Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Zweiter Band - Zweites Kapitel
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Armadale



Zweites Kapitel.

Midwinter hatte sich in den dunklen Schatten des Bollwerks zurückgezogen, während Allan dreist in das gelbe Licht des Mondes hinausgetreten war. So standen die beiden Freunde auf dem Verdeck des Holzschiffes einander gegenüber und blickten sich gegenseitig schweigend an. Im nächsten Augenblicke aber erfaßte Allans unverwüstliche Sorglosigkeit mit Gewalt die komische Seite ihrer Lage. Er setzte sich rittlings auf das Bollwerk und brach in sein lautestes und herzlichstes Gelächter aus.

»Alles meine Schuld«, rief er; »aber es ist jetzt nicht zu ändern. Hier sitzen wir, sicher und fest in einer selbst gelegten Falle —— und dort treibt das Boot des Doctors dahin! Komm aus Deinem Dunkel heraus, Midwinter, ich kann Dich dort kaum sehen. Uebrigens möchte ich wissen, was zunächst geschehen muß.«

Midwinter regte sich nicht; keine Antwort erfolgte. Allan aber verließ das Bollwerk, stieg das Vordercastell hinan und sah aufmerksam in das Wasser des Sundes hinunter.

»Eines ist ziemlich gewiß«, sagte er. »Da wir die Strömung auf der einen und die Klippen auf der andern Seite haben, ist auf ein Entkommen durch Schwimmen jedenfalls nicht zu rechnen. Und damit sind unsere Aussichten auf dieser Seite des Wracks zu Ende. Jetzt laß sehen, wie sich die Sache auf der andern Seite anläßt Muth, Kamerad!« rief er fröhlich, indem er an Midwinter vorüberging. »Komm mit und laß uns nachsehen, was diese alte Tonne von einem Holzschiffe im Spiegel aufzuweisen hat.« Mit diesen Worten schlenderte er, die Hände in die Taschen steckend und den Chor eines komischen Liedes vor sich hinsummend, weiter.

Seine Stimme hatte dem Anscheine nach keinen Eindruck auf seinen Freund gemacht; doch wie er ihn im Vorübergehen leicht mit der Hand berührte, zuckte Midwinter zusammen und trat langsam aus dem Schatten des Bollwerks heraus. »Komm mit!« rief Allan, einen Augenblick seinen Gesang unterbrechend und sich umsehend. Der Andere folgte ihm, noch immer ohne ein Wort zu erwidern. Dreimal stand er still, ehe er das Spiegelende des Wracks erreichte; das erste Mal, um seinen Hut von sich zu werfen und sich das Haar aus der Stirn und von den Schläfen zurückzustreichen; das zweite Mal, weil er taumelte und sich einen Augenblick an einem nahe zur Hand befindlichen Ringbolzen festzuhalten genöthigt war; das dritte Mal, um mit dem verstohlenen Spähen eines Menschen, welcher im finsteren von andern Schritten verfolgt zu werden wähnt, hinter sich zu blicken. »Noch nicht!« flüsterte er sich zu, während seine Augen forschend durch die leere Luft schweiften. »Ich werde ihn im Spiegel sehen, wie er die Hand aus die Klinke der Kajütenthür legt.«

Das Spiegelende des Wracks war von dem Gerümpel gesäubert, das die Arbeiter, welche das Schiff abbrachen, in jedem andern Theile desselben haufenweise zurückgelassen hatten. Der einzige Gegenstand, der hier auf der ebenen Fläche des Verdecks ins Auge fiel, war das niedrige hölzerne Häuschen, in dem sich die Kajütenthür befand und welches das Dach der Kajütentreppe bildete. Das Rudergehäuse und das Kompaßhäuschen waren abgebrochen; aber der Kajüteneingang und alles, was zu demselben gehörte, war noch unangerührt geblieben. Die Springluke war herabgelassen und die Thür geschlossen.

Auf dem Hintertheile des Schiffs angelangt, schritt Allan geradeswegs dem Spiegel zu und schaute über das Hackebord auf das Meer hinaus. Ringsum auf den stillen mondbeleuchteten Gewässer, war nirgends ein Boot zu erblicken. Da er wußte, daß Midwinter besser in die Ferne sehe als er, rief er ihm zu: »Komm hier heraus und schau’ aus, ob irgendwo innerhalb Hörweite von uns ein Fischer zu sehen ist.« Als er keine Antwort erhielt, sah er sich um Midwinter war ihm bis zur Kajüte gefolgt und dort still gestanden. Er ries abermals und mit lauterer Stimme und winkte ihm ungeduldig zu. Midwinter hatte ihn gehört, denn er blickte auf, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren. Dort stand er, wie wenn er an den äußersten Grenzen des Schiffs angelangt und nicht weiter zu gehen im Stande gewesen wäre.

