Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Zweiter Band - Siebentes Kapitel
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Armadale



Siebentes Kapitel.

Etwa eine Stunde nachdem Allan seine Entdeckungsreise durch seine Besitzungen angetreten hatte, stand auch Midwinter auf und erfreute sich seinerseits beim Tageslichte an der Pracht des neuen Hauses.

Durch seine lange Nachtruhe erfrischt, kam er ebenso fröhlich wie Allan die große Treppe herunter. Gleich ihm schaute er der Reihe nach in die geräumigen Zimmer des Erdgeschosses und befand sich in athemlosen Erstaunen über den Glanz und Luxus, von dem er sich umgeben sah. »Das Haus, in dem ich als Knabe diente, war ein sehr stattliches«, dachte er, »aber es war mit diesem nicht zu vergleichen! Ob nur Allan ebenso erstaunt und entzückt ist wie ich? Die Pracht des Sommermorgens lockte ihn durch die offene Hausthür hinaus, gleich wie dies bei Allan der Fall gewesen war. Er sprang munter die Stufen hinab, indem er eine jener Melodien summte, nach denen er in seiner alten Vagabondenzeit getanzt hatte. Selbst die Erinnerungen an seine elende Kindheit wurden an diesem frohen Morgen durch das glänzende Medium gefärbt, durch welches er auf sie zurück sah. »Wenn ich nicht aus der Uebung gekommen wäre, dachte er, indem er sich auf das Stacket lehnte und über dasselbe hinweg auf den weiten Park blickte, »möchte ich auf diesem herrlichen Grase einige meiner alten Gaukelkunststücke versuchen.«

Er wandte sich um, erblickte am Eingange des Gebüsches zwei Diener, die sich mit einander unterhielten, und frug sie nach dem Herrn des Hauses. Die beiden Männer deuteten lächelnd auf den Garten; Mr. Armadale sei vor mehr als einer Stunde dorthin gegangen, und, wie sie bereits erfahren, Miß Milroy in den Anlagen begegnet. Midwinter schlug den Pfad durch das Gebüsch ein; doch da er bei dem Blumengarten anlangte, stand er still, überlegte ein wenig und ging wieder zurück. »Wenn Allan die junge Dame getroffen hat«, sprach er bei sich, »bedarf er meiner nicht.« Diese Worte begleitete er mit einem Lachen, dann wandte er sich rücksichtsvoll ab, um die Schönheiten von Thorpe-Ambrose auf der andern Seite des Hauses in Augenschein zu nehmen.

Um die Vorderseite des Gebäudes herumgehend, stieg er einige Stufen hinab, schritt auf einem gepflasterten Pfade entlang und sah sich bald in einem schmalen Gärtchen an der Hinterseite des Hauses. Hinter ihm befand sich eine Reihe von kleinen Zimmern, die in gleicher Ebene mit den Gesindestuben gelegen waren. Vor ihm, am entlegensten Ende des kleinen Gartens, erhob sich eine durch eine Lorbeerhecke geschützte Mauer, mit einer Thür an dem einen Ende, die an den Ställen vorüber zu einem Thore führte, vermittelst dessen man auf die Landstraße gelangte. Da er sah, daß er hiermit nur den Weg zum Hause entdeckt habe, den die Dienerschaft und die Handwerksleute benutzten, ging Midwinter abermals wieder zurück und blickte im Vorübergehen durch das Fenster eines der Zimmer im Erdgeschosse Waren dies etwa die Gesindestuben? Nein; diese befanden sich dem Anscheine nach in einem andern Theile des Erdgeschosses; das Fenster, durch das er sah, war das einer Polterkammer. Die beiden nächsten Zimmer dieser Reihe waren leer. Das vierte Fenster, dem er sich näherte, bot einige Abwechselung. Dasselbe bildete zugleich eine Thür und stand in diesem Augenblicke offen.

Durch die Bücherbretter angezogen, die er an der Wand bemerkte, trat Midwinter in das Zimmer. Die Bücher, nur wenige an der Zahl, beschäftigten ihn nicht lange; ein Blick auf die Rücken derselben genügte ihm, ohne daß er sie herunterenahm. Die Waverley-Romane, Erzählungen von Miß Edgeworth und deren zahlreichen Nachahmern, Gedichte von Mrs. Hemans und einige Bände von illustrierten »Andenken« bildeten den größeren Theil dieser kleinen Bibliothek. Midwinter wandte sich, um das Zimmer zu verlassen, als ein Gegenstand auf der einen Seite des Fensters, den er bisher nicht bemerkt hatte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog und ihn still stehen machte. Es war dies eine Statuette auf einer Console —— eine verkleinerte Copie der berühmten Niobe im Museum zu Florenz. Mit einem plötzlichen Zweifel, der sein Herz pochen machte, sah er von der Statuette nach dem Fenster. Es war ein langes Thürfenster, und die Statuette befand sich, indem er vor dem Fenster stand, zu seiner Linken. Er schaute mit einem Argwohn hinaus, wie er ihn bisher noch nicht gefühlt hatte. Die Aussicht, welche sich vor ihm ausbreitete, war die eines Rasenplatzes und eines Gartens. Einen Augenblick kämpfte sein Geist gegen den Schluß, der sich ihm aufdrang —— doch vergebens. Hier, um ihn und vor ihm, lag das Zimmer, welches Allan in der zweiten Vision seines Traumes gesehen hatte, und trieb ihn erbarmungslos von der glücklichen Gegenwart zu der grausigen Vergangenheit zurück.

