Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Zweiter Band - Zehntes Kapitel
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Die Heirat im Omnibus



Zehntes Kapitel

Niemals hatte ich einem so lachenden, so schönen Morgen gesehen wie an dem Tage, wo zwischen»mir und meinem Vater Alles entschieden, wo über meine Zukunft, über meine Stellung in der Familie der Urtheilsspruch gefällt werden sollte.

Der reine, unbewölkte Himmel, die Milde, weiche Temperatur, der helle, blendende Sonnenschein, welcher selbst die gewöhnlichsten Gegenstände in einem Lichtmeer schwimmen ließ -— alles Dies stand,in grellem Wiederspruche zu den Empfindungen meines Herzens, während ich so an meinem Fenster stand und an die harte Pflicht dachte die ich zu erfüllen hatte -— an das strenge Urtheil, welches noch vor dem Beginne des nächsten Tages gesprochen werden mußte.

Während der Nacht hatte ich mir keinen Plan zu der furchtbaren Enthüllung entworfen, vor welcher ich nicht mehr zurücktreten konnte. Die Krisis schien mir so drohend, daß ich mich vollkommen außer Stand fühlte, mich darauf vorzubereiten.

Ich dachte an den Charakter meines Vaters, an die Grundsätze der Ehre und Freimüthigkeit, welche er bis zum Fanatismus trieb. Ich dachte an seinen Stolz, der sich in seinen Worten allerdings sehr selten verrieth, aber deswegen nicht weniger tief in seiner Natur wurzelte und jede seiner Gemüthsbewegungen und Gesinnungen durchdrang. Ich dachte an jene beinahe weibliche Zurückhaltung, mit der es selbst die entferntesten Anspielungen und unlauteren Hindeutungen mied, von welchen andere Männer sich beim Glase so ungezwungen unterhalten, indem sie dieselben ihren Scherzen zum Grunde legen.

An alles, Dies dachte ich, und indem ich mich erinnerte, daß dies der Mann war, welchem ich die heimlich von mir geschlossene, mich so tief entehrende Vermählung offenbaren sollte, entwich die Hoffnung, die ich auf seine natürliche Liebe gesetzt, und der Gedanke, an seine ritterliche Großmuth zu appelliren, schien mir eine Verirrung, aus welche es Wahnsinn wäre, mich auch nur einen Augenblick lang zu verlassen.

Im Allgemeinen wird unsere Beobachtungsgabe schärfer, wenn unsre Denkkraft von seiner schweren Wucht niedergedrückt wird.

Allein in meinem Zimmer, horchte ich mit unerhörter ermüdender Aufmerksamkeit auf das unbedeutendste Geräusch im Hause, auf Klänge, die sich jeden Tag wiederholten, auf Einzelheiten, an welche ich bis jetzt kaum gedacht. Es war mir, als wenn das dumpfe Geräusch eines Trittes, der Widerhall einer Stimme, das behutsame Oeffnen oder Schließen einer Thür in den unteren Gemächern an diesem verhängnißvollen Tage mir ein geheimes, gegen mich, ich wußte nicht wie oder durch wen, angezetteltes Complott verrathen müßte. Zwei oder drei Mal ertappte ich mich selbst dabei, wie ich auf der Treppe stand und horchte. In welcher Absicht? Dies bin ich kaum im Stande zu sagen.

Gewiß war indessen, daß sich an diesem Morgen eine furchtbare, bedeutsame Ruhe auf das Haus nieder gesenkt hatte. Ich sah Clara nicht kommen, mein Vater ließ mir Nichts sagen —— die Klingel schien sich ganz ungewöhnlich stumm zu Verhalten. Ueber mir in der oberen Etage rührten die Dienstleute sich sticht, sie schienen gänzlich unthätig zu sein.

Auf den Zehen Zehrte ich in Mein Zimmer zurück, als ob ich fürchtete, durch das Geräusch meiner Tritte eine Katastrophe herbeizuführen, die sich im Dunkeln vorbereiten. Seit länger als Einem Jahre hatte die Wolke über unserm Herd geschwebt. Heute war der Tag, wo sie endlich zerstreut werden sollte, aber leider nicht durch die Sonne, sondern durch den Sturm.

Ich fragte mich, ob mein Vater mich wieder in meinem Zimmer aufsuchen oder ob er mich in das seinige rufen lassen würde.

Ich blieb nicht lange in Zweifel.

Ein Diener pochte an meine Thür. Es war derselbe, welcher mich in meiner Krankheit gepflegt hatte. Gern hätte ich die Hand dieses Mannes ergriffen, ihn um seine Theilnahme gebeten und bei ihm Ermuthigung gesucht.

»Sir,« sagte er, »mein Herr hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß er, wenn Sie sich wohl genug fühlen, Sie in seinem Zimmer zu sprechen wünscht.«

Ich erhob mich sofort und folgte dem Diener.

Auf dem Corridor kam ich an der Thür vorüber, welche in Clara’s Zimmer führte. Diese Thür öffnete sich. Meine Schwester trat heraus und legte die Hand auf meinen Arm. Sie lächelte, während ich sie ansah, aber ihre Augen waren geröthet vom Weinen und ihr Gesicht war todtenbleich.

»Vergiß nicht, was ich Dir gestern Abend sagte, Sidney,« murmelte sie, »und wenn vielleicht ein wenig rauhe Worte an Dich gerichtet werden, so denke an mich. Ich werde heute für Dich Alles thun, was unsere Mutter gethan hätte, wenn sie noch bei uns wäre. Dies vergiß nicht, sei standhaft und hoffe.«

Sie kehrte rasch in ihr Zimmer zurück und ich ging die Treppe hinunter.

