Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Erster Band - Drittes Kapitel
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Die Heirat im Omnibus



Drittes Kapitel.

Meinen Vater betrachtete ich stets —— ich spreche in der vergangenen Zeit von ihm, weil wir jetzt auf immer getrennt sind und weil er fortan für mich eben so todt ist, als ob das Grab sich über ihm geschlossen hätte —— meinen Vater, sage ich, betrachtete ich stets als den stolzesten Mann, den ich jemals gekannt. ——

In der; Regel und gewöhnlichen Begriffen nach erkennt, man den Stolz an einer steifen Haltung, an einem schroffen Ausdrucke der Gesichtszüge an einem trocknen, strengen Tone der Stimme, an verächtlichen, gegen die Armuth geschleuderten Sarkasmen und endlich an weitschweifigen Auslassungen über die Vorzüge hohen Ranges und vornehmer Geburt.

Der Stolz meines Vaters aber gab sich auf diese Weise durchaus nicht zu erkennen.

Es war vielmehr ein kalter, negativer, höflicher, gleichsam mit seinem Blute gemischter Stolz, welcher dem durch dringendsten Scharfblicke Trotz bieten konnte.

Die meisten der Leute, welche mit ihm in Berührung kamen, erkannten hiervon nur zwei scharf ausgesprochene Züge: die vollkommene Artigkeit, die ausgesuchte und beinahe weibische Zartheit seiner Manieren und die außerordentliche Wohlanständigkeit und Distinction seines Redens.

Jeder, der ihn in seinen Beziehungen zu seinen Pächtern auf einem seiner Landgüter beobachtet, Jeder, der die Art und Weise gesehen, auf welche er den Hut abnahm, wenn er zufällig der Frau eines dieser Pächter begegnete, Jeder, der Zeuge des herzlichen Empfanges gewesen wäre, welchen er einem Manne aus dem Volke bereitete, wenn derselbe zugleich ein Mann von Genie war, würde nimmermehr geglaubt haben, daß mein Vater stolz sei.

Bei solchen Gelegenheiten blickte wenigstens sein Stolz, wenn er dessen besaß, nirgends hindurch.

Beobachtete man ihn aber zum Beispiel, wenn ein Autor und ein ahnenloser, neubackener Pair sich bei ihm begegneten, so konnte man ganz gewiß bemerken, auf wie verschiedene Weise er einem und dem andern die Hand drückte.

Die cordiale Höflichkeit —— dies sah man sofort war ganz für den Schriftsteller, der aus Gleichheit des Standes keinen Anspruch machte, die gemessene Höflichkeit dagegen für den Betitelten, denn in dieser Beziehung trat sein Stolz in dem, was er Besonderes hatte, sofort zu Tage.

Hier war der kitzlige Punkt. Aristokratie des Ranges ohne ahnenreiche Abkunft war für ihn gar keine Aristokratie. Auf diese war er eifersüchtig; sie war ihm verhaßt.

Obschon im Grunde genommen nur bürgerlich, glaubte er doch in socialer Beziehung über jedem andern Menschen, mochte er Baronet oder Herzog sein, zu stehen, sobald dessen Familie weniger alt war als die seine.

In unserer Häuslichkeit erfüllte er seine Pflichten gegen seine Familie mit edler, zarter Sorgfalt. Ich glaube, er liebte uns nach seiner Weise Alle; wir, seine Kinder, aber besaßen nur die Hälfte seines Herzens. Seinen Ahnen gehörte die andere und wir bildeten bloß einen Theil der Güter, die er zu verwalten hatte.

Wir besaßen die ganze Freiheit, die uns gefallen konnte; er war nachsichtig, zeigte niemals Mißtrauen gegen uns und machte nie von ungerechter Strenge Gebrauch.

Seiner klar und bestimmt ausgesprochenen Ansicht nach wußten wir, daß wir uns vor allen Thaten und Worten hüten sollten, welche geeignet waren, den Ruhm und das Ansehen unserer Familie zu trüben, denn dies allein war das verhängnißvolle Verbrechen, für welches wir niemals Verzeihung erwarten konnten.