Er zögerte sinnend und schaute sich dabei rings um. In seinem Gesichte und seinem Wesen war erstaunlich wenig von einer Gemüthsbewegung wahrzunehmen; ruhig blickte er von dem einen zum andern der wenigen Gegenstände in dem Zimmer, wie wenn die Entdeckung ihn nicht so sehr überrascht als betrübt hätte. Ein Strohgeflecht von ausländischer Production bedeckte den Fußboden. Zwei Rohrstühle und ein einfacher Tisch bildeten das ganze Geräth. Die Wände waren mit einer einfachen Tapete bedeckt und ohne allen Bilderschmuck; die Einförmigkeit derselben ward durch nichts als eine Thür, die ins Innere des Hauses führte, einen kleinen Ofen und die Bücherbretter unterbrochen, die Midwinter bereits bemerkt hatte. Er wandte sich wieder zu den Büchern und nahm diesmal einige derselben herunter.

Das erste, welches er öffnete, enthielt eine von Frauenhand herrührende Inschrift, deren Tinte durch die Zeit erblaßt war. Er las: »Jane Armadale von ihrem geliebten Vater. Thorpe-Ambrose, October 1828.« In den folgenden Bänden, die er aufschlug, fand er dieselbe Inschrift. Seine Kenntniß der Data und Personen verhalf ihm zu dem richtigen Schlusse. Die Bücher mußten Allan’s Mutter angehört haben, welche in der Zeit zwischen ihrer Rückkehr von Madeira und der Geburt ihres Sohnes ihren Namen in dieselben eingeschrieben hatte. Midwinter nahm darauf einen Band von einem andern Brette herunter —— einen Theil von Mrs. Hemans Werken. Das leere Anfangsblatt des Buches war auf beiden Seiten mit einer Abschrift von Versen, und zwar wieder von Mrs. Armadale’s Hand, angefüllt. Die Verse waren »Lebewohl an Thorpe-Ambrose« überschrieben und vom März 1829 datiert — nur zwei Monate nach Allan’s Geburt.

Das einzige Interesse des kleinen Gedichts, das an sich ohne den geringsten Werth war, lag in der Familiengeschichte, die dasselbe erzählte. Sogar das Zimmer, in dem Midwinter stand, war beschrieben —— die Aussicht auf den Garten, die Glasthür, die sich nach demselben öffnete, die Bücherbretter, die Niobe und einige andere vergängliche Zierrathen, welche die Zeit vernichtet hatte. Mit ihren Brüdern im Zwiste und sich ihrer ganzen Familie entziehend, hatte die Wittwe des Gemordeten ihrer eigenen Angabe zufolge sich hierher zurückgezogen und keinen andern Trost mitgenommen, als die Liebe und Verzeihung ihres Vaters. So kam ihr Kind zur Welt. Des Vaters Güte und sein kürzlich erfolgter Tod bildeten den Gegenstand vieler Verse, die in ihrem alltäglichen Ausdrucke der Reue und Verzweiflung glücklicherweise zu unklar waren, um einen Leser, der nicht bereits mit der Wahrheit bekannt war, irgendwie über die Heirathsgeschichte in Madeira aufzuklären. Dann folgten Andeutungen auf die Entfremdung der Schreiberin von all ihren übrigen Angehörigen und auf ihre nahe bevorstehende Abreise von Thorpe-Ambrose, und schließlich die Verkündigung des Entschlusses, sich von all ihren alten Verbindungen loszumachen; alles, selbst die unbedeutendste Kleinigkeit von dem zurückzulassen, was sie an die schreckliche Vergangenheit erinnern könnte, und ihr künftiges Leben von der Geburt ihres Kindes zu datieren, das ihr zum Troste gegeben und jetzt das einzige Wesen in der Welt war, welches ihr noch von Liebe und Hoffnung sprach. Und damit war abermals die alte Geschichte leidenschaftlichen Gefühls erzählt, das sich lieber durch Redensarten tröstet, als allem Troste entsagt.

Midwinter stellte das Buch mit einem schweren Seufzer wieder an seinen Platz.

»Hier in dem Landhause —— oder dort am Bord des Wracks ——« sagte er bitter, »die Spuren von dem Verbrechen meines Vaters folgen mir überall, wohin ich immer gehe.« Er schritt dem Fenster zu, stand still und schaute auf das einsame, vernachlässigte, kleine Zimmer zurück. »Ist dies Zufall?«,frug er sich. »Die Stelle, an der seine Mutter duldete, ist diejenige, die er im Traume sieht; und an dem ersten Morgen in dem neuen Hause wird dieselbe nicht ihm, sondern mir gezeigt. O, Allan! Allan! Wie wird dies enden?«

Eben noch mit diesem Gedanken beschäftigt, vernahm er von dem gepflasterten Pfade an der Seite des Hauses her Allan’s Stimme, der ihn beim Namen rief. Er trat hastig in den Garten hinaus. In demselben Augenblicke kam Allan um die Ecke gelaufen, voll Entschuldigungen, daß er in der Gesellschaft seiner neuen Nachbarn vergessen habe, was er der Gastfreundschaft und seinem Freunde schuldig sei.

»Ich habe Dich wirklich nicht vermißt«, sagte Midwinter; »und es freut mich sehr, zu hören, daß die neuen Nachbarn Dir bereits so gut gefallen.«

Während dieser Worte versuchte er Allan nach der Vorderseite des Hauses zurückzuführen; doch Allan’s flüchtige Aufmerksamkeit war durch das offene Fenster und das einsame kleine Zimmer angezogen worden. Er trat augenblicklich in dasselbe hinein. Midwinter folgte ihm und beobachtete ihn in athemloser Angst, wie er sich dort umschaute. Allan’s Gemüth ward durch keine Spur der Erinnerung an den Traum gestört, und sein Freund ließ keine Silbe der Anspielung auf denselben laut werden.

»Genau der Ort, den man von Dir aufgestöbert zu werden erwarten durfte!« rief Allan fröhlich. »Klein und gemüthlich und anspruchslos. Ich kenne Dich, Meister Midwinter! Du wirst hierher entschlüpfen, wenn die Grafschaftsfamilien mir ihre Besuche machen, und ich denke mir, daß ich bei solchen entsetzlichen Gelegenheiten nicht lange hinter Dir zurückbleiben werde. Was giebt’s? Du siehst krank und bekümmert aus. Hungrig? Natürlich bist Du hungrig! Unverzeihlich von mir,« Dich so lange warten zu lassen —— diese Thür führt vermuthlich irgendwo hin; wir wollen sehen, ob wir einen Weg ins Haus entdecken. Ich habe dort im Häuschen nicht viel gegessen, denn ich weidete meine Blicke an Miß Milroy, wie die Dichter sich ausdrücken. O, der kleine Engel! Sie kehrt Einem das Herz im Leibe um, sowie man sie nur erblickt. Was ihren Vater betrifft —— so warte, bis Du seine wunderbare Uhr siehst! Sie ist zweimal so groß als die berühmte Uhr in Straßburg und. hat einen gewaltigen Schlag, wie man seit Menschengedenken noch nie gehört hat!«

In dieser Weise das Lob seiner neuen Freunde aus vollem Halse singend, zog Allan seinen Freund Midwinter eiligst mit sich den steinernen Gang des Souterrains entlang, welcher, wie er richtig vermuthet hatte, zu einer mit der Eingangshalle in Verbindung stehenden Treppe führte. Sie kamen auf ihrem Wege an den Gesindestuben und der offen stehenden Küche vorbei. Beim Anblicke der Köchin und des hellen Feuers konnte Allan nicht mehr vernünftig bleiben und seine Würde als Hausherr behaupten.

»Aha, Mrs. Gripper, dort sind Sie ja bei ihren Töpfen und Pfannen und Ihrem feurigen Ofen! Man muß wahrlich ein Sadrach, Mesech und der andre Bursche sein, um es dort aushalten zu können. Frühstück, sobald es Ihnen beliebt! Eier, Würstchen, Schinken, Nieren, Marmelade, Wasserkresse, Kaffee und so weiter! Mein Freund und ich gehören zu den wenigen Auserwählten, für die zu kochen ein wahres Privilegium ist. Ein Paar Gourmands, Mrs. Gripper, wahre Gourmands! —— Du wirst sehen«, fuhr Allan fort, wie sie ihren Weg nach der Treppe fortsetzten, »daß ich jene würdige Person wieder jung machen werde; ich bin besser als ein Arzt für Mrs. Gripper. Wenn sie lacht, erschüttert sie ihre fetten Seiten; und wenn sie ihre fetten Seiten erschüttert, strengt sie ihr Muskelsystem an; und wenn sie ihr Muskelsystem anstrengt —— Ha! Hier ist Susan wieder. Drückt Euch nicht so ängstlich gegen das Geländer, mein Kind; wenn es Euch nicht unangenehm ist, mich aus der Treppe anzustoßen, so gestehe ich, daß ich Euch recht gern anstoße Sie sieht wie eine aufgeblühte Rose aus, wenn sie erröthet, nicht wahr? Halt, Susan! Ich wünsche Euch einige Befehle zu geben. Gebt Euch besondere Mühe mit Mr. Midwinter’s Zimmer; schüttelt sein Bett wie toll, und stäubt seine Meubles ab, bis Euch Eure hübschen, runden Arme schmerzen! —— Unsinn, mein lieber Junge! Ich bin nicht zu familiär mit ihnen; ich ermuntere sie blos zu ihrer Arbeit. Nun denn, Richard, wo frühstücken wir? O, hier. Unter uns gesagt, Midwinter, diese prachtvollen Zimmer sind zu groß für mich; es ist mir, als ob ich nie mit meinen eignen Meubles auf vertrautem Fuße stehen könne. Meine Lebensansichten sind dazu zu gemüthlich und ungezwungen —— ein Küchenstuhl, weißt Du, und eine niedrige Decke, das genügt. »Der Mensch nur wenig braucht hinieden, doch braucht er dieses lange.« Dies ist nicht gerade das richtige Citat; aber es drückt aus, was ich meine, und wir wollen uns nicht mit dem Corrigiren aufhalten.«

»Ich bitte um Vergebung«, unterbrach ihn Midwinter, »es erwartet Dich hier etwas, das Du noch nicht bemerkt hast.«

Bei diesen Worten deutete er ein wenig ungeduldig auf einen Brief, der auf dem Frühstückstische lag. Er vermochte Allan die ominöse Entdeckung zu verhehlen, die er an diesem Morgen gemacht; doch das lauernde Mißtrauen gegen Ereignisse, das jetzt in seiner argwöhnischen Natur erweckt worden war, —— jenen instinctmäßigen Verdacht gegen alles, was sich an diesem ersten denkwürdigen Tage in dem neuen Hause ereignete; dies war er nicht zu bemeistern im Stande.

Allan überflog den Brief und warf denselben dann über den Tisch seinem Freunde zu. »Ich verstehe kein Wort davon«, sagte er; »verstehst Du es?«

Midwinter las den Brief laut und langsam vor.

