Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Die Heirath im Omnibus - Zweiter Band - Zweites Kapitel
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Die Heirat im Omnibus



Zweites Kapitel.

Der erste Vorfall, welcher die ruhige Gleichförmigkeit des Lebens in der Nordvilla unterbrach, war folgender:

Eines Abends, als ich in den Salon trat, fand ich hier nicht Mistreß Sherwim sondern zu meinem großen Aerger ihren Gatten, der sich für diesen Abend hier festsetzen zu wollen schien. Er schien in einiger Aufregung zu sein, und die ersten Worte, mit welchen er mich anredete, waren:

»Denken Sie sich nur —— Mr. Mannion ist wider da! Er ist wenigstens zwei Tage eher zurückgekommen, als ich ihn erwartete.«

Zunächst fühlte ich mich versucht zu fragen, wer Mr. Mannion sei und in welcher Beziehung seine Rückkunft meine Person interessiren könne; beinahe in demselben Augenblicke aber besann ich mich, daß Mr. Mannion’s Name schon bei meiner ersten Unterredung mit Mr. Sherwin erwähnt worden war. Gleichzeitig versuchte ich mir das Portrait zurückzurufen, welches man mir von ihm entworfen.

Man hatte mir ihn als Mr. Sherwin’s Geschästsführer oder Buchhalter und als einen Mann von etwa vierzig Jahren geschildert, welcher einen hohen Grad von Bildung besäße und Margarethen bei der Fortsetzung der in dem Pensionat begonnenen Studien an die Hand gegangen sei.

Mehr wußte ich über ihn nicht, und meine Neugier trieb mich auch nicht, aus Mr. Sherwins Munde mehr zu erfahren.

Margarethe und ich setzten uns wie gewöhnlich an den Tisch und nahmen unsere aufgeschlagenen Bücher zur Hand. Ich bemerkte etwas Lebhaftes und Aufgeregtes in dem Empfange, den sie mir angedeihen ließ. Als wir anfingen, zu lesen, gab sie alle Minuten Beweise von auffallender Zerstreutheit, und mehrmals drehte sie sich nach der Thür herum. Mr. Sherwin ging fortwährend im Zimmer auf und ab, und blieb ein einziges Mal stehen, um mir mitzuteilen, daß Mr. Mannion noch denselben Abend ihn besuchen würde und daß er nichts mir Unangenehmes zu thun hoffe, wenn er mich einem Manne vorstelle, der ganz wie ein Mitglied der Familie betrachtet und mir wegen seiner literarischen Bildung ganz gewiß gefallen werde.

Ich fragte mich im Stillen, was für ein ganz außerordentlicher Mann dieser Mr. Mannion sein müsse, daß seine Ankunft in dem Hause seines Prinzipals eine solche Sensation hervorrief. Ich flüsterte Margarethen leise einige Worte hierüber zu; sie begnügte sich jedoch, auf ein wenig verlegene Weise zu lächeln und antwortete Nichts.

Endlich ließ der Ton der Klinge! sich vernehmen. Margarethe zuckte ein wenig zusammen. Mr. Sherwin setzte sich und suchte eine würdevolle Haltung anzunehmen. Die Thür öffnete sich und Mr. Mannion trat ein.

Mr. Sherwin empfing seinen Buchhalter, indem er in seinen Worten die Autorität des Herrn affectirte; aber sein Ton und seine Manieren standen mit dieser studirten Sprache in Widerspruch. Margarethe erhob sich rasch und setzte sich auf nicht weniger schnelle Weise wieder, während Mr. Mannion ihr ehrerbietig die Hand reichte und die gewöhnlichen Fragen der Höflichkeit an sie richtete. Hierauf ward er mir vorgestellt, während Margarethe hinauf in das Zimmer ihrer Mutter ging, um sie herunterzuholen.

Während ihrer Abwesenheit konnte ich meine Aufmerksamkeit ganz nach Belieben auf diesen Mr. Mannion richten. Ich empfand, indem ich ihn ansah, ein Gefühl von Neugier, gemischt mit einem Interesse, welches ich mir anfangs kaum zu erklären vermochte.

