Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Herz und Wissen - Herz und Wissen - Capitel IX
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Herz und Wissen



Capitel IX.

Um Mitternacht saß Ovid wieder in seinem Studierzimmer. Die Stille der Straße, in welcher er wohnte, wurde nur durch das gelegentliche Rollen eines Wagens und durch die von dem Hause eines der Nachbarn, welcher einen Ball gab, herüber tönende Tanzmusik unterbrochen. Ovid saß vor feinem Arbeitstische und dachte. Eine ehrliche Selbstprüfung hatte ihm seinen Seelenzustand klar gemacht und ihm das neue Interesse, das sein Leben erfüllte, in seiner wahren Ausdehnung zum Bewußtsein gebracht.

Er war jetzt der willige Sklave dieses Interesses. Hätte er heute Nachmittag nicht gewußt, daß seine Mutter bei ihr war, so würde er nach dem Fortgange des Rechtsanwaltes wieder zu ihr gegangen sein. Da das nun nicht anging, hatte er nach oben sagen lassen, daß er sich zum Diner einfinden würde, um nur Carmina wiedersehen zu können, war aber enttäuscht worden, als er hörte, daß Mr. Gallilee und seine Mutter eine Einladung angenommen hätten und seine Cousine den Thee auf ihrem Zimmer einnehmen würde.

Er hatte dann ohne besonderen Appetit etwas in seinem Clnb gegessen und war darauf in die Oper gegangen, blos weil ihn das Bild einer beliebten Sängerin der Saison unbestimmt an Carmina erinnerte. Und jetzt um Mitternacht, nachdem er aus der Oper zurückgekommen, saß er hier und brannte vor Verlangen, seine Cousine wiederzusehen. In einigen Stunden hatte er Gelegenheit dazu, denn es war abgemacht, daß er sich beim Frühstück von der Familie verabschieden solle.

Bei einem Manne, der unfähig war, sich selbst zu täuschen, konnte das Bewußtsein des in ihm vorgehenden Wechsels nur zu einem Ende führen; und trotzdem Ovid so fest wie je von der Wichtigkeit von Ruhe und Veränderung bei seinem zerrütteten Gesundheitszustande überzeugt war, gehörte die beabsichtigte Seereise bereits zu den überwundenen Illusionen seines Lebens.

Sein Freund hatte mit ihm abgemacht, daß sie an diesem Morgen von London nach dem Hafen abreisen wollten, wo dessen Yacht sie erwartete. Da sie nicht so intim waren, um einander rückhaltlos ihre Geheimnisse anzuvertrauen, so konnte er sich der bei Nichteinhaltung einer Verabredung gewöhnlichen Entschuldigung bedienen; doch trotzdem das Papier vor ihm lag und er die Absage im Geiste schon entworfen hatte, befand er sich in einem so sonderbaren Zustande der Unentschiedenheit, daß er zögerte, den Brief zu schreiben.

So erschüttert waren seine krankhaft sensitiven Nerven, daß er sogar bei dem gewohnten Tone der Fluruhr, die Halb schlug, zusammenfuhr. Als er gleich darauf draußen vor der Thür ein sanftes, trauriges Miauen hörte, stand er ohne ein Zeichen von Ueberraschung auf und öffnete die Thür, durch welche nun eine kleine schwarze Katze mit einem dreieckigen weißen Flecke auf der unteren Gesichtshälfte und vier glänzenden weißen Pfötchen mit Grazie und Würde in das Zimmer schritt. Dann ging er wieder an seinen Tisch zurück. Sobald er im Stuhle saß, sprang ihm die Katze auf die Schulter, setzte sich auf derselben zurecht und schnurrte ihm in die Ohren; diesen Platz nahm sie stets ein, wenn ihr Herr allein schrieb. Der junge Arzt hatte seinen jetzigen Gefährten eines Tages auf seiner Runde in einer der Vorstädte vom Verhungern gerettet. Die Katze war nämlich von ihren Besitzerin, die auf Reisen gegangen waren, vergessen und in dem Hause eingeschlossen worden und hatte durch ihr klägliches Miauen einen Haufen von Nachbarn vor das Haus gelockt, als Ovid gerade vorbeikam. Obgleich die Nachbarn ihm über dieselbe in ziemlich herabwürdigenden Ausdrücken Auskunft gaben: daß sie z. B. den häßlichen Namen »Snooks« führe und immer Junge habe, so nahm er sie trotz dieser Warnung in seinem Wagen mit, und seitdem hatte sich dies glückliche kleine Mitglied einer brutal verunglimpften Rasse an ihren neuen Freund —— und an ihn allein innig angeschlossen. Die Diener duldete sie höflich, aber nicht mehr. Die Wirthschafterin versuchte ihren absurden Namen mit einem besseren zu vertauschen —— sie hörte aber auf keinen anderen. Die Köchin hatte strengen Befehl, wenn die unvermeidlichen Jungen erschienen, immer eins derselben am Leben zu lassen, und that ihr Möglichstes, um Snooks zu verhindern, ihren Neugeborenen jedes mal ihrem Herrn zu zeigen, hatte aber nie Erfolg damit, so geschickt sie es auch anfangen mochte. Der Mann und die Katze verstanden einander in allen niederen Lebensverhältnissen vollkommen; und wenn Ovid die Wahrheit hätte sagen sollen, so hiitte er bekennen müssen, daß ihm sogar in seinem gegenwärtigen Gemüthszustande die Gegenwart Snooks ein Trost war.