Allan ging zu ihm zurück. Es war nicht leicht zu entdecken, worauf seine Augen gerichtet waren, denn er hielt das Gesicht vom Mondlichte abgewendet; doch hatte es den Anschein, als ob seine Blicke mit einem seltsam forschenden Ausdruck auf die Kajütenthür geheftet seien. »Was giebt es dort?« frug Allan. »Laß sehen, ob die Thür verschlossen ist.« Aber sowie er einen Schritt vorwärts that, um die Thür zu öffnen, packte Midwinters Hand ihn plötzlich am Rockkragen und schob ihn zurück. Im nächsten Augenblicke ließ die Hand, ohne ihn jedoch fahren zu lassen, in der Heftigkeit ihres Griffes nach und zitterte, wie die Hand eines Menschen, dem alle seine Kräfte versagten.

»Muß ich mich als einen Arrestanten betrachten?« frug Allan halb erstaunt, halb belustigt. »Warum, in aller Welt, stierst Du fortwährend die Kajütenthür an? Hast Du etwa ein verdächtiges Geräusch dort unten gehört? Es nützt nichts, die Ratten zu stören, wenn Du das etwa meinst; wir haben keinen Hund bei uns. Menschen? Lebendige Menschen können es nicht sein, denn diese würden uns gehört haben und aufs Verdeck gekommen sein. Todte? Ganz unmöglich! In einem von Land umschlossenen Gewässer wie dieses hier würde keine Schiffsmannschaft ertrinken, wenn nicht das Schiff zuvor in Trümmer zerfallen wäre —— und hier ist das Schiff, so fest wie eine Kirche, und kann für sich selber zeugen. Ich bitte Dich, Mensch, wie Deine Hand zittert! Was kann es in jener verfaulten alten Kajüte geben, das Dir eine solche Furcht zu verursachen im Stande ist? Weshalb schauderst und zitterst Du nur so? Giebt es etwa Gesellschaft von der übernatürlichen Sorte an Bord? Der Herr erbarme sich unser! wie die alten Weiber sagen. Siehst Du ein Gespenst?«

»Ich sehe zwei Gespenster!« antwortete der Andere, durch eine wahnsinnige Eingebung, die Wahrheit zu offenbaren, mit Gewalt zum Reden und Handeln getrieben. »Zwei!« wiederholte er mit einem schweren Keuchen, indem er vergebens die fürchterlichen Worte zurückzudrängen versuchte. »Das Gespenst eines Mannes gleich Dir, der in der Kajüte ertrinkt! Und das Gespenst eines Mannes gleich mir, der jenen einschließt!«

Das herzliche Gelächter des jungen Armadale hallte abermals laut und lange durch die Stille der Nacht dahin.

»Der ihn einschließt, wie?« sagte Allan, sobald seine Heiterkeit ihn hinlänglich hatte zu Athem kommen lassen, um zu sprechen. »Das ist ein verwünscht unfreundlicher Streich von Deinem Gespenste, Master Midwinter. Das Wenigste was ich danach thun kann, ist, daß ich das meinige aus der Kajüte heraus und frei auf dem Schiffe umherlaufen lasse.«

Vermittelst einer nur momentanen Anwendung seiner überlegenen Stärke machte er sich leicht von Midwinter’s Hand frei. »Du dort unten!« rief er fröhlich, indem er seine starke Hand auf die wacklige Klinke legte und die Kajütenthür aufriß. »Allan Armadale’s Gespenst, komm aufs Verdeck!« In seiner fürchterlichen Unkenntniß der Wahrheit steckte er den Kopf zur Thür hinein und sah lachend auf die Stelle hinab, wo sein Vater gemordet worden war. »Pah!« tief er, indem er plötzlich mit einem Schaudern des Ekels zurücktrat. »Die Luft ist bereits verpestet und die Kajüte voll Wasser.«

So war es. Die Klippen, auf denen das gestrandete Schiff lag, waren durch die unteren Balken des Spiegels gedrungen und das Wasser durch das geborstene Gebälk hereingeströmt. Hier, an der Stelle, wo die That geschehen, war die unglückselige Parallele zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart vollständig. Dasselbe was die Kajüte zur Zeit der Väter gewesen, war sie auch jetzt zur Zeit der Söhne.

