick. »Alles was ich besitze, würde ich darum geben, es vergessen zu können. Was sagte Ovid?«

»Um seiner Mutter willen verhinderte er mich, ebenso wie Sie, das Schrecklichste auszusprechen. Er sagte: »Es genügt mir zu wissen, daß sie es war, die die Schuld trug. Ich war darauf vorbereitet, als ich Zo's Brief gelesen hatte; das Schweigen meiner Mutter konnte nur in einer Weise gedeutet werden. —— Wissen Sie nichts davon, Mr. Gallilee, daß das Kind an ihn geschrieben hatte?«

Die Ueberraschung und das Entzücken, welches Zo’s liebevoller alter Vater bezeigte, als er die Geschichte des Briefes hörte, zwang Miß Minerva sogar in dieser Zeit der Angst und Sorge zu einem matten Lächeln. Ganz begeistert erklärte er, nur zwei Gründe hielten ihn ab, noch heute mit dem Courierzuge zu seiner geliebten Tochter zu eilen. Erst würde er noch seinen Stiefsohn sehen, ehe er nach Schottland zurückkehrte, und dann würde er erst noch alle Spielläden in London nach dem prachtvollsten Geschenk durchsuchen, was man einem kleinen Mädchen von zehn Jahren machen könnte. »Sagen Sie Ovid, mit meinem herzlichsten Gruß, daß ich morgen früh wiederkommen werde. Ich habe gerade noch Zeit genug vor dem Postschluß zu einem Brief an Zo.« Damit begab er sich eiligst nach seinem Klub, zum ersten Mal seit seiner Rückkehr nach London. Miß Minerva dachte der alten Zeit und fragte sich, wie ihm heute wohl sein Champagner schmecken würde.

Ein wenig später kam Doktor Null.

Andere Frauen in Miß Minerva's und Teresa's Lage hätten vielleicht nicht gewagt, dem Arzt den Zutritt zum Zimmer seiner Patientin zu verweigern. Aber diese beiden waren fest entschlossen. Sie weigerten sich sogar, Ovid auch nur durch die Meldung von der Anwesenheit des Doktors zu stören. Doktor Null war ernstlich beleidigt. »Verstehen Sie mich wohl, Sie Beide,« sagte er, »wenn ich morgen früh wiederkomme, werde ich darauf bestehen, nach oben zu gehen —— und wiederholt sich dann diese Unhöflichkeit, so verzichte ich auf die weitere Behandlung der Kranken.« Damit verließ er das Zimmer, triumphierend in dem Narrenstolz seiner Unverschämten Selbstüberschätzung.

Sie warteten noch etwas länger, und noch immer kam keine Nachricht von oben. »Vielleicht ist es nicht richtig, daß wir hier bleiben,« meinte endlich Miß Minerva, »er wird lieber allein sein, wenn er von ihr kommt —— gehen wir.«

Damit erhob sie sich, um nach dem Hause zurückzukehren, wo sie jetzt in Stellung war. Die Familie dort achtete sie hoch und fühlte mit ihr. So lange Carmina's Krankheit dauern würde, hatte man ihr völlig freie Verfügung über ihre Zeit gegeben. Die Amme begleitete sie bis zur Hausthür, um sich dann nach dem Zimmer der Wirthin zu begeben. »Ich fürchte mich, allein zu bleiben,« meinte Teresa beim Abschiede, »sogar das Geplapper dieses alten Weibes von Wirthin kann ich leichter ertragen, als meine eigenen Gedanken.«

Dann blieben sie noch einen Augenblick lauschend im Flur stehen, die Treppe nach oben emporblickend, aber kein Laut drang zu ihren Ohren.


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