Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Zweiter Band - Viertes Kapitel
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Armadale



Viertes Kapitel.

Als Mr. Hawbury mit seinen Gästen im Frühstückszimmer zusammentraf, war ihm der seltsame Contrast ihrer Charaktere, den er bereits früher wahrgenommen, auffallender denn je. Der Eine saß hungrig und lustig an dem wohlbesetzten Frühstückstische und schweifte von einer Schüssel zur andern, wobei er erklärte, daß er in seinem Leben noch nicht so gut gefrühstückt. Der Andere dagegen saß allein am Fenster; seine Tasse stand undankbar verlassen und kaum halb geleert vor ihm; die Speisen lagen kaum ungerührt aus seinem Teller! Des Doctors Morgengruß für die beiden Freunde drückte genau die verschiedenen Eindrücke aus, die sie auf ihn hervorgebracht hatten. Er schlug Allan auf die Schulter und begrüßte ihn mit einem Scherze. Midwinter dagegen empfing er mit einer steifen Verbeugung und sagte: »Ich fürchte, Sie haben sich noch nicht von den Anstrengungen der vergangenen Nacht erholt.«

»Nicht die Nacht ist’s, Doctor, die ihn übler Laune gemacht hat«, bemerkte Allan, »sondern etwas, das ich ihm erzählt habe. Doch ist es nicht meine Schuld. Hätte ich nur vorher gewußt, daß er an Träume glaubt, so würde ich nicht die Lippen geöffnet haben.«

»Träume?« wiederholte der Doctor, indem er sich direct an Midwinter wandte und, den Sinn von Allan’s Worten mißdeutend, ihn anredete. »Bei Ihrer Constitution sollten Sie wohl bereits an Träume gewöhnt sein.«

»Hierher, Doctor; Sie sind an den unrechten Mann gekommen!« rief Allan. »Ich bin der Träumer, nicht er. Sehen Sie nicht so erstaunt aus; es war nicht in diesem gemüthlichen Hause, sondern an Bord jenes verdammten Holzschiffes. Die Sache ist die: Ich schlief kurz vor Ihrer Ankunft ein, und es läßt sich nicht leugnen, daß ich einen sehr garstigen Traum hatte. Nun, als wir hier angelangt ——«

»Warum langweilst Du Mr. Hawbury mit einer Sache, die unmöglich Interesse für ihn haben kann?« fiel Midwinter ungeduldig ein, indem er zum ersten Male die Lippen öffnete.

»Ich bitte um Vergebung«, erwiderte der Doctor mit einiger Schärfe; »soviel ich davon gehört habe, interessiert mich die Sache allerdings.«

»Das ist recht, Doctor!« sagte Allan. »Ich bitte Sie, interessieren Sie sich für die Sache; denn ich wünsche, daß Sie ihm den Unsinn ausreden, den er sich in den Kopf gesetzt hat. Was sagen Sie hierzu? Er besteht darauf, daß mein Traum eine Warnung für mich ist, gewisse Leute zu meiden, und er besteht darauf, daß einer dieser Leute —— er selber sei! Haben Sie je etwas der Art gehört? Ich gab mir die größte Mühe und setzte ihm die ganze Sache aus einander. »Zum Henker mit der Warnung«, sagte ich; »Träume kommen aus dem Magen! Du weißt nicht, was ich alles beim Doktor zu Nacht gegessen und getrunken habe, aber ich weiß es.« Glauben Sie wohl, daß er auf mich hören wollte? Durchaus nicht. Versuchen Sie es jetzt einmal; Sie sind Mediciner und er muß Sie anhören. Thun Sie mir den Gefallen, Doctor, und geben Sie mir ein Zeugniß über meine schlechte Verdauung; ich will Ihnen mit Vergnügen meine Zunge zeigen.«

»Ihr Gesicht ist genug für mich«, erwiderte Mr. Hawbury. »Ich will Ihnen auf der Stelle ein Attest geben, daß Sie in Ihrem ganzen Leben noch nicht an schlechter Verdauung gelitten haben. Lassen Sie Ihren Traum hören, damit wir sehen, was wir daraus machen können —— das heißt, falls Sie nichts dawider haben.«

Allan deutete mit seiner Gabel auf Midwinter.

»Wenden Sie sich an meinen Freund dort«, sagte er; »er besitzt einen weit bessern Bericht über denselben, als ich Ihnen zu geben im Stande bin. Sollten Sie es wohl glauben? Er brachte die ganze Geschichte sofort zu Papier, als ich sie ihm erzählte, und schließlich ließ er mich es unterzeichnen, als wäre es mein letztes Bekenntniß auf meinem Wege zum Galgen gewesen. Heraus damit, alter Junge! Ich sah, wie Du es in Dein Taschenbuch legtest «— heraus damit!«

»Sprichst Du wirklich im Ernste?« fragte Midwinter, indem er sein Taschenbuch mit einem Widerstreben herausnahm, das unter den vorliegenden Umständen fast beleidigend war, denn es lag in demselben ein Mißtrauen gegen den Doctor, hier in des Doctors eigenem Hause.

Mr. Hawburtys Gesicht röthete sich. »Bitte, zeigen Sie mir es ja nicht, wenn es Ihnen im mindesten zuwider ist«, sagte er mit der gezwungenen Höflichkeit eines Mannes, der sich beleidigt fühlt.