Wenn außerordentliche Regelmäßigkeit der Züge für sich allein hinreicht, um die Schönheit eines männlichen Gesichts auszumachen, so war Mr. Sherwin’s Buchhalter sicherlich einer der schönsten Männer, die ich jemals gesehen. Abgesehen von dem Kopfe, der hinten wie vorn ein wenig zu breit war, zeigte sein ganzer Wuchs die vollkommenste Symmetrie.

Der obere Theil des Kopfes war kahl, glatt und massiv wie Marmor. Seine hohe Stirn und seine schmalen Augenbrauen besaßen ebenfalls die Festigkeit und Unbeweglichkeit des Marmors, während sie auch nicht weniger kalt zu sein schienen. Ausgenommen wenn er sprach, waren die feingeschnittenen Lippen gewöhnlich fest geschlossen und so ruhig und unbeweglich, als wenn der Hauch des Lebens nicht zwischen ihnen aus- und einginge. Ohne diese kahle Stirn aber und ohne das ergrauende Haar, welches sich an seinem Hinterhaupte und zu beiden Seiten des Kopfes zeigte, wäre es unmöglich gewesen, nach seinem Aeußern auf sein Alter zu schließen, ohne sich wenigstens um zehn Jahre zu irren.

Von dieser Art war die äußere Erscheinung Mr. Mannion's; aber dabei entdeckte ich auf seinem Gesichte keinen Ausdruck und in seinen Zügen keinen Abglanz der unsterblichen Seele.

Niemals hatte ich ein Gesicht gesehen, welches so sehr wie das seine aller physiognomischen Conjecturen spottete. Es sagte Nichts von seinen Gedanken, wenn er sprach, Nichts von seinem moralischen Charakter, wenn er schwieg. Seine hellen durchsichtigen grauen Augen waren den Bemühungen des Beobachters, ihn zu durchschauen, nicht förderlich. Sie bewahrten unabänderlich einen festen, geradeausgehenden Blick, der für Margarethen ganz genau derselbe war wie für mich, und für Mr. Sherwin derselbe wie für dessen Gattin, mochte er nun plaudern oder schweigen, mochte er von gleichgültigen oder von ernsten Dingen sprechen.

Wer war er? Wovon lebte er? Seinen Namen, seinen Beruf zu nennen, wäre eine sehr ungenügende Antwort aus diese Frage gewesen. War seine Natur so kalt, daß sie durch Nichts in Bewegung gesetzt werden konnte? Oder hatte eine gewaltige Leidenschaft das Leben in ihm so vollständig vernichtet, daß nur diese todte Hülle übrig geblieben war?

Hier öffnete sich ein weites Feld für Muthmaßungen Es war aus den bloßen Anblick hin unmöglich zu bestimmen, ob er ein kaltes oder feuriges Temperament hatte, und ob seine Intelligenz sich der Beobachtung oder dem Nachdenken zuneigte. Man hatte in ihm ein undurchdringliches, alles Ausdrucks entkleidetes Gesicht vor sich, ohne daß es deshalb Nichts sagend gewesen wäre —— ein lebendiges Räthsel, welches weder mit den Augen noch mit dem Verstande gelöst werden konnte —— eine Außenseite, die Etwas verbarg —- aber war es Tugend oder Laster?

Sein durchaus schwarzes Costüm erhöhete noch diesen Ausdruck von Verschlossenheit und Undurchdringlichkeit.

Was seinen Wuchs betraf, so war derselbe mehr als Mittelstatur. Nur durch seine Manieren schien er Etwas für die Beobachtung Anderer zu liefern. In Rücksicht auf den Posten, den er bekleidete, verrieth seine Haltung, so discret sie auch war, einen Mann, der nicht an seinem rechten Platze war. Er besaß jene vollkommene und ruhige Ungezwungenheit eines Mannes vom besten Tone. Er bewahrte seine elegante höfliche Haltung, ohne ein einziges Mal Dünkelhaftigteit zu verfallen. Seine Sprache war bestimmt und präcis wie seine Geberde, ohne daß er deswegen anmaßend oder dreist erschien.

