Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Armadale - Vierter Band - Achtes Kapitel
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Armadale



Achtes Kapitel.

»Den 21. Juli. Montag Abend elf Uhr.

So eben hat er mich verlassen. Auf meinen Wunsch schieden wir an dem Pfade, der aus dem Gebüsch führt, worauf er seinen Weg nach dem Hotel und ich den meinigen nach meiner Wohnung einschlug.

Einer zweiten Zusammenkunft mit ihm bin ich ausgewichen, indem ich ihm morgen früh zu schreiben versprach. So habe ich die Nacht, mich wieder zu sammeln und, wenn es möglich, meinen Geist zu meinen eigenen Angelegenheiten zurückzuführen. Ich sage, wenn es möglich, denn mir ist’s, als hätte seine Geschichte sich meiner bemächtigt, um mich nie wieder loszulassen. Wird die Nacht vergehen und der Morgen mich noch immer mit dem Gedanken an den Brief beschäftigt finden, der ihm vom Sterbelager seines Vaters zugesandt wurde, an die Nacht, die er am Bord des Wracks durchwachte und vor allem an den ersten spannungsvollen Augenblick, wo er mir seinen wahren Namen mittheilte?

Könnte ich diese Eindrücke wohl abschütteln, wenn ich sie niederzuschreiben versuchte? So würde ich wenigstens nichts Wichtiges vergessen. Jedenfalls ist es der Mühe werth, es zu versuchen. In meiner gegenwärtigen Lage muß mein Gemüth frei genug sein, um sich mit andern Dingen beschäftigen zu können, sonst werde ich mich nimmermehr durch all die Schwierigkeiten hindurchwinden, die mir in Thorpe-Ambrose noch bevorstehen.

Laß sehen. Was verfolgt mich also?

Die Namen verfolgen mich. Fortwährend sage ich mir: Beide dieselben! Taufnamen und Familiennamen, beide dieselben! Ein blonder Allan Armadale, von dem ich längst gewußt habe und der der Sohn meiner ehemaligen Herrin ist. Ein brünetter Allan Armadale von welchem ich erst jetzt erfahre und der Andern nur unter dem Namen Ozias Midwinter bekannt ist. Und noch seltsamer —— nicht die Verwandtschaft, kein Zufall ist es, der sie zu Namensvettern gemacht hat Der Vater des blonden Armadale war der Mann, dem der Familienname durch die Geburt zufiel und der des Familienerbes verlustig ging. Der Vater des brünetten Armadale war der Mann, der den Namen annahm und zwar unter der Bedingung, dadurch das Erbe zu erhalten, und der es erhielt.

Es sind also ihrer zwei —— ich kann mich des Gedankens nicht erwehren —— und beide unverheirathet. Der blonde Armadale, der dem Weibe, das sich seiner versichern kann, solange er lebt, ein Vermögen von achttausend Pfund jährlicher Renten bietet, der seiner Gattin bei seinem Ableben zwölfhundert Pfund Jahresrenten hinterläßt, der mich aus diesen beiden goldenen Gründen heirathen muß und soll und den ich hasse und verabscheue, wie ich noch nie einen Mann gehaßt und verabscheut habe. Und der schwarze Armadale, der ein armseliges kleines Einkommen hat, welches vielleicht gerade hinreicht, die Putzmacherrechnungen seiner Frau zu bezahlen, vorausgesetzt, daß diese sparsam wäre, der so eben in der Ueberzeugung von mir gegangen ist, daß ich ihn heirathen will, und den ich —— nun, den ich einst, ehe ich das Weib war, das ich jetzt geworden bin, vielleicht hätte lieben können.

Und Allan, der Blonde, weiß nicht, daß er einen Namensvetter hat! Allan, der Schmarze, hat das Geheimniß vor allen bewahrt, mich und den Pfarrer in Sommersetshire ausgenommen, auf dessen Verschwiegenheit er sich verlassen kann.

Es gibt zwei Allan Armadale —— zwei Allan Armadale —— zwei Allan Armadale! So! Drei ist eine glückliche Zahl. Danach verfolge mich noch, wenn Du kannst!

Was kommt dann? Der Mord auf dem Holzschiffe? Nein, der Mord ist ein guter Grund, weshalb der schwarze Armadale, dessen Vater denselben beging, das Geheimniß vor dem blonden Armadale bewahren sollte, dessen Vater getödtet ward; aber das geht mich nichts an. Ich erinnere mich, wie damals auf Madeira ein Argwohn rege war, daß etwas nicht in Ordnung sei. War es Unrecht? War dem um seine Frau betrogenen Mann ein Vorwurf zu machen, wenn er die Kajütenthür schloß und den Mann, der ihn hintergangen, auf dem Wrack ertrinken ließ? Ja, denn die Frau war dessen nicht würdig.

Was geht mich nun wirklich selbst an?

Eines sehr wichtigen Umstandes bin ich. gewiß. Ich weiß bestimmt, daß Midwinter —— ich muß ihm nach wie vor seinen häßlichen falschen Namen geben, sonst verwechsele ich noch die beiden Armadales mit einander —— ich weiß bestimmt, daß Midwinter keine Ahnung hat, daß ich und der kleine zwölfjährige Kobold, der Mrs. Armadale zu Madeira bediente und die Briefe abschrieb, die angeblich aus Westindien anlangten, eine und dieselbe Person sind. Es wird nicht viele zwölfjährige Mädchen geben, welche die Handschrift eines Mannes nachahmen und dann darüber hätten schweigen können, wie ich es that; doch das ist jetzt von keinem Belang. Von Belang aber ist, daß Midwinter’s Glaube an den Traum sein einziger Grund ist, warum er, mich mit Armadale’s Aeltern in Beziehung glaubend, mich mit Allan Armadale selbst in Verbindung zu bringen sucht. Ich fragte ihn, ob er mich wirklich für alt genug halte, eins von beiden gekannt zu haben. Und der arme Junge sagte so verdutzt wie nur möglich nein. Würde er wohl nein sagen, wenn er mich in diesem Augenblicke sähe? Soll ich an den Spiegel treten und mich überzeugen, ob ich wirklich wie fünfunddreißig Jahre alt aussehe, oder soll ich weiter schreiben? Ich will weiter schreiben.

Eins verfolgt mich fast ebenso hartnäckig wie die Namen.«

Ob ich wohl recht thue, wenn ich auf Midwinter’s Aberglauben baue (wie ich dies thue), daß dieser mir behilflich sein wird) mich gegen seine Zudringlichkeiten zu schützen? Nachdem ich mich durch die Aufregung des Augenblicks dazu habe verleiten lassen, mehr zu sagen, als ich zu sagen brauchte, wird er mich ganz sicher zu drängen suchen; ganz sicher wird er mit der verhaßten Selbstsucht und Ungeduld der Männer in solchen Dingen auf die Heirathsfrage zurückkommen. Wird der Traum mir behilflich sein, ihn abzuwehren? Nachdem er abwechselnd an denselben geglaubt und nicht geglaubt hat, ist er, seinem eigenen Bekenntnisse nach, jetzt wieder so weit, daß er daran glaubt. Darf ich sagen, daß ich ebenfalls daran glaube? Ich habe für diesen Glauben bessere Gründe, als er ahnt. Nicht nur bin ich dieselbe Person, welche Mrs. Armadale’s Heirath beförderte, indem sie ihr ihren Vater hintergehen half, ich bin die Person, die sich ertränken wollte, die Person, die die Reihe von Unfällen eröffnete, welche dem jungen Armadale zum Besitze des Vermögens verhalfen, die Person, die nach Thorpe-Ambrose kam, um ihn um seines Vermögens willen zu heirathen, und, was noch erstaunlicher ist, die Person, die an der Stelle des Schattens am Teiche stand! Dies mögen Zufälle sein, aber es sind sehr seltsame Zufälle. Ich fange wahrlich an mir einzubilden, daß ich ebenfalls an den Traum glaube!

Gesetzt, ich sage zu ihm: Ich theile Ihren Glauben. Ich sage dasselbe, was Sie in Ihrem Briefe an mich sagen; scheiden wir, ehe ein Unglück geschieht. Verlassen Sie mich, ehe die dritte Vision des Traums sich verwirklicht. Verlassen Sie mich und legen Sie Meere und Berge zwischen sich und den Mann, der Ihren Namen trägt!

Gesetzt, auf der andern Seite, daß seine Liebe ihn gegen alles Andere gleichgültig macht, gesetzt, er wiederholt jene verzweifelten Worte, die ich mir jetzt erklären kann: »Was sein soll, wird sein. Was habe ich damit zu schaffen, und was sie?« Gesetzt —— gesetzt ——

Ich will nicht weiter schreiben. Mir ist das Schreiben widerwärtig. Es gewährt mir keine Erleichterung, im Gegentheil, ich kann viel weniger an das denken, woran ich denken muß, als in dem Augenblicke, da ich mich zum Schreiben niedersetzte. Es ist nach Mitternacht, bereits tagt es, und da sitze ich als das dümmste Frauenzimmer von der Welt! Mein Bett ist der einzige passende Ort für mich.

Mein Bett! Wenn es vor zehn Jahren wäre, anstatt heute, und wenn ich Midwinter aus Liebe geheirathet hätte, so würde ich jetzt vielleicht mit keiner andern Sorge auf der Seele mein Nachtlager aufsuchen, als einen leisen Besuch in der Kinderstube abzustatten, um mich zu überzeugen, ob die Kleinen ruhig in ihren Bettchen schliefen. Ob ich nur meine Kinder würde geliebt haben, wenn ich je welche gehabt hätte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Einerlei.

Dienstag Morgen zehn Uhr. Wer war der Mann, der das Laudanum erfand? Wer er immer sei, ich danke ihm von ganzem Herzen. Wenn alle die Elenden, die an Leib und Seele leiden und deren Tröster er gewesen, sich vereinigen könnten, um sein Lob zu singen, welch einen Chor das geben würde! Ich habe sechs köstliche Stunden der Vergessenheit genossen und mit beruhigtem Gemüthe bin ich erwacht, ich habe einen ganz kleinen Brief an Midwinter geschrieben, ich habe meine vortreffliche Tasse Thee mit wahrem Behagen getrunken, ich habe mit einem köstlichen Gefühle der Erleichterung meine Morgentoilette gemacht und alles dies durch das bescheidene kleine Fläschchen, das ich in diesem Augenblicke auf dem Kaminsimse meines Schlafzimmers sehe. Tropfen, ihr seid Unbezahlbar! Liebe ich in der Welt auch sonst nichts, euch liebe ich doch!

Ich habe meinen Ortes an Midwinter durch die Post gesandt und ihn gebeten, mir auf demselben Wege zu antworten.

Wegen seiner Antwort ängstige ich mich nicht; er kann nur in einer Weise antworten. Ich habe mir etwas Bedenkzeit erbeten, da meine Familienverhältnisse dies in seinem Interesse sowohl als in dem meinigen verlangen. Ich habe mich verpflichtet, ihm das nächste Mal, wenn wir zusammenkommen, zu sagen, welcher Art diese Verhältnisse sind (was kann ich ihm nur sagen?), und ihn gebeten, inzwischen Alles, was zwischen uns geschehen, geheim zu halten. Was er in der Zwischenzeit, während ich angeblicherweise überlege, selbst zu thun hat, habe ich seiner eigenen Bestimmung überlassen, ihn blos daran erinnernd, daß sein Bleiben in Thorpe-Ambrose in unserer gegenwärtigen Lage zu Muthmaßungen über seine Beweggründe Anlaß geben könne, und daß ein Versuch von seiner Seite, mich wiederzusehen, solange unser Verhältniß zu einander nicht veröffentlicht werden dürfe, meinem Rufe schaden würde. Wenn er es wünsche, wolle ich an ihn schreiben; schließlich habe ich ihm versprochen, die Zeit unserer nothwendigen Trennung thunlichst abzukürzen.

Dieser einfache, unaffectirte Brief, den ich ihm schon gestern Abend hätte schreiben können, wenn mir nicht seine Geschichte so im Kopfe herumgegangen wäre, hat, wie ich wohl weiß, einen Fehler. Allerdings hält er ihn fern, während ich meine Netze auswerfe, um zum zweiten Male meinen Goldfisch im Herrnhause zu fangen, aber wenn dies mir gelingt, stellt er mir zugleich einen fatalen Tag in Aussicht, wo ich mich vor Midwinter rechtfertigen muß. Was soll ich mit ihm anfangen? Was soll ich beginnen? Ich sollte diesen beiden Fragen so kühn wie immer begegnen, allein ich weiß nicht, wie es kommt, der Muth läßt mich im Stiche; ich denke nicht eben gern daran, wie ich jener Schwierigkeit begegnen soll, bis der Augenblick kommt, wo derselben begegnet werden muß. Soll ich meinem Tagebuche das Bekenntniß ablegen, daß Midwinter mir leid thut und daß ich einigermaßen vor dem Gedanken an den Tag erschrecke, wo er hören wird, daß ich Gutsherrin werden soll?

