Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel LXIV
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Herz und Wissen



Capitel LXIV.

Zwischen zwölf und ein Uhr Mittags verließ Ovid seine Wohnung und ging zu einem Fuhrherrn in der Nachbarschaft, um sich einen Wagen auszusuchen. Nach der stürmischen Nacht schien die Sonne, die Luft war frisch und trocken, so daß er es wagen konnte, mit Carmina eine Ausfahrt zu machen.

Wie er so die Straße hinunterging, hörte er Fußtritte hinter sich und fühlte sich an der Schulter berührt. Er wandte sich um —— und bemerkte Benjulia. Schon schwebten ihm unfreundliche Worte auf den Lippen, als ihn ein Blick in das Gesicht des Elenden an sich halten ließ.

»Ich will Sie nicht lange aufhalten,« sagte Benjulia, »sondern möchte nur eins wissen: Wird sie leben oder sterben?«

»Ihr Leben ist sicher, hoffe ich.«

»Durch Ihre neue Behandlungsart?«

Seine Augen und seine Stimme sagten mehr als diese Worte, und Ovid wußte sofort, daß er das Buch gesehen und daß ihm dasselbe in der Entdeckung, der er sein Leben gewidmet hatte, zuvorgekommen war. Ovid konnte es nicht über sich gewinnen, ihm zu antworten.

»Als wir uns an jenem Abend an meiner Gartenpforte trafen,« fuhr Benjulia fort, »sagten Sie, daß Sie mich mit meinem Leben dafür verantwortlich machen wollten, wenn sie stürbe. Meine Nachlässigkeit hat sie nicht getödtet —— deshalb brauchen Sie sich nicht an Ihr Wort zu halten. Aber Mr. Ovid Vere, ich komme nicht fort, ohne die Strafe zu zahlen. Sie haben mir etwas genommen, was mir theurer war, als das Leben. Das wollte ich Ihnen sagen —— und habe weiter nichts hinzuzusetzen.«

Ovid bot ihm schweigend die Hand.

Aber Benjulia senkte gedankenvoll den Kopf. Aus diesem Darbieten der Hand sprach der einzige hochherzige Protest des Mannes, gegen den er sich versündigt hatte. »Nein!« sagte er, —— Ovid ansehend —— und damit ging er.

Er bog aus der Straße ab, nach Fairfield-Gardens ein, und zog an Mr. Gallilee's Thür die Glocke. Eine höfliche alte Frau, die er unter der Dienerschaft noch nicht gesehen hatte, öffnete ihm.

»ist Zo im Hause?« fragte er.

»Es ist Niemand im Hause, mein Herr. Es ist zu vermiethen, sobald die Möbel fortgeschafft werden können.«

»Wissen Sie, wo Zo ist? Ich meine das jüngste Kind Mr. Gallilee’s.«

»Es thut mir leid, ich bin mit der Familie nicht bekannt.«

Augenscheinlich unentschlossen, was er nun thun sollte, wartete er an der Thür; dann sagte er plötzlich: »Ich werde hinaufgehen —— ich möchte mir das Haus ansehen. Sie brauchen nicht mitzukommen; ich weiß Bescheid.«

»Danke verbindlichst, mein Herr!«

Er ging direkt nach der Schulstube, über welche sich bereits die abstoßende Melancholie eines unbewohnten Raumes ausgebreitet hatte. Das einfache, alte Geräth war nicht werth, sich darum zu kümmern, und der Staub machte sich breit darauf. Die beiden gewöhnlichen tannenen Schreibpulte da waren früher von den beiden Mädchen benutzt worden. Das eine derselben war mit Tintenflecken und kunstwidrigen Karikaturen von Gesichtern bedeckt, in welchen Kleckse und Striche Augen, Nase und Mund darstellten. Er wußte, wessen Pult dies war und öffnete es. In dem Fache waren beschmutzte Figurentafeln, zerrissene Landkarten und eselsohrige Schreibhefte. Auf dem inneren Umschlage eines dieser letzteren stand die groteske Inschrift, mein Schreibbuch Zo. Er riß den Umschlag ab und steckte ihn in die Brusttasche seines Rockes.

»Ich hätte sie gern noch einmal gekitzelt,« dachte er, als er wieder nach unten ging. Die höfliche Alte öffnete ihm ehrerbietig knixend die Thür. Er gab ihr eine halbe Krone, wofür sie ihrem Dankgefühl mit einem »Vergelt’s Ihnen Gott, gnädiger Herr,« Ausdruck gab.

Die Dienerschaft freute sich aufrichtig, ihn wiederzusehen, als er nach Hause kam; denn da sie seine regelmäßigen Gewohnheiten kannten, hatten sie schon gefürchtet, daß ihm ein Unglück zugestoßen sein könnte, und waren alle die ganze Nacht aufgeblieben. Noch nie hatten sie ihn so ermüdet gesehen. Hilflos sank er in einen Stuhl; sein riesenhafter Körper zitterte in Schaueranfällen. Auf die Bitte des Bedienten, er möge etwas Erfrischendes zu sich nehmen, forderte er Brandy und rohe Eier. Nachdem das gebracht worden war, hieß er sie warten, bis er klingeln würde, und verschloß hinter ihnen die Thür.