»Unsinn!« rief Allan. »Wirf es hier herüber!«

Anstatt diesem Ersuchen Folge zu leisten, nahm Midwinter das Blatt Papier aus seinem Taschenbuche, verließ seinen Platz und trat zu Mr. Hawbury heran. »Ich bitte Sie um Vergebung«, sagte er, indem er dem Doktor das Manuscript überreichte. Seine Augen senkten sich aus den Boden und sein Gesicht verdüsterte sich, indem er sich in dieser Weise entschuldigte. »Ein geheimnißvoller, verdrießlicher Geselle«, dachte der Doctor, als er ihm mit steifer Höflichkeit dankte; »sein Freund ist tausendmal so viel werth als er.« Midwinter kehrte zum Fenster zurück und setzte sich schweigend und mit jener alten Resignation, die Mr. Brock einst so unbegreiflich gewesen, wieder nieder.

»Lesen Sie das, Doctor«, sagte Allan, als Mr. Hawbury das beschriebene Blatt auseinander faltete. »Es ist nicht in meiner weitschweifigen Manier abgfaßt; doch ist nichts hinzugefügt und nichts weggelassen. Es ist genau das, was ich geträumt habe, und genau das, was ich selbst geschrieben haben würde, wenn ich das Schreiben loshätte ——« was nicht der Fall ist, außer was Briefe betrifft, und die kratze ich Ihnen im Handumdrehen fertig.«

Mr. Hawbury legte das Manuscript offen vor sich auf den Frühstückstisch und las folgende Zeilen :

»Allan Armadales Traum.

Zu früher Stunde am Morgen des vierzehnten Juni achtzehnhundert einundfünfzig befand ich mich mit einem Freunde —— einem jungen Manne meines Alters —— allein an Bord des französischen Holzschiffes La Gráce de Dieu, welches als Wrack in dem Sundkanal zwischen der Hauptinsel Man und der kleinen Nebeninsel Kalb lag. Da ich die Nacht zuvor nicht im Bette zugebracht hatte und mich von Schläfrigkeit überwältigt fühlte, schlief ich auf dem Verdeck des Schiffes ein. Ich erfreute mich zur Zeit meiner gewohnten vortrefflichen Gesundheit, und der Morgen war so weit vorgerückt, daß die Sonne bereits aufgegangen war. Unter diesen Umständen und zu dieser Tageszeit ging ich vom Schlafen zum Träumen über. Soviel ich mich nach Verlauf weniger Stunden erinnere, war die Reihenfolge der Ereignisse, die sich mir im Traume darstellten, folgende:

Das Erste, dessen ich mir bewußt ward, war die Erscheinung meines Vaters. Er nahm mich langsam bei der Hand, und wir befanden uns in der Kajüte eines Schiffes.

Das Wasser stieg allmählig immer höher und höher, und ich und mein Vater sanken mit einander im Wasser unter.

Es folgte ein Zwischenraum von Vergessenheit; dann kam mir das Bewußtsein, daß ich im finsteren allein gelassen sei.

Ich wartete.

Die Finsternis theilte sich und zeigte mir —— wie in einem Bilde —— einen großen einsamen Teich, der von offenen Feldern umgeben war. Ueber der äußersten Grenze des Teiches erblickte ich den wolkenlosen westlichen Himmel, der vom Sonnenuntergang geröthet war.

An dem diesseitigen Rande des Teiches stand der Schatten eines Weibes.

Es war nur der Schatten. Nichts zeigte an, wen dieser Schatten vorstelle, oder mit welchem lebenden Wesen er Aehnlichkeit habe. Das lange Kleid zeigte mir, daß es der Schatten eines Weibes sei, doch weiter nichts.

Es ward wieder finster, und so blieb es eine Weile; dann ward es zum zweiten Male hell.

Ich befand mich in einem Zimmer, wo ich vor einem langen Fenster stand. Der einzige Gegenstand, den ich sah, oder den ich gesehen zu haben mich jetzt erinnere, war eine kleine Statue, welche neben mir stand. Die Statue befand sich zu meiner Linken und das Fenster zu meiner Rechten. Das Fenster ging auf einen Rasenplatz und Blumengarten hinaus, und der Regen schlug heftig an die Fensterscheiben.

Ich war nicht allein im Zimmer. Mir gegenüber am Fenster stand der Schatten eines Mannes.

Ich sah nichts weiter von demselben —— ich wußte nichts weiter von demselben, als was ich von dem Schatten des Weibes gesehen und gewußt hatte. Aber der Schatten des Mannes bewegte sich. Derselbe streckte den Arm nach der Statue aus —— und die Statue fiel in Scherben zu Boden.

Mit einer verworrenen Empfindung, die theils Zorn, theils Bekümmerniß war, bückte ich mich, um die Scherben zu betrachten. Als ich mich wieder aufrichtete, war der Schatten verschwunden und ich sah nichts weiter.

Die Finsternis öffnete sich zum dritten Male und zeigte mir den Schatten des Weibes und den des Mannes zugleich.

Es war mir, wenigstens soviel ich mich jetzt zu erinnern vermag, keine Umgebung sichtbar.

Der Schatten des Mannes stand mir am nächsten, der des Weibes weiter zurück. Von der Stelle, an der sie stand, kam ein Laut gleich dem leisen Ausgießen einer Flüssigkeit. Ich sah sie mit der einen Hand den Schatten des Mannes berühren und ihm mit der andern ein Glas reichen. Er nahm das Glas und reichte dasselbe mir. In dem Augenblicke, da ich dasselbe an die Lippen setzte, fühlte ich mich vom Kopf bis zu den Füßen von einer tödtlichen Ohnmacht befallen. Wie ich wieder zum Bewußtsein kam, war der Schatten verschwunden und das dritte Traumgesicht zu Ende.

Die Finsternis kehrte wieder zurück und nochmals folgte ein Zwischenraum der Vergessenheit.

Ich war mir nichts weiter bewußt, bis ich den Morgensonnenschein auf meinem Gesichte fühlte und meinen Freund sagen hörte, ich sei aus einem Traume erwacht.«

Nachdem der Doctor die Erzählung aufmerksam bis zur letzten Zeile durchgelesen hatte, wo sich Allan’s Unterschrift befand, sah er über den Frühstückstisch zu Midwinter hinüber und klopfte, mit einem satirischen Lächeln, mit den Fingern auf das Manuskript.

