Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Dritter Band - Zehntes Kapitel
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Armadale



Zehntes Kapitel.

Zwei Tage nach Midwinter’s Abschied von Thorpe-Ambrose schellte Mrs. Milroy, nachdem sie ihre Morgentoilette beendet und ihre Wärterin entlassen, fünf Minuten später abermals auch dieser und fragte die Eintretende ungeduldig, ob die Briefe mit der Morgenpost angelangt seien.

»Briefe?« wiederholte die Wärterin. »Haben Sie nicht Ihre Uhr? Wissen Sie nicht, daß es noch eine gute halbe Stunde zu früh ist, um schon Ihre Briefe verlangen zu können?« Sie sprach mit der vertraulichen Dreistigkeit einer Dienerin, welche die Schwäche und Abhängigkeit ihrer Herrin zu mißbrauchen seit langer Zeit gewohnt war. Mrs. Milroy schien ihrerseits ebenso sehr an das Benehmen ihrer Wärterin gewöhnt. Gelassen ertheilte sie ihre Befehle, ohne von jenem Notiz zu nehmen.

»Wenn der Briefträger kommt«, sagte sie, »so geht Ihr und nehmt ihm die Briefe ab. Ich erwarte einen Brief, den ich schon vor zwei Tagen hätte haben sollen. Unbegreiflich. Ich fange an, die Dienstboten in Verdacht zu haben.«

Die Wärterin lächelte verächtlich. »Wen werden Sie demnächst beargwöhnen?« sagte sie. »So, so! Werden Sie nicht ärgerlich. Ich will heute Morgen ans Pförtchen gehen, sobald geschellt wird, und wir wollen sehen, ob ich Ihnen einen Brief bringen kann, wenn der Briefträger kommt.« Mit diesen Worten, die sie in einem Tone sprach, als ob sie ein eigensinniges Kind beruhige, verließ die Wärterin das Zimmer, ohne zu warten, bis man sie verabschiedete.

Als sie wieder allein war, wandte Mrs. Milroy sich langsam und matt aus ihrem Bette um und ließ das durchs Fenster hereinströmende Licht auf ihr Gesicht fallen.

Dies war das Gesicht eines Weibes, das einst schön gewesen und das hinsichtlich seiner Jahre noch in der Blüte des Lebens stand. Lang dauerndes Körperleiden und beständige Gemüthsbewegung hatten sie zu Haut und Knochen abgezehrt. Das völlige Wrack ihrer Schönheit ward durch ihre verzweifelten Bemühungen, dieses Wrack selbst vor sich selber, vor ihrem Gatten und ihrem Kinde wie vor dem Arzte zu verbergen, dessen Sache es war, die Wahrheit zu ergründen, zu einem entsetzlichen Anblicke gemacht Ihr Kopf, der den größeren Theil seines Haarschmucks verloren, würde weniger schauerlich anzusehen gewesen sein, als die scheußlich jugendliche Perücke, durch welche sie den Verlust zu verbergen suchte. Ihr schlechter Teint und ihre Runzeln hätten einen weniger widerwärtigen Anblick gewährt, als die dicke Kruste von Schminke, die auf ihren Wangen lag, und die weiße Emaille auf ihrer Stirn. Die schönen Spitzen und Stickereien an ihrem Nachtkleide, die Bänder an ihrem Häubchen und die Ringe an ihren hageren Fingern, die alle darauf berechnet waren, das Auge von der Veränderung abzuziehen, die mit ihr vorgegangen war, lenkten vielmehr erst die Aufmerksamkeit auf diese Veränderung, —— hoben sie noch mehr hervor und machten sie durch die Macht des Contrastes nur noch hoffnungsloser und fürchterlicher, als sie in Wirklichkeit war. Ein illustriertes Modejournal, in welchem Frauen durch den freien Gebrauch ihrer Gliedmaßen ihren Putz zur Schau trugen, lag auf dem Bette, von dem sie selbst seit Jahren sich ohne die Unterstützung ihrer Pflegerin nicht hatte bewegen können. Neben dem Journal lag ein Handspiegel so nahe, daß sie ihn leicht erreichen konnte. Nachdem die Wärterin sie verlassen, nahm sie diesen Spiegel in die Hand und betrachtete ihr Gesicht mit einem Interesse und einer Aufmerksamkeit, deren sie sich im achtzehnten Jahre würde geschämt haben.