In der Hausflur erwartete mich ein Diener mit einem Briefe in der Hand.

»Dies ist so eben für Sie abgegeben worden, Sir. Der Bote, welcher den Brief brachte, sagte, er brauche nicht auf Antwort zu warten.«

Jetzt war nicht für mich die geeignete Zeit, einen Brief zu lesen, denn die Unterredung mit meinem Vater sollte in diesem Augenblicke stattfinden. Ich schob den Brief rasch in die Tasche und bemerkte dabei bloß, daß die Handschrift der Adresse eine unregelmäßige und mir völlig unbekannte war.

Ich trat in das Zimmer meines Vaters. Er saß vor seinem Tische und war mit dem Aufschneiden einiger neuer Bücher beschäftigt. Indem er mir einen neben ihm stehenden Stuhl anwies, erkundigte er sich zugleich kurz nach dem Zustande meiner Gesundheit und setzte dann, die Stimme senkend, hinzu:

»Nimm Dir so lange Zeit als Du willst, Sidney, um Dich zu sammeln und Deine Gedanken reiflich zu erwägen. Diesen Morgen gehört meine Zeit Dir.

Damit wendete er sich ein wenig von mir hinweg« und fuhr fort, die vor ihm liegenden Bücher aufzuschneiden.

Ich fühlte mich immer noch nicht fähig, mich auf irgend eine Weise auf die Enthüllung vorzubereiten, die man von mir erwartete. Trotz der warmen Luft, welche zu dem geöffneten Fenster hereindrang, fröstelte ich Ohne Gedanken, ohne Hoffnung, ohne irgend ein Gefühl als höchstens das der Dankbarkeit für die mir auf diese Weise gewährte Frist, ließ ich meine« Augen mechanisch rings im Zimmer umherschweifen, als ob ich den Urtheilsspruch, der über mich gefällt werden sollte, an den Wänden angeschrieben zu sehen erwartete.

Welcher Mensch hat jemals-erfahren, daß alle seine Denkkraft, selbst in der drückendsten moralischen Beengung, auf einen und denselben Gegenstand concentrirt war? In diesen Augenblicken drohender Gefahr wendet sich der Geist, trotz der Gegenwart, unwillkürlich zurück zur Vergangenheit. In den Augenblicken bitterer Betrübniß denkt er plötzlich, uns selbst zum Trotze, an geringfügige, alltägliche Dinge.

Ich saß schweigend in dem Cabinette meines Vaters, und die verschiedenen Theile und Gegenstände dieses Zimmers riefen, Erinnerungen aus meiner Kindheit wach, die sich an jeden derselben knüpften —— Erinnerungen, die ich seit langer Zeit vergessen und deren Wiedererwachen gleichwohl durch meine Unruhe und fieberhafte Aufregung nicht verhindert ward. Die, Erinnerungen, welche in diesem kritischen Augenblicke zuletzt hätten erwachen sollen, waren gerade die ersten die sich in mir regten.

Mit schwellendem, Herzen und fieberhaften Augen betrachtete ich die Wände rings um mich her. Dort in jenem Winkel, befand sich die rothe Tapetenthür, welche in die Bibliothek führte. Wie oft hatten Ralph und ich, als wir noch Knaben waren, einen schüchternen, neugierigen Blick durch diese Oeffnung geworfen, um zu sehen, was unser Vater in seinem, Cabinet machte, und uns über die große Anzahl von Briefen zu wundern, die er schrieb so wie über die Menge, Bücher, welche er lesen mußte! Wie waren, wir eines Tages Beide erschrocken als er uns ertappt und tüchtig ausgescholten hatte! Wie glücklich waren wir einen Augenblick später gewesen, nachdem wir ihn gebeten, uns zu verzeihen, und er uns zum Beweise seiner Verzeihung mit einem großen Bilderbuche zum Ansehen in die Bibliothek zurückgeschickt hatte!

Vor dem Fenster stand das alte, hohe antike Pult von Acajouholz, aus welchem noch derselbe große Folioband mit Bildern aus der biblischen Geschichte lag, in welchem Clara und ich zuweilen Sonntags Nachmittags blättern durften, wobei wir immer wieder neuen Genuß fanden.

Und in der Wandvertiefung, zwischen zwei Büchergestellen, sah ich denselben alten Secretair mit seinen Reihen von kleinen Schubfächern und auf dem oberen Aufsatze die alte französische Stutzuhr, die früher meiner Mutter gehört, und welche die Stunden so hell und munter schlug. Vor diesem Secretair sagten Raiph und ich unserm Vater Lebewohl, wenn wir nach den Ferien wieder auf die Schule zurückkehrten, und erhielten unser kleines Taschengeld. Aus einem dieser kleinen Schubfächer nahm unser Vater das Geld.

Dicht daneben erwartete uns gewöhnlich Clara, damals ein rosiges Kind, mit ihrer Puppe auf dem Arme, um ebenfalls von uns Abschied nehmen, wie sie niemals zu thun verfehlte, und um uns aufzufordern, bald wiederzukommen und dann nicht wieder fortzugehen.

Ich drehte mich um und schaute nach dem Fenster hin, denn die Erinnerung, welche dieses Zimmer mir zurückrief, bedrückte mich.

Draußen indem beschränkten Raume des Gartens murmelten einige verkümmerte mit Straßenstaub bedeckte Bäume eben so angenehm als wenn ein frischer Wind auf einer freien, offenen Wiese durch ihr Laubwerk geweht hätte. Weiterhin hörte ich das verworrene Summen der Straße, das Wühlen und Treiben London? am hellen Mittage Gleichzeitig und näher aus einer Seitengasse drang der muntere Ton einer Drehorgel. Sie spielte eine reizende Polka, nach welcher ich oft getanzt.