»Viele Köpfe, viele Sinne«, sagte er. »Ich stimme mit keinem von Ihnen beiden in Bezug auf diesen Traum überein. Mit Ihrer Theorie«, sagte er lächelnd, indem er Allan anblickte, »sind wir bereits fertig: Das Nachtessen, das Sie nicht zu verdauen im Stande sind, soll noch erfunden werden. Zu meiner Theorie wollen wir sogleich kommen; die Theorie Ihres Freundes fordert zuerst unsere Aufmerksamkeit.« Er wandte sich wieder zu Midwinter, wobei der Triumph, den er über einen ihm unliebsamen Mann zu erringen hoffte, ein wenig zu deutlich in seinem Gesichte und seinem Wesen ausgedrückt war. »Wenn ich recht verstanden habe«, fuhr er fort, »so halten Sie diesen Traum für eine Warnung, die in übernatürlicher Weise an Mr. Armadale gerichtet ist; für eine Warnung vor gefährlichen Ereignissen, die ihn bedrohen und vor gefährlichen Leuten, die mit jenen Ereignissen in Verbindung stehen und die er wohl thun wird zu meiden. Darf ich fragen, ob Sie zu diesem Schlusse gelangt sind, weil Sie überhaupt an Träume glauben, oder weil Sie Gründe haben, diesem einen Traume eine besondere Wichtigkeit beizulegen?«

»Sie haben meine Ueberzeugung vollkommen richtig angegeben«, erwiderte Midwinter, der sich durch den Ton und die Blicke des Doctors gereizt fühlte. »Entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie bitte, sich mit diesem Zugeständniß zu begnügen und mich meine Gründe für mich behalten zu lassen.«

»Das ist genau dasselbe, was er zu mir sagte«, unterbrach ihn Allan »Ich glaube nicht, daß er überhaupt irgendwelche Gründe hat.«

»Sachte, sachte!« sagte Mr. Hawbury. »Wir können den Gegenstand besprechen, ohne uns in die Geheimnisse anderer Leute zu drängen. Lassen Sie uns jetzt zu meiner Methode einer Erklärung des Traumes kommen. Es wird Mr. Midwinter wahrscheinlich nicht überraschen zu hören, daß ich die Sache aus einem wesentlich praktischen Gesichtspunkte betrachte.«

»Dies wird mich durchaus nicht im geringsten überraschen«, entgegnete Midwinter. »Der Gesichtspunkt eines Arztes geht, wenn er ein Problem über die Menschheit zu lösen hat, selten über das Secirmesser hinaus.«

Der Doctor fühlte sich hier seinerseits ein wenig gereizt. »Unsere Grenzen sind nicht ganz so eng«, sagte er; »doch bin ich einzuräumen bereit, daß Ihr Glaube gewisse Artikel in sich schließt, an die wir Aerzte nicht glauben. Wir glauben zum Beispiel nicht, daß es gerechtfertigt ist, wenn ein verständiger Mann irgendeinem Phänomen, das innerhalb des Bereichs seiner Sinne kommt, eine übernatürliche Deutung gibt, bevor er die sichere Ueberzeugung gewonnen hat, daß keine natürliche Erklärung desselben möglich ist.«

»Höre, das ist sehr einleuchtend«, rief Allan. —— »Er traf Sie scharf mit seinem »Secirmesser«, Doctor; jetzt aber haben Sie ihm mit Ihrer »natürlichen Erklärung« eins versetzt. Lassen Sie uns dieselbe hören.«

»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Hawbury. »Es liegt in meiner Theorie über die Träume durchaus nichts Außerordentliches, es ist die Theorie, die von dem größeren Theile meiner Berufsgenossen anerkannt wird. Ein Traum ist weiter nichts als die während des Schlafs im Gehirn wiederauftauchenden Bilder und Eindrücke, die dasselbe im wachen Zustande in sich aufgenommen hatte; und diese Reproduction ist aus verschiedenen äußeren und inneren Gründen mehr oder weniger verworren, undeutlich oder widersprechend. Ohne näher in diesen letzteren Theil des Gegenstandes einzugehen, der einen sehr merkwürdigen und interessanten Theil desselben ausmacht, wollen wir die Theorie im Allgemeinen nehmen, wie ich dieselbe soeben angegeben habe, und sie sofort ans den Traum anwenden, um den es sich gegenwärtig handelt.« Er nahm das beschriebene Blatt Papier vom Tische auf und ließ den steifen Lehrton fahren, in den er unwillkürlich verfallen war. »ich sehe in diesem Traume bereits ein Ereigniß«, fuhr er fort, »von dem ich weiß, daß es eine Wiederhervorbringung eines wachen Eindruckes ist, den Mr. Armadale in meiner eigenen Gegenwart empfing. Falls er mir nur behilflich sein will, indem er sein Gedächtnis; anstrengt, verzweifle ich nicht daran, die Spuren der ganzen Reihe von Ereignissen, die hier angegeben sind, in etwas zu entdecken, das er während der vierundzwanzig oder weniger Stunden, die seinem Einschlafen auf dem Verdeck des Holzschiffes vorangingen, gesagt, gedacht, gesehen oder gethan hat.«

»Ich will mit Vergnügen mein Gedächtnis; anstrengen«, sagte Allan. »Wo fangen wir an?«

»Machen wir den Anfang damit, daß Sie mir sagen, was Sie gestern gethan haben, ehe Sie und Ihr Freund mir auf dem Wege nach diesem Orte begegneten«, erwiderte Mr. Hawbury. »Sagen wir also, Sie standen auf und frühstückten. Was dann?«

»Dann nahmen wir einen Wagen«, sagte Allan, »und fuhren von Castletown nach Douglas, um meinen alten Freund Mr. Brock an Bord des Dampfschiffes zu begleiten, in dem er nach Liverpool überfahren sollte. Wir kehrten nach Castletown zurück und trennten uns an der Thür des Hotels. Midwinter ging ins Haus hinein und ich nach meiner Jacht, die im Hafen liegt. —— A propos, Doctor, vergessen Sie nicht, daß Sie eine Fahrt mit uns zu machen versprochen haben, ehe wir die Insel Man verlassen.«

»Besten Dank —— doch lassen Sie uns bei der Sache bleiben. Was dann?«

Allan zögerte. Sein Geist schwamm bereits im vollsten Sinne des Wortes auf dem Wasser.

»Was thaten Sie an Bord der Jacht?«

»O, ich weiß! Ich machte Ordnung in der Kajüte —— gründliche Ordnung. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich kehrte jedes einzelne Stück um. Und mein Freund kam in einem Uferboote heraus und half mir. Das erinnert mich daran, daß ich Sie noch nicht gefragt habe, ob Ihr Boot in der Nacht Schaden genommen hat. Wenn dasselbe irgendwie beschädigt ist, so bestehe ich darauf, daß Sie es mir wieder auszubessern gestatten.«

Der Doctor gab alle ferneren Versuche, Allan’s Gedächtniß zu cultiviren, in Verzweiflung auf.

»Ich zweifle daran, ob wir auf diese Weise unsern Zweck erreichen werden«, sagte er. »Es wird besser sein, daß wir die Ereignisse des Traumes in ihrer regelmäßigen Ordnung vornehmen und dabei die Fragen stellen, die sich von selbst bieten. Hier sind also die beiden ersten Ereignisse. Sie träumen, daß Ihr Vater Ihnen erscheint; daß Sie beide zusammen in der Kajüte eines Schiffes sind; daß das Wasser in derselben immer höher emporsteigt und daß Sie zusammen untersinken. Darf ich fragen, ob Sie unten in der Kajüte des Wracks waren?«

»Ich konnte nicht dort sein«, entgegnete Allan, »da die Kajüte voll Wasser war. Ich sah hinunter, bemerkte dies und schloß dann wieder die Thür.«

»Sehr gut«, fuhr Mr. Hawbury fort. »Hier haben wir die wachen Eindrücke so weit klar genug. Sie hatten die Kajüte in Ihren Gedanken, und Sie hatten das Wasser in Ihren Gedanken; und das Rauschen der Kanalströmung war, wie ich dies wohl weiß, ohne Sie erst zu fragen, das Letzte, was Ihre Ohren hörten, ehe Sie einschliefen. Die Idee des Ertrinkens ist nach solchen Eindrücken eine zu natürliche, als daß wir uns bei derselben aufzuhalten brauchten. Ist hier sonst noch etwas zu beachten, ehe wir weiter gehen? Ja; es bleibt noch ein Umstand zu erklären übrig.«

»Der wichtigste Umstand von allen«, bemerkte Midwinter, sich in das Gespräch mischend, ohne jedoch seinen Platz am Fenster zu verlassen.

»Sie meinen das Erscheinen von Mr. Armadale’s Vater? Ich war im Begriff, desselben zu erwähnen«, erwiderte Mr. Hawbury. »Ist Ihr Vater am Leben?« frug er, abermals gegen Allan gewendet.

»Mein Vater starb, ehe ich geboren war.«

Der Doctor sah einigermaßen verblüfft aus. »Dadurch wird die Sache ein wenig verwickelter«, sagte er. »Woher wußten Sie, daß die Gestalt, die Ihnen im Traume erschien, die Ihres Vaters sei?«

Allan zögerte abermals. Midwinter zog seinen Sessel ein wenig vom Fenster ab und blickte den Doctor zum ersten Male aufmerksam an.

»Dachten Sie an Ihren Vater, ehe Sie einschliefen?« fuhr Mr. Hawbury fort. »Gab es zu Hause bei Ihnen irgendeine Beschreibung oder ein Porträt von ihm, das Ihre Gedanken beschäftigte?«

»Es, das versteht sich!« rief Allan, plötzlich die verlorene Erinnerung erfassend. »Midwinter, erinnerst Du Dich nicht des Miniaturbildchens, das Du in der Kajüte am Boden fandest, als wir dort Ordnung machten? Du sagtest, ich scheine keinen Werth darauf zu legen, aber ich versicherte Dir das Gegentheil, da es das Porträt meines Vaters sei ——«

»Und war das Gesicht in Ihrem Traume dem Gesicht auf dem Bilde gleich?«

»Genau! Hören Sie, Doctor, dies fängt an interessant zu werden!«

»Was sagen Sie jetzt?« frug Mr. Hawbury, sich wieder dem Fenster zuwendend.

Midwinter verließ hastig seinen Platz und setzte sich neben Allan an den Tisch. Ebenso wie er schon vorher einmal in Mr. Brocks behaglichem gesunden Menschenverstande eine Zuflucht vor der Tyrannei seines eigenen Aberglaubens gesucht, flüchtete er sich jetzt mit derselben ungestümen Hast und derselben geradsinnigen Aufrichtigkeit zu des Doctors Theorie der Träume. »Ich sage dasselbe was mein Freund sagt«, antwortete er, vor Enthusiasmus erglühend; »dies fängt an interessant zu werden. Fahren Sie fort —— bitte, fahren Sie fort!«

Der Doctor blickte seinen seltsamen Gast nachsichtiger an, als er bisher gethan. »Sie sind in meiner Erfahrung der erste Mystiker der einer klaren Augenscheinlichkeit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen bereit war. Ich verzweifle nicht daran, Sie zu bekehren, ehe unsere Nachforschungen zu Ende sind.

Lassen Sie uns jetzt zu den nächsten Ereignissen übergehen«, fuhr er fort, nachdem er einen Blick in das Manuscript gethan. »Der Zwischenraum von Vergessenheit, der, wie hier angegeben ist, den ersten Erscheinungen des Traumes folgte, ist leicht zu erklären.

Derselbe ist nichts weiter als das momentane Aufhören der Thätigkeit des Gehirns, indem eine tiefere Welle des Schlafs dasselbe überfluthet, wie denn auch das darauf folgende Gefühl des Alleinseins in der Dunkelheit nur den Uebergang von der vollkommenen Ruhe des Gehirns zu neuer Thätigkeit desselben andeutet, nur daß es dabei noch nicht bis zur Reproduction einer neuen Reihe von Eindrücken kommt. Lassen Sie uns sehen, welcher Art die folgenden Bilder sind. Ein einsamer Teich, von offenen Feldern umgeben; ein vom Sonnenuntergang gerötheter Horizont an der jenseitigen Grenze des Teiches, und der Schatten eines Weibes am diesseitigen Rande desselben. Sehr gut. Jetzt, Mr. Armadale, wie kam jener Teich in Ihren Kopf? Die offenen Felder sahen Sie auf Ihrer Fahrt von Castletown nach diesem Orte. Aber wir haben in dieser Gegend keine Teiche oder Seen; auch können Sie deren ebenso wenig kürzlich anderswo gesehen haben, denn Sie langten hier nach einer Segelfahrt auf dem Meere an. Müssen wir uns mit einem Bilde oder einem Buche oder einer Unterhaltung mit Ihrem Freunde behelfen?«

Allan blickte Midwinter an. »Ich erinnere mich nicht! von Teichen oder Seen gesprochen zu haben«, erklärte er. »Erinnerst Du Dich an etwas der Art?«

Anstatt die Frage zu beantworten, wandte Midwinter sich plötzlich zum Doctor.

»Haben Sie die letzte Nummer der Manxer Zeitung?« frug er.

Der Doetor holte dieselbe von dem Nebentische.

Midwinter suchte die Stelle, welche jene Auszüge aus einer kürzlich erschienenen Reisebeschreibung von Australien enthielt, die am vergangenen Abend Allan’s Interesse so lebhaft erweckt hatten, während er, Midwinter, über dem Vorlesen derselben eingeschlafen war. Dort, in der Stelle, welche schilderte, wie die Reisenden, von Durst gequält, endlich die Entdeckung machten, die ihnen das Leben rettete —— dort befand sich der große Teich, der in Allan’s Traume figuriert hatte!

»Legen Sie die Zeitung noch nicht fort«, sagte der Doctor, als Midwinter ihm dieselbe gezeigt und ihm die nothwendigen Erklärungen gegeben hatte. »Es ist sehr leicht möglich, daß wir, ehe wir mit unseren Nachforschungen zu Ende sind, jener Auszüge noch ferner bedürfen werden. Den Teich haben wir gefunden. Wie steht es mit dem Sonnenuntergange? Es wird in diesem Zeitungsauszuge nichts der Art erwähnt. Suchen Sie noch einmal in Ihrem Gedächtnisse, Mr. Armadale; es fehlt uns Ihr wacher Eindruck von einem Sonnenuntergange; also, haben Sie die Güte!«

Allan vermochte abermals keine Antwort zu geben, und abermals half Midwinters lebendiges Gedächtniß ihm aus der Verlegenheit.

»Ich glaube, die Spur dieses Eindrucks ebenso wohl finden zu können, als ich die jenes andern fand«, sagte er zum Doctor gewendet. »Nachdem wir gestern Nachmittag hier angelangt waren, machten mein Freund und ich einen langen Spaziergang über die Hügel ——«

»Das ist’s!« rief AlIan. »Jetzt erinnere ich mich. Die Sonne war eben im untergehen, als wir zum Nachtessen nach dem Hotel zurückkehrten —— und der Himmel bot eine so herrliche gluthrothe Färbung, daß wir beide stillstanden, um ihn zu betrachten. Und dann plauderten wir von Mr. Brock und ergingen uns in Muthmaßungem welche Station er auf seiner Heimreise jetzt wohl erreicht haben möge. Mein Gedächtniß mag vielleicht schwer in Gang zu bringen sein, Doctor, doch sobald dasselbe einmal im Gange ist, werden Sie es nicht so bald wieder zum Stehen bringen. Ich bin noch nicht halb zu Ende.«

»Warten Sie einen Augenblick, aus Barmherzigkeit für Mr. Midwinters Gedächtniß und das meinige«, bat der Doctor. »Wir haben die Spuren Ihrer Vision der offenen Felder, des Teiches und des Sonnenunterganges in Ihren wachen Eindrücken entdeckt. Doch der Schatten des Weibes ist noch unerklärt geblieben. Können Sie uns das Original zu dieser geheimnißvollen Gestalt in der Traumlandschaft zeigen?«

Allan war abermals unfähig, dem Doctor zu helfen, und Midwinter wartete, mit athemlosem Interesse die Blicke auf das Gesicht des Doctors heftend, der Dinge, die da kommen würden. Es herrschte zum ersten Male tiefes Schweigen im Zimmer. Mr. Hawbury blickte fragend von Allan zu Allan’s Freunde. Keiner von beiden antwortete ihm. Zwischen dem Schatten und dem Wesen des Schattens lag eine tiefe, geheimnißvolle Kluft, die sie alle Drei nicht ausfüllen konnten.

»Geduld«, sagte der Doctor gelassen. »Wir wollen die Gestalt am Teiche für jetzt ruhen lassen und sehen, ob wir dieselbe nicht später irgendwo wieder aufnehmen können. Erlauben Sie mir zu bemerken, Mr. Midwinter, daß es keine Kleinigkeit ist, einen Schatten zu identifizieren; aber wir wollen nicht verzweifeln. Diese unerfaßliche Jungfrau vom See wird vielleicht, wenn wir sie das nächste Mal treffen, eine greifbare Gestalt annehmen.«

Midwinter erwiderte nichts. Von diesem Augenblicke begann sein Interesse, an der Nachforschung nachzulassen.

»Welches ist die nächste Scene in dem Traume?« fuhr Mr. Hawbury fort, indem er wieder in das Manuscript sah. »Wir. Armadale sieht sich in einem Zimmer. Er steht vor einem langen Fenster, das auf einen Rasenplatz und Blumengarten geht, und der Regen schlägt an die Fensterscheiben. Der einzige Gegenstand, den er im Zimmer sieht, ist eine kleine Statue, und seine einzige Gesellschaft ist die des Schattens eines Mannes, der ihm gegenübersteht. Der Schatten streckt den Arm aus, und die Statue fällt in Scherben aus den Boden; der Träumende, voll Unmuth und Verdruß hierüber (bemerken Sie wohl, meine Herren, daß die Verstandesfähigkeiten des Träumenden hier ein wenig erwachen und der Traum auf einen Augenblick ganz natürlich von der Ursache zur Wirkung übergeht) —— der Träumende also bückt sich, um die Scherben zu betrachten. Wie er sich wieder aufrichtet, ist seine Umgebung verschwunden. Das heißt, in der Ebbe und Fluth des Schlafes ist jetzt die Fluth an der Reihe, und das Gehirn ruht ein wenig von seiner Anstrengung. Was gibt es, Mr. Armadale? Geht Ihr unbändiges Gedächtniß wieder einmal mit Ihnen durch?«

»Ja«, rief Allan, »im vollen Galopp. Ich habe die zerbrochene Statue aufgespürt, dieselbe ist nichts Anderes als eine Porzellan-Schäferin, die ich im Gastzimmer des Hotels vom Kaminsims warf, als ich gestern Abend um das Nachtessen schellte. Hören Sie, welche Fortschritte wir machen! Wie? Es ist fast wie ein Räthselrathen. Das nächste Mal kommst Du an die Reihe, Midwinter!«

»Nein!« sagte der Doctor. »Ich komme an die Reihe, wenn Sie es erlauben. Ich fordere das lange Fenster, den Garten und den Rasenplatz als mein Eigenthum. Sie werden das lange Fenster im nächsten Zimmer finden, Mr. Armadale. Wenn Sie zu demselben hinausschauen, werden Sie den Garten und Rasenplatz vor demselben erblicken, und wenn Sie Ihr erstaunliches Gedächtniß anstrengen, werden Sie sich erinnern, daß Sie die Güte hatten, besonders schmeichelhafte Notiz von meinem eleganten französischen Fenster und meinem hübschen Garten zu nehmen, als ich Sie und Ihren Freund gestern nach Port-St.-Mary fuhr.«

»Ganz recht«, erwiderte Allan, »das that ich allerdings. Aber wie steht es mit dem Regen, der in meinem Traume ans Fenster schlug? Ich habe seit einer Woche keinen Tropfen Regen gesehen.«

Mr. Hawbury zögerte. Die Manxer Zeitung, die auf dem Tische liegen geblieben war, fiel ihm ins Auge. »Wenn wir nichts Anderes zu finden im Stande sind«, sagte er, »wollen wir versuchen, ob wir die Idee des Regens nicht an derselben Stelle finden können, wo wir die Idee des Teiches fanden.« Er las den Auszug sorgfältig durch. »Ich hab’s!« rief er. »Hier wird beschrieben, wie den durstigen Reisenden in Australien der Regen zu Hilfe kam, ehe sie den Teich gefunden hatten. Siehe da, der Regenschauer, Mr. Armadale, der Ihnen in den Kopf kam, nachdem Sie Ihrem Freunde gestern Abend den Auszug vorgelesen! Und Sie, Mr. Midwinter, sehen Sie wohl, wie der Traum gewöhnlich die wachen Eindrücke durch einander mischt!«

»Können Sie den wachen Eindruck entdecken, der die menschliche Gestalt am Fenster erklärt?« frug Midwinter. »Oder werden wir den Schatten des Mannes übergehen, wie wir bereits den Schatten des Weibes übergangen haben?«

Er that die Frage mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, doch lag in dem Tone, in dem er sprach, ein Anflug von bitterem Spott, der dem Ohre des Doctors nicht entging, sodaß dieser augenblicklich kampfbereit war.

»Wenn man am Strande Muscheln sammelt, Mr. Midwinter, nimmt man gewöhnlich diejenigen Muscheln zuerst, die Einem am nächsten liegen«, entgegnete der Doctor. »Wir sammeln augenblicklich Thatsachen und wollen diejenigen zuerst aufnehmen, die am leichtesten zu finden sind. Lassen Sie den Schatten des Mannes und den Schatten des Weibes für jetzt mit einander spazieren gehen —— wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren, das verspreche ich Ihnen. Alles zu seiner Zeit, mein lieber Herr, alles zu seiner Zeit!«

Auch er war höflich, und auch er war sarkastisch. Der kurze Waffenstillstand zwischen den beiden Gegnern war bereits wieder zu Ende. Midwinter kehrte bedeutungsvoll wieder zu seinem Platze am Fenster zurück. Der Doctor wandte demselben augenblicklich noch bedeutungsvoller wieder den Rücken. Allan, welcher an anderer Leute Ansichten nie etwas auszusetzen fand und das Benehmen Anderer nie einer kritischen Prüfung unterwarf, trommelte fröhlich mit seinem Messerhefte auf den Tisch.

»Fahren Sie fort, Doctor!« rief er aus. »Mein erstaunliches Gedächtniß ist noch immer so frisch wie je.«

»Wirklich?« sagte Mr. Hawbury, abermals die Erzählung von dem Traume mit den Blicken durchlaufend. »Erinnern Sie sich dessen, was sich ereignete, als Sie und ich gestern Abend mit der Wirthin am Schenktisch plauderten?«

»Das versteht sich! Sie waren so gütig, mir ein Glas Grog zu reichen, das die Wirthin soeben für Sie gemischt hatte. Und ich war genöthigt, dasselbe auszuschlagen, weil der Geschmack von Rum, wie ich Ihnen sagte, mir stets Uebelkeit und Schwäche verursacht, in welcher Weise derselbe immer vermischt sein mag.«

»Ganz recht«, erwiderte der Doctor. »Und der Vorfall ist hier im Traume wieder hervorgebracht. Sie sehen diesmal den Schatten des Mannes und den des Weibes zusammen. Sie hören das Ausgießen der Flüssigkeit, nämlich Rum aus der Flasche und Wasser aus dem Kruge der Wirthin im Hotel; das Glas wird von dem Frauenschatten —— der Wirthin —— dem Schatten des Mannes —— der ich bin —— gereicht; der männliche Schatten reicht dasselbe Ihnen —— genau dasselbe, was ich that. Die Uebelkeit und Schwäche aber, die Sie mir vorher beschrieben, erfolgt ganz natürlich. Ich bin empört, Mr. Midwinter, diese geheimnißvollen Erscheinungen mit so jämmerlich unromantischen Originalen wie einer Hotelwirthin und einem Mann, der in einer ländlichen Gegend herumdoctort, zu Identifizieren. Aber Ihr Freund wird Ihnen bestätigen, daß das Glas Grog von der Wirthin gemischt wurde und daß dasselbe durch meine Hand an ihn gelangte. Wir haben die Schatten jetzt, genau, wie ich es erwartete, gefunden, und es bleibt uns jetzt nur noch zu erklären übrig —— was mit zwei Worten geschehen kann —— in welcher Weise dieselben im Traume erschienen. Nachdem der träumende Geist versucht hatte, den wachen Eindruck von dem Doktor und der Wirthin einzeln in Verbindung mit den verkehrten Umständen hervorzubringen, findet derselbe sich beim dritten Versuche zurecht und bringt den Doctor und die Wirthin zusammen unter den richtigen Umständen zum Vorschein. Da haben Sie die Geschichte in einer Nußschale! —— Erlauben Sie mir, Ihnen mit meinem besten Danke für Ihre vollständige und auffallende Bestätigung der rationellen Theorie der Träume Ihr Manuskript zurückzugeben.« Mit diesen Worten überreichte der Doctor Midwinter dasselbe mit der unbarmherzigen Höflichkeit eines Siegers.

»Wunderbar! Von Anfang bis zu Ende kein Punkt übergangen! Beim Jupiter!« rief Allan mit der bereitwilligen Bewunderung großer Unwissenheit. »Welch eine erstaunliche Sache doch die Wissenschaft ist!«

»Kein Punkt übergangen, wie Sie sagen«, bemerkte der Doctor wohlgefällig. »Und dennoch bezweifle ich, ob es uns gelungen ist, Ihren Freund zu überzeugen!«

»Sie haben mich nicht überzeugt«, sagte Midwinter. »Aber ich maße mir deshalb nicht an zu behaupten, daß Sie Unrecht haben.«

Er sprach sehr ruhig, ja fast traurig. Die fürchterliche Ueberzeugung von dem übernatürlichen Ursprunge des Traumes, der er zu entfliehen versucht, hatte sich abermals seiner bemächtigt Sein ganzes Interesse an der Untersuchung war zu Ende; seine ganze Empfindsamkeit gegen die irritierenden Wirkungen derselben verschwunden. Irgendeinem andern Manne gegenüber würde Mr. Hawbury sich durch ein Zugeständniß, wie das, welches sein Gegner ihm soeben gemacht, besänftigt gefühlt haben; aber er hegte eine zu herzliche Abneigung gegen Midwinter, um ihn im friedlichen Genusse seiner eigenen Meinung zu belassen.

»Geben Sie zu«, frug der Doktor kampflustiger denn je, »daß ich die Spuren jedes Ereignisses in dem Traume bis zu den wachen Eindrücken zurückverfolgt habe, die dem Traume Mr. Armadales vorangingen?«

»Ich möchte dies gerade nicht in Abrede stellen«, sagte Midwinter resigniert.

»Habe ich die Schatten mit ihren lebenden Originalen identifiziert?«

»Sie haben dies zu Ihrer eigenen und zu meines Freundes Zufriedenheit gethan. Zur meinigen nicht.«

»Zur Ihrigen nicht? Können wohl Sie dieselben Identifizieren?«

»Nein. Ich kann blos warten, bis die lebenden Originale sich in der Zukunft offenbaren.«

»Das« heißt wie ein Orakel gesprochen, Mr. Midwinter. Haben Sie gegenwärtig irgendeine Vorstellung, wer jene lebenden Originale sind?«

»Ja. Ich glaube, daß künftige Ereignisse den Schatten des Weibes mit einer Person Identifizieren werden, der mein Freund noch nicht begegnet ist, und den des Mannes mit mir.«

Allan wollte sprechen Der Doctor verhinderte ihn daran.