Er selbst übernahm die Aufgabe, uns die Grundsüße der Religion, der Ehre und der Weltkenntniß einzuprägen. Im Uebrigen schien er sich auf unser moralisches Gefühl, auf unsere Dankbarkeit, auf unser eigenes Verständniß der Pflichten und der Vorrechte unseres Ranges zu verlassen.

Mit Einem Worte, er zeigte sich so gegen uns, daß wir nicht einen einzigen rechtmäßigen Grund hatten, uns zu beklagen, und dennoch weiß ich nicht, welche Lücke sich in diesen häuslichen Beziehungen fühlbar machte.

So unbegreiflich und sogar lächerlich dies auch mehreren Personen scheinen mag, so ist es doch nicht weniger wahr, daß keines von uns auf vertrautem Fuße mit ihm stand.

Ich will damit sagen, daß er unser Vater war, aber nicht unser Kamerad oder Genosse. In seinem unveränderlichen, ruhigen Wesen lag Etwas, was uns gebieterisch in der Entfernung hielt.

Niemals fühlte ich mich verlegener —— und diese Verlegenheit empfand ich damals, ohne mir Rechenschaft davon zu geben —— als wenn es sich zufällig traf, daß ich mit ihm allein speisen mußte. Niemals theilte ich ihm jene kleinen Pläne zu Vergnügungen mit, mit denen alle kleinen Knaben sich beschäftigten, und als Jüngling sprach ich mit ihm nie anders als ganz oberflächlich von meinen Zukunftsträumen.

Der Grund hiervon lag nicht etwa darin, daß ich erwartet hätte, jenes Vertrauen sich entwickeln zu sehen, welches von ihm streng niedergehalten ward, denn er war dessen vollkommen unfähig. Er schien mir bloß von zu hohem Wesen zu sein als daß er sich bis zu uns hätte erniedrigen können, und es war mir, als ob seine Gedanken und die unseren gar nichts Gemeinsames haben könnten.

deshalb besprach ich alle meine Entwürfe für Schulferien oder andere Feiertage mit alten Dienern. Meine ersten stylistischen Versuche las ich meiner Schwester vor, aber niemals drangen sie in das Cabinet meines Vaters.

Bei der Art und Weise, aus welche er meinem Bruder und mir kundgab, daß wir uns sein Mißfallen zugezogen, erschreckte er uns eben durch seine Ruhe. Er machte einen seltsamen, unaussprechlichen Eindruck aus uns, und uns diesem ruhigen Zorne auszusetzen, war das größte Unglück, welches wir fürchteten.

Als wir noch klein waren, gab sich, wenn wir irgend einen kleinen Fehltritt begangen hatten, seine Gereiztheit durch kein anderes äußeres Zeichen kund, als durch den kleinen rothen Flecken, den wir in gewissen Augenblicken sicher waren, auf seiner Wange erscheinen zu sehen. Dabei aber ward sein Benehmen gegen uns ein ganz anderes.

Er hielt uns keine Strafpredigten; er drohte uns nicht; er belegte uns nicht mit irgend einer körperlichen Züchtigung aber wenn wir vor ihm erschienen, begegnete er uns —— besonders wenn unser Fehler den Charakter der Niedrigkeit oder Gemeinheit gehabt hatte —— mit einer kalten, verächtlichen Höflichkeit, die uns das Herz zuschnürte.

In solchen Fällen nannte er uns, wenn er das Wort an uns richtete, nicht bei unseren Vornamen. Wenn wir ihm zufällig außerhalb der Zimmer begegneten, verfehlte er nicht umzukehren und unsere Annäherung zu meiden. Wenn wir eine Frage an ihn richteten, antwortete er uns so lakonisch als möglich, gerade als ob er es mit völlig fremden Personen zu thun hätte.