Wenn die erschlaffte Willenskraft eines Spornes bedarf, übt oft die geringfügigste Veränderung in den momentanen Verhältnissen den anregenden Einfluß aus. Diesen Dienst nun leistete Ovid die Erscheinung der Katze; sie rüttelte ihn auf, und er schrieb den Brief, während Snooks sich die Zeit damit vertrieb, sich das Gesicht zu waschen.

Nachdem er sein Gemüth in dieser Hinsicht beruhigt hatte, ging er zu Bett, gefolgt von der Katze, die oben ihr eigenes Bett in einer Ecke seines Schlafzimmers hatte. Wenn er sein Temperament auch zur Genüge kannte, um zu wissen, daß seinerseits diese Nacht an Schlaf nicht zu denken war, so war es doch ein Ruhen, frei von der überflüssigem ungesunden, im System der Natur nicht beabsichtigten Kleidung auf dem Bette zu liegen.

Mit Sonnenaufgang stand er wieder auf und ging aus, um den Brief zu besorgen. Je eher er seinem neugefaßten Entschlusse gemäß handelte, desto sicherer mußte er sein, nicht wieder in die erbärmliche und nutzlose Unentschiedenheit der letzten Nacht zu verfallen. »Gott sei Dank, daß es geschehen ist!« sagte er zu sich, als er den Brief in den an der Thür seines Freundes befindlichen Kasten fallen hörte.

Er machte dann einen Spaziergang im Parke und setzte sich, als er müde war, auf eine Bank am Teiche und sah den Vögeln zu, wie sie sich ihres glücklichen Lebens freuten.

Wohin er auch ging und was er auch that, Carmina war immer bei ihm. Er hatte Tausende von Mädchen gesehen, die viel auffallendere persönliche Reize besessen, von denen einige vielleicht ein gleich gewinnendes Wesen gehabt hatten: was hatte diese kleine halb fremdländische Cousine nun an sich, das ihn im ersten Augenblicke ergriffen und das nun mit jeder Minute seinen zarten Halt immer unwiderstehlicher zu machen schien? Er war zufrieden, den Reiz zu empfinden, ohne sich darum zu kümmern, demselben auf den Grund zu gehen. Der liebliche Morgensonnenschein führte seine Phantasie an ihr Lager, und er sah sie voll Frieden in ihrem neuen Zimmer schlafen. Würde die Zeit kommen, da sie von ihm träumen würde? Er sah nach der Uhr. Es war sieben Uhr; die Frühstücksstunde in Fairfield-Gardens war auf acht Uhr festgesetzt, damit er den Morgenzug benutzen könnte. Eine halbe Stunde mochte mit dem Rückwege nach seinem Hause hingehen; zehn Minuten mit einigen Veränderungen in seinem Anzuge —— und dann konnte er aufbrechen, um Carmina wiederzusehen. Kein unangenehmer Gedanke an das, was man im Familienkreise von der plötzlichen Aenderung seines Planes halten möchte, beunruhigte sein Gemüth. Eine ganz andere Frage beschäftigte ihn: er dachte zum ersten Male im Leben daran, was für eine Kleidung wohl eine gewisse Dame beim Frühstück tragen möchte.

Als er um acht Uhr seine Hausthür mit seinem Schlüssel aufschloß. erhob sich von der Bank in der Halle eine ältliche Person in einem gewöhnlichen schwarzen Anzug, in der er, als sie auf ihn zukam, zu seinem sprachlosen Erstaunen, Carmina's treue Begleiterin Teresa erkannte.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen, wenn’s Ihnen gefällig ist«, sagte sie in ihrem besten Englisch.

Ovid führte sie in sein Sprechzimmer, wo sie, ohne die Zeit mit Entschuldigungen oder Erklärungen zu vergeuden, sofort begann: »Carmina hat eine schlechte Nacht gehabt.«

»Ich werde in einer halben Stunde dort sein!« versicherte Ovid mit Eifer.