»Immer älter und älter, immer magerer und magerer!« sagte sie. »Der Major wird bald ein freier Mann sein —— aber zuvor will ich diese rothköpfige Mamsell aus dem Hause schaffen!«

Sie ließ den Spiegel auf die Bettdecke fallen und ballte die Hand, die ihn gehalten hatte. Plötzlich hefteten sich ihre Augen auf ein mit Kreide gezeichnetes kleines Porträt ihres Gatten, das an der Wand ihr gegenüber hing, und betrachteten das Bildchen mit dem kalten, grausam funkelnden Blicke des Raubvogels. »Also Roth ist Dein Geschmack in Deinen alten Tagen, nicht wahr?« sagte sie zu dem Porträt. »Rothes Haar und ein scrophulöser Teint und eine ausgestopfte Figur, und der Gang einer Ballettänzerin und die leichten Finger einer Taschendiebin Miß Gwilt! Miß, mit solchen Augen und einem solchen Gange!« Sie wandte plötzlich den Kopf auf dem Kissen um und brach in ein schneidendes Hohngelächter aus. »Miß!« wiederholte sie einmal über das andere, mit dem giftigen Nachdruck der unbarmherzigsten aller Gestalten menschlicher Verachtung —— der Verachtung eines Weibes für das andere.

Die Zeit, in der wir leben, behauptet, daß kein menschliches Wesen völlig verdammenswerth ist. Giebt es eine Entschuldigung für Mrs. Milroy? Ihre Lebensgeschichte möge diese Frage beantworten.

In ungewöhnlich früher Jugend hatte sie den Major geheirathet und damit sich mit einem Manne vermählt, der alt genug war, um ihr Vater sein zu können —— ein Mann, der zu jener Zeit, und zwar nicht mit Unrecht, in dem Rufe stand, seine gesellschaftlichen Gaben und die Vorzüge seiner persönlichen Erscheinung den Frauen gegenüber aufs Aeußerste ausgebeutet zu haben. Von mittelmäßiger Erziehung und in gesellschaftlicher Stellung ihrem Gatten untergeordnet, hatte sie unter dem Einflusse ihrer geschmeichelten Eitelkeit seine Bewerbungen angenommen und schließlich selbst den Zauber empfunden, den Major Milroy in früheren Tagen auf Frauen ausgeübt hatte, die ihr in geistiger Beziehung unendlich überlegen gewesen waren. Ihn, seinerseits, hatte ihre Hingebung gerührt und außerdem ihre Schönheit, Frische und Jugend angezogen. Bis zur Zeit, wo ihre kleine Tochter, die zugleich ihr einziges Kind blieb, ihr achtes Jahr zurückgelegt, war ihr eheliches Leben ein ungewöhnlich glückliches gewesen. Um diese Zeit traf sie der doppelte Schicksalsschlag, daß die Gesundheit der Gattin zu wanken begann und der Gatte fast sein ganzes Vermögen einbüßte —— und von diesem Augenblicke an hatte das häusliche Glück des Ehepaars in Wirklichkeit ein Ende genommen.

Da er das Alter erreicht, in welchem der Mensch in der Regel unter dem Druck des Schicksals eher zu resignieren, als ihm Widerstand zu bieten pflegt, hatte der Major den kleinen Rest seines Vermögens in Sicherheit gebracht, sich aufs Land zurückgezogen und geduldig in seinen mechanischen Beschäftigungen seinen Trost gesucht. Ein Weib, das ihm an Jahren näher gestanden, oder ein Weib von besserer Erziehung und duldsamerem Gemüthe, als seine Gattin, würde das Verhalten des Majors begriffen und in seiner Ergebung ihren eigenen Trost gefunden haben. Mrs. Milroy aber vermochte in nichts Trost zu finden. Weder ihre Natur noch ihre Erziehung halfen ihr das Unglück mit Ergebung zu ertragen, das sie in der Blüte ihrer Jugend, und in dem höchsten Glanze ihrer Schönheit getroffen hatte. Der Fluch einer unheilbaren Krankheit zerrüttete sie sofort und auf Lebenszeit.

