Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus
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Die Heirat im Omnibus



Erstes Kapitel

Was will ich schreiben?

Die Geschichte der Ereignisse von wenig mehr als einem Jahre der vierundzwanzig, aus welchen mein Leben bis jetzt zusammengesetzt ist.

Warum habe ich diese Aufgabe unternommen?

Weil ich glaube, daß meine Erzählung Gutes stiften kann; weil ich hoffe, daß sie früher oder später mit Nutzen zu Rathe gezogen werden wird.

Es hat Menschen gegeben, welche, ehe sie den Geist aufgaben, ihren Körper den Aerzten vermachten und der Wissenschaft gleichsam zum Opfer brachten.

Auf dieselbe Weise bringe ich mit diesen Blättern, die ich geschrieben, während alle Freude und alle Hoffnung in mir mit dem Tode ringt, mein Herz, welches von dem Seziermesser schon zerfleischt worden, der menschlichen Natur zum Opfer.

Ich wünsche meine Geständnisse zu schreiben. Vielleicht ist dies meine Entschuldigung, die ich vorzubringen wünsche.

Ich schicke mich an, die Geschichte eines Fehltrittes zu erzählen, der in seinem Beginne wenig tadelnswerth erschien, in seinem Fortgange strafbar und in seinem Ergebnisse verhängnißschwer und unheilvoll ward.

Ich würde mich sehr glücklich fühlen, wenn die offene und aufrichtige Darlegung, die ich machen will, die Gründe hervorhebt, welche mir zur Entschuldigung gereichen.

Wenn diese Blätter nach meinem Tode gefunden werden, so wird man sie nach ruhigem, wohlwollendem Durchlesen vielleicht so beurtheilen wie es Reliquien zukommt, welchen die eisige Kälte des Grabes etwas Feierliches und Ehrfurcht erweckendes verleiht.

Dann wird der über mich gefällte strenge Urtheilsspruch ohne Zweifel Reue erwecken. Die neue Generation, welche in unserem Hause heranwächst, wird gelehrt werden, von meinem Andenken mitleidig und menschenfreundlich zu sprechen, und wer weiß, ob man nicht beim stillen Nachdenken in den einsamen Stunden der Nacht einige Sympathie für mich empfindet.

Bewogen durch diese Gründe und andere, die ich fühle, aber nicht analysieren kann, mache ich mich schon jetzt an die Aufgabe, die ich mir gestellt habe.

Versteckt unter den fernen Hügeln des abgelegensten Westens Englands, unter den schlichten Bewohnern eines kleinen Fischerdorfes an der Küste von Cornwalls lebend, kann ich kaum erwarten, daß meine Aufmerksamkeit von meiner Arbeit abgelenkt werde oder daß meine Trägheit der raschen Lösung meiner Aufgabe hinderlich sei.

Ich lebe unter der fortwährende Drohung eines Schlages, der mich in jedem Augenblicke treffen und mein Schicksal enden kann, ohne daß ich weiß, in wie kurzer Frist und auf welche Weise er mich ereilen wird.

Ein tödlicher entschlossener Feind, der geduldig genug ist, um Tage, ja Jahre lang auf die günstige Gelegenheit zu warten, verfolgt fortwährend im Dunkeln meine Spur, und indem ich meine Bekenntnisse anfange, kann ich weder sagen, daß die nächste Stunde mir noch gehören, oder daß mein Leben bis zum Abende dauern werde.

Das Bedürfniß nach Thätigkeit verzehrt mich, ohne mir Ruhe oder Rast zu gönnen, und der Gedanke an den Tod stachelt mich an.

Nicht um mir die Zeit zu vertreiben, beginne ich daher meine Erzählung, und dieser Tag, wo ich sie beginne, ist mein Geburtstag. Heute vollende ich mein vierundzwanzigstes Lebensjahr, und zum ersten Male trete ich in ein neues Jahr, ohne mich durch eine einzige freudige Stimme begrüßen zu hören, ohne einen liebenden Wunsch zu beantworten zu haben.

Aber dennoch folgt mir noch ein Blick des Willkommens und liebkost mich in der Einsamkeit. Es ist der Blick der Natur an einem reizenden Morgen, so wie ich ihn von dem Fenster meines Zimmers aus sehe.

Die Sonne umsäumt die purpurnen Wolken mit immer heller funkelnden goldenen Fransen und durchbohrt sie mit ihren Strahlen.

Die Fischer spannen ihre Netze aus, um sie am Fuße der Felsen trocknen zu lassen. Die Kinder spielen um die auf den Strand gezogenen Boote herum und der frische, reine Hauch der Seeluft weht landwärts. Alles glänzt und schimmert und erfreut das Auge; alle Töne und Klänge ergötzen das Ohr in dem Augenblicke, wo meine Feder die ersten Zeilen schreibt, welche die Geschichte meines Lebens eröffnen.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel

Ich bin der zweite Sohn eine englischen Parlamentsmitgliedes und Besitzers eines großen Vermögens. Unsere Familie ist, glaube ich, eine der ältesten dieses Landes. Von väterlicher Seite war sie schon vor der Eroberung Englands durch die Normannen bekannt und angesehen, und von mütterlicher Seite ist der Stammbaum ohne so weit zurückzureichen, doch ein noch vornehmerer.

Außer einem Bruder, der älter ist als ich, habe ich eine Schwester, die jünger ist. Meine Mutter starb kurz darauf, nachdem sie dieses letzte Kind zur Welt geboren.

Umstände, die man bald kennen lernen wird, zwangen mich, dem Namen meines Vaters zu entsagen. Die Ehre legte mir die Verpflichtung auf, darauf zu verzichten. Sie gestattet mir nicht einmal, ihn hier zu erwähnen.

deshalb habe ich an die Spitze dieser Blätter bloß meinen Taufnamen gesetzt und nicht glaubt, daß Etwas darauf ankäme, den anderen erfundenen Namen, den ich mir gegeben, beizufügen, besonders da ich ihn vielleicht sehr bald mit einem andern vertausche.

Es wird deshalb auch weiter nicht sonderbar erscheinen, wenn ich im Laufe dieser Erzählung meinen Bruder und meine Schwester ebenfalls nur mit ihren Vornamen anführe und alle Mal da, wo der Name meines Vaters zum Vorscheine kommen sollte, den Platz leer lasse, damit mein Familienname in dieser Niederschrift eben so verborgen bleibe, wie ich ihn der Welt verborgen halte.

Als meine Mutter starb, war ich noch so klein, daß ich nur eine unklare Erinnerung an sie bewahren konnte. Ich entsinne mich allerdings noch genau einer Dame mit einem schmalen, bleichen, sehr sanften und sehr guten Gesichte, durch dessen Güte aber die Schwermut hindurch schimmerte.

Dieser Charakter ihrer Züge war mir trotz meiner noch so großen Jugend aufgefallen und meine Liebe zu ihr war natürlich mit Ehrerbietung gemischt.

Stundenlang saß ich auf ihren Knieen und schaute neugierig in ihre durchsichtigen, reinen Augen, in welchen sich so große Schwermuth aussprach oder spielte mit ihren mit kostbaren Ringen geschmückten Fingern, während sie mich liebkoste und mir die Zeit zu vertreiben suchte.

Oft fragte ich»mich in diesen wonnevollen Stunden, ob sie wohl jemals eben. so Kind gewesen sei wie ich, oder ob sie nicht vielmehr eine jener liebenswürdigen Damen aus einem Feenmährchen sei, die nur den passenden Augenblick erwartete, um mich mit sich in irgend ein Zausberland hinwegzunehmen, wo ein ewiger Sommer herrschte und die Blumen niemals welkten.

Ich hatte von alten Dienern und Freunden unserer Familie sagen hören, sie sei nicht immer so ruhig und so Herrin ihrer selbst, wie ich sie mir meinen Erinnerungen gemäß vorstelle. Ein schwerer Kummer habe ihre Jugend getrübt und zuweilen verrathe ihr Benehmen die Leiden ihres Herzens. Mein Vater sprach niemals ein Wort über diesen Gegenstand. Und mag das, was ich gehört hatte, wahr oder nicht wahr sein, so ist sie jetzt nicht mehr, und jener schwere Kummer, wenn sie ihn zu ertragen gehabt, ist mit ihr in das Reich des ewigen Trostes eingegangen.

An den Thoren dieser göttlichen Stätte beginnt der ewige Schatten, in welchen jeder Schmerz sich versenkt und vernichtet, während alle Freuden dem Schooße des in ihm strahlenden Lichtes entkeimen.

Die Geschichte meiner Kindheit und meines Knabenalters bietet nichts sehr Interessante oder sehr Neues.

Meine Erziehung« war dieselbe wie die hundert anderer Kinder, welche derselben Stufe der Gesellschaft angehörten wie ich.

Ich ging zuerst in eine öffentliche Schule und dann auf eine Universität, um meine Ausbildung in bester Form zu vollenden.

Mein Universitätsleben hat nicht eine einzige angenehme Erinnerung in mir zurückgelassen Die Schmeichelei schien mir hier im Principe festzustehen. Sie folgte den Söhnen der Lords auf die Straße und errichtete ihnen in dem Speisesaale eine besondere Estrade«.

Man zeigte mir den unterrichtetsten und kenntnißreichsten Studenten meiner Universität. Es ein junger Mann von exemplarischem Lebenswandel und mit wunderbaren Fähigkeiten begabt, als Plebejer aber mußte er am untersten Ende sitzen.

Einige Minuten später zeigte man mir den Sohn des Marquis von ***, der beim letzten Examen durchgefallen war. Er speiste isoliert in seiner Vornehmheit an einem hohen Tische, von welchem aus er die ehrwürdigen Professoren dominirte, die ihn um seiner Nichtigkeit willen erhöhet hatten.

Als ich diese Bemerkungen machte, war ich eben erst in die Universität eingetreten und in dieser »ehrwürdigen Pflanzschule des Wissens und der Religion« willkommen geheißen worden.

Ich erwähne diese Umstände, so geringfügig und alltäglich sie auch sind, weil. sie der hohen Meinung, die ich von dieser Corporatiom zu der ich nun ebenfalls gehörte, hatte, den ersten Schlag versetzen.

Es dauerte nicht lange, so betrachtete ich diese klassischen Studien wie eine nothwendige Wunde, die man zu ertragen wissen müsse. Ich suchte nicht, mich vor meinen Studiengenossen auszuzeichnen, und schloß mich keiner Coterie an. Ich legte mich auf das Studium der Literaturen Frankreichs, Italiens und Deutschlands. Ich suchte nur gerade so viel Kenntnisse zu erwerben als erfordert wurden, um das Examen bestehen und graduirt werden zu können, und als ich die Universität verließ, stand ich hier im Rufe eines phlegmatischem zurückhaltenden Menschen.

In mein väterliches Haus zurückgekehrt, ward ich, da ich der jüngere Sohn war und keins der Familiengüter erben konnte, dafern nicht etwa mein älterer Bruder starb, ohne Kinder zu hinterlassen, aufgefordert, mich einem bestimmten Berufe zu widmen.

Die Fürsprache meines Vaters konnte mir in mancher sehr ehrenwerthen Carriere förderlich sein, denn er stand zu mehreren Mitgliedern der Regierung in guten Beziehungen.

Die Kirche, die Marine, die Armee und als letzte Zuflucht der Juristenstand, standen meiner Wahl offen. Ich entschied mich für letzteren.

Mein Vater schien durch diesen Entschluß ein wenig überrascht zu werden, aber er machte darüber keine Bemerkung, sondern sagte weiter Nichts als daß die Jurisprudenz eine sehr gute Bahn sei, welche in das Parlament führe.

Wie dem aber auch sein mochte, so war mein Ehrgeiz nicht daraus gerichtet, mir einen Namen im Parlamente zu machen, sondern vielmehr darauf, mir einen Ruf in der Literatur zu gründen. Ich hatte diese mühsame, aber ruhmvolle Laufbahn bereits betreten und war entschlossen, darin auszuharren. Der Beruf, der die Ausführung meines Planes am meisten erleichterte, war der, den ich im Voraus entschlossen war, zu ergreifen, und deshalb wählte ich den Juristenstand.

Ich begann das selbstständige Leben unter sehr günstigen Auspizien. Obschon jüngerer Sohn, wußte ich doch, daß mein Vater, abgesehen von seinem Grundbesitz« reich genug war, um mir einen Jahresgehalt auszusetzen, mit dem ich bequem leben konnte.

Ich hatte keine kostspieligen Gewohnheiten, keine Geschmacksrichtungen, die ich nicht sofort hätte befriedigen können, und weder Lasten noch Verantwortlichkeiten irgend welcher Art zu tragen. Es stand mir frei, die Pflichten meines Berufes auszuüben oder nicht, wie es mir eben belieben würde.

Ich widmete mich daher gänzlich und ohne Rückhalt der Literatur, denn ich wußte, daß der Kampf, den ich aushalten mußte, um mir einen Namen zu machen, niemals ein Kampf sein würde, um mein Brot zu verdienen.

Der Morgen meines Lebens kündigte sich daher an gleich einem lachenden Sonnenaufgang.

Hier könnte ich versuchen, meinen eigenen Charakter zu skizzieren, so wie er zu jener Zeit war; aber wo ist der Mann, welcher sagen kann: »Ich will die Tiefe meiner Laster ergründen und den Umfang meiner guten Eigenschaften ermessen«, und der im Stande wäre, sein Versprechen zu halten? Wir können uns weder selbst kennen noch beurtheilen. Andere dagegen urtheilen über uns, kennen und aber nicht. Gott allein kennt und urtheilt richtig.

Mein Charakter möge sich daher ganz allein zeichnen, so weit ein menschlicher Charakter in den Augen der Welt sich vollständig zeichnen kann —— durch meine Thaten, wenn ich die verhängnißvolle Krisis auseinandersetzen werde, welche der Hauptgegenstand dieser Erzählung ist.

Vorher muß ich jedoch noch ein wenig mehr über die Mitglieder meiner Familie sprechen. Zwei von ihnen wenigstens spielen eine wichtige Rolle in der Reihe der Thatsachen, welche ich hier dem Papiere überliefere.

Ich maße mir nicht an, ihre Charaktere beurtheilen zu wollen —— ich beschreibe sie bloß. —— Ob ich sie richtig schildere oder ob ich dabei Fehlgriffe begehe —— das weiß ich nicht. Ich male sie so, wie sie meinem Dafürhalten nach sind.



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Drittes Kapitel.

Meinen Vater betrachtete ich stets —— ich spreche in der vergangenen Zeit von ihm, weil wir jetzt auf immer getrennt sind und weil er fortan für mich eben so todt ist, als ob das Grab sich über ihm geschlossen hätte —— meinen Vater, sage ich, betrachtete ich stets als den stolzesten Mann, den ich jemals gekannt. ——

In der; Regel und gewöhnlichen Begriffen nach erkennt, man den Stolz an einer steifen Haltung, an einem schroffen Ausdrucke der Gesichtszüge an einem trocknen, strengen Tone der Stimme, an verächtlichen, gegen die Armuth geschleuderten Sarkasmen und endlich an weitschweifigen Auslassungen über die Vorzüge hohen Ranges und vornehmer Geburt.

Der Stolz meines Vaters aber gab sich auf diese Weise durchaus nicht zu erkennen.

Es war vielmehr ein kalter, negativer, höflicher, gleichsam mit seinem Blute gemischter Stolz, welcher dem durch dringendsten Scharfblicke Trotz bieten konnte.

Die meisten der Leute, welche mit ihm in Berührung kamen, erkannten hiervon nur zwei scharf ausgesprochene Züge: die vollkommene Artigkeit, die ausgesuchte und beinahe weibische Zartheit seiner Manieren und die außerordentliche Wohlanständigkeit und Distinction seines Redens.

Jeder, der ihn in seinen Beziehungen zu seinen Pächtern auf einem seiner Landgüter beobachtet, Jeder, der die Art und Weise gesehen, auf welche er den Hut abnahm, wenn er zufällig der Frau eines dieser Pächter begegnete, Jeder, der Zeuge des herzlichen Empfanges gewesen wäre, welchen er einem Manne aus dem Volke bereitete, wenn derselbe zugleich ein Mann von Genie war, würde nimmermehr geglaubt haben, daß mein Vater stolz sei.

Bei solchen Gelegenheiten blickte wenigstens sein Stolz, wenn er dessen besaß, nirgends hindurch.

Beobachtete man ihn aber zum Beispiel, wenn ein Autor und ein ahnenloser, neubackener Pair sich bei ihm begegneten, so konnte man ganz gewiß bemerken, auf wie verschiedene Weise er einem und dem andern die Hand drückte.

Die cordiale Höflichkeit —— dies sah man sofort war ganz für den Schriftsteller, der aus Gleichheit des Standes keinen Anspruch machte, die gemessene Höflichkeit dagegen für den Betitelten, denn in dieser Beziehung trat sein Stolz in dem, was er Besonderes hatte, sofort zu Tage.

Hier war der kitzlige Punkt. Aristokratie des Ranges ohne ahnenreiche Abkunft war für ihn gar keine Aristokratie. Auf diese war er eifersüchtig; sie war ihm verhaßt.

Obschon im Grunde genommen nur bürgerlich, glaubte er doch in socialer Beziehung über jedem andern Menschen, mochte er Baronet oder Herzog sein, zu stehen, sobald dessen Familie weniger alt war als die seine.

In unserer Häuslichkeit erfüllte er seine Pflichten gegen seine Familie mit edler, zarter Sorgfalt. Ich glaube, er liebte uns nach seiner Weise Alle; wir, seine Kinder, aber besaßen nur die Hälfte seines Herzens. Seinen Ahnen gehörte die andere und wir bildeten bloß einen Theil der Güter, die er zu verwalten hatte.

Wir besaßen die ganze Freiheit, die uns gefallen konnte; er war nachsichtig, zeigte niemals Mißtrauen gegen uns und machte nie von ungerechter Strenge Gebrauch.

Seiner klar und bestimmt ausgesprochenen Ansicht nach wußten wir, daß wir uns vor allen Thaten und Worten hüten sollten, welche geeignet waren, den Ruhm und das Ansehen unserer Familie zu trüben, denn dies allein war das verhängnißvolle Verbrechen, für welches wir niemals Verzeihung erwarten konnten.

Er selbst übernahm die Aufgabe, uns die Grundsüße der Religion, der Ehre und der Weltkenntniß einzuprägen. Im Uebrigen schien er sich auf unser moralisches Gefühl, auf unsere Dankbarkeit, auf unser eigenes Verständniß der Pflichten und der Vorrechte unseres Ranges zu verlassen.

Mit Einem Worte, er zeigte sich so gegen uns, daß wir nicht einen einzigen rechtmäßigen Grund hatten, uns zu beklagen, und dennoch weiß ich nicht, welche Lücke sich in diesen häuslichen Beziehungen fühlbar machte.

So unbegreiflich und sogar lächerlich dies auch mehreren Personen scheinen mag, so ist es doch nicht weniger wahr, daß keines von uns auf vertrautem Fuße mit ihm stand.

Ich will damit sagen, daß er unser Vater war, aber nicht unser Kamerad oder Genosse. In seinem unveränderlichen, ruhigen Wesen lag Etwas, was uns gebieterisch in der Entfernung hielt.

Niemals fühlte ich mich verlegener —— und diese Verlegenheit empfand ich damals, ohne mir Rechenschaft davon zu geben —— als wenn es sich zufällig traf, daß ich mit ihm allein speisen mußte. Niemals theilte ich ihm jene kleinen Pläne zu Vergnügungen mit, mit denen alle kleinen Knaben sich beschäftigten, und als Jüngling sprach ich mit ihm nie anders als ganz oberflächlich von meinen Zukunftsträumen.

Der Grund hiervon lag nicht etwa darin, daß ich erwartet hätte, jenes Vertrauen sich entwickeln zu sehen, welches von ihm streng niedergehalten ward, denn er war dessen vollkommen unfähig. Er schien mir bloß von zu hohem Wesen zu sein als daß er sich bis zu uns hätte erniedrigen können, und es war mir, als ob seine Gedanken und die unseren gar nichts Gemeinsames haben könnten.

deshalb besprach ich alle meine Entwürfe für Schulferien oder andere Feiertage mit alten Dienern. Meine ersten stylistischen Versuche las ich meiner Schwester vor, aber niemals drangen sie in das Cabinet meines Vaters.

Bei der Art und Weise, aus welche er meinem Bruder und mir kundgab, daß wir uns sein Mißfallen zugezogen, erschreckte er uns eben durch seine Ruhe. Er machte einen seltsamen, unaussprechlichen Eindruck aus uns, und uns diesem ruhigen Zorne auszusetzen, war das größte Unglück, welches wir fürchteten.

Als wir noch klein waren, gab sich, wenn wir irgend einen kleinen Fehltritt begangen hatten, seine Gereiztheit durch kein anderes äußeres Zeichen kund, als durch den kleinen rothen Flecken, den wir in gewissen Augenblicken sicher waren, auf seiner Wange erscheinen zu sehen. Dabei aber ward sein Benehmen gegen uns ein ganz anderes.

Er hielt uns keine Strafpredigten; er drohte uns nicht; er belegte uns nicht mit irgend einer körperlichen Züchtigung aber wenn wir vor ihm erschienen, begegnete er uns —— besonders wenn unser Fehler den Charakter der Niedrigkeit oder Gemeinheit gehabt hatte —— mit einer kalten, verächtlichen Höflichkeit, die uns das Herz zuschnürte.

In solchen Fällen nannte er uns, wenn er das Wort an uns richtete, nicht bei unseren Vornamen. Wenn wir ihm zufällig außerhalb der Zimmer begegneten, verfehlte er nicht umzukehren und unsere Annäherung zu meiden. Wenn wir eine Frage an ihn richteten, antwortete er uns so lakonisch als möglich, gerade als ob er es mit völlig fremden Personen zu thun hätte.

Er benahm sich mit Einem Worte so, daß er uns deutlich zu sagen schien: »Ihr habt Euch der Freundschaft Eures Vaters unwürdig gemacht. Er läßt Euch diese Unwürdigkeit auf die nieder drückendste Weise fühlen.«

Dieses häusliche Fegefeuer mußten wir oft Tage, zuweilen sogar ganze Wochen lang aushalten.

Für unsere kindische Empfindlichkeit —— ganz besonders für die meine —— gab es keine Schmach, die mit dieser —— so lange sie dauerte —— zu vergleichen gewesen wäre.

Auf welchem Fuße mein Vater mit meiner Mutter lebte, weiß ich nicht. Hinsichtlich meiner Schwester war sein Verfahren stets das alte und er bewies ihr jene liebreiche Galanterie, die sonst nur der Jugend eigen zu sein pflegt. Er war gegen sie stets aufmerksam und begegnete ihr wie einer vornehmen Dame, deren Wirth er gewesen wäre. Selbst wenn wir allein waren, führte er sie stets bei der Hand in das Speisezimmer gerade als ob er eine Herzogin zu einem Banket führte, bei welchem die strengste Etikette herrschte.

Uns kleinen Knaben erlaubte er, den Frühstückstisch zu verlassen, ehe er selbst davon aufstand, aber nie eher als meine Schwester sich erhob.

Wenn ein Diener seiner Pflicht gegen ihn untreu ward, so hatte er Aussicht, Verzeihung zu erlangen; hatte er dagegen ein Versehen gegen meine Schwester begangen, so konnte er sicher darauf rechnen, auf der Stelle fortgeschickt zu werden.

In seinen Augen vertrat seine Tochter die Stelle ihrer Mutter und repräsentirte dieselbe. Er betrachtete sie nicht bloß als sein Kind, sondern auch als die Herrin des Hauses, und es war ein gewissermaßen wohlthuender Anblick, das Gemisch von aristokratischer Courtoisie und väterlicher Anhänglichkeit zu sehen, welches sich in seinen Manieren malte, wenn er sie jeden Morgen, als er sie zum ersten Male sah, auf die Stirn küßte.

Was körperliche Erscheinung betraf, so war mein Vater von Mittelstatur. Sein Körperbau war zart und schwächlich, der Kopf klein, aber anmuthig und gerade aus den Schultern ruhend, die Stirn mehr keck als majestätisch, die Gesichtsfarbe eigenthümlich bleich, ausgenommen in Augenblicken der Aufregung, denn dann war er, wie ich schon bernerkt habe, zu lebhaftem Erröthen geneigt.

Seine großen grauen Augen hatten in ihrem Blicke etwas Gebieterisches und verliehen seiner Physiognomie einen Ausdruck von gemessener Festigkeit und Würde, wie man ihn selten antrifft. Das Spiel dieses Auges verrieth augenscheinlich seine Abstammung von reinem Geschlechte, seine alten genealogischen Vorurtheile und den ritterlichen Biedersinn und das Ehrgefühl welches ihn beherrschte.

Diese männliche Energie, welche sich in dem obern Theile seines Gesichts kundgab, war indessen nicht stark genug, um den reinen normännischen Typus übersehen zu lassen, der sich in den weibischen und zarten Umrissen des untern Theils aussprach.

Sein Lächeln zeichnete sich durch seine Sanftheit aus und war beinahe das eines Weibes. Wenn er sprach, so zitterten seine Lippen auch wie die der Frauen. Wenn er einmal, als er noch jung war, laut lachte, so mußte sein Gelächter ein helles und harmonisches gewesen sein; aber so weit ich zurückdenken kann, entsinne ich mich nicht, es jemals gehört zu haben. In seinen glücklichsten Augenblicken und unter der heitersten Gesellschaft habe ich ihn bloß lächeln sehen.

Ich könnte hier noch viele andere charakteristische Züge von der Gemüthsart und den Geschmacksrichtungen meines Vaters anführen, vielleicht aber treten dieselben besser in der Folge hervor, wenn ich die Umstände erzähle, in welchen sie sich offenbarten.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

In den Familien, deren Grundbesitz ein bedeutender genannt werden kann, ist die Person, welche sich am wenigsten mit dem Gedeihen der Angelegenheiten zu beschäftigen pflegt, die ihre Häuslichkeit am wenigsten liebt, die den alten Freunden des Hauses die wenigste Sympathie bezeigt, die sich am geneigtesten zeigt, ihre Pflichten zu vernachlässigen oder sich ihrer eignen Verantwortlichkeit zu entledigen, oft dieselbe, welcher später Alles erblich zufallen soll —— nämlich der älteste Sohn.

Mein Bruder Ralph rechtfertigte diese Bemerkung. Wir wurden mit einander erzogen. Nachdem unsere Studien beendet waren, sah ich ihn nur noch in seltenen Zwischenzeiten. Einige Jahre, nachdem er die Universität verlassen, bewohnte er fast fortwährend den Continent, und als er endlich auf die Dauer nach England zurückkam, geschah es nicht, um unter unserem Dache zu wohnen. In der Stadt wie auf dem Lande, machte er uns Besuche, ohne sich in unser Leben zu mischen.

Ich entsinne mich seiner, so wie er auf der Universität war. Stärker, größer und schöner als ich, und sich in dem kleinen Kreise unserer näheren Bekannten einer Popularität erfreuend, welche die meinige bedeutend überstieg, immer der Erste, wenn es galt, ein keckes Unternehmen zu beginnen, und der Letzte, der es wieder aufgab, bald der Erste, bald der Letzte in der Klasse, war er ganz jener lebenslustige, leichtsinnige, flatterhafte Jüngling, dem alte Leute auf ihrer Morgenpromenade nicht begegnen können, ohne zu lachen und ohne mechanisch den Kopf herumzudrehen.

Zu jener Zeit hatte er sich auf der Universität unter den Gondelruderern und Cricketspielern eine große Berühmtheit erworben. Man pries seine Gewandtheit im Pistolenschießen und fürchtete ihn als Fechter.

Was seine Studentengesellschaften betraf, so kamen keine der seinen gleich. Die jungen Damen der Stadt verliebten sich dutzendweise in ihn. Die jüngeren Studenten, welche Anspruch auf Eleganz machten, ahmten den Schnitt seines Rockes und den Knoten seiner Cravatte nach. Selbst die strengen Familienhäupter besprachen seine tollen Streiche mit nachsichtigem Lächeln.

Schön, heiter und offen, verbreitete dieser Erbe von guter Familie einen besiegenden Zauber überall um sich her.

Obschon ich auf der Universität wie auf der Schule das beliebte Stichblatt seiner Scherze und Witze war, so zankte ich mich doch niemals mit ihm. Ich gestattete ihm fortwährend, sich nach Belieben über meine Toilette, über meine Art und Weise, oder meine Geschmacksrichtungen zu moquiren und mir mit seiner lärmenden, geräuschvollen Heiterkeit lästig zu fallen, als ob es eins seiner Erstgeburtsrechte wäre. sich auf meine Kosten lustig zu machen.

Bis zu dieser Zeit verursachte er meinem Vater keine ernstere Unruhe als die, welche durch seine tollen Streiche und durch das furchtbare Anwachsen seiner Schulden erweckt ward.

Als er aber wieder nach Hause zurückkam und die Rechnungen der Gläubiger ausgeglichen waren, als man glaubte, es sei nun Zeit, dieses Jugendfeuer abzukühlen, es auf die ruhigere Temperatur des häuslichen Lebens zurückzuführen und diese Ueberfülle von Saft zu mindern, indem man versuchte, ihn zu etwas Nützlichem zu führen —— da begannen die Prüfungen für meinen Vater ebenso wie seine schweren Fehlgriffe.

Es war unmöglich, Ralph zu bewegen, seine Stellung richtig zu begreifen und die Zukunft von dem Gesichtspunkte aus zu betrachten, auf welchen man sich für ihn stellte. Des Streites überdrüssig, verzichtete unser Vater auf jeden Versuch, ihn über die Wichtigkeit der Einkünfte oder die Verwaltung der Güter zu belehren, die ihm einmal zufallen sollten.

Endlich ward ein kräftiger Versuch unternommen, um ihm Ehrgeiz einzuflößen, und ihn zu veranlassen, an dem Thore des Parlaments anzupochen. Schon diese Idee reizte ihn zum Lachen.

Hierauf bot man ihm ein Gardeoffizierspatent. Er wies es zurück, unter dem Vorwande daß er sich in keinen rothen Rock einkerkern lassen, und daß er sich keinem Zwange unterwerfen und sich den militärischen Zumuthungen eben so wenig fügen Wolle als denen der Mode.

Mein Vater nahm ihn ganze Stunden lang beiseite, um mit ihm von seinen Pflichten, von seiner Zukunft, von der Anwendung seiner Fähigkeiten und von dem Beispiele seiner Ahnen zu sprechen; aber er sprach vergebens. Ralph gähnte und trommelte gleichgültig mit den Fingern auf den Familienacten, so oft dieselben vor ihm aufgeschlagen wurden.

Auf dem Lande beschäftigte er sich mit Nichts als mit der Jagd und dem Fischfange, und es wäre vergebliche Mühe gewesen, ihn bewegen zu wollen, in die Kirche oder zu einem großen Grafschaftsfeste zu gehen.

In der Stadt besuchte er die Theater und verkehrte hinter den Coulissen, tractirte die Schauspieler und Schauspielerinnen in Richmond, ließ in Vaurhall Luftballons steigen und sich unter die Polizeipatrouillen aufnehmen, um das Thun und Treiben der nächtlichen Diebe und Gauner kennen zu lernen. Er war Mitglied eines Whistclubs, eines Souperclubs, eines Gesangclubs, eines Picknickclubs, eines Liebhabertheaters und führte mit Einem Worte ein so flottes Leben, daß mein Vater, in beinahe allen seinen Prinzipien, wie in allen seinen Zukunftsplänen verletzt und getäuscht, so ziemlich ganz aufhörte, mit ihm zu sprechen, und ihn so selten als möglich sah.

Bei einigen Gelegenheiten gelang es der Vermittlung meiner Schwester, sie auf sehr kurze Zeit wieder mit einander auszusöhnen Ihr so sanfter, so liebenswürdiger Einfluß war mächtig genug, um wohlthätige Wirkungen zu äußern, ging aber doch nicht so weit, daß er das Naturell meines Bruders zu ändern vermocht hätte. Trotz aller ihrer unausgesetzten Rathschläge, Bitten und Ermahnungen, verlor er doch die väterliche Gunst, wenige Tage, nachdem er sie wieder gewonnen, auf’s Neue.

Zuletzt trat eine sehr ernste Verwickelung ein. Sie war das Resultat eines abgeschmackten Liebesabenteuers Ralph’s mit der Tochter eines unserer Pächter.

Mein Vater faßte bei dieser Gelegenheit seinen Entschluß mit seiner gewohnten Entschiedenheit. Er beschloß, zu einem verzweifelten Mittel Zuflucht zu nehmen und seinem widerspenstigen Sohne zu gestatten, fern von ihm seinen Leidenschaften freien Lauf zu lassen, bis er selbst seiner Ausschweifungen überdrüssig würde und ein wenig ruhiger zurückkäme, um seinen Platz am häuslichen Heerde wieder einzunehmen.

Demzufolge verschaffte er meinem Bruder eine Anstellung als Attache bei einer auswärtigen Gesandtschaft und betrieb seine Abreise von England aufs Aeußerste.

Zum ersten Male war Ralph fügsam. Er verstand Nichts von der Diplomatie, und es war ihm auch gar nicht daran gelegen, Etwas davon zu verstehen, aber der Gedanke, das Leben auf dem Continente zu kosten, hatte etwas Verlockendes für ihn; der Pächterstochter war er überdrüssig, und deshalb nahm er so freundlich als möglich Abschied.