Aber noch bin ich nicht Herrin, und ich kann keinen Schritt zu dem Ende thun, bevor ich nicht Antwort aus meinen Brief erhalten habe und weiß, daß Midwinter aus dem Wege ist. Geduld! Geduld! Ich muß suchen, mich an meinem Klavier zu vergessen. Die Mondschein-Sonate liegt dort aufgeschlagen auf dem Notenpulte und lockt mich zu sich. Ob ich wohl den Muth habe, sie zu spielen? Oder wird sie mich, wie neulich, mit ihrem geheimnißvollen Grausen schaudern machen?

Fünf Uhr. Ich habe seine Antwort. Mein leisester Wunsch ist ihm Befehl. Er ist fort und schickt mir seine Londoner Adresse. »Zwei Punkte sind es«, schreibt er, »die mich zum Theil damit aussöhnen, Dich zu verlassen. Erstens, weil Du es willst und es nur auf kurze Zeit ist; zweitens, weil ich in London Maßregeln treffen zu können glaube, durch Arbeit mein Einkommen zu erhöhen. Für mich selbst hat das Geld nie großen Werth gehabt, aber Du kannst Dir keine Vorstellung machen, wie sehr ich bereits um meines Weibes willen Luxus und Genüsse des Lebens zu schätzen beginne, wie sie das Geld verschaffen kann?

Der arme Junge! Fast wollte ich, ich hätte nicht an ihn geschrieben; ich wollte fast, ich hätte ihn nicht von mir fortgeschickt.

Wenn Mutter Oldershaw diese Seite meines Tagebuchs sähe! Ich habe heute Morgen einen Brief von ihr erhalten, in dem sie mich an meine Verpflichtungen gegen sie erinnert und mir sagt, sie vermuthe, es gehe hier Alles, wie es nicht gehen solle. Immerhin mag sie vermuthen. Ich werde mir nicht die Mühe nehmen, ihr zu antworten, in meiner gegenwärtigen Gemüthsverfassung kann ich mich von dem alten Geschöpfe nicht quälen lassen.

Ein herrlicher Nachmittag; ein Spaziergang thut mir noth, ich darf nicht an Midwinter denken. Soll ich meinen Hut aufsetzen und sofort mein Glück im Herrnhause versuchen? Alles ist mir günstig. Ich werde von keinem Spione mehr verfolgt und kein Advocat ist jetzt da, der mir den Eingang verwehrt. Bin ich heute schön genug? Nun ja, schön genug, um einem kleinen, schlumpigen, einfältigen, sommerfleckigen Geschöpf die Spitze zu bieten, das auf der Schulbank sitzen und an ein Bret geschnallt liegen sollte, um seinen krummen Rücken gerade zu machen.

Acht Uhr. Eben bin ich aus dem Herrnhause zurück. Ich habe ihn gesehen und gesprochen, und das Ende davon läßt sich in vier deutlichen Worten sagen: es ist mir mißglückt. Ich habe ebenso wenig Aussicht, Mrs. Armadale auf Thorpe-Ambrose als Königin von England zu werden.

Soll ich das der Oldershaw schreiben? Soll ich nach London zurückkehren? Nicht eher, als bis ich zu weiterer Ueberlegung Zeit gehabt habe. Auf der Stelle nicht.

Die Geschichte ist mir also fehlgeschlagen, und zwar, obschon alle Umstände mir günstig waren. Ich traf ihn allein auf der Auffahrt vor dem Hause. Er war entsetzlich bestürzt, aber zugleich sehr bereit, mich anzuhören. Zuerst versuchte ich’s ganz ruhig mit ihm, dann mit Thränen und allem Zubehör. Ich stellte mich ihm in der Rolle des armen, schuldlosen Weibes dar, das er zu kränken das Werkzeug gewesen sei. Ich verwirrte, ich interessierte, ich überzeugte ihn. Ich ging zu dem rein christlichen Theile meiner Botschaft über und sprach mit solchem Gefühl von seiner Trennung von seinem Freunde, für die ich unschuldigerweise verantwortlich sei, daß ich sein unausstehliches rothes Gesicht ganz bleich machte und ihn zu der Bitte veranlaßte, ihn nicht zu betrüben. Doch welche Gefühle ich auch immer in ihm erregte, sein altes Gefühl für mich vermochte ich nicht wieder zu erwecken. Ich sah dies in seinen Augen, wenn er mich ansah; ich fühlte es an seinen Fingern, als wir uns die Hände schüttelten Wir schieden in Freundschaft, aber auch weiter nichts.

Habe ich darum einen Morgen nach dem andern der Versuchung widerstanden, wenn ich wußte, daß Sie allein im Park waren, Miß Milroyß Ich habe Ihnen eben Zeit gelassen, sich einzuschleichen und meine Stelle in Armadales guter Meinung einzunehmen, nicht wahr? Noch nie habe ich einer Versuchung widerstanden, ohne daß ich später ähnlich dafür zu büßen hatte! Wäre ich nur an dem Tage, da ich Sie verließ, meinen ersten Gedanken gefolgt, mein werthes Fräulein —— nun, nun, das ist jetzt einerlei. Ich habe die Zukunft vor mir; noch sind Sie nicht Mrs. Armadale! Und ich kann Ihnen noch eins sagen: wen er auch heirathen mag, Sie heirathet er nimmermehr. Wenn ich mich nicht anders an Ihnen räche, verlassen Sie sich darauf, hierin wenigstens werde ich mich rächen!

Zu meiner eigenen Verwunderung habe ich keinen meiner gewohnten Wuthanfälle. Das letzte Mal, daß ich bei so ernstlicher Aufregung vollkommen gelassen blieb, entstand etwas daraus, das ich selbst meinem geheimen Tagebuche nicht anzuvertrauen wage. Es sollte mich nicht überraschen, wenn auch jetzt etwas daraus entstünde.

Auf meinem Heimwege sprach ich bei Mr. Bashwood in der Stadt ein. Er war nicht zu Hause und ich hinterließ den Auftrag, daß er heute Abend herkommen solle, um mit mir zu sprechen. Ich will ihn sofort der Pflicht überheben, Armadale und Miß Milroy zu bewachen. Ich mag mir noch nicht über die Art und Weise klar sein, ihre Aussichten auf Thorpe-Ambrose ebenso gründlich zu zerstören, wie sie die meinigen zerstört hat, aber wenn die Zeit kommt und ich mir klar darüber bin, so weiß ich nicht, wie weit mein Gefühl der Beleidigung mich führen mag, und es dürfte unbequem und möglicherweise gar gefährlich sein, ein so hasenfüßiges Geschöpf wie Mr. Bashwood in mein Vertrauen gezogen zu haben.

Es will mich bedenken, als sei ich von alledem mehr angegriffen, als ich anfangs glaubte. Midwinter’s Geschichte beginnt mich wieder und zwar ohne allen Grund zu verfolgen.

Ein leises, schnelles, zitterndes Klopfen an der Hausthür! Ich weiß, wer dies ist. Keine Hand außer der des alten Bashwood könnte so anklopfen.

Neun Uhr. Eben bin ich ihn losgeworden. Er hat mich in Verwunderung gesetzt, indem er sich in einem neuen Charakter gezeigt hat.

Es scheint, er war, obgleich ich seiner dort nicht gewahr wurde, im Herrnhause, während ich mich in Armadales Gesellschaft befand. Er sah uns an der Auffahrt mit einander sprechen und hörte später, was die Diener sagten, die uns ebenfalls bemerkten. Die weise Ansicht im Souterrain geht dahin, daß wir uns »wieder vertragen« und daß der Herr mich schließlich doch wohl noch heirathen wird. »Er hat sich in ihr rothes Haar verliebt«, lautet die elegante Phrase, mit der man sich, in der Küche ausdrückte. »Das kleine Fräulein kann ihr’s darin nicht gleich thun und wird sich wohl packen müssen.« Wie ich die gemeine Ausdrucksweise der niederen Klassen hasse!

Mich dünkt, der alte Bashwood sah, während er mir dies erzählte, sogar noch Verwirrter und furchtsamer aus als gewöhnlich. Aber erst, nachdem ich ihm gesagt, daß er alle fernere Beobachtung Mr. Armadale’s und Miß Milroy’s für die Zukunft mir zu überlassen habe, kam ich dahinter, was ihm wirklich fehlte. Jeder Tropfen Blut in dem Körper des schwächlichen alten Menschen schien ihm ins Gesicht zu schießen. Er machte eine überwältigende Anstrengung; er sah wirklich aus, als ob er vor Angst vor seiner eigenen Verwegenheit todt niederfallen müsse; dennoch aber gelang es ihm, stammelnd und stotternd und während beide Hände an dem Rande seines scheußlichen großen Huts herumkneteten, die Frage herauszubringen: »Ich bitte um Verzeihung, Miß G—— G—— Gwilt! Sie wollen doch nicht w—— w—— wirklich Armadale heirathen?« Eifersüchtig —— wenn ich es je im Gesichte eines Mannes sah, so sah ich es in dem seinigen —— in seinem Alter wirklich eifersüchtig auf Armadale! Wäre ich in der Laune gewesen, so würde ich ihm ins Gesicht gelacht haben. So aber ward ich böse und verlor alle Geduld mit ihm. Ich sagte ihm, er sei ein alter Narr, und befahl ihm, sich ruhig seinen Geschäften zu widmen, bis ich ihm sagen ließe, daß ich seiner wieder bedürfe Wie immer fügte er sich, aber in seinen wässerigen alten Augen lag, als er sich von mir verabschiedete, ein unbeschreibliches Etwas, das ich bisher noch nie darin bemerkt habe. Man behauptet von der Liebe, sie bewirke allerlei seltsame Umwandlungen. Ist es denn wirklich möglich, daß die Liebe Mr. Bashwood so weit zum Manne gemacht hat, daß er mir zürnen kann?

Mittwoch. Meine Kenntniß von Miß Milroy’s Gewohnheiten erweckte gestern Abend einen Verdacht in mir, den aufzuklären mir heute Morgen wünschenswerth erschien.

Während meines Aufenthalts im Parkhäuschen pflegte sie vor dem Frühstück einen Spaziergang zu machen. Da ich häufig dieselbe Zeit zu meinen heimlichen Zusammenkünften mit Armadale gewählt hatte, fiel mir ein, meine frühere Schülerin werde wahrscheinlich meinem Beispiele folgen, und ich dürfte vielleicht einige neue Entdeckungen machen, wenn ich meine Schritte zur rechten Zeit dem Garten zu lenkte. Ich versagte mir meine Tropfen, um mich des rechtzeitigen Erwachens zu versichern, verbrachte demzufolge eine abscheuliche Nacht und war um sechs Uhr völlig bereit, in der frischen Morgenluft von meiner Wohnung nach dem Parkhäuschen zu spazieren.

Kaum hatte ich fünf Minuten auf der Parkseite der Gartenhecke gewartet, als ich sie herauskommen sah. Sie schien ebenfalls eine schlechte Nacht gehabt zu haben; ihre Augen waren schwer und roth und ihre Lippen und Wangen geschwollen, als ob sie geweint hätte. Sichtlich hatte sie etwas auf dem Herzen, etwas, das sie, wie sich bald herausstellte, aus dem Garten in den Park hinausführte. Sie schritt —— wenn man bei solchen Beinen wie die ihrigen von schreiten reden kann! —— gerade auf das Sommerhäuschen zu, öffnete die Thür, ging über die Brücke und mit immer schnelleren Schritten dem tief liegenden Theile des Parks zu, wo die Bäume am dichtesten stehen. Da sie ganz in Gedanken versunken war, so konnte ich ihr unbemerkt folgen, und als sie unter den Bäumen langsamer zu gehen anfing, war ich ebenfalls schon unter den Bäumen und fürchtete nicht von ihr gesehen zu werden.