Leiden entwickeln sowohl das verborgene Böse in der menschlichen Natur, wie das verborgene Gute. Das Gute in Mrs. Milroy’s Natur schrumpfte unter dem verderblichen Einflusse zusammen, unter dem das Böse wuchs und sich entfaltete! Von Monat zu Monat ward sie, wie sie physisch schwächer wurde, moralisch schlechter. Alles was niedrig, grausam und falsch in ihr war, wuchs in sicherem Verhältnisse zur Abnahme alles dessen, was einst großmüthig, liebenswerth und wahr an ihr gewesen. Der alte Argwohn, daß ihr Gatte gern wieder in die Unregelmäßigkeiten seines Junggesellenlebens zurückfallen möchte, den sie ihm zur Zeit ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit offen eingestanden, und dessen Grundlosigkeit sie früher oder später stets eingesehen hatte, kehrte ihr jetzt, da ihre Krankheit sie von ihm geschieden, in der Gestalt jenes niedrigen, eifersüchtigen Mißtrauens zurück, das sich so schlau versteckt, das den Zündstoff Atom für Atom zu einem Haufen zusammenträgt und das langsam brennende Feuer der Eifersucht im Herzen entflammt. Kein Beweis, den man Mrs. Milroy jetzt von ihres Gatten tadellosem und harmlosem Leben zu bringen vermochte; keine Berufung auf ihre Selbstachtung oder auf ihre Rücksicht auf ihr jetzt zum Weibe heranreifendes Kind hatte die Macht, die fürchterliche Selbsttäuschung zu verscheuchen, die aus ihrer hoffnungslosen Krankheit erwuchs uud mit derselben zunahm. Gleich allem andern Wahnsinn hatte jene ihre Zeiten der Ebbe und Flut, Zeiten krampfhaften Ausbruchs und Zeiten einer heuchlerischen Ruhe —— aber ob activ oder passiv vorhanden war der Wahn stets. Unschuldige Dienerinnen und tadellose Fremde waren dadurch verletzt worden. Sie hatte die ersten Thränen der Beschämung und des Kummers dadurch in die Augen ihrer Tochter gebracht und die tiefsten Linien damit in das Gesicht ihres Gatten gefurcht. Dies war seit Jahren das geheime Elend des kleinen Haushaltes gewesen —— jetzt sollte es die Schranken des Hauses überschreiten und die bevorstehenden Ereignisse in Thorpe-Ambrose beeinflussen, von welchen die Zukunft Allan’s und seines Freundes betroffen wurde.

Zum richtigen Verständnisse der ernsten Folgen, die Miß Gwilt’s Erscheinen herbeigeführt, bedarf es eines kurzen Hinblickes aus die Lage der Dinge im Parkhäuschen vor der Ankunft der neuen Erzieherin.

Als die Gouvernante, welche seit vielen Jahren in seiner Familie gelebt und deren Alter und Aussehen selbst Mrs. Milroy’s Eifersucht keinen Anhaltspunkt boten, sich verheirathet, hatte der Major die Frage, ob er seine Tochter einer Erziehungsanstalt anvertrauen solle, weit ernstlicher in Erwägung gezogen, als seine Gattin es vermuthete. Einerseits wußte er, daß in seinem Hause Auftritte stattfanden, denen ein so junges Mädchen nicht beiwohnen sollte. Auf der andern aber fühlte er ein unbezwingliches Widerstreben gegen die einzige wirksame Maßregel, seine Tochter sowohl während der Ferien, als während der Schulzeit aus dem Hause zu geben. Nachdem der hierüber in seinem Geiste erwachte Zwiespalt endlich durch den Entschluß, durch die Zeitungen sich eine Erzieherin zu suchen, beigelegt worden war, hatte Major Milroy’s angeborener Hang, Unannehmlichkeiten lieber zu meiden, als ihnen auf halbem Wege entgegen zu gehen, sich wieder in der gewohnten Weise offenbart. So ruhig wie immer hatte er die Augen gegen seine häuslichen Sorgen geschlossen und war, wie er dies schon bei Hunderten von früheren Gelegenheiten gethan, zu der tröstlichen Gesellschaft seiner alten Freundin, der Uhr, zurückgekehrt.

Anders verhielt es sich mit seiner Gattin. Die Möglichkeit, welche ihr Gatte gänzlich außer Acht gelassen, daß nämlich die erwartete neue Erzieherin eine jüngere und anziehendere Person sein könnte, als die alte Gouvernante, die sie verlassen hatte, war das Erste, was Mrs. Milroy vor die Seele trat. Sie hatte indeß nichts gesagt. Während sie im Stillen gewartet und im Stillen ihr eingewurzeltes Mißtrauen genährt, hatte sie ihrem Gatten und ihrer Tochter zugeredet, sie gelegentlich des Picknicks zu verlassen, mit dem ausdrücklichen Vorsatze, diese Abwesenheit zu benutzen, um die neue Erzieherin allein zu sehen. Die Erzieherin hatte sich vorgestellt und das glimmende Feuer von Mrs. Milroy’s Eifersucht war in dem ersten Augenblicke, da sie und die schöne Fremde einander erblickt, in hellen Flammen aufgelodert.