Ehe ich noch fünf Minuten in seiner Gesellschaft zugebracht, war ich überzeugt, daß er von seinem eigentlichen socialen Standpuncte auf den, welchen er jetzt einnahm, herab gestiegen war.

Als er mir vorgestellt ward, verneigte er sich, ohne ein Wort zu sprechen. Wenn er mit Mr. Sherwin sprach, war seine Stimme beinahe eben so monoton als sein Gesicht, besaß aber dabei entschiedenen Wohlklang. Er sprach besonnen, ruhig und langsam, aber ohne, wie so viele Leute, die dies thun, gewisse Worte mit besonderem Nachdrucke hervorzuheben und ohne im Bezug auf die Wahl der Ausdrücke lange unschlüssig zu sein.

Als Mistreß Sherwin eingetreten war, begann ich diese in ihrem Benehmen gegen den Buchhalter ihres Gatten zu beobachten Als er sich ihr näherte und ihr einen Stuhl bot, konnte sie ein leichtes krampfhaftes Zusammenfahren nicht verbergen. Als er sich nach ihrer Gesundheit erkundigte, antwortete sie ihm, ohne ihn ein einziges Mal anzusehen. Ihre Augen blieben vielmehr während dieser ganzen Zeit auf Margarethen und auf mich mit einem Ausdrucke von Schwermuth und Trauer geheftet, der seit jenem Tage oft wieder in meiner Erinnerung aufgetaucht ist. In Gegenwart ihres Gatten schien die arme Frau stets mehr oder weniger in Furcht zu sein; vor Mr. Mannion aber war sie geradezu wie von eisigem Erstarren ergriffen.

Mit Einem Worte, schon bei dieser ersten Unterredung, während welcher ich Muße hatte, diesen sogenannten Buchhalter in der Nordvilla zu beobachten, war ich überzeugt, daß er hier der Herr sei; aber ein Herr, der sich auf gemessene und discrete Weise zu benehmen wußte. Er stellte sich die Aufgabe, Nichts von dieser Ueberzeugung durchblicken zu lassen; aber die Wahrheit offenbarte sich durch die Blicke und die Manieren seines Prinzipals und der Familie desselben, jetzt, wo er an einem und demselben Tische mit ihm saß. Die Augen Margarethens befragten die seinigen weit öfter als die ihrer Eltern; aber Mr. Mannion beobachtete gegen sie durchaus nicht dasselbe Verfahren, denn er sah sie nur an, wenn die gewöhnliche Höflichkeit es durchaus verlangte.

Wenn mir Jemand vorhergesagt hätte, daß ich meine gewöhnlichen Abendbeschäftigungen mit meiner jungen Gattin aussetzen würde, um den Mann, der eben die Ursache dieser Unterbrechung war —— noch dazu Mr. Sherwins Buchhalter! —— besser zu beobachten, so würde ich eine solche Voraussetzung verlacht haben.

Aber dennoch war dem so. Unsere Bücher lagen auf dem Tische unbeachtet von mir, vielleicht auch unbeachtet von Margarethen, und zwar bloß um Mr. Mannion's willen.

Die Conversation spottete, wenigstens während dieses ersten Beisammenseins, meiner Neugier eben so vollständig als sein Gesicht. Ich bemühete mich, ihn zum Sprechen zu bringen. Er antwortete mir —— und dies war Alles —— in den anständigsten und ehrerbietigsten Redensarten, und drückte sich auf sehr verständliche, aber dabei auf sehr lakonische Weise aus.

Nachdem Mr. Sherwin ihm ein Langes und Breites über die Speculation vorgeschwatzt, weßwegen er ihn nach Lyon geschickt, um einen Einkauf von Seidenwaaren zu machen, richtete er im Bezug auf Frankreich und die Franzosen einige Fragen an ihn, die augenscheinlich von der 1ächer1ichsten Unkenntniß dieses Landes und seiner Bewohner eingegeben wurden.