Gleich darauf drang aus dem in einer Vertiefung des Bodens stehenden Unterholz das krachende, trampelnde Geräusch von schweren Füßen zu uns. Ich kannte diese Schritte ebenso gut wie sie: »Da bin ich«, sagte sie mit matter, leiser Stimme. Im Zweifel darüber, auf welcher Seite Armadale aus dem Unterholze herauskommen würde, hielt ich mich einige Schritte entfernt hinter den Bäumen versteckt. Er kam auf der entgegengesetzten Seite des Baums, hinter dem ich stand, aus der Vertiefung herauf. Sie setzten sich am Abhange auf den Rasen. Ich kauerte mich hinter dem Baume nieder, sah sie durchs Unterholz hindurch an und hörte ohne Mühe jedes Wort, das sie sprachen.

Die Unterhaltung begann damit, daß er bemerkte, sie sehe traurig aus; dann fragte er, ob sich im Parkhäuschen irgend etwas Unangenehmes ereignet habe. Die hinterlistige kleine Creatur verlor keine Zeit, den nothwendigen Eindruck auf ihn zu machen; sie begann zu weinen. Natürlich faßte er ihre Hand und versuchte in seiner plumpen, offenen Manier sie zu trösten. Nein, sie sei nicht zu trösten. Eine unerträgliche Perspective liege vor ihr, vor dem Gedanken daran habe sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Ihr Vater habe sie am vergangenen Abend auf sein Zimmer beschieden, habe über ihre Erziehung gesprochen und ihr unumwunden gesagt, daß sie in Pension gehen müsse. Er habe die Wahl einer solchen schon getroffen und die Bedingungen seien festgestellt, und sobald ihre Garderobe in Ordnung gebracht sein werde, solle sie fortgeschickt werden. »Solange jene verhaßte Miß Gwilt im Hause war«, sagte diese musterhafte junge Person, »wäre ich gern zur Schule gegangen, ja ich wünschte es. Jetzt aber ist Alles anders, jetzt sehe ich die Sache nicht mehr in demselben Lichte; ich fühle mich zu alt für die Schule. Es bricht mir das Herz, Mr. Armadale.« Hier hielt sie inne, als ob sie noch mehr hätte sagen wollen, und warf ihm s einen Blick zu, der dem Satz deutlich die Worte hinzufügt« »Es bricht mir das Herz, Mr. Armadale, mich jetz, da wir wieder Freunde sind, von Ihnen zu trennen!« Was offene, unverschämte Frechheit betrifft, deren ein erwachsenes Frauenzimmer sich schämen würde, so geht doch nichts über die der jungen Mädchen, deren Bescheidenheit heutzutage von den ekelhaften häuslichen Sentimentalisten so beharrlich hervorgehoben wird!

Selbst der Tölpel Armadale verstand sie Nachdem er sich in einem Wortlabyrinth verirrt hatte, das nirgendwohin führte, umschlang er ihre, man kann kaum sagen ihre Taille, denn sie hat keine, also die Stelle, wo das letzte Hestel ihres Kleides sitzt, und machte ihr, um ihr eine Zuflucht gegen die Schmach zu bieten, in ihrem Alter noch in die Schule geschickt zu werden, mit deutlichen Worten einen Heirathsantrag.

Hätte ich sie in diesem Augenblicke beide umbringen können, wenn ich meinen kleinen Finger aufgehoben, so bezweifle ich keine Sekunde, daß ich denselben ohne Bedenken diese Bewegung hätte machen lassen. Wie die Sachen aber standen, wartete ich blos ab, was Miß Milroy sagen würde.

Sie schien es für nothwendig zu halten, da sie vermuthlich fühlte, daß sie ohne Vorwissen ihres Vaters mit ihm zusammengekommen war, und sich erinnerte, wie ich ihr in Mr. Armadales guter Meinung vorangegangen, ihre Würde durch einen Ausbruch tugendhafter Entrüstung zu behaupten. Sie wundere sich, wie er nach seinem Benehmen gegen Miß Gwilt und nachdem ihr Vater ihm den Zutritt zu seinem Hause versagt, noch an so etwas denken könne! Wolle er sie etwa fühlen lassen, wie unverzeihlich sie vergessen habe, was sie sich selbst schuldig sei? Sei es denn eines Gentleman würdig, etwas vorzuschlagen, von dem er ebenso wohl wie sie wisse, daß es unmöglich wäre? Und so weiter und so weiter. Jeder Mensch mit einem Gehirn im Kopfe würde sofort begriffen haben, was diese Tirade in Wirklichkeit zu bedeuten habe, Armadale aber nahm sie so ernstlich auf, daß er sich wirklich zu vertheidigen suchte. In seiner hastigen, tölpelhaften Art erklärte er, daß er es völlig ernstlich meine; er und ihr Vater könnten sich versöhnen und wieder Freunde werden; und sollte der Major darauf bestehen, ihn als einen Fremden zu behandeln, so seien schon häufig junge Leute mit einander entflohen, um sich zu heirathen, und die Aeltern, die ihnen vorher nicht hätten verzeihen wollen, hätten ihnen nachher doch vergeben. Ein so unerhört offenes Courmachen ließ Miß Milroy natürlich nur die Alternative, entweder zu bekennen, daß sie nein gesagt, während sie ja gemeint habe, oder zu einem abermaligen Ausbruche von Entrüstung ihre Zuflucht zu nehmen. »Wie können Sie sich unterstehen, Mr. Armadale! Verlassen Sie mich augenblicklich! Es ist rücksichtslos es ist herzlos, es ist geradezu schändlich, so zu mir zu sprechen!» Und so weiter und so weiter. Es scheint unglaublich, aber es ist nichtsdestoweniger wahr, daß er Narr genug war, sie beim Worte zu nehmen. Er bat sie um Verzeihung und ging fort, wie ein Kind, das man in den Winkel schickt, der verachtungswürdigste Gegenstand in Gestalt eines Mannes, der je mit Augen erblickt ward!

Sie blieb, nachdem er gegangen war, um sich wieder zu beruhigen, und ich wartete hinter den Bäumen, um zu sehen, wie ihr dies gelingen werde. Ihre Augen wandten sich schlau dem Pfade zu, auf dem er sie verlassen hatte. Sie lächelte (bei einem Munde. wie dem ihrigen, sollte man vielmehr feixen sagen), that ein paar Schritte auf den Fußspitzen, um ihm nachzublicken, wandte sich wieder um und brach plötzlich in Thränen aus. Ich lasse mich nicht so leicht hintergehen wie Armadale und sah deutlich genug, was dies Alles zu bedeuten habe.

Morgen, dachte ich bei mir, wirft Du Dich ganz zufällig wieder im Park einfinden, mein Fräulein. Am Tage darauf wirft Du ihn dahin bringen, daß er Dir zum zweiten Male einen Heirathsantrag macht. Den Tag darauf wird er auf das Thema von den Entführungsheirathen zurückkommen, und Du wirst nur eine kleidsame Verwirrung an den Tag legen. Und den folgenden Tag wirst Du, wenn er einen Plan in Vorschlag zu bringen hat und Deine Garderobe zum Einpacken für Deine Reise zur Pension bereit ist, ihn anhören. Ja, ja, wo es sich um ein Weib handelt, ist die Zeit stets auf der Seite des Mannes, wenn nur der Mann Geduld genug besitzt, um sich von der Zeit helfen zu lassen.

Sie ahnte durchaus nicht, daß ich sie betrachtet hatte, und ging nach dem Parkhäuschen zurück. Ich blieb unter den Bäumen und überlegte. Die Wahrheit zu gestehen, fühlte ich mich von dem, was ich gehört und gesehen, in einer Weise ergriffen, die nicht leicht zu beschreiben ist. Die ganze Geschichte stellte sich mir dadurch in neuem Lichte dar. Es ward mir klar, was ich bis heute Morgen nie geahnt hatte, daß sie ihn wirklich liebt.

Wie schwer meine Verpflichtung gegen sie immer sei, nunmehr ist keine Gefahr vorhanden, daß ich mich derselben nicht bis auf den letzten Heller entledige. Es wäre keine Kleinigkeit für mich gewesen, mich zwischen Miß Milroy und ihren Ehrgeiz zu stellen, eine der ersten Damen der Grafschaft zu werden, aber wo es sich um ihre erste Liebe handelt, mich zwischen Miß Milroy und den Wunsch ihres Herzens zu drängen, das ist mir unendlich mehr Werth. Soll ich meiner eigenen Jugend gedenken und sie schonen? Nein! Sie hat mich der einzigen Aussicht beraubt, die Kette zu zersprengen, die mich an eine Vergangenheit fesselt, welche zu fürchterlich ist, als daß ich daran denken möchte. Ich sehe mich in eine Lage zurückgeschleudert, mit der verglichen die Stellung einer Ausgestoßenen auf der Straße erträglich, ja beneidenswerth ist. Nein, Miß Milroy, nein, Mr. Armadale, keins von Euch beiden will ich schonen.

Schon einige Stunden bin ich wieder heim. Ich habe nachgesonnen und es ist nichts dabei herausgekommen. Seit ich vorigen Sonntag jenen seltsamen Brief von Midwinter erhalten, hat meine gewohnte Gewandtheit in dringenden Verlegenheiten mich gänzlich im Stich gelassen. Wenn ich nicht an ihn oder seine Geschichte denke, ist mir’s, als wäre mein Geist völlig betäubt. Ich, die ich bei andern Gelegenheiten stets gewußt, was ich zu thun hatte, weiß nicht, was ich jetzt beginnen soll. Natürlich wäre es leicht genug, Major Milroy von dem Vorhaben seiner Tochter zu unterrichten. Aber der Major hat seine Tochter lieb; dem jungen Armadale ist daran gelegen, sich mit ihm auszusöhnen. Armadale ist reich und angesehen und bereit, sich dem älteren Manne zu fügen, und früher oder später werden sie wieder Freunde werden, und das Ende davon wird die Heirath sein. Eine Warnung für den Major bereitet ihnen blos eine augenblickliche Verlegenheit, das ist nicht der Weg, sie gänzlich von einander zu scheiden.

Welches ist der Weg? Ich kann ihn nicht sehen. Ich möchte mir das Haar vom Kopfe reißen! Das Haus möchte ich niederbrennen. Wäre die ganze Welt mit Schießpulver unterminiert, so möchte ich einen Funken hineinwerfen und die ganze Welt in die Luft sprengen, so wüthend, so rasend bin ich über mich, daß ich den Weg nicht sehen kann!

Der arme liebe Midwinter! Ja »liebe«. Meinetwegen. Ich bin einsam und hilflos. Es verlangt mich nach Jemand, der sanft und liebevoll ist und viel aus mir macht; ich wollte, ich hätte seinen Kopf wieder an meiner Brust; ich denke stark daran, nach London zu reisen und ihn zu heirathen. Bin ich verrückt? Ja, alle Leute, die so elend sind wie ich, sind verrückt. Ich muß ans Fenster gehen, um frische Luft zu schöpfen. Soll ich hinaus springen? Nein, das entstellt so, und die Leichenschau läßt es so viele Leute sehen.

Die Luft hat mich belebt. Ich beginne mich zu erinnern, daß ich wenigstens die Zeit auf meiner Seite habe. Niemand außer mir weiß etwas von ihren geheimen Zusammenkünften in der ersten Morgenfrühe im Park. Versucht der eifersüchtige alte Bashwood, der zu Allem listig und verschlagen genug ist, etwa in seinem eigenen Interesse dem jungen Armadale aufzulauern, so wird er dies zur gewohnten Zeit thun, wenn er sich nach seiner Expedition verfügt. Er weiß nichts von Miß Milroy’s Morgengewohnheiten und wird nicht eher an Ort und Stelle sein, als bis Armadale bereits nach seiner Wohnung zurückgekehrt ist. Ich kann immer noch eine Woche warten und ihnen auflauern und selbst den Augenblick wählen, mich dazwischen zu legen, sowie ich irgendwie Gefahr sehe, daß er ihr Zögern überwindet und sie ja sagen will.

Und so warte ich hier, ohne zu wissen, wie die Sache in London mit Midwinter enden wird, während meine Börse immer leerer wird, sich keine Aussicht auf neue Schülerinnen bietet, dieselbe wieder zu füllen, und Mrs. Oldershaw sicherlich auf Rückzahlung ihres Geldes bestehen wird, sowie sie erfährt, daß mir die Sache fehlgeschlagen ist; ohne Aussichten, Freunde oder Hoffnungen irgend welcher Art —— ein verlorenes Weib, wenn es je ein solches gab. Nun, ich sage es noch einmal und noch einmal und noch einmal —— meinetwegen! Hier bleibe ich, und wenn ich die Kleider vom Leibe verkaufen und mich vermiethen muß, um den Bauernlümmeln in der Schenke vorzuspielen; hier bleibe ich, bis der Augenblick kommt und ich den Weg sehe, Armadale und Miß Milroy auf immer von einander zu trennen!