Sowie die Unterredung vorüber, war Mrs. Milroy’s Argwohn augenblicklich und unerschütterlich auf Major Milroy’s Mutter gefallen. Sie wußte sehr wohl, daß der Major sonst Niemanden in London kannte, den er mit den nothwendigen Erkundigungen beauftragen konnte, und daß Miß Gwilt sich als Fremde nur infolge der Aufforderung in der Zeitung um die Stelle beworben hatte. Obgleich sie indeß dies wußte, hatte sie mit der blinden Raserei der blindesten aller Leidenschaften hartnäckig vor allen offen vor ihr liegenden Thatsachen die Augen geschlossen und der letzten all’ der zahlreichen Differenzen zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter gedenkend, die damit geendet, daß sie die beiden Damen gänzlich auseinander gebracht hatte, war sie begierig auf den Schluß gefallen, daß sie Miß Gwilt’s Engagement dem rachsüchtigen Wunsche ihrer Schwiegermutter, in ihrem Hause Unheil zu stiften, zuzuschreiben habe. Die Folgerung, welche sogar die Dienstboten, die Zeugen des häuslichen Aergernisses waren, ganz richtig aus der Sache gezogen, daß nämlich die Mutter des Majors, indem sie ihrem Sohne die Dienste einer gut empfohlenen Erzieherin verschafft, es durchaus nicht als einen Theil ihrer Pflicht betrachtet habe, im rein eingebildeten Interesse seiner Gattin auf das Aeußere der Erzieherin Rücksicht zu nehmen —— zu ihr sich zu erheben, war Mrs. Milroy’s Geist einfach unmöglich. Der Entschluß, zu dem sie ihre Eifersucht nach dem Anblicke Miß Gwilt’s jedenfalls getrieben hatte, ward durch die Ueberzeugung, die sich ihrer jetzt bemächtigte, doppelt in ihr bestärkt. Kaum hatte Miß Gwilt die Thür des Schlafzimmers geschlossen, als Mrs. Milroy’s Lippen leise die Worte zischten, »Ehe noch eine Woche über Deinem Haupte verstrichen, wirst Du Deiner Wege gehen, Mylady!«

Von jenem Augenblicke an kannte die bettlägerige Frau die schlaflosen Nächte und langen Tage hindurch keinen anderen Lebenszweck, als aus die Entlassung der neuen Erzieherin hinzuarbeiten.

Sie sicherte sich den Beistand der Wärterin als Spionin —— wie sie sich von ihrer Bedienung schon andere Extradienste verschafft hatte, zu denen diese nicht verpflichtet war —— durch ein Geschenk aus ihrer Garderobe. Die Kleidungsstücke, welche jetzt für Mrs. Milroy nutzlos waren, hatten Stück für Stück in dieser Weise dazu dienen müssen, die Habgier der Wärterin —— die unersättliche Habgier eines häßlichen Weibes nach schönen Kleidern —— zu stillen. Durch das schönste Kleid bestochen, das sie noch bisher erlangt, hatte die Hausspionin ihre geheimen Instructionen entgegengenommen und sich mit einer feilen Freude an ihr geheimes Werk gemacht.