Mr. Mannion berichtigte seine Irrthümer, erlaubte sich aber Nichts weiter. Es lag dabei in seiner Stimme nicht der mindeste sarkastische Ton, und sein Blick widerlegte den Verdacht heimlichen Spottes.

Wenn wir unter uns sprachen, nahm er nicht Theil an der Conversation, sondern wartete ruhig und ohne seinen Platz zu verlassen, bis eine fernerweite Frage direct an ihn gerichtet würde. Es tauchte nun ein unklarer Argwohn auf, der mir selbst in der Zeit, wo ich seinen Charakter zu studiren suchte, als Zielpunct diente, und oft drehete ich mich rasch nach ihm herum, um zu sehen, ob er mich ansähe; aber niemals ertappte ich ihn dabei.

Seine so wenig lebhaften grauen Augen waren weder auf mich noch auf Margarethen geheftet, sondern am häufigsten auf Mistreß Sherwin, die aber diesen Blick niemals auszuhalten vermochte.

Nachdem er ein wenig über eine halbe Stunde geblieben, erhob er sich, um wieder fortzugehen. Während Mr. Sherwin sich vergebens bemühete, ihn zu bestimmen, noch länger zu bleiben, lenkte ich meine Schritte nach dem runden Tische am andern Ende des Zimmers, auf welchem das Buch lag, in welchem Margarethe und ich uns vorgenommen hatten, diesen Abend zu lesen.

Ich stand an diesem Tische, als Mr. Mannion auf mich zukam, um Abschied von mir zu nehmen.

Sein Blick heftete sich auf das Buch, welches ich in der Hand« hielt, und er sagte mir in einem Tone, der zu leise war, um an dem andern Ende des Zimmers gehört werden zu können:

»Ich will nicht fürchten, daß ich Sie heute Abend in Ihren Beschäftigungen gestört habe, Sir. Mr. Sherwin, welcher überzeugt ist von dem Interesse, welches ich nothwendig an Allem nehme, was die Familie eines Prinzipals betrifft, dem ich seit so langen Jahren diene, hat mich im Vertrauen —- und ich weiß, welche Verschwiegenheit mir dieses Vertrauen zur Pflicht macht ——- von Ihrer Vermählung mit seiner Tochter und von den eigenthümlichen Umständen unterrichtet, unter welchen diese Heirath geschlossen worden ist. Ich hoffe, daß es mir gestattet sein wird, Sir, dieser jungen Dame zu der Veränderung ihres Standes und zu den neuen Quellen intellectueller Freuden, welche Sie ihr erschließen werden, Glück zu wünschen.«

Er verneigte sich und zeigte mit dem Finger aus das Buch, welches ich mittlerweile auf den Tisch gelegt hatte.

»Ich glaube, Mr. Mannion,« sagte ich, »daß ich Ihnen viel Dank für den Beginn und die Leitung der Studien schuldig bin, auf welche Sie, wie ich vermuthe, eben anspielten.«

»Ich bin stets bemüht gewesen, Sir, mich meinem Prinzipale hier wie überall, wo ich ihm habe dienen« können, nützlich zu machen.«

Er verneigte sich abermals, indem er diese Worte sprach, und verließ dann den Salon, während Mr. Sherwin ihm folgte und in dem Nebenzimmer noch einige Worte mit ihm sprach.

Was hatte er zu mir gesagt? bloß einige höfliche in sehr ehrerbietigem Tone gesprochene Worte.

Diesen wenigen Worten ward weder durch eine besondere Betonung noch durch einen Blick eine hervortretende Bedeutung gegeben. Vielleicht hatte er, indem er sie sprach, nur noch ein wenig mehr Phlegma und Ruhe gezeigt, als ich bis jetzt an ihm bemerkt; aber dies war Alles.«

Dennoch aber begann ich in dem Augenblicke, wo er mir den Rücken wendete, über seine Worte nachzudenken, als ob sie einen verborgenen Sinn enthielten, der mir anfänglich entgangen sei, und mir so viel als möglich seine Stimme und seine Geberde wieder zu Vergegenwärtigen, um dadurch zur Entdeckung des wirklichen Sinnes geleitet zu werden. Ich fühlte in mir eine lebhafte Neugier im Bezug auf diesen Mann erwachen. Es war, wie ich so eben gefunden, unmöglich, seinen Charakter an irgend einem Zeichen, sei es nun in der Physiognomie, sei es in der Conversation, zu erkennen.