Sieben Uhr. Sind Zeichen vorhanden, daß der Augenblick herannaht? Ich weiß es kaum, jedenfalls gewahre ich Zeichen von einer Veränderung meiner Stellung in der Umgegend.

Zwei der ältesten und häßlichsten der vielen alten und häßlichen Damen, die sich meiner Sache annahmen, als ich Major Milroy’s Haus verließ, haben mir so eben einen Besuch gemacht, wobei sie sich mit der unerträglichen Dreistigkeit mildthätiger Engländerinnen als eine Deputation von meinen Gönnerinnen vorstellten. Wie es scheint, ist die Nachricht von meiner Aussöhnung mit Armadale aus der Bedientenstuhe des Herrnhauses bis nach der Stadt gedrungen und hat folgendes Resultat herbeigeführt. Die einstimmige Ansicht meiner Gönnerinnen (und auch des Majors, der zu Rathe gezogen worden) ist, daß ich mit der unverzeihlichsten Unvorsichtigkeit gehandelt habe, indem ich nach Armadale’s Hause ging und mich dort in freundschaftlicher Weise mit einem Manne unterhielt, dessen Betragen gegen mich seinen Namen in der ganzen Nachbarschaft zum Schandworte gemacht. Mein gänzlicher Mangel an Selbstachtung in dieser Sache hat das Gerücht hervorgerufen, daß ich schlau mit meiner Schönheit Handel treibe und daß es ebenso wahrscheinlich sei als nicht, daß ich Armadale schließlich dennoch mich zu heirathen zwinge. Meine Gönnerinnen sind natürlich zu wohlwollend, um dies zu glauben. Sie fühlen nur die Notwendigkeit, mir in christlichem Geiste Vorstellungen zu machen und mich zu bedeuten, wie eine zweite ähnliche Unvorsichtigkeit alle meine besten Freunde im Orte zwingen würde, mir das Wohlwollen und die Protection zu entziehen, deren ich mich jetzt erfreue.

Nachdem sie sich dergestalt abwechselnd gegen mich ausgesprochen hatten —— offenbar nach mehrfachen Proben —— richteten meine beiden Gorgonenbesucherinnen sich in ihren Sesseln auf und sahen mich an, als hätten sie sagen wollen: »Gewiß haben Sie oft von der Tugend gehört, Miß Gwilt, aber wir glauben nicht, daß Sie dieselbe wirklich je in ihrer vollen Blüte erblickt haben, bis wir kamen und Ihnen unsern Besuch machten.«

Da ich sah, daß sie darauf erpicht waren, mich zu reizen, so beherrschte ich mich und antwortete ihnen in meiner süßesten, sanftesten, feinsten Manier. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Frömmigkeit einer gewissen Klasse von respectablen Leuten Sonntags elf Uhr Vormittags, wenn sie ihr Gebetbuch öffnen, beginnt und um ein Uhr, wenn sie es schließen, wieder aufhört. Christen dieser Sorte kann man durch nichts so sehr in Verwunderung setzen und beleidigen, als wenn man sie an einem Wochentage an ihr Christenthum erinnert. In diesem Sinne sprach ich.

»Was habe ich Unrechtes gethan?« fragte ich unschuldig. »Mr. Armadale hat mich gekränkt und ich bin zu ihm gegangen und habe ihm vergeben. Sicherlich muß hier ein Irrthum obwalten, meine Damen. Sie können doch wahrhaftig nicht gekommen sein, um mir in christlichem Geiste vorzuwerfen, daß ich eine christliche Handlung begangen habe?«

Die beiden Gorgonen erhoben sich. Ich glaube fest, gewisse Frauenzimmer haben nicht nur Katzengesichter, sondern auch Katzenschwänze. Ich bin fest überzeugt, daß die Schwänze dieser besonderen beiden Katzen langsam unter ihren Röcken wedelten und zur vierfachen Größe ihres ursprünglichen Umfangs anschwollen.

«.Aus Heftigkeit waren wir vorbereitet, Miß Gwilt«, sagten sie, »aber nicht auf Gotteslästerung. Wir wünschen Ihnen guten Abend.«

Damit verließen sie mich und damit schwindet Miß Gwilt aus der protegierenden Beachtung der Nachbarschaft.

Was nur aus diesem jämmerlichen kleinen Streite entstehen wird? Eins jedenfalls, das ich bereits wahrnehmen kann. Der Bericht davon wird zu Miß Milroy gelangen. Sie wird darauf bestehen, daß Armadale sich rechtfertigt, und Armadale wird sie schließlich von seiner Unschuld überzeugen, indem er ihr einen abermaligen Heirathsantrag macht. Dies wird sehr wahrscheinlicher weise die Dinge zwischen ihnen beschleunigen, wenigstens würde dies bei mir der Fall sein. Wäre ich an ihrer Stelle, so würde ich zu mir sprechen: »Ich will ihn mir sichern, solange ich es noch im Stande bin? Wenn es morgen früh nicht regnet, gedenke ich abermals eine Frühpromenade nach dem Parke zu machen.

Mitternacht. Da ich in Hinsicht auf den frühen Morgenspaziergang meine Tropfen nicht nehmen kann, will ich nur alle Hoffnung auf Schlaf aufgeben und mein Tagebuch fortsetzen. Ja selbst wenn ich die Tropfen nähme, würde diese Nacht mein Kopf wohl nicht recht ruhig auf meinem Kissen liegen. Seit die kleine Aufregung infolge des Auftritts mit meinen Gönnerinnen sich gelegt hat, werde ich von Zweifeln geplagt, die mir unter allen Umständen nur wenig Aussicht auf Ruhe gewähren.

Ich kann mir nicht erklären, wie es kommt, aber die letzten Worte jenes alten Unthiers von einem Advocaten zu Armadale gehen mir wieder im Kopfe herum. Mr. Bashwood berichtet dieselben in seinem Briefe folgendermaßen: »Es ist möglich, daß eines Andern Neugierde die Sache da, wo Sie und ich dieselbe fallen lassen, aufnimmt und schließlich noch ein helles Licht auf Miß Gwilt wirft.«

Was will er damit sagen? Und was meinte er später, als er den alten Bashwood auf dem Fahrwege einholte, indem er ihm empfahl, seine Neugierde zu befriedigen? Glaubt dieser verhaßte Pedgift wirklich an die Möglichkeit —— Lächerlich! Ich brauche das schwache alte Geschöpf nur anzusehen, und ohne meine Erlaubniß wagt es nicht den Finger aufzuheben. Er sollte in meine Vergangenheit einzudringen wagen! Leute, die zehnmal soviel Verstand und hundertmal soviel Muth hatten, haben es versucht und sind ebenso klug wieder abgestanden davon, wie sie es angefangen hatten.

Indessen weiß ich nicht, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, hätte ich mich neulich abends, als der alte Bashwood hier war, etwas mehr beherrscht Und vielleicht dürfte es noch besser sein, wenn ich ihn morgen sähe und wieder zu Gnaden aufnähme, indem ich ihm etwas für mich zu thun gäbe. Gesetzt, ich gäbe ihm den Auftrag, den beiden Pedgifts aufzulauern, ob sie irgendwie Versuche machen, ihren Verkehr mit Armadale zu erneuern? Das ist zwar gar nicht wahrscheinlich, aber der Auftrag würde dem alten Bashwood schmeichelhaft sein, da er einen Beweis seiner Wichtigkeit für mich darin sehen würde, und außerdem die vortreffliche Wirkung haben, ihn anderweitig zu beschäftigen.

Donnerstag früh neun Uhr. So eben bin ich aus dem Parke zurückgekehrt.

Diesmal bin ich ein guter Prophet gewesen. Zur selben frühen Stunde waren sie an derselben versteckten Stelle unter den Bäumen beisammen und Miß von meinem Besuche im Herrnhause auf das genaueste unterrichtet, welchem Ereignisse sie ihren Ton anpaßte.

Nachdem er ein paar Dinge von mir gesagt, die ich ihm nicht vergessen werde, wählte Armadale den Weg, sie von seiner Treue zu überzeugen, zu dem er sich, wie ich im voraus wußte, getrieben sehen würde. Er wiederholte seinen Heirathsantrag diesmal mit vortrefflichem Erfolge. Darauf folgten Thränen, Küsse und Betheuerungen und meine ehemalige Schülerin schüttete endlich so unschuldig wie möglich ihr Herz aus. Zu Hause sei es ihr jetzt so unerträglich, daß es nur um einen Grad weniger schrecklich sei, als in die Pension geschickt zu werden. Ihre Mutter werde mit jedem Tage heftiger und unlenksamer. Die Wärterin, die einzige Person, die noch einen Einfluß auf sie gehabt, sei ihrer überdrüssig fortgegangen. Ihr Vater vertiefe sich immer mehr in seine Uhr und bestärke sich immer mehr in seinem Entschlusse, sie aus dem Hause zu schicken, und zwar wegen der traurigen Scenen, die jetzt Tag für Tag mit ihrer Mutter stattfänden. Ich ertrug diese häuslichen Enthüllungen in der Hoffnung, daß sie noch zu ihren Plänen für die Zukunft kommen würden, und meine Geduld sah sich, nachdem sie in nicht Unbedeutendem Grade auf die Probe gestellt worden war, endlich auch belohnt.

Wie dies einem solchen Dummkopf wie Armadale gegenüber nicht mehr als natürlich war, ging der erste Vorschlag von dem Mädchen aus. Miß Milroy sprach eine Idee aus, die ich, wie ich bekennen muß, nicht erwartet hatte. Sie schlug vor, Armadale möge an ihren Vater schreiben, und was noch gescheidter von ihr war, sie beugte aller Gefahr, daß er die Sache verpfuschte, vor, indem sie ihm sagte, was er schreiben müsse. Er sollte seine tiefe Bekümmerniß über die Entfremdung des Majors ausdrücken und sich die Erlaubniß erbittert, ihm im Parkhäuschen aufwarten und einige Worte zu seiner Rechtfertigung vorbringen zu dürfen. Das war Alles. Der Brief sollte noch nicht an diesem Tage abgesandt werden, denn der Major werde heute mit den Bewerberinnen um die Stelle der abgegangenen Wärterin bei Mrs. Milroy beschäftigt sein, und dies werde den Major bei seiner Abneigung gegen solche Dinge in keine günstige Stimmung für Armadale’s Gesuch versetzen. Der Freitag werde der rechte Tag für die Absendung des Briefes sein, und sollte die Antwort unglücklicherweise nicht günstig ausfallen, so könnten sie sich Montag früh wieder treffen. »Ich hintergehe meinen Vater so ungern, er ist stets so gütig gegen mich gewesen, und wenn Ihr nur erst wieder Freunde seid, Allan, dann wird es nicht länger nöthig sein, ihn zu täuschen.« Dies waren die letzten Worte, welche die kleine Heuchlerin sprach, ehe ich sie verließ.

Was wird der Major thun? Der Sonnabend-Morgen wird dies zeigen. Ich will nicht mehr daran denken, bis dieser Morgen da und vorüber ist. Noch sind sie nicht Mann und Weib, und ich sage es noch einmal, obgleich mein Gehirn noch so rathlos ist wie nur je: Mann und Weib werden sie nimmer.

Auf meinem Heimwege traf ich Bashwood beim Frühstück mit seinem ärmlichen, alten, schwarzen Theetopfe, seinem Pfennigbrödchen, seinem einzigen Stückchen billiger, ranziger Butter und seinem geflickten, schmutzigen, kleinen Tischtuche. Es wird mir übel, wenn ich daran denke.

Ich schmeichelte und tröstete das elende alte Geschöpf, bis ihm die Thränen in den Augen standen und er vor Vergnügen förmlich erröthete. Mit der größten Bereitwilligkeit übernimmt er die Bewachung der beiden Pedgifts. Den älteren Pedgift beschreibt er als den halsstarrigsten Menschen von der Welt, wenn er einmal erzürnt ist; es wird ihn nichts zum Nachgeben bewegen, wenn nicht Armadale seinerseits ebenfalls nachgibt. Der jüngere Pedgift ist viel eher der Mann, um eine Aussöhnung zu versuchen. Dies wenigstens ist Bashwoods Ansicht. Es hat jetzt sehr wenig zu bedeuten, ob diese Aussöhnung stattfindet oder nicht. Das einzige Wichtige ist, daß ich meinen ältlichen Verehrer wieder fest an meine Schürzenbänder anbinde Und das ist geschehen.

Die Post ist heute spät, so eben erst angelangt und mit ihr ein Brief von Midwinter.

