Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Dritter Band - Zweites Kapitel
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Armadale



Zweites Kapitel.

Am Einundzwanzigsten gegen Mittag schlenderte Miß Milroy, durch eine Besserung im Befinden ihrer Mutter von ihren Pflichten im Krankenzimmer erlöst, in ihrem Gärtchen umher, als der Klang von Stimmen aus dem Parke ihre Aufmerksamkeit erregte. Die eine dieser Stimmen erkannte sie augenblicklich als die Allan’s, die andere war ihr fremd. Sie bog die Zweige eines Busches am Gartengeländer auf die Seite und sah, indem sie hindurchschaute, Allan in Gesellschaft eines kleinen dunklen, schlanken Mannes, der höchst aufgeregt in lautem Tone plauderte und lachte, sich dem Pförtchen nähern. Miß Milroy lief ins Haus hinein, um ihrem Vater Mr. Armadale’s Ankunft zu melden und hinzuzufügen, daß er einen etwas aufgeregten Fremden mitbringe, der aller Wahrscheinlichkeit nach der Freund sei, welcher dem Gerüchte zufolge sich beim Squire im großen Hause zum Besuch aufhalte.

Hatte die Tochter des Majors richtig gerathen? War der laut schwatzende, laut lachende Begleiter des Squires der schüchterne empfindsame Midwinter von früher? Er war es in der That. In Allan’s Gegenwart war an diesem Morgen eine außerordentliche Veränderung mit dem gewöhnlich so ruhigen Benehmen seines Freundes vorgegangen.

Als Midwinter, nachdem er Mr. Brocks beängstigenden Brief bei Seite gelegt, im Frühstückszimmer erschienen, war Allan zu sehr beschäftigt gewesen, um ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die noch ungelöste Schwierigkeit der Wahl eines Tages für das Pächterdiner war ihm abermals zur Beseitigung aufgedrungen, und der Schmaus war jetzt auf den Rath des Kellermeisters, auf Sonnabend, den Achtundzwanzigsten des Monats, angesetzt worden. Erst als er sich umwandte, um Midwinter zu erinnern, daß diese Anordnung demselben reichliche Zeit lasse, um sich mit den Verwaltungsbüchern vertraut zu machen, ward selbst Allan’s flüchtige Aufmerksamkeit durch die sichtliche Veränderung in dem Gesichte seines vis — a vis gefesselt. Er hatte diese Veränderung in der ihm eigenen unverhohlenen Weise sogleich erwähnt und war augenblicklich durch eine ärgerliche, fast zornige Antwort wieder zum Schweigen gebracht worden. Dann hatten sich beide ohne ihre gewohnte gegenseitige Herzlichkeit zum Frühstück niedergesetzt und das Mahl war trübselig verlaufen, bis Midwinter dadurch das Schweigen brach, daß er sich plötzlich einem Ausbruche von Heiterkeit hingab, die Allan eine neue Seite im Charakter seines Freundes enthüllte.

Der Schluß, zu dem er dadurch gelangte, war, wie dies gewöhnlich mit Allan’s Urtheile der Fall, ein falscher. Es war keine neue Seite in Midwinters Charakter, die sich ihm jetzt darstellte, vielmehr nur ein neuer Anblick des einen, immer wiederkehrenden Kampfes in Midwinter’s Leben.

Von Allan’s Wahrnehmung der in ihm vorgehenden Veränderung gereizt, die er selber nicht bemerkt, als er vor dem Verlassen seines Zimmers einen flüchtigen Blick in den Spiegel geworfen hatte, Allan’s prüfender Blicke sich bewußt und die nächsten Fragen fürchtend, die dessen Neugierde an ihn richten dürfte, hatte Midwinter sich mit Gewalt zusammengerafft, um den Eindruck zu verwischen, den sein verändertes Aussehen hervorgebracht. Es war dies eines jener Kraftstücke, wie sie niemandem so leicht gelingen wie Leuten seines raschen Temperaments und seiner empfindsamen frauenhaften Organisation. Von dem besten Glauben erfüllt, daß seit der Entdeckung des Pfarrers in den Kensingtongärten sich ihm und Allan das Verhängniß um einen großen Schritt genähert —— die Spuren von dem noch im Gesicht, was er unter der erneuten Ueberzeugung gelitten, daß die letzte Warnung seines sterbenden Vaters sich in einem Ereignisse nach dem andern geltend mache, um ihn, welches Opfer es auch kosten möge, von dem einzigen menschlichen Wesen zu scheiden, das er liebte —— in der nimmer ruhenden Angst seines Herzens, Allan’s erstes geheimnißvolles Traumgesicht könne sich noch vor Ablauf des heutigen Tages verwirklichen, —— von diesen dreifachen Banden, die sein eigener Aberglaube geschaffen, gefesselt, wie er sich noch nie zuvor gefesselt gefühlt, spornte er sich erbarmungslos zu der verzweifelten Anstrengung, in Allan’s Gegenwart mit diesem an froher Heiterkeit zu wetteifern. Er plauderte und lachte und belud seinen Teller mit dem Inhalte jeder Schüssel, die auf dem Frühstückstische stand. Ausgelassen lustig, machte er Scherze, die keinen Witz hatten, und erzählte Geschichten, die keine Pointe besaßen. Anfangs setzte er Allan in Erstaunen, dann ergötzte er ihn und gewann endlich sein leicht ermuthigtes Vertrauen in Bezug auf Miß Milroy. Er lachte aus vollem Halse über die plötzliche Entwickelung von Allan’s Heirathsplänen, sodaß die Diener unten zu glauben begannen, der seltsame Freund ihres Herrn sei wahnsinnig geworden. Schließlich hatte er Allan’s Vorschlag, sich der Tochter des Majors vorstellen zu lassen und dann sich sein eigenes Urtheil zu bilden, so bereitwillig, ja bereitwilliger angenommen, als es der allerwenigst schüchterne Mensch von der Welt hätte thun können. Und da standen nun die Beiden am Gartenpförtchen; Midwinter’s Stimme übertönte die seines Freundes immer lauter und lauter, sein Wesen maskierte sich —— wie albern und mit welchem Herzweh, das wußte nur er allein! —— hinter einer gemeinen Dreistigkeit, der unerträglichen, beleidigenden Dreistigkeit eines schüchternen Menschen.

Sie wurden im Wohnzimmer von der Tochter des Majors empfangen, der selbst noch nicht herunter gekommen war.

Allem wollte feinen Freund in hergebrachter Form vorstellen. Zu seinem Erstaunen nahm Midwinter ihm ungeniert das Wort aus dem Munde und stellte sich mit einer sichern Miene, einem unangenehmen Lachen und einer plumpen Affectation von Unbefangenheit, die ihn zu seinem größten Nachtheile erscheinen ließen, selber Miß Milroy vor. Seine künstliche Heiterkeit, die er während des Morgens fortwährend zum Ueberschäumen gepeitscht hatte, stieg jetzt in hysterischer Weise, bis er alle Gewalt über dieselbe verlor. Er sprach und gebärdete sich mit jener fürchterlichen Freiheit und Ungebundenheit, welche bei einem von Natur schüchternen Menschen, wenn er einmal alle Zurückhaltung abgestreift, die nothwendige Folge der Anstrengung ist, mit welcher er sich des Zwanges entledigt hat. Er verwickelte sich in ein verworrenes Gemisch von Entschuldigungen, deren es durchaus nicht bedurfte, und Complimenten, die selbst einem Wilden zu schmeichelhaft erschienen sein dürften. Er blickte von Miß Milroy zu Allan und von Allan zu Miß Milroy hin und her und erklärte scherzhaft neckend, er begreife jetzt, warum die Morgenspaziergänge seines Freundes stets nach derselben Richtung eingeschlagen würden. Er fragte sie nach ihrer Mutter und unterbrach ihre Antworten mit Bemerkungen über das Wetter. In einem Athem sagte er, sie müsse den Tag unerträglich heiß finden, und im nächsten versicherte er ihr, daß er sie um ihr kühles Musselinkleid förmlich beneide.

Der Major trat ein. Ehe er noch zwei Worte sagen konnte, überschüttete ihn Midwinter mit der nämlichen wahnsinnigen Vertraulichkeit und derselben fieberhaften Redseligkeit. Er gab seine Theilnahme an Mrs. Milroy’s Befinden in Ausdrücken zu erkennen, die selbst von den Lippen eines alten Hausfreundes hätten übertrieben klingen müssen. Er strömte von Entschuldigungen über, daß er den Major in seinen technischen Studien gestört habe. Er erwähnte Allan’s überschwängliche Schilderung von der Uhr und sprach in noch überschwänglicheren Ausdrücken sein Verlangen aus, dieselbe sehen zu dürfen. Er paradierte mit seiner oberflächlichen Büchergelehrsamkeit über die große Münsteruhr zu Straßburg und machte weit hergeholte Scherze über die seltsamen Automatengestalten, die jene Uhr in Bewegung setzt —— über die Procession der zwölf Apostel, die um Mittag unter dem Zifferblatt vorüberzieht, rund über den kleinen Hahn, welcher beim Erscheinen des heiligen« Petrus kräht —— und alles dies vor einem Manne, der jedes Rad in diesem complicirten Werke studiert und ganze Jahre mit Versuchen zugebracht hatte, die complicirte Maschinerie nachzuahmen. »Wie ich höre, haben Sie die Straßburger Apostelprocession und das Krähen des Straßburger Hahns noch überboten«, rief er in dem Ton und der Manier eines Freundes, der das Privilegium besitzt, alle Ceremonie bei Seite setzen zu dürfen, »und ich sterbe wirklich vor Verlangen, Ihre wunderbare Uhr zu sehen, Major!«

Major Milroy war, als er ins Zimmer trat, in gewohnter Weise noch ganz in seine mechanischen Erfindungen vertieft gewesen. Aber die Wirkung von Midwinters Vertraulichkeit war mächtig genug, um ihn augenblicklich seiner Träumerei zu entreißen und ihm auf der Stelle die gesellschaftlichen Ressourcen des Weltmanns zu Gebote zu stellen.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie unterbreche«, sagte er, Midwinter einen Augenblick durch einen festen Blick des Erstaunens zum Schweigen bringend; »ich habe die Uhr des Straßburger Münsters zufällig gesehen, und es klingt meinem Ohre fast lächerlich —— verzeihen Sie mir den Ausdruck —— wenn man mein kleines Experiment in irgend einer Weise mit jenem erstaunlichen Werke vergleicht. In der ganzen Welt gibt es kein zweites Kunstwerk dieser Art!« Er schwieg, um seinen eigenen steigenden Enthusiasmus im Zaume zu halten; die Uhr zu Straßburg war für Major Milroy dasselbe, was der Name des Michael Angelo für Sir Joshua Reynolds war. »Mr. Armadale’s Güte hat ihn zur Uebertreibung verleitet!« fuhr der Major, Allan zulächelnd, fort; dabei ignorierte er einen abermaligen Versuch Midwinter’s, das Wort an sich zu reißen, als wäre ein solcher Versuch gar nicht gemacht worden. »Da aber zufälligerweise zwischen der großen Uhr im Auslande und der kleinen Uhr hier zu Hause wenigstens insofern eine Aehnlichkeit stattfindet, als sie beide mit dem Schlage der zwölften Stunde zeigen, was sie zu leisten im Stande sind, und da nur wenig noch an zwölf Uhr fehlt, so ist’s am besten, wenn Sie meine Werkstatt noch besuchen wollen, ich führe Sie dahin, je eher, je lieber.« Er öffnete die Thür und entschuldigte sich mit bedeutungsvoller Förmlichkeit bei Midwinter, daß er ihm voranschreite.

»Wie gefällt Ihnen mein Freund?« flüsterte Allan, als er mit Miß Milroy folgte.

»Muß ich Ihnen die Wahrheit sagen, Mr. Armadale?« erwiderte sie ebenfalls flüsternd.

»Das versteht sich!«

»Nun denn, er gefällt mir gar nicht!«

»Er ist der beste und liebenswürdigste Bursche von der Welt,« entgegnete der offenherzige Man. »Er wird Ihnen besser gefallen, wenn Sie ihn erst besser kennen werden, sicherlich!«

Miß Milroy verzog ein wenig das Gesichtchen, um die äußerste Gleichgültigkeit in Bezug auf Midwinter und ihr lächerliches Erstaunen über Allan’s Parteinahme für die Verdienste seines Freundes auszudrücken. »Hat er mir nicht Interessanteres zu sagen, als das«, dachte sie verwundert, »nachdem er mir gestern Morgen zweimal die Hand geküßt hat?«

Ehe Allan Gelegenheit fand, ein anziehenderes Thema anzuschlagen, waren sie Alle in der Werkstätte des Majors angelangt. Hier, auf einem rohen hölzernen Kasten, welcher offenbar die Maschinerie enthielt, stand die wunderbare Uhr. Das Zifferblatt ward von einem auf schwarzen Ebenholzblöcken ruhenden Piedestal überragt, und auf diesem Piedestal saß die unvermeidliche Gestalt der »Zeit« mit ihrer Sense in der Hand. Unter dem Zifferblatt befand sich ein kleiner Altan, und an jedem Ende desselben war ein kleines Schilderhäuschen mit verschlossener Thür aufgerichtet. Dies war Alles, was man überblickte, bis der magische Augenblick kam, wo die Uhr die Mittagsstunde schlug.

Es fehlten jetzt noch etwa drei Minuten an zwölf Uhr, und Major Milroy benutzte dieselben, um noch eine Erklärung der zu erwartenden Vorstellung zu geben. Schon bei den ersten Worten verloren sich seine Gedanken wieder völlig in dem Interesse an dieser einzigen Beschäftigung seines Lebens. Er wandte sich Midwinter zu —— der auf dem ganzen Wege vom Wohnzimmer hierher unaufhörlich gesprochen hatte und noch immer fort plauderte —— ohne eine Spur von der kalten und schneidenden Ruhe zu zeigen, die sich noch vor wenigen Minuten in seinen Worten ausgedrückt hatte. Der vorlaute familiäre Mensch der im Wohnzimmer ein ungezogener Eindringling gewesen, wurde in der Werkstätte ein privilegirter Gast, denn hier besaß er den Alles wieder gut machenden gesellschaftlichen Vorzug, daß die Leistungen der wunderbaren Uhr ihm noch etwas Neues waren.

»Bei dem ersten Schlage der Uhr, Mr. Midwinter«, sagte der Major im höchsten Eifer, »heften Sie die Blicke auf die Gestalt der »Zeit«, dieselbe wird ihre Sense bewegen und mit derselben nach dem Glaspiedestal hinabdeuten. Dann werden Sie zunächst hinter dem Glase eine kleine gedruckte Karte erscheinen sehen, die Ihnen das Datum und den Tag der Woche anzeigt. Beim letzten Schlage wird die Zeit ihre Sense wieder in ihre vorige Stellung bringen und das Glockenspiel zu läuten beginnen. Dem Geläute wird eine Melodie folgen —— die des Lieblingsmarsches in meinem ehemaligen Regiment —— und darauf die letzte Vorstellung der Uhr stattfinden. Die Schilderhäuschen an beiden Enden werden sich beide im gleichen Momente öffnen. In dem einen werden Sie die Schildwache erscheinen sehen, und aus der andern wird ein Corporal mit zwei Gemeinen heraustreten, um die Wache abzulösen, und dann, die neue Wache an ihrem Posten zurücklassend, vom Altane verschwinden. Für diesen letzteren Theil der Vorstellung muß ich mir Ihre Nachsicht erbitten. Das Räderwerk ist ein wenig complicirt und es hat noch gewisse Mängel, denen ich, wie ich zu meiner Schande bekenne, noch nicht abzuhelfen vermochte. Zuweilen machen die Figuren ihre Sache ganz recht, zuweilen aber ganz verkehrt. Ich hoffe, daß sie bei ihrem ersten Auftreten vor Ihnen ihr Bestes thun werden.«

Während der Major, neben seiner Uhr postiert, diese letzten Worte sprach, sahen seine drei Zuhörer, die am andern Ende des Zimmers standen, die beiden Zeiger aus zwölf weisen. Der erste Schlag erscholl, und die Figur auf dem Piedestal bewegte, dem Signale gehorsam, ihre Sense. Dann kündeten sich das Datum und Wochentag auf einer gedruckten Karte daneben an, während Midwinter die Vorstellung mit einer lauten, übertriebener: Verwunderung applaudierte, welche sich Miß Milroy falscherweise für einen groben Hohn auf die Beschäftigung ihres Vaters auslegte, und die Man, da er sah, daß sie sich gekränkt fühlte, zu mäßigen suchte, indem er seinen Freund an den Ellbogen stieß. Inzwischen nahm die Vorstellung ihren Fortgang. Mit dem letzten Schlage der Mittagsstunde hob die »Zeit« ihre Sense wieder empor, das Glockenspiel läutete, der Lieblingsmarsch von des Majors ehemaligem Regimente folgte und dann kündigte sich in dem vorläufigen Erbeben der Schilderhäuschen und dem plötzlichen Verschwinden des Majors hinter der Uhr die Schlußvorstellung die Wachenablösung, an.

Dieselbe begann damit, daß das Schilderhäuschen auf der rechten Seite des Altans sich mit aller nur zu wünschenden Pünktlichkeit öffnete; die Thür auf der andern Seite war indessen weniger folgsam —— sie blieb hartnäckig geschlossen. Dieses Hindernis; im Fortgange der Vorstellung nicht gewahrend, erschienen der Corporal und seine beiden Gemeinen in vollkommenster Disciplin an ihren Plätzen, schwankten sämtlich, an allen Gliedern zitternd, quer über den Altan, stürzten mit aller Gewalt nach der geschlossenen Thür des Schilderhäuschens auf der andern Seite und machten nicht den geringsten Eindruck auf die unerschütterliche Schildwache die sich drin im Häuschen befinden sollte. Im Innern des Uhrwerks ließ sich ein gelegentliches Ticken und Schnappen hören, wie von den Schlüsseln und Werkzeugen des Majors. Plötzlich marschierte der Corporal und seine beiden Soldaten rückwärts über den Altan zurück und schlossen sich mit einem Krachen der Thür in ihr eigenes Schilderhäuschen ein. In demselben Augenblicke öffnete sich zum ersten Male die andere Thür, und die verwünschte Schildwache erschien mit der größten Gelassenheit an ihrem Posten und harrte der Ablösung. Sie hatte zu warten. In dem andern Schilderhäuschen geschah nichts, als ein gelegentliches Klopfen innen an der Thür, als wenn der Corporal und die Soldaten ungeduldig hinausstrebten. Von neuem ließen sich im Uhrwerke die Werkzeuge des Majors rasselnd vernehmen; der Corporal und seine Begleiter, denen plötzlich die Freiheit gegeben, erschienen in größter Eile und stürmten wüthend über den Altan. Doch wie schnell sie auch waren, die bisher so gelassene Schildwache auf der andern Seite zeigte sich jetzt tückischerweise noch geschwinder, als sie. Mit Blitzesschnelle verschwand sie in ihrem eigenen Häuschen, die Thür schlug scharf hinter ihr zu. der Corporal und die beiden Gemeinen stürzten zum zweiten Male mit aller Gewalt auf dieselbe los, und der Major bat, hinter der Uhr hervorkommend, die Zuschauer höchst unschuldig: sie möchten ihm gefälligst sagen, ob irgend etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Die abenteuerliche Albernheit der ganzen Vorstellung, die durch Major Milroy’s ernste Schlußfrage noch erhöht wurde, war so unwiderstehlich, daß die Gäste in ein schallendes Gelächter ausbrachen; selbst Miß Milroy konnte, ungeachtet all ihrer Rücksicht für den empfindlichen Stolz ihres Vaters auf seine Uhr, sich nicht enthalten, in die Heiterkeit mit einzustimmen, welche die Katastrophe der Puppen herbeigeführt hatte. Doch auch das erlaubte Lachen hat seine Grenzen; und diese Grenzen wurden bald von dem Einen der Gesellschaft so gröblich überschritten, daß die andern Beiden sich dadurch fast augenblicklich zum Schweigen gebracht sahen. Das Fieber von Midwinter’s erkünstelter Lustigkeit artete, als die Vorstellung zu Ende kam, in eine wahre Raserei aus. Seine Lachanfälle folgten einander mit so krampfhafter Heftigkeit, daß Miß Milroy erschrocken von ihm zurückwich und selbst der geduldige Major sich mit einem Blicke zu ihm wandte, welcher deutlich sagte: »Verlassen Sie das Zimmer!« Allan faßte Midwinter, dies eine Mal in seinem Leben, einem weisen Impuls folgend, am Arm und zog ihn mit Gewalt in den Garten und von dort in den Park hinaus.

»Gerechter Himmel! Was fehlt Dir?« rief er aus, indem er vor dem verzerrten Gesichte zurückschrak, das er, wie er stehen blieb, jetzt zum ersten Male genau betrachtete.

Für den Augenblick war es Midwinter unmöglich zu antworten. Der hysterische Anfall ging von dem einen Extreme zum andern über. Schluchzend und keuchend lehnte er sich an einen Baum und streckte, mit einer stummen Gebärde um Geduld bittend, die Hand nach Allan aus.

»Es wäre besser gewesen, Du hättest mich nicht in meinem Fieber gepflegt«, sagte er mit matter Stimme, sobald er zu sprechen vermochte. »Ich bin wahnsinnig und elend, Allan —— ich habe mich nie wieder völlig erholt. Geh’ zurück und bitte in meinem Namen um Verzeihung; ich schäme mich zu sehr, es selber zu thun. Ich kann nicht sagen, wie es geschehen ist —— ich kann nur Dich und sie um Vergebung bitten.« Er wandte schnell den Kopf ab, um sein Gesicht zu verbergen. »Bleib’ nicht hier«, sagte er; »sieh mich nicht an —— ich werde es bald überwinden.« Allan zögerte noch immer und bat dringend, daß er ihn nach Hause führen dürfe. Es war nutzlos »Du brichst mir mit Deiner liebevollen Güte das Herz«, rief er leidenschaftlich aus. »Ich bitte Dich um Gottes willen, laß mich allein!«

Allan kehrte zum Häuschen zurück und bat dort mit einer Ernstlichkeit und Einfachheit um Nachsicht für Midwinter, die ihn bedeutend in der Achtung des Majors steigen ließen, bei Miß Milroy jedoch durchaus nicht denselben günstigen Eindruck hervorbringen wollte. Wie wenig sie dies selber ahnen mochte, sie hatte Allan bereits so lieb gewonnen, das; sie auf Allan’s Freund eifersüchtig war.

»Wie überaus abgeschmackt«, dachte sie gereizt. »Als ob eine solche Person die geringste Wichtigkeit für den Papa und mich haben könnte!«

»Sie werden so freundlich sein, sich Ihre Meinung von meinem Freunde nicht nach Ihrer heutigen Bekanntschaft mit ihm zu bilden, nicht wahr, Major Milroy?« sagte Allan beim Scheiden auf seine herzliche Weise.

»Von Herzen gern!« entgegnete der Major, ihm warm die Hand drückend.

»Und Sie auch, Miß Milroy?« fügte Allan hinzu. Miß Milroy machte eine unbarmherzig steife Verbeugung. »Meine Meinung ist nicht im geringsten von Wichtigkeit, Mr. Armadale.«

Allan verließ das Häuschen, arg verdutzt über Miß Milroy’s plötzliche Kälte gegen ihn. Seine große Idee, sich durch seine Verheirathung die Nachbarschaft geneigt zu« machen, erlitt einige Einschränkung, als er das Gartenpförtchen hinter sich schloß. Die Tugend, mit Namen Vorsicht und der Squire von Thorpe-Ambrose machten bei dieser Gelegenheit zum ersten Male persönliche Bekanntschaft mit einander, und Allan beschloß, sich wie gewöhnlich mit aller Gewalt in den Pfad der moralischen Besserung stürzend, nichts in Uebereilung zu thun!


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte