Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel LXV
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Herz und Wissen



Capitel LXV.

Man zählte in dem neuen Jahre erst nach Wochen, als eine bescheidene Hochzeit stattfand, ohne daß die Nachbarn etwas davon wußten, ohne Gedränge in der Kirche und ohne Hochzeitsmahl.

Mr. Gallilee, der mit dem ehrenvollen Amt betraut war, die Braut zu führen, zog Ovid vor dem Kirchgang in eine Ecke und sagte:

»Sie sieht noch recht zart aus, das arme Kind. Hältst Du sie wirklich schon für ganz wohl wieder?«

»Sie ist so gesund, als sie überhaupt werden kann,« antwortete Ovid. »Die verlorene Zeit hinter uns kann keine Sorge und Liebe wiederbringen. Ich werde sie glücklich machen; das Uebrige überlaß mir.«

Die Zeugen waren Teresa und Mr. Mool; die Brautjungfern Maria und Zo. Ehe die Gesellschaft zur Kirche aufbrach, wartete sie noch auf Jemand, und es wurde allgemein nach Miß Minerva gefragt. Da kündete Carmina zum Erstaunen Aller —— vom Bräutigam abwärts —— an, daß ihre beste und theuerte Freundin durch Umstände verhindert wäre, gegenwärtig zu sein. Sie lächelte und erröthete, als sie Ovids Arm nahm. »Wenn wir erst Mann und Frau sind, und ich Deiner ganz sicher bin,« flüsterte sie, »will ich Dir sagen, was kein Anderer wissen darf. Wenn Du bis dahin Frances den höchsten Platz in Deiner Achtung geben kannst —— nächst mir natürlich —— wirst Du unserer besten Freundin nur Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

Dabei hatte sie ein kleines Briefchen im Busen verborgen, das von demselben Morgen datirt war und lautete:

»Bei Deiner Rückkehr von der Hochzeitsreise werde ich die erste Freundin sein, die Dir ihre Arme und ihr Herz öffnet. Vergieb mir, wenn ich heute nicht bei Dir sein kann. Du weißt, daß Du mir jetzt trauen kannst; aber wir sind Alle menschlich. —— Sage Deinem Manne nichts.«

Es war das ihre letzte Schwäche; Carmina brauchte sie nie wieder zu entschuldigen.

Ohne Zo hätte vielleicht die Trauer einen Augenblick die Oberhand gewonnen, als das nun verbundene Paar zu seinem neuen glücklichen Leben fortging. Der höfliche Mr. Mool, der sich Jedem angenehm machen mußte, machte Mr. Gallilee’s jüngster Tochter den Hof. »Und wen denkst Du denn einmal zu heirathen, wenn Du erst groß bist, mein kleines Fräuleins« fragte der Rechtsanwalt scherzend.

Zo sah ihn in ernster Ueberraschung an. »Das ist Alles abgemacht,« sagte sie; »ich habe schon Einen, der auf mich wartet.«

»Ei, was Du sagst! Und wer sollte das denn sein?«

»Donald!«

»Sie haben da ein ganz außergewöhnliches Kind,« sagte Mr. Mool zu seinem Freunde, als sie fortgingen.

Mr. Gallilee nickte abwesend. »Hat meine Frau die Bestellung bekommen?« fragte er.

Mr. Mool seufzte und schüttelte den Kopf. »Bestellungen von ihrem Gatten sind genau so an sie weggeworfen, als ob sie noch in der Heilanstalt wäre. Willigen Sie, um gegen sich selbst gerecht zu sein, in eine friedliche Trennung, und ich werde die Sache arrangieren.«

»Haben Sie sie gesehen?«

»Ich bestand darauf, sie zu sehen, ehe ich mit ihren Sachwaltern zusammenkäme. Sie erklärt sich für infam behandelt und beweist das in der That von ihrem Standpunkte aus. »Mein Mann,« so deduziert sie, »hat sich während meiner Krankheit nie bei mir sehen lassen und hat mir meine Kinder heimlicherweise genommen. Meine Kinder trennten sich so bereitwillig von ihrer Mutter, daß sie nicht einmal die Schicklichkeit hatten, mir zu schreiben. Meine Nichte dachte schamloserweise daran, zu meinem Sohne zu entlaufen, und schrieb demselben einen Brief, in welchem sie seine Mutter in den abscheulichsten Ausdrücken verunglimpfte. Und Ovid setzte der Undankbarkeit die Krone auf, indem er das Mädchen heirathete, das sich so benommen hatte.« Ich sage Ihnen, Mr. Gallilee, in dieser Weise stellte sie die Sache dar! »Bin ich zu tadeln,« fragte sie, »daß ich jene Geschichte über die Mutter des Mädchens glaubte? Es ist anerkannt, daß der Mensch ihr den Hof machte —— das Uebrige ist Ansichtssache. That ich Unrecht, daß ich die Geduld verlor und damals in der Weise mit meiner sogenannten Nichte sprach? Ja, das war Unrecht von mir: es ist der einzige Fall, wo mir ein Vorwurf zu machen ist. Aber war ich nicht provoziert worden? Habe ich nicht gelitten? Ich will mit meiner herzlosen Familie nichts mehr zu thun haben. Der Rest meines Lebens soll intellektueller Gesellschaft und den veredelnden Bestrebungen der Wissenschaft geweiht sein. Lassen Sie mich nichts mehr von Ihnen und Ihren Auftraggebern hören.« Dann erhob sie sich wie eine Königin und komplimentierte mich aus dem Zimmer. Ich sage Ihnen, es überläuft mich eine Gänsehaut, wenn ich an sie denke.«