Es ist ein allerliebster Brief, ein Brief, der mich entzückt und bewegt, als ob ich wieder ein junges Mädchen wäre. Keine Vorwürfe darüber, daß ich ihm nicht geschrieben habe; kein deutlich ausgesprochenes Drängen, ihn zu heirathen. Er schreibt nur, um mir eine Neuigkeit mitzutheilen. Durch seine Rechtsanwälte ist ihm eine Aussicht auf eine Stelle als gelegentlicher Correspondent einer Zeitung eröffnet worden, die in London erscheinen soll. Diese Stelle wird ihn nöthigen, England zu verlassen und sich auf dem Continent aufzuhalten, was gerade seinen eigenen Wünschen für die Zukunft entsprechen würde; doch kann er den Vorschlag nicht eher ernstlich in Erwägung ziehen, als bis er sich versichert, daß derselbe auch meinen Wünschen entspricht. Er kennt keinen andern Willen als den meinigen und überläßt mir die Entscheidung, nachdem er mich von der Frist unterrichtet, binnen welcher seine Antwort gegeben werden muß. Das ist, falls ich meine Zustimmung dazu gebe, daß er England verläßt, natürlich die Zeit, in der er mich heirathen muß. Davon steht jedoch kein Wort in dem Briefe. Er erbittet sich nichts als den Anblick meiner Handschrift, damit er sich während unserer Trennung daran erquicken kann.

Dies ist der Brief, nicht sehr lang, aber so hübsch gefaßt.

Ich denke mir, ich durchschaue das Geheimniß seiner Passion, ins Ausland zu gehen. Noch immer spukt ihm die wilde Idee im Kopfe, Berge und Meere zwischen sich und Armadale zu legen. Als ob er sowohl als ich dem ausweichen könnten, was wir zu thun bestimmt sind —— wenn es wirklich eine Bestimmung gibt —— wenn wir ein paar hundert oder ein paar tausend Meilen zwischen uns und Armadale legten! Welche seltsame Inconsequenz und Albernheit! Und dennoch gefällt er mir mit seiner Inconsequenz und seiner Albernheit; denn sehe ich nicht klar, daß ich die Ursache von Allem bin? Wer führt diesen gescheidten Mann wider seinen Willen irre? Wer macht ihn so blind, daß er den Widerspruch in seinem eigenen Benehmen nicht sieht, der ihm im Verhalten Anderer so klar erscheinen würde? Welches Interesse er mir einflößt! Wie gefährlich nahe ich daran bin, meine Augen vor der Vergangenheit zu schließen und mir zu gestatten, ihn zu lieben! Ob nur Eva ihren Adam inniger denn je liebte, nachdem sie ihn überredet hatte, den Apfel zu essen? Ich an ihrer Stelle würde ihn vergöttert haben. (NB. Meinerseits einen allerliebsten kleinen Brief mit einem Kusse darin an Midwinter zu schreiben und ihn, da ihm Zeit mit der Einsendung seiner Antwort gelassen wird, ebenfalls um Zeit zu bitten, bevor ich ihm sage, ob ich mit ihm ins Ausland reisen will oder nicht.)

Fünf Uhr. Ein langweiliger Besuch von meiner Hauswirthin, die ein wenig schwatzen wollte und voll von Neuigkeiten war, die mich, wie sie meinte, interessiren würden.

Wie ich von ihr höre, ist sie mit Mrs. Milroy’s ehemaliger Wärterin befreundet und hat ihre Freundin heute Nachmittag nach dem Bahnhofe begleitet. Natürlich sprachen sie von dem, was im Parkhäuschen vorgeht, und im Verlauf des Gesprächs ward auch mein Name erwähnt. Ist der Angabe der Wärterin Glauben beizumessen, so bin ich völlig im Irrthume wenn ich es Miß Milroy in die Schuhe schiebe, Mr. Armadale nach London geschickt zu haben, um über mich Erkundigungen einzuziehen. Miß Milroy wisse in Wahrheit nichts von der Sache, und die ganze Geschichte habe ihren Ursprung in der wahnsinnigen Eifersucht ihrer Mutter. Der gegenwärtige unglückliche Zustand der Dinge im Parkhäuschen ist ebenfalls ganz derselben Ursache zuzuschreiben. Mrs. Milroy ist der festen Ueberzeugung, daß mein dauernder Aufenthalt in Thorpe-Ambrose mit meinem heimlichen Verkehr mit dem Major in Zusammenhang steht, den sie durchaus nicht zu entdecken vermag. Unter dem Einflusse dieser Ueberzeugung ist sie so unlenksam geworden, daß Niemand, wenn er sonst noch eine Zuflucht hat, es in ihrem Dienste auszuhalten im Stande ist, und der Major wird früher oder später, wie sehr ihm dies auch widerstreben mag, sie unter geeignete ärztliche Obhut stellen müssen.

Dies das Wesentliche von dem, was die langweilige Hauswirthin mir zu erzählen hatte. Es ist unnöthig, zu sagen, daß es mich nicht im mindesten interessierte. Selbst wenn die Behauptung der Wärterin Glauben verdiente, was ich noch immer bezweifle, so ist dies doch jetzt ohne Wichtigkeit. Ich weiß, daß Miß Milroy und Niemand anders als sie meine Aussichten, Mrs. Armadale von Thorpe-Ambrose zu werden, zerstört hat, und ich will auch weiter nichts wissen. Hat ihre Mutter wirklich allein den Versuch angestiftet, meine falsche Empfehlung bloßzustellen, so scheint sie jedenfalls jetzt dafür zu büßen. Und damit leben Sie wohl, Mrs. Milroy, und der Himmel behüte mich vor noch ferneren letzten Blicken in das Parkhäuschen durch die Brille meiner Hauswirthin!

Neun Uhr. Bashwood hat mich so eben verlassen, nachdem er mir Nachrichten aus dem Herrnhause überbracht. Der jüngere Pedgift hat wirklich´heute eine Aussöhnung versucht, jedoch vergeblich. Ich bin allein schuld an diesem Mißlingen. Armadale ist zur Versöhnung vollkommen bereit, wenn der ältere Pedgift allen fernem Anlaß zu Differenzen dadurch meiden will, daß er nie auf das Kapitel Gwilt zurückkommt. Dies ist aber nun zufälligerweise gerade diejenige Bedingung, die Pedgift’s Vater bei seiner Meinung von mir und meinem Thun nicht einzugehen für seine Pflicht halten würde. Und so bleiben Advocat und Client noch ebenso getrennt wie zuvor, und das Hinderniß der Pedgifts ist aus meinem Wege geräumt.

Was den älteren Pedgift betrifft, so hätte sich hier ein sehr unbequemes Hinderniß herausstellen können, sobald einer seiner Vorschläge zur Ausführung gelangt wäre, ich meine, sobald man einen Londoner Polizeibeamten zu meiner Beaugenscheinigung hergeschickt hätte. Selbst jetzt fragt es sich noch, ob es nicht vielleicht besser sein wird, wenn ich wieder den dichten Schleier vornehme, den ich stets in London und andern großen Städten trage. Der einzige bedenkliche Umstand dabei ist, daß es in diesem kleinen Klatschneste Verdacht erregen dürfte, wenn ich in diesem Sommerwetter plötzlich einen dichten Schleier zu tragen begönne.

Es ist fast zehn Uhr —— ich habe mich länger bei meinem Tagebuche aufgehalten, als ich glaubte. Mit Worten läßt sich nicht beschreiben, wie müde und erschöpft ich mich fühle. Warum nehme ich nicht meine Schlaftropfen und lege mich zur Ruhe? Morgen wird ja keine Zusammenkunft zwischen Armadale und Miß Milroy stattfinden, die mich zu frühem Aufstehen nöthigen könnte. Fürchte ich mich etwa seltsamerweise vor meinem Bette, gerade wenn ich seiner am meisten bedarf? Ich weiß es nicht —— ich fühle mich müde und unglücklich; ich sehe entsetzlich elend und alt aus. Ich könnte fast so thöricht sein, in Thränen auszubrechen.«

Wie die Nacht nur sein mag? Eine wolkige Nacht mit von Zeit zu Zeit durchbrechendem Monde und steigendem Winde. Eben kann ich ihn zwischen den unvollendeten Häusern am Ende der Straße stöhnen hören. Meine Nerven müssen etwas angegriffen sein. Ich erschrak so eben über einen Schatten an der Mauer und fand erst einige Augenblicke später Fassung genug, um zu bemerken, wo die Kerze stehe und daß der Schatten mein eigener war. Der Schatten erinnert mich an Midwinter, oder wenn nicht der Schatten, etwas Anderes. Ich muß mir seinen Brief noch einmal ansehen, dann will ich ganz gewiß zu Bette gehen.

Ich werde ihn schließlich noch lieben lernen. Wenn ich noch lange in diesem Zustande von Einsamkeit und Ungewißheit verbleibe —— unentschlossen, mir so Unähnlich! —— so werde ich ihn schließlich noch lieben lernen. Welche Tollheit! Als ob ich wirklich je wieder einen Menschen lieben könnte!

Gesetzt, ich faßte einen meiner plötzlichen Entschlüsse und heirathete ihn? So arm er ist, würde er mir doch wenigstens einen Namen und eine Stellung geben, wenn ich seine Gattin würde. Laß sehen, wie sein Name —— sein eigener Name —— sich ausnehmen würde, wenn ich diesen wirklich gegen den meinigen eintauschte.

»Mrs. Armadale!« Hübsch!

»Mrs. Allan Armadale!« Noch hübscher!

Meine Nerven müssen angegriffen sein. Da erschrecke ich jetzt über meine eigene Handschrift! Es ist so seltsam —— genug, um Jeden zu erschrecken. Die Gleichheit der beiden Namen ist mir noch nie zuvor so aufgefallen. Welchen von beiden ich immer heirathete, mein Name würde natürlich derselbe sein. Hätte ich den blonden Armadale im Herrnhause geheirathet, so wäre ich Mrs. Armadale gewesen, und ich kann noch jetzt Mrs. Armadale werden, wenn ich den dunkellockigen Allan in London heirathe. Es ist zum Tollwerden, wenn man es niederschreibt, zu fühlen, daß etwas daraus werden sollte, und dann zu sehen, daß eben nichts daraus wird.

Wie kann etwas daraus werden? Würde er, wenn ich nach London reiste und ihn, wie ich dies natürlich thun müßte, unter seinem wahren Namen heirathete, mich später unter solchem bekannt werden lassen? Bei allen seinen Gründen, seinen wahren Namen geheim zu halten, würde er darauf bestehen —— nein, dazu hat er mich zu lieb —— würde er mich anflehen, den Namen zu tragen, den er angenommen hat. Mrs. Midwinter! Entsetzlich! Und Ozias, wenn ich vertraulich mit ihm sprechen, ihn vertraulich anreden wollte, wie dies seiner Gattin zukommt. Schlimmer als entsetzlich!

Dennoch aber dürften Gründe vorhanden sein, ihm hierin zu willfahren, wenn er mich darum bäte. Gesetzt, der Lümmel im Herrnhause verließe diese Gegend als unverheiratheter Mann, und gesetzt, viele seiner Bekannten hörten von einer Mrs. Armadale, so würden sie sofort annehmen, daß diese seine Gattin sei. Selbst wenn sie mich wirklich sähen und er nicht selbst zugegen wäre, um widersprechen zu können, so würde seine eigene Dienerschaft sagen: »Wir wußten von Anfang an, daß sie ihn schließlich doch noch heirathen würde.« Und meine Gönnerinnen, die jetzt nach unserm Zanke gereizt und bereit sind, alles Mögliche von mir zu glauben, würden sotto voce in den Chor einstimmen: »Denken Sie sich nur, meine Liebe, das Gerücht, das uns so sehr empörte, hat sich in der That als begründet erwiesen.« Nein, wenn ich Midwinter heirathe, muß ich entweder meinen Gatten und mich selbst fortwährend in eine falsche Lage bringen, oder ich muß seinen wahren Namen, seinen hübschen, romantischen Namen an der Kirchenthür hinter mir zurücklassen.

Meinen Gatten! Als ob ich ihn wirklich heirathen wollte! Ich will ihn nicht heirathen, und damit ist die Sache abgemacht.

Halb elf Uhr. O, Himmel, wie meine Schläfe zucken und wie mir die müden Augen brennen! Da ist der Mond und sieht mich durchs Fenster an. Wie schnell die kleinen, zerstreuten Wolken vor dem Winde dahinfliegen! Welch seltsame Gestalten die kleinen Flecken gelben Lichts annehmen und schnell wieder verlieren! Kein Friede und keine Ruhe für mich, wohin ich immer blicke. Die Kerze sogar flackerte und selbst der Himmel scheint heute Abend rastlos.