Ich befragte Margarethen hierübet. Sie konnte mir auch nicht viel mehr sagen, als ich schon wußte. Er war stets gefällig gewesen; er hatte ihr eine Menge Dienste zu leisten gewußt; er war ein gewandter Mann, der eine Conversation lange im Gange zu erhalten verstand, wenn er sonst wollte, und er hatte sie im Studium der Sprachen und der fremden Literaturen in Einem Monate mehr Fortschritte machen lassen, als sie im Pensionat innerhalb eines ganzen Jahres gemacht hatte.

Während sie mir dies sagte, achtete ich kaum auf den mürrischen Ton ihrer Worte und auf die Hast, mit der sie ihre Bücher und ihre Arbeit auf dem Tische zurechtlegte.

Mistreß Sherwin zog meine Aufmerksamkeit noch mehr auf sich. Ich war überrascht, zu sehen, wie ihr Körper, sobald Margarethe sprach, sich vorwärts bog und wie ihre Augen sich auf ihre Tochter hefteten, und zwar mit einem Grade von Energie, den man der sonst so schwachen und passiven Frau nicht zugetraut hätte.

Ich dachte eben daran, sie ebenfalls über Mr. Mannion zu befragen; in diesem Augenblicke aber trat Mr. Sherwin in das Zimmer, und nun suchte ich mir durch diesen mehr Auskunft zu verschaffen.

»Ja, ja,« rief Mr.Sherwin, indem er sich mit triumphirender Miene die Hände rieb, »ich wußte wohl, daß Mannison Ihnen gefallen würde. Ich hatte es Ihnen wohl gesagt. Sie werden sich erinnern, daß ich es Ihnen; schon vor seinem Besuche sagte. Er ist ein interessanter Mann, ein sehr interessanter Mann, nicht wahr?«

»Ich kann weiter Nichts behaupten, als daß ich in meinem ganzen Leben noch kein Gesicht gesehen habe, welches die entfernteste Aehnlichkeit mit dem seinigen hätte. Ihr Buchhalter, Mr. Sherwin, ist ein lebendiges Räthsel welches ich nicht lösen kann. Margarethe wird mir, fürchte ich, dabei auch nicht sehr förderlich sein können. Als Sie eintraten, stand ich eben im Begriffe, zu Mistreß Sherwin meine Zuflucht zu nehmen, um vielleicht von dieser ein wenig Beistand zu erlangen.«

»O, thun Sie. das nicht, denn Sie würden sich in Ihrer Erwartung täuschen. Meine Frau scheint sich in seiner Gesellschaft nicht sehr wohl zu fühlen, und wenn ich erwäge, wie sie sich gegen ihn benimmt, so wundere ich mich, daß er so höflich gegen sie sein kann.«

»Das mag sein; aber können denn Sie selbst, Mr. Sherwin, meine Neugier im Bezug aus diesen Mann befriedigen?«