Die Tage vergingen, das Werk ward fortgesetzt —— doch es kam zu keinem Resultate. Herrin und Dienerin hatten es mit einem Weibe zu thun, das ihnen Beiden gewachsen war. Häufiges plötzliches Erscheinen im Wohnzimmer, wenn der Major sich mit der Erzieherin allein darin befand, hatte nicht die unbedeutendste Unschicklichkeit in Worten, Mienen oder Gebärden zwischen ihnen entdecken können. Durch verstohlenes Lauern und Lauschen an der Schlafkammerthür der Gouvernante spürte man auf, daß sie spät in der Nacht Licht brannte und im Schlafe ächzte und mit den Zähnen knirschte —— weiter aber nichts. Sorgfältiges Aufpassen am Tage verhalf zu der Entdeckung, daß sie ihre Briefe regelmäßig selbst auf die Post trug, anstatt dieselben der Hausmagd anzuvertrauen —— und wenn ihre Pflichten sie frei ließen, dann und wann plötzlich aus dem Garten verschwunden und später allein aus dem Park zurückgekehrt war. Ein einziges Mal nur hatte die Wärterin Gelegenheit gefunden, ihr zu folgen, als sie aus dem Garten trat, war aber im Park augenblicklich von Miß Gwilt entdeckt und von dieser mit der unerträglichsten Höflichkeit gefragt worden, ob sie Lust habe, sie auf ihrem Spaziergange zu begleiten. Unbedeutende Umstände dieser Art, die für eine eifersüchtige Frau hinlänglich verdächtig waren, entdeckte man in Hülle und Fülle. Umstände jedoch, die ihr zu einer Klage über den Major ausgiebigen Grund verliehen hätten, fehlten gänzlich. Ein Tag nach dem andern verging, und Miß Gwilt beharrte bei ihrem durchaus schicklichen Betragen und ihrem tadellosen Verhalten zum Major und ihrer Schülerin.

Da sie sich nach dieser Seite hin zurückgeschlagen sah, so versuchte Mrs. Milroy zunächst eine angreifbare Stelle in der Angabe zu finden, welche die Dame, die Miß Gwilt empfohlen, über den Charakter der Erzieherin gemacht hatte.

Nachdem Mrs. Milroy sich vom Major den umständlichen Bericht verschaffte, den er über diesen Gegenstand von seiner Mutter erhalten, las sie das Schreiben einmal über das andere sorgfältig durch, ohne jedoch in irgend einem Theile des Briefes jenen schwachen Punkt zu finden, den sie suchte. Alle die in dergleichen Fällen üblichen Fragen waren gethan und offen und gewissenhaft beantwortet worden. Die einzige Stelle, die möglicherweise einen Angriff zulässig machte, war, nachdem alle praktischen Fragen beseitigt, eine Stelle am Schlusse des Briefes.

»Ich war von Miß Gwilt’s Anmuth und seinem Wesen so sehr frappiert«, lautete diese Stelle, »daß ich, sowie sie das Zimmer verlassen, die erste Gelegenheit ergriff, mich zu erkundigen, wie sie dazu gekommen, Erzieherin zu werden. »Es ist die alte Geschichte«, sagte man mir. »Eine traurige Familiengeschichte, in der sie sich edel benahm. Sie ist eine sehr sensible Person, und es widerstrebt ihr, mit Fremden hierüber zu sprechen —— ein sehr natürliches Widerstreben, das mein Zartgefühl mir stets zu achten gebot. Natürlich hatte ich dasselbe Zartgefühl. Es gehörte ganz und gar nicht zu meiner Pflicht, mich in den geheimen Kummer des armen Geschöpfes einzudrängen, ich hatte nichts weiter zu thun, als das, was ich jetzt gethan habe, um mich zu versichern, daß ich eine fähige und achtbare Person als Erzieherin für meine Enkelin engagierte.«

Nach sorgfältiger Erwägung dieser Zeilen fand sie Mrs. Milroy —— da sie etwas Verdächtiges sehnlich zu finden wünschte —— natürlich verdächtig. Sie beschloß, das Geheimniß von Miß Gwilt’s geheimem Kummer zu ergründen, in der Hoffnung, daraus etwas zu entnehmen, was ihrem Zwecke dienen könnte. Zweierlei Wege standen ihr dabei offen. Sie konnte die Erzieherin direct befragen, oder sich um fernere Auskunft an die Dame wenden, welche Miß Gwilt empfohlen hatte. Die Erfahrung, die sie bei ihrer ersten Unterredung mit Miß Gwilt von deren Talent, mit unbequemen Fragen umzuspringen gemacht hatte, bestimmte sie, den letzteren Weg einzuschlagen. »Ich will mir die Einzelheiten zuerst von jener Dame verschaffen«, dachte Mrs. Milroy, »und dann das Geschöpf selber ausfragen und sehen, ob die beiden Geschichten mit einander übereinstimmen.«

Der um Auskunft bittende Brief hielt sich gewissenhaft an die Sache. Mrs. Milroy begann damit, ihrer Correspondentin mitzutheilen, wie ihr Gesundheitszustand es nothwendig mache, ihre Tochter gänzlich dem Einflusse und der Aufsicht der Erzieherin zu überlassen. Aus diesem Grunde sei ihr mehr noch als den meisten Müttern daran gelegen, sich in jeder Hinsicht gründliche Auskunft über eine Person zu verschaffen, der sie ihr einziges Kind so ausschließlich anvertrauen möchte, und in dieser Sorge hoffe sie, daß die Dame ihr eine Frage verzeihen werde, die nach der vortrefflichen Empfehlung, welche sie Miß. Gwilt gegeben, als eine überflüssige erscheinen dürfe. Nach dieser Vorrede kam Mrs. Milroy sofort zur Sache und ersuchte die Dame, sie von den Umständen zu unterrichten, welche Miß Gwilt genöthigt hatten, eine Gouvernantenstelle zu suchen.

Der also abgefaßte Brief ward noch am nämlichen Tage abgesandt. An dem Morgen, an dem die Antwort fällig war, erschien noch keine. Auch der nächste Morgen brachte keine Antwort. Als der dritte Morgen kam, hatte Mrs. Milroy alle Geduld verloren. Sie hatte ihre Pflegerin vor sich beschieden, wie bereits erzählt, und ihr befohlen, die Briefe der Morgenpost mit eigener Hand dem Postboten abzunehmen. So standen gegenwärtig die Dinge, und aus diesen häuslichen Verhältnissen erwuchs eine neue Reihe von Ereignissen zu Thorpe-Ambrose.

Eben hatte Mrs. Milroy nach ihrer Uhr gesehen und nochmals die Hand nach dem Glockenzuge ausgestreckt, als die Thür sich öffnete und die Wärterin ins Zimmer trat.

»Ist, der Briefträger dagewesen?« fragte Mrs. Milroy.

Ohne zu antworten, legte die Pflegerin einen Brief auf das Bett und wartete mit unverhohlener Neugier die Wirkung ab, welche derselbe auf ihre Herrin hervorbringen würde.

Mrs. Milroy riß das Couvert ab, sowie sie ihn in die Hand nahm. Ein gedrucktes Papier kam zu Tage, das sie schnell bei Seite warf; es enthielt einen Brief, den sie betrachtete, in ihrer eigenen Handschrift! Sie ergriff jetzt das gedruckte Papier. Es war die übliche postamtliche gedruckte Mittheilung, daß ihr Brief im Hause der Person präsentiert worden, an die derselbe adressiert, daß aber diese dort nicht zu finden gewesen sei.

»Etwas nicht in Ordnung?« fragte die Wärterin, eine Veränderung im Gesicht ihrer Herrin wahrnehmend.

Die Frage blieb unbeachtet Mrs. Milroy’s Schreibpult stand auf dem Tische an ihrem Bette. Sie suchte daraus den Brief hervor, den die Mutter des Majors an ihren Sohn geschrieben und wandte sich zu der Seite, welche den Namen und die Adresse der Dame angab, die Miß Gwilt empfohlen hatte. »Mrs. Mandeville, 18. Kingsdown Crescent, Bahswater", las sie mit begierigem Blicke für sich, und sah dann auf das Couvert ihres eigenen zurückgesandten Briefes. Sie hatte keine Versehen gemacht: beide Adressen waren genau dieselben.

»Etwas nicht in Ordnung?« wiederholte die Wärterin, einen Schritt näher ans Bett tretend.

»Gott sei’s gedankt —— ja!« rief Mrs. Milroy mit einem plötzlichen Ausbruche des Frohlockens. Sie warf der Wärterin das postamtliche Circulär zu und schlug im Entzücken ihres erwarteten Triumphes mit ihren beiden dürren Händen auf die Bettdecke »Miß Gwilt ist eine Betrügerin! Miß Gwilt ist eine Betrügerin! Und wenn es mein Tod ist, Rachel, so will ich mich ans Fenster tragen lassen, um sie von der Polizei abführen sehen.«

»Sie hinter ihrem Rücken eine Betrügerin nennen ist Eins, aber zu beweisen, daß sie dies ist, ist ein Anderes«, bemerkte die Wärterin. Während sie sprach hatte sie in ihre Schürzentasche gegriffen und mit einem bedeutungsvollen Blicke auf ihre Herrin einen zweiten Brief herausgenommen.

»Für mich?« fragte Mrs. Milroy.

»Nein«, sagte die Wärterin,, »für Miß Gwilt.