Mein Vater vermochte, als er ihn abreisen sah, kaum seine Unruhe und seine Befürchtungen zu verbergen; dennoch aber that er, als sei er überzeugt, daß Ralph trotz seines Tollkopfes und seiner frivolen Liebhabereien nicht fähig sei, vorsätzlich seiner Familie Schande zu machen, nicht einmal in seinen Anwandlungen von Leichtsinn und Ungestüm.

Von dieser Zeit an hörten wir wenig von unserm Bruder. Seine seltenen und kurzen Briefe schlossen gewöhnlich mit Bitten um Geld.

Die etwas ausführlicheren Aufschlüsse, die wir in Bezug auf ihn erhielten, gingen uns auf dem Wege der Oeffentlichkeit zu. Er war im Begriffe, sich einen europäischen Ruf zu gründen, bei dessen Erwähnung mein Vater aber schon die Stirn runzelte.

Ralph ward nämlich in der ausländischen Gesellschaft förmlich berühmt. Er hatte ein Duell gehabt; er hatte einen neuen ungarischen Tanz in den Salons aufgebracht; es war ihm gelungen, sich einen so kleinen Groom zu verschaffen, daß man noch keinen solchen auf einem Wagen hinten aus hatte stehen sehen; er hatte beinahe vor den Augen seiner Nebenbuhler die beliebteste Operntänzerin entführt; ein großer französischer Koch hatte ein Gericht erfunden, welches er mit Ralph’s Namen getauft; man gab zu verstehen, daß er jener »unbekannte Freund« sei, welchem eine polnische Gräfin und berühmte Schriftstellerin ihre »Briefe gegen den Zwang des Ehebundes« gewidmet hatte; eine in Metaphysik machende, wenigstens sechzig Jahre alte deutsche Dame hatte eine —— natürlich platonische —— Liebe zu ihm gefaßt, und trotz ihrer vorgerückten Jahre angefangen, erotische Romane zu schreiben.

Dies waren einige von den Gerüchten, welche in Bezug auf seinen Sohn, seinen Erben, zu den Ohren meines Vaters drangen.

Nach langer Abwesenheit machte er uns einen Besuch.

Ich erinnere mich noch der Bestürzung und des Erstaunens, von dem alle unsere Leute bei seinem Anblicke ergriffen wurden.

Er war in seinen Manieren und in seinem Aeußern uns völlig fremd geworden. Er trug einen stattlichen Schnurrbart, eine Menge Miniaturportraits in kleinen goldenen Medaillons an seiner Uhrkette, und das Bruststück seines Hemdes war ein wahres Wunderwerk von Spitzen und Battist.

Er brachte seine ausgewählten Liqueurflacons und Essenzen mit, ebenso wie seinen französischen Diener, einen frechen, naseweisen, unverschämten Burschen, und seine ganz aus französischen Novellen bestehende Reisebibliothek in einem Kästchen, welches er mit seinem goldenen Schlüsse! öffnete.

Des Morgens genoß er Nichts als Chokolade. Er hatte lange Conferenzen mit dem Koche und brachte in dem Dienste unseres Tisches eine förmliche Revolution hervor.

Sämmtliche Pariser Journale wurden ihm durch eine Londoner Agentur zugesendet Er warf alle Einrichtungen seines Schlafzimmers über den Haufen, und sein Kammerdiener hatte von allen unsern Leuten allein das Recht, es zu betreten. Die Familienportraits, welche an der Wand hingen, ließ er umdrehen und auf die Rückseite die Bildnisse französischer Schauspielerinnen und italienischer Sängerinnen kleben.

Auf seinen Befehl entfernte man einen allerliebsten kleinen Schrank von Ebenholz, der sich seit dreihundert Jahren in unserem Hause befunden, und setzte an die Stelle desselben eine Art kleinen cyprischen Tempel mit krystallenen Thoren, in welchem er Haarlocken, auf parfürmirtes Rosapapier geschriebene Briefchen und andere Liebespfänder und sentimentale Reliquien verschloß.

Sein Einfluß machte sich in unserm Hause überall fühlbar. Er schien eine ähnliche Metamorphose herbeizuführen, wie die, welche aus ihm anstatt eines sorglosen, lärmenden jungen Engländers ein Musterbild fremdländischen Stutzerthums gemacht hatte. Es war, als wenn die überreizende und mit warmen Dünsten der Boulevards von Paris gesättigte Atmosphäre frecher Weise in das alte englische Familienhaus eingedrungen wäre und die heimische reine und ruhige Luft mit Gewalt in die abgelegensten Winkel zurückgedrängt und inficirt hätte.

Diese Aenderung der Gewohnheiten und Manieren meines Bruders schien meinen Vater noch mehr zu erbittern als sie ihm mißfiel. Ralph entsprach jetzt weniger als jemals der Idee, die mein Vater sich von einem ältesten Sohne gemacht.

Was unsere Freunde und Landnachbarn betraf, so war seit Ralphs Rückkehr noch keine Woche vergangen, als sie ihn auch schon herzlich verabscheuten und fürchteten. Er hörte ihre Conversationen mit spöttischer Geduld an, besaß eine ironisch ehrerbietige Art und Weise, ihre guten, alten, eingewurzelten Ansichten und Meinungen zu Nichte zu machen und ihre unschuldigsten Schnitzer hervorzuheben, was sie, trotz aller Schonung heimlich erbitterte. Noch schlimmer ward die Sache, als mein Vater, der nun keinen Ausweg mehr wußte, versuchte, ihn zum Heirathen zu bewegen, um vielleicht aus diesem Wege seine Besserung herbeizuführen, weßhalb er die Hälfte der jungen heirathsfähigen Damen unserer Bekanntschaft zu uns einlud.

Daheim hatte Ralph niemals großen Gefallen an einer ausgewählten Gesellschaft von Damen verrathen. Außer dem Hause hatte er sich so ausschließlich als er konnte mit, gelind gesagt, zweideutigen Frauen umgeben, abgesehen von denen, welche der tiefsten Sprosse der socialen Stufenleiter angehörten.

Die jungen englischen Schönheiten mit ihrer vornehmen Geburt, ihrer raffinirten Eleganz, ihrer vollendeten Erziehung und Bildung, hatten keinen Reiz für ihn.

Er erfaßte augenblicklich die Fäden des häuslichen Complotts, dem er zum Opfer fallen sollte.

Oft kam er in der Nacht in mein Schlafzimmer, stieß verächtlich meine Kleider und Toilettengegenstände, die sehr einfach waren, mit dem Fuße hinweg, spottete nach seiner frühern Gewohnheit über meine friedlichen Manieren und mein monotones Leben und ließ dabei alle Arten von Epigrammen und Sarkasmen in Bezug auf die jungen Damen unterlaufen, die wir in unserm Hause empfingen.

Nach seinem Urtheile waren ihre Manieren abscheulich, steif und maschinenartig; ihre Unschuld war weiter Nichts als eine ihnen anerzogene Heuchelei; die Frische der Gesichtsfarbe, eben so wie die Regelmäßigkeit der Züge, war an und für sich allerdings etwas sehr Gutes; wenn aber ein junges Mädchen nicht zu gehen weiß, wie es sein soll, wenn ihre Hand kalt ist, wenn sie schöne Augen hat, ohne einen herausfordernden Gebrauch davon zu machen zu wissen, wenn das galante Kauderwelsch der Opernlogen sie verletzt oder erröthen macht, dann kann man diese Frische des Teints und diese Regelmäßigkeit der Züge wieder in die Kinderstube zurückschicken, woher sie gekommen sind. Was ihn betraf, so sehnte er sich nach der Conversation seiner geistreichen polnischen Gräfin und hätte gern wieder mit seinen geliebten Grisetten soupirt.

Die Nutzlosigkeit des letzten Versuchs meines Vaters in Bezug auf Ralph, ward sehr bald offenkundig. Die besorgten und erfahrenen Mütter begannen zu argwohnen, daß die Art und Weise, auf welche mein Bruder sich gegen junge Damen benahm, gefährlich, und daß seine Manier zu walzen unanständig sei. Zwei oder drei noch ängstlichere Väter beeilten sich, verletzt durch die Ungenirtheit seines Benehmens und die Lockerheit seiner Grundsätze, ihre Töchter seiner verderblichen Nähe zu entziehen, indem sie die Besuche abkürzten.

Die andern hatten gar nicht nöthig, erst zu diesem äußersten Entschlusses zu kommen. Mein Vater entdeckte nämlich auf einmal, daß Ralph einer jungen Frau, die auf einige Zeit zum Besuche bei uns war, Aufmerksamkeiten erzeigte, die viel zu auffällig und bedeutsam waren.

Noch an demselben Tage, wo er diese Entdeckung machte, hatte er mit meinem Bruder eine lange Unterredung unter vier Augen. Was dabei zwischen ihnen gesprochen ward, weiß ich nicht, aber es mußte etwas sehr Ernstes gewesen sein. Ralph trat sehr bleich und sehr schweigsam wieder aus dem Kabinett meines Vaters heraus und gab Befehl sofort seine Koffer zu packen. Am nächsten Morgen reiste er mit seinem französischen Diener und seinen französischen Siebensachen wieder nach dem Continete ab.

Abermals verging einige Zeit und Ralph machte uns einen zweiten, ebenfalls kurzen Besuch. Er war ganz derselbe geblieben. Mein Vater empfand diese neue Täuschung schmerzlich. Sein Temperament ward zurückhaltenden mürrischer und empfindlicher als es jemals gewesen. Ich erwähne diese in seinem Charakter geschehene Veränderung absichtlich, weil sie schon kurze Zeit nachher eine verderbliche Wirkung auf mich äußern sollte.

Bei diesem zweiten Besuche brach die Uneinigkeit zwischen Vater und Sohn ebenso wieder aus wie bei dem ersten, und Ralph verließ England so ziemlich wieder unter denselben Umständen, wie er schon ein Mal abgereist war.

Kurze Zeit nach dieser Trennung erfuhren wir, daß er seine Lebensweise geändert hatte. Er hatte, um sich wie man zu sagen pflegt, zu »rangiren,« ein Verhältniß mit einer Dame angeknüpft, welche älter war als er und, als er sie kennen lernte, getrennt von ihrem Gatten lebte.

Der Ehrgeiz dieser Dame bestand darin, sowohl die Minerva als auch die Venus meines Bruders, sein Mentor und seine Geliebte zu gleicher seits zu sein, und bald bewies sie, daß es ihr nicht an den nöthigen Eigenschaften fehlte, um dieses Unternehmen durchzuführen.

Ralph überraschte Alle, die ihn kannten, dadurch, daß er anfing, ökonomischen Geschmacksrichtungen zu huldigen. Es dauerte nicht lange; so gab er seinen Posten bei der Gesandtschaft auf, um die Verführung von sich fern zu halten.

Später kehrte er nach England zurück.

Er widmet sich dem Studium der, Kunst des Violinspiels und sammelt Tabaksdosen. Gegenwärtig lebt er ruhig in einer Vorstadt London’s, immer noch unter der Aufsicht der entschlossenen Frau, welche zuerst sich die sehr christliche Aufgabe gestellt hat, seine Besserung zu beginnen.

Es kommt mir wenig darauf an, zu wissen, ob er jemals ein Landedelmann mit noblen und erhabenen Grundsätzen werden wird, so wie mein Vater ihn zu sehen gewünscht. Vielleicht werde ich niemals wieder meinen Fuß auf den Boden setzen, den er erben soll. Die Zimmer jenes Hauses, in welchem er einst als Herr gebieten wird, werden mir niemals wieder ein Obdach gewähren.

Doch es sei nun genug über meinen ältesten Bruder.

Man gestatte mir, jetzt eine noch empfindlichere Saite meines Herzens zu berühren. Ich will von meiner theuersten Neigung sprechen, der letztem deren ich mich entsinnen kann und die mir in meiner Einsamkeit und Verbannung kostbarer ist als alle Schätze.

Meine Schwester! Wohl mag ich zögern, ehe ich Deinen geliebten Namen in einer Erzählung figuriren lasse, wie die ist, welche ich hier begonnen. Einige Blätter weiter werden die schwarzen Schatten des Verbrechens und des Schmerzes mich gefangen nehmen; hier aber strahlen die Erinnerungen, die ich an Dich bewahrt, vor meinen Augen wie ein reines, doppelt reines Licht, weil es im Gegensatze zu der verhängnißvollen Finsterniß steht, die darauf folgen wird!

Möchte Deine sanfte Hand die erste sein, welche diese Blätter umwendet, wenn die meinige kalt sein wird!

Bis jetzt, Clara, hat jedes Mal,«wo ich in meiner Erzählung die leiseste Erwähnung meiner Schwester zu machen gehabt habe, meine Feder gezittert und sich geweigert, Deinen Namen zu schreiben.

An dieser Stelle, wo alle meine Erinnerungen sich in Masse in meinem Gedächtnisse drängen, treten mir die Thränen in die Augen, ich habe nicht die Kraft, sie zurückzuhalten, und zum ersten Male, seitdem ich meine Aufgabe begonnen habe, werden Muth und Ruhe mir untreu.

Vergebens möchte ich meiner Gemüthsbewegung widerstehen. Meine Hand zittert und meine Augen verdunkeln sich immer mehr. Es ist genug für heute.

Ich will ausgehen und auf den Hügeln, von welchen man die Aussicht auf den Ocean hat, Kraft und Entschlossenheit für morgen sammeln.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Meine Schwester Clara ist vier Jahre jünger als ich. In der Form des Gesichts, in dem Teint und in dem Gesamtausdrucke der Physiognomie, mit Ausnahme der Augen, hat sie eine auffallende Aehnlichkeit mit meinem Vater.

Und dennoch muß sie meiner Mutter nachgeartet sein, besonders was den Ausdruck des Gesichts betrifft. Jedes Mal, wenn ich sie in ihren Augenblicken des Schweigens oder des Träumens betrachtet, habe ich in mir die unklaren Erinnerungen aus meiner Kindheit, die mir unsere verstorbene Mutter zurückriefen, wieder erwachen und sich sogar vervielfältigen gefühlt.

Ihre Augen haben in ihrer Zartheit jenen leichten Anflug von Melancholie und jene den blauen Augen eigenthümliche Sanftheit, wenn der Augenstern unbeweglich bleibt.

Ihr Teint, der bleich ist wie der meines Vaters, wenn sie nicht spricht und sich nicht bewegt, hat einen noch größeren Hang als der seine, lebhaft roth zu werden, nicht bloß, wenn sie in Aufregung geräth, sondern auch wenn sie geht und von einem Gegenstande spricht, der sie interessirt.

Ohne diese Eigenthümlichkeit wäre ihre Blässe ein Fehler —— diese matte Blässe der Gesichtsfarbe, denn die Röthe, von welcher ich eben gesprochen, ist bei ihr« außerordentlich rasch vorübergehend —— und würde in den Augen gewisser Leute ihr jeden Anspruch auf Schönheit rauben.

Und vielleicht ist sie auch wirklich nicht eine Schönheit in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes.

Der untere Theil ihres Gesichts ist entschieden zu klein. Ihre Züge sind überhaupt zu niedlich und die außerordentliche Empfindsamkeit ihrer nervösen Organisation ist in ihren Gebärden und in ihren Blicken fortwährend sichtbar. In einer Opernloge sitzend würde sie keine auffallende Bewunderung oder Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Nur wenig Männer würden, wenn sie ihr auf der Straße begegneten, sich umdrehen, um ihr nachzusehen, und nur wenig Frauen würden sie zum Gegenstande einer jener unerbittlichen Analysen machen, welchen eine auffallende Schönheit so oft in Gegenwart von Personen ihres Geschlechts unterzogen wird, die den Vergleich mit ihr nicht auszuhalten vermögen.

Die größten Reize meiner Schwester strahlen so zu sagen von innen auf die Oberfläche heraus.

Sobald Du, lieber Leser, sie aber einmal wirklich kennst, sobald sie einmal ohne Rückhalt und wie mit einem Freunde mit Dir gesprochen hat, üben ihre Stimme, ihr Lächeln, ihre Manieren einen unaussprechlichen Eindruck auf Dich aus. Ihre geringfügigsten Worte, ihre unbedeutendsten Gebärden interessiren Dich, entzücken Dich und Du weißt nicht weßhalb. Ihre Schönheit offenbart sich Dir durch die Anmuth und Einfachheit ihrer Gebärden, ihrer Worte, durch die ausgesuchte und —— was mehr als Alles ist —— die angeborene Güte ihres Herzens. Sobald Du diesen Einfluß ein Mal gefühlt hast, durchdringt er Dich troß aller Gegenwirkungen immer mehr und mehr. Du denkst an sie, Du wünschest sie zu sehen und würdest deshalb die Gesellschaft der brillantesten Frauen und der Schönheiten verlassen, deren Ruf in dieser Beziehung unzweifelhaft feststeht. Du entsinnst Dich einiger rührender Worte, die sie gesprochen und die so wonnig anzuhören waren, während Du die pikanten Bemerkungen der geistreichsten Frauen und die Conversation der gebildetsten vergisst.

Dieser Einfluß, den meine Schwester, und zwar ohne daß sie es wußte, auf alle Personen, mit welchen sie in Berührung kam, und besonders auf die Männer ausübte, läßt sich, glaube ich, mit Hilfe einiger Bemerkungen sehr einfach definiren.

Wir leben in einer Zeit, wo nur viele Frauen darnach trachten, sich moralisch ihres Geschlechts zu entkleiden, so sehr lassen sie sich angelegen sein, die Sprache und Manieren der Männer nachzuahmen, und dies vorzugsweise, um sich den erbärmlichen Forderungen des sogenannten guten Tones anzubequemen, welcher darauf abzweckt, jeden freien Aufschwung des Herzens zu hemmen, die mindesten Zeichen von Enthusiasmus zu verbannen und mit Einem Worte die fashionable Gelassenheit der Intelligenz in der fashionablen Unbeweglichkeit des Gesichts widerzuspiegeln.

Die Schülerinnen dieser ausschließlich modernen Theorie machen in ihrer Conversation gern von verschiedenem Kauderwälsch Gebrauch. Man findet in ihren Manieren nachgeahmte männliche Brüskerie; sie maßen sich an, über Alles zu urtheilen, und suchen Alles, was in das umfassende Gebiet des Gefühls gehört, lächerlich zu machen. Nichts macht Eindruck auf sie, Nichts unterhält sie, und Nichts erfüllt sie mit naivem, natürlichem weiblichem Enthusiasmus. Zeigen sie ja ein Mal Sympathie, so geben sie ihr einen sarkastischen Ausdruck. Die Liebe, wenn sie jemals dieses Gefühl empfinden, scheint für sie eine Sache der Berechnung, wo nicht ein Spiel oder verächtliches Mitleid zu sein.

Dies nennen sie mit den Männern wetteifern, um den socialen Vorrang zu erringen, um die Emancipation des Geistes herbeizuführen und auf siegreiche Weise allen zwischen den Geschlechtern herkömmlichen moralischen und intellectuellen Unterschieden Trotz zu bieten.

Meine Schwester Clara mußte, wie man sich leicht denken wird, einen auffallenden Gegensatz zu Frauen darbieten, welche ihre Manieren und Ansichten nach solchen Ideen regeln. Eben in diesem Contraste liegt das Geheimniß ihres Einflusses Er erklärt jenen freiwilligen Tribut von Liebe und Bewunderung, der ihr auf allen Schritten folgt.

Es giebt wenig Männer, welche nicht ihre geheimen Augenblicke von innerer Sammlung und Bewegung hätten —— Augenblicke, wo sich ihnen das Bild eines frischen, unschuldigem aufrichtigen und sanften weiblichen Wesens zeigt, eines Wesens, welches noch für edelmüthige Regungen empfänglich ist, dessen liebendes Herz sich durch seine Gedanken und Thaten verräth, eines Wesens, dem wir unser ganzes Vertrauen schenken würden, als ob wir noch Kinder wären, und welches wir mit Bedauern den schädlichen Einflüssen der Welt Preis gegeben sehen; welches wir nicht in einem Strudel, sondern lieber in der Einsamkeit, mitten unter den Wäldern, Fluren und Thälern sehen möchten,,um es hier verborgen zu halten und die unklaren, verworrenen Wünsche unsers Herzens zu befriedigen.

So war es mit meiner Schwester.

Ueberall, wohin sie kam, verdunkelte sie, ohne daß sie zu glänzen gesucht hätte und ohne irgend ehrgeizige Ansprüche zur Schau zu tragen, die Frauen, die ihr an Schönheit und Salonton überlegen waren. Andere glänzten mehr als sie durch ihre Manieren und ihre Conversation ihr einziges Eroberungsmittel bestand in dem eigenthümlichen Zauber, mit welchem sie Alles that und Alles sagte.

Aber der Glanz und die Feste der Saison in London waren nicht die Umgebung, wo ihr Charakter sich auf das Vortheilhafteste zeigte. In unserem alten Familienhause, in welchem der Aufenthalt ihr gefiel, wo sie von allen Freunden und Dienern umgeben war, welche alle tausend Mal ihr Leben für sie gelassen hätten, war es leichter, sie zu studiren und sie noch mehr zu lieben.

Hier machte sich in seiner ganzen Fülle der glückliche Einfluß ihres anmuthigen Wesens fühlbar.

Bei den Landpartieen und ländlichen Festen aller Art, wo die Bewohner der Grafschaft sich in Masse versammelten, traten ihre einfachen, natürlichen Manieren ungezwungen zu Tage. Sie war die Seele der allgemeinen Freude. Sie bemühete sich fortwährend und Niemand konnte sagen wie, die im Punkte der Etikette Empfindlichsten und Pedantischsten zum Natürlichen zurückzuführen und sie wenigstens auf die Dauer dieses Tages liebenswürdig zu machen.

Es gelang ihr dies sogar mit einem im höchsten Grade plumpen, schwerfälligen und phlegmatischen Landedelmanne. Sie erfand Mittel, um ihn vollkommen ungezwungen zu machen, während Niemand anders ein solches Manöver versucht haben würde. Drehte seine Unterhaltung sich bloß um Pferde, Hunde und Ernten, so wußte sie ihn geduldig anzuhören, während Conversationen, die sie lebhaft interessirten, dicht neben ihr stattfanden Sie zeigte sich empfänglich für die mindeste Aufmerksamkeit, die er ihr bewies, selbst dann, wenn er sich linkisch dabei benahm oder zur Unzeit damit kam, und diese Aufmerksamkeiten nahm sie von Jedermann so auf, als ob sie dieselben nicht wie ein Recht, sondern als eine ihrem Geschlechte zugestandene Gunst betrachtete.

Ich muß hierbei noch erwähnen, daß es ihr stets gelang, jenen lächerlichen Anfeindungen und Verleumdungen, welche in den Beziehungen der Gesellschaft auf dem Lande einen so wichtigen Platz einnehmen, ein Ziel zu setzen. Sie benahm sich wie ein achter Apostel des Ordens der Versöhnung, und überall, wohin sie kam, trieb sie den Teufel der Schmähsucht aus.

Unser guter Pfarrer pflegte sie seinen freiwilligen Substituten zu nennen, und zu erklären, daß sie durch ein rechtzeitig gesprochenes Wort oder durch einen überzeugenden Blick die besten praktischen Predigten hielte, die jemals über die Segnungen der Eintracht ausgedacht worden.

Bei diesem Wohlwollen und diesem beharrlichen Streben, Alle um sich her glücklich zu machen, besaß meine Schwester, ich weiß nicht, welche magische Autorität, welche sie selbst vor der Anmaßung der Anmaßendsten schätzte. Niemand wagte jemals, sich durch Blicke oder Worte eine Freiheit gegen sie herauszunehmen. Es lag in ihrer Person Etwas, was eben so wohl Achtung als Liebe erzwang.

Mein Vater war, der Tendenz seiner Lieblingsideen folgend, geneigt zu glauben, daß die Distinction unseres alten Geschlechts in ihren Augen zu lesen sei und sich in ihren Manieren fühlbar mache. Ich dagegen glaube, daß der Respect, den man meiner Schwester bewies, in einer nicht bloß einfacheren, sondern auch besseren Ursache seinen Grund. hatte. Es giebt eine Herzensgüte, deren äußere Kundgebungen von einer engelgleichen Reinheit begleitet sind, und diese Herzensgüte war die ihrige.

Für meinen Vater war sie mehr als er jemals geglaubt hat —— mehr als er jemals wissen wird, er müßte sie denn verlieren.

Oft ward er in seinen Beziehungen zur Welt in seinen eigenthümlichen Vorurtheilen und in seinen raffinierten Principien verletzt. Dabei aber war er stets sicher, daß seine Tochter die erstern achtete und die letztern theilte. Er konnte unbedingtes Vertrauen zu ihr haben, mit der Gewißheit, daß sie nicht bloß geneigt, sondern auch fähig sei, seine häuslichen Mühen und Sorgen zu theilen und tragen zu helfen. Wenn er anfangs gegen seinen ältesten Sohn weniger erzürnt gewesen wäre, wenn er seinen rein persönlichen Mitteln, ihn zu überzeugen und seinen Charakter zu reformieren, klüglich gemißtraut hätte und wenn meiner Schwester von ihm gestattet worden wäre, ihren Einfluß auf Ralph in einer ununterbrocheneren und relleren Weise auszuüben, als er seinen eigenen« fühlbar machen konnte, so bin ich überzeugt, daß die so sehr gewünschte Umwandlung meines Bruders zu der erwarteten Zeit oder sogar noch eher sich verwirklicht haben würde.

Bei meiner Schwester liegen die tiefen und lebendigen Quellen des Gefühls weit unter der Oberfläche und zu tief für ein weibliches Gemüth. Das Leiden verrieth sich bei ihr durch schweigsame lange und heimliche Geduld, nach außen hin und durch gewöhnliche Symptome oft gar nicht.

Ich entsinne mich nicht, sie jemals, außer bei seltenen und sehr ernsten Gelegenheiten, weinen gesehen zu haben. Wenn man sie nicht sehr nahe beobachtete, so hielt man sie für den gewöhnlichen Gemüthsbewegungen und Unruhen wenig zugänglich. Bei den Gelegenheiten, wo sie ihre Gemüthsbewegung verrieth, ward das Blaue ihrer Augen bloß weniger durchsichtig, ihr Blick schien niedergeschlagen, die Blässe ihres Teints ward auffallender, ihre geschlossenen Lippen zitterten —— aber dies war auch Alles. Es entschlüpften ihr weder Thränen, noch Seufzer, noch Klagen, und dennoch empfand sie brennenden Schmerz und ihre Bewegung war, eben weil sie verhalten und stumm war, nur um so mächtiger.

Ich besonders, ich, der ich das Verbrechen begangen, dieses reine Herz, welches mich liebte, mit den bittersten Schmerzen erfüllt zu haben, ich muß dies besser wissen als irgend Jemand.

Ich würde niemals fertig werden, wenn ich Alles auszählen wollte, was ich ihr verdanke.

So wie ich diese Zeilen schreibe und mich denen nähere, in welchen ich meine verhängnißvolle Geschichte erzählen muß, fühle ich mich immer mehr versucht, bei den besten und reinsten Erinnerungen zu verweilen, welche jetzt meinen Geist beschäftigen.

Die ersten kleinen Geschenk, welche sie mir heimlich zusteckte, als ich noch auf der Schule war, das Glück der ersten Tage unseres Wiedersehens, als ich meine Studien beendet hatte und in das väterliche Haus zurückkehrte, um mich nicht wieder von ihr zu trennen, jene ersten unschätzbaren Ermuthigungen, welche sie den ersten Erzeugnissen meiner Feder zollte, alle diese Erinnerungen und noch so viele andere erwachen in meinem Gedächtnisse und überfluthen mich, während ich schreibe.

Ich muß jedoch diese Memoiren mit Ruhe und systematisch abfassen. Ich muß mich überwachen, meine Urtheile mäßigen, nicht unterdrücken, was gesagt werden muß, aber mich auch nicht allzu ausführlich über irgend Etwas verbreiten.

Uebrigens wird meine Erzählung auch schon an und für sich Alles zeigen, was ich meiner Schwester zu« danken hatte.

Ich sollte aber nicht bloß Alles sagen, was ich meiner Schwester zu verdanken gehabt, sondern auch Alles, was ich ihr jetzt noch verdanke. Obschon ich nicht erwarten kann, sie jemals anders als im Geiste wiederzusehen, so umschwebt mich doch ihr wohlwollender Einfluß. Er folgt mir, stärkt mich und ermuthigt mich zur Hoffnung, als ob sie der Schutzengel der Hütte wäre, in welcher ich wohne.

Selbst in meinen furchtbarsten Augenblicken der Verzweiflung, wenn mein Glaube an Gott wankend wird, erinnere ich mich immer, daß Clara an mich denkt und sich für mich betrübt.

Diese Erinnerung ist für mich immer wie eine stützende Hand, die mir geboten wird. Sie hält mich, wenn ich strauchle—— sie richtet mich auf, wenn ich falle. Sie kann mich noch sicher und sanft leiten bis an das Ende meiner mühevollen Pilgerfahrt



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

Ich habe nun die vorläufige Skizze vollendet, die ich von dem Charakter meiner nächsten Verwandten entwerfen mußte. Ihr Portrait mußte nothwendig in diesen Blättern einen Platz finden, und ich kann nun unmittelbar auf den Gegenstand meiner Erzählung eingehen.

Der Leser denke sich, daß mein Vater und meine Schwester seit einigen Monaten ihr Haus in London bewohnen und daß ich mich ganz kürzlich ebenfalls bei ihnen eingefunden, nachdem ich das Vergnügen einer raschen Reise auf dem Continente genossen.

Mein Vater widmet sich ganz seinen parlamentarischen Arbeiten. Die Comitesitzungen nehmen seine Vormittage in Anspruch, die Debatten seine Abende Wenn er zufällig einen Tag frei hat, so bringt er ihn, mit seinen persönlichen Angelegenheiten beschäftigt, in seinem Cabinette zu. In Gesellschaft zeigt er sich sehr wenig. Ein Diner, zu welchem die Politik die Gäste vereinigt —— oder eine wissenschaftliche Conferenz —— dies sind die einzigen Zerstreuungen, die etwas Verlockendes für ihn haben.

Meine Schwester führt ein Leben, welches ihren einfachen Geschmacksrichtungen durchaus nicht entspricht. Sie wird von Bällen, Opernbesuch, Blumenausstellungen, mit Einem Worte, allen Vergnügungen, welche London bietet, aus ermüdende Weise in Anspruch genommen. Im Grunde ihres Herzens seufzt sie nach der Zeit, wo sie auf ihrem Pony über die grünen Wiesen galoppirt und unter die besten Schüler der Elementarschule des guten Pfarrers Kuchen und andere Geschenke austheilt.

Die junge Miß, ihre Gesellschafterin aber, welche sich auf Besuch bei ihr befindet, ist für die Feste und Soireen leidenschaftlich eingenommen. Mein Vater zählt auf seine Tochter, daß sie die Einladungen honorire, welche er für seine Person genöthigt ist, abzulehnen.

deshalb thut sie ihren eignen Neigungen und Geschmacksrichtungen Gewalt an. Sie opfert sich wie immer und entschließt sich, in die von, der schönen Welt angeführten, erstickend heißen Salons zu gehen, immer wieder dieselben mit ans Wunderbare grenzender Zungenfertigkeit ausgesprochenen Komplimente anzuhören, jeden Abend wie den vorherigen auf dieselben Höflichkeitsfragen zu antworten, bis sie, so geduldig sie auch ist, wünscht, daß alle ihre fashionablen Freunde in einem dem ihrigen entgegengesetzten Winkel des Erdballs, und so fern von ihr als möglich wohnen möchten.

Meine Rückkehr vom Continente entspricht ihren Wünschen, denn ihr Leben in London erhält dadurch eine neue Richtung, ein neues Ziel.

Ich habe angefangen, einen historischen Roman zu schreiben. Eigentlich und hauptsächlich habe ich es in der Absicht gethan, das Land zu studiren, in welches ich den Schauplatz des Romans verlege. Clara hat die ersten fünf oder sechs Kapitel meines Manuscripts gelesen und prophezeiht einen großen Erfolg für mein Werk, wenn ich es herausgeben werde. Sie selbst hat die Einrichtungen in meinem Arbeitscabinet getroffen, meine Bücher abgestäubt und meine Papiere geordnet.

Sie weiß, daß ich in Bezug auf meine geliebten Scharteken und« kostbaren Sammlungen schon ziemlich zornmüthig geworden bin, und daß die Dazwischenkunft eines Stubenmädchens oder Flederwisches mich eben so argwöhnisch und reizbar macht, als wenn ich ein Autor wäre, der schon seit zwanzig Jahren die Lesewelt in Entzücken setzt.

Sie ist entschlossen, mir jede Befürchtung in dieser Beziehung zu benehmen, indem sie es selbst übernimmt, in meinem Cabinet aufzuräumen, und sie behält den Schlüssel dazu bei sich, wenn ich desselben nicht bedarf.

Ihre Aufmerksamkeiten gehen noch weiter. Ueberall, wo ich in den Büchern sich auf meinen Gegenstand beziehende zu extrahirende Stellen eingezeichnet habe, öffnet sie selbst den Band und schreibt die Zeilen ab, deren ich bedarf, um mir meine ganze Zeit für die Kopfarbeit frei zu lassen.

Ich bitte sie, sich nicht so viel Mühe zu machen, aber sie antwortet mir lachend, daß sie entschlossen ist, mit mir zugleich der Nachwelt bekannt zu werden, daß sie nach der Ehre trachtet, der Secretär des berühmten Autors gewesen zu sein, wenn seine Biographie für die künftigen Generationen geschrieben werden wird.