»Ich kann Ihnen sagen, daß es in ganz London kein Handelshaus gibt, weiches einen solchen Buchhalter und Disponenten besitzt, wie dieser ist. Er ist mein Factotum, meine —— meine rechte Hand, mit Einem Worte, und auch meine Linke Hand, so viel Dienste leistet er mir. Er versteht meine Art, Geschäfte zu machen, ausgezeichnet und ist im Abschließen eines Handels unübertrefflich. Er würde schon wegen der Art und Weise, auf welche er die jüngeren Commis zu schulen weiß, so viel Gold werth sein als er schwer ist. Die armen Teufel! Sie scheinen nicht zu wissen, wie er es macht, aber er besitzt eine ganz besondere Manier, sie mit seinem kalten Auge anzusehen, vor welchen sie sich, glaube ich, mehr fürchten als vor Deportation und Galgen. Sie können mir auf mein Ehrenwort glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß er, seitdem er bei mir ist, nicht einen einzigen Tag krank gewesen ist und auch nicht ein einziges Versehen begangen hat. Stets mit Ruhe, Festigteit und Pünktlichkeit zu Werke gehend, ist er in der Arbeit uuverwüstlich. Und wie dienstfertig und gefällig ist er auch außerhalb des Geschäfts! Ich brauche bloß zu ihm« zu sagen: »Mangarethen ist aus dem Pensionat wieder da —— sie hat Ferien,« oder: »Wir haben uns vorgenommen, Margarethen die Hälfte des Jahres zu Hause zu behalten —— was ist zu thun, damit sie nicht der Frucht ihrer Lectionen verlustig gehe; denn ich kann weder eine Gouvernante bezahlen —— ein schlechtes Unterrichstssystem ist das der Gouvernanten —— noch sie länger in der Pension lassen,« und sofort entreißt sich Mannion seinen Büchern und seinem stillen Kamine, an welchem er seine Abende zuzubringen pflegt. O, es ist Etwas, denke ich, für einen Mann von seinem Alter, ohne weitere Entschädigung den Lehrer zu machen, und zwar einen Lehrer von erster Qualität. Das nenne ich einen Juwel besitzen, und dennoch und trotz der vielen Jahre, die er bei uns verlebt hat, ist meine Frau fortwährend mürrisch und unfreundlich gegen ihn. Ich möchte wissen, was für einen Grund sie dazu hätte -— ich bin überzeugt, sie wird keinen angeben können.«

»»Wissen Sie denn, wo er beschäftigt gewesen ist, ehe er zu Ihnen kam?«

»Ah, da haben Sie den delikaten Punct berührt. In dieser Beziehung haben Sie allerdings Recht, wenn Sie von Räthsel und Geheimniß sprechen. Sie wollen wissen, was er gemacht hat, ehe er mit mir in Verbindung trat? Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Er kam zu mir mit der Empfehlung und Bürgschaft eines hochgestellten Mannes, dessen ehrenwerther Charakter offenkundig ist wie der Tag. Ich hatte in meinem Geschäfte einen Posten vacant und nahm ihn auf-Probe. Sehr bald erkannte ich seinen Werth. Ich verstehe mich ein wenig darauf, meine Leute zu beurtheilen. Ehe ich mich an dieses ganz eigenthümliche Gesicht, welches er den Leuten zeigt, an seine gemesssenen Manieren und Alles dergleichen gewöhnen konnte, empfand ich den lebhaften Wunsch, mehr von ihm zu wissen. Zu diesem Zwecke wendete ich mich an seinen Freund, an denselben, der mir ihn empfohlen. Dieser konnte mir aber auch keine Aufklärung geben und ich erhielt von ihm bloß die Zusicherung, daß sein Schützling das vollständigste Vertrauen verdiene. Eines Tages ging ich nun geraden Weges auf das Ziel los und befragte Mannion selbst über seine Vergangenheit. Er antwortete mir, er habe Gründe, Niemanden von seinen Familienangelegenheiten zu unterrichten; weiter erfuhr ich Nichts. Sie kennen nun seine Art und Weise, und er hat seit dieser Zeit unausgesetzt verstanden, mir im Bezug auf so1che Fragen den Mund zu verschließen. Ich wollte nicht gern mich der Gefahr aussehen, den besten Gehilfen, den man haben kann, zu verlieren, daß ich weiter in ihn dränge, um seine Geheimnisse zu erfahren. Mit den Geschäften und mit mir hatten diese ja Nichts zu schaffen, und deshalb that ich meiner Neugier Zwang an. Ich weiß demnach über ihn weiter Nichts, als daß er meine rechte Hand und der ehrlichste Männ ist, der jemals Gottes Erdboden betreten hat. Und wenn er der verkappte Geoßmogul wäre, so würde ich mich weiter nicht darum kümmern. Vielleicht haben Sie, mein lieber Freund, das große Talent, zu erforschen, was er verbergen will; ich meines Theils verzichte darauf.«

»Nach Dem, was Sie mir da gesagt haben, Mr. Sherwin, glaube ich, daß ich auch nicht mehr Glück haben würde als Sie.«.