Der kurze Wintertag ging zu Ende, als der Bediente es wagte, an die Thür zu klopfen und zu fragen, ob sein Herr Licht wünsche. Er antwortete, daß er sich selbst die Kerzen angezündet habe. Kein Tabakrauchgeruch kam aus dem Zimmer, und er hatte den Tag vorübergehen lassen, ohne in sein Laboratorium zu sehen: das waren bedeutungsschwere Zeichen. Unten meinte der Bediente: »Es war etwas nicht richtig.« Die beiden Mädchen sahen sich in vagem Schrecken an. Die eine sagte: »Sollten wir nicht lieber kündigen?« und die andere flüsterte die Frage: »Glaubt Ihr, daß er etwas begangen hat?«

Gegen zehn Uhr ertönte endlich die Glocke, und unmittelbar darauf hörten sie ihn von der Vorhalle her rufen: »Ich wünsche, daß Ihr alle drei herauskommt.«

Sich auf einen entsetzlichen Anblick gefaßt machend, hielten sich die beiden Mädchen dicht hinter dem Bedienten. Ihr Herr ging ruhig im Zimmer auf und ab; auf dem Tische stand Feder und Tinte, und Schriftstücke bedeckten denselben. Er sprach in seinem gewohnten Tone und zeigte keine Spur von Aufregung, als er begann:

»Ich beabsichtige, dieses Haus zu verlassen und fort zureisen, und entlasse Euch allein aus diesem Grunde aus meinem Dienste. Nehmt Eure Zeugnisse dort vom Tische, lest sie und sagt, wenn Ihr etwas daran auszusetzen habt.«

Sie hatten nichts daran auszusetzen. An einer anderen Stelle des Tisches lagen drei Häuschen Geld. »Ein Monatslohn für jeden an Stelle einer Kündigung,« erklärte er. »Ich wünsche Euch Glück.«

Eins von den Mädchen —— und zwar dasjenige, welches vorher vom Kündigen gesprochen hatte —— begann zu weinen; aber er nahm keine Notiz davon und fuhr fort: »Ehe wir scheiden, möchte ich zwei von Euch um die Gefälligkeit ersuchen, die Unterschrift meines Testaments zu bezeugen.«

Die Empfindsame zog sich zurück und erklärte: »Nein, dazu bin ich nicht im Stande. Ich habe sonst noch nie im Winter die Todtenuhr gehört —— und die letzte Nacht in Einem fort.«

Die anderen Beiden unterschrieben als Zeugen, und es war ihnen dabei unmöglich, nicht das einzige Legat, welches nur zwei Zeilen einnahm, zu bemerken: »Ich vermache So, der jüngsten Tochter Mr. John Gallilee’s, wohnhaft zu London, Fairfield-Gardens, Alles, was ich bei meinem Tode besitze.« Das war das Testament, abgesehen von den einleitenden Phrasen und den Angaben bezüglich der Zeugen, die aus einem geöffnet auf dem Tische liegenden Handbuche abgeschrieben waren.

Die Mädchen konnten nun wieder nach unten gehen, nachdem ihr Herr ihnen noch gesagt hatte, daß sie am anderen Morgen fortgehen sollten. Der Bediente mußte noch bleiben.

»Ich gehe ins Laboratorium und möchte noch einige Sachen dorthin gebracht haben,« sagte der Herr.

Der große Papierkorb wurde dreimal mit Briefen und Manuskripten gefüllt und nebst den Büchern, dem Medizinkasten und dem steinernen Oelkruge aus der Küche vom Herrn und Diener gemeinsam vor die Thür des Laboratoriums getragen. Es war eine kalte, sternhelle Winternacht: das entfernte Pfeifen einer Lokomotive war der einzige Ton, der ab und zu die Stille unterbrach.

»Gute Nacht,« sagte der Herr.

Der Bediente erwiderte den Gruß und ging nach dem Hause zurück, dessen Thür er hinter sich abschloß. Er war jetzt fester als je überzeugt, daß etwas nicht richtig wäre; und als ihn die Mädchen fragten: »Was hat das nur zu bedeuten?« antwortete er: »Verhaltet Euch still, ich werde nachsehen.«

In der nächsten Minute stand er an der Hinterseite des Hauses hinter der Ecke der Mauer. Von hier aus sah er das Licht der Lampen im Laboratorium durch die offene Thür strömen und die dunkle Gestalt seines Herrn, der die draußen hingestellten Sachen hineintrug, auf und ab gehen. Dann wurde die Thür geschlossen, und es war nichts mehr zu sehen, als der gedämpfte Schein, welcher seinen Weg durch das von innen weiß verhängte Oberlicht fand.