Er benahm sich mit Einem Worte so, daß er uns deutlich zu sagen schien: »Ihr habt Euch der Freundschaft Eures Vaters unwürdig gemacht. Er läßt Euch diese Unwürdigkeit auf die nieder drückendste Weise fühlen.«

Dieses häusliche Fegefeuer mußten wir oft Tage, zuweilen sogar ganze Wochen lang aushalten.

Für unsere kindische Empfindlichkeit —— ganz besonders für die meine —— gab es keine Schmach, die mit dieser —— so lange sie dauerte —— zu vergleichen gewesen wäre.

Auf welchem Fuße mein Vater mit meiner Mutter lebte, weiß ich nicht. Hinsichtlich meiner Schwester war sein Verfahren stets das alte und er bewies ihr jene liebreiche Galanterie, die sonst nur der Jugend eigen zu sein pflegt. Er war gegen sie stets aufmerksam und begegnete ihr wie einer vornehmen Dame, deren Wirth er gewesen wäre. Selbst wenn wir allein waren, führte er sie stets bei der Hand in das Speisezimmer gerade als ob er eine Herzogin zu einem Banket führte, bei welchem die strengste Etikette herrschte.

Uns kleinen Knaben erlaubte er, den Frühstückstisch zu verlassen, ehe er selbst davon aufstand, aber nie eher als meine Schwester sich erhob.

Wenn ein Diener seiner Pflicht gegen ihn untreu ward, so hatte er Aussicht, Verzeihung zu erlangen; hatte er dagegen ein Versehen gegen meine Schwester begangen, so konnte er sicher darauf rechnen, auf der Stelle fortgeschickt zu werden.

In seinen Augen vertrat seine Tochter die Stelle ihrer Mutter und repräsentirte dieselbe. Er betrachtete sie nicht bloß als sein Kind, sondern auch als die Herrin des Hauses, und es war ein gewissermaßen wohlthuender Anblick, das Gemisch von aristokratischer Courtoisie und väterlicher Anhänglichkeit zu sehen, welches sich in seinen Manieren malte, wenn er sie jeden Morgen, als er sie zum ersten Male sah, auf die Stirn küßte.

Was körperliche Erscheinung betraf, so war mein Vater von Mittelstatur. Sein Körperbau war zart und schwächlich, der Kopf klein, aber anmuthig und gerade aus den Schultern ruhend, die Stirn mehr keck als majestätisch, die Gesichtsfarbe eigenthümlich bleich, ausgenommen in Augenblicken der Aufregung, denn dann war er, wie ich schon bernerkt habe, zu lebhaftem Erröthen geneigt.

Seine großen grauen Augen hatten in ihrem Blicke etwas Gebieterisches und verliehen seiner Physiognomie einen Ausdruck von gemessener Festigkeit und Würde, wie man ihn selten antrifft. Das Spiel dieses Auges verrieth augenscheinlich seine Abstammung von reinem Geschlechte, seine alten genealogischen Vorurtheile und den ritterlichen Biedersinn und das Ehrgefühl welches ihn beherrschte.

Diese männliche Energie, welche sich in dem obern Theile seines Gesichts kundgab, war indessen nicht stark genug, um den reinen normännischen Typus übersehen zu lassen, der sich in den weibischen und zarten Umrissen des untern Theils aussprach.

Sein Lächeln zeichnete sich durch seine Sanftheit aus und war beinahe das eines Weibes. Wenn er sprach, so zitterten seine Lippen auch wie die der Frauen. Wenn er einmal, als er noch jung war, laut lachte, so mußte sein Gelächter ein helles und harmonisches gewesen sein; aber so weit ich zurückdenken kann, entsinne ich mich nicht, es jemals gehört zu haben. In seinen glücklichsten Augenblicken und unter der heitersten Gesellschaft habe ich ihn bloß lächeln sehen.

Ich könnte hier noch viele andere charakteristische Züge von der Gemüthsart und den Geschmacksrichtungen meines Vaters anführen, vielleicht aber treten dieselben besser in der Folge hervor, wenn ich die Umstände erzähle, in welchen sie sich offenbarten.


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