Welche ironische Erinnerungen im Innern, welche ironische Töne von draußen bildeten das Vorspiel zu dem traurigen Geständnisse, welches ich zu thun hatte und welches davon begleitet sein sollte! Die Minuten folgten mit unerbittlicher Schnelligkeit auf die Minuten, aber dennoch brach ich das Schweigen nicht. Langsam und ruhig richtete ich meine Augen wieder auf meinen Vater. Er fuhr fort, nicht nach mir her zu sehen, und schnitt immer noch seine Bücher auf.

Selbst bei dieser geringfügigen Verrichtung verriethen sich aber die Gemüthsbewegungen, die er zu verbergen bemüht war, auf furchterregende Weise. Seine gewöhnlich so feste und geschickte Hand zitterte sichtlich und das Papiermesser schnitt oft schräg und in die Seiten hinein.

Ich glaube, er errieth, daß ich ihn ansah, denn er unterbrach sich plötzlich in seiner Beschäftigung und drehte sich ohne Weiteres nach mir herum.

»Ich habe mir vorgenommen, Dir Zeit zu lassen,« sagte er, »und es fällt mir auch nicht ein, meinem Entschlusse untreu zu werden. Nur bitte ich Dich, zu bedenken, daß jede Minute Verzögerung den Schmerz und die Unruhe steigert die ich um Deinetwillen empfinde.«

Er nahm wieder »ein frisches Buch zur Hand und setzte in leiserem Tone hinzu:

»Raph würde an Deiner Stelle schon gesprochen haben.«

Wieder Ralph! Ralph’s Beispiel ward mir abermals vorgehalten! Nun konnte ich nicht länger schweigen.

»Die Fehler, welche mein Bruder an Dir und an seiner Familie begangen hat, sind nicht mit den meinigen zu vergleichen, lieber Vater,« begann ich. »Ich habe nicht seine Laster nachgeahmt Ich habe gehandelt, wie er an meiner Stelle nicht gehandelt haben würde, und dennoch hat keine seiner Verirrungen ein so unheilvolles Resultat gehabt, als welches das meines Fehltrittes in Deinen Augen erscheinen wird.«

Er sah mich scharf an, indem ich diese Worte sprach. Ein düsteres Feuer entzündete sich in seinen Augen und der bedeutsame rote Fleck kam auf seinen bleichen, Wangen sofort zum Vorscheine.

»Was willst du damit sagen?« fragte er kurz.

»Ich, will diese Frage auf, indirecte Weise beantworten, lieber Vater,« entgegnete ich. Gestern Abend fragtest Du mich wer jener Mr. Sherwin sei, der so oft hier in unserm Hause gewesen ist, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen.«

«Ja wohl! Auch heute Morgen ist er wieder dagewesen. Uebrigens habe ich auch noch andere Fragen an Dich zu richten. In Deinem Delirium hast Du nicht aufgehört, einen Frauennamen zu nennen. Vorher aber wiederhole mich die Frage: Wer ist dieser Mr. Sherwin?

»Er wohnt in -—-—«

»Ich frage Dich nicht wo er wohnt, was er ist, was er macht?

»Mr. Sherwin ist Modewarenhändler in, Orfordstreet.«

»Du bist ihm wohl Geld schuldig? Er hat Dir welches geliehen, nicht wahr? Schweig’! Deine Umschweife und Ausreden nützen Dir bei mir Nichts. Warum hast Du mir dies nicht sogleich gesagt? Du hast mein Haus beschimpft, indem Du diesen Menschen nöthigst, hierher zu kommen, um Dich zu mahnen. Er nannte sich, indem er sich nach Deinem Befinden erkundigte, Deinen Freund —- dies haben mir die Diener wiedererzählt. Dieser Krämer, dieser Geldwucher ist also Dein Freund! Wenn man mir gesagt hätte, da? der ärmste Tagelöhner, welcher auf meinen Aeckern arbeitet, sich Deinen Freund nennt, so würde ich Dich durch die Anhänglichkeit und Dankbarkeit eines ehrlichen Mannes geehrt geglaubt haben. Wenn ich aber höre, daß dieser Name Dir von einem Krämer und Geldwucherer gegeben worden ist, so betrachte ich diese Beziehung zu Leuten, welche aus dem Betruge ein Handwerk machen, als einen Schandflecken für Dich. Du hast recht, Sidney, wenn Du Dich scheust, Dich mir zu entdecken. Wie viel bist Du ihm schuldig? Wo sind die entehrenden Papiere, die Du unterschrieben hast? Oder hast Du vielleicht von meinem Namen und meinem Credit unerlaubten Gebrauch gemacht? Sage es mir sofort -— ich will es wissen.«

Er sprach sehr schnell und in verächtlichem Tone, dann stand er von seinem Stuhle auf und ging mit ungeduldiger Miene im Zimmer auf und ab.

»Ich bin Mr. Sherwin kein Geld schuldig, Vater -—-— ich bin Niemandem Geld schuldig.«

Er blieb stehen.

»Du bist Niemandem Geld schuldig?« wiederholte er in sehr langsamem und sehr verändertem Tone. »Dann handelt es sich also um etwas noch Schlimmeres als Schulden?«

In diesem Augenblicke ließ ein leichter Tritt sich in dem Nebenzimmer vernehmen. Mein Vater drehte sich sofort herum und verriegelte die Thür, welche in dieses Zimmer führte.