»Wenn ich den Rath befolgte, würde ich sie in Schulden verlassen,« sagte Mr. Gallilee.

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nie dessen, was ich Ihnen sagen will, zu erwähnen,« entgegnete Mr. Mool, »Wenn sie Geld gebrauchen sollte, so hat mir der beste Mensch in der Welt einen Blanko-Cheque übergeben, den ich für sie ausfüllen soll —— sein Name ist Ovid Vere«

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Als die Saison vorrückte, wurden an einem Abend in London zwei gesellige Unterhaltungen gegeben, die den vollständigsten Kontrast zu einander bildeten.

Mr. Ovid Vere und Gemahlin gaben zur Feier ihrer Rückkehr ein heiteres kleines Diner, zu welchem Teresa, die zur Würde einer Wirthschafterin avanciert war, es sich nicht hatte nehmen lassen, eigenhändig die Tomaten zu füllen und die Maccaroni zu kochen. Die Gäste bestanden aus Lord und Lady Northlake, Maria und Zo, Miß Minerva und Mr. Mool. Mr. Gallilee war als ein zum Haushalte Gehöriger anwesend; denn wenn er in London war, wohnte er mit den Kindern unter Ovids Dache. Gingen sie nach Schottland, so hatte er eine eigene Hütte in Lord Northlake's Park, die er sich durchaus hatte kaufen müssen. Er und Zo tranken zu viel Champagner bei Tisch. Der Vater hielt eine Rede, und die Tochter sang: »Hei, wir sind fröhlich.«

In einem anderen Viertel der Stadt fand eine Gesellschaft statt, welche die Straße mit Equipagen füllte, und von der die nächsten Morgennummern Berichte brachten.

Dort war Mrs. Gallilee für die Wissenschaft zu Hause. Die Professoren der civilisirten Welt sammelten sich um ihre holde Freundin. Frankreich, Italien und Deutschland verwirrten die ankündigenden Bedienten mit einem vollständigen Babel großer Namen —— und Großbritannien war großartig vertreten. Jene drei höheren Wesen, die jedes einen Blick hinter den Schleier der Schöpfung gethan und das Geheimniß des Lebens entdeckt hatten, wohnten der Gesellschaft bei und wurden die Mittelpunkte dreier Cirkel —— des einen, der an »Protoplasma«, des zweiten, der an »Bioplasma«, und des dritten, der an »atomisierte, durch das Respirationsoxygen in das System eingeführte Ladungen von Elektrizität« glaubte. Die Vorlesungen und Demonstrationen in dem eigens dazu eingerichteten prächtigen Saale nahmen den ganzen Abend kein Ende. In einer Ecke nahm eine blonde Philosophin in blauem Sammet und Spitzen die Sonne vor. »Der Sonne Leben, Verehrte, beginnt mit einer nebulösen, dann gasartigen Kindheit.« In einer andern übertrug ein Herr mit schüchternem und zurückhaltendem Wesen, »strahlende Kraft in tönende Schwingungen« —— die sich dann durch die Wärter und Champagnerflaschen an der Tafel in Knalle übertragen. Im Centrum des Saales löste die Wirthin selbst das wichtige Problem der Stoffzuführung vom Gesichtspunkte einer Methode, die Entwickelung der Kaulquappen in Frösche zu befördern —— und zwar mit so glänzendem Resultate, daß letztere Lebewesen sich munter unter die Gäste mischten und durch Forschungsabstecher auf die Treppe die intelligente Neugier befriedigten. Dreihundert illustre Leute wurden in der Spanne eines Abends entzückt und überrascht, belehrt und unterhalten; und als die Wissenschaft heimging, verließ sie einmal eine »Conversazione« mit wohlgefülltem Magen. Um zwei Uhr Morgens setzte sich Mrs. Gallilee in dem leeren Saale nieder, und sagte zu dem gelehrten Freunde, welcher bei ihr wohnte:

»Endlich bin ich glücklich!«

E n d e.


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