»Zu Bett, zu Bett? wie Lady Macbeth sagt. Beiläufig möchte ich wohl wissen, was Lady Macbeth an meiner Stelle gethan hätte. Sowie sich ihr die ersten Verlegenheiten entgegenstellten, würde sie Jemand umgebracht haben. Wahrscheinlich Armadale.

Freitag Morgen. Eine Nacht Ruhe, Dank meinen Tropfen! Ich bin in besserer Stimmung zum Frühstück gekommen und habe einen Morgengruß in Gestalt eines Briefes von Mrs. Oldershaw empfangen.

Mein Schweigen hat seine Wirkung auf die Mutter Jesabel geübt. Sie schreibt es der wahren Ursache zu und zeigt endlich ihre Krallen. Wenn ich nicht im Stande bin, meinen Wechsel auf dreißig Pfund einzulösen, der nächsten Dienstag fällig ist, so wird ihr Rechtsanwalt auf ihre Instruction »das übliche Verfahren einschlagen«. Wenn ich ihn nicht einlösen kann! Nachdem ich heute meine Miethe bezahlt, werden mir kaum noch fünf Pfund übrig bleiben! Keine Spur von Aussicht, daß ich mir von jetzt bis nächsten Dienstag noch Geld verdienen kann, und ich habe in dieser Gegend keinen einzigen Freund, der mir einen Sixpence leihen würde. Zu den Schwierigkeiten, die mich umlagern, brauchte nur noch eine zu kommen, um vollständig zu sein, und auch diese ist gekommen.

Natürlich würde mir Midwinter helfen, wenn ich es über mich gewönne, ihn zu bitten. Aber das heißt soviel als ihn heirathen. Bin ich wirklich so hilflos, um so zu enden? Nein, noch nicht.

Mein Kopf ist mir schwer; ich muß in die frische Luft hinaus und überlegen.

Zwei Uhr. Ich glaube, ich habe mich von Midwinters Aberglauben anstecken lassen. Ich beginne zu ahnen, daß die Ereignisse mich immer näher und näher einem Ziel zutreiben, das ich noch nicht erkenne, von dem ich aber fest überzeugt bin, daß es jetzt nicht mehr fern ist.

Ich bin von Miß Milroy beschimpft, geradezu vor Zeugen beschimpft worden.

Nachdem ich, wie gewöhnlich, an dem einsamsten Orte, den ich finden konnte, einen Spaziergang gemacht und ohne besonderen Erfolg nachgesonnen, was ich zunächst anfangen solle, erinnerte ich mich, daß es mir an Briefpapier und Federn fehle, und ging deshalb zur Stadt zurück und nach einem Papierladen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, wenn ich mir das Fehlende hätte holen lassen. Allein ich war meiner und meines einsamen Zimmers überdrüssig und machte den kleinen Einkauf selbst, und zwar aus keinem bessern Grunde, als um etwas zu thun zu haben.

Eben war ich in den Laden eingetreten und forderte das Papier, als noch eine Käuferin hereinkam. Wir blickten beide auf und erkannten einander auf der Stelle.

Außer dem Manne, der mich bediente, standen noch eine Frau und ein Knabe hinter dem Ladentische. Die Frau sagte höflich zu der zweiten Käuferin »Womit kann ich Ihnen aufwarten, Miß Milroy?« Diese erwiderte nachdrücklich, indem sie mir gerade ins Gesicht sah: »Für jetzt mit nichts. Ich will wiederkommen, sobald der Laden leer ist.«

Sie ging hinaus. Die drei Leute im Laden sahen mich schweigend an. Ich meinerseits zahlte schweigend für meine Einkäufe und ging dann ebenfalls. Ich weiß nicht, was ich gefühlt haben würde, hätte ich mich in meiner gewohnten Stimmung befunden. In dem sorgenvollen, unruhigen Zustande, in dem ich jetzt bin, fühlte ich mich, das kann ich nicht leugnen, empfindlich getroffen.

In der Schwachheit des Augenblicks, denn weiter war es nichts, war ich auf dem Punkte, ihre kleinliche Bosheit mit ebenso kleinlicher Bosheit zu vergelten. Wirklich war ich auf dem Wege nach der Wohnung des Majors bis ans Ende der Straße gegangen. in der Absicht, ihn in das Geheimniß der Morgenspaziergänge seiner Tochter einzuweihen, ehe mir bessere Einsicht zurückkehrte. Sowie ich mich abkühlte, wandte ich augenblicklich um und schlug den Heimweg ein. Nein, nein, Miß Milroy, ein bloßes vorübergehendes Unheil, das nur damit enden würde, daß Ihr Vater Ihnen verzeihen und Armadale aus seiner Nachsicht Vortheil ziehen würde, reicht nicht im entferntesten hin, meine Schuld an Sie abzutragen. Ich vergesse nicht, daß Ihr Herz an Armadale hängt und daß der Major, was er auch sagen mag, Ihnen schließlich doch immer den Willen gelassen hat. Mein Kopf mag wohl schwächer werden, aber ganz dumm ist er noch nicht.

Inzwischen wartet Mutter Oldershaws Brief auf Antwort, und da sitze ich und weiß noch immer nicht, was ich in der Sache beginnen soll. Soll ich ihr antworten oder nicht? Für den Augenblick ist es noch gleichgültig, denn noch bleiben mir mehrere Stunden, ehe die Post abgeht.«

Soll ich Armadale bitten. mir das Geld zu leihen? Es sollte mir ein Hochgenuß sein, wenigstens etwas aus ihm herauszubekommen, und ich glaube, daß er bei seinem gegenwärtigen Verhältnisse zu Miß Milroy. Alles thun würde, mich loszuwerden. Ziemlich gemein von mir. Bahl Wer macht sich wohl etwas daraus, ob er in den Augen eines Mannes gemein erscheint, den man verachtet und haßt, wie ich Armadale verachte und hasse.

Und dennoch sträubt sich mein Stolz oder sonst etwas, ich weiß nicht was, dagegen.

Halb drei Uhr, erst halb drei. O über die fürchterliche Langeweile dieser langen Sommertage! Ich kann nicht länger mehr denken; ich muß etwas thun, mir das Herz zu erleichtern. Kann ich mich ans Klavier setzen? Nein; dazu tauge ich nicht. Arbeiten? Nein; bei der Nadel würde ich wieder zu denken beginnen. Ein Mann nähme an meiner Stelle seine Zuflucht zum Trinken. Ich bin kein Mann und kann nicht trinken. Ich will mich mit meinen Kleidern unterhalten und meine Garderobe ordnen.

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Ist eine Stunde vergangen? Ueber eine Stunde. Mir scheint es eine Minute. Ich kann nicht zurückblättern in diesem Buche, aber ich weiß, daß ich die Worte irgendwo geschrieben habe. Ich weiß, daß ich fühlte, wie ich mich immer mehr und mehr einem Ziele nähere, das mir noch verborgen war. Dieses Ziel ist jetzt nicht mehr verborgen. Die Wolke ist von meinem Geiste gewichen, die Blindheit von meinen Augen hinweggenommen. Ich sehe es! Ich sehe es!

Es ist zu mir gekommen, ich habe es nicht gesucht. Mit ruhigem Gewissen könnte ich auf meinem Sterbebette schwören, daß ich es nicht gesucht habe.

Ich habe blos meine Sachen geordnet; ich bin so frivol, so nichtsnutzig beschäftigt gewesen wie das müßigste, frivolste Frauenzimmer von der Welt. Ich sah mir meine Kleider und meine Wäsche an. Was kann es Harmloseres geben? Kleine Kinder sehen ihre Kleider und ihre Wäsche an.

Es war ein so langer Sommertag und ich war meiner eigenen Gesellschaft so überdrüssig. Zuerst ging ich an meine Reisekoffer. Ich ordnete zunächst den großen Koffer, den ich meistens offen lasse, und dann ging ich an den kleinen, den ich stets verschließe.

Vom Einen zum Andern kam ich endlich zu dem Paket von Briefen am Boden des Koffers, den Briefen des Mannes, für den ich einst Alles geopfert und erduldet habe, des Mannes, der mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Wohl hundertmal habe ich seine Briefe verbrennen wollen, aber ich habe es nie gethan. Diesmal sagte ich blos: »Ich will seine Briefe nicht lesen!« Und dann las ich sie.

Der Schurke! Der falsche, feige, herzlose Schurke! Was habe ich noch mit seinen Briefen zu schaffen? O des Jammers, ein Weib zu sein! O der Schmach, daß unsere Erinnerung an einen Mann uns verlocken kann, wenn doch unsere Liebe zu ihm todt und dahin ist! Ich las die Briefe, ich fühlte mich so einsam und unglücklich, daß ich die Briefe las.

Ich kam zu dem letzten, dem Briefe, den er schrieb, um mich zu ermuthigen, als die fürchterliche Zeit immer näher und näher heranrückte, dem Briefe, der mich wieder neu belebte, als in der elften Stunde mein Entschluß wankend geworden war. Ich las ihn Zeile für Zeile und kam zu folgenden Worten:

»Mit derlei Albernheiten, wie Du sie mir geschrieben, habe ich wirklich keine Nachsicht Du sagst, ich treibe Dich zu etwas an, das den Muth eines Weibes übersteigt. Thue ich das? Ich könnte Dich an eine Sammlung von Gerichtsverhandlungen in England sowohl als im Auslande beweisen, um Dir zu zeigen, daß Du völlig im Irrthume bist, aber eine solche Sammlung mag Dir. nicht erreichbar sein; deshalb verweise ich Dich auf einen Fall in der gestrigen Zeitung. Die Umstände sind gänzlich verschieden von den unserigen, allein das Beispiel von der Entschlossenheit eines Weibes ist Deiner Beachtung Werth.

Unter den Criminalberichten wirst Du den Fall einer Frau finden, die sich fälschlicherweise als die vermißte Wittwe des Kapitäns eines Handelsschiffs ausgab, den man ertrunken glaubte. Der Name ihres lebenden Gatten und der des Kapitäns dessen Taufname sowohl als sein Familienname ein sehr gewöhnlicher, waren zufälligerweise genau dieselben. Glückte der Betrug, so war Geld dadurch zu erlangen, dessen ihr Gatte, dem sie mit großer Hingebung zugethan war, aufs dringendste bedurfte. Die Frau nahm Alles auf sich. Ihr Gatte war krank und hilflos und ward von den Gerichtsdienern gesucht. Die Umstände verhielten sich, wie Du selbst lesen kannst, alle zu ihren Gunsten und sie hatte sich dieselben so geschickt zu Nutze gemacht, daß die Rechtsgelehrten selbst eingestanden, es hätte ihr gelingen, müssen, wäre nicht der angeblich Ertrunkene plötzlich gesund und lebendig zum Vorschein gekommen, um sich ihr gerade im rechten Augenblicke gegenüberzustellen. Der Auftritt fand in einer Advocatenexpedition statt und ward im Gerichtssaale zur Evidenz gebracht. Die Frau war schön und der Seekapitän ein gutherziger Mensch. Wenn die Juristen es ihm gestattet, hätte er sie gern frei ausgehen lassen. Er sagte unter Anderem zu ihr: »Sie haben nicht erwartet, daß ein Ertrunkener frisch und lebendig wieder zum Vorschein kommen kann, nicht wahr Madame?« —— »Es ist ein Glück für Sie«, erwiderte sie, »daß ich dies nicht erwartet. Sie sind dem Meere entwischt, mir wären Sie nicht entwischt.« —— »Wie, was würden Sie gethan haben, wenn Sie gewußt, daß ich zurückkommen werde?« sagte der Seekapitän. Sie sah ihm fest ins Gesicht und erwiderte: »Ich würde Sie getödtet haben.« Da! Meinst Du, ein solches Weib würde mir geschrieben haben, ich treibe sie weiter, als sie Muth habe zu gehen? Noch dazu ein schönes Frauenzimmer, wie Du!«

Weiter las ich nicht. Als ich Zeile für Zeile bis zu diesen Worten gelesen, ward es mir plötzlich wie durch Blitzeshelle klar. In einer Sekunde sah ich es so deutlich, wie ich es jetzt sehe. Es ist fürchterlich, es ist unerhört, es ist verwegener als alles Verwegene, aber kann ich mich nur zu einer grausigen Nothwendigkeit stählen, so läßt sich’s thun. Ich kann mich als die reich versorgte Wittwe von Allan Armadale von Thorpe-Ambrose ausgeben, falls ich mit Sicherheit zu einer gegebenen Zeit auf Allan Armadale’s Tod rechnen darf.