Die beiden Frauen sahen einander an und verstanden sich, ohne ein Wort zu sprechen.

»Wo ist sie?« fragte Mrs. Milroy.

Die Wärterin deutete nach dem Parke zu. »Wieder ausgegangen —— macht wieder einen einsamen Spaziergang vor dem Frühstück.«

Mrs. Milroy winkte der Wärterin, sich zu ihr herabzubeugen »Könnt Ihr ihn öffnen, Rachel?« flüsterte sie.

Rachel nickte.

»Könnt Ihr ihn wieder schließen, sodaß Niemand was davon sieht?«

»Können Sie sich ohne den Shawl behelfen, der zu Ihrem perlgrauen Kleide paßt?« fragte Rachel.

»Nehmt ihn!« sagte Mrs. Milroy ungeduldig.

Schweigend machte die Wärterin den Kleiderschrank auf, schweigend nahm sie den Shawl heraus und schweigend verließ sie das Zimmer. In weniger als fünf Minuten kehrte sie mit dem geöffneten Briefe an Miß Gwilt zurück.

»Ich danke Ihnen für den Shawl, Madam«, sagte Rachel, indem sie den Brief gelassen auf die Bettdecke legte.

Mrs. Milroy betrachtete das Couvert. Dasselbe war in der gewohnten Weise vermittelst Klebegummis geschlossen und durch Anwendung von heißem Wasserdampfe geöffnet worden. Als Mrs. Milroy den Brief herausnahm, zitterten ihre Hände heftig und die weiße Emaille zerbröckelte auf ihrer runzeligen Stirn.

»Meine Tropfen«, sagte sie. »Ich bin fürchterlich aufgeregt, Rachel. Meine Tropfen!«

Rachel reichte ihr die Tropfen und ging dann ans Fenster, um den Park zu überschauen »Uebereilen Sie sich nicht«, sagte sie. »Sie ist noch nirgends zu sehen.«

Mrs. Milroy zögerte noch immer und hielt das wichtige Blatt Papier in der Hand. Sie hätte Miß Gwilt das Leben nehmen können, aber sie zögerte Miß Gwilt’s Brief zu lesen.

»Fühlen Sie sich etwa durch Gewissensskrupel beunruhigt?« fragte die Wärterin in spöttischem Tone. »Erachten Sie es als eine Pflicht, die Sie Ihrer Tochter schulden.«

»Elendes Geschöpf« sagte Mrs. Milroy. Mit dieser Kundgebung ihrer Meinung öffnete sie den Brief.

Dieser war sichtlich in großer Eile geschrieben —— undatiert und nur mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet. Er lautete folgendermaßen:

»Diana-Straße.

Meine liebe Lydia!

Der Fiaker wartet vor der Thür und es bleibt mir nur ein Augenblick, um Dir zu sagen, daß ich London auf drei oder vier Tage, vielleicht auf eine Woche, in Geschäftsangelegenheiten verlassen muß. Wenn Du mir schreibst, werden mir Deine Briefe nachgesandt werden. Ich habe den gestrigen empfangen und bin ganz Deiner Ansicht hinsichtlich dei Wichtigkeit, ihn über den heiklen Punkt Deiner persönlichen Geschichte und Familienverhältnisse so lange, wie Du dies mit Sicherheit zu thun im Stande bist, im Dunkeln zu lassen. Je besser Du ihn kennen lernst, desto besser wirft Du Dich für die Art von Geschichte entscheiden können, die Du ihm auftischen darfst. Sobald Du dieselbe einmal erzählt, wirst Du dabei bleiben müssen, —— und da Du dabei bleiben mußt, hüte Dich, sie nicht zu complicirt und zu eilig zu machen. Ich will Dir hierüber noch schreiben und meine Ideen mittheilen. Inzwischen riskiere keine zu häufigen Rendezvous mit ihm im Park. —— Die Deine,

M. O.«

»Nun?P« fragte die Wärterin, sich zum Bette umwendend. »Sind Sie mit dem Briefe fertig?«

»Rendezvous mit ihm im Park?« wiederholte Mrs. Milroy, die Augen auf den Brief heftend »Ihm! Rachel, wo ist der Major?«

»In seinem Zimmer.«

»Das glaube ich nicht!«

»Wie es Ihnen beliebt. Ich muß den Brief und das Couvert haben.«

»Könnt Ihr es wieder schließen, ohne daß sie etwas davon sieht?«

»Was ich öffnen kann, kann ich auch wieder schließen. Sonst noch etwas?«

»Weiter nichts.«

Mrs. Milroy war wieder allein und betrachtete ihren Angriffsplan in dem neuem Lichte, das jetzt auf Miß Gwilt geworfen war.