Allan stieß die Thür mit dem Fuße wieder zu und war ein wenig erstaunt über das plötzliche Schweigen seines Freundes seit dem Augenblicke, wo er die Hand auf die Klinke der Kajütenthür gelegt. Als er sich umwandte, erkannte er augenblicklich die Ursache dieses Schweigens. Midwinter war auf dem Verdeck niedergesunken und lag bewußtlos vor der Kajütenthür; sein Gesicht, das nach oben gewendet war, lag blaß und stille, wie das Gesicht eines Todten, im Mondscheine da.

Allan war in einer Sekunde an seiner Seite. Indem er Midwinter’s Haupt auf seine Knie nahm, spähte er vergebens auf dem öden Wrack nach Hilfe umher. Jede solche Aussicht war ihm hier unbarmherzig abgeschnitten »Was soll ich anfangen?« sprach er in der ersten Bestürzung zu sich selber. »Es ist kein Tropfen Wasser in der Nähe, außer dem faulen Wasser in der Kajüte.« Da trieb eine plötzliche Erinnerung die Farbe wieder in sein Gesicht und er zog ein Korbfläschchen aus der Tasche »Gott segne den Doctor dafür, daß er mir dies vor dem Absegeln gab!« rief er inbrünstig aus, indem er seinem Freunde einige Tropfen des ungemischten Whisky, den die Flasche enthielt, einflößte. Das Getränk übte augenblicklich seine Wirkung auf den Bewußtlosen. Er seufzte matt und öffnete langsam die Augen. »Habe ich geträumt?« frug er, mit unsicherem Blicke zu Allan’s Gesicht aufschauend. Seine Augen schweiften höher und begegneten den abgetakelten Masten des Wracks, die sich schwarz und gespenstisch an dem nächtlichen Himmel abzeichneten. Er schauderte bei dem Anblicke derselben zusammen und barg sein Gesicht an Allan’s Knie. »Kein Traum!« murmelte er kummervoll für sich. »O, mein Gott, kein Traum!«

»Du hast Dich den Tag über zu sehr ermüdet«, sagte Allan »und dieses verwünschte Abenteuer hat Dir den Garaus gemacht. Trinke noch ein wenig Whisky, es wird Dir gut thun. Kannst Du allein aufrecht sitzen, wenn ich Dich so gegen das Bollwerk lehne?«

»Warum allein? Warum verläßt Du mich?« frug Midwinter.

Allan deutete zu den Besahnstangen des Wracks hinauf, die noch nicht abgebrochen waren. »Du bist nicht wohl genug, um es hier auszuhalten, bis am Morgen die Arbeitsleute kommen werden«, sagte er. »Wir müssen wo möglich sogleich Mittel und Wege finden, um wieder ans Land zu gelangen. Ich will hinaufsteigen und mich wohl umschauen, um zu entdecken, ob uns eine menschliche Wohnung nahe genug ist, sodaß man unser Rufen hört.«

Selbst während des Augenblickes, in dem er diese wenigen Worte sprach, schweiften Midwinters Augen wiederum argwöhnisch nach der Kajütenthür.

»Geh nicht dort heran!« flüsterte er. »Versuche um Gotteswillen nicht, die Thür zu öffnen!«

»Nein, nein«, erwiderte Allan, ihm nachgebend. »Wenn ich aus dem Takelwerk herabsteige, will ich wieder hierher kommen.« Er sprach diese Worte mit einiger Gezwungenheit, da er zum ersten Male eine gewisse geheime Angst in Midwinters Gesichte wahrnahm, die ihn besorgt machte und die er sich nicht zu erklären vermochte. »Du bist doch nicht böse auf mich?« sagte er mit der ihm eignen einfachen, sanften Gutherzigkeit »Es ist dies alles meine Schuld, das weiß ich wohl, und ich habe mich wie ein roher und thörichter Mensch benommen, indem ich Dich verlachte, da ich hätte sehen sollen, daß Du krank warst. Es thut mir sehr leid, Midwinter. Sei nicht böse auf mich!«

Midwinter erhob langsam den Kopf. Seine Augen ruhten mit einem kummervollen Interesse lange und liebevoll auf Allan’s besorgtem Gesicht.