Dies ist, mit deutlichen Worten, die fürchterliche Versuchung, der ich jetzt zu erliegen beginne. Sie ist in mehr als einer Hinsicht eine fürchterliche, denn sie ist aus jener andern Versuchung entsprungen, der ich ehedem erlag.

Ja, dort hat der Brief im Koffer gewartet, um einem Zwecke zu dienen, an den der Schurke, der ihn schrieb, niemals gedacht hat. Dort ist der Fall, wie er es nennt, nur citirt, um mich zu; höhnen, völlig verschieden von meinem eigenen derzeitigen Falle; dort hat er gelegen und gewartet und mir während aller Wechsel meines Lebens aufgelauert, bis er sich endlich meinem Falle angepaßt hat.

Das dürfte jedes Weib erschrecken, und selbst dies ist noch nicht das Schlimmste. Die ganze Geschichte hat schon seit mehreren Tagen in meinem Tagebuche gestanden, ohne daß ich es gewahr geworden, bin. Jede müßige Idee, die mir entschlüpfte hat heimlich nach jener Richtung gewiesen. Und ich sah es nicht, ahnte es nicht eher, als bis der Brief da mir meine eigenen Gedanken in einem neuen Lichte zeigte, bis ich plötzlich in den besonderen Umständen des Falles jenes Frauenzimmers den Schatten meiner eigenen Lage widergespiegelt sah.

Es läßt sich also machen, wenn ich nur der Nothwendigkeit ins Gesicht blicken kann. Es läßt sich machen, wenn ich zu einer bestimmten Zeit auf Allan Armadales Tod rechnen kann.

Außer diesem seinem Tode ist Alles leicht. Alle die Ereignisse, über die ich mich seit mehr als einer Woche fortwährend in blinder Wuth geärgert, haben sich —— obgleich ich zu dumm war, dies einzusehen —— samt und sonders zu meinen Gunsten gestaltet, Ereignisse, die mir immer besser den Weg zum Ziele bahnen.

Mit drei kühnen Schritten —— nur dreien! —— wäre dieses Ziel zu erreichen. Midwinter heirathet mich heimlich unter seinem wahren Namen —— erster Schritt! Armadale verläßt Thorpe-Ambrose als unverheiratheter Mann und stirbt in der Ferne unter Fremden —— zweiter Schritt!

Warum zaudere ich? Warum nicht auch den dritten und letzten Schritt nennen?

Ich will fortfahren. Der dritte und letzte Schritt ist, sobald sich die Nachricht von Armadale’s Tode hier in der Umgegend verbreitet hat, mein Auftreten als Armadale’s Wittwe, mit meinem Heirathsscheine in der Hand, um mein Anrecht geltend zu machen. Es ist so klar wie die Sonne um Mittag. Dank der vollkommenen Namensgleichheit und Dank der Sorgfalt, womit diese geheim zu halten ist, kann ich die Gattin des schwarzen Allan Armadale werden, ohne daß außer ihm und mir irgend ein Mensch etwas davon weiß, und eben vermöge dieser Stellung kann ich die Rolle der Wittwe des blonden Armadale spielen und in der Gestalt meines Heirathsscheins den Beweis für meine Angabe beibringen, der den ungläubigsten Menschen Von der Welt überzeugen muß.

Und daß dies Alles in meinem Tagebuche gestanden haben muß! Daß ich wirklich diese Situation im Auge gehabt und dennoch zur Zeit nichts darin gesehen haben sollte als, wenn ich Midwinter heirathete, einen Grund meiner Einwilligung, unter dem angenommenen Namen meines Gatten in der Welt zu erscheinen!

Was schreckt mich ab? Die Furcht vor Hindernissen? Die Furcht vor Entdeckung?

Wo sind die Hindernisse? Wo ist die Gefahr einer Entdeckung?

In der ganzen Nachbarschaft hat man mich im Verdacht, daß ich allerlei Ränke schmiede, um Mrs. Armadale von Thorpe-Ambrose zu werden. Ich bin die einzige Person, welche die Richtung seiner Neigung wirklich kennt. Bis jetzt weiß noch keine Seele etwas von seinen Morgenzusammenkünften mit Miß Milroy. Ist es nothwendig, sie zu trennen, kann ich dies zu jeder Zeit vermittelst eines anonymen Briefes an den Major bewirken. Ist es ferner nothwendig, Armadale aus Thorpe-Ambrose zu entfernen, so kann ich dies in drei Tagen bewerkstelligen. Als ich ihn das letzte Mal sprach, hat er mir mit eigenem Munde gesagt, er würde ans Ende der Welt gehen, um sich wieder mit Midwinter zu versöhnen, wenn Midwinter dazu bereit sei. Ich brauche Midwinter nur zu befehlen, von London aus an ihn zu schreiben und um Versöhnung zu bitten, und Midwinter würde mir gehorchen und Armadale würde nach London reisen. So ist mir gleich anfangs jede Schwierigkeit leicht gemacht. Mit jeder späteren kann ich allein fertig werden. Bei dem ganzen Wagnisse, wie verzweifelt es —— immer aussehen mag, daß ich mich für die Wittwe des einen Mannes ausgeben will, während ich die Gattin eines andern bin. ist nichts zweimal in Erwägung zu ziehen als die eine gräßliche Nothwendigkeit von Armadales Tode.

Sein Tod! Für jedes andere Weib dürfte dies eine fürchterliche Nothwendigkeit sein, aber ist es das, sollte es das wohl für mich sein?

Ich hasse ihn um seiner Mutter willen; ich hasse ihn um seiner selbst willen. Ich hasse ihn, weil er hinter meinem Rücken nach London gereist ist, um sich nach mir zu erkundigen. Ich hasse ihn, weil er mich aus meiner Stelle vertrieben hat, ehe ich diese noch aufgeben wollte. Ich hasse ihn, weil er alle meine Hoffnung auf eine Heirath mit ihm zerstört und mich hilflos in ein elendes Leben zurückstößt. Aber o! nach Allem, was ich bereits früher gethan habe, wie kann ich es? Wie kann ich es?

Das Mädchen, das sich zwischen uns gedrängt hat, das ihn mir entrissen, das mich noch heute öffentlich beschimpft hat —— wie sie, die ihr Herz an ihn gehangen hat, es fühlen würde, wenn er stürbe! Welche Rache an ihr, wenn ich es thäte! Und wenn ich als Armadale’s Wittwe empfangen würde, welch ein Triumph für mich! Triumph! Mehr als ein Triumph —— meine Rettung. Ein Name und eine Stellung, die unangreifbar sind und in denen ich mich vor meiner Vergangenheit verstecken kann! Comfort, Luxus, Reichthum! Ein sicheres Einkommen von zwölfhundert Pfund das Jahr, das mir nach dem gerichtlich gemachten Testamente zufällt und durch nichts zu bestreiten und anzugreifen ist! Noch nie habe ich zwölfhundert Pfund das Jahr gehabt. In meiner glücklichsten Zeit hatte ich noch nicht die Hälfte dieser Summe für mich. Was besitze ich jetzt? In der ganzen Welt nur fünf Pfund und für die nächste Woche die Aussicht aufs Schuldgefängniß.

Aber! o nach Allem, was ich schon früher gethan habe, wie kann ich es? Wie kann ich es?

Manche Frauen an meiner Stelle und mit meinen Erinnerungen würden anders darüber denken. Manche würde sagen: »Das zweite Mal ist’s leichter als das erste. Warum kann ich’s nicht? Warum kann ich’s nicht?«

O du Teufel, der du mich versuchst —— ist kein Engel in der Nähe, der zwischen heute und morgen ein Hinderniß aufrichten könnte. das mich abbrächte an meinem Vorhaben?

Ich werde darunter erliegen, ich werde erliegen, wenn ich noch länger darüber schreibe oder daran denke! Ich will das Buch schließen und wieder ausgehen. Ich will irgend eine gewöhnliche Person mitnehmen und mich von gewöhnlichen Dingen mit ihr unterhalten. Ich will die Hauswirthin und ihre Kinder mitnehmen. Wir wollen an irgend einen öffentlichen Vergnügungsort gehen. Es ist eine Schaubude in der Stadt, wo es etwas zu sehen gibt, ich weiß nicht was, dorthin will ich sie führen. Ich bin kein bösherziges Frauenzimmer, wenn ich nur will, und die Hauswirthin ist wirklich freundlich gegen mich gewesen. Ich könnte doch sicherlich mein Gemüth ein wenig beschäftigen, wenn ich sähe, wie sie und die Kinder sich ergötzen.

Vor einer Minute machte ich dieses Buch zu, wie ich es beschlossen hatte, und jetzt habe ich es wieder geöffnet und weiß nicht warum. Ich glaube, ich werde verrückt. Mir ist, als ob ich etwas aus meinem Geiste verloren hätte; mir ist, als müßte ich es hier wiederfinden.

Ich habe es gefunden! Midwinter!!!

Ist es möglich, daß ich mich seit einer Stunde mit den Gründen dafür und dawider habe beschäftigen, einmal über das andere Midwinter’s Namen schreiben, ernstlich daran denken können, ihn zu heirathen, ohne mich ein einziges Mal daran zu erinnern, daß, selbst wenn jedes andere Hinderniß aus dem Wege geräumt wäre, wenn der Augenblick käme, er allein mir zum unübersteiglichen Hinderniß werden würde? Hat die Anstrengung, die es mich gekostet, der Nothwendigkeit von Armadale’s Tode ins Antlitz zu sehen, mich in solchem Grade in Anspruch genommen? Wahrscheinlich. Sonst kann ich eine an mir so erstaunliche Vergessenheit nicht erklären.

Soll ich bleiben und die Sache durchdenken, wie ich alles Uebrige durchdacht habe? Soll ich mich mit der Frage aufhalten, ob Midwinter, wenn der Augenblick käme, wirklich ein so unübersteigliches Hinderniß sein würde, wie es augenblicklich den Anschein hat? Nein! Wozu noch daran denken? Ich habe mich entschlossen, der Versuchung zu widerstehen. Ich habe beschlossen, meiner Wirthin und ihren Kindern ein Vergnügen zu machen. Ich habe beschlossen, mein Tagebuch zuzumachen und zugemacht soll es werden.

Sechs Uhr. Das Geplapper der Wirthin ist unerträglich; ihre Kinder bringen mich von Sinnen. Ich habe sie verlassen, um zurückzueilen und noch vor Abgang der Post eine Zeile an Mrs. Oldershaw zu schreiben.

Die Furcht, daß ich der Versuchung erliegen werde, bemächtigt sich meiner immer mehr. Ich will es mir unmöglich zu machen suchen, meinem eigenen Willen zu folgen. Zum ersten Male, seit ich sie kenne, soll Mutter Oldershaw meine Retterin sein. Sie droht mir, wenn ich meinen Wechsel nicht einlösen kann, mit Einsperrung Nun, sie soll mich einsperren. In meinem gegenwärtigen Gemüthszustande kann mir nichts Besseres geschehen, als daß ich aus Thorpe-Ambrose hinweg geholt werde, ob mir’s nun gefällt oder nicht. Ich will schreiben, daß ich hier zu finden bin. Ich will ihr mit deutlichen Worten sagen, daß sie mir keinen bessern Dienst leisten kann, als wenn sie mich einsperrt!

Sieben Uhr. Der Brief ist zur Post. Ich begann mich ein wenig ruhiger zu fühlen, als die Kinder kamen, mir für das ihnen geschenkte Vergnügen zu danken. Eins ist ein Mädchen und dies warf meine ganze Fassung über den Haufen. Sie ist ein dreistes Kind, und ihr Haar gleicht dem meinigen. Sie sagte: »Ich werde aussehen, wie Sie, wenn ich groß werde, nicht wahr?« Ihre blödsinnige Mutter sagte: »Bitte, entschuldigen Sie sie, Miß«, und führte sie lachend aus dem Zimmer. Wie ich! Ich behaupte nicht, daß ich das Kind lieb habe, aber man denke nur, daß es mir ähnlich ist!

Sonnabend Morgen. Diesmal habe ich wohl gethan, nach meinem Impulse zu handeln und an Mrs. Oldershaw zu schreiben, wie ich es gethan. Das einzige neue Ereigniß, das sich zugetragen, ist abermals ein Ereigniß, das mir zu statten kommt.