»Sir! Ich hoffe, daß Sie mir die Freiheit verzeihen werden, die ich mir nehme, indem ich diese wenigen Zeilen an Sie richte, noch ehe Sie in Thorpe-Ambrose angekommen sind. Sollten Sie sich durch die Umstände bewogen fühlen, Ihre Geschäftsangelegenheiten nicht Mr. Darch’s Händen zu übergeben ——« Hier hielt er plötzlich inne und überlegte ein wenig.

»Darch ist unser Freund, der Advokat«, sagte Allan, da er vermuthete, daß Midwinter den Namen vergessen habe. »Erinnerst Du Dich nicht, wie ich beim Empfange der beiden Anerbietungen für das Parkhäuschen den halben Kronthaler auf dem Kajütentische kreiseln ließ. —— Kopf für den Major, Wappen für den Advokaten? Dies ist der Advokat.«

Midwinter setze, ohne etwas zu erwidern, die Lectüre des Briefes fort. »Sollten Sie sich durch die Umstände bewogen fühlen, Ihre Geschäftsangelegenheiten nicht Mr. Darch’s Händen zu übergeben, so erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich mich glücklich schätzen werde, Ihren Interessen meine Thätigkeit zu widmen, wenn Sie mich mit Ihrem Zutrauen zu beehren geneigt sind. Indem ich für diesen Fall eine Empfehlung von meinen Agenten in London beilege und nochmals wegen dieser Belästigung um Vergebung bitte, habe ich die Ehre, mich zu zeichnen, Sir, mit Hochachtung Ihr ergebenster Diener A. Pedgift Senior.«

»Umstände?« wiederholte Midwinter, indem er den Brief niederlegte »Welche Umstände könnten Dich wohl abgeneigt machen, Mr. Darch Deine Geschäftsangelegenheiten zu übergeben?«

»Nichts kann mich abgeneigt machen«, sagte Allan. »Außerdem, daß er der Familienanwalt hier ist, war Darch auch der Erste, der mir die Nachricht von meiner Erbschaft nach Paris sandte; und sowie ich dergleichen Geschäftsangelegenheiten zu vergeben habe, so ist natürlich Darch der Mann.«

Midwinter warf einen argwöhnischen Blick auf den offen auf dem Tische liegenden Brief. »Ich fürchte sehr, Allan, daß bereits etwas nicht ist wie es sein sollte«, sagte er. »Dieser Mann würde es nimmer gewagt haben, sich Dir anzutragen, wenn er nicht guten Grund zu glauben hätte, daß Du ihn annehmen werdest. Du wirst am sichersten gehen, wenn Du heute Morgen noch Mr. Darch melden läßt, daß Du hier bist, und für jetzt von Mr. Pedgift’s Briefe keine Notiz nimmst.«

Ehe sie noch ferner etwas sagen konnten, erschien der Diener mit dem Frühstück. Ihm folgte in einer kleinen Weile der Kellermeister —— ein Mann von der wesentlich vertraulichen Sorte, mit einer wohl modulierten Stimme, hofmännischem Wesen und einer knolligen Nase. Jeder Andere als Allan würde in seinem Gesichte gelesen haben, daß er ins Zimmer gekommen sei, um seinem Herrn eine besondere Meldung zu machen. Allan aber, der nie etwas unter der Oberfläche sah, und dessen Gedanken mit dem Briefe des Advokaten vollauf beschäftigt waren. verhinderte ihn an der Ausführung seines Vorhabens, indem er geradezu die Frage an ihn richtete: »Wer ist Mr. Pedgift?«

Der Kellermeister öffnete sofort die Schleußen seiner Localkenntnisse. Mr. Pedgift sei der zweite der beiden Advokaten des Orts; nicht so lange ansässig, nicht so wohlhabend, nicht so allgemein angesehen wie der alte Mr. Darch. Er habe nicht die Geschäfte der höchsten Grafschaftsfamilien und sei in der guten Gesellschaft nicht so beliebt wie der alte Mr. Darch. Dessen ungeachtet sei er auf seine Weise ein sehr tüchtige: Mann und der ganzen Umgegend als ein fähiger und achtbarer Rechtsanwalt bekannt. Mit einem Worte, er gebe in seinem Fache Mr. Darch wenig nach und sei ihm insofern persönlich überlegen —— falls er sich so ausdrücken dürfe —— als Darch sehr mürrisch und Pedgift dies nicht sei.

Nachdem er diese Auskunft gegeben, ging der Kellermeister, indem er den Vortheil seiner Lage weislich benutzte, ohne Verzug auf die Angelegenheit über, die ihn in das Frühstückszimmer geführt hatte. Der Johannis-Termin rückte heran und es sei hier Brauch, die Pächter zu dem Zahltagsdiner einzuladen, was eine Woche vor diesem Diner geschehen müsse. Da die Zeit dränge und bisher noch keine Befehle ertheilt und kein Verwalter in Thorpe-Ambrose eingesetzt worden sei, scheine es wünschenswerth, daß eine zuverlässige Person die Sache zur Sprache bringe. Der Kellermeister sei diese zuverlässige Person und er wage es deshalb jetzt, seinen Herrn mit dem Gegenstande zu belästigen.

Hier öffnete Allan die Lippen, um ihn zu unterbrechen, ward aber seinerseits unterbrochen, ehe er ein Wort aussprechen konnte.