Unsere Zeit theilt sich zwischen die Vergnügungen und die Beschäftigungen der Stadt.

Unsere Pferde verschaffen uns jedoch die angenehmsten Zerstreuungen.

Jeden Tag machen wir einen Spazierritt, —— bald mit Freunden, bald allein.

In diesem letztern Falle schlagen wir meistentheils eine Richtung ein, welche der der Parks entgegengesetzt ist, und suchen ländliche Ansichten auf, so wie man sie eben in der Umgegend von London haben kann.

Die Straßen, welche nach Norden führen, sind unsre Lieblingsrichtungen. Zuweilen reiten wir so weit, daß wir uns gezwungen sehen, unsre Pferde vor einem kleinen Wirthshause zu erfrischen, welches mich an die Dorfschenken erinnert, die man in der Nähe unseres Landsitzes antrifft. Ich sehe hier dieselbe mit seinem Sand bestreute Diele des Gastzimmers, dieselben alten Jagdgemälde an der Wand, dieselben Tische und Stühle von dunklem Eichenholze, die ich in dem Wirthshause des Dorfes gesehen zu haben mich entsinne.

Clara findet auch an gewissen Leuten, welche auf den Schwellen ihrer Thüren stehen, das Ansehen der Leute bei uns, und gewisse Bäume kommen ihr vor, als wären sie ausdrücklich für sie aus unseren Parks hierher verpflanzt worden.

Diese Ausflüge halten wir geheim. Wenn mein Vater wüßte, daß seine Tochter frische Milch und sein Sohn altes Bier in dem gewöhnlichen Gastzimmer eines Wirthshauses an der Landstraße trinkt!

Von dieser Art war meine Lebensweise und von dieser Art die Regelmäßigkeit meiner Arbeiten und meiner Vergnügungen, als ein rein zufälliges Ereigniß meine Existenz über den Haufen warf und den Menschen, der ich damals war, in den verwandelte, der ich jetzt bin.

Es geschah dies auf folgende Weise.



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Ich hatte eben einen vierteljährigen Betrag des mir ausgesetzten Taschengeldes erhalten und war in die City gegangen, um die Anweisung darauf bei dem Bankier meines Vaters umzusetzen.

Nachdem ich mein Geld eingestrichen, überlegte ich einen Augenblick, auf welche Weise ich den Rückweg machen sollte.

Anfangs wollte ich zu Fuße gehen und dann eine Droschke nehmen.

Während ich über diesen ernsten Gegenstand nachdachte, fuhr ein Omnibus an mir in westlicher Richtung vorbei. Einem ganz mechanischen Impulse gehorchend, winkte ich dem Conducteur, Halt zu machen, und stieg ein.

Diese Bewegung war indessen nicht rein mechanisch, wie ich so eben sagte. Wenn ich auch zu jener Zeit noch in keiner andern Beziehung Anspruch auf den Namen eines Schriftstellers gehabt hätte, so besaß ich doch wenigstens einen natürlichen Hang, bei Andern die hervorspringenden Züge ihres Charakters zu entdecken, und —— was die Folge davon ist —— ich fand ein wirkliches Vergnügen darin, Charaktere von allen Arten überall zu studiren, wo der Zufall sie mir entgegenführte.

Schon früher war ich mehr als ein Mal in einen Omnibus gestiegen, um mir durch Beobachtung der Passagiere ein Vergnügen zu bereiten. Ein Omnibus ist mir immer vorgekommen wie ein ambulantes Ausstellezimmer, welches allen Excentricitäten der menschlichen Natur gewidmet ist.

Ich kenne kein anderes Terrain, auf welchem der Zufall mit größerer Bizarrerie in wenig Augenblicken Personen aus allen Klassen und von jedem Temperamente zusammenführt und gruppiert, und wo diese Annäherung die schneidendsten Gegensätze zur Folge hat.

Schon durch Beobachtung der Art und Weise, auf welche die verschiedenen Leute in das Fuhrwerk steigen und darin Platz nehmen, bekommt man einen Ueberblick über die mannigfachen Varietäten des menschlichen Charakters, der nicht weniger verschieden ist als das menschliche Gesicht.

In einem Omnibus zu fahren, ist für mich immer ein Vergnügen gewesen, welches ich mit dem vergleichen möchte, welches mir die erste Lectüre eines amüsanten Buches verursacht.

Ich stieg daher in diesen Omnibus und begann die Originale zu studiren, die sich darin fanden.

Es dauerte nicht lange, so machte der Omnibus abermals Halt, um zwei Damen einsteigen zu lassen.

Die, welche zuerst einstieg, war eine Person von reifem Alter, mit blassen, sanften Zügen und von augenscheinlich sehr schwächlicher Gesundheit.

Die zweite war ein junges Mädchen.

Kaum hatte sich dieses junge Mädchen mit ihrer Begleiterin auf die mir gegenüber befindliche Bank niedergesetzt, so fühlte ich ihre unmittelbare Einwirkung auf mich —— eine Einwirkung, die ich nicht beschreiben kann —— eine Einwirkung, wie ich in meinem Leben noch nie eine ähnliche empfunden und wie ich niemals wieder eine empfinden werde. Ich hatte den Arm ausgestreckt, um sie zu stützen, als sie an mir vorbeiging. Ich berührte ihre Hand nur einen Augenblick lang, aber wie lange dauerte das Gefühl dieser Berührung! Es war, als durchrieselte es meinen ganzen Körper, als ließe es alle meine Nerven erbeben und vervielfältigte sich mit den schnelleren Schlägen meines Herzens.

Es war, als wenn ich sie schon in einem früheren Leben gekannt hätte, als ob ich für sie, oder sie für mich gestorben wäre, nachdem wir in einer entschwundenen Welt mit einander gelebt, und als ob wir jetzt wieder erwachten und uns zu einem neuen Dasein auf einer neuen Erde wieder vereinigt sähen.

Jedoch, ich sage es nochmals, ich kann nur durch halb sinnlose Phrasen die geheimnisvolle Gewalt beschreiben, welche mich mit Leib und Seele in dem Augenblicke zu ihr hinzog wo sie vor meinen Augen erschien.

Uebte auch ich denselben Einfluß auf sie? Oder ging diese magnetische Strömung bloß von ihr zu mir, ohne wieder zu mir zurückzukehren? Ohne Zweifel mußte ich es bald erfahren —— doch nein, dazu bedurfte es Zeit, viel Zeit.

Ihr Schleier war herabgezogen, als ich sie zum ersten Male sah. Ihre Züge, der Ausdruck ihres Gesichtz waren mir nicht deutlich sichtbar.

Ich erkannte bloß, daß sie jung und schön war; wenn ich mir aber außerdem auch viel dachte, so sah ich doch wenig.

Von dem Augenblicke an, wo sie in den Omnibus stieg, habe ich keine Erinnerung mehr von dem, was darin vorging. Ich weiß nicht mehr, welche neue Passagiere man aufnahm oder welche ausstiegen.

Ich weiß auch nicht, ob die durch das Einsteigen der beiden Damen unterbrochene Conversation wieder aufgenommen ward oder nicht.

Meine bis dahin sehr thätige Beobachtungsgabe war wie vernichtet.

Wie seltsam, daß der launenhafte Einfluß des Zufalls die Thätigkeit unsrer Geisteskräfte bestimmen, daß ein Nichts die geheimnißvollen und complicirten Triebfedern unsrer Intelligenz in Bewegung setzen und daß abermals ein Nichts ihren Gebrauch wiederum hemmen kann!



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Wir waren einige Zeit lang ohne Aufenthalt weiter gerollt, als die Begleiterin der jungen Dame eine Bemerkung an sie richtete. Sie verstand das Gesagte nicht recht und hob den Schleier, während ihr dieselben Worte wiederholt wurden.

Wie pochte mein Herz in diesem Augenblicke!

Ich hörte beinahe die Schläge desselben, als ihr Gesicht sich enthüllte und mir in die Augen strahlte.

Sie war brünett, ihr Haar, ihre Augen und ihr Teint waren brauner als dies bei Engländerinnen der Fall zu sein pflegt. So viel ich nach ihrer Physiognomie und ihren sichtbaren Formen urtheilen konnte, zählte sie ungefähr zwanzig Jahre.

Ihre Züge trugen schon das Gepräge einer gewissen Reife, der Ausdruck des Gesichts aber war noch der eines jungen Mädchens, denn es war darin nichts Ausgesprochenes oder scharf Markirtes zu bemerken. Wenn sie sprach, so schlummerte das Feuer ihrer großen schwarzen Augen. Wenn sie schwieg, so war dieses wollüstige Schmachten der schwarzen Augen nur vorübergehend und ungewiß.

Das Lächeln, welches ihre vollen Lippen —— Andern wären sie vielleicht zu voll erschienen —— umspielte, besaß, so zu sagen, Gelüste von Beredsamkeit, hielt sich aber in Schranken.

Bei den Frauen giebt es stets Etwas, was gleichsam unvollendet geblieben zu sein scheint. Man sollte meinen, ihre physische Natur stehe in der Erwartung einer zweiten moralischen Schöpfung. Die Keime künden sich schon an, aber es ist der Liebe vorbehalten, sie zu entwickeln —— die Mutterschaft, wenn sie kommt, erfüllt diese Aufgabe noch besser.

Während ich sie so ansah, dachte ich an den lebhaften« Glanz, der ihre runde, zartbraune Wange bekleiden würde, wenn dieses unbestimmte Colorit sich hier festsetzte. Ich bedachte, daß, wenn dieser noch unbestimmte und schwankende Ausdruck ihrer Physiognomie sich ein wenig mehr accentuirte, sie dann strahlend schön werden würde. Ich fühlte mit Einem Worte, daß ihre Schönheit vollkommen erblühen würde, wenn sie die ersten Worte des Mannes, den sie liebte, hören, und den ersten Kuß von ihm empfangen würde.

Da ich fortwährend die Augen auf sie geheftet hielt, während sie mir gegenüber sitzend mit ihrer Begleiterin sprach, so begegneten sich unsere Augen.

Es war der rasche Austausch eines Blickes, aber das Gefühl, welches man in einem raschen Augenblicke empfindet, macht oft den Gedanken eines ganzen Lebens aus, und diese Minute schuf das neue Leben meines Herzens.

Die junge Dame zog ihren Schleier sofort wieder herab. Ihre Lippen bewegten sich wie unwillkürlich, während sie diese Bewegung machte. Trotz ihres Schleiers glaubte ich zu sehen, daß dieses leichte Zucken der Lippen in, ein Lächeln ausging.

Aber wenn auch ihr Schleier herabgezogen war, so gab es doch noch eine Menge andere Dinge, welche meinen Blick gefesselt hielten.

Ich bewunderte den kleinen gestickten Spitzenkragen, welcher ihren anbetungswürdigen Hals umschloß, ihre da, wo ihr Shawl herabgefallen war, sichtbare schlanke, aber schon gut entwickelte Büste verrieth ein bewunderungswürdiges Ebenmaß des Baues. Ihr Wuchs war anmuthig und die kleinen Schmucksachen, die sie trug und die an und für sich sehr gewöhnlich waren, erhielten doch eben durch ihren Besitz die Bedeutung werthvoller Schätze.

Alles Dies konnte ich trotz des Schleiers betrachten, alles Dies konnte ich mit den Augen verschlingen.

Der Schleier! Gelingt es ihm wohl, dem Manne, der ein weibliches Wesen wirklich liebt, viel von diesem zu verbergen?

Wir waren beinahe an der äußersten Grenze der Omnibuslinie angelangt, als die beiden Damen halten ließen und ausstiegen. Ich folgte ihnen klüglich, indem ich mich in einiger Entfernung hinter ihnen hielt.

Der Weg, den wir eingeschlagen, war nicht sehr besucht; aber wenn er es auch in höherem Grade gewesen wäre, so würde ich doch trotz der Entfernung, in welcher ich mich hielt, sie niemals aus den Augen verloren haben und nicht in Gefahr gewesen sein, eine andere Person für sie zu halten. Schon fühlte ich, so fremd sie für mich auch noch war, daß ich selbst von Weitem im Stande sein würde, sie bloß an ihrem Gange zu erkennen.

Die beiden Damen gingen immer weiter, bis wir eine Vorstadt erreichten, die aus noch ganz neuen Häusern bestand, zwischen welchen sich hier und da noch wüste Stellen mit aufgehäuften Baumaterialien befanden. Wir sahen um uns herum Nichts als Entwürfe zu Straßen, zu Rundtheilen, zu freien Plätzen, zu Kaufläden, zu Gärten.

Endlich blieben die beiden Damen auf einem dieser neuen Plätze stehen und zogen an der Thür eines der neuesten dieser neuen Häuser die Klingel.

Die Thür öffnete sich und meine Angebetete verschwand mit ihrer Begleiterin. Dieses Haus stand beinahe ganz allein. Es hatte keine Nummer, trüg aber die Inschrift: »Nordvilla«. Der Platz, der unvollendet war, wie alles Uebrige in dieser Gegend, hieß Hollyoak Square.

Dies war Alles, was sich für dieses Mal wahrnahm. Der öde, wüste Anblick in dieser Umgebung berührte mich unangenehm. Ich war sicher, das Haus wiederzufinden, und wußte, daß es ihre Wohnung war; denn als die Thür sich öffnete, hatte ich mich genugsam genähert, um sie fragen zu hören, ob Jemand in ihrer Abwesenheit dagewesen wäre.

Für den Augenblick mußte mir dies genügen. Ich fühlte das Bedürfniß mich von meiner Aufregung zu erholen und meine Gedanken zu sammeln. Ich verließ daher Hollyoak Square sofort und ging, einen Spaziergang in Regents Park zu machen, dessen nördlicher Theil sehr nahe war.

War ich verliebt? Wirklich und aufrichtig verliebt in ein junges Mädchen, dem ich zufällig in einem Omnibus begegnet war? Oder gehorchte ich bloß einer augenblicklichen Laune? War es nur jugendliches Feuer und übereilte Bewunderung eines schönen Gesichts?

Dies waren die Fragen, welche ich damals nicht beantworten konnte, denn ich fühlte, daß meine Ideen verworren und meine Geisteskräfte in ihrer Ausübung gestört waren. Ich begann weiter zu gehen und träumte am hellen Tage, denn ich hatte keine deutliche Wahrnehmung außer der Erinnerung an die schöne Unbekannte.

Je mehr ich mich bemühen, zu überlegen, jene Gleichheit des Temperaments, jene Freiheit des Geistes wiederzugewinnen, die ich besaß, als ich an diesem Morgen unser Haus verlassen, desto weniger erlangte ich meine Selbstbeherrschung wieder.

Es giebt zwei Umstände, in welchen der klügste und weiseste Mann sich von seinen ersten Regungen hinreißen läßt, ehe er überlegt.

Der eine dieser Umstände ist, wenn er sich zum ersten Male von einem Weibe beherrscht fühlt, und der andere, wenn zum ersten Male ein Weib ihn beleidigt hat.

Ich weiß nicht, seit wie lange ich in dem Park umher spazierte und meinen Träumen nachhing, als es endlich auf der Uhr einer benachbarten Kirche Drei schlug.

Nun fiel mir ein, daß ich meiner Schwester versprochen hatte, sie um zwei Uhr zu unserem Spazierritte abzuholen; ich brauchte aber wenigstens eine halbe Stunde, um unser Haus zu erreichen.

Zum ersten Male war ich einem meiner Schwester gegebenen Versprechen untreu geworden.

Die Liebe hatte mich noch nicht egoistisch gemacht, wie sie mehr oder weniger mit allen Männern und Frauen thut. Aergerlich über die Nachlässigkeit, deren ich mich so nach schuldig gemacht, beschleunigte ich doch meinen Schritt. Der Groom führte mißlaunig und mürrisch mein Pferd noch vor dem Hause hin und her. Clara’s Pferd war wieder in den Stall zurückgeführt worden.

Ich trat in das Haus und erfuhr, daß Clara, nachdem sie eine Stunde auf mich gewartet, mit einer Freundin ausgegangen sei und erst zur Stunde des Diners zurückkehren werde.

Es war kein Mensch weiter im Hause als die Dienerin. Alles erschien mir öde, leer und abschreckend. Das ferne Rollen der Wagen in den benachbarten Straßen schlug düster und unheimlich an mein Ohr. Ich fuhr zusammen und ward ärgerlich über eine Thür, die in den Dienerstuben unter mir mehrmals nach einander geöffnet und wieder zugeschlagen ward.

Niemals war mir die Luft von London so schwer zu athmen erschienen als an diesem Tage.

Krampfhaft aufgeregt ging ich im Zimmer auf und ab.

Ein Mal lenkte ich meine Schritte nach meinem Arbeitscabinet, kehrte aber wieder um, noch ehe ich es betreten hatte.

An Lesen oder Schreiben war für den Augenblick nicht zu denken. Der Wunsch, nach Hollyoak Square zurückzukehren, erwachte jede Minute mit neuer Kraft in mir. Warum? Ich wollte versuchen, die junge Dame wiederzusehen oder wenigstens zu erfahren, wer sie wäre. Ich kämpfte —— ja ich gestehe es offen und redlich —— ich kämpfte gegen diesen Wunsch.

Ich versuchte, mich selbst zu verhöhnen, mich einfältig und lächerlich zu finden. Dann bemühte ich mich, an meine Schwester zu denken, an das Buch, welches ich schrieb —— mit Einem Worte, an alles Andere, nur nicht an meine Begegnung von diesem Nachmittage.«

Je mehr ich aber diese Erinnerung entfernen wollte, desto mehr beherrschte sie mich und verknüpfte alle meine anderen Ideen. Die Sirene lockte mich; jeder Kampf war vergeblich.

Ich verließ das Haus, indem ich mich heuchlerischer Weise selbst überredete, ich wolle bloß eine phantastische Neugier befriedigen, einen launenhaften Wunsch, den Namen der jungen Dame zu erfahren, und daß ich sodann, anstatt mir den« Kopf zu zerbrechen, wie ich seit einigen Stunden that, über meinen Leichtsinn und diese frivole Idee lachend wieder nach Hause zurückkommen würde.

Ich kam vor dem Hause wieder an. Die Marquisen waren der großen Hitze wegen vor allen Fenstern der Facade herabgelassen. Der erst halb angelegte Garten war enge und die Sonne versengte ihn.

Auf dem Square herrschte dieselbe Einsamkeit, aber jene schwere, lastende Einsamkeit, wie man sie nur aus dem Square oder freien Platze einer Vorstadt findet.

Ich ging den Platz hinauf und hinab und fühlte mich entschlossen, ihn nicht zu verlassen, bevor ich ihren Namen erfahren hatte.

Während ich mir den Kopf—— zersann, um ein Mittel zur Befriedigung dieses Wunsches zu finden, bewog ein gellender Pfiff, der in dem Schweigen dieser Umgegend doppelt hell klang, mich, die Augen aufzuheben.

Ein Laufbursche, eine jener Verkörperungen der frühreifen Schlauheit, der eingefleischten Unverschämtheit und witzigen Frechheit, welche nur in großen Städten heranwachsen können, kam mit einem leeren Korbe am Arme auf mich zu.

Ich sagte ihm, er solle sich nähern und mit mir sprechen. Augenscheinlich war er aus der Nachbarschaft und konnte mir vielleicht von Nutzen sein.

Seine ersten Antworten, die er in ziemlich schleppendem, zögerndem Tone gab, unterrichteten mich, daß sein Herr einer der Lieferanten für die »Nordvilla« war.

Jetzt gab ihm nun einen Schilling, um ihn zu bestimmen, auf die wichtigeren Fragen zu antworten, die ich ihm zu stellen hatte.

Er sagte mir, der Herr des Hauses heiße Sherwin und die Familie bestünde bloß aus Mr. und Mistreß Sherwin und dem jungen Fräulein, ihrer Tochter.

Zuletzt verlangte ich von diesem Burschen Auskunft über Das, was ich vor allen Dingen zu erfahren wünschte, und fragte ihn daher, ob er wisse, welchem Stande oder welcher gesellschaftlichen Stellung Mr. Sherwin angehöre.

Seine Antwort verschloß mir den Mund und die Lust zu weiteren Fragen verging mir! Mr. Sherwin hatte ein großes Modewaarengewölbe in —— street! Der Bursche nannte mir die Nummer ebenso wie die Seite der Straße, wo dieses Gewölbe sich befand.

Dann fragte er mich, ob dies Alles wäre, was ich wissen wolle.

Ich besaß nicht mehr Kraft genug, auch nur vier Worte zu sprechen. Ich gab ihm bloß durch einen Wink zu verstehen, daß er gehen könne und daß er mir genug gesagt habe.

Genug? Wenn er mich nicht belogen hatte so war es mehr als zu viel—— ein Modewaarengewölbe —— die Tochter eines Modewaarenhändlers! War ich noch verliebt? Ich dachte an meinen Vater, an den Namen, den ich trug, und dies Mal, obschon ich die Frage hätte beantworten können, wagte ich es doch nicht.

Wenn aber dieser Bursche sich geirrt hatte? Ich beschloß, die mir von ihm gegebene Adresse aufzusuchen und mich durch mich selbst von der Wahrheit zu überzeugen. Als ich an dem bezeichneten Orte angelangt war, sah ich richtig das Kaufgewölbe Der Name Sherwin stand über der Thür Es blieb mir nun nur noch eine Möglichkeit Dieser Sherwin und der Sherwin von Hollyoak Square konnten ganz verschiedene Individuen sein.

Ich trat in das Modewaarenmagazin, um Etwas zu kaufen. Während der Commis, an welchen ich mich wendete, seine Waaren vor mir ausbreitete, fragte ich ihn, ob sein Principal in Hollhoak Square wohne.

Er schien über diese Frage ein wenig zu erstaunen, dann antwortete er mir bejahend.

»Ich kannte früher einen Mr. Sherwin,« sagte ich und schmiedete mit diesen Worten die ersten Glieder einer langen Kette von Lügen, die mich später knechten und herabwürdigen sollten; »einen Mr. Sherwin, der gegenwärtig, wie ich gehört habe, in der Umgegend von Hollyoak Sauare wohnen soll. Er war unverheirathet und ich weiß nicht, ob mein Freund und Ihr Principal eine und dieselbe Person sind« ——

»Das ist wohl nicht möglich, Sir. Unser Pricipal ist »verheirathet und hat eine Tochter, die in dem Rufe« steht, ein sehr schönes junges Mädchen zu sein, Sir.«

Und der Commis schmunzelte, indem er diese letzten Worte sprach. Niemals war mir ein Schmunzeln widerwärtiger und verletzender gewesen.

Endlich hatte ich so nach die so sehr begehrte Auskunft erlangt. Margarethe! ich wußte sogar ihren Namen! Margarethe! Bis jetzt war dies ein Name, den ich nicht sonderlich liebte. Gegenwärtig empfand ich eine Art Schrecken, als ich mich auf der Wiederholung desselben ertappte, und fand in dem Klange dieser Buchstaben eine neue Poesie, von der ich noch keine Idee gehabt hatte.

War es denn Liebe? Eine reine, eine ernste Liebe? Liebte ich in so hohem Grade, daß ich die Tochter eines Modewaarenhändlers zu heirathen wünschte, die ich eine Viertelstunde lang im Omnibus gesehen und der ich während einer zweiten viertel stunde bis an ihre Wohnung nachgeschlichen war?

Dies war etwas Unvernünftiges und Unmögliches. Ich empfand, ich weiß nicht welchen seltsamen Widerwillen, nach Hause zurückzukehren und in diesem Augenblicke meinen Vater und meine Schwester wiederzusehen.

Ich ging daher langsam wieder fort, aber nicht in der Richtung nach unserem Hause, als ich einem alten Universitätsfreunde meines Bruders begegnete, mit dem ich auch bekannt war —— einem stets heitern jungen Manne, der fortwährend seinem Vergnügen nachging.

Er redete mich sofort mit geräuschvoller Herzlichkeit an. Ich sollte ihn begleiten und mit ihm in seinem Club dinieren, wo er mir delikaten Burgunder und von einem Koch ersten Ranges bereitete Gerichte vorsetzen wollte.

Er wünschte sich mit mir ein wenig über Ralph lustig zu machen, eben so wie über dessen neue Geliebte, diese Frau von reifem Alter, welche es unternommen hatte, einen ordentlichen Mann aus ihm zu machen!

Ganz gewiß war dies Stoff genug zu einer heiteren Unterhaltung! War es nicht sogar ein Süjet zu einer neuen Pantomime, wie Harlekin Don Juan, sich, wie gewöhnlich, in alle Arten Händel verwickelte und Madame Colombine Moralität ihm fortwährend auf den Fersen folgte und ein großes Pasde decorum tanzte, um ihm schlimme Geschichten zu ersparen?

Ja wohl, ich mußte mitgehen! Ich sollte nur an den Burgunder und an die lustige Unterhaltung über Ralph denken! Rasch, rasch! —— warum wollte ich so lange zaudern?

Wenn die Gedanken, die noch schwer auf meinem Gemüthe lasteten, von einer vorübergehenden und ich weiß nicht wie lange dauernden bizarren Melancholie erzeugt waren, so sah ich mich jetzt dem Manne gegenüber, dessen Gesellschaft sie am sichersten zerstreuen mußte.

Ich beschloß daher, den Versuch zu machen, und nahm seine Einladung an.

Beim Diner bemühte ich mich, mich auf dasselbe Niveau mit ihm zu erheben und eben so viel Heiterkeit und Laune zu entwickeln.

Ich trank viel mehr Wein als gewöhnlich, aber es war vergebens. Die lustigen Worte erstarben mir auf den Lippen. Der Burgunder überreizte mich, hauchte mir aber keine fröhliche Laune ein.

Das Bild der braunen Schönheit, welche ich am Morgen gesehen, behauptete die Oberherrschaft über meine Gedanken. Ich stand fortwährend unter der Macht der gleichzeitig unheilvollen und bestrickenden Eindrücke des Morgens. Ich verzichtete auf den Kampf. Ich wünschte allein zu sein.

Mein Freund bemerkte bald, daß meine erzwungene Heiterkeit erschlaffte. Er that Alles, was er konnte, um mich wieder zu ermuntern, bemühte sich, für Zwei zu sprechen, ließ noch mehr Wein bringen, aber Alles war vergebens.

Endlich machte er gähnend und seine getäuschte Erwartung kaum verhehlend mir den Vorschlag, in’s Theater zu gehen. Ich entschuldigte mich, indem ich Unwohlsein vorschützte, und gab ihm zu verstehen, daß ich für meine Gewohnheit zu viel getrunken hätte. Er lachte, ließ aber dabei ein wenig Verachtung hindurch schimmern und verließ mich, um allein ins Theater zu gehen, indem er ohne Zweifel bei sich selbst sagte, daß er mich noch eben so unzugänglich und ungesellschaftlich fände, als er mich einige Jahre auf der Universität gekannt.

Sobald wir uns trennten, fühlte ich Erleichterung und beinahe Freude. Meine Unentschlossenheit bemächtigte sich meiner wieder.

Ich that einige Schritte auf der Straße vorwärts und eben so viele rückwärts, dann gebot ich allen meinen Bedenklichkeiten Schweigen, überließ meinen Neigungen die Sorge, mich zu führen, wie sie wollten, und nahm zum dritten Male an diesem Tage den Weg nach Hollyoak Square.

Der schöne Sommerabend neigte sich zur Dämmerung. Die glühende Sonne stand tief an dem wolkenlosen Horizonte, und als ich den Square betrat, überzog die wonnige Stunde, welche der Nacht vorangeht, den Himmel mit ihrem violetten Schimmer.

Ich näherte mich dem Hause.

Sie stand am Fenster, welches weit geöffnet einen hoch an dem Fensterladen hängenden Vogelkäfig sehen ließ.

Sie stand diesem Käfig gegenüber und ließ ihren armen gefangenen Kanarienvogel nach einem Stückchen Zucker schmachten, welches sie ihm bald da, bald dort durch die Zwischenräume seines Käfiggitters bot, aber alle Mal wieder zurückzog.

Der Vogel flatterte und hüpfte in seinem Gefängnisse, um den Zucker zu erhaschen, und zwitscherte dabei, als ob er seiner Herrin dadurch das Vergnügen beweisen wollte, welches dieses Spiel ihm machte.

Ha, wie reizend war sie! Ihr über den Wangen empor gekämmtes das Ohr freilassendes schwarzes Haar bildete hinten weiter Nichts als eine einfache Rolle von dichten Flechten, ohne Schmuck irgend einer Art. Sie trug ein dicht am Halse anschließendes weißes Kleid, welches auf der Brust eine Menge Falten bildete.

Der Käfig war so hoch aufgehängt, daß sie da durch genöthigt ward, den Kopf ein wenig emporzurichten. Sie lachte heiter und fröhlich wie ein Kind, und fuhr fort, mit ihrem Zuckerstückchen hin und herzufahren. Jeden Augenblick nahmen ihr Kopf und ihr Hals eine neue anbetungswürdige Biegung an und bei jeder Veränderung ihrer Stellung traten die harmonischen Umrisse ihres Gesichts besser hervor.

Ich hielt mich hinter einem Pfeiler der Gartenthür versteckt und schaute hin, indem ich kaum zu athmen oder mich zu bewegen wagte, aus Furcht, daß sie ihr Fenster schließen möchte, wenn ich mich blicken ließe.

Nach noch einigen Minuten faßte der Kanarienvogel den Zucker mit dem Schnabel.

Da, Mimi!« rief sie fröhlich; »endlich hast Du es und wirst es sicherlich nicht wieder hergeben«

Sie blieb noch einige Augenblicke ruhig stehen und heftete die Augen auf den Käfig. Dann richtete sie sich auf der Fußspitze empor, machte ihrem Vogel ein schelmisches Schmollmäulchen und verschwand in dem Innern des Zimmers.

Die Sonne sank immer tiefer hinab. Die Schatten der Dämmerung begannen sich auf dem öden Square auszubreiten; fern und nahe wurden die Gaslaternen angezündet.

Die Leute, welche das Bedürfnis; fühlten, etwas frische Luft im Freien zu schöpfen, gingen einer nach dem andern oder paarweise an mir vorüber oder kehrten wieder in ihre Wohnungen zurück und ich blieb noch immer in der Nähe des Hauses, in der Hoffnung, sie wieder an ihrem Fenster zu sehen, aber sie kam nicht wieder zum Vorscheine.

Endlich brachte ein Diener Lichter in das Zimmer und schloß die Gardinen .

Einsehend, daß es vergeblich sein würde, länger zu bleiben, verließ ich nun den Square.

Heiter kehrte ich nach Hause zurück. Der Eindruck, den die erste Begegnung gemacht, hatte sich während des kurzen Augenblicks, wo ich die Schöne wiedergesehen, vervollständigt.

Vergeblich waren jetzt die Betrachtungen der Klugheit. Ja, ich versuchte nicht einmal, mich gegen diesen neuen Hang zu waffnen. Ich überlieferte mich dem Zauber, der auf mich wirkte. Ich dachte nicht mehr an die Folgen, wie ich am Morgen daran gedacht hatte. Meine Pflichten —— die mir eingeprägten Grundsätze —— die Vorurtheile meines Vaters Alles verschwand vor meiner Liebe, Alles war vergessen u»m dieser Liebe willen, die ich aus Dankbarkeit für die neuen und reichen Gefühle, welche sie in mir erweckte, liebkosend in mein Herz aufnahm.

Ich kehrte nach Hause zurück, ohne über Etwas weiter nachzudenken als über die Mittel, die ich ersinnen müßte, um meine Angebetete den nächstfolgenden Tag wiederzusehen und sie zu sprechen. Ich murmelte leise ihren Namen, selbst während ich die Hand auf das Schloß meines Arbeitscabinets legte.

Kaum war ich eingetreten, so fuhr ich unwillkürlich zusammen und blieb stumm vor Erstaunen stehen. Clara war da! Der erste Blick, der ich auf meine Schwester warf, mußte der eines Verbrechers sein, welcher sich entdeckt sieht.

Sie stand vor meinem Bureau und heftete die Blätter meines Manuscripts zusammen, welche bis jetzt verworren durcheinander in einer Schublade gelegen hatten. Noch denselben Abend sollte sie einem großen Balle beiwohnen, der, ich weiß nicht mehr wo gegeben ward.

Sie trug eine Toilette von hellblauem Krepp —— mein Vater sah sie gern in dieser Farbe —— und eine weiße Blume war in ihrem hellbraunen Haare befestigt.

Sie stand in dem von meiner Lampe geworfenen milden Lichtkreise und hatte die Augen über die Blätter hinweg, welche sie eben geordnet, auf die Thür geheftet.

Ihr schmales, zartes Gesicht erhielt durch die reizende, duftige Toilette, welche sie gewählt, etwas noch Zarteres. Ihr Teint besaß die matteste Farbe, ihr Antlitz athmete beinahe die ruhige, reine Heiterkeit einer Bildsäule.

Welch’ ein Contrast mit jenem andern lebensvollen Gemälde, welches ich bei Sonnenuntergang gesehen!

Die Erinnerung an das Versprechen, welches ich nicht erfüllt, kehrte wieder in mein Gedächtniß zurück und ich fühlte mich sehr verlegen, während sie mir mit einem sanften Lächeln das Manuscript darreichte, wie um mich aufzufordern, es anzusehen.

Mit dieser Erinnerung kehrte die peinlichen Gedanken zurück, welche mich einige Stunden früher so grausam gemartert hatten. Ich wollte einen sichern, festen Ton annehmen, aber ich fühlte die Nutzlosigkeit meines Bemühens, als ich zu ihr sagte:

»Wirst Du mir verzeihen, Clara, Dich heute um Deinen Spazierritt gebracht zu haben? Ich fürchte, daß die Entschuldigung, die ich deshalb vorbringen kann, eine ungenügende ist und ——«

»Nun, dann suche Dich doch nicht zu entschuldigen, Sidney, oder warte, daß unser Vater der Sache eine gute parlamentarische Wirkung gebe, wenn er heute Nacht aus dem Unterhause heimkehrt. Sieh’ wie ich alle diese Papiere schön geheftet habe! Sie waren aber auch in so große Unordnung gerathen, daß ich fürchtete, es könnten einige davon verloren gehen.«

»Weder diese Blätter noch Der, welcher sie geschrieben, sind der Hälfte der Mühe würdig, welche Du Dir damit gegeben hast; aber es thut mir aufrichtig leid, daß ich mein Wort nicht gehalten habe. Ich begegnete einem alten Universitätsfreunde——am Morgen hatte ich auch Geschäfte zu besorgen —— wir speisten dann zusammen —— ich konnte es ihm nicht gut abschlagen ——«

»Aber, Sidney, wie bleich Du bist! Bist Du unwohl?«

»Nein, es war mir bloß ein wenig zu warm; das ist Alles.«

»Ist Dir Etwas zugestoßen?——Wenn ich Dich frage, so geschieht es in der Voraussetzung, daß ich Dir von einigem Nutzen sein könnte —— wenn Du vielleicht wünschest, daß ich heute Abend zu Hause bleibe ——«

»Durchaus nicht, liebe Clara; ich wünsche Dir auf dem Balle alle möglichen Triumphe.«

Sie schwieg einen Augenblick, dann heftete sie ihre klaren Augen ernster als gewöhnlich und mit ziemlich unruhiger Miene auf mich.

Forschte sie in meiner Seele und entdeckte sie hier jene kaum gebotene Liebe, welche schon ein Herz für sich in Anspruch nahm, in welchem meine Zuneigung zu meiner Schwester bis jetzt ungetheilt geherrscht hatte?

Die Liebe! Liebe zu der Tochter eines Krämers! Dieser Gedanke kehrte unaufhörlich in mir zurück, während Clara mich ansah, und gleichzeitig entsann ich mich einer Maxime, welche mein Vater so oft meinen Bruder Ralph eingeschärft hatte: »Vergiß niemals, daß Dein Rang nicht Dir gehört und daß Du nicht damit machen darfst, was Du willst. Er gehört uns und unsern Kindern, Du hast die Pflicht, ihnen denselben zu bewahren, wie ich ihn Euch bewahrt habe.«

»Ich glaubte,« hob Clara in schüchternem Tone als vorher wieder an, »daß ich wohlthun würde, einen Blick in Dein Zimmer zu werfen, ehe ich auf den Ball ginge, und nachzusehen, daß Alles hier in guter Ordnung sei, wenn es Dir vielleicht einfiele,diese Nacht zu schreiben. Ich hatte eben noch Zeit dazu, während Mistreß ***, die mich begleitet, noch oben mit ihrer Toilette zu thun hat. Vielleicht aber fühlst Du Dich nicht aufgelegt, heute Abend zu arbeiten?«

»Ich werde es wenigstens versuchen.«

»Kann ich Dir vielleicht in irgend Etwas nützlich sein? Vielleicht sähest Du es gern, wenn ich mein Bouquet in Deinem Zimmer zurückließe? Diese Blumen haben einen ungemein frischen Wohlgeruch. Ich kann mir mit leichter Mühe ein anderes verschaffen. Sieh’ nur die Rosen an, meine weißen Lieblingsrosen, die mich alle Mal an meinen Garten erinnern, an unsern alten Bart, den ich so sehr liebe.«

»Ich danke Dir, Clara, ich glaube aber, dieses Bouquet nimmt sich in Deiner Hand besser aus als auf meinem Tische«

»Gute Nacht, Sidney.«

»Gute Nacht«

Sie lenkte ihre Schritte nach der Thür, drehte sich um und lächelte. als ob sie Etwas sagen wollte. Sie bezwang sich jedoch und heftete eine Minute lang bloß ihren Blick auf mich. Das begonnene Lächeln verschwand sofort aus ihrem Antlitze und derselbe Ausdruck von Unruhe malte sich darin.

Leise verließ sie das Zimmer. Einige Minuten später schlug das Rollen des Wagens, der sie mit ihrer Begleiterin nach dem Balle führte, an mein Ohr und verhallte dann in der Ferne.

Ich war allein im Hause —— allein für die Nacht.



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Mein von der fleißigen Hand meiner Schwester in Ordnung gebrachtes Manuscript lag aufgeschlagen vor mir.

Ich wendete die Blätter langsam eins nach dem andern um, aber meine Augen widmeten ihm eine nur mechanische Aufmerksamkeit. Vor Kurzem, gestern noch —— wie viel Ehrgeiz, wie viele Hoffnungen, wie viele sanfte Genugthuungen meines Herzens und hohe Bestrebungen meines Geistes ruhten auf diesen häßlichen Blättern, die mit garstigen Kritzeleien bedeckt waren!

Jetzt konnte ich sie mit Gleichgültigkeit betrachten und beinahe wie ein Fremder gethan hätte.

Die Tage ruhigen Nachdenkens und beharrlicher Ausarbeitung des Gedankens schienen mir niemals wiederkehren zu sollen.

Diese ergreifenden Ideen, diese geduldig gesammelten Documente, diese reizenden Visionen der idealen Welt, diese neuen Schöpfungen meines Geistes, die frisch und strahlend in die Zeilen meines ersten Buches geworfen worden, alles Dies war vorüber und verschwunden —— verwelkt unter dem heißen Hauche der Sinne, verurtheilt durch eine Leidenschaft, welche der Zufall in wenigen Mußestunden hatte keimen lassen.

Ich warf das Manuscript rasch beiseite. Meine unerwartete Unterredung mit Clara hatte die unruhigen Empfindungen des Abends beschwichtigt, aber der verhängnißvolle Einfluß der braunen Schönheit hatte mich nicht verlassen. Wie hätte ich jetzt schreiben können!

Ich setzte mich an das« geöffnete Fenster. Es ging auf einen schmalen Garten, auf einen jener Londoner Gärten, wo die Natur so in die Enge getrieben ist, wo verkümmerte Bäume und schmachtende Blumen, zwischen hohen Ziegelmauern eingekerkert, nach der freien Luft und dem Sonnenscheine des Landes zu seufzen scheinen.

Es war indessen wenigstens doch ein Raum, wo die Luft cirkulirte und der uns ein wenig von den geräuschvollen Straßen bannte.

Der Mond war, von einem blaßgelben Rande umgeben, aufgegangen. Außer ihm zeigte sich kein andres Gestirn in dem unheimlich leeren Raume der Nacht, dabei aber war das dunkelblaue Firmament ohne Wolken.

Ich weiß nicht, welche Ahnung mir sagte, daß während dieser ruhigen einsamen Nacht in mir der letzte und entscheidende Kampf stattfinden würde. Ich fühlte, daß von den zufälligen Eingebungen dieser Nacht das Leben oder der Tod meines Herzens abhängen würde.

Je näher die Krisis heranrückte, desto entscheidender schien sie mir für die Zukunft sein zu müssen.

Diese neue Liebe, welche in mir lebte, dieses Gefühl, welches mich adsorbierte, und welches dennoch erst diesen Morgen Wurzel in mir gefaßt hatte, war meine erste Liebe.

Bis jetzt war ich Herr meines Herzens gewesen. Von dieser Leidenschaft, welche die alles Andere beherrschende Leidenschaft des Lebens ist, wußte ich noch Nichts. Niemals hatte ein Weib sich zwischen mich und meinen Ehrgeiz, zwischen meine Phantasien und meine Beschäftigungen gestellt. Niemals hatte mir ein Weib vorher die Gefühle eingeflößt, welche ich jetzt empfand. Indem ich den Zustand, in welchem ich mich befinde, mir selbst recht zu definiren suchte, drängte sich vor allen Dingen diese einzige Frage meinem Gemüthe auf: War ich noch stark genug, um der Versuchung zu widerstehen, welche der Zufall mir in den Weg geworfen?

Ich hatte nur ein Mittel des Widerstandes: die Ueberzeugung, die mich befreite, daß, wenn ich unterläge, alle meine Aussichten aus die Zukunft, als Mitglied der Familie, mit Einem Schlage zerstört und vernichtet sein würden.

Ich kannte den Charakter meines Vaters, einen absoluten Charakter, der seinem Standesvorurtheile Neigungen und Sympathieen dienstbar machte und sich mit seinen Principien identificirte.

Auch war ich überzeugt, daß die Folgen einer nicht standesgemäßen Ehe, einer von seinem Sohne geschlossenen Mesallianz für einen von uns, ja vielleicht für beide furchtbar und entsetzlich sein würden.

Jeder andere Fehltritt konnte von ihm früher oder später verziehen werden —— ein solches Verbrechen aber konnte in seinen Augen niemals: Verzeihung erlangen, selbst wenn sein Herz darüber gebrochen wäre.

Davon war ich in diesem Augenblicke so fest überzeugt wie von meinem Leben.

Welche Gefühle empfand ich wirklich in Bezug auf Margarethen? Ich fuhr fort, sie so zu nennen, wenn ich an sie dachte. Ich wollte. sie analysiren, sie discutiren. Es war mir unmöglich, mir selbst klare Rechenschaft darüber zu geben.

Die Prüfung der Vernunft erhebt sich niemals bis zur Höhe und steigt auch niemals bis in die Tiefen der stärksten und gewaltigsten Gemüthsbwegungen. Den Umfang, die Dauer derselben bemessen, heißt das Unberechenbare berechnen —— es heißt einen neuen Thurm von Babel in der Absicht errichten, die Erde mit dem Himmel zu vereinigen.

Ich liebte sie! In diesen drei Worten lag Alles, was ich fühlte, Alles, was ich über sie wußte.

Obschon meine Leidenschaft meinen intellectuellen Fähigkeiten schaden, deren Gleichgewicht sie störte, und obschon sie das Bewußtsein meiner Pflichten gegen die Meinigen schwächte, so blieb doch nicht weniger ein sehr reines Gefühl für diese zurück.

Wenn ich in diesem Augenblicke auf dem Sterbebett läge und überzeugt wäre, daß ich am jüngsten Tage nach der Wahrheit oder Falschheit der so eben geschriebenen Zeilen gerichtet werden würde, so würde ich doch bis zu meinem legten Hauche wiederholen: —— Es ist wahr —— ich behaupte es!

Aber war diese Liebe ein genügender Grund? Wie würdig Margarethe dessen auch war, so that ich doch Unrecht daran, sie zu lieben, weil das Schicksal, dasselbe Schicksal, welches ihr einen Rang und eine Familie hätte geben können, sie in einem tief unter dem meinigen stehenden Stande hatte geboren werden lassen.

Wäre sie von guter Geburt gewesen, so würde sie sich die Achtung und Liebe meines Vaters sofort erworben haben,»wenn ich sie ihm als meine Gattin zugeführt hätte; aber sie war Tochter eines Krämers, und nur der Zorn meines Vaters, das Unglück meines Vaters und vielleicht mein eigner Ruin war die verhängnißvolle Aussteuer, auf welche ihre Ehe mit mir ihr Anwartschaft gab.

Und worauf beruhte dieser Unterschied? Auf einem socialen Vorurtheile. Ohne Zweifel; dieses Vorurtheil aber war in unserm Hause seit meiner Geburt und schon früher seit Jahrhunderten ein fester Grundsatz —— doch, was sage ich? —— ein religiöser Glaubensartikel.

Seltsam ist jenes zweite Gesicht der Liebe, welches gleichsam in die Zukunft sieht. Ich dachte jetzt an Margarethen, schon als ob sie bereits mein Weib wäre, ehe sie noch Etwas von der Leidenschaft ahnte, welche sie mir eingeflößt hatte. Mein Herz marterte sich, ich zersann mir den Kopf und ich hatte noch kein Wort mit ihr gesprochen.

Ich zitterte schon, als ob unsre Vermählung bald entdeckt, werden würde. —— Wie unwahrscheinlich wäre dies Alles erschienen, wenn ich es in einem Buche gelesen hätte!

Aber wie sollte ich den ungestümen Wunsch bekämpfen, sie schon den nächstfolgenden Morgen wieder zu sehen und zu sprechen?

Sollte ich London, sollte ich England verlassen und die Versuchung meiden, indem ich, gleichviel wohin und gleichviel mit welchem Opfer, die Flucht ergriff? Oder sollte ich Zuflucht bei meinen Büchern suchen, diesen alten, ruhigen und treuen Freunden meiner ersten Nachtwachen? Besaß ich Entschlossenheit genug, um meinem Herzen durch ernsthaftes Nachdenken und ermüdende Arbeit Schweigen zu gebieten? Und wenn ich morgen früh von London abreis’te, sagte mir dann mein Gewissen mit Sicherheit, daß ich nicht übermorgen zurückkehren würde?

Während dieser Nacht, wo ich mich bemühte, kaltblütig mit mir selbst zu Rathe zu gehen, erniedrigte sich mein Gemüth nicht ein einziges Mal, das zu denken, was viele andre Männer sicherlich an meiner Stelle gedacht haben würden.

Warum sollte ich diese junge Dame heirathen, wenn ich weiter keinen Grund dazu hatte als daß ich sie liebte? Warum bestand ich bei dem Vermögen, welches mir zur Verfügung stand, bei dem Range, den ich einnahm, bei den Gelegenheiten, die ich mir verschaffen konnte, hartnäckig darauf, die Liebe und die Ehe in eine und dieselbe Idee zu verschmelzen? Warum diese Verlegenheiten und Befürchtungen, wo weder die einen noch die andern dazusein brauchten?

Wenn ein solcher Gedanke, wie dieser, sich auch nur verschleiert, schüchtern und undeutlich meinem Gemüthe dargestellt hätte, so würde ich ihn mit Abscheu zurückgewiesen und mich vor mir selbst geschämt haben.

Von welcher Art auch die neuen Bitterkeiten sein mögen, die mir noch beschieden sein können, so wird doch diese tröstende Erinnerung mir stets bleiben. Meine Liebe für Margarethe Sherwin war würdig, dem keuschesten und vollkommensten Weibe dargeboten zu werden, welches Gott jemals geschaffen!

Die Nacht rückte weiter vor. Das schwächer werdende Geräusch der Straßen drang in selteneren Zwischenräumen und nur noch verworren bis zu mir.

Meine Lampe verlöschte. Ich hörte den Wagen, welcher Clara vom Balle zurückbrachten; die ersten Dünste des Morgens stiegen auf und verbargen die kleiner gewordene Scheibe des Mondes, die Luft ward immer frischer; der Morgenthau badete die Erde und ich saß immer noch an meinem offenen Fenster und kämpfte gegen die stürmischen Gedanken, welche Margarethens Bild in mir wach rief —— ein Kampf, der siech mehrere Stunden lang fortwährend erneute, immer derselbe und gleich vergeblich blieb.

Endlich machte sich die Ermüdung dieser langen Nachtwache in mir fühlbar. Meine Gedanken wurden dunkel —— einige Augenblicke später versank ich in einen fieberhaften Schlaf, der weit entfernt war, mich zu erquicken —— die Aufregung des Denkens nahm eine andere Form an und gab sich durch eine Reihenfolge von quälenden Träumen kund. Die Empfindungen und Ideen, gegen welche ich immer matter kämpfte, so wie während der Nachtwache die Ermüdung meines Geistes zunahm, stürmten, jetzt alles Zwanges ledig, mit Gewalt auf mich ein.

Mein Traum war folgender.

Ich sah mich auf einer weiten Ebene, die auf der einen Seite von einem dichten Walde, dessen geheimnißvolle Tiefen das Auge nicht durchdringen konnte, und von der andern durch übereinander aufsteigende Berge begrenzt ward, deren Gipfel sich in hellen, weißen, von heitrem Lichte strahlenden Wolken verloren. Auf der andern Seite über dem Walde war der Himmel düster und nebelig. Es schien, als ob dichte Dünste unter den Bäumen aufgestiegen wären, um die Klarheit des Firmaments auf dieser Seite zu trüben.

Während ich auf der Ebene stehen blieb und meine Blicke um mich her schweifen ließ, sah ich aus dem Walde heraus eine Dame auf mich zukommen. Sie war von hoher Gestalt, ihr schwarzes üppiges Haar umwallte sie, und ihr Gewand, von derselben braunen Farbe wie die über dem Walde hängenden Nebel dünste, fiel in dichten Falten bis aus ihre Füße herab.

Sie kam rasch, aber leise auf mich zu, gleich jenen Wolkenschatten, welche über ein in der Reife stehendes Getreidefeld oder über die ruhige Fläche des Wassers hingleiten.

Ich drehte mich nach der andern Seite herum. Von den Bergen herab kam ebenfalls eine weibliche Gestalt, aber ihr Gewand war von glänzender, reiner und durchsichtiger weißer Farbe. Auf ihrem Gesichte spiegelte sich ein Licht, welches mit dem sanften Glanze des Herbstmondes zu vergleichen war. Hinter sich ließ sie eine leuchtende Spur, gleich der, welche die Sternschnuppen am Winterhimmel zu ziehen pflegen. Sie kam bis an die äußerste Grenze herab, wo die Berge sich mit der Ebene verschmolzen, und ich bemerkte, daß sie mir mit der Hand winkte und mich aufforderte, mich ihr zu nähern.

Mittlerweile kam die aus dem Walde hervorgetretene Gestalt mir so nahe, daß ich ihren keuchenden, heißen Athem an meiner Wange fühlte. Ihre auf die meinigen gehefteten Augen bestrickten mich und sie öffnete mir ihre Arme. Ich berührte ihre Hand, und bei dieser plötzlichen Berührung durchzuckte mich eine Flamme vom Wirbel bis zur Sohle. Und ihre glänzenden Augen hefteten sich immer fester auf mich, indem sie mich mit ihrer Flamme durchbohrten. Ihre geschmeidigen Arme schlossen sich um meinen Hals und sie zog mich einige Schritte in der Richtung des Waldes vorwärts.

Ich fühlte, wie die Lichtstrahlen entschwanden, welche die ausgestreckte Hand der andern Gestalt bis zu mir hatte dringen lassen, und richtete meine Blicke nach den Bergen. Sie ging wieder nach den glänzenden Wolken hinauf, blieb aber von Zeit zu Zeit stehen, drehte sich herum, kreuzte die Hände über ihrer Brust und senkte zum Zeichen der Betrübnis das Haupt.

Als ich sie das letzte Mai nach mir herschauen sah, berührte sie bereits die Wolken. Von da an sah ich aber Nichts mehr von ihr, denn die Gestalt, welche mich nach dem Walde zog, faßte mich fester, ihre glühenden Lippen preßten die meinen, und es war mir, als wenn ihr langes Haar uns Beide einhüllte und sich wie ein Schleier zwischen mich und die fernen in Licht gebadeten Berge drängte, wo jene andre Gestalt langsam in die glänzenden Wolken emporstieg.

Ich ging immer weiter —— umschlungen von den Armen der braunen Gestalt. Ich ging während mein Blut kochte und mein Athem keuchte, bis zu dem Augenblicke, wo wir im Schooße dieses schattigen Labyrinthes einen abgelegenen, kleinen freien Platz erreichten.

Hier hüllte sie mich in die Falten ihres braunen Gewandes, näherte ihre glühenden Wangen den meinen und murmelte mir eine bezaubernde Melodie in’s Ohr, und jeder Gedanke nach der Ebene zurückzukehren, verließ mich, denn ich hatte die von den leuchtenden Bergen herabgestiegene Gestalt vergessen, um mich mit Leib und Seele der aus dem Walde gekommenen hinzugeben.

Hier war der Traum zu Ende und ich erwachtes.

Es war schon heller Tag; die Sonne schien und es zeigte sich keine Wolke am Himmel. Ich sah nach meiner Uhr —— sie war stehen geblieben. Nicht lange darauf schlug es auf einer benachbarten Turmuhr Sechs.

Das Ende meines Traumes hatte ganz besonders einen lebhaften Eindruck in meinem Gedächtnisse zurückgelassen. War es eine Verkündung dessen, was mir begegnen würde? Aber zu welchem praktischen Entschlusse konnte dieser Traum —— wie überhaupt alle Träume —— mich führen? Warum war er unvollständig geblieben? Warum zeigte die Vision mir nicht die Folgen der That, welche sie andeutete?

Wie abergläubisch wars diese Frage! Verdienten die Trugbilder eines Traumes wohl, meine Aufmerksamkeit zu fesseln?

Dennoch aber hatte dieser Traum eine dauernde Spur zurückgelassen. Damals bemerkte ich es nicht, aber später sah ich es ein.

Mit dem Lichte des Tages, welche dem Geiste seine Sicherheit wieder giebt und die Sinne neu belebt; war es mir ziemlich leicht, aus meiner Phantasie, oder vielmehr aus meinem Bewußtsein eine allzu ausgesprochene Tendenz zu verbannen, in diesen beiden Gestalten, welche mein Traum mir vorgeführt, die Personificationen zweier wirklich lebender Wesen zu sehen, deren Namen meine Lippen beinahe zitternd aussprachen.

Aber nicht in gleicher Weise konnte ich aus meinem, Herzen die reizenden Bilder verbannen, welche diese Vision der Anbetung meiner Sinne vorgeführt hatte.

Diese Nacht mußte Folgen haben, und jeden Augenblick erschreckten mich die Eindrücke, welche sie in mir zurückgelassen, durch ihren Fortschritt.

Wenn man mir früher gesagt hätte, daß schon das Anbrechen des Tages mich wieder beleben und ermuthigen würde, so hätte ich diese Voraussehung als eine Beleidigung betrachtet. Und dennoch war dem so.

So wie der Tag erschien, entschwanden meine verworrenen Betrachtungen, meine Befürchtungen und Beklemmungen während dieses innern Kampfes. Nur das anmuthige Bild Margarethens, blieb eben so zurück wie die Liebe, welche dadurch wachgerufen ward. Und diese Liebe triumphirte ohne Widerstand. War es denn mit den Ueberzeugungen, die ich so eben noch gehabt, wie mit jenen Nebeln der Nacht, welche vor dem Schimmer des Morgens zerrinnen. Ich weiß es nicht, aber ich war jung und jeder neue Morgen ist in meinem Alter ein Erwachen der Jugend, eben so wie ein Erwachen der Natur.

Ich verließ demnach mein Cabinet und ging aus. Ich kümmerte mich nicht um die möglichen Folgen meines neuen Gefühls. Es war als ob ich jeden melancholischen Gedanken an der Schwelle meines Zimmers zurückgelassen hätte, als ob mein Herz jetzt, nachdem es unter der Wucht der schweigenden Nacht gesenkt, sich mit höherer Spannkraft ausrichtete.

Die Gegenwart genießen, für die Zukunft hoffen und mich übrigens dem Zufalle und dem Glück bis zum letzten Augenblicke anvertrauen, dies war das Symbol meines Glaubens, und ich begann durch die Straßen zu eilen, beseelt von dem Wunsche, Margarethen zu begegnen und ihr, noch ehe der Tag endete meine Liebe zu gestehen.

Freudig athmete ich die frische Luft des Nordens; der heitere Sonnenschein entzückte mich und ich lenkte meine Schritte leichtfüßig wie ein Schüler, wenn die Schule aus ist, nach Hollyoak Square.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel.

London erwachte überall zur Thätigkeit des Morgens. Während ich die Straßen durchschritt, öffnete man die Schaufenster der Kaufläden. Die Branntweinverkäufer, diese Vampyre, welche an dem Leben Londons saugen, öffneten die Augen und suchten schon ihre neue Beute für diesen Tag zu erspähen. In den ärmeren Stadttheilen begannen die kleinen Tabak- und Kramläden und unsaubern Schankwirthschaften ihr Tagewerk.

Hier beschleunigte ein verspäteter Arbeiter den Schritt, um auf den Zimmerhof oder in die Maschinenbauwerkstätte zu gelangen. Dort trat ein alter Bürger von pedantischer Lebensweise aus dem Hause, um vor dem Frühstücke seinen gewohnten Morgenspaziergang zu machen.

Bald fuhr ein schon seiner Fracht entledigter Gemüsekarren an mir vorüber, um auf das Land zurückzukehren; bald war es eine mit Gepäck beladene Droschke, welche bleiche, verschlafen aussehende Reisende nach einem Eisenbahnhofe oder einer Dampfschiffstation brachte.

Die Bewegung der großen Stadt begann und setzte sich nach allen Richtungen»hin fort. Ich nahm ein ganz ungewohntes Interesse daran, denn diese Aufregung erinnerte mich an die meines eigenen Herzens.

Auf Hollyoak Square aber ruhte noch immer die Ruhe und Erstarrung der Nacht. Es war, als ob diese, eintönigem verlassenen Regionen das Vorrecht hätten, die letzten zu sein, die auch nur zu einem Scheine von Thätigkeit und Leben erwachten.

Bis jetzt rührte sich in der Nordvilla noch Nichts. Ich ging weiter bis über die letzten Häuser hinaus und kam in jenes eintönige freie Feld, welches die Umgebung von London bildet.

Ich bemühte mich, an das Mittel zu denken, welches ich anwenden mußte, um Margarethen zusehen und zu sprechen, ehe ich wieder nach, Hause zurückkehrte.

Als aber eine halbe Stunde auf diese Weise verflossen war, kehrte ich ohne Plan und ohne eine bestimmte Idee nach dem Square zurück, war aber nichtsdestoweniger entschlossen, eine Unterredung mit ihr zu haben.

Die Gartenthür der Nordvilla stand jetzt offen. Eine Dienerin des Hauses stand auf der Schwelle, athmete die frische Morgenluft und schaute sich ringsum, ehe sie ihre gewohnte Arbeit begann.

Ich trat näher, entschlossen, mich ihrer Dienste, wo nicht durch Ueberredung, durch ein Geldgeschenk zu versichern. Sie war jung —— dies, war schon ein Umstand zu meinen Gunsten —— munter und drall, und schien mir ganz besonders nicht gleichgültig gegen die Wirkung zu sein, sie hervorbringen könnte, was ein zweiter günstiger Umstand war. Sobald sie mich näher kommen sah, und fuhr sich rasch mit der Schürze übers das Gesicht, gerade wie ein Meubleshändler einen Tisch oder eine Kommode abwischt, wenn er einen Käufer kommen sieht.

»Steht Ihr ins Mr. Sherwin’s Diensten?« fragte ich, als ich bis an die Gartenthür gelangt war.

»Ja, als Köchin Sir« antwortete die Gefragte, indem sie sich nochmals mit ihrer Schürze das Gesicht rieb.

»Jhr würdet ohne Zweifel Euch sehr wundern, wenn ich Euch bäte, mir einen großen Dienst zu leisten.«

»Das ist allerdings wahr —— ich kenne Sie gar nicht —— aber dennoch —— ich weiß nicht ——«

Sie schwieg und trug die Operation, welche bis jetzt auf ihr Gesicht beschränkt gewesen, auf die Arme über.

»Ich hoffe, daß wir einander nicht mehr lange fremd sein werden. Wie wäre es, wenn ich die Bekanntschaft mit Euch damit begänne, daß ich Euch sagte, Euer Gesicht würde sich noch viel hübscher ausnehmen, wenn Ihr Bänder von lebhafterer Farbe trüget, und Euch bäte, einige dergleichen zu kaufen, bloß um zu sehen, ob ich nicht Recht habe?«

Indem ich dies sagte, drückte ich ihr ein Geldstück in die Hand.

»Sie sind sehr freundlich, Sir, und ich danke Ihnen,« entgegnete sie lächelnd und rückte ihre Haube ein wenig. »Haubenbänder sind aber das Letzte, was mir in einem Dienste wie der meinige erlauben würde zu kaufen. Unser Herr ist hier Herr und er hat Damen, und ich glaube, er machte uns toll durch den Lärm, den er über Hauben und Bänder zu schlagen versteht. Er ist ein so strenger Mann, daß wir hier die Hauben so tragen müssen, wie er es will. Es ist schon unangenehm, wenn eine Dame sich um die Haubenbänder einer armen Dienerin kümmert; aber einen Herrn zu haben, der in, die Küche herunterkommt —— doch ich brauche Ihnen dies weiter nicht zu sagen mein Herr. Ich danke Ihnen aber für Ihr Geschenk und bin Ihnen sehr. verbunden.«

»Ich hoffe, es wird dies nicht das letzte Mal sein, daß ich Euch ein Geschenk mache. Ich komme nun auf den Dienst, um den ich Euch ersuchen möchte. Könnt Ihr ein Geheimnis bewahren?«

»Und ob, Sir! Ach, wie viele Geheimnisse hab’ ich schon bewahrt, seitdem ich unter den Leuten bin!«

»Schön; ich möchte nämlich Gelegenheit finden, Miß Margarethen zu sehen und unter vier Augen mit ihr zu sprechen; aber man dürfte ihr kein Wort vorher davon sagen —— versteht Ihr mich?»

»Ach Sir, das kann ich nicht wagen!«

»Nun, errathet Ihr denn nicht, warum ich Euere junge Dame sehen möchte und was ich ihr zu sagen habe?«

Die Köchin lächelte und schüttelte verlegen den Kopf.

»Es ist möglich, daß Sie sich in Miß Margarethen verliebt haben, Sir; aber so Etwas werde ich nicht thun. Ich wage es nicht.»

»Nun gut, aber wenigstens könnt Ihr mir sagen, ob Miß Margarethe alle Tage einen Spaziergang zu mache pflegt?«

»Ja Sir, sie geht fast alle Tage aus.«

»Ihr begleitet sie wohl alle Mal, wenn sie ohne ihre Eltern in die Stadt geht?«

»O, ich bitte, fragen Sie mich nicht!« rief die Köchin mit kläglicher Miene, indem sie zugleich verlegen die Zipfel ihrer Schürze durch die Finger zog.« »Ich weiß gar nicht, wer Sie sind, und Miß Margarethe weiß es sicherlich auch nicht. Ich kann Ihnen Nichts sagen, Sir —— fragen Sie mich nicht,« »Na, seht mich doch an! Sehe ich wohl aus wie ein Mensch, der Euch oder Eurer jungen Herrin etwas Uebles zufügen möchte? Bin ich ein gefährlicher Mensch, dem man sich nicht anvertrauen kann? Würdet Ihr auf mein Wort glauben, wenn ich, Euch ein Versprechen,gäbe?«

»Ja, Sir ganz gewiß könnte ich Vertrauen zu Ihnen haben. Sie sind ja schon so gütig gegen mich gewesen!

»Nun, dann nehmt an, daß ich Euch ersten verspreche, Miß Margarethen kein, Wort davon zu sagen, daß ich mit Euch von ihr gesprochen, und zweitens, daß ich wenn Ihr mir gesagt haben werdet, zu welcher Stunde Miß Margarethe mit Euch ausgeht, nur in Eurem Beisein mit ihr sprechen und sie verlassen werde; sobald Ihr mir einen Wink gebt. Wenn ich Euch dies Alles verspreche, werdet Ihr dann nicht wagen, mich ein wenig zu unterstützen?«

»Nun, dann freilich wäre die Sache etwas Anderes. Aber, sehen Sie, ich fürchte mich gar so sehr vor unserm Herrn. Wollen Sie nicht lieber erst mit diesem sprechen?«

»Denkt Euch einmal an Miß Margarethens Stelle! Würdet Ihr es wohl gern sehen, wenn man Euch mit Erlaubniß Eures Vaters den Hof machte, ohne vorher Euern eigenen Willen befragt zu: haben? Würdet Ihr einen Heirathsantrag wie eine Botschaft durch Vermittlung Eures Vaters gemacht haben wollen? Gesteht mir einmal offen —— würde so Etwas Euch gefallen?«

Sie lachte und warf auf sehr ausdrucksvolle Weise den Kopf empor. Ich merkte, daß ich mit diesem letzten Argument die richtige Stelle getroffen hatte, und wiederholte:

»Denkt Euch also an Miß Margarethens Stelle.«

»Still, still! sprechen Sie nicht so laut!« hob das Mädchen in leisem, vertraulichem Tone wieder an. »Ich bin überzeugt, daß Sie ein ganz solider, anständiger Herr sind und daß Sie ehrenwerthe Absichten haben —— ich möchte Ihnen. auch gern behilflich sein, aber ich wage es nicht, denn ——«

»Ihr seid ein gutes Mädchen,« entgegnete ich. »Sag mir bloß, zu welcher Stunde Miß Margarethe heute ausgeht und wer sie in die Stadt begleitet.«

»Ach, es ist sehr Unrecht von mir, wenn ich es sage, aber ich muß. —— Doch still, still! Unser Herr steht jetzt auf —— ach, mein Gott, wenn er an das Fenster käme und uns sähe! —— Nun, so hören Sie —— sie wird heute Vormittag gegen elf Uhr mit mir auf den Markt gehen. Es ist dies seit voriger Woche alle Tage geschehen. Unser Herr liebt diese Gänge nicht, aber Miß Margarethe hat ihn so lange gebeten, bis er ihr die Erlaubnis dazu gegeben hat. Sie sagt sie würde ja niemals fähig sein, zu Heirathen, wenn sie sich nicht von den Dingen der Wirthschaft unterichtete, wenn sie nicht den Preis der Waaren, den Unterschied zwischen guten und schlechten Fleische und Alles, was sonst noch dazu gehört, kennen lernte —— Sie verstehen mich schon, nicht wahr?«

»Tausend Dank. Ihr habt mir nun den Aufschluß, gegeben dessen ich bedurfte. Um elf Uhr werde ich wieder hier sein und warten, bis Ihr das Haus verIasset.«

»Nein, kommen Sie nicht hierher, Sir, ich bitte Sie! Ich hätte Ihnen überhaupt Nichts sagen sollen.«

»Fürchtet Nichts; Ihr sollt nicht bereuen, mir es gesagt zu haben. Ich verspreche Euch Alles, was ich vorhin versprochen habe, jetzt nochmals. Auf Wiedersehen! und Vergeßt nicht, jetzt kein Wort zu Miß Margarethen zu sagen, so lange ich sie nicht gesehen habe.«

Während ich mich nun beeilte, nach Hause zurückzukehren, hörte ich die Köchin einige Schritte mir nachlaufen, dann stehen bleiben, umkehren und die Gartenthür leise hinter sich verschließen. Augenscheinlich hatte sie sich noch ein Mal an Miß Miargarethe’s Stelle gedacht, und jeder Gedanke, den Widerstand weiter zutreiben, hatte sie verlassen.

Niemals war Clara mir freundlicher aufmerksamer erschienen als an diesem Morgen, wo wir uns alle drei, mein Vater, sie und ich, am Frühstückstische vereinigt sahen. Gegenwärtig entsinne ich mich mit Beschämung —— und ich mache mir bittere Vorwürfe darüber —— der geringen Aufmerksamkeit, die ich ihr erwies, der wenigen Worte, die ich an sie richtete, und der Schroffheit, mit welcher ich mich weigerte, sie diesen Nachmittag in Gesellschaft zu begleiten.

Mein Vater war in die Betrachtung irgend einer Geschäftsangelegenheit versenkt. Meine Schwester wollte ihn nicht stören und richtete daher an mich mit ihrer sanften Stimme jene gewohnten Fragen und Bemerkungen, die der Morgen mit sich brachte.

Ich hörte kaum darauf und antwortete in ausweichender Weise.

Als das Frühstück beendet war, verließ ich das Haus, ohne weiter ein Wort zu sagen. Als ich die die Stufen des kleinen Perrons vor dem Hause hinunterging, wendete ich mechanisch den Kopf nach dem Fenster des Speisezimmers.

Clara stand daran und sah mir nach. Derselbe Ausdruck träumerischer Unruhe, welchen ich schon am Abende vorher in ihren Zügen bemerkt, war denselben auch jetzt wieder aufgeprägt. Sie lächelte, als ihre Augen den meinigen begegneten, aber dieses peinliche und ein wenig erzwungene Lächeln gab ihr eine ganz andere Miene als welche sie gewöhnlich hatte. Sie machte in diesem Augenblicke keinen Eindruck auf mich; denn mein Herz mein Urtheil, mein ganzes Gemüth waren nur auf mein bevorstehendes Zusammentreffen mit Margarethen gerichtet Nach dieser Richtung hin fühlte ich eine Uberfülle von Leben und Feuer in mir, gegen alles Andere war ich kalt, stumpfsinnig und gleichgültig.

Beinahe eine Stunde vor der bestimmten Zeit war ich schon in Hollyoak Square. Von Ungeduld gefoltert, gönnte ich mir keinen Augenblick Ruhe.

Ich schritt auf dem Platze hin und her und machte lange Umwege durch die nächstgelegenen Gassen, während ich alle Viertelstunden auf der Uhr einer benachbarten Kirche schlagen hörte, und mechanisch beschleunigte ich den Schritt, so wie die erwartete Stunde heranrückte.

Endlich hörte ich den ersten Schlag jener für mein Schicksal ewig denkwürdigen Stunde. Ehe noch der elfte erscholl, stand ich der Eingangsthür der Nordvilla gegenüber.

Es vergingen fünf Minuten, dann zehn aber Niemand kam zum Vorscheine. In meiner Ungeduld hätte ich gern heftig die Klingel gezogen, um trotz der Begegnungen, die mir vielleicht bevorstanden, und alles Dessen, was geschehen konnte, in’s Haus zu dringen.

Es schlug ein Viertel auf Zwölf, und in diesem Augenblicke hörte ich die Thür sich öffnen und sah Margarethen mit der Dienerin, mit welcher ich gesprochen, die kleine Terrasse herabkommen.

Sie durchschritten langsam die Gartenthür und gingen über den Square in einer meinem Standorte entgegengesetzten Richtung; aber ich hatte Zeit, den verstohlenen Blick zu erhaschen, den die Dienerin mir zuwarf.

Die junge Dame schien mich nicht gesehen zu haben.

Im ersten Augenblicke bemächtigte sich meiner eine solche Aufregung, daß ich buchstäblich nicht im Stande war, die Füße fortzusetzen. Nach wenigen Augenblicken jedoch gewann ich den Gebrauch meiner Glieder wieder und eilte den Beiden schnell nach, bevor sie sich in einem belebten Theile der Nachbarschaft befanden.

Als ich ihnen ganz nahe war, drehte Margarethe sich rasch um und sah mich mit Augen an, in welchen sich eben so viel Zorn als Erstaunen malte.

Einen Augenblick später ward ihr reizendes Gesichts von« einer lebhaften glühenden Röthe überzogen. ihr Kopf senkte sich ein wenig. Sie schien zu zögern, dann begann sie mit noch»rascherem Schritte weiterzugehen. Dachte sie an mich? Schon diese Vermuthung machte mich dreist und ——

Nein, ich, kann nicht die Worte niederschreiben, welche ich an sie richtete. Seht, wenn ich bedenke, wohin diese verhängnisvolle Begegnung führte, fühle ich seine mit Entsetzen gemischte Scham, welche mich abhält die Worte, mit welchen ich ihr meine Liebe erklärte, Andern wieder zusagen oder ihnen eine dauernde Form zu geben. Vielleicht ist es verletzter, krankhafter, elender Stolz, aber er beherrscht mich.

Nach Dem, was geschehen ist, scheue ich mich, mit der Feder und in Gedanken mir selbst Alles zu wiederholen, was ich zu Margarethen sagte. Bis jetzt habe ich mich mit strengem Freimuthe ausgesprochen. Ich habe mir zur Pflicht gemacht, meine Eigenliebe der Wahrhaftigkeit meiner Bekenntnisse zu opfern. So wie ich weiterkommen werde und überall —— ausgenommen an dieser Stelle meiner Geschichte —— bin ich sicher, daß ich vor Nichts zurückbeben, sondern vielmehr in alle nothwendige Einzelheiten eingehen und meiner Eigenliebe Zwang anthun werde.

Hier aber, auf dem Punkte, wo ich jetzt mit meiner Erzählung stehe, wo, wie es scheint, mir die geringsten Einzelheiten am leichtesten in die Erinnerung zurückkehren und von mir ohne Anstrengung erzählt werden müßten, hier muß ich zum ersten und zum letzten Male abkürzen und schnell darüberhin gehen.

Ich behaupte nicht, daß ich diesen Widerwillen durch gute Gründe rechtfertigen könnte, aber ich kann und will diese nicht analysiren.

Ich ließ es auf jede Gefahr ankommen und redete Margarethen an. Meine Worte konnten verworren sein, aber es war unmöglich, darin die Stimme des Herzens zu verkennen.

In Zeit von wenigen Minuten theilte ich ihr Alles mit, was ich hier mühsam auf so viele Blätter niedergeschrieben —— ich sagte ihr noch mehr. Ich bediente mich meines Namens, meines gesellschaftlichen Ranges —— die Gluth der Scham steigt mir jetzt noch in die Wangen, wenn ich daran denke —— um ihrer mädchenhaften Eitelkeit zu schmeicheln, um sie zu bestimmen, meinem Bekenntnisse aus Rücksicht aus meinen Rang, wenn nicht aus Rücksicht für meine Leidenschaft, Gehör zu leihen, obgleich diese Leidenschaft sich auf vollkommen ehrenwerthe Weise kund gab.

Niemals vorher hatte ich Etwas aus so gemeine Weise berechnet; niemals hatte ich die Vorzüge meiner Geburt benutzt, um Etwas zu erlangen, das ich nicht durch mich selbst erlangen zu können fürchtete.

Man hat Recht, wenn man sagt, daß die Liebe höher erhebt als andere Leidenschaften, aber es ist auch wahr, daß sie tiefer erniedrigen kann.

Auf all’ meine feurigen Worte gab Margarethe verworrene, nichtssagende, ziemlich erkältende Antworten. Ich setzte sie in Erstaunen; ich schreckte sie Es sei, sagte sie, unmöglich, daß sie solche Worte aus dem Munde eines Mannes anhöre, der ihr vollständig fremd sei. Es sei Unrecht von mir, sie aus diese Weise anzureden, und Unrecht von ihr, daß sie stehen bleibe, um mich zu hören. Ich solle des Anstands eingedenk sein, den ein Mann wie ich stets achte. Ich dürfe solche Erklärungen ihr gegenüber nicht wieder erneuern. Ich wisse ja Nichts von ihr und es wäre unmöglich, daß sie sich in so kurzer Zeit meines Gemüthes in diesem Grade bemächtigt hätte. Sie bäte mich daher, sie ihren Weg ungehindert weiter fortsetzen zu lassen.

So sprach sie, indem sie bald stehen blieb, bald wieder rasch einige Schritte weiter ging. Sie hätte sich in strengeren und härteren Worten aussprechen können, ohne daß der Zauber, den sie aus mich ausübte, im Mindesten geschwächt worden wäre. Ihr Antlitz erschien mir in ihrer Unruhe und in ihrer beweglichen Lebhaftigkeit liebenswürdiger als je.

Ein oder zwei Mal erhob sie ihre schwarzen beredten Augen bis zu den meinen empor, senkte sie aber sofort wieder.

Was mich betraf, so kümmerte ich, schon zufrieden, sie von Angesicht zu Angesicht zu schauen, mich wenig um ihre Antworten.

Sie redete die Sprache, welche die Erziehung sie gelehrt hatte. Nicht ihre Worte waren es, wonach ich ihre Gedanken oder ihre Gemüthsbewegungen zu beurtheilen suchte, sondern der Ton ihrer Stimme, die Sprache ihrer Augen, der ganze Ausdruck ihrer Züge, und in allem Diesem entdeckte ich beruhigende Anzeichen.

Ich bat sie auf die inständigste, aber zugleich ehrerbietigste Weise, mir eine abermalige Begegnung möglich zu machen, aber sie antwortete, indem sie wiederholte, was sie mir bereits gesagt, und während sie noch so sprach, begann sie rasch weiterzugehen.

Die Dienerin, welche einige Schritte zurückgeblieben war, näherte sich nun ihrer jungen Herrin wieder und sah mich auf bedeutsame Weise an, wie um mich an mein Versprechen zu erinnern.

Ich fügte nur noch wenige Worte hinzu, in dem ich mich von ihr trennte. Für eine erste Unterredung hätte ich zu viel auf’s Spiel gesetzt, wenn ich sie noch länger hätte aufhalten wollen, und die Beiden setzten ihren Weg weiter fort.

Die Dienerin drehte sich herum, nickte mir zu und lächelte, wie um mir zu versichern, daß meine Handlungsweise nicht allzuhart beurtheilt werde. Margarethens Schritt ward nicht langsamer, auch sah sie sich nicht um.

Dieser letzte Beweis vo«n Bescheidenheit und Zurückhaltung zog, weit entfernt, mich zu entmuthigen, mich im Gegentheile noch mächtiger zu ihr hin. Es war dies nach einer ersten Unterredung ein Gebot des Anstandes. Die Liebe, welche ich ihr bis jetzt gewidmet, war Nichts im Vergleiche zu der, welche ich für sie in dem Augenblicke fühlte, wo sie mich verließ, ohne mir mit einem Blicke Lebewohl zu sagen.

Gern wäre ich niedergekniet, gern hätte ich den Boden geküßt, welchen sie mit ihren Füßen berührt, obschon dies der Weg war, welchen sie eingeschlagen, um sich von mir zu trennen.

Und zu welchen Auskunftsmitteln sollte ich nun greifen? Konnte ich hoffen, daß Margarethe nach Allem, was sie mir gesagt, den nächstfolgenden Tag wieder zu derselben Stunde ausgehen würde? Nein, diese wohlanständige Schüchternheit und Zurückhaltung, welche sie bei unserer ersten Unterredung bewiesen, wich gewiß nicht so schnell von ihr. Wie sollte ich mich mit ihr in Mittheilung setzen? Wie sollte ich diesen ersten günstigen Eindruck, den ich, wie es schien, hervorgebracht und zu welchem meine Eitelkeit sich noch keinen Beifall zu wünschen wagte, zu einem guten Ende führen? Ich beschloß, ihr zu schreiben.

Ha! wie verschieden war der Styl dieses Briefs von den Blättern meines Romans, an dem ich bis jetzt gearbeitet, an dem ich schon nicht mehr arbeitete, den ich vielleicht ganz liegen ließ!

Wie langsam war diese, Ausarbeitung gegangen, mit welcher Vorsicht mit welchem Mißtrauen gegen mich selbst formulierte ich meine Ideen! —— Jetzt dagegen, wo ich nur die Liebe zu Rathe zog, wie eilte da die Feder rasch über das Papier, gerade als ob die geheimen Wünsche meines Herzens ohne alle Mühe Worte fänden, um sich zu dolmetschen.

Meine Gedanken hatten Flügel. Auf diese war das Schreiben keine Kunst mehr, sondern ein Instinct. Ich konnte beredt schreiben, ohne erst lange nach Ausdrücken suchen oder den Sinn meiner Worte erwägen zu müssen.

Im Dienste des Ehrgeizes glich meine Arbeit dem langsamen Erklimmen eines Berges. Im Dienste der Liebe dagegen war es das rasche, leider zu rasche Herabsteigen.

Ich brauche hier meinen Brief an Margarethen nicht wörtlich mitzutheilen.

Ich faßte darin bloß Alles zusammen, was ich bereits gesagt habe. Besonders hob ich wiederholt und mit Nachdruck die Ehrenhaftigkeit meiner Absichten hervor.

Zum Schlusse bat ich Margarethen, mir einige Zeilen Antwort zu schreiben und mir eine zweite Unterredung zu gewähren.

Der Brief ward durch die Dienerin befördert.

Ein zweites Geschenk, durch meine überredende Beredsamkeit und besonders durch die Treue unterstützt, mit welcher ich mein Versprechen gehalten, gewann die Dienerin und bewog sie, bereitwillig sich meines Interesses anzunehmen. Sie erklärte, daß sie sich gern dazu verstehe, mir in allen Dingen behilflich zu sein, nämlich so lange als ihr Herr Nichts davon erführe.

Vergebens wartete ich einen ganzen Tag auf die Antwort auf meinen Brief.

Die Dienerin konnte mir keine Erklärung über dieses Schweigen geben. Ihre junge Herrin hatte seit dem Morgen unserer Begegnung auch nicht ein einziges Wort mit ihr über mich gesprochen.

Ich verlor den Muth deswegen aber nicht, sondern schrieb nochmals.

Dies Mal war mein Brief ein Gemisch von Bitten und Drohungen, so wie nur die Liebe sie dictiren kann, und er äußerte seine Wirkung.

Ich bekam eine Antwort.

Es war ein sehr kurzes Billet von eiliger, zitternder Hand geschrieben, worin Margarethe mir einfach sagte, daß der Unterschied unseres Standes es ihr zur Pflicht mache, mich inständig zu bitten, jeden ferneren Verkehr, sowohl mündlichen als schriftlichen, mit ihr abzubrechen.

»Der Unterschied unseres Standes!«

Dies war also der einzige Einwurf. »Ihre Pflicht!« Also war es nicht ihre Neigung, welche der Beweggrund ihrer Weigerung war.

Ein so junges Wesen bewies demnach schon diese edle Selbstverleugnung, diese Festigkeit der guten Grundsätze.

Ich drückte das Briefchen an meine Lippen —— denn ihre Hände hatten es berührt —— fest entschlossen, ihr ungehorsam zu sein und sie wiederzusehen.

Mein Stand! Was war mein Stand oder Rang? Ich wollte ihn Margarethen zu Füßen werfen.

Ich nahm abermals meine Zuflucht zu meiner treuen Verbündetem der Dienerin. Nach einigen Verzögerungen, die, so unbedeutend sie auch waren, doch meine Ungeduld auf den höchsten Gipfel trieben, willigte sie ein, meinen Plänen förderlich zu sein.

Eines Nachmittags, welchen Mr. Sherwin wie gewöhnlich seinen Geschäften widmete, während seine Gattin in die Stadt gegangen war, verstand die Dienerin sich dazu, mich in den hinter dem Hause liegenden Garten einzulassen, wo Margarethe eben beschäftigt war, ihre Blumen zu begießen.

Sie erschrak bei meinem Anblicke und machte Miene, in das Haus zurückzukehren. Ich ergriff sie bei der Hand, um sie zurückzuhalten. Sie entzog sie mir aber ohne Schroffheit und ohne Zorn.

Die Gelegenheit benutzend, welche sich darbot, während sie nicht wußte, ob sie sich entfernen oder bleiben sollte, wiederholte ich ihr Alles, was ich ihr schon bei unserer ersten Unterredung gesagt.

Besteht die wirkliche Sprache der Liebe wohl in etwas Anderem als in fortwährenden Wiederholungen?

Sie antwortete mir, wie sie schon in ihrem Briefe gethan, daß der Unterschied ihres gesellschaftlichen Ranges und des meinen es ihr zur Pflicht mache, mich nicht zu ermuthigen.

»Aber wenn dieser Unterschied nun nicht bestünde« sagte ich, »wenn unser gesellschaftlicher Rang genau derselbe wäre, Margarethe?« "

Sie schlug mit rascher Bewegung die Augen auf und that einige Schritte, um sich zu entfernen, als sie mich sie bei ihrem Vornamen nennen hörte.

»Beleidige ich Sie, wenn ich Sie sobald schon Margarethe nenne? Margarethe ist es, an die ich denke, aber nicht Miß Sherwin. Wollen Sie mir einen Vorwurf daraus machen, daß ich spreche, wie ich denke?«

Sie gab keine Antwort.

»Gesetzt, dieser Unterschied des Ranges, den Sie unglücklicher Weise zum Einwande benutzen, bestünde nicht, würden Sie mir dann eben so kalt wie jetzt sagen, daß ich nicht hoffen soll? daß ich mich enthalten soll, mit Ihnen zu sprechen?

Ich hätte diese Frage nicht an sie stellen sollen. Sie war zwecklos, denn der Unterschied des Range bestand, deswegen nicht weniger.

»Vielleicht bin ich Ihnen zu spät begegnet. Vielleicht sind Sie schon ——«

»Nein, o nein!«.

Sie schwieg, nachdem diese Worte ihren Lippen entschlüpft waren.

Dasselbe lebendige Incarnat, welches ich schon auf ihrem Antlitze gesehen, kam in diesem Augenblicke wieder zum Vorscheine. Offenbar fühlte sie, daß sie diese Worte thörigter Weise gesprochen und daß sie mir eine Antwort in einem Falle gewährt, wo ich den Regeln des weiblichen Liebes-Codex zufolge nicht das Recht hatte, eine zu erwarten.

In diesem Augenblicke war die Schönheit ihres Gesichts eine so bezaubernde, daß ich, ganz in ihren Anblick versunken, nicht sprechen konnte. Sie brach zuerst das Schweigen mit der Bitte, daß ich mich entfernen möchte und indem sie mich beschuldigte —— hier ward aber ihre Stimme matt und gebrochen —— dadurch, daß ich mich bei ihr eingeschlichen, eine Indelicatesse begangen zu haben, welche sie von mir nicht erwartet hätte.

»Ich werde Ihre Achtung wiedergewinnen,« sagte ich, indem ich rasch die günstige Deutung ihrer letzten Worte erfaßte, »wenn ich Sie das nächste Mal und zwar fortan immer mit der Erlaubniß Ihres Vaters besuche.«

Sie sah mich an und gleichzeitig malte sich eine gewisse Unruhe in ihren Augen.

»Ja, Margarethe,« fuhr ich fort, »denn ich muß Sie Margarethe nennen, vielleicht wird es mir bald gestattet sein, theure Margarethe zu sagen —— noch heute werde ich an Ihren Vater schreiben, um ihn um eine Unterredung unter vier Augen zu bitten. Ich werde ihm genau sagen, was ich Ihnen gesagt habe. Er soll wissen, mit welcher vollkommenen Würde Sie meine ersten Eröffnungen aufgenommen haben, aber es gab kein anderes Mittel, mich zu erklären. Ich werde ihm sagen, daß Sie in Folge Ihrer Schönheit, Ihrer Herzensgüte und alles Dessen, was die reinsten Huldigungen der Männer erwecken und ihr Glück sichern kann, einen Rang einnehmen, der hoch über dem meinigen steht und der übrigens auch der einzige ist, den ich mit Neid betrachte.«

Ein Lächeln, welches sie sich vergebens bemühte zu unterdrücken, umspielte ihre Lippen.

»Ja, das werde ich thun,« hob ich wieder an.
»Sehen Sie vielleicht voraus, wie seine Antwort lauten wird? Ich werde nicht eher Abschied von ihm nehmen als bis ich eine günstige erlangt habe, und wie wird dann die Ihrige lauten? Ein Wort, Margarethe, ein einziges Wort und ich verlasse Sie.«

Ich versuchte zum zweiten Male ihre Hand zu ergreifen, aber sie machte sie rasch wieder los, sah mir eine Secunde lang in’s Gesicht —— wie beredt war dieser Blick! —— und eilte dann schnell in das Haus hinein.

Was konnte ich mehr wünschen? Konnten die natürliche Zurückhaltung und Bescheidenheit eines jungen Mädchens mir mehr gewähren? Sobald ich wieder nach Hause zurückgekehrt war, schrieb ich an Mr. Sherwin. Auf der Adresse stand das Wort »Eigenhändig«, und ich ersuchte ihn ganz einfach, eine passende Stunde zu bestimmen, um mit mir über einen wichtigen Gegenstand zu sprechen.

Da ich diesen Brief nicht mit der Post abschicken wollte, so vertraute ich ihn einem Boten an —— nicht einem unserer Diener —— dies verbot mir die Klugheit —— und sagte meinem Manne, daß er die Antwort und, im Falle von Mr. Sherwin’s Abwesenheit, die Rückkunft desselben erwarten solle.

Nach einer langen Frist —— lang für mich, denn meine Ungeduld verwandelte die Minuten in Stunden —— empfing ich eine Antwort auf Papier mit Goldsehnitt und von gemeiner Hand geschrieben, wenigstens ließ sich dies aus den Verzierungen schließen, mit denen die Schrift. überladen war.

Mr. Sherwin grüßte mich darin ehrerbietigst und antwortete mir, daß er die Ehre haben werde, mich den nächstfolgenden Tag um fünf Uhr Nachmittags in der Nordvilla zu empfangen, wenn mir diese Zeit gelegen sei.

Ich faltete den Brief wieder sorgfältig zusammen.

Er war mir beinahe eben so kostbar als ein Billet von Margarethen selbst. Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, indem ich bei mir alle möglichen Eventualitäten in Bezug auf meine morgende Besprechung überlegte. Ich kannte Mr. Sherwin’s Charakter nicht im Mindesten, und dennoch mußte ich ihm ein Geheimniß anvertrauen, welches ich nicht einmal meinem eigenen Vater zu enthüllen wagte.

In Bezug auf den Namen, den ich trug, und auf den Rang meines Vaters ließ jeder Vorschlag, seiner Tochter den Hof zu machen, anfangs nur ungünstige Vermuthungen aufkommen.

Von welcher Art von Heirath sollte zwischen uns die Rede sein?

Eine öffentliche, anerkannte Vermählung war ein Ding der Unmöglichkeit. Von einer geheimen Vermählung sprechen, war eine kritische Eröffnung, deren Folgen verderblich sein konnten.

Vergebens dachte ich über das Problem nach. Die einzige Lösung, die ich dafür fand, war, daß es auf jede Gefahr hin das Beste sein würde, die Sprache der Aufrichtigkeit zu reden. Und konnte es mir wohl schwer fallen, aufrichtig zu sein, wenn ich meiner Leidenschaft gemäß sprach?

Nachdem einmal diesen Entschluß gefaßt begann ich meine. Phantasie mit den Gedanken zu bezaubern welche Margarethens Bild in mir erweckte, Gedanken, die erfüllt waren von blinder Hoffnung und fieberhafter Freude, und die meinen Geist mit Ausschluß aller anderen beschäftigten.

Erst am nachfolgenden Tage beim Herannahen der von Mr. Sherwin zu unserer Unterredung festgesetzten Stunde beschäftigten mich endlich Gedanken, die einer praktischen Richtung angehörten.

Indem ich den Eindruck bedachte, den selbst mein Aeußeres auf ihn machen könnte, verwendete ich auf meine Toilette ganz ungewöhnliche Sorgfalt.

Dies war aber noch nicht Alles. Ich wendete mich an einen Freund, denn ich für so discret hielt, daß er keine Fragen an mich richten würde, um ihn zu bitten, mich in einem seiner Wagen nach der Nordvilla fahren zu lassen; denn ich kannte jene den Leuten von Mr. Sherwin Classe so gemeinsame Schwäche, ein ungewöhnlich großes Gewicht auf Rang und Vermögen zu legen, und selbst von dieser Schwäche wollte ich den für mich vortheilhaftesten Nutzen ziehen.

Mein Freund stellte mir seine Equipage sehr gern zur Verfügung, und sie holte mich meiner Instruction gemäß an der Thür eines Handelshauses ab, wohin ich mich sehr oft begab.

Hätte ich zu diesem Zwecke den Wagen meines Vaters oder den meiner Schwester verlangt, so hätte ich zu unseren Dienern mehr Vertrauen haben müssen als ich geneigt war, ihnen zu schenken.

Die Ereignisse, welche ich so eben erzählt, nahmen eine ganze Woche in Anspruch.

Ward ich während dieser Zeit von neuen Befürchtungen, von neuen Ahnungen unter unserem Dach behelligt? Nein. Beschäftigte ich mich mit Dem, was Clara fühlen konnte, indem sie eine solche Veränderung in meinen Gewohnheiten gegen sie bemerkte? Nein. Während dieser ganzen Zeit liehen Hoffnung und« Eitelkeit der Liebe ihre bereitwillige Mitwirkung, und der Dunst ihres Weihrauches wiegte mein Herz in Vergessenheit aller äußeren Einflüsse, selbst ohne Ausnahme jenes süßen und solange geliebten Einflusses des Familienlebens.

Ich stand aber noch im ersten Acte des düstern Drama’s, welches meinen Eintritt in das Mannesalter bezeichnete. Die andern Acte sollten sich entrollen bis zum Tage der Vergeltung.



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel.

In der Nordvilla angelangt, ward ich in ein Gemach geführt, welches, wie ich vermuthete, der Salon war.

Alles war hier so neu, daß es unangenehm berührte. Die Thür mit ihrem frischen glänzenden Firnißanstriche öffnete sich mit einem Knarren, welches einem Pistolenschusse zu vergleichen war. Die Tapete mit ihren blendenden Malereien und vergoldeten rothen und grünen Blumen schien noch nicht trocken zu sein. Die pomphaften weißen und himmelblauen Vorhänge und der noch pomphaftere gelbwollene Teppich schienen erst am Abende vorher aus dem Magazin geholt worden zu fein. Der runde Tisch von Rosenholz war so blank polirt, daß Einem die Augen wehthaten.

Die illustrirten Bücher in Maroquinband, die man hier aufgestellt sah, schienen niemals von ihrer« Stelle entfernt, ja seit ihrem Ankaufe nicht ein einziges Mal geöffnet worden zu sein. Die auf dem Piano liegenden Musikalien waren ebenfalls neu, und keine Spur verrieth, daß man sich ihrer jemals bedient hatte.

Kein reich möblirtes Zimmer wäre geeigneter gewesen, einen Menschen, der seine Bequemlichkeit liebt, zur Verzweiflung zu bringen. Das Auge ward nach allen Richtungen hin peinlich berührt und fand nirgends einen Ruhepunkt.

Es—— gab keinen einzigen schattigen, verschwiegenen Winkel, der zwischen diesen glänzenden und funkelnden vier Wänden zur Ruhe eingeladen hätte. Alle hier den Beschauer umgebenden Gegenstände schienen in die Augen zu springen und ihm näher zu sein als sie wirklich waren. Ein nervenschwacher Mensch wäre keine Viertelstunde in diesem Zimmer geblieben, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.

Ich brauchte nicht lange zu warten. Ein abermaliges lautes Knarren der neuen Thür verkündete mir den Eintritt Mr. Sherwin’s in eigener Person.

Er war ein langer, hagerer Mann, mit ziemlich krummen Schultern und schwachen Beinen, welchen Uebelstand er durch die Weite seiner Beinkleider zu verdecken suchte.

Er trug ein weißes Halstuch und einen übermäßig hohen Hemdkragen. Seine Gesichtsfarbe war fahl, die Augen klein, schwarz, funkelnd und immer in Bewegung.

Ueberhaupt waren alle seine Gesichtszüge in ganz eigenthümlicher Weise beweglich und mit krampfhaften Zuckungen behaftet, welche Stirn, Mund und Wangenmuskeln von oben nach unten und nach allen andern Richtungen hin zerrten. Sein Haar war schwarz gewesen, gewann aber jetzt allmählich eine eisengraue Farbe. Es war sehr trocken, sehr stark und borstig, und ragte fast horizontal über die Stirn hervor.

Eine der besondern Angewohnheiten dieses Mannes bestand darin, daß er sein Haar nöthigte, diese Richtung anzunehmen, indem er von Zeit zu Zeit wüthend mit den Fingern darin herumfuhr. Seine Lippen waren schmal, farbloß und von zahlreichen Falten umgeben.

Wenn ich ihn unter gewöhnlichen Umständen gesehen hätte, so würde ich gleich aus den ersten Blick. der Meinung gewesen sein, daß er ein Mann von sehr beschränktem Verstande sei. Ein kleinlicher Mann in seiner kleinen Sphäre gegen Alle, die von ihm abhängig waren —— ein niedriger Schmeichler alles Dessen, was in Bezug auf Vermögen und Rang über ihm stand; ein überzeugter Anhänger der herkömmlichen Theorieen in Bezug auf sociale Respectabilität —— ein Mann von unerschütterlichem Glauben an seine eigne Unfehlbarkeit beseelt.

Jedoch, er war Margarethens Vater, und ich hatte mir einmal vorgenommen, ihn nach meinem Geschmacke zu finden.

Er begrüßte mich mit übertriebener Höflichkeit, näherte sich dem Fenster, um hinauszusehen, machte, als er den Wagen sah, der mich vor seiner Thür erwartete mir eine zweite ehrerbietige Verbeugung und wollte mich durchaus mit seinen eignen Händen meines Hutes entledigen.

Nachdem er dies gethan, schneuzte er sich und fragte mich, was er thun könne, um mir angenehm zu sein.

Ich empfand eine gewisse Verlegenheit, wie ich das Gespräch eröffnen sollte. Dennoch aber durfte ich ihn nicht lange auf eine Antwort warten lassen. Ich begann damit, daß ich mich entschuldigte.

»Ich fürchte, Mr. Sherwin, daß Sie meinen Schritt als den eines Fremdlings, der ich für Sie bin ——«

»Nun, ein Fremdling sind Sie eigentlich nicht für mich, wenn ich mir erlauben darf, diese Bemerkung zu machen.«

»Wirklich nicht?«

»Ich habe das große Vergnügen, den seltenen Genuß und, wie ich wohl sagen kann, die ausgezeichnete Ehre gehabt, voriges Jahr, während Ihre Familie von London abwesend war, Ihre Stadtwohnung in Augenschein nehmen zu dürfen. In der That ein sehr schönes Haus! Ich hatte Gelegenheit, die Bekanntschaft des Intendanten Ihres Herrn Vaters zu machen, und er hatte die Güte, mich in allen Zimmern herumzuführen. Es ist wirklich interessant, so Etwas zu sehen. Die Möbels, die Draperieen und alles Uebrige war im höchsten Grade geschmackvoll und trefflich arrangiert. Und die Gemälde —— einige davon gehören zur Zahl der schönsten, die ich jemals gesehen. Ich war ganz entzückt —— förmlich hingerissen!«

Sein Sprachorgan war ein dumpfes und seine Aussprache, besonders bei gewissen Worten, eine auffallend schleppende. Die Nerven seines Gesichts hörten nicht auf zu zucken, eben so wenig als seine Augen zu blinzeln, während er mit mir sprach.

In dem Zustande von Aufregung und Verlegenheit, in welchem ich mich befand, hatte diese Angewohnheit für mich etwas Störendes und brachte mich mehr aus der Fassung, als ich zu sagen wage.

Ich hätte Alles in der Welt darum gegeben, wenn; er mir den Rücken gekehrt und Zeit gelassen hätte, wieder das Wort zu ergreifen.

»Ich freue mich, zu hören, daß meine Familie und mein Name Ihnen nicht unbekannt sind, Mr. Sherwin, hob ich wieder an. »In Folge dieses Umstandes fühle ich mich ermuthigt, Sie ohne weitere Umschweife von dem Zwecke meines Besuchs in Kenntniß zu setzen«.

»Ja wohl, ja wohl; kann ich Ihnen mit Etwas dienen? Mit einem Glase Sherry, oder ——«

»Ich danke,. ich danke, Mr. Sherwin. Vor allen Dingen muß ich Ihnen sagen, daß ich Gründe habe, zu wünschen, daß die Eröffnung, welche ich Ihnen zu machen habe, wie Sie dieselbe auch ausnehmen mögen, als eine streng vertrauliche betrachtet werde. Kann ich überzeugt sein, daß ich in dieser Beziehung von Ihrer Gefälligkeit nicht zu viel verlange?«

»Versteht sich —— versteht sich —— die unbedingteste Verschwiegenheit Rechnen Sie darauf. Fahren Sie fort, wenn ich bitten darf«

Er rückte mir mit seinem Stuhle ein wenig näher. Trotz des Zuckens seiner Gesichtsmuskeln und des Blinzelns seiner Augen erkannte ich in seinem Gesichte den Ausdruck der Neugierde und einer Verschmitztheit die auf ihrer Hut ist.

Er hielt meine Karte zwischen den Fingern und rollte sie unaufhörlich zusammen und wieder aus, denn die Ungeduld, zu wissen, was ich ihm zu sagen hätte, ließ ihm keine Ruhe.

»Ich muß Sie« auch bitten, sich nicht eher auszusprechen, als bis Sie mich zu Ende gehört haben. Vielleicht wären Sie von vorn herein geneigt, mich ungünstig zu beurtheilen —— Kurz, Mr. Sherwin, ohne weitere Einleitung, mein Besuch betrifft Ihre Fräulein Tochter, Miß Margarethe Sherwin.«

»Meine Tochter, Meine Margarethe —— bei meiner Seele, das hätte ich nicht gedacht!««

Er schwieg, halb außer Atem, neigte den Kopf vorwärts nach mir zu und zerzauste meine Karte in ganz kleine Stückchen.

»Es ist ungefähr eine Woche her,« fuhr ich fort, »so begegnete ich Miß Sherwin zufällig in einem Omnibus Sie war von einer älteren Dame begleitet ——«

»Von meiner Frau,« sagte er, indem er mit der Hand eine ungeduldige Geberde machte, als ob Mistreß Sherwin ein unbedeutendes Hinderniß für unsre Conversation wäre, das er so schnell als möglich zu beseitigen wünschte.«

»Sie werden wahrscheinlich nicht überrascht sein, zu erfahren, daß ich von Miß Sherwin’s seltener Schönheit betroffen gemacht ward. In Dem, was ich für sie fühlte, lag nicht bloß der Impuls einer lebhaften Bewunderung. Offen gesprochen —— haben Sie schon ein Mal von Etwas wie Liebe auf den ersten Blick, sprechen hören, Mr. Sherwin?«

»In den Büchern, Sir,« antwortete er, in dem er auf eins der in Maroquin gebundenen auf dem Tische liegenden Bücher tippte. Dabei lächelte er.

Es war ein seltsames, gleichzeitig ehrerbietiges blind sarkastisches Lächeln.

»Sie würden vielleicht weniger geneigt sein, zu lachen, wenn ich Sie bäte, mich anzusehen, um Ihnen zu beweisen« daß so Etwas, was man Liebe auf den ersten Blick nennt, nicht bloß in den Büchern vorkommt. Ohne jedoch jetzt weiteres Gewicht auf diesen Umstand zu legen, halte ich es für meine Pflicht, Ihnen rund heraus und aufrichtig zu erklären, daß der Anblick Miß Sherwin’s sofort einen solchen Eindruck auf mich gemacht hat, daß ich von Stund’ an nach dem Glücke trachtete, ihre Bekanntschaft zu machen, und um Ihnen Nichts zu verschweigen, gestehe ich Ihnen, daß ich ihre Wohnung dadurch entdeckt habe, daß ich ihr bis an dieses Haus nachschlich.«

»Ja der That, Sir, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen —— bei meiner Seele, das ist ——« »Ich bitte Sie, mich ausreden zu lassen, Mr. Sherwin Mein Benehmen, davon bin ich überzeugt, wird Ihnen nicht tadelnswerth erscheinen, wenn Sie die Güte haben, mich zu Ende zu hören.«

Er murmelte etwas Unverständliches —— seine Gesichtsfarbe ward noch gelber —— er ließ meine in tausend Brocken zerknitterte Karte fallen und fuhr sich mit der Hand rasch durch das Haar, so daß es beinahe wie eine Bürste von seiner Stirn emporstand, während die Nerven seines Gesichts heftiger als je zuckten und er mich mit einem gleichzeitig widrigen und unheimlichen Gesichtsausdrucke ansah.

Ich sah, daß es vergeblich sein würde, mit ihm so zu verfahren, wie ich einem Manne aus der guten Gesellschaft gegenüber gethan haben würde. Augenscheinlich hatten die zarten, schonenden Wendungen, von denen ich bis jetzt in meinen Worten Gebrauch gemacht, nur dazu gedient, ihn die plumpesten und gemeinsten Vermuthungen fassen zu lassen.

Ich änderte daher meinen Plan und ging direct aus die Frage ein —— aus unser »Geschäft,« wie er es genannt hatte.

»Ich hätte mich, deutlicher erklären sollen, Mr. Sherwin. Vielleicht hätte ich Ihnen gleich anfangs sagen sahen, daß ich komme; um —— um ——«

Ich wollte sagen : »um bei Ihnen um die Hand Ihrer Tochter anzuhalten,« aber so vergeßlich in Bezug auf mich selbst hatte die Liebe mich gemacht, daß in diesem Augenblicke der Gedanke an meinen Vater mich durchzuckte, so daß jene Worte nicht über meine Lippen wollten.

«Nun, Sir, warum denn? warum denn?«

Der Ton, in welchem dies gesagt ward, war so schroff, ich möchte fast sagen, so insolent, daß er in mir eine»Reaction zu Wege brachte, und sofort war ich wieder im Besitze meiner vollständigen Selbstbeherrschung.

»Um Sie, Mr. Sherwin, um die Erlaubniß zu bitten, Ihrer Tochter meine Huldigungen darbringen zu dürfen.«

Und um mich noch verständlicher zu machen, setzte ich hinzu:

»Und um ihre Hand anzuhalten«

Die Worte waren gesprochen. Mein Herz pochte gewaltig; ich fühlte, daß ich bleich ward. Wenn selbst es von mir abgehangen hätte, aus das, was ich so eben gesagt, zurückzukommen, so würde mir doch der Wille dazu gefehlt haben. Dennoch aber zitterte ich wider Willen, indem ich den ersten und entscheidenden Schritt in diesem gewagten Spiele, das ich unternommen, that, indem ich in geeignetes und gewöhnlichen Ausdrücken den Wunsch aussprach, den ich bis jetzt in meinen wonnigen Träumen gehegt, die von nun an aufhörten, nur mir bekannt zu sein.

»Mein Himmel« rief Mr. Sherwin, indem er sich kerzengerad an der Lehne seines Stuhles emporrichtete und mich mit so überraschter Miene ansah, daß seine beweglichen, zuckenden Züge einen Augenblick lang das Bild der Ruhe darboten; »Himmel, das ist ja etwas ganz Anderes —— das ist sehr erfreulich! Ich fühle mich sehr geschmeichelt, mein werther Herr; denn vorhin fing ich an zu glauben, Sie würden mir den Vorschlag machen —— Sie wissen schon! Die jungen Herren des Standes, welchem Sie angehören, setzen sich zuweilen Ideen in den Kopf, die in Bezug auf die Frauen und Töchter der Leute, die sich nicht als ihres Gleichen betrachten können, sehr frei und ungeniert sind. Aber darum handelt es sich also nicht. Ich Dummkopf! Ich bitte Sie, gestatten Sie mir, Ihnen nochmals ein Glas Wein anzubieten —— Sie wollen durchaus nicht? Gut. —— Also meine Tochter hat einen solchen Eindruck auf Sie gemacht —— in der That, dies rührt mich. Sie haben aber wohl noch gar nicht mit ihr gesprochen?«

»O ja,»sagte ich die Augen niederschlagend.

»So so! Das sollte ich Ihnen eigentlich übel nehmen, aber man muß sich in die Dinge zu schicken wissen. Meine Tochter verdient aber auch Ihre Bewunderung —— sie verdient sie wirklich.«

«Niemand ist davon mehr überzeugt als ich, Mr. Sherwin. Jetzt muß ich Sie bitten, mir Ihre Aufmerksamkeit noch ein wenig länger zu« schenken, denn ich muß Ihnen erklären in welche ungewöhnliche Stellung ich mich versetze, indem ich diesen Antrag an Sie richte.«

»Ja. ja«

Er neigte sich wieder mit dem Kopfe vorwärts und sein Gesicht gewann einen durch dringenderen und schlaueren Ausdruck als je.

»Ich habe Ihnen schon mitgetheilt, Mr. Sheriwin, daß ich es möglich gemacht habe, mit Ihrer Tochter zu sprechen, ja, sogar zwei Mal mit ihr zusprechen; Ich habe ihr als ehrlicher Mann meine Erklärung gemacht, und sie hat sie mit jener Bescheidenheit und jenem vollkommenen Anstande des Tones und der Manieren aufgenommen, den ich von ihr erwartete, und welchen die vornehmste Dame der Erde nicht auf bessere Weise hätte an den Tag legen können.«

Mr. Sherwin drehte sich nach dem an der Wand hängenden Bildnisse der Königin herum, dann suchten seine Augen die meinigen und er machte eine feierliche Verneigung mit dem Kopfe.

»Obschon sie,« fuhr ich fort, »mir kein einziges Wort gesagt hat, welches geeignet wäre, mich zu ermuthigen, so glaube ich doch ohne Anmaßung hoffen zu können. daß mehr das wohlverstandene Gefühl ihrer Pflicht als eine Abneigung gegen mich sie bewogen hat, so zu sprechen.«

»Ja, ja, ich verstehe; ich habe ihr die bewundernswürdigsten Grundsätze eingeprägt. Sie würde Nichts thun, ohne vorher meine Einwilligung erlangt zu haben, das versteht sich von selbst.«

»Ohne Zweifel ist dies einer von den Gründen, welche sie gehabt hat, mich so zu empfangen, wie sie gethan. Es ist aber auch noch ein andrer vorhanden, den sie mir auf die bestimmteste Weise entgegengestellt hat —— die Ungleichheit unsres Standes.«

»Ah, davon hat sie also gesprochen! Sie hat daran gedacht! Das steht zu erwägen. Sie hat hierin eine Schwierigkeit gesehen. Ohne Zweifel, ohne Zweifel! Es find das ganz vortreffliche Grundsätze, mein Herr. Gott sei Dank, meine Tochter hat vortreffliche Grundsätze.«

»Ich brauche Ihnen wohl kaum zu sagen, Mr. Sherwin, wie ich das zarte Ehrgefühl zu würdigen weiß, welches Ihre Tochter durch diesen Einwand bethätigt hat: Was mich natürlich persönlich betrifft, so ist der Einwand so gut wie keiner, das werden Sie leicht begreifen. Von Miß Sherwin hängt das Glück meines ganzen Lebens ab. Die Schönheit und die Herzensgüte des Weibes, welches wir lieben sind Eigenschaften, die wir Höher stellen als alle anderen. Was mich betrifft, so besteht das größte Glück, welches ich mir denken kann, darin, Ihre Tochter meine Gattin zu nennen. Dies habe ich, ihr gesagt und ihr zugleich angedeutet, daß ich hierüber mit Ihnen—— sprechen würde. Sie hat Nichts dagegen eingewendet, und deswegen bin ich, glaube ich, zu entschuldigen, wenn ich denke, daß, wenn Sie durch Ihre väterliche Autorität die Bedenklichkeiten Ihrer Tochter beseitigen —— diese Bedenklichkeiten, welche ihr gegenwärtig zur Ehre gereichen —— sie sich vielleicht dazu verstehen würde, weniger streng und unerbittlich gegen mich zu sein.«

»Das nenne ich eine vortreffliche Anschauung. Man kann die Sache nicht besser darstellen als Sie eben gethan, ich nenne dies eine praktische Auffassung, wenn Sie mir erlauben, diesen Ausdruck zu gebrauchen. Und nun, mein werther Herr, müssen wir uns nach einer andern Seite hinwendem Was wird Ihre Familie —— Ihre sehr ehrenwerthe Familie dazu sagen, die mit Recht in so hohem Ansehen sieht —— wie?«

»Sie berühren gerade den kritischen Punkt. Mein Vater, von welchem ich in meiner Eigenschaft als jüngerer Sohn abhängig bin, ist in seiner Anschauungsweise hin sichtlich der socialen Ungleichheiten sehr eigenthümlich. Er hat Vorurtheile —— ich sollte vielmehr sagen Ueberzeugungen ——«

»Ah, das läßt sich denken, —— das ist« sehr natürlich. Ich, mein werther Herr, achte solche Ueberzeugungen. Wenn man so schöne Landgüter besitzt, wenn man einer Familie angehört wie die Ihrige, die, wie ich glaube, besonders von Seiten Ihrer seligen Mutter, mit mehreren adeligen Häusern verwandt ist, dann kann man sich schon Etwas einbilden. Ich sage daher, die Ueberzeugungen Ihres Herrn Vaters gereichen ihm zur Ehre und ich achte sie eben so sehr als ich ihn selbst achte ——«

»Ich freue mich, daß die Ideen meines Vaters in Bezug auf die socialen Unterschiede Ihnen in einein« so günstigen Lichte erscheinen. Mr. Sherwin. Sie werden dann auch weniger überrascht sein, zu hören, wie sehr diese Ideen geeignet sind, mich lebhaft zu beschäftigen, namentlich in dem Augenblicke, wo ich bei Ihnen diesen Schritt thue.«

»Er mißbilligt ihn, das versteht sich —— er mißbilligt —— ihn vielleicht sehr. Allerdings, mag meine Tochter eines noch so hohen Ranges würdig sein, und mag ein Mann, der sich den Handelsinteressen mit so1chem Eifer widmet wie ich, auch glauben, daß er das Recht habe, den Kopf hoch zu tragen, denn er ist eine der Stützen unsers Handel treibenden Vaterlandes ——« hier fuhr er sich rasch mit den Fingern durch die Haare und schien sich die Miene einer unabhängigen Würde geben zu wollen —— »so bin ich doch bereit, Zuzugeben, daß unter allen Umständen —— bemerken Sie wohl, sage unter allen Umständen —— die Mißbilligung Ihres Vaters eine sehr natürliche ist und daß man sich darauf gefaßt halten mußte.«

»Er hat keine Mißbilligung ausgesprochen, Mr. Sherwin.«

»Aber wie meinen Sie das?«

»Ich habe ihm noch keine Gelegenheit dazu gegeben. Ich habe bis jetzt weder ihm noch irgend —— einem andern Mitglied meiner Familie ein Wort von meiner Begegnung mit Ihrer Tochter gesagt und werde auch fernerhin dieses Geheimniß bewahren.

Ich spreche nicht leichtfertig, sondern gestützt auf die Kenntniß, die ich von dem Charakter meines Vaters habe, wenn ich Ihnen sage, daß ich überzeugt bin, er würde, wenn ich ihn von meinem Wunsche, Sie zu besuchen, in Kenntniß gesetzt hätte, vor keinem Mittel zurückgetreten sein, um diesen Besuch zu einem erfolglosen zu machen. Er ist für mich immer der beste und aufmerksamste Vater gewesen, aber ich bin fest überzeugt, daß, wenn ich auf seine Einwilligung wartete, meine inständigsten Bitten eben so vergeblich sein würden als die der Personen, die sich mir anschlössen Mein Schmerz, und selbst wenn mich derselbe vor seinen Augen verzehrte, würde ihn nicht bestimmen, seine Einwilligung zu der Heirath zu geben, die ich Ihnen vorzuschlagen gekommen bin.«

»Aber, mein Himmel, da Sie von ihm abhängig sind, wie zum Teufel soll denn dann die Sache zu Stande kommen?«

»Wir müssen mein Verhältniß zu Ihrer Tochter und unsre Vermählung streng geheim halten.«

»Eine heimliche Ehe —— mein Himmel»

»Ja, wir würden das Geheimniß sorgfältig unter uns bewahren bis zu dem gelegenen Augenblicke, den ich zu wählen wissen würde, um diesen Schritt meinem Vater zu entdecken, ohne allzu große Gefahr zu laufen, daß er —— daß er ——«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es iß dies die außer ordentlichste Sache, die mir in meinem Lebens vorgekommen ist. Aber wie sollen wir denn überhaupt dabei zu Werke gehen?

»Es würden uns mehrere Mittel freistehen. Zum Beispiel, wenn einmal die Heirath geschlossen und jeder Widerstand und alle Bedenken beseitigt wären, würde ich es so einrichten, daß mein Vater Gelegenheit bekäme, Ihre Tocher zu sehen, ohne sie zu kennen. allmählich, ohne ihre Absichten durchschauen zu lassen, würde sie seine Liebe und Achtung gewinnen und bei ihrer Schönheit, der Distinction ihrer Manieren und ihrer Liebenswürdigkeit kann sie des Sieges sicher sein, während ich den günstigen Augenblick erwarten würde, um Alles zu gestehen. Wenn ich dann zu ihm sagte: »Diese junge Dame, welcher Du Deine Sympathieen schenkst, lieber Vater, ist meine Gattin,« glauben Sie, daß er uns dann seine Verzeihung verweigern könnte? Wenn ich dagegen jetzt zu ihm sagte: »Dies ist das. Mädchen, welches ich heirathen will dann würden seine Vorurtheile selbst die günstigsten Eindrücke wieder zu Nichte machen und er uns seine Einwilligung verweigern. Um die Sache kurz zu machen, Mr. Sherwin, vor der Vermählung wäre es unmöglich, meinen Vater zur Zustimmung zu bewegen. Nach der Vermählung wenn sein Widerstand Nichts mehr verhindern kann, ist die Sache eine ganz andere, und wir würden sicher sein, früher oder später die günstigsten Resultate zu erlangen. deshalb also wäre es unbedingt nothwendig, unsre Vermählung anfangs geheim zu halten.»

Ich wunderte mich damals und habe mich später noch mehr über mich selbst gewundert, daß es mir gelang, so zuversichtlich und bestimmt zu sprechen, während doch mein Gewissen jedes meiner Worte Lügen strafte.

Aber schon hatte die Liebe mit meinem Charakter eine Umgestaltung vorgehen lassen, die ich nicht geahnt hätte.

»Ja, ja, ich verstehe, ja, ich verstehe,« sagte Mr. Sherwin, indem er ziemlich verlegen«mit einem Schlüsselbunde in seiner Tasche klimperte, »das ist aber eine sehr delikate Sache, wissen Sie; eine sehr krittliche und schwierige Sache. Allerdings ist ein junger Mann von Ihrer Geburt und Erziehung ein Schwiegersohn welcher —— das versteht sich von selbst. Dann aber kommt auch noch die Geldfrage, für den Fall, daß Sie Ihren Vater Zuletzt vielleicht doch nicht herumkriegen. Mein Geld ist vollständig in meinem Handel angelegt —— ich kann Nichts geben —— auf mein Wort, ich weiß nicht —— Sie versetzen mich da in eine Lage, in welcher —— in welcher ich mich noch niemals befunden.«

»Ich habe einflußreiche Freunde, Mr. Sherwin, und kann in mehr als Einer Brauche einen einträglichen Posten erhalten, sobald ich mir die Mühe nehme, mich darum zu bewerben. Aus diese Weise würde ich mich gegen die Möglichkeit dieses Schlages waffnen.«

»Nun, das ist allerdings Etwas! —— Wohlan, mein werther junger Herr, Sie müssen mir einen oder zwei —— wir wollen sagen zwei Tage Zeit lassen, um mich von den Gesinnungen meiner Tochter zu unterrichten und um über Ihren Vorschlag nachzudenken, auf den ich, wie Sie sich leicht denken können, durchaus nicht gefaßt war. Ich versichere Ihnen aber, daß ich mich sehr geschmeichelt und sehr geehrt fühle, und daß es mein innigster Wunsch, ist ——«

»Ich hoffe, Mr. Sherwin, daß Sie mir das Resultat Ihrer Erwägungen so bald als möglich mittheilen werden.»

»Ich werde, nicht verfehlen —— darauf können Sie sich verlassen. Können Sie mich vielleicht übermorgen zu derselben Stunde wieder mit einem Besuche beehren?«

»Mit »dem größten Vergnügen.»

»Und bis dahin, während dieser Zwischenzeit, werden Sie mir Versprechen, sich jeder Mittheilung mit meiner Tochter zu enthalten, nicht wahr?«

»Ich verspreche es, Mr. Sherwin, denn ich glaube, ich kann hoffen, daß Sie mir eine günstige Antwort geben werden.»

»Na, die Liebenden, sagt man, dürfen niemals verzweifeln Nachdem ich mir die Sache ein wenig überlegt und mit meiner lieben Tochter gesprochen —— doch, wollen Sie wenigstens nicht jetzt noch ein Glas von meinem Sherry trinken? Sie lehnen es wieder ab? Nun gut denn —— also übermorgen um fünf Uhr.«

Die gefirnißte Thür öffnete sich mit stärkerem Knarren als je vor mir. Auf dieses Geräusch folgte unmittelbar das eines Gewandes, welches man im Vorübergehen streift, während eine zweite Thür sich nicht weniger geräuschvoll am andern Ende des Corridors schloß. Hatte uns denn Jemand behorcht? Wo war Margarethe?

Mr. Sherwin begleitete mich bis an die Gartenthür, wo er mir eine letzte Verbeugung machte und mich dann fortgehen sah. So dicht auch die Atmosphäre der verliebten Illusion war, in welcher ich mich bewegte, so schauderte ich doch unwillkürlich, indem ich ihm seinen Gruß zurückgab, denn ich bedachte, daß dieser Mann mein Schwiegervater sein würde.



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Zwölftes Kapitel

Je mehr ich mich unserem Hause näherte, einen desto größeren Widerwillen empfand ich, hier die kurze Zwischenzeit zuzubringen, welche meinen ersten Besuch bei Mr. Sherwin von dem zweiten trennen sollte. Indem ich den Fuß in die Gemächer setzte, verwandelte sich diese Furcht in eine Art geheimnißvolle Scheu.

Ich fühlte mich nicht aufge1egt, die Personen zu sehen, die mir die theuersten auf der Welt waren. Es war ein Trost für mich, zu erfahren, daß mein Vater ausgegangen war. Meine Schwester dagegen war zu Hause. Ein Diener sagte mir, daß sie in diesem Augenblicke in die Bibliothek gegangen sei, und fragte mich, ob er sie von meiner Rückkunft benachrichtigen solle. Ich verbot ihm, sie zu stören, da ich die Absicht hätte, sofort wieder auszugehen.

Ich trat in mein Arbeitscabinet und schrieb an Clara ein kleines Billet, in welchem ich ihr ganz einfach meldete, daß ich zwei Tage auf dem Lande zubringen würde.

Hierauf ging ich in den Stall und ließ unverzüglich mein Pferd satteln. Ich dachte nicht einmal darüber nach, welche Richtung ich einschlagen sollte. Seh war« bloß entschlossen, die zwei Tage, während welcher ich in Ungewißheit bleiben sollte, anderwärts als in unserem Hause zuzubringen und mich weit genug zu entfernen, um nicht in Versuchung zu kommen, das Versprechen, welches ich gegeben; Margarethen nicht zu sehen, zu brechen.

Sobald ich einmal im Sattel saß, überließ ich mein Pferd seinem Instincte und vertiefte mich in die Betrachtungen, wie sie mir durch meine Erinnerungen eine nach der andern an die Hand gegeben wurden.

Das Thier nahm die Richtung, welche es während unseres Verweilens in London am Häufigsten einzuschlagen gewohnt war, nämlich die nördliche Landstraße. Es w«ar schon eine halbe Meile über die letzten Vorstädte hinausgetrabt, als ich daran dachte, zu sehen, in welcher Gegend ich mich eigentlich befände.

Ich machte Halt, warf mein Pferd herum und galoppierte in südlicher Richtung weiter. Ich besaß weder, Muth noch Gleichgültigkeit genug, um an diesem Tage allein die Straße zu passieren, aus welcher Clara und ich so oft unsere Spazierritte gemacht hatten, und vielleicht an einem unserer Lieblingsplätze Halt zu machen.

So ritt ich in Einem Striche bis Ewell, wo ich zu übernachten beschloß. Das Abenddunkel hatte mich schon unterwegs ereilt und es wäre zwecklos gewesen, mein Pferd durch einen weiteren Ritt noch mehr zu ermüden.

Am nächstfolgenden Morgen war ich mit Sonnenaufgang auf den Füßen und brachte den größten Theil des Tages damit zu, daß ich Dörfer, Felder und Wiesen durchstrich.

Während der Nacht bemächtigten sich die Jdeen, die ich seit der letzten Woche aus meinem Gemüthe verbannt, wieder meiner Phantasie. Es waren dieselben düstern Ahnungen, welche den Geist ermüden und belästigen, gerade so wie der Körper zuweilen ein Leiden empfindet, welches ihn niederdrückt und dessen Sitz ungewiß ist.

Fern von Margarethen versuchte ich nicht einmal meine Energie zu Hilfe zu rufen, um gegen diesen moralischen Druck zu reagiren. Ich bemühte mich bloß, die Wirkung desselben durch unaufhörliche Thätigkeit zu neutralisieren. Bald im Schritte, bald im Galopp reitend, gelang es mir aber dennoch nicht, die Ermüdung des Geistes durch die des Körpers zu bändigen, und die Stunden verflossen. Was mir auf dem Herzen lastete, war nicht sowohl die Verpflichtung, das Ende der vorgeschriebenen Frist abzuwarten als vielmehr die Beengung, die ans den Winkelzügen und der gezwungenen Verstellung hervorging, zu der ich mich durch meinen Antrag selbst verurtheilt.

Diesen Abend verließ ich Ewell und machte mich auf den Weg nach Hause, wenigstens bis Richmond, wo ich ziemlich spät am Abende ankam, um hier die Nacht und den Morgens des dritten Tages zuzubringen. Nachchmittags kam ich nach London zurück und begab mich gegen fünf Uhr sofort nach der Nordvilla, ohne erst unser Haus zu betreten.

Derselbe Hang zur Niedergeschlagenheit verfolgte mich. Selbst der Anblick des Hauses in welchem Margarethe wohnte, selbst das Hevannahen der Unterredung, in, welcher mein Schicksal sich entscheiden sollte, war nicht im Stande, meinen Geist aufzurichten und mich aus der Lethargie, in die ich versunken war, zu rütteln.

Als mir dies Mal die Thür des Salons geöffnet ward, traf ich in demselben Master und Mistreß Sherwin, die mich erwarteten. Auf dem Tische, neben dem neu gebackenen Kuchen, stand der Sherry, der mir bei der vorigen Unterredung so wiederholt und dringend angeboten worden war.

Mistreß Sherwin schnitt den Kuchen, als ich eintrat, und ihr Gatte verfolgte die Operation mit kritischem Blicke. Ich sah, wie die mageren, wachsartigen Finges der armen Frau zitterten, indem sie unter dem Blicke ihres Gatten das Messer führte.

»Sehr erfreut, Sie zu sehen, mein werther Herr,« sagte Mr. Sherwin mit gastfreundlichem Lächeln und indem er mir die Hand bot. »Erlauben Sie mir, Ihnen meine bessere Hälfte, Mistreß Sheriwin, vorzustellen.«

Die »bessere Hälfte« erhob sich wie plötzlich aus dem Schlafe auffahrend und machte mir eine Verbeugung, indem sie das Messer in dem Kuchen stecken ließ.

Mr. Sherwin warf ihr sofort einen strengen Blick zu, zog rasch und ungeduldig das Messer aus dem Kuchen und legte es auf den Teller.

Die arme Mistreß Sheriwin! An dem Tage, wo sie mit ihrer Tochter in den Omnibus gestiegen war, hatte ich sie kaum beachtet, und es war, als wenn ich sie jetzt zum ersten Male sähe.

Die Frauen besitzen von Natur weit mehr als die Männer die Gabe, ihre Gemüthsbewegungen mitzutheilen. Eine glückliche Frau verbreitet auf geheimnißvolle Weise die Ausstrahlungen ihres Glückes um sich her und übt einen Einfluß, der sich mit dem eines schönen sonnen hellen Tages vergleichen läßt.

Dagegen ist es eben so wahr, daß die Melancholie eines melancholischen Weibes unabänderlich ansteckend ist, selbst in ihrem Schweigen, und Mistreß Sherwin war eine Frau dieser Art. Ihre krankhaft blasse Gesichtsfarbe, ihre großen, feuchten, sanften ünd hellblauen Augen, ihre schüchterne, unruhige, furchtsame Haltung, das Gemisch von Zögern und krampfhafter unwillkürlicher Lebhaftigkeit, welches sich in jeder ihrer Bewegungen kundgab —— alles Dies waren eben so viele Symptome, welche ein Leben des Zwanges und unaufhörlicher Furcht verriethen, eben so wie einen schwachen, bescheidenen Charakter, obschon derselbe erfüllt sein konnte von edelmüthigen Bestrebungen, die nun verdammt waren, im Schatten eines eingeschüchterten Gewissens zu zittern.

Hier, in diesem Gesichte mit den hohlen Zügen und von durchsichtiger Sanftmuth, in diesen peinlichen Zuckungen und in der gleichsam ruckweisen Lebhaftigteit ihrer Bewegungen, in dem Tone dieser matten, zitternden Stimme entdeckte ich eins jener so ergreifenden Dramen des Herzens, welche steh nicht beschreiben lassen, die aber Scene um Scene und Jahr für Jahr auf dem geheimen Theater des häuslichen Herdes aufgeführt werden; Dramen die ihren Verlauf in dem Dunkel haben, welches immer dichter wird, so wie der Tod langsam, Falte für Falte und Tag für Tag den schwarzen Vorhang fallen läßt, hinter welchem Alles verschwindet.

»Wir haben seit einigen Tagen recht schönes Wetter, Sir,« sagte Mistreß Sherwin mit so schwacher Stimme, daß man sie kaum hörte und indem sie fortwährend aus ihren Gatten einen Blick heftete, dessen unruhiger Ausdruck wahrhaft Mitleid erregend war, als ob sie sich hätte überzeugen wollen, daß es ihr erlaubt sei, diesen wahrhaft erbärmlichen Gemeinplaß zu äußern. »Sehr schönes Wetter, das läßt sich nicht leugnen,« fuhr die arme Frau so schüchtern fort wie ein Kind, welches vor einem Fremden seine erste Lection hersagt.

»Ja, sehr schönes Wetter, Mistreß Sherwin. Ich wollte es auf dem Lande genießen und habe die zwei letzten Tage zu einer Partie in die Umgegend von Ewell verwendet, die ich noch nicht kannte.«

Es trat ein Augenblick des Schweigens ein.

Mr. Sherwin hustete.

Augenscheinlich war dies das im Voraus zwischen den beiden Gatten verabredete Signal, denn Mistreß Sherwin sah ihren Mann plötzlich unverwandt an.

»In Deiner Eigenschaft als Wirthin solltest Du einem Gaste wie diesem Herrn doch ein Glas Wein und ein Stück Kuchen anbieten,« sagte er. »Ich glaube nicht, daß dies Deiner Gesundheit viel schaden würde.«

»Ach, mein Freund, ich bitte um Verzeihung. Aus reiner Zerstreuung habe ich es vergessen.«

Und sie füllte ein Glas Wein mit so zitternder Hand, daß der Wein beinahe daneben geflossen wäre. Obschon ich Nichts bedurfte, so aß und trank ich doch sofort aus Rücksicht für die Verlegenheit der armen Frau. Wenn mir in diesem Augenblicke eine Dosis Medicin geboten worden wäre, so glaube ich, ich würde sie aus demselben Grunde eben so rasch und bereitwillig zu mir genommen haben.

Mr. Sherwin schenkte sich selbst ein Glas voll, hielt es gegen das Licht, wie um das Spiegeln des Weines zu bewundern, und sagte:

»Auf Ihre Gesundheit, Sir; auf Ihre Gesundheit!«

Und er stürzte den Wein mit Kennermiene hinunter und schnalzte dann auf sehr bezeichnende Weise mit der Zunge. Seine Frau, welcher er Nichts anbot, sah ihn während dieser ganzen Zeit mit der ehrerbietigsten Aufmerksamkeit an.«

»Nun, Madame, wollen Sie Nichts genießen?« fragte ich Sie.

»Meine Frau, Sir,« unterbrach mich Mr. Sherwin, »trinkt niemals Wein, und Kuchen kann sie nicht verdauen. Sie hat einen gar so schwächlichen Magen —— einen sehr schlechten Magen. Wohl an, Sir —— trinken wir noch ein Glas —— dieser Sherry ist von dem Hause Sneyd und Comp. bezogen und kommt mich die Flasche sechs Schilling zu stehen —— zu diesem Preise kann man schon Etwas verlangen. Er ist aber auch von der besten Qualität. Wohlan, da Sie nicht mehr trinken wollen, so wollen wir von unserem Geschäfte sprechen. Ha! ha! von unserem Geschäfte —— ich hoffe, es wird Ihnen Vergnügen machen.«

»Mistreß Sherwin hustete. Es war ein kurzer, trockener, schwacher, gleichsam in der Kehle halb unterdrückter Husten.

»Fängst Du schon wieder an?« sagte Mr. Sherwin, indem er sich unwillig nach ihr herumdrehte. »Immer wieder Husten! Sechs Monate lang haben wir den Arzt gehabt und nur erst gestern habe ich ihm die Rechnung bezahlt und dennoch kein gutes Resultat!«

»O ja —— ich fühle mich jetzt weit besser.«

»Nun also, Sir,« hob Mr. Sherwin wieder an, noch am Abende des Tages, an welchem Sie mich,verließen, habe ich mit meiner Tochter gesprochen. Natürlich war sie ein wenig schüchtern und verlegen. Es versteht sich von selbst, daß es in ihrem Alter keine Kleinigkeit ist, sich, und zwar nach einer so kurzen Bekanntschaft, über eine Sache entscheiden zu sollen von welcher das Glück der ganzen Zukunft abhängt.«

Hier drückte Mistreß Sherwin ihr Tuch vor die Augen, aber ohne das mindeste Geräusch zu machen, denn sie hatte sich ohne Zweifel durch lange Praxis die Gewohnheit angeeignet, im Stillen zu weinen. Dennoch aber zog ihr diese Bewegung sofort einen durchbohrenden Blick ihres Mannes zu —— einen Blick, der nichts weniger als theilnehmend war.

»Mein Himmel, welche Nothwendigkeit ist für Dich denn vorhanden, die Sache auf diese Weise aufzufassen?« sagte er im Tone der Entrüstung. »Was ist denn geschehen, daß Du anfängst zu weinen? Margarethe ist nicht krank und auch nicht unglücklich. Wie kannst Du Dich vor diesem Herrn nur so Gebärden! Weit besser hättest Du gethan, wenn Du uns mit einander allein gelassen hättest. Aber alle Mal kommst Du mir bei meinen Geschäften in die Quere und mischest Dich in Dinge, die Dich Nichts angehen.«

Mistreß Sherwin schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, ohne ein einziges Wort zu entgegnen. Ich bemitleidete sie von ganzem Herzen, konnte aber Nichts sagen. nur meinem ersten Impulse Gehör gebend, erhob ich mich, um ihr die Thür zu öffnen, bereute es aber sofort. Bei der Bewegung, die Sie mich machen sah, stieg ihre Verlegenheit so hoch, daß Sie mit dem Fuße an einen Stuhl stieß, und ohne einen Ausruf des Schmerzes vollständig unterdrücken zu können, verließ Sie das Zimmer.

Mr. Sherwin schenkte sich ein zweites Glas ein, ohne auf die Entfernung seiner Gattin im Mindesten zu achten.

»Ich will doch hoffen,« bemerkte ich, »daß Mistreß Sherwin sich nicht Schaden gethan hat?«

»O nein, es lohnt nicht der Mühe, davon zu sprechen. Es ist Nichts als Unbeholfenheit von ihr —— dabei ist sie zuweilen auch ein wenig nervenschwach, weiter ist es Nichts. Sie ist von jeher Nervenschwach gewesen, und, die Ärzte, diese Charlatane, wissen Nichts mit ihr anzufangen. Es ist das freilich sehr schlimm, aber wer kann dafür?«

In diesem Augenblicke sank er trotz meiner Bemühungen, Margaretens Vater in ihm zu achten, mit einem Male auf seinen natürlichen Standpunkt herab.

»Wohl an, Sir,« hob er wieder an, »kommen wir wieder auf den Punkt zurück, wo ich von meiner Frau unterbrochen ward. Also ich sagte Ihnen, meine Tochter sei ein wenig verlegen gewesen. Es versteht sich von selbst, daß ich sie auf alle Vorurteile, die aus einer Verbindung mit Ihnen für sie hervorgehen könnten, aufmerksam gemacht habe, besonders da ich Ihre Familie ja so gut kenne. Gleichzeitig habe ich sie von den —— Schwierigkeiten, die sich entgegenstellen, von der Nothwendigkeit, die Heirath, wenn Sie noch zu Stande kommt, geheim zu halten, unterrichtet. Dann habe ich mit ihr von gewissen Beschränkungen in Bezug auf die Heirath gesprochen, Beschränkungen, die ich als Vater verpflichtet zu sein Glaube auszubedingen, und von welchen ich Sie in wenigen Worten in Kenntniß setzen will, In Ihrer Eigenschaft als Mann von Welt wissen Sie eben so gut als ich, mein werther Herr, daß die jungen Mädchen in Bezugs auf Das, was sie vom dem oder jenem Manne denken, keine klaren, bestimmten Antworten geben. Dennoch aber hat sie mir genug gesagt, um mir zu beweisen, daß Sie Ihre Zeit gut zu benutzen gewußt haben. Ich lasse Ihnen daher volle Freiheit, sich ihr gegenüber zu erklären, denn sie die Arrangements werden durch Sie besser geordnet werden als durch mich. Jetzt wollen wir die vorläufigen Bedingungen feststellen. Ich brauche Ihnen wohl weiter Nichts zu sagen als: Wenn Sie meine Vorschläge annehmen, so nehme ich auch die Ihrigen an. Ich glaube, das beißt sich coulant zeigen —— wie?«

»Sehr coulant, Mr. Sherwin.«

»Nun gut, dann werde ich Ihnen vor allen Dingen sagen, daß meine Tochter jetzt noch zu jung ist, um zu heirathen. Sie hat erst ihr siebzehntes Jahr zurückgelegt.«

»Sie setzen mich in Erstaunen! Ich hätte geglaubt, sie müsse wenigstens zwanzig zählen.«

»Allerdings hält Jedermann sie für älter als sie ist, und ihrem Ansehen nach sollte man es auch glauben. Sie ist körperlich entwickelter als die meisten jungen Mädchen ihres Alters, doch davon handelt es sich jetzt weiter nicht. Die Thatsache steht fest, daß sie noch zu jung ist, um schon jetzt zu heirathen, zu jung vom moralischen Gesichtspunkte, zu jung vom Gesichtspunkte ihrer Ausbildung, zu jung vom Gesichtspunkte ihrer Gesundheit aus betrachtet —— zu jung in jeder Beziehung. Sie können sich denken, daß ich in dieser Beziehung meine Meinung nicht gern ändern möchte, denn es ist in meiner Familie —— in einer Nebenlinie —— schon ein trauriges Beispiel von den verderblichen Folgen einer allzu frühzeitigen Heirath vorgekommen. Alles Das, was ich Ihnen hier sage, hat den Zweck, mich zu rechtfertigen, wenn ich Ihnen eröffne, daß ich in Margarethens Vermählung nicht eher als nach, Ablauf Eines Jahres —— Eines Jahres von heute an gerechnet —— willigen werde. Während dieses Jahres können Sie ihr den Hof machen, ihre Ausbildung wird sich vervollständigen, ihre körperliche Constitution wird kräftiger werden —— Sie verstehen mich, ihre Constitution wird kräftiger werden.«

Ein Jahr sollte ich warten!

Die Liebe wird durch die Nothwendigkeit zahm gemacht und durch die Hoffnung belehrt; trotz dieser beiden Gebieterinnen aber behält—— sie nichtsdestoweniger Etwas von ihrer ersten Natur —— von ihrer Ungeduld und ihren lebendigen Impulsen!

Ein Jahr sollte ich warten! Anfangs schien mir dies eine unendlich lange Prüfung zu sein, welcher ich mich nicht unterziehen könnte; nach wenigen Augenblicken aber sah ich den Aufschub von einer andern Seite an.

Konnte ich nach einem herrlicheren Vorrechte trachten als dem, Margarethen vielleicht jeden Tag, vielleicht mehrere Stunden hintereinander zu sehen? —— War es nicht Glück genug für mich, die Entwickelung ihres Charakters beobachten zu können, ihre schüchterne jungfräuliche Liebe keimen und dann immer mehr zunehmen und sich kräftigen zu sehen, sowie wir einander besser kennen lernten? Als ich hieran dachte unterdrückte ich alles Zögern und antwortete Mr. Sherwin:

»Dies wird allerdings eine ziemlich starke Prüfung für meine Geduld sein, aber nicht für meine Beständigkeit und eben sowenig für die Macht meiner Zuneigung. Warten wir also ein Jahr.«

»So ist’s recht!« entgegnete Mr. Sherwin. »Ich erwartete indessen schon diese Offenheit und Billigkeit von einem so distinguirten jungen Manne wie Sie sind. Jetzt aber kommen wir auf den schwierigsten Punkt. Ich muß nämlich einen gewissen Vorbehalt ——«

Er stockte und fuhr sich mit den Fingern nach allen Richtungen hin im Haare herum. Seine Gesichtsmuskeln zuckten und verzerrten sein Gesicht auf fürchterliche Weise, während. er mich ansah.

»Erklären Sie sich wenn ich bitten darf, Mr. Sherwin. Ich versichere Ihnen, daß Ihr Schweigen einen beengenden Eindruck auf mich macht.«

«Allerdings —— ich verstehe —— Indessen, Sie müssen mir Versprechen, sich durch Das, was ich Ihnen vorschlagen werde, nicht beleidigt zu fühlen.«

»Gewiß nicht.«

»Nun gut. Es kann sonderbar erscheinen, aber auf alle Fälle, das heißt, insoweit Sie selbst und ohne Ihres Vater entscheiden, erachte ich es für unumgänglich nothwendig, daß Ihre Vermählung mit meiner Tochter sofort stattfinde, ohne daß wir Ein Jahr damit warten. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen.«

»Ich muß gestehen, daß dies nicht der Fall ist.«

Er hustete verlegen, ging nach dem Tische und schenkte sich wieder ein Glas Wein ein. Seine Hand zitterte ein wenig. Er stürzt den Wein auf einen Zug hinunter, dann hustete er wieder drei oder vier Mal, ehe er wieder das Wort ergriff.

»Nun denn, meine Meinung ist die: Wenn Sie in Bezug auf sociale Stellung unseres Gleichen wären, wenn Sie mit der formellen Erlaubnis und Zustimmung Ihres Vaters sich um Margarethen bewürben, so würden wir, nachdem Sie in den, Aufschub eines Jahres gewilligt hätten, über alle Punkte einverstanden sein und der Handel wäre von beiden Seiten geschlossen. in Erwägung der Stellung aber, in der Sie sich befinden; kann ich meine Forderung nicht hierauf beschränken, oder mit andern Worten, ich muß noch eine andere Bedingung stellen.«

Ohne Zweifel bemerkte er, daß der Wein ihm dies Zunge geläufig machte, denn er füllte sein Glas zum vierten Male.«

»Sie werden gleich sehen, was ich damit sagen will,« fuhr ser fort. Nehmen wir einmal an, daß Sie, wie wir bereits gesagt, meiner Tochter ein Jahr lang den Hof gemacht haben und daß Ihr Vater es erführe —— wir werden unser Geheimniß natürlich aufs Strengste bewahren, dies versteht sich von selbst, aber dennoch werden Geheimnisse, man weiß nicht wie, zuweilen verrathen —— nehmen wir an, sage ich, daß Ihr Vater hinter die Sache käme und daß die Heirath rückgängig würde. Wenn in einem solchen Falle der Bräutigam demselben Stande angehörte wie die Braut, so würden wir die ganze Sache auseinandersetzen und man würde uns glauben. Was aber würde die Welt in Bezug auf Sie sagen? Würde die Welt wohl glauben, daß Sie die Absicht gehabt, meine Tochter zu heirathen? —— Das ist eben die Frage, die es gilt!«

»Aber dieser Fall würde nicht eintreten. Ich wundere mich, daß Sie die Möglichkeit desselben annehmen. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ——«

»Sie haben ganz Recht —— es ist sehr wahrscheinlich, daß das Geheimniß verschwiegen bleibt. Sie haben mir aber auch, wie Sie sich erinnern werden, bei unserer ersten Unterredung gesagt, daß Ihr Vater, wenn er von diesem Bündnisse erführe, vor keinem Mittel zurücktreten würde, um sich zu widersetzen —— dies sind Ihre eigenen Worte. Da ich nun aber dies weiß, so kann ich, obschon ich das vollkommenste Vertrauen zu ihrer Ehre und zu ihrem festen Vorsatz, Ihr Wort zu ha1ten, habe, mich doch nicht eben so leicht überreden, daß Sie im Voraus bedacht sein werden, sich Allem zu widersetzen, was Ihr Vater thun könnte, wenn er unser Geheimnis entdeckte. Sie wissen ja selbst nicht, welche Mittel er in’s Werk setzen und von welchem Einfluss er uns gegenüber Gebrauch machen würde. Es ist, sagen Sie, nicht wahrscheinlich; daß dergleichen Machinationen stattfinden werden; von dem Augenblicke an aber, wo sie es werden können —— und in Einem Jahre kann viel geschehen —— ist es ganz natürlich, daß ich mich gegen der gleiche Unfälle vorsehe, um die Interessen meiner Tochter sicher zu stellen.«

»Ich bitte Sie, Mr. Sherwin, gehen wir rasch über dieses unmöglichen Hindernisse, die Sie sehen, hinweg. Ich wünsche kurz und gut zu hören, was Sie mir vorzuschlagen haben.«

»Nur sachte, mein werther junger Herr, nur sachte. Mein Vorschlag ißt dieser. Sie werden sich binnen Einer Woche durch eine heimliche Trauung mit meiner Tochter ehelich verbinden, sodann —— ich bitte Sie, nehmen Sie mir Nichts übel —— also angenommen, daß die Trauung« auf dies Weise vollzogen wird, stelle ich dann nur ein einzige Bedingung. Ich verlange nämlich, daß Sie mir ihr Ehrenwort geben, meine Tochter an der Kirchenthür zu verlassen und während des Zeitraums Eines Jahres keinen Versuch zu machen, sie anders zu sehen und zu sprachen als in Gegenwart einer dritten Person. Nach Verlauf dieser Zeit mache ich mich verbindlich sie Ihnen ihre Ihre Frau sowohl de facto als dem Namen nach zu überlassen. Nun, was sagen Sie zu diesem Vorschlage?«

Ich war zu sehr verblüfft als daß ich in diesem Augenblicke im Stande gewesen wäre zu antworten.

Mr. Sherwin fuhr fort:

»Dieser Plan söhnt, wie Sie sehen, alle Interessen miteinander aus. Auf diese Weise beugen wir Allem vor. Wenn irgend ein Unfall sich ereignet, wenn wir entdeckt werden, wohl an, dann kann Ihr Vater Nichts thun, um die Heirath zu verhindern, weil sie ja; schon geschlossen sein wird. Gleichzeitig gewinne ich noch Ein Jahr, um meine Tochter in den schönen Kenntnissen zu vervollkommnen, in welchen ich sie unterrichten lasse, und um ihre Constitution sich kräftigen zu lassen, wie ich schon vorhin bemerkte. Einerseits wird sie dann nicht zu jung heirathen und andererseits wird sie dennoch sich unverweilt vermählen. Bedenken Sie übrigens, wie bequem Sie dadurch in den Stand gesetzt werden, die günstige Gelegenheit zu erlauern und die Sache Ihrem Vater allmählich beizubringen, ohne Furcht vor den Folgen für den Fall, daß er sich ganz unerbittlich zeigen sollte. Bei meiner Ehre, ich glaube dieser Plan verdient Ihren Beifall, er entspricht vollkommen allen Erfordernissen und befriedigt wie sich von selbst versteht, die Wünsche aller Parteien. Ich brauche Ihnen wohl kaum zusagen, daß es ihnen fortwährend freistehen wird, Margarethen zu besuchen, natürlich unter der vorhin erwähnten Beschränkung. Leute, die sich in alles mischen, werden allerdings über Ihre häufigen Besuche allerlei schwatzen; sobald ich aber einmal den Taufscheines in den Händen habe und weiß, daß ich in dieser Beziehung gedeckt bin, so kümmere ich mich um dieses Gerede weiter nicht. Nein, nein! Wir werden unser Geheimnis bewahren und die Leute schwatzen lassen. Es wird nach Verlauf eines Jahres; der Tag kommen, wo sie nicht wenig erstaunen werden. Nun, was sagen Sie dazu? Nehmen Sie sich Bedenkzeit, wenn Sie es wünschen. Erinnern Sie sich dabei, daß ich zu Ihrer Ehre das vollkommenste Vertrauen habe und daß ich meiner Vaterpflicht gemäß handle, welche mir gebietet, die Interessen meiner Tochter richtig zu verstehen.«

Er schwieg, ganz außer Athem von seiner Rede, die er mit außerordentlicher Zungenfertigkeit von sich gegeben hatte.

Andere Männer, die sich von der Liebe hätten weniger beherrschen lassen als ich, würden an meiner Stelle in diesem Vorschlage eine nicht lobenswerthe Forderung, ja sogar eine Art Beleidigung erkannt haben. Noch Andere hätten wahrscheinlich die egoistischen Beweggründe entdeckt, welche zu dieser Forderung Anlaß gegeben, und die unruhige Hast, welche Mr. Sherwin trieb, einen für ihn vortheilhaften Handel fest abzuschließen, damit der andere Theil nicht etwa bereuen und wieder zurücktreten möchte, würde sie betroffen gemacht haben. Ich dagegen sah, nachdem ich mich ein wenig von dem natürlichen Erstaunen, in welches mich diese Worte versetzt, erholt, in diesem seltsamen Plane weiter Nichts als eine Bürgschaft für den Besitz Margarethens und die Gewißheit, meine Liebe um den Preis gleichviel welches Opfers und trotz aller Zufälle und Verzögerungen triumphiren zu sehen.

Als Mr. Sherwin aufgehört hatte zu sprechen, konnte ich weiter Nichts sagen als die Worte: »Ich nehme Ihre Bedingungen an —— ich gehe bereitwillig darauf ein.«

Wie es schien, hatte er nicht erwartet, mich so vollständig und so rasch auf seinen Vorschlag eingehen zu sehen, denn seine Züge verriethen zunächst großes Erstaunen. Bald jedoch erlangte er seine Geistesgegenwart —— jene verschmitzte Geistesgegenwart des Geschäftsmannes —— wieder, erhob sich rasch und schüttelte mir cordial die Hand.

»Ja freue mich« rief er, »ich freue mich sehr, daß wir uns so rasch verständigen und unsere Ideen so gut harmoniren. Trinken wir noch ein Glas! Zum Teufel, nun haben wir hinreichende Veranlassung dazu. Wir wollen einen Toast ausbringen, auf den Sie sich nicht weigern können, Ihr Glas zu leeren. Ihre Gattin soll leben! —— Ich wußte wohl, daß Sie nicht von ihr lassen würden. —— Meine Margarethe soll leben!«

»So nach können wir wohl alle Schwierigkeiten als beseitigt betrachten?« sagte ich, denn ich wünschte lebhaft meine Unterredung mit Mr. Sherwin so schnell als möglich zu Ende zu bringen.

»Ja wohl, die Sache ist abgemacht Ich bitte Sie noch, Ihr Leben mit einer mäßigen Summe zu Gunsten meiner Tochter zu versichern und vielleicht —— bloß der Form wegen —— mir ein schriftliches Versprechen zu geben, daß Sie einen gewissen Theil des Vermögens, in dessen Besitz Sie einmal kommen können, ihr und ihren Kindern vermachen wollen. Sie sehen, daß ich schon im Voraus an die Zeit denke, wo ich Großvater sein werde! ——Doch ersparen wir dies Alles bis auf die nächstes Gelegenheit; wo wir uns wiedersehen, vielleicht in einem oder zwei Tagen.«

»Es steht wohl nun kein Hindernis mehr entgegen, daß ich Miß Sherwin spreche?«

»Durchaus nicht, Sie können Sie sofort sprechen, wenn Sie es wünschen. Kommen Sie mit, lieber Freund, kommen Sie mit.«

Und er führte mich quer über den Corridor bis an das Speisezimmer.

Dieses war mit weniger Luxus aber, vielleicht noch geschmackloser ausgestattet als das, welches wir eben verlassen hatten.

Margarethe saß am Fenster. Es war dasselbe, an welchem ich sie an jenem Abende gesehen, wo ich auf dem Platze vor ihrem Hause nach unserer Begegnung im Omnibus umherirrte. Der Vogelkäfig hing noch an demselben Platze.

Ich bemerkte sofort und mit augenblicklicher Ueberaschung, daß Mistreß Sherwin ziemlich fern von ihrer Tochter am anderen Ende des Zimmers saß, und nahm neben Margarethen Platz.

Sie trug, ein hellgelbes Kleid, welches ihren seinen braunen Teint und ihr prachtvolles schwarzes Haar noch mehr hervorhob. Noch einmal fühlte ich alle meine Zweifel schwinden —— Die Unruhe meines Gewissens und die unklare Gedrücktheit meines Geistes wichen dem Gefühle des Glückes, der Freude der Hoffnung und der Liebe. Als ich sie ansah, war es mir, als wenn mein Herz aus meiner Brust heraus und ihr entgegen hüpfte.

Nachdem Mr. Sherwin etwa fünf Minuten im Zimmer, geblieben war, sagte er einige, Worte zu seiner Frau und verließ uns.

Mistreß Sherwin blieb auf ihrem Platz sitzen, sagte aber Nichts, und ihre Augen hefteten sich kaum ein oder—— zwei Mal auf uns.

Vielleicht war sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, vielleicht wollte sie ans reinem Zartgefühl nicht den Anschein haben, als überwachte sie ihre Tochter und mich.

Ich sucht jedoch nicht mir Rechenschaft von den Gefühlen zu geben, welche sie beherrschten. Mir genügte schon, daß mir vergönnt war, mit Magarethen zu sprechen, ohne von Jemandem gestört zu werden —— daß ich ihr endlich ohne Zögern und ohne Rückhalt meine Liebe erklären konnte.

Wie viel hatte ich ihr zu sagen und wie wenig blieb mir an diesem Abende noch Zeit dazu! Die Zeit war ja so kurz, um ihr alle die neuen Gedanken zu erzählen, welche sie in mir erweckt; die persönlichen Opfer, in welche ich um ihretwillen mit Freuden gewilligt; die Pläne für die Zukunft, die ich um ihretwillen entwarf und die sicherlich sich verwirklichten, dafern meine Liebe nur durch Gegenliebe vergolten ward.

Selbst wenn mir ganze Tage zu dieser Unterredung vergönnt gewesen wären, hätte ich doch Alles erschöpfen können, was ich zu sagen hatte, Alles, was die beiden so reichen Quellen —— Jugend und Glück —— in so großer Fülle von liebenden Worten spenden.

Margarethe sprach wenig, aber diese wenigen Worte entzückten mich nicht weniger. Jetzt lächelte sie mich an; sie ließ mich ihre Hand ergreifen und machte keinen Versuch, sie mir wieder zu entziehen.

Der Abend senkte sich immer tiefer herab und begann uns in seine Schatten zu hüllen. Das ruhige, melancholische Antlitz Mistreß Sherwin’s, die immer noch unbeweglich an derselben Stelle saß, ward für unsern Blick immer undeutlicher, denn wir waren durch die ganze Breite des Zimmers von einander getrennt, aber nicht ein einziges Mal dachte ich an die vorrückende Zeit und daran, daß man mich, zu Hause erwartete.

Gern wäre ich die ganze Nacht am Fenster sitzen geblieben mit Margarethen zu Plaudern, ohne die Stunden zu zählen.

Es dauerte jedoch nicht lange, so trat Mr. Sherwin wieder ins Zimmer und rief mich selbst wieder zurück, indem er sich uns näherte, um mit uns zu sprechen. Ich begriff, daß ich nun lange genug geblieben sei und daß man uns für dieses Mal nicht länger beisammen lassen würde. Ich erhob mich daher und nahm Abschied, nicht ohne mir vorher die Stunde bestimmen zu lassen, zu welcher Margarethe den nächstfolgenden Tag sichtbar sein sollte. Mr. Sherwin begleitete mlch ceremoniös bis an die Hausthür.

Alls ich ihn hier verließ. berührte er mich am Arme und sagte in heiter vertraulichem Tone zu mir:

»Kommen Sie morgen eine Stunde früher —— wir wollen mit einander die wegen der Trauung erforderlichen Meldungen bei der Behörde machen. Auf welchen Tag der nächst künftigen Woche wir dieselbe festsetzen, stelle ich ganz in Ihren Willen, denn es kommt mir durchaus nicht zu, Ihnen Vorschriften zu machen. Sie haben also Nichts weiter einzuwenden? —— Sehr gut! Daß von Seiten Margarethens keine Einwendungen erhoben werden, dafür stehe ich. Somit gute Nacht!«



Kapiteltrenner

Dreizehntes Kapitel.

Als ich an diesem Abende mich wieder auf dem Wege nach unsrer Wohnung befand, empfand ich keine jener geheimen Befürchtungen, welche mich das letzte Mal gequält, als ich mich anschickte, wieder vor den Meinigen zu erscheinen. Ich schöpfte Kraft aus der Gewißheit des Erfolges, welchen die Ereignisse des Nachmittags entschieden hatten. Es war lange her, daß ich mich nicht so überzeugt von meiner Herrschaft über mich und von meiner Geschicklichkeit, die gefährlichen Fragen zu umgehen, gefühlt hatte. Ich empfand nicht, wie zwei Tage vorher, jene Scheu, mich bald und vielleicht auf lange Zeit wieder in der Gesellschaft Clara’s und meines Vaters zu sehen.

Es war ein großes Glück für mein Geheimniß, daß ich mich in dieser Stimmung befand, denn als ich die Thür meines Arbeitscabinets öffnete, traf ich alle Beide in meinem Zimmer.

Clara maß mit einem langen Bande die Brettgestelle meiner mit Büchern überladenen Bibliothek und schien in diesem Augenblicke beschäftigt zu sein, die Länge derselben mit der des Raumes zu vergleichen, der in dem nahen Alkofen noch leer war.

Als sie mich sah, hielt sie inne und warf einen bedeutsamen Blick auf meinen Vater, der mit einem Bündel Papieren in den Händen neben ihr stand.

»Du hast Recht über diese Invasion Deines Gebietes erstaunt zu sein, Sidney,« sagte er in seinem gewohnten, ruhigen Tone, aber mit ganz besonders wohlwollender Gebärde »Du mußt Dich an den Minister des Hauses wenden, wenn ——« er zeigte hierbei auf Clara —— »wenn Du eine nähere Erklärung hierüber haben willst. Ich bin bloß das Werkzeug einer häuslichen Intrigue, deren macchiavellistischen Urheber Du hier vor Dir siehst.«

Einen Augenblick lang schien Clara zu zögern. Es war das erste Mal, daß ich auf ihrem Antlitz, wenn sie mich ansah, diesen Ausdruck von Zurückhaltung und Verlegenheit bemerkte.

Begann die gewohnte Offenheit unsres Verkehrs auch ihrerseits durch Zurückhaltung beeinträchtigt zu werden?

Aber wer war mit dem Beispiele dieser Zurückhaltung vorangegangen?

Auf diese Frage antwortete mein Herz rascher und bestimmter als ich gewünscht hätte.

»Wir sind ertappt. Papa,« sagte Clara, nachdem sie einige Augenblicke geschwiegen, »und müssen uns erklären. Du weißt aber, daß ich so oft als möglich alle Erklärungen Dir überlasse.«

»Gut, gut,« sagte mein Vater lächelnd, »in dem vorliegenden Falle wird meine Aufgabe sehr leicht sein. Als ich mich in mein Zimmer begeben wollte,, wo der Intendant mich erwartete, ward ich unterwegs hinterlistiger Weise von Deiner Schwester angehalten, die mich hierher führte, um sich mit mir über die Aufstellung eines neuen Repositoriums für Deine Bücher zu berathen, während ich doch einen guten Theil der Nacht mit der Revision meiner Privatrechnungen werde zubringen müssen. Clara hatte die Idee, dieses neue Büchergestell heimlich machen lassen, um die Bücher einmal, wenn Du einen Tag abwesend würdest, ohne Dein Vorwissen aufzustellen. Jetzt jedoch, da Du sie ertappt hast, während sie eben mit der ganzen Geschicklichkeit eines erfahrenen Tischlers Maß nahm, muß alle Verstellung beiseite gesetzt werden. Wir müssen demnach aus, der Noth eine Tugend machen und Alles bekennen.«

Die arme Clara! Auf diese Weise wußte sie sich für eine zehntägige vollständige Vernachlässigung zu rächen und fürchtete obendrein, selbst mit mir zu sprechen.

Ich näherte mich ihr und dankte ihr, nicht allzu warm, fürchte ich, denn ich war zu verlegen, als daß ich mich frei und ungezwungen hätte aussprechen können.

E« schien dies ein förmliches Verhängniß zu sein. Je mehr ich im Geheimen den Prinzipien meiner Familie entgegen handelte, desto mehr Gutes erwies mir meine Familie durch die Hand meiner Schwester.

»Es versteht sich von selbst,« fuhr mein Vater fort, »daß ich gegen dieses Project keine Einwendung erhoben habe, denn es ist augenscheinlich, daß Du keinen Raum mehr hast, um alle Bücher unterzubringen, die Du hier in Deinem Zimmer aufgehäuft hast; nur aber rieth ich ihr, den Plan nicht sofort auszuführen. Du wirst diese Vergrößerung Deiner Bibliothek erst in fünf Monaten brauchen, denn nächste Woche werden wir wieder aufs Land zurückkehren.«

Ich konnte eine krampfhafte Bewegung, welche mir diese überraschende Nachricht entlockte, nicht unterdrücken. Es war dies eine Schwierigkeit, die ich hätte voraussehen sollen, aber es war mir unerklärlich, daß der Gedanke an diese Eventualität mir nicht ein einziges Mal auch nur eingefallen war, während wir doch jetzt in der Zeit des Jahres standen, wo wir London gewöhnlich verließen.

Also nächste Woche, und zwar gerade an dem Tage, welchen Mr. Sherwin zu meiner Vermählung festgesetzt hatte!

Ein Schauer durch rieselte mich und die Worte erstorben mir auf der Zunge, während ich zu überlegen versuchte, welchen Entschluß ich fassen sollte.

»Ich fürchte, lieber Vater,« antwortete ich, »daß ich nicht im Stande sein werde, so bald als Du beabsichtigst, mit Dir und Clara abreisen zu, können. Ich wünsche noch ein wenig länger in London zu bleiben.«

Ich sagte diese Worte mit leiser Stimme und ohne daß ich meine Schwester anzusehen gewagt hätte. Wohl aber hörte ich den Ausruf, der ihr entschlüpfte, während ich sprach, und der Ton ihrer Stimme war ziemlich verständlich. Mein Vater that einige Schritte, um sich mir zu nähern, und. sah mir mit jenem durchdringenden und freimüthigen Blicke, der ihn charakterisierte, aufmerksam in’s Gesicht.

»Du willst nicht mit und uns auf’s Land zurückkehren!« sagte er, während seine Marnieren und sein Ton sich merklich änderten; »das scheint mir ein ziemlich seltsamer Entschluß zu sein. Deine unvermuthete Abvesenheit während der beiden letzten Tages ist mir schon aufgefallen. Dein so ganz im Stillen gefaßter Plan aber, in London zu bleiben, während wir abreisen, scheint mir unbegreiflich. Was könntest Du hier zu thun haben?«

Eine Entschuldigung, doch nein, eine Lüge schwebte mir auf der Zunge, aber mein Vater hinderte mich, sie auszusprechen. Meine Verlegenheit ward von ihm sofort bemerkt, obschon ich mir große Mühe gab, sie ihm zu verbergen.

»Schweig’!« sagte er, ohne aus seinem gewohnten Phlegma zu fallen, während jene lebhafte Röthe, deren Erscheinen so bedeutsam war, sich auf seinen Wangen zu zeigen begann.

»Schweig’, ich sehe, daß Du Dich entschuldigen willst, Sidney. Ich darf keine Fragen an Dich richten. Du besitzest ein Geheimnis welches Du mir nicht gern anvertrauen willst, und ich bitte Dich, es zu bewahren. Nein, kein Wort mehr! Ich begegne meinen Söhnen eben so, wie ich allen andern jungen Herren begegne, mit welchen der Zufall mich in Berührung bringt. Wenn es sich um Privatangelegenheiten handelt, so darf ich mich nicht darein mischen. Mein Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit meiner Söhne ist die einzige Garantie, die ich habe, nicht von ihnen hintergangen zu werden; unter Leuten von guter Geburt ist aber dieses Vertrauen eine vollkommen hinreichende Bürgschaft. Wir wollen nicht wieder auf diesen Gegenstand zurückkommen, wenn es dir beliebt. Bleib’ so lange hier als Du willst. Wir werden uns freuen, Dich auf dem Lande wiederzusehen, sobald du geneigt bist die Stadt zu verlassen; Brauchst Du Geld? Ich Habe gerade einige Anweisungen bei mir, wenn ich Dir damit dienen kann.«

»Ich danke, ich brauche keins.«

Er wendete sich hierauf zu Clara und sagte:

»Ich hoffe, liebes Kind, daß Du mich nicht länger aufzuhalten wünschest. Während ich mit meinen Rechnungen beschäftigt sein werde, kannst Du Dich mit Deinem Bruder über die Einrichtung seiner Bibliothek besprechen.«

Er verließ das Zimmer, ohne nochmals das Wort an mich zu richten, ja, ohne mich nur anzusehen. Ich sank auf einen Stuhl nieder —— buchstäblich niedergedrückt von der Wucht eines jeden der letzten Worte, die er an mich gerichtet. Sein Vertrauen auf meine Ehrenhaftigkeit war die einzige Garantie, die er hatte, nicht von mir betrogen zu werden! Wenn ich an diese Erklärung dachte, war es mir, als ob jede dieser Sylben wie ein glühendes Eisen mein Herz berührte, um ihm das Wort Heuchler aufzubrennen.

Binnen wenigen Augenblicken hatte ich mich in den Augen meines Vaters auf das furchbarste compromittirt. Ich konnte mich dieser Gefahr nicht anders entreißen als wenn ich die frisch erblühte Hoffnung meines Lebens opferte, eine in ihrem Gegenstande reine und erhabene, und an und für sich unschuldige und natürliche Hoffnung. Meine Liebe zu Margarethen war ehrenhaft, und schon machten mir die Umstände eine Schande daraus. Es war hart zu ertragen, aber es war noch härter, daran zu denken.

Und dann meine Schwester, meine so sanfte, so geduldige Schwester! Selbst ihr gegenüber fand ich mich nicht Wieder. Zum ersten Male, seitdem mein Vater hinausgegangen war, wendete ich mich jetzt zu Clara. Sie stand in geringer Entfernung stumm, schweigend und mit leichenblassem Gesichte vor mir, rollte mechanisch das Band; zwischen ihren zitternden Fingern und heftete so liebreiche, so sanfte und gleichzeitig so wehmüthige Blicke auf mich, daß mein Muth mich bei ihrem Anblicke verließ. In diesem Augenblicke war es mir als vergäße ich Alles, was seit dem Tage, wo ich Margarethen zum ersten« Male begegnet, geschehen war, und als kehrte ich mit Vergnügen zu meinen süßen Gewohnheiten von früher zurück. Die Familiensympathieen erschienen mir kostbarer als je. Mein Kopf neigte sich abermals auf die Brust herab, und ich brach in Thränen aus.

Clara näherte sich mir leise und sanft, setzte sich neben mich und schlang ihren Arm um meinen Hals. Sie vergoß keine Thräne und sprach kein Wort, aber sie ließ diese liebkosende Demonstration für sich selbst sprechen. In unsrer Kindheit hatte sie die Gewohnheit gehabt, mich auf diese Weise über irgend einen kindischen Schmerz zu trösten, und jetzt tröstete sie mich wirklich.

Als ich wieder ein wenig ruhiger geworden war, sagte sie in sanftem Tone zu mir:

»Du hast mich sehr beunruhigt, Sidney, und vielleicht habe ich die Sorge, welche Du mir verursachtest, so durchblicken lassen, daß ich Dich dadurch beleidigt habe. Die kleine Ueberraschung, die ich Dir in Bezug auf Deine Bibliothek bereitete, sollte Dir beweisen, daß es mir leid thut, den Anschein gehabt zu haben, als zweifelte ich an Dir, oder als überwachte ich Deine Schritte, und daß ich bereit bin, nur zu Deinem Besten, mein lieber Bruder, und ganz nach Deinen Wünschen zu handeln.«

»Du hast das Beste gewählt; Clara, wie Du immer thust. Aber was mußt Du von mir denken, nachdem ——«

»Still, still, kein Wort, weiter. Ich brauche Dich nicht nach Deinem Geheimnisse zu fragen, denn ich bin überzeugt, daß Du mir es sagen wirst, wenn die Zeit gekommen. sein wird, mich es wissen zu lassen. Ich habe aber noch etwas Anderes, worüber ich Dich fragen möchte, Etwas, was mir große Unruhe bereitet.«

Sie schwieg und wendete das Gesicht ab.« Als sie wieder anfing zu sprechen, war ihre Stimme weniger fest und der Klang derselben nicht mehr so hell.

»Wisse denn, Sidney,« sagte sie zu mir, »daß es vorhin eine grausame Enttäuschung für mich war, zu erfahren, daß Du keine Lust hast, mit uns auf’s Land zurückzukehren; Ich war schon so glücklich in dem Gedanken, was wir diesen Herbst gemeinschaftlich thun würden. Ich hatte mir vorgenommen, unsre Zeit in unserm lieben alten Schlosse so gut anzuwenden, und dann dachte ich an Dein Buch, welches ich so gern fertig sehen möchte, und ich bin überzeugt, daß Du auf dem Lande bei uns damit zu Stande kommen würdest. Es ist so lange her, daß ich an Deine Aufmerksamkeiten gewöhnt bin! Und dann bedenke doch, daß ich Niemanden habe, mit dem ich so plaudern könnte wie ich mit Dir plaudere. Papa ist sehr gut, aber es ist für mich doch nicht das, was Du bist. Ralph wohnt nicht mehr bei uns, und als er noch bei uns wohnte, machte er sich, glaube ich, ohnehin nicht viel aus mir. Ich habe Freundinnen, aber Freundinnen sind nicht ——«

Sie stockte abermals; die Stimme versagte ihr, Einen Augenblick lang versuchte sie gegen ihre Gemüthsbewegung zu kämpfen, und es gelang ihr, dieselbe durch jene Herrschaft zu bezwingen, welche in gewissen Fällen nur die Frauen über sich besitzen.

Sie umschlang meinen Hals fester mit ihrem Arme, aber ihre Stimme war heller und sicher, als sie wieder anhob:

»Es wird mir nicht so leicht sein, aus dem Lande, unsern Promenaden zu Roß oder zu Fuße zu entsagen, eben so wenig als unsern Plaudereien des Abends in der alten Bibliothek im Hintergrunde des Paris. Ich freute mich so sehr, diesen Herbst ganz genau diese Lebensweise wieder beginnen zu können. Ich glaube aber, diesem Allen muß ich Lebewohl sagen und mit Papa allein fortgehen —— zum ersten Male! Indem wir uns aber trennen, Sidney, will ich Nichts sagen und Nichts thun, was Dich betrübt, dafern Du mir versicherst, daß Du immer noch Vertrauen zu mir hast, und mir versprichst, bei jeder Gelegenheit, wo Du Dich in Mißlichkeiten befindest, mich ein wenig zu Rathe zu ziehen. Ich glaube, ich werde Dir immer nützlich sein können, weil ich mich stets für Alles, was Dich betrifft, interessieren werde. ich will Dich nicht wider deinen Willen zur Mittheilung deines Geheimnisses veranlassen; wenn dieses Geheimnis Dir aber jemals Sorge oder Kummer verursachen sollte —— ich hoffe und bete, daß dem nicht so sein möge —— so bedarf ich der Ueberzeugung, daß Du mich für fähig hälst, Dir, trotz der Hindernisse, einigen Beistand zu leisten. Laß mich daher aufs Land gehen, Sidney, und die Gewißheit mitnehmen, daß Du Dich mir stets anvertrauen wirst, slbst wenn die Zeit kommen sollte, wo Du Dein Vertrauen noch irgend einer anderen Person schenkst. Gieb mir diese Gewißheit, gib sie mir!«

Ich gab ihr aufrichtig und von ganzem« Herzen die Versicherung, die sie zu haben wünschte. Die wenigen einfachen Worte, welche sie soeben gesprochen, schienen ihr ihren ganzen Einfluß auf mich zurückgegeben zu haben, besonders als eine so zärtliche Stimme, so liebreiche Blicke sich damit verbanden.

Einen Augenblick lang fragte ich mich, ob ich nicht einen Act der Dankbarkeit übte, wenn ich ihr auf der Stelle mein Geheimnis anvertraue, da ich ja gewiß sein konnte, daß sie es treulich bewahren würde, selbst wenn sie auf peinliche Weise davon überrascht und ergriffen wäre. Ich glaube, ich würde ihr auch in der nächsten Minute Alles gesagt haben, wenn nicht der Zufall dazwischen getreten wäre. Es ward nämlich in diesem Augenblicke an die Thür gepocht.

Einer unsrer Diener trat ein. Mein Vater wünschte Clara zu sprechen, um sie über gewisse Arrangements zu befragen, welche sich auf die bevorstehende Abreise aus der Stadt bezogen.

Sie war in diesem Augenblicke kaum in der geeigneten Stimmung, um diesem Rufe zu entsprechen, aber mit dem Muthe mit welchem sie gewöhnlich ihre persönlichen Gefühle den von einer Person, die sie liebte, kund gegebenen Wünschen unterzuordnen wußte, beschloß sie, sich sofort zu meinem Vater zu begeben.

Eine kurze Pause, während welcher sie schwieg, ein leichtes, bald unterdrücktes Zittern, ein Kuß auf meine Wange, die ermuthigenden Worte, die sie auf der Schwelle der Thür als Lebewohl an mich richtete: »Gräme Dich nicht über das, was Papa gesagt hat —— Du hast mich in Bezug auf Dich beruhigt, Sidney, ich werde ihn auch beruhigen,« und Clara war verschwunden.

In Folge dieser Ueberraschung war die Zeit, ihr mein Geheimniß anzuvertrauen, entflohen. Kaum war meine Schwester aus dem Zimmer hinaus, so erfaßte mich wieder meins erster Widerwille, es irgend einem Mitgliedes meiner Familie anzuvertrauen, und blieb während jenes ganzen langen Prüfungsjahres, zu welchem ich mich verbindlich gemacht, in mir unverändert.

Doch darauf kam wenig an Die Ereignisse nahmen eine solche Wendung, daß, selbst wenn ich Clara Alles gesagt hätte, der Ausgang dennoch: derselbe gewesen wäre und mein Verhängniß sich auf dieselbe Weise erfüllt haben würde.

Kurze Zeit, nachdem meines Schwester mich verlassen, ging ich wieder aus, denn zu Hause konnte ich mich während der noch übrigen Nacht mit Nichts beschäftigen, und ich wußte auch, daß ich vergeblich versuchen würde zu schlafen.

Während ich so aus den Straßen umherwandelte, kamen mir bittere Gedanken in Bezug auf meinen Vater ein; bittere Gedanken an seinen unbeugsamen Stolz, der mich zu der Verstellung nöthigte, durch welche ich mich schon so bedrückt fühlte; bittere Gedanken gegen jene Vorurtheile —— die Tyrannen der Gesellschaft, welche den natürlichen Sympathieen und Neigungen keine Rechnung tragen und die für mich in diesem Augenblicke in der Person meines Vaters verkörpert waren.

Nach und nach führten jedoch diese Betrachtungen mich auf andere und weit bessere. Ich dachte wieder an Clara und ihr Name erweckte in mir stets den Gedanken an das Vertrauen und an die Hoffnung, welche ich ihr versprochen zu bewahren. Aus welche Art auch mein Vater die Nachricht von meiner Vermählung aufnehmen würde, so tröstete ich mich mit der Ueberzeugung daß um meinetwillen meine Schwester sich gegen meine Gattin stets liebreich und gefällig zeigen würde.

Dieser Gedanke führte mein Herz zu Margarethen —— daß heißt in eine süße, glückliche Träumerei zurück. Ich kehrte gefaßter und wenigstens für diese Nacht beruhigter wieder nach Hause zurück.

Die Ereignisse dieser Woche, die für meine Zukunft so wichtig war, entrollten sich mit Verhängnisvoller Schnelligkeit. Die gesetzlich vorgeschriebene Trauungslizenz ward ausgewirkt, die andern Präliminarien wurden von Mr. Sherwin und mir besorgt; ich sah Margarethen jeden Tag und gab mich immer mehr und mehr und rückhaltlos dem Zauber hin, den sie bei jeder neuen Unterredung auf mich ausübte.«

Zu Hause schienen in Folge der Reiseanstalten, durch Abschiedsbesuche und eine Menge anderer damit zusammenhängender Dinge die Stunden immer schneller zu verfliegen, so wie der Tag der Trennung Clara und für mich der Tag zu meiner Vermählung herannahte. Unaufhörliche Unterbrechungen hinderten meine Schwester und mich, eine zweite, längere vertrauliche Unterredung zu haben, und mein Vater war selbst für die Leute, die ihn in einer ganz besonderen Angelegenheit zu sprechen kamen, niemals mehr als fünf Minuten hinter einander zugänglich.

Im Schoße meiner Familie ergab sich daher für mich kein weiterer Anlaß zu Unruhe oder Verlegenheit. Der Tag brach an. Ich hatte die ganze Nacht vorher nicht geschlafen und erhob mich frühzeitig, um nach der Zeit zu sehen.

Man kann. sich nicht genug wundern, wie sehr jener instinctartige Glaube an Vorbedeutungen, den wir thörigter Weise Aberglaube nennen, sein Uebergewicht selbst über die ihn streitig machenden Gemüther jedes Mal behauptet, wenn ein wichtige Act des Lebens bevorsteht.

Meine Meinung ist, daß, wenn auch wenig Menschen gestehen, daß sie diesem Einflusses unterliegen, doch Viele ihm gehorchen, ohne es zu bekennen. Zu jeder andern frühern Zeit meines Lebens hätte ich gelacht, wenn« man mir bloß angedeutet hätte, daß ein abergläubischer Gedanke sich in mein Gemüth eingeschlichen aber als ich an diesem Tage den Zustand des Himmels prüfte und düstere Wolken sah, welche sich auf allen Punkten des Horizonts aufthürmten, konnte ich mich eines mir das Herz zusammenschnürenden Gefühls nicht erwehren.

Während der letzten zehn Tage war fast ununterbrochen schönes sonnenhelles Wetter gewesen; mit dem Tage meiner Vermählung kamen die Wolken, der Nebel, der Regen.

Dieser Anblick erweckte in mir Vorgefühle, die, wie ich zu mir selbst sagte, lächerlich waren, und doch lachte ich nicht darüber.

Die Abreise aufs Land sollte zu ziemlich früher Stunde angetreten werden. Wir frühstückten alle Drei gemeinschaftlich —— man beeilte sich, man aß nur wenig und sprach fast gar nicht. Mein Vater machte sich fast während der ganzen Zeit des Frühstücks Notizen oder sah Rechnungen durch, welche ihm sein Intendant vorgelegt, und Clara fürchtete augenscheinlich, ihre Gemüthsbewegung sehen zu lassen, wenn sie ein, einziges Wort spräche.

An dem Tische, an welchem wir alle Drei saßen, herrschte ein so vollständiges Schweigen, daß das Geplätscher des draußen fallenden Regens —— so wie der Morgen weiter vorrückte, bewölkte sich der Himmel immer dichter —— und die eiligen, aber leisen Tritte der Diener, die sich um den Tisch herum bewegten, deutlich hörbar waren.

Diese Mahlzeit, unser letztes Familienfrühstück für diese Saison in London, war in ihrem Fortgange und Ende so traurig, daß mir für immer eine schauerliche, eisige Erinnerung davon zurückgeblieben ist.

Endlich schlug die Stunde der Trennung. Clara schien sogar zu fürchten, mich in diesem Augenblicke anzusehen, und schlug daher rasch ihren Schleier herab, sobald der Wagen angemeldet ward.

Mein Vater drückte mir auf ziemlich kalte Weise die Hand. Ich hatte gehofft, daß er mir im letzten Augenblicke Etwas sagen würde, aber es war bloß ein sehr einfaches und sehr kurzes Lebewohl. Zorn wäre mir lieber gewesen als diese kalte höflich Zurückhaltung.

Er ersparte mir auch nicht einen stummen, anscheinend unbedeutenden Tadel, der mich aber sehr schmerzlich berührte. Als meine Schwester mir Lebewohl sagte, wartete er an der Thür des Zimmers um ihr den Arm zu bieten und sie die Treppe hinunterzuführen. Er hatte errathen, daß es die letzte kleine liebreiche Kundgebung war, die ich meiner Schwester in dieser Stunde der Trennung zu beweisen wünschte.

Clara murmelte mir mit leiser, zitternder Stimme, so daß ich sie kaum verstehen konnte, zu:

»Vergiß nicht, »was Du mir in Deinem Zimmer versprochen hast, Sidney, so oft Du an mich, denken wirst. Ich werde oft an Dich schreiben.«

Als sie ihren Schleier auf eine Minute hob, um mich zu küssen, fühlte ich meine Wangen durch die Thränen benetzt werden, die über die ihrigen herabrannen.

Ich folgte meinem Vater und ihr bis an den Fuß der Treppe. An der Hausthür bot sie mir die Hand. Es war gleichsam der Druck einer Sterbenden. Ich begriff, daß sie sich vergebens vorgenommen hatte, Muth zu zeigen, und daß sie immer schwächer und schwächer ward. Ich ließ sie daher sofort in den Wagen steigen, ohne sie durch müßige und überflüssige Abschiedsworte aufzuhalten.

Einen Augenblick später rollte der Wagen rasch davon.

Als ich in das Haus zurückgekehrt war zog. ich meine Uhr zu Rathe und sah, daß ich noch eine Stunde zu warten hatte, ehe ich mich nach der Nordvilla begeben. konnte. Unter dem Eindrucke dieses Abschieds und im Hinblicke auf den bevorstehenden Austritt, in welchem ich figuriren sollte, ward mein Gemüth von den widerstreitendsten Gefühlen bestürmt und ich litt während dieser Stunde mehr als viele Menschen während»ihres ganzen Lebend gelitten haben. Es war mir, als wenn während dieses kurzen Zwischenraumes der letzten Frist meines Schicksals, mein ganzes Empfindungsvermögen sich erschöpfte und als ob mein Herz nothwendig sodann sterben müßte.

Die Ruhe schien mir eine Marter und dennoch drückte meine Aufregung mich nieder. Ich durcheilte alle Zimmer des Hauses, ohne in einem einzigen derselben zu verweilen. Ich zog ein Buch nach dem andern aus meiner Bibliothek und öffnete es, um darin zu»lesen; den nächsten Augenblick! aber schon stellte ich es wieder auf die Bretter. Ich trat zwanzig Mal ans Fenster, um meiner Gedanken mich dadurch zu entledigen, daß ich sah, was auf der Straße passierte; aber nicht ein einziges Mal blieb ich eine volle Minute lang. Endlich lenkte ich meine Schritte, ohne recht zu wissen, was ich that, nach dem Arbeitscabinet meines Vaters, dem einzigen Zimmer, welches ich noch nicht besucht hatte.

Ein Bildniß meiner Mutter hing hier über dem Kamine. Meine Augen hefteten sich darauf und zum ersten Male machte ich eine lange Pause. Die Betrachtung dieses Gemäldes beschwichtige mich, aber dennoch wußte ich kaum, von welcher Art der Einfluß war den es auf mich ausübte. Vielleicht versetzte sein Anblick meine Gedanken in die Nähe der Geister, welche von uns geschieden sind. Vielleicht sprachen jene geheimen Stimmen, die aus der unbekannten Welt herübertönen und die nur die Seele allein zu hören vermag, in mir. Ich hatte mich während der Betrachtung dieses Bildnisses auf einen Stuhl niedergelassen —— ich schmeckte wonnige Ruhe.

Ich dachte an eine lange Krankheit, die ich als Kind gehabt, als meine kleine Wiege neben dem Bett meiner Mutter stand. Ich erinnerte mich, daß sie lange Abenden hintereinander bei mir gewesen und mich selbst gewiegt hatte.

Dieser Gedanke erzeugte plötzlich einen andern. Vielleicht schaute meine Mutter, umgeben von den Engeln Gottes, auf mich herab. Alles war so ruhig um mich heraus. Ich versank in stilles Hinbrüten und bedeckte mir das Gesicht mit den Händen.

Die Schläge einer Wanduhr weckten mich plötzlich zum Gefühle des wirklichen Lebens. Ich verließ das Haus und lenkte meine Schritte sofort nach der Nordvilla.

Als ich hier eintrat, fand ich Margarethen mit ihrem Vater und ihrer Mutter in dem Salon.

Aus den ersten Blick sah ich, daß die Eltern in der vorigen Nacht nicht gut geschlafen hatten. Die Bestimmung dieses Tages hatte auf sie wie auf mich ihren störenden Einfluß geäußert. Die Blässe, welche Mistreß Sherwins Gesicht bedeckte, erstreckte sich bis auf ihre Lippen und sie sprach kein Wort.

Mr. Sherwin bemühte sich, unerschütterlich zu scheinen, aber er war weit entfernt, ruhig zu sein. Alle Augenblicke maß er mit großen Schritten das Zimmer, in welchem wir beisammen waren, redete in die Kreuz und Quer, that die abgeschmacktesten Fragen und erlaubte sich die gemeinsten Scherze.

Ich war überrascht, Margarethen weit weniger aufgeregt zu finden als ihre Eltern. Die Augenblicke ausgenommen, wo ein frisches Incarnat ihre Wangen überzog, um sodann wieder zu verschwinden, entdeckte ich bei ihr kein äußeres Zeichen von Gemüthsbewegung.

Die Kirche war nicht weit. Als wir uns hinbegaben, fiel ein starker Platzregen und der Morgennebel bildete gleichsam einen dichten Vorhang. Wir mußten in der Sakristei auf die Ankunft des Geistlichen warten, welcher die Ceremonie vollziehen sollte. Die ganze Getrübtheit und Feuchtigkeit dieses Tages schienen sich in diesem Gemache concentrirt zu haben.

Es war ein düsteres, eisigkaltes, schauriges Zimmer. Das einzige Fenster ging auf einen Kirchhof, dessen Rasen von Feuchtigkeit dampfte. Draußen hörte man daß eintönige Plätschern des Regens auf dem Pflaster.

Während Mr. Sherwin mit dem Substituten des Geistlichen —— einem langen, hageren Manne in schwarzem Gewande —— Bemerkungen«über das Wetter wechselte, blieb ich schweigend neben Margarethen und Mistreß Sherwin sitzen und betrachtete mit mechanischer Aufmerksamkeit die in einem halb offnen Schranke hängenden weißen Chorhemden, den Taufstein und den Wasserkrug, und die massiven Bücher mit ihren braunen Ledereinbänden, die auf dem Tische standen.

Ich war während dieser Zwischenzeit des Wartens nicht im Stande zu sprechen, ja nicht einmal zu denken.

Endlich kam der Geistliche und wir traten in die eigentliche Kirche mit ihren Reihen von leeren Bänken und ihrer kalten, schwerfälligen Werktagsatmosphäre. Als wir uns um den Altar herumstellten, bemächtigte sich ein eigenthümlicher Schwindel meines Geistes. Immer undeutlicher war ich mir des Platzes, auf welchem ich stand, und selbst der Ceremonie bewußt, an welcher ich Theil nahm. Während der ganzen Handlung war ich unaufhörlich zerstreut. Ich stotterte und beging Fehler in den Antworten auf die an mich gerichteten Fragen: Einige Mal ward ich sogar ungeduldig über die Länge Länge der Ceremonie, welche mir zwei oder drei Mal so lange zu dauern schien als in gewöhnlichen Fällen.

Mit diesem Eindrucke mischte sich verworren eine oder bizarre und quälende Idee, als ob sie durch einen Traum hervorgebracht worden wäre. Ich bildete mir ein, mein Vater habe mein Geheimniß entdeckt und verlöre, in irgend einem Winkel der Kirche versteckt, mich nicht aus den Augen, während er das Ende der Ceremonie abwarten, um mich dann öffentlich anzuklagen und sich von mir loszusagen. Diese phantastische Idee klammerte sich man mein Gemüth, bis die Ceremonie beendet war und wir die Kirche verließen, um in die Sakristei zurückkehren.

Die Gebühren für die vollzogene Trauung»wurden bezahlt, wir schrieben unsere Namen. in die Kirchenbücher und in das Certificat; der Geistliche wünschte mir Glück, der Substitut ahmte ihm gravitätisch nach und die Betstuhlschließerin lächelte und machte einen Knix. Mr. Sherwin bedankte sich bei den beiden Geistlichen, küßte seine Tochter drückte mir die Hand, sah seine weinende Gattin mit unfreundlicher, gerunzelter Stirn an und ging endlich mit Magarethen voran aus der Sacristei hinaus.

Der Regen strömte immer noch.

Als Margarethe mit ihren Eltern in den Wagen stieg, zogen sich die Wolken immer dichter zusammen, und ich, der allein unter dem Porticus der Kirche stehen blieb, suchte mir selbst verständlich zu machen, daß ich nun »verheirathet« war.

Verheirathet! Der Sohn des stolzesten Mannes in England, der Erbe eines der ältesten Namen, verheirathet mit der Tochter eines Modewaarenhändlers. Und was für eine Heirath war es! Welche Bedingungen hatte man mir gestellt! Welche Billigung konnte ich erwarten! Warum war ich so leicht auf Mr. Sherwins Bedingungen eingegangen! Würde er nicht nachgegeben haben, wenn ich ein wenig Festigkeit gezeigt hätte, um meine Ansprüche aufrecht zu erhalten? Warum hatte ich hieran nicht eher gedacht?«

Was nützte es, daß ich mir jetzt diese Fragen vorlegte? Ich hatte das Uebereinkommen unterschrieben und mußte mich daran halten.

Die Blume, welche ich so innig begehrt, war mir unwiderruflich versprochen. Ich hatte ein Jahr, um sie zu cultiviren, um alle ihre Reize, ihren ganzen Werth zu studiren, und dann sollte sie auf immer mein gehören.

Dies mußte fortan mein einziger Gedanke an die Zukunft sein und er war wohl hinreichend, um mich vollständig zu beschäftigen. Darum keine Betrachtungen weiter über die Folgen, keine traurigen Ahnungen in Bezug auf die Entdeckung meines Geheimnisses —— die Ehe war geschlossen, mit Einem Sprung hatte ich mich in ein neues Leben gestürzt und es war mir, nicht mehr vergönnt, umzukehren.

Mr. Sherwin hatte mit jener unbilligen Hartnäckigkeit, welche die Art und Weise charakterisiert, auf welche engherzige Menschen ihre wichtigen Angelegenheiten behandeln, darauf bestanden; daß die erste Bestimmung unseres Vertrags —— die Trennung von meiner Gattin an der Kirchthür —— buchstäblich erfüllt würde. Um mich jedoch einigermaßen dafür zu entschädigen, sollte ich an diesem Tage in der Nordvilla speisen.

Wie sollte ich nun die Zwischenzeit hinbringen, die mich von der Stunde des Diners trennte? Ich kehrte nach Hause zurück und ließ mein Pferd satteln. Ich war weder aufgelegt, in einem leeren Hause, zu bleiben, noch die Gesellschaft eines meiner Freunde zu suchen. Ich taugte zu weiter Nichts als toll und mit wildbewegtem Herzen trotz des strömenden Regens im Freien umher zu galoppieren.

Meine ganze Ermüdung und die entnervenden Gemüthsbewegungen des Morgens, alle meine unklaren Befürchtungen während der Trauungsceremonie gingen jetzt in eine außerordentliche Ueberreiztheit des Körpers und des Geistes über.

Als das Pferd mir zugeführt ward, bemerkte ich mit Vergnügen, daß der Reitknecht es kaum zu halten vermochte.

»Halten Sie es; ja recht kurz, Sir,« sagte er. »Es ist jetzt seit drei Tagen nicht aus dem Stalle gekommen.

Diese, Mahnung versprach mir einen Mit, wie ich ihn wünschte.

Wie sprengte ich entlang, als ich London einmal hinter mir hatte und in den Zwischenräumen, wo die Atmosphäre sich ein wenig»aufhellte, die glatten, menschenleeren Straßen vor mir sah! Unter dem immer noch strömenden Regen hingaloppiren, unter mir die regelmäßige muthige Bewegung des feurigen Thieres zu fühlen, zu träumen, daß sich durch die Muskeln eine stählende Sympathie zwischen Mann und Roß begründe, wie ein Orkan an den schwerfälligen Frachtwagen, die ich überholte, vorbeizusausen, während die darin sitzenden oder daneben her laufenden Hunde mir ein wüthendes Gebell nachschickten, wie der Wind vor den Wirthshäusern an der Straße vorbeizufliegen, zum großen Vergnügen junger halbbetrunkener Leute, deren Geschrei einen Augenblick hinter mir her halbe, um sich sodann in der Ferne zu verlieren —— dies hieß so wie mein Herz es wünschte, die langwierigen, einsamen Stunden dieses seltsamen Hochzeittages tödten.

Bis auf die Haut durchnäßt, kam ich nach Hause zurück, mein Körper aber war durch die Bewegung eigenthümlich geschmeidig und rührig geworden, während meine Stimmung sich ermuntert und aufgeheitert hatte.

Als ich in der Nordvilla ankam setzte die in meinem Benehmen vorgegangene Veränderung alle Welt in Erstaunen. Mal hatte Mr. Sherwin nicht nöthig mich lange zu bitten, um mich zu bewegen, von seinem Sherry zu trinken, den er eben so wie die andern Weine, die er auf die Tafel gebracht, so sehr rühmte, indem er seine Gäste vorher sowohl von dem Jahrgange als auch von dem Preise jeder Flasche in Kenntniß setzte.

So erkünstelt meine Lebhaftigkeit auch war, so hielt sie doch aus bis zuletzt.

Jedes Mal, wo ich Margarethen sah, fühlte ich, daß ihr Anblick mich aufstachelte. Sie schien in Gedanken versunken zu sein und war während des Diners schweigsamer also gewöhnlich: Ihre Schönheit war aber gerade jene wollüstige südliche Schönheit, welche durch die Ruhe so anbetungswürdig gemacht wird.

In dem Salon, als das Diner beendet war, zeigte. Margarethe gegen mich ein zutraulicheres Benehmen und schien mir mehr Vertrauen zu beweisen als sie bis jetzt gethan. Sie sprach mit mehr Ausdruck in ihrer Stimme und auch ihre Blicke waren bedeutsamer.

Dieser Abend meines Hochzeittages ward durch hundert verschiedene kleine Vorfälle bezeichnet, die meiner Erinnerung stets gegenwärtig geblieben sind.

Es gehörte dazu auch der, daß ich meiner Braut an diesem Abende den ersten Kuß gab.

Mr. Sherwin hatte den Salon verlassen. Mistreß Sherwin begoß am andern Ende des Zimmers einige auf dem Fenster stehende Blumen und Margarethe zeigte mir auf den Wunsch ihres Vaters einige seltene Kupferstiche Sie reichte mir ein Vergrößerungsglas, durch welches ich eins dieser Blätter, welches für ein Meisterwerk galt, betrachten sollte. Anstatt aber das Vergrößerungsglas auf den Kupferstich, an welchem mir sehr wenig gelegen war, zu richten, bediente ich mich seiner, um Margarethen anzusehen. Jbr schwarzes, glänzendes Auge schien durch das Glas hindurch Flammen in das meinige zu schießen, ihr heißer Athem spielte auf meiner Wange. Dies dauerte nur einen Augenblick, aber in diesem Augenblicke gab ich ihr den ersten Kuß.

Welche Gefühle hauchte dieser Kuß mir damals ein und welche Erinnerungen hat er jetzt in mir zurückgelassen!

Ein neuer Beweis dafür, daß ich ihr eine tiefe, zärtliche und reine Liebe gewidmet, lag darin, daß ich vor dieser Zeit selbst wenn sich die Gelegenheit dazu darbot, mich gescheut hatte ihr diese erste Gunst der Liebe zu rauben, nach welcher ich schmachtete. Von Männern kann dies nicht begriffen werden, die Frauen aber werden mich, glaube ich, verstehen.

Die Stunde des Abschiede schlug, die unerbittliche Stunde, welche mich noch am Abende meiner Hochzeit von meiner Gattin trennen sollte.

Soll ich gestehen, was ich fühlte, indem ich dem Mr. Sherwin so unüberlegt gegebenen Versprechen treu blieb? Nein; ich sagte auch Margarethen Nichts von dem, was in mir vorging, und werde das Geheimniß für mich allein bewahren.

Mit auffallender Hast nahm ich Abschied von ihr. Ich fühlte mich nicht fähig, sie auf andere Weise zu verlassen Es war ihr gelungen, sich in den« dunkelsten Theil des Salons zu schleichen, so daß ich beim Abschiede ihr Gesicht nur undeutlich sah.

Ich kehrte sofort nach Hause zurück.

Sobald ich mich niedergelegt hatte und das Dunkel der Nacht mich umgab. begann ich den Rückschlag des gewaltsamen Zwanges zu fühlen, den ich mir den ganzen Tag über aufgelegt. Meine Nerven, deren Spannung den ganzen Tag hindurch eine außerordentliche gewesen, erschlafften. Ein Frösteln schüttelte meine Glieder, so daß das Bett unter mir zitterte. Eine räthselhafte Angst bemächtigte sich meiner, eine Angst, die durch keinen Gedanken veranlaßt ward und keinen zur Folge hatte; die Thätigkeit meiner ganzen Denkkraft war gelähmt. Die physische und moralische Erschütterung, welche auf diese fieberhafte Aufregung folgte, war gleichzeitig so heftig, daß das geringste Geräusch auf der Straße mich erschreckte. Das pfeifen des Windes, der sich seit Sonnenuntergang erhoben, jagte mir ebenfalls Furcht ein, mein Herz schien zuweilen förmlich still zu stehen und mein Blut ward kalt in den Adern. Dann hörte, selbst wenn keine Geräusch sich vernehmen ließ, mein Ohr das erst kommende und ich hielt den Athem, um zu horchen, ohne daß ich irgend eine Bewegung zu machen gesucht hätte.

Endlich ging diese Abspannung des ganzen Nervensystems in eine so schmerzhafte Krisis über, daß ich mich vergebens dagegen zu sträuben suchte. Wie ein Kind fürchtete ich mich vor der Finsternis. Ich suchte tastend meinen Tisch und zündete mehrere Lichter an, dann hüllte ich mich in meinen Schlafrock und setzte mich vor Frost klappernd in die Nähe des Lichtes, entschlossen, die noch übrige Zeit bis Tagesanbruch auf diese Weise zu verbringen.

Dies war meine Hochzeitsnacht und auf diese Weise endete der Tag, welcher mit meiner Vermählung mit Margarethe Sherwin begonnen hatte.



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