Die Duenna machte eine ungeduldige Geste mit dem Zeigefinger »Sie braucht keinen Doctor, aber sie braucht einen Freund, wenn ich fort bin, Was für ein Leben wartet ihrer hier —— unter Fremden? Sagen Sie nichts! Es ist ihr angst und bange geworden bei ihrer Jugend, Schüchternheit und leichten Erregbarkeit. Und ich muß sie verlassen —— muß! muß! Mein alter Mann ist schwach und kann jeden Tag sterben, ohne ein Wesen um sich zu haben, das ihn trösten könnte, wenn ich nicht heimgehe. Wenn ich daran denke, könnte ich mir das Haar raufen. Still! Das Sprechen ist jetzt an mir. Ha! ich weiß, was ich weiß. Junger Herr, Sie sind in Carmina verliebt! Ich habe Sie wie ein Buch gelesen. Sie sehen und fühlen schnell wie die Leute bei uns zu Hause. Seien Sie wie ein Landsmann —— helfen Sie mir!«

Dabei zog sie einen Stuhl dicht an Ovid’s Seite und legte plötzlich die Hand schwer auf seinen Arm.

»Meine Schuld ist es nicht, wohlverstanden; ich für meine Person habe nichts gesagt, was sie beunruhigen könnte. Nein, ich habe die Sache so gut wie möglich zu wenden gesucht und ihr etwas vorgelogen. Was mache ich mir daraus! Ich würde wie Judas lügen, wenn ich Carmina dadurch nur einen Augenblick des Schmerzes ersparen könnte. Das Leben ist so ganz neu für sie —— denken Sie sich nur einmal hinein —— so ganz neu. Wir haben uns gestern die Hand geschüttelt —— lassen Sie es uns wieder thun. Sind Sie überrascht, mich hier zu sehen? Ich fragte die Diener Ihrer Frau Mutter um Ihre Wohnung; und da bin —— und es nagt an mir bei lebendigem Leibe, wenn ich an die Zukunft denke. O, mein Lamm, mein Engel, allein! O mein Gott! erst siebzehn und allein in der Welt! Ohne Vater und Mutter; und bald, bald —— o, zu bald nur, hat sie die Teresa auch nicht mehr. Was sehen Sie? Was haben die Thränen einer einfältigen, nutzlosen alten Närrin so Sonderbares? Ha, hu, die paar Tropfen heißen Wassers! Sie werden Ihrem feinen Teppich hier schon nichts schaden, wenn sie darauf fallen. Sie sind ein guter Mensch, ein lieber Mensch. Still! ich erkenne den bösen Blick auf der Stelle. Nichts mehr davon! Lassen Sie sich etwas in’s Ohr sagen —— ich habe bei Carmina schon ein Wort für Sie eingelegt. Lassen Sie ihr Zeit; sie ist nicht kalt —— jung und unschuldig, das ist Alles. Die Liebe wird schon kommen —— ich weiß, was ich weiß —— sie wird schon kommen.«

Sie lachte, aber noch beim Lachen ging wieder eine Veränderung mit ihr vor. Wilde Angst blickte aus den Augen, mit denen sie Ovid anstarrte; es war ihr plötzlich etwas Entsetzliches eingefallen und sie sprang auf die Füße.

»Aber was sagte man mir denn?« schrie sie. »Was sagten Sie selbst, als Sie gestern von uns gingen? Es kann nicht sein! o, es darf nicht sein! Sie werden Carmina doch nicht auch verlassen?«

Ovid’s erster Impuls war, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, aber er widerstand demselben. Zu gestehen, daß Carmina die einzige Ursache sei, weshalb er die Seereise aufgegeben, während sie sich des Eindrucks, den sie auf ihn gemacht, nicht einmal bewußt war, hieße sich in eine Stellung bringen, der seine Selbstachtung widerstrebte. »Ich habe meine Pläne geändert«, war Alles, was er zu Teresa sagte. »Beruhigen Sie sich, ich gehe nicht fort.«

Die seltsame Alte schnippte vergnügt mit den Fingern.

»Adieu; mehr brauche ich von Ihnen nicht.« Mit diesem kühlen, biederen Lebewohl ging sie auf die Thür zu, hielt aber plötzlich inne, um nachzudenken —— und kam wieder zurück. Es war erst ein Augenblick vergangen, aber sie war wieder so feierlich ernst wie nur je.

»Darf ich Sie bei Ihrem Vornamen nennen?« fragte sie.

»Gewiß!«

»Hören Sie. Ich möchte Sie vor meiner Abreise nicht wiedersehen —— mein letztes Wort; vergessen Sie es nicht. Selbst Carmina kann Feinde haben.«

»Feinde —— im Hause meiner Mutter!« rief Ovid. »Was können Sie damit meinen?«

Teresa ging wieder zu der Thür und antwortete, als sie dieselbe bereits geöffnet hatte: »Warten Sie es ab; Sie werden schon sehen.«


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