Entschlossen zu versuchen, ob er nicht etwas hören könnte, faßte er sich ein Herz, schlich über den Zwischenraum und postierte sich an der Hinterseite des Laboratoriums dicht an die Mauer.

Ab und zu hörte er —— wie bereits bei früheren Gelegenheiten —— das schwache Winseln von Thieren. Dann aber folgten neue Töne —— ein dreimaliges, in regelmäßigen Zwischenräumen aufeinanderfolgendes, gedämpftes Aufschreien, bei dem es ihn kalt überlief. Waren es die Todesschreie dreier lebenden Geschöpfe, die mit der plötzlichen und schrecklichen Sicherheit den Todesstreich empfingen? Schweigen —— entsetzliches Schweigen war Alles, was folgte. Auch auf der entfernten Eisenbahn war eine Ruhepause eingetreten.

Die Thür wurde wieder geöffnet, und ein Lichtstrahl ergoß sich in die Finsterniß. Plötzlich tauchten in dem gelben Scheine die dunklen Figuren kleiner schnell aus dem Laboratorium laufender Thiere auf —— vielleicht Katzen oder Kaninchen. Hinter denselben folgte langsam die große Gestalt des Doktors, der die Flucht der Thiere beobachtete. Einen Augenblick später kam das letzte der freigelassenen Geschöpfe heraus —— ein großer Hund, welcher hinkte, als ob eins von seinen Beinen verletzt wäre. Als das Thier bei dem Doktor vorüberkam, wollte es ihn anschmeicheln; aber derselbe drohte ihm mit der Hand. »Pack Dich fort, wie die übrigen!« Der Hund hinkte langsam durch den Lichtschein und verschwand in der Finsterniß.

Das letzte von denen, die sich bewegen konnten, war fort; das Schicksal der anderen hatten jene Todesschreie Verkündigt.

Immer noch stand die dunkle Figur des Doktors da, das Gesicht den Sternen zugewandt. Minute um Minute verging: der Bediente wartete und beobachtete ihn. Der einsame Mann hatte die seiner Umgebung wohl bekannte Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen, aber nicht ein Wort entschlüpfte ihm; der aufwärts gewandte Kopf bewegte sich nicht; der helle Winterhimmel hielt ihn gefesselt.

Da wurde die Stille durch den schrillen Ton der Eisenbahnpfeife unterbrochen, und er fuhr auf wie ein plötzlich aus dem Schlafe Gerüttelter, und ging in das Laboratorium zurück. Das Schließen und Verriegeln der Thür war das Letzte, was sich vernehmen ließ.

Der Bediente verließ sein Versteck. Das war also das Geheimniß seines Herrn!

Als er wieder ins Haus ging, warteten die Mädchen noch auf ihn. »Laßt mich jetzt in Ruh,« sagte er. »Geht zu Bett. Aber laßt uns auf alle Fälle morgen früh so zeitig fort, daß er uns nicht mehr zu sehen bekommt.«

Er ging zu Bett, aber kein Schlaf kam in seine Augen. Die Erinnerung an das geheimnißvolle Treiben seines Herrn quälte ihn. Endlich konnte er es nicht länger aushalten. Vorsichtig und schnell —— damit die Mädchen nicht vielleicht sein außerordentliches Thun entdeckten —— zog er sich an und öffnete die Hausthür, um zu sehen, ob der Doktor im Laboratorium sei.

Bei dem ersten Schritte in den Hof hielt er von Schreck erfaßt inne. Ueber dem Laboratorium war der sternenklare Himmel durch ein trübes Roth verschleiert. Unter Prasseln schoß ein Flammenstrom und Funkengarben aus dem zerbrochenen Oberlicht und von der Farm her tönte der Ruf: »Feuer! Feuer!«

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Die gerichtliche Untersuchung ließ den Verdacht auf Brandstiftung und Selbstmord aufkommen. Das Papier, die Bücher, das Oel waren leicht brennbare Materialien, die jedenfalls zu einem bestimmten Zweckes in das Gebäude geschafft waren. Der Medizinkasten hatte Opium enthalten, wie die Dienerschaft in Folge unter ihnen selbst vorgekommener Krankheitsfälle wußte. Aber weitere Nachforschungen stellten heraus, daß das Laboratorium nicht versichert war und der Doktor sich in guten Verhältnissen befunden hatte. Wo waren also die Motive? Ein Einsichtiger, der mit in die Jury vorgeschlagen war, hielt dafür, daß der unglückliche seine besonderen Gründe gehabt hätte, erst sich zu vergiften und dann Feuer an den Schauplatz seiner Arbeiten zu legen. Da er aber eine Majorität von elf gegen sich hatte, gab er nach und stimmte dem Verdikte auf Tod durch Unglücksfall zu. Die entstellten Reste von dem, was einst Benjulia gewesen war, fanden ein prunkvolles Begräbniß, dem seine Kollegen von der medizinischen Wissenschaft in großer Zahl bewohnten.


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