Die Auskunft, die sie aus dem Briefe an die Gouvernante genommen, wies deutlich aus den Schluß, daß sich eine Abenteuerin in ihr Haus eingeschlichen, und zwar vermittelst einer falschen Empfehlung. Da sie diese Nachricht aber durch eine unehrenhafte Handlung erlangt, die sie unmöglich bekennen durfte, so konnte Mrs. Milroy weder um den Major zu warnen, noch um Miß Gwilt bloßzustellen, Gebrauch von dieser Kenntniß machen. Die einzige brauchbare Waffe, die Mrs. Milroy in den Händen hielt, war ihr eigener zurückgesandter Brief —— und die Frage, welche sie jetzt zu entscheiden hatte, die, in welcher Weise sie diese ihre Waffe am wirksamsten und schleunigsten werde in Anwendung bringen können.

Je länger sie die Sache in Erwägung zog, desto voreiliger erschien ihr das Frohlocken, dem sie sich beim ersten Anblicke ihres zurückgesandten Briefes hingegeben. Daß eine Dame, die eine Erzieherin empfohlen, ihre Wohnung gewechselt, ohne eine Spur von sich oder selbst nur eine Adresse zu hinterlassen, nach der ihre Briefe nachgeschickt würden, war an sich verdächtig genug, um dem Major mitgetheilt zu werden. Aber wie verkehrt ihre Meinung von ihrem Gatten in einigen Beziehungen immer sein mochte —— Mrs. Milroy war mit seinem Charakter sattsam vertraut, um die Gewißheit zu fühlen, daß er, wenn sie ihn von dem Vorgefallenen unterrichtete, sich offen eine Erklärung von der Erzieherin ausbitten würde. Miß Gwilt’s gewandte Schlauheit würde ihr in diesem Falle auf der Stelle eine plausible Antwort in den Mund geben, welche die Parteilichkeit des Majors nur zu bereitwillig annehmen dürfen, und die Gouvernante würde ohne Zweifel keine Zeit verlieren, brieflich ihre Vorkehrungen für das pünktliche Eintreffen aller nothwendigen Bestätigung ihrer Angabe von Seiten ihrer Mitschuldigen in London zu treffen. Bei einem Mann, wie der Major, und einem Weibe, wie Miß Gwilt, bestand der einzig sichere Weg offenbar darin, daß sie für den Augenblick ein strenges Schweigen beobachtete und, ohne Vorwissen der Erzieherin, solche Nachforschungen anstellte, wie sie zur Entdeckung von unstreitbaren Beweisen nothwendig wären. Wem aber konnte Mrs. Milroy in ihrer eigenen Hilflosigkeit die schwierige und gefährliche Aufgabe dieser Nachforschungen anvertrauen? Die Wärterin konnte, selbst wenn sie sich auf dieselbe verlassen durfte, nicht sogleich entbehrt und nicht fortgeschickt werden, ohne daß dadurch Aufmerksamkeit erregt wurde. Gab es in Thorpe-Ambrose oder in London irgendeine andere fähige und zuverlässige Person, die sie dazu verwenden konnte? Mrs. Milroy warf sich in ihrem Bette hin und her und suchte in jedem Winkel ihres Geistes vergebens nach dem erforderlichen Hilfsmittel. »O, wenn ich doch nur eines Menschen habhaft werden könnte, dem ich trauen dürfte!« dachte sie Verzweifelnd. »Wenn ich nur wüßte, wo ich Hilfe suchen könnte!«

In demselben Augenblicke, da dieser Gedanke in ihrem Geiste auftauchte, hörte sie die Stimme ihrer Tochter vor ihrer Thür.

»Darf ich hereinkommen?« fragte Neelie.

»Was willst Du?« entgegnete Mrs. Milroy ungeduldig.

»Ich bringe Dir Dein Frühstück,Mama.«

»Mein Frühstück?« wiederholte Mrs. Milroy erstaunt. »Warum bringt Rachel es nicht, wie gewöhnlich?« sie überlegte einen Augenblick und rief dann in scharfem Tone: »Komm« herein!«


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