»Lassen Sie uns darüber klar werden«, sagte er zu Midwinter. »Darf ich, indem ich Ihre eigene Betheiligung für den Augenblick bei Seite lasse, fragen, wie ein Schatten, an dem keine besonderen Kennzeichen wahrnehmbar sind, mit einem lebenden Weibe identifiziert werden kann, das Ihr Freund gar nicht kennt?« Midwinters Gesicht röthete sich ein wenig. Er fing an, die Geißel der Logik des Doctors zu fühlen.

»Das Landschaftsbild in dem Traume hatte seine besonderen Kennzeichen«, sagte er, »und in dieser Landschaft wird das Weib erscheinen, wenn es sich zum ersten Male zeigt.«

»Und dasselbe soll vermuthlich mit dem Mannesschatten der Fall sein«, sagte der Doctor, »den Sie so beharrlich mit Ihrer eignen Person Identifizieren. Sie werden in der Zukunft mit einer in Gegenwart Ihres Freundes zerbrochenen Statue, mit einem langen auf einen Garten hinausgehenden Fenster und einem Regen in Verbindung stehen, der ans Fenster schlägt? Wollen Sie dies sagen?«

»Dies will ich sagen.«

»Und so soll es sich vermuthlich auch mit der nächsten Vision verhalten? Sie und das geheimnisvolle Weib werden an einem bis jetzt unbekannten Orte zusammengeführt werden und Mr. Armadale eine bis jetzt ungenannte Flüssigkeit überreichen, die ihm Unwohlsein verursachen wird? Wollen Sie mir allen Ernstes sagen, daß Sie dies glauben?«

»Ich sage Ihnen allen Ernstes, daß ich dies glaube.«

»Und Ihrer Ansicht nach werden diese Erfüllungen des Traumes den Fortgang gewisser Ereignisse bezeichnen, in die Mr. Armadale’s Glück oder Mr. Armadale’s Sicherheit in gefährlicher Weise verwickelt ist?«

»Dies ist meine feste Ueberzeugung.«

Der Doctor stand auf, legte sein moralisches Secirmesser bei Seite, nahm dasselbe jedoch nach einem Augenblick der Ueberlegung wieder auf.

»Noch eine letzte Frage«, sagte er. »Haben Sie irgendeinen Grund dafür anzugeben, daß Sie eine so fern liegende mystische Ansicht vorziehen, wenn eine unwiderlegbare Erklärung des Traumes klar vor Ihren Augen liegt?«

»Keinen Grund«, erwiderte Midwinter, »den ich Ihnen oder meinem Freunde zu nennen im Stande bin.«

Der Doctor sah mit der Miene eines Mannes auf seine Uhr, der sich plötzlich erinnert, seine Zeit vergeudet zu haben.

»Wir gehen nicht von demselben Punkte aus«, sagte er, »und würden zu keiner Uebereinstimmung gelangen, wenn wir bis zum Tage des jüngsten Gerichts disputierten. Entschuldigen Sie mich, wenn ich Sie etwas plötzlich verlasse. Es ist später als ich glaubte, und meine Patienten erwarten mich im Consultationszimmer. Wenigstens habe ich Sie überzeugt, Mr. Armadale, und deshalb ist die Zeit, die wir auf diese Auseinandersetzung verwendet haben, keine ganz verlorene. Bitte, verweilen Sie hier und rauchen Sie Ihre Cigarrez ich werde Ihnen in weniger als einer Stunde wieder zu Diensten stehen.« Er nickte Allan herzlich zu, verbeugte sich steif gegen Midwinter und verließ das Zimmer.

Sowie der Doctor den Rücken gewendet hatte, verließ Allan seinen Platz am Tische und wandte sich mit jener unwiderstehlichen Herzlichkeit zu seinem Freunde, die stets ihren Weg zu Midwinters Sympathie gefunden hatte —— von dem ersten Tage an, da sie einander in dem Wirthshause in Sommersetshire begegnet waren.

»Jetzt, da das Wortgefecht zwischen Dir und dem Doctor vorüber ist«, sagte Allan, »wünsche ich meinerseits ein paar Worte zu sagen. Willst Du etwas für mich thun, das Du nicht für Dich selber zu thun einwilligen würdest?«

Midwinter’s Gesicht klärte sich augenblicklich auf. »Ich will alles thun, was Du von mir verlangst«, antwortete er.

»Sehr wohl. Willst Du den Traum von diesem Augenblicke an gänzlich aus unserer Unterhaltung verbannen?«

»Ja, wenn Du dies wünschest.«

»Willst Du noch einen Schritt weiter gehen? Willst Du aufhören, an denselben zu denken?«

»Es ist schwer, den Gedanken daran zu unterdrücken, Allan; aber ich will es versuchen.«

»Du bist ein guter Junge! Jetzt gib mir jenes bettelhafte Stück Papier und laß mich’s zerreißen und damit der Sache ein Ende machen.«

Er versuchte, seinem Freunde das Manuscript aus der Hand zu reißen; doch Midwinter war zu schnell für ihn und rettete das Papier vor Allan’s Griff.

»So gieb mir’s dacht« bat Allan. »Es liegt mir besonders daran, meine Cigarre damit anzubrennen.«

Midwinter zögerte. Es war schwer, Allan zu widerstehen; dennoch widerstand er ihm. »Ich will ein wenig warten«, sagte er, »ehe ich es Dir gebe, um Deine Cigarre damit anzubrennen.«

»Wie lange? Bis morgen?«

»Länger.«

»Bis wir die Insel Man verlassen?«

»Länger.«

»Zum Henker —— gieb mir eine deutliche Antwort auf eine deutliche Frage! Wie lange willst Du warten?«

Midwinter legte das Manuscript sorgfältig wieder in sein Taschenbuch.

»Ich will warten«, sagte er, »bis wir in Thorpe-Ambrose angelangt sind.«


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