»Hm! das weiß ich weiter nicht. Es giebt mitunter sonderbare Möglichkeiten, wissen Sie. Jedenfalls werden Sie sehr oft Gelegenheit haben, ihn zu sehen. Er wohnt hier ganz in der Nähe und wir sehen ihn beinahe alle Abende. Wir haben unsere festbestimmten Stunden, um von Geschäften zu sprechen, und außerdem kommt er auch oft hier herauf, um ein wenig mit mir zu plaudern. Wir betrachten ihn als Familienglied; begegnen Sie auch ihm als einem solchen und sehen Sie zu, daß er sich gegen Sie so vertraulich als möglich ausspricht. Ja, ja, liebe Frau, schmolle wie Du willst. Ich sage nochmals, er gehört zur Familie. Früher oder später werde ich ihn zu meinen! Affocie machen, und dann wirst Du Dich an ihn gewöhnen müssen, magst Du wollen oder nicht.»

»Noch eine einzige Frage: Ist er verheirathet?«

»Nein, er ist Garcon —— ein alter solider Junggeselle. Die Damen würden sich umsonst bemühen, ihn in ihr Netz locken zu wollen.«

Während dieses ganzen Zwiegesprächs hatte Mistreß Sherwin uns mit der ernstesten und aufmerksamsten Miene betrachtet, die ich bis jetzt an ihr bemerkt. Sogar ihre krankhafte Erschlaffung schien der lebendigsten Neugier zu weichen, sobald von Mr.Mannion die Rede war. Vielleicht vertrat hier ihre Antipathie die Stelle eines Reizmittels.

Margarethe hatte ihren Stuhl in den Hintergrund des Zimmers geschoben, während ihr Vater sprach, und der Gegenstand des von uns begonnenen Gesprächs schien sie sehr wenig zu interessiren, Die erste Pause, welche in« unserem Gespräche eintrat, benutzte sie, um sich über Kopfweh zu beklagen, und bat um Erlaubniß, sich auf ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen.

Sobald sie uns verlassen hatte, schickte ich mich ebenfalls zum Fortgehen an; denn augenscheinlich hatte Mr. Sherwin mir über seinen Geschäftsführer Nichts mehr zusagen, was der Mühe verlohnt hätte, gehört zu werden.

Auf meinem Nachhausewege beschäftigte Mr. Mannion meine Gedanken beinahe ausschließlich.

Der Gedanke, alles Mögliche aufzubieten, um das Geheimniß zu durchdringen, in welches dieser Mann sich hüllte, hatte für meine Phantasie etwas Verlockendes, und ich fühlte, daß eine rastlose Neugier mich bei meinen Nachforschungen anspornen würde. Ich beschloß, mich über diesen Gegenstand im Stillen mit Margarethen zu besprechen und sie zu meiner Verbündeten zu machen, die meine Pläne fördern könnte.

Wenn wirklich ein Roman sich an Mr. Mannion’s Vergangenheit knüpfte, wenn dieses seltsame Gesicht wirklich ein versiegeltes Buch war, welches eine geheime Geschichte enthielt, wie stolz und froh mußten dann Margarethe und ich sein, wenn es uns gelang, dieses Räthsel zu lösen!

Als ich den nächstfolgenden Morgen erwachte, überredete ich mich nur mit Mühe, daß dieser Commis oder Buchhalter meine Neugierde in so hohem Grade interessirt hatte, daß meiner jungen Gattin während des vorigen Abends die Hälfte meiner Gedanken geraubt worden war.

Und dennoch äußerte er das erste Mal, wo ich ihn wieder sah, genau denselben Eindruck auf mich.


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