»Wartet« sagte Midwinter zu Allan, da er in dessen Gesichte las, daß er in Gefahr sei, öffentlich als Verwalter angekündigt zu werden. »Wartet« wiederholte er eifrig, »bis ich zuvor mit Dir gesprochen habe.«

Das hofmännische Wesen des Kellermeisters ward weder durch Midwinters Einmischung noch durch seine eigene Entlassung aus dem Zimmer im mindesten gestört. Nichts als die Röthe, die in seine Zwiebelnase stieg, verrieth das Gefühl der Kränkung, das sich seiner bemächtigte, indem er sich zurückzog Mr. Armadale’s Aussichten, sich und seinen Freund an diesem Tage mit dem besten Weine im Keller zu tractiren, waren im Sinken, als der Kellermeister wieder in das Souterrain zurückkehrte.

»Dies ist außer allem Spaße, Allan«, begann Midwinter, als sie allein waren.« »Es muß an dem Zahltage Deinen Pächtern ein Mann vorgestellt werden, der wirklich zu der Verwalterstelle taugt. Mir ist es bei dem besten Willen unmöglich, mich innerhalb einer Woche gehörig in die Sache hineinzuarbeiten. Ich muß dringend wünschen, daß Deine Sorge für mein Wohlergehen Dich nicht Deinen Leuten gegenüber in eine falsche Stellung bringt, und könnte mir nimmer vergeben, wenn ich die unglückselige Ursache wäre ——«

»Sachte, sachte!« rief Allan, staunend über die außerordentliche Ernsthaftigkeit seines Freundes. »Wird es Dich zufrieden stellen, wenn ich mit der Abendpost einen Brief nach London sende und den Mann wieder herbestelle, der schon vorher da war?«

Midwinter schüttelte den Kopf. »Unsere Zeit ist kurz«, sagte er; »und der Mann ist vielleicht nicht mehr frei. Warum es nicht zuvor in der Nachbarschaft versuchen? Du wolltest an Mr. Darch schreiben. Schreibe sogleich und sieh, ob er uns nicht zwischen jetzt und der Abendpost aus der Verlegenheit helfen kann.«

Allan ging an einen Nebentisch, auf dem sich Schreibmaterialien befanden. »Du sollst in Frieden frühstücken, Du alter Sorgenkopf«, erwiderte er und schrieb sofort mit seiner gewohnten spartanischen Kürze an Mr. Darch:

»Verehrter Herr! Hier bin ich mit Sack und Pack. Wollen Sie mir die große Gefälligkeit erzeigen, mein Rechtsanwalt zu sein? Ich frage dies, weil ich Sie sofort zu consultiren wünsche Bitte, lassen Sie sich im Verlauf des Tages hier sehen und bleiben Sie, falls es Ihnen irgend möglich, zu Tische da. Aufrichtig der Ihre, Allan Armadale.«

Nachdem er diesen Brief mit unverhohlener Bewunderung seiner eigenen Schnelligkeit in literarischer Composition laut vorgelesen, adressierte er denselben an Mr. Darch und klingelte. »Hier, Richard, überbringt diesen Brief sogleich und wartet auf Antwort. Und, hört, falls es in der Stadt irgendwelche Neuigkeiten gibt, so sammelt dieselben und bringt sie mit Euch zurück! —— Sieh, wie ich mit meinen Dienern umzugehen weiß!« fuhr Allan fort, indem er zu seinem Freunde am Frühstückstische zurückkehrte. »Sieh nur, wie ich mich meinen neuen Pflichten anpasse! Ich bin noch keinen ganzen Tag hier und fange bereits Interesse an der Umgegend zu nehmen an!«

Als die beiden Freunde mit dem Frühstück fertig waren, gingen sie hinaus, um den Morgen im Schatten eines Baumes im Park zu verträumen. Der Mittag kam, doch Richard nicht mit ihm. Es schlug ein Uhr, und noch immer keine Antwort von Mr. Darch. Midwinter’s Ungeduld konnte den Verzug nicht ertragen. Er ließ Allan schlummernd im Grase liegen und ging nach dem Hause, um Erkundigungen anzustellen. Die Stadt, unterrichtete man ihn, sei wenig mehr als zwei Meilen vom Hause entfernt, doch sei es eben Markttag und Richard werde möglicherweise von einigen der vielen Bekannten aufgehalten, die er bei dieser Gelegenheit getroffen.

Eine halbe Stunde später kehrte der säumige Bote zurück und ward hinaus gesandt, um sich bei seinem Herrn unter dem Baume im Park zu melden.

»Habt Ihr die Antwort von Mr. Darch?« frug Midwinter, da er sah, daß Allan zu träge sei, um selber zu fragen.

»Mr. Darch war beschäftigt, Sir. Ich erhielt Befehl zu sagen, er wolle die Antwort senden.«

»Nichts Neues in der Welt?« frug Allan schläfrig, ohne sich die Mühe zu nehmen, die Augen zu öffnen.«

»Nein, Sir; nichts Besonderes.«

Indem Midwinter den Mann argwöhnisch beobachtete, las er deutlich in seinem Gesichte, daß er nicht die Wahrheit rede. Er war sichtlich verlegen und fühlte sich augenscheinlich erleichtert, als das Schweigen seines Herrn ihm zu gehen gestattete. Nach kurzem Ueberlegen folgte Midwinter dem Diener und holte ihn in der Auffahrt vor dem Hause ein.

»Richard«, sagte er ruhig, »würde ich, wenn ich sagte, daß es allerdings etwas Neues in der Stadt gab und daß Ihr dasselbe Eurem Herrn nicht gern mittheilen mögt, die Wahrheit errathen haben.«

Der Mann erschrak und wechselte die Farbe.

»Ich weiß nicht, wie Sie es entdeckt haben, Sir«, sagte er; »aber ich kann nicht leugnen, daß Sie recht gerathen haben.«

»Wenn Ihr mir die Neuigkeit mittheilen wollt, will ich die Verantwortlichkeit übernehmen, Mr. Armadale von derselben in Kenntniß zu setzen.«

Nach einigem Zögern und nachdem er seinerseits Midwintens Gesicht einen Augenblick argwöhnisch beobachtet, entschloß Richard sich endlich, zu erzählen, was er an diesem Tage in der Stadt gehört.

Die Neuigkeit von Allan’s plötzlichem Erscheinen in Thorpe-Ambrose war der Ankunft des Dieners an seinem Bestimmungsorte um einige Stunden vorausgeeilt Ueberall, wohin er ging, fand er, daß sein Herr den Gegenstand der öffentlichen Besprechung bildete. Die Meinung über Allan’s Benehmen war unter den Hauptbewohnern der Stadt, den vornehmen Familien der Umgegend und den ersten Pächtern auf der Besitzung allgemein eine ungünstige. Der Ausschuß für den öffentlichen Empfang des neuen Squire hatte erst gestern den Plan für die Procession entworfen; hatte die wichtige Frage in Bezug auf die Triumphbogen erledigt und eine competente Person ernannt, welche Subscriptionen für die Flaggen, Blumen, Festmahle, Feuerwerke und die Musikanten sammeln sollte. In weniger als einer Woche wäre dann das Geld zusammengebracht gewesen und der Pfarrer würde an Mr. Armadale geschrieben und ihn ersucht haben, den Tag zu bestimmen. Und jetzt hatte Allan die öffentliche Bewillkommnung die man ihm zu Ehren beabsichtigt, verachtungsvoll zurückgewiesen! Jeder nahm es für ausgemacht an, daß er heimliche Nachricht von dem ihm zugedachten Empfange erhalten habe. Jeder erklärte, er habe sich absichtlich wie ein Dieb in der Nacht in sein Haus eingeschlichen, um sich den Aufmerksamkeiten seiner Nachbarn zu entziehen. Kurz, der empfindsame Stolz der kleinen Stadt fühlte sich tief verletzt, und um Allans beneidenswerthe Stellung in der Achtung seiner Nachbarn war es geschehen.

Einen Augenblick stand Midwinter dem Ueberbringer dieser schlimmen Nachrichten in schweigender Bekümmerniß gegenüber. Dann aber trieb ihn das Bewußtsein von Allan’s kritischer Lage, jetzt, da ihm das Unheil bekannt war, unverzüglich ein Mittel zu suchen, wodurch die Sache wieder gut gemacht werden könne.

»Hat das Wenige, was Ihr von Eurem Herrn gesehen habt, Euch zu seinem Gunsten eingenommen, Richard?« frug er.

Diesmal antwortete der Mann ohne alles Zögern. »Einem bessern und gütigeren Herrn als Mr. Armadale kann Niemand zu dienen wünschen.«

»Wenn das Eure Ansicht ist«, fuhr Midwinter fort, »so werdet Ihr nichts dawider haben, mir einige Auskunft zu geben, die Eurem Herrn behilflich sein kann, sich seinen Nachbarn gegenüber zu rechtfertigen. Kommt mit mir ins Haus.«

Er ging in das Bibliothekzimmer. Nachdem er die nöthigen Fragen gethan, stellte er eine Liste von den Namen und Adressen der einflußreichsten Bewohner der Stadt und Umgegend zusammen, und sobald er damit fertig war, klingelte er dem oberen Bedienten, da er Richard unterdessen nach dem Stalle gesandt hatte, um zu bestellen, daß innerhalb einer Stunde der Wagen vorfahre.

»Wenn der verstorbene Mr. Blanchard ausfuhr, um Besuche in der Umgegend zu machen, war es da nicht Euer Dienst, ihn zu begleiten?«" frug Midwinter, als der obere Bediente erschien. »Sehr gut! Dann haltet Euch gefälligst bereit, in einer Stunde mit Mr. Armadale auszufahren.« Nachdem er diesen Befehl gegeben, verließ er wieder das Haus und kehrte mit der Besuchliste in der Hand zu Allan zurück. Er lächelte ein wenig traurig, wie er die Stufen hinabging. »Wer hätte gedacht«, sagte er bei sich, »daß meine Bedientenjungen-Erfahrungen in den Sitten und Bräuchen vornehmer Leute eines Tages um Allan’s willen der Erinnerung werth sein würden?«

Der Gegenstand des öffentlichen Abscheus lag unschuldig schlummernd im Grase, den Gartenhut über die Nase gedrückt, die Weste und Beinkleider gelöst. Midwinter weckte ihn, ohne einen Augenblick zu zögern, und theilte ihm rückhaltlos die Neuigkeiten des Dieners mit.

Allan hörte die ihm in dieser Weise aufgedrungene Offenbarung ruhig an. »O, sie mögen zum Henker gehen!« war alles, was er sagte. Laß uns noch eine Cigarre rauchen.« Midwinter nahm ihm die Cigarre aus der Hand. Indem er darauf bestand, daß Allan die Sache ernstlich nehme, sagte er ihm mit deutlichen Worten, er müsse sich aus der falschen Stellung reißen, die er seinen beleidigten Nachbarn gegenüber einnehme, indem er ihnen persönlich seine Aufwartung mache und sich entschuldige Allan richtete sich staunend im Grase auf; seine Augen öffneten sich leicht vor ungläubigem Entsetzen. Er frug, ob Midwinter wirklich die Absicht habe, ihn in einen Cylinderhut, einen sauber gebürsteten Rock und ein Paar reine Handschuhe zu zwingen? Ob er daraus ausgehe, ihn mit dem Diener auf dem Bock und dem Kartenetui in der Hand, in einen Wagen zu sperren und von Haus zu Haus zu schicken, um einen Haufen Narren um Verzeihung zu bitten, daß er ihnen nicht gestattet, ihn öffentlich zu »zeigen.« Wenn wirklich etwas so unerhört Lächerliches gethan werden müsse, könne es doch jedenfalls nicht heute geschehen. Er habe versprochen, zu der reizenden Miß Milroy im Parkhäuschen zurückzukehren und Midwinter mitzubringen. Was in aller Welt sei ihm an der guten Meinung der benachbarten Gutsherrschaften gelegen? Die einzigen Freunde, um die es ihm zu thun sei, seien diejenigen, die er bereits besitze. Die ganze Nachbarschaft möge ihm den Rücken wenden, wenn es ihr beliebe —— es sei dem Squire von Thorpe-Ambrose vollkommen einerlei, ob er ihr Gesicht oder ihren Rücken sehe.

Nachdem Midwinter ihn in dieser Weise hatte fortreden lassen, bis sein ganzer Vorrath von Einwendungen erschöpft war, versuchte er zuerst, was sein persönlicher Einfluß bei Allan vermöge. Er faßte ihn liebevoll bei der Hand. »Ich will Dich um eine große Gefälligkeit bitten«, sagte er. »Wenn Du diesen Leuten nicht um Deiner selbst willen Deinen Besuch machen willst —— willst Du es nicht wenigstens mir zu Liebe thun?«

Allan stieß einen Seufzer der Verzweiflung aus, richtete seinen Blick in stummem Erstaunen auf das besorgte Gesicht seines Freundes und gab gutmüthig nach. Wie Midwinter seinen Arm nahm und ihn nach dem Hause zurückführtq warf er einen kläglichen Blick aus die Kühe neben ihnen, die in dem kühlen Schatten sich friedlich mit den Schwänzen peitschten. »Laß es nicht in der Nachbarschaft verlauten«, sagte er, »aber ich möchte gern mit meinen Kühen tauschen.«’

Midwinter verließ ihn, damit er sich ankleiden, nachdem er zurückzukehren versprochen, wenn der Wagen vorfahren werde. Allan’s Toilette versprach keine sehr schnelle zu werden. Er begann dieselbe damit, daß er seine Visitenkarten las, und schritt dann zu einem zweiten Stadium vor, indem er in einen Kleiderschrank schaute und die ganze gutsherrschaftliche Umgegend zum Teufel wünschte. Ehe er noch ein drittes Mittel entdecken konnte, um seine Aufgabe zu verzögern, bot sich ihm dieser Vorwand unerwarteterweise durch das Erscheinen Richard’s, welcher ein Billet überbrachte. Es war soeben der Bote mit Mr. Darch’s Antwort gekommen. Allan schloß schnell den Kleiderschrank und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Briefe des Advokaten. Die erfreuliche Antwort Mr. Darch’s lautete also:

»Sir! Ich habe die Ehre, Ihnen den Empfang Ihres werthen Schreibens von heute zu melden, in welchem Sie mich mit dem Antrage, Ihr Rechtsanwalt zu werden, und mit der Einladung zu einem Besuche in Ihrem Hause beehren. In Bezug auf den ersteren Punkt bitte ich um Erlaubniß, die mir zugedachte Ehre mit Dank ablehnen zu dürfen. Was Ihre freundliche Einladung zu einem Besuche betrifft, so muß ich Sie benachrichtigen, daß ich gewisse Dinge bezüglich der Vermiethung des Parkhäuschens zu Thorpe-Amibrose erfahren habe, die es mir, wenn ich gegen mich selber gerecht sein will, unmöglich machen, Ihre Einladung anzunehmen. Ich habe in Erfahrung gebracht, Sir, daß mein Anerbieten gleichzeitig mit dem von Major Milroy an Sie gelangte und daß Sie, da beide Anträge vor Ihnen lagen, einem Fremden, dessen Bewerbung durch einen Hausagenten kam, den Vorzug vor einem Manne gaben, der während zweier Generationen Ihren Anverwandten treue Dienste geleistet hat und welcher der Erste war, der Sie von dem wichtigsten Ereignisse in Ihrem Leben unterrichtete. Nachdem Sie mir hierdurch den Beweis gegeben haben, was Sie den Anforderungen der gewöhnlichsten Höflichkeit und Gerechtigkeit schuldig zu sein glaubten, darf ich mir nicht mit der Hoffnung schmeicheln, irgendwelche von den Eigenschaften zu besitzen, die mich zu einem Platze auf der Liste Ihrer Freunde berechtigen würden.
Ich verbleibe, Sir,

Ihr gehorsamster Diener
James Darch.«

»Laßt den Boten warten!« rief Allan aufspringend und indem sein Gesicht vor Entrüstung erglühte. »Gebt mir Tinte, Feder und Papier! Beim Lord Harry, das sind hübsche Leute hier in dieser Gegend; die ganze Nachbarschaft hat sich gegen mich verschworen!« In einer edlen Wuth epistolarischer Begeisterung ergriff er die Feder.

»Sir —— Ich verachte Sie und Ihren Brief ——« Hier machte die Feder einen Klecks und der Schreiber zögerte einen Augenblick. »Zu stark«, dachte er; »ich will’s dem Advokaten in seinem eigenen trocknen, beißenden Stile zurückgeben.« Er begann noch einmal auf einem reinen Blatt Papier. »Sir — Sie erinnern mich an eine irländische Widersinnigkeit. Ich meine jene Geschichte in Joe Miller, wo Pat in Gegenwart eines Spaßvogels bemerkt, »die Reciprocität ist alle auf einer Seite.« Ihre Reciprocität ist allerdings ganz und gar auf einer Seite. Sie schlagen es aus, mein Rechtsanwalt zu sein, und beklagen sich dann darüber, daß ich es ausschlage, Ihr Hauswirth zu sein.« Nach diesen Worten machte er eine zärtliche Pause. »Sehr fein!« dachte er. »Argument und scharfer Hieb, alles zusammen Wo ich nur diese Gewandtheit im Schreiben herhaben mag?« Dann beendete er den Brief, indem er nur noch zwei Sätze hinzufügte »Was Ihre Zurückweisung meiner Einladung betrifft, so befinde ich mich um nichts schlechter durch dieselbe. Ich bin froh, weder als Freund noch als Hauswirth mit Ihnen zu thun zu haben. Allan Armadale.«

Er nickte seiner Composition frohlockend zu, indem er dieselbe adressierte und dann zu dem Boten hinunter sandte. »Darch muß ein dickes Fell haben«, sagte er, »wenn er das nicht fühlt.«

Rädergerassel vor dem Hause rief ihn plötzlich zu seinem Geschäfte zurück. Der Wagen wartete, um ihn auf seiner Visitenrunde herumzufahrem auch Midwinter war bereits, wie er versprochen, auf Posten. »Lies das«, rief Allan, ihm den Brief des Advokaten zuwerfend. »Ich habe ihm einen Zermalmer zurückgeschrieben.«

Er eilte an den Kleiderschrank zurück, um seinen Rock zu holen. Eine wunderbare Veränderung war mit ihm vorgegangen; er fühlte jetzt wenig oder gar keine Abneigung mehr, die Besuche zu machen. Die angenehme Aufregung, die mit der Beantwortung von Darch’s Brief verbunden war, hatte ihn in eine vortreffliche, zur Offensive gegen seine Nachbarschaft geneigte Stimmung versetzt »Was sie auch sonst von mir sagen mögen, sie sollen wenigstens nicht sagen, daß ich mich fürchtete, ihnen entgegenzutreten.« Bei diesen Gedanken gerieth er noch mehr in die Hitze, und so ergriff er Hut und Handschuhe und eilte aus dem Zimmer. Im Corridor begegnete er Midwinter, der den Brief des Advokaten in der Hand hielt.

»Sei frohen Muths!« rief Allan, da er die Sorge im Gesichte seines Freundes bemerkte und dieselbe für den Augenblick falsch deutete. »Wenn wir nicht darauf rechnen können, daß Darch uns Jemanden verschafft, der uns in der Verwalterstube behilflich ist, so wird Pedgift es thun.«

»Mein lieber Allan, daran dachte ich nicht, sondern an Mr. Darch’s Brief. Ich vertheidige diesen sauern Menschen nicht —— aber ich fürchte, wir müssen zugeben, daß er einige Ursache hat, sich zu beklagen. Bitte, gib ihm nicht noch weitere Gelegenheit hierzu. Wo ist Deine Antwort auf diesen Brief?«

»Abgegangen!« erwiderte Allan. »Ich schmiede das Eisen stets solange es warm ist —— ein Wort und ein Schlag, und zwar den Schlag zuerst, das ist meine Art. Ich bitte Dich, mein lieber Junge, ängstige Dich nicht um die Verwalterbücher und den Zahltag. Hier! Hier ist ein Bund Schlüssel, den man mir gestern Abend gab; einer derselben öffnet die Thür des Zimmers, wo die Verwaltungsbücher liegen; geh hinein und lies in denselben, bis ich wieder zurückkomme. Ich gebe Dir mein heiliges Ehrenwort, daß ich die ganze Geschichte mit Pedgift abmachen will, ehe Du mich wiedersiehst.«

»Einen Augenblicks rief Midwinter, ihn entschlossen auf dem Wege nach dem Wagen anhaltend. »Ich sage nichts gegen Mr. Pedgift’s Zuverlässigkeit, denn ich weiß von nichts, das mich ihm zu mißtrauen berechtigte. Aber er hat sich Dir nicht in sehr zartfühlender Weise vorgestellt; auch hat er ganz verschwiegen, daß er zur Zeit, da er an Dich schrieb, wußte, wie feindselig Darch gegen Dich gestimmt sei — während er doch sicher davon gewußt hat. Watte ein Wenig, ehe Du zu diesem Fremden gehst; warte, bis wir uns heute Abend darüber besprechen können.«

»Warten!«» erwiderte Allan. »Habe ich Dir nicht gesagt, daß ich stets das Eisen schmiede, solange es warm ist? Verlaß Dich auf meine Charakterkenntniß alter Junge; ich werde Pedgift sehr schnell durchschauen und dann danach handeln. Halte mich um Himmels willen nicht länger auf. Ich bin in einer herrlichen Laune, auf die ansässigen Gutsherrschaften loszugehen, und ich fürchte, sie könnte vermuthen, wenn ich nicht sogleich aufbreche.«

Nach dieser vortrefflichen Entschuldigung für seine Eile stürzte Allan von dannen. Ehe es möglich war, ihn nochmals zurückzuhalten, war er in den Wagen gesprungen und fortgefahren.


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