»Sprich hob er wieder an, »und sprich offen und ehrlich, wenn Du kannst. Warum hast Du mich hintergangen? Während Deines Fieberwahnsinnes nanntest Du fortwährend einen Frauennamen und ließest dabei noch allerhand seltsame Worte fallen, die es mir unmöglich war vollständig zu fassen. Dabei aber sagtest Du genug, um uns Anlaß zu der Vermuthung zu geben, daß diese Person zu den verworfensten ihres Geschlechts gehört, daß ihre Immoralität -—-— doch es ist zu empörend, mich zu nöthigen, von ihr zu sprechen. Ich verlange daher sofort zu wissen, bis zu welchem Punkte das Laster Dich verleitet hat, Dich mit diesem Geschöpfe zu compromittiren.«

»Sie hat mich betrogen, —— grausam, entsetzlich betrogen -——«

Mehr konnte ich nicht sagen -——- mein Kopf neigte sich aus die Brust, die Scham zermalmte mich.

»Wer ist sie? Du nanntest sie Margarethe in Deinem Delirium -——- wer ist sie?«

»Sie ist Mr. Sherwin’s Tochter und -—-—«

Die beiden Worte, welche ich hinzufügen wollte, drohten mir die Kehle zuzuschnüren, Ich verstummte.

Ich hörte ihn bei sich Murmeln:

»Die Tochter dieses Mannes! Dieser Köder ist noch verächtlicher als der des Geldes.«

Er neigte sich zu mir und sah mich an, als ob er in meiner innersten Seele lesen wollte. Ich fühlte, wie ich mit einem Male todtenbleich ward.

»Sidney!« rief er in einem Tone, der beinahe der des Entsetzens war, »um Himmels willen, antworte mir augenblicklich, die Tochter dieses Mr. Sherwin, was ist sie für Dich?«

»Mein Weib!«

Ich hörte keine Antwort, meine Augen waren von Thränen geblendet -——- mein Gesicht war auf die Diele geneigt, -—— anfangs sah ich Nichts.

Als ich den Kopf wieder emporrichten, als ich mir die Thränen getrocknet, welche mir die Augen verdunkeltem als ich endlich aufblickte, drang mir das Blut eisig kalt ins Herz zurück.

Mein Vater stand mit dem Rücken an einen der Bücherschränke gelehnt und hielt die Arme über der Brust gekreuzt. Sein Kopf war zurückgebogen, seine weiß gewordenen Lippen zitterten, ließen aber keinen Ton entschlüpfen. Sein Gesicht war verstört, und die Veränderungen, welche der Tod herbeiführt, können nicht furchtbarer sein.

Von Schrecken ergriffen, eilte ich auf ihn zu und versuchte seine Hand zu ergreifen. Es war, als ob meine Berührung ein Feuer wäre, welches seinen ganzen Körper durchzuckte. Er richtete sich sofort in die Höhe und stieß mich weit von sich hinweg, ohne ein« einziges Wort zu sprechen.

In diesem furchtbaren Augenblicke, unter diesem entsetzlichen Schweigen mischte sich das Rauschen der Bäume mit dem gedämpften Rollen der Wagen draußen, während die Drehorgel einen luftigen Walzer spielte.

Einige Minuten lang blieben wir einander so gegenüber stehen. Keiner von Beiden bewegte sich oder sprach ein Wort. Hierauf sah ich ihn sein Tuch aus der Tasche ziehen und sich über das Gesicht fahren. Sein Athemzug war schwer und gedrückt —-— er lehnte sich wieder an den Bücherschrank. Als er sein Tuch wegnahm und mich wieder ansah, begriff ich, daß der Kampf zwischen seiner Vaterliebe und seinem Familienstolze beendet war, und daß die Kluft, die uns fortan trennen sollte, sich zwischen Vater und Sohn gähnend geöffnet hatte.

Mit gebieterischer Gebärde befahl er mir wieder auf meinem Stuhle Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich jedoch nicht. Während ich ihm gehorchte, sah ich, daß er die Glasthür des Schrankes, an den er sich gelehnt, öffnete und die Hand auf eines der darin stehenden Bücher legte.

Ohne sich herumzudrehen, ohne mich anzusehen, fragte er mich, ob ich ihm Nichts weiter zu sagen hätte.

Die seltsame Ruhe, die in seinem Tone lag, die Frage selbst und der Augenblick, in welchem er sie mir stellte, die Gewalt, welche er sich anthun mußte, um kein einziges Wort der Entrüstung, des Zornes und des Kummers auszusprechen, nachdem ich ihm jenes Geständnis gethan, raubte mir selbst die Fähigkeit zu reden.

Er trat ein wenig von dem Bücherschrank hinweg, während er die Hand immer noch auf dem Buche ruhen ließ, und wiederholte seine Frage. Seine Augen hatten, als sie den meinigen begegneten, einen schlaffen, mürrischen Blick, als ob sie lange Zeit genöthigt gewesen wären, widerliche, unangenehm berührende Gegenstände zu betrachten. Das aristokratische Phlegma war aus seiner Physiognomie verschwunden und diese hatte einen Ausdruck von Schroffheit und Kälte angenommen, welche die Züge wie mit einem Zauberschlage verändert hatte. Er schien seitdem ich die letzten verhängnißvollen Worte gesprochen, plötzlich um zehn Jahr älter geworden zu sein.

»Hast Du mir noch Etwas zu sagen?«

Als ich diese furchtbare Frage wiederum an mich richten hörte, sank ich auf den Stuhl nieder, neben welchem ich stehen geblieben war, und bedeckte mir das Gesicht mit den Händen.

Ohne mir Rechenschaft von der Reihenfolge zu geben, in welcher ich sprach, oder von dem Beweggrund, der mich zum Sprechen trieb, ohne noch den mindesten Rest von Hoffnung in mir zu fühlen, ohne eine Veränderung an meinem Vater zu erwarten, ohne an etwas Anderes zu denken als die Strafe für meinen Fehltritt mit ihrer vollen Wucht auf mich herabstürzen zu lassen, begann ich die traurige Erzählung meiner Heirath und alles dessen was daraus gefolgt war.

Ich entsinne mich nicht mehr der Ausdrücke, deren ich mich bediente, oder Dessen, was ich zu meiner Vertheidigung geltend machte. Ich war wie in einem Schwindel befangen, oder vielmehr, ich sank immer mehr in eine tödtliche Erstarrung. Ich sprach, ohne mich sprechen zu hören, schnell und ohne strengen Zusammenhang, bis ich durch die Stimme meines Vaters abermals zum Schweigen gebracht und zu mir selbst zurückgerufen ward. Ich glaube, ich war bei dem letzten, bei dem schmachvollsten Theile meines Geständnisses angelangt, als er mich unterbrach.

»Erspare mir alle diese Einzelheiten,« sagte er in hastigem, trockenem Tone. »Du hast mich hinreichend gedemüthigt —- Du hast mir genug gesagt«

Er zog das Buch, auf welchem während dieser ganzen Zeit seine Hand geruht hatte, aus dem Schranke und näherte sich damit dem Tische. Einen Augenblick blieb er bleich Kind schweigend stehen, dann schlug er langsam die erste Seite des Buches auf und setzte sich.

Ich erkannte das Buch sofort. Es war eine biographische Geschichte unsrer Familie, welche bis zu seinen ersten Ahnen zurückreichte und bis auf die Geburt seiner eignen Kinder fortgeführt war. Die Quartblätter von starkem Pergament waren nach Art der alten Manuscripte mit schönen Malereien geschmückt. Dieses Buch hatte ihm jahrelange Forschungen und angestrengten Fleiß gekostet. Auf jedem Blatte standen in regelrechter Ordnung die Tage der Geburt und des Todes, die Vermählungen und die Güter, die Waffenthaten und die mittelalterlichen Titel eines jeden der normannischen Barone, von welchen er seine Abstammung herleitete.

Mein Vater wendete langsam und schweigen die Blätter dieses Buches um, welches seiner Ansicht nach, wie ich glaube, nächst der Bibel das ehrwürdigste war, welches es für ihn gab, die bis er zum letzten Blatte kam, welches meinem Namen gewidmet war. oben am Rande dieses Blattes befand sich mein Miniaturportrait, welches gemalt worden, als ich noch Kind war. Unten stand der Tag meiner Geburt, mein Name, der der Schule und der Universität wo ich meine Studien gemacht, so wie der des Standes, welchem ich mich gewidmet. Der leer gelassene Raum war bestimmt, später andere Nachrichten über meine Person aufzunehmen.

Dieses Blatt war es, auf welches mein Vater seinen Blick heftete. Er beobachtete immer noch dasselbe Schweigen und sein Gesicht hatte immer noch denselben starren, kalten Ausdruck.

Die Drehorgel war verstummt, aber das sanfte Rauschen der Bäume, so wie, das dumpfe Rollen der Wagen schlug immer noch an unser Ohr. In dem Garten eines benachbarten Hauses kamen einige Kinder heraus, um zu spielen, »-

In demselben Augenblicke, wo ihre frischen, muntern, fröhlichen Stimmen in der weichen Sommeratmosphäre zu uns herauf drangen sah ich meinen Vater, während er noch immer die Augen auf das Blatt geheftet hielt, seine zitternden Hände nach meinem Bildnisse ausstrecken, so daß mir der Anblick desselben entzogen ward.«

Hierauf sprach er, aber ohne die Augen aufzuheben und als ob er mehr mit sich selbst spräche als zu mir. Seine sonst, so helle, biegsame und wohlklingende Stimme, hatte jetzt etwas so Rauhes und Heiseres, daß sie an mein Ohr schlug wie die eines Fremden.

»Als ich heute Morgen hierher kam,« hob ernst, »hatte ich mich auf eine peinliche und schmerzliche Unterredung gefaßt gemacht Ich wußte, daß das Geständniß gewisser Fehltritte und beklagenswerther Verirrungen mich betrüben und daß es vielleicht trotz meines guten Willens nicht von mir abhängen würde, sie später vergessen zu können. Weit entfernt aber war ich, darauf gefaßt zu sein, zu hören, welchen Makel mein eigner Sohn mir und den Meinigen aufgedrückt welchen Mißbrauch er mit dem Vertrauen getrieben, welches ich so stolz war, ihm zu bezeugen. Ich brauche meiner Entrüstung nicht Worte zu leihen —-— Deine Verdammung hängt nicht von mir ab —— Du bist der Strafbare und schon hat die Strafe Dich ereilt. Aber nicht Dich allein treffen die Wirkungen derselben, sondern auch Deinen Bruder und seinen Vater —— ja sogar der reine Name Deiner Schwester kann jetzt -——«

Er schwieg und schauderte. Als er weiter sprach, ward seine Stimme immer matter und sein Kopf neigte sich auf die Brust herab.

»Ich sage Dir nochmals, Du bist zu tief gesunken, als daß ich Dir Vorwürfe machen oder ein Verdammungsurtheil über Dich aussprechen könnte. Ich habe aber eine Pflicht gegen meine beiden Kinder, die nicht hier zugegen sind, zu erfüllen —— nachdem diese Pflicht erfüllt sein wird, hebe ich zu Dir ein letztes Wort zu sprechen. Auf diesem Blatte er zeigte mit dem Finger auf das Familienstammbuch, sein Ton ward fester, während seine Züge sich auf seltsame Weise verdüsterten, »auf diesem Blatte war ein freier Raum reserviert, um die künftigen Ereignisse Deines Lebens darein zu schreiben. Wenn ich Dich daher noch als meinen Sohn anerkennte, wenn ich glaubte, daß Deine Gegenwart mit der Gegenwart meiner Tochter in einem und demselben Hause vereinbar wäre, so müßte ich hier eine infamirende Thatsache niederschreiben, welche niemals seit Jahrhunderten eine einzige Seite dieses Buches besudelt hat. Dieser entehrende Schandfleck Deiner Heirath und ihre Folgen würde sich nothwendig auf Alles erstrecken, was vor Deiner Zeit rein von Makel ist, und eben so bis zum Ende über Alles hinwegreichen, was später diesem Buche noch hinzugefügt werden würde. Dies darf aber nicht geschehen. Ich setze keine Hoffnung und kein Vertrauen mehr auf Dich. Ich sehe in Dir nur noch meinen Feind, den Feind meines Hauses. Wollte ich Dich noch meinen Sohn nennen, so wäre dies ein Spott, eine Heuchelei. Es hieße Clara und sogar Ralph beleidigen, wenn ich Dich noch als mein Kind betrachten wollte. In diesem Buche der Erinnerungen ist Dein Platz auf immer vernichtet. Wollte Gott, ich könnte die Vergangenheit eben so aus meinem Gedächtnisse reißen, wie ich dieses Blatt aus diesem Buche reißen kann!«

Während er noch sprach, schlug die Stunde und die alte französische Uhr ließ dasselbe kleine silberne Glockenspiel hören, welches ich in Gegenwart meiner Mutter so oft mit kindischer Freude in ihrem Zimmer angehört. Es war lange; sehr lange her. Der muntere Glockenton verschmolz sich mit dem Geräusche des Pergamentblattes, welches mein Vater aus den Buche und dann in kleine Stücken riß, die er auf die Diele warf. Nachdem er das Buch zugeschlagen, erhob er sich rasch.

Seine Wangen rötheten sich noch ein Mal, und als er wieder zu sprechen begann, ward seine Stimme immer lauter. Es war, als wenn er seinem Entschlusse, mich zu verstoßen, selbst nicht traute und in seinem Zorne die Kraft der Entschließung suchte, welche er in ruhiger Stimmung nicht im Stande gewesen wäre, gegen mich aus sich selbst zu schöpfen.

»Jetzt mein Herr,« hob er an, »wollen wir mit einander sprechen wie ein Fremdling zu dem andern. Sie sind Mr. Sherwins Sohn aber nicht mehr der meinige. Sie sind der Gatte seiner Tochter und gehören nicht mehr zu meiner Familie. Stehen Sie auf mein Herr, wie ich Ihnen das Beispiel dazu gegeben habe —— wir Können nicht länger mit einander in einem und demselben Zimmer sitzen. Schreiben Sie -—— »er schob mir Schreibzeug und Papier hin —— »schreiben Sie Ihre Bedingungen nieder. Ein schriftliches Versprechen werden Sie vielleicht respektieren. Schreiben Sie die, Bedingungen nieder, unter welchen Sie sich dazu verstehen, auf Zeit Ihres Lebens dieses Land zu verlassen, und nennen»Sie den Preis Ihres Schweigens so wie dessen Ihrer Mitschuldigen -—— verstehen Sie mich? Schreiben Sie, was Ihnen beliebt. Ich bin, zu allen Opfern bereit, dafern Sie nur England verlassen ewiges Schweigen bewahren und auf den Namen verzichten, den Sie geschändet haben. Mein Gott! Muß ich es erleben, das Schweigen über die Schande meiner Familie mit Geld zu erkaufen und einen solchen Handel mit meinem Sohne zu machen!«

Verzweiflung und Scham hatten bis jetzt meine Zunge« gefesselt. Ich hatte kein einziges Wort zu meiner Verteidigung gewagt, aber diese letzte Anrede rüttelte mich wieder zur Energie empor. Ein Grad von dem Stolze meines Vaters erwachte in meinem Herzen dieser Verachtung gegenüber.

Ich richtete den Kopf empor un zum ersten Male schauten meine Augen direct in die seinigen. Ich schob die Schreibmaterialien weit von mir hinweg und verließ meinen Platz neben dem Tische.

»Bleib,« rief er, »Du wirst noch nicht gehen. Willst Du vielleicht thun, als hättest Du mich nicht verstanden?«

»Eben weil ich Dich verstanden habe, Vater, gehe ich. Ich habe Deinen Zorn verdient und mich ohne Murren Allem unterworfen, was er über mich verhängen würde. Mit welcher Demüthigung aber ich auch gestraft worden bin und wie groß mein Unglück auch sein mag, so kann ich doch nicht vergessen, daß ich eine so harte Züchtigung nicht verdient habe. Ich habe unrecht an Dir gehandelt, ich habe vergessen, was ich dem Range unsrer Familie schuldig war. Nach der andern Seite dagegen habe ich ehrenwerth und vollkommen gewissenhaft gehandelt. Vielleicht hatte ich das Recht, zu erwarten, daß Du dies als eine Milderung meines Fehlers betrachten würdest; vielleicht durfte ich nicht glauben, daß den Gefühlen, mit welchen Du meinen Fehltritt betrachtest, sich einiges Mitleid beigesellen würde, aber dennoch hatte ich, glaube ich, das Recht, zu hoffen, daß Deine Verachtung eine stillschweigende und daß die letzten Worte, die Du an mich richtest, keine Beleidigung sein würden.«

»Du sprichst von Beleidigung und wagst diesen Ton anzunehmen? Ich sage Dir nochmals, ich verlange von Dir eine schriftliche Verpflichtung, wie ich sie von einem fremden Menschen, dem ich mißtraue, verlangen würde. Ich will sie haben, ehe Du dieses Zimmer verlässt.«

»Alles, was diese demüthigende Schrift mir auflegen soll, werde ich ohnehin thun und mehr noch. Die Ehre Deiner Familie wird mir stets so heilig bleiben als Dir selbst. Ich werde Deinen Namen vor dem Brandmale bewahren, das sich an den meinigen heftet. Dabei aber will ich nur meinem eignen Willen folgen. Ich will nur durch eine gegen mich selbst übernommene Verpflichtung verbunden sein. Ich will mich nicht dafür bezahlen lassen. Ich bin noch nicht so tief gesunken, daß ich Lohn für Erfüllung einer Pflicht verlangte. Es steht Ihnen frei, zu vergessen, daß Sie mein Vater sind, aber ich werde niemals vergessen, daß ich Ihr Sohn bin.«

»Mögen Sie dies vergessen oder nicht, so frage ich weiter nicht darnach. Ich bestehe darauf, diese schriftliche von Ihnen unterschriebene Verpflichtung zu haben, wäre es auch nur, um zu zeigen, daß ich aufgehört habe, Ihrem Worte Vertrauen zu schenken. Schreiben Sie auf der Stelle, mein Herr —— verstehen Sie mich? Schreiben Sie!«

Ich rührte mich nicht und antwortete nicht.

Die Züge meines Vaters, in denen eine neue Veränderung vorging, wurden noch bleicher. Seine Finger zitterten krampfhaft und zerknitterten den Bogen Papier, als er ihn von dem Tische hinweg nehmen wollte.

»Sie weigern sich!« rief er in kurzem Tone.

»Ich habe es Ihnen schon gesagt, mein Herr.«

»Hinaus!« rief er nun, indem er mit zorniger Gebärde auf die Thür zeigte; »hinaus mit Ihnen aus diesem Hause, welches Sie niemals wieder betreten werden! Hinaus mit Ihnen! Sie sind von nun an für mich nicht bloß ein Fremdling, sondern ein Feind! Ich habe kein Vertrauen zu dem einfachen Versprechen, welches Sie mir gegeben. Es giebt keine Nichtswürdigkeit, deren ich Sie nicht fähig glaubte. Aber ich sage Ihnen —— Ihnen sowohl als den Elenden, mit welchen Sie gemeinschaftliche Sache gemacht haben —— nehmen Sie sich in Acht. Ich besitze Vermögen, ich besitze Einfluß —— ich bekleide einen Rang, ich werde Alles gegen den Mann oder das Weib aufbieten, welche den makellosen Ruf meiner Familie compromittiren würden. Gehen Sie merken Sie sich das! Gehen Sie!«

Als er, diese letzten Worte sprach und in demselben Augenblicke, wo meine Hand sich auf das Thürschloß legte, ließ ein halb ersticktes Seufzen oder Schluchzen sich. in der Richtung des Bibliothekzimmers hören.

Mein Vater schwieg und ließ seine Blicke-umherschweifen.

Durch, ich weiß nicht welche Inspiration bewogen, blieb ich ebenfalls stehen. Meine Augen folgten den seinigen und hefteten sich auf den Vorhang, der die in Bibliothek führende Thüre verdeckte.

Dieser Vorhang hob sich ein wenig, fiel wieder, ward aber, mit Einem male gänzlich auf die Seite geschlagen.

Clara trat langsam und-geräuschlos in das Zimmer. Ihr stilles und so unvorhergesehenes Eintreten in diesem Augenblicke, ihr hohler stierer Blick, ihr bleiches Gesicht, ihre weiße Kleidung, ihr langsamer Gang und die Sorgfalt, mit der sie das Geräusch ihrer Tritte gedämpft hatte, Alles trug dazu bei, ihrer Erscheinung etwas Uebernatürliches zu verleihen. Es war, als wenn Clara's Geist und nicht sie selbst auf uns zukäme.

Als sie an meinem Vater vorüber schwebte, nannte er im Tone des Erstaunens ihren Namen, aber es war mehr ein verhaltenes Murmeln als ein Ruf.

Einen Augenblick lang blieb sie zögernd stehen.

Ich sah sie zittern, als ihre Augen denen unsres Vaters begegneten, dann richtete sie dieselben wieder auf mich, näherte sich einige Schritte, ergriff mich bei der Hand und stellte sich neben mich, unserem Vater gegenüber.

»Clara,« rief nochmals in demselben gedämpften Tone.

Ich fühlte die kalte Hand des armen Mädchens fest die meine drückend, so fest, daß ihre schlanken Finger mir fast Schmerz verursachten. Ihre Lippen bewegten sich, brachten aber nur unartikulierte Laute hervor, so gebrochen keuchte ihr Athem.

»Clara!« wiederholte mein Vater zum dritten Male in festerem Tone.

Bei den ersten Worten aber, die er hinzufügte, ward seine Stimme wieder hohl und umschleiert, denn in demselben Augenblicke erfuhr er jenen mächtigen Einfluß, den die Ritterlichkeit seines Charakters, die sich im vorliegenden Falle mit seiner väterlichen Liebe zu meiner Schwester verschmolz, auf ihn ausübte.

»Clara,« sagte er in traurigem, mattem Tone, laß seine Hand los —— Deine Gegenwart ist hier am unrechten Orte. Verlaß uns —— ich bitte Dich, Du darfst nicht seine Hand ergreifen. Er hat eben so aufgehört, mein Sohn als Dein Bruder zu sein. Clara, hörst Du mich nicht?«

»Verzeihe mir, mein Vater, ich höre Dich,« antwortete sie. »Gebe Gott, daß meine Mutter im Himmel Dich nicht auch höre!«

Er näherte sich ihr, aber bei den letzten Worten, die sie sprach, blieb er plötzlich stehen und wendete das Gesicht von uns ab. Wer konnte sagen, welche Erinnerungen an vergangene Tage in diesem Augenblicke in seinem Herzen erwachten?

»Du hast« gesprochen, Clara, wie Du nicht sprechen solltest,« fuhr er fort, ohne den Kopf emporzurichten. »Deine Mutter-« seine Stimme zitterte und versagte ihm. »Wirst Du nach Dem, was ich Dir so eben gesagt, fortfahren, ihm die Hand zu reichen? Ich sage Dir nochmals: Er ist unwürdig, vor Deinen Augen zu erscheinen. Mein Haus ist fortan nicht mehr das seine —— muß ich Dir befehlen, von ihm abzulassen?«

Der Instinct des Gehorsams behauptete die Oberhand. Clara ließ meine Hand los, aber ohne sich deswegen von mir zu entfernen.

»Verlaß uns jetzt, Clara,« fuhr mein Vater fort. »Du hast unrecht daran gethan, in dem Nebenzimmer unser Gespräch anzuhören. Wenn ich hinaufkomme, werde ich mit Dir sprechen, hier darfst Du nicht länger bleiben.«

Sie faltete ihre zitternden Hände und seufzte schwer.

»Ich kann nicht gehen,« sagte sie sehr rasch und ohne Athem zu schöpfen.

»Dann« muß ich Dir wohl zum ersten Male sagen, daß Du als ungehorsame Tochter handelst.«

»Ich kann nicht,« antwortete sie wieder in dem selben bittenden Thone, »ich kann nicht eher, als bis Du mir gesagt hasts daß Du ihm verzeihen wirst.«

»Ich sollte ihm verzeihen? Ich sollte vor solchen Gräueln die Augen verschließen? Clara, bist Du so verändert, daß Du mir offenen Widerstand zu leisten wagst?«

Indem er dies sagte, entfernte er sich einige Schritte von uns.

»O nein, nein!« rief sie und eilte auf ihn zu, blieb aber auf der Hälfte des Weges stehen und drehte sich wieder nach mir herum —— ich stand immer noch an der Thür.

»Sidney,« rief sie, »Du hast mir nicht Wort gehalten! Du hast nicht Geduld genug gehabt. —— O, mein Vater, wenn ich jemals Deine Güte verdient habe, so trage sie auf ihn über! Sidney, sprich doch! Sidney, bitte unsern Vater auf den Knieen um Verzeihung! O, mein Vater, ich habe ihm versprochen, daß Du ihm Verzeihung gewähren würdest, wenn ich Dich darum bäte! Keiner spricht ein Wort. O, das ist zu schrecklich!. Geh’ noch nicht fort, Sidney —— geh’ noch nicht fort! O, mein Vater bedenke, wie gut, wie freundlich er gegen mich gewesen ist -— er —— der geliebte Sohn unsrer armen Mutter —— ich muß wohl von, ihr sprechen. Du hast mir selbst gesagt, daß er von meinen beiden Brüdern der gewesen ist, welchen sie immer am meisten geliebt hat. Er war der Liebling meiner Mutter. Willst Du um eines ersten Fehltrittes, um eines ersten Kummers willen, den er Dir bereitet, sagen, daß unser Haus fortan nicht mehr das seinige sei? Strafe mich, mein Vater —— ich habe eben so gut unrecht gehandelt als er. Als ich hörte, daß Eure Stimmen sich so laut erhoben, horchte ich in der Bibliothek —— Sidney! O, er geht —— nein, nein —— noch nicht!«

Sie eilte nach der Thüre, als ich dieselbe öffnete, und schlug sie heftig wieder zu. Erschreckt durch die Aufregung, welcher ich sie zur Beute werden sah, war mein Vater, während sie sprach, in seinen Sessel niedergesunken. Jetzt erhob er sich und sagte:

»Clara, ich befehle Dir, ihn gehen zu lassen.«

Dann kam er einige Schritte auf mich zu und rief:

»Gehen Sie —— seien Sie wenigstens so menschlich mich von der Qual zu befreien, dir Ihr Anblick mir verursacht.«

Ich sagte leise zu meiner Schwester:

»Ich werde Dir schreiben, liebe Schwester.«

Dann machte ich mich aus ihren Armen los, welche fest und doch weich meinen Hals umschlungen hielten. Auf der Schwelle der Thür drehte ich mich noch einmal um und warf einen letzten Blick in dieses Zimmer.

Clara lag in den Armen meines Vaters, auf dessen Schulter sie ihr Haupt ruhen ließ. Eine himmlische Ruhe malte sich auf ihrem reinen Antlitze, welches in diesem Augenblicke einen fast überirdischen Ausdruck hatte. Sie war ohnmächtig geworden.

Mein Vater hielt in dem einen Arme die sinkende Gestalt meiner Schwester, während er in der andern freien Hand ungeduldig hinter sich an der Wand nach der Klingelschnur umher tastete.

Dabei waren seine Augen mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Liebe und Besorgniß auf das Gesicht geheftet, dessen heitere Ruhe zu seinen eignen verstörten Zügen einen so auffälligen Gegensatz bildete.

Eine Minute lang sah ich sie so, ehe ich die Thür hinter mir schloß. Einen Augenblick später hatte ich das Haus verlassen.

Von diesem Tage an bin ich nicht wieder dahin zurückgekehrt; von diesem Tage an habe ich meinen Vater nicht wieder gesehen.


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