»Böse?« wiederholte er in seinem leisesten, sanftesten Tone. »Böse auf Dich? O, mein armer Junge, bist Du etwa dafür zu tadeln, daß Du freundlich gegen mich warst, als ich in dem alten westländischen Wirthshause krank lag? Und war ich dafür zu tadeln, daß Deine Freundlichkeit mich mit Dank erfüllte? War es unsre Schuld, daß wir nie an einander zweifelten und daß wir blind zusammen den Weg einschlugen, der uns hierher führen sollte? Die grausame Zeit naht, Allan, wo wir den Tag beklagen werden, an dem wir einander kennen lernten. Gieb mir die Hand, Bruder, am Rande des Abgrundes —— gib mir Deine Hand, solange wir noch Brüder sind.«

Allan wandte sich schnell ab, überzeugt, daß Midwinter’s Geist sich noch nicht von der Erschütterung seiner Ohnmacht erholt habe. »Vergiß den Whisky nicht!« sagte er heiter, indem er in das Takelwerk sprang und zu dem Besahnmast hinaufkletterte.

Es war nach zwei Uhr; der Mond fing zu schwinden an, und die Dunkelheit, die dem Tagesanbruch vorangeht, begann das Wrack zu umhüllen. Hinter Allan, wie er jetzt von der Höhe des Besahnmastes um sich schaute, lag das weite, einsame Meer. Vor ihm befanden sich die niedrigen, schwarzen, falschen Felsen und die kurzen Wellen des Kanals, die sich zornig schäumend in die gewaltige Ruhe des jenseitigen westlichen Oceans stürzten. Zur Rechten, majestätisch vom Wasserrande zurücktretend, zeigten sich die Felsen und Abgründe, zwischen denen die kleinen grasigen Hochebenen lagen; die sanft sich abwärts senkenden Dünen und die aufwärts ziehenden Haidewildnisse der Insel Man. Zur Linken erhoben sich die schroffen Felsenufer der kleinen Insel »Kalb« —— bald sich in schwarze Schlünde spaltend, bald niedrig unterhalb der sich weithin dehnenden Gras- und Haideabhänge dahinlaufend. Weder auf dem einen noch dem andern Ufer war ein Laut vernehmbar oder ein Licht zu erblicken. Die schwarzen Außenlinien der oberen Massen erschienen schattenhaft und undeutlich an dem immer dunkler werdenden geheimnißvollen Nachthimmel; der Landwind war gefallen; die kleinen dem Ufer zueilenden Wellen zogen geräuschlos ihres Wegs; kurz, es war nah und fern kein Laut vernehmbar, außer dem eintönigen Gemurmel des Wassers vor ihm, das durch die grauenvolle Stille drang, in der Land und Meer die Ankunft des neuen Tages erwarteten.

Selbst Allans sorglose Natur empfand das Feierliche des Augenblicks. Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte ihn, wie er hinabsah und seinen Freund auf dem Verdeck anrief.

»Ich glaube, ich sehe ein Haus«, sagte er, »rechts auf der Hauptinsel nach uns zu gelegen.« Er spähte, um sicher zu gehen, nochmals nach dem undeutlichen kleinen weißen Flecken in dem grasigen Abhange der Hauptinsel, hinter dem sich matte weiße Streifen hinzogen. »Es sieht wie ein steinernes Haus mit einer Umzäunung aus«, fuhr er fort. »Ich will den Versuch machen und es anrufen.« Er schlang den Arm um einen Reif, um sich festzuhalten, machte ein Sprachrohr aus beiden Händen und ließ dieselben plötzlich, ohne einen Laut von sich zu geben, wieder sinken. »Es ist so fürchterlich stille«, flüsterte er für sich, »ich fürchte mich fast, laut zu rufen.« Abermals sah er auf das Verdeck hinunter. »Ich werde Dich doch nicht erschrecken, Midwinter —— wie?« rief er mit einem unbehaglichen Lachen. Dann richtete er seine Augen noch einmal auf den undeutlichen weißen Gegenstand in dem Grasabhange. »Ich; kann nicht umsonst hier heraufgeklettert sein«, dachte er und bildete dann wieder ein Sprachrohr aus seinen beiden Händen. Diesmal rief er mit der ganzen Kraft seiner Lunge. »Ihr dort, am Ufer!« schrie er, das Gesicht der Hauptinsel zuwendend. »Ahoi — hoi — hoi!«

Der letzte Wiederhall seiner Stimme erstarb und war verklungen. Kein Laut antwortete ihm, ausgenommen das eintönige Gemurmel des vor ihm liegenden Wassers.

Er wandte sich wieder zu seinem Freunde hinunter und sah, wie Midwinters dunkle Gestalt sich aufrichtete und dann auf dem Verdeck auf und ab ging; doch entfernte dieselbe sich, wenn sie sich dem Bug des Wracks zuwandte, nie außer Gesichtsweite der Kajüte und überschritt, in entgegengesetzter Richtung dem Spiegel zugehend, nie die Kajütenthür. »Die Ungeduld drängt ihn, von hier fortzukommen«, dachte Allanz »ich will’s noch einmal versuchen.« Er rief daher nochmals das Land an und zwar, wie es ihm frühere Erfahrungen gelehrt, im höchsten Tone seiner Stimme.

Diesmal antwortete ihm ein anderer Laut als der des murmelnden Wassers. Das Brüllen erschrockener Kühe erscholl aus dem Gebäude auf dem grasigen Abhange und drang weit und melancholisch durch die frühe Morgenstille. Allan wartete und lauschte. Wenn das Gebäude ein Farmhaus war, so mußte die Unruhe unter den Kühen die Leute erwecken. War dasselbe jedoch nur ein Stall, so blieb nichts weiter zu erwarten. Das Brüllen der erschrockenen Thiere erscholl bald lauter, bald leiser —— und es geschah weiter nichts.

»Noch einmal!« sagte Allan, auf die unruhige Gestalt hinabblickend, die dort auf und ab schritt. Er rief zum dritten Male das Land an. Zum dritten Male wartete und lauschte er.

In einem Augenblicke, wo das Gebrüll der Thiere verstummt war, hörte er hinter sich auf dem gegenüberliegenden Ufer des Kanals —— matt und fern hin in der Einsamkeit der Insel »Kalb« —— einen kurzen, scharfen Schall, gleich dem fernen Gerassel eines schweren Thürriegels, welcher schnell zurückgezogen wurde. Er wandte sich augenblicklich nach dieser Richtung und strengte seine Augen an, ob er vielleicht ein Haus erblickte. Die letzten matten Strahlen des schwindenden Mondlichts zitterten hier und dort auf den höchsten Felsen und den steilen Anhöhen, doch über das ganze Land zwischen denselben lag eine tiefe schwarze finsterenis; ausgebreitet, und in dieser finstereniß war das Haus, falls überhaupt ein Haus vorhanden war, nicht sichtbar.

»Ich habe endlich Jemanden geweckt«, rief Allan seinem Freunde ermuthigend zu, welcher Letztere noch immer mit einer seltsamen Gleichgültigkeit gegen alles, was über ihm und um ihn vorging, auf dem Verdeck auf- und ab schritt. »Paß auf, wenn die Antwort kommt!« Und Allan rief, das Gesicht der kleinen Insel zuwendend, abermals laut um Hilfe.

Der Ruf ward nicht beantwortet, wohl aber von einer gellenden, Höhnenden Stimme nachgeahmt —— mit wilderem und immer wilderem Gekreisch, das sich aus der tiefen fernen finsterenis; erhob und eine schauerliche Mischung von menschlicher und thierischer Stimme war. Ein plötzlicher Argwohn schoß durch Allan’s Gehirn, der ihn schwindeln und die Hand erstarren machte, mit der er sich am Takelwerke festhielt. In athemlosem Schweigen schaute er nach der Stelle hin, von der das erste Nachahmen seines Hilferufs erschollen war. Nach einer kurzen Pause ward das Gekreisch wiederholt, und der Schall desselben kam näher. Plötzlich sprang eine schwarze Gestalt, welche die eines Mannes zu sein schien, aus dem Gipfel eines Felsens hervor und tanzte und schrie in dem schwindenden Glanze des Mondlichts. Das Geschrei eines erschrockenen Weibes vermischte sich mit dem des springenden Geschöpfes auf dem Felsen. Ein rother Funke von einem Lichte blitzte durch ein unsichtbares Fenster in die Dunkelheit hinaus. Das heisere Rufen einer Zornigen Männerstimme ward durch das Geschrei hindurch gehört. Eine zweite schwarze Gestalt erschien aus dem Felsen, rang mit der ersteren und verschwand mit dieser in der finstereniß. Das Geschrei wurde immer matter und matter —— das der Frau hörte auf —— die heisere Stimme des Mannes ward noch einmal auf einen Augenblick vernommen, wie dieselbe dem Wrack Worte zurief, die der Entfernung halber unverständlich waren, jedoch offenbar eine Mischung von Wuth und Furcht ausdrückten. Einen Augenblick später ward abermals der Schall des Thürriegels gehört, der rothe Lichtfunke erlosch und die ganze kleine Insel lag wieder ruhig in nächtlichem Schatten da. Das Brüllen der Kühe auf der Hauptinsel hörte auf, erscholl dann noch einmal und verstummte endlich ganz.


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