Major Milroy hat auf Armadales Brief, in dem dieser ihn um Erlaubniß gebeten, nach dem Parkhäuschen kommen und sich rechtfertigen zu dürfen, geantwortet. Seine Tochter las die Antwort schweigend, als Armadale ihr dieselbe heute Morgen bei ihrer heimlichen Zusammenkunst im Park überreichte. Daraus aber unterhielten sie sich laut genug darüber, daß ich sie hören konnte. Der Major bleibt bei dem von ihm eingeschlagenen Verfahren. Er sagt, er habe sich seine Ansicht über Armadales Betragen nicht nach gewöhnlichen Gerüchten, sondern nach Armadales eigenen Briefen gebildet und sehe keinen Grund, die Meinung zu ändern, zu der er am Schlusse ihrer Correspondenz gelangt sei.

Dieser kleine Umstand war mir entfallen, wie ich bekennen muß. Die Sache hätte ein sehr fatales Ende für mich nehmen können. Hätte Major Milroy weniger hartnäckig an seiner Meinung festgehalten, so hätte Armadale sich rechtfertigen können; die Verlobung wäre anerkannt und damit all meinem Einflusse auf die Sache ein Ziel gesetzt worden. So aber müssen sie ihr Verhältnis; nach wie vor streng geheim halten, und Miß Milroy, die sich seit dem Gewitter nie wieder in die Nähe des Herrnhauses gewagt hat, wird sich jetzt weniger denn je dorthin wagen. Sobald es mir beliebt, kann ich das Pärchen trennen —— durch eine anonyme Zeile an den Major kann ich sie trennen, sobald es mir beliebt!

Nachdem sie über den Brief gesprochen, begannen sie sich über das zu unterhalten, was sie zunächst thun sollten. Wie sich bald herausstellte, führte des Majors Strenge das gewohnte Resultat herbei. Armadale kam wieder auf eine Entführung zurück, und diesmal hörte sie ihn an. Alles vereinigt sich, sie dazu zu treiben. Ihre Garderobe ist beinahe fertig, und die Sommerferien der Pensionsschule, die man für sie gewählt hat, gehen mit nächster Woche zu Ende. Als ich sie verließ, hatten sie beschlossen. sich am nächsten Montag wieder am selben Orte einzufinden und dann das Weitere zu verabreden.

Die letzten Worte, die ich ihn sagen hörte, ehe ich fortging, ergriffen mich ein wenig. Er sagte: »Eine Schwierigkeit wenigstens existiert für uns nicht, Neelie. Geld habe ich genug« Und dann küßte er sie. Der Weg zu seinem Tode erschien mir ebener, als er von seinem Gelde sprach und sie küßte.

Einige Stunden sind verstrichen, und je mehr ich daran denke, desto mehr fürchte ich mich vor der öden Zwischenzeit, die bis zu dem Augenblicke vergehen muß, wo Mrs. Oldershaw das Gesetz zu Hilfe ruft und mich vor mir selbst schützt. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich heute Morgen zu Hause geblieben. Aber wie konnte ich dies? Nach der Beschimpfung, die ich gestern von ihr erlitten, zuckte es mir in allen Gliedern, zu kommen und sie anzusehen.

Heute, Sonntag, Montag, Dienstag. Sie können nicht eher als Mittwoch kommen, mich festzunehmen. Und meine armseligen fünf Pfund schmelzen auf vier zusammen! Und er sagte ihr, Geld habe er genug! Und sie erröthete und zitterte, als er sie küßte! Es dürfte besser für ihn und für sie und für mich gewesen sein, wäre mein Wechsel schon gestern fällig gewesen und hätte »ich mich heute bereits in den Händen der Gerichtsdiener befunden.

Gesetzt, ich besäße die Mittel, mit dem nächsten Zuge Thorpe-Ambrose zu verlassen, ins Ausland zu reisen und mich unter neuen Menschen in neue Interessen zu vertiefen, könnte ich dies nicht lieber thun, anstatt noch ferner an den Weg zu seinem Tode zu denken, der alles Andere glatt und leicht machen soll?

Wohl möglich. Aber wo soll das Geld herkommen? Vor ein paar Tagen hatte ich doch eine Idee, wie ich es mir verschaffen könne? Ja, jene erbärmliche Idee, Armadale um Hilfe zu bitten! Nun, ich will einmal kleinlich handeln. Ich will ihm die Gelegenheit geben, einen großmüthigen Gebrauch von jener wohlgefüllten Börse zu machen, die ihm unter den gegenwärtigen Umständen solchen Trost gewährt. Wenn er mir in meiner jetzigen großen Noth Geld liehe, das würde mein Herz für jeden Mann erweichen, und wenn Armadale mir Geld liebe, so dürfte dies mein Herz auch für ihn erweichen. Wann soll ich zu ihm gehen? Sogleich! Ich will mir keine Zeit lassen, um die Erniedrigung zu empfinden und andern Sinnes zu werden.«

Drei Uhr.Ich merke mir die Stunde. Er hat selbst sein Urtheil gesprochen. Er hat mich insultirt.

Ha! Ich habe es einmal von Miß Milroy erlitten und jetzt zum zweiten Male von Armadale selbst. Eine Beleidigung, eine unverkennbare, unbarmherzige, berechnete Beleidigung am hellen lichten Tage!

Ich war durch die Stadt gegangen und so eben auf dem Fahrwege angelangt, der nach dem Gutshause führt, als ich Armadale in geringer Entfernung mir entgegenkommen sah. Er schritt schnell daher, offenbar in eigenen Geschäften nach der Stadt eilend. Sowie er meiner ansichtig wurde, blieb er stehen, erröthete, nahm seinen Hut ab, zögerte und bog in einen Rabenweg hinter ihm ein, von dem ich zufälligerweise weiß, daß er ihn in eine seinem Wege direct entgegengesetzte Richtung führte. Sein Benehmen sagte deutlich, wie mit Worten: »Miß Milroy könnte es erfahren; ich darf mich nicht der Gefahr aussetzen, daß man mich mit Ihnen sprechen sieht» Die Männer haben mich herzlos behandelt; die Männer haben mir harte Dinge gesagt und angethan, aber noch keiner hat mich behandelt, als ob ich die Pest hätte und sogar die Luft um mich her durch meine Gegenwart verunreinig wäre!

Weiter sage ich nichts. Als er von mir fort jenen Nebenweg hinabging, schritt er seinem Tode entgegen. Ich habe an Midwinter geschrieben, mich nächste Woche in London zu erwarten und sich bald nach meiner Ankunft zu unserer Heirath bereit zuhalten.

Vier Uhr. Vor einer halben Stunde schon setzte ich meinen Hut auf, meinen Brief an Midwinter selbst auf die Post zu tragen. Und da bin ich noch immer in meinem Zimmer, während mein Gemüth von Zweifeln gemartert wird und der Brief noch auf dem Tische liegt.

Armadale hat mit den Zweifeln, die mich jetzt plagen, nichts zu schaffen. Midwinter ist es, der mich zögern laßt. Kann ich den ersten der drei Schritte, die mich zum Ziele führen sollen, thun, ohne mit gewohnter Vorsicht die Folgen in Erwägung zu ziehen? Kann ich Midwinter heirathen, ohne vorher zu wissen, wie ich dem Hindernisse, das mein Gatte bietet, begegnen soll, wenn die Zeit kommt, die mich aus der Gattin des lebenden Armadale in die Wittwe des todten Armadale verwandeln soll?

Warum kann ich nicht daran denken, wenn ich doch weiß, daß ich daran denken muß? Warum kann ich dies nicht ebenso fest ins Auge fassen, wie ich es sonst mit allem Andern gethan habe? Ich fühle seine Küsse auf meinen Lippen, ich fühle seine Thränen auf meinem Busen, ich fühle mich wieder von seinen Armen umschlungen. Er ist weit entfernt in London und dennoch hier und will mich nicht daran denken lassen.

Warum kann ich nicht etwas warten? Warum kann ich mir nicht von der Zeit helfen lassen? Der Zeit? Es ist Sonnabend! Wozu sollte ich wohl daran denken, wenn ich nicht will? Heute geht keine Post nach London. Ich muß warten. Selbst wenn ich den Brief auf die Post gäbe, würde er doch nicht abgehen. Außerdem höre ich vielleicht morgen von Mrs. Oldershaw. Wohl sollte ich warten, bis ich von Mrs. Oldershaw gehört habe. Ich kann mich nicht als frei betrachten, bis ich weiß, was Mrs. Oldershaw zu thun gedenkt. Nothwendig muß ich bis morgen warten. Ich will meinen Hut abnehmen und den Brief in mein Pult schließen.

Sonntag Morgen. Ich kann nicht länger widerstehen! Die Umstände überwältigen mich. Sie kommen immer dichter und drängen mich alle nach derselben Richtung.

Ich habe die Antwort von Mutter Oldershaw. Das elende Geschöpf schmeichelt und kriecht vor mir. Ich sehe so deutlich, als wenn sie es eingestanden hätte, daß sie mich im Verdacht hat, mir meinen Erfolg in Thorpe-Ambrose ohne ihren Beistand sichern zu wollen. Da sie sieht, daß sie mit Drohungen nichts bei mir ausrichtet, so versucht sie es jetzt mit Schmeicheleien. Ich bin wieder ihre Herzens-Lydia! Es hat sie förmlich verletzt, daß ich glauben könne, sie wolle wirklich ihre Busenfreundin einsperren lassen, und erbittet es sich als eine persönliche Gunst, daß ich meinen Wechsel prolongiere!

Ich wiederhole es, kein sterbliches Wesen vermöchte dem zu widerstehen! Einmal über das andere habe ich der Versuchung aus dem Wege zu gehen versucht, und einmal über das andere werde ich durch die Umstände wieder zu ihr zurückgetrieben. Ich kann den Kampf nicht länger fortsetzen Die Post, die heute Abend die Briefe abholt, soll auch den meinigen an Midwinter mitnehmen.

Heute Abend! Lasse ich mir Zeit bis heute Abend, so kann sich wieder etwas ereignen. Lasse ich mir bis heute Abend Zeit, so werde ich vielleicht wieder wankend. Ich bin der Qual der Unschlüssigkeit überdrüssig. Ich muß und will mir für die Gegenwart Erleichterung verschaffen, was dies auch immer für die Zukunft kosten möge! Mein Brief an Midwinter wird mich verrückt machen, wenn er mich noch länger aus meinem Schreibpulte anstiert In zehn Minuten kann ich ihn auf die Post geben, und ich will’s!

Es ist geschehen. Der erste der drei Schritte, die mich dem Ziele zuführen, ist gethan. Mein Gemüth ist ruhiger —— der Brief liegt auf der Post.

Morgen wird Midwinter ihn erhalten. Vor dem Ende der Woche muß man Armadale öffentlich Thore-Ambrose verlassen sehen und zwar in meiner Begleitung.

Habe ich mir die Folgen meiner Heirath mit Midwinter vergegenwärtigt? Nein!

Doch ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht daran denken! Habe ich nicht meinen freien Willen? Und kann ich nicht an etwas Anderes denken, wenn mir’s beliebt?

Da ist der speichelleckerische Brief der Mutter Jesabel. Das ist etwas Anderes für meine Gedanken. Ich will ihn beantworten. Ich bin in der Laune, um an Mutter Jesabel zu schreiben.«

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Schluß des Briefes von Miß Gwilt an Mrs. Oldershaw-

»Als ich abbrach, sagte ich Dir, daß ich zuvor mein Tagebuch befragen wolle, ob ich Dir mit Sicherheit anvertrauen könne, was ich jetzt zu thun im Sinne habe. Nun, ich habe es befragt, und mein Tagebuch antwortet: »Sage ihr nichts!« Unter diesen Umständen schließe ich meinen Brief mit meinen. besten Entschuldigungen, daß ich Dich im Dunkeln lassen muß.

Vermuthlich werde ich binnen kurzem in London sein und Dir vielleicht dann mündlich mitteilen, was mir zu schreiben nicht sicher scheint. Doch mache ich Dir keine Versprechungen! Es kommt Alles drauf an, wie ich mich zur Zeit gegen Dich gestimmt fühle. Ich bezweifle Deine Verschwiegenheit nicht, aber ich bin mir (unter gewissen Verhältnissen) Deines Muthes nicht sicher.

L. G.

N. S. Besten Dank für Deine Erlaubniß, meinen Wechsel Verlängern zu dürfen. Ich schlage dies indessen aus. Das Geld wird bereit sein, sowie der Wechsel fällig ist. Ich habe einen Freund in London, der ihn bezahlen wird, wenn ich ihn darum ersuche. Möchtest Du wissen, wer dieser Freund ist? Du wirst noch wegen verschiedener anderer Dinge neugierig sein, Mrs. Oldershow, ehe noch viele Wochen über Deinem Haupte und dem meinigen